Einleitung.
Eugen Rolfes translation
Die Topik des Aristoteles enthält die Lehre von den einen Wahrscheinlichkeitsschluß begründenden allgemeinen Sätzen, nach denen sie auch benannt ist: topica sc. scripta, von Topos, Ort. Das Wort Topos hat Aristoteles zu einem Kunstausdruck geprägt, den er vorzüglich in dieser Schrift und in der mit ihr verwandten Rhetorik gebraucht. In der Rhetorik steht auch eine Erklärung des Wortes. „Wir reden“, so heißt es da, „von Örtern mit Beziehung auf die dialektischen und rhetorischen Schlüsse. Die Örter sind es, die sich gleichmäßig auf rechtliche, physikalische, politische und viele andere der Art nach verschiedene Gegenstände beziehen, wie es z. B. von dem Orte aus dem Mehr und Minder gilt: aus ihm kann man, ebensogut wie über Gegenstände des Rechts, über andere, die der Physik oder jeder beliebigen Wissenschaft angehören, einen Syllogismus oder ein Enthymema gewinnen, obwohl diese Disziplinen der Art nach voneinander verschieden sind. Dagegen sind eigentümliche Prinzipien alle die, die zur Zahl der in eine einzelne Art und Gattung einschlagenden Sätze gehören, wie es z. B. in der Physik Sätze gibt, die keinen Schluß und kein Enthymem in ethischen, und umgekehrt in der Ethik Sätze, die keines von beiden in physikalischen Fragen gestatten“ a. a. O. I, 2. 1358a 10 ff. Einen leisen Hinweis auf die Ähnlichkeit zwischen einem allgemein verwendbaren Vordersatz und einem Ort im gewöhnlichen, räumlichen Sinne des Wortes, und somit eine Art Rechtfertigung des Ausdrucks, kann man in einer späteren Stelle der Rhetorik finden: „Mir ist Element dasselbe wie Ort. Element und Ort sind etwas, worunter viele Enthymeme fallen“ II, 26. 1403a 18. Theophrast bestimmt nach Alexander den Begriff Topos „als ein Prinzip oder Element, das uns, wenn wir gehörig aufmerken, die Prinzipien oder Vordersätze zu einem beliebigen Schluß verschafft“, Scholia in Arist. 252a 12.
Die Topik als Wissenschaft oder Kunst wird von Aristoteles selbst im ersten Satze der Schrift als „eine Methode“ bezeichnet, „nach der wir über jedes aufgestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen Schlüsse bilden können“.
Es erhebt sich aber an dieser Stelle sogleich die schwierige Frage, in welchem Sinne Aristoteles die Vordersätze der Topik wahrscheinlich nennt.
Silvester Maurus meint in der Paraphrase zur Topik in der Einleitung, die begründenden Sätze, deren man sich beim Disputieren bedient, seien darum wahrscheinlich, weil die Dialektik oder Topik die Kunst sei, sowohl für als wider eine These zu disputieren. Man könne aber nur in einem der beiden Fälle die Wahrheit für sich haben, weil Kontradiktorisches nicht gleichzeitig wahr sein kann, und da Falsches nicht aus Wahrem begründet werden könne, so bleibe hierfür nur Wahrscheinliches übrig.
Allein das möchte ein Irrtum und ein greifbarer Widerspruch mit der Lehre des Aristoteles sein.
Nachdem er im Proömium B. 1 K. 1. Absatz 4 gesagt hat, ein dialektischer Schluß entspringe aus wahrscheinlichen Sätzen, erklärt er im Absatz 5 ausdrücklich, wahrscheinliche Sätze seien die, die allen oder den meisten oder den Weisen wahr zu sein schienen. Das sind aber doch wohl nicht die Sätze, mit denen man alles mögliche beweist. Wenn der Dialektiker pro und contra disputiert, ist es ja auch nicht derselbe Satz, bei dem er das tut, sondern je ein anderer: er tritt eben bald als Defendent, bald als Opponent auf. B. 8, K. 9 wird eigens gefordert, man solle sich keiner unwahrscheinlichen Sätze annehmen. Auch scheinen die in der Topik vorkommenden Örter sämtlich nicht von der Art zu sein, daß man sie als bloß wahrscheinliche oder gar als Sätze von einiger, aber geringer Wahrscheinlichkeit im mathematischen Sinne bezeichnen könnte: sie sind so ziemlich alle wahr.
Aber wenn das zutrifft, so entsteht eine neue Schwierigkeit: sind die Topen des Aristoteles wahre Sätze, warum nennt er sie dann wahrscheinlich?
Man wird antworten müssen, daß nicht sowohl die fraglichen Sätze an sich bloß wahrscheinlich sind, sondern vielmehr die Berechtigung, sie auf die gegebenen Fälle anzuwenden. Das liegt ja auch bereits in der Stelle der Rhetorik I, 2. Die fraglichen Sätze sind allgemeiner Natur und darum dem jeweiligen behandelten Gegenstand mehr äußerlich. Es kann also vorkommen, daß sie auf ihn nicht passen, und dementsprechend stoßen wir in der Topik selbst nicht selten auf Fälle, für die Aristoteles dies erklärt.
Dementsprechend läßt er auch öfter, wo er in einer einzelnen Disziplin einen Satz beweisen will, dialektische oder wahrscheinliche Gründe vorausgehen, um dann, eben der wissenschaftlichen Gewißheit wegen, der Sache eigentümliche folgen zu lassen. Als ein Beispiel diene die Stelle Physik III, 5. 204b ff. Es handelt sich dort um die Frage, ob ein unendlich großer Körper möglich ist. Für das Nein führt er zuerst zwei „logische“ Gründe an: 1. den Begriff des Körpers: er ist das durch Flächen Begrenzte, die Begrenztheit schließt aber die Unendlichkeit aus; 2. den Begriff der Zahl: sie ist durch die Einheit gemessene Vielheit, unendlich viele Teile aber, wie sie der unendlich große Körper haben müßte, lassen sich nicht messen oder zählen; denn das Unendliche läßt sich nicht durchschreiten.
In diesem Sinne also schließt die Topik aus Wahrscheinlichem und auf Wahrscheinliches. Darum nimmt sie auch die Mitte ein zwischen der Lehre vom wissenschaftlichen und vom Trugschlusse: jene ergeben Wahres, diese Falsches, die dialektischen Schlüsse Wahrscheinliches.
Die Topik wird von Aristoteles Dialektik genannt. Mit diesem Sprachgebrauch weicht er von Plato ab, der vielfach unter Dialektik die Metaphysik als Abschluß der Philosophie versteht. Das Wort kommt von διαλέγεσθαι, disputieren, und zeigt an, daß die Dialektik die Kunst ist, eine Aufstellung einem Gegner gegenüber zu verteidigen oder anzugreifen.
Der Nutzen der Dialektik wird von Aristoteles B. 1 K. 2 kurz angegeben. Sie macht uns geübt, einen vorgelegten Gegenstand logisch und methodisch zu behandeln; die Vertrautheit mit ihr befähigt uns, die geltenden Meinungen sachkundig zu beurteilen und selbständig und mit Erfolg entweder zu vertreten oder anzugreifen. Auch ist sie für die philosophischen Wissenschaften nützlich, da durch die Vergleichung des Für und Wider die Wahrheit an den Tag kommt. Eine Beleuchtung dieses Gedankens sind die Aporien, die im dritten Buche der Metaphysik aufgestellt und erörtert werden, um dann in den späteren Büchern die streng wissenschaftliche Untersuchung der Probleme folgen zu lassen. Endlich klärt sie uns über die Prinzipien der Einzelwissenschaften auf, die von diesen selbst vorausgesetzt, nicht bewiesen werden. So gewinnt Aristoteles Metaphysik I, 2 den Begriff der Philosophie, indem er die Meinungen der Menge über den Weisen zu Rate zieht. Es sind also überall annehmbare, angesehene, wahrscheinliche Meinungen, ἔνδοξα, an deren Hand die Wahrheit ermittelt wird.
Der Plan und der Inhalt der acht Bücher der Topik ist folgender.
Das erste Buch ist mehr einleitend und allgemein. Zuerst werden die Dialektik und ihr Objekt, die dialektischen Schlüsse, ihrem Begriffe nach bestimmt und wird der Nutzen der Dialektik beschrieben. Dann folgt gleich im 4. K. eine Einteilung der dialektischen Schlüsse, die für die ganze nachfolgende Erörterung grundlegend ist: es handelt sich bei ihnen entweder um ein Akzidenz oder die Gattung oder das Proprium oder die Definition. Diese vier Genera stehen sich aber nicht so gegenüber, daß nicht die Topen für das eine vielfach auch für das andere gälten. Solche Sätze heißen nach der Rhetorik, im Gegensatz zu den Topen im engeren Sinne, auch εἴδη, Formen. Vom zwölften bis zum achtzehnten, dem letzten Kapitel dieses Buches werden vier Werkzeuge oder allgemein verwendbare Mittel zur Gewinnung von probablen Sätzen besprochen. Sie sind eine Zusammenfassung dessen, was die Topen im einzelnen sind. Das erste ist die Auswahl der den Schluß begründenden Sätze, das zweite die Unterscheidung der verschiedenen Bedeutung der Wörter, das dritte die Auffindung des Unterschiedes der Dinge und das vierte die Auffindung ihrer Übereinstimmung.
Das zweite und dritte Buch bringt die Topen für das Akzidenz, das vierte die für die Gattung, das fünfte die für das Proprium und das sechste und siebente die für die Definition.
Das achte Buch unterweist in der Technik des Disputierens und lehrt die Ordnung, in der man fragen und wie man überhaupt die ganze Erörterung gestalten soll, um nicht nur die gewollte Begründung oder Widerlegung tatsächlich zustande zu bringen, sondern auch den Widerpart klar zu überzeugen oder doch außer Gefecht zu setzen.
Wir haben diese Schrift wieder nach der großen Bekkerschen Ausgabe des Aristoteles von 1831 übersetzt. Der Text der Topik ist sehr gut erhalten. Hier und da haben wir bei der Übertragung ein oder mehrere Worte in Klammern beigefügt, um die Anmerkungen nicht zu sehr anschwellen zu lassen. Von diesen haben wir die eine und die andere, die uns in der Folge nicht mehr haltbar schien und durch spätere Anmerkungen richtiggestellt wird, gleichwohl in der ursprünglichen Fassung stehen lassen, um gleichsam vor den Augen des Lesers schrittweise in das mühevolle Verständnis dieser Schrift einzudringen und ihm an diesem Beispiel zu zeigen, wie die bessere Auffassung von der Meinung des Aristoteles oft erst durch die Fortsetzung der Untersuchung gewonnen wird. Von deutschen Übersetzungen haben wir die von Zell, Bender und von Kirchmann eingesehen und zu Rate gezogen. Die vortreffliche lateinische Übertragung von Julius Pacius haben wir verglichen. Die lateinische Paraphrase von Silvester Maurus S. J.: Aristotelis opera omnia Paris 1885 Lethielleux hat uns dankenswerte Dienste geleistet, wenn wir dem Autor auch nicht in allem glaubten beipflichten zu können.
Köln-Lindenthal, den 9. November 1918.
Rolfes.