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Topik

Siebentes Buch.

Eugen Rolfes translation

Erstes Kapitel.

Ob aber etwas mit etwas identisch oder von ihm verschieden ist — identisch meinen wir im eigentlichsten Sinne dieses Wortes gemäß unseren obigen Unterscheidungen, also im Sinne von der Zahl nach identisch —, muß man nach den Beugungsformen, dem Begriffsverwandten und dem Entgegengesetzten beurteilen⁠[132]⁠.

Denn wenn Gerechtigkeit identisch ist mit Mut, so ist es auch der Gerechte mit dem Mutigen und gerechterweise mit mutigerweise⁠[133]⁠.

Ebenso ist es mit dem Entgegengesetzten. Ist das und das identisch, so ist es auch sein Gegensatz, und zwar nach jeder von den angegebenen Arten der Entgegensetzung: es trägt nichts aus, ob man das diesem oder das diesem Entgegengesetzte nimmt, da es identisch ist.

152aEndlich muß man die Identität beurteilen nach dem Hervorbringenden und Zerstörenden, dem Werden und Vergehen und überhaupt nach allem, was zu beiden das gleiche Verhältnis hat: bei allem, was schlechthin identisch ist, ist es auch sein Werden und Vergehen, was es hervorbringt und was es zerstört.

Man muß auch sehen, ob, falls von zwei Dingen eines irgend etwas am meisten sein soll, auch von dem anderen in ebendieser Hinsicht das Prädikat „am meisten“ gilt, wie z. B. Xenokrates die Identität des glückseligen und des tugendhaften Lebens damit beweist, daß die tugendhafte und die glückselige Lebensweise von allen am wünschenswertesten ist; denn das Wünschenswerteste und Größte ist eins; und gleiches läßt sich von anderen Dingen dieser Art sagen. Es muß aber jedes von beidem, was das Größte und Wünschenswerteste sein soll, der Zahl nach eins sein, sonst ist seine Identität nicht bewiesen. Wenn die Peloponnesier und Lazedämonier die tapfersten unter den Griechen sind, so sind die Peloponnesier nicht notwendig mit den Lazedämoniern identisch, da der Zahl nach nicht nur ein Peloponnesier oder Lazedämonier ist.

Dagegen ist wohl notwendig, daß der eine von dem anderen umfaßt wird, wie es die Lazedämonier von den Peloponnesiern werden. Sonst wären, wenn die einen von den anderen nicht umfaßt werden, folgerichtig die einen jedesmal besser als die anderen. Die Peloponnesier müßten besser sein als die Lazedämonier, wenn die einen von den anderen nicht umfaßt werden. Denn sie sind besser als alle übrigen. Ebenso müßten aber auch die Lazedämonier besser als die Peloponnesier sein. Sind doch auch sie besser als alle übrigen. Mithin werden die einen je besser als die anderen. Es muß also offenbar das, was je das Beste und Größte sein soll, der Zahl nach eines sein, wenn seine Identität bewiesen werden soll.

Daher führt auch Xenokrates keinen Beweis. Das glückselige und ebenso das tugendhafte Leben ist nicht der Zahl nach eines. Mithin braucht es deshalb, weil beide am wünschenswertesten sind, nicht identisch, wohl aber muß eins dem anderen untergeordnet sein⁠[134]⁠.

Wiederum muß man sehen, ob mit dem, womit das eine identisch ist, es auch das andere ist. Sind nicht beide mit demselben Dritten identisch, so sind sie es offenbar auch nicht untereinander.

Auch muß man nach dem urteilen, was dem vorgeblich Identischen mitfolgt, und nach dem, dem es selbst mitfolgt. Was dem einen mitfolgt, muß es auch dem anderen, und wenn das eine davon mitfolgt, muß auch das andere mitfolgen. Steht eines dieser Stücke nicht in dem erforderlichen Einklang, so ist offenbar keine Identität vorhanden.

Man muß auch sehen, ob beides nicht in derselben Gattung der Kategorie steht, sondern das eine ein Qualitatives, das andere ein Quantitatives oder Relatives besagt, 152bwiederum, ob die Gattung beider nicht dieselbe, sondern das eine etwas Gutes, das andere etwas Schlechtes, oder das eine eine Tugend, das andere eine Wissenschaft ist, oder, ob die Gattung zwar dieselbe ist, aber nicht dieselben Differenzen von beidem ausgesagt werden, sondern von dem einen, daß es eine theoretische, von dem anderen, daß es eine praktische Wissenschaft ist. Ebenso hat man es in den anderen Fällen zu halten.

Ferner kann man nach dem Mehr urteilen, wenn das eine das Mehr zuläßt, das andere nicht, oder wenn zwar beides es zuläßt, aber nicht gleichzeitig. So begehrt z. B. wer mehr liebt, nicht mehr nach der Beiwohnung, und somit ist Liebe und Begierde nach der Beiwohnung nicht dasselbe⁠[135]⁠.

Ferner nach dem Zusatze, wenn jedes von beidem, zu demselben Dritten hinzugesetzt, das Ganze nicht identisch macht.

Oder wenn von jedem dasselbe weggenommen wird und dann der Rest verschieden ist, wenn man z. B. behauptet, das Doppelte vom Halben und das Vielfache vom Halben sei dasselbe. Es müßte, wenn man von jedem dasselbe wegnimmt, der Rest dasselbe bedeuten, tut es aber nicht, weil doppelt und vielfach nicht dasselbe bedeutet.

Man muß aber nicht bloß sehen, ob unmittelbar vermöge der These etwas Unmögliches herauskommt, sondern auch, ob eine Unmöglichkeit kraft einer Hypothese vorliegen kann, wie es denen begegnet, nach denen das Leere und das mit Luft Gefüllte identisch sein soll. Denn es ist klar, daß die Leere beim Entweichen der Luft nicht minder, sondern noch mehr vorhanden ist, während es kein mit Luft Gefülltes mehr gibt. Mithin wird bei einer bestimmten Voraussetzung, sei sie falsch oder richtig, darauf kommt es nicht an, das eine der beiden Dinge aufgehoben, das andere nicht, und mithin sind sie nicht identisch.

Überhaupt muß man alles ins Auge fassen, was wie immer von jedem der beiden ausgesagt wird und wovon beide ausgesagt werden, und muß sehen, ob irgendwo die Übereinstimmung fehlt. Was von dem einen, muß von dem anderen, und wovon das eine, von dem muß auch das andere ausgesagt werden.

Da ferner das Wort identisch mehr als eine Bedeutung hat, muß man sehen, ob etwas noch nach einer anderen Weise identisch ist. Das der Art oder der Gattung nach Identische muß nicht oder kann nicht der Zahl nach identisch sein. Wir untersuchen aber eben, ob etwas in diesem Sinne identisch ist oder nicht⁠[136]⁠.

Endlich muß man sehen, ob das eine ohne das andere sein kann; in diesem Falle ist keine Identität vorhanden.

Zweites Kapitel.

Der Örter, die sich auf das Identische beziehen, wären hiernach so viele anzuführen. Man sieht aber aus dem Gesagten, daß alle widerlegenden Örter, die sich so auf das Identische beziehen, auch für die Definition verwendbar sind, wie oben bemerkt worden ist. Denn wenn das Wort und der Begriff nicht dasselbe bedeutet, 153aso kann der angegebene Begriff keine Definition sein. Dagegen ist hier kein begründender Ort für die Definition verwendbar. Denn der Nachweis der Identität des unter den Begriff und des unter die Benennung Fallenden genügt nicht, um den Begriff als Definition zu erhärten, vielmehr muß diese auch sonst alles Vorgeschriebene enthalten.

Drittes Kapitel.

Was also die Widerlegung einer Definition angeht, so muß man sie immer auf diese Weise und mit diesen Mitteln zu erzielen suchen.

Handelt es sich aber darum, eine Definition als richtig zu erhärten, so muß man zunächst wissen, daß beim Disputieren⁠[137] niemand oder nur wenige eine Definition schlußweise gewinnen, sondern alle die betreffenden Bestimmungen als Prinzip ansprechen. So verfahren beispielsweise alle, die es mit Geometrie, Algebra und anderen solchen Disziplinen zu tun haben.

Sodann bemerke man, daß es einer anderen Disziplin (den zweiten Analytiken) obliegt, genauer anzugeben, was eine Definition ist und wie man definieren soll, und es gegenwärtig genug sein muß mit dem, was der augenblickliche Zweck erheischt, und so sei denn nur so viel gesagt, daß man auf die Definition und das Was des Dinges durch Schluß kommen kann. Denn wenn eine Definition eine das Wesen des Dinges anzeigende Rede und das in der Definition Ausgesagte auch das einzige ist, was bei der Beschreibung seines Wesens ausgesagt werden darf, und wenn wieder bei der Beschreibung seines Wesens die Gattung und die Arten von ihm ausgesagt werden — nun, so muß offenbar, wenn man in die Aussage über das Wesen des Dinges dieses, Gattung und Art aufnimmt, die dieses enthaltende Rede die Definition sein; eine andere Definition kann es nicht geben, da nichts anderes bei der Beschreibung des Wesens eines Dinges ausgesagt wird.

Man sieht also, daß man auf die Definition durch Schluß kommen kann. Aus welchen Örtern man sie aber gewinnen muß, ist anderswo (im 2. Buch der 2. Analytiken) genauer auseinandergesetzt worden, für die vorliegende Untersuchung sind aber dieselben Gesichtspunkte verwendbar.

Man muß nämlich zu diesem Ende sein Augenmerk auf das Konträre und die anderen Gegensätze richten und dabei sowohl die ganzen Begriffe als ihre einzelnen Teile in Betracht nehmen. Denn wenn dem entgegengesetzten Ding der entgegengesetzte Begriff entspricht, so muß auch dem vorliegenden Ding der aufgestellte Begriff entsprechen. Da das Konträre aber mehrere Verknüpfungen zuläßt, so muß man dasjenige Konträre nehmen, dem die konträre Definition am meisten konträr erscheint.

So muß man also Umschau halten, wenn es sich um die Definition im ganzen handelt. Fragt es sich aber um ihre Teile, so ist folgendes zu beachten.

Zuerst überzeugt man sich, daß die angegebene Gattung richtig angegeben ist. Steht das konträre Ding in der konträren Gattung und steht das vorliegende Ding nicht in derselben Gattung, so muß es offenbar in der konträren stehen, da Konträres notwendig in derselben oder in konträren Gattungen steht⁠[138]⁠.

Aber auch bei den Differenzen fordern wir, daß konträre von Konträrem ausgesagt werden, wie z. B. von weiß und schwarz. Das eine hat die Eigenschaft, das Gesicht zu zerstreuen, 153bdas andere es zu sammeln⁠[139]⁠. Wenn mithin von dem konträren konträre, so müssen von dem vorliegenden Ding die angegebenen Differenzen ausgesagt werden. Da mithin beides, Gattung und Differenzen, richtig angegeben sind, so muß die Definition die angegebene sein.

Oder ist es etwa nicht notwendig, daß von Konträrem konträre Differenzen ausgesagt werden, wenn es nicht in derselben Gattung steht, und kann bei Dingen konträrer Gattungen gar wohl dieselbe Differenz beiden beigelegt werden, wie z. B. der Gerechtigkeit und der Ungerechtigkeit? Ist doch das eine ein Vorzug, das andere ein Mangel der Seele, so daß das Merkmal „der Seele“ beiden beigelegt wird, da es auch einen Vorzug und einen Mangel des Leibes gibt. Indessen gilt immerhin das, daß Konträres entweder konträre Differenzen hat oder dieselben. Wird mithin von seinem konträren Gegenteil die konträre Differenz ausgesagt, von dem fraglichen Ding selbst aber nicht, so muß offenbar die angegebene von ihm selbst ausgesagt werden.

Und überhaupt wird, da die Definition aus Gattung und Differenzen besteht, wenn die Definition seines konträren Gegenteils einleuchtend ist, auch die Definition des fraglichen Dinges einleuchtend sein. Denn da das Konträre in derselben oder der konträr entgegengesetzten Gattung steht und ebenso von dem Konträren entweder konträre oder identische Differenzen ausgesagt werden, so muß offenbar von dem vorliegenden Ding entweder dieselbe Gattung wie von seinem konträren Gegenteil ausgesagt werden, während die Differenzen, seien es alle, oder nur einige im Gegensatz zu den übrigen, identischen, konträr sind, oder es sind umgekehrt die Differenzen identisch und die Gattungen konträr, oder es sind beide, Gattungen und Differenzen, konträr. Denn identisch können nicht beide sein, da sonst dieselbe Definition für konträre Gegenstände gelten würde.

Ferner muß man die Definitionen aus den Beugungsformen und dem Begriffsverwandten begründen. Denn notwendig folgen die Gattungen den Gattungen und die Definitionen den Definitionen. Ist beispielsweise die Vergessenheit ein Verlust des Wissens, so muß auch das Vergessen ein Verlieren des Wissens und das Vergessenhaben ein Verlorenhaben des Wissens sein. Wird somit hiervon das eine zugegeben, so muß auch das andere zugegeben werden. Ebenso ist auch, wenn der Untergang eine Auflösung der Substanz ist, das Untergehen ein Aufgelöstwerden der Substanz und das „untergangbewirkenderweise“ (τὸ φθαρτικῶς) ein „auflösenderweise“ (διαλυτικῶς). Und ist das den Untergang Bewirkende ein die Auflösung der Substanz Bewirkendes, so ist auch der Untergang eine Auflösung der Substanz. Und ebenso ist es überall sonst. Nimmt man mithin nur eines, sei es was es wolle, so wird auch alles andere zugegeben.

Man muß sie aber auch aus dem begründen, was in demselben Verhältnis zueinander steht. Bewirkt das Gesunde die Gesundheit, so wird auch das Bekömmliche das Wohlbefinden und das Nützliche das Gute bewirken. 154aJedes dieser Dinge steht in demselben Verhältnis zu seinem besonderen Zweck; hat somit eines von ihnen zur Definition, daß es die Realisierung seines Zweckes bewirkt, so muß diese Definition auch für jedes von den übrigen gelten.

Ferner muß man sie aus dem Mehr und dem Ebenso begründen, soweit es durch die Vergleichung von zweien mit zweien geschehen kann. Ist z. B. das mehr Definition von dem als das von dem, und ist das Definition, was weniger Definition ist, so ist es auch das, was es mehr ist. Und ist das ebenso Definition von dem wie das von dem, so ist, wenn das eine Definition des einen ist, auch das andere Definition des anderen.

Werden aber entweder eine Definition mit zwei Objekten oder zwei Definitionen mit einem Objekt verglichen, so ist der Gesichtspunkt des Mehr zu nichts nütze. Denn es kann weder eine Definition für zwei Objekte, noch zwei Definitionen für dasselbe Objekt geben.

Viertes Kapitel.

Unter allen Örtern sind aber auch nebst den jetzt genannten die aus dem Sinnverwandten und die aus den Beugungsformen die brauchbarsten. Daher muß man diese auch ganz besonders im Gedächtnis und zur Hand haben, da sie für sehr viele Probleme verwandt werden können. Auch merke man sich von den anderen Örtern besonders die gemeinsten, da diese von den anderen die besten Dienste leisten, z. B. daß man das Einzelne ins Auge fassen und sehen muß, ob der Begriff darauf paßt, da die Art nur gleichartige Dinge umfaßt. Dieses Verfahren ist, wie schon gesagt, den Vertretern der Ideenlehre gegenüber angezeigt⁠[140]⁠. Auch prüfe man, ob der Gegner ein Wort metaphorisch gebraucht oder etwas, als wäre es verschieden, von sich selbst aussagt. Und wenn sonst noch ein Ort gemein und zweckdienlich ist, so verwende man ihn ebenso.

Fünftes Kapitel.

Daß es aber schwerer ist, eine Definition zu begründen als sie zu widerlegen, soll die Betrachtung zeigen, die wir hiernach folgen lassen.

Es handelt sich bei den Sätzen, die die Richtigkeit einer aufgestellten Definition als Schluß ergeben, entweder darum, sie selbst zu finden, oder sie durch Fragen von der anderen Seite herauszuholen. Mag aber nun das eine oder das andere der Fall sein, so ist dieses nicht leicht. Wir meinen die Sätze, daß von den in dem angegebenen Begriff enthaltenen Stücken das eine die Gattung, das andere die Differenz ist, und daß in der Beschreibung des Wesens die Gattung und die Differenzen angegeben werden. Ohne diese Sätze ist es unmöglich, durch Schluß auf die Definition zu kommen. Denn wenn noch etwas anderes in der Beschreibung des Wesens angegeben wird, so weiß man nicht, ob für das betreffende Ding die aufgestellte Definition gilt oder eine andere, da die Definition eine Rede ist, die das Wesen anzeigt.

Daß aber das eine schwerer ist als das andere, erhellt auch aus folgendem. Es ist leichter, einen Schluß zu ziehen als viele. Nun ist es aber für die Widerlegung genug, wenn man gegen je einen Punkt disputiert — denn haben wir auch nur einen Punkt, gleichviel welchen, widerlegt, so haben wir den Begriff umgestoßen —, bei der Konstruktion dagegen muß man sich darüber einig werden, daß alles zusammen geleistet ist, was zur Definition gehört.

Ferner muß man bei der Konstruktion für den Schluß in seiner Allgemeinheit aufkommen, Denn die Definition muß von allem gelten, 154bwas den betreffenden Namen hat, und das muß sich überdies noch umkehren lassen, wenn die gegebene Definition dem Gegenstande eigentümlich sein soll. Dagegen bedarf es bei der Widerlegung nicht mehr des Nachweises einer allgemeinen Geltung. Es genügt zu beweisen, daß sich der Begriff bei einem unter dem Namen befaßten Ding nicht erfüllt. Und wenn man auch allgemein widerlegen müßte, so wäre doch auch so bei der Widerlegung keine Umkehrung notwendig. Denn für eine allgemeine Widerlegung genügt es, wenn man zeigt, daß der Begriff von etwas, wovon der Name ausgesagt wird, nicht ausgesagt wird, und es bedarf keiner Umkehrung, um zu zeigen, daß der Name von etwas ausgesagt wird, wovon der Begriff nicht ausgesagt wird.

Auch wird eine Definition umgestoßen, wenn sie auf alles paßt, was unter das Wort fällt, aber nicht darauf allein.

Ebenso verhält es sich mit dem Proprium und der Gattung: bei beiden ist es leichter zu widerlegen als zu begründen. Das erhellt für das Proprium aus dem Gesagten. Das Proprium wird meistens in einem Komplex von Worten angegeben, und so läßt die Widerlegung sich erbringen, indem man nur eines umstößt, während für die Begründung alles durch Schluß erhärtet werden muß. Man kann aber füglich auch fast alles andere für das Proprium geltend machen, was für die Definition gilt. Denn einmal muß man bei der Begründung zeigen, daß es allem zukommt, was unter die Benennung fällt, während es für die Widerlegung genügt, zu zeigen, daß es einem nicht zukommt, und dann wird es auch in dem Falle widerlegt, daß es allem zukommt, aber nicht ihm allein, wie wir bei der Definition sagen.

Bei der Gattung aber erhellt es daraus, daß man auf eine Weise begründen muß, indem man zeigt, daß sie allem zukommt, während für die Widerlegung zwei Wege offen stehen: man mag zeigen, daß sie keinem zukommt, und man mag zeigen, daß sie einem nicht zukommt, so hat man beide Male die zu Anfang aufgestellte Gattung umgestoßen. Auch genügt es bei der Begründung nicht, zu zeigen, daß sie einem Gegenstand zukommt, man muß auch zeigen, daß sie ihm als Gattung zukommt; bei der Widerlegung aber reicht es hin, zu zeigen, daß sie einem nicht zukommt oder nicht allem zukommt. Es scheint daher, daß, wie überhaupt das Zerstören leichter ist als das Aufbauen, so auch hier das Widerlegen leichter ist als das Begründen.

Was das Akzidenz angeht, so ist das allgemeine Akzidenz leichter zu widerlegen als zu begründen; denn bei der Begründung muß man zeigen, daß es allem zukommt, bei der Widerlegung aber genügt es zu zeigen, daß es einem nicht zukommt. Ein partikuläres Akzidenz ist umgekehrt leichter zu begründen als zu widerlegen. Denn für die Behauptung genügt es zu zeigen, daß es einem, zur Widerlegung aber muß man zeigen, 155adaß es keinem zukommt.

Es ist aber auch klar, daß von allen diesen vier Stücken die Definition am leichtesten zu widerlegen ist. Für sie sind die Daten am zahlreichsten, da vieles angegeben worden ist, was man bei ihr beobachten muß. Je mehr dessen aber ist, desto schneller wird ein Schluß aus ihm gewonnen. Denn es ist natürlich, daß bei vielen Bestimmungen eher ein Fehler vorkommt als bei wenigen.

Weiterhin kann man eine Definition auch mit Hilfe der anderen Stücke angreifen. Denn mag der aufgestellte Begriff dem Gegenstand nicht eigentümlich, oder die vorgebliche Gattung nicht die rechte sein, oder mag etwas, was in dem Begriffe enthalten ist, dem Gegenstand nicht zukommen, so wird damit die Definition umgestoßen. Zu einem Angriff auf die anderen Stücke aber kann man weder die aus den Definitionen sich darbietenden Gründe, noch sonst alles verwenden; denn nur die Bestimmungen für das Akzidenz gelten gemeinsam für alle genannten Stücke. Ein jedes von ihnen muß dem Gegenstande zukommen, kommt ihm aber die Gattung nicht als Proprium zu, so ist sie damit noch nicht aufgehoben. Ebenso braucht ihm das Proprium nicht als Gattung und das Akzidenz nicht als Gattung oder Proprium zuzukommen, sondern es braucht ihm nur zuzukommen. Mithin kann man aus dem einen keine Schlüsse gegen das andere ziehen außer bei der Definition.

Man sieht also, daß die Definition von allen Stücken am leichtesten umzustoßen und am schwersten zu begründen ist. Denn einmal muß man hier alles nachweisen, was zu den anderen Stücken erforderlich ist — daß dem Ding zukommt was man angegeben hat, daß die Gattung die behauptete, der Begriff ihm eigentümlich ist —, und dann noch außerdem, daß der Begriff das Wesen anzeigt. Das alles will aber auch gut getan sein.

Von den anderen Stücken kommt der Definition in dieser Beziehung das Proprium am nächsten. Es umzustoßen ist leichter, weil es meistens durch viele Worte ausgedrückt wird, es aber zu begründen ist sehr schwer, da man einerseits zu diesem Ende vieles beibringen und begründen muß, und es anderseits dem Ding allein zukommt und mit ihm konvertibel ist.

Am leichtesten von allen zu begründen ist das Akzidenz. Bei den anderen Stücken muß man nicht nur zeigen, daß sie dem Ding zukommen, sondern auch, daß sie ihm so zukommen, bei dem Akzidenz aber reicht es hin, zu zeigen, daß es ihm zukommt. Aber es zu widerlegen ist am schwersten, weil es die wenigsten Daten enthält. Es besagt nichts weiter, als daß es dem Ding zukommt, über die Weise, wie das sein soll, sagt es nichts. Mithin lassen sich die anderen Stücke auf zweierlei Weise umstoßen: durch den Nachweis, daß sie dem Subjekt nicht zukommen, und durch den Nachweis, daß sie ihm nicht so zukommen, das Akzidenz aber läßt sich nur durch den Nachweis umstoßen, daß es ihm nicht zukommt.

So sind denn die Örter, die uns helfen können, in bezug auf jedes Problem dialektische Schlüsse zu ziehen, annähernd vollständig aufgezählt⁠[141]⁠.

Notes in this chapter

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