Note 137 — Siebentes Buch.
Eugen Rolfes translation
Im Griechischen heißt es: οὐδεὶς τῶν διαλεγομένων, niemand von denen, die disputieren. Disputieren hat eine weitere Bedeutung, so daß darin auch die Mitteilung des Lehrvortrages einbegriffen ist. Das beweist das angeführte Beispiel der Mathematiker. Entsprechend heißt es auch in den sophistischen Widerlegungen im Anfang des 2. Kapitels: „Es gibt vier Arten von Beweisführungen beim Disputieren, τῶν ἐν τῷ διαλέγεσθαι λόγων: die didaskalischen, die dialektischen, die peirastischen und die eristischen Beweisführungen. Didaskalische Beweisführungen sind solche, die aus den jeder Wissenschaft eigentümlichen Prinzipien und nicht aus den Meinungen des Antwortenden schließen — denn der Lernende muß glauben —, dialektische solche, die aus dem Wahrscheinlichen auf die ἀντίφασις (den Widerspruch, das kontradiktorische Gegenteil oder auch das Für und Wider) schließen usw.“ Diese Bestimmung über die dialektische Beweisführung dürfte uns auch einen endgültigen Aufschluß darüber verschaffen, ob wirklich, wie wir in der ersten Anmerkung zum ersten Buche vermuten, der Angriff oder die Widerlegung die Hauptaufgabe des Dialektikers und somit auch die Anweisung dazu das Hauptanliegen der Topik ist. Wir möchten es bezweifeln. Widerspruch bedeutet für und wider im Sinne der Bejahung und Verneinung. Demnach ist die Dialektik die Kunst, aus wahrscheinlichen Prämissen auf einen Satz oder seine Kontradiktion zu schließen. — Somit dürfte auch die Vermutung, die wir in der gedachten Anmerkung zu B. 1 über den Sinn der Bezeichnung „sophistische Widerlegungen“ ausgesprochen haben, kaum haltbar sein. Die Bezeichnung steht nicht darum für sophistische Schlüsse, als ob in der Dialektik die Widerlegung die Hauptsache wäre, sondern sie bedeutet: sophistisches Verfahren bei der Begründung des Für und Wider. Demnach möchten wir auch jene Vermutung zurücknehmen, die wir in der Einleitung zur Übersetzung der sophistischen Widerlegungen geäußert haben, als ob die sophistischen Widerlegungen als solche vom Standpunkte der philosophischen Wahrheit bezeichnet würden, gegen die die Trugschlüsse der Sophisten angehen.