Zweiter Teil
E. K. Rahsin translation
I.
Am zweiten Tage nach den sonderbaren Vorgängen in der Wohnung Nastassja Filippownas reiste Fürst Myschkin nach Moskau, um dort alles Nötige in seiner Erbschaftsangelegenheit persönlich zu erledigen. Es wurde damals davon gesprochen, daß er auch noch aus anderen Gründen seine Abreise so beschleunigt hätte; doch können wir sowohl darüber, wie auch über alle weiteren Erlebnisse des Fürsten in Moskau oder überhaupt während seiner Abwesenheit aus Petersburg nicht sehr viel Näheres berichten. Der Fürst war ganze sechs Monate von Petersburg abwesend, und in dieser Zeit konnten selbst diejenigen, die Ursache hatten, sich für sein Schicksal zu interessieren, fast nichts über seinen Verbleib oder sein Tun und Treiben erfahren. Freilich drangen diesem und jenem bisweilen Gerüchte zu Ohren, doch waren dieselben größtenteils recht seltsamer Art und widersprachen sich außerdem in der Regel sehr. Das größte Interesse hatte man für den Fürsten im Hause des Generals Jepantschin, wo der Fürst, nebenbei bemerkt, nicht einmal seinen Abschiedsbesuch gemacht hatte. Der General war mit ihm allerdings noch zwei- oder dreimal zusammengekommen, und sie hatten beide sogar sehr ernst miteinander gesprochen, doch hatte der General in der Familie kein Wort davon verlauten lassen. Und überhaupt wurde bei Jepantschins in der ersten Zeit, d. h. fast einen ganzen Monat nach der Abreise des Fürsten, nicht von diesem gesprochen. Nur die Generalin Lisaweta Prokofjewna äußerte ganz zu Anfang, daß sie sich im Fürsten „grausam getäuscht“ habe. Einige Tage später bemerkte sie, doch jetzt ohne den Fürsten zu nennen, sondern nur so im allgemeinen, ihr „auffallendster Charakterzug“ sei, daß sie sich beständig in den Menschen täusche. Und schließlich, nach Verlauf weiterer zehn Tage, schloß sie, durch die Töchter aus irgendeinem Anlaß in gereizte Stimmung versetzt, bereits in Form einer Sentenz: „Genug der Täuschungen! Jetzt werden keine mehr vorkommen.“ Das war ihr letztes Wort. Doch auch ganz abgesehen davon, herrschte in ihrem Hause, was hier nicht verschwiegen werden darf, ziemlich lange eine recht unangenehme Stimmung: es lag eine gewisse Spannung, eine Unzufriedenheit in der Luft, alle waren mißvergnügt und gereizt. Der General hatte namentlich im Dienst viel zu tun; er war vom Morgen bis zum Abend beschäftigt, so daß ihn seine Angehörigen kaum zu Gesicht bekamen. Was aber die drei Mädchen betrifft, so ließ keine von ihnen in Gegenwart der Eltern ein Wort über den Fürsten fallen, und vielleicht hatten sie auch unter sich nur wenig über ihn gesprochen – vielleicht aber auch nicht einmal das. Sie waren stolze, hochmütige Mädchen, die auch dann, wenn sie unter sich waren, nicht ihre innersten Gefühle aussprachen.
Jedenfalls hätte aus oben Erwähntem ein Beobachter, falls ein solcher vorhanden gewesen wäre, mit ziemlicher Sicherheit das Richtige erraten können: daß der Fürst doch einen gewissen Eindruck im Hause des Generals hinterlassen hatte, obschon er nur ein einziges Mal und auch dann nur kurze Zeit dort gewesen war. Möglicherweise war dieser Eindruck nur durch die etwas seltsamen Erlebnisse des Fürsten zu erklären ... Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls hatte er Eindruck gemacht.
Die Gerüchte, die sich anfänglich über ihn in der Stadt verbreitet hatten, gerieten alsbald in Vergessenheit. Es war eine Zeitlang in gewissen Kreisen von irgendeinem recht beschränkten jungen Fürsten – den Namen wußte niemand genau – gesprochen worden, von einem, man kann wohl sagen, halben Idioten, der ein großes Vermögen geerbt und eine zugereiste Französin, eine bekannte Kankantänzerin aus dem Château des Fleurs zu Paris, geheiratet habe. Dann hatte es eine Zeitlang geheißen, das Vermögen hätte ein gewisser General geerbt, und die Französin habe ein ungeheuer reicher russischer Kaufmann geheiratet, der auf seiner Hochzeit einzig aus Prahlsucht für runde siebenhunderttausend Rubel Lotterielose an einer Stearinkerze verbrannt hätte, natürlich in der Trunkenheit. Doch alle diese Gerüchte verstummten sehr bald infolge der Veränderung der Verhältnisse selbst. So war zum Beispiel die ganze Rotte Rogoshins mit diesem selbst an der Spitze nach Moskau gereist – eine Woche nach der Orgie in Jekateringoff, an der auch Nastassja Filippowna teilgenommen hatte –, und somit waren gerade diejenigen, die am ehesten etwas hätten erzählen können, nicht mehr in Petersburg. Nur einige wenige, die wirklich Grund hatten, sich für die Angelegenheit zu interessieren, erfuhren dann später, daß Nastassja Filippowna schon am nächsten Tage nach jener Orgie geflüchtet und verschwunden und daß man ihr jetzt endlich auf die Spur gekommen sei: wie verlautet, hatte sie sich nach Moskau begeben, und als nun Rogoshin gleichfalls nach Moskau fuhr, brachte man den Zweck seiner Reise unwillkürlich mit Nastassja Filippowna in Zusammenhang.
Desgleichen wurde auch über Gawrila Ardalionytsch Iwolgin, der in seinem Kreise durchaus nicht so unbekannt war, gar mancherlei gesprochen; doch auch hier trat bald ein Umstand ein, der alle für ihn nachteiligen Gerüchte vergessen ließ: er erkrankte und konnte daher nicht nur nicht in der Gesellschaft erscheinen, sondern auch nicht einmal die Arbeit, die er als Angestellter der Aktiengesellschaft zu verrichten hatte, fortsetzen. Nachdem er einen Monat das Bett gehütet, setzte er seine Bekannten dadurch in Erstaunen, daß er diese Anstellung aufgab, worauf seinen Posten ein anderer erhielt. Auch beim General Jepantschin erschien er nicht mehr, so daß ihn auch dort ein anderer ersetzen mußte. Seine Feinde hätten nun annehmen können, daß er sich schäme, sich auch nur auf der Straße zu zeigen, doch das war nicht der Fall. Er fühlte sich in der Tat nicht wohl, war fast zum Hypochonder geworden, war nachdenklich und sehr reizbar. Warwara Ardalionowna verheiratete sich noch im Laufe des Winters mit Iwan Petrowitsch Ptizyn. Alle Bekannten der Familie behaupteten, daß sie ihn einzig deshalb genommen habe, weil Ganjä seine frühere Arbeit nicht wieder aufnehmen wollte und daher auch die Familie nicht mehr unterstützen konnte; ja, er bedurfte sogar selbst der Unterstützung und wollte gepflegt sein.
Bei der Gelegenheit sei noch nebenbei bemerkt, daß im Hause des Generals Jepantschin auch Gawrila Ardalionytschs mit keinem Wort Erwähnung getan wurde, ganz als hätte es nie einen solchen Menschen in der Welt gegeben. Und doch hatten dort alle Damen bald etwas sehr Bedeutsames über ihn erfahren. Es war das folgendes: Als er in jener Nacht von Nastassja Filippowna zurückgekehrt war, hatte er sich nicht schlafen gelegt, sondern in fieberhafter Ungeduld die Rückkehr des Fürsten erwartet. Der Fürst nun war aus Jekateringoff erst um sechs Uhr morgens zurückgekehrt. Da war Ganjä zu ihm ins Zimmer gegangen und hatte das Geldpaket – die ihm, als er ohnmächtig auf dem Boden lag, von Nastassja Filippowna geschenkten hunderttausend Rubel – vor dem Fürsten auf den Tisch gelegt und ihn mit allem Nachdruck gebeten, bei nächster Gelegenheit dieses Geschenk Nastassja Filippowna zurückzugeben. Als Ganjä beim Fürsten eintrat, war er in feindseliger und verzweifelter Stimmung gewesen, doch, hieß es, waren dann zwischen ihm und dem Fürsten einige Worte gefallen, woran Ganjä noch ganze zwei Stunden bei jenem geblieben war und die ganze Zeit bitterlich geschluchzt hatte. Geschieden waren sie freundlich voneinander.
Und diese Nachricht beruhte auch vollkommen auf Wahrheit. Unverständlich war nur, daß Nachrichten dieser Art sich so schnell verbreiten konnten; so war zum Beispiel der Verlauf der ganzen Abendgesellschaft bei Nastassja Filippowna fast schon am nächsten Tage im Hause des Generals bekannt geworden, und sogar noch mit ziemlich genauen Einzelheiten. Man hätte annehmen können, daß Warwara Ardalionowna, die zum größten Erstaunen Lisaweta Prokofjewnas ganz plötzlich mit den drei jungen Mädchen enge Freundschaft pflegte, diesen alles Nähere erzählt habe. Doch wenn es Warwara Ardalionowna aus irgendeinem Grunde auch nötig erschienen war, mit Jepantschins Freundschaft zu schließen, so würde sie doch niemals ungebeten von ihrem Bruder erzählt haben. Sie war gleichfalls stolz, allerdings in ihrer Art – und obwohl sie jetzt Freundschaft dort anknüpfte, wo ihrem Bruder der Verkehr so gut wie abgesagt worden war. Sie war freilich schon früher mit den Schwestern bekannt gewesen, doch hatte sie dieselben nur wenige Male besucht. Übrigens zeigte sie sich auch jetzt nur selten in ihrem Empfangssalon, und gewöhnlich kam sie über die Hintertreppe, um dann nur eine kurze Zeit bei den jungen Mädchen zu verweilen. Die Generalin war ihr niemals besonders gewogen gewesen, obschon sie Warjäs Mutter sehr achtete. Über Warjäs Besuche ärgerte sie sich und schrieb diese neue Freundschaft ihrer Töchter den Launen „dieser Mädchen“ zu, die „selbst nicht mehr wüßten, was sie ihr noch zum Trotz antun sollten“. Doch ungeachtet ihres Ärgers setzte Warwara Ardalionowna auch nach ihrer Verheiratung mit Ptizyn die Besuche bei den Generalstöchtern fort.
Da erhielt die Generalin eines Tages – es war ungefähr ein Monat nach der Abreise des Fürsten vergangen – von der alten Fürstin Bjelokonskaja, die vor etwa zwei Wochen nach Moskau zu ihrer ältesten, verheirateten Tochter gefahren war, einen Brief, und dieser Brief machte auf die Generalin Jepantschin offenbar einen nicht geringen Eindruck. Zwar teilte sie von seinem Inhalt weder ihren Töchtern, noch ihrem Gemahl Iwan Fedorowitsch etwas mit; doch konnte man aus untrüglichen Anzeichen schließen, daß sie sich durch ihn in merkwürdig gehobener Stimmung befand. Sie knüpfte mit den Töchtern Gespräche über die seltsamsten Dinge an, über Dinge, die, wie man meinen sollte, ganz fern lagen. Allem Anscheine nach hatte sie etwas auf dem Herzen, das sie jedoch vorläufig noch für sich behalten wollte. Am ersten Tage nach dem Empfang des Briefes war sie sogar sehr lieb zu ihren Töchtern, küßte Aglaja und Adelaida und erklärte sich in irgend etwas für schuldig vor ihnen – doch worin gerade, das konnten beide nicht verstehen. Selbst gegen Iwan Fedorowitsch, der jetzt einen Monat in Acht und Bann war, ward sie plötzlich gnädig gestimmt. Versteht sich: schon am nächsten Tage ärgerte sie sich wieder unsäglich über ihre „Sentimentalität“ und fand bereits vor Tisch Zeit und Gelegenheit, sich mit allen von neuem zu überwerfen, doch zum Abend klärte sich der Horizont wieder auf. Diese freundlichere Stimmung hielt sogar eine ganze Woche an, was man eigentlich lange nicht mehr erlebt hatte.
Es vergingen acht Tage, und die Generalin erhielt einen zweiten Brief von der Bjelokonskaja, worauf sie sich dann doch entschloß, ihr Schweigen zu brechen. Nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit hub sie ihre Mitteilung an: daß die „alte Bjelokonskaja“ – sie nannte sie nie Fürstin, wenn sie mit anderen von ihr sprach – ihr äußerst beruhigende Dinge über diesen ... „nun, diesen da, diesen Sonderling, den Fürsten“ mitgeteilt habe. Die alte Dame hatte in Moskau Erkundigungen über ihn eingezogen und, wie sie schrieb, etwas sehr Gutes über ihn erfahren. Schließlich sei auch der Fürst selbst bei ihr erschienen und habe einen fast ungeheuren Eindruck auf sie gemacht. Ferner habe sie ihn eingeladen, sie täglich zwischen eins und zwei zu besuchen, „und jener schleppt sich auch täglich zu ihr hin und ist ihr bis jetzt noch nicht langweilig geworden,“ schloß die Generalin, worauf sie noch kurz hinzufügte, daß der Fürst dank der „alten Bjelokonskaja“ auch in zwei oder drei anderen sehr angesehenen Familien empfangen worden sei. – „Gut wenigstens, daß er nicht nur in seinen vier Wänden hockt und sich nicht wie ein Tölpel vor den Menschen fürchtet.“
Den jungen Mädchen fiel es nach diesen Mitteilungen sogleich auf, daß die Mutter ihnen lange nicht alles gesagt hatte, was die Briefe enthielten. Vielleicht hatten sie bereits viel mehr von anderer Seite erfahren, etwa von Warwara Ardalionowna, die ja doch alles wissen konnte, was Ptizyn wußte. Ptizyn aber wußte höchstwahrscheinlich mehr als alle anderen, und wenn er auch als Geschäftsmann einem jeden gegenüber sehr verschwiegen war, so machte er doch in der Beziehung mit Warjä eine Ausnahme, weshalb sich denn auch die Generalin nicht wenig über deren Besuche ärgerte.
Doch wie dem nun auch sein mochte, jedenfalls war das Eis gebrochen, und in der Familie konnte man wieder von dem Fürsten sprechen: und da zeigte es sich denn nur zu deutlich, einen wie großen Eindruck der Fürst im Hause des Generals hinterlassen hatte. Die Generalin wunderte sich auch nicht wenig über den Eindruck, den ihre Moskauer Nachrichten auf die drei Mädchen machten, und diese wiederum wunderten sich ebenfalls nicht wenig über ihre Mutter, die doch so feierlich erklärt hatte, daß ihr „auffallendster Charakterzug“ das ewige Sichtäuschen in Menschen sei, und die dabei gleichzeitig den Fürsten der Aufmerksamkeit der „allmächtigen“ Fürstin empfahl – wobei nicht zu vergessen war, daß man deren Aufmerksamkeit mit endlosen Reden erkaufen mußte, denn die alte Dame war etwas schwer von Begriff. Doch da nun, wie gesagt, das Eis gebrochen war und ein neuer Wind in der Familie wehte, entschloß sich auch der General, seine Meinung zu äußern, und so zeigte es sich, daß auch er sich in ganz erstaunlicher Weise für den Fürsten interessierte. Was er mitteilte, bezog sich übrigens nur auf die „geschäftliche Seite“ der Angelegenheit. Zur nicht geringen Verwunderung der Gattin und Töchter hatte der General zwei zuverlässige und in ihrer Art einflußreiche Herren in Moskau beauftragt, über den Fürsten und namentlich über Ssalaskin, seinen Rechtsbeistand, Erkundigungen einzuziehen und ihn auch gewissenhaft zu überwachen. Die Erbschaft, „das heißt die Tatsache der Erbschaft“, habe ihre Richtigkeit, doch das Vermögen sei schließlich gar nicht so groß, wie man zuerst angenommen hatte; die Hälfte desselben liege fest; da seien Schulden; da seien weiß Gott was für Prätendenten; und der Fürst selbst verführe trotz aller Ratgeber und Beiräte in einer Weise mit dem Kapital, die bei jedem Geschäftsmann nur ein Kopfschütteln hervorrufen könne. „Ich wünsche ihm selbstverständlich nur das Beste,“ sagte der General, und da jetzt der Bann aufgehoben war, konnte er es sogar „von ganzem Herzen wünschen“; denn „wenn der Junge auch so ... nun ja ... etwas so ist, so ist er es doch wert, daß man ihm Gutes wünscht“. Kurz und gut, der Junge habe aber bei dieser Gelegenheit doch eine große Dummheit begangen: es seien da verschiedene Gläubiger des alten Kaufmanns gekommen, mit ganz ungenügenden Dokumenten, mit Dokumenten, deren Ungültigkeit auf der Hand lag, und manche, die von dem fürstlichen Erben Wind bekommen hatten, seien sogar ohne Dokumente gekommen, und was war geschehen? – der Fürst hatte ihre Forderungen beglichen, trotz aller Vorhaltungen seiner Freunde, die ihm vergeblich versicherten, daß alle diese Leutchen ganz rechtlos wären. Und zwar hätte er ihnen nur deshalb gezahlt, weil einige von ihnen andernfalls ihr tatsächlich geliehnes Geld verloren oder sonstwie „durch Papuschin“ gelitten hätten.
Die Generalin bemerkte hierauf, daß auch die Bjelokonskaja ihr in diesem Sinne schriebe, und das sei natürlich „sehr dumm von ihm, sehr dumm, aber einen Dummen kann man nicht klug machen,“ fügte sie schroff hinzu; doch ihrem Gesicht sah man es an, wie sehr ihr die Handlungsweise dieses „Dummen“ innerlich gefiel. Jedenfalls fiel es dem General plötzlich auf, daß seine Lisaweta Prokofjewna „für diesen Fürsten eine Teilnahme übrighabe, als wäre er ihr leiblicher Sohn“, und daß sie zu Aglaja doch etwas auffallend zärtlich war. Nach Beendigung dieses Gedankenganges und einem nochmaligen prüfenden Blick auf seine Gattin beschloß der General, zeitweilig die Haltung eines vielbeschäftigten Mannes anzunehmen.
Doch diese gute Stimmung sollte wiederum nicht lange dauern. Es vergingen nur kurze zwei Wochen, und plötzlich „schlug das Wetter wieder um“, wie der General bei sich sagte: die Generalin war wieder schlechter Laune und er selbst mußte sich, nachdem er ein paarmal die Schultern in die Höhe gezogen, schließlich doch drein fügen, daß über gewisse Vorgänge und Personen fortan eisiges Schweigen herrschte. Vor zwei Wochen hatte er die kurze und deshalb etwas unklare, doch nichtsdestoweniger glaubwürdige Nachricht erhalten, daß Nastassja Filippowna, die anfangs in Moskau gelebt, und die Rogoshin nach langem Suchen endlich dort gefunden, wieder geflohen und wieder von Rogoshin aufgesucht worden war, zu guter Letzt doch eingewilligt habe, diesen zu heiraten. Das war die erste Nachricht. Und nun, nach kaum vierzehn Tagen, hatte Seine Exzellenz wieder eine Nachricht erhalten, die ihn nicht weniger erregte: Nastassja Filippowna war zum drittenmal geflohen, fast vom Altare fort, und diesmal sollte sie irgendwo in einer Provinz verschwunden sein. Nun aber war plötzlich auch Fürst Myschkin aus Moskau verschwunden, nachdem er alle seine Erbschaftsangelegenheiten Ssalaskin übertragen hatte; „ob nun mit ihr zusammen oder hinter ihr her, das weiß man nicht, doch steht seine Abreise zweifellos mit ihrer Flucht in Zusammenhang,“ schloß der General. Auch die Generalin hatte unangenehme Nachrichten erhalten. So kam es, daß man nach zwei Monaten in Petersburg nichts mehr vom Fürsten wußte, und im Hause des Generals Jepantschin wurde „das Eis des Schweigens“ hinfort nicht mehr gebrochen. Doch Warwara Ardalionowna besuchte immer noch ab und zu die drei jungen Mädchen ...
Um nun mit all diesen Gerüchten, Nachrichten und Stimmungen abzuschließen, sei hier noch erwähnt, daß sich bei Jepantschins zum Frühling hin sehr vieles veränderte, so daß es schließlich nur natürlich war, wenn man den Fürsten, der nichts von sich hören ließ und vielleicht auch sogar selbst vergessen sein wollte, mit der Zeit tatsächlich ganz vergaß. Im Laufe des Winters hatte man sich allmählich entschlossen, im Sommer eine Reise ins Ausland zu machen, das heißt, nur Lisaweta Prokofjewna und die drei Töchter. Der General dagegen hatte keine Zeit für „nutzlose Zerstreuungen“. Der Beschluß war gefaßt worden, weil die drei jungen Mädchen sich eingeredet hatten, daß die Eltern sie nur deshalb nicht ins Ausland bringen wollten, weil sie sie sobald als möglich an den Mann zu bringen wünschten. Vielleicht waren nun die Eltern zur Überzeugung gekommen, daß es ja auch im Auslande Männer gab, und die Reise ins Ausland nicht nur nichts „verderben“, sondern sogar sehr „zustatten“ kommen könnte. Hier muß noch erwähnt werden, daß die einstmals projektierte Heirat zwischen Afanassij Iwanowitsch Tozkij und Alexandra Jepantschin ganz ins Wasser gefallen und es zu einem formellen Antrag seinerseits gar nicht gekommen war. Es hatte sich das ganz von selbst gemacht, ohne viele Worte oder gar Familienszenen. Seit der Abreise des Fürsten war von beiden Seiten nicht mehr davon gesprochen worden, aber wenn die Generalin auch damals schon gesagt hatte, daß es sie nur freue und sie mit beiden Händen ein Kreuz schlage, so war das doch den Winter über mit ein Grund der schlechten Stimmung gewesen, in der sich die Familie befunden. Der General fühlte zwar, daß er selbst daran schuld war, spielte aber trotzdem oder vielmehr gerade deshalb den Stolzen. Ihm tat nur Freund Tozkij leid – „wenn man bedenkt: ein solches Vermögen und dazu ein so gewandter Mensch!“ Doch es dauerte nicht lange, und der General erfuhr, daß „Freund Tozkij“ sich von den Reizen einer vor kurzem in Petersburg eingetroffenen Französin hatte bestricken lassen, einer Marquise und Legitimistin, und daß Freund Tozkij sie baldigst heiraten würde, worauf sie mit ihm nach Paris und von dort nach der Bretagne zu fahren gedächte. „Nun, wenn du dich schon mit Französinnen einläßt, ist es aus mit dir, Freund!“ dachte der General bei sich.
Und so stand es denn fest, daß Jepantschins im Sommer verreisen würden. Doch siehe, plötzlich kam wieder etwas dazwischen, das abermals alle Pläne umwarf und die Reise zur größten Freude des Generals und der Generalin hinausschob.
Vor nicht langer Zeit war in Petersburg ein gewisser Fürst Sch. eingetroffen, ein Moskauer Aristokrat, der sich eines sehr, sehr guten Rufes erfreute. Er war einer jener Leute oder man kann sogar sagen Tatmenschen der „neuen Zeit“, die ehrlich und bescheiden sind, die sich niemals vordrängen, die aufrichtig und bewußt das Nützliche wollen und durchführen, immer arbeiten und sich auch noch durch die seltene und glückliche Eigenschaft auszeichnen, daß sie immer Arbeit finden. Ohne sich um die Zwietracht und die Händel der großredenden Parteien zu kümmern, ohne sich zu überheben oder zu den Ersten zählen zu wollen, faßte der Fürst doch vieles von dem jüngst Geschehenen oder sich noch Vollziehenden in höchst verständiger Weise auf. Er hatte zuerst im Staatsdienst gestanden und sich dann mit den Agrarfragen zu beschäftigen begonnen. Außerdem war er ein geschätzter Mitarbeiter mehrerer gelehrter Verbände. In Gemeinschaft mit einem bekannten Techniker hatte er auf Grund eingehender Untersuchungen einer gerade projektierten, sehr wichtigen Eisenbahnlinie die Baukommission derselben auf verschiedene Fehler im Projekt aufmerksam gemacht und gleichzeitig das Projekt einer mit Rücksicht auf die Ortsverhältnisse weit zweckmäßigeren Linie eingereicht. Er war fünfunddreißig Jahre alt, gehörte zur vornehmsten Gesellschaft und besaß ein „gutes, sicheres Vermögen“, wie der General verlauten ließ, der den Fürsten in einer ziemlich schwierigen Sache beim Grafen, seinem Vorgesetzten, kennen gelernt hatte. Der Fürst machte seinerseits wiederum sehr gern die Bekanntschaft von russischen „Tatmenschen“. Kurzum, der Fürst wurde mit der Familie des Generals bekannt und Adelaida Iwanowna, die mittlere der drei Schwestern, machte einen so großen Eindruck auf ihn, daß er zu Ende des Winters bei den Eltern um ihre Hand anhielt. Und da er sowohl Adelaida Iwanowna wie auch der Generalin sehr gefiel, wurde die Hochzeit auf das Frühjahr festgesetzt. Der General freute sich von Herzen und war in sehr gehobener Stimmung. Selbstverständlich mußte nun die Reise ins Ausland vorläufig aufgeschoben werden.
Freilich hätte die Generalin deshalb immer noch im Sommer oder zu Ende des Sommers auf ein bis zwei Monate mit Alexandra und Aglaja reisen können, allein schon um der Zerstreuung willen: nach der Trauer um den Verlust Adelaidas! Doch da kam wieder etwas dazwischen: gegen Ende des Frühlings führte Fürst Sch. – die Hochzeit war auf die Mitte des Sommers verschoben worden – seinen entfernten Verwandten Jewgenij Pawlowitsch Radomskij bei Jepantschins ein. Es war das ein noch junger Offizier, Flügeladjutant des Zaren, eine auffallend schöne Erscheinung, vornehmer Herkunft, geistreich, glänzend, „modern in jeder Beziehung und unerhört gebildet“, wie es hieß, und zum Überfluß noch enorm reich. In betreff dieses letzten Punktes pflegte der General stets etwas skeptisch zu sein. Er zog Erkundigungen ein, aber das Ergebnis derselben war zufriedenstellend: „Es scheint tatsächlich etwas Wahres daran zu sein, doch, wie gesagt, man muß sich noch vergewissern“, äußerte sich der General. Dieser junge Offizier, dem eine „glänzende Zukunft“ bevorstand, war von der alten Bjelokonskaja in einem Brief aus Moskau in den siebenten Himmel gehoben worden. Nur ein einziger Punkt war dabei etwas kitzliger Art: man sprach von gewissen Verbindungen, von gewissen Siegen und Eroberungen und von unglücklichen Herzen. Nachdem er aber Aglaja erblickt und kennen gelernt hatte, wurde er auffallend seßhaft im Hause Jepantschin. Es war allerdings noch von nichts gesprochen worden, selbst Andeutungen hatte noch niemand gehört, doch den Eltern wurde es trotzdem klar, daß man in diesem Sommer an eine Reise ins Ausland wirklich nicht denken konnte. Aglaja selbst war vielleicht die einzige, die anders dachte.
Alles das geschah kurz vor der abermaligen Ankunft unseres Helden in Petersburg, zu einer Zeit, als dem Anscheine nach bereits alle den armen Fürsten Myschkin vergessen hatten. Wäre er jetzt plötzlich unter seinen Bekannten aufgetaucht, so hätten sie ihn wie einen vom Himmel Herabgefallenen überrascht und verwundert angestarrt. Indes – es muß doch noch eines Faktums Erwähnung getan werden, bevor wir die Einleitung abschließen.
Koljä Iwolgin setzte nach der Abreise des Fürsten sein früheres Leben unverändert fort, d. h. er besuchte das Gymnasium, besuchte seinen Freund Hippolyt, beaufsichtigte den General und half Warjä in der Wirtschaft, indem er gewissermaßen als Laufbursche in ihren Diensten stand. Mit den Mietern war es übrigens bald zu Ende. Ferdyschtschenko verschwand am dritten Tage nach der Orgie in Jekateringoff, und bald war er ganz verschollen; anfangs hatte es noch geheißen, er „trinke dort irgendwo“, aber Genaueres wußte niemand von ihm. Fürst Myschkin fuhr, wie gesagt, nach Moskau, und weitere Pensionäre hatten sie nicht gehabt. Späterhin, als Warjä heiratete, zogen mit ihr auch Nina Alexandrowna und Ganjä zu Ptizyn, der in dem Stadtteil Ismailowskij Polk lebte. Was jedoch den alten verabschiedeten General Iwolgin betrifft, so war ihm etwas sehr Seltsames zugestoßen: er kam nämlich in das Schuldgefängnis. Hineingebracht hatte ihn seine ehemalige „Seelenfreundin“, die Kapitanscha, auf Grund seiner ihr zu verschiedenen Zeiten ausgestellten Schuldverschreibungen, alle zusammen in der Höhe von zirka zweitausend Rubeln. Diese Einforderung der Schuld kam für den armen General vollkommen unerwartet, er war „entschieden das Opfer seines unbeschränkten Glaubens an den Edelmut des Menschenherzens, im allgemeinen gesprochen“, wie er sich ausdrückte. Es war ihm zur beruhigenden Gewohnheit geworden, Pfandbriefe und Wechsel zu unterzeichnen, da er nicht einmal an die Möglichkeit, daß die verschriebenen Summen eingefordert werden könnten, dachte, sondern vielmehr überzeugt war, daß das alles „nur so“ sei. „Traue jetzt noch den Menschen, bekunde jetzt noch Zutrauen!“ rief er pathetisch im Kreise seiner neuen Freunde im Gefängnis aus und erzählte ihnen dann bei einer Flasche Rotspon die Belagerung von Kars und die Geschichte vom auferstandenen Soldaten. Übrigens hatte er sich dort sehr schnell und vorzüglich eingelebt. Ptizyn und Warjä sagten, daß diese Unterkunft für ihn wie geschaffen sei, und Ganjä war ungefähr derselben Ansicht. Nur die arme Nina Alexandrowna weinte im stillen bitterlich – was ihre Angehörigen eigentlich recht wunderte –, und obschon sie kränkelte, machte sie sich doch immer wieder auf und ging zu ihrem Mann ins Schuldgefängnis.
Seit dieser „Generalüberraschung“, wie Ganjä sie nannte, und der Verheiratung Warjäs hatte sich Koljä immer mehr von der Familie losgemacht und in der letzten Zeit brachte er es sogar so weit, daß er selbst zur Nacht nicht nach Hause kam, sondern es vorzog, bei seinen Freunden zu schlafen. Wie man hörte, hatte er viele neue Freundschaften angeknüpft und war auch im Schuldgefängnis ein fast täglicher Besucher geworden. Nina Alexandrowna konnte dort gar nicht ohne ihn auskommen, zu Hause aber wurde er nicht einmal mit Neugier belästigt, obschon eine solche bei seinem Treiben doch ganz verständlich gewesen wäre. Selbst Warjä, die früher so strenge Warjä, nahm ihn jetzt nie ob seiner Lebensweise ins Verhör. Und auch Ganjä begann, zur größten Verwunderung der Familie, ganz freundschaftlich mit ihm zu reden und umzugehen – trotz seiner Hypochondrie –, was gegen sein früheres Verhältnis zum Bruder sehr abstach. Hatte doch der siebenundzwanzigjährige Ganjä den fünfzehnjährigen Koljä nicht der geringsten freundschaftlichen Beachtung gewürdigt, ihn „einfach grob“ behandelt, von allen anderen wie auch von sich selbst nur Strenge ihm gegenüber verlangt und ewig gedroht, „einmal noch mit seinen Ohren in nähere Berührung zu kommen,“ was dann Koljä „aus den letzten Grenzen menschlicher Geduld“ brachte. Man konnte sogar glauben, daß der jüngere Bruder Ganjä gewisse Dienste leistete und diesem daher unentbehrlich wurde. Koljä war sehr erstaunt darüber gewesen, daß Ganjä das Geld zurückgegeben hatte, und war deshalb bereit, ihm vieles zu verzeihen.
Etwa im dritten Monat nach der Abreise des Fürsten erfuhr man in der Familie Iwolgin, daß Koljä inzwischen auch mit Jepantschins bekannt geworden war und von den jungen Mädchen sehr nett behandelt wurde. Das hatte Warjä bald in Erfahrung gebracht. Übrigens war Koljä nicht durch Warjä bekannt geworden, sondern „von sich aus“, wie er sagte. Allmählich gewannen ihn Jepantschins sehr gern. Die Generalin war ihm anfänglich nicht sehr geneigt gewesen. Doch bald wurde er fast ihr Liebling, „weil er aufrichtig ist und nicht schmeichelt,“ wie sie behauptete. Daß Koljä nicht schmeichelte, war richtig: er hatte es verstanden, als gesellschaftlich vollkommen gleichstehender, unabhängiger junger Mann aufzutreten, und dabei blieb es auch, selbst wenn er der Generalin Zeitungen oder Bücher vorlas – er war eben gern gefällig. Zweimal hatte er sich aufs heftigste mit Lisaweta Prokofjewna überworfen, hatte ihr erklärt, daß sie eine Despotin sei und er seinen Fuß nicht mehr in ihr Haus setzen werde. Das erstemal war der Grund des Streites die Frauenfrage gewesen und das zweitemal die Frage, welche Jahreszeit zum Zeisigfang die beste sei. Wie unwahrscheinlich es nun auch scheinen mag, so ist es doch Tatsache, daß Lisaweta Prokofjewna ihm am dritten Tage nach dem Zerwürfnis mit dem Diener einen Brief sandte, in dem sie ihn bat, unbedingt zu ihr zu kommen, worauf Koljä sich nicht lange zierte und ohne Aufschub hinging. Nur Aglaja allein schien ihm nicht ganz wohlgeneigt zu sein und behandelte ihn von oben herab. Gerade sie aber sollte er einmal in Erstaunen setzen.
Eines Tages, es war in der Osterwoche, benutzte Koljä, als sie einmal allein im Zimmer waren, die Gelegenheit, um ihr einen Brief zu überreichen. Er sagte nur, es sei ihm aufgetragen, den Brief zu übergeben. Aglaja maß den „eingebildeten Bengel“ mit zornigem Blick vom Kopf bis zu den Füßen, doch Koljä kümmerte sich weiter nicht um sie und ging hinaus. Aglaja entfaltete den Brief und las:
„Eines Tages würdigten Sie mich Ihres Vertrauens. Doch vielleicht haben Sie mich jetzt schon ganz vergessen? Wie komme ich nun darauf, an Sie zu schreiben? Ich weiß es nicht; aber ich habe plötzlich ein unbezwingbares Verlangen, Sie, gerade Sie an mich zu erinnern. Wie oft habe ich mich nach Ihrer aller Gegenwart gesehnt, doch von allen dreien sah ich immer nur Sie vor mir stehen. Ich bedarf Ihrer, ich bedarf Ihrer unsäglich. Von mir habe ich Ihnen nichts zu schreiben, nichts zu erzählen. Nicht deshalb schreibe ich an Sie; ich würde nur unendlich gern Sie glücklich wissen. Sind Sie glücklich? Das ist alles, was ich Sie fragen wollte.
Ihr Bruder Fürst Lew Myschkin.“
Als Aglaja diesen kurzen und eigentlich recht sinnlosen Brief zu Ende gelesen hatte, wurde sie plötzlich dunkelrot, biß sich dann auf die Lippe und wurde nachdenklich. Ihren Gedankengang wiederzugeben, würde nicht leicht fallen. Unter anderem fragte sie sich auch, ob sie den Brief jemandem zeigen solle. Es war ihr doch ein wenig so zumute, als schämte sie sich. Schließlich warf sie den Brief mit einem spöttischen und seltsamen Lächeln in das Schubfach ihres Tischchens. Am nächsten Tage jedoch nahm sie ihn von dort heraus und legte ihn in ein dickes, in Leder eingebundenes Buch, wie sie es mit allen ihren Papieren tat, um sie „schneller zu finden“, wenn sie sie suchte. Erst nach einer Woche sah sie zufällig auf das Titelblatt des Buches: es stand darauf in dicken Lettern: „Don Quijote de la Mancha“. Aglaja lachte hellauf – der Grund ihres Lachens blieb aber unaufgeklärt. Auch wäre es schwer, festzustellen, ob sie den Brief jemals den Schwestern gezeigt hat. Während sie ihn aber noch las, kam ihr plötzlich ein Gedanke: sollte dieser eingebildete Bengel vom Fürsten zum Vertrauensmann erkoren sein, und war er vielleicht gar sein einziger Korrespondenzvermittler? Sie beschloß, Koljä auf den Zahn zu fühlen. Sie setzte eine möglichst geringschätzige Miene auf und fragte ihn wie von ungefähr, wie er denn zu diesem Brief gekommen sei. Doch der sonst stets empfindliche „Bengel“ übersah diesmal ihre Geringschätzung und erklärte, allerdings ziemlich kurz und trocken, daß er dem Fürsten vor dessen Abreise zwar seine ständige Adresse mitgeteilt und seine Dienste angeboten habe, doch sei dies der erste Auftrag, der ihm vom Fürsten zuteil geworden, worauf er als Beweis den Brief hervorzog, den der Fürst an ihn persönlich gerichtet hatte. Aglaja wollte den Brief zuerst nicht lesen, nahm ihn dann aber doch und las folgendes:
„Lieber Koljä, seien Sie so freundlich und übergeben Sie das beigefügte Schreiben Aglaja Iwanowna. Ich wünsche Ihnen das Beste.
Ihr Sie liebender Fürst L. Myschkin.“
„Es ist aber doch lächerlich, sich einem so kleinen Bengel anzuvertrauen,“ sagte Aglaja, indem sie Koljä den Brief zurückgab, in beleidigendem Tone und ging mit verächtlicher Miene an ihm vorüber.
Das aber war denn doch zu empörend für Koljä! Er hatte sich noch absichtlich zu diesem Nachmittage von Ganjä dessen neue Krawatte ausgebeten, ohne einen Grund anzugeben, und nun wurde er so behandelt! Er fühlte sich tief und grausam beleidigt.
II.
Es war in den ersten Tagen des Juni und das Wetter war in Petersburg schon seit einer ganzen Woche selten schön. Jepantschins besaßen eine prächtige eigene Villa in Pawlowsk[12]. Eines schönen Tages bekam die Generalin Sehnsucht nach dem frischen Grün des Parks dort draußen, und in zwei Tagen war die Familie übergesiedelt.
Zwei oder drei Tage darauf traf mit dem Frühzug aus Moskau Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin in Petersburg ein. Ihn erwartete niemand; doch als er das Kupee verließ, schien es ihm plötzlich, daß ein seltsamer, glühender Blick zweier Augen aus der Menge, die sich auf dem Bahnsteig drängte, starr auf ihn gerichtet wäre. Er sah genauer hin, doch es war nichts mehr zu sehen. Natürlich war es ihm nur so vorgekommen, wie man zuweilen etwas vor den Augen flimmern sieht; doch nichtsdestoweniger blieb in ihm eine unangenehme Empfindung zurück, die ihn in seiner traurigen, nachdenklichen Stimmung noch mehr bedrückte. Der Fürst sah unruhig und besorgt aus.
Er nahm eine Droschke und sagte dem Kutscher, er solle ihn zu einem Hotel fahren. In der Nähe der Liteinaja hielt der Kutscher vor einem mittelmäßigen Gasthof. Der Fürst ließ sich zwei Zimmer anweisen, schien es kaum zu bemerken, daß sie klein, dunkel und schlecht möbliert waren, wusch sich, kleidete sich um, verlangte sonst nichts und ging eilig wieder fort, als hätte er gefürchtet, unnütz seine kostbare Zeit zu verlieren oder irgend jemand nicht zu Hause anzutreffen.
Hätte ihn jetzt jemand von seinen früheren Bekannten gesehen, die ihn vor sechs Monaten in Petersburg kennen gelernt, so würden sie ihn auf den ersten Blick sehr verändert gefunden haben, und zwar zum Besseren verändert. Doch im Grunde genommen war es wohl kaum der Fall. Nur die Kleidung war allerdings ganz anderer Art: sie war in Moskau gearbeitet, und man sah ihr sofort den guten Schneider an; aber schließlich wäre auch an ihr etwas auszusetzen gewesen: es war alles zu sehr nach der Mode gefertigt, wie es eben alle guten Schneider machen, und das paßte nicht zu einem Menschen, der sich dafür nicht im geringsten interessierte, so daß Lachlustige bei näherem Betrachten des Fürsten vielleicht Grund zu einem Lächeln gefunden hätten ... Doch worüber lächeln diese Leute schließlich nicht?
Der Fürst nahm wieder eine Droschke und fuhr nach Peski. In der Roshdestwenskijstraße fand er alsbald ohne Mühe die Hausnummer, die er suchte. Zu seiner Verwunderung war es ein sehr hübsches, wenn auch nicht großes hölzernes Häuschen, das offenbar sauber und in guter Ordnung gehalten wurde, und an der Straße davor lag sogar ein kleines Gärtchen, in dem Sonnenblumen blühten. Die Fenster zur Straße waren geöffnet, und man hörte eine laute Stimme fast schreiend reden, und zwar redete sie so ununterbrochen, daß man glauben konnte, es werde etwas laut vorgelesen oder eine Rede gehalten, die nur hin und wieder von schallendem Gelächter heller, jugendlicher Stimmen übertönt wurde. Der Fürst trat auf den Hof, stieg eine kleine Treppe zum Flur hinauf und fragte nach Herrn Lebedeff.
„Da ist er ja, hören Sie ihn denn nicht!“ sagte die Küchenmagd, die mit aufgekrempelten Ärmeln erschienen war, um ihm die Tür zu öffnen – und ärgerlich wies sie mit dem Finger auf die Zimmertür.
Dem Fürsten blieb nichts anderes übrig, als durch die bezeichnete Tür einzutreten. Das Besuchszimmer Lebedeffs war sehr sauber und sogar mit einer gewissen Prätention auf Komfort eingerichtet, d. h. in dem nicht hell-, aber auch nicht gerade dunkelblau tapezierten Zimmer befanden sich ein Sofa, ein runder Tisch, eine Stutzuhr unter einer Glasglocke, zwischen den Fenstern ein Stehspiegel, und an dem Ampelhaken in der Mitte der Decke hing an einer Bronzekette ein alter, kleiner Kronleuchter mit Glasprismen. Herr Lebedeff, der mit dem Rücken zur Tür stand, durch die der Fürst eingetreten war, befand sich wegen der Sommerhitze nur in Hemdsärmeln und Weste – der Rock war im Zimmer nicht zu sehen – und redete unter überzeugungsvollen Faustschlägen gegen die eigene Brust ohne Punkt und Komma in hinreißender Begeisterung. Seine Zuhörer waren: ein etwa fünfzehnjähriger Knabe mit einem lustigen und nicht dummen Gesicht und einem Buch in der Hand, ein zwanzigjähriges Mädchen in Trauerkleidern mit einem kleinen Kinde im Steckkissen auf den Armen, ein dreizehnjähriges Mädchen, gleichfalls in Trauer, das beim Lachen den Mund erschreckend weit aufriß, und ferner noch ein äußerst seltsamer Zuhörer, der sich auf dem Sofa ausgestreckt hatte, ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren, mit einem recht hübschen Gesicht, mit dichtem, dunklem, ziemlich langem Haar, großen dunklen Augen und einem kleinen Ansatz zu jenem kurz geschnittenen Backenbart, der kaum bis zur halben Wange reichte, wie man ihn zu Anfang des Jahrhunderts trug. Allem Anscheine nach unterbrach dieser Zuhörer mitunter den unaufhaltsam redenden Lebedeff, und wahrscheinlich waren es seine Fragen, die das übrige Publikum zu schallendem Gelächter reizten.
„Lukjan Timofejewitsch, he, Lukjan Timofejewitsch! Ob der hört, wenn man ihn ruft! So seht doch her! ...“
Und die Küchenmagd entfernte sich wütend, indem sie nur – zum Ausdruck, daß Reden doch vergeblich sei – mit der Hand abwinkte und vor Ärger ganz rot wurde.
Lebedeff sah sich aber doch um und – erstarrte. Der Anblick des Fürsten überraschte ihn wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel. Dann fuhr er sich an den Kopf und stürzte dem Fürsten entgegen, doch auf halbem Wege blieb er wie angewurzelt stehen, bis er sich so weit faßte, daß er mit untertänigem Lächeln stottern konnte:
„Du–Du–Du–Durchlauchtigster Fürst!“
Doch plötzlich, immer noch ohne Fassungskraft, besann er sich eines anderen, wandte sich zurück und stürzte sich auf das junge Mädchen in Trauer mit dem Säugling auf den Armen, so daß diese ob der Plötzlichkeit zurückschreckte. Aber Lebedeff ließ sie bereits im Stich und stürzte sich auf das dreizehnjährige Mädchen, das in der Tür zum nächsten Zimmer sich noch die Seiten von der Anstrengung der letzten Lachsalve hielt, und dessen Gesicht die Lachfalten noch nicht aufgegeben hatte. Sie zuckte erschrocken zusammen, als der Vater sie so anfuhr, und stürzte davon, in die Küche, während Lebedeff hinterdrein wie in Berserkerwut mit den Beinen trampelte und drohend die Faust hob. Doch da begegnete er zufällig dem Blick des Fürsten, der ihn ganz verlegen ansah, und er beeilte sich, seine Handlungsweise zu rechtfertigen:
„Um–um–um Ehrerbietung beizubringen, he–he–he ...“
„Aber wozu ...“ wollte der Fürst beginnen, doch schon unterbrach ihn Lebedeff.
„Sofort, sofort, sofort ... wie ’n Wirbelwind bin ich wieder da!“
Und er verschwand im Handumdrehen aus dem Zimmer. Der Fürst blickte verwundert das junge Mädchen, den Knaben und den jungen Mann auf dem Sofa an: alle lachten. Da mußte auch der Fürst lächeln.
„Er will sich nur den Rock anziehen,“ sagte der Knabe.
„Wie fatal, daß er ...“ sagte der Fürst, „ich wollte mich ihm ... Sagen Sie, ist er ...“
„Betrunken, meinen Sie?“ rief der junge Mann vom Sofa. „Keine Spur! Nur so seine drei, vier Gläschen wird er gekippt haben, nun, sagen wir fünf, höchstens, aber das ist doch nur der Disziplin halber, um in der Übung zu bleiben.“
Der Fürst wollte sich der Stimme auf dem Sofa zuwenden, doch da begann das junge Mädchen mit dem aufrichtigsten Ausdruck in ihrem lieblichen, sympathischen Gesicht zu sprechen.
„Morgens trinkt er niemals viel; wenn Sie mit ihm etwas Geschäftliches zu besprechen haben, so reden Sie nur; jetzt ist die beste Zeit dazu. Nur des Abends, wenn er nach Hause kommt, ist er etwas ... aber dann weint er gewöhnlich und liest uns bis in die Nacht hinein aus der Bibel vor. Unsere Mutter ist vor fünf Wochen gestorben.“
„Hören Sie, er ist ja nur fortgelaufen, weil er noch nicht genau weiß, was er Ihnen antworten soll!“ lachte der junge Mann auf dem Sofa. „Ich könnte wetten, daß er Ihnen ein X für ein U vormachen will und sich gerade jetzt den Verfahrungsmodus überlegt.“
„Fünf Wochen! Vor genau fünf Wochen!“ griff Lebedeff, der schon wieder zurückkehrte, die letzten Worte seiner Tochter auf und blinzelte betrübt mit den Augen, während er aus der Rocktasche das Schnupftuch hervorzog, um seine Tränen abzuwischen. „Waisen sind wir! Ganz verwaist!“
„Aber, Papa, weshalb haben Sie denn diesen alten Rock angezogen? Der hat ja Löcher!“ sagte das junge Mädchen, „hier hinter der Tür hängt doch Ihr neuer Rock, haben Sie ihn denn nicht gesehen?“
„Schweig, Heuschrecke!“ schrie Lebedeff sie an. „Uh, du!“ und wieder stampfte er mit den Beinen.
Doch diesmal lachten alle schallend auf.
„Was erschrecken Sie mich, ich bin doch nicht Tanjä, daß ich fortlaufe! So können Sie noch Ljubotschka aufwecken und die kann noch Krämpfe bekommen ... was schreien Sie denn!“
„Pst-pst-pst! Pfeffer auf deine Zunge!“ flüsterte Lebedeff ganz entsetzt, schlich auf den Fußspitzen zum jungen Mädchen, das das Kind hielt, und bekreuzte das kleine Ding mehrmals mit ängstlicher Miene. „Gott behüte uns davor! Gott behüte! Das ist ja doch mein eigener Säugling, müssen Sie wissen, meine Tochter Ljubow,“ wandte er sich an den Fürsten, „geboren in der gesetzmäßigsten Ehe von meiner jüngst verschiedenen Gattin Helena, die bei der Geburt das Leben ließ. Und diese Kiebitzin hier ist meine Tochter Wjera, in Trauer, wie Sie sehen ... dieser aber, dieser dort, oh, dieser ...“
„Na was, kommst mit Worten zu kurz?“ rief der junge Mann lachend dazwischen. „Fahr nur fort, genier’ dich nicht.“
„Euer Durchlaucht!“ rief Lebedeff plötzlich wie aus der Pistole geschossen aus und mit einer Stimme, die fast überklappte. „Haben Sie von der Ermordung der Familie Shemarin in den Zeitungen zu lesen geruht?“
„J...ja,“ sagte der Fürst etwas verwundert.
„Nun, dann sehen Sie hier: das ist der leibhaftige Mörder der Familie Shemarin, er selbst, er selbst!“
„Was! Was reden Sie!“ Der Fürst war ganz verdutzt.
„Das heißt, allegorisch gesprochen, ein zukünftiger zweiter Mörder einer zukünftigen zweiten Familie Shemarin, wenn sich eine solche nochmals irgendwo finden sollte. Dazu bereitet er sich vor ...“
Alle lachten. Dem Fürsten kam es in den Sinn, daß Lebedeff vielleicht tatsächlich nur deshalb so viel sprach und schrie, weil er seine Fragen voraussah und nun Zeit gewinnen wollte, um sich seine Antworten zu überlegen.
„Er revoltiert! Ein Empörer! – ein Verschwörer ist er!“ schrie Lebedeff, als befände er sich in einer Wut, die jede Selbstbeherrschung ausschloß. „Nun, wie kann ich denn, nun, habe ich denn überhaupt das Recht, ein solches Lästermaul, einen solchen, man kann schon sagen – Wüstling und Auswurf des Menschengeschlechts, eine solche Kreatur als meinen leiblichen Neffen, als den einzigen Sohn meiner Schwester Anissja, der Seligen, anzuerkennen?“
„Na, weißt du, jetzt kannst aber auch aufhören, Alter! Werden Sie es glauben, Fürst, jetzt ist es ihm eingefallen, sich mit der Advokatur zu befassen: er spielt den Verteidiger vor Gericht, und so redet er auch zu Hause mit seinen Kindern nur noch im Deklamatorenstil. Vor fünf Tagen hat er vor dem Friedensrichter plädiert, und was glauben Sie wohl, wessen Verteidigung er übernommen hatte? Nicht die des alten Weibes, das ihn hier angefleht und das ein alter Wucherer kahl gestohlen hat – fünfhundert Rubel, ihr ganzes Vermögen, hat sich der Kerl eingesackt – o nein, sondern die des Wucherers, Saidler mit Namen, irgend so ein Judenvieh, weil der Kerl ihm fünfzig Rubel zu geben versprochen hat ...“
„Fünfzig Rubel, wenn ich gewinne, und nur fünf, wenn ich verliere,“ erklärte Lebedeff plötzlich mit einer ganz anderen Stimme, als er bisher gesprochen, mit einer so zahmen, als hätte er nie geschrien.
„Na, natürlich ist er durchgefallen, es ist ja doch nicht mehr die gute alte Zeit, man hat sich nur krank gelacht über ihn. Aber er ist doch ungeheuer zufrieden mit sich selbst und seiner Leistung. ‚Bedenken Sie,‘ hat er gesagt, ‚bedenken Sie, meine hochverehrten Herren Richter, ohne Ansehen der Person, wollte sagen, ganz unparteiisch, daß dieser armselige Greis, dem die Füße schon den Dienst versagen, und der von ehrlicher Arbeit lebt, daß er somit sein letztes Stück Brot verlieren würde! Gedenket der weisen Worte des Gebers aller Gesetze: Es walte die Milde im Gericht!‘ – Und was glauben Sie, diese Rede hält er an jedem Morgen, den Gott werden läßt, vor der versammelten Familie, Wort für Wort, wie er sie dort gehalten hat. Heute war’s schon das fünftemal; kurz bevor Sie kamen, redete er wieder, dermaßen hat er sich in sie verliebt. Leckt sich die Lippen ab vor lauter Gefallen an sich selbst. Und nun bereitet er sich vor, wieder irgend jemand zu verteidigen ... Sie sind, glaube ich, Fürst Myschkin? Koljä hat mir schon von Ihnen erzählt; einen klügeren Menschen als Sie habe er noch nie angetroffen, und es gäbe einen solchen auch wohl in der ganzen Welt nicht ...“
„Stimmt! Stimmt! gibt ’s auch nicht!“ mußte Lebedeff sofort bestätigen ...
„Na, was dieser sagt, das brauchen Sie nicht zu glauben, der lügt jedes Wort. Der eine liebt Sie und dieser will Ihnen bloß schmeicheln. Was nun mich betrifft, so habe ich durchaus nicht die Absicht, Ihnen Schmeicheleien zu sagen, das sei vorausgeschickt. Aber Sie sind doch immerhin ein vernünftig denkender Mensch, – seien Sie jetzt mal unser Richter und schlichten Sie unseren Streit. Na, du, willst du, der Fürst soll unser Richter sein?“ wandte er sich an den Onkel. „Ich bin sogar sehr froh darüber, daß Sie uns in den Weg gelaufen sind, Fürst.“
„Abgemacht! Ich will’s auch!“ rief Lebedeff entschlossen aus und sah sich unwillkürlich nach dem Publikum um, das wieder heranzurücken begann.
„Was haben Sie denn hier zu schlichten?“ fragte der Fürst stirnrunzelnd.
Sein Kopf tat ihm weh, und zudem fühlte er mit jedem Augenblick deutlicher, daß Lebedeff ihn betrog und sehr froh darüber war, daß er die Aussprache hinausschieben konnte.
„Also, die Sache verhält sich so: Ich bin sein Neffe, das hat er seltsamerweise nicht gelogen, wenn er auch sonst alles lügt. Ich bin Student, habe aber das Studium nicht beendet, doch will und werde ich es unfehlbar beenden, denn ich habe Charakter. Vorläufig aber nehme ich, um meine Existenz fortzusetzen, eine Anstellung an der Eisenbahn für fünfundzwanzig Rubel monatlich an. Ich gestehe freiwillig und gebe zu, daß er mir zwei- oder dreimal bereits geholfen hat. Nun besaß ich zwanzig Rubel und die habe ich jetzt verspielt. Werden Sie es glauben, Fürst, ich war tatsächlich so gemein, so unendlich dumm, daß ich sie verspielte? ...“
„Und noch an einen Schurken, an einen Schurken, den er gar nicht hätte bezahlen dürfen!“ schrie Lebedeff.
„Ja, an einen Schurken, den man jedoch nichtsdestoweniger bezahlen muß,“ fuhr der junge Mann fort. „Daß er aber ein Schurke ist, kann auch ich bezeugen, und zwar nicht etwa deshalb, weil er dich mal gerupft hat. Das ist nämlich, müssen Sie wissen, ein heruntergekommener ehemaliger Offizier, ein verabschiedeter Unterleutnant aus Rogoshins Bande, der jetzt Unterricht im Faustkampf erteilt und sich einen meisterhaften Boxer nennt. Jetzt, nachdem Rogoshin die Kerle zum Deubel gejagt hat, treiben sie sich brotlos in der Stadt umher. Doch was das dümmste dabei ist: das ist, daß ich schon ohnehin wußte, wer er war, – nämlich ein Schurke und Spitzbube und Taschendieb – und mich dennoch hinsetzte und mit ihm zu spielen begann, und daß ich, als ich den letzten Rubel verspielte – wir spielten ein Hasardspiel – bei mir dachte: Verliere ich ihn, so gehe ich zu Onkel Lukjan, mache ihm meinen Bückling – er wird schon geben. Sehen Sie, das war eben die Gemeinheit, ja, das war wirklich eine Gemeinheit, das gebe ich zu. Das war schon ganz bewußte Niedertracht!“
„Jawohl, das war schon ganz bewußte Niedertracht!“ bestätigte Lebedeff.
„Na, triumphier’ nur nicht, wart’ noch ein bißchen damit!“ rief der Neffe gekränkt dem Onkel zu. „Er freut sich noch! Ich kam also zu ihm, Fürst, hierher in dieses Haus und gestand ihm alles: Sie sehen, ich handelte edel, denn ich habe mich selbst nicht geschont; ich beschimpfte mich vor ihm, wie ich nur konnte – hier sind die Zeugen. Um nun die Stelle bei der Eisenbahn antreten zu können, muß ich mich vorher doch einigermaßen equipieren, ich bin ja doch ganz zerlumpt. Da, sehen Sie nur die Stiebel! So kann ich mich doch nicht dort einfinden, das geht doch nicht – finde ich mich aber nicht ein, nun, so erhält die Stelle eben ein anderer, und ich sitze dann wieder auf dem Äquator und kann warten, bis ich eine neue Stelle finde. Jetzt bitte ich ihn im ganzen nur um fünfzehn Rubel und verspreche ihm hoch und heilig, daß ich fernerhin niemals mehr einen Pumpversuch bei ihm machen und zweitens innerhalb der drei ersten Monate ihm die ganze Schuld bezahlen werde –, ich aber pflege mein Wort zu halten! Was verlangt also der Mensch eigentlich? Ich kriege es schon fertig, ganze Monate nur von Brot und Kwaß zu leben, denn, wie gesagt, ich habe Charakter. Für drei Monate Dienst erhalte ich fünfundsiebzig Rubel. Mit dem Früheren zusammen schulde ich ihm summa summarum nur fünfunddreißig Rubel, folglich kann ich ihm die Schuld bezahlen, ich habe dann was, womit! Na, und wenn er Prozente haben will, so zahle ich sie ihm auch, hol’s der Deubel! Kennt er mich denn etwa noch nicht? Bin ich ihm denn ein Fremder? Fragen Sie ihn doch, Fürst, ob ich nicht alles ehrlich bezahlt habe, was er mir früher gepumpt hat? Weshalb will er mir denn jetzt nichts mehr pumpen? Es ärgert ihn, daß ich dem Leutnant die Spielschuld bezahlt habe, das ist der ganze Grund, einen anderen gibt es nicht! Sehen Sie, so ist dieser Mensch, – weder sich noch anderen!“
„Und er geht nicht fort!“ rief Lebedeff aus, klagend und empört zugleich. „Hat sich hier festgesetzt und geht nicht fort!“
„Ich habe dir doch gleich gesagt: ich gehe nicht eher fort, als bis du gibst. Sie scheinen zu lächeln, Fürst? Sie finden wohl, daß ich im Unrecht bin?“
„Ich lächle nicht, doch meiner Meinung nach sind Sie allerdings ein wenig im Unrecht,“ sagte der Fürst zögernd. Dieses ganze Gespräch behagte ihm sehr wenig.
„Na, sprechen Sie es doch ruhig aus, daß ich ganz und gar im Unrecht bin, Winkelzüge sind hier nicht angebracht: was heißt das – ‚ein wenig‘!“
„Nun, ja, wenn Sie wollen: Sie sind ganz und gar im Unrecht.“
„Wenn ich will! Das ist mal nett! Aber glauben Sie denn wirklich, ich wüßte nicht, daß es kitzlig ist, so vorzugehen, das Geld gehört doch ihm, sein freier Wille gleichfalls; meinerseits aber läuft es schließlich auf einen Vergewaltigungsversuch hinaus. Aber Sie, Fürst ... kennen Sie das Leben nicht! Wenn man diese Leute nicht belehrt, kommt nichts Gescheites aus ihnen heraus. Man muß sie belehren, sie zwingen. Mein Gewissen ist doch rein; nach meinem Gewissen bringe ich ihm keinen Schaden, sondern gebe ihm noch die Prozente zu verdienen. Eine moralische Genugtuung hat er gleichfalls durch mich gehabt: er hat meine Erniedrigung gesehen. Was verlangt er also noch? Wozu wird er denn überhaupt taugen, wenn er nicht wenigstens in dieser Weise der Menschheit Nutzen bringt? Und erlauben Sie mal, wie treibt er’s denn selbst? Fragen Sie mal, was er mit anderen Leuten tut, wie er denen das Fell über die Ohren zieht! Wie ist er denn zu diesem Hause hier gekommen? Und ich gebe meinen Kopf darauf, daß er auch Sie bereits betrogen und sich auch schon überlegt hat, wie er Sie noch mehr betrügen kann! Sie lächeln – Sie glauben mir nicht?“
„Ich glaube, daß das nicht ganz zur Sache gehört,“ bemerkte der Fürst.
„Ich liege hier schon den dritten Tag, und was habe ich hier nicht schon alles gesehen!“ rief der junge Mann lachend aus, ohne die Bemerkung des Fürsten weiter zu beachten. „Denken Sie sich nur, Fürst, er verdächtigt diesen Engel, dieses reizende junge Mädchen dort, meine leibliche Kusine und seine leibliche Tochter – unerlaubter Beziehungen und vermutet in jeder Nacht liebe Freunde in ihrem Zimmer! Überall schnüffelt er nach Liebhabern herum, selbst hierher zu mir schleicht er sich des Nachts und sucht sogar unter dem Sofa nach einem Eindringling. Er ist verrückt geworden, vor lauter Mißtrauen, in jeder Ecke glaubt er Diebe zu sehen. In der Nacht springt er alle fünf Minuten aus dem Bett, um bald die Fenster, bald die Türen zu untersuchen, ob auch alles hübsch fest ist, sogar in den Ofen steckt er den Kopf hinein, und das wiederholt sich ungefähr siebenmal in einer Nacht. Vor Gericht verteidigt er Spitzbuben, um dann in der Nacht den Himmel um Hilfe vor ihnen anzuflehen; dann kniet er hier in diesem Zimmer nieder, schlägt mit der Stirn auf den Fußboden und betet und bittet. Herr des Himmels, wenn Sie wüßten, für wen alles er hier betet! Natürlich unter der Einwirkung des Alkohols. Sogar für die Seele der Gräfin Dubarry! – ich hab’s mit meinen eigenen Ohren gehört, glauben Sie mir! Koljä hat es gleichfalls gehört. Er ist ja doch total übergeschnappt, glauben Sie mir!“
„Sehen Sie, hören Sie, wie er mich verleumdet, Fürst!“ schrie Lebedeff, ganz rot im Gesicht und entschieden aus der Fassung gebracht. „Ob er aber auch das erzählt, wie ich Trunkenbold und Herumtreiber, ich Räuber und Missetäter dieses Lästermaul als Säugling in Windeln gewickelt, in der kleinen Kinderwanne gebadet, wie ich bei meiner verwitweten Schwester Anissja, die ebenso arm war wie ich, ganze Nächte aufgesessen habe, ohne auch nur ein Auge zuzudrücken, wie ich sie beide gepflegt habe – denn beide waren sie krank –, wie ich beim Hausknecht Holz gestohlen, wie ich ihm Wiegenlieder gesungen und zu seiner Erheiterung mit den Fingern geschnippt habe, alles mit leerem Magen – ob er das wohl auch erzählt? Da habe ich jetzt den Dank dafür, daß ich seine Amme gewesen bin, da sitzt jetzt das Produkt und lacht mich alten Mann noch aus! Was kümmert’s dich, wenn ich wirklich einmal für die Gräfin Dubarry ein Kreuz schlage? Ich werde Ihnen sagen, Fürst, vor vier Tagen las ich zum erstenmal die Biographie der Dubarry im Lexikon. Weißt du auch überhaupt, wer sie war, diese Dubarry? Sprich, weißt du’s oder weißt du’s nicht?“
„Na, du hältst dich wohl für den einzigen, der’s weiß?“ brummte der junge Mann spöttisch und unwillig.
„Das war eine solche Gräfin, daß sie, als sie erst aus dem Straßenschmutz heraus war, an Stelle einer Königin regierte, und die eine große Kaiserin in einem eigenhändigen Schreiben mit ‚ma cousine‘ anredete. Jawohl, ja! Und der Kardinal, der päpstliche Nuntius erbot sich beim lever-du-roi (weißt du auch, was das ist ‚lever-du-roi‘?) die seidenen Strümpfchen über ihre bloßen Füßchen zu ziehen, eigenhändig, er, der päpstliche Nuntius und Kardinal – so ein großes Tier! – und er rechnete sich das noch zur Ehre an! Wußtest du das? Ich sehe es ja schon an deinem Gesicht, daß du davon keinen Schimmer hattest! Nun, und wie ist sie gestorben? Antworte, wenn du’s weißt!“
„Ach, hör’ auf!“
„Gestorben aber ist sie so, daß sie, diese Herrscherin, nach aller Macht und allem Glanz und allen Ehren, daß sie, die schließlich doch nichts verbrochen hatte, zur Freude der Pariser Marktweiber von dem Henker auf die Guillotine geschleppt wurde und selbst vor Angst überhaupt nicht begriff, was mit ihr geschah. Sie sieht nur, daß er ihren Kopf unter das Messer drückt und ihr noch Püffe und Stöße versetzt, jene aber lachen. Und da schreit sie in ihrer Todesangst: ‚Encore un moment, monsieur le bourreau, encore un moment!‘ das heißt soviel, wenn du’s wissen willst, wie: ‚Noch einen Augenblick, Herr Henker, noch einen Augenblick!‘ Und für diesen einen Augenblick wird ihr Gott der Herr vielleicht auch noch alles vergeben, denn eine größere misère der Menschenseele kann man sich kaum vorstellen. Weißt du überhaupt, was dieses Wort ‚misère‘ bedeutet? Nun sieh, jetzt habe ich dir erläutert, was es bedeutet? Ich sage dir, als ich von diesem einen moment las, war mir’s, als hätte man mir das Herz mit einer Kneifzange festgeklemmt. Und was kümmert das dich, du Wurm, daß ich auch sie, die große Sünderin, in mein Gebet eingeschlossen habe? Vielleicht habe ich es nur deshalb getan, weil seit ihrem Hinscheiden noch niemand auf dem ganzen Erdenrund für sie gebetet hat oder auch nur daran gedacht hat, für sie zu beten. Wird es ihr doch in jener Welt sicher angenehm sein, zu hören, daß sich ein ebenso großer Sünder wie sie gefunden, der wenigstens einmal auf Erden für sie betet. Was lachst du? Du glaubst mir nicht, Atheist! Was kannst du wissen? Und dabei hast du mich noch falsch verstanden, obschon du gewissenlos genug gewesen bist, mich zu belauschen: ich habe nicht nur für die Gräfin Dubarry gebetet, sondern wortwörtlich so, wie folgt: ‚Erbarme dich, Vater, der Seele der Gräfin Dubarry, der großen Sünderin, wie der Seelen aller ihresgleichen!‘ – das aber ist etwas ganz anderes! Denn solcher Sünderinnen und Beispiele der Veränderungssucht Fortunas, solcher Menschen, die viel gelitten haben, hat es in der Welt allerorten unzählige gegeben, und sie alle winden sich jetzt in der Höllenpein und stöhnen und warten! Aber damit habe ich ja doch auch für dich und deinesgleichen Gott den Herrn um Gnade angefleht, für ganz genau solche unverschämte Lästermäuler und unverfrorene Frechlinge, wie du einer bist, das schreib dir hinter die Ohren, wenn du dich schon mal so weit verirrt hast, daß du mich belauschen willst, wenn ich bete ...“
„Na, aber jetzt hör’ auf, Schluß! Bet’ für wen du willst, hol’ dich der Deubel!“ unterbrach ihn der Neffe ärgerlich. „Er ist ja doch ein belesener Mann, wußten Sie das schon, Fürst?“ sagte er dann plötzlich mit einem gewissermaßen betretenen Lächeln. „Er ist ja jetzt ohne irgend so ein Memoirenbüchelchen gar nicht mehr denkbar.“
„Ihr Onkel ist jedenfalls ... kein herzloser Mensch,“ bemerkte halb wider Willen der Fürst, dem der junge Mann auf dem Sofa durchaus nicht gefiel.
„Oh, ihn zu loben ist gefährlich! Mit solchen Bemerkungen können Sie ihn ja noch ganz verrückt machen! Sehen Sie, da hat er schon wieder die Hand aufs Herz gepreßt und den Mund zum ‚O‘ geformt. Ist in Geschmack gekommen. Herzlos ist er gerade nicht, dafür aber gerieben, das ist der Jammer. Zudem ist er jetzt noch dem Alkohol ergeben, da hat er denn so ein paar Schrauben verloren, wie es schließlich jedem passiert, der jahrelang keinen nüchternen Tag sieht. Seine Kinder liebt er, das muß man ihm lassen, seine Frau hat er sehr geachtet ... Sogar mich hat er gern, und was glauben Sie, er hat mich sogar im Testament bedacht, bei Gott, er will auch mir etwas hinterlassen!“
„N–nichts hinterlasse ich dir!“ schrie Lebedeff in ingrimmiger Erbitterung.
„Hören Sie, Lebedeff,“ wandte sich der Fürst fest und entschlossen an ihn, indem er dem jungen Mann den Rücken zukehrte, „ich weiß aus eigener Erfahrung, daß Sie ein guter Geschäftsmann sind, wenn Sie es sein wollen ... Ich habe sehr wenig Zeit, und wenn Sie jetzt ... Verzeihung, wie ist Ihr Vorname und Ihr Vatername? Ich habe es im Augenblick ...“
„Ti–ti–Timofej.“
„Und?“
„Lukjanowitsch.“
Alle Anwesenden brachen in schallendes Gelächter aus.
„Er lügt ja!“ schrie der Neffe. „Auch das muß er lügen! Er heißt ja gar nicht Timofej Lukjanowitsch, Fürst, sondern Lukjan Timofejewitsch! Na, sag’ doch, weshalb hast du denn wieder gelogen? Kann es dir denn nicht ganz egal sein, ob du Lukjan oder ob du Timofej heißt, und was macht sich schließlich der Fürst daraus? Glauben Sie mir, Fürst, ihm ist das Lügen so zur Gewohnheit geworden, daß er überhaupt kein wahres Wort mehr reden kann, ich versichere Sie!“
„Ist es wahr?“ fragte der Fürst ungeduldig.
„Lukjan Timofejewitsch, allerdings,“ bestätigte der verlegen gewordene Lebedeff, indem er schuldbewußt die Augen niederschlug und die Hand auf das Herz preßte.
„Ja, warum tun Sie denn das, ach Gott!“
„Aus ... zur Selbsterniedrigung,“ flüsterte Lebedeff, der immer schuldbewußter den Kopf hängen ließ.
„Wo ist denn hier Selbsterniedrigung! Wenn ich nur wüßte, wo ich jetzt Koljä finden könnte!“ sagte der Fürst stirnrunzelnd und wandte sich zur Tür, um fortzugehen.
„Ich werde es Ihnen sagen, wo Koljä ist,“ rief der junge Mann.
„Ni–ni–nicht doch!“ fuhr Lebedeff entsetzt dazwischen.
„Koljä hat hier übernachtet, und am Morgen begab er sich auf die Suche nach seinem General, den Sie, Fürst, aus dem Schuldgefängnis ausgekauft haben, wozu und weshalb, mag Gott wissen. Der General aber versprach gestern noch, zur Nacht herzukommen, ist aber bis jetzt noch nicht erschienen. Es ist anzunehmen, daß er im Gasthaus ‚Zur Wage‘ die Nacht verbracht hat. Koljä wird also entweder dort sein – das ist hier in nächster Nähe – oder in Pawlowsk bei Jepantschins. Geld hatte er und hinfahren wollte er schon gestern. Also entweder in der ‚Wage‘ oder in Pawlowsk.“
„In Pawlowsk, in Pawlowsk, versteht sich! ... Wir aber, wir aber wollen ins Gärtchen gehen, hier, hier, wenn ich bitten darf, und ... ein Täßchen Kaffee zu uns nehmen ...“
Lebedeff hatte den Fürsten schon am Ärmel gefaßt und zog ihn fort. Sie traten aus dem Hause, gingen über den kleinen Hof und gelangten zu einem Gartenpförtchen, das Lebedeff aufschloß. Vor ihnen lag ein sehr netter, wenn auch nur sehr kleiner Garten, dessen Bäume dank dem warmen Wetter schon hellgrüne Blätter hatten. Lebedeff führte den Fürsten zu einer grünen Bank, vor der auf einem eingerammten Pfosten ein gleichfalls grün angestrichener Tisch stand. Er bat den Fürsten, Platz zu nehmen, und setzte sich selbst ihm gegenüber. Eine Minute später wurde auch schon der Kaffee gebracht. Der Fürst lehnte nicht ab. Lebedeff fuhr fort, ihn mit ergebenen, doch gierig-neugierigen Blicken zu betrachten.
„Ich wußte es gar nicht, daß Sie ein hübsches Grundstück besitzen,“ sagte der Fürst in dem Tone eines Menschen, der an etwas ganz anderes denkt, nicht aber an das, was er spricht.
„W–waisen ...“ stotterte Lebedeff erschrocken, brachte aber nichts mehr hervor, als das eine Wort, da ihm Schweigen ratsamer erschien.
Der Fürst blickte zerstreut vor sich hin und hatte seine Frage natürlich schon längst vergessen. Das Schweigen dauerte eine ganze Weile. Lebedeff beobachtete ihn und wartete.
„Nun, was?“ sagte der Fürst, gleichsam erwachend. „Ach so! Ja, Sie wissen es doch selbst, Lebedeff, um was es sich handelt. Ich bin auf Ihren Brief hin gekommen. Also reden Sie.“
Lebedeff senkte ganz verwirrt den Blick, wollte etwas sagen, schloß aber wieder den Mund, ohne eine Silbe hervorgebracht zu haben. Der Fürst wartete und ein trauriges Lächeln glitt über sein Gesicht.
„Ich glaube Sie sehr gut zu verstehen, Lukjan Timofejewitsch: Sie haben mich ganz einfach nicht erwartet. Sie dachten wohl nicht, daß ich mich auf Ihre erste Benachrichtigung hin aufmachen und meine Einöde verlassen würde, und so schrieben Sie nur zur Beruhigung Ihres Gewissens. Und da bin ich nun plötzlich hier eingetroffen. Doch nun genug, hören Sie jetzt auf mit dem Betrügen. Zweien Herren kann man nicht zu gleicher Zeit dienen. Rogoshin ist schon seit drei Wochen hier, ich weiß alles. Haben Sie inzwischen Zeit gehabt, sie ihm wieder zu verkaufen, wie damals? Sagen Sie die Wahrheit.“
„Das Ungeheuer hat ja doch von selbst alles erfahren, ganz von selbst!“
„Schelten Sie ihn nicht. Er hat Sie freilich nicht gut behandelt ...“
„Verprügelt hat er mich, verprügelt hat er mich!“ fiel Lebedeff aufgeregt dazwischen. „Und in Moskau hat er mir noch einen Hund auf den Hals gehetzt, mitten auf der Straße, einen tollen Hund, eine wütende Bestie!“
„Sie scheinen mich für ein kleines Kind zu halten, Lebedeff. Sagen Sie im Ernst: Hat sie ihn wirklich verlassen, jetzt, in Moskau?“
„Im Ernst, im Ernst, und wieder fast vom Altar fort. Jener zählte schon die Minuten, sie aber entfloh hierher, direkt zu mir. ‚Rette mich, beschütze mich, Lukjan, und auch dem Fürsten sag’ kein Wort‘ ... Sie fürchtet Sie jetzt noch mehr als ihn, Fürst, und darin liegt – hohe Weisheit!“
Und Lebedeff tippte sich bedeutsam mit dem Finger vor die Stirn.
„Und jetzt haben Sie sie wieder zusammengeführt?“
„Durchlauchtigster Fürst, wie hätte ich ... wie hätte ich das nicht zulassen können!“
„Nun, genug, ich werde schon selbst alles erfahren. Sagen Sie nur – wo ist sie jetzt? Bei ihm?“
„O nein! Denkt nicht dran! Gehört sich noch ganz allein, sich selbst! ‚Ich bin vollkommen frei‘, sagt sie, und wissen Sie, Fürst, darauf besteht sie! ‚Ich bin‘, sagt sie, ‚noch vollkommen frei!‘ Sie wohnt jetzt immer noch auf der Petersburger Seite im Hause meiner Schwägerin, wie ich Ihnen schrieb.“
„Und ist sie auch jetzt dort?“
„Auch jetzt, wenn sie bei dem schönen Wetter nicht nach Pawlowsk gefahren ist, zu Darja Alexejewna, die dort eine Villa besitzt! ‚Ich bin noch vollkommen frei, noch vollkommen frei‘, sagt sie. Noch gestern hat sie Nikolai Ardalionytsch, dem Koljä, viel von ihrer Freiheit erzählt. Brüstet sich sogar. ’n schlechtes Zeichen!“
Und Lebedeff lächelte.
„Ist Koljä oft bei ihr?“
„Oh, der ist leichtsinnig und unvernünftig und obendrein noch nicht einmal verschwiegen!“ lenkte Lebedeff ab.
„Sind Sie oft bei ihr gewesen?“
„Jeden Tag, jeden Tag.“
„Also auch gestern.“
„N–nein, vor vier Tagen zum letztenmal.“
„Wie schade, daß Sie heute etwas zuviel getrunken haben, Lebedeff! Ich hätte Sie sonst etwas gefragt ...“
„Ni–ni–nicht die Spur, nicht die Spur!“
Lebedeff war ganz Ohr.
„Sagen Sie, wie haben Sie sie verlassen?“
„S–su–suchend ...“
„Suchend?“
„Ja, so als würde sie immer etwas suchen, als hätte sie etwas verloren. Von der Heirat darf man überhaupt nicht reden, sie faßt es als Beleidigung auf. Selbst der Gedanke daran ist ihr ekelhaft geworden. An ihn denkt sie nicht mehr – und nicht mehr jedenfalls als etwa an ein Apfelsinenschalenstückchen, das heißt selbstverständlich – bedeutend mehr, sogar mit Furcht und Entsetzen, verbietet strengstens, von ihm auch nur zu sprechen, und sie sehen sich auch nur dann, wenn es durchaus nötig ist ... und er empfindet das sogar sehr! Doch was! – was geschehen soll, wird geschehen! ... Unruhig ist sie, spöttisch, doppelzüngig, zänkisch ...“
„Doppelzüngig, zänkisch??“
„Jawohl. Viel fehlte nicht, und sie wäre mir das letztemal, als ich dort war, in die Haare gefahren, wegen eines Gespräches. Das zog ich mir durch die Apokalypse zu.“
„Was? Wie?“ fragte der Fürst, der sich verhört zu haben glaubte.
„Sie ist nun einmal eine Dame mit unruhigem Geist. Jawohl, ja! Und wie ich beobachtet habe, gar zu geneigt zu ernsten, wenn auch nebensächlichen Gesprächen. Ja, das hat sie gern, nein wirklich! Ohne Spaß. Ich aber bin nun in der Auslegung der Apokalypse eine Kompetenz und befasse mich damit schon seit fünfzehn Jahren. Sie war sogar ganz meiner Meinung, daß wir jetzt beim dritten Rosse stehen, bei dem braunen, und bei dem Reiter mit dem Maß in der Hand, da doch heutzutage alles nach Maß und Vertrag geht und jeder Mensch nur sein eigenes Recht sucht: ‚ein Maß Weizen für einen Denar und drei Maß Gerste für einen Denar‘, wie es in der Heiligen Schrift geschrieben steht ... und dabei wollen sie noch freien Geist und reines Herz und gesunden Körper und alle guten Gaben Gottes behalten und bewahren. Das aber können und werden sie nicht, wenn sie das Recht so auffassen, und hierauf folgt das ‚bleiche Roß‘ und der, dessen Name ist Tod, und dann folgt schon die Hölle ... Darüber disputieren wir nun, wenn wir zusammenkommen und – es hat stark gewirkt.“
„Ist das Ihr eigener Glaube?“ fragte der Fürst und betrachtete Lebedeff mit seltsamem Blick.
„Jawohl. Also glaube ich und also lege ich es aus; denn ich bin arm und nackend und nur ein Atom im Kreislauf der Menschen. Wer wird einen Lebedeff achten? Ein jeder hat ihm etwas am Zeuge zu flicken und versetzt ihm wenn nichts anderes, dann wenigstens einen Rippenstoß. Hier aber, in der Auslegung der Apokalypse, bin ich jedem Würdenträger ebenbürtig. Das macht der Verstand! Und hat doch schon einmal ein Würdenträger vor mir gezittert ... auf seinem Fauteuil, als ihm das Licht aufging. Seine erhabene Exzellenz Nil Alexejewitsch ließen mich vor drei Jahren – es war kurz vor dem Osterfest und ich hatte damals noch in ihrem Departement eine Anstellung – durch Pjotr Sacharytsch in ihr Kabinett rufen und fragten mich also unter vier Augen: ‚Ist es wahr, daß du ein Professor des Antichrist bist?‘ Und ich verschwieg’s auch nicht: ‚Ich bin’s‘, sprach ich, und ich begann meine Auslegung und stellte es dar und verminderte auch den Schrecken nicht im geringsten, sondern vergrößerte ihn noch, indem ich die ganze Allegorie aufrollte und mathematische Zahlen anführte. Anfangs hatten sie noch gelächelt, bei den Zahlen aber und den Gleichnissen begannen sie zu zittern und baten, das Buch zu schließen und fortzugehen, und zu Ostern versprachen sie mir noch eine Gratifikation, doch zu St. Thomas gaben Seine Exzellenz bereits den Geist auf.“
„Was reden Sie, was ist in Sie gefahren, Lebedeff?“
„Tatsache! Nach dem Mittagessen geruhten Seine Exzellenz aus dem Wagen zu fallen ... an einer Straßenecke mit dem Oberschädel senkrecht auf einen Prellstein, und wie ein Kindchen, wie ein kleines Kindchen geruhten sie sogleich die Seele auszuhauchen. Dreiundsiebzig Jahre alt, nach dem Taufschein gerechnet. Ein rosa-graues Herrchen in einer Wolke von Parfüm und ewig mit einem Lächeln im Gesicht, ewig lächelnd, auf ein Haar wie ein kleines Kindlein. Da sagte noch Pjotr Sacharytsch zu mir: ‚Das hast du ihm vorausgesagt!‘ sagte er.“
Der Fürst erhob sich. Lebedeff wunderte sich darüber und sah ihn ganz verblüfft an.
„Sie sind mir aber doch mal etwas zu gleichmütig geworden, he–he ...“ wagte er mit unterwürfigem Blick zu bemerken.
„Ich ... ich fühle mich nicht ganz wohl, der Kopf ist mir schwer, von der Reise natürlich,“ antwortete der Fürst stirnrunzelnd.
„Sie müßten aufs Land, müßten sich eine Datsche mieten,“ bemerkte Lebedeff vorsichtig.
Der Fürst stand in Gedanken versunken vor ihm.
„Auch ich werde so in drei Tagen mit Kind und Kegel auf die Datsche ziehen, um das neugeborene Würmchen zu erhalten und inzwischen hier das Haus renovieren zu lassen. Ich gehe gleichfalls nach Pawlowsk.“
„Und auch Sie gehen nach Pawlowsk?“ fragte der Fürst überrascht. „Was ist denn das, hier zieht ja wirklich alle Welt nach Pawlowsk? Und Sie haben, sagen Sie, eine eigene Datsche?“
„Oh, nach Pawlowsk zieht durchaus nicht alle Welt. Mir aber hat Iwan Petrowitsch Ptizyn eine der Datschen, die ihm sehr billig zugefallen sind, ebenso billig abgetreten. Es ist dort sehr schön und vornehm und grün und billig und musikalisch, und deshalb zieht auch alle Welt für den Sommer nach Pawlowsk. Ich, das heißt, ich wohne selbst nur im Nebengebäude, die eigentliche Villa aber ...“
„Haben Sie vermietet?“
„N–n–nein. N–n–noch nicht ganz.“
„Überlassen Sie sie mir, ich will sie mieten!“ schlug der Fürst plötzlich vor.
Lebedeff schien nur darauf gewartet zu haben. Erst vor einem Augenblick war der Gedanke in ihm aufgetaucht, und sofort übersah er die ganze „neue Wendung der Dinge“, die ihm sehr fruchtbar erschien. Zwar hatte sich ein Villenmieter bereits bei ihm gemeldet, der, wie Lebedeff wußte, die Villa bestimmt nehmen würde; doch da jener beim Fortgehen sich mit „Vielleicht“ und „Wahrscheinlich“ verabschiedet hatte, so fühlte sich Lebedeff nicht gebunden. Auf den Vorschlag des Fürsten ging er dagegen mit Begeisterung ein, so daß er selbst auf die Frage nach dem Preise nur mit der Hand abwinkte.
„Nun, gleichviel, Sie sollen das Ihrige nicht verlieren,“ sagte der Fürst.
Sie gingen bereits zum Pförtchen.
„Ich würde Ihnen ... ich würde Ihnen ... wenn Sie nur wollten, könnte ich Ihnen etwas Hochinteressantes mitteilen, sehr geehrter Fürst, könnte Ihnen etwas mitteilen, das sich gleichfalls darauf bezieht,“ flüsterte Lebedeff, der vor Freude fast zappelnd neben dem Fürsten einherlief.
Der Fürst blieb stehen und sah ihn fragend an.
„Darja Alexejewna hat in Pawlowsk gleichfalls ein Datschchen.“
„Nun, und?“
„Und die gewisse Dame ist mit ihr befreundet und beabsichtigt allem Anschein nach, sie oft in Pawlowsk zu besuchen. Und – zu einem gewissen Zweck!“
„Und?“
„Und Aglaja Iwanowna ...“
„Ach, genug, hören Sie auf, Lebedeff!“ unterbrach ihn der Fürst mit einem unangenehmen Gefühl, ganz als sei eine wunde Stelle in seinem Innern berührt worden. „Alles das ... ist doch nicht so. Sagen Sie mir lieber, wann Sie übersiedeln, mir wäre es – je früher – desto angenehmer; denn ich bin in einem Hotel abgestiegen, das ...“
Sie traten durch das Pförtchen und gingen über den Hof zur Straße.
„Aber da ist es doch das beste,“ fiel Lebedeff ein, „Sie ziehen sogleich zu mir herüber und leben so lange hier, bis wir dann übermorgen alle zusammen nach Pawlowsk auswandern!“
„Ich werde sehen,“ sagte der Fürst nachdenklich und trat aus dem Hof auf die Straße.
Lebedeff sah ihm verwundert nach. Ihn machte diese plötzliche Zerstreutheit des Fürsten stutzig: beim Fortgehen hatte er nicht einmal Adieu gesagt, nicht einmal mit dem Kopf genickt, das aber schien ihm mit der ihm bekannten Höflichkeit und Korrektheit des Fürsten ganz unvereinbar.
III.
Es war bereits zwölf Uhr. Der Fürst wußte, daß er bei Jepantschins in ihrer Stadtwohnung jetzt nur den General antreffen würde, und vielleicht nicht einmal diesen. Außerdem stand zu befürchten, daß der General ihn sogleich nach Pawlowsk würde mitnehmen wollen, er aber wollte vorher noch unbedingt einen bestimmten Menschen aufsuchen. Und so entschloß er sich, selbst auf die Gefahr hin, den General nicht mehr anzutreffen und die Fahrt nach Pawlowsk auf den nächsten Tag hinausschieben zu müssen, zuerst jenes Haus aufzusuchen, zu dem es ihn geradezu gewaltsam hinzog.
Dieser Besuch hatte indessen etwas Gewagtes für ihn. Er wußte eigentlich noch nicht, ob er gehen oder nicht gehen sollte. Die Adresse kannte er nicht genau; er wußte nur, daß das Haus in der Gorochowaja, nicht weit von der Ssadowaja lag, und so ging er in dieser Richtung weiter, während er sich innerlich beruhigte, daß er ja bis dahin noch Zeit genug haben würde, sich endgültig zu entscheiden.
Als er an die Kreuzung der beiden Straßen kam, wunderte er sich selbst über seine ungewöhnliche Aufregung: er hatte nicht gedacht, daß sein Herz so heftig schlagen würde. Ein Haus in der Gorochowaja zog, wahrscheinlich durch seine besondere Bauart, schon von weitem die Aufmerksamkeit des Fürsten auf sich, und er sagte sich: ‚Bestimmt ist es dieses Haus!‘ Mit fast schmerzhafter Neugier näherte er sich ihm, um sich zu überzeugen, ob seine Ahnung ihn nicht betrog; er fühlte, daß es ihm aus irgendeinem Grunde ganz besonders unangenehm sein würde, wenn er es erraten hätte. Es war ein großes, düsteres Haus von drei Stockwerken, ohne jeden architektonischen Schmuck, von dunkler, schmutziggrüner Farbe. Einige, übrigens nur sehr wenige Häuser dieser Art, die aus dem Ende des vorigen Jahrhunderts stammen, haben sich noch hier und da unverändert erhalten, selbst hier in diesen Straßen Petersburgs, wo sich sonst doch alles so schnell verändert. Sie sind sehr dauerhaft gebaut, mit dicken Mauern und verhältnismäßig nur wenigen Fenstern, die in der unteren Etage bisweilen noch mit einem starken Eisengitter versehen sind. Im Erdgeschoß befindet sich gewöhnlich eine Wechselbank, und der Besitzer, ein Sektierer (in der Regel ist es einer von der Skopzensekte), hat seine Wohnung in einem der oberen Stockwerke. Von außen wie von innen scheinen diese Häuser in gewisser Weise ungastlich zu sein, dunkel und ernst, alles scheint sich gleichsam zurückziehen und verbergen zu wollen, hinter allem scheint ein Geheimnis zu stecken, weshalb das aber so scheint, nur aus der Physiognomie des Hauses heraus so scheint – das wäre schwer zu erklären. Die architektonischen Linien und Umrisse haben natürlich ihr eigenes Geheimnis. In solchen Häusern leben, wie gesagt, fast ausschließlich Kaufleute. Als der Fürst an den Eingang des Hauses kam, blickte er auf das Schild über der großen Tür und las: „Haus des erblichen Ehrenbürgers Rogoshin.“
Der Fürst hatte sich entschlossen. Er öffnete die Glastür, die geräuschvoll hinter ihm zuschlug, als er eingetreten war und auf der steinernen Treppe zum zweiten Stockwerk emporzusteigen begann. Das ganze Treppenhaus war dunkel, massiv aus Stein gebaut, ohne jeden Schmuck, und die Wände waren dunkelrot angestrichen. Er wußte, daß Parfen Rogoshin mit seiner Mutter und seinem Bruder Ssemjon das ganze zweite Stockwerk dieses düsteren Hauses bewohnte. Der Bediente, der dem Fürsten öffnete, führte ihn sogleich, ohne ihn vorher anzumelden, durch mehrere große und kleine Räume: zuerst gingen sie durch einen großen Saal, dessen Wände nach altem Stil marmorartig bemalt waren, mit kostbarem Eichenparkett und den schweren geradlinigen Möbeln aus den zwanziger Jahren; dann folgten kleinere Räume, einzelne fast wie Käfige so klein, doch der Diener führte ihn immer noch weiter, im Zickzack bald nach rechts, bald nach links; zu manchen Zimmern stiegen sie zwei oder drei Stufen hinauf, um dann bald wieder ebensoviel Stufen hinabzusteigen, bis der Bediente endlich vor einer Tür stehen blieb und anklopfte.
Man hörte Schritte und die Tür wurde geöffnet – von Parfen Rogoshin. Als er den Fürsten erblickte, wich alles Blut aus seinem Gesicht, und er blieb wie zu Stein erstarrt stehen und sah ihn mit seinem unbeweglichen, fragend erschrockenen Blick an, während sein Mund plötzlich zuckte, als wolle er sich zu einem Lächeln verziehen, und dann lächelte er auch wirklich, wie in höchster Verwunderung. Es war, als hätte Rogoshin den Besuch des Fürsten für etwas ganz Unmögliches, für ein tatsächliches Wunder gehalten. Der Fürst hatte zwar etwas Derartiges erwartet, mußte sich nun aber doch selber darüber wundern.
„Parfen ... vielleicht komme ich dir nicht gelegen – dann will ich dich nicht stören,“ sagte er schließlich verwirrt.
„Doch! Doch!“ besann sich plötzlich Rogoshin, „bitte, tritt nur ein!“
Sie standen beide auf du und du. In Moskau waren sie oft und stundenlang zusammen gewesen, und es hatte in ihrem Zusammensein Augenblicke gegeben, die sich leider zu tief ins Herz geprägt hatten, um jemals von ihnen vergessen werden zu können. Jetzt hatten sie sich seit mehr als drei Monaten nicht gesehen.
Rogoshin war immer noch bleich, und von Zeit zu Zeit lief es wie ein plötzliches, kaum merkliches Zucken über sein Gesicht. Er hatte den Fürsten wohl aufgefordert, näher zu treten, doch seine ungewöhnliche Erregung und Verwirrung waren noch nicht vergangen. Während er den Fürsten zu einem der großen Lehnstühle am Tisch führte, blickte sich jener wie zufällig nach ihm um und blieb regungslos unter dem seltsamen Eindruck seines unbestimmbaren, schweren Blickes stehen. Es war dem Fürsten, als hätte ihn etwas durchbohrt, und gleichzeitig fühlte er sich an etwas erinnert – etwas Schweres, Finsteres, Düsteres ... vor ein paar Stunden Geschehenes. Regungslos, ohne sich zu setzen, blickte er Rogoshin unverwandt in die Augen; die waren im ersten Augenblick gleichsam noch mehr erglüht. Endlich lachte Rogoshin kurz und leise auf; doch aus diesem kurzen, fast lautlosen Lachen tönte eine gewisse Verwirrung hervor, lag etwas wie Verlorenes.
„Was siehst du mich so aufmerksam an?“ brummte er dann mit halblauter Stimme. „Setz dich!“
Der Fürst setzte sich.
„Parfen,“ sagte er, „sage mir aufrichtig: Wußtest du, daß ich heute in Petersburg eintreffen würde?“
„Daß du kommen würdest, das hab’ ich mir gedacht, und da hab’ ich mich, wie du siehst, auch nicht geirrt,“ sagte jener mit ironischem Lächeln. „Aber wie sollte ich wissen, daß du gerade heute kommen würdest!“
Die gewisse schroffe Heftigkeit und seltsame Gereiztheit der Frage, die seine Antwort in sich schloß, machten den Fürsten noch stutziger.
„Und wenn du auch gewußt hast, daß ich heute kommen würde, weshalb braucht man sich denn da zu ärgern?“ fragte der Fürst leise und augenscheinlich verwirrt.
„Wozu stellst du denn diese Frage?“
„Als ich heute morgen aus dem Kupee stieg, sah ich ein Augenpaar, das genau so aussah und so blickte wie deine Augen, als du soeben hinter meinem Rücken auf mich sahst.“
„Sieh mal an! Wessen Augen waren denn das?“ fragte Rogoshin mißtrauisch.
Dem Fürsten schien es, als sei er zusammengezuckt.
„Ich weiß nicht, in der Menge irgendwo ... Es will mir sogar scheinen, daß es mir nur so vorgekommen ist – ich fange jetzt wieder an, alles mögliche zu sehen. Und überhaupt, weißt du, fühle ich mich fast ebenso wie damals vor fünf Jahren, als ich noch meine epileptischen Anfälle hatte.“
„Nu was, vielleicht hat es dir auch nur so geschienen; ich weiß nicht ...“ brummte Parfen, und er versuchte, freundlich zu lächeln, doch dieses Lächeln paßte in diesem Augenblick nicht zu ihm, es war, als hätte er gewaltsam etwas unterdrücken wollen, und das gelang ihm nicht, wie sehr er sich auch dazu zwang.
„Was, nun geht’s wieder ins Ausland?“ fragte er, und plötzlich lachte er: „Aber weißt du noch, wie wir im Waggon dritter Klasse damals im Herbst aus Pskow kamen, ich hierher, und du ... in dem Kapuzenmantel, weißt du noch, und den Gamaschen?“
Und Rogoshin lachte, doch tat er es diesmal mit unverhohlenem Ingrimm, und ganz als hätte es ihn gefreut, daß er diesen Ingrimm wenigstens in irgendeiner Weise ausdrücken konnte.
„Lebst du jetzt ganz hier?“ fragte der Fürst, indem er sich im Kabinett umsah.
„Ja, ich bin hier zu Hause. Wo sollte ich denn sonst sein?“
„Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich habe von dir Dinge gehört, die ich dir gar nicht zugetraut hätte.“
„Als ob wenig erzählt werden kann,“ bemerkte Rogoshin trocken.
„Aber du hast doch die ganze Bande fortgejagt; selbst sitzt du zu Hause und machst keine Geniestreiche mehr. Ich dachte – das ist gut. Gehört das Haus dir oder euch gemeinsam?“
„Das Haus gehört der Mutter. Zu ihr geht man hier durch den Korridor.“
„Und wo wohnt dein Bruder?“
„Mein Bruder Ssemjon Ssemjonytsch wohnt im Seitenflügel.“
„Ist er verheiratet?“
„Witwer. Wozu fragst du das?“
Der Fürst sah ihn an, ohne zu antworten. Er war plötzlich wie in Gedanken versunken und hörte die Frage nicht. Rogoshin bestand nicht auf der Antwort, er wartete. Beide schwiegen.
„Ich habe dieses Haus, als ich herkam, schon auf hundert Schritt als das deinige erkannt,“ sagte der Fürst.
„Woran denn das?“
„Das weiß ich selbst nicht. Dein Haus hat die Physiognomie eurer ganzen Familie und eures ganzen Rogoshinschen Lebens; wenn du aber fragen wolltest, woraus ich das schließe, so könnte ich es dir mit nichts erklären. Wahn, natürlich. Es ängstigt mich sogar, daß mich das so beunruhigt. Ich hätte früher nie gedacht, daß du in solch einem Hause wohnst; als ich es jedoch erblickte, kam mir sogleich der Gedanke: ‚Aber genau so muß ja doch sein Haus sein, es kann ja gar nicht anders sein!‘“
„Sieh mal!“ sagte Rogoshin unbestimmt, das Gesicht kurz zu einem Lächeln verziehend. Er hatte den unklaren Gedanken des Fürsten nicht ganz verstanden. „Dieses Haus hat noch mein Großvater gebaut,“ bemerkte er. „Hier haben beständig Sektierer gewohnt, Skopzen, eine Familie Chludjäkoff. Und auch jetzt noch leben sie hier zur Miete.“
„Wie düster es hier ist! Im Düstern sitzt du,“ sagte der Fürst, sich im Kabinett umschauend.
Es war das ein großes Zimmer mit hoher, dunkler Decke, und auch alles übrige war ziemlich dunkel gehalten. Das ganze Zimmer war voll von allerhand Möbelstücken: da waren große Arbeitstische, ein Pult und an den Wänden große Schränke, in denen verschiedene Geschäftspapiere und noch andere Papiere aufgestapelt lagen. Ein großes, breites Kanapee, das mit rotem Saffianleder überzogen war, diente Rogoshin augenscheinlich als Schlafstelle. Der Fürst bemerkte auf dem Tisch, an dem sie beide saßen, ein paar Bücher. Eines von denen, die Russische Geschichte Ssolowjoffs, war aufgeschlagen und mit einem Lesezeichen versehen. An den Wänden hingen in einstmals vergoldeten, doch nun matt und braun gewordenen Rahmen einige stark nachgedunkelte Ölgemälde, auf denen man nur schwer noch etwas unterscheiden konnte. Dagegen zog ein lebensgroßes Männerporträt sofort die Aufmerksamkeit des Fürsten auf sich: es stellte einen etwa fünfzigjährigen Mann dar in einem langschößigen Rock, der jedoch deutschen Schnitt verriet, mit zwei Medaillen auf der Brust, einem sehr spärlichen, kurzen, grauen Bart, runzligem und gelbem Gesicht und einem argwöhnischen, verschlossenen und leidenden Blick.
„Ist das nicht gar dein Vater?“ fragte der Fürst.
„Er selbst,“ antwortete Rogoshin mit einem unangenehmen einmaligen Auflachen, ganz, als hätte er sich im nächsten Augenblick irgendeinen unzeremoniellen Scherz über seinen verstorbenen Vater erlauben wollen.
„Er war doch kein Altgläubiger?“
„Nein, er ging in die Kirche; aber es ist schon wahr, er sagte, daß der alte Glaube richtiger sei. Die Skopzen hat er auch immer sehr geachtet. Das hier war ja sein Kabinett. Wozu hast du das gefragt, das von der Altgläubigkeit?“
„Wirst du die Hochzeit hier feiern?“
„Hi–ier,“ antwortete Rogoshin langsam, doch war er bei der unerwarteten Frage kaum merklich zusammengezuckt.
„Bald?“
„Du weißt doch selbst: hängt es denn von mir ab?“
„Parfen, ich bin nicht dein Feind und will dich an nichts verhindern. Ich sage es dir jetzt nochmals, wie ich es dir schon früher einmal gesagt habe, in einer ähnlichen Stunde. Als in Moskau deine Trauung vollzogen werden sollte, bin ich nicht dazwischengetreten, das weißt du. Das erstemal kam sie von selbst zu mir gestürzt, fast vom Altare fort, und flehte mich an, sie vor dir zu ‚retten‘. Ich wiederhole nur ihre eigenen Worte. Dann lief sie auch von mir fort. Du suchtest sie wieder auf und brachtest sie wieder zum Altar, und da, sagt man mir, sei sie wieder von dir fortgelaufen und habe sich hierher geflüchtet. Ist das wahr? So hat es mir Lebedeff geschrieben, und deshalb bin ich auch hergekommen. Daß ihr euch aber hier wieder halbwegs ausgesöhnt habt, habe ich erst gestern im Eisenbahnkupee von einem deiner früheren Freunde erfahren, von Saljosheff, wenn es dich interessiert. Hergereist aber bin ich mit einer ganz bestimmten Absicht: ich will sie bereden, ins Ausland zu fahren, um dort für ihre Gesundheit etwas zu tun; denn sie ist sowohl geistig wie körperlich sehr der Pflege bedürftig ... namentlich macht mir ihr seelischer Zustand Sorge. Ich selbst wollte sie nicht ins Ausland begleiten, sondern beabsichtigte, es irgendwie ohne mich zu arrangieren, mich selbst dabei ganz aus dem Spiel zu lassen. Ich sage dir die volle Wahrheit. Wenn es aber wahr ist, daß ihr wieder einig seid, so werde ich mich überhaupt nicht mehr zeigen und auch zu dir werde ich dann nie mehr kommen. Du weißt, daß ich dich nicht betrügen werde; denn ich bin ja auch früher immer offen und ehrlich gegen dich gewesen. Ich habe dir auch meine Überzeugung nicht verschwiegen, daß die Heirat mit dir – ihr unbedingtes Verderben sein würde. Auch dein Verderben ... vielleicht sogar noch mehr als ihres. Wenn ihr wieder auseinandergehen solltet, wird es mich sehr beruhigen; doch habe ich deshalb noch nicht die Absicht, euch zu entzweien oder zwischen euch zu treten. Sei also in der Beziehung ganz ruhig und verdächtige mich nicht. Doch du weißt es ja selbst – bin ich denn jemals im Ernst dein Nebenbuhler gewesen, selbst damals, als sie von dir zu mir flüchtete? Da lachst du nun wieder dein kurzes Lachen! Ich weiß, weshalb du so kurz aufgelacht hast. Wir haben dort ganz getrennt gelebt, sogar in verschiedenen Städten, und das weißt du ja selbst ganz genau. Ich habe dir ja schon früher einmal erklärt, daß ich sie nicht ‚aus Liebe‘, sondern ‚aus Mitleid‘ liebe. Ich glaube es so ganz richtig zu bezeichnen. Du sagtest damals, daß du diese meine Worte begriffen hättest. Ist das nun wahr? Hast du sie wirklich begriffen? Du, weshalb siehst du mich jetzt so haßerfüllt an? Ich bin doch nur gekommen, weil auch du mir teuer bist. Ich liebe dich, Parfen. Ich werde jetzt fortgehen und niemals wiederkommen. Leb’ wohl.“
Der Fürst erhob sich.
„Bleib noch ein wenig bei mir,“ sagte Parfen leise, den Kopf in die rechte Hand gestützt, ohne sich zu erheben. „Ich habe dich lange nicht gesehen.“
Der Fürst setzte sich wieder. Beide schwiegen sie.
„Ich ... wenn ich dich nicht vor mir sehe, fühle ich gleich Haß gegen dich, Lew Nikolajewitsch. In diesen drei Monaten, da ich dich nicht gesehen habe, bin ich dir immerwährend, in jeder Minute böse gewesen, bei Gott. Ich hätte dich so genommen und erwürgt vor lauter Wut, sieh so! Und jetzt sitzt du noch keine Viertelstunde bei mir, und schon ist meine ganze Wut vergangen, und ich hab’ dich wieder so lieb wie früher. Bleib noch ein wenig bei mir ...“
„Wenn ich bei dir bin, dann glaubst du mir, und wenn ich nicht mehr da bin, dann hörst du sogleich auf mir zu glauben und verdächtigst mich wieder. Du bist wie dein Vater!“ sagte der Fürst mit freundschaftlichem Lächeln, bemüht, das Gefühl, das aus seinen Worten sprach, zu verbergen.
„Ich glaube deiner Stimme, wenn du bei mir bist. Ich begreife doch, daß man uns beide nicht vergleichen kann, dich und mich ...“
„Weshalb sagst du gerade das? Da bist du nun wieder gereizt,“ sagte der Fürst.
„Ach, hier, Freund, wird nicht nach unserer Meinung gefragt,“ entgegnete jener, „das ist schon ohne uns so bestimmt worden. Auch lieben tun wir ja beide ganz verschieden ... Ich will damit sagen, in allem ist eben ein Unterschied,“ fuhr er nach kurzem Schweigen leise fort. „Du liebst sie, sagst du, nur aus Mitleid. Ich aber empfinde nichts von Mitleid in mir, so was fühle ich gar nicht für sie. Und sie haßt mich ja auch nur, haßt mich mehr als alles andere. Jede Nacht träumt mir jetzt, daß sie mit einem anderen über mich lacht. Und so ist es auch, Freund. Sie wird mit mir zum Altar gehen; aber an mich auch nur dabei denken, das tut sie nicht, selbst das wird sie vergessen – es ist einfach so, wie wenn sie Schuhe wechselte. Glaubst du mir, ich habe sie schon seit fünf Tagen nicht gesehen; denn ich wage nicht hinzugehen: wenn sie nun fragt: ‚Wozu hast du dich herbemüht?‘ Hat sie mir denn wenig Schimpf angetan ...“
„Was – wieso Schimpf angetan? Was sagst du?“
„Als ob du’s selbst nicht weißt! Hast doch noch selbst vorhin ausgesprochen, daß sie ‚vom Altar‘ weg zu dir gelaufen ist.“
„Aber, du glaubst doch selbst nicht, daß ...“
„Und das mit dem Offizier, dem Semtjushnikoff in Moskau – war denn das kein Schimpf? Ich weiß es ganz genau, daß sie mir die Schande, die Schmach angetan hat, und das noch, nachdem sie schon selbst den Tag der Trauung bestimmt hatte.“
„Nicht möglich!“ rief der Fürst aus.
„Ich weiß es ganz genau,“ wiederholte Rogoshin in fester Überzeugung. „Was ‚keine solche‘, meinst du? Darüber, Bruder, darüber lohnt es sich gar nicht zu reden, daß sie keine solche ist. Mit dir wird sie keine solche sein und vielleicht wird sie vor diesen Sachen sogar Entsetzen empfinden, mit mir aber ist sie, siehst du, gerade eine solche. Das ist schon so. Sie hält mich für den letzten Pöbelkerl: als gehörte ich zum Gesindel. Mit Keller, mit diesem Leutnant, dem Boxer – hat sie, das weiß ich ganz genau, nur um über mich zu spotten angefangen ... Du weißt noch gar nicht alles, was sie in Moskau angestellt hat! Und wieviel Geld habe ich fortgeworfen ...“
„Ja, aber ... wie wirst du sie denn jetzt heiraten! ... Wie wird denn das später werden?“ fragte der Fürst ganz entsetzt.
Rogoshin sah ihm mit schwerem, furchtbarem Blick in die Augen und antwortete nichts.
„Jetzt bin ich schon fünf Tage nicht bei ihr gewesen,“ fuhr er nach einer Weile fort, als hätte er sein Schweigen vergessen. „Ich fürchte immer, daß sie mich hinausjagt. Ich bin immer noch meine eigene Herrin, sagt sie; wenn ich will, jage ich dich ganz von mir fort und fahre ins Ausland. – Das hat auch sie mir schon gesagt, daß sie ins Ausland fahren würde,“ fügte er plötzlich, wie zur Ergänzung noch hinzu, während er dabei dem Fürsten mit einem ganz besonderen Blick in die Augen sah.
„Manches Mal wiederum will sie mich nur erschrecken, immer bin ich ihr lächerlich. Ein anderes Mal aber verdüstert sich ihr Gesicht, sie runzelt die Stirn und spricht kein Wort mit mir. Das aber fürchte ich am meisten. Neuerdings dachte ich: ich werde von jetzt ab nicht mehr mit leeren Händen hinfahren, – da machte sie sich wieder nur lustig über mich und schließlich wurde sie sogar böse. Ihrer Kammerzofe, der Katjka, schenkte sie meinen Schal, den ich ihr als Geschenk mitgebracht hatte; aber wenn sie früher auch üppig gelebt und teure Sachen getragen hat, einen solchen Schal hatte sie vielleicht doch noch nie gesehen! Und davon, wann denn die Trauung sein soll, davon darf man überhaupt nicht zu sprechen anfangen. Was ist denn das für ein Bräutigam, der sich fürchtet, sie auch nur zu besuchen? So sitze ich denn hier, und wenn es unerträglich wird, dann gehe ich heimlich, schleichend an ihrem Hause vorüber, auf der Straße, oder ich verberge mich hinter einer Hausecke. Vor kurzem noch habe ich so eine ganze Nacht bis zum Morgen an ihrer Hofpforte Wache gestanden, – mir hatte damals so etwas geschienen ... Sie aber muß mich wohl aus dem Fenster beobachtet haben. ‚Was hättest du denn,‘ fragte sie später, ‚was hättest du denn mit mir getan, wenn du einem Betrug auf die Spur gekommen wärst?‘ Da hielt ich’s nicht aus und sagte: ‚Das weißt du selbst.‘“
„Was weiß sie denn?“
„Ja, wie soll ich’s denn wissen!“ lachte Rogoshin boshaft. „In Moskau hab’ ich sie damals mit keinem überraschen können, obschon ich ihr lange genug auflauerte. Da ging ich einmal zu ihr hin und sagte: ‚Du hast dein Wort gegeben, daß du dich mit mir trauen lassen wirst, du kommst in eine ehrenwerte Familie; weißt du aber auch, was für eine du jetzt bist? Sieh, solch eine bist du!‘ sagte ich.“
„Das sagtest du ihr ins Gesicht?“
„Ja.“
„Und?“
„‚Ich werde dich,‘ antwortete sie, ‚ich werde dich jetzt vielleicht noch nicht einmal als Diener zu mir nehmen, geschweige denn dich heiraten!‘ – ‚Und du glaubst, daß ich fortgehe?‘ fragte ich. – ‚Dann werde ich sofort Keller rufen,‘ sagte sie, ‚und ihm befehlen, dich hinauszuwerfen.‘ Da packte ich sie und schlug sie, bis sie blaue Flecken hatte.“
„Nicht möglich! Das kann nicht sein!“ stieß der Fürst atemlos hervor.
„Ich sage: es war so,“ sagte leise, doch mit blitzenden Augen Rogoshin. „Zwei Tage aß ich nicht, trank nicht, schlief nicht, ging nicht aus dem Zimmer hinaus, kniete vor ihr nieder. ‚Ich sterbe, aber ich gehe nicht eher fort,‘ sagte ich, ‚ich gehe nicht eher fort, als bis du mir verziehen hast; läßt du mich aber hinauswerfen, so ertränke ich mich, denn – was bin ich jetzt noch ohne dich?‘ Wie eine Wahnsinnige war sie den ganzen Tag: bald weinte sie, bald wollte sie mich mit dem Messer erstechen, bald drohte sie mit der Faust und begann mich wie eine Rasende zu beschimpfen, – jawohl, zu beschimpfen. Saljosheff, Keller, Semtjushnikoff, alle, alle rief sie zusammen, zeigte dann auf mich und begann mich wieder zu schmähen. ‚Gehen wir, meine Herren,‘ sagte sie dann, ‚gehen wir jetzt alle ins Theater, mag er hier allein sitzen, wenn er nicht fortgehen will, ich bin für ihn nicht angebunden. Ihnen aber, Parfen Ssemjonytsch, wird man hier in meiner Abwesenheit Tee bringen, Sie müssen ja ganz hungrig sein.‘ Aus dem Theater kehrte sie allein zurück. ‚Alle sind sie Feiglinge und Lumpen,‘ sagte sie, ‚alle haben sie Angst vor dir und da wollen sie natürlich auch mir Angst einflößen: sie behaupten, du würdest so nicht fortgehen, sondern mich vorher noch unbedingt ermorden. Ich aber werde, sieh, wenn ich dorthin in mein Schlafzimmer gegangen bin, die Tür nicht hinter mir zuschließen, sieh, so wenig fürchte ich dich! Damit du das ein für allemal weißt und siehst! Hast du Tee getrunken?‘ – ‚Nein,‘ sagte ich, ‚und ich werde es auch nicht.‘ – ‚Wenn das dir Ehre einlegen würde, wäre es etwas anderes, aber so – wenn du wüßtest, wie wenig das zu dir paßt.‘ Und wie sie gesagt hatte, so tat sie’s auch: die Tür zu ihrem Schlafzimmer blieb offen. Am nächsten Morgen kam sie – lachte. ‚Bist du denn ganz von Sinnen, sag’ doch? So wirst du ja noch vor Hunger sterben.‘ – ‚Vergib,‘ sagte ich. ‚Ich will nicht, und heiraten will ich dich erst recht nicht; es bleibt dabei, was ich gesagt habe. Hast du denn die ganze Nacht in diesem Lehnstuhl gesessen und nicht geschlafen?‘ – ‚Nein, ich habe nicht geschlafen,‘ sagte ich. – ‚Ach, wie klug! Und Tee trinken und essen wirst du wieder nicht?‘ – ‚Ich habe doch gesagt: Vergib!‘ – ‚Wenn du wüßtest, wie schlecht das zu dir paßt, wie ein Sattel zu einer Kuh! Oder ist es dir etwa in den Sinn gekommen, mich schrecken zu wollen? Daraus mache ich mir gerade viel, und daß du hier hungrig sitzt, ach, wie entsetzlich du mich damit einschüchterst!‘ Dann wurde sie böse, aber nicht auf lange, und dann begann sie wieder zu spotten und zu sticheln. Da wunderte ich mich über sie, daß doch eigentlich keine Bosheit in ihr war. Sonst vergißt sie doch Böses nicht so leicht, vergißt es lange nicht! Und da kam es mir in den Sinn, daß sie mich wohl für so niedrig hält, daß sie nicht einmal große Wut über mich empfinden kann. Und das ist wahr. ‚Weißt du auch, wer das ist: der römische Papst?‘ fragte sie. – ‚Ja, ich habe gehört, wer das ist,‘ sage ich. ‚Du, Parfen Ssemjonytsch, hast ja von der allgemeinen Geschichte nicht viel gelernt!‘ sagt sie. – ‚Ich habe überhaupt nichts gelernt,‘ sage ich. – ‚Dann werde ich dir etwas zu lesen geben, oder hör’ zu: Es war einmal ein Papst, und der wurde auf einen Kaiser böse, und dieser Kaiser lag drei Tage ohne Essen und Trinken barfuß auf den Knien vor dem Schloß des Papstes, bis dieser ihm verzieh. Was meinst du – was hat wohl der Kaiser in diesen drei Tagen, als er so barfuß dort kniete, bei sich gedacht und welche Rache dem Papst geschworen? ... Doch warte, ich werde es dir selbst vorlesen!‘ sagte sie und stand auf und brachte das Buch. ‚Es sind Verse,‘ sagte sie, und dann las sie mir vor, wie dieser Kaiser in diesen drei Tagen geschworen, sich an dem Papst zu rächen. ‚Gefällt dir das nicht, Parfen Ssemjonytsch?‘ fragte sie. – ‚Das stimmt alles, was du da gelesen hast,‘ sage ich. – ‚Aha,‘ rief sie aus, ‚du gibst also selbst zu, daß es stimmt, dann schwörst auch du jetzt Rache und sagst dir: Wenn sie mich erst geheiratet hat, dann werde ich ihr schon alles heimzahlen, dann werde ich mich dafür entschädigen!‘ – ‚Ich weiß nicht,‘ sag’ ich, ‚vielleicht denk’ auch ich so!‘ – ‚Wie, weißt du das denn nicht?‘ – ‚Ach,‘ sag’ ich ‚ich weiß es nicht, nicht daran denke ich jetzt.‘ – ‚Woran denkst du denn jetzt?‘ – ‚Wenn du aufstehst vom Stuhl, gehst du an mir vorüber, und ich sehe auf dich und folge dir mit dem Blick; dein Kleid wird rauschen und mir wird das Herz stillstehen, und wenn du hinausgegangen bist aus dem Zimmer, denke ich an jedes einzelne deiner Worte, was und wie und mit welch einer Stimme du es gesagt hast; diese ganze Nacht habe ich an nichts anderes gedacht, ich habe nur gehorcht, wie du im Schlafe atmetest und dich zweimal bewegtest ...‘ – ‚Ja, dann denkst du ja vielleicht,‘ lachte sie, ‚dann denkst du ja vielleicht auch daran gar nicht mehr, daß du mich geschlagen hast?‘ – ‚Vielleicht,‘ sag’ ich, ‚vielleicht denke ich auch daran nicht mehr, ich weiß nicht.‘ – ‚Wenn ich dir aber nicht verzeihe und dich nicht heirate?‘ – ‚Ich habe gesagt, ich ertränke mich.‘ – ‚Schlägst mich aber vorher wahrscheinlich noch tot ...‘ Sagte es und wurde nachdenklich. Dann wurde sie böse und ging aus dem Zimmer. Nach einer Stunde kommt sie wieder zu mir zurück, ernst, düster. ‚Ich werde dich heiraten, Parfen Ssemjonytsch,‘ sagt sie, ‚doch nicht deshalb, weil ich dich etwa fürchte, sondern weil es doch auf eins herauskommt, wo man umkommt. Wo ist’s denn besser? Setz’ dich,‘ sagt sie, ‚man wird dir gleich zu essen bringen. Wenn ich dich aber heirate,‘ fügte sie hinzu, ‚werde ich dir ein treues Weib sein, daran brauchst du nicht zu zweifeln, kannst ruhig sein.‘ Dann schwieg sie eine Weile und dann sagte sie noch: ‚Du bist doch kein Lakai – ich dachte früher, du seist ein echter, ein ganzer Lakai.‘ Und nun bestimmte sie selbst den Tag, an dem die Trauung stattfinden sollte; nach einer Woche aber lief sie von mir fort und flüchtete sich hierher zu Lebedeff. Als ich dann herkam, sagte sie: ‚Ich habe mich durchaus nicht von dir losgesagt, ich will es nur noch aufschieben, solange es mir paßt; denn ich bin ja doch noch ganz Herrin meiner selbst. Warte auch du, wenn du willst.‘ Siehst du, so stehen wir jetzt miteinander ... Was meinst du zu alledem, Lew Nikolajewitsch?“