Vierter Teil (continued 2)
E. K. Rahsin translation
„Zweifellos mußte ihm das auffallen, denn das bewies doch, daß nicht alle Edelleute oder vornehmeren Familien die Stadt verlassen hatten.“
„Eben, eben! Er wollte ja gerade den Adel für sich gewinnen! Als sein Adlerblick mich nun streifte, mußten wohl meine Augen aufgeleuchtet haben. ‚Voilà un garçon bien éveillé!‘ bemerkte er plötzlich zu seiner Suite. ‚Qui est ton père?‘ Ich antwortete ihm sofort, allerdings fast atemlos vor Aufregung: ‚Ein General, der auf dem Schlachtfelde fürs Vaterland gefallen ist.‘ – ‚Ah,‘ sagte er, ‚le fils d’un boyard et d’un brave par-dessus le marché! J’aime les boyards. M’aimes-tu, petit?‘ Auf diese schnelle Frage antwortete ich ebenso schnell: ‚Das Herz eines Russen ist fähig, selbst im Feinde seines Vaterlandes den großen Mann anzuerkennen!‘ Das heißt, ich weiß eigentlich nicht mehr genau, ob ich mich auch buchstäblich so ausdrückte ... ich war noch ein Kind aber der Sinn war jedenfalls derselbe. Napoleon war zuerst ganz überrascht, sann einen Augenblick nach und wandte sich dann zu seiner Suite. ‚Mir gefällt der Stolz dieses Kindes!‘ sagte er, ‚doch wenn alle Russen so denken wie dieser Knabe, dann ...‘ Er sprach den Satz nicht zu Ende und trat ins Palais. Ich mischte mich sogleich unter seine Suite und folgte ihm ins Palais. Man machte mir überall Platz und betrachtete mich bereits als Favorit. Aber das war ja alles nur Nebensache, ich bemerkte es kaum ... Ich entsinne mich nur noch, wie der Kaiser, gerade als ich in den ersten Saal eintrat, plötzlich vor dem Bildnis Katharinas der Zweiten stehenblieb, es nachdenklich lange betrachtete und schließlich sagte: ‚Das war eine große Frau!‘ und dann weiterging. Nach zwei Tagen kannte mich ein jeder im Palais und im ganzen Kreml, und man nannte mich nur noch ‚le petit boyard‘. Zu Hause, wo alles auf dem Kopf stand, fand ich mich erst abends ein, um frühmorgens wieder aufzubrechen und in den Kreml zurückzukehren. Da starb ganz unverhofft, am zweiten Tage nach dem Einzug in Moskau der Leibpage Napoleons, Baron de Bazancourt, der die Strapazen des Feldzuges nicht ausgehalten hatte. Napoleon erinnerte sich meiner: man suchte mich, brachte mich ins Palais, ohne mir ein Wort zu sagen, zog mir die Kleider des Verstorbenen an, eines Knaben von etwa zwölf Jahren, und erst als ich in der Leibpagenuniform dem Kaiser vorgestellt worden war und er mit dem Kopf genickt hatte, erklärte man mir den Sachverhalt und wozu man mich ausersehen hatte. Ich freute mich, denn ich empfand, und zwar schon seit langer Zeit, eine glühende Sympathie für ihn ... nun, und außerdem die glänzende Uniform, das bedeutet doch sehr viel für ein Kind, nicht wahr ... Ich trug einen dunkelgrünen Frack mit langen, schmalen Schößen, goldenen Knöpfen, roten, goldgestickten Ärmelaufschlägen, einem hohen, offenstehenden Kragen, gleichfalls mit Goldstickerei auf rot, und auf den Frackschößen ebenfalls Goldstickerei; dazu trug ich weiße sämischlederne Beinkleider, eine weißseidene Weste, seidene Strümpfe und Schnallenschuhe ... wenn aber der Kaiser ausritt und ich ihn mit der Suite begleitete, trug ich hohe Kanonenstiefel. War auch die Situation keine glänzende, und sah man auch noch viel größeres Unglück kommen, so wurde doch die Etikette nach Möglichkeit eingehalten, und zwar um so peinlicher, je mehr man das Unglück vorausfühlte.“
„Ja, natürlich ...“ murmelte der Fürst geradezu hilflos, „Ihre Memoiren würden sehr ... interessant sein.“
Der General, der natürlich ganz dasselbe wiedergab, was er am Abend vorher Lebedeff erzählt hatte, erzählte fließend. Doch diese Bemerkung des Fürsten erweckte wieder sein Mißtrauen und – prüfend sah er ihn an.
„Meine Memoiren,“ sagte er mit Stolz, „Sie meinen, ich soll meine Memoiren schreiben? Nein, das verlockt mich nicht, Fürst! Wenn Sie wollen ... so sind meine Memoiren bereits niedergeschrieben, nur ... sie liegen in meinem Pult. Mögen sie dann, wenn man mich begraben hat, erscheinen. Sie werden zweifellos in alle Sprachen übersetzt werden, nicht wegen ihrer literarischen Form, sondern wegen der Bedeutung dieser allerkolossalsten Tatsachen, die ich als Augenzeuge erlebt habe, wenn ich auch noch ein Kind war. Doch das ist schließlich noch ein Vorzug: als Kind bin ich, wie man sagt, in die intimste Kammer des großen Mannes eingedrungen, und das nicht etwa nur bildlich: ich habe in den Nächten das Gestöhn dieses vom Unglück erfaßten Riesen gehört! Vor mir, dem Kinde, tat er sich keinen Zwang an, obschon ich sehr wohl begriff, daß die Ursache seines Leidens – das Schweigen Kaiser Alexanders war.“
„Ja, richtig, er hat ja doch an Alexander Briefe geschrieben ... mit Friedensvorschlägen ...“ bemerkte der Fürst schüchtern.
„Genau wissen wir es nicht, welche Vorschläge er ihm gemacht hat, nur hat er tatsächlich an ihn täglich, fast stündlich einen Brief geschrieben, einen Brief nach dem anderen ... Er regte sich dabei natürlich über alle Maßen auf. Einmal in der Nacht – wir waren beide ganz allein – stürzte ich weinend zu ihm – oh, ich liebte ihn! – und ich flehte ihn an: ‚Bitten Sie, bitten Sie den Kaiser Alexander um Verzeihung!‘ Das heißt, ich hätte sagen sollen: ‚Schließen Sie mit ihm Frieden‘, doch als kleines Kind drückte ich meine Gedanken eben ganz naiv aus. Er nahm es mir aber nicht übel. ‚Mein Kind!‘ sagte er – er promenierte auf und ab im Zimmer –, ‚oh, mein Kind!‘ – er schien es damals gar nicht zu bemerken, daß ich erst zehn Jahre alt war, und er liebte es sogar, sich mit mir zu unterhalten. ‚Oh, mein Kind,‘ sagte er, ‚ich bin bereit, Kaiser Alexander die Füße zu küssen, doch dem König von Preußen und dem Kaiser von Österreich, oh, denen schwöre ich ewigen Haß und ... schließlich ... was verstehst du von Politik!‘ Es war, als hätte er plötzlich bemerkt, mit wem er sprach, und er verstummte, doch seine Augen sprühten noch Funken. Wollte ich nun all diese Tatsachen niederschreiben – und ich war Zeuge von noch weit wichtigeren Ereignissen –, wollte ich jetzt meine Memoiren herausgeben, so müßte ich all diese Kritiken über mich ergehen lassen, diese Reden des literarischen Ehrgeizes, diesen ganzen Neid und Parteigeist und ... nein, ich danke dafür!“
„Was Sie da vom Parteigeist sagen, ist sehr richtig,“ sagte der Fürst nach kurzem Schweigen. „Da habe ich vor nicht langer Zeit ein Buch von Charras, ‚Campagne de 1815‘, gelesen. Es ist augenscheinlich ein ernstes Buch, und, wie Fachmänner sich äußern, mit ungeheurer Kenntnis der Sache geschrieben. Nur spricht, finde ich, aus jeder Seite des Buches eine so große Freude über die Besiegung und Erniedrigung Napoleons, daß Charras sicherlich sehr froh sein würde, wenn man Napoleon auch auf Grund der anderen Kriege jedes Talent absprechen könnte. Das ist natürlich nicht gut in einem sonst so ernsten Buch, denn es ist doch nichts als, nun, eben Parteigeist. Waren Sie sehr in Anspruch genommen durch Ihren Dienst beim ... Kaiser?“
Der General war begeistert. Die ernste, treuherzige Frage des Fürsten zerstreute sein letztes Mißtrauen.
„Charras! Oh, auch ich war darüber entrüstet! Ich schrieb auch sogleich an ihn, nur ... ich entsinne mich im Augenblick nicht ganz ... Sie fragen, ob ich sehr in Anspruch genommen war? Oh, nein! Man nannte mich zwar Leibpage, aber ich faßte es ja doch selbst damals nicht als Ernst auf. Hinzukam, daß Napoleon bald jede Hoffnung verlor, den Russen näherzutreten, und so hätte er wohl auch mich vergessen, nachdem er mich aus Politik herangezogen, wenn ... wenn er mich nicht persönlich liebgewonnen hätte, was ich jetzt ruhigen Gewissens behaupten kann. Mich aber zog mein Herz zu ihm. Ein besonderer Dienst wurde von mir durchaus nicht verlangt: ich mußte ab und zu im Palais erscheinen und ... den Kaiser auf seinen Spazierritten zu Pferde begleiten, und das war alles. Ich ritt damals schon ganz gut. Er ritt gewöhnlich vor dem Diner aus, und seine Suite bestand dann meist aus Davoust, mir, dem Mameluken Rustan ...“
„Constant,“ entfuhr es plötzlich fast unbewußt dem Fürsten.
„N–ein, Constant war damals nicht in Moskau, er war unterwegs mit einem Schreiben an ... die Kaiserin Josephine; doch statt seiner waren gewöhnlich noch zwei Ordonnanzen da, einige polnische Ulanen ... nun, und das war seine ganze Suite, außer den Generalen, versteht sich, und Marschällen, von denen Napoleon sich stets begleiten ließ, um sich mit ihnen beraten zu können, das Terrain zu studieren, die Positionen der einzelnen Truppenteile, und so weiter ... Am häufigsten war Davoust bei ihm. Ich sehe ihn noch wie leibhaftig vor mir, diesen großen, stark gebauten, kaltblütigen Mann mit dem seltsamen Blick hinter den Brillengläsern. Mit ihm beriet sich der Kaiser am häufigsten. Er schätzte seine Meinung sehr hoch. Ich weiß noch genau: einmal hatten sie sich schon mehrere Tage lang beraten. Davoust war morgens und abends gekommen, sie hatten oft gestritten, endlich schien Napoleon nachzugeben. Sie befanden sich beide im Kabinett, er, Davoust und, fast unbemerkt von ihnen, ich als Dritter. Da fiel plötzlich ganz zufällig Napoleons Blick auf mich, und ein seltsamer Gedanke blitzte in seinen Augen auf. ‚Kind!‘ wandte er sich an mich, ‚was meinst du: wenn ich zur rechtgläubigen Kirche übertreten sollte und eure Leibeigenen befreite, würden mir die Russen dann folgen?‘ – ‚Niemals!‘ rief ich mit Unwillen. Napoleon war ganz betroffen. ‚In den Augen dieses Kindes, aus denen der Patriotismus glüht,‘ sagte er, ‚habe ich die Gesinnung des ganzen russischen Volkes gelesen. Genug, Davoust! Das war nur ein phantastischer Einfall. Legen Sie Ihr zweites Projekt vor.‘“
„Ja, aber auch dieses Projekt war ... ein großer Gedanke,“ sagte der Fürst, sichtlich interessiert. „Und Sie schreiben es Davoust zu?“
„Wenigstens beriet sich Napoleon mit ihm. Der Gedanke selbst stammte natürlich von Napoleon, dieser Adlergedanke, aber auch das andere Projekt war ... Das war jener ‚conseil du lion‘, wie Napoleon selbst diesen ihm von Davoust erteilten Rat nannte. Dieser Rat bestand darin, sich mit dem ganzen Heer im Kreml zu verschanzen, Baracken zu bauen, Befestigungen zu errichten, die Kanonen aufzustellen, möglichst viel Pferde zu schlachten und einzusalzen, möglichst viel Getreide aufzutreiben und so zu überwintern, um dann im Frühling sich durch die Russen durchzuschlagen. Dieses Projekt gefiel Napoleon sehr. Wir ritten hierauf täglich um die Kremlmauern, er ordnete selbst alles an, zeigte, wo Schanzen, wo Verhaue, wo Blockhäuser, Schutzwälle errichtet werden sollten – ein Blick, ein Wort und – die Sache war gemacht. Schließlich war man so weit, daß Davoust zur letzten, endgültigen Entscheidung drängte. Wieder waren sie beide ganz allein im Kabinett, nur ich war als Dritter zugegen. Wieder ging Napoleon mit verschränkten Armen auf und ab. Ich ließ ihn nicht aus den Augen, mein Herz klopfte stark. ‚Ich gehe‘, sagte Davoust. ‚Wohin?‘ fragte Napoleon. ‚Pferde einsalzen zu lassen‘, sagte Davoust. Napoleon zuckte zusammen, jetzt kam der Augenblick der Entscheidung. ‚Kind,‘ wandte er sich plötzlich an mich, ‚was meinst du zu unserem Vorhaben?‘ Natürlich fragte er mich nur, wie bisweilen der klügste Mensch in einer wichtigen Frage lieber das Los entscheiden läßt, als daß er’s selbst tut ... wie man eine Münze hinwirft und Adler oder Schrift entscheiden läßt. Doch statt an ihn wandte ich mich an Davoust und sagte, fast auf höhere Eingebung: ‚Sehen Sie lieber zu, General, daß Sie noch mit heiler Haut davonkommen!‘ Damit war das Projekt verworfen. Davoust zuckte nur mit der Achsel und brummte beim Hinausgehen: ‚Bah! Il devient superstitieux!‘ Am nächsten Tage wurde der Befehl zum Rückzug gegeben.“
„Das ist natürlich alles sehr interessant,“ murmelte der Fürst kaum hörbar, „wenn es nur auch wirklich so ... das heißt, ich will nur sagen ...“ beeilte er sich, sich zu verbessern.
„Oh, Fürst!“ rief der General, der selbst von seiner Erzählung so begeistert war, daß er sich nicht einmal mehr vor der größten Unvorsichtigkeit zurückzuhalten vermocht hätte. „Sie sagen: ‚wenn es nur auch wirklich so war!‘ Aber es war ja noch viel mehr, ich versichere Sie, es war ja noch viel mehr als das! Das waren ja nur erst kleine Nebensachen, politische Dinge. Aber ich versichere Sie, ich bin sogar Zeuge seiner nächtlichen Tränen gewesen, ich habe das Stöhnen dieses großen Mannes gehört, dessen aber kann sich außer mir keiner rühmen! Zum Schluß allerdings, da weinte er nicht mehr, er stöhnte nur noch, und sein Gesicht wurde immer finsterer. Es war, als hätte die Ewigkeit ihn bereits mit ihren dunklen Fittichen beschattet. In manch einer Nacht verbrachten wir beide ganze Stunden allein, schweigend – der Mameluk Rustan schnarchte im Nebenzimmer. Einen entsetzlich festen Schlaf hatte dieser Mensch. ‚Dafür ist er mir und meiner Dynastie treu ergeben‘, sagte Napoleon von ihm. Einmal tat er mir unsäglich leid, und plötzlich bemerkte er eine Träne in meinem Auge: gerührt blickte er mich an. ‚Du bemitleidest mich!‘ rief er aus, ‚nur du, Kind, tust es, und vielleicht wird es noch ein anderes Kind tun, mein Sohn, le roi de Rome! Die anderen alle hassen mich nur, und meine Brüder werden die ersten sein, die mich im Unglück verlassen!‘ Ich schluchzte laut auf und eilte zu ihm – da hielt auch er es nicht mehr aus, und Tränen stürzten ihm aus den Augen. ‚Oh, schreiben Sie, schreiben Sie an die Kaiserin Josephine!‘ bat ich ihn schluchzend. Napoleon zuckte zusammen, dachte nach und sagte dann zu mir: ‚Du hast mich an ein drittes Herz erinnert, das mich liebt. Ich danke dir, Freund!‘ Und er setzte sich sogleich an den Schreibtisch und schrieb an Josephine jenen Brief, mit dem dann am nächsten Tage Constant nach Paris geschickt wurde.“
„Das war sehr gut von Ihnen,“ sagte der Fürst, „mitten in seinen düsteren Gedanken riefen Sie ein lichtes Gefühl in ihm hervor.“
„Eben, Fürst, und wie gut Sie das zu erklären verstehen, das entspricht auch Ihrem eigenen Herzen!“ stimmte der General begeistert bei, und seltsam: Tränen, wirkliche Tränen glänzten in seinen Augen. „Ja, Fürst, ja, das war ein großer Anblick! Und wissen Sie, fast wäre ich mit ihm nach Paris gefahren, und dann hätte ich ihn, versteht sich, auch nach St. Helena begleitet, doch leider trennte uns das Schicksal! Er kam auf jene wüste Insel, wo er vielleicht in einer trüben Stunde an die Tränen jenes armen Knaben, der ihn einst umarmt und geküßt, gedacht hat. Ich aber – kam damals in die Kadettenschule, wo ich nichts als Strenge fand und die Roheit der Mitschüler und ... Und dann war alles aus! ‚Ich will dich deiner Mutter nicht entreißen, deshalb nehme ich dich nicht mit,‘ sagte er zu mir an dem Tage, als er Moskau verließ, ‚ich würde aber gern etwas für dich tun.‘ Er war schon im Begriff, in den Sattel zu steigen. ‚Schreiben Sie mir zum Andenken etwas ins Album meiner Schwester,‘ bat ich schüchtern, denn er war sehr zerstreut und düster. Er wandte sich wirklich zurück, verlangte eine Feder, nahm das Album. ‚Wie alt ist deine Schwester?‘ fragte er, die Feder bereits in der Hand. ‚Drei Jahre‘, antwortete ich. ‚Petite fille alors.‘ Und er schrieb ins Album:
‚Ne mentez jamais.‘ ‚Napoléon, votre ami sincère.‘
Ein solcher Rat in einem solchen Augenblick, Sie werden doch zugeben, Fürst, was!“
„Ja, das ist sehr bezeichnend.“
„Dieses Albumblatt hing unter Glas in einem goldenen Rahmen bis zum Tode meiner Schwester in ihrem Empfangszimmer, auf der sichtbarsten Stelle der Wand – sie starb im Wochenbett –, wo es jetzt ist, weiß ich nicht ... aber ... ach, mein Gott! Schon zwei Uhr! Wie ich Sie aufgehalten habe, Fürst! Das ist ja unverzeihlich!“
Der General erhob sich.
„Oh, im Gegenteil!“ murmelte der Fürst. „Sie haben mich so gut unterhalten und ... schließlich ... es war so interessant, ich bin Ihnen sehr dankbar dafür!“
„Fürst!“ sagte der General, indem er ihn mit blitzenden Augen unverwandt ansah und seine Hand fast schmerzhaft in der seinen drückte – er schien plötzlich wieder zur Besinnung gekommen und jetzt von irgendeinem klaren Gedanken ganz betroffen zu sein, doch das dauerte nur einen Augenblick. „Fürst!“ rief er aus, „Sie sind dermaßen gut und dermaßen harmlos, daß Sie mir bisweilen leid tun und ich Sie nur mit Rührung betrachten kann. Oh, möge Gott der Herr Sie segnen! Möge Ihr Leben jetzt gut beginnen und erblühen ... in der Liebe! Meines ist zu Ende! Oh, verzeihen Sie mir, verzeihen Sie!“
Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und verließ schnell das Zimmer. Wenigstens an der Echtheit seiner Aufregung konnte der Fürst nicht zweifeln, wenn er auch begriff, daß der Alte ihn nur vor Freude über seinen Erfolg ganz begeistert verlassen hatte. Er fühlte es, daß dieser Mensch zu jener Kategorie von Lügnern gehörte, die, wenn sie auch bis zur Leidenschaft, bis zur völligen Selbstvergessenheit lügen, selbst im Augenblick ihrer höchsten Ekstase im Herzen doch argwöhnen, daß man ihnen nicht glaube, und ja auch gar nicht glauben könne. In seiner gegenwärtigen Verfassung konnte der General, wenn er zur Besinnung gekommen war, sich unerträglich schämen, den Fürsten verdächtigen, daß er ihm nur aus übergroßem Mitleid zugehört habe, und sich dann selbst tief gekränkt fühlen.
„Wäre es nicht besser gewesen, ich hätte ihn nicht bis zu dieser Begeisterung gebracht?“ fragte sich der Fürst beunruhigt, doch plötzlich mußte er lachen. Zwar wollte er sich auch schon sogleich wieder Vorwürfe wegen dieses Lachens machen, sagte sich aber, daß er sich gar nichts vorzuwerfen habe, da der General ihm doch unendlich leid tat.
Seine Ahnung betrog ihn nicht: noch am Abend desselben Tages erhielt er einen sehr seltsamen, kurzen, aber entschlossenen Brief, in dem der General ihm mitteilte, daß er von ihm auf ewig Abschied nehme, daß er ihn zwar achte und ihm dankbar sei: doch werde er „jeden Ausdruck des Mitleids, der die Würde eines ohnehin schon erniedrigten Menschen noch mehr erniedrige, stets zurückweisen“. Dieser Brief beunruhigte den Fürsten nicht wenig, als er dann aber hörte, daß der Alte sich bei Nina Alexandrowna eingeschlossen hatte, sorgte er sich nicht weiter. Wie wir bereits erzählt haben, war der General inzwischen zu Jepantschins gegangen und hatte – um die Unterredung kurz wiederzugeben – Lisaweta Prokofjewna durch bittere Bemerkungen über seinen Sohn Ganjä empört, worauf er in beschämender Weise „verabschiedet“ worden war. Deshalb hatte er denn auch eine so schlechte Nacht verbracht und am Morgen die Szenen im Hause seines Schwiegersohnes aufgeführt, um dann, als er schließlich ganz den Kopf verloren, halb irrsinnig auf die Straße hinauszulaufen.
Koljä, der den Sachverhalt immer noch nicht ganz begriff, glaubte zuerst, ihn mit Strenge am ehesten zur Vernunft bringen zu können.
„Na, wohin soll’s denn jetzt gehen, General, was meinen Sie?“ fragte er. „Zum Fürsten wollen Sie nicht, mit Lebedeff haben Sie sich verzankt, Geld haben Sie nicht, und ich pflege niemals welches zu haben: da sitzen wir jetzt auf der Straße!“
„Mein Sohn, sitzen ist immer noch besser als stehen,“ antwortete der General belehrend. „Mit diesem ... Witz habe ich ... homerisches Gelächter hervorgerufen im ... Offizierskreise ... Das war im Jahre vierundvierzig ... Tausend ... achthundert und vierundvierzig, ja! Ich entsinne mich ... Oh, erinnere mich nicht, erinnere mich nicht daran. ‚Wo ist meine Jugend, wo blieb mein Lenz!‘ wie ... wie ... wer ... welcher Poet hat das doch ausgerufen, Koljä?“
„Gogol, Papa, in seinen ‚Toten Seelen‘“, sagte Koljä mit einem etwas ängstlichen Seitenblick auf den Vater.
„‚Die toten Seelen‘! Oh, ja die Toten! Wenn du mich beerdigt hast, dann schreibe auf mein Grab: ‚Hier ruht eine tote Seele!‘
‚Schmach und Schande verfolgen mich!‘ Wer hat das gesagt, Koljä?“
„Ich weiß nicht, Papa.“
„Nicht Jeropjegoff? ... Jeroschka Jeropjegoff!“ schrie er plötzlich laut wie außer sich und blieb auf der Straße stehen. „Und das soll mein Sohn, mein leiblicher Sohn sein! Jeropjegoff ist elf Monate lang wie ein Bruder zu mir gewesen, für ihn habe ich ein Duell ... Fürst Wygorezkij, unser Hauptmann, fragte ihn bei einer Flasche Wein: ‚Du, Grischa, wo hast du denn eigentlich deinen Annenorden verdient, wenn du mir das sagen könntest!‘ – ‚Auf den Schlachtfeldern meines Vaterlandes, wenn du’s wissen sollst!‘ – Ich schreie: ‚Bravo, Grischa!‘ Nun und da kam’s denn zum Duell, später aber heiratete er ... Marja Petrowna Ssu... Ssutugowa und ward erschossen in der Schlacht bei ... Die Kugel sprang von meinem Orden ab und traf gerade seine Stirn. ‚Ich werde dich nie vergessen!‘ rief er und fiel tot hin. Ich ... ich habe ehrlich dem Vaterlande gedient, Koljä, ich bin immer anständig gewesen, aber ... ‚Schmach und Schande verfolgen mich!‘ Du und Nina, nur ihr zwei werdet mein Grab besuchen ... ‚Arme Nina!‘ so pflegte ich sie früher stets zu nennen, Koljä, in der ersten Zeit ... das ist jetzt schon lange her ... sie hatte das so gern ... Nina, Nina! Was habe ich mit deinem Leben gemacht! Wofür kannst du mich lieben, du geduldige Seele! Deine Mutter ist ein Engel, Koljä, hörst du, ein Engel!“
„Ich weiß es, Papa. Papa, Täubchen, gehen wir zurück nach Haus zu Mama! Sie lief uns doch nach! Nun, was stehen Sie? Begreifen Sie denn nicht ... Nun, weshalb weinen Sie denn jetzt?“
Koljä weinte dabei selbst und küßte dem Vater die Hand.
„Du küßt mir die Hand, mir!“
„Ja, ja doch, Ihnen, Ihnen! Was ist denn dabei Wunderliches? Aber was weinen Sie denn hier mitten auf der Straße, und das noch dazu als General, als alter Soldat! Nun, gehen wir!“
„Gott segne dich dafür, mein kleiner Junge, daß du zu mir Schmählichem so ehrerbietig bist ... Ja, zum schmachbedeckten, elenden Greise, deinem Vater ... Mögest auch du einst einen solchen Sohn haben ... le roi de Rome ... Oh, ‚Fluch, Fluch diesem Hause‘!“
„Aber, was hat denn das zu bedeuten!“ rief plötzlich Koljä in seiner Angst aus. „Was ist denn geschehen? Weshalb wollen Sie jetzt nicht nach Hause kommen? Sind Sie denn ganz von Sinnen?“
„Ich werde dir erklären, alles erklären ... ich sage dir alles ... schrei nur nicht, man könnte es sonst hören ... le roi de Rome ... Oh, mir ist übel, mir ist traurig zumut!
‚Amme, sag’, wo ist dein Grab!‘
Wer hat das gesagt, Koljä?“
„Ich weiß nicht, ich weiß nicht, wer es gesagt hat! Gehen wir jetzt nach Haus, aber ohne Umwege, sofort! Ich werde schon den Ganjä durchhauen, wenn’s nötig ist ... aber wohin wollen Sie denn jetzt wieder?“
Der General zog ihn zur Treppe eines Hauses, von dem sie nicht weit entfernt waren.
„Wohin wollen Sie? Das ist doch ein fremdes Haus!“
Doch der General ließ sich nicht aufhalten, setzte sich auf eine Stufe der Treppe und zog Koljä immer noch näher zu sich heran.
„Beug’ dich zu mir!“ murmelte er. „Ich werde dir alles sagen ... die Schmach ... beug’ dich ... dein Ohr ... ich will dir ins Ohr sagen ...“
„Aber was denn!“ rief Koljä unsäglich erschrocken, hielt aber doch sein Ohr hin.
„Le roi de Rome ...“ flüsterte der General, der am ganzen Körper zu zittern schien.
„Was? ... Was wollen Sie mit dem roi de Rome ... Was?“
„Ich ... ich ...“ flüsterte wieder der General, immer schwerer sich auf die Schulter seines lieben Knaben stützend, „ich ... will ... ich werde dir ... alles, Marja, Marja ... Petrowna Ssu-ssu-ssu ...“
Koljä fuhr zurück, ergriff den Vater an den Schultern und starrte ihm bleich vor Schreck ins Gesicht, das plötzlich purpurrot wurde, während die Lippen sich blau färbten. Ein krampfhaftes, zitterndes Zucken lief über seine Züge. Plötzlich senkte sich der Oberkörper und sank immer schwerer auf Koljäs stützende Arme.
„Schlag!“ schrie plötzlich Koljä laut über die ganze Straße, nachdem er endlich erraten, was geschehen war.
V.
Warwara Ardalionowna hatte im Gespräch mit ihrem Bruder alles, was sie bei Jepantschins über die „Verlobung“ des Fürsten mit Aglaja in Erfahrung gebracht, genau genommen, ziemlich übertrieben. Allerdings war es möglich, daß sie mit dem Instinkt der echten Frau aus den erhaltenen Mitteilungen das Bevorstehende um so sicherer erraten hatte. Vielleicht aber hatte sie sich nach der eigenen Enttäuschung bloß die Genugtuung nicht versagen können, auch dem Bruder, den sie sonst aufrichtig liebte, eine ebenso große, wenn nicht noch viel größere Enttäuschung zu bereiten. Jedenfalls ist es nicht anzunehmen, daß ihre Freundinnen sie so genau unterrichtet hatten: es werden wohl nur Andeutungen oder mit Schweigen übergangene Fragen gewesen sein, aus denen dann Warjä selbst das Weitere gefolgert hatte. Vielleicht hatten auch Aglajas Schwestern mit Absicht manches verlauten lassen, um auf diese Weise selbst von Warjä etwas zu erfahren. Endlich aber konnte es sich noch so verhalten, daß auch sie ihre ehemalige Gespielin ein wenig ärgern wollten, denn daß sie in dieser langen Zeit überhaupt nichts von Warjäs Plänen erraten haben sollten, ist wohl nicht anzunehmen.
Andererseits kann man auch vom Fürsten sagen, daß er sich in einem kleinen Irrtum befand, als er Lebedeff versicherte, daß er ihm nichts besonderes mitzuteilen habe, da mit ihm nichts besonderes geschehen sei. Das war gerade das Eigentümliche an der Sache: es war allerdings nichts geschehen, dabei war aber doch sehr viel geschehen, und gerade das hatte Warwara Ardalionowna mit ihrem sicheren weiblichen Instinkt sogleich erraten.
Wie es nun eigentlich gekommen war, daß bei Jepantschins plötzlich alle in dem Gedanken, Aglaja stehe vor einem entscheidenden Schritt und es sei etwas Besonderes mit ihr vorgefallen, übereinstimmten, dürfte nicht leicht zu erklären sein. Doch kaum war dieser Gedanke aufgetaucht – seltsamerweise kam er allen fast zu gleicher Zeit –, als auch alle sogleich überzeugt waren, daß sie es „schon längst“ bemerkt und „klar vorausgesehen“ hätten, und zwar habe es bereits mit dem „Armen Ritter“ begonnen, oder noch früher, nur habe man an etwas so Widersinniges anfangs überhaupt nicht glauben wollen. So wenigstens behaupteten die Schwestern. Natürlich hatte Lisaweta Prokofjewna alles noch viel früher „vorausgesehen“, und „lange schon“ hatte ihr das Herz „deshalb weh getan“; doch ob nun lange oder nicht lange, jedenfalls war ihr der Gedanke an den Fürsten quälend, und das hauptsächlich deshalb, weil sie so gar nicht wußte, was sie nun eigentlich denken sollte. Vorläufig war ihr nur eines klar: daß es sich hier um eine Frage handelte, über die sie unverzüglich mit sich selbst ins reine kommen mußte; nur konnte sich die arme Lisaweta Prokofjewna nicht einmal die Frage, d. h. worin diese Frage nun eigentlich bestand, klar und deutlich vorlegen, von einem „Ins-Reine-Kommen“ ganz zu schweigen. Die Sache war in der Tat nicht einfach: War nun der Fürst überhaupt annehmbar? oder war er es nicht? War das alles gut? oder war es nicht gut? Wenn es nicht gut war – und das war es zweifellos – worin bestand dann das Schlechte? Wenn es aber vielleicht gut war – das war ja schließlich auch nicht so ganz unmöglich – worin bestand dann wiederum das Gute? Das Familienoberhaupt, der General Iwan Fedorowitsch, war ganz zuerst nur einfach erstaunt und völlig baff, dann aber vernahm seine Gattin wirklich das Geständnis von ihm, daß doch, „bei Gott, auch ihm die ganze Zeit so etwas Ähnliches geschienen habe, zwar nicht ohne weiteres und nicht immer, aber mitunter doch so wie in etwa ...“ Er verstummte aber schnell unter dem Blick seiner Gemahlin. Das war am Morgen – am Abend jedoch, als er mit ihr allein war und sich wiederum zu einer Meinungsäußerung gezwungen sah, sprach er ebenso plötzlich, doch auffallend gut gelaunt ein paar äußerst unerwartete Gedanken aus: „Aber schließlich – was ist denn dabei so schlimm? ...“ meinte er. Die Antwort der Generalin war Schweigen. „Natürlich ist das alles immerhin sehr seltsam, vorausgesetzt, daß überhaupt etwas daran ist, doch im übrigen ...“ Schweigen. „Andererseits aber, wenn man die Dinge positiv betrachtet, das heißt, so wie sie sind, so ist doch der Fürst, bei Gott, ein prächtiger Junge und ... und ... nun und schließlich ist doch auch der Name etwas wert, der Name eines alten Geschlechts, und so etwas nimmt sich doch gar nicht übel aus, ist sozusagen eine Aufrechterhaltung des alten Stammes, und somit in den Augen der Gesellschaft ... das heißt, ich meine nur ... Gesellschaft bleibt Gesellschaft ... Und dann: der Fürst ist ja auch gerade kein Armer, wenn er auch gerade kein Millionär ist, und ... und ... hm! ...“ Das Schweigen dauerte an, und Iwan Fedorowitsch verstummte endgültig.
Als Lisaweta Prokofjewna ihren Mann angehört hatte, war sie über alle Maßen empört.
Ihrer Meinung nach war alles nur ein „unverzeihlicher und sogar im höchsten Grade unschicklicher Unsinn, irgendein dummer phantastischer Einfall und weiter nichts!“ Und zwar allein schon deshalb, weil „dieser elende Fürst ein kranker Idiot, erstens, und zweitens ein Dummkopf ist, der weder die Welt kennt noch eine Stellung in der Welt einnimmt. Wem zeigst du ihn, wo kannst du ihn unterbringen? Ein Mensch mit ganz unmöglichen demokratischen Ideen, und nicht einmal im Staatsdienst steht er, und ... und was wird die Bjelokonskaja sagen? Haben wir denn einen solchen, einen solchen Mann für Aglaja erwartet?“ Das letzte Argument war selbstverständlich das wichtigste. Ihr Mutterherz erzitterte bei diesem Gedanken und „weinte blutige Tränen“, wenn sich auch gleichzeitig in diesem Herzen etwas regte, das ihr plötzlich ganz gegen ihren Willen die Frage aufzwang: „Aber weshalb ist denn der Fürst nicht der Richtige für Aglaja?“ Diese Widerlegungen des eigenen Herzens waren es gerade, die der armen Lisaweta Prokofjewna am meisten zu schaffen machten.
Aglajas Schwestern jedoch erschien der Gedanke, den Fürsten zum Schwager zu bekommen, durchaus nicht so unmöglich und sogar nicht einmal sonderbar; im Gegenteil, sie waren sogar sehr für ihn, nur schienen sie beide stillschweigend beschlossen zu haben, vorläufig noch zu schweigen. Sie wußten aus alter Erfahrung, daß die Mutter, wenn sie sich am hartnäckigsten einer Sache widersetzte, sich dann im Herzen bereits halbwegs mit ihr ausgesöhnt hatte. Übrigens konnte Alexandra Iwanowna doch nicht lange bei ihrem Schweigen bleiben: da es der Mutter nun einmal zur Angewohnheit geworden war, ihre Älteste in allen schwierigen Dingen um Rat zu fragen, so rief sie sie auch jetzt fast stündlich zu sich, um ihre Meinung zu hören oder – und das vor allen Dingen – um sie immer wieder zu fragen, wie das nur alles gekommen wäre, warum es niemand früher bemerkt, weshalb man nicht früher davon gesprochen habe? Und was hatte dieser verwünschte „Arme Ritter“ zu bedeuten gehabt? Warum war sie, Lisaweta Prokofjewna, allein dazu verurteilt, sich um alle zu sorgen, alles zu bemerken und zu erraten, während die anderen einfach schliefen? Alexandra Iwanowna war anfangs etwas vorsichtig und bemerkte nur, daß ihr die Auffassung des Vaters, die Gesellschaft würde die Verbindung einer Jepantschin mit dem Fürsten Myschkin nur gutheißen, sehr richtig erschiene. Doch allmählich geriet sie in Eifer und erklärte unumwunden, daß der Fürst durchaus kein „Dummkopf“ sei, und was seine Bedeutung in der Gesellschaft anlange, so könne man doch gar nicht wissen, wonach in ein paar Jahren das Ansehen eines Menschen in Rußland beurteilt werden würde: ob immer noch nach dem alten Maßstabe, den pflichtschuldigen Erfolgen im Staatsdienst, oder nach etwas ganz anderem. Auf alle diese Äußerungen hatte die Generalin nur die eine Antwort, daß Alexandra eine Freidenkerin und daß alle ihre Ansichten auf „diese unselige Frauenfrage“ zurückzuführen seien. Eine halbe Stunde später fuhr Lisaweta Prokofjewna nach Petersburg, wo sie sich nach dem Kamennyj Ostrow[30] begab, um die alte Fürstin Bjelokonskaja, die nur auf kurze Zeit nach Petersburg gekommen war, zu besuchen. Die Fürstin war Aglajas Taufmutter.
Die alte Bjelokonskaja vernahm alle fieberhaften und verzweifelten Geständnisse Lisaweta Prokofjewnas mit ungewöhnlicher Ruhe und ließ sich auch von ihren Tränen nicht rühren, ja fast blickte sie spöttisch auf sie herab. Sie war eine große Despotin, die auch jetzt noch, nach fünfunddreißigjähriger Freundschaft, ihre Lisaweta Prokofjewna gewissermaßen als ihren Schützling betrachtete. Deshalb war ihr jede Selbständigkeit an der Generalin zum mindesten nicht nach Wunsch. In ihrer Antwort bemerkte sie unter anderem, daß „man bei euch, meine Liebe, nach alter Gewohnheit wieder aus einer Mücke einen Elefanten gemacht hat. Oder wäre es nicht besser, man wartete noch ein wenig ab!?“ Übrigens halte sie den Fürsten für einen sehr anständigen jungen Mann, allerdings sei er krank, ein Sonderling und von etwas gar zu geringer Bedeutung. Das Schlimmste sei jedoch, daß er ganz offiziell eine Geliebte unterhalte. Lisaweta Prokofjewna begriff natürlich, daß die Bjelokonskaja sich noch immer ein wenig über den Mißerfolg Jewgenij Pawlowitschs ärgerte, da sie ihn ganz besonders empfohlen hatte. Im übrigen kehrte sie noch gereizter nach Pawlowsk zurück, als sie fortgefahren war. Zu Hause angelangt, erhielten alle Familienmitglieder sogleich einen Verweis, hauptsächlich deshalb, weil sie „sämtlich verrückt geworden“ seien und es entschieden in keinem anderen Hause so zugehe wie bei ihnen. „Was ist denn eigentlich geschehen? Weshalb dieses Geschrei? Ich wenigstens vermag nichts zu entdecken, nichts, das von so außerordentlicher Wichtigkeit wäre! Wartet doch, bis erst etwas geschieht! Vieles, was Iwan Fedorowitsch ‚so vorkommt‘ – was ist’s in Wirklichkeit? Man kann doch nicht immer aus einer Mücke einen Elefanten machen!“ usw. usw.
Somit ergab sich also, daß man sich beruhigen, kaltblütiger werden und warten mußte. Aber ach, das war leichter gesagt als getan: die Ruhe dauerte keine zehn Minuten. Den ersten erschütternden Stoß erhielt Lisaweta Prokofjewnas „Kaltblütigkeit“ durch die Mitteilung dessen, was sich während ihrer Abwesenheit zugetragen hatte. (Es war das am Tage nach jenem nächtlichen Besuch des Fürsten, als er, im Glauben, es sei erst zehn Uhr, um ein Uhr nachts bei ihnen erschienen war.) Die Schwestern erzählten auf die immer ungeduldiger werdenden Fragen der Generalin, daß eigentlich „so gut wie nichts“ in ihrer Abwesenheit geschehen sei, der Fürst sei nur gekommen, Aglaja habe sich jedoch lange nicht gezeigt, erst nach etwa einer halben Stunde wäre sie dann erschienen und habe dem Fürsten sogleich den Vorschlag gemacht, eine Partie Schach zu spielen. Da nun der Fürst ein sehr schlechter Schachspieler sei, habe ihn Aglaja mit Leichtigkeit geschlagen, sich sehr darüber gefreut, ihn wegen seines Nichtkönnens gehörig aufgezogen und so über ihn gelacht, daß der Fürst ihnen geradezu leid getan habe. Darauf habe sie ihm eine Partie „Duraki“[31] vorgeschlagen, doch hier sei es umgekehrt gekommen: der Fürst habe sich als ein vorzüglicher Durakispieler erwiesen, er habe „wirklich meisterhaft gespielt, wie ... wie ein Professor“. Aglaja habe zwar auf alle Arten zu gewinnen versucht, habe betrogen, die Karten falsch ausgegeben und vor seinen Augen seine Stiche gestohlen, doch trotzdem habe der Fürst sie jedesmal zum „Durak“ gemacht, von fünf Partien habe sie keine einzige gewonnen. Das habe Aglaja über alle Maßen geärgert, sogar so sehr, daß sie sich völlig vergessen und dem Fürsten solche Anzüglichkeiten und Ungezogenheiten ins Gesicht gesagt habe, daß der Fürst nicht nur zu lachen aufgehört habe, sondern sogar ganz bleich geworden sei, bis sie schließlich ausgerufen, daß sie dieses Zimmer nicht mehr betreten werde, solange er hier säße, und daß es von ihm geradezu gewissenlos sei, sie weiterhin zu besuchen, und noch dazu um ein Uhr nachts ins Haus zukommen –: „nach allem, was geschehen sei!“ Und damit sei sie hinausgegangen und habe zornig die Tür hinter sich zugeschlagen. Der Fürst sei hierauf aufgestanden und ungeachtet all ihrer Beruhigungen und Trostversuche so traurig wie von einer Beerdigung heimgegangen.
Doch siehe da, kaum eine Viertelstunde nach dem Fortgehen des Fürsten sei Aglaja ganz plötzlich aus ihrem Zimmer, das im oberen Stock lag, die Treppe heruntergerast und auf die Terrasse gelaufen – alles das in einer solchen Eile, daß sie ihre verweinten Augen nicht einmal zu verbergen gesucht habe, und zwar deshalb, weil – Koljä mit einem Igel erschienen war. Alle hatten sich alsbald um den Igel versammelt und ihn interessiert betrachtet. Auf ihre Fragen habe Koljä erklärt, daß der Igel nicht ihm gehöre; er, Koljä, sei mit seinem Freunde, dem Gymnasiasten Kostjä Lebedeff, der unten auf der Straße auf ihn warte (dieser hatte sich geniert, einzutreten, da er ein Beil trug), sei also mit diesem Kostjä Lebedeff gegangen, und unterwegs hätten sie von einem Bauern, der ihnen begegnet, den Igel für fünfzig Kopeken gekauft, und dann hätten sie ihn noch beredet, ihnen auch das Beil zu verkaufen, denn es wäre doch eine gute Gelegenheit und ein sehr gutes Beil gewesen. Da habe Aglaja plötzlich den Koljä flehentlich zu bitten begonnen, ihr den Igel zu verkaufen, ja, sie habe sogar „lieber, lieber Koljä“ zu ihm gesagt, doch Koljä habe lange nicht eingewilligt, endlich aber habe er sich erweichen lassen und Kostjä Lebedeff gerufen, der dann auch mit seinem Beil erschienen und sehr verlegen gewesen sei. Da aber hatte es sich dann plötzlich herausgestellt, daß der Igel gar nicht ihnen, sondern einem dritten Jungen gehörte, einem gewissen Petroff, der ihnen Geld gegeben hatte, damit sie ihm Schlossers „Weltgeschichte“ von irgendeinem vierten Jungen, der das Werk infolge Geldmangels billig abgab, kaufen sollten; sie aber hatten nun, statt Schlossers „Weltgeschichte“, unterwegs diesen Igel gekauft, da sie beide der Versuchung nicht hatten widerstehen können: folglich aber gehörten der Igel und das Beil jenem dritten Jungen, dem sie sie nun an Stelle der Weltgeschichte zu überbringen im Begriff gewesen waren! Doch Aglaja habe nicht nachgelassen und immer dringender gebeten, bis die Jungen sich zum Verkauf des Igels entschlossen hätten. Hierauf habe Aglaja den Igel sogleich mit Koljäs Hilfe in ein Körbchen eingepackt und mit einer Serviette hübsch zugedeckt. Und dann habe sie Koljä gebeten, „sogleich, unverzüglich, ohne sich irgendwo aufzuhalten“, dieses Körbchen dem Fürsten zu bringen, mit der Bitte, es in ihrem Namen als „Beweis ihrer größten Hochachtung empfangen zu wollen“. Koljä habe mit Freuden eingewilligt, habe aber sogleich, naseweis wie er war, zu fragen begonnen, was denn dieser Igel und ein solches Geschenk überhaupt für eine Bedeutung habe. Aglajas Antwort sei gewesen, daß das nicht seine Sache sei und ihn somit nichts angehe. Hierauf habe Koljä geäußert, daß seiner Überzeugung nach der Igel unbedingt ein Symbol sein müsse. Darüber habe sich Aglaja geärgert und ihm gesagt, er sei ein „dummer Bengel und weiter nichts“. Doch Koljä, der auch nicht auf den Mund gefallen sei, habe sofort entgegnet, daß er, wenn er in ihr nicht das Weib und überdies seine Überzeugungen achtete, ihr unverzüglich beweisen würde, daß er auf eine solche Beleidigung zu entgegnen wisse. Geendet habe der Streit aber doch damit, daß Koljä strahlend mit dem Igel abgezogen sei, gefolgt von dem gleichfalls strahlenden Kostjä Lebedeff. Als jedoch Aglaja, die ihnen nachgeschaut, bemerkt hatte, daß Koljä den Korb schaukelte, habe sie ihm von der Terrasse fast ängstlich nachgerufen: „Koljä, Täubchen, bitte, werfen Sie den Igel nicht heraus!“ ganz als hätte sie sich durchaus nicht soeben noch mit ihm gezankt. Und da sei denn Koljä stehengeblieben und habe ebenso freundlich, d. h. gleichfalls so, als wäre nichts Böses vorgefallen, und mit der größten Bereitwilligkeit, zurückgerufen: „Nein, ich werde ihn nicht herauswerfen, Aglaja Iwanowna. Sie können ganz ruhig sein!“ worauf er seinen Weg eilig und freudig fortgesetzt hatte. Aglaja aber habe entsetzlich zu lachen begonnen und sei äußerst zufrieden in ihr Zimmer zurückgekehrt und überhaupt den ganzen Tag überaus lustig gewesen.
Lisaweta Prokofjewna war wie betäubt. Doch im Grunde genommen: was war denn schließlich so Ungeheuerliches geschehen? Nichtsdestoweniger erreichte ihre Unruhe die äußerste Grenze. Die Hauptsache war – der Igel! Was bedeutet ein Igel? Was sollte dieses Geschenk? Was sollte das, was hieß das, was war darunter zu verstehen?! Zum Unglück mußte Iwan Fedorowitsch, der gerade zugegen war, durch seine Antwort die Sache noch beängstigend verschlimmern. Seiner Meinung nach war hier „gar nichts darunter zu verstehen, ein Igel ist ein Igel und weiter nichts – höchstens, daß er noch Freundschaft bedeutet, vergessene Kränkung, Versöhnung und so weiter, kurz und gut, das Ganze ist doch nur ein Scherz, jedenfalls aber ein unschuldiger und verzeihlicher.“
Nebenbei bemerkt – er hatte alles vollkommen richtig erraten. Der Fürst war, nachdem er von Aglaja verspottet und beschimpft und fast hinausgeworfen worden, nach Hause zurückgekehrt, und hatte wohl über eine halbe Stunde in einer düsteren, fast verzweifelten Stimmung verbracht – als plötzlich Koljä mit dem Igel im Körbchen erschien. Da klärte sich der Himmel im Augenblick auf: der Fürst schien förmlich von den Toten aufzuerstehen, überschüttete Koljä mit Fragen, hing an seinen Lippen, fragte wieder und nochmals, so daß Koljä dem Inhalte nach wohl zehnmal ein und dasselbe erzählte. Der Fürst war selig wie ein Kind und blickte mit sonnigen Augen die Knaben an, die auch ihn mit lachenden Blicken betrachteten und die seinen Händedruck – er dankte unzählige Male – ebenso froh und von Herzen erwiderten. Aglaja hatte ihm also verziehen! und nun konnte er wieder zu ihr gehen! konnte noch an diesem Abend hingehen! das aber war doch die Hauptsache – mehr verlangte er ja gar nicht!
„Was für Kinder wir doch noch sind, Koljä! und ... und ... wie gut das doch ist, daß wir solche Kinder sind!“ rief er zu guter Letzt ganz begeistert aus.
„Ach, ganz einfach, sie ist in Sie verliebt, Fürst, und das ist alles!“ versetzte Koljä überzeugt.
Der Fürst wurde feuerrot, sagte aber diesmal kein Wort, während Koljä schallend auflachte und vor Freude in die Hände klatschte. Nach einer Weile lachte auch der Fürst, dann aber blickte er alle fünf Minuten nach der Uhr, um zu sehen, ob noch viel Zeit bis zum Abend sei und ob er nicht schon hingehen könne.
Bei Jepantschins aber war es zu Ende mit der Kaltblütigkeit: Lisaweta Prokofjewna war mehr als nervös, war geradezu hysterisch erregt und ließ, ungeachtet der Einwendungen ihres Gatten und der beiden älteren Schwestern, Aglaja sogleich zu sich rufen, um von ihr eine „endgültige, klare Antwort zu erhalten, damit das endlich einmal aufhört und man die Geschichte ein für allemal vom Halse hat, denn sonst – bin ich noch vor dem Abend tot, einfach tot!“
Wie groß aber war ihre Verwunderung, von Aglaja nichts anderes zu hören, als – nach scheinbarem Erstaunen – Ausdrücke des Unwillens, sowie spöttische Bemerkungen und Gelächter über den Fürsten und über „dieses ganze Verhör“. Lisaweta Prokofjewna legte sich halb krank zu Bett und stand erst zum Tee wieder auf, da sie den Fürsten erwartete. Als dieser dann auch endlich erschien, konnte sie sich kaum noch beherrschen vor innerer Unruhe.
Schüchtern, fast ganz verzagt, trat der Fürst ein, mit einem seltsamen Lächeln im Gesicht und einem noch seltsameren Blick, mit dem er jedem in die Augen sah, und der fragen zu wollen schien, weshalb denn – Aglaja nicht im Zimmer war. Das hatte ihn sogleich erschreckt. Es war an diesem Abend niemand außer der Familie anwesend. Fürst Sch. weilte in Petersburg, da ihm und Jewgenij Pawlowitsch der Skandal, den der Tod von dessen Onkel hervorgerufen, immer noch viel zu schaffen machte. „Wenn doch Fürst Sch. jetzt hier wäre, der könnte wenigstens ein Gespräch anknüpfen!“ dachte Lisaweta Prokofjewna ganz verzweifelt. Iwan Fedorowitsch saß mit einer äußerst besorgten Miene da und wußte offenbar nichts zu reden; zum Unglück schwiegen auch die Schwestern und machten ernste Gesichter. „Mein Gott, wovon soll man sprechen!“ dachte Lisaweta Prokofjewna, ohne einen rettenden Gedanken zu finden. Schließlich nahm sie sich energisch zusammen, erzählte kurz, daß sie in Petersburg gewesen sei, und sprach dann sehr abfällig über die Eisenbahn, worauf sie mit entschiedener Herausforderung den Fürsten anblickte.
Doch wehe, Aglaja kam noch immer nicht, und der Fürst verlor seinen letzten Mut. Kaum verständlich, fast stotternd äußerte er „auch seine Meinung“, daß eine Verbesserung der Bahn sicherlich sehr nützlich wäre, doch plötzlich hielt es Adelaida nicht aus und lachte hell auf. Da war der Fürst wieder wie vernichtet. In diesem Augenblick erschien Aglaja. Ruhig und vornehm und etwas zeremoniell erwiderte sie den Gruß des Fürsten, nahm feierlich den sichtbarsten Platz am runden Tisch ein und blickte fragend den Fürsten an. Alle begriffen, daß jetzt der Augenblick der Entscheidung gekommen war.
„Haben Sie meinen Igel erhalten?“ fragte sie mit fester Stimme, fast böse.
„Ja, ich habe ihn erhalten,“ antwortete der Fürst, indem er errötete und kaum zu atmen wagte.
„Haben Sie dann die Güte, mir sofort zu erklären, was Sie darüber denken. Das ist zur Beruhigung meiner Mutter und der ganzen Familie unbedingt erforderlich.“
„Hör’ mal, Aglaja ...“ stotterte der General beunruhigt.
„Das, das geht ja über alle Grenzen!“ rief Lisaweta Prokofjewna erschrocken.
„Hier handelt es sich nicht um Grenzen, Mama,“ versetzte das Töchterchen sogleich in strengem Tone. „Ich habe – und das ist alles – heute dem Fürsten einen Igel gesandt und will nun die Ansicht des Fürsten hören. Also bitte, Fürst, reden Sie jetzt.“
„Das heißt, was für eine Ansicht, Aglaja Iwanowna?“
„Über den Igel.“
„Das heißt, ich denke, Aglaja Iwanowna, Sie wollen erfahren wie ich ... den Igel empfangen ... oder ... ich wollte sagen, wie ich diese Zusendung ... des Igels ... aufgefaßt habe ... In dem Fall muß ich gestehen, daß ich ... mit einem Wort, daß ich ...“
Er verwirrte sich rettungslos und verstummte.
„Nun, viel haben Sie nicht gesagt,“ meinte Aglaja, nachdem sie noch eine Weile gewartet hatte. „Aber gut, ich gebe mich damit zufrieden, lassen wir den Igel. Es freut mich sehr, daß ich endlich Gelegenheit habe, alle diese Mißverständnisse, die sich hier aufgehäuft haben, beseitigen zu können. Gestatten Sie also, endlich von Ihnen persönlich zu erfahren: bewerben Sie sich um meine Hand oder nicht?“
„Großer Gott!“ entfuhr es der Generalin.
Der Fürst zuckte zurück, wie von einem Schlage getroffen; Iwan Fedorowitsch erstarrte; die Schwestern zogen mißbilligend die Brauen zusammen.
„Lügen Sie nicht, Fürst, sagen Sie die volle Wahrheit. Ich muß mir Ihretwegen die seltsamsten Verhöre gefallen lassen. Haben diese Verhöre nun irgendeine Berechtigung: das ist es, was ich wissen will. Nun!“
„Ich habe nicht um Ihre Hand geworben, Aglaja Iwanowna,“ sagte der Fürst, plötzlich wieder zu sich kommend. „Aber ... Sie wissen, wie ich Sie liebe und an Sie glaube ... sogar jetzt ...“
„Ich frage Sie: werben Sie um mich oder nicht?“
„Ich ... werbe um Sie,“ sagte der Fürst leise.
Es folgte eine allgemeine Bewegung.
„Aber, mein Freund, das geht doch nicht so!“ stammelte Iwan Fedorowitsch, nicht wenig erregt. „Das ... das ist fast unmöglich, wenn es so ist, Aglaja ... Verzeihen Sie, Fürst, verzeihen Sie, mein Lieber! ... Lisaweta Prokofjewna!“ wandte er sich hilfesuchend an seine Gattin, „hier müßte man doch vor allen Dingen versuchen, dachte ich, den Sachverhalt zu ... begreifen ...“
„Ich weigere, ich weigere mich, zu begreifen!“ rief Lisaweta Prokofjewna, mit beiden Händen abwehrend.
„Erlauben Sie, maman, daß auch ich zu Wort komme. Habe ich doch in dieser Angelegenheit wohl auch etwas zu bedeuten! Der entscheidende Augenblick meines Schicksals naht heran“ (Aglaja drückte sich buchstäblich so aus) „und daher will ich alles vorher genau feststellen. Es freut mich, daß es in Gegenwart aller geschieht ... Gestatten Sie also, Fürst, die Frage: wenn Sie solche Absichten hegen, womit gedenken Sie dann mein Glück zu begründen?“
„Ich weiß nicht, wirklich ... ich weiß nicht, Aglaja Iwanowna, was ich Ihnen sagen soll; hier ... hier ... Was soll man denn darauf antworten? Ja und ... ist es denn überhaupt nötig?“
„Sie scheinen verwirrt, befangen, außer Atem zu sein, erholen Sie sich ein wenig, und sammeln Sie Ihre Kräfte; trinken Sie ein Glas Wasser; übrigens wird man Ihnen sogleich Tee reichen.“
„Ich liebe Sie, Aglaja Iwanowna, ich liebe Sie sehr, ich liebe nur Sie allein und ... scherzen Sie, bitte, nicht, ich habe Sie sehr, sehr lieb.“
„Aber, einstweilen, – es ist das doch eine wichtige Sache, wir sind keine Kinder, und man muß ernstlich ... nun, ich meine: einstweilen haben Sie die Güte, sich jetzt die Mühe zu nehmen, mir Ihre Vermögensverhältnisse zu erklären.“
„Aber ... aber, Aglaja! Was fällt dir ein! Das geht doch nicht so, das geht doch nicht ...“ stotterte Iwan Fedorowitsch geradezu angstvoll.
„Diese Schmach!“ stieß Lisaweta Prokofjewna hervor.
„Sie ist verrückt!“ sagte Alexandra Iwanowna laut.
„Vermögen ... das heißt Geld, wieviel Geld ich besitze?“ fragte der Fürst verwundert.
„Genau das.“
„Ich ... ich habe ... ich besitze noch hundertfünfunddreißigtausend Rubel,“ sagte der Fürst leise, indem er errötete.
„Nu–ur?“ wunderte sich Aglaja ganz offen, ohne ihrerseits auch nur im geringsten zu erröten. „Übrigens, tut nichts; wenn man ökonomisch lebt ... Beabsichtigen Sie, in den Staatsdienst zu treten?“
„Ich hatte die Absicht, ein Examen als Lehrer abzulegen ...“
„Sehr vernünftig; das würde unsere Mittel natürlich um ein Bedeutendes vermehren. Sie beabsichtigen also nicht, Kammerjunker zu werden?“
„Kammerjunker? Das habe ich mir noch nie vorgestellt, aber ... aber ...“
Doch hier konnten sich die Schwestern nicht mehr bezwingen und brachen in schallendes Gelächter aus. Adelaida hatte am Zucken der Mundwinkel Aglajas erraten, daß sie selbst kaum noch ernst zu bleiben vermochte.
Aglaja blickte die Lachenden im ersten Augenblick drohend an, doch schon nach einer Sekunde brach sie selbst in das unbändigste, in ein krankhaft unbezwingbares Lachen aus, sprang dann plötzlich auf und lief aus dem Zimmer.
„Ich wußte ja, daß es von ihr nichts als Scherz war!“ rief Adelaida immer noch lachend, „schon vom Igel an!“
„Nein, das ist aber doch empörend, nein, das dulde ich nicht, das dulde ich auf keinen Fall!“ fuhr Lisaweta Prokofjewna zornig auf und ging eilig ihrer Tochter nach.
Ihr folgten sogleich auch die Schwestern. Im Zimmer blieben nur der Fürst und Iwan Fedorowitsch zurück.
„Das, das ... hättest du dir so etwas denken können, Lew Nikolajewitsch?“ rief der General, offenbar ohne selbst zu wissen, was er sagen wollte. „Nein, im Ernst, sag’ vollkommen im Ernst?“
„Ich sehe, daß Aglaja Iwanowna sich über mich lustig gemacht hat,“ sagte der Fürst tief niedergeschlagen.
„Wart, mein Freund, ich werde sogleich hingehen, du aber, bleib hier ... denn ... – So erklär’ doch du mir wenigstens, Lew Nikolajewitsch: wie ist denn das alles gekommen und was hat das alles zu bedeuten? Du siehst doch ein, mein Bester, ich bin doch – der Vater. Und als Vater muß ich doch auch etwas wissen, daher erkläre du mir doch wenigstens – denn, nicht wahr, das geht doch nicht so!“
„Ich liebe Aglaja Iwanowna. Ich weiß es und ... ich glaube, sie weiß es schon lange.“
Der General zog die Schultern in die Höhe.
„Sonderbar, höchst sonderbar! ... Und du liebst sie sehr?“
„Ich liebe sie ... sehr.“
„Hm, sonderbar ... tja, aber was ist da zu machen? Ich gestehe, das ist mir eine solche Überraschung, solch ein Schlag geradezu, daß ... Sieh mal, mein Lieber, ich rede nicht vom Vermögen, – obschon ich, wenn ich ehrlich sein soll, gedacht hätte, daß dir mehr übriggeblieben sei – aber ... es handelt sich für mich hier nur um das Glück meiner Tochter ... und deshalb ... bist du nun auch fähig, sozusagen, dieses Glück ... zu begründen – das möcht’ ich nur wissen? Und ... und ... was ist das schließlich: Scherz oder Ernst? Das heißt, nicht deinerseits, sondern, versteht sich, nur ihrerseits?“
Aus dem Nebenzimmer ertönte Alexandras Stimme: sie rief den Papa.
„Wart’, mein Freund, wart’! Bleib hier und überleg’ dir die Sache, ich werde im Augenblick ...“ sagte er in aller Eile, indem er fast erschrocken dem Ruf Alexandras folgte.
Doch was er im Nebenzimmer vorfand, hatte er eigentlich nicht erwartet: seine Frau und seine Tochter Aglaja saßen eng umschlungen und vergossen beide Tränen. Es waren Tränen der Freude, der Rührung und der Versöhnung. Aglaja küßte der Mutter die Hände, die Wangen, die Lippen, und beide preßten sie sich eng, eng aneinander.
„Nun sieh, da hast du sie, Iwan Fedorowitsch, so ist sie jetzt!“ sagte Lisaweta Prokofjewna.
Aglaja wandte ihr glückliches, ganz verweintes Gesichtchen, das sie an der Brust der Mutter verborgen hatte, dem Papa zu, schaute ihn an und lachte laut auf. Im nächsten Augenblick war sie schon aufgesprungen, lag an seiner Brust, umarmte ihn krampfhaft und küßte ihn mehrmals. Und im allernächsten Augenblick saß sie wieder auf dem Schoß der Mutter, und verbarg an deren Brust ihr Gesicht, damit niemand sie sähe, und wieder weinte sie herzbrechend. Lisaweta Prokofjewna streichelte sie zärtlich und bedeckte sie mit dem einen Ende ihres Schals.
„Nun, was, was tust du jetzt mit uns, du grausames Mädchen, das du nach alldem bist, pfui!“ sagte sie mit mütterlichem Vorwurf, doch klang es bereits wie aus innerer Freude gesprochen, als sei ihr eine wahre Last vom Herzen gefallen und als könne sie leichter atmen.
„Grausam! Ja! Grausam!“ griff plötzlich Aglaja heftig das Wort auf. „Einfach ein Scheusal! Verzogen! Eigensinnig! Sagen Sie das Papa. Ach, er ist ja hier. Papa, sind Sie noch hier? Hören Sie?“ lachte sie wieder unter Tränen.
„Mein kleiner Liebling, mein Herzenskind!“ Der General strahlte vor Glück und küßte ihre Hand, die Aglaja, nebenbei bemerkt, nicht fortzog. „Dann liebst du also diesen jungen Mann? ...“
„O pfui, gar nicht! Ich kann ihn nicht ausstehen ... euren jungen Mann, ich hasse ihn einfach!“ brauste Aglaja plötzlich wild auf, und sie erhob wieder den Kopf. „Und wenn Sie, Papa, noch einmal wagen ... Ich sage es im Ernst, hören Sie: im Ernst!“
Und sie sprach es auch wirklich vollkommen im Ernst: sie wurde ganz rot dabei, und ihre Augen blitzten auf. Der Papa schwieg erschrocken, doch Lisaweta Prokofjewna gab ihm über Aglajas Köpfchen hinweg einen Wink, den er als „Nicht ausfragen!“ ganz richtig verstand.
„Wenn es so ist, mein Engel, dann natürlich – wie du willst ... das hängt nur von dir ab. Aber er wartet jetzt dort allein – sollte man ihm nicht andeutungsweise zu verstehen geben, daß er sich verabschieden könnte?“
Der General gab nun wiederum seinerseits Lisaweta Prokofjewna einen Wink.
„Nein, nein, das ist gar nicht nötig, und erst recht nicht so ... andeutungsweise. Geht nur zu ihm hinein, alle, alle, ich komme dann nach, gleich nach euch. Ich will diesen ... jungen Mann um Verzeihung bitten, ich habe ihn gekränkt.“
„Und unverzeihlich gekränkt!“ bekräftigte Iwan Fedorowitsch sehr ernst.
„Nun dann ... bleibt lieber alle hier, und ich werde zuerst allein zu ihm gehen, ihr aber müßt dann sogleich nachkommen, in derselben Sekunde noch, so wird es besser sein.“
Sie ging zur Tür, hatte den Griff bereits in der Hand, doch plötzlich wandte sie sich wie hilflos wieder zurück.
„Ich werde lachen! Ich werde sterben vor Lachen!“ klagte sie traurig.
Doch im selben Augenblick klinkte sie auch schon plötzlich die Tür auf und lief hinein – zum Fürsten.
„Nun, was hat das zu bedeuten? Was meinst du?“ flüsterte Iwan Fedorowitsch hastig seiner Gattin zu.
„Ich fürchte, es auch nur auszusprechen,“ antwortete Lisaweta Prokofjewna ebenso, „aber meiner Ansicht nach ist es doch klar ...“
„Auch meiner Ansicht nach ist es klar. Klar wie der Tag. Sie liebt.“
„Sie liebt nicht nur, sie ist sogar verliebt!“ äußerte sich Alexandra Iwanowna. „Nur in wen, fragt es sich?“
„Gott segne sie, wenn das ihr Schicksal sein sollte!“ sagte Lisaweta Prokofjewna und bekreuzte sich andächtig.
„Dann ist nichts mehr zu wollen,“ meinte der General, „seinem Schicksal entgeht keiner.“
Und alle begaben sich ins Empfangszimmer, um den Fürsten und Aglaja nicht allein zu lassen. Doch siehe, dort harrte ihrer eine neue Überraschung.
Aglaja hatte nicht etwa zu lachen begonnen, als sie sich dem Fürsten genähert, sondern hatte ihm fast schüchtern die Hand gereicht und gesagt:
„Verzeihen Sie dem dummen, schlechten, verzogenen Mädchen, und seien Sie überzeugt, daß wir Sie alle unendlich achten. Und wenn ich gewagt habe, Ihre prächtige ... gute Treuherzigkeit zu verspotten, so verzeihen Sie es mir, wie man einem Kinde eine Unart verzeiht. Verzeihen Sie, daß ich auf einer Unmöglichkeit bestand, die natürlich nicht die geringsten Folgen haben kann ...“
Die letzten Worte sprach Aglaja dabei mit besonderem Nachdruck.
Der Vater, die Mutter und die Schwestern waren noch rechtzeitig eingetreten, um diese letzten Worte zu hören, und sowohl deren Bedeutung wie die ernste Miene Aglajas kamen ihnen so unerwartet, daß sie sich erstaunt und fragend ansahen. Nur der Fürst schien den Sinn der Worte nicht begriffen zu haben.
„Weshalb reden Sie so,“ stammelte er überglücklich, „weshalb ... bitten Sie um Verzeihung ...“
Er wollte noch sagen, daß er gar nicht wert sei, um Verzeihung gebeten zu werden. Doch – wer kann es wissen – vielleicht hatte er den Sinn der letzten Worte sehr wohl begriffen, als sonderbarer Mensch aber sich vielleicht sogar auch über diesen Sinn gefreut? Zweifellos war es für ihn schon der Gipfel der Glückseligkeit, daß er jetzt unbehindert Aglaja würde besuchen können, daß man ihm erlauben würde, mit ihr zu reden, bei ihr zu sitzen, mit ihr spazieren zu gehen, und vielleicht hätte ihm das auch sein Leben lang genügt! (Diese Genügsamkeit war es aber gerade, die Lisaweta Prokofjewna im stillen fürchtete: sie war die einzige, die ihn erkannte. Oh, vieles fürchtete sie im geheimen, was sie vielleicht selbst kaum auszusprechen verstanden hätte!)
Es ist schwer, sich vorzustellen, in welch einem Maße sich der Fürst an diesem Abend belebte. Er sprühte förmlich und war von einem Feuer erfüllt, daß man, ob man wollte oder nicht, sich gleichfalls begeistert fühlte – wie später Aglajas Schwestern erzählten. Er kam zum erstenmal nach jenem Vormittag, den er vor sechs Monaten bei Jepantschins verbracht hatte, wieder ins Reden, denn seit seiner Rückkehr nach Petersburg war er ersichtlich schweigsam und zurückhaltend gewesen. Zu Fürst Sch. hatte er einst gesagt – es war an jenem Abend, an dem sie nachher zum Konzert gegangen waren –, daß er sich bezwingen und schweigen müsse, weil er nicht das Recht habe, seine Gedanken zu erniedrigen, indem er dieselben ungeschickt ausspräche. Heute aber war er es allein, der den ganzen Abend über sprach; er erzählte viel, und wenn hin und wieder Fragen an ihn gestellt wurden, dann antwortete er klar und ausführlich und mit sichtlicher Freude. Doch von Liebe war mit keinem Wort mehr die Rede, wie auch sonst nichts an ihm Verliebtheit verriet. Es waren alles so ernste Dinge, von denen er sprach, mitunter äußerte er sogar so tiefe Gedanken, und legte einige seiner Anschauungen, seiner eigenen geheimen Beobachtungen dar, daß das Ganze vielleicht lächerlich gewirkt hätte, wenn es von ihm aus nicht so „vorzüglich klar gemacht“ worden wäre, wie sich später seine Zuhörer äußerten. Der General hatte zwar sonst ernste Unterhaltungen sehr gern, doch diesmal fand im geheimsten Innern auch er, ganz wie die Generalin, daß es denn doch etwas „zu viel des Ernstes und der Philosophie“ war, so daß sie zum Schluß beide ganz traurig und nachdenklich wurden. Übrigens war der Fürst zu guter Letzt so animiert, daß er noch ein paar köstliche Anekdoten zum besten gab, über die er selbst so ausgelassen lachen konnte, daß die anderen schon bei seinem Anblick mitlachen mußten. Aglaja dagegen sprach fast den ganzen Abend über kein Wort, dafür aber hing sie förmlich an den Lippen des Fürsten, keine Silbe entging ihr, die er sprach, und keinen Blick wandte sie von ihm ab.
„Und wie sie ihn ansah! Sie verschlang ihn ja förmlich mit den Augen, als ob ihr kein Buchstabe entgehen dürfte,“ sagte Lisaweta Prokofjewna später zu ihrem Gatten. „Sagst du ihr aber, daß sie liebt, dann trage nur schnell alle Heiligen hinaus!“
„Tja, da läßt sich nichts ändern – Schicksal!“ meinte der General achselzuckend. Und das war nicht das letztemal, daß er dieses Wort gebrauchte. Es muß hier bemerkt werden, daß ihm als General und Geschäftsmann sehr vieles an dem vorläufigen Stand der Dinge mißfiel, so vor allem die Unklarheit. Doch beschloß er trotzdem, „bis dahin“ noch zu schweigen und ... lieber seiner Lisaweta Prokofjewna in die Augen zu schauen.
Leider hielt die frohe Stimmung der Familie nicht lange an. Schon am nächsten Tage verfeindete sich Aglaja mit dem Fürsten, versöhnte sich dann zwar wieder mit ihm, doch – auf wie lange? Am anderen Tage begann sie von neuem zu streiten. Oft machte sie sich stundenlang über ihn lustig und stellte ihn fast als Narren hin, oft aber saßen sie wiederum stundenlang in der Laube des Blumengartens ihrer Villa, doch konnten die anderen dann immer nur sehen, daß der Fürst ihr fast die ganze Zeit aus irgendeinem Buch oder einer Zeitung vorlas.
„Wissen Sie,“ unterbrach ihn Aglaja einmal beim Zeitunglesen, „es ist mir aufgefallen, daß Sie entsetzlich ungebildet sind: nichts wissen Sie genau, wenn man Sie etwas fragt, weder wer es gerade war, noch genau in welchem Jahre, noch nach welchem Vertrag oder Friedensschluß. Sie sind ein sehr kläglicher Mensch.“
„Ich habe Ihnen gesagt, daß ich nicht gelehrt bin,“ antwortete der Fürst einfach.
„Was ist denn eigentlich an Ihnen? Wie kann ich Sie dann noch achten? Lesen Sie weiter. Doch nein, nicht nötig, hören Sie auf!“
Am Abend dieses Tages geschah ihrerseits wiederum etwas sehr Sonderbares, daß allen ein Rätsel aufgab. Fürst Sch. war aus Petersburg gekommen und Aglaja war sehr freundlich zu ihm, sie fragte ihn sogar nach Jewgenij Pawlowitsch. (Fürst Lew Nikolajewitsch war noch nicht erschienen.) Da machte Fürst Sch. ganz harmlos die Bemerkung, daß „im Hinblick auf das Bevorstehende“ Adelaidas Hochzeit wohl wieder hinausgeschoben werden müsse, damit beide Trauungen an einem Tage stattfänden. Kaum aber hatte er es ausgesprochen, als plötzlich Aglaja purpurrot wurde und sich heftig „alle diese dummen Vermutungen“ verbat, sie habe durchaus nicht die Absicht, irgendwelche Mätressen durch ihre Person zu ersetzen.
Diese Bemerkung stieß natürlich alle Anwesenden furchtbar vor den Kopf. Lisaweta Prokofjewna war zuerst sprachlos, bestand aber dann später, als sie sich mit ihrem Mann unter vier Augen befand, bedingungslos auf einer ernsten Aussprache mit dem Fürsten betreffs Nastassja Filippowna, was Iwan Fedorowitsch als Vater einfach für seine Pflicht ansehen müsse.
Iwan Fedorowitsch schwor bei allem, was ihm heilig war, daß es wohl nur ein „unbegründeter Ausfall Aglajas gewesen und einzig auf ihre Verlegenheit zurückzuführen“ sei; daß sie, wenn Fürst Sch. nicht diese Anspielung gemacht hätte, nie und nimmer so etwas gesagt haben würde, denn sie wisse es selbst nur zu gut, daß dieses ganze Gerücht nichts als eine Verleumdung von seiten ihnen übelwollender Leute sei und daß Nastassja Filippowna Rogoshin heiraten werde; daß der Fürst in der Beziehung nichts mit ihr zu schaffen habe – derlei könne man ihm weder jetzt nachsagen, noch habe man es früher jemals sagen können: „von diesen Dingen liegt nichts, aber auch nichts zwischen ihnen vor, wenn du nun schon einmal die ganze Wahrheit wissen willst.“
Fürst Lew Nikolajewitsch selbst ließ sich durch nichts verwirren und fuhr fort, ungetrübt selig zu sein. Oh, auch er bemerkte mitunter etwas gleichsam Düsteres und Ungeduldiges in Aglajas Augen, doch nachdem er einmal an sie zu glauben begonnen, konnte diesen Glauben nichts mehr erschüttern. Vielleicht aber war er dennoch etwas gar zu ruhig; wenigstens äußerte sich auch Hippolyt in dem Sinne, als er ihm einmal zufällig im Park begegnete.
„Na, hab’ ich damals nicht recht gehabt, als ich Ihnen sagte, daß Sie verliebt seien?“ begann er ohne weiteres, indem er auf den Fürsten zutrat und ihn aufhielt.
Der Fürst reichte ihm die Hand und gratulierte zum „guten Aussehen“. Hippolyt sah in der Tat viel wohler aus, was ja bei Schwindsüchtigen bekanntlich oft vorkommt.
Er war eigentlich nur in der Absicht an den Fürsten herangetreten, um ihm wegen seiner glücklichen Stimmung etwas Gehässiges zu sagen, doch wie gewöhnlich begann er schon nach den ersten Worten, von sich selbst zu sprechen. Er hatte über vieles zu klagen, was er denn auch ziemlich lange und ziemlich unzusammenhängend tat.
„Sie glauben nicht,“ fuhr er fort, „bis zu welch einem Grade sie dort alle reizbar, kleinlich, egoistisch, ehrgeizig und ordinär sind! Werden Sie es zum Beispiel für möglich halten, daß sie mich nur unter der Voraussetzung genommen haben, daß ich bald sterbe? Und da sind sie jetzt alle wütend darüber, daß ich noch immer nicht sterbe und mich im Gegenteil besser fühle. Die reine Komödie! Ich könnte wetten, daß Sie mir das nicht glauben!“
Der Fürst wollte nicht widersprechen.
„Übrigens denke ich mitunter daran, wieder zu Ihnen zurückzukehren,“ fügte Hippolyt nachlässig hinzu. „So halten Sie sie also nicht für fähig dazu, einen Menschen unter der Bedingung aufzunehmen, daß er möglichst bald stirbt?“
„Ich dachte, daß sie Sie aus gewissen anderen Gründen zu sich aufgefordert hätten.“
„He–e! Sie scheinen ja durchaus nicht so einfach zu sein, wie man von Ihnen annimmt! Es ist jetzt nicht die Zeit dazu, sonst könnte ich Ihnen etwas Interessantes über Ganetschka und seine Hoffnungen mitteilen. Man will nämlich Ihr Glück untergraben, Fürst, erbarmungslos untergraben, und ... da tun Sie einem fast leid, weil Sie so ruhig sind. Doch – Sie können ja gar nicht anders!“
„Um was Sie sich Sorgen machen!“ lachte der Fürst. „Wie, wäre ich denn Ihrer Meinung nach glücklicher, wenn ich unruhiger wäre?“
„Lieber unglücklich sein und wissen, als glücklich sein und ... betrogen werden. Sie scheinen es ja überhaupt nicht für möglich zu halten, daß mit Ihnen rivalisiert wird und ... noch dazu von der Seite?“
„Ihre Worte sind ein wenig zynisch, Hippolyt; es tut mir leid, daß ich nicht das Recht habe, Ihnen hierauf zu antworten. Was jedoch Gawrila Ardalionytsch betrifft, so werden Sie wohl selbst zugeben, daß es etwas viel verlangt wäre, wollte man von ihm nach allem, was er verloren hat, noch völlige Ruhe fordern. Ich nehme an, daß Sie wenigstens zum Teil darüber unterrichtet sind, was er durchgemacht hat? Jedenfalls scheint es mir besser, das Verhältnis von diesem Standpunkte aus zu betrachten. Er wird sich noch ändern, ihm steht noch ein langes Leben bevor, und das Leben ist reich ... doch übrigens ... übrigens ... was das Untergraben betrifft ... ich verstehe nicht einmal, wovon Sie reden ... Brechen wir lieber dieses Gespräch ab, Hippolyt.“
„Schön, vorläufig. Zudem können Sie es auch nicht gut mit Ihrem Edelmut vereinigen. Sie, Fürst, Sie müssen alles immer selbst mit den Fingern befühlt haben, bevor Sie etwas glauben, ha–ha! Verachten Sie mich jetzt sehr?“
„Weshalb das? Weil Sie mehr als wir gelitten haben und leiden?“
„Nein, deshalb, weil ich dieses Leidens unwürdig bin.“
„Wer mehr gelitten hat, der ist es auch würdig gewesen, mehr zu leiden. Als Aglaja Iwanowna Ihre Beichte gelesen hatte, wollte sie Sie sehen, aber ...“
„Sie schob es auf ... sie darf nicht, ich verstehe, verstehe ...“ unterbrach ihn Hippolyt, als wolle er schnell von diesem Thema ablenken. „Ach, apropos, man sagt, Sie hätten ihr diese ganze Litanei vorgelesen ... Ach was, das Ganze ist doch nur im Fieber geschrieben und ... ausgedacht. Ich begreife wirklich nicht, bis zu welch einem Grade man – ich will nicht sagen grausam (das wäre erniedrigend für mich), wohl aber kindisch eitel und rachsüchtig sein muß, um mir diese Beichte gewissermaßen zum Vorwurf machen zu können und sie gegen mich, den Verfasser, als Waffe zu benutzen! Beunruhigen Sie sich nicht, das war nicht auf Sie gemünzt ...“
„Es tut mir leid, daß Sie sich von dieser Beichte lossagen, Hippolyt, sie ist aufrichtig geschrieben, und wissen Sie, selbst die lächerlichsten Stellen – und deren gibt es viele –“ (Hippolyt runzelte wütend die Stirn) „sind mit Schmerzen bezahlt ... denn dieses Gestehen ist auch schmerzhaft gewesen und ... vielleicht hat dazu eine große Mannhaftigkeit gehört. Der Gedanke, der Sie dazu bewogen hat, hat zweifellos einen edlen Ursprung gehabt, gleichviel was andere da sagen. Je weiter alles zurücktritt, um so deutlicher sehe ich es jetzt, glauben Sie mir. Ich will Sie nicht richten, ich sage es nur, um mich auszusprechen, und weil ich es bedauere, daß ich damals schwieg ...“
Hippolyt wurde rot. Im Augenblick kam ihm zwar der Gedanke, daß der Fürst sich vielleicht verstelle, um ihn zu fangen, doch ein Blick auf ihn genügte, um jeden Zweifel an seiner Aufrichtigkeit zu verscheuchen. Da erhellte sich Hippolyts Gesicht.
„Was hilft das alles, sterben muß ich jetzt doch!“ sagte er, und fast hätte er noch hinzugefügt: „solch ein Mensch wie ich!“ – „Können Sie sich vorstellen, was Ganetschka mir jetzt zumutet: er hat sich gewissermaßen als Entgegnung ausgedacht, daß von jenen, die damals meine ‚Beichte‘ hörten, drei oder vier wohl noch früher sterben würden als ich! Wie finden Sie das! Und er glaubt wirklich, daß das ein Trost sei, ha–ha! Erstens sind diese Leute bis jetzt noch nicht gestorben, und zweitens, selbst wenn sie’s wären, was hätte ich denn davon? Er urteilt natürlich nach sich selbst. Übrigens geht er jetzt noch weiter, er schimpft einfach und sagt, daß ein anständiger Mensch in einem solchen Falle schweigend sterben würde, und daß das alles von mir nichts als Egoismus gewesen sei! Wie finden Sie das! Oder nein, wie finden Sie hier den Egoismus seinerseits! Wie finden Sie die Raffiniertheit, oder noch besser, die viehische Roheit der Selbstliebe dieser Leute, die sie natürlich niemals an sich selbst bemerken! ... Haben Sie gelesen, Fürst, vom Tode Stepan Gleboffs im achtzehnten Jahrhundert? Ich las zufällig gestern ...“
„Von was für einem Stepan Gleboff?“
„Der unter Peter an den Pfahl gebunden wurde!“
„Ach, mein Gott, gewiß! Er stand fünfzehn Stunden am Pfahl in der großen Kälte und starb heldenhaft; gewiß habe ich es gelesen – nun und?“
„Gibt doch Gott bisweilen solch einen Tod den Menschen – weshalb aber nicht auch mir? Sie glauben vielleicht, daß ich nicht fähig wäre, so zu sterben wie Gleboff?“
„Oh, durchaus nicht,“ sagte der Fürst verwirrt, „oder vielmehr, ich wollte nur sagen, daß Sie ... das heißt, nicht, daß Sie dem Gleboff unähnlich wären, sondern ... daß Sie ... daß Sie dann eher ...“
„Ich errate: daß ich dann eher Ostermann gewesen wäre? und nicht Gleboff – wollen Sie das damit sagen?“
„Was für ein Ostermann?“ wunderte sich der Fürst.
„Na, Ostermann, der große Diplomat Ostermann, Peters Ostermann,“ murmelte Hippolyt, plötzlich etwas verwirrt.
Es folgte eine kleine Pause, in der beide das Mißverständnis fühlten.
„Oh, n–n–nein! Ich wollte nicht das sagen,“ fuhr der Fürst langsam fort. „Sie würden, glaube ich ... niemals ein Ostermann gewesen sein.“
Hippolyt ärgerte sich und runzelte wieder die Stirn.
„Übrigens, ich sage das ja doch nur deshalb,“ verbesserte sich der Fürst schnell, „nur deshalb, weil die Menschen von damals – wirklich, es hat mich immer frappiert – sozusagen gar nicht dieselben Menschen waren, die jetzt leben. Es ist, als wären wir damals ein ganz anderes Volk gewesen, nein, wirklich, als handelte es sich um zwei ganz verschiedene Rassen ... Damals waren die Menschen gewissermaßen Menschen mit nur einer Idee, jetzt aber sind sie viel problematischer, komplizierter, sensitiver, sind Menschen mit zwei, drei Ideen zu gleicher Zeit ... Der jetzige Mensch ist ... geistig breiter – und ich schwöre Ihnen, gerade das hindert ihn, ein so einheitlicher Mensch zu sein, wie es die Menschen in jenen Jahrhunderten waren ... Ich ... ich habe das nur in dem Sinne gesagt, nicht daß ich ...“
„Ich verstehe schon. Weil Sie so naiv offen nicht mit mir einverstanden waren, wollen Sie mich jetzt trösten, ha–ha! Sie sind ein vollkommenes Kind, Fürst. Indes ... ich bemerke, daß Sie mich alle wie ... wie eine Porzellantasse behandeln. Tut nichts, tut nichts, ich ärgere mich nicht. Jedenfalls haben wir ein sehr lächerliches Gespräch geführt. Sie sind mitunter wirklich ein ganzes Kind. Wissen Sie, daß ich vielleicht auch etwas besseres sein wollte, als ein Ostermann ... für einen Ostermann lohnt es sich nicht, von den Toten aufzuerstehen. Ich sehe, daß ich möglichst bald sterben muß, denn sonst würde ich selbst ... Lassen Sie mich! Auf Wiedersehen! Doch gut, sagen Sie mir selbst, welches wäre für mich die beste Art, zu sterben, was meinen Sie? ... Damit es möglichst ... nun, sagen wir – heldenhaft geschähe? Nun, was meinen Sie!“
„Gehen Sie an uns vorüber und verzeihen Sie uns unser Glück!“ sagte der Fürst leise.
„Ha–ha–ha! Das dachte ich mir! Gerade etwas von der Art erwartete ich! Einstweilen, Sie ... Sie ... Nun ja! Weiß Gott! Schöne Phrasen! Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!“
VI.
Warwara Ardalionownas Mitteilung, daß man in der Villa Jepantschin zum Abend Gäste erwartete, entsprach zwar an sich vollkommen der Wahrheit, nur hatte sie sich wieder so ausgedrückt, daß Ganjä dieser Abendgesellschaft unwillkürlich eine weit größere Bedeutung zuschreiben mußte, als ihr von Rechts wegen zukam. Gewiß sah die Familie Jepantschin mit ganz unnötiger Erregung diesem Abend entgegen, nur geschah das vornehmlich deshalb, weil in dieser Familie nun einmal „alles anders als bei anderen Leuten“ geschah. Die vielleicht etwas unverständliche Hast, mit der man die Angelegenheit betrieb, fand jedoch ihre Erklärung in der Stimmung Lisaweta Prokofjewnas, die die Ungewißheit nicht länger ertragen wollte. Ihr Mutterherz zitterte für das Glück ihres Lieblings und auch der General war sehr besorgt. Hinzu kam, daß die Bjelokonskaja Petersburg bald wieder verlassen sollte, und da ihre Protektion, die sie voraussichtlich auch dem Fürsten Lew Nikolajewitsch gnädig gewähren würde, in der „hohen“ Gesellschaft viel zu bedeuten hatte, so würde, meinten die Eltern, diese Gesellschaft den etwas seltsamen Bräutigam Aglajas, falls er auch ihr seltsam erscheinen sollte, weit liebenswürdiger und nachsichtiger aufnehmen, wenn er unter dem Schutze der allmächtigen alten Fürstin stand, als wenn er diese unter seinen Gegnern hatte. Insofern war die Berechnung der Eltern sehr richtig, um so mehr, als sie selbst auf keine Weise zu entscheiden vermochten, ob nun an dieser Verlobung etwas Sonderbares war oder nicht. Daher war ihnen in diesen Tagen, in denen sich infolge von Aglajas Verhalten noch immer nichts entschieden hatte, die Meinungsäußerung maßgebender Persönlichkeiten sehr erwünscht. Und schließlich mußte der Fürst doch einmal in diese Gesellschaft, von der er sich bis jetzt überhaupt noch keinen Begriff machte, eingeführt werden. Kurzum, man hatte beschlossen, ihn vorläufig zu „zeigen“, und zu dem Zweck lud man denn zum Abend einige „Freunde des Hauses“ ein. Außer der Bjelokonskaja und einigen alten oder älteren Herren erwartete man an Damen nur noch die Gattin eines höchst einflußreichen Würdenträgers, und von jungen Leuten außer dem Fürsten – Jewgenij Pawlowitsch, den die alte Bjelokonskaja voraussichtlich mitbringen würde.
Von dem bevorstehenden Besuch der Bjelokonskaja hatte der Fürst schon drei Tage vorher gehört; daß man jedoch eine ganze Gesellschaft geben wolle, erfuhr er erst am Abend vor dem festgesetzten Tage. Natürlich war es ihm nicht entgangen, daß die Familienmitglieder ein wenig besorgt dreinschauten und daß hin und wieder kritisierende Blicke auf ihm ruhten, aus denen er sofort erriet, daß man für den Eindruck fürchtete, den er auf die Gesellschaft machen würde. Seltsamerweise war man aber bei Jepantschins ohne weiteres überzeugt, daß er in seiner Einfalt nie und nimmer erraten würde, was man für ihn fürchtete, und deshalb dachte auch niemand weder daran, diese Empfindung zu verbergen, noch ward sich jemand dessen bewußt, daß diese Empfindung überhaupt irgendwie zutage trat. Übrigens schrieb er selbst dem bevorstehenden Ereignis kaum eine Bedeutung zu; er war zu sehr mit anderem beschäftigt: Aglaja wurde von Stunde zu Stunde launischer und düstrer – das bedrückte ihn. Als er erfuhr, daß auch Jewgenij Pawlowitsch kommen würde, freute er sich sehr darüber und sagte, daß er ihn schon längst habe wiedersehen wollen. Diese Bemerkung mißfiel aus irgendeinem Grunde allen Anwesenden. Aglaja verließ sogar sichtlich geärgert das Zimmer, und erst spät am Abend, als er gegen zwölf aufbrach, wußte sie es so einzurichten, daß sie ihn ein paar Schritte begleitete und ihm bei der Gelegenheit einige Worte unter vier Augen sagen konnte.
„Ich würde wünschen, daß Sie morgen den ganzen Tag nicht zu uns kämen; erst am Abend, wenn diese – Gäste ... erscheinen, dann können Sie kommen. Sie wissen doch, daß Gäste kommen werden?“
Sie sprach sehr nervös und mit übertriebener Strenge; zum erstenmal hatte sie den Abend erwähnt. Der Gedanke daran war für sie unerträglich. Alle hatten es bemerkt. Sie hätte sich gern mit ihren Eltern darüber ausgesprochen, ihn zu verhindern gesucht, doch Stolz und Scham ließen es nicht zu. Der Fürst begriff sofort, daß sie für ihn fürchtete und selbst nicht zugeben wollte, daß sie sich fürchtete – und er erschrak sehr darüber.
„Ja, ich bin auch eingeladen,“ bemerkte er.
„Kann man denn mit Ihnen überhaupt über irgend etwas ernsthaft sprechen? Auch nur einmal im Leben?“ fuhr sie plötzlich gereizt auf, ohne zu wissen, warum, und nicht mehr fähig, länger an sich zu halten.
„Gewiß kann man das, und ich bin gern bereit, Sie anzuhören; es freut mich sehr ...“ Der Fürst verstummte.
Aglaja schwieg wieder eine Weile und begann dann mit ersichtlichem Widerwillen:
„Ich will mich mit Ihnen da nicht herumstreiten, es gibt Fälle, in denen Sie keine Vernunft annehmen. Widerwärtig sind mir die Regeln, die Mama beobachtet. Von Papa lohnt es sich überhaupt nicht zu reden, ihn fragt man gar nicht danach. Mama ist natürlich eine ehrenwerte Frau, doch vor diesem ... ‚Nichts‘ beugt sie sich! Ich spreche nicht von der Bjelokonskaja: sie ist eine alte Frau mit schlechtem Charakter, doch klug – sie versteht es vorzüglich, alle Menschen zu lenken, wie sie will, nun, und das ist wenigstens etwas. Oh, welche Niedrigkeit! Und wie lächerlich: wir sind immer Leute mittleren Standes gewesen, des allermittelmäßigsten, den es nur gibt; wozu kriechen wir da in diese ‚höheren Sphären‘? Die Schwestern gleichfalls. Fürst Sch. hat ihnen den Kopf verdreht. Warum sind Sie übrigens froh, daß Jewgenij Pawlowitsch auch da sein wird?“
„Hören Sie mich an, Aglaja,“ sagte der Fürst, „ich glaube, Sie fürchten sehr, daß ich mich morgen blamieren werde ... in dieser Gesellschaft?“
„Ich mich fürchten? Um Ihretwillen?“ fuhr Aglaja auf. „Warum soll ich mich wohl Ihretwegen fürchten, mögen Sie doch ... mögen Sie sich doch blamieren! Was geht das mich an? Wie können Sie solche Worte überhaupt gebrauchen? Was heißt das: ‚blamieren‘? Das ist ein gemeines Wort.“
„Das ist ein ... Ausdruck von der Schule her.“
„Einerlei, ein Schulausdruck! Ein gemeines Wort ist es! Sie haben wohl die Absicht, morgen nur solche Worte zu gebrauchen? Suchen Sie doch zu Hause in Ihrem Lexikon nach, ob Sie noch solche Worte finden: das wird sicher Effekt machen. Schade, daß Sie verstehen, gut einzutreten. Wo haben Sie das eigentlich gelernt? Ich glaube, Sie verstehen sogar, anständig eine Tasse Tee zu trinken, selbst dann, wenn alle Sie absichtlich beobachten?“
„Ich denke, daß ich es verstehe.“
„Das ist schade: sonst könnte ich Sie sicher auslachen. Zerschlagen Sie doch wenigstens die große chinesische Vase im Salon! Sie kostet sehr viel: bitte, zerschlagen Sie sie doch! Die ist Mama geschenkt worden, und Mama wird den Verstand darüber verlieren und wird vor allen zu weinen anfangen – so wertvoll ist sie für sie. Machen Sie irgendeine große Geste, so, wie Sie sie immer machen, und zerschlagen Sie sie. Setzen Sie sich doch, bitte, absichtlich neben sie!“
„Im Gegenteil, ich werde mich bemühen, mich so weit wie möglich von ihr hinzusetzen: ich danke Ihnen, daß Sie hier vorgebeugt haben.“
„Es scheint also doch, daß Sie sich schon im voraus fürchten, große Gesten zu machen. Ich möchte wetten, daß Sie wieder über ein ‚Thema‘ sprechen werden, über ein ernstes, erhabenes, großes Thema? Was meinen Sie ... würde das angehen?“
„Ich glaube, daß es dumm wäre, wenn es nicht angebracht erschiene ...“
„Hören Sie ein für allemal,“ fuhr Aglaja schließlich ungeduldig heraus. „Wenn Sie morgen von der Todesstrafe, oder von dem ökonomischen Zustande Rußlands, oder von ‚der Erlösung der Welt durch die Schönheit‘ zu reden anfangen, so werde ich mich natürlich sehr darüber freuen und über Sie lachen, doch ... das sage ich Ihnen im voraus: treten Sie mir dann nicht mehr vor die Augen! Hören Sie: ich sage es Ihnen im Ernst! Dieses Mal verstehe ich keinen Spaß!“
Sie sprach wirklich im Ernst ihre Drohung aus, etwas Sonderbares klang aus ihren Worten und in ihren Augen blitzte etwas auf, das der Fürst früher nie an ihr bemerkt hatte.
„Nun, jetzt haben Sie es so weit gebracht, daß ich sicher davon ‚reden‘ ... und sicher ... auch die Vase zerschlagen werde. Ich habe mich vor nichts gefürchtet, jetzt fange auch ich an, mich zu fürchten. Jetzt werde ich mich sicher blamieren.“
„So schweigen Sie. Sitzen Sie und schweigen Sie.“
„Das wird mir unmöglich sein. Ich werde vor Angst sprechen und auch vor Angst die Vase zerschlagen. Vielleicht werde ich auf dem Parkett ausgleiten oder es geschieht sonst etwas ... von der Art, wie es mir schon einmal passiert ist; mir wird die ganze Nacht davon träumen; warum haben Sie es gesagt!“
Aglaja sah ihn finster an.
„Wissen Sie: ich werde morgen überhaupt nicht erscheinen, ich werde mich krank melden, und somit wäre die Geschichte abgemacht!“ entschloß er sich zu guter Letzt.
Aglaja stampfte mit dem Fuße auf und erbleichte vor Ärger.
„Mein Gott! Hat man einen solchen Menschen schon erlebt! Er will nicht kommen, während man gerade für ihn den Abend ... Mein Gott! Das ist ein Vergnügen, mit einem solchen Menschen etwas zu tun zu haben ... mit einem so einfältigen Menschen, wie Sie es sind!“
„Nun, ich komme schon, ich komme!“ unterbrach sie so schnell wie möglich der Fürst. „Und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich den ganzen Abend still dasitzen werde, ohne ein Wort zu sprechen. Ich werde es schon so einrichten.“
„Nun, Sie werden sehr gut daran tun. Sie sagten soeben: Sie werden sich ‚krank melden‘. Wieder gebrauchen Sie eine sonderbare Form. Macht Ihnen das Vergnügen, sich mir gegenüber so auszudrücken? Wollen Sie sich über mich lustig machen, wie?“
„Entschuldigen Sie; das war wieder ein Schulausdruck; ich werde es nicht mehr tun. Ich verstehe sehr wohl, daß Sie ... für mich fürchten ... (so ärgern Sie sich doch wenigstens nicht!) und ich freue mich darüber. Sie glauben mir nicht, wie sehr ich mich jetzt fürchte und – wie ich mich über Ihre Worte freue. Doch diese ganze Angst, ich schwöre es Ihnen, ist mir etwas Kleinliches und Nebensächliches. Aber die Freude, die bleibt, Aglaja! Ich habe es so gern, daß Sie noch ein solches Kind sind, so ein gutes, liebes Kind! Ach, wie können Sie reizend sein, Aglaja!“
Auch darüber wollte sich Aglaja schon ärgern, doch überkam ihre Seele im selben Augenblick ein so sonderbares Gefühl.
„Sie werden mir also meine schlechten, rohen Worte nicht nachtragen ... irgendeinmal ... nachher?“ fragte sie ihn plötzlich.
„Was sagen Sie, was sagen Sie! Und was haben Sie? Warum sehen Sie so düster drein! Sie sehen jetzt manchmal so düster aus, Aglaja, wie das früher nie der Fall war. Ich weiß, warum Sie ...“
„Schweigen Sie, schweigen Sie!“
„Nein, es ist besser, ich sage es Ihnen. Ich wollte es Ihnen schon lange sagen, doch ... Sie hätten es mir vielleicht nicht geglaubt. Zwischen uns steht noch ein Wesen ...“
„Schweigen Sie, schweigen Sie, schweigen Sie!“ unterbrach ihn Aglaja und preßte ihm schmerzhaft die Hand, ihn mit Entsetzen anstarrend.
In diesem Augenblick rief man sie – augenscheinlich erfreut darüber, lief sie davon.
Der Fürst lag die ganze Nacht hindurch im Fieber. Sonderbarerweise befand er sich schon seit mehreren Nächten in diesem Zustande. Plötzlich kam ihm im Halbschlummer der Gedanke: wie, wenn er morgen in Gegenwart aller einen Anfall bekäme? Er erstarrte bei diesem Gedanken. Die ganze Nacht über befand er sich in einer der wunderbarsten Umgebungen, in Gesellschaft sonderbarer, eigenartiger Menschen. Das für ihn Verhängnisvolle war, daß er „redete“ und doch wußte er, daß er nicht reden sollte. Doch er sprach die ganze Zeit und versuchte die Zuhörer von irgend etwas zu überzeugen. Jewgenij Pawlowitsch und Hippolyt waren auch in der Zahl der Gäste und schienen sehr befreundet miteinander.
Er erwachte um neun Uhr morgens mit Kopfschmerzen, wirren Gedanken und sonderbaren Empfindungen. Er hätte gar zu gern Rogoshin gesehen und gesprochen – warum eigentlich und worüber er mit ihm sprechen wollte, das wußte er selbst nicht. Darauf entschloß er sich, zu Hippolyt zu gehen. Etwas Schweres lag ihm auf dem Herzen und bedrückte ihn so sehr, daß alle darauffolgenden Ereignisse des Tages wenn auch einen großen, so doch unklaren, verschwommenen Eindruck auf ihn machten. Eines dieser Ereignisse war der Besuch Lebedeffs.
Lebedeff erschien schon am Morgen früh, gleich nach neun Uhr, und zwar angetrunken. Obwohl der Fürst in letzter Zeit seiner Umgebung gar keine Aufmerksamkeit schenkte, so fiel es ihm jetzt doch auf, daß bei Lebedeff eine Veränderung zum Schlechten vor sich gegangen war, besonders, seit der General nicht mehr wiederkam. Er war schmutzig und unordentlich angezogen, sein Schlips war schlecht gebunden, der Kragen saß schief, der Rockkragen war nicht gebürstet. Bei sich zu Hause schrie und lärmte er, daß man es bis über den Hof hören konnte; Wjera lief mit verweinten Augen umher. Als er jetzt beim Fürsten erschien, sprach er allerhand sonderbares Zeug, schlug sich vor die Brust, sagte, daß er schuldig sei ...
„Habe ... erhalten habe erhalten die Belohnung für meinen Verrat, für meine Niedertracht ... Habe eine Ohrfeige erhalten!“ schloß er plötzlich in tragischem Ton.
„Eine Ohrfeige! Von wem? ... Und so früh am Tage?“
„So früh am Tage?“ Lebedeff lächelte sarkastisch. „Die Zeit hat da nichts zu bedeuten ... selbst für eine physische Ohrfeige hat sie nichts zu bedeuten ... ich aber habe eine moralische ... eine moralische Ohrfeige erhalten, und nicht eine physische!“
Er setzte sich plötzlich, ohne Umstände zu machen, und begann zu erzählen. Seine Erzählung war ganz zusammenhanglos; der Fürst runzelte die Stirn und gab es schon auf, ihm zuzuhören, als ihn plötzlich einige Worte aus dem Gespräch stutzig machten. Er erstarrte vor Verwunderung ... Sonderbare Sachen erzählte Herr Lebedeff.
Aller Wahrscheinlichkeit nach war zuerst die Rede von einem Briefe, den Aglaja geschrieben haben sollte. Plötzlich beschuldigte Lebedeff voll Bitterkeit den Fürsten: der Fürst hätte ihn, Lebedeff, zuerst seines Vertrauens für würdig gehalten in Sachen einer gewissen „Person“ (Nastassja Filippowna); darauf hätte er alle Beziehungen zu ihm (Lebedeff) abgebrochen, ihn mit Schimpf und Schande davongejagt – und noch dazu in einer so beleidigenden Art und Weise! Mit Tränen in den Augen fuhr Lebedeff fort und klagte, daß er es nicht mehr habe ertragen können, um so weniger, als er alles wüßte und sehr vieles erfahren habe ... Durch Rogoshin, durch Nastassja Filippowna, und durch die Freundin Nastassja Filippownas. Er wußte alles von Warwara Ardalionowna ... von ihr ... und von ... Aglaja Iwanowna durch Wjera, durch seine geliebte Tochter Wjera, sein eingeborenes Kind ... ja–a–a, oder nicht eigentlich sein eingeborenes, denn er habe ja deren vier. Und er habe durch Briefe Lisaweta Prokofjewna von allen Geheimnissen unterrichtet, he, he! Wer habe sie in alle Beziehungen eingeweiht und ... ihr über Nastassja Filippowna he, he, he! alles mitgeteilt – wer sei dieser Anonyme, wenn der Fürst ihm zu fragen gestattete?
„Etwa Sie?“ rief der Fürst erstaunt aus.
„Wer denn sonst,“ antwortete ihm Lebedeff voll Würde, „und heute noch, um halb neun Uhr, im ganzen vor einer halben Stunde ... nein, vor einer dreiviertel Stunde, habe ich die ehrenwerteste Mutter benachrichtigt, daß ich ihr etwas mitzuteilen habe ... etwas sehr Wichtiges. Durch einen Brief teilte ich es ihr mit, schickte das Mädchen durch die Hintertreppe zu ihr hinauf ... und sie nahm ihn an, empfing mich ...“
„Sie haben soeben Lisaweta Prokofjewna gesehen?“ fragte der Fürst und schien kaum seinen Ohren zu trauen.
„Habe sie soeben gesehen und eine Ohrfeige von ihr bekommen ... eine moralische. Sie warf mir den Brief uneröffnet ins Gesicht ... und jagte mich hinaus ... übrigens, auch hier nur moralisch, wie gesagt, nicht physisch ... das heißt, fast auch physisch, es fehlte nicht viel!“
„Was für einen Brief warf sie Ihnen uneröffnet ins Gesicht?“
„Wie ... he, he, he! Habe ich es Ihnen denn noch nicht gesagt! Und ich dachte, ich hätte es Ihnen schon gesagt ... Ich habe so ein Briefchen bekommen, zur Übergabe ...“
„An wen? Von wem?“
Die Erklärungen Lebedeffs, die jetzt folgten, waren überhaupt nicht zu verstehen. Der Fürst konnte nur so viel daraus entnehmen, daß der Brief früh am Morgen durch eine Magd Wjera Lebedeff eingehändigt worden war, an eine bestimmte Adresse ... „wie auch schon früher ... ganz wie früher“, an eine bekannte „Person“ und von einer „Dame“ ... (denn die eine von ihnen nenne er „Dame“, die andere nur „Person“, zur Unterscheidung der Rangstufen, weil nämlich ein großer Unterschied zwischen einer unschuldigen, wohlgeborenen Generalstochter und ... einer Kameliendame bestehe) ... „Und so war denn der Brief von der ‚Dame‘, deren Name mit dem Buchstaben A beginnt ...“
„Wie ist das möglich? An Nastassja Filippowna? Unsinn!“ rief der Fürst aus.
„Na, wenn nicht an sie, so an Rogoshin, das ist ganz gleich. An Rogoshin, auch an Herrn Terentjeff hat es Briefe zur Übergabe gegeben, auch von der Dame mit dem Buchstaben A,“ blinzelte und lächelte Lebedeff.
Da er oft von einer Sache auf die andere übersprang und dabei vergaß, wovon er eigentlich zu sprechen angefangen hatte, so schwieg der Fürst, um ihn nicht noch mehr zu verwirren: unklar war vor allem, ob die Briefe ihm oder Wjera anvertraut wurden? Es war wohl eher anzunehmen, daß Wjera sie beförderte, und daß Lebedeff ihr diesen entwendet hatte! So mochte er auch diesen Brief von ihr heimlich gestohlen haben, um ihn der Generalin mit einer besonderen Absicht zu überreichen. In dieser Weise dachte es sich der Fürst.
„Sie haben den Verstand verloren, Lebedeff!“ rief er in außerordentlicher Erregung.
„Jedoch nicht ganz, Euer Hochwohlgeboren,“ antwortete ihm Lebedeff nicht ohne Bosheit. „Zuerst wollte ich das Briefchen in Ihre eigenen Hände legen, um Ihnen zu dienen ... doch entschloß ich mich lieber, dort einen Dienst zu leisten, und vor allem, der Hochwohlgeborenen Frau Mutter ... Denn auch früher schon einmal hatte ich sie durch einen geheimen Brief benachrichtigt; und als ich sie jetzt in einem Briefchen um acht Uhr zwanzig Minuten um eine Unterredung bat, da unterschrieb ich mich: ‚Ihr geheimer Korrespondent‘. Man empfing mich sofort, sogar in großer Eile, über die Hintertreppe ... bei der gnädigen Frau.“
„Nun, und? ...“
„Und dort kam ich, wie gesagt, sehr schlecht an, beinah wurde ich verprügelt, es fehlte nicht viel ... jawohl, verprügelt ... Den Brief warf sie mir ins Gesicht ... Sie hätte ihn gerne behalten, ich bemerkte es wohl, doch bezwang sie sich und warf ihn mir ins Gesicht: ‚wenn man ihn dir anvertraut hat, ihn zu übergeben, so tue es auch ...‘ Sie war außer sich. Wenn sie sich doch schon vor mir nicht beherrschen konnte ... Oh, ein heftiger Charakter!“
„Wo ist denn der Brief jetzt?“
„Ich habe ihn doch: hier ist er.“
Und er reichte dem Fürsten das Briefchen Aglajas an Gawrila Ardalionytsch, dasselbe, das dieser an demselben Morgen, zwei Stunden nachher, triumphierend seiner Schwester zeigte.
„Dieser Brief kann nicht bei Ihnen bleiben.“
„Ich gebe den Brief Ihnen, Ihnen! Ihnen bringe ich ihn,“ betonte Lebedeff eifrig und voll Feuer. „Ich bin jetzt wieder ganz der Ihre, der Ihre, vom Kopf bis zum Herzen, Ihr treuer Diener – nach diesem einmaligen und letzten, übrigens nur minutenlangen Verrat! Richten Sie über mein Herz, aber schonen Sie mir meinen Bart, wie jener Thomas Morus ... in England und in Großbritannien sagte. Mea culpa, mea culpa, wie die römische Päpstin sagte ... das heißt der römische Papst, ich aber nenne ihn: ‚römische Päpstin‘.“
„Dieser Brief muß sofort überbracht werden!“ sagte der Fürst in bestimmtem Tone. „Ich werde es tun.“
„Würde es nicht besser sein, besser sein, wohlerzogenster Fürst, besser sein, wenn ...“
Lebedeff schnitt eine sonderbare, sauersüße Grimasse; er sprang hin und her, als hätte man ihn mit einer Nadel gestochen, zwinkerte mit den Augen, zappelte mit den Händen.
„Was soll das bedeuten?“ fragte ihn mit strenger Miene der Fürst.
„Man könnte ihn vorsichtig öffnen!“ flüsterte der andere ihm in vertraulichem Tone zu.
Der Fürst sprang so wütend auf, daß Lebedeff schnell zur Tür lief; dort blieb er stehen, um das Weitere abzuwarten.
„Ach, Lebedeff! Wie kann man nur so tief sinken?“ rief der Fürst bitter aus.
Das Gesicht Lebedeffs erhellte sich.
„Jawohl, ich bin gemein, gemein!“ er näherte sich sogleich wieder dem Fürsten und schlug sich, mit Tränen in den Augen, vor die Brust.
„Das ist doch mehr als eine Gemeinheit!“
„Mehr als eine Gemeinheit. Das ist es!“
„Und was treibt Sie denn, so zu handeln? Sie sind ja doch einfach ... ein Spion! Warum haben Sie denn diese anonymen Briefe geschrieben und diese gute und edle Frau beunruhigt? Warum sollte Aglaja Iwanowna nicht das Recht haben, jedem zu schreiben, wie es ihr gefällt? Wie kamen Sie denn darauf, das ihrer Mutter zu hinterbringen? Sie wollten sich wohl über sie beklagen? Und was hofften Sie damit zu erreichen? Was hat Sie denn dazu getrieben?“
„Nur aus einem gewissen Interesse und ... um der ehrenwerten Mutter gefällig zu sein, ja–a –! Doch jetzt bin ich wieder ganz der Ihre, wenn Sie wollen, hängen Sie mich auf!“
„Und in solchem Zustande erschienen Sie vor Lisaweta Prokofjewna?“ fragte der Fürst voll Widerwillen und zugleich Neugier.
„Nein–n ... frischer und sogar anständiger; erst nach der erlittenen Niederlage ... mache ich so einen Eindruck.“
„Nun wohl, verlassen Sie mich jetzt.“
Diese Bitte mußte der Fürst übrigens einigemal an seinen Gast richten, ehe der sich entschließen konnte, wirklich fortzugehen. Als er schon hinter der Tür verschwunden war, kehrte er nochmals zurück, kam auf den Fußspitzen wieder herangeschlichen, bis in die Mitte des Zimmers, und machte mit den Händen von neuem seine Zeichen, den Brief doch zu öffnen. Seinen Rat in Worten auszudrücken, durfte er nicht mehr wagen. Darauf ging er dann hinaus, mit süßem Lächeln auf den Lippen.
Es war dem Fürsten nicht leicht gefallen, diese Mitteilungen Lebedeffs anzuhören. Aus ihnen konnte er zunächst nur die eine Tatsache entnehmen, daß Aglaja sich in großer Unruhe und Unentschlossenheit befand und sich sehr quälen mußte (vielleicht aus „Eifersucht“, dachte der Fürst bei sich). Ferner schien es ihm, daß böse Menschen sie beeinflußten, und sonderbar war es, daß sie ihnen zu glauben schien. In diesem eigenwilligen, heißen, doch stolzen Köpfchen schienen Pläne zu reifen, die sie vielleicht ins Verderben stürzen konnten – ganz unmögliche Pläne! Der Fürst war sehr beunruhigt und wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte. Hier mußte irgendwie vorgebeugt werden, das fühlte er. Er blickte noch einmal nach der Adresse des Briefes; was ihn beunruhigte, war, daß er wohl Aglaja, nicht aber Gawrila Ardalionytsch vertrauen konnte! Und doch befand er sich schon auf dem Wege, um ihm persönlich den Brief zu übergeben. Fast am Hause Ptizyns angelangt, traf er jedoch zufällig Koljä. Er übergab den Brief also diesem mit dem Auftrage, ihn so zu übergeben, als ob er ihn von Aglaja selbst erhalten hätte. Koljä tat es auch, ohne weiter den Fürsten auszuforschen; infolgedessen hatte Ganjä dann keine Ahnung davon, durch wessen Hände der Brief gegangen war. Als der Fürst zu Hause ankam, rief er Wjera Lukjanowna zu sich und erzählte ihr alles und beruhigte sie, denn sie hatte die ganze Zeit über geweint und den Brief gesucht. Sie erschrak furchtbar, als sie erfuhr, daß der Vater den Brief Lisaweta Prokofjewna hinterbracht hatte. (Später erfuhr der Fürst noch von ihr, daß sie niemals eine geheime Korrespondenz zwischen Rogoshin und Aglaja vermittelt hatte; auch wäre es ihr nie eingefallen, daß sie damit zum Schaden des Fürsten gehandelt hätte.)
Als zwei Stunden nachher der Fürst von der plötzlichen Erkrankung des Generals Iwolgin benachrichtigt wurde, war er so zerstreut, daß er anfangs diese Nachricht gar nicht verstand. Doch ließ ihn das Ereignis, als er es endlich begriffen hatte, wieder zu sich kommen. Er ging sogleich zu Nina Alexandrowna, zu der man den Kranken natürlich sofort gebracht hatte, und blieb bis zum Abend bei ihr. Er konnte ihr freilich von keinem Nutzen sein, aber es gibt Menschen, die man gern in einer schweren Minute bei sich sieht. Koljä weinte, ganz aufgelöst vor Schmerz, dabei lief er die ganze Zeit umher, war bei drei Doktoren, in der Apotheke usw. Man brachte den General wieder zu sich, doch kam er nicht mehr zu vollem Bewußtsein. Die Ärzte meinten, daß „der Patient in Lebensgefahr schwebe“. Warjä und Nina Alexandrowna verließen den Kranken nicht; Ganjä war erschüttert und betroffen, doch fürchtete er sich, den Kranken zu sehen, er kam nicht nach oben und rang nur in stummer Verzweiflung seine Hände. Von seinen zusammenhangslosen Klagen behielt der Fürst nur die Worte: „Welch ein Unglück, und das gerade in diesem Augenblick!“ Der Fürst glaubte ihn zu verstehen und wußte, von welchem Augenblick die Rede war. Hippolyt traf der Fürst schon nicht mehr im Hause Ptizyns an. Gegen Abend kam Lebedeff angelaufen. Er hatte seit seiner „morgendlichen Erklärung“ geschlafen. Jetzt war er nüchtern und weinte am Bette des Kranken heiße Tränen, als ob er sein leiblicher Bruder gewesen wäre. Ohne nähere Erklärungen zu geben, schrieb er sich die Schuld am Unglück zu und wich nicht von Nina Alexandrowna, ihr immer und immer wieder versichernd, daß er, er allein der Grund zu allem gewesen sei, nur er allein und seine Neugier ... und daß der „Selige“ (er nannte den General so, obgleich dieser noch lebte) ein genialer Mensch gewesen sei! Er bestand besonders auf dessen Genialität, als ob das in diesem Augenblick von großem Nutzen hätte sein können. Als Nina Alexandrowna sein aufrichtiges Leid bemerkte, machte sie ihm keinen einzigen Vorwurf und versuchte sogar, ihn zu trösten: „Nun, weinen Sie doch nicht, Gott wird Ihnen verzeihen!“ Lebedeff war durch diese Worte und vor allem durch den Ton dieser Worte so gerührt, daß er sich den ganzen Abend nicht mehr von Nina Alexandrowna trennte und während der ganzen drei Tage bis zum Tode des Generals Tag und Nacht im Hause verblieb. Im Laufe des Tages kam von Lisaweta Prokofjewna ein Bote zu Nina Alexandrowna, um sich nach dem Zustande des Kranken zu erkundigen. Als der Fürst am Abend um neun Uhr im Salon bei Jepantschins erschien, der schon ganz mit Gästen angefüllt war, erkundigte sich Lisaweta Prokofjewna sofort bei ihm teilnehmend und ausführlich nach dem Kranken, und beantwortete die Fragen der Bjelokonskaja, „wer der Kranke und wer Nina Alexandrowna sei“, mit großer Teilnahme und Achtung für die Familie Iwolgin. Dem Fürsten gefiel das sehr. Er selbst führte sich im Gespräch mit Lisaweta Prokofjewna „vorzüglich“ auf, wie sich später die Schwestern Aglajas äußerten; „bescheiden, einfach, ohne Gesten, würdevoll; trat gut auf, war vorzüglich angezogen“ und „glitt durchaus nicht auf dem Parkett aus“, sondern machte auf alle Anwesenden einen sehr angenehmen Eindruck.
Der Fürst bemerkte seinerseits, als er Platz genommen hatte, daß die Gesellschaft durchaus nicht den Gespenstern glich, mit denen Aglaja ihn geschreckt, noch den Alpdrücken, die er in der Nacht ihretwegen gehabt hatte. Zum erstenmal im Leben sah er etwas davon, was man unter dem schrecklichen Namen „die große Welt“ versteht. Schon lange hatte er den geheimen, auf bestimmten Absichten beruhenden Wunsch gehabt, in diesen Zauberkreis von Menschen einzudringen, und war daher sehr gespannt auf den ersten Eindruck, den er von ihr empfangen würde. Dieser erste Eindruck nun entzückte ihn über alle Maßen. Es schien ihm sofort, daß alle diese Menschen geboren waren, um zusammen zu sein, daß hier bei Jepantschins durchaus keine „Abendgesellschaft“ stattfand und die Menschen keine „geladenen Gäste“ waren, sondern alles „Hausgenossen“, daß er selbst ein ihnen ergebener Freund und Gesinnungsgenosse, und daß er nach langer Trennung jetzt wieder zu ihnen zurückgekehrt sei. Die eleganten Manieren, das ungezwungene, fast herzliche Benehmen wirkten einfach bezaubernd auf ihn. Ihm kam auch nicht im entferntesten der Gedanke, daß diese Offenherzigkeit und Vornehmheit, dieser Scharfsinn und das hohe Selbstbewußtsein eine angenommene und völlig künstliche Form waren. Die Mehrzahl der Gäste waren ungeachtet ihres einnehmenden Äußeren leere Menschen und hohle Köpfe, die in ihrer Selbstgefälligkeit nicht einmal wußten, daß ihre ganze Vortrefflichkeit ein Kunstprodukt war, zu dem sie selbst nichts beigetragen hatten, sondern das ihnen als Erbschaft unbewußt zugefallen war. Daran wollte der Fürst bei dem ersten glänzenden Eindruck, unter dem er stand, überhaupt nicht denken. Er sah nur, wie zum Beispiel dieser Greis, dieser vornehme Würdenträger, der den Jahren nach sein Großvater hätte sein können, sein Gespräch mit dem Nachbar unterbrach, um ihm zuzuhören, ihm, einem so jungen und unerfahrenen Menschen; und nicht nur, daß er ihm zuhörte, sondern daß er auch seine Meinung zu schätzen schien, und sich zu ihm so aufrichtig und offenherzig verhielt, als wären sie einander gar nicht fremd. Auf die Empfänglichkeit des Fürsten wirkte wohl am meisten gerade die Feinheit dieser Höflichkeit. Außerdem war er vielleicht selbst in besonders glücklicher Stimmung und geneigt, alles im besten Lichte zu sehen.