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Sämtliche Werke 3-4

Erster Teil (continued 3)

E. K. Rahsin translation

VII.

Als der Fürst geendet hatte, blickten ihn alle mit heiteren Gesichtern an, selbst Aglaja nicht ausgenommen, doch vor allen Lisaweta Prokofjewna.

„Da habt ihr ihn jetzt examiniert!“ rief sie aus. „Nun, was, meine verehrten Damen, ihr dachtet wohl, daß ihr ihn noch protegieren würdet, so als armen Jungen – und dabei würdigt er euch nur gerade noch seiner Bekanntschaft, und auch das noch mit der Randbemerkung, daß er nur selten kommen werde. Wer sind jetzt die Dummen? Natürlich wir. Das freut mich. Aber am meisten ist’s doch Iwan Fedorowitsch. Bravo, Fürst, wir wurden vorhin beauftragt, Sie zu examinieren. Und was Sie da von meinem Gesicht sagten, ist vollkommen richtig: ich bin ein Kind, das weiß ich selbst. Das wußte ich schon vor Ihnen. Sie haben nur meinen Gedanken in einem einzigen Wort ausgedrückt. Ihren Charakter halte ich dem meinen für vollkommen ähnlich, und das freut mich sehr. Wie zwei Tropfen Wasser. Nur sind Sie ein Mann und ich bin eine Frau und bin nicht in der Schweiz gewesen; das ist der ganze Unterschied.“

„Warten Sie noch ein wenig, Mama,“ rief Aglaja, „der Fürst sagt ja doch, daß er bei jedem seiner Bekenntnisse einen besonderen Gedanken gehabt und nicht nur aus Einfalt so gesprochen habe.“

„Ja, ja!“ lachten die anderen.

„Bitte, sich über andere nicht lustig zu machen; er ist vielleicht noch viel schlauer, als ihr alle drei zusammen genommen. Das werdet ihr sehen. Aber warum haben Sie nichts von Aglaja gesagt, Fürst. Sie wartet und ich warte.“

„Augenblicklich kann ich nichts sagen; erst später.“

„Warum später? Ich dächte, sie sieht nicht danach aus, daß man sie übersehen könnte.“

„O nein, ganz im Gegenteil Sie sind eine außerordentliche Schönheit, Aglaja Iwanowna. Sie sind so schön, daß man fast Angst hat, Sie anzusehen.“

„Und das ist alles? Aber ihre Eigenschaften?“ wollte die Generalin wissen.

„Eine Schönheit ist schwer zu beurteilen. Ich habe mich nicht darauf vorbereitet. Schönheit ist ein Rätsel.“

„Das heißt also, daß Sie das Rätsel von Aglaja selbst lösen lassen wollen,“ sagte Adelaida. „Dann versuch’ es mal zu lösen, Aglaja. Aber ist sie nicht schön, Fürst, ist sie nicht schön?“

„Außerordentlich!“ antwortete der Fürst, der Aglaja begeistert betrachtete. „Fast so schön, wie Nastassja Filippowna, obschon das Gesicht ein ganz anderes ist! ...“

Erstaunt blickten sich die Damen untereinander an.

„Wie we–e–er?“ fragte die Generalin, als traue sie ihren Ohren nicht. „Wie Nastassja Filippowna? Wo haben Sie denn Nastassja Filippowna gesehen? Welch eine Nastassja Filippowna?“

„Vorhin zeigte Herr Iwolgin Ihrem Herrn Gemahl die Photographie ...“

„Was, er hat Iwan Fedorowitsch ihre Photographie gebracht?“

„Nein, nur gezeigt. Nastassja Filippowna hat heute Herrn Iwolgin ihr Bild geschenkt und Herr Iwolgin zeigte es vorhin Iwan Fedorowitsch.“

„Ich will es sehen!“ fuhr die Generalin auf. „Wo ist diese Photographie? Wenn sie sie ihm geschenkt hat, dann muß er sie noch bei sich haben und er ist gewiß noch im Arbeitszimmer. Mittwochs arbeitet er immer hier und geht dann niemals vor vier Uhr fort. Man muß ihn sofort herbitten lassen! Doch nein, ich brenne durchaus nicht so darauf, ihn selbst zu sehen. Ach, Fürst, seien Sie so gut, mein Lieber, gehen Sie ins Arbeitszimmer, erbitten Sie die Photographie von ihm und bringen Sie sie her! Sagen Sie ihm, ich wolle sie sehen! Bitte!“

„Nicht übel, aber doch ein wenig gar zu offen,“ sagte Adelaida, als der Fürst das Zimmer verlassen hatte.

„Ja, ein wenig gar zu sehr,“ pflichtete ihr Alexandra bei, „so daß es mitunter sogar ein wenig lächerlich wirkt.“

Es war aber, als hätten beide nicht alles ausgesprochen, was sie bei sich dachten.

„Er hat sich übrigens mit unseren Gesichtern gut aus der Affäre gezogen,“ sagte Aglaja, „er hat allen geschmeichelt, selbst Mama nicht ausgenommen.“

„Sei nicht so spitz, wenn ich bitten darf!“ verwies die Generalin ihre Jüngste. „Nicht er hat geschmeichelt, sondern ich fühle mich geschmeichelt.“

„Du glaubst, er habe sich auf diese Weise aus der Affäre ziehen wollen?“ fragte Adelaida.

„Ich glaube, daß er durchaus nicht so – einfach ist.“

„Ach geh!“ ärgerte sich die Generalin. „Ich aber finde, daß ihr drei noch viel lächerlicher seid als er. Meinetwegen, mag er einfältig sein, dafür hat er aber auch besondere Einfälle – im besten Sinn ‚besondere‘. Ganz wie ich.“

„Das ist natürlich dumm, daß ich von der Photographie etwas habe verlauten lassen,“ dachte der Fürst bei sich, während er sich ins Arbeitszimmer des Generals begab und so etwas wie leichte Gewissensbisse empfand. „Aber vielleicht ist es auch sehr gut, daß es nun so gekommen ist ...“

Ihm war plötzlich ein sonderbarer Gedanke gekommen, doch war er ihm selbst noch nicht so ganz klar.

Gawrila Ardalionytsch Iwolgin saß noch im Arbeitszimmer und hatte sich ganz in den Inhalt der verschiedenen Papiere vertieft. Selbstverständlich wurde er nicht umsonst von der Aktiengesellschaft honoriert!

Er schien sehr verlegen zu werden, als der Fürst ihn um das Bild bat und zur Erklärung noch ehrlich mitteilte, auf welche Weise die Damen von der Existenz desselben erfahren hatten.

„Verdammt! Was plagte Sie denn, davon zu schwatzen!“ fuhr er geärgert auf. „Was wissen Sie überhaupt davon ... Idiot!“ brummte er unwirsch vor sich hin.

„Verzeihen Sie mir. Ich habe es gesagt, ohne mir dabei etwas Schlimmes zu denken. Wir kamen zufällig auf die Schönheit zu sprechen. Ich sagte, daß Aglaja fast ebenso schön sei wie Nastassja Filippowna.“

Ganjä bat ihn, ausführlicher zu erzählen, worauf der Fürst das vorhergegangene Gespräch in kurzen Worten wiedergab, während Ganjä ihn wiederum spöttisch von der Seite betrachtete.

„Diese ewige Nastassja Filippowna! Von anderem hört man hier überhaupt nichts ...,“ brummte er ärgerlich, brach jedoch plötzlich ab und wurde nachdenklich.

Er war sichtlich erregt. Der Fürst erinnerte ihn an das Bild.

„Hören Sie, Fürst,“ begann Ganjä plötzlich, als wäre ihm mit einemmal ein wichtiger Gedanke gekommen, „ich habe eine große Bitte an Sie ... Nur weiß ich nicht, in der Tat ...“

Er wurde wieder etwas verlegen und sprach seine Bitte nicht aus. Er schien innerlich zu kämpfen und sich nicht entschließen zu können. Der Fürst wartete schweigend. Ganjä sah ihn noch einmal mit forschendem, prüfendem Blick an.

„Fürst,“ begann er dann wieder, „dort ist man jetzt auf mich ... infolge eines besonderen Umstandes ... eines sehr lächerlichen Umstandes ... und an dem ich nicht schuld bin ... nun, mit einem Wort – doch das gehört nicht zur Sache ... Ich glaube, man ist dort ein wenig ungehalten über mich, so daß ich eine Zeitlang nicht ungerufen hingehen will. Nur, sehen Sie, muß ich jetzt unbedingt mit Aglaja Iwanowna sprechen. Ich habe hier ... ich habe hier für jeden Fall ein paar Worte geschrieben“ (in seiner Hand befand sich plötzlich ein kleiner Brief), „nur weiß ich nicht, wie ich ihr diesen Zettel zustellen soll. Würden nicht Sie, Fürst, so freundlich sein, ihn Aglaja Iwanowna gleich zu übergeben, aber nur Aglaja Iwanowna allein, das heißt so, daß niemand es sieht, Sie verstehen doch? Es ist nicht Gott weiß was für ein Geheimnis, es steht hierin nichts von der Art ... aber ... würden Sie ihn ihr übergeben?“

„Ihre Bitte ist mir nicht ganz angenehm,“ antwortete der Fürst.

„Ach, ich bitte Sie, Fürst, es ist wirklich von großer Wichtigkeit für mich,“ begann Ganjä beschwörend, „Sie wird mir vielleicht auch antworten ... Sie können mir glauben, daß ich mich an Sie wende, nur weil es wirklich das Äußerste ist ... Durch wen könnte ich ihr denn sonst den Brief schicken? Es ist unendlich wichtig für mich, von unendlicher Wichtigkeit ...“

Ganjä hatte große Angst, daß der Fürst sich nicht dazu herablassen würde, und blickte ihm mit ängstlicher Bitte in die Augen.

„Nun gut, ich werde ihn übergeben.“

„Aber nur so, daß es niemand bemerkt,“ bat Ganjä erfreut, „und dann, Fürst – nicht wahr – ich kann mich doch auf Ihre Diskretion verlassen, nicht?“

„Ich werde ihn keinem zeigen,“ sagte der Fürst.

„Der Brief ist nicht geschlossen, aber ...“ fuhr der erfreute Ganjä im Eifer fort, brach aber wieder plötzlich verwirrt ab.

„Oh, ich werde ihn nicht lesen,“ antwortete der Fürst ganz ruhig, nahm die Photographie und verließ das Kabinett.

Als Ganjä allein zurückblieb, griff er sich an den Kopf.

„Nur ein Wort von ihr und ich ... und ich, wirklich, ich breche vielleicht mit allem!“

Er war zu erregt, um sich wieder an die Arbeit zu machen, und so begann er, in gespannter Erwartung ruhelos im Zimmer hin und her zu gehen.

Der Fürst kehrte nachdenklich zu den Damen zurück: der übernommene Auftrag war ihm peinlich, und der Gedanke an irgendwelche Beziehungen zwischen Aglaja und Ganjä war ihm direkt unangenehm. Plötzlich blieb er stehen, als wenn ihm etwas einfiele; er blickte sich im Zimmer um: zwischen ihm und dem kleinen Salon lagen noch zwei Zimmer. Da trat er schnell ans Fenster und begann Nastassja Filippownas Bild zu betrachten.

Es war, als hätte er ein gewisses Etwas erraten wollen, das sich in diesem Gesicht verbarg und ihn vorhin ganz betroffen gemacht hatte. Fast die ganze Zeit hatte er die Wirkung dieses Eindrucks empfunden, und so beeilte er sich jetzt, sich gewissermaßen nochmals von der Richtigkeit des ersten Eindrucks zu überzeugen. Da war es ihm plötzlich, als mache dieses in seiner Schönheit und noch aus einem anderen unbestimmbaren Grunde außergewöhnliche Gesicht einen noch weit fesselnderen Eindruck auf ihn. Grenzenloser Stolz, Verachtung und Haß sprachen aus diesem Gesicht, und doch lag in ihm gleichzeitig etwas Vertrauendes, etwas erstaunlich Gutherziges; und diese Kontraste erweckten sogar so etwas wie Mitleid, wenn man diese Züge betrachtete. Seine blendende Schönheit war unerträglich, diese Schönheit des bleichen Gesichts mit den fast eingefallenen Wangen und den brennenden Augen. Eine eigenartige Schönheit war es! Der Fürst konnte den Blick nicht losreißen vom Bilde. Plötzlich jedoch zuckte er zusammen, sah sich um, führte dann schnell das Bild an die Lippen und küßte es. Als er nach einer Minute in den großen Salon trat, war sein Gesicht vollkommen ruhig.

Gerade im Begriff, ins Eßzimmer zu treten, prallte er in der Tür beinahe mit Aglaja zusammen. Sie war allein. Im Salon der Mutter konnte man nichts hören – es lag noch ein Zimmer dazwischen – und so entschloß sich der Fürst schnell.

„Gawrila Ardalionytsch hat mich gebeten, Ihnen dieses zu übergeben,“ sagte er und überreichte ihr den Brief.

Aglaja blieb stehen, nahm den Brief entgegen und blickte den Fürsten etwas sonderbar an. Nicht die geringste Verwirrung lag in ihrem Blick, höchstens Verwunderung hätte man aus ihm herauslesen können, doch auch diese schien sich nur auf den Fürsten zu beziehen. Ihr Blick verlangte gleichsam Rechenschaft von ihm darüber, wie er dazu kam, in dieser Angelegenheit Helfershelfer zu sein: und er verlangte sie ruhig und hochmütig. Sie standen sich ein paar Augenblicke lang stumm gegenüber. Endlich zuckte es kaum merklich wie leiser Spott in ihrem Gesicht, und mit einem flüchtigen Lächeln ging sie an ihm vorüber.

Die Generalin betrachtete eine Zeitlang schweigend und mit einer gewissen Nuance von Geringschätzung das Bild Nastassja Filippownas, das sie effektvoll auf Armeslänge von den Augen entfernt hielt.

„Ja, sie ist schön,“ sagte sie endlich, „sogar sehr. Ich habe sie zweimal gesehen, aber nur von weitem. Also eine solche Schönheit schätzen Sie?“ wandte sie sich an den Fürsten.

„Ja ... eine solche ...“ antwortete der Fürst mit einiger Gezwungenheit.

„Das heißt also, gerade eine solche Schönheit?“

„Ja, gerade eine solche.“

„Weshalb?“

„In diesem Gesicht ... ist viel Qual ...,“ sagte der Fürst unwillkürlich, doch gleichsam als spräche er nur zu sich selbst, und als antworte er gar nicht auf eine Frage.

„Sie phantasieren vielleicht nur,“ meinte die Generalin anmaßend und warf das Bild mit einer schroffen Bewegung auf den Tisch.

Alexandra nahm es auf, Adelaida trat hinter ihren Stuhl, und beide betrachteten es schweigend. Im selben Augenblick kehrte Aglaja in den Salon zurück.

„Welch eine Macht!“ rief plötzlich Adelaida aus, die über die Schulter der Schwester ganz entzückt das Bild betrachtete.

„Wo? Was für eine Macht?“ fragte die Generalin scharf.

„Eine solche Schönheit ist eine große Macht,“ sagte Adelaida begeistert, „mit einer solchen Schönheit könnte man die ganze Welt umdrehen!“

Nachdenklich ging sie zu ihrer Staffelei zurück. Aglaja blickte nur flüchtig auf die Photographie, kniff die Augen zusammen, schob die Unterlippe etwas vor und setzte sich dann abseits nieder, die Hände müßig im Schoße faltend.

Die Generalin klingelte.

„Ich lasse Gawrila Ardalionytsch herbitten, er ist im Kabinett,“ sagte sie zu dem eingetretenen Diener.

„Mama!“ warf Alexandra in bedeutsamem Tone ein.

„Ich will nur zwei Worte mit ihm reden, beruhige dich,“ schnitt ihr die Mutter schnell das Wort ab, um jedem weiteren Einwand zuvorzukommen.

Sie war ersichtlich gereizt.

„Bei uns, müssen Sie wissen, Fürst, bei uns gibt es jetzt nur Geheimnisse. Nichts als Geheimnisse! Heimlichkeiten scheinen jetzt hier ganz allgemein zu sein – etwas Dümmeres kann man sich nicht leicht denken. Und das noch in einer Angelegenheit, in der Offenheit, Klarheit und Ehrlichkeit die ersten Bedingungen sein sollten. Es soll jetzt mit Gewalt geheiratet werden – nein, diese Heiraten gefallen mir nicht ...“

„Mama, was soll das nur?“ beeilte sich wieder Alexandra, sie aufzuhalten.

„Was wünschst du, liebes Töchterchen? Gefallen sie denn dir? Und daß der Fürst es hört, das hat nichts zu sagen – wir sind Freunde. Wenigstens er und ich. Gott sucht Menschen, gute, versteht sich, böse und launische dagegen braucht er nicht, namentlich launische nicht, die heute so und morgen anders reden. Haben wir uns verstanden, Alexandra Iwanowna? Hier glauben sie alle, ich hätte nichts als Schrullen im Kopf; aber glauben Sie mir, Fürst, ich verstehe so manches sehr gut zu unterscheiden. Denn die Hauptsache ist und bleibt doch immer das Herz, das andere ist alles Unsinn. Verstand ist natürlich auch nötig ... vielleicht ist sogar der Verstand gerade die Hauptsache. Bitte, nicht zu lächeln, Aglaja, ich widerspreche mir durchaus nicht. Ein Weib mit Herz und ohne Verstand ist eine ebenso unglückliche Törin, wie ein Weib mit Verstand und ohne Herz. Das ist eine alte Wahrheit. Ich bin eine Törin mit Herz und ohne Verstand, und du bist eine Törin mit Verstand und ohne Herz. Und so sind wir beide unglücklich und müssen beide leiden.“

„Inwiefern sind Sie denn so unglücklich, Mama?“ Adelaida konnte sich die etwas ungezogene Frage nicht verbeißen. Sie war die einzige, die von allen vier ihre gute Laune stets beibehielt.

„Erstens durch meine gelehrten Töchter,“ antwortete die Generalin schlagfertig, „und da das allein schon vollkommen genügt, so brauche ich mich wohl über das andere nicht erst weitläufig zu verbreiten. Doch es ist genug geredet worden. Wollen wir abwarten, wie ihr beide, von Aglaja rede ich vorläufig nicht, wie ihr beide mit eurem Verstande und eurer Redekunst euch herausziehen werdet, ob unsere verehrte Alexandra Iwanowna sehr glücklich sein wird mit ihrem verehrten Gemahl ... Ah!“ rief sie plötzlich aus, als sie den eintretenden Ganjä erblickte. „Da kommt ja noch ein Heiratskandidat. Guten Tag,“ sagte sie auf Ganjäs Verbeugung und forderte ihn auf, Platz zu nehmen, „Sie werden heiraten?“

„Heiraten? ... Wie? ... Wieso heiraten?“ stotterte Ganjä, der aus den Wolken zu fallen schien.

Man sah es ihm deutlich an, wie verlegen und verwirrt er war.

„Werden Sie eine Ehe schließen, frage ich, wenn Ihnen diese Redewendung mehr zusagt?“

„N–ein ... ich ... n–ein,“ log Ganjä und heiße Schamröte stieg ihm ins Gesicht.

Er wagte es, flüchtig zu Aglaja hinüberzublicken, wandte jedoch den Blick sehr schnell von ihr ab. Aglaja betrachtete ihn kühl, ruhig, aufmerksam, ohne auch nur einen Blick von ihm abzuwenden, und beobachtete seine Verwirrung.

„Nein? Also nicht? Sie haben ‚Nein‘ gesagt?“ forschte Lisaweta Prokofjewna geradezu unerbittlich. „Nun gut, das werde ich mir merken. Denken Sie daran, daß Sie heute, am Mittwochvormittag, auf meine diesbezügliche Frage mit einem Nein geantwortet haben. Was haben wir heute? Mittwoch?“

„Ja, ich glaube, Mittwoch, Mama,“ antwortete Adelaida.

„Niemals wissen sie die Tage! – Welches Datum?“

„Den siebenundzwanzigsten,“ sagte Ganjä.

„Den siebenundzwanzigsten? Das ist nach einer gewissen Berechnung leicht zu behalten. Nun, auf Wiedersehen; Sie sind, glaube ich, sehr beschäftigt, und auch für mich ist es Zeit, mich anzuziehen und fortzufahren. Nehmen Sie Ihre Photographie. Grüßen Sie Ihre arme Mutter, Nina Alexandrowna, von mir. Auf Wiedersehen, Fürst. Sie können öfter herkommen. Ich fahre jetzt zur alten Fürstin Bjelokonskaja. Ich fahre absichtlich zu ihr, um ihr von Ihnen zu erzählen, mein Lieber. Und hören Sie, Fürst: ich glaube, daß Gott Sie direkt um meinetwillen aus der Schweiz hergeschickt hat. Vielleicht haben Sie auch noch andere Gründe vorzubringen, aber der Hauptgrund bin doch ich allein. Der liebe Gott hat es sicherlich mit Absicht so eingerichtet. Auf Wiedersehen, meine Lieben. Alexandra, mein Freund, komm mit mir in mein Zimmer.“

Die Generalin verließ den Salon.

Ganjä, der zuerst ganz sprachlos dagestanden, nahm plötzlich die Photographie vom Tisch und wandte sich mit einem verzerrten Lächeln, dem man sehr wohl seine Wut ansah, an den Fürsten.

„Fürst, ich gehe sogleich nach Hause. Wenn Sie Ihre Absicht, bei uns zu wohnen, nicht aufgegeben haben, so würde ich Sie heimbegleiten, Sie wissen ja noch nicht einmal die Adresse.“

„Noch einen Augenblick, Fürst,“ hielt ihn Aglaja auf und erhob sich schnell von ihrem Platz. „Sie müssen mir noch etwas ins Album schreiben. Papa sagte, Sie hätten eine schöne Handschrift. Ich werde es Ihnen sofort bringen.“

Sie verließ das Zimmer.

„Nun, auf Wiedersehen, Fürst, auch ich muß gehen,“ verabschiedete Adelaida sich von ihm.

Sie drückte dem Fürsten fest die Hand, lächelte ihm froh und freundlich zu und ging hinaus, ohne Ganjä zu beachten.

„Das haben Sie, natürlich Sie ausgeplaudert, daß ich heirate!“ fiel Ganjä, kaum daß sie allein zurückgeblieben waren, in wutbebendem Flüsterton über den Fürsten her. Sein Gesicht war bleich, und aus seinen Augen blickte Haß. „Ein schamloser Schwätzer sind Sie!“

„Ich versichere Sie, daß Sie sich irren,“ antwortete der Fürst ruhig und höflich. „Ich habe nicht einmal gewußt, daß Sie heiraten.“

„Wie denn nicht? Sie hörten doch vorhin, wie Iwan Fedorowitsch sagte, daß sich heute abend alles bei Nastassja Filippowna entscheiden würde, und das haben Sie hier erzählt! Sie lügen einfach! Woher hätte man es denn sonst erfahren? Wer, zum Teufel, hätte es ihnen denn erzählen können? Nur Sie! Haben Sie denn die Anspielungen der Alten nicht verstanden?“

„Das müssen Sie besser wissen als ich, wer es den Damen erzählt haben kann ... wenn Sie glauben, daß es eine Anspielung war. Ich jedenfalls habe kein Wort davon gesagt.“

„Haben Sie den Brief übergeben? ... Die Antwort? ...“ unterbrach ihn Ganjä, zitternd vor Ungeduld.

Doch in dem Augenblick kehrte Aglaja zurück und der Fürst konnte nichts mehr antworten.

„Hier, Fürst,“ sagte Aglaja, indem sie ihr Album auf einem Tisch aufschlug. „Suchen Sie sich eine Seite aus, und schreiben Sie mir etwas hinein. Hier ist eine Feder und noch dazu eine neue. Tut es nichts, daß es eine Stahlfeder ist? Kalligraphen, hab’ ich gehört, sollen nie mit Stahlfedern schreiben.“

Sie sprach und tat, als bemerke sie überhaupt nicht, daß Ganjä noch anwesend war. Während nun der Fürst die Feder nahm, eine Seite aussuchte und sich zu schreiben anschickte, trat Ganjä an den Kamin, wo Aglaja rechts vom Fenster in dessen nächster Nähe stand, und flüsterte ihr mit bebender, vor Erregung stockender Stimme ins Ohr:

„Nur ein Wort, nur ein einziges Wort von Ihnen – und ich bin gerettet!“

Der Fürst wandte sich hastig um und sah beide an. Aus Ganjäs Gesicht sprach fast Verzweiflung. Allem Anschein nach hatte er diese Worte völlig unüberlegt, vielleicht sogar halb besinnungslos gesprochen. Aglaja dagegen maß ihn ein paar Sekunden lang mit demselben ruhigen Erstaunen, mit dem sie kurz vorher den Fürsten angeblickt hatte, und dieses ihr ruhiges Erstaunen, dieses vollkommene Nichtverstehenkönnen dessen, was zu ihr gesprochen wurde, war für Ganjä in jenem Augenblick noch schrecklicher, als es die größte Verachtung gewesen wäre.

„Was soll ich schreiben?“ fragte der Fürst.

„Das werde ich Ihnen sogleich diktieren,“ sagte Aglaja, sich zu ihm wendend. „Sind Sie bereit? Dann schreiben Sie: ‚Ich lasse mich in keinen Handel ein.‘ Jetzt schreiben Sie noch das Datum und den Monat. Zeigen Sie.“

Der Fürst reichte ihr das Album.

„Vorzüglich! Sie haben es ausgezeichnet geschrieben! Sie haben die schönste Handschrift, die ich je gesehen! Ich danke Ihnen. Auf Wiedersehen, Fürst ... Warten Sie“ – ihr schien noch etwas einzufallen – „kommen Sie, ich will Ihnen etwas zum Andenken schenken.“

Der Fürst folgte ihr; im Speisezimmer blieb Aglaja plötzlich stehen.

„Lesen Sie dies,“ sagte sie, indem sie ihm Ganjäs Brief hinhielt.

Der Fürst nahm den Brief, blickte jedoch Aglaja verständnislos fragend an.

„Ich weiß es, daß Sie ihn nicht gelesen haben und auch nicht der Vertraute dieses Menschen sein können,“ sagte Aglaja. „Lesen Sie den Brief, ich will es, daß Sie ihn lesen.“

Der Brief war offenbar in aller Eile geschrieben:

„Heute wird sich mein Schicksal entscheiden. Sie wissen, auf welche Weise. Heute werde ich mein Wort geben müssen, und das soll unwiderruflich sein. Auf Ihr Mitleid habe ich kein Anrecht, und mir Hoffnungen zu machen, das wage ich nicht. Doch einmal haben Sie ein Wort fallen lassen, nur ein einziges Wort, und dieses Wort hat die ganze finstere Nacht meines Lebens erhellt und ist mir zur Leuchte geworden, die mir den richtigen Weg weist. Sagen Sie jetzt noch einmal ein solches Wort – und Sie werden mich erretten, mich vor dem Untergang bewahren. Sagen Sie mir nur: ‚Brich!‘ – und ich werde es heute noch tun, werde heute noch alles von mir werfen! Oh, was macht es Ihnen denn aus, dieses eine Wort zu sagen! Mit der Bitte um dieses eine Wort flehe ich Sie nur um ein Zeichen Ihrer Teilnahme, Ihres Mitleids an – nur, nur um Ihre Teilnahme! Und weiter nichts, nichts! Ich wage mich keinerlei Hoffnungen hinzugeben, denn ihrer Erfüllung wäre ich nicht wert. Doch sagen Sie nur das eine Wort, und ich werde von neuem meine Armut auf mich nehmen und freudig meine verzweifelte Lage ertragen. Ich werde den Kampf aufnehmen, werde mich freuen auf ihn und im Kampf mit neuen Kräften wiedergeboren werden! Senden Sie mir dieses eine Wort des Mitgefühls (nur des Mitgefühls, ich schwöre es Ihnen!) und tragen Sie diese Kühnheit dem Verzweifelten, dem Ertrinkenden nicht nach, der es wagt, eine letzte Anstrengung zu machen, um sich vor dem Untergang zu bewahren!

G. I.“

„Dieser Mensch versichert,“ sagte Aglaja scharf, als der Fürst den Brief zu Ende gelesen hatte, „daß das verlangte Wort, er solle mit allem brechen, mich nicht kompromittieren und auch zu nichts verpflichten würde, wofür er mir noch, wie Sie sehen, in diesem Brief eine schriftliche Garantie gibt. Bitte, beachten Sie doch nur, wie naiv er sich beeilt hat, einzelne Wörtchen zu unterstreichen, und wie plump dabei doch sein geheimer Gedanke überall hervorschaut. Im übrigen weiß er sehr gut, daß ich, wenn er mit allem brechen würde – aber aus eigenem Antriebe, von sich aus, ohne mein Wort zu erwarten oder überhaupt mir etwas davon zu sagen, ohne jede Hoffnung auf mich – daß ich dann anders über ihn denken und vielleicht sogar sein Freund werden würde. Das weiß er selbst ganz genau! Aber er hat eine schmutzige Seele: er weiß es, und dennoch entschließt er sich nicht, sondern bittet um Garantien. Er ist unfähig, auf sein eigenes Risiko hin sich zu entscheiden; er will, daß ich ihm, als Ersatz für die dort aushängenden Hunderttausend, auf mich zu hoffen erlaube. Und was das früher einmal von mir ausgesprochene Wort betrifft, von dem er im Brief spricht, und das sein ganzes Leben erhellt haben soll, so lügt er einfach unverschämt. Ich habe ihn nur einmal flüchtig bedauert, und das ist alles. Ihm aber ist in seiner Frechheit sogleich der Gedanke an die Möglichkeit einer Hoffnung gekommen. Das merkte ich sehr bald. Seit der Zeit sucht er mich nun in die Falle zu locken. Und das tut er auch jetzt. Doch genug davon. Behalten Sie diesen Brief und geben Sie ihn ihm zurück, sogleich, das heißt natürlich, sobald Sie unser Haus verlassen haben, nicht früher.“

„Und was soll ich ihm als Antwort sagen?“

„Nichts, versteht sich. Das ist die beste Antwort. Ach so, Sie wollen, glaube ich, bei ihm wohnen?“

„Iwan Fedorowitsch hat mir vorhin selbst diesen Rat gegeben,“ antwortete der Fürst.

„Dann seien Sie auf der Hut vor diesem Menschen, ich warne Sie, er wird es Ihnen nie verzeihen, daß Sie ihm diesen Brief zurückgeben.“

Aglaja drückte dem Fürsten leicht die Hand und ging hinaus. Ihr Gesicht war ernst und verriet ihren Unmut; sie lächelte nicht einmal, als sie dem Fürsten zum Abschied zunickte.

„Sofort, ich hole nur noch mein Bündel,“ sagte der Fürst zu Ganjä, „dann gehen wir.“

Ganjä stampfte vor Ungeduld mit dem Fuß auf. Sein Gesicht wurde ganz dunkel vor Wut. Endlich traten sie beide auf die Straße, der Fürst mit seinem Bündel in der Hand.

„Die Antwort, die Antwort?“ drängte Ganjä wieder in größter Spannung. „Was hat sie Ihnen gesagt? Haben Sie ihr den Brief gegeben?“

Der Fürst reichte ihm schweigend den Brief. Ganjä erstarrte.

„Wie! Mein Brief!“ schrie er. „Er hat ihn ihr überhaupt nicht gegeben! Haha, das hätte ich mir doch denken können! Oh, ver–r–rfl ... Natürlich konnte sie dann nichts verstehen vorhin! Aber wie denn, wie konnten Sie ihr denn meinen Brief nicht übergeben, o ver–r–rrfluch ...“

„Entschuldigen Sie, im Gegenteil: zufällig konnte ich ihr den Brief sogleich, nachdem ich ihn erhalten hatte, einhändigen, und zwar ganz so, wie Sie es wünschten. Ich bin nur jetzt wieder in seinen Besitz gekommen, weil Aglaja Iwanowna ihn mir zurückgegeben hat.“

„Wann? Wann?“

„Nachdem ich in ihr Album eingeschrieben hatte und auf ihre Bitte ihr ins andere Zimmer folgte – Sie waren doch zugegen? Wir kamen ins Speisezimmer, sie reichte mir den Brief, wünschte ausdrücklich, daß ich ihn lese und dann – Ihnen zurückgebe.“

„Daß Sie ihn l–e–esen?“ schrie Ganjä fast aus vollem Halse, „l–e–esen? Und Sie lasen ihn?“

Ganjä blieb wie zu Stein erstarrt mitten auf dem Trottoir stehen und war dermaßen erstaunt, daß er sogar den Mund zu schließen vergaß.

„Ja, ich las ihn.“

„Und sie selbst, sie selbst gab Ihnen den Brief zum Durchlesen? Sie selbst?“

„Ja, sie selbst, und Sie können mir glauben, daß ich ihn ohne ihre Aufforderung gewiß nicht gelesen hätte.“

Ganjä schwieg eine Weile in qualvoll angestrengtem Nachdenken, doch plötzlich packte ihn wieder die Wut:

„Das kann nicht sein! Sie hat Ihnen den Brief unmöglich zum Durchlesen geben können! Sie lügen! Sie haben ihn eigenmächtig gelesen!“

„Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt,“ sagte der Fürst in demselben ruhigen Ton, „und ich versichere Sie, es tut mir sehr leid, daß diese Nachricht einen so unangenehmen Eindruck auf Sie macht.“

„Aber, Sie Unglücksmensch, sie hat Ihnen bei der Gelegenheit doch wenigstens etwas gesagt! Irgend etwas muß sie doch geantwortet haben!“

„Ja gewiß ...“

„Aber dann tun Sie doch den Mund auf, reden Sie doch, sprechen Sie, zum Teufel! ...“

Und Ganjä stampfte vor Ungeduld und Wut mit dem rechten Fuß, der in der Galosche stak, zweimal aufs Trottoir.

„Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, sagte sie mir, daß Sie sie in eine Falle zu locken suchten; Sie möchten sie gern kompromittieren, um sich dann Hoffnungen, von denen sie nichts wissen wolle, hingeben zu können. Und auf Grund dieser Hoffnungen würden Sie dann ohne Verlust eine andere Hoffnung auf hunderttausend Rubel aufgeben. Ferner sagte sie, daß, wenn Sie dieses getan hätten, ohne mit ihr zu handeln – wenn Sie von sich aus mit dem Früheren gebrochen hätten, ohne von ihr im voraus Garantien für einen Ersatz zu erbitten – sie vielleicht Ihr Freund geworden wäre. Und das war alles, glaube ich. Richtig, noch eins: als ich sie dann fragte, welche Antwort ich Ihnen bringen solle, sagte sie, daß gar keine Antwort die beste Antwort sei – ich glaube, so war’s. Verzeihen Sie, daß ich den genauen Wortlaut vergessen habe und Ihnen nur den Sinn mit meinen Worten so wiedergebe, wie ich ihn verstanden habe.“

Ganjä erbleichte und seine ganze grenzenlose Wut schaffte sich in Worten Ausdruck.

„Ah! Also so!“ knirschte er. „Also meine Briefe werden einfach fortgeworfen! Ah! Sie läßt sich in keinen Handel ein! Schön, dann werde ich mich in einen Handel einlassen! Wollen wir doch sehen! Mir steht noch vieles ... Wir werden schon sehen! Ich werde sie schon ins Bockshorn jagen!“

Er zitterte, erbleichte, schäumte vor Wut; er drohte sogar mit der Faust und machte wilde Bewegungen mit den Händen. So gingen sie ein paar Schritte. Der Fürst genierte ihn nicht im geringsten – ‚dieser Idiot‘! Er benahm sich, als wäre er ganz allein in seinem Zimmer gewesen. Doch plötzlich stutzte er und besann sich.

„Ja, aber wie denn,“ wandte er sich an den Fürsten, „wie kommt es, daß Sie“ (dieser Idiot! fügte er innerlich wieder hinzu) „daß Sie plötzlich dieses Vertrauen genießen, zwei Stunden nach der ersten Bekanntschaft? Wie ist das zu erklären?“

Zu all seinen Qualen kam jetzt noch der Neid hinzu – der hatte gerade noch gefehlt! Ganz plötzlich tauchte er auf und stach ihm ins Herz.

„Das vermag ich Ihnen freilich nicht zu erklären,“ antwortete der Fürst.

Ganjä sah ihn gehässig an.

„Sollte es nicht gar ihr Vertrauen sein, was sie Ihnen in dem anderen Zimmer schenken wollte? Sie sagte doch, bevor sie hinausging, daß sie Ihnen etwas schenken wolle!“

„Anders fasse ich es auch nicht auf, als gerade so.“

„Ja, aber wofür denn, zum Teufel noch eins! Was haben Sie denn dort so Großes vollbracht? Womit haben Sie ihr Vertrauen errungen? Hören Sie,“ unterbrach er sich plötzlich in seiner sich überstürzenden Weise – alles in ihm war in diesem Augenblick gleichsam kopflos durcheinandergeworfen und kochte in wirrer Unordnung, so daß von einem Überlegen oder auch nur einem Zusammenhalten der Gedanken gar keine Rede sein konnte. „Hören Sie, können Sie sich denn nicht irgendwie noch entsinnen oder sich in einigermaßen richtiger Reihenfolge dessen erinnern, was Sie dort gesprochen haben, alles, alles, jedes Wort, ganz von Anfang an? Haben Sie vielleicht irgend so eine Bemerkung fallen lassen – können Sie sich denn gar nicht mehr Ihres Gesprächs entsinnen?“

„Oh, gewiß kann ich das,“ antwortete der Fürst. „Ganz zu Anfang, nachdem das Erste überstanden war, sprachen wir von der Schweiz.“

„Nun, zum Teufel mit der Schweiz!“

„Dann sprachen wir von der Todesstrafe ...“

„Von der Todesstrafe?“

„Ja; es kam die Rede darauf ... Dann erzählte ich ihnen, wie ich die vier Jahre in der Schweiz verbracht habe, und ferner die Geschichte eines armen Dorfmädchens ...“

„Ach, zum Teufel alle armen Dorfmädchen! Weiter!“ Ganjä raste innerlich vor Ungeduld.

„Darauf erzählte ich, wie Schneider mir seine Meinung über meinen Charakter gesagt und mich veranlaßte ...“

„Der Satan hole Ihren Schneider und seine Meinungen! Weiter!“

„Weiter – kamen wir auf Gesichter zu sprechen, auf den Ausdruck der Gesichter, und bei der Gelegenheit sagte ich, daß Aglaja Iwanowna fast ebenso schön sei, wie Nastassja Filippowna. Und da mußte ich denn auch sagen, daß ich ihre Photographie gesehen hatte ...“

„Aber Sie sagten doch nicht, Sie erzählten doch nicht, was Sie vorher im Kabinett gehört hatten? Nein? Nein?“

„Ich wiederhole es Ihnen – nein.“

„Ja, aber woher denn ... Teufel ... Ach, zum! ... Aber hat Aglaja den Brief nicht der Alten gezeigt?“

„Nein, sie hat ihn ihr nicht gezeigt. Dessen kann ich Sie vollkommen versichern. Ich war die ganze Zeit nachher zugegen, so daß ich es unfehlbar gesehen hätte.“

„Aber vielleicht haben Sie selbst irgend etwas bemerkt ... Oh, dieser ver-r-rdammte Idiot,“ knirschte er außer sich – diesmal ganz laut – „nicht einmal zu erzählen versteht er etwas!“

Ganjä, der einmal ins Schimpfen hineingekommen war, hatte allmählich, wie das oft mit solchen Menschen geschieht, jede Zurückhaltung verloren. Es fehlte vielleicht nicht mehr viel, und er hätte den Fürsten vor Wut angespien. Doch gerade diese Wut blendete ihn; denn sonst hätte er schon längst bemerkt, daß dieser „Idiot“, den er so beleidigend behandelte, sehr schnell und sehr feinfühlig alles begriff und es ungewöhnlich treffend wiederzugeben verstand. Doch da geschah mit einem Male etwas ganz Unerwartetes.

„Ich muß Ihnen sagen, Gawrila Ardalionytsch,“ sagte plötzlich der Fürst, „daß ich früher allerdings so krank war, daß man mich in der Tat fast als einen Idioten bezeichnen konnte. Jetzt aber bin ich schon lange geheilt, und daher ist es mir etwas unangenehm, wenn man mich so einfach, ins Gesicht, einen Idioten nennt. Zwar kann man Sie, in Anbetracht Ihrer Mißerfolge, noch entschuldigen, doch haben Sie mich in Ihrem Ärger zweimal beschimpft. Dem will ich mich nun in der Folge nicht mehr aussetzen; es ist mir, wie gesagt, sehr unangenehm, zumal es so bald geschehen ist, nachdem wir uns kaum kennen gelernt haben. Wäre es deshalb nicht besser – wir sind hier gerade an einer Straßenkreuzung – wenn wir jetzt auseinandergingen: Sie nach rechts, und ich nach links? Ich bin im Besitz von fünfundzwanzig Rubeln und werde sicher Unterkunft in irgendeinem Hôtel garni finden.“

Ganjä machte ein entsetzlich betretenes Gesicht und wurde dunkelrot vor Scham – die Zurechtweisung kam ihm gar zu unerwartet.

„Verzeihen Sie, Fürst,“ rief er glühend aus – sein soeben noch äußerst beleidigender Ton hatte sich schnell in einen äußerst höflichen verwandelt, „um Gottes willen, verzeihen Sie! Sie sehen, in welch einer Lage ich mich befinde! Und dabei wissen Sie noch nicht einmal alles; wenn Sie aber alles wüßten, würden Sie mich vielleicht ein wenig entschuldigen, obschon ich, versteht sich, nicht mehr zu entschuldigen bin ...“

„Oh, so große Entschuldigungen verlange ich ja gar nicht,“ unterbrach ihn der Fürst, „ich verstehe ja nur zu gut, wie unangenehm Ihnen das alles sein muß, nur deshalb fluchen und schimpfen Sie so. Nun, gehen wir also zu Ihnen. Es wird mir ein Vergnügen sein ...“

„Nein, so kann man ihn nicht fortgehen lassen,“ dachte Ganjä bei sich mit einem gehässigen Seitenblick auf den Fürsten. „Dieser Spitzbube hat als Idiot zuerst alles aus mir herausgeholt, um dann die Maske abzunehmen ... Das hat etwas zu bedeuten. Nun, wir werden ja sehen, jetzt muß sich alles entscheiden, alles, alles! Und noch heute!“

Inzwischen waren sie an dem Hause, in dem Ganjä wohnte, angelangt.

VIII.

Ganjäs Wohnung lag im dritten Stock, zu dem eine äußerst saubere, helle und breite Treppe hinaufführte. Sie bestand aus sechs oder sieben größeren und kleineren Zimmern, die, wenn sie sich auch durch nichts Besonderes auszeichneten, für eine Beamtenfamilie, in der nur ein einziger verdiente, doch sicherlich zu teuer war, mochte dieser eine sich auch auf zweitausend Rubel jährlich stehen. Es hatte jedoch einen besonderen Grund, weshalb Iwolgins vor zwei Monaten in diese große Wohnung gezogen waren: Ganjäs Mutter und Schwester – Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna – hatten, um die Einkünfte wenigstens etwas zu vergrößern, schon vor längerer Zeit beschlossen, einige Zimmer mit Kost und Bedienung zu vermieten, was ihnen denn auch nach langen Kämpfen von seiten Ganjäs schließlich erlaubt worden war. Doch trotz seiner Einwilligung ärgerte sich Ganjä nicht wenig darüber und nannte „diese ganze Vermieterei“ einfach eine „Unanständigkeit“; er glaubte sich jetzt in der Gesellschaft, in der er bis dahin als junger, hoffnungsvoller Mann stets mit Selbstbewußtsein und als Gentleman aufgetreten war, seiner Familie geradezu schämen zu müssen. Jedenfalls hinterließen alle diese Dämpfer, die ihm das Schicksal zugedacht hatte, und die Erniedrigungen dieses „engen Lebens“ die tiefsten Wunden in seiner Seele. Seit einiger Zeit konnte er sich über jede Kleinigkeit bis zur Maßlosigkeit aufregen, und wenn er auch beschlossen hatte, vorläufig noch nachzugeben und das Vermieten zu dulden, so tat er es doch nur, weil er sich geschworen hatte, in kürzester Frist diesem ganzen Zustande ein Ende zu machen und eine neue Ordnung und neue Verhältnisse zu schaffen. Nur sollte es sich leider bald zeigen, daß das Mittel, das er zur Ermöglichung einer solchen Veränderung gewählt hatte, an sich noch viel unangenehmer und schwieriger war, als alles Vorhergegangene.

Die Wohnung wurde durch einen Korridor, der sogleich am Eingang begann, in zwei Hälften geteilt. Auf der einen Seite des Korridors lagen die drei Zimmer, die für die „besonders empfohlenen“ Mieter bestimmt waren, und dann noch ein viertes, kleines Zimmerchen neben der Küche, das dem Familienoberhaupt und verabschiedeten General, Ardalion Alexandrowitsch Iwolgin, zugewiesen war; er schlief dort auf einem breiten Diwan und mußte stets durch die Küche und über die Hintertreppe ein- und ausgehen. In demselben Zimmerchen lebte auch der fünfzehnjährige Bruder Gawrila Ardalionytschs, der Gymnasiast Koljä: der mußte sich gleichfalls hier aufhalten, auf einem anderen alten, schmalen und kurzen Diwan schlafen und vor allen Dingen „nach dem Vater sehen,“ was mit jedem Tage unerläßlicher wurde. Dem Fürsten wurde das mittlere von den drei Zimmern zugewiesen; im ersten Zimmer rechts wohnte Herr Ferdyschtschenko, und links das dritte, stand noch leer. Doch Ganjä führte den Fürsten zuerst in die Familienhälfte der Wohnung. Diese bestand aus einem „Salon“, der zur Essenszeit in ein Speisezimmer verwandelt wurde, aus einem „Empfangszimmer“, das aber nur tagsüber „Empfangszimmer“ war und am Abend sich in Ganjäs Arbeits- und Schlafzimmer verwandelte, und dann noch aus einem kleinen, engen, stets verschlossenen Stübchen, in dem Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna schliefen. Mit einem Wort, die ganze Familie hatte sich so eng wie möglich eingerichtet, worüber Ganjä vor Empörung „innerlich knirschte“. Zwar bemühte er sich stets, ehrerbietig zu seiner Mutter zu sein, aber nichtsdestoweniger merkte man es doch sofort, daß er der große Despot in der Familie war.

Nina Alexandrowna und Warwara Ardalionowna saßen nicht allein im Empfangszimmer: sie unterhielten sich, beide mit irgendeiner Strickarbeit beschäftigt, mit ihrem Gast, Iwan Petrowitsch Ptizyn. Nina Alexandrowna mochte etwa fünfzig Jahre alt sein; sie hatte ein hageres, eingefallenes Gesicht und tiefe Schatten unter den Augen. Sie sah kränklich und vergrämt aus, doch machten ihr Gesicht und ihr Blick einen recht angenehmen Eindruck. Schon aus den ersten Worten sprach ein ernster, ehrbarer Charakter. Trotz ihres vergrämten Antlitzes sah man ihr sogleich ihre Festigkeit und sogar Entschlossenheit an. Gekleidet war sie sehr bescheiden, dunkel und altjüngferlich; doch ihre Bewegungen, ihre Sprechweise, ihr ganzes Auftreten verrieten die Dame, die sich einst in besserer Gesellschaft bewegt hatte.

Warwara Ardalionowna war ein Mädchen von dreiundzwanzig Jahren, mittelgroß, ziemlich hager und mit einem Gesicht, das nicht gerade sehr schön war, dafür aber das Geheimnis in sich barg, ohne Schönheit zu gefallen und bis zur Leidenschaft anzuziehen. Sie war der Mutter sehr ähnlich, sogar in ihrer Kleidung; denn ihr Sinn stand nicht danach, sich zu putzen. Ihre grauen Augen konnten mitunter sehr heiter und freundlich blicken, doch waren sie gewöhnlich ernst und nachdenklich, ja in der letzten Zeit waren sie es fast allzuoft. Auch aus ihrem Gesicht sprach Festigkeit und Entschlossenheit, doch fühlte man, daß diese Entschlossenheit noch energischer sein konnte als die der Mutter. Warwara Ardalionowna konnte sehr heftig werden, und ihr Bruder schien diese Heftigkeit fast ein wenig zu fürchten. Dasselbe tat auch der Gast, der gerade jetzt bei ihnen saß, Iwan Petrowitsch Ptizyn. Es war das ein noch junger Mann, von annähernd dreißig Jahren, nicht auffallend, doch gut gekleidet, mit sympathischem, wenn auch vielleicht ein wenig gar zu ehrbarem Wesen. Sein kurzgeschnittener, dunkelblonder Bart kennzeichnete ihn als einen, der nicht im Staatsdienst stand. Er konnte sich sehr verständig und angenehm unterhalten, war aber sonst nicht gesprächig und zog es gewöhnlich vor, ganz zu schweigen. Der allgemeine Eindruck, den er machte, war ein angenehmer. Warwara Ardalionowna war ihm offenbar nicht gleichgültig, was er übrigens auch gar nicht zu verbergen suchte. Warwara Ardalionowna dagegen verhielt sich zwar freundschaftlich zu ihm, zögerte aber immer noch mit der Antwort auf eine Frage, von der sie ihn eigentlich auch nur ungern sprechen hörte, was Ptizyn jedoch durchaus nicht entmutigte. Nina Alexandrowna war freundlich gegen ihn, und in der letzten Zeit hatte sie sogar großes Zutrauen zu ihm gefaßt. Übrigens war es allen bekannt, wie er sich sein Geld verdiente, – daß er gegen mehr oder weniger sichere Garantien Geld zu hohen Prozenten lieh. Mit Ganjä stand er sich sehr gut.

Als der Fürst und Gawrila Ardalionytsch eintraten, grüßte dieser nur seine Mutter in sehr trockenem Tone, übersah die Schwester vollkommen, und nachdem er den Fürsten vorgestellt hatte, wandte er sich sofort an Ptizyn, mit dem er gleich darauf das Zimmer verließ. Nina Alexandrowna sagte dem Fürsten ein paar freundliche Worte und befahl Koljä, dessen Kopf sich gerade durch die Türspalte schob, den Fürsten ins mittlere Zimmer zu führen. Koljä war ein munterer Knabe mit einem netten Gesicht und zutraulichem, offenherzigem Benehmen.

„Wo ist denn Ihr Gepäck?“ fragte er, als er den Fürsten in dessen Zimmer geführt hatte.

„Ich habe ein Bündel; es ist im Vorzimmer geblieben.“

„Ich werde es sofort herschaffen. Wir haben an Dienstboten nur die Köchin und Matrjona, so daß auch ich helfe. Warjä[7] sieht nur nach allem nach und ärgert sich. Ganjä sagt, Sie seien soeben aus der Schweiz zurückgekehrt?“

„Ja.“

„Ist es schön in der Schweiz?“

„Sehr schön.“

„Alles Berge?“

„Ja.“

„Ich werde Ihnen sofort Ihre Bündel herbringen.“

Warwara Ardalionowna trat ins Zimmer.

„Matrjona wird Ihnen sogleich das Bett überziehen. Haben Sie einen Koffer?“

„Nein, nur ein Bündel. Ihr Bruder wollte es herbringen; es ist im Vorzimmer.“

„Dort ist überhaupt kein Bündel, außer diesem Bündelchen hier; wohin haben Sie es denn gelegt?“ fragte Koljä, der wieder zurückgekommen war.

„Ja, das ist auch alles, was ich habe,“ sagte der Fürst und nahm sein Bündel in Empfang.

„A–a!“ Koljä sperrte etwas erstaunt den Mund auf. „Und ich dachte schon, ob nicht Ferdyschtschenko es bereits expediert hat.“

„Schwatz nicht so dummes Zeug,“ verwies ihn Warjä streng, die auch mit dem Fürsten zwar nicht gerade unhöflich, doch sehr trocken sprach.

„Chére Bebette, mit mir kann man auch etwas zärtlicher umgehen, ich bin ja doch nicht Ptizyn.“

„Dich kann man noch durchhauen, Koljä, so dumm bist du trotz deiner fünfzehn Jahre. Wenn Sie sonst etwas brauchen, können Sie sich an Matrjona wenden. Um halb fünf speisen wir. Sie können gemeinschaftlich mit uns oder auch in Ihrem Zimmer essen, ganz wie Sie wünschen. Gehen wir, Koljä, du sollst nicht stören.“

„Gehen wir, Charaktermensch!“

In der Tür stießen sie auf Ganjä.

„Ist der Vater zu Hause?“ fragte er Koljä, und als dieser bejahte, flüsterte er ihm etwas zu.

Koljä nickte mit dem Kopf und folgte der Schwester.

„Nur auf ein Wort, Fürst – ich habe es über diesen ... diesen Scherereien zu sagen vergessen. Ich will Sie um etwas bitten: seien Sie so gütig und sprechen Sie, wenn es Ihnen nicht gar so schwerfällt, weder hier davon, was ich mit Aglaja gehabt habe, noch dort davon, was Sie hier erleben; denn auch hier gibt es genug des Widerwärtigen. Zum Teufel, übrigens ... Versuchen Sie wenigstens, sich heute zu bezwingen.“

„Ich versichere Sie, daß ich weit weniger gesagt habe, als Sie vermuten,“ sagte der Fürst einigermaßen gereizt.

Ihre Stellung zueinander wurde ersichtlich immer feindseliger.

„Nun, ich habe heute schon genug durch Sie auszuhalten gehabt. Also mit einem Wort, ich bitte Sie darum.“

„Gestatten Sie mir die Frage, Gawrila Ardalionytsch, inwiefern ich denn vorhin gebunden war, und weshalb ich mit keinem Wort der Photographie hätte Erwähnung tun dürfen? Sie hatten mich doch weder darum gebeten, noch mich in die Verhältnisse eingeweiht.“

„Pfui, was das für ein scheußliches Zimmer hier ist,“ lenkte Ganjä von diesem Gespräch ab, indem er sich mit angewiderter Miene im Zimmer umsah, „dunkel und die Fenster gehen auf den Hof. Sie sind in jeder Beziehung zur Unzeit zu uns gekommen ... Nun, aber das ist nicht mehr meine Sache, nicht ich vermiete hier Zimmer.“

Ptizyn blickte zur Tür herein und rief Ganjä. Dieser verließ eilig den Fürsten und ging hinaus, obwohl er augenscheinlich noch etwas sagen wollte, doch schien er in der Verlegenheit nicht das richtige Wort finden zu können. Auch das Zimmer hatte er offenbar nur aus Verlegenheit kritisiert.

Der Fürst hatte sich kaum gewaschen und mit einiger Sorgfalt umgekleidet, als die Tür sich wieder öffnete und eine neue Gestalt erschien.

Es war das ein Herr von etwa dreißig Jahren, groß von Wuchs, breitschultrig und mit einem äußerst großen Kopf, der durch das rotblonde krause Haar noch größer erschien, als er an sich schon war. Sein Gesicht war fleischig und rosig, die Lippen dick, die Nase breit und platt und die kleinen Augen unter den dicken Lidern schienen fortwährend spöttisch zu blinzeln. Der Gesamteindruck war der eines ziemlich unverschämten Menschen. Seine Kleider ließen an Sauberkeit zu wünschen übrig.

Die Tür öffnete er anfangs nur so weit, daß er knapp den Kopf durchschieben konnte. Hierauf betrachtete der durchgeschobene Kopf das Zimmer etwa fünf Sekunden lang in unveränderter Stellung. Dann erst begann sich die Tür allmählich so weit aufzuschieben, daß man auch die Gestalt auf der Schwelle erblickte, doch trat der Herr immer noch nicht herein, sondern begann, von der Schwelle aus, blinzelnd den Fürsten zu betrachten. Endlich entschloß er sich zum ersten Schritt, schloß die Tür, trat näher, setzte sich auf einen Stuhl, faßte den Fürsten mit kräftigem Griff bei der Hand und drückte ihn schräg gegenüber auf das Sofa nieder.

„Ferdyschtschenko,“ stellte er sich vor und blickte aufmerksam und fragend dem Fürsten ins Gesicht.

„Nun, und?“ fragte der Fürst, der kaum noch ernst blieb.

„’n Mieter,“ antwortete Ferdyschtschenko, mit dem Daumen über die Achsel nach rückwärts weisend, und blickte den Fürsten unverändert mit demselben Ausdruck an.

„Sie wollen sich wohl mit mir bekannt machen?“

„O–oh!“ war die Antwort des Gastes, worauf er die Stirn in Längsfalten legte, während das Haar dabei gleichsam zu Berge stieg und er selbst in die entgegengesetzte Zimmerecke zu schauen begann. „Haben Sie Geld?“ fragte er plötzlich, sich wieder dem Fürsten zuwendend.

„Nicht viel.“

„Wieviel denn auf den Knopf?“

„Fünfundzwanzig Rubel.“

„Zeigen Sie mal.“

Der Fürst entnahm seiner Westentasche den Fünfundzwanzigrubelschein, den ihm der General Jepantschin gegeben hatte, und reichte ihn Ferdyschtschenko. Dieser faltete die Note auseinander, betrachtete sie zuerst von der einen, dann von der anderen Seite, drehte sie nochmals um und hielt sie dann gegen das Licht.

„Sonderbar,“ meinte er nachdenklich, „weshalb mögen sie nur so braun werden? Diese Fünfundzwanziger werden mitunter verteufelt braun, andere aber bleichen wiederum völlig aus. Nehmen Sie.“

Der Fürst nahm sein Geld zurück. Ferdyschtschenko erhob sich vom Stuhl.

„Ich bin gekommen, um Sie zu warnen: erstens, mir niemals Geld zu pumpen; denn ich werde Sie unfehlbar darum bitten.“

„Gut.“

„Haben Sie die Absicht, hier zu bezahlen?“

„Gewiß.“

„Ich nicht. Danke. Ich wohne hier rechts von Ihnen, die erste Tür – Sie wissen? Bemühen Sie sich, mich nicht allzuoft zu besuchen. Ich werde schon zu Ihnen kommen, seien Sie unbesorgt. Den General haben Sie schon gesehen?“

„Nein.“

„Und auch nicht gehört?“

„Nein.“

„Na, dann werden Sie ihn noch sehen und hören; der will ja sogar mich anpumpen! Avis au lecteur. Leben Sie wohl. Kann man denn leben mit dem Namen: Ferdyschtschenko? Hm?“

„Weshalb nicht?“

„Adieu.“

Und er ging zur Tür. Wie der Fürst später erfuhr, hatte es sich dieser Herr gewissermaßen zur Pflicht gemacht, einen jeden durch Originalität und Heiterkeit in Erstaunen zu setzen, doch wollte ihm das nie so recht gelingen. Auf manche Leute machte er sogar einen direkt unangenehmen Eindruck, was ihm selbst aufrichtigen Kummer bereitete. Trotzdem konnte er es nicht über sein Herz bringen, auf den einmal erwählten Lebensberuf zu verzichten. In der Tür hatte er Gelegenheit, den Eindruck, den er auf den Fürsten gemacht hatte, seiner Meinung nach noch zu verbessern: im Begriff hinauszugehen, stieß er nämlich mit einem älteren Herrn zusammen, der gerade eintreten wollte; er trat vor diesem neuen, dem Fürsten gleichfalls unbekannten Gast zur Seite, und nachdem jener an ihm vorübergegangen war, machte er hinter seinem Rücken verschiedene warnende Zeichen, worauf er sich mit einem gewissen Siegesbewußtsein schneidig entfernte.

Der neue Gast war groß von Wuchs, etwa fünfundfünfzig Jahre alt oder noch älter, ziemlich wohlbeleibt, mit einem leuchtendroten, fleischigen, aufgedunsenen Gesicht, das von einem dichten grauen Backenbart umrahmt wurde, mit einem Schnurrbart und großen, hervortretenden Augen. Die Erscheinung wäre ziemlich imposant gewesen, wenn ihr nicht etwas Heruntergekommenes, Schäbiges, geradezu Schmieriges angehaftet hätte. Er trug einen alten Überrock, dessen Ellenbogen fast durchgerieben waren, und auch die Wäsche war nicht gerade sauber. In seiner Nähe roch es ein wenig nach Branntwein. Nichtsdestoweniger war sein Auftreten sehr effektvoll, ein wenig einstudiert vielleicht und augenscheinlich von dem Wunsch beseelt, unter allen Umständen Eindruck zu machen. Der Herr näherte sich dem Fürsten mit freundlichem Lächeln, doch ohne sich zu beeilen, ergriff schweigend seine Hand, und indem er sie in der seinen behielt, blickte er ihm eine Zeitlang ins Gesicht, als wolle er bekannte Züge wiedererkennen.

„Er! Er!“ sagte er dann leise und feierlich. „Wie leibhaftig! Ich höre einen mir so bekannten und teuren Namen nennen und muß an die unwiederbringliche Vergangenheit denken ... Fürst Myschkin?“

„Ja.“

„General Iwolgin, verabschiedet und unglücklich. Ihr Rufname und Patronym, wenn ich fragen darf?“

„Lew Nikolajewitsch.“

„Ja, ja, ganz recht! Der Sohn meines Freundes und, ich kann wohl sagen, Spielkameraden, Nikolai Petrowitsch!“

„Mein Vater hieß Nikolai Lwowitsch.“

„Lwowitsch,“ verbesserte sich der General, ohne sich zu beeilen, eben mit der vollkommenen Ruhe eines Menschen, der den Namen nicht im geringsten vergessen, sondern sich nur zufällig versprochen hat. Er setzte sich, und den Fürsten bei der Hand erfassend, zog er ihn neben sich auf das Sofa. „Ich habe Sie auf den Armen getragen.“

„Wirklich?“ fragte der Fürst überrascht. „Mein Vater ist schon vor zwanzig Jahren gestorben.“

„Ja; vor zwanzig Jahren; vor zwanzig Jahren und drei Monaten. Wir haben zusammen die Schule besucht; ich kam dann zum Militär ...“

„Auch mein Vater war Offizier – Sekondeleutnant beim Wassilkoffskischen Regiment.“

„Beim Bjelomirskischen. Die Nachricht von seiner Versetzung ins Bjelomirskische traf kurz vor seinem Tode ein. Ich war zugegen und drückte ihm die Augen zu. Ihre Mutter ...“

Der General hielt inne, wie um seine Ergriffenheit zu überwinden.

„Ja, auch sie starb nach einem halben Jahr an einer Erkältung,“ sagte der Fürst.

„Nicht an einer Erkältung! Nicht an einer Erkältung, glauben Sie einem alten Mann. Ich war zugegen, ich habe auch sie beerdigt. Sie starb aus Kummer um ihren verlorenen Gatten, nicht aber an einer Erkältung. Ja, unvergeßlich ist mir diese Fürstin! O Jugend! Ihretwegen wurden wir beide, der Fürst und ich, wir zwei Jugendfreunde, fast zu gegenseitigen Mördern.“

Der Fürst begann, etwas mißtrauischer zuzuhören.

„Ich hatte mich sterblich in Ihre Mutter verliebt, als sie noch Braut war – die Braut meines Freundes. Er aber merkte es! Kommt zu mir, frühmorgens um sieben Uhr, weckt mich. Ich – kleide mich ganz verwundert an ... Schweigen beiderseits. Ich begriff alles. Er nimmt aus der Tasche zwei Pistolen. Amerikanisches Duell, versteht sich. Ohne Zeugen. Wozu Zeugen, wenn wir uns nach fünf Minuten beide in die Ewigkeit befördern? Wir luden, breiteten das Taschentuch aus, nahmen jeder seine Stellung ein, setzten die Pistolenmündung einander auf die Brust und schauten uns an. Plötzlich bricht ein Strom von Tränen aus unseren Augen, die Hände sinken herab – bei beiden, bei beiden gleichzeitig! Nun, dann natürlich Umarmungen, und jeder kämpft mit seiner Großmut. Der Fürst sagt: ‚Nimm du sie!‘ Mit einem Wort ... mit einem Wort ... Sie wollen bei uns wohnen ... wirklich wohnen?“

„Ja, eine Zeitlang ... vielleicht,“ sagte der Fürst, gleichsam etwas stockend.

„Fürst, Mama läßt Sie zu sich bitten,“ rief plötzlich Koljä, der in der Tür erschien.

Der Fürst erhob sich, doch der General legte ihm seine Rechte auf die Schulter und drückte ihn wieder aufs Sofa.

„Als aufrichtiger und treuer Freund Ihres Vaters will ich Sie warnen,“ sagte der General. „Ich selbst bin, wie Sie sehen, durch eine tragische Katastrophe ins Unglück geraten. Doch ohne vor die Schranken, ohne vor die Schranken gekommen zu sein! Nina Alexandrowna ist eine seltene Frau! Warwara Ardalionowna, meine Tochter, ist ein seltenes Mädchen! Die Verhältnisse zwingen uns, Zimmer zu vermieten – eine unerhörte Erniedrigung! ... Und das mir, dem es bevorstand, Generalgouverneur zu werden! ... Doch Sie sind uns zu jeder Zeit willkommen. Aber jetzt, gerade jetzt spielt sich in meinem Hause eine Tragödie ab!“

Der Fürst blickte ihn fragend und interessiert an.

„Ein Ehe soll geschlossen werden, eine seltsame Ehe! Ein zweideutiges Frauenzimmer soll einen jungen Mann heiraten, der, wenn er wollte, Kammerjunker sein könnte. Und dieses Frauenzimmer soll in mein Haus eingeführt werden, in dem meine Frau und meine Tochter leben! Doch so lange, wie ich noch lebe, wird ihr Fuß nicht mein Haus betreten! Ich werde mich auf die Schwelle hinwerfen, mag sie dann über mich hinwegtreten! ... Mit Ganjä spreche ich jetzt fast überhaupt nicht mehr, vermeide es sogar, ihm zu begegnen. Ich warne Sie absichtlich. Wenn Sie bei uns leben werden, werden Sie ja ohnehin Zeuge sein ... Aber Sie sind der Sohn meines Freundes, und ich kann doch wohl hoffen ...“

„Verzeihung, Fürst. Bitte, seien Sie so freundlich und kommen Sie auf einen Augenblick zu mir ins Empfangszimmer,“ unterbrach ihn Nina Alexandrowna, die diesmal selbst gekommen war, um den Fürsten zu sich zu rufen.

„Denke dir nur, mein Schatz,“ rief ihr der General sofort zu, „es stellt sich heraus, daß ich den Fürsten als kleines Kind auf meinen Armen gewiegt habe!“

Nina Alexandrowna warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und sah dann forschend den Fürsten an, sagte aber kein Wort. Der Fürst folgte ihr. Doch kaum waren sie im anderen Zimmer angelangt, kaum hatte Nina Alexandrowna halblaut etwas offenbar Peinliches mitzuteilen begonnen, als auch der General plötzlich wieder in der Tür erschien. Seine Frau verstummte sofort und beugte sich ersichtlich ärgerlich über ihre Strickarbeit. Der General bemerkte ihren Ärger sehr wohl, ließ sich aber dadurch nicht im geringsten seine gute Laune nehmen.

„Der Sohn meines Freundes!“ rief er begeistert aus, sich an Nina Alexandrowna wendend. „Und so unerwartet! Wie hätte ich das noch gestern erhoffen können! Aber, mein Schatz, entsinnst du dich denn wirklich nicht mehr des seligen Nikolai Lwowitsch? Du trafst ihn doch noch ... in Twerj?“

„Nein, ich entsinne mich Nikolai Lwowitschs nicht. Ist das Ihr Vater?“ fragte sie den Fürsten.

„Ja, aber er starb, glaube ich, nicht in Twerj, sondern in Jelissawetgrad,“ bemerkte der Fürst etwas verlegen. „Ich habe es von Pawlischtscheff gehört ...“

„In Twerj starb er,“ behauptete der General. „Kurz vor seinem Tode wurde er nach Twerj versetzt, vor dem Ausbruch der Krankheit. Sie waren damals viel zu klein, um sich jetzt noch der Versetzung oder der Reise entsinnen zu können, und Pawlischtscheff kann sich geirrt haben – er war ja doch auch nicht mehr als ein Mensch, wenn er auch sonst ein seltener Mensch war.“

„Sie kannten auch Pawlischtscheff?“

„Ein seltener Mensch war er, aber ich war ja doch Augenzeuge, ich habe ihm die Augen zugedrückt ...“

„Aber mein Vater starb doch, soviel ich weiß, als Untersuchungsgefangener,“ bemerkte wieder der Fürst, „obwohl ich niemals habe erfahren können, welches Vergehens er eigentlich beschuldigt worden ist. Er starb im Hospital.“

„Oh, das war doch die Geschichte mit dem Soldaten Kolpakoff – der Fürst wäre ganz zweifellos freigesprochen worden!“

„Ja? Sie wissen es genau?“ fragte der Fürst lebhaft interessiert.

„Das fehlte noch, daß ich’s nicht wüßte!“ rief der General fast entrüstet aus. „Das Kriegsgericht löste sich auf, ohne auch nur das geringste Urteil zu fällen. Ein ganz unmöglicher Fall! Man kann sogar sagen – geradezu mysteriös! Eines Tages stirbt der Hauptmann Larionoff, unser Kompagniechef; dem Fürsten werden zeitweilig die Pflichten desselben übertragen; schön. Der gemeine Soldat Kolpakoff begeht darauf einen Diebstahl – er stiehlt einem Kameraden die Stiefel und vertrinkt sie; schön. Der Fürst – und vergessen Sie nicht, es geschah in Gegenwart des Feldwebels und Korporals – wäscht dem Kolpakoff tüchtig den Kopf und droht ihm mit Prügelstrafe. Sehr schön. Kolpakoff geht in die Kaserne, legt sich auf die Pritsche und nach einer Viertelstunde ist er tot. Vortrefflich. Aber wie dem auch sein mag, jedenfalls bleibt die Sache unerklärlich, geradezu unmöglich. Nun gut, Kolpakoff wird beerdigt; der Fürst rapportiert und Kolpakoff wird aus den Listen gestrichen. Die Sache ist erledigt, nicht wahr? Was kann man noch verlangen? Doch siehe da, genau nach einem halben Jahre steht bei einer Brigadebesichtigung der Soldat Kolpakoff, als wäre er nie gestorben, in der dritten Rotte des zweiten Bataillons des Nowosemljanskischen Infanterie-Regiments, in derselben Brigade und derselben Division!“

„Was!“ Der Fürst fiel natürlich aus den Wolken.

„Es verhält sich nicht so, das ist ein Irrtum!“ wandte sich plötzlich Nina Alexandrowna an den Fürsten, und ihr Blick bat ihn um Verzeihung. „Mon mari se trompe,“ fügte sie leise hinzu.

„Aber, mein Schatz, se trompe, das ist leicht gesagt, aber urteile du über diesen Fall! Alles war natürlich baff! Ich hätte ja gern als erster gesagt, qu’oun se trompe! Zum Unglück aber war ich Augenzeuge und selbst ein Mitglied der Untersuchungskommission. Sämtliche Konfrontationen ergaben immer nur das eine: daß es derselbe, vollkommen derselbe Kolpakoff war, den man vor einem halben Jahr unter Trommelwirbel begraben hatte. Der Fall war wirklich eine Seltenheit, etwas fast Unmögliches, das gebe ich vollkommen zu, aber ...“

„Papa, das Essen für Sie ist schon aufgetragen,“ meldete Warwara Ardalionowna, ins Zimmer tretend.

„Ah, schön, schön! Ich habe auch schon Hunger ... Aber der Fall war, man kann wohl sagen, sogar psy–cho–logisch ...“

„Die Suppe wird wieder kalt werden!“ sagte Warjä ungeduldig.

„Ich geh’ ja schon,“ murmelte der General, der sich bereits gehorsam auf den Weg zu seiner Suppe machte, – „... doch trotz aller Untersuchungen,“ hörte man noch vom Korridor her.

„Sie werden Ardalion Alexandrowitsch vieles nachsehen müssen, wenn Sie bei uns bleiben,“ sagte Nina Alexandrowna zum Fürsten. „Übrigens wird er Sie nicht gar zu oft belästigen. Er speist auch allein. Sie werden zugeben, daß ein jeder seine Mängel hat und seine ... besonderen Eigenschaften, der kleinen vielleicht noch mehr als der großen, auf die man gewöhnlich mit Fingern zeigt. Nur um eines wollte ich Sie sehr bitten: falls mein Mann sich einmal wegen des Kostgeldes an Sie wenden sollte, so sagen Sie, daß Sie es mir bereits bezahlt hätten. Selbstverständlich wird Ihnen auch das, was Sie eventuell Ardalion Alexandrowitsch geben, als Bezahlung der Pension angerechnet werden, ich bitte Sie aber nur um der Ordnung willen ... Was ist das, Warjä?“

Warwara Ardalionowna, die den Vater hinausgeleitet hatte, war wieder zurückgekehrt und reichte der Mutter Nastassja Filippownas Photographie. Nina Alexandrowna zuckte zusammen und starrte, anfangs erschrocken, dann jedoch mit einem erdrückend bitteren Ausdruck auf das Bild der schönen Frau. Endlich blickte sie auf und sah fragend ihre Tochter an.

„Sie hat es ihm heute selbst geschenkt,“ sagte Warjä, „und am Abend wird sich alles entscheiden.“

„Heute abend!?“ stieß Nina Alexandrowna wie in hoffnungsloser Verzweiflung leise hervor. „Nun, dann kann hierüber kein Zweifel mehr bestehen, dann lohnt es sich auch gar nicht mehr, noch zu hoffen: mit dem Geschenk des Bildes hat sie alles gesagt ... Hat er es dir selbst gezeigt?“ fragte sie gleich darauf ganz verwundert.

„Sie wissen doch, daß wir schon über einen Monat kein Wort miteinander sprechen. Ptizyn hat mir alles erzählt, das Bild aber lag dort neben dem Tisch auf dem Fußboden. Ich hob es auf.“

„Ich wollte Sie fragen, Fürst,“ wandte sich Nina Alexandrowna an ihn, „deshalb bat ich Sie auch her – ob Sie meinen Sohn schon lange kennen? Er sagte, wenn ich mich nicht irre, daß Sie heute erst irgendwoher angekommen seien.“

Der Fürst gab ihr in kurzen Worten die nötigen Erklärungen. Mutter und Tochter hörten ihn ruhig an.

„Glauben Sie nicht, daß ich Sie über Gawrila Ardalionytsch ausforschen will, wenn ich Sie einiges frage,“ sagte Nina Alexandrowna. „O nein, das müssen Sie nicht von mir denken. Wenn es etwas gibt, was er mir nicht selbst sagen kann, so will ich sicher nicht hinter seinem Rücken danach forschen. Ich meine nur ... Ganjä sagte vorhin auf meine Frage, als Sie hinausgegangen waren: ‚Er weiß alles, vor ihm braucht man sich nicht zu genieren!‘ Was hat das nun zu bedeuten? Ich meine nur ... ich möchte gern wissen, inwiefern ...“

Ganjä und Ptizyn traten ins Zimmer. Nina Alexandrowna verstummte. Der Fürst blieb ruhig auf seinem Platz neben ihr sitzen, Warjä jedoch trat zur Seite. Nastassja Filippownas Bild lag, allen sichtbar, auf ihrem Nähtischchen. Ganjä bemerkte es sogleich, runzelte die Stirn, nahm es, ohne zu fragen, fort und warf es ärgerlich auf seinen Schreibtisch, der am anderen Ende des Zimmers stand.

„Was heute, Ganjä?“ fragte plötzlich Nina Alexandrowna.

„Was heute?“ fuhr Ganjä auf und zornig wandte er sich an den Fürsten. „Ah, ich verstehe, auch hier haben Sie! ... Ja, zum Teufel, ist das bei Ihnen eine Krank–heit oder was sonst für eine Manie? Können Sie denn wirklich nicht den Mund halten? So begreifen Sie doch wenigstens endlich, Fürst ...“

„Hier bin diesmal ich der Schuldige, Ganjä, und kein anderer,“ unterbrach ihn Ptizyn.

Ganjä sah ihn fragend an.

„Es ist schon besser so, Ganjä,“ fuhr Ptizyn fort, „um so mehr als es doch schon beschlossene Sache ist,“ brummte er halblaut, trat zur Seite, setzte sich am Tisch nieder und zog aus seiner Tasche ein mit Bleistift beschriebenes Blatt Papier hervor, das er aufmerksam zu studieren begann.

Ganjä blieb finster stehen und erwartete unruhig eine Familienszene. Sich beim Fürsten zu entschuldigen, fiel ihm gar nicht ein.

„Wenn alles beschlossen ist, so hat Iwan Petrowitsch natürlich recht,“ pflichtete Nina Alexandrowna Ptizyn bei. „Sei, bitte, nicht so böse und rege dich nicht auf, Ganjä, ich werde dich nicht danach fragen, wenn du es nicht selbst erzählen willst, und ich versichere dir, daß ich mich vollkommen ergeben habe. Also sei so gut und rege dich nicht mehr auf.“

Sie sagte es, ohne von der Arbeit aufzublicken, und war auch allem Anschein nach tatsächlich ruhig. Ganjä war etwas erstaunt, schwieg jedoch vorsichtshalber und wartete, was sie weiter sagen würde. Diese Familienszenen kamen seinen Nerven etwas teuer zu stehen. Nina Alexandrowna bemerkte diese Vorsicht, und so fügte sie mit bitterem Lächeln hinzu:

„Du zweifelst wohl immer noch und glaubst mir nicht. Ich versichere dir, es wird weder Tränen noch Bitten geben wie früher, wenigstens nicht meinerseits. Alles, was ich wünsche, ist ja nur, dich glücklich zu sehen; das weißt du doch. Ich habe mich dem Schicksal ergeben. Mein Herz wird immer bei dir sein, gleichviel ob wir beisammenbleiben oder auseinandergehn. Selbstverständlich rede ich nur von mir, und du kannst nicht verlangen, daß auch deine Schwester ...“

„Ah, versteht sich! Wieder die Schwester!“ rief Ganjä spöttisch aus, mit haßerfülltem Blick auf Warjä. „Mama! Ich schwöre Ihnen nochmals, worauf ich Ihnen schon mein Wort gegeben habe: solange ich hier bin, solange ich lebe, wird niemand Ihnen seine Achtung versagen dürfen. Gleichviel, wer es sei: wer über unsere Schwelle hereintritt, ist Ihnen die größte Ehrerbietung schuldig ...“

Ganjä war so erfreut, daß er fast zärtlich auf seine Mutter blickte.

„Für mich habe ich auch niemals etwas gefürchtet, Ganjä, ich habe mich nicht meinetwegen beunruhigt und gequält, das weißt du. Heute, sagt man, werde sich alles entscheiden – was wird sich denn entscheiden?“

„Sie hat versprochen, heute abend zu erklären, ob sie einverstanden ist oder nicht,“ antwortete Ganjä.

„Wir haben beinahe drei Wochen jedes Wort über diese Angelegenheit vermieden, und das war auch das Beste, was wir tun konnten. Jetzt, wo nichts mehr zu ändern ist, erlaube ich mir nur eines – dich zu fragen: wie hat sie denn deinen Antrag annehmen und dir sogar ihr Bild schenken können, wenn du sie doch nicht liebst? Hast du denn wirklich eine so ... eine so ...“

„Nun, eine so erfahrene, wie?“

„Ich wollte mich nicht so ausdrücken. Hast du ihr denn wirklich in solchem Maße ... Sand in die Augen zu streuen vermocht?“

Eine ungewöhnliche Gereiztheit klang plötzlich aus dieser Frage. Ganjä stand, dachte eine Weile nach und sagte dann mit unverhohlenem Spott:

„Sie haben sich hinreißen lassen, Mama, haben sich doch nicht bemeistern können. So haben ja alle diese Gespräche bei uns begonnen. Sie sagten, es würde weder Fragen noch Vorwürfe geben, und da haben wir nun beides! Wozu von neuem anfangen? Lassen wir es doch lieber, es ist wirklich besser. Wenigstens haben Sie die Absicht gehabt ... Ich werde meine Eltern und Geschwister niemals verlassen, unter keinen Umständen; ein anderer würde von einer solchen Schwester zum mindesten fortlaufen, – seht doch, wie sie mich fixiert! Doch beenden wir dieses Gespräch! Ich hatte mich schon so gefreut ... Woher wissen Sie denn, daß ich Nastassja Filippowna betrüge? Und was Warjä betrifft, so – nun, wie sie selbst will. Doch genug! ... Aber jetzt wirklich einmal Schluß damit!“

Ganjä wurde mit jedem Wort erregter und wanderte ziellos im Zimmer umher. Diese Gespräche waren der wunde Punkt der Familie.

„Ich habe gesagt, sobald sie hier eintritt, gehe ich von hier fort, und ich werde mein Wort halten,“ sagte Warjä.

„Aus Eigensinn! Natürlich!“ rief Ganjä wütend aus. „Aus Eigensinn will sie ja auch nicht heiraten! Was zuckst du mit der Schulter? Mir ist es wahrhaftig ganz egal, was Sie zu tun gedenken, gnädigste Warwara Ardalionowna! Ist es gefällig, dann – bitte: führen Sie Ihre Absicht ohne Aufschub aus. Weiß Gott, ich hab’ Sie mehr als satt. Wie! Sie entschließen sich also endlich doch, uns allein zu lassen, Fürst?“ wandte er sich an diesen, als er bemerkte, daß der Fürst sich erhob.

Ganjäs Stimme verriet bereits jenen Grad von Gereiztheit, in dem der Mensch sich fast über dieselbe freut und sich rückhaltlos und womöglich mit wachsender Freude von ihr hinreißen läßt, gleichviel wohin sie ihn führen kann. Der Fürst wandte sich in der Tür zurück, um etwas zu entgegnen, doch als er an dem krankhaft verzerrten Gesicht seines Beleidigers sah, daß nur noch ein Tropfen zum Überfließen fehlte, trat er schweigend aus dem Zimmer und zog die Tür hinter sich zu. Kaum war er ein paar Schritte gegangen, als die Stimmen im Empfangszimmer noch bedeutend lauter und heftiger wurden.

Er ging durch den sogenannten „Salon“ – richtiger die „gute Stube“ – ins Vorzimmer, um von dort durch den Korridor in sein Zimmer zu gelangen, doch im Vorübergehen an der Eingangstür bemerkte er, daß draußen auf dem Treppenflur sich jemand vergeblich bemühte, die Klingel zu ziehen. Am Klingelzuge mußte aber irgend etwas nicht ganz in Ordnung sein, denn die Glocke zitterte nur, doch ein Ton war nicht zu hören. Der Fürst trat näher, schloß auf, öffnete die Tür und – trat zusammenzuckend erschrocken einen Schritt zurück: vor ihm stand Nastassja Filippowna. Er erkannte sie sofort. Ihre Augen blitzten vor Unwillen. Sie trat schnell ins Vorzimmer, wobei sie ihn mit der Schulter berührte, da er ihr im Wege stand und sagte zornig, indem sie den Pelz abwarf:

„Wenn ein Diener zu faul ist, den Klingelzug in Ordnung zu bringen, so sollte er doch wenigstens im Flur sitzen, damit man nicht stundenlang vergeblich zu klopfen braucht. Da hat er noch den Pelz fallen lassen, Tölpel!“

Der Pelz lag tatsächlich auf dem Fußboden. Nastassja Filippowna hatte, an Bedienung gewöhnt, den Pelz einfach abgeworfen, ohne sich umzusehen oder zu warten, bis der Fürst ihn ihr abgenommen hätte. Dieser aber versäumte es, ihn aufzufangen.

„Dich müßte man wahrlich entlassen. Geh, melde mich.“

Der Fürst wollte zwar etwas sagen, war jedoch so verwirrt, daß er nichts hervorbrachte und mit dem Pelz, den er aufgehoben hatte, in das Empfangszimmer gehn wollte.

„Da! – er geht mitsamt dem Pelz! Wozu nimmst du denn den Pelz mit! Hahaha! Oder bist du total verrückt?“

Der Fürst kehrte zurück und starrte sie wie ein Götzenbild an. Erst nach ihrem Lachen kam etwas Leben in sein Gesicht: er lächelte, doch die Zunge konnte er immer noch nicht bewegen. Im ersten Augenblick, als er ihr die Tür geöffnet hatte, war er erbleicht, jetzt stieg plötzlich eine heiße Blutwelle in sein Gesicht.

„Ach, das ist ja ein Idiot!“ rief Nastassja Filippowna aus. „Nun, wohin gehst du denn? So wart’ doch! Nun, wen wirst du denn melden?“

„Nastassja Filippowna,“ murmelte der Fürst.

„Woher kennst du mich?“ fragte sie erstaunt. „Ich habe dich nie gesehen! Geh jetzt, melde mich! Was ist das für ein Geschrei?“

„Sie streiten dort,“ antwortete der Fürst und begab sich ins Empfangszimmer.

Er erschien dort in einem recht gefährlichen Augenblick: Nina Alexandrowna war bereits im Begriff, gänzlich zu vergessen, daß sie sich „vollkommen ergeben“ hatte. Ihre Tochter verteidigte sie. Ptizyn hatte sein mit Bleifeder beschriebenes Blatt Papier weggelegt und stand jetzt neben Warjä, die zwar selbst keine Angst hatte – doch wurden die Grobheiten ihres Bruders mit jedem Wort unerträglicher, und in solchen Fällen pflegte sie gewöhnlich zu verstummen und dann nur mit unsäglich spöttischem Blick den Bruder zu betrachten, ohne auch nur auf eine Sekunde die Augen von ihm abzuwenden. Dieses Verhalten aber konnte Ganjä, wie sie sehr wohl wußte, bis zum Äußersten bringen. In diesem Augenblick trat der Fürst ins Zimmer und meldete:

„Nastassja Filippowna.“

IX.

Alles verstummte. Alle blickten den Fürsten an, als könnten oder wollten sie ihn nicht verstehen. Ganjä war vor Schreck wie zu Stein erstarrt.

Nastassja Filippownas Besuch war für alle – und namentlich noch in diesem Augenblick – eine wahrhaft erschreckende Überraschung. Es war ihr erster Besuch in diesem Hause! Bis dahin hatte sie sich dermaßen hochmütig zu ihnen verhalten, daß in den Gesprächen mit Ganjä nicht einmal der Wunsch, seine Familie kennen zu lernen, von ihr geäußert worden war. In der letzten Zeit hatte sie seine Verwandten überhaupt nicht mehr erwähnt, ganz als gäbe es gar keine. Zwar war es Ganjä einesteils auch ganz angenehm gewesen, daß dieses für ihn so unangenehme Gespräch hinausgeschoben wurde, doch im Herzen trug er diesen Hochmut sofort in ihr Schuldbuch ein. Jedenfalls aber hatte er von ihr eher spitze Bemerkungen über seine Familie erwartet als einen Besuch. Er wußte ganz genau, daß ihr alles bekannt war, was bei ihm zu Hause infolge seiner Werbung um ihre Hand vorging, und welcher Meinung seine Familie über sie war. Ihr Besuch jedoch gerade an diesem Tage und in diesem Augenblick, nachdem sie ihm ihr Bild geschenkt und am Abend desselben Tages das letzte entscheidende Wort zu sagen versprochen hatte – war das nicht ebensogut wie dieses Wort selbst?

Die starre Verständnislosigkeit, mit der alle den Fürsten ansahen, dauerte nicht lange: Nastassja Filippowna erschien selbst in der Tür und stieß beim Eintritt wiederum den Fürsten leicht zur Seite.

„Endlich ist es mir gelungen, einzutreten ... Warum binden Sie denn die Glocke fest?“ sagte sie fröhlich, indem sie Ganjä, der ihr sofort entgegenstürzte, die Hand reichte. „Warum machen Sie ein so verdutztes Gesicht? Stellen Sie mich doch vor, bitte ...“

Ganjä, der gänzlich den Kopf verloren hatte, stellte sie zuerst seiner Schwester vor, und beide Frauen maßen einander, bevor sie sich die Hand reichten, mit seltsamem Blick. Nastassja Filippowna lachte übrigens und markierte Fröhlichkeit, doch Warjä wollte sich nicht verstellen und sah sie finster und unverwandt an; nicht einmal der Schatten eines Lächelns erschien auf ihrem Gesicht. Ganjä erbleichte; sie bitten oder bereden war unmöglich, und so blickte er sie nur so drohend an, daß sie aus seinem Blick wohl begreifen mußte, was die Minute für sie bedeutete. Da entschloß sie sich denn, nachzugeben, und sie lächelte Nastassja Filippowna kaum merklich zu. Der schlechte Eindruck wurde etwas wieder gutgemacht durch Nina Alexandrowna, welcher Ganjä in seiner Verwirrung Nastassja Filippowna nach der Schwester vorstellte. Doch kaum begann Nina Alexandrowna etwas von ihrem „besonderen Vergnügen“ zu sprechen, als Nastassja Filippowna, ohne sie bis zu Ende anzuhören, sich schon an Ganjä wandte, den sie, sich unaufgefordert auf ein kleines Sofa in der Ecke am Fenster setzend, lachend fragte:

„Wo ist denn Ihr Bureau? Und ... und wo sind denn die Pensionäre? Sie vermieten doch möblierte Zimmer mit Kost und Bedienung?“

Ganjä wurde feuerrot und wollte etwas erwidern, doch Nastassja Filippowna ließ ihn nicht zu Worte kommen:

„Aber wie können Sie denn hier Pensionäre halten? Sie haben ja nicht einmal ein Arbeitszimmer für sich! Bringt denn das auch viel ein?“ wandte sie sich an Nina Alexandrowna.

„Es macht ein wenig Mühe,“ antwortete diese, „aber selbstverständlich muß es doch etwas einbringen. Wir haben übrigens erst ...“

Doch Nastassja Filippowna hörte ihr schon wieder nicht mehr zu: sie betrachtete Ganjä, lachte und fragte:

„Was machen Sie denn für ein Gesicht? Oh, mein Gott, sehen Sie doch nur, was für ein Gesicht er macht!“

Während sie noch lachte, ging in Ganjäs Gesicht eine große Veränderung vor sich: die Starrheit, die lächerliche, feige Fassungslosigkeit verließen ihn ganz plötzlich; er erbleichte unheimlich, seine Lippen verzogen sich wie in einem krampfartigen Zucken, und schweigend, unverwandt und ruhig sah er mit Böses verheißendem Blick seinem lachenden Gast in die Augen.

Es war aber noch ein Beobachter anwesend, dem, wenn er auch immer noch auf demselben Fleck an der Tür des Empfangszimmers stand, doch plötzlich die Blässe und die unheilverkündende Veränderung in Ganjäs Gesicht auffiel, und den sie erschrecken machte. Dieser Beobachter war der Fürst. Fast mechanisch trat er vor und näherte sich Ganjä:

„Trinken Sie Wasser ... und sehen Sie nicht so ...“ stieß er leise hervor.

Man sah es ihm an, daß er es ohne jede Überlegung oder gar Berechnung sagte, sondern daß einfach sein Instinkt aus ihm sprach. Doch seine Worte machten einen entsetzlichen Eindruck. Wie es schien, wandte sich Ganjäs ganze Wut plötzlich gegen den Fürsten: er packte ihn an der Schulter und blickte ihn mit unsäglichem Haß an, mit einem Haß, der ihn kein Wort hervorbringen ließ. Alle fuhren zusammen. Nina Alexandrowna schrie sogar leise auf. Ptizyn näherte sich schnell. Koljä und Ferdyschtschenko, die in der offenen Tür erschienen, blieben verwundert stehen. Nur Warjä blickte unverändert unter der Stirn hervor und beobachtete aufmerksam. Sie setzte sich absichtlich nicht, sondern stand, die Arme über der Brust gekreuzt, etwas abseits neben dem Stuhl der Mutter.

Im übrigen besann sich Ganjä sofort, fast schon im nächsten Augenblick. Dann lachte er nervös auf. Da war er bereits ganz zur Besinnung gekommen!

„Ja, sind Sie denn ein Arzt, Fürst?“ rief er aus, bemüht, möglichst heiter zu erscheinen. „Sie können einen ja wahrhaftig erschrecken! Nastassja Filippowna, gestatten Sie, Ihnen vorzustellen – ein kostbares Subjekt! Zwar kenne ich ihn selbst erst seit dem Morgen ...“

Nastassja Filippowna blickte erstaunt den Fürsten an.

„Fürst? Er ist ein Fürst? Denken Sie sich, ich hielt ihn, als ich eintrat, dort im Vorzimmer für den Diener und schickte ihn her, um mich anzumelden! Hahaha!“

„Kein Malheur, kein Malheur!“ fiel Ferdyschtschenko sofort nähertretend ein, sichtlich erfreut darüber, daß man zu lachen begann: „Das hat nichts zu sagen: se non è vero ...“

„Und ich habe Sie ja fast gescholten, Fürst. Verzeihen Sie, bitte. Aber wie kommen Sie denn, Ferdyschtschenko, zu dieser Tageszeit hierher? Haben Sie heute Feiertag? Ich glaubte, daß ich zum mindesten Sie hier nicht antreffen würde. Was? Wer? Was für ein Fürst? Myschkin?“ fragte sie Ganjä, der ihr inzwischen den Fürsten, den er immer noch an der Schulter hielt, vorgestellt hatte.

„Er wohnt bei uns,“ erläuterte Ganjä.

Augenscheinlich wurde der Fürst, (der als Retter aus der peinlichen Situation allen sehr gelegen kam) wie etwas Seltenes vorgestellt, ja, er wurde ihrer Aufmerksamkeit nahezu aufgedrängt. Der Fürst hörte sogar das Wort „Idiot“ hinter seinem Rücken flüstern, das wahrscheinlich Ferdyschtschenko Nastassja Filippowna zur Erklärung zuraunte.

„Sagen Sie doch, warum klärten Sie mich vorhin nicht auf, als ich mich so unverzeihlich ... in Ihnen täuschte?“ fragte Nastassja Filippowna, die den Fürsten in der ungeniertesten Weise vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete.

Sie erwartete ungeduldig, was er sagen würde, ganz, als wäre sie von vornherein überzeugt gewesen, eine so dumme Antwort zu erhalten, daß alle in schallendes Gelächter ausbrechen müßten.

„Ich war zu überrascht, als ich Sie so plötzlich vor mir sah ...“ begann der Fürst.

„Aber woher wußten Sie denn, wer ich bin? Wo haben Sie mich früher gesehen? Aber was ist das, wirklich, es scheint mir, daß ich Sie irgendwo gesehen habe ... Und erlauben Sie, – warum erstarrten Sie denn plötzlich, nachdem Sie mir die Tür aufgemacht hatten? Was ist denn an mir, das so erstarren machen kann?“

„Nun! na! los doch!“ rief ihm Ferdyschtschenko Grimassen schneidend in aufmunternd sein sollendem Tone zu. „Na, schießen Sie doch los! Herrgott! was ich auf eine solche Frage reden würde! Aber so ... na! Ach, bist du aber ein Tölpel, Fürst!“

„Oh, an Ihrer Stelle würde auch ich zu reden verstehen,“ wandte sich der Fürst lächelnd an Ferdyschtschenko. „Mich hat heute Ihre Photographie frappiert,“ fuhr er zu Nastassja Filippowna fort, „dann habe ich mit Jepantschins von Ihnen gesprochen ... und früh am Morgen, noch bevor ich in Petersburg angekommen war, hat mir im Eisenbahnzuge Parfen Rogoshin viel von Ihnen erzählt. Und in jenem Augenblick, als ich Ihnen die Tür aufmachte, dachte ich auch wieder an Sie – und da standen Sie plötzlich vor mir.“

„Aber wie haben Sie mich denn erkannt?“

„Nach der Photographie und ...“

„Und?“

„Und ... weil ich Sie mir gerade so vorstellte ... Ich glaube, Sie gleichfalls irgendwo gesehen zu haben.“

„Wo? Wo?“

„Ich glaube Ihre Augen irgendwo gesehen zu haben ... aber das kann ja nicht sein! Das ist nur so ... Ich bin nie hier gewesen. Vielleicht im Traum.“

„Eh–hee! Seht doch mal an!“ rief Ferdyschtschenko laut dazwischen. „Nein, ich nehme mein ‚se non è vero‘ zurück! Doch ... doch übrigens – das hat er ja alles nur aus Unschuld gesagt!“ fügte er mitleidig bedauernd hinzu.

Der Fürst hatte die wenigen Sätze mit einer unruhigen Stimme gesprochen, dazwischen in der Erregung oft Atem geschöpft oder kurz abgebrochen, weshalb seine Rede denn auch geradezu abgehackt klang. Nastassja Filippowna sah ihn interessiert an, doch hatte sie aufgehört zu lachen. Da ertönte plötzlich eine neue laute Stimme hinter der Gruppe, die Nastassja Filippowna umstand. Der Neueingetretene brach sich majestätisch Bahn und – vor Nastassja Filippowna verneigte sich das Oberhaupt der Familie in eigener Person. General Iwolgin war im Frack und in sauberem Vorhemd. Sein Schnurrbart war starr aufgewichst.

Doch das war zuviel für Ganjä:

Dieser selbstgefällige, bis zur Hypochondrie ehrgeizige Mensch, der in den ganzen zwei Monaten vergeblich nach einem Piedestal gesucht, auf dem er höher dastehen und sich edler ausnehmen könnte, mußte nun fühlen, daß er noch ein Neuling auf dem erwählten Wege war und vielleicht nicht einmal bis zum Ende aushalten würde; dieser Mensch, der sich dann in der Verzweiflung zur größten Gemeinheit entschlossen hatte, was er bei sich zu Hause, wo er als richtiger Despot herrschte, auch vollkommen eingestand, Nastassja Filippowna gegenüber jedoch – die geradezu unbarmherzig das Übergewicht behielt, was sie ihn auch fühlen ließ – nie und nimmer einzugestehen gewagt hätte; dieser „ungeduldige Bettler“, wie sie ihn einmal genannt, was ihm bald darauf hinterbracht worden war, hatte sich mit allen Schwüren geschworen, sie in der Folge bitter dafür büßen zu lassen, während er gleichzeitig wie ein Kind davon träumen konnte, wie er alles gutmachen, alle Widersprüche vereinen und nichts als Glück schaffen würde; – dieser Mensch mußte jetzt den furchtbarsten Kelch leeren! Ihm war auch noch diese schreckliche, für einen ehrgeizigen Menschen allerschrecklichste Folter zugedacht: die Qual, für seine Angehörigen erröten zu müssen, und das dazu noch in seinem eigenen Hause!

„Aber ist denn schließlich der verheißene Lohn auch all dieser Qualen wert?“ fuhr es ihm jetzt plötzlich durch den Kopf.

Und in eben diesem Augenblick geschah das, was in den letzten zwei Monaten wie ein Alpdruck auf ihm gelastet, ihn vor Entsetzen frösteln und vor Scham erglühen gemacht hatte: Nastassja Filippowna lernte seinen Vater kennen. Wenn er sich bisweilen selbst gereizt und gequält hatte, dann hatte er sich wohl den Vater während der Zeremonie der kirchlichen Trauung vorzustellen versucht, doch nie war er fähig gewesen, das peinigende Bild sich bis zu Ende vorzustellen, sondern hatte es immer schnell wieder verscheucht. Vielleicht sah er das Unglück viel zu schwarz – aber das pflegt ja bei ehrgeizigen Menschen immer der Fall zu sein! In diesen zwei Monaten hatte er sich die Sache mehrfach überlegt und dann doch beschlossen und sich das Wort gegeben, seinen Vater irgendwie „unschädlich“ zu machen, ihn wenigstens für eine kurze Zeit, falls das möglich war, ganz aus Petersburg fortzuschaffen, gleichviel, ob seine Mutter es billigte oder nicht. Vor zehn Minuten, nach Nastassja Filippownas unerwartetem Erscheinen, war er so bestürzt, so betäubt gewesen, daß er an die Möglichkeit, sein Vater könne gleichfalls erscheinen, gar nicht gedacht hatte. Und nun stand der General hier vor allen feierlich und lächerlich in Frack und weißer Binde, und das in einem Augenblick, in dem Nastassja Filippowna „offenbar nur eine Gelegenheit suchte, ihn und seine Familie zu verspotten“ – davon war Ganjä überzeugt. Denn in der Tat: was konnte dieser ihr Besuch anders bedeuten? War sie gekommen, um die Freundschaft seiner Mutter und Schwester zu suchen, oder um sie in ihren vier Wänden zu beleidigen? Ein Blick genügte, um zu erkennen, wie sich die beiden Parteien zueinander stellten, und dieser Blick schloß jeden Zweifel aus: seine Mutter und Schwester saßen abseits, wie erniedrigt und verhöhnt, während Nastassja Filippowna ganz vergessen zu haben schien, daß sie mit ihnen in ein und demselben Zimmer saß ... Wenn sie sich aber in dieser Weise aufführte, so mußte sie natürlich etwas Besonderes im Sinn haben.

Ferdyschtschenko sprang sofort herbei, um den General vorzustellen, doch dieser kam ihm zuvor.

„Ardalion Alexandrowitsch Iwolgin,“ sagte er pathetisch, sich verbeugend und lächelnd, „ein alter, unglücklicher Soldat und Vater einer Familie, die glücklich ist in der Hoffnung, in ihrem Schoß eine so bezaubernde ...“

Er sprach nicht zu Ende: Ferdyschtschenko schob ihm von hinten ganz unverhofft einen Stuhl unter, und zwar tat er das so schwungvoll, daß der General, der nach dem Essen gewöhnlich etwas schwach auf den Füßen war, bei diesem plötzlichen Stoß in die Kniekehlen wie ein Sack auf den Sitz plumpste, was ihn im übrigen durchaus nicht aus dem Konzept brachte. So saß er denn jetzt Nastassja Filippowna gegenüber, zog mit süßem Lächeln ihre Hand an die Lippen und küßte sie langsam und effektvoll. Überhaupt war es ziemlich schwer, den General aus der Fassung zu bringen. Sein Äußeres war, abgesehen von einer gewissen Nachlässigkeit in der Kleidung, immer noch ganz anständig, was er selbst wohl wußte. Er hatte früher nur in guter Gesellschaft verkehrt, von der er erst seit zwei oder drei Jahren endgültig ausgeschlossen war. Seit dieser Zeit hatte er sich auch erst angewöhnt, etwas gar zu zügellos gewissen Schwächen nachzugeben, doch die einmal erworbenen Manieren hatte er deshalb nicht eingebüßt. Nastassja Filippowna schien höchst erfreut über das Erscheinen Ardalion Alexandrowitschs zu sein, von dem sie natürlich schon viel gehört hatte.

„Ich habe gehört, daß mein Sohn ...“ begann Ardalion Alexandrowitsch.

„Ja, Ihr Sohn! Aber auch Sie sind mir mal einer! Warum sieht man Sie denn nie bei mir? Sie sind doch sein Vater? Verstecken Sie sich selbst oder werden Sie von Ihrem Sohn versteckt? Sie können doch wirklich zu mir kommen, ohne daß sich deshalb jemand kompromittiert zu glauben braucht.“

„Die Kinder des neunzehnten Jahrhunderts und deren Eltern ...“ wollte wieder der General beginnen.

„Nastassja Filippowna! Entschuldigen Sie, bitte, Ardalion Alexandrowitsch auf einen Augenblick, es wird nach ihm verlangt,“ unterbrach ihn plötzlich Nina Alexandrowna laut.

„Verlangt? Aber ich bitte Sie, ich habe soviel von ihm gehört und ihn schon lange einmal sehen wollen! Und was hat er denn so Unaufschiebbares vor? Er ist doch verabschiedet? Nicht wahr, Sie werden mich nicht verlassen, Ardalion Alexandrowitsch, Sie werden doch nicht fortgehen?“

„Ich verspreche Ihnen, daß er Sie selbst aufsuchen wird, doch jetzt bedarf er dringend der Ruhe.“

„Ardalion Alexandrowitsch, Sie sollen der Ruhe bedürfen!“ rief Nastassja Filippowna mit einer pikierten kleinen Grimasse aus, ganz wie ein leichtfertiges, dummes Gänschen, dem man ein Spielzeug fortnimmt.

Der General aber war im besten Zuge, sich wieder lächerlich zu machen.

„Aber mein Schatz! Du siehst doch!“ sagte er, sich feierlich an seine Gattin wendend, in vorwurfsvollem Tone und die Hand aufs Herz gepreßt.

„Werden Sie nicht von hier fortgehen, Mama?“ fragte Warjä laut.

„Nein, Warjä, ich bleibe bis zu Ende.“

Nastassja Filippowna konnte unmöglich diese Frage und Antwort nicht hören, doch ihre Fröhlichkeit schien nur noch zuzunehmen. Sie überschüttete den General mit Fragen, und binnen fünf Minuten war dieser in der siegesbewußtesten Stimmung und redete äußerst schwungvoll.

Koljä zupfte den Fürsten am Rockschoß.

„So bringen Sie ihn doch irgendwohin fort! Das geht doch nicht! Bitte!“ Dem armen Jungen standen vor Unwillen Tränen in den Augen. „Oh, dieser verwünschte Ganjä!“ fügte er bei sich noch hinzu.

„Mit Iwan Fedorowitsch Jepantschin war ich einstmals allerdings eng befreundet,“ erzählte der General in bester Laune auf eine Frage Nastassja Filippownas. „Ich, er und der verstorbene Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin, dessen Sohn ich heute nach zwanzigjähriger Trennung in meine Arme geschlossen habe, – wir drei waren eine sozusagen unzertrennliche Kavalkade: Athos, Portos und Aramis. Aber ach, der eine liegt im Grabe, gefällt von Kugeln und Verleumdungen, der andere sitzt vor Ihnen und kämpft noch mit Verleumdungen und Kugeln ...“

„Kugeln?“ fragte Nastassja Filippowna, scheinbar sehr erstaunt.

„Hier in meiner Brust, beim Sturm auf Kars erhalten, und wenn das Wetter umschlägt, fühle ich jede einzeln. In allen anderen Beziehungen lebe ich als Philosoph, gehe spazieren, mache in meinem Café ein Spielchen, wie ein vom Geschäft zurückgezogener Bourgeois, und lese die Zeitung. Doch mit unserem Portos Jepantschin habe ich nach jener vor drei Jahren im Eisenbahncoupé passierten Geschichte mit dem Bologneserhündchen ein für allemal die Freundschaft gebrochen.“

„Einem Bologneserhündchen? Was war denn das für eine Geschichte?“ fragte Nastassja Filippowna mit ganz besonderem Interesse. „Mit einem Bologneserhündchen sagen Sie? Erlauben Sie, und im Eisenbahncoupé ...“ sie schien in ihrem Gedächtnisse irgend etwas zu suchen.

„Oh, nichts Besonderes, eine dumme Geschichte, die zu wiederholen sich gar nicht lohnt: die Schuld an allem trug die Gouvernante der Fürstin Bjelokonskaja, eine Mrs. Smith, doch ... es lohnt sich nicht, sie zu erzählen.“

„Aber unbedingt müssen Sie sie uns erzählen!“ bestand Nastassja Filippowna fröhlich auf ihrem Wunsch. „Auch ich habe sie noch nie vernommen!“ bemerkte Ferdyschtschenko. „C’est du nouveau!“

„Ardalion Alexandrowitsch!“ ertönte wieder beschwörend Nina Alexandrownas Stimme.

„Papa, jemand will Sie sprechen!“ rief Koljä.

„Eine ganz dumme Geschichte, nur zwei Worte,“ begann der General mit großer Selbstzufriedenheit. „Vor zwei Jahren, ja fast vor zwei Jahren – auf der neuen Eisenbahnlinie Petersburg–Warschau mußte ich in einer für mich äußerst wichtigen Angelegenheit, die mit meinem Austritt aus dem Dienst in Zusammenhang stand – ich trug bereits Zivil – eine Reise unternehmen. Ich löse also ein Billett erster Klasse, steige ein, setze mich, rauche. Oder vielmehr, fahre fort zu rauchen; denn ich hatte mir die Zigarre schon früher angesteckt. Bin ganz allein im Coupé. Das Rauchen ist nicht verboten, ist aber auch nicht gerade gestattet, sondern so–o ... halb und halb, wie gewöhnlich, und natürlich – je nachdem. Das Fenster ist heruntergelassen. Plötzlich, kurz vor dem letzten Pfiff, steigen zwei Damen mit einem kleinen Bologneser ein und setzen sich mir vis-à-vis. Hatten sich etwas verspätet. Die eine pompös gekleidet, ganz in Hellblau; die andere etwas bescheidener in schwarzer Seide mit einer kleinen Pelerine. Beide, nicht gerade häßliche Frauenzimmer, scheinen nur im allgemeinen etwas sehr ‚von oben herab‘ zu sein, sprechen englisch. Ich natürlich verhalte mich ganz ruhig; rauche meine Zigarre. Das heißt, im ersten Augenblick dachte ich wohl so bei mir, aber schließlich – das Fenster war heruntergelassen, weshalb soll ich nicht zum Fenster hinausrauchen? Der kleine Bologneser ruht auf dem Schoß der Hellblauen so ’n kleines Tierchen, nicht größer als meine Faust, pechschwarz, weiße Pfötchen – eine Seltenheit zweifellos. Das Halsbändchen war aus Silber und mit einer Inschrift versehen. Nun, ich – merke nichts. Bemerke nur, daß die Damen sich über mich zu ärgern scheinen, natürlich wegen der Zigarre. Die eine betrachtet mich durchs Lorgnon – aus echtem Schildpatt, versteht sich. Ich jedoch – merke nichts. Weshalb sagen sie denn nichts? So sollen sie doch den Mund auftun! Hätten sie mich darauf aufmerksam gemacht, etwas gesagt, mich gebeten, sie waren doch nicht stumm! Aber so – wie soll ich’s denn wissen? ... Plötzlich – und zwar ohne die geringste Vorbereitung, ich sage Ihnen, ohne die allergeringste, als wäre sie übergeschnappt – reißt mir die Hellblaue, schwaps! die Zigarre aus der Hand und wirft sie zum Fenster hinaus. Na, die war gewesen, den Zug hält man nicht auf. Ich mache ein dummes Gesicht, staune sie an: ein wildes Weib, ich sage Ihnen, ein vollkommen wildes Weib! Stattlich, groß, üppig, blond, rosig – vielleicht etwas zu rosig – und die Augen blitzen mich nur so an. Ich – ohne ein Wort zu verlieren, strecke mit der größten Höflichkeit, mit der feinsten Höflichkeit langsam meine Hand nach dem Bologneser aus, fasse ihn delikat mit zwei Fingern am Schopf und – wups! werfe ihn gleichfalls zum Fenster hinaus, dorthin, wo die Zigarre lag! Er quiekte nur einmal, zum Kläffen kam er gar nicht. Na, der Bologneser war auch gewesen! Den Zug hält man nicht auf, der geht.“

„Sie Ungeheuer!“ rief Nastassja Filippowna köstlich amüsiert aus, klatschte Beifall und lachte wie ein kleines Mädchen über den gelungenen Streich.

„Bravo, bravo!“ rief Ferdyschtschenko.

Auch Ptizyn lachte, obgleich ihm das Erscheinen des Generals nicht minder unangenehm war, und sogar Koljä lachte und rief seinem Vater ein Bravo zu.

„Und ich war doch im Recht, im Recht, doppelt und dreifach im Recht!“ fuhr der triumphierende General fort; „denn wenn im Coupé das Rauchen verboten ist, so sind es Hunde erst recht!“

„Bravo, Papa!“ rief Koljä begeistert aus, „das war großartig! Ich hätte es unbedingt ebenso gemacht!“

„Aber was tat denn die Dame?“ fragte in ungeduldiger Neugier Nastassja Filippowna.

„Sie? Ja, hier erst beginnt das Unangenehme an der ganzen Geschichte,“ fuhr der General stirnrunzelnd fort. „Ohne ein Wort zu sagen und ohne die geringste Vorbereitung, gab sie mir eine schallende Ohrfeige! Ein wildes Weib, ein vollkommen, ein selten wildes Weib, sage ich Ihnen.“

„Und Sie?“

Der General schlug die Augen nieder, zog die Brauen in die Höhe, preßte die Lippen zusammen, hob die Schultern, während er die Hände gleichsam entschuldigend auseinanderführte – es war eine Kunstpause – und sagte dann plötzlich nur kurz:

„Ließ mich hinreißen!“

„Oh! Und stark? Wirklich stark?“

„Bei Gott, durchaus nicht stark! Es kam zwar zu einem großen Skandal, aber ich hatte ja nur ein einziges Mal den Schlag zurückgegeben, eben nur – nun, um ihn zurückzugeben. Da kam aber der Teufel dazwischen und steckte seine Hand ins Spiel: die Hellblaue war, wie es sich herausstellte, die Gouvernante oder Engländerin oder gar Freundin der Fürstin Bjelokonskaja, die Dame in Schwarz aber war die älteste Tochter der Fürstin, ein älteres Mädchen von fünfunddreißig Jahren. Und wie die Generalin Jepantschin zum Hause Bjelokonskij steht, ist ja bekannt. Alle Damen fielen in Ohnmacht, Tränen, Trauer um den geliebten Schoßhund, Jammer und Geschrei aller sechs Töchter, und als siebente die Engländerin noch dazu – kurz, das Ende der Welt war nahe. Nun, versteht sich: ich wollte meine Entschuldigung machen, machte einen Besuch, um Verzeihung zu erbitten, schrieb sogar einen Brief, doch wurde weder ich, noch der Brief angenommen, und mit Jepantschin gab es Auseinandersetzungen, Kündigung der Freundschaft und darauf ewige Feindschaft!“

„Aber erlauben Sie, wie ist denn das?“ begann plötzlich Nastassja Filippowna, „vor fünf oder sechs Tagen habe ich in der Zeitung genau dieselbe Geschichte gelesen! Es war auf ein Haar dieselbe! Sie hatte sich am Rhein in einem Eisenbahncoupé zwischen einem Franzosen und einer Engländerin zugetragen: genau so hatte sie ihm die Zigarre aus der Hand gerissen, genau so hatte er ihr Hündchen aus dem Fenster geworfen, und genau so hatte es auch zwischen ihnen geendet. Sogar das hellblaue Kleid stimmt mit dem Bericht der Zeitung überein!“

Der General wurde über und über rot, und auch Koljä errötete und bedeckte vor Scham das Gesicht mit den Händen. Ptizyn wandte sich schnell ab. Nur Ferdyschtschenko lachte. Ganjä aber stand und ertrug stumm seine unerträgliche Qual.

„Ich ... ich kann Sie versichern,“ stotterte der General, „daß auch mir genau dasselbe passiert ist ...“

„Papa hatte wirklich einmal eine Unannehmlichkeit mit Mrs. Smith, der Gouvernante von Bjelokonskijs,“ rief Koljä dazwischen, „ich entsinne mich dessen noch sehr gut.“

„Wie! Ein und dieselbe Geschichte sollte an zwei verschiedenen Punkten Europas sich mit einer solchen Übereinstimmung aller Einzelheiten zutragen? Auch die Dame am Rhein hatte ein hellblaues Kleid!“ fuhr Nastassja Filippowna erbarmungslos fort. „Aber ich werde Ihnen doch die Zeitung – zuschicken!“

„Vergessen Sie nur nicht,“ bemerkte der General, „daß die Geschichte mir zwei Jahre früher passiert ist!“

„Ah, so, richtig, das wäre dann doch wenigstens ein Unterschied!“ Und Nastassja Filippowna lachte hellauf.

„Papa, ich bitte Sie, auf zwei Worte mit mir hinauszukommen,“ sagte jetzt mit zitternder, gequälter Stimme Ganjä, der den Vater mechanisch an der Schulter faßte.

In seinen Augen lag grenzenloser Haß.

Da ertönte plötzlich und jetzt erschreckend laut die Glocke im Vorzimmer. Ein Wunder, daß der Klingelzug nicht abgerissen wurde! Es mußte ein besonderer Besuch sein. Koljä eilte hinaus, um zu öffnen.

X.

Im Vorzimmer wurde es sofort sehr geräuschvoll und lebendig; wie es den im Empfangszimmer Zurückgebliebenen schien, traten dort mehrere Menschen ein, denen noch andere auf der Treppe folgten. Mehrere Stimmen sprachen durcheinander, Ausrufe und Stimmen wurden auch im Treppenhaus laut, zu dem die Tür offenbar noch nicht wieder geschlossen worden war. Der Besuch mußte allerdings kein gewöhnlicher sein. Alle blicken einander fragend an. Ganjä besann sich als erster und eilte in den „Salon“, doch trat ihm dort schon eine ganze Schar Menschen entgegen.

„Ah, da ist ja der Judas!“ rief eine dem Fürsten bekannte Stimme aus. „Guten Tag, Ganjä, du Schuft!“

„Da, da ist er ja!“ ertönte eine andere Stimme.

Jetzt konnte der Fürst nicht mehr zweifeln: das waren Rogoshin und Lebedeff.

Ganjä stand wie betäubt in der Tür zum Salon und sah stumm, ohne zu protestieren zu, wie etwa zehn bis zwölf Menschen Parfen Rogoshin ins Zimmer folgten. Die ganze Rotte bestand aus recht verschiedenartigen Leuten, doch zeichneten sie sich nicht nur durch ihre Verschiedenartigkeit, sondern noch viel mehr durch ihre Unanständigkeit aus. Einige traten im Mantel oder im Pelz ins Zimmer. Wirklich Betrunkene freilich gab es unter ihnen nicht, doch waren sie alle zum mindesten in „stark gehobener“ Stimmung. Wie es schien, bedurfte ein jeder aller anderen, um einzutreten; denn als einzelner hatte niemand den Mut dazu, alle zusammen aber ermutigten sich gegenseitig und stießen und schoben sich durch die Tür. Selbst Rogoshin, der an der Spitze der Schar stand, trat nicht ganz sicher vor, doch sah man ihm an, daß er eine bestimmte Absicht hatte. Sein Gesicht war finster, gereizt und unruhig. Die anderen jedoch bildeten gewissermaßen nur den Chor, oder richtiger, eine Bande zu seiner Unterstützung. Außer Lebedeff befand sich unter ihnen noch der wie ein „Friseurgehilfe“ geschniegelte und gekräuselte Saljosheff, der seinen Pelz im Vorzimmer abgeworfen hatte und als Stutzer selbstbewußt und mit übertriebener Liebenswürdigkeit eintrat; ferner zwei, drei andere Herren von derselben Art, augenscheinlich junge Kaufleute, Kommis; irgendeiner steckte in einem Uniformmantel; ferner war ein kleiner und auffallend dicker Mann darunter, der beständig lachte; und dann ein Riese, der gleichfalls sehr dick war, dafür aber sehr finster und durchaus stumm schien, und der sich offenbar sehr auf seine Fäuste verließ. Außer diesen erschienen noch ein Student der Medizin und ein windiges, scharwenzelndes Polenkerlchen. Aus dem Treppenflur blickten noch zwei Damen ins Vorzimmer, doch wagten sie nicht recht, einzutreten. Koljä besann sich plötzlich, schlug ihnen die Tür vor der Nase zu und schob den Riegel vor.

„Guten Tag, Ganjä, du Schuft! Was, hast wohl Parfen Rogoshin nicht erwartet?“ fragte Rogoshin, der in der Tür des Empfangszimmers vor Ganjä stehen geblieben war.

Da erblickte er plötzlich sich gegenüber auf dem Sofa in der anderen Zimmerecke – Nastassja Filippowna. Sicherlich hatte er alles andere eher erwartet, als sie hier anzutreffen; denn der Schreck lähmte ihn geradezu: er erbleichte dermaßen, daß selbst seine Lippen weiß wurden.

„Dann ... dann ist es also wahr!“ brachte er leise, halb wie zu sich selbst hervor, und der Blick seiner Augen war wie verloren. „Alles aus! ... Nun ... Wart’, das sollst du mir jetzt büßen!“ knirschte er plötzlich in unbändiger Wut, zu Ganjä gewandt. „Nun ...“ stieß er wieder kurz und rauh hervor. „Oh,“ und seine Nägel preßten sich in die Handflächen.

Er schien nach Atem zu ringen, nur mit Mühe stieß er die Worte hervor. Mechanisch trat er näher, doch kaum hatte er einen Schritt getan, als er plötzlich Nina Alexandrowna und Warjä erblickte, und verwirrt blieb er stehen, trotz seiner ganzen, ungeheuren Erregung. Nach ihm trat sofort Lebedeff ins Zimmer; er folgte ihm wie sein Schatten und war wohl der am stärksten berauschte. Dann folgten der Student, der Riese mit den Fäusten, Saljosheff, der nach links und rechts seine Bücklinge machte, und schließlich preßte sich auch noch der kleine Dicke durch das Gedränge an der Tür und trat etwas vor. Die Anwesenheit von Damen hielt sie alle noch zurück, war ihnen sichtlich unangenehm, störte sie in ihrem Vorhaben. Doch selbstverständlich konnte das nur anfangs vorhalten, nur bis zur ersten Veranlassung, loszuschreien und zu – beginnen ... Dann hätten sie wohl alle Damen der Welt nicht mehr aufzuhalten vermocht.

„Wie? Auch du bist hier, Fürst?“ sagte Rogoshin zerstreut, wenn auch offenbar verwundert über dieses Wiedersehen. „Und immer noch in diesen Gamaschen ... a–ach!“ seufzte er gequält, indem er den Blick wieder Nastassja Filippowna zuwandte und sich immer näher zu ihr, die ihn wie ein Magnet anzog, vorbeugte.

Nastassja Filippowna betrachtete die Eingetretenen gleichfalls mit unruhiger Neugier.

Endlich kam Ganjä zur Besinnung.

„Aber erlauben Sie, was hat denn das zu bedeuten?“ begann er laut, sich vornehmlich an Rogoshin wendend, während er mit strengem Blick die Eingetretenen maß. „Ich dächte, Sie sind nicht in einen Stall eingetreten, hier sind meine Mutter und Schwester!“

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