Zweiter Teil (continued 4)
E. K. Rahsin translation
„Das ist ja, um wahnsinnig zu werden! Oder sind wir hier in einer Irrenanstalt?“ konnte sich Lisaweta Prokofjewna nicht mehr beherrschen.
„Wußten Sie das noch nicht, Mama?“ fragte Aglaja schroff, denn auch ihr riß die Geduld.
Doch ihre Worte hörte fast niemand in dem Lärm, der sich erhoben hatte. Alle sprachen durcheinander, die einen stritten, andere redeten laut und gescheit und erteilten guten Rat, einige lachten. Iwan Fedorowitsch Jepantschin war im höchsten Grade empört und wartete mit der Miene gekränkter Würde nur auf den Augenblick, in dem sich seine Gattin endlich erheben würde.
„Ja, Fürst, das muß man Ihnen lassen,“ ergriff Lebedeffs Neffe noch einmal das Wort, „Sie verstehen es großartig, aus Ihrer ... nun, sagen wir, um uns höflicher auszudrücken – Krankheit Kapital zu schlagen. Sie haben Ihre Freundschaft und das Geld in einer so geschickten Form anzubieten gewußt, daß ein Mann von Ehre sie in keinem Fall annehmen kann. Das war Ihrerseits entweder gar zu naiv oder vielleicht ungeheuer geschickt ... Das werden Sie übrigens selbst am besten wissen.“
„Verzeihung, meine Herren,“ rief plötzlich Gawrila Ardalionytsch, der mittlerweile das Kuvert untersucht hatte, „hier sind im ganzen nur hundert Rubel und nicht zweihundertfünfzig. Ich mache Sie jetzt nur darauf aufmerksam, Fürst, damit es später nicht zu irgendwelchen Mißverständnissen kommt.“
„Lassen Sie, lassen Sie!“ winkte der Fürst schnell Gawrila Ardalionytsch ab.
„Nein, ‚lassen Sie‘ es durchaus nicht!“ griff sofort Doktorenko auf. „Ihr ‚lassen Sie‘, Fürst, ist für uns äußerst beleidigend. Wir wollen nichts verheimlichen, wir gehen offen und ehrlich vor: ja, dieses Kuvert enthält nur hundert und nicht zweihundertundfünfzig Rubel, aber ist denn das nicht ganz gleich ...“
„N–nein, ich dächte nicht,“ unterbrach ihn Gawrila Ardalionytsch mit naiver Verwunderung.
„Unterbrechen Sie mich nicht; wir sind nicht so dumm, wie Sie glauben, mein Herr Advokat,“ bemerkte Doktorenko ärgerlich. „Selbstverständlich sind hundert Rubel nicht zweihundertundfünfzig Rubel; ich will nur sagen, daß es nicht auf die Vollzähligkeit der Summe ankommt, sondern auf das Prinzip. Die Hauptsache ist hier die Initiative, der fehlende Rest ist – Privatsache! Wichtig ist, daß Burdowskij Ihr Almosen nicht empfängt, Durchlaucht, daß er es Ihnen ins Gesicht wirft, und in diesem Sinne ist es ganz gleich, ob es hundert oder zweihundertundfünfzig sind. Burdowskij hat die Zehntausend nicht angenommen, das haben Sie gesehen; und er würde auch die hundert Rubel nicht zurückgebracht haben, wenn er das wäre, für was Sie ihn halten: ein Ehrloser! Die hier fehlenden hundertfünfzig Rubel sind für Tschebaroffs Unkosten, seine Reise zu Ihnen, usw. draufgegangen. Wenn Sie lachen wollen, dann lachen Sie über unser Unvermögen, eine Sache richtig anzufassen, über unsere Unkenntnis in solchen Dingen – Sie haben sich ja so redlich drum bemüht, uns lächerlich zu machen! – aber wagen Sie es nicht, uns zu sagen, daß wir keine Ehre hätten. Diese hundertfünfzig Rubel werden wir alle, mein Herr, dem Fürsten zurückzahlen, und wenn wir die Summe auch nur rubelweise zusammenbringen sollten – wenn Sie wollen, auch noch mit Prozenten. Burdowskij ist arm, er besitzt keine Millionen, Tschebaroff aber präsentierte nach der Reise seine Rechnung. Wir hofften zu gewinnen ... Wer hätte an seiner Stelle anders gehandelt?“
„Wer??“ mischte sich Fürst Sch. hinein.
„Ich werde hier wahnsinnig!“ rief Lisaweta Prokofjewna aus.
„Das erinnert ja auffallend,“ begann lachend Jewgenij Pawlowitsch, der die ganze Zeit geschwiegen und sie alle beobachtet hatte, „ganz auffallend an eine vor kurzer Zeit gehaltene berühmte Rede eines Advokaten, der, nachdem er als Entschuldigungsgrund die Armut seines Klienten hervorgehoben, – sein Klient hatte sechs Menschen in einer Nacht ermordet und beraubt – plötzlich mit den Worten schloß: ‚Selbstverständlich ist dem Angeklagten nur infolge seiner Armut der Gedanke in den Kopf gekommen, diesen Mord an sechs Menschen zu begehen; aber wem wäre denn an seiner Stelle dieser Gedanke nicht in den Kopf gekommen?‘ – Oder ungefähr mit diesen Worten. Jedenfalls war’s etwas überaus Seltsames.“
„Genug jetzt!“ erklärte plötzlich bebend vor Zorn Lisaweta Prokofjewna. „Es ist Zeit, daß man diesem Unsinn endlich ein Ende macht! ...“ Sie kochte innerlich vor Wut, doch äußerlich trat sie geradezu majestätisch auf: fast drohend hatte sie den Kopf in den Nacken geworfen und mit stolzer, hochmütiger Herausforderung ließ sie ihren Blick über die ganze Gesellschaft schweifen, offenbar ohne im Augenblick die Freunde von den Feinden zu unterscheiden. Sie war bei jenem Punkt angelangt, über den hinaus ihr Zorn sich nicht mehr eindämmen ließ, sondern rücksichtslos zum Ausbruch, zum offenen Kampfe drängte. Alle, die sie näher kannten, fühlten sofort, daß diesmal ein ganz besonderer Ausbruch bevorstand. Am nächsten Tage sagte Iwan Fedorowitsch zum Fürsten Sch.: „Ja, das kommt bei ihr vor, aber mit einer solchen Wucht, wie gestern, doch nur sehr selten, höchstens alle drei Jahr einmal. Wie gesagt, höchstens einmal in drei Jahren, nicht öfter, nein, nicht öfter, höchstens einmal!“ schärfte er ihm noch nachdrücklich ein.
„Lassen Sie mich, Iwan Fedorowitsch!“ herrschte Lisaweta Prokofjewna ihren Mann an, der auf sie zutrat und ihr den Arm bot, um sie fortzuführen. „Was soll ich jetzt noch mit Ihrem Arm! Wenn es Ihnen als Mann und Familienvater nicht früher eingefallen ist, mich von hier fortzuführen – jetzt ist es zu spät. Am Ohr hätten Sie mich fortziehen sollen, wenn ich nicht freiwillig gegangen wäre. Wenn Sie sich doch wenigstens um Ihre Töchter bekümmern würden! Jetzt aber werden wir auch ohne Sie den Weg finden ... die Schmach reicht für ein ganzes Jahr ... Warten Sie noch einen Augenblick, ich will mich nur noch bei dem Fürsten bedanken! ... Ich danke dir, Fürst, für die Vorstellung! ... Und ich hatte mich hier hingesetzt, um unsere Jugend zu hören! ... Das ist ja eine Niedertracht, eine Niederträchtigkeit! Das ist ja ein Chaos, so etwas kann man sich ja nicht einmal träumen lassen! Gibt es denn wirklich noch viele solche? ... Schweig, Aglaja! Sei still, Alexandra! Ihr habt euch nicht hineinzumischen! ... So lassen Sie mich doch, Jewgenij Pawlowitsch, ich habe Ihre Bücklinge wirklich satt! ... Also du, mein Junge, bittest sie noch um Verzeihung,“ wandte sie sich an den Fürsten, „‚verzeiht mir, daß ich euch ein Kapital anzubieten gewagt habe!‘ – ganz allerliebst! ... Was lachst du, du dummer Bengel!“ fuhr sie empört Lebedeffs Neffen an, der zu lächeln gewagt hatte, „also ‚wir bitten nicht, wir fordern, wir werfen ihm das Geld ins Gesicht!‘ Reizend! Wirklich reizend! Und dabei tut er noch, als wüßte er nicht, daß dieser Idiot sich spätestens morgen zu ihnen hinschleppen wird, um wieder seine Freundschaft und sein Geld anzubieten! Hab’ ich nicht recht? Du wirst doch gehen! Du wirst doch gehen? Wirst du gehen oder nicht?“
„Ich werde gehen,“ antwortete der Fürst leise und ruhig.
„Habt ihr’s gehört! Und darauf rechnest du ja nur,“ wandte sie sich wieder an Doktorenko, „das Geld hast du ja jetzt schon so gut wie in der Tasche, deshalb prahlst du ja auch so unverfroren, um uns noch vorher zu imponieren ... Nein, mein Täubchen, da müßt ihr euch andere Dumme suchen, denn ich durchschaue euch mehr, als ihr ahnt ... euer ganzes Spiel durchschaue ich!“
„Lisaweta Prokofjewna!“ rief der Fürst.
„Gehen wir, Lisaweta Prokofjewna, es ist Zeit, und den Fürsten fordern wir auf, sich uns anzuschließen,“ sagte möglichst ruhig und möglichst harmlos lächelnd Fürst Sch.
Die jungen Mädchen standen fast erschrocken etwas abseits, der General aber schien förmlich erstarrt zu sein. Übrigens waren alle zum mindesten erstaunt. Einige, die etwas weiter ab standen, lächelten verstohlen oder flüsterten sich ein paar Worte zu. Lebedeff war geradezu in Ekstase.
„Niederträchtigkeit und Chaos, gnädige Frau, findet man überall,“ sagte bedeutsam Lebedeffs Neffe, der übrigens gleichfalls etwas verblüfft war.
„Aber nicht solche! Nicht solche, Väterchen, wie jetzt bei euch, nicht solche Niedertracht, das kannst du mir glauben!“ fiel ihm Lisaweta Prokofjewna mit schmerzlicher und zorniger Schadenfreude ins Wort. „Ach, werdet ihr mich denn nicht endlich in Ruhe lassen!“ fuhr sie die anderen an, die sie beschwichtigen wollten. „Nein, wenn sogar die Verteidiger vor Gericht es ganz natürlich finden, daß man sechs Menschen umbringt, bloß weil man arm ist, so kann ja wahrhaftig das Ende der Welt nicht mehr weit sein. So etwas habe ich denn doch noch nicht gehört! Jetzt ist mir alles klar geworden! Würde denn dieser Stotterer, dieser dort“ (sie wies auf Burdowskij, der sie vor Verwunderung ganz sprachlos anstarrte), „würde denn der nicht ermorden? Ich könnte wetten, daß er’s fertigbringt! Dein Geld, die zehntausend Rubel wird er vielleicht nicht nehmen, das ist wahr, wird sie aus Gewissenhaftigkeit nicht nehmen; aber in der Nacht hingehen und ermorden, um sie aus der Schatulle herauszunehmen – das wird er bestimmt tun und wird es noch dazu ruhig auf sein Gewissen nehmen! – Das wird dann vor seinem Gewissen nicht ehrlos sein! Das nennt man jetzt ‚Ausbruch edler Verzweiflung‘ oder ‚Negation der alten Moral‘, oder weiß der Himmel wie noch ... Pfui! Alles ist jetzt verkehrt, alle stellen sich auf den Kopf und strampeln mit den Beinen in der Luft! Wird da ein junges Mädchen von ehrsamen Eltern im Hause erzogen – plötzlich springt sie mitten auf der Straße in einen Wagen und fährt davon: ‚Mamachen, ich habe mich vor ein paar Tagen mit einem Karlytsch oder Iwanytsch verheiratet, adieu!‘ Und das ist Ihrer Meinung nach sehr richtig, nicht wahr? Aller Achtung wert? Durchaus natürlich? Frauenfrage? ... Sogar dieser Bengel hier“ (sie wies auf Koljä) „wollte noch vor kurzem mit mir streiten, behauptete, gerade das sei ja der ganze Kern der ‚Frauenfrage‘. Wenn auch die Mutter dumm gewesen ist, so sei du doch immerhin wie ein Mensch zu ihr! ... Weshalb hoben Sie die Nasen so hoch, als Sie hier eintraten? Es war ja, als hätten Sie sagen wollen: ‚Platz da, wir kommen! Uns gebt alle Rechte, ihr aber dürft euch kein einziges anmaßen! Uns müßt ihr alle Ehren erweisen, sogar solche, die es überhaupt noch nicht gegeben hat, und zum Dank dafür werden wir euch wie die letzten Kanaillen behandeln‘! Das sagte da jede eurer Nasenspitzen! Ihr sagt: ‚Wir suchen die Wahrheit‘ und ‚wir bestehen auf unserem Recht‘ – was wißt ihr von Recht und Wahrheit, wenn ihr in eurem Artikel wie die Straßenräuber über einen Unschuldigen herfallt und Lügen über Lügen schreibt! ‚Wir bitten nicht, wir fordern, und erwarten Sie von uns keine Dankbarkeit; denn Sie tun es nur zur Beruhigung Ihres Gewissens!‘ Das ist mir mal eine Moral. Wenn du im voraus sagst, daß du ihm nicht dankbar sein wirst, so kann dir doch der Fürst gleichfalls sagen, daß auch er für Pawlischtscheff keine Spur von Dankbarkeit empfindet, denn dieser habe das Gute auch nur zur Beruhigung des eigenen Gewissens getan. Auf was aber hast du denn gerechnet, wenn nicht auf die Dankbarkeit, die er für Pawlischtscheff empfindet? Du hast ihm doch nicht das Geld gegeben, er schuldet es doch nicht dir, auf was hast du denn sonst gerechnet, wenn nicht auf seine Dankbarkeit? Wie kannst du dich dann aber selbst von jeder Dankbarkeit lossagen? Verrückt seid ihr! Ihr behauptet, die Gesellschaft sei roh und unmenschlich, weil sie ein verführtes Mädchen ausstößt. Aber wenn du deshalb die Gesellschaft für roh und unmenschlich erklärst, so gibst du doch damit zu, daß diese Handlungsweise der Gesellschaft dem Mädchen weh tut. Wenn du aber das zugibst, wie kannst du dann von ihr verlangen, daß ihr das nicht weh tun soll? Verrückt seid ihr! Eure Ruhmsucht hat euch alle verrückt gemacht! Ihr glaubt weder an Gott noch an Christus. Ihr seid ja von eurer Ruhmsucht und eurem Stolz so geschwollen, daß ihr euch zum Schluß noch gegenseitig auffressen werdet, das prophezeie ich euch! Und das soll kein Chaos sein, das soll keine Schändlichkeit sein? Und nach alledem geht dieser Schamlose noch hin und bittet sie noch um Verzeihung! Sagt, gibt es viele solche wie ihr seid? Was lacht ihr? Weil ich mich so erniedrige, daß ich überhaupt mit euch rede? Jetzt ist es zu spät, was geschehen ist, ist geschehen, da ist nichts zu machen ... Du aber hast hier nichts zu lachen, du ungezogener Bengel!“ fuhr sie plötzlich empört Hippolyt an. „Er selber kann kaum noch atmen, verdirbt aber noch andere! Du hast mir diesen Bengel da“ (sie wies wieder auf Koljä) „den hast du mir auch verdorben, er phantasiert ja überhaupt nur noch von dir, du hast ihn zum Atheismus bekehrt, du glaubst nicht an Gott, hast aber selbst noch Prügel verdient, ja wohl, denen bist du noch nicht entwachsen, mein Junge! ... Also du wirst morgen zu ihnen gehen, Fürst Lew Nikolajewitsch?“ fragte sie plötzlich fast atemlos den Fürsten.
„Ich werde gehen.“
„Dann kenne ich dich von Stund’ an nicht mehr!“ – Sie wandte sich hastig zur Treppe, um fortzugehen, doch plötzlich kehrte sie wieder zurück. „Und auch zu diesem Atheisten wirst du gehen?“ fragte sie, auf Hippolyt weisend, – „aber was lachst du denn wieder über mich, du unverschämter Bengel!“ schrie sie plötzlich wie rasend und packte ihn an der Hand – sein beißendes Lächeln hatte sie um den letzten Rest von Selbstbeherrschung gebracht.
„Lisaweta Prokofjewna! Lisaweta Prokofjewna! Lisaweta Prokofjewna!“ ertönte es von allen Seiten.
„Maman, das ist eine Schande!“ rief Aglaja laut.
„Beunruhigen Sie sich nicht, Aglaja Iwanowna,“ antwortete Hippolyt ruhig, obgleich die Generalin immer noch krampfhaft seine Hand festhielt und ihn mit ihrem glühenden Blick förmlich durchbohren zu wollen schien, „beunruhigen Sie sich nicht, Ihre maman wird einsehen, daß man sich an einem Sterbenden nicht vergreifen darf ... Ich bin gern bereit zu erklären, weshalb ich gelacht habe ... es wird mir eine Freude sein, wenn man es mir erlaubt ...“
Ein plötzlicher Hustenanfall, der eine ganze Minute andauerte, erstickte seine Worte.
Lisaweta Prokofjewna ließ erschrocken seine Hand fahren und sah mit Entsetzen, wie er sich das Blut von den Lippen wischte.
„Mein Gott, er stirbt ja doch schon und will noch reden! Du darfst kein Wort mehr sprechen, hörst du! Du mußt einfach gehen und dich hinlegen ...“
„Das werde ich auch tun,“ sagte heiser, leise, fast flüsternd Hippolyt. „Sobald ich heute zurückkehre, werde ich mich sogleich hinlegen ... nach zwei Wochen bin ich tot ... Das hat mir schon in der vorigen Woche B–n gesagt ... Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen noch zwei Worte zum Abschied sagen.“
„Bist du von Sinnen? Unsinn! Kurieren mußt du dich, was willst du denn jetzt reden? Geh, leg dich ins Bett! ...“ Lisaweta Prokofjewna war wirklich ganz erschrocken.
„Wenn ich mich hinlege, so werde ich ja doch nicht mehr aufstehen, bis man mich aus dem Bett in den Sarg legt,“ meinte Hippolyt lächelnd. „Ich wollte mich eigentlich schon gestern so hinlegen ... um dann nie mehr aufzustehen ... bis zum Tode ... aber dann beschloß ich, es bis morgen aufzuschieben, solange ich mich noch auf den Füßen halten kann ... um heute mit ihnen hierherzukommen ... Nur müde bin ich jetzt ...“
„Aber so setz dich doch, setz dich, was stehst du denn! Hier hast du einen Stuhl!“ und Lisaweta Prokofjewna schob ihm selbst schnell einen Stuhl hin. Hippolyt setzte sich – es war wie ein Zusammenbrechen.
„Ich danke Ihnen,“ fuhr er leise fort, „aber Sie müssen sich mir gegenübersetzen, und dann lassen Sie uns miteinander reden ... wir werden unbedingt miteinander reden, Lisaweta Prokofjewna, jetzt bestehe ich darauf ...“ lächelte er ihr wieder zu. „Bedenken Sie doch nur, daß ich heute zum letztenmal im Freien bin, in frischer Luft und unter Menschen, nach zwei Wochen aber bin ich in der Erde. Das wird also jetzt so etwas wie mein Abschied von den Menschen und von der Natur werden. Ich bin zwar nicht besonders sentimental, aber stellen Sie sich vor, es freut mich doch sehr, daß alles das hier draußen in Pawlowsk geschehen ist: so habe ich doch wenigstens noch Bäume mit grünen Blättern gesehen ...“
„Was sprichst du da, sei still, du hast ja doch Fieber!“ unterbrach ihn Lisaweta Prokofjewna in wachsender Angst. „Vorhin schriest du und sprachst du so viel, jetzt aber kannst du kaum noch Atem schöpfen!“
„Ich werde mich sogleich erholen. Weshalb wollen Sie mir nicht meine letzte Bitte gewähren? ... Wissen Sie auch, daß ich schon lange davon geträumt habe, wie ich einmal mit Ihnen zusammenkommen würde, Lisaweta Prokofjewna? ... Ich habe viel von Ihnen gehört. – Koljä hat mir von Ihnen erzählt; er ist ja fast der einzige, der mich nicht verläßt ... Sie sind eine originelle Frau, das habe ich jetzt selbst gesehen ... wissen Sie auch, daß ich Sie sogar ein wenig geliebt habe? ...“
„Gott, und ich hätte ihn doch beinah geschlagen!“
„Aglaja Iwanowna hat Sie daran verhindert; ich irre mich doch nicht? Das ist doch Ihre Tochter Aglaja Iwanowna? Sie ist so schön, daß ich vorhin auf den ersten Blick erriet, sie müsse es sein, obgleich ich sie vorher nie gesehen habe. Lassen Sie mich noch zum letztenmal im Leben eine Schönheit sehen,“ bat er mit einem seltsam schüchternen und doch gleichsam sich verzerrenden Lächeln. „Auch der Fürst ist hier und Ihr Mann und der ganze Bekanntenkreis. Weshalb wollen Sie meinen letzten Wunsch nicht erfüllen?“
„Einen Stuhl!“ rief Lisaweta Prokofjewna, ergriff jedoch schnell selbst einen und setzte sich Hippolyt gegenüber. „Koljä,“ rief sie diesem zu, „du wirst mit ihm unverzüglich aufbrechen, begleit ihn nach Hause, morgen aber werde ich unbedingt selbst ...“
„Wenn Sie erlauben, würde ich den Fürsten um ein Glas Tee bitten ... Ich bin sehr müde ... Wissen Sie was, Lisaweta Prokofjewna, Sie wollten, glaube ich, den Fürsten zu sich zum Tee mitnehmen: bleiben Sie hier, verbringen wir die Zeit zusammen, und der Fürst wird bestimmt so freundlich sein, uns mit Tee zu bewirten. Verzeihen Sie, daß ich so ... ungefragt Anordnungen treffe ... Aber ich kenne Sie doch, Sie haben ein gutes Herz, der Fürst auch ... wir sind ja alle bis zur Lächerlichkeit herzensgute Menschen ...“
Der Fürst bestellte sogleich den Tee, Lebedeff stürzte hinaus, als stünde sein Haus in Flammen, und ihm folgte auf dem Fuße Wjera.
„Nun gut,“ entschied die Generalin, „sprich also, nur sprich leiser und rege dich nicht auf. Du tust mir so leid, mein Junge ... Fürst! Du bist es eigentlich nicht wert, daß ich bei dir Tee trinke, aber mag es denn so sein, ich bleibe. Doch bitte ich, nicht etwa zu glauben, daß ich hier jemanden um Verzeihung bitten werde! Unsinn! Übrigens – wenn ich dich gescholten habe, Fürst, so verzeihe es mir, – das heißt: wenn du willst. Ich will hier niemand zurückhalten,“ wandte sie sich plötzlich in geradezu hochmütigem Zorn an ihren Gemahl und ihre Töchter, als hätten diese ihr – und nicht sie ihnen – ein furchtbares Unrecht angetan. „Ich werde auch allein den Weg nach Hause finden ...“
Doch man ließ sie nicht zu Ende sprechen: sogleich traten alle bereitwilligst näher und umringten sie und Hippolyt. Stühle wurden herbeigerückt, man setzte sich. Der Fürst forderte alle zum Tee auf und entschuldigte sich, daß er nicht früher selbst darauf verfallen war. Sogar der General wurde liebenswürdig, brummte etwas Beruhigendes und fragte ritterlich besorgt seine Gemahlin, ob es ihr nicht vielleicht etwas zu kühl auf der Terrasse werde. Es fehlte nicht viel, und er hätte Hippolyt gefragt: „Wie lange sind Sie schon auf der Universität?“ – unterließ es aber noch im letzten Augenblick. Jewgenij Pawlowitsch und Fürst Sch. wurden plötzlich ungeheuer liebenswürdig und waren ersichtlich sehr aufgeräumt; Alexandra und Adelaida sah man es trotz ihrer noch immer andauernden Verwunderung an, daß sie gern blieben. Kurz, alle waren erfreut, daß Lisaweta Prokofjewna sich besänftigt hatte. Nur Aglaja setzte sich finster und schweigend etwas abseits nieder. Auch Burdowskij und seine Freunde blieben, keiner wollte fortgehen, auch der alte General Iwolgin blieb, doch Lebedeff flüsterte ihm im Vorübergehen etwas zu – augenscheinlich etwas nicht ganz Angenehmes – und da zog er sich mehr in den Hintergrund zurück. Doktorenko entgegnete auf die Aufforderung des Fürsten, als dieser an ihn und seine Freunde herantrat, daß sie auf Hippolyt warten würden, und hierauf setzten sie sich in der entferntesten Ecke der Terrasse wieder alle in einer Reihe hin. Der Ssamowar mußte bei Lebedeff schon aufgestellt gewesen sein, denn er wurde im Augenblick hereingetragen. Die Uhr schlug elf.
X.
Hippolyt trank nur einen Schluck Tee aus dem Täßchen, das ihm Wjera Lebedewa gereicht hatte, kaum aber hatte er die Lippen benetzt, da stellte er auch schon die Tasse wieder auf den Tisch und blickte sich verwirrt und beschämt im Kreise um.
„Sehen Sie doch diese Täßchen, Lisaweta Prokofjewna,“ lenkte er schnell ihre Aufmerksamkeit von sich ab, und überhaupt sprach er jetzt gleichsam sich überhastend, „das sind ja Porzellantassen, und wie’s scheint, ist es sogar vorzügliches Porzellan ... die stehen ja bei ihm sonst immer im Schmuckschränkchen unter Glas verriegelt und verschlossen, niemals gibt er sie her ... sie gehören noch zur Aussteuer seiner Frau ... heute aber hat er sie hergegeben, Ihnen zu Ehren, versteht sich, dermaßen hat ihn Ihr Besuch erfreut ...“
Er wollte noch weitersprechen, fand aber in der Verwirrung keine Worte.
„Glücklich verlegen geworden, das dachte ich mir,“ raunte plötzlich Jewgenij Pawlowitsch unbemerkt dem Fürsten zu. „So etwas ist gefährlich, nicht? Das sicherste Zeichen, daß er jetzt aus Ärger darüber irgend etwas so Exzentrisches losschießen wird, daß Lisaweta Prokofjewna es vielleicht wirklich nicht mehr verzeihen kann.“
Der Fürst sah ihn fragend an.
„Fürchten Sie das nicht?“ fragte Jewgenij Pawlowitsch, etwas erstaunt über den fragenden Blick des anderen. „Ich sehe es jedenfalls kommen, und ich wünsche sogar, daß es so käme: mir ist dabei nur darum zu tun, daß unsere liebe Lisaweta Prokofjewna bestraft wird, und zwar unbedingt heute noch, sogleich, vorher werde ich nicht fortgehen. Aber Sie scheinen ja ganz krank zu sein.“
„Später, stören Sie nicht. Ja, ich bin nicht ganz gesund,“ antwortete der Fürst zerstreut und sogar etwas ungeduldig.
Er hörte seinen Namen nennen, Hippolyt sprach von ihm.
„Sie glauben es mir nicht?“ fragte Hippolyt hysterisch auflachend. „Das dachte ich mir, der Fürst aber wird es sofort glauben und sich nicht im geringsten wundern.“
„Hörst du, Fürst?“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna an ihn, „hast du gehört?“
Die meisten lachten. Lebedeff trat geschäftig vor und drehte und wand und verbeugte sich wiederholt vor der Generalin.
„Er sagt, daß dieser hier, dieser verkörperte Bückling, dein Hauswirt, jenem Herrn dort den Artikel korrigiert habe, der vorhin hier laut vorgelesen wurde.“
Der Fürst sah mit erstauntem Blick Lebedeff an.
„Was schweigst du denn, so sag’ doch!“ sagte Lisaweta Prokofjewna ärgerlich und schlug wieder mit der Fußspitze auf den Boden.
„Was soll ich denn noch sagen,“ murmelte der Fürst halblaut, ohne den Blick von Lebedeff abzuwenden, „ich sehe doch schon, daß er ihn korrigiert hat.“
„Ist es wahr?“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna hastig an Lebedeff.
„Unantastbar, Exzellenz!“ bestätigte Lebedeff mit unerschütterlicher Miene, indem er die Hand aufs Herz preßte.
„Und das sagst du noch, als wenn du stolz darauf wärst?“ fuhr ihn Lisaweta Prokofjewna, fast vom Stuhle aufspringend, an.
„Gemein, gemein bin ich!“ erklärte Lebedeff in tiefer Selbsterkenntnis, schlug sich vor die Brust und senkte das Haupt immer tiefer.
„Was hab’ ich davon, daß du dich jetzt ‚gemein‘ nennst! Er glaubt, daß er, wenn er sich selbst ‚gemein‘ nennt, damit alles wieder gutgemacht habe! Und du schämst dich nicht, Fürst, dich mit solchen Leuten abzugeben? Das werde ich dir niemals verzeihen!“
„Mir wird der Fürst verzeihen!“ sagte Lebedeff überzeugt und gerührt zugleich.
„Einzig aus Anständigkeit, Gnädigste,“ fiel plötzlich mit lauter Stimme der aufspringende Boxer ein, „einzig aus Anständigkeit und um meinen Freund nicht zu kompromittieren, habe ich vorhin kein Wort über diese Korrektur verlauten lassen, sogar ungeachtet dessen, daß er sich erboten hatte, uns die Treppe hinunterzubefördern, wie Sie selbst gehört haben. Doch um die Wahrheit nicht zu entstellen, muß ich gestehen, daß ich mich allerdings an ihn gewandt und seine Hilfe für sechs Rubel in Anspruch genommen habe, nur wohlgemerkt, nicht zur Verbesserung des Stils, sondern einzig um die Fakta von ihm zu erfahren, die mir zum größten Teil völlig unbekannt waren, also wie gesagt, weil mir seine Kompetenz fehlte. Die Stiefeletten, der zunehmende Appetit beim Schweizer Professor, die fünfzig Rubel anstatt der zweihundertfünfzig, mit einem Wort, diese ganze Gruppierung des Materials stammt von ihm, für sechs Rubel, wie gesagt, den Stil aber hat er nicht korrigiert.“
„Ich muß bemerken, daß ich nur die erste Hälfte des Artikels korrigiert habe,“ unterbrach ihn Lebedeff mit geradezu fieberhafter Ungeduld, „jawohl, nur die erste Hälfte; denn da wir in der Mitte wegen eines Gedankens in Streit gerieten, habe ich die zweite Hälfte nicht mehr korrigiert, daher ist auch alles grammatisch Unzulässige in dieser Hälfte – und von Fehlern wimmelt es dort nur so! – nicht mir zuzuschreiben ...“
„Also das ist deine größte Sorge!“ fuhr Lisaweta Prokofjewna empört auf.
„Gestatten Sie die Frage,“ wandte sich Jewgenij Pawlowitsch an Keller, „wann haben Sie den Artikel korrigiert?“
„Gestern morgen,“ rapportierte Keller gehorsamst. „Wir hatten eine Zusammenkunft verabredet und uns gegenseitig ehrenwörtlich verpflichtet, das Geheimnis beiderseits zu wahren.“
„Also zur selben Zeit, als er vor dir seine Bücklinge gemacht und dich seiner Ergebenheit versichert hat! ‚Er trägt dich ja seit drei Tagen auf den Händen‘, wie Koljä sagt! Das sind mir mal Menschen! Ich brauche deinen Puschkin nicht und deine Tochter hat nichts bei mir zu suchen!“
Lisaweta Prokofjewna wollte sich bereits erheben, doch da bemerkte sie, daß Hippolyt lachte, und gereizt wandte sie sich an ihn:
„Was, mein Lieber, wolltest du dich hier etwa über mich lustig machen?“
„Gott behüte!“ versetzte Hippolyt mit verzerrtem Lächeln, „mich wundert nur, daß Sie wirklich so exzentrisch sind, Lisaweta Prokofjewna. Ich will’s gestehen, daß ich mit Absicht diese Sache zur Sprache gebracht habe: ich wußte, wie das auf Sie wirken würde, auf Sie allein; denn der Fürst wird ihm bestimmt verzeihen, er hat ihm schon verziehen und sucht bereits offenbar nach einer Entschuldigung für ihn. Nicht wahr, Fürst, hab’ ich nicht recht?“
Er atmete schnell und seine seltsame Aufregung wuchs mit jedem Wort.
„Nun!“ ... sagte Lisaweta Prokofjewna kurz und ungehalten, denn der Ton, den er jetzt anschlug, wunderte sie. „Nun?“
„Ich habe viel von Ihnen gehört ... vieles von dieser Art ... es hat mich furchtbar gefreut ... und ich habe Sie achten gelernt ...“ fuhr Hippolyt fort.
Es war, als hätte er gar nicht das sagen wollen, was er sprach, sondern etwas ganz anderes; etwas, das er mit keinem Wort andeutete. Er sprach mit einem leisen Schimmer von Spott, regte sich aber dabei ganz unbegreiflich auf, blickte sich mißtrauisch im Kreise um, schien sehr verwirrt zu sein und verlor beständig den Faden, so daß er durch dieses sonderbare Wesen, einen eigentümlich flackernden, an Wahnsinn gemahnenden Blick in dem hageren Gesicht, auf dessen Wangen zwei rote Flecke brannten, unwillkürlich die Aufmerksamkeit der Anwesenden fesselte.
„Ich hätte mich eigentlich darüber wundern müssen, obgleich ich doch die Welt und die Gesellschaft fast gar nicht kenne – ich gebe das selbst zu –, daß Sie nicht nur selbst in unserer, für Sie so unanständigen Gesellschaft geblieben sind, sondern auch diesen ... jungen Mädchen erlaubt haben, diese skandalöse Geschichte anzuhören, wenn den Damen auch aus ... Romanen schon längst alles bekannt ist. Übrigens, ich ... vielleicht ... ich weiß nicht ... ich habe es nicht so sagen wollen ... doch jedenfalls – wer wäre denn sonst geblieben ... auf die Bitte eines Knaben ... nun, ja, Knaben – ich geb’ es wieder selbst zu – mit ihm einen Abend zu verbringen und ... Anteil zu nehmen ... an allem ... um sich dann am nächsten Tage dessen zu schämen ... Ich gebe übrigens selbst zu, daß ich mich nicht richtig ausdrücke. Ich kann das alles nur loben ... und Hochachtung dafür empfinden ... obschon ich an der Miene Seiner Exzellenz, Ihres Gatten, deutlich ersehe, wie wenig das gesellschaftlich comme il faut für ihn ist ... Hihi!“ kicherte er, da er in eine aussichtslose Sackgasse geraten war; doch plötzlich bekam er einen heftigen Hustenanfall, daß er erst nach zwei Minuten wieder sprechen konnte.
„Da hat man’s!“ meinte kühl und schroff Lisaweta Prokofjewna, indem sie ihn mit strengem Blick musterte. „Nun, mein lieber Junge, genug, es ist Zeit.“
„Gestatten Sie auch mir, mein Herr, die Bemerkung,“ begann plötzlich gereizt Iwan Fedorowitsch, der allmählich seine Geduld verloren hatte, „daß meine Gemahlin sich hier beim Fürsten Lew Nikolajewitsch befindet, unserem Freunde und Nachbarn, und daß es in jedem Fall nicht Ihnen, junger Mann, zusteht, die Handlungen Lisaweta Prokofjewnas zu kritisieren, ebensowenig mir ins Gesicht zu sagen, was mein Gesicht ausdrückt. Und wenn meine Gemahlin hier geblieben ist,“ fuhr er, mit jedem Wort gereizter werdend, fort, „so hat sie es, mein Herr, nur aus Verwunderung getan und aus der sehr verständlichen Neugier, einmal Repräsentanten der heutigen Jugend kennen zu lernen. Auch ich bin hier geblieben, wie man eben bisweilen auch wohl auf der Straße stehen bleibt, wenn man eben etwas ... etwas ... etwas ...“
„Etwas Seltsames erblickt,“ half Jewgenij Pawlowitsch.
„Ganz recht, sehr richtig und treffend, gerade etwas Seltsames,“ fuhr Seine Exzellenz erfreut fort, nachdem man ihm über den schwierigen Vergleich hinweggeholfen hatte. „Doch ganz abgesehen davon, wundert es mich sehr und betrübt mich sogar, daß Sie, junger Mann, nicht einmal begriffen haben, daß meine Gemahlin nur deshalb bei Ihnen geblieben ist, weil Sie krank sind, – ich nehme an, daß Sie es auch wirklich sind – das heißt also, daß sie nur aus Mitleid geblieben ist, weil Sie ihr sozusagen leid tun, junger Mann, und vielleicht merken Sie es sich, gefälligst, daß sowohl dem Namen, wie den Eigenschaften und der Bedeutung meiner Gemahlin unter keinen Umständen sich etwas Schmutziges anheften kann ... Lisaweta Prokofjewna!“ wandte sich der im Eifer rot gewordene General an seine Gattin, „wenn du jetzt aufbrechen willst, so können wir uns von unserem lieben Fürsten verabschieden und ...“
„Ich danke Ihnen für die Lehre, General,“ unterbrach ihn ganz unerwartet mit ernstem Gesicht Hippolyt, und nachdenklich sah er ihn an.
„Gehen wir, maman, wie lange soll das denn noch dauern!“ sagte Aglaja ungeduldig und geärgert, und sie erhob sich von ihrem Platz.
„Nur noch einen Augenblick, lieber Iwan Fedorowitsch, wenn du erlaubst,“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna an ihren Gemahl, im Tone, in der Haltung und Miene durchaus grande Dame. „Ich glaube, er hat hohes Fieber und phantasiert einfach; ich sehe es an seinen glänzenden Augen; so darf man ihn nicht fortlassen. Lew Nikolajewitsch! Könnte er nicht hier bei dir übernachten, damit man ihn heute nicht noch nach Petersburg zurückzubringen braucht? Cher prince, Sie langweilen sich doch nicht?“ wandte sie sich aus irgendeinem Grunde an den Fürsten Sch. „Komm her, Alexandra, du mußt dir die Haare ein wenig ordnen, meine Liebe.“
Und sie ordnete ihr das Haar, an dem übrigens nichts zu ordnen war, und gab ihr einen Kuß; nur deshalb hatte sie sie zu sich gerufen.
„Ich glaubte, Sie seien entwicklungsfähig ...“ begann wieder Hippolyt, aus seiner Versunkenheit auffahrend. „Ja! richtig, was ich sagen wollte,“ rief er erfreut aus, als wenn ihm plötzlich etwas eingefallen wäre. „Da haben wir Burdowskij, der aufrichtig seine Mutter verteidigen will, nicht wahr? Und dabei kommt es so heraus, daß gerade er sie beleidigt und herabzieht. Da will nun der Fürst Burdowskij helfen, bietet ihm ohne Arg und Falsch einfach aus Herzensgüte seine Freundschaft und sein Geld an und ist vielleicht der einzige von uns allen, der sich nicht von ihm angeekelt fühlt, und gerade sie stehen sich beide als echte Feinde gegenüber ... Ha–ha–ha! Sie alle hassen Burdowskij, weil er sich ihrer Meinung nach häßlich und unfein seiner Mutter gegenüber benommen hat, das ist es doch? Nicht wahr? Nicht? Sie lieben doch alle unbeschreiblich Schönheit und elegante Form, nur für die allein leben Sie doch, hab’ ich nicht recht? (Das habe ich ja schon längst gemutmaßt, daß Sie alle nur dafür leben!) Nun, dann hören Sie jetzt, daß vielleicht kein einziger von Ihnen seine Mutter so geliebt hat, wie Burdowskij! Sie, Fürst, ich weiß, Sie haben durch Ganetschka heimlich der Mutter Burdowskijs Geld zugesandt, und da könnt’ ich nun wetten – hihihi!“ lachte er hysterisch, „könnte wetten, daß gerade dieser Burdowskij Ihnen jetzt Unzartheit und Mißachtung seiner Mutter gegenüber vorwerfen wird, bei Gott, er wird’s tun, hahaha!“
Wieder unterbrach ihn ein Hustenanfall.
„Nun, ist das jetzt alles? Hast du alles gesagt, was du sagen wolltest? Nun, dann geh jetzt schlafen, du hast dich erkältet, du fieberst ja doch,“ unterbrach ihn ungeduldig Lisaweta Prokofjewna, die ihren besorgten Blick nicht von ihm abwandte. „Ach, Gott! Da fängt er schon wieder an!“
„Sie lachen, wie es scheint? Weshalb lachen Sie über mich? Ich habe es gesehen, daß Sie die ganze Zeit über mich lachen!“ wandte sich Hippolyt plötzlich unruhig und gereizt an Jewgenij Pawlowitsch.
Dieser lächelte in der Tat.
„Ich wollte Sie nur fragen, Herr ... Hippolyt ... pardon, ich habe Ihren werten Namen vergessen ...“
„Herr Terentjeff,“ sagte der Fürst.
„Richtig, Terentjeff, ich danke Ihnen, Fürst; vorhin hörte ich ihn zwar, doch momentan war er mir entfallen ... Ich wollte Sie fragen, Herr Terentjeff, ob es wahr ist, was ich gehört habe: Sie sollen, sagte man mir, der Meinung sein, daß Sie nur eine Viertelstunde lang aus dem Fenster zum Volk zu sprechen brauchten und dasselbe würde sogleich in allem Ihrer Ansicht sein und sogleich Ihnen folgen ...“
„Sehr möglich, daß ich das gesagt habe ...“ antwortete Hippolyt, indem er sich gleichsam dessen zu entsinnen suchte. „Bestimmt hab’ ich’s gesagt!“ bestätigte er dann plötzlich, wieder lebhafter werdend, und mit festem Blick sah er Jewgenij Pawlowitsch an. „Nun, und?“
„Nichts weiter; ich fragte nur zur Kenntnisnahme, nur so, um das Bild zu vervollständigen ...“
Jewgenij Pawlowitsch verstummte, doch Hippolyt sah ihn immer noch in ungeduldiger Erwartung an.
„Nun, ist das alles, hast du alles gefragt?“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna an Jewgenij Pawlowitsch. „Komm schneller zum Schluß, Väterchen, er muß schlafen gehen. Oder verstehst du das nicht?“
Sie ärgerte sich entsetzlich.
„Oh, ich bin gern bereit, fortzufahren,“ sagte Jewgenij Pawlowitsch lächelnd. „Alles, was ich hier von Ihren Kameraden gehört habe, Herr Terentjeff, und was Sie soeben selbst mit unstreitigem Beobachtungstalent vorgebracht haben, ist meiner Meinung nach im Resultat nichts anderes, als in erster Linie und ganz abgesehen von allem anderen und sogar mit Ausschluß alles anderen die Theorie des Triumphes dessen, was Sie ‚Recht‘ nennen, und das vielleicht sogar ohne jede nähere Untersuchung, worin denn dieses Recht überhaupt besteht. Oder irre ich mich vielleicht?“
„Natürlich irren Sie sich, ich verstehe Sie sogar nicht einmal ... weiter?“
Im Hintergrund hörte man Lebedeffs Neffen halblaut irgend etwas sprechen.
„Weiter? – oh, so gut wie nichts,“ fuhr Jewgenij Pawlowitsch fort, „ich will nur bemerken, daß man von diesem Standpunkt sehr leicht auf den des Rechtes der Kraft überhaupt überspringen kann, ich meine, auf das Recht der einzelnen Faust und des jeweiligen willkürlichen Wunsches des einzelnen, womit es ja übrigens auch stets in der Welt geendet hat. Ist doch auch Proudhon zur Theorie des Rechtes der Kraft gelangt. Und zur Zeit der Negerbefreiung in Amerika haben sich ja sogar viele der angesehensten Liberalen für die Plantagenbesitzer erklärt, mit der Begründung, daß die Neger eben Neger seien und niedriger als die Menschen der weißen Rasse ständen, und folglich hätten die Weißen das Recht, die Neger als Sklaven zu behandeln ...“
„Nun?“
„Sie haben also gegen das Recht der Kraft nichts einzuwenden, Sie haben nichts dawider?“
„Weiter?“
„Sie sind mir mal konsequent! Ich wollte nur bemerken, daß es von dem Recht der Kraft bis zum Recht der Tiger und Krokodile und sogar dem der Gorsky und Daniloffs nicht weit ist.“
„Ich weiß nicht, weiter?“
Hippolyt hörte kaum darauf, was Jewgenij Pawlowitsch sprach, und auch das „nun“ und „weiter“ schien er nicht aus Interesse für das Weitere zu sagen, sondern einfach, weil es ihm zur Gewohnheit geworden war, einen jeden, der ihm von der Welt draußen an seinem Krankenlager erzählte, mit „nun“ und „weiter“ zum Weitererzählen zu drängen.
„Tja, weiter ist nichts ... das war alles.“
„Ich bin Ihnen übrigens nicht böse,“ sagte Hippolyt plötzlich ganz unvermittelt und streckte, vielleicht ohne sich selbst dessen bewußt zu sein, Jewgenij Pawlowitsch die Hand entgegen und lächelte sogar dazu.
Jewgenij Pawlowitsch wunderte sich zuerst, berührte dann aber doch mit dem ernstesten Gesicht die ihm entgegengestreckte Hand, als empfinge er wirklich Hippolyts Verzeihung.
„Ich kann nicht umhin, Ihnen meinen Dank auszusprechen für die Aufmerksamkeit, mit der Sie mich angehört haben,“ sagte er in demselben zweideutig-höflichen Tone, „denn nach meinen unzähligen Beobachtungen ist unser Liberaler nie imstande, einem anderen Menschen eine andere Überzeugung zu gestatten und seinem Opponenten nicht sogleich mit Geschimpf zu antworten oder mit noch Schlimmerem ...“
„Das haben Sie sehr richtig bemerkt,“ versetzte General Iwan Fedorowitsch, worauf er, die Hände auf dem Rücken, mit der gelangweiltesten Miene wieder an die Treppe der Terrasse trat, wo er vor Ärger heimlich gähnte.
„Nun, jetzt haben wir aber genug von dir,“ erklärte Lisaweta Prokofjewna, zu Jewgenij Pawlowitsch gewandt. „Ihr werdet mir langweilig ...“
„Es ist Zeit!“ erhob sich sofort Hippolyt besorgt und fast erschrocken und blickte sich verwirrt im Kreise um. „Ich habe Sie aufgehalten ... ich wollte Ihnen alles sagen ... ich glaubte, daß alle ... das war nur eine phantastische Idee ...“
Man sah es ihm an, daß er sich nur vorübergehend belebte, daß er aus seinen Fieberdelirien ganz plötzlich nur auf kurze Zeit zu sich kam und mit vollem Bewußtsein dachte und sprach. Letzteres meistenteils nur in abgerissenen Sätzen, die er vielleicht alle schon vorher gedacht – in den langen endlosen Stunden auf seinem Krankenlager, wenn er schlaflos in seiner Einsamkeit lag.
„Nun, leben Sie wohl!“ sagte er plötzlich schroff. „Sie glauben, daß es mir leicht ist, Ihnen ‚Leben Sie wohl‘ zu sagen? Na – ha!“ lachte er kurz auf, ärgerlich über seine ungeschickte Frage, und plötzlich, gewissermaßen aus Ärger darüber, daß er nichts von dem gesagt hatte und nichts aussprechen konnte, sagte er laut und gereizt: „Exzellenz! ich habe die Ehre, Sie zu meiner Beerdigung aufzufordern, vorausgesetzt, daß Sie mich dieser Ehre würdigen, ... und nach Seiner Exzellenz auch alle anderen!“
Wieder lachte er auf; doch diesmal klang es wie das Lachen eines Irrsinnigen. Lisaweta Prokofjewna näherte sich ihm erschrocken und erfaßte seine Hand. Hippolyt sah sie, mit demselben Lachen im Gesicht, forschend und unbeweglich an; doch er lachte nicht mehr hörbar, das Lachen war nur als solches gleichsam in seinem Gesicht erstarrt.
„Wissen Sie auch, daß ich eigentlich nur deshalb hergekommen bin, um Bäume zu sehen? Diese hier ...“ (er wies auf die Bäume des Parks) „ist das nicht lächerlich, was? Aber hierbei ist doch nichts Lächerliches?“ fragte er ernst Lisaweta Prokofjewna und versank plötzlich in Gedanken; nach einem Augenblick hob er aber wieder den Kopf und begann neugierig in der Schar der Anwesenden jemanden mit den Augen zu suchen. Er suchte Jewgenij Pawlowitsch, der sich rechts von ihm ganz in seiner Nähe auf demselben Platz wie vorhin befand, doch Hippolyt mußte schon vergessen haben, wo er gestanden hatte. „Ah, da sind Sie, Sie sind nicht fortgegangen!“ rief er erfreut aus, als er ihn endlich entdeckte. „Sie lachten darüber, daß ich nur eine Viertelstunde aus dem Fenster sprechen wollte ... Aber wissen Sie auch, daß ich gar nicht achtzehn Jahr alt bin? Ich habe so lange auf diesem Kopfkissen gelegen, ich habe so lange durch dieses Fenster geschaut, ich habe so endlos nachgedacht ... über alle ... so daß ... Ein Toter steht außerhalb jedes Alters, das wissen Sie doch. Noch in der vorigen Woche dachte ich, als ich in der Nacht erwachte ... Aber wissen Sie auch, was Sie am meisten fürchten? Unsere Aufrichtigkeit fürchten Sie am meisten, wenn Sie uns auch verachten! Das habe ich gleichfalls damals, in jener Nacht, auf meinem Kopfkissen gedacht ... Sie glauben, daß ich mich vorhin über Sie lustig machen wollte, Lisaweta Prokofjewna? Nein, ich habe mich nicht über Sie lustig gemacht, ich wollte nur sagen, daß alles gut ist ... Koljä hat mir gesagt, der Fürst habe Sie ein Kind genannt ... das ist gut ... Aber was wollt’ ich doch ... ich wollte doch noch etwas sagen ...“ Er bedeckte das Gesicht mit den Händen und dachte krampfhaft nach. „Richtig, das war’s! – als Sie sich vorhin schon verabschieden wollten, dachte ich plötzlich: hier sind jetzt Menschen, und nie mehr wirst du sie wiedersehen, und nie mehr wird das alles so sein, niemals! Und auch die Bäume nicht, – nur die Backsteinmauer wird vor mir sein, die rote von Meyers Mietkaserne ... die Brandmauer vor meinem Fenster ... nun, so sag’ ihnen doch jetzt alles das ... versuch’ es doch, sage es; da“ – er wies auf Aglaja – „eine Schönheit! ... du bist so gut wie ein Toter, stell’ dich ihnen als Toter vor, sag’ ihnen: ‚ein Toter kann alles sagen‘ ... und daß die Fürstin Maria Alexejewna nicht schelten wird[20], ha–ha! ... Sie lachen nicht über mich?“ Er blickte sich mißtrauisch im Kreise um. „Aber wissen Sie, auf diesem Kopfkissen sind mir viele Gedanken gekommen ...: wissen Sie, ich habe eingesehen, daß die Natur sehr spottlustig ist ... Sie sagten, ich sei ein Atheist, aber wissen Sie auch, daß diese Natur ... Weshalb lachen Sie wieder? Sie sind furchtbar grausam!“ unterbrach er sich traurig und unwillig, indem er sich wieder mißtrauisch umblickte. „Ich habe Koljä nicht verdorben,“ schloß er plötzlich in einem ganz anderen Tone, ernst und überzeugt, als wäre ihm plötzlich wieder ein anderer Gedanke gekommen ...
„Niemand, niemand lacht hier über dich, beruhige dich!“ bat ihn Lisaweta Prokofjewna fast gequält. „Morgen wird dich ein anderer Arzt untersuchen, deiner hat sich geirrt; aber so setz dich doch, was stehst du denn, du kannst dich ja kaum auf den Füßen halten! Du fieberst und phantasierst ... Ach, was soll man jetzt mit ihm anfangen!“ sorgte sie sich um ihn und bemühte sich ängstlich, ihn wieder zum Niedersitzen zu bewegen, damit er nur ja nicht mehr stehe.
Eine Träne erglänzte auf ihrer Wange.
Hippolyt blieb ganz betroffen stehen, hob die Hand, die er ängstlich vorstreckte, und berührte zaghaft diese Träne.
Er lächelte, es war ein eigentümliches, kindliches Lächeln.
„Ich ... ich ... habe Sie ...“ begann er selig, „Sie wissen nicht, wie ich Sie ... er hat mir immer mit einer solchen Begeisterung von Ihnen erzählt, er da, Koljä ... ich liebe seine Begeisterung ... Ich habe ihn nicht verdorben! Nur ihn allein lasse ich zurück ... ich wollte alle zurücklassen, alle, – aber es war niemand da, niemand war da ... Ich wollte ein großer Tatmensch sein, ich hatte das Recht ... oh, wieviel ich gewollt habe! Jetzt will ich nichts, ich will nichts mehr wollen, ich habe mir das Wort gegeben, daß ich nichts mehr wollen werde; mögen sie ohne mich die Wahrheit suchen, mögen sie doch! Ja, die Natur ist spottlustig! Weshalb erschuf sie mich,“ brach es in zitternder Leidenschaft aus ihm hervor, „weshalb erschafft sie die besten Geschöpfe, um dann später ihren Spott mit ihnen zu treiben? Hat sie es doch auch zugelassen, daß das einzige Wesen, das auf Erden als vollkommen anerkannt wurde ... hat sie es doch so gemacht, daß gerade dieses Wesen das aussprechen mußte, um dessenwillen so viel Blut geflossen ist, daß die Menschen, wenn es auf einmal geflossen wäre, im Blute hätten ertrinken müssen!
Oh, es ist gut, daß ich sterbe! Ich würde ja vielleicht auch irgendeine furchtbare Lüge sagen, die Natur würde es schon so einrichten! ... Ich habe niemanden verdorben ... Ich wollte zum Glücke aller Menschen leben, um die Wahrheit zu ergründen und zu verkünden ... Ich sah durch mein Fenster auf Meyers Backsteinmauer und glaubte, eine Viertelstunde würde mir genügen, um alle, alle zu überzeugen, und da bin ich nun einmal im Leben zusammen ... mit Ihnen, wenn auch nicht mit den Menschen! – und was ist nun herausgekommen? Nichts! Es ist das herausgekommen, daß Sie mich verachten! Folglich bin ich ein Dummkopf, folglich bin ich überhaupt nicht nötig, folglich ist es Zeit! Und nicht die geringste Erinnerung habe ich zu hinterlassen verstanden! Keinen Laut, keine Spur, nicht eine einzige Tat, keine einzige Überzeugung habe ich verbreitet! Lachen Sie nicht über den Dummen! Vergessen Sie ihn! Vergessen Sie alles ... vergessen Sie, ich bitte Sie darum, seien Sie nicht so grausam! Wissen Sie auch, daß ich, wenn nicht diese Schwindsucht gekommen wäre, mich selbst umgebracht hätte ...“
Er wollte offenbar noch mehr sagen, sprach es aber nicht aus, sondern fiel plötzlich auf seinen Sessel nieder, bedeckte das Gesicht mit den Händen und schluchzte wie ein kleines Kind.
„Da! Er weint! Mein Gott, was soll man jetzt mit ihm tun!“ rief Lisaweta Prokofjewna aufs äußerste erschrocken aus; sie trat schnell an seinen Sessel, nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und drückte ihn fest, fest an ihre Brust. Er schluchzte wie im Krampf.
„Nu – nu – nu! Nu, wein’ doch nicht, nu, genug, du bist ein guter Junge, Gott wird dir alles verzeihen, wegen deiner Unwissenheit; nu, genug, sei ein ganzer Mann ... Und du wirst dich ja doch später schämen ...“
„Ich habe dort,“ begann Hippolyt stockend, und er bemühte sich, den Kopf zu erheben, „ich habe einen Bruder und zwei Schwestern, Kinder, kleine Kinder, arme, unschuldige ... Sie wird sie verderben! Entreißen Sie sie ihr ... Sie – sind eine Heilige, Sie ... Sie sind selbst ein Kind, – retten Sie sie! Retten Sie sie vor dieser ... sie ... wird sie der Schande ... Oh, helfen Sie ihnen, erbarmen Sie sich ihrer, Gott wird es Ihnen hundertfach vergelten, um Christi willen! ...“
„So sagen Sie doch endlich, Iwan Fedorowitsch, was soll man jetzt tun!“ rief Lisaweta Prokofjewna gereizt ihren Mann um Rat an. „Haben Sie doch die Güte und brechen Sie endlich Ihr erhabenes Schweigen! Wenn Sie sich zu nichts entscheiden, werde ich selbst hier nächtigen, damit Sie’s nur wissen; Sie haben mich zur Genüge mit Ihrer Herrschsucht tyrannisiert!“
Lisaweta Prokofjewna war zu jedem Opfer bereit, was sie äußerlich in ihrem Zorn verriet, und erwartete eine sofortige Antwort. Leider pflegen in solchen Fällen die Anwesenden, selbst wenn ihrer viele sind, mit Schweigen und passiver Neugier zu antworten, um nur ja nichts auf sich zu nehmen. Ihre Gedanken aber äußern sie gewöhnlich erst lange nachher. Hier nun gab es unter den Anwesenden sogar solche, die womöglich die ganze Nacht bis zum nächsten Morgen gesessen hätten, ohne auch nur ein Wort zu sagen – zum Beispiel Warwara Ardalionowna Ptizyn, die die ganze Zeit schweigend dagesessen und nur mit ungeheurem Interesse zugehört hatte, – vielleicht nicht ohne ihre besonderen Gründe zu diesem Interesse zu haben.
„Meine Liebe,“ versetzte der General, „meine Meinung wäre die, daß hier jetzt eher eine Krankenpflegerin am Platze wäre als unsere Aufregung ... oder für diese Nacht zum mindesten ein nüchterner, zuverlässiger Mensch. Jedenfalls müssen wir aber den Fürsten bitten und ... diesem hier unverzüglich Ruhe gönnen. Morgen kann man sich ja dann wieder nach ihm erkundigen.“
„Es ist sogleich zwölf, wir fahren. Wird er mit uns kommen oder bleibt er bei Ihnen?“ wandte sich Doktorenko gereizt und geärgert an den Fürsten.
„Wenn Sie wollen, so bleiben Sie doch auch hier bei ihm,“ forderte ihn der Fürst auf, „Platz habe ich genug.“
„Exzellenz,“ wandte sich ganz unerwartet und förmlich begeistert Herr Keller an den General, „wenn ein zuverlässiger Mensch für die Nacht verlangt wird, so bin ich gern bereit, meinem Freunde das Opfer zu bringen ... er ist ein seltener Mensch, wenn Sie wüßten, was für eine Seele er hat! Ich halte ihn schon längst für ein Genie, Exzellenz! Ich habe gewißlich, sowohl in meiner Bildung wie in meiner Karriere, Pech gehabt und Exzellenz werden das verstehen ... aber wenn er kritisiert, das kann auch ich beurteilen, dann streut er ja nur so Perlen aus dem Ärmel, Perlen, sag’ ich Ihnen! ...“
Mit Verzweiflung im Gesicht wandte ihm der General den Rücken.
„Es wird mich sehr freuen, wenn er hier bleibt; es würde ihm natürlich sehr schwer fallen, jetzt noch zu fahren,“ sagte der Fürst auf die gereizte Frage Lisaweta Prokofjewnas.
„Ja, schläfst du denn? Wenn du nicht willst, Väterchen, werde ich ihn zu mir bringen! Gott, du hältst dich ja selbst kaum auf den Füßen! Bist du krank? Was fehlt dir?“
Als Lisaweta Prokofjewna den Fürsten nicht sterbend vorgefunden, hatte sie ihn nach seinem Aussehen für viel gesunder gehalten, als er war. In Wirklichkeit aber hatten der Anfall, die schweren Erinnerungen, die sich an ihn knüpften, die physische Müdigkeit in den Gliedern und der ermüdende Abendbesuch, ferner dieser ganze Vorfall mit dem „Sohn Pawlischtscheffs“ und nun auch noch der mit Hippolyt – alles das hatte auf die krankhafte Empfindsamkeit des Fürsten geradezu fieberhaft eingewirkt. Außerdem verrieten jetzt seine Augen noch irgendeine besondere Sorge oder sogar Angst: fast furchtsam blickte er auf Hippolyt, ganz als befürchte er von diesem irgend etwas.
Da erhob sich plötzlich Hippolyt, unheimlich bleich, mit einem Ausdruck unerträglicher, an Verzweiflung grenzender Scham in seinem verzerrten Gesicht. Diese Scham drückte sich vor allem in seinem Blick aus, der haßerfüllt und doch angstvoll über die Anwesenden huschte, und in dem verlorenen, verzogenen und gleichsam sich windenden Spottlächeln auf seinen zuckenden Lippen. Übrigens senkte er den Blick sogleich zu Boden und wankte mit unsicheren Schritten, immer noch dasselbe Lächeln auf den Lippen, zu Burdowskij und Doktorenko, die bereits an der Treppe standen: er fuhr mit ihnen.
„Das ... das fürchtete ich ja!“ rief der Fürst aus. „So mußte es ja kommen!“
Hippolyt wandte sich brüsk nach ihm um, und rasende Wut sprach aus seinem Gesicht, in dem jeder Nerv zu zittern und zu sprechen schien.
„Ah, also das haben Sie befürchtet! ‚So mußte es ja kommen‘ Ihrer Meinung nach? So hören Sie denn, daß ich, wenn ich hier jemanden hasse – und ich hasse Sie hier alle!“ – schrie er heiser, kreischend, bei jedem Satz spritzte der Speichel von seinen Lippen und an seinen Mundwinkeln hatte sich Schaum gebildet, – „daß ich Sie, Sie Jesuit, Sie Idiot, Sie tugendreicher Millionär und Wohltäter, daß ich Sie mehr als alles auf der Welt hasse! Ich habe Sie längst durchschaut und zu hassen begonnen, schon damals, als ich Sie nur vom Hörensagen kannte, haßte ich Sie mit dem ganzen Haß meiner Seele ... Das haben Sie jetzt so herbeigeführt! Sie haben mich zu diesem Anfall gebracht! Sie haben mich, den Sterbenden, dieser Schmach ausgesetzt, Sie, Sie, Sie allein sind schuld an meiner erbärmlichen Verzagtheit! Ich würde Sie totschlagen, wenn ich am Leben bliebe! Ich brauche Ihre Wohltaten nicht, ich nehme von keinem welche an, hören Sie, von keinem, nichts! Ich fieberte ... ich habe nur phantasiert, Sie dürfen es nicht wagen, zu triumphieren! Ich verfluche Sie alle ein für allemal!“
Seine Stimme brach ab, er war atemlos.
„Schämt sich seiner Tränen!“ flüsterte Lebedeff Lisaweta Prokofjewna zu. „Da haben wir das ‚So mußte es kommen!‘ Ja, der Fürst! Hat ihm wieder bis ins Innerste geschaut ...“
Doch Lisaweta Prokofjewna würdigte ihn nicht einmal eines Blickes. Sie stand, stolz aufgerichtet, den Kopf in den Nacken geworfen, und betrachtete mit verächtlichem Blick „diese Leutchen“. Als Hippolyt atemlos verstummt war, hatte der General nur die Schultern mit entsprechender Mundbewegung in die Höhe gezogen, woraufhin ihn seine Gattin jetzt zornig vom Kopf bis zu den Füßen maß, als verlange sie Rechenschaft über diese seine Bewegung; doch dann wandte sie sich, ohne ein Wort zu sagen, an den Fürsten.
„Ich danke Ihnen, Fürst – unserem exzentrischen Freunde, der Sie sind – für den angenehmen Abend, den Sie uns allen bereitet haben. Sie können sich ja jetzt von Herzen freuen, daß es Ihnen doch gelungen ist, auch uns in Ihre Dummheiten zu verwickeln ... Genug jetzt, lieber Freund, ich danke Ihnen, daß Sie uns dabei wenigstens Gelegenheit geboten haben, Sie einmal gut zu durchschauen! ...“
Und unwillig begann sie ihre Mantille zurechtzuziehen, da sie erst abwarten wollte, bis „jene“ sich fortbegeben hatten. Doktorenko hatte bereits vor einer Viertelstunde Lebedeffs Sohn, den Gymnasiasten, nach einer Droschke geschickt, mit der dieser nun gerade vorgefahren war. Dem Beispiel seiner Gattin folgend, wandte sich auch der General an den Fürsten.
„In der Tat, ich hätte es nicht erwartet ... nach allem ... nach allen freundschaftlichen Beziehungen ... und schließlich – Lisaweta Prokofjewna ...“
„Nein, pfui, nein, wie kann man nur so!“ rief Adelaida im Unwillen über ihre Eltern aus, trat schnell auf den Fürsten zu und reichte ihm die Hand.
Mit müdem, verlorenem Blick lächelte der Fürst sie an, vielleicht ohne sie zu sehen. Plötzlich drang ein heißes, schnelles Geflüster an sein Ohr.
„Wenn Sie diese erbärmlichen Menschen nicht sogleich hinauswerfen lassen, werde ich mein ganzes Leben, mein ganzes Leben lang nur Sie allein hassen!“
Es war Aglaja; sie war wie rasend, wie außer sich; doch noch bevor der Fürst sie ansehen konnte, hatte sie sich schon von ihm abgewandt. Übrigens gab es niemanden mehr hinauszuwerfen: Hippolyt war von seinen Freunden inzwischen in den Wagen gehoben worden – in diesem Augenblick fuhren sie bereits davon.
„Nun, gedenken Sie sich noch lange hier aufzuhalten, Iwan Fedorowitsch? Was meinen Sie?“ fragte Lisaweta Prokofjewna.
„Tja, ich, mein Freund ... ich-ch ... bin selbstverständlich sofort bereit ... Lieber Fürst ...“
Der General streckte doch noch seine Hand aus, um sich vom Fürsten zu verabschieden, wartete aber nicht, bis der Fürst, der ihn nur zerstreut ansah, ihm gleichfalls die Hand reichte, sondern eilte seiner Gemahlin nach, die soeben zornig und rauschend die Treppe hinunterstieg. Adelaida, deren Bräutigam und Alexandra verabschiedeten sich herzlich vom Fürsten, desgleichen Jewgenij Pawlowitsch, der als einziger seine heitere Stimmung bewahrt hatte.
„Sehn Sie, da habe ich doch recht gehabt! Schade nur, daß auch Sie Ärmster jetzt darunter zu leiden haben!“ sagte er halblaut mit dem gewinnendsten Lächeln zum Fürsten gewandt – vielleicht aber lag dennoch ein wenig Spott in diesem Lächeln.
Aglaja ging fort, ohne sich zu verabschieden.
Doch die Überraschungen dieses Abends waren damit noch nicht zu Ende.
Lisaweta Prokofjewna war kaum von der Treppe auf den Fahrweg getreten, der sich durch den Park schlängelte, als plötzlich ein entzückendes Gespann, eine offene Kalesche, vor der zwei prächtige Schimmel elegant ausgriffen, in schnellem Tempo an der Villa des Fürsten vorüberfuhr. Im Fond des Wagens saßen zwei reich gekleidete Damen. Doch plötzlich, kaum waren sie zehn Schritte an der Terrasse vorübergefahren, hielt der Wagen; die eine der Damen wandte sich hastig zurück, als hätte sie einen Bekannten erblickt, mit dem sie unbedingt ein paar Worte wechseln mußte.
„Jewgenij Pawlowitsch! Bist du’s?“ ertönte plötzlich eine helle, wundervolle Stimme, die den Fürsten zusammenzucken machte, und vielleicht nicht nur den Fürsten allein. „Nein, bin ich froh, daß ich dich endlich gefunden habe! Ich habe doch einen Boten zu dir in die Stadt geschickt; zwei! Den ganzen Tag wirst du gesucht!“
Jewgenij Pawlowitsch stand wie vom Schlage gerührt auf der Treppenstufe. Auch Lisaweta Prokofjewna war stehen geblieben, doch nicht vor Schreck und Verwunderung wie Jewgenij Pawlowitsch: sie blickte die geputzte Dame mit derselben kalten Verachtung an, mit der sie vor fünf Minuten die „Leutchen“ betrachtet hatte.
„Freue dich!“ fuhr die helle Stimme fort. „Rogoshin hat deine Wechsel aufgekauft, von Kupfer, für dreißigtausend, ich habe ihn darum gebeten. Jetzt kannst du noch drei Monate lang ruhig sein! Und mit Biskup und dem ganzen anderen Wuchererpack werden wir es auch noch arrangieren, aus alter Bekanntschaft! Na, wie du siehst, alles geht gut! Kannst dich freuen! Auf Wiedersehen morgen!“
Die Pferde zogen an und griffen aus, der Wagen verschwand ebenso schnell, wie er aufgetaucht war.
„Ist sie wahnsinnig!“ stieß endlich Jewgenij Pawlowitsch hervor, bis über die Stirn errötend vor Unwillen, und verständnislos blickte er sich im Kreise um. „Ich habe keine Ahnung von dem, was sie da sprach! Was sind das für Wechsel? Wer ist sie überhaupt?“
Doch Lisaweta Prokofjewna sah ihn immer noch unbeweglich an: zwei Sekunden lang ruhten ihre Blicke ineinander; dann wandte sie sich plötzlich stolz ab und begab sich zu ihrer Villa. Die anderen folgten ihr.
Nach einer Minute kehrte Jewgenij Pawlowitsch in höchster Erregung zum Fürsten auf die Terrasse zurück.
„Fürst, sagen Sie mir die Wahrheit, wissen Sie nicht, was das zu bedeuten hat?“
„Ich habe keine Ahnung!“ antwortete der Fürst, der sich gleichfalls in krankhafter Spannung und Erregung befand.
„Wirklich nicht?“
„Sie können es mir glauben.“
„Tja, auch ich weiß es nicht,“ lachte plötzlich Jewgenij Pawlowitsch. „Bei Gott, ich habe keinen Schimmer von irgendwelchen Wechseln, Sie können es mir wahrhaftig glauben, ich versichere Sie auf mein Ehrenwort! ... Aber was ist mit Ihnen, Sie werden doch nicht ohnmächtig?“
„Oh, nein, nein, gewiß nicht, nein ...“
XI.
Erst am dritten Tage wurde dem Fürsten von Jepantschins verziehen. Zwar sprach der Fürst, wie gewöhnlich, sich allein die ganze Schuld zu und erwartete daher mit Gewißheit seine Strafe; trotzdem war er innerlich von Anfang an überzeugt, daß Lisaweta Prokofjewna ihm nicht ernstlich böse sein könne, sondern sich aller Wahrscheinlichkeit nach mehr über sich selbst ärgere. Deshalb fühlte er sich denn auch am dritten Tage, als ihm noch immer nicht Verzeihung gewährt worden war, moralisch ganz niedergedrückt. Außerdem kamen noch andere Dinge hinzu, die ihn quälten, namentlich etwas, das sich im Laufe der drei Tage dank dem zunehmenden Mißtrauen des Fürsten progressiv vergrößerte und immer beängstigender wurde. (Er machte sich seit einiger Zeit heftige Vorwürfe wegen seines „sinnlosen, zudringlichen“ Vertrauens und seines „finsteren, niedrigen“ Mißtrauens.) Kurz und gut – bis zum Abend des dritten Tages hatte der Zwischenfall mit der exzentrischen Dame, die aus dem Wagen zu Jewgenij Pawlowitsch gesprochen, in seinen Gedanken bereits eine wahrhaft rätselhafte Bedeutung von nahezu erschreckendem Umfang angenommen. Die unheimlichste Frage war für ihn – ganz abgesehen von allen anderen unangenehmen Seiten des Vorfalls – ob nun wiederum er allein an dieser neuen „Ungeheuerlichkeit“ schuld sei, oder nur ... Doch er sprach es nicht aus, wen er meinte. Was jedoch die Umänderung der Buchstaben A. M. D. in N. F. B. anlangte, so glaubte er jetzt nur einen harmlosen Scherz darin erblicken zu dürfen, eine kindliche Unart, so daß ihm selbst längeres Nachdenken darüber beschämend und in einer Beziehung sogar unehrenhaft erschien.
Übrigens hatte der Fürst am nächsten Tage nach jenem „scheußlichen Abend“ das Vergnügen gehabt, den Fürsten Sch. und Adelaida bei sich zu empfangen: sie waren „hauptsächlich deshalb gekommen, um sich nach seiner Gesundheit zu erkundigen“. Adelaida hatte im Park einen „entzückenden alten Baum“ entdeckt, eine Trauerbirke mit langen hängenden Ästen in frischem jungen Grün; unterwegs – sie waren beide „nur so“ spazieren gegangen – hatte Adelaida beschlossen, „unbedingt, unbedingt diesen Baum zu malen“. Und von diesem Baum war fast die ganze Zeit gesprochen worden, mindestens eine halbe Stunde lang. Fürst Sch. war so liebenswürdig und aufmerksam gewesen, wie er es immer war, hatte den Fürsten nach diesem und jenem gefragt, hatte ihn an ihre erste Begegnung in der kleinen Provinzstadt erinnert, so daß des vorhergegangenen Abends mit keinem Wort Erwähnung getan wurde. Schließlich hatte es Adelaida doch nicht ausgehalten: sie hatte zu lachen begonnen und gestanden, daß sie beide gewissermaßen „inkognito“ zu ihm gekommen seien. Doch das war auch alles, was sie verriet, – nicht viel, aber auch gewiß nicht wenig, denn aus diesem „inkognito“ konnte man mit Leichtigkeit die Stimmung ihrer Eltern erraten. Doch weder über ihre Mutter, noch über Aglaja und nicht einmal über Iwan Fedorowitsch ließ Adelaida ein Wort fallen, und als sie aufbrachen, um ihren Spaziergang wieder fortzusetzen, forderten sie den Fürsten nicht auf, sich ihnen anzuschließen, – von „sie zu besuchen“ war erst recht keine Rede! Ja, in der Beziehung verriet ein kurzes Gespräch sogar noch viel mehr: als Adelaida von ihrer letzten Aquarellmalerei erzählte, wünschte sie plötzlich sehr, daß der Fürst sie kritisiere. „Aber wie soll ich sie Ihnen zeigen?“ stutzte sie auf einmal. „Warten Sie! Ich werde Koljä bitten, wenn er heute zu uns kommt ... oder nein, ich werde sie Ihnen morgen selbst bringen, wenn ich mit dem Fürsten wieder spazieren gehe!“ entschied sie schnell, sehr erfreut über die gefundene Lösung des Problems.
Sie verabschiedeten sich bereits, als Fürst Sch. sich scheinbar erst jetzt ganz plötzlich einer Sache zu entsinnen schien.
„Ach, à propos,“ wandte er sich an den Fürsten, „wissen Sie nicht wenigstens, bester Lew Nikolajewitsch, wer diese Dame war, die gestern Jewgenij Pawlowitsch diese rätselhaften Worte zurief?“
„Das war Nastassja Filippowna,“ sagte der Fürst. „Sollten Sie es noch nicht erfahren haben, daß sie es war? ...“
„Doch, doch, ich weiß, ich hab’s gehört!“ unterbrach ihn Fürst Sch. eilig. „Aber was bedeutete das, was sie ihm da zurief? Das ist, ich muß gestehen, ein solches Rätsel ... für mich, wie auch für alle anderen ...“
Fürst Sch. sprach ersichtlich in größter Verwunderung.
„Sie sprach von irgendwelchen Wechseln Jewgenij Pawlowitschs,“ antwortete der Fürst sehr einfach, „die Rogoshin von einem Wucherer gekauft hat, auf ihre Bitte hin, und daß Rogoshin auf die Einlösung derselben noch warten werde.“
„Ich weiß, ich weiß, mein bester Fürst, aber das ist ja doch ein Ding der Unmöglichkeit! Jewgenij Pawlowitsch hat überhaupt keine Wechsel ausgestellt, wozu hätte er das nötigt – bei seinem Vermögen! ... Es ist ja wahr, er hat ja früher mitunter aus Leichtsinn welche ausgestellt, und sogar ich habe ihn manchesmal aus der Patsche gezogen ... Aber bei einem solchen Vermögen einem Wucherer Wechsel auszustellen und sich dann ihretwillen noch Sorgen zu machen – das ist doch ausgeschlossen, ganz ausgeschlossen! Und ebenso kann er sich doch mit Nastassja Filippowna unmöglich auf du und du stehen – das ist mir noch das Rätselhafteste! Er schwört, daß er kein Wort von der ganzen Sache verstehe, und ich glaube es ihm gern. Die Sache ist nur die, bester Fürst, – ich wollte Sie fragen, ob Sie nicht vielleicht irgend etwas wissen? Das heißt, ich meine ja nur – vielleicht ist Ihnen durch irgendeinen Zufall etwas zu Ohren gekommen?“
„Nein, ich weiß nichts, und ich versichere Sie, daß ich daran nicht beteiligt gewesen bin.“
„Aber lieber Fürst, wer denkt denn daran! Wie Sie wirklich sind! Ich erkenne Sie heute kaum wieder. Hätte ich denn jemals so etwas auch nur vermuten können? – Sie, beteiligt an einer solchen Intrige? ... Doch Sie sind heute nervös.“
Er umarmte und küßte ihn herzlich.
„Das heißt – an welch einer ‚solchen‘ Intrige beteiligt? Ich kann hier keinerlei ‚solche‘ Intrige sehen.“
„Nun, zweifellos hat doch die betreffende Person Jewgenij Pawlowitsch an irgend etwas verhindern wollen, indem sie ihm in den Augen der Anwesenden Eigenschaften beilegte, die er nicht hat und auch gar nicht haben kann,“ antwortete Fürst Sch. ziemlich trocken.
Den Fürsten Lew Nikolajewitsch schien diese Antwort nicht wenig zu verwirren, doch blickte er trotzdem unverwandt Fürst Sch. an; jener verstummte aber plötzlich.
„Sollten es nicht doch einfach Wechsel sein? Ist es nicht buchstäblich so, wie sie gestern sagte?“ stieß der Fürst plötzlich in nervöser Ungeduld hervor, man hörte jedoch heraus, daß er unsicher war.
„Aber so urteilen Sie doch selbst, was kann es denn Gemeinsames geben zwischen Jewgenij Pawlowitsch und ... ihr und außerdem noch Rogoshin? Glauben Sie mir, er besitzt tatsächlich ein großes Vermögen, ich weiß es ganz positiv. Und ein zweites großes Vermögen wird ihm vielleicht bald noch von seinem Oheim zufallen. Einfach, Nastassja Filippowna ...“
Wieder verstummte Fürst Sch. ganz plötzlich; offenbar wollte er dem anderen gegenüber nicht mit seinen Gedanken über Nastassja Filippowna herausrücken.
„Aber dann ist sie doch jedenfalls mit ihm bekannt?“ fragte der Fürst nach kurzem Schweigen.
„Das allerdings – ja. Doch übrigens, wenn er auch mit ihr bekannt gewesen ist, so ist das immerhin schon lange her, so ... sagen wir, – zwei bis drei Jahre. Er war ja doch mit Tozkij gut bekannt. Jetzt aber kann von einer näheren Bekanntschaft oder gar einer Freundschaft auf du und du überhaupt nicht die Rede sein! So intim ist er mit ihr nie gewesen, nie! Und Sie wissen doch selbst sehr gut, daß sie lange Zeit gar nicht in Petersburg gelebt hat. Und die meisten wissen es überhaupt noch nicht, daß sie wieder hier aufgetaucht ist. Diesen Wagen und die Pferde habe ich erst vor etwa drei Tagen zum erstenmal hier gesehen.“
„Ein entzückendes Gespann!“ bemerkte Adelaida.
„Ja, das Gespann ist allerdings tadellos.“
Übrigens verließen sie den Fürsten in der freundschaftlichsten Stimmung, fast kann man sogar sagen, daß sie sich wie Geschwister von ihm verabschiedeten.
Für den Fürsten Lew Nikolajewitsch war aber dieser Besuch von ganz ungeheuerer Bedeutung. Nun ja, er hatte ja selbst vieles vermutet, bereits seit der gestrigen Nacht (vielleicht aber auch schon früher); doch hatte er bis zu ihrem Besuch immer noch nicht gewagt, seine Befürchtungen vor sich selbst zu rechtfertigen. Jetzt aber war wenigstens so viel klar, daß Fürst Sch., der natürlich das Ganze an sich falsch auffaßte, immerhin der Wahrheit auf der Spur war, wenn er hier eine Intrige vermutete.
„Übrigens ...“ dachte der Fürst bei sich, „vielleicht faßt er es im geheimen ganz richtig auf, will es aber nur nicht anderen aufdecken und legt die Sache deshalb absichtlich falsch aus.“
Jedenfalls stand jetzt eines fest: daß Adelaida und Fürst Sch. (namentlich Fürst Sch.) in der Hoffnung zu ihm gekommen waren, von ihm etwas Näheres erfahren zu können; war aber das der Fall, so mußte man ihn doch unbedingt für beteiligt an der Intrige halten. Und außerdem: wenn der ganze Vorfall wirklich von solch einer Wichtigkeit war, dann mußte sie doch irgend etwas Furchtbares im Sinne haben, – was aber konnte das sein? ... Wie diese Gedanken quälten!
„Und wie könnte man sie von etwas abbringen, das sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat? Das ist ja doch ganz unmöglich, ganz ausgeschlossen, wenn sie sich von der Notwendigkeit der Durchführung ihrer Absicht überzeugt hat!“ Das wußte der Fürst aus Erfahrung nur zu gut. „Sie ist ja doch wahnsinnig! ... wahnsinnig! ...“
Doch der quälenden Probleme gab es für ihn an diesem Morgen gar zu viele; alle tauchten sie jetzt auf einmal auf, und über alle mußte er nachdenken, lange nachdenken, und alle wollten schnell gelöst sein. So kam es, daß der Fürst sehr ernst und niedergedrückt war. Ein wenig Zerstreuung brachte ihm Wjera Lebedewa, die mit ihrem kleinen Schwesterchen Ljubotschka zu ihm kam und lachend irgend etwas erzählte. Bald darauf erschien auch ihre andere Schwester, die, welche beim Sprechen und beim Lachen den Mund immer so unheimlich weit auftat, und dieser folgte Lebedeffs Sohn, der Gymnasiast, der sich dann gleichfalls an der Zerstreuung des Fürsten beteiligte und lebhaft versicherte, daß der Stern in der Apokalypse, der „auf die Quellen der Gewässer“ fiel, nach der Auslegung seines Vaters nichts anderes als das Eisenbahnnetz bedeute, das sich jetzt über Europa auszubreiten beginne. Der Fürst wollte es nicht glauben, daß Lebedeff den Stern so deute, worauf dann beschlossen wurde, ihn selbst bei nächster Gelegenheit danach zu fragen. Von Wjera Lebedewa erfuhr der Fürst ferner, daß Herr Keller sich bei ihnen gestern heimisch niedergelassen hatte und aller Voraussicht nach nicht sobald wieder fortziehen werde, zumal er in dem alten General Iwolgin einen Kompagnon und guten Freund gefunden hätte; übrigens habe er erklärt, daß er einzig „zur Komplettierung seiner Bildung“ bei ihnen bliebe. Überhaupt begannen die Kinder Lebedeffs, dem Fürsten mit jedem Tage mehr zu gefallen.
Koljä erschien den ganzen Tag nicht: er war am Morgen nach Petersburg gefahren (Lebedeff hatte sich bereits in aller Frühe dorthin begeben – in Geschäften, wie es hieß), und so erwartete der Fürst mit Ungeduld den Besuch Gawrila Ardalionytschs, den ihm dieser am Abend vorher beim Abschied zugesagt hatte.
Um sieben Uhr abends erschien er denn auch richtig – sogleich nach dem Essen[21]. Beim ersten Blick auf ihn glaubte der Fürst zu erraten, daß ihm alles, was an dem Abend passiert war, bis aufs Letzte bekannt sei. Wie sollte es auch anders sein, wenn er solche Helfershelfer wie seine Schwester Warjä und seinen Schwager Ptizyn hatte! Zwischen Ganjä und dem Fürsten bestand ein etwas eigentümliches Verhältnis. Der Fürst hatte ihm zum Beispiel die Führung der ganzen Angelegenheit mit Burdowskij anvertraut und ihn noch ganz besonders gebeten, die Sache zu übernehmen; doch ungeachtet dieses Vertrauens und noch so mancher anderen Bande, die sie verknüpften, blieben gewisse Punkte zwischen ihnen bestehen, die von ihnen gleichsam nach gemeinsamer Verabredung mit keinem Wort berührt wurden. Dem Fürsten hatte allerdings geschienen, daß Ganjä ihm gegenüber vielleicht vollkommen und freundschaftlich aufrichtig zu sein wünschte, und so dachte er auch jetzt, daß Ganjä, als er eintrat, im höchsten Grade überzeugt sei, daß nun der Augenblick gekommen wäre, in dem das Eis an diesen gewissen Punkten von beiden Seiten gebrochen werden könnte. Nur hatte Ganjä diesmal leider nicht viel Zeit: seine Schwester wartete auf ihn bei Lebedeffs, und sie hatten beide noch etwas Eiliges vor.
Doch wenn Ganjä vielleicht tatsächlich eine ganze Reihe ungeduldiger Fragen, unwillkürlicher Äußerungen oder gar freundschaftlicher Mitteilungen und Herzensergüsse erwartet hatte, so harrte seiner allerdings eine große Enttäuschung. Während der ganzen Zeit seines Besuches war der Fürst fast wie geistesabwesend, wenigstens sehr wortkarg und sehr zerstreut.
Die ganze Reihe Fragen, oder vielmehr die eine Frage, die Ganjä erwartet hatte, wurde vom Fürsten nicht an ihn gerichtet. Da beschloß auch Ganjä, zurückhaltender zu sein. Nichtsdestoweniger erzählte er ohne Unterlaß die ganze Zeit, lachte, scherzte, – kurzum, unterhielt den Fürsten während der zwanzig Minuten, die er bei ihm war, in der liebenswürdigsten Weise, doch die Hauptsache berührte er mit keinem Wort.
Unter anderem erzählte er, daß Nastassja Filippowna sich erst seit etwa vier Tagen in Pawlowsk aufhalte und doch bereits die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt habe. Sie wohne in einem kleinen, unscheinbaren Hause bei Darja Alexejewna, irgendwo in einer „Matrosenstraße“, wenn er sich nicht irre, ihre Equipage aber sei die schönste in Pawlowsk. Es habe sich auch bereits eine ganze Schar von alten und jungen Verehrern um sie versammelt, von denen sie auf ihren Spazierfahrten mitunter hoch zu Roß begleitet werde. Zwar sei sie immer noch sehr wählerisch in ihrem Verkehr mit Herren, doch stände ihr trotzdem ein ganzes Korps zur Verfügung, falls sie irgendwie desselben bedürfen sollte. Ein erklärter Bräutigam, einer der Pawlowsker Datschenbesitzer, habe sich bereits ihretwegen mit seiner Braut entlobt, und ein alter General habe ihretwegen seinen Sohn fast verflucht. Gewöhnlich fahre sie mit einem sehr schönen jungen Mädchen, einer Verwandten Darja Alexejewnas aus; dieses junge, etwa sechzehnjährige Mädchen habe eine wundervolle Stimme und singe des Abends so schön, daß das unansehnliche Haus Darja Alexejewnas die Aufmerksamkeit von ganz Pawlowsk auf sich lenke. Übrigens führe sich Nastassja Filippowna überall tadellos auf, kleide sich nicht auffallend, doch stets so elegant, daß alle Damen sie wegen ihres Geschmacks, ihrer Schönheit und ihrer prachtvollen Equipage beneideten.
„Ihr exzentrischer Ausfall von gestern abend,“ verschnappte sich Ganjä schließlich doch einmal, „ist natürlich auf eine besondere Absicht zurückzuführen und zählt daher nicht mit. Um ihr etwas anhaben zu können, müßte man es direkt darauf absehen oder sie einfach verleumden, was übrigens das schnellste und sicherste Mittel wäre,“ schloß er in der Erwartung, daß der Fürst jetzt unbedingt fragen werde, weshalb er ihrem Ausfall eine „besondere Absicht“ zugrunde lege und weshalb er „Verleumdung das schnellste und sicherste Mittel“ nenne.
Doch der Fürst sagte nichts.
Da begann Ganjä auch von Jewgenij Pawlowitsch ohne besondere Aufforderung des Fürsten zu sprechen, was um so seltsamer war, als er ganz unvermittelt begann. Seiner Meinung nach war Jewgenij Pawlowitsch früher nicht mit Nastassja Filippowna bekannt gewesen und kannte sie auch jetzt kaum, da er ihr erst vor vier Tagen auf dem Spaziergang vorgestellt worden sei; und daß er sie mit den anderen zusammen in ihrem Hause besucht habe, sei wiederum aus gewissen Gründen nicht anzunehmen. Was jedoch die Wechselgeschichte betreffe, so könne sehr wohl etwas Wahres daran sein (das wurde von Ganjä mit auffallender Sicherheit behauptet, – offenbar hatte er etwas Näheres hierüber von Ptizyn erfahren). Jewgenij Pawlowitschs Vermögen sei allerdings sehr groß, „doch zum Teil sind seine Vermögensverhältnisse ziemlich im unklaren,“ fügte er kurz hinzu und damit brach er plötzlich ab. Auch über Nastassja Filippowna sprach er weiter kein Wort. Endlich kam Warjä, um den Bruder abzuholen, setzte sich aber doch noch auf einen Augenblick und erzählte – gleichfalls ungebeten –, daß Jewgenij Pawlowitsch „heute den ganzen Tag und vielleicht auch noch morgen“ in Petersburg bleiben werde, und daß auch ihr Mann, Iwan Petrowitsch Ptizyn, in Petersburg sei. Ja, fast kam es so heraus, als weile ihr Mann nur wegen einer Geldangelegenheit Jewgenij Pawlowitschs in der Stadt. Bereits im Fortgehen begriffen, sagte sie dann noch, daß Lisaweta Prokofjewna sich in entsetzlicher Stimmung befinde, doch am meisten befremde es sie, Warjä, daß Aglaja sich mit der ganzen Familie, nicht nur dem Vater und der Mutter, sondern auch mit den beiden Schwestern ernstlich entzweit habe, – „und sogar wirklich im Ernst“. Und nachdem sie anscheinend ganz gleichmütig diese Nachrichten – die für den Fürsten von so großer Wichtigkeit waren! – mitgeteilt hatte, entfernten sich Bruder und Schwester.
Der Fürst blieb allein zurück. Auch Burdowskijs hatte Ganjä mit keinem Wort Erwähnung getan, vielleicht aus falschem Zartgefühl, um den Fürsten nicht an Unangenehmes zu erinnern; doch der Fürst ließ es sich trotzdem nicht entgehen, ihm für seine Mühe zu danken.
Es freute ihn sehr, daß er endlich allein war. Langsam stieg er die Stufen der Terrasse hinunter und ging über den Fahrweg in den Park. Er wollte sich einen entscheidenden Schritt, den er fast im Begriff war zu tun, reiflich überlegen. Doch dieser „Schritt“ war gerade einer von denen, die man sich nicht überlegt, sondern zu denen man sich einfach kurz entschließt; er wollte plötzlich unsäglich gern wieder dorthin zurückkehren, woher er gekommen, nur irgendwohin, weit, weit fort, in den Wald, in die einsamste Gegend, und alles hier so zurücklassen, wie es war, nicht einmal sich von jemandem verabschieden! Eine fast drohende Ahnung sagte ihm, daß er, wenn er auch nur noch wenige Tage hier blieb, sich rettungslos in diese Welt würde hineinziehen lassen, und diese Welt, die würde dann sein Schicksal sein! Doch er hatte noch keine zehn Minuten den Plan dieser Flucht erwogen, als er auch schon entschied, daß es „ganz unmöglich“ für ihn sei, so zu flüchten, daß es von ihm „kleinmütig“ wäre, daß er jetzt vor großen Aufgaben stände, die er unbedingt lösen müsse, oder wenn auch nicht das, so habe er jetzt doch überhaupt nicht mehr das Recht, fortzufahren, sondern müsse zum mindesten alle seine Kräfte anspannen zu ihrer Lösung. Mit diesem Gedanken kehrte er zur Villa zurück, nachdem er kaum eine Viertelstunde im Park gewesen war. Er fühlte sich entsetzlich unglücklich in diesem Augenblick.
Lebedeff war noch immer nicht aus der Stadt zurückgekehrt, und so gelang es am Abend dem verabschiedeten Leutnant Keller, ungehindert beim Fürsten einzutreten. Er war nicht gerade betrunken, aber jedenfalls auch nicht gerade nüchtern; denn seine Redseligkeit war auffallend und seine geradezu verblüffende Offenherzigkeit mehr als verdächtig. Er begann sogleich damit, daß er den Grund seines Erscheinens erklärte: er sei gekommen, um dem Fürsten seine ganze Lebensgeschichte zu erzählen, und nur zu dem Zweck sei er in Pawlowsk geblieben. Es war nicht die geringste Hoffnung vorhanden, ihn loszuwerden; selbst wenn man ihm die Tür gewiesen hätte, wäre er doch nicht gegangen. Er setzte sich fest und schickte sich an, lange und ziemlich ungereimt zu reden; doch siehe da, fast schon nach den ersten Worten sprang er ganz plötzlich auf den Schluß über und erklärte, mit der Zeit sei ihm jeder Schimmer von Sittlichkeit „abhanden gekommen“ – und das einzig infolge seines Unglaubens an den Höchsten –, so daß er sogar gestohlen habe.
„Können Sie sich das vorstellen!“
„Hören Sie, Keller, ich würde an Ihrer Stelle doch nicht so unnützerweise solche Dinge gestehen,“ wandte der Fürst ein. „Doch – vielleicht wollen Sie sich mit Absicht anschwärzen? Wozu sagen Sie das alles?“
„Nur Ihnen auf Gottes ganzem Erdboden, einzig und allein Ihnen sage ich es, und zwar nur deshalb, um damit meine Entwicklung zu fördern! Sonst keinem eine Silbe! Keinem einzigen! Wenn ich sterbe, soll mein Geheimnis mit mir in die Grube fahren und von dort dann meinetwegen aufwärts gen Himmel! Aber, Fürst, wenn Sie nur wüßten, wenn Sie nur wüßten, wie schwer es heutzutage ist, irgendwo Geld zu bekommen! Wo soll man es denn hernehmen, wenn Sie mir das doch wenigstens gefälligst sagen könnten? Die einzige Antwort ist: ‚Bring Gold und Brillanten, dann kriegst du welches‘, – mit anderen Worten, also gerade das, was ich nicht habe. – Können Sie sich das vorstellen? Ich – wurde schließlich wütend, stand, stand: – ‚Aber für Smaragden‘, fragte ich, ‚geben Sie dafür auch welches?‘ – ‚Gewiß, auch für Smaragden geben wir welches.‘ – ‚Na, bon,‘ sagte ich, nahm meinen Hut und ging. Der Teufel hol’ sie samt und sonders, ’s ist ’ne Gaunerbande, bei Gott!“
„Hatten Sie denn Smaragden?“
„Wie sollt’ ich wohl Smaragden haben? Oh, Fürst, wie ahnungslos und unschuldig, wie rosig und, man kann wohl sagen – schäferhaft Sie noch auf das Leben blicken!“
Dem Fürsten tat er schließlich ... nicht gerade leid, aber der Fürst glaubte plötzlich, sich schämen zu müssen. Ihm kam sogar der Gedanke: „Könnte man nicht noch etwas aus diesem Menschen machen? – wenn er unter einen guten Einfluß käme?“ Seinen eigenen Einfluß hielt er aus gewissen Gründen für absolut untauglich dazu, und das nicht etwa aus falscher Bescheidenheit oder falscher Beobachtung, sondern eigentlich nur infolge seiner nunmehrigen Auffassung verschiedener Dinge und Verhältnisse. Allmählich aber kamen sie beide so ins Sprechen hinein, daß sie ans Aufhören gar nicht mehr dachten. Keller bekannte mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit, sogar an solchen Dingen schuldig zu sein, von denen auch nur zu sprechen man wohl nie und nimmer für möglich halten würde. Vor Beginn jeder neuen Erzählung versicherte er nachdrücklich, daß er es bereue und „inwendig voll Tränen“ sei, worauf er aber dann jedesmal so erzählte, als wenn er auf seine Tat noch ganz besonders stolz gewesen wäre, und dabei wußte er noch alles so amüsant wiederzugeben, daß schließlich beide, sowohl er selbst wie auch der Fürst, sich die Seiten vor Lachen hielten.
„Die Hauptsache ist, daß Sie noch eine gewissermaßen kindliche Zutraulichkeit und eine wirklich seltene Wahrheitsliebe besitzen,“ sagte schließlich der Fürst. „Wissen Sie auch, daß Sie schon allein damit sehr vieles wieder gutmachen?“
„Edel bin ich, edel, ritterlich edel!“ bestätigte Keller sofort gerührt. „Aber wissen Sie, Fürst, das beschränkt sich alles leider immer nur auf die Träume, auf die Gedankenwelt, und tritt sozusagen immer nur in meiner Courage so etwas wie zutage, in der Wirklichkeit aber kommt’s nie eigentlich heraus! Und weshalb ist es so? Ich begreif’s wahrhaftig nicht!“
„Verzagen Sie deshalb nicht. Sie haben mir jetzt alles bis aufs Letzte erzählt; wenigstens können Sie doch an Häßlichem und Schlechtem nichts mehr hinzufügen, denke ich ...“
„Nichts mehr hinzufügen?!“ rief Keller in einem geradezu mitleidigen Tone aus. „Jesus, Fürst, bis zu welch einem Grade Sie die Menschen doch immer noch sozusagen schweizerisch auffassen!“
„Gibt es denn wirklich noch etwas ...?“ fragte mit zaghafter Verwunderung der Fürst. „Aber was haben Sie denn von mir erwartet, Keller, sagen Sie mir das doch, bitte, weshalb sind Sie denn mit Ihrer Beichte zu mir gekommen?“
„Von Ihnen? Was ich von Ihnen erwartet habe? Erstens ist es so angenehm, Ihre Herzenseinfalt zu sehen; es ist ein wahrhaft herzerquickendes Gefühl, bei Ihnen zu sitzen und zu schwatzen; wenigstens weiß ich dann, daß der tugendhafteste Mensch vor mir sitzt; und zweitens ... zweitens ... khm ...“
Er stockte, räusperte sich und wußte nicht recht, wie weiter.
„Sie wollten vielleicht Geld von mir leihen?“ half ihm der Fürst vollkommen ernst und sehr einfach, sogar ein wenig schüchtern.
Keller sprang fast vom Stuhl auf; er blickte dem Fürsten ganz starr vor Verwunderung in die Augen ... und plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch.
„Das ist es ja, weiß der Teufel, womit Sie einen total aus dem Konzept bringen! Erbarmen Sie sich, Fürst: bald sind Sie die leibhaftige Verkörperung einer solchen Unschuld, einer solchen Herzenseinfalt, wie sie selbst im goldenen Zeitalter unerhört gewesen sein muß, und bald wiederum oder vielmehr gleichzeitig durchschauen Sie einen mit den tiefsten psychologischen Beobachtungen, die einem wie Pfeile durch Mark und Bein gehen! Erlauben Sie, Fürst, das verlangt noch Erklärungen, denn ich ... ich bin einfach auf den Kopf getroffen! Selbstverständlich war zu guter Letzt Zweck und Ziel meines Besuches – von Ihnen Geld zu leihen. Sie aber fragen mich das plötzlich von vornherein und noch dazu in einem Tone, als würden Sie nicht den geringsten Anstoß daran nehmen, als ob es gerade so sein müßte!“
„Ja ... von Ihnen mußte es auch so sein.“
„Und Sie sind nicht empört?“
„Weshalb denn?“
„Hören Sie, Fürst, ich muß Ihnen alles von Anfang an sagen: ich blieb gestern abend in erster Linie aus besonderer Hochachtung für den französischen Erzbischof Bourdaloue hier – wir entkorkten bei Lebedeff bis drei Uhr morgens Flaschen –, und in zweiter Linie und hauptsächlich – ich schlage mir alle Kreuze vor die Stirn, Sie können es mir also aufs Wort glauben! – hauptsächlich deshalb, weil ich die Absicht hatte, Ihnen, Fürst, einmal mein ganzes Herz auszuschütten, um durch diese sozusagen von Herzen kommende Ohrenbeichte meiner eigenen moralischen Entwicklung etwas auf die Beine zu helfen; mit diesem Gedanken schlief ich denn auch so gegen vier Uhr morgens unter fließenden Tränen ein. Und jetzt glauben Sie mir: in demselben Augenblick, als ich im Begriff war, einzuschlummern – ich war schon halbwegs weg – (und dabei war ich doch so voll aufrichtiger innerer Tränen, daß sie sozusagen sogar überflossen; denn zu guter Letzt weinte ich tatsächlich, dessen entsinne ich mich noch ganz genau!) in demselben Augenblick kam mir plötzlich ein teuflischer Gedanke: ‚Aber was,‘ dachte ich bei mir, ‚sollte man nicht ganz zum Schluß, nach der Beichte, einen Pumpversuch bei ihm machen?‘ Und so bereitete ich mich denn unter Tränen einerseits zu meiner Beichte vor, die ich gleichfalls unter Tränen vortragen wollte, um andererseits mit diesen Tränen den Weg zu finden oder Ihr Herz zu erweichen, damit Sie dann zum Schluß, von Mitleid bewegt, mir hundertundfünfzig Rubel einhändigten. Ist das nun nicht eine Gemeinheit, was meinen Sie?“
„Aber das ist doch bestimmt nicht so gewesen, das eine ist nur ganz zufällig zum anderen gekommen, zwei Gedanken sind sich begegnet, wie das sehr oft geschieht. Bei mir geschieht das fortwährend. Übrigens glaube ich, daß das nicht gut ist, und offen gestanden, gerade wegen dieser Doppelgedanken mache ich mir die größten Vorwürfe. Es ist mir fast, als hätten Sie mir von mir selbst erzählt. Ich habe sogar mitunter gedacht,“ fuhr der Fürst sehr ernst und aufrichtig interessiert fort, „daß alle Menschen so seien, so daß ich schließlich aufhörte, mich deshalb zu quälen; denn es ist sehr schwer, gegen diese Doppelgedanken anzukämpfen; ich weiß es ... Gott weiß, woher sie kommen, wie sie entstehen ... Da kommen Sie aber jetzt und nennen es doch einfach eine Gemeinheit! Nun fange auch ich wieder an, diese Gedanken zu fürchten. Jedenfalls kann ich nicht Ihr Richter sein. Aber immerhin finde ich, daß man es doch nicht so ohne weiteres eine Gemeinheit nennen kann, was meinen Sie? Sie haben auf schlaue Weise durch Tränen Geld herauslocken wollen; aber Sie schwören doch selbst, daß Ihre Beichte für Sie auch einen anderen Zweck hatte, einen geistigen, edlen, und nicht nur materiellen. Und was das Geld betrifft, so brauchen Sie es doch zum Verzechen, nicht wahr? Das aber ist freilich nach solch einer Beichte zum mindesten kleinmütig. Aber andererseits: wie soll man so plötzlich von seinen bisherigen Gewohnheiten lassen? Das geht doch nicht. Also was tun? Am besten ist, man überläßt das Ihrem eigenen Gewissen, was meinen Sie?“
Der Fürst blickte Keller mit ungeheurem Interesse an. Das Problem der „Doppelgedanken“ hatte ihn offenbar schon lange beschäftigt.
„Jetzt sagen Sie mir nur gefälligst, weshalb man Sie nach alledem noch einen Idioten nennt! – das verstehe ich nicht! – da hört doch alles auf!“ rief Keller ganz begeistert aus.
Der Fürst errötete ein wenig.
„Selbst der gerechte Mann Gottes, Bourdaloue, hätte einen Menschen nicht so geschont wie Sie! Und Sie haben mich noch menschlich mir selbst näher gebracht! Nun gut, um mich zu bestrafen und zu beweisen, daß ich gerührt bin, will ich jetzt nicht mehr hundertundfünfzig Rubel – geben Sie mir nur fünfundzwanzig, und damit basta! Das ist alles, was ich brauche, wenigstens für zwei Wochen. Vor zwei Wochen werde ich bestimmt nicht wiederkommen mit dieser Bitte. Ich wollte mal meine Agaschka etwas verwöhnen, aber was! – sie ist es ja doch nicht wert! O nein, gütigster Fürst, ich danke Ihnen, Gott segne Sie dafür!“
Lebedeff, der soeben aus der Stadt zurückgekehrt war und gerade eintrat, machte, als er Keller die Banknote von fünfundzwanzig Rubeln in Empfang nehmen sah, ein finsteres Gesicht; doch Keller drückte sich schleunigst. Da begann Lebedeff sofort über ihn herzuziehen.
„Sie sind ungerecht,“ bemerkte schließlich der Fürst, „er hat tatsächlich aufrichtig bereut.“
„Ja, aber was will das sagen! Das ist ja doch ebenso wie ich gestern: ‚gemein, gemein bin ich‘ – wunderschön, aber das sind doch alles nur kurze Worte!“
„So waren es also nur Worte von Ihnen? Und ich dachte bereits ...“
„Na, ich will Ihnen, aber auch nur Ihnen allein, die Wahrheit sagen; denn Sie durchschauen ja doch jeden Menschen: leere Worte und Aufrichtigkeit, Lüge und Wahrheit – alles zusammen war’s, und jedes war echt, war wirklich echt! ‚Wahrheit und Aufrichtigkeit‘ bestehen bei mir in der aufrichtigen Reue – glauben Sie es oder glauben Sie es nicht, ich schwöre es jedenfalls – ‚leere Worte und Lüge‘ bestehen in dem teuflischen und immer gegenwärtigen Gedanken, wie ich auch hier den Menschen übers Ohr hauen, wie ich auch hier aus den Tränen der Reue Vorteil ziehen könnte! Bei Gott, so ist es! Einem anderen würde ich es nicht sagen – er würde mich auslachen; Sie aber Fürst, Sie denken menschlich.“
„Nun, sehen Sie: genau dasselbe, fast mit denselben Worten, hat mir auch Keller soeben gesagt, – und beide scheinen Sie sich damit gleichsam brüsten zu wollen! Sie setzen mich sogar damit wirklich in Erstaunen ... nur hat er aufrichtiger gesprochen als Sie; denn bei Ihnen ist es schon entschieden zu einer Art Handwerk geworden. Nun, genug, reden wir nicht davon, und machen Sie schnell ein anderes Gesicht, Lebedeff, und pressen Sie doch nicht immer so die Hand aufs Herz! Haben Sie mir nicht etwas zu sagen? Sie pflegen doch nie grundlos zu mir zu kommen ...“
Lebedeff begann sich zu krümmen, zu wenden und zu drehen und hinterm Ohr zu kratzen, sagte aber kein Wort.
„Ich habe Sie den ganzen Tag erwartet, um eine Frage an Sie stellen zu können; antworten Sie mir jetzt und sagen Sie mir doch wenigstens einmal im Leben sogleich die Wahrheit: Sind Sie an dem Vorfall mit dem Wagen gestern abend beteiligt oder nicht?“
Lebedeff begann sich wieder zu winden, fuhr sich mit dem Finger in den Kragen und zweimal unter der Gurgel hin und her, räusperte sich, kicherte, räusperte sich wieder, rieb sich die Hände, nieste sogar; doch zu sprechen entschloß er sich noch immer nicht.
„Ich sehe schon, daß Sie mitgewirkt haben.“
„Aber indirekt, einzig nur indirekt! Ich sage die reinste Wahrheit! Nur insoweit mitgewirkt, als ich die gewisse Dame rechtzeitig benachrichtigt habe, daß bei ... bei mir sich so eine Gesellschaft versammelt habe, und daß auch gewisse Personen darunter seien.“
„Ich weiß, daß Sie Ihren Sohn dorthin geschickt haben, er hat es mir vorhin selbst gesagt; aber was soll denn diese Intrige wieder bedeuten!“ rief der Fürst ungeduldig aus.
„Das ist nicht meine Intrige, nicht meine Intrige, bei Gott nicht!“ wehrte Lebedeff mit beiden Händen ab. „Hier handelte es sich um andere, ganz andere, und das Ganze ist mehr ein phantastischer Einfall, als eine Intrige zu nennen.“
„Aber um was handelt es sich denn, so erklären Sie mir doch wenigstens das, um Christi willen! Begreifen Sie denn nicht, daß mich das diesmal direkt angeht? Hier wird doch Jewgenij Pawlowitsch angeschwärzt!“
„Fürst! Durchlauchtigster Fürst!“ begann Lebedeff wieder sich zu verneigen und dabei die Hand aufs Herz zu pressen, „Sie erlauben mir doch nicht, die ganze Wahrheit zu sagen! Ich habe doch schon oft davon angefangen, nicht nur einmal, Sie aber haben mir immer sofort verboten, weiterzusprechen ...“
Der Fürst schwieg eine Weile und dachte nach.
„Nun gut; sprechen Sie die Wahrheit,“ sagte er endlich gepreßt, augenscheinlich nach einem schweren Kampfe.
„Aglaja Iwanowna ...“ begann Lebedeff sofort bereitwillig.
„Schweigen Sie, schweigen Sie!“ schrie ihn der Fürst sogleich beschwörend an, und er wurde rot vor Unwillen, – vielleicht auch vor Scham. „Das ist doch unmöglich, das kann doch nie und nimmer sein, das ist doch Unsinn! Sie haben sich das alles selbst ausgedacht, oder ebenso Wahnsinnige wie Sie! Und hören Sie: daß ich nie mehr auch nur ein Wort davon aus Ihrem Munde vernehme!“
Spät am Abend, bereits gegen elf Uhr, erschien endlich Koljä mit einem ganzen Sack voll Neuigkeiten. Zuerst erzählte er schnell in ein paar Worten das Wichtigste aus der Stadt, das sich hauptsächlich auf Hippolyt und den vorhergegangenen Abend bezog, und ging dann, um später wieder darauf zurückzukommen, schnell zu den Pawlowsker Neuigkeiten über.
Vor etwa drei Stunden war er aus Petersburg zurückgekehrt und, ohne beim Fürsten vorzusprechen, direkt zu Jepantschins gegangen. „Dort ist einfach alles auf den Kopf gestellt! Natürlich steht in erster Linie und obenan der Vorfall mit dem Wagen,“ berichtete Koljä; doch müsse unbedingt noch etwas geschehen sein, was ihm und dem Fürsten noch unbekannt war.
„Ich wollte natürlich nicht spionieren oder ausforschen. Übrigens wurde ich sehr gut empfangen, sogar so gut, wie ich es gar nicht erwartet hatte; doch von Ihnen, Fürst, – kein Wort!“
Die Hauptsache und das interessanteste jedoch sei, daß Aglaja sich mit allen anderen Ganjäs wegen „verrissen“ habe. „Wie und weshalb – das weiß ich nicht, nur ist es tatsächlich Ganjäs wegen geschehen – können Sie sich das denken? Und nicht etwa im Scherz, sondern vollkommen ernst, also muß es doch etwas Wichtiges sein.“ Der General sei erst spät aus der Stadt ziemlich „brummig“ heimgekehrt, zusammen mit Jewgenij Pawlowitsch, der gleichfalls vorzüglich empfangen worden sei. Jewgenij Pawlowitsch sei selbst erstaunlich guter Laune, heiter und liebenswürdig gewesen. Die kapitalste Nachricht war aber die, daß die Generalin Lisaweta Prokofjewna ohne viel Wesens und Aufsehen Warwara Ardalionowna, Koljäs Schwester, die bei den jungen Mädchen gesessen, zu sich gerufen und sie ein für allemal ersucht habe, ihr Haus fernerhin nicht mehr zu betreten – „übrigens in der höflichsten Weise – Warjä selbst hat’s mir erzählt,“ fügte Koljä hinzu. Als Warjä dann noch zu den jungen Mädchen gegangen war, um sich von ihnen zu verabschieden, hatten diese ihr alle ganz unbefangen die Hand gereicht und offenbar keine Ahnung davon gehabt, daß die Mutter der Freundin die Tür gewiesen hatte und diese sich nun zum letztenmal von ihnen verabschiedete.
„Aber Warwara Ardalionowna – war noch um sieben Uhr bei mir,“ bemerkte der Fürst verwundert, „und ...“
„Und hinausgeworfen worden ist sie erst um acht oder kurz vor acht! Warjä tut mir sehr leid und ebenso Ganjä ... Sie haben natürlich immer etwas vor, ewig spinnen sie ihre Intrigen, ohne die können sie, wie’s scheint, nicht auskommen. Was sie aber eigentlich wollen, was sie im Schilde führen, was sie beabsichtigen – das habe ich nie begreifen können ... und will’s auch nicht. Aber ich versichere Ihnen, lieber, guter Fürst, Ganjä hat wirklich Herz! Er ist in vielen Dingen natürlich ein verlorener Mensch, aber in anderen Dingen hat er doch gewisse Züge, die zu entdecken sich wirklich lohnt, und ich werde es mir nie verzeihen, daß ich ihn früher nicht begriffen habe ... Ich weiß nicht, soll ich dort noch weiter verkehren, nach der Geschichte mit Warjä? Ich habe mich ja wohl von Anfang an ganz unabhängig gestellt, aber man muß es sich doch noch überlegen.“
„Sie haben keine Ursache, Ihren Bruder zu bedauern,“ bemerkte der Fürst. „Wenn es schon dazu gekommen ist, daß Lisaweta Prokofjewna Ihrer Schwester den Verkehr mit ihren Töchtern verboten hat, so muß Gawrila Ardalionytsch in ihren Augen gefährlich geworden sein; folglich aber müssen sich doch einzelne seiner Hoffnungen bestätigen.“
„Wie, was für Hoffnungen?“ fragte Koljä erstaunt. „Oder glauben Sie etwa, daß Aglaja Iwanowna ... das ist doch unmöglich!“
Der Fürst schwieg eine Weile.
„Sie sind ein furchtbarer Skeptiker, Fürst,“ sagte Koljä endlich, nach vielleicht ganzen zwei Minuten. „Es fällt mir auf, daß Sie seit einiger Zeit immer skeptischer werden; Sie fangen an, an nichts mehr zu glauben und alles zu vermuten ... Habe ich in diesem Fall das Wort ‚Skeptiker‘ nicht richtig gebraucht?“
„Ich glaube, daß es richtig ist, doch übrigens – weiß ich es selbst nicht genau.“
„Nein, nein! – ich sage mich selbst vom ‚Skeptiker‘ los; denn ich habe eine andere Erklärung gefunden!“ rief plötzlich Koljä laut auflachend, „Sie sind nicht skeptisch, sondern einfach eifersüchtig! Sie sind wegen eines gewissen stolzen Mädchens höllisch eifersüchtig auf Ganjä!“
Koljä sprang auf und lachte, lachte, – lachte, wie er vielleicht noch nie im Leben gelacht hatte. Und als er sah, daß der Fürst plötzlich ganz rot geworden war, lachte er noch unbändiger. Ihm gefiel der Gedanke, daß der Fürst Aglajas wegen auf Ganjä eifersüchtig sei „ganz furchtbar!“ Doch kaum bemerkte er, daß der Fürst aufrichtig darunter litt, als er auch sofort zu lachen aufhörte. Dann sprachen sie noch eine oder anderthalb Stunden sehr ernst und besorgt miteinander.
Am nächsten Tage mußte der Fürst in einer unaufschiebbaren Angelegenheit nach Petersburg fahren, wo er den ganzen Vormittag verblieb. Als er gegen fünf Uhr auf den Bahnhof kam, um nach Pawlowsk zurückzufahren, stieß er dort mit General Jepantschin zusammen. Dieser erschrak zuerst, ergriff dann schnell seine Hand, und nachdem er sich fast ängstlich umgeblickt, zog er ihn schnell mit sich in ein Coupé erster Klasse, um mit ihm zusammen zurückzufahren. Er brannte vor Verlangen, mit ihm über alle die wichtigen Ereignisse zu reden.
„Vor allen Dingen, mein lieber Fürst, sei mir nicht böse, und wenn meinerseits etwas nicht so war, wie es hätte sein sollen – so vergiß es. Ich wäre selbst gestern zu dir gekommen, ich war aber nicht sicher, wie Lisaweta Prokofjewna es ... Bei mir zu Hause ist einfach ... die Hölle los! Eine rätselhafte Sphinx hat sich dort niedergelassen, und ich gehe umher und verstehe nichts. Was dich betrifft, so bist du meiner Meinung nach von uns allen am wenigsten an der Sache schuld, wenn auch nur durch dich allein fast alles gekommen ist. Sieh, mein lieber Fürst, Philanthrop zu sein, ist angenehm, aber an sich sehr schwer. Wirst vielleicht auch schon selbst in die Früchte gebissen haben. Ich, versteht sich, ich liebe Güte und achte Lisaweta Prokofjewna, aber ...“
Der General sprach noch lange in dieser Art, doch seine Sätze waren seltsam unzusammenhängend. Jedenfalls sah man es ihm an, daß er durch etwas für ihn absolut Unbegreifliches vor den Kopf gestoßen und verwirrt, wenn nicht erschüttert war.
„Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß du an diesem ganzen Zwischenfall nicht im geringsten beteiligt bist,“ sprach er sich endlich etwas deutlicher aus; „aber ich bitte dich als Freund von ganzem Herzen: besuch’ uns vorläufig nicht, warte ab, bis sich der Wind gedreht hat. Und was Jewgenij Pawlowitsch betrifft,“ fuhr er mit ungewöhnlichem Eifer fort, „so war das die sinnloseste Verleumdung, die man sich nur denken kann! Es liegt doch auf der Hand, daß einfach eine Intrige dahintersteckt! Die Absicht, uns mit ihm zu entzweien, schaut doch nur zu deutlich hervor! Sieh, Fürst, ich werde dir etwas ins Ohr sagen: zwischen uns und Jewgenij Pawlowitsch ist noch kein Wort gefallen, du weißt – du verstehst doch? Wir sind noch durch nichts gebunden, – aber dieses Wort kann vielleicht bald gesprochen werden, vielleicht sogar sehr bald! Also galt es, das zu verhindern! Weshalb aber das, wozu, warum – das mag ein anderer wissen! Sie ist ja doch ein un–be–rechen–bares Frauenzimmer! Ich fürchte sie so, daß ich kaum noch schlafen kann. Und was für Pferde sie hat, was für einen Wagen! Das ist doch einfach schick, genau das, was der Franzose unter schick versteht! Und wer hat ihr das geschenkt? Bei Gott, ich habe gesündigt, noch vorgestern verdächtigte ich Jewgenij Pawlowitsch. Jetzt aber hat es sich herausgestellt, daß das ganz ausgeschlossen ist ... Wenn es aber ausgeschlossen ist, was will sie dann eigentlich, weshalb kommt sie uns dann in den Weg, weshalb will sie dann die Sache aus dem Leim bringen? Das, das ist ja das Rätsel! Um Jewgenij Pawlowitsch zu behalten? Aber ich versichere dir, und hier hast du ein Kreuz, daß er mit ihr überhaupt nicht bekannt und die Wechselgeschichte nichts als ihre eigene Erfindung ist! Und mit welch einer Frechheit sie ihn noch öffentlich mit ‚du‘ anredet! Das ist ja eine reine Verschwörung! Es ist doch klar, daß man das Ganze nur mit Verachtung zurückweisen kann und die Hochachtung für Jewgenij Pawlowitsch verdoppeln muß. Das habe ich auch Lisaweta Prokofjewna gesagt. Doch jetzt werde ich dir meinen intimsten Gedanken mitteilen – was ich so bei mir selbst denke: ich bin fest überzeugt, daß sie das nur deshalb getan hat, um sich an mir persönlich zu rächen; du weißt doch, für das Frühere, obgleich ich mir doch ihr gegenüber nie etwas habe zuschulden kommen lassen! Ich erröte wirklich schon bei der bloßen Erinnerung daran. Jetzt, sieh, ist sie wieder aufgetaucht, und ich glaubte bereits, sie sei für immer verschwunden. Wo sitzt denn dieser Rogoshin eigentlich, sag’ mir das doch wenigstens! Ich glaubte, sie sei schon längst Madame Rogoshina!“
Mit einem Wort, man sah es dem Manne an, daß er tatsächlich durch dieses Ereignis wie vor den Kopf gestoßen war. Während der ganzen Fahrt sprach fast nur er allein; er stellte Fragen, die er selbst beantwortete, drückte dem Fürsten die Hand, und wenn er diesen von etwas schließlich überzeugt hatte, so war es nur das, daß er, der General, in bezug auf ihn, den Fürsten, nicht den geringsten Verdacht in irgendeiner, gleichviel welch einer Beziehung, ja nicht einmal ein leises Ahnen von einem möglichen Verdacht hegte. Das aber war für den Fürsten von außerordentlicher Wichtigkeit. Zum Schluß erzählte er noch von einem leiblichen Onkel Jewgenij Pawlowitschs, der in irgendeiner Kanzlei so etwas wie ein Präsident war – „jedenfalls ein großes Tier, stark in den Siebzigern, viveur, Gastronom, überhaupt, wie gesagt, ein verlockender Greis ... haha! Wie ich weiß, hat er sich auch um Nastassja Filippownas Gunst bemüht. Ich war heute zu ihm hingefahren; leider ist er krank, empfängt nicht. Aber reich ist er, schwer reich, nicht ohne Einfluß und ... gebe Gott ihm langes Leben, aber wenn er stirbt, fällt sein ganzes Vermögen wiederum Jewgenij Pawlowitsch zu ... Ja, ja ... aber ich habe doch Angst! Ich weiß selbst nicht, was ich fürchte, aber ich fürchte mich ... Es muß etwas in der Luft sein, etwas Dunkles, wie eine Fledermaus ... irgendein Unheil ist in der Luft ... Ich fürchte mich, weiß Gott, ich fürchte mich wirklich! ...“