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Sämtliche Werke 3-4

Dritter Teil (continued 2)

E. K. Rahsin translation

Er zog das Zettelchen aus seiner Tasche und preßte es an seine Lippen, doch verstummte er plötzlich und wurde nachdenklich.

„Wie ist das sonderbar! Wie ist das sonderbar!“ sagte er voll tiefer Traurigkeit vor sich hin. In Momenten freudiger Erregung überkam ihn immer eine tiefe Traurigkeit, er wußte selbst nicht warum. Er schaute sich aufmerksam um und wunderte sich, daß er sich hier befand. Er fühlte sich plötzlich sehr müde, ging auf eine Bank zu und setzte sich hin. Rings um ihn herrschte ungewöhnliche Stille. Die Musik am Kurhaus war verstummt. Im Parke selbst befand sich vielleicht kein Mensch, es war ja auch schon halb zwölf geworden. Die Nacht war still, warm und hell – eine Petersburger Nacht im Anfang Juni, doch in dem dichten schattigen Park und in der Allee war es vollständig dunkel.

Wenn ihm jemand in dieser Minute gesagt hätte, daß er verliebt, leidenschaftlich verliebt sei, so würde er diese Bemerkung mit Erstaunen, ja, vielleicht mit Unwillen aufgenommen haben. Wenn aber der Betreffende noch hinzugefügt hätte, daß Aglajas Brief ein Liebesbrief, eine Aufforderung zum Stelldichein sei, so wäre er vor Scham rot geworden und hätte diesen Menschen vielleicht selbst zum Duell gefordert. Es wäre das wirklich von ihm aufrichtig empfunden gewesen, denn nie wäre es ihm in den Sinn gekommen, nie hätte er an die Möglichkeit einer Liebe dieses Mädchenherzens zu ihm geglaubt, oder gar einer Liebe seinerseits zu diesem Mädchen. Bei einem solchen Gedanken hätte er sich geschämt: an die Möglichkeit einer Liebe zu ihm, zu „einem solchen Menschen wie er“ hätte er nie geglaubt oder er hätte sie für ein Wunder gehalten. Wenn er an etwas dachte, so dachte er an nichts weiter als an einen mutwilligen Streich ihrerseits. Doch diesem Streich gegenüber verhielt er sich vollständig gleichgültig und fand ihn durchaus in der Ordnung. Er selbst war mit etwas ganz anderem beschäftigt. An die Richtigkeit der Bemerkung, die vorhin dem erregten General entschlüpft war – daß sie sich über alle nur lustig mache, über ihn aber, den Fürsten, am meisten und noch ganz besonders –, glaubte er bedingungslos. Und dabei fühlte er sich nicht im geringsten gekränkt, seiner Meinung nach mußte es sogar gerade so sein. Alles konzentrierte sich jetzt für ihn in dem einen Gedanken: daß er sie morgen wiedersehen, morgen in aller Frühe neben ihr auf der grünen Bank sitzen, die Erklärung des Pistolenladens anhören und sie ansehen würde! Das genügte ihm vollkommen. Zwar tauchte ein- oder zweimal die Frage in ihm auf, was sie ihm denn nur eigentlich zu sagen habe und was das wohl für eine so wichtige Angelegenheit sein könne – dazu noch eine, die unmittelbar ihn angehen sollte! –, doch trotzdem empfand er nicht einmal das Verlangen, nachzudenken oder zu erraten, was sie damit wohl gemeint haben könnte; daß sie jedoch tatsächlich vorhanden war, diese wichtige Angelegenheit, daran zweifelte er keinen Augenblick.

Das Knirschen leiser Schritte auf dem Kies der Allee ließ ihn aufblicken. Ein Mensch, dessen Gesicht in der Dunkelheit nicht zu erkennen war, näherte sich der Bank und setzte sich auf sie nieder. Der Fürst rückte schnell näher, fast bis dicht an ihn heran, und erkannte das bleiche Gesicht Rogoshins.

„Konnt mir ja denken, daß du hier irgendwo herumbummelst, hab dich auch nicht lange zu suchen gebraucht,“ brummte Rogoshin zwischen den Zähnen.

Sie sahen sich zum erstenmal nach jener Begegnung auf der Treppe des Hotels. Es dauerte eine Weile, bis der Fürst nach dem ersten Schreck über das plötzliche Auftauchen Rogoshins seine Gedanken gesammelt hatte. Und schon fühlte er, daß ein bekanntes, quälendes Gefühl in seinem Herzen wieder auferstanden war. Rogoshin begriff offenbar, welch eine Empfindung er im Fürsten hervorgerufen hatte; und wenn er auch selbst zu Anfang ein wenig verwirrt zu sein schien und mit einer gleichsam gewollten Unbefangenheit sprach, so sah doch der Fürst bald ein, daß in Rogoshins Wesen nichts bewußt Gewolltes und auch keinerlei besondere Verwirrung lag. Wenn sich aber in seinen Gesten und seinem Gespräch vielleicht dennoch eine gewisse Befangenheit bemerkbar machte, so war das höchstens etwas Äußerliches. In der Seele konnte sich dieser Mensch nie verändern.

„Wie ... wie hast du mich hier gefunden?“ fragte der Fürst, um etwas zu sagen.

„Keller sagte es mir – ich war zu dir gegangen – ‚ist in den Park gegangen‘, sagte er; da dachte ich, nun, dann ist ja alles richtig!“

„Wieso, was ist ‚richtig‘?“ griff der Fürst erregt das Wort auf.

Rogoshin lachte kurz, gab aber keine Antwort.

„Ich habe deinen Brief erhalten, Lew Nikolajewitsch; du hast das ganz unnütz geschrieben ... was du nur davon hast! ... Jetzt aber bin ich von ihr zu dir gekommen: sie befahl, dich unbedingt zu rufen ... muß dir dringend etwas sagen ... Heute noch, bat sie zu kommen.“

„Ich werde morgen kommen. Jetzt gehe ich nach Haus; du ... kommst du zu mir?“

„Wozu? Ich hab dir alles gesagt; leb wohl.“

„So kommst du nicht?“ fragte der Fürst leise.

„Ein seltsamer Mensch bist du, Lew Nikolajewitsch, man kann sich wirklich nur über dich wundern.“

Rogoshin lachte wieder kurz und gehässig auf.

„Weshalb hegst du jetzt solchen Groll gegen mich?“ fragte der Fürst traurig und doch mit verhaltener Leidenschaft. „Du weißt doch jetzt selbst, daß alles, was du früher dachtest, nicht richtig war. Übrigens habe ich es selbst nicht anders erwartet, als daß dein Haß auch jetzt noch nicht vergehen würde, und weißt du, weshalb? Nicht deshalb, weil nicht ich dir nach dem Leben getrachtet habe, sondern weil du mir nach dem Leben getrachtet hast, deshalb vergeht dein Haß noch nicht. Aber ich sage dir: ich kenne nur jenen Parfen Rogoshin, mit dem ich an jenem Tage die Kreuze getauscht habe und der mir zum Bruder geworden ist, das habe ich dir auch gestern in meinem Brief geschrieben, damit du diesen ganzen Fiebertraum vergißt und überhaupt nicht mehr an ihn denkst und auch nie mehr darauf zu sprechen kommst. Weshalb wendest du dich von mir ab? Weshalb verbirgst du deine Hand? Ich sage dir doch, daß ich alles, was damals war, für nichts anderes als einen Fiebertraum halte: ich kenne dich jetzt, weiß, wie du damals warst, weiß es so gut, als wäre ich es selbst gewesen. Das, was du damals glaubtest, das gab es gar nicht und konnte es auch gar nicht geben. Weshalb aber soll dann dieser Haß zwischen uns sein?“

„Du und Haß!“ lachte wieder Rogoshin in seiner gehässigen Weise als Antwort auf die glühende Rede des Fürsten.

Er stand halb von ihm abgewandt, nachdem er noch zwei Schritte zur Seite getreten war, und verbarg allerdings seine Hand.

„Jetzt steht es mir nicht mehr zu, überhaupt noch zu dir zu kommen, Lew Nikolajewitsch,“ fügte er langsam und bedeutungsvoll nach einer Weile hinzu.

„So groß ist also dein Haß, wie?“

„Ich liebe dich nicht, Lew Nikolajewitsch, weshalb sollte ich also zu dir kommen? Weiß Gott, Fürst, du bist ganz wie so ’n kleines Kind! Willst du ein Spielzeug haben – da nimm’s aus der Tasche und leg’s hin. Begreifst doch nicht, um was es sich handelt. Das hast du auch alles genau so in deinem Brief niedergeschrieben, ganz wie du’s jetzt sagst, aber was – glaube ich dir denn etwa nicht? Ich glaube dir doch jedes Wort und weiß, daß du mich niemals betrogen hast und auch hinfort nie betrügen wirst, aber – ich liebe dich trotzdem nicht. Da schreibst du nun, daß du alles vergessen hast, daß du dich nur deines Bruders Rogoshin erinnerst, der mit dir sein Kreuz getauscht hat, und nicht jenes Rogoshin, der sein Messer gegen dich erhob. Aber woher kennst du denn meine Gefühle?“ Rogoshin lachte wieder kurz auf. „Ich habe doch seither vielleicht noch kein einziges Mal das Geschehene bereut, du aber hast mir schon deine brüderliche Verzeihung zugesandt. Vielleicht hab ich schon an jenem Abend an ganz was andres gedacht, daran aber –“

„Hast du überhaupt nicht gedacht!“ fiel ihm der Fürst ins Wort. „Aber was hat denn das auf sich? Ich wette meinen Kopf darauf, daß du damals mit der Bahn hierher nach Pawlowsk gefahren bist, um sie dort in der Menschenmenge ganz so wie heute zu beobachten und zu verfolgen! Nein, da hast du mich nicht in Erstaunen gesetzt! Weiß ich doch, daß du, wenn du damals nicht in einem Zustande gewesen wärst, in dem du überhaupt nur an eins zu denken vermochtest, auch das Messer nicht gegen mich erhoben hättest. Ich hatte ja damals schon seit dem Morgen ein solches Vorgefühl, sobald ich dich nur ansah. Weißt du auch, wie du damals warst? Gerade als wir die Kreuze tauschten, da muß sich in mir der Gedanke geregt haben. Weshalb führtest du mich zu deiner alten Mutter? Glaubtest du, damit deine Hand aufzuhalten? Doch was rede ich, das kann ja gar nicht sein, daß du damals daran gedacht hättest, du hast es vielleicht nur so gefühlt, ganz wie auch ich ... Wir fühlten es damals in ein und demselben Augenblick. Und wenn du dann später deine Hand – die Gott abgelenkt hat – nicht erhoben hättest: als was würde ich dann jetzt vor dir dastehen? Ich habe dich doch sowieso dessen verdächtigt, also ist es nur unsere gemeinsame Sünde! Wir dachten es doch beide zugleich! (So mach doch kein so finsteres Gesicht! Nun? und weshalb lachst du jetzt?) ‚Nicht bereut‘! Ja, aber du hättest es doch vielleicht überhaupt nicht zu bereuen vermocht, selbst wenn du gewollt hättest, denn du liebst mich ja noch nicht einmal! Und wenn ich auch so unschuldig wie ein Engel vor dir dastände, du würdest mich doch hassen, so lange du glaubst, daß sie nicht dich, sondern mich liebt. Das ist doch nichts als Eifersucht! Nur höre jetzt, was ich in dieser Woche gedacht habe, Parfen, ich will es dir sagen: weißt du auch, daß sie dich jetzt vielleicht mehr als alle anderen liebt, und sogar um so mehr liebt, je mehr sie dich quält? Dir wird sie das nicht sagen, aber man muß es zu sehen verstehen. Weshalb will sie dich denn sonst schließlich trotz allem heiraten? Einmal wird sie es dir selbst sagen. Manche Frauen wollen gerade so geliebt werden und sie – sie ist von dieser Art. Dein Charakter und deine Liebe müssen sie doch stutzig machen! Weißt du auch, daß eine Frau fähig ist, einen Mann mit Grausamkeiten und Spott zu Tode zu martern, ohne auch nur ein einziges Mal Gewissensbisse zu empfinden, denn jedesmal wird sie bei sich denken, wenn sie ihn ansieht: ‚jetzt quäle ich ihn, wie aber werde ich ihn dafür lieben, wie mit meiner Liebe die Qual wieder gut machen ...‘“

Rogoshin begann zu lachen, nachdem er bis dahin den Fürsten wortlos angehört hatte.

„Was, Fürst, du bist jetzt wohl auch selbst einer solchen in die Finger geraten? Ich hab so was gehört, wenn’s wahr ist?“

„Was, wieso, was kannst du gehört haben?“ fuhr der Fürst erschrocken auf und stockte plötzlich wieder maßlos verwirrt.

Rogoshin fuhr fort zu lachen. Er hatte nicht ohne Neugier und vielleicht auch nicht ohne Freude dem Fürsten zugehört; die freudige Beredsamkeit desselben wunderte ihn und flößte ihm Mut ein.

„Nicht nur gehört, jetzt seh ich’s ja selbst, daß es wahr ist,“ sagte er. „Wann hättest du wohl sonst so gesprochen wie jetzt? Solch ein Gespräch ist doch wie gar nicht von dir. Hätt ich aber nicht so was von dir gehört, so wär ich auch nicht hergekommen – und noch dazu in den Park um Mitternacht.“

„Ich verstehe dich nicht, Parfen Ssemjonytsch.“

„Sie hat mir schon lange von dir das gesagt, jetzt aber habe ich selbst gesehen, wie du dort während der Musik mit jener saßest. Sie hat mir geschworen, hat mir gestern und heute geschworen, daß du in Aglaja Jepantschina wie ein Kater verliebt seiest. Mir ist das aber, Fürst, an sich ganz gleich, und das ist auch nicht meine Sache: wenn du aufgehört hast, sie zu lieben, so hat sie deswegen noch nicht aufgehört, dich zu lieben. Du weißt doch, daß sie dich unbedingt mit jener verheiraten will, hat es sich geschworen, hehe! ‚Anders heirate ich dich nicht,‘ sagte sie zu mir, ‚erst wenn sie zum Altar gehen, gehen auch wir zum Altar.‘ Was das von ihr aus bedeutet, kann ich nicht verstehen und hab’s auch noch nicht verstanden: entweder liebt sie dich bis zur Sinnlosigkeit – oder aber ... wenn sie dich liebt, warum will sie dich dann mit einer anderen verheiraten? ‚Ich will ihn glücklich sehen‘, sagt sie, also liebt sie dich doch.“

„Ich habe dir gesagt und geschrieben, daß sie ... von Sinnen ist,“ brachte der Fürst, dem Rogoshins Worte schwere Qualen bereiteten, stockend hervor.

„Weiß Gott! Du hast dich vielleicht auch getäuscht ... sie hat doch heute schon den Tag bestimmt, jawohl heute, als ich sie nach der Musik nach Hause brachte: nach drei Wochen, vielleicht aber auch noch früher, sagte sie, lassen wir uns trauen; hat geschworen, nahm das Heiligenbild, küßte es. Jetzt hängt also alles nur von dir ab, Fürst, hehe!“

„Das ... das ist doch Wahnsinn! Das, was du da sagst, kann doch nie und nimmer geschehen! Morgen werde ich zu euch kommen ...“

„Weshalb soll sie denn wahnsinnig sein?“ fragte Rogoshin. „Weshalb ist sie denn für alle anderen nicht wahnsinnig? Wie kann sie denn Briefe dorthin schreiben? Wenn sie wahnsinnig wäre, würde man es doch auch dort aus den Briefen herausmerken.“

„Was für Briefe?“ fragte der Fürst erschrocken.

„Sie schreibt doch dorthin, an jene, und jene liest die Briefe. Oder weißt du das noch nicht? Nun, dann wirst du’s noch erfahren. Sie wird bestimmt sie dir schon selbst zeigen.“

„Das ... das kann ich nicht glauben!“ rief der Fürst.

„E–e! Dann mußt du, Lew Nikolajewitsch, noch wenig auf solchen Wegen gegangen sein, soviel ich sehe, dann fängst du ja erst an. Aber wart noch ein bißchen: wirst auch noch deine eigene Polizei unterhalten, selbst Tag und Nacht auf der Lauer liegen und jeden Schritt von dort wissen, wenn du nur ...“

„Hör auf! und sprich nie wieder davon!“ unterbrach ihn der Fürst. „Höre, Parfen, vorhin ging ich hier herum, bevor du kamst, und plötzlich mußte ich lachen, worüber – das weiß ich selbst nicht, nur war mir gerade eingefallen, daß morgen – mein Geburtstag ist. Es wird bald zwölf sein. Gehen wir, erwarten wir den Tag! Ich habe Wein zu Hause, trinken wir! Du wünsch mir, was ich mir selbst jetzt nicht zu wünschen weiß, und gerade du sollst es mir wünschen, und ich werde dir dafür dein volles Glück wünschen. Oder sonst gib das Kreuz zurück! Hast es mir doch nicht am anderen Tage zurückgesandt! Du hast es doch auch jetzt auf der Brust? Du trägst es doch?“

„Ich trage es,“ sagte Rogoshin.

„Nun, dann gehen wir. Ich will nicht ohne dich mein neues Leben beginnen, denn jetzt – jetzt beginnt mein neues Leben! Weißt du’s noch nicht, Parfen, daß heute mein neues Leben begonnen hat?“

„Jetzt sehe und weiß ich’s selbst, daß es begonnen hat; so werd ich’s auch ihr sagen. Du bist nicht mehr der alte, Lew Nikolajewitsch!“

IV.

Als der Fürst sich mit Rogoshin seiner Villa näherte, bemerkte er zu seiner nicht geringen Verwunderung, daß sich auf der hellerleuchteten Terrasse eine zahlreiche und geräuschvolle Gesellschaft versammelt hatte. Lachen und lautes Stimmengewirr drang hinaus in den dunklen Park. Jedenfalls sah man auf den ersten Blick, daß der Gesellschaft die Zeit nicht lang wurde: man war in freudiger Stimmung und disputierte fast schreiend laut. Freilich war das nur zu erklärlich: als der Fürst die Stufen der Treppe hinanstieg, sah er, daß alle tranken, und zwar Champagner tranken, und das offenbar schon seit einiger Zeit, denn viele schienen bereits nicht mehr ganz nüchtern zu sein. Sämtliche Gäste waren dem Fürsten bekannt, doch wunderte es ihn nichtsdestoweniger, daß sie sich alle gleichzeitig versammelt hatten, als wären sie gerufen worden, obschon der Fürst keinen einzigen aufgefordert und er sich selbst seines Geburtstages erst soeben ganz zufällig erinnert hatte.

„Mußt wohl jemandem gesagt haben, daß du Champagner auffährst,“ brummte Rogoshin, als er hinter dem Fürsten zur Terrasse hinaufstieg.

„Das kennt man; da braucht man nur zu pfeifen ...“ fügte er fast haßerfüllt hinzu, natürlich in Gedanken an seine eigene jüngste Vergangenheit.

Mit Freudengeschrei und Glückwünschen wurde der Fürst empfangen und sogleich von allen umringt. Einzelne benahmen sich recht geräuschvoll, andere wiederum viel ruhiger, doch alle beeilten sich, ihm Glück zu wünschen, da sie von seinem Geburtstage gehört hätten. Ein jeder wartete ungeduldig, bis er an die Reihe kam. Die Anwesenheit einiger überraschte den Fürsten besonders; so hätte er z. B. Burdowskij sicherlich nicht vorzufinden erwartet; doch am meisten setzte ihn in Erstaunen, inmitten dieser Schar plötzlich Jewgenij Pawlowitsch Radomskij zu entdecken: er wollte zuerst kaum seinen Augen trauen und erschrak fast, als er ihn erblickte.

Inzwischen war Lebedeff mit seinen Erklärungen glücklich zu Wort gekommen; er war rot und begeistert und in nicht geringem Maße das, was man „fertig“ nennt. Aus seinem Geschwätz ging hervor, daß sich alle ganz zufällig eingefunden hatten. Ganz zuerst, noch vor Abend, war Hippolyt gekommen, und da er sich so wohl gefühlt, habe er gewünscht, den Fürsten auf der Terrasse zu erwarten. Er hatte sich also dort auf dem Diwan niedergelassen. Darauf hatte sich Lebedeff zu ihm gesellt, und diesem war seine ganze Familie gefolgt, d. h. seine Töchter und der alte General Iwolgin. Burdowskij war mit Hippolyt und Koljä gekommen, sozusagen als Begleiter des Kranken. Ganjä und Ptizyn waren erst vor kurzer Zeit, beim Vorübergehen, eingetreten – ihr Erscheinen fiel zusammen mit dem Ereignis vor dem Kurhaus –; bald darauf war auch Keller erschienen, hatte mitgeteilt, daß am nächsten Tage des Fürsten Geburtstag sei, und mit dieser Begründung Champagner verlangt. Jewgenij Pawlowitsch war erst vor knapp einer halben Stunde gekommen. Auf der Bewirtung mit Champagner und der Feier des Geburtstages hatte namentlich Koljä mit allem Nachdruck bestanden, worauf Lebedeff denn auch mit Gläsern und dem nötigen Stoff bereitwillig herausgerückt war.

„Aber es ist mein eigener, mein eigener!“ flüsterte er in lächelnder Seligkeit dem Fürsten zu, „auf meine Kosten, um den Geburtstag zu feiern und um zu gratulieren ... es wird auch einen Imbiß, einen Imbiß geben, meine Tochter sorgt schon dafür ... Aber, Fürst, wenn Sie wüßten, was für ein Thema sie jetzt vorhaben. Entsinnen Sie sich – im ‚Hamlet‘: ‚Sein oder Nichtsein?‘ Ein aktuelles Thema, ein höchst aktuelles Thema. Fragen und Antworten ... Und Herr Terentjeff will auf keinen Fall ... zu Bett gehn! Vom Champagner aber hat er nur einen Schluck, nur ’n Schlückchen geschlürft, das schad’t nichts ... Treten Sie näher, Fürst, und entscheiden Sie! Alle haben Sie erwartet, nur auf Ihren scharfsinnigen Verstand gewartet ...“

Der Fürst bemerkte den lieben, freundlichen Blick Wjera Lebedeffs, die sich gleichfalls bemühte, an ihn heranzukommen. Über alle hinweg reichte er ihr zuerst die Hand; sie wurde ganz rot vor Freude und wünschte ihm „von diesem Tage an ein glückliches Leben“. Darauf lief sie eilig in die Küche, um dort den Imbiß vorzubereiten, doch so oft sie nur auf eine Minute Zeit fand, erschien sie wieder auf der Terrasse, um dem leidenschaftlichen Gespräch über die abstraktesten und für sie seltsamsten Dinge, das unter den Gästen niemals verstummte, zuzuhören. So hatte sie es schon vor dem Erscheinen des Fürsten getan. Ihre jüngere Schwester, die, welche immer so weit den Mund aufriß, war im Nebenzimmer, auf einem Koffer sitzend, eingeschlafen. Ihr Bruder, der Sohn Lebedeffs, stand dagegen zwischen Koljä und Hippolyt und allein der Ausdruck seines lebhaften Gesichts verriet es, daß er bereit war, auf demselben Platz stehend, noch ganze zehn Stunden zuzuhören.

„Ich habe Sie ganz besonders erwartet und bin sehr froh, daß Sie so glücklich sind,“ sagte Hippolyt zum Fürsten, als dieser gleich nach Wjera ihm die Hand reichte.

„Woher wissen Sie, daß ich ‚so glücklich‘ bin?“

„Man sieht es Ihrem Gesicht an. Begrüßen Sie sich mit den Herren und kommen Sie schnell und setzen Sie sich hierher zu mir. Ich habe sehr auf Sie gewartet,“ fügte er hinzu und betonte es besonders, daß er gewartet habe. Auf die Bemerkung des Fürsten: ob ihm das späte Aufsein nicht schade, antwortete er, daß er sich selbst wundere – er, der noch vor drei Tagen zu sterben glaubte – wie wohl er sich an diesem Abend fühle.

Burdowskij sprang von seinem Platz auf und brummte, daß er „nur so“ gekommen ... daß er Hippolyt „begleitet“ und daß auch er sehr froh sei ... Im Briefe habe er nur „Unsinn“ geschrieben, jetzt aber sei er „einfach froh ...“ Er beendete seinen Satz nicht, drückte nur kräftig dem Fürsten die Hand und setzte sich auf seinen Stuhl.

Ganz zuletzt ging der Fürst auf Jewgenij Pawlowitsch zu. Dieser nahm ihn einfach unter den Arm.

„Ich habe Ihnen ein paar Worte zu sagen,“ sagte er halblaut – „und in einer sehr wichtigen Angelegenheit; kommen Sie, auf eine Minute.“

„Ein paar Worte,“ flüsterte eine andere Stimme dem Fürsten ins andere Ohr und eine andere Hand packte den Fürsten an der anderen Seite am Arm.

Der Fürst bemerkte zu seiner Verwunderung ein vom Wein gerötetes, lachendes Gesicht, das er sofort als das Ferdyschtschenkos erkannte. Gott weiß, woher der sich eingefunden hatte.

„Erinnern Sie sich noch Ferdyschtschenkos?“ fragte ihn dieser.

„Woher sind Sie denn gekommen?“ rief der Fürst aus.

„Er hatte sich versteckt!“ sagte hinzutretend Keller. „Er hatte sich versteckt und wollte sich nicht zeigen, dort in der Ecke hatte er sich versteckt, er bereut es, Fürst, er fühlt sich vor Ihnen schuldig.“

„Ja, worin denn, worin?“

„Ich begegnete ihm, Fürst, soeben begegnete ich ihm und habe ihn hierhergebracht; er ist der beste meiner Freunde, – doch bereut er sehr ...“

„Ich freue mich sehr, meine Herren, doch setzen Sie sich, bitte, dahin zu den anderen, ich werde gleich wiederkommen.“ Der Fürst machte sich von ihnen los und beeilte sich, Jewgenij Pawlowitsch einzuholen.

„Hier bei Ihnen ist es sehr interessant,“ bemerkte dieser, „ich habe mit vielem Vergnügen eine halbe Stunde auf Sie gewartet. Wissen Sie, mein bester Lew Nikolajewitsch, ich habe mit Kurmyschoff alles geordnet, ich bin gekommen, um Sie zu beruhigen. Machen Sie sich keine Sorgen, er hat die Sache sehr vernünftig aufgefaßt, um so mehr, da er meiner Meinung nach selbst schuld daran war ...“

„Was für ein Kurmyschoff?“

„Dieser da, den Sie vorhin an den Armen packten. Er war so außer sich, daß er Ihnen morgen seine Forderung schicken wollte.“

„Aber ich bitte Sie, welch ein Unsinn!“

„Versteht sich, Unsinn, und mit einem Unsinn hätte es auch geendet, doch ...“

„Sie sind, vielleicht, doch noch aus einem anderen Grunde gekommen, Jewgenij Pawlowitsch?“

„Oh, versteht sich, noch aus einem anderen Grunde,“ lachte dieser. „Ich, lieber Fürst, fahre noch morgen, bevor es tagt, nach Petersburg, wegen der unseligen Geschichte mit meinem Onkel. Stellen Sie sich vor, alles ist wahr und alle wissen es, nur ich wußte es nicht. Mich hat das alles so erschüttert, daß ich noch nicht dazu gekommen bin, dahin zu gehen, zu Jepantschins, meine ich. Morgen werde ich auch nicht hingehen, denn ich werde ja in Petersburg sein, verstehen Sie mich? Vielleicht werde ich zwei, drei Tage dort bleiben, mit einem Wort, meine Sache ist verloren. Ich habe mich darum entschlossen, mich mit Ihnen offen auszusprechen, ohne Zeit zu verlieren, noch vor meiner Abfahrt. Ich werde hier sitzen und werde warten, bis die ganze Gesellschaft sich verabschiedet, sonst weiß ich nicht, wo ich bleiben soll, ich bin so aufgeregt und schlafen kann ich nicht. Freilich ist es gewissenlos, einen Menschen so zu belästigen, doch ich werde Ihnen aufrichtig sagen: ich bin gekommen, um mit Ihnen, mein lieber Fürst, Freundschaft zu schließen. Sie sind ein unvergleichlicher Mensch, das heißt, Sie sind aufrichtig, Sie lügen niemals, vielleicht überhaupt nicht und ich habe in einer Sache einen Freund und Ratgeber nötig, denn ich gehöre jetzt zu den Unglücklichen ... jawohl!“

Er lachte.

„Schade nur, daß Sie warten wollen, bis die da fortgehen,“ meinte nachdenklich der Fürst, „weiß Gott, wann das sein wird. Wäre es nicht besser, wenn wir jetzt in den Park gingen? Die da können wirklich warten. Ich werde mich entschuldigen.“

„Nein, nein, ich habe meine Gründe, jedem Verdacht ihrerseits zuvorzukommen, denn unter ihnen gibt es Leute, die sich sehr für unsere Beziehungen interessieren. Sie wissen das nicht, Fürst. Und es ist viel besser, daß sie nichts Auffälliges in unseren Beziehungen bemerken – verstehen Sie? Sie werden in zwei Stunden fortgehen, ich werde Sie dann nur zwanzig Minuten, vielleicht eine halbe Stunde in Anspruch nehmen.“

„Wie Sie wünschen, bitte; ich werde sehr froh darüber sein, und für Ihre guten Worte und für Ihre Freundschaftsversicherung danke ich Ihnen noch besonders. Entschuldigen Sie, daß ich heute zerstreut bin, ich kann in diesem Moment nicht so aufmerksam sein, wie –“

„Ich sehe, ich sehe es,“ lächelte Jewgenij Pawlowitsch etwas ironisch. Er war überhaupt recht lachlustig diesen Abend.

„Was sehen Sie?“ beeilte sich der Fürst zu fragen.

„Und Sie ahnen gar nicht, lieber Fürst,“ versetzte immer noch lachend Jewgenij Pawlowitsch, ohne direkt auf die Frage des Fürsten zu antworten, „Sie ahnen gar nicht, daß ich einfach gekommen bin, um Sie zu betrügen und alles über Sie zu erfahren, ah?“

„Daß Sie gekommen sind, um mich auszuforschen, nun, darüber besteht kein Zweifel,“ scherzte jetzt auch der Fürst, „und vielleicht haben Sie sich sogar vorgenommen, mich zum besten zu halten. Doch was tut’s, ich fürchte Sie nicht, überdies ist mir das jetzt ganz gleichgültig, glauben Sie es mir? Und ... und ... und da ich vor allem überzeugt bin, daß Sie doch ein außergewöhnlicher Mensch sind, so wird es damit enden, daß wir uns sehr anfreunden werden. Sie haben mir sehr gefallen, Jewgenij Pawlowitsch, Sie ... sind, meiner Meinung nach, ein sehr, sehr anständiger Mensch!“

„Nun, mit Ihnen ist es wenigstens sehr angenehm, etwas zu tun zu haben, was es auch sei,“ schloß Jewgenij Pawlowitsch. „Kommen Sie, ich werde auf Ihre Gesundheit ein Glas leeren, ich bin sehr zufrieden, daß ich zu Ihnen gekommen bin. Ah!“ brach er plötzlich ab. „Dieser Herr Hippolyt wird jetzt bei Ihnen leben?“

„Ja.“

„Er wird nicht so bald sterben, denke ich?“

„Und, was weiter?“

„Weiter nichts; ich war hier mit ihm eine halbe Stunde zusammen ...“

Hippolyt wartete die ganze Zeit über auf den Fürsten und sah ununterbrochen nach ihm und Jewgenij Pawlowitsch hin, als diese miteinander sprachen. Er belebte sich fieberhaft, als sie an den Tisch traten. Er war unruhig und aufgeregt, Schweiß trat auf seine Stirn. An seinen blitzenden Augen bemerkte man eine große Unruhe und eine unerklärliche Ungeduld; sein Blick schweifte ziellos von einem Gegenstand zum andern, von einem Gesicht zum andern. Obgleich er am allgemeinen, lebhaften Gespräch teilnahm, so war seine Lebhaftigkeit doch nur eine kranke, unnatürliche. Dem Gespräche selbst folgte er nur zerstreut, stritt sich ganz sinnlos mit den anderen herum, spottete über alles und äußerte nur Paradoxes. Er sprach nicht zu Ende, was er soeben mit großem Feuer begonnen. Der Fürst sollte mit Verwunderung und Bedauern erfahren, daß man ihm heute zwei Glas Champagner zu trinken erlaubt hatte, und daß das gefüllte Glas vor ihm schon das dritte war. Doch das erfuhr er erst später, in diesem Augenblick war er zunächst selbst unaufmerksam und zerstreut.

„Wissen Sie auch, daß ich sehr froh bin, daß gerade heute Ihr Geburtstag ist!“ rief Hippolyt aus.

„Warum?“

„Sie werden es sehen; setzen Sie sich nur schnell! Erstens schon darum, weil hier so viel Menschen sind. Darauf hatte ich gerechnet, daß alle hier sein würden. Zum erstenmal in meinem Leben stimmt meine Rechnung! Schade, daß ich nichts von Ihrem Geburtstag wußte, sonst wäre ich mit einem Geschenk gekommen ... Ha, ha! Ja, vielleicht wäre ich mit einem Geschenk gekommen! Was kann nicht alles in der Welt passieren?“

„Es sind nur noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang,“ bemerkte Ptizyn und sah nach der Uhr.

„Was will denn das jetzt sagen, wo es draußen so hell ist, daß man lesen kann?“ äußerte jemand.

„Ich möchte nur den Rand der Sonne sehen, man kann dann auf Ihre Gesundheit trinken, was meinen Sie, Fürst?“

Hippolyt wandte sich damit an alle, er tat es ohne jegliche Zeremonie, aber in einem Tone, als kommandiere er, doch ohne es selbst zu bemerken.

„Schön, trinken wir auf die Sonne, nur werden Sie ruhiger, Hippolyt.“

„Sie reden immer vom Schlafen, Sie sind meine Njänjä,[23] Fürst! Wenn nur die Sonne erscheint und es ‚erklingt‘ am Himmel (wer hat es doch in einem Gedicht gesagt: ‚am Himmel erklang die Sonne?‘ Sinnlos, aber schön) – so gehen wir schlafen. Lebedeff! Was bedeuten die Quellen des Lebens in der Apokalypse? Haben Sie von dem Stern gehört, Fürst?“

„Ich habe gehört, daß Lebedeff unter dem ‚Stern‘ das Eisenbahnnetz versteht, das sich über ganz Europa ausbreiten wird.“

„Nein, erlauben Sie, das geht nicht an!“ schrie Lebedeff, sprang vom Stuhl und fuchtelte und zappelte mit Händen und Füßen, als wollte er das Gelächter aller verstummen machen. „Erlauben Sie doch! Mit diesen Herren ... alle diese Herren,“ wandte er sich plötzlich an den Fürsten, „sind in gewissen Punkten, ich weiß nicht was ...“ und er schlug ganz unzeremoniell mit den Fäusten auf den Tisch, so daß sich das allgemeine Gelächter noch verstärkte.

Lebedeff war, wenn auch in seinem „gewöhnlichen“, „allabendlichen“ Zustande, diesmal doch ganz besonders aufgeregt und durch den langen vorausgegangenen „wissenschaftlichen“ Disput obendrein gereizt. Bei solcher Gelegenheit hatte er für seine Opponenten nur eine unendliche, im höchsten Grade offenherzige Verachtung übrig.

„Das geht nicht an! Wir haben, Fürst, vor einer halben Stunde beschlossen, niemanden zu unterbrechen, nicht zu lachen, während einer spricht, damit er alles frei heraussagen kann, was er sich denkt. Mögen die Atheisten, wenn sie wollen, erwidern! Wir haben den General zum Präsidenten erwählt, sehen Sie’s. Denn sonst? Kann man jeden an seiner hohen Idee, an seiner tiefen Idee, verhindern ...“

„Reden Sie nur, reden Sie nur, niemand wird Sie verhindern!“ ließen sich verschiedene Stimmen hören.

„Reden Sie doch, machen Sie keine Umstände.“

„Was ist das für ein ‚Stern‘?“ erkundigte sich jemand.

„Habe keine Ahnung!“ antwortete General Iwolgin, mit wichtiger Miene seine Stelle „eines Präsidenten“ vertretend.

„Ich liebe außerordentlich solche Dispute und Auseinandersetzungen, Fürst, natürlich nur wissenschaftliche ...“ murmelte währenddessen Keller, der vor Entzücken und Ungeduld auf seinem Stuhle hin und her rückte, „wissenschaftliche, und natürlich politische,“ wandte er sich plötzlich ganz unerwartet an Jewgenij Pawlowitsch, der fast mit ihm in einer Reihe saß. „Wissen Sie, ich liebe furchtbar in den Zeitungen vom englischen Parlament zu lesen, d. h. nicht eigentlich um zu erfahren, um was es sich da handelt (ich, wissen Sie, bin kein Politiker), sondern wie sie sich aufführen, wie sie miteinander verhandeln als Politiker, die äußere Form: der ehrenwerte Herr Viscount von der Gegenseite, der ehrenwerte Herr Graf, der meine Ansicht teilt, mein ehrenwerter Opponent, der ganz Europa mit seinem Vorschlag in Erstaunen gesetzt hat, d. h. alle diese Ausdrücke, dieser ganze Parlamentarismus eines freien Volkes, das ist es, was unsereinem verlockend erscheint! Ich bin entzückt davon, Fürst. Ich war immer im Grunde meiner Seele ein Künstler, Jewgenij Pawlowitsch.“

„Und was ergibt sich denn daraus?“ ereiferte sich in einer anderen Ecke Ganjä. „Ihrer Meinung nach sind die Eisenbahnen ein Fluch, das Verderben der Menschheit, eine Pest, die auf die Erde gefallen ist, um die ‚Quellen des Lebens‘ zu trüben.“

Gawrila Ardalionytsch war an diesem Abend ganz besonders guter Laune, in einer ausgelassenen, fast triumphierenden Stimmung, wie es dem Fürsten schien. Mit Lebedeff scherzte er natürlich, um ihn anzufeuern, geriet aber selbst dabei in Feuer.

„Nein, nicht die Eisenbahn!“ ereiferte sich wieder Lebedeff, außer sich geratend und ganz berauscht von Entzücken. „Die Eisenbahnen allein trüben nicht die Quellen des Lebens, aber alles das zusammen ist verflucht, die ganze Richtung unserer letzten Jahrhunderte in Wissenschaft und Praxis ist, wie mir scheint, verflucht.“

„Ob wirklich verflucht, oder nur für unser Empfinden: Das wäre in diesem Falle sehr wichtig zu wissen,“ bemerkte Jewgenij Pawlowitsch.

„Verflucht, verflucht, wirklich verflucht!“ beteuerte Lebedeff bombensicher.

„Überstürzen Sie sich nicht, Lebedeff, Sie sind am anderen Morgen immer viel vorsichtiger,“ bemerkte lächelnd Ptizyn.

„Dafür bin ich aber am Abend um so aufrichtiger! Am Abend bin ich seelenvoller und aufrichtiger!“ wandte sich Lebedeff feurig an ihn. „Aufrichtiger und bestimmter, ehrenhafter und ehrenwerter, damit würde ich Ihnen schon ein Bein stellen, doch ich spucke drauf: ich fordere euch jetzt alle heraus, euch Atheisten alle: womit errettet ihr die Welt und worin habt ihr dieser Welt einen Weg gewiesen, ihr Männer der Wissenschaft und des Handels, der Verbände und der Nationalökonomie? Womit? Mit dem Kredit etwa? Was ist das: Kredit? Wozu führt euch der Kredit?“

„Sehen Sie doch, wie der neugierig ist!“ bemerkte Jewgenij Pawlowitsch.

„Meiner Meinung nach ist einer, der sich nicht für diese Fragen interessiert, nur ein Geck und Salonheld!“ schrie Lebedeff.

„Kredit führt zur allgemeinen Solidarität und zur Statik der Interessen,“ bemerkte Ptizyn.

„Und nur das, nur das! Ohne jegliche sittliche Grundlage nur zur Befriedigung des persönlichen Egoismus und der materiellen Notwendigkeiten? Das ganze All, das allgemeine Glück nur – materielle Notwendigkeit? So ist’s, wenn ich Sie zu fragen wage, wenn ich Sie verstanden habe, mein werter Herr?“

„Nun ja, die allgemeine Notwendigkeit zu leben, zu trinken und zu essen und die volle wissenschaftliche Überzeugung, daß man diese Notwendigkeit ohne eine allgemeine Assoziation und die Solidarität der Interessen nicht befriedigen kann, – das, scheint mir, ist eine Idee, groß genug, und Grundlage, fest genug für die kommenden Jahrhunderte, um der Menschheit als ‚Quelle des Lebens‘ zu dienen,“ bemerkte Ganjä diesmal in vollem Ernst.

„Die Notwendigkeit zu trinken und zu essen, also nur das Gefühl der Selbsterhaltung ...“

„Ja, ist denn das etwa zu wenig? Das Gefühl der Selbsterhaltung ist doch das Grundgesetz der Menschheit ...“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“ rief plötzlich Jewgenij Pawlowitsch aus. „Ein Gesetz – das mag sein, aber nicht weniger ist es das Gesetz der Zerstörung, und meinetwegen auch der Selbstzerstörung. Liegt denn in der Selbsterhaltung wirklich das ganze Grundgesetz der Menschheit?“

„Aha!“ rief Hippolyt, wandte sich schnell nach Jewgenij Pawlowitsch um und betrachtete ihn mit wilder Neugier. Als er aber sah, daß dieser lachte, da lachte er selbst auch, stieß den neben ihm stehenden Koljä an und fragte ihn wieder, wieviel Uhr es sei, er zog sogar selbst Koljä die silberne Uhr aus der Tasche und sah nach dem Zeiger. Darauf blickte er ganz verloren um sich, streckte sich auf dem Diwan aus, legte die Hände unter den Kopf und starrte zur Decke. Nach einer halben Minute setzte er sich schon wieder an den Tisch, hielt sich stramm aufrecht und hörte dem Gespräch Lebedeffs zu, der jetzt glücklich bis zum äußersten erregt war.

„Ein hinterlistiger, ein spitzfindiger Gedanke,“ griff Lebedeff mit wahrer Gier das Paradox Jewgenij Pawlowitschs auf. „Ein Gedanke, der nur ausgesprochen wurde, um die Gegner aufeinander zu hetzen – aber welch ein wahrer Gedanke! Sie sind ein Spötter und Weltverächter, wenn auch nicht ohne Fähigkeiten! Doch wissen Sie selbst nicht, bis zu welchem Grade Ihr Gedanke tief und wahr ist. Ja–a. Das Gesetz der Selbsterhaltung und das Gesetz der Selbstzerstörung, sie sind beide gleich stark im Menschen! Der Teufel beherrscht noch immer die Menschheit, und er wird sie beherrschen bis zu einer Zeit, die uns unbekannt ist. Sie lachen? Sie glauben nicht an den Teufel? Der Unglaube an den Teufel ist ein französischer Gedanke, ist ein leichtsinniger Gedanke. Wissen Sie denn auch, wer der Teufel ist? Kennen Sie denn seinen Namen? Und ohne seinen Namen zu kennen, lachen Sie über seine Form, nach dem Beispiel Voltaires, über seinen Huf, seinen Schwanz und seine Hörner, wie man ihn euch geschildert hat. Denn der unreine Geist ist ein großer, ein furchtbarer Geist, aber Hörner und Hufe hat er nicht. Doch nicht davon ist jetzt die Rede.“

„Woher wissen Sie, daß jetzt nicht davon die Rede ist?“ lachte Hippolyt laut auf wie in einem Krampfanfall.

„Eine sehr feine und geschickte Anspielung!“ lobte ihn Lebedeff. „Und doch ist die Rede nicht davon. Die Frage bei uns war vielmehr die, ob die ‚Quellen des Lebens‘ nicht versiegen infolge ...“

„Der Eisenbahnen?!“ rief Koljä.

„Nicht der Eisenbahnen, junger, aber kühner Mann, doch infolge der ganzen Richtung, der auch die Eisenbahnen dienen, sozusagen als Bild, als künstlerischer Ausdruck. Sie rasen, sie hämmern, sie dröhnen für das Glück der Menschheit, wie man sagt. ‚Zu lärmend, zu tätig wird die Menschheit, wenig geistige, seelische Ruhe hat sie‘, beklagte sich bereits ein einsamer Denker. ‚Möglich, doch das Dröhnen der Wagen, die der hungernden Menschheit Brot bringen, ist vielleicht wertvoller als die Ruhe des Geistes‘, antwortete ihm ein anderer triumphierend, einer, der überall herumfährt. Ich glaube es ihnen nicht, ich erbärmlicher Kerl Lebedeff: die Wagen, die der Menschheit Brot bringen sollen! Denn die Wagen, die ohne sittliche Grundlagen der Menschheit Brot bringen, könnten ebensogut kaltblütig einen bedeutenden Teil der Menschheit von dem Genuß des Brotes ausschließen, was ja auch schon vorgekommen ist ...“

„Diese Wagen können kaltblütig jemand ausschließen?“ griff jemand auf.

„Was auch schon vorgekommen ist,“ bestätigte Lebedeff, ohne weiter dem Frager Beachtung zu schenken, „wir hatten schon einen Malthus, einen Freund der Menschheit. Doch dieser Freund der Menschheit ist mit seinen wankenden sittlichen Grundlagen in Wahrheit ein Menschenfresser der Menschheit, ganz zu schweigen von seiner Eitelkeit. Denn beleidigen Sie die Eitelkeit eines dieser zahllosen Freunde der Menschheit und er ist sofort bereit, aus kleinlicher Rachsucht die Welt an ihren vier Enden anzuzünden, – übrigens genau so, wie es jeder von uns auch tun würde, und, der Gerechtigkeit die Ehre, genau wie ich, der allererbärmlichste von allen, der vielleicht als erster das Holz dazu herbeischleppen, selbst aber davonlaufen würde. Doch nicht davon ist die Rede!“

„Ja, wovon denn eigentlich?“

„Wirklich langweilig!“

„Es handelt sich um eine Anekdote aus dem vergangenen Jahrhundert. In unserer Zeit, in unserem Vaterlande, das Sie, meine Herren, hoffe ich, ebenso lieben wie ich, denn ich bin meinerseits bereit, mein Blut für das Vaterland zu vergießen ...“

„Weiter, weiter!“

„In unserem Vaterlande, wie in Europa, pflegen schreckliche, verheerende Hungersnöte – jetzt, in unserer Zeit – die Menschheit nur einmal im Vierteljahrhundert heimzusuchen, wenn ich mich nicht irre und so weit ich mich entsinnen kann, mit anderen Worten, alle fünfundzwanzig Jahre. Ich will mich ja nicht auf die genaue Zahl versteifen. Nur, meine ich, ist es verhältnismäßig sehr selten –“

„Im Vergleich womit?“

„Im Vergleich zum zwölften Jahrhundert mit seinen Ausläufern nach vorne und nach hinten. Denn damals herrschte, wie die Schriftsteller jener Zeit behaupten, die Hungersnot einmal in zwei Jahren, jedenfalls einmal in drei Jahren, so daß unter solchen Umständen die Menschen schon zur Menschenfresserei ihre Zuflucht nahmen, wenn auch nur heimlich. Einer dieser Menschenfresser, als er sich seinem Ende näherte, hat selbst und ohne Zwang eingestanden, daß er im Laufe seines langen, mühevollen Lebens im geheimen sechzig Mönche und einige weltliche Jünglinge selbst getötet und sie aufgegessen habe. Im ganzen nur sechs weltliche Jünglinge, das ist wenig im Vergleich mit der Anzahl Geistlicher, die er verspeist hat. Erwachsene weltliche Leute hat er, wie es scheint, zu diesem Zwecke überhaupt nicht verwendet.“

„Das ist einfach unmöglich!“ rief hier der „Präsident“ in fast beleidigtem Tone. „Ich habe mich des öfteren, meine Herren, mit ihm darüber gestritten, und immer über dieselben Dinge. Er redet solch unglaubliches Zeug, daß einem die Ohren davon welk werden. Nicht für einen Groschen Wahrheit!“

„General! Denken Sie an die Belagerung von Kars, und Sie, meine Herren, Sie wissen, daß meine Anekdote die – volle Wahrheit ist. Ich bemerke nur von mir aus, daß die Wirklichkeit, die durchaus ihre unleugbaren Gesetze hat, uns immer als unwahrscheinlich und unwahr erscheint, und je wirklicher sie ist, um so unwahrscheinlicher erscheint sie uns.“

„Ja, kann man denn sechzig Mönche aufessen?“ lachte alles ringsum.

„Daß er sie nicht auf einmal gegessen hat, das ist doch selbstverständlich, aber in fünfzehn bis zwanzig Jahren ist es ganz verständlich und natürlich ...“

„Und natürlich?“

„Und natürlich!“ verteidigte sich Lebedeff eigensinnig. „Und außerdem ist der katholische Mensch schon von Natur aus neugierig und zutraulich, und man kann ihn nur zu leicht in den Wald locken oder an irgendeinen verborgenen Ort und mit ihm in erwähnter Weise verfahren. Doch bestreite ich durchaus nicht, daß die Anzahl der verspeisten Menschen ungeheuerlich erscheint, bis zum ...“

„Vielleicht hat er recht, meine Herren,“ bemerkte plötzlich der Fürst.

Er hatte bisher den Streitenden schweigend zugehört und sich nicht am Gespräch beteiligt, nur oft von ganzem Herzen gelacht, sobald auch die anderen lachten. Er war offenbar sehr froh darüber, daß alle so heiter, so lärmend waren; sogar darüber, daß sie alle soviel tranken. Vielleicht hätte er den ganzen Abend kein Wort gesprochen. Doch plötzlich fiel es ihm ein, zu reden. Er sprach sogar mit außergewöhnlichem Ernst, so daß sich alle mit Neugier ihm zuwandten.

„Ich, meine Herren, rede davon, daß damals die Hungersnöte wirklich sehr häufig waren. Davon habe auch ich gehört, obgleich ich die Geschichte wenig kenne. Doch scheint es mir, daß es wohl gar nicht anders hätte sein können. Als ich in die Schweizer Berge kam, war ich sehr erstaunt über die Ruinen alter Ritterburgen, die an den Abhängen der Berge erbaut waren, auf steilen Felsen, oft von einer halben Werst Höhe, was dann auf schmalen Fußpfaden etliche Werst ausmacht. Das Schloß selbst ist ja, wie bekannt, ein ganzer Berg von Stein. Eine schreckliche, fast unmögliche Arbeit! Und diese Arbeit wurde natürlich von den armen Leuten, den Fronleuten der Ritter, verrichtet. Außerdem mußten sie Steuern zahlen und die Geistlichkeit erhalten. Wie konnten sie sich da selbst ernähren und ihre Erde bebauen! Die Bevölkerung war damals nicht zahlreich und viele müssen vor Hunger gestorben sein, denn zu essen gab es vielleicht wirklich buchstäblich nichts. Ich habe manchmal darüber nachgedacht, wie es doch nur möglich war, daß das Volk nicht ganz zugrunde ging, und wie es alledem Widerstand leisten konnte? Daß es Menschenfresser gegeben hat, und sogar sehr häufig, darin hat Lebedeff zweifellos recht; nur weiß ich nicht, warum er gerade die Mönche herbeigezogen hat, und was er damit sagen will?“

„Wahrscheinlich ist er der Meinung, daß im zwölften Jahrhundert nur die Mönche sich zum Verzehren eigneten, da nur sie fett waren,“ bemerkte Gawrila Ardalionytsch.

„Ein prächtiger Gedanke,“ schrie Lebedeff voll Begeisterung. „Denn die Weltlichen hat er ja überhaupt nicht angerührt. Nicht ein einziges weltliches Exemplar, im Verhältnis zu sechzig Geistlichen. Es ist ein welthistorischer Gedanke, ein statistischer Gedanke! Aus solchen Fakten ergeben sich für den Fachmann die überraschendsten geschichtlichen Schlüsse; denn mit zahlenmäßiger Genauigkeit ist dadurch nachgewiesen, daß die Geistlichkeit damals wenigstens sechzigmal glücklicher und freier lebte, als die ganze übrige Menschheit.“

„Übertreibung, Übertreibung, Lebedeff!“ Man lachte ringsum.

„Ich bin damit einverstanden, daß es ein welthistorischer Gedanke ist, doch was wollen Sie daraus schließen?“ stellte der Fürst eine weitere Frage an Lebedeff, über den alle lachten, und zwar tat er es mit solchem Ernst, ohne jeglichen Spott, daß sein Ton bei der heiteren Stimmung der ganzen Gesellschaft unwillkürlich gleichfalls komisch wirkte. Es fehlte nicht viel, und man hätte auch über ihn gelacht. Doch bemerkte er das gar nicht.

„Sehen Sie denn nicht, Fürst, daß der Mann verrückt ist?“ Jewgenij Pawlowitsch beugte sich vor und wandte sich an den Fürsten. „Man sagte mir neulich, er habe sich in den Kopf gesetzt, Advokat zu werden, und seine Reden seien ihm zu Kopf gestiegen. Er soll ein Examen machen wollen. Nun, ich erwarte eine famose Parodie.“

„Ich werde einen grandiosen Schluß daraus ziehen,“ rief Lebedeff unterdessen mit Donnerstimme. „Doch analysieren wir zuerst den psychologischen und den juridischen Zustand des Verbrechers. Wir sehen, daß der Verbrecher, oder sozusagen mein Klient, ungeachtet dessen und obschon es ihm unmöglich war, andere Nahrungsmittel aufzutreiben, des öfteren während seiner interessanten Karriere den Wunsch empfand, sich zu bessern und von der Geistlichkeit abzulassen. Wir ersehen es aus verschiedenen Tatsachen: wir erinnern uns, daß er wenigstens fünf bis sechs Jünglinge weltlichen Standes verzehrt hat, eine verhältnismäßig geringe Anzahl, dafür aber bemerkenswert in anderer Beziehung. Offenbar von schrecklichen Gewissensbissen gequält (denn mein Klient ist ein religiöser und gewissenhafter Mensch, was ich Ihnen gleich beweisen werde) und um nach Möglichkeit seine Schuld zu verringern, ersetzte er, wenigstens zur Probe, sechsmal seine mönchische Nahrung durch eine weltliche. Unzweifelhaft zur Probe, denn wenn er es nur um der gastronomischen Abwechslung getan hätte, so würde die Zahl sechs viel zu gering sein: warum denn nur sechsmal, warum nicht dreißigmal? (Ich nehme nur die Hälfte, die Hälfte von der Hälfte.) Doch wenn es etwa nur zur Probe geschehen wäre, und aus Verzweiflung und Angst vor dem Verbrechen der Kirchenschändung, dann wird die Zahl sechs um so verständlicher; denn sechs Proben genügen doch wohl zur Beruhigung der Gewissensbisse, da die Proben ja nicht von Erfolg begleitet waren. Erstens waren meiner Meinung nach die Knaben viel zu klein, d. h. nicht dick und groß genug, so daß er der weltlichen Knaben wenigstens um das Doppelte, um das Fünffache bedurft hätte, als der Geistlichen. Wenn die Sünde sich also einerseits auch verringert hätte, so hätte sie sich andererseits nur vergrößert, wenn nicht qualitativ, so doch quantitativ. Wenn ich die Sache so beurteile, meine Herren, so versetze ich mich natürlich in die Seele eines Verbrechers des zwölften Jahrhunderts. Was mich nun betrifft, als Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, so würde ich ganz anders urteilen, was ich hier Ihnen gegenüber betone, damit Sie durchaus nicht das Recht haben, meine Herren, mir die Zähne zu zeigen, wie es denn von Ihnen, Herr General, direkt unanständig ist. Zweitens, meiner persönlichen Ansicht nach, ist ein Knabe auch nicht genügend nahrhaft, zu süß und widerlich im Geschmack, ohne die Bedürfnisse zu befriedigen, verursacht er nur Gewissensbisse. Und jetzt der Schluß, das Finale, meine Herren, das Finale, in dem die Antwort aller damaligen und heutigen großen Fragen enthalten ist. Der Verbrecher endet damit, daß er hingeht und sich selbst der Geistlichkeit und der Gerechtigkeit ausliefert. Man stelle sich vor, welche Qualen ihn in jener Zeit erwarteten, welche Folter, Räder und Scheiterhaufen? Wer hat ihn dazu getrieben, sich selbst anzuzeigen? Warum nicht einfach bei der Zahl sechzig verbleiben, das Geheimnis bewahren bis zum letzten Atemzuge? Warum nicht einfach von den Mönchen ablassen und als Einsiedler der Reue leben? Warum ist er denn schließlich nicht selbst Mönch geworden? Sehen Sie, da steckt das Rätsel! Also muß da doch etwas gewesen sein, das stärker war als Flammen und Scheiterhaufen, und selbst stärker als eine zwanzigjährige Gewohnheit! Also gab es eine Idee, die stärker war als alles Unglück wie Mißernten, Foltern, Pestilenzen, diese ganze Hölle, die die Menschheit nicht hätte ertragen können, ohne eine das Herz beherrschende und die Lebensquelle befruchtende Idee! Zeigen Sie mir, bitte, doch irgend etwas, das eine derartige Kraft in unserem Jahrhundert der Laster und Eisenbahnen besitzt ... das heißt, man müßte sagen, in unserem Zeitalter der Dampfschiffe und Eisenbahnen, doch ich sage: in unserem Zeitalter der Laster und Eisenbahnen – wenn ich auch betrunken bin, so bin ich doch gerecht! Zeigen Sie mir eine Idee, die uns auch nur mit der Hälfte der Kraft beherrschte, wie die jener Jahrhunderte. Und wagen Sie es noch zu behaupten, daß die ‚Quellen des Lebens‘ unter diesem ‚Sterne‘, unter diesem Netze, worin die Menschheit sich verstrickt hat, nicht versiegt und getrübt worden sind! Und widerlegen Sie mir das nicht durch Hinweise auf unseren Wohlstand, unseren Reichtum, durch die Seltenheit der Hungersnöte und die Geschwindigkeit unserer Verkehrsmittel! Der Reichtum ist größer, aber die Kraft ist geringer, die einigende Idee fehlt uns; alles ist wie Gummi; alles ist nüchtern, und die Menschen sind auch nüchtern geworden! Alle, alle, alle sind wir nüchtern! ... Doch genug: Nicht davon ist die Rede, sondern davon, ob wir jetzt nicht, ehrenwerter Fürst, unsere Gäste zu einem kleinen Imbiß einladen wollen?“

Lebedeff, der einige seiner Zuhörer schon bis zur äußersten Ungeduld gebracht hatte, versöhnte aber alle seine Gegner mit dem unerwarteten Schluß seiner Rede. Er selbst nannte einen solchen Schluß „einen sehr geschickten Advokatenkniff“, die Gäste belebten sich, fröhliches Lachen ertönte wieder, alle erhoben sich, um ihre Glieder zu strecken und sich auf der Terrasse zu ergehen. Nur Keller war mit Lebedeffs Rede sehr unzufrieden und benahm sich ungewöhnlich erregt.

„Er ist gegen die Aufklärung, er predigt den Aberglauben des zwölften Jahrhunderts, er will sich zeigen, von Unschuld des Herzens weiß er nichts: womit hat er sich ein Haus erworben, wenn man fragen darf?“ tief er laut und hielt die Gäste zurück.

„Ich habe einen ganz anderen Interpreten der Apokalypse gekannt,“ wandte sich der General in der anderen Ecke an andere Zuhörer und insbesondere zu Ptizyn, den er am Knopf festhielt –, „den verstorbenen Grigorij Ssemjonowitsch Burmistroff, der verstand es, die Herzen zu entzünden. Erstens, setzte er sich die Brille auf, schlug ein großes schwarzes Buch in schwarzem Ledereinband auf, dabei hatte er einen weißen Bart und zwei Rettungsmedaillen auf der Brust. Er legte sie streng und ernst aus. Vor ihm beugten sich Generäle, Damen fielen in Ohnmacht, aber dieser da – endet mit einer Einladung zum Imbiß! Das ist unerhört!“

Ptizyn hörte dem General lächelnd zu und griff nach seinem Hut, um fortzugehen, doch schien er sich dann doch nicht dazu entschließen zu können oder vergaß wenigstens immer wieder seine Absicht. Ganjä hatte schon vorhin, als man sich vom Tisch erhob, seinen Pokal von sich gestoßen: ein finsterer Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Als man vom Tische aufstand, ging er zu Rogoshin und setzte sich zu ihm. Man hätte denken können, daß die beiden in den freundschaftlichsten Beziehungen zueinander stünden. Auch Rogoshin, der sich zu Anfang ein paarmal anschickte, leise fortzugehen, saß jetzt unbeweglich da wie in Gedanken versunken, als hätte er ganz vergessen, wo er war. Den ganzen Abend über hatte er keinen Tropfen Wein getrunken und war sehr nachdenklich. Hin und wieder hob er seinen Blick und betrachtete alle und jeden. Es schien, als ob er hier etwas erwartete, etwas für ihn außerordentlich Wichtiges.

Der Fürst hatte im ganzen zwei oder drei Glas getrunken und war nur einfach heiter. Als er sich vom Tisch erhob, begegnete er dem Blick Jewgenij Pawlowitschs, erinnerte sich der ihnen beiden bevorstehenden Aussprache und lächelte entgegenkommend. Jewgenij Pawlowitsch winkte ihm zu und zeigte auf Hippolyt, den er soeben aufmerksam betrachtet hatte. Hippolyt lag auf dem Diwan ausgestreckt und schlief.

„Weshalb hat dieses Bürschchen sich so an Sie gehängt, Fürst?“ sagte er plötzlich mit ersichtlichem Ärger, so daß der Fürst erstaunte. „Ich wollte wetten, Fürst, er hat nichts Gutes im Sinne!“

„Ich habe bemerkt,“ erwiderte der Fürst, „oder es scheint mir wenigstens so, daß er Sie, Jewgenij Pawlowitsch, heute ganz besonders interessiert; ist das wahr?“

„Denken Sie sich, ich wundere mich selbst darüber. Während ich Grund genug hätte, über meine eigene Lage nachzudenken, beschäftige ich mich den ganzen Abend mit ihm und kann meinen Blick von diesem widerwärtigen Gesicht gar nicht losreißen.“

„Sein Gesicht ist doch hübsch ...“

„Da, da, sehen Sie nur!“ rief Jewgenij Pawlowitsch und packte die Hand des Fürsten. „Da ...!“

Der Fürst betrachtete Jewgenij Pawlowitsch nochmals mit Erstaunen.

V.

Hippolyt, der gegen Ende des Lebedeffschen Vortrags auf dem Diwan eingeschlafen war, erwachte plötzlich: ganz als ob ihn jemand in die Seite gestoßen hätte, fuhr zusammen, erhob sich, sah sich um und erbleichte. Mit einem Ausdruck des Schreckens ließ er seine Augen durchs Zimmer schweifen und eine furchtbare Angst lag in seinen Gesichtszügen, als er sich wieder zu besinnen schien.

„Wie, sie gehen fort? Ist alles aus? Alles schon zu Ende? Ist die Sonne schon aufgegangen?“ fragte er erregt, indem er die Hand des Fürsten erfaßte. „Wieviel ist die Uhr, um Gottes willen, die Uhr? Ich habe mich verschlafen. Habe ich lange geschlafen?“ fügte er verzweifelt hinzu, als hätte er etwas verschlafen, wovon sein ganzes Schicksal abhing.

„Sie haben im ganzen sieben oder acht Minuten geschlafen,“ antwortete Jewgenij Pawlowitsch.

Hippolyt sah ihn starr an und dachte einen Augenblick nach.

„Nur! Also habe ich nichts verloren ...“

Und er atmete auf, als ob eine unendlich schwere Last von ihm genommen wäre. Er begriff endlich, daß „nichts verloren“ war, daß die Sonne noch nicht aufgegangen, daß die Gäste nur ihre Stühle verließen, um einen Imbiß einzunehmen, und daß lediglich das Geschwätz Lebedeffs zu Ende war. Er lächelte und ein schwindsüchtiges Rot in Gestalt zweier Flecke erschien auf seinen Wangen.

„Sie haben also die Minuten gezählt, während ich schlief, Jewgenij Pawlowitsch,“ griff er spöttisch auf. „Sie haben sich den ganzen Abend nicht von mir losreißen können, ich habe es gesehen ... Ah! Rogoshin! Ich habe ihn soeben im Traume gesehen,“ flüsterte er dem Fürsten zu und sah stirnrunzelnd zu Rogoshin hinüber. „Ach, ja, wo ist denn der Redner geblieben,“ sprang er wieder auf etwas anderes über, „wo ist Lebedeff? Lebedeff hat also seine Rede beendet? Wovon sprach er? Ist es wahr, Fürst, daß Sie einmal gesagt haben, die Welt wird durch die Schönheit erlöst werden? Meine Herren,“ wandte er sich mit lauter Stimme an alle, „der Fürst behauptet, daß Schönheit die Welt erlösen werde! Doch ich behaupte, daß er nur deshalb so sonderbare Gedanken hat, weil er verliebt ist. Meine Herren, der Fürst ist verliebt. Vorhin, als er eintrat, habe ich mich davon überzeugt. Erröten Sie nicht, Fürst, sonst muß ich Sie bedauern. Welche Schönheit wird die Welt erlösen? Mir hat es Koljä gesagt ... Sie sind ein eifriger Christ? Koljä sagt, daß Sie sich selbst einen Christen genannt haben.“

Der Fürst sah ihn durchdringend an und antwortete ihm nicht.

„Sie antworten mir nicht? Sie denken vielleicht, daß ich Sie sehr liebe,“ fügte plötzlich Hippolyt wie abgebrochen hinzu.

„Nein, das denke ich nicht. Ich weiß, daß Sie mich nicht lieben.“

„Wie, auch nicht nach dem gestrigen Vorfall? Gestern war ich doch aufrichtig gegen Sie?“

„Ich wußte auch gestern, daß Sie mich nicht lieben.“

„Das heißt, weil ich Sie beneide, beneide? Sie dachten es schon immer und denken es auch jetzt, doch ... doch warum sage ich Ihnen das? Ich möchte noch Champagner trinken, schenken Sie mir ein, Keller.“

„Sie dürfen nicht mehr trinken, Hippolyt, ich gebe Ihnen keinen.“

Und der Fürst nahm ihm das Glas fort.

„Nun, meinetwegen ...“ willigte Hippolyt sofort ein, wie in Gedanken versunken. „Sie werden noch alle sagen ... doch, den Teufel auch! was geht’s mich an, was sie sagen werden! Nicht wahr, nicht wahr? Mögen sie nachher sagen, was sie wollen, nicht, Fürst? Und was geht es uns alle an, was dann sein wird! ... Ich glaube, ich bin noch verschlafen. Was für einen furchtbaren Traum ich hatte – jetzt erst erinnere ich mich ... Ich wünsche Ihnen solche Träume nicht, Fürst, obgleich ich Sie vielleicht wirklich nicht liebe. Übrigens, wenn man einen Menschen auch nicht liebt, warum soll man ihm Schlechtes wünschen, nicht wahr? Doch was frage ich Sie denn, immer frage ich Sie! Geben Sie mir Ihre Hand, ich werde Sie Ihnen kräftig drücken, so ... Sie haben mir also gleich Ihre Hand gegeben! Also müssen Sie wissen, daß ich sie aufrichtig drücke? ... Übrigens, ich werde nicht mehr trinken. Wieviel ist die Uhr? Nein, es ist nicht nötig, ich weiß, wieviel die Uhr ist. Es ist Zeit! Die Stunde ist gekommen. Was, dort in der Ecke wird der Imbiß eingenommen? Also wird dieser Tisch hier frei? Vorzüglich! Meine Herren, ich ... doch alle diese Herren hören ja gar nicht ... ich bin bereit, Ihnen etwas vorzulesen, Fürst; der Imbiß ist natürlich interessanter, aber ...“

Und plötzlich zog er ganz unerwartet aus seiner Seitentasche ein großes rotversiegeltes Paket hervor und legte es vor sich hin auf den Tisch.

Das Unerwartete der Sache brachte einen großen Effekt in der Gesellschaft hervor. Auf so etwas war man gar nicht vorbereitet. Jewgenij Pawlowitsch sprang sogar von seinem Stuhl auf. Ganjä kam schnell an den Tisch heran. Rogoshin auch, doch mit geringschätziger, ärgerlicher Miene, als ob er wüßte, um was es sich handelte. Lebedeff, der in der Nähe beschäftigt war, kam auch herbei und betrachtete das Paket mit neugierigen Augen, als wollte er erraten, wovon es handelte.

„Was haben Sie denn da?“ fragte beunruhigt der Fürst.

„Sobald der äußerste Rand der Sonne am Horizont erscheint, werde ich zur Ruhe gehen, Fürst, ich habe es gesagt; mein Ehrenwort: Sie werden es sehen!“ rief Hippolyt. „Doch ... doch ... glauben Sie wirklich, daß ich nicht imstande sein werde, dieses Paket zu öffnen?“ fügte er hinzu, als forderte er sie alle heraus, und als wandte er sich ausnahmslos an alle.

Der Fürst bemerkte, daß er am ganzen Körper zitterte.

„Niemand von uns glaubt es,“ antwortete der Fürst für alle, „und warum glauben Sie, daß jemand von uns einen solchen Gedanken haben könne ... aber was ... was für eine sonderbare Idee von Ihnen, uns vorlesen zu wollen? Was ist Ihnen denn, Hippolyt?“

„Was fehlt ihm? Was ist wieder mit ihm passiert?“ fragte man ringsum.

Alle kamen herbei, einige aßen noch, doch das Paket mit dem roten Siegel zog alle wie ein Magnet an.

„Das habe ich gestern selbst geschrieben, gleich nachdem ich Ihnen das Wort gegeben, daß ich zu Ihnen übersiedeln würde, Fürst. Ich habe gestern den ganzen Tag daran geschrieben, die Nacht darauf, und beendet habe ich es heute morgen – in der Nacht gegen Morgen hatte ich einen Traum ...“

„Würde es nicht besser sein, wenn Sie es morgen ...“ unterbrach ihn schüchtern der Fürst.

„Morgen ‚wird keine Zeit mehr sein‘!“ lachte Hippolyt hysterisch auf. „Übrigens, beunruhigen Sie sich nicht, ich lese es in vierzig Minuten, vielleicht – in einer Stunde ... Und sehen Sie, wie sich alle dafür interessieren, alle sind gekommen, alle sehen nach meinem Paket. Ich glaube, wenn es nicht so versiegelt wäre, so hätte es gar keinen Effekt gemacht! Ha–ha! Sehen Sie, was ein Geheimnis bedeutet! Soll ich es öffnen, meine Herren, oder nicht?“ rief er mit eigentümlichem Lächeln und mit blitzenden Augen. „Ein Geheimnis! Ein Geheimnis! Doch entsinnen Sie sich, Fürst, wer hat es gesagt, daß ‚keine Zeit mehr sein wird‘? Das verkündet der große und mächtige Engel in der Apokalypse.“

„Lassen Sie bitte das Lesen!“ rief plötzlich Jewgenij Pawlowitsch, von solcher Unruhe ergriffen, daß es vielen sonderbar erschien.

„Lesen Sie nicht!“ rief auch der Fürst aus und legte die Hand aufs Paket.

„Warum lesen? Jetzt essen wir,“ bemerkte jemand.

„Einen Artikel? Aus der Zeitung, wie?“ erkundigte sich ein anderer.

„Vielleicht ist es langweilig?“ fügte ein dritter hinzu.

„Was ist denn eigentlich los?“ erkundigten sich die übrigen.

Die erschrockene Bewegung des Fürsten machte auf Hippolyt einen starken Eindruck.

„Also ... nicht lesen?“ stammelte er mit einem verzerrten Lächeln auf seinen blutleeren Lippen. „Nicht lesen?“ wandte er sich an alle, an das ganze Publikum und blickte jedem einzeln ins Gesicht. „Sie fürchten sich?“ wandte er sich wieder an den Fürsten.

„Weshalb?“ fragte dieser ganz verwundert.

„Hat jemand ein Zwanzigkopekenstück?“ Hippolyt sprang plötzlich vom Stuhle auf, als hätte er einen Stoß bekommen, „oder irgendeine Münze?“

„Hier!“ Lebedeff reichte ihm sofort eine. Ihm kam der Gedanke, daß der kranke Hippolyt den Verstand verloren habe.

„Wjera Lukjanowna!“ wandte sich Hippolyt hastig an das junge Mädchen, „nehmen Sie, werfen Sie es auf den Tisch: Adler oder Aufschrift? Adler – heißt lesen!“

Wjera sah erschrocken auf die Münze, auf Hippolyt und auf ihren Vater. Darauf warf sie das Geldstück auf den Tisch mit der Überzeugung, daß sie es gar nicht zu sehen brauchte. Der Adler lag oben.

„Lesen!“ flüsterte Hippolyt, als hätte wirklich das Schicksal gesprochen. Er hätte nicht stärker erblassen können, selbst wenn ihm das Todesurteil vorgelesen worden wäre. „Übrigens,“ fuhr er auf, nach einer halben Minute Schweigen. „Was soll das? Habe ich nicht soeben mein Los geworfen?“ wandte er sich von neuem an seine Umgebung, mit derselben fragenden Aufrichtigkeit. „Das ist ja wirklich ein sonderbarer, ein psychologischer Zug!“ rief er plötzlich und wandte sich mit aufrichtiger Verwunderung diesmal wieder an den Fürsten. „Das ist ... das ist ja ein ganz unfaßbares Moment, Fürst!“ bestätigte er sich den Gedanken selbst, und als käme er jetzt wieder ganz zu sich. „Das schreiben Sie sich auf, Fürst, denken Sie daran, Sie sammeln doch Material bezüglich der Todesstrafe ... man sagte es mir, ha, ha! O mein Gott, welch eine sinnlose Dummheit!“ Er fiel auf den Diwan zurück, stützte seine beiden Ellenbogen auf den Tisch und legte seinen Kopf in beide Hände. „Das ist ja geradezu schandbar! ... Zum Teufel, was geht es mich an, wenn es schandbar ist!“ er erhob sofort wieder seinen Kopf. „Meine Herren! meine Herren, ich öffne jetzt das Paket!“ entschied er mit plötzlicher Entschlossenheit. „Ich ... ich zwinge übrigens niemanden, zuzuhören! ...“

Mit vor Erregung zitternden Händen entsiegelte er das Paket, zog einige engbeschriebene Blätter Postpapier aus ihm heraus, legte sie vor sich hin und glättete sie.

„Was soll das? Was ist denn los? Was will er lesen?“ murmelten einige. Andere schwiegen.

Doch alle setzten sich und sahen ihm mit Neugierde zu. Vielleicht erwarteten sie wirklich etwas Außergewöhnliches. Wjera klammerte sich an den Stuhl ihres Vaters und hätte vor Angst beinahe zu weinen angefangen. Fast ebenso erschrocken war Koljä. Lebedeff, der sich soeben hingesetzt, erhob sich wieder, ergriff einen Leuchter und stellte ihn vor Hippolyt hin, damit er es heller zum Lesen hätte.

„Meine Herren, das ... das werden Sie gleich sehen, was das bedeutet,“ bemerkte Hippolyt aus irgendeinem Grunde und fing zu lesen an: „Eine notwendige Erklärung! Motto: Après moi le déluge ... Pfui, zum Teufel!“ fuhr er plötzlich auf, als hätte er sich verbrannt. „Wie konnte ich denn im Ernst ein so dummes Motto wählen? ... Hören Sie, meine Herren! ... ich versichere Sie, es sind vielleicht zum Schluß nichts als Albernheiten! Nur einige meiner Ideen sind darin ... Wenn Sie vielleicht glauben, daß es ... irgend etwas Geheimnisvolles oder ... Verbotenes ist ... mit einem Wort ...“

„Wenn Sie doch ohne Vorreden lesen wollten,“ unterbrach ihn Ganjä.

„Er dreht und windet sich!“ fügte jemand hinzu.

„Viel zu viel Gerede!“ äußerte sich plötzlich Rogoshin, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte.

Hippolyt wandte sich zu ihm, und als ihre Blicke sich trafen, lächelte Rogoshin bitter und sprach langsam die sonderbaren Worte:

„Nicht so muß man die Sache anfassen, junger Mann, nicht so ...“

Was Rogoshin damit sagen wollte, begriff natürlich niemand, doch seine Worte machten trotzdem einen sonderbaren Eindruck auf alle. In einem jeden berührten sie eine ihnen allen gemeinsame Ahnung. Auf Hippolyt selbst machten die Worte einen geradezu schrecklichen Eindruck: er wankte so stark, daß der Fürst seine Hand nach ihm ausstreckte, um ihn zu halten, und er hätte aufgeschrien, wenn ihm nicht plötzlich die Stimme abgebrochen wäre. Eine ganze Minute konnte er kein Wort hervorbringen, er atmete schwer und sah unverwandt Rogoshin an. Endlich atmete er tief auf und sagte mit großer Anstrengung:

„Also das waren Sie ... Sie waren es ... Sie?“

„Wer war? Wo war?“ fragte sehr erstaunt Rogoshin.

Doch Hippolyt schrie plötzlich wie besessen auf:

„Sie waren bei mir in der vergangenen Woche, in der Nacht, um zwei Uhr, an dem Tage, als ich morgens zu Ihnen kam, Sie!!! Geben Sie es zu, Sie?“

„Vergangene Woche, in der Nacht? Du schliefst wohl und bist jetzt von Sinnen, junger Mann?“

Der junge Mann schwieg wieder eine Minute lang, legte seinen Finger an die Stirn und dachte nach, und in seinem bleichen, vor Furcht verzerrtem Lächeln tauchte etwas Schlaues, Triumphierendes auf.

„Das waren Sie!“ wiederholte er kaum hörbar, doch mit fester Überzeugung. „Sie kamen zu mir und saßen schweigend bei mir auf dem Stuhl, am Fenster, eine ganze Stunde und noch länger; um ein oder zwei Uhr nachts; Sie standen dann auf und gingen um drei Uhr fort ... Das waren Sie, Sie! Warum haben Sie mich erschreckt, Sie kamen, um mich zu quälen, – ich verstehe es nicht, doch das waren Sie!“

Und in seinen Augen blitzte ein grenzenloser Haß auf, obgleich noch Angst und Schrecken in ihnen lagen.

„Sie werden sofort, meine Herren, alles erfahren, ich ... ich ... hören Sie ...“

Er griff wieder, sich jetzt schrecklich beeilend, nach seinen Blättern, sie waren durcheinander gekommen, er suchte sie wieder zusammen; sie zitterten in seinen schwachen Händen, er konnte lange nicht mit ihnen in Ordnung kommen.

„Er ist wahnsinnig, oder er phantasiert!“ murmelte kaum hörbar Rogoshin.

Endlich begann er doch vorzulesen. Zu Anfang, in den ersten fünf Minuten rang der Autor der Abhandlung nach Atem und las ungleich und abgebrochen; doch wurde seine Stimme immer fester und gleichmäßiger, so daß er die niedergeschriebenen Gedanken vollkommen ausdrücken konnte. Hin und wieder unterbrach ihn nur ein heftiger Husten und in der Mitte der Vorlesung wurde er vollständig heiser. Er belebte sich aber während des Lesens immer mehr und mehr und war zum Schluß so mitgerissen, daß er einen schmerzlichen, krampfhaften Eindruck bei den Zuhörern hervorrief.

Hier folgt die „Abhandlung“ in ihrem ganzen Umfange:

„Meine notwendige Erklärung.“

„Après moi le déluge!“

„Gestern früh war der Fürst bei mir; unter anderem beredete er mich, zu ihm auf die Datsche zu ziehen. Ich wußte es und war überzeugt, daß er darauf bestehen würde, mit der Begründung, daß für mich ‚unter Menschen und Bäumen leichter zu sterben wäre‘, wie er sich ausdrückt. Doch heute sagte er nicht sterben, sondern er sagte ‚leichter zu leben‘, was für mich und in meiner Lage ungefähr dasselbe ist. Ich fragte ihn, was er denn mit seinen ‚Bäumen‘ eigentlich wolle und warum er immer von den ‚Bäumen‘ erzähle, – und da hörte ich denn zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß ich selbst an dem Abend in Pawlowsk geäußert hätte, ich sei gekommen, um zum letzten Mal Bäume zu sehen. Als ich darauf die Bemerkung machte, daß es doch ganz gleichgültig wäre, ob ich unter Bäumen sterbe oder hier durch das Fenster auf meine Backsteinmauer sehe, und daß es sich wegen dieser zwei Wochen nicht weiter lohne, gab er mir das sofort zu. Doch würde das frische Grün und die reine Luft auf mich physisch sehr gut wirken, meinte er, ich würde ruhiger werden und schwere Träume würden mich nicht mehr quälen. Ich bemerkte ihm wieder lachend, daß er ein Materialist sei. Da er niemals spottet, so mußten seine Worte etwas bedeuten. Sein Lächeln war so gütig, ich betrachtete ihn jetzt aufmerksamer. Ich weiß nicht, ob ich ihn liebe, doch darüber nachzudenken, habe ich jetzt keine Zeit mehr. Mein fünfmonatlicher Haß auf ihn, ich muß es gestehen, hatte sich im letzten Monat vollständig beruhigt. Wer kann’s wissen, vielleicht fuhr ich nur nach Pawlowsk, um hauptsächlich ihn zu sehen. Doch ... warum hatte ich nur damals mein Zimmer verlassen?! Ein zum Tode Verurteilter muß seinen Winkel nicht verlassen; und wenn ich mich jetzt nicht endgültig zu etwas entschlossen hätte, statt auf meine letzte Stunde zu warten, so hätte ich freilich mein Zimmer niemals verlassen und wäre nicht hierher übergesiedelt, um zu sterben. Ich muß mich beeilen, um mit dieser ganzen ‚Erklärung‘ bis morgen fertig zu werden. Wahrscheinlich werde ich keine Zeit haben, sie durchzulesen und zu korrigieren. Ich werde sie morgen dem Fürsten und zwei bis drei Personen, die ich dort anzutreffen gedenke, vorlesen. Da ich keine einzige Lüge schreiben werde, sondern nur die Wahrheit, die letzte, feierliche Wahrheit, so bin ich neugierig, welchen Eindruck dieses Schriftstück in der Stunde und Minute, da ich es vorlesen werde, auf mich selbst machen wird? Übrigens habe ich unnütz die Worte ‚letzte und feierliche Wahrheit‘ geschrieben. Wegen zweier Wochen lohnt es sich sowieso nicht, zu lügen, weil es sich auch zwei Wochen zu leben nicht lohnt; der Beweis dafür ist ja, daß ich nur die Wahrheit schreibe. (NB. Vergesse ich nicht am Ende meine Gedanken? Bin ich nicht vielleicht wahnsinnig in dieser Minute, d. h. minutenlang wahnsinnig? Man hat es mir bestätigt, daß Schwindsüchtige im letzten Stadium ihrer Krankheit zeitweise den Verstand verlieren. Ich werde mich morgen davon beim Eindruck auf die Zuhörer überzeugen. Dieser Frage muß mit der größten Genauigkeit nachgespürt werden, sonst kann man zu keiner Überzeugung kommen.)

Mir scheint es, daß ich soeben eine furchtbare Dummheit geschrieben habe, doch sie zu verbessern, habe ich keine Zeit, außerdem habe ich mir das Wort gegeben, in diesem Handschreiben keine einzige Zeile zu verbessern, selbst wenn ich bemerken sollte, daß ich mir auf jeder fünften Zeile widerspreche. Ich möchte mich ja gerade morgen beim Lesen von dem richtigen logischen Fluß meiner Gedanken überzeugen; und ob ich meine Fehler bemerke und ob es möglich ist, daß alles, was ich in diesen sechs Monaten in diesem Zimmer gedacht habe, nur Fieberphantasien sind?

Wenn ich vor zwei Monaten, wie jetzt, mein Zimmer hätte verlassen und von der Meyerschen Wand mich verabschieden müssen, so, ich muß es gestehen, so wäre es mir sehr schwer gefallen. Jetzt empfinde ich nichts mehr, und verlasse doch dieses Zimmer und diese Wand auf ewig! Also muß meine Überzeugung, daß es sich für zwei Wochen nicht mehr lohnt, diese Gefühle aufkommen zu lassen, meine ganze Natur beherrschen. Verhält es sich nun wirklich so? Ist meine Natur wirklich vollständig besiegt? Wenn man mich jetzt auf die Folter spannte, so würde ich doch sicher schreien, und würde nicht sagen, daß es sich nicht lohnte, zu schreien oder Schmerz zu empfinden, nur weil zwei Wochen schon nichts mehr bedeuten.

Sind es denn wirklich nur vierzehn Tage, die mir zum Leben verblieben sind, und nicht mehr? Damals in Pawlowsk hatte ich gelogen: B–n hatte mir nichts gesagt und hat mich überhaupt nicht gesehen. Doch vor acht Tagen besuchte mich ein Student Kißlorodoff; nach seiner Überzeugung ist er Materialist, Atheist und Nihilist, und das war es, warum ich ihn rufen ließ. Ich hatte einen Menschen nötig, der mir endlich die nackte Wahrheit sagen konnte, ohne alle Rücksichten und Umstände. Das tat er denn auch, und nicht nur aus Gefälligkeit und ohne Umstände, sondern mit sichtlichem Vergnügen (was ich meinerseits schon überflüssig fand). Er sagte mir auch gerade ins Gesicht, daß ich noch ungefähr einen Monat leben könnte; vielleicht auch etwas länger, wenn die Umstände günstig seien, doch vielleicht auch noch nicht einmal so lange. Seiner Meinung nach könnte ich auch ganz plötzlich sterben, zum Beispiel morgen; solche Fälle habe es oft gegeben und erst vorgestern sei eine junge Frau in Kolomna, deren Zustand dem meinen ganz gleich gewesen, gestorben. Sie habe auf den Markt gehen wollen, plötzlich sich schlecht gefühlt, habe sich auf den Diwan gelegt, einmal noch geatmet und – sei gestorben. Alle diese Mitteilungen machte mir Kißlorodoff mit einer gewissen schneidigen Gefühlslosigkeit, als hätte er mir damit eine Ehre angetan und als hielte er mich für ein ebenso höheres, alles verneinendes Geschöpf, wie er es selbst zu sein glaubte, und den zu sterben selbstverständlich nichts kostete. Ich hatte also jetzt wirklich die Gewißheit: noch einen Monat und nicht länger zu leben! Daß er sich nicht geirrt hat, davon bin ich fest überzeugt.

Sehr erstaunt war ich darüber, daß der Fürst vorhin bemerkte, daß mich ‚schlechte Träume‘ quälen; er sagte buchstäblich, in Pawlowsk würden ‚meine Erregung und meine Träume‘ nachlassen. Wie kommt er darauf? Ist er Mediziner oder hat er wirklich einen außergewöhnlichen Verstand und kann vieles erraten? (Daß er am Ende doch ein ‚Idiot‘ ist, darüber besteht kein Zweifel.) Gerade vor seinem Erscheinen hatte ich einen jener reizenden Träume, wie sie mich, übrigens, jetzt zu Tausenden heimsuchen. Ich schlief ein – ich denke, eine Stunde vor seiner Ankunft, und befand mich in einem Zimmer, das größer und höher war, als das meinige, besser möbliert und auch heller. In ihm stand ein Schrank, eine Kommode, ein Diwan und mein Bett, nur größer und breiter und bedeckt mit einer grünseidenen Steppdecke. Doch bemerkte ich in diesem Zimmer ein schreckliches Tier, eine Art Skorpion und doch kein Skorpion, sondern viel widerwärtiger und schrecklicher, unheimlicher. Es war, glaube ich, um so ekelhafter, weil es solche Tiere in der Natur nicht gibt und weil es gerade zu mir gekommen war, mit einer geheimnisvollen Absicht, als enthielte es selbst ein furchtbares Geheimnis. Ich habe es sehr genau betrachtet: es war ein braunes, kriechendes, amphibienartiges Krustentier, etwa vier Zoll lang, am Kopfe vielleicht zwei Finger breit, zum Schwanze hin verdünnte es sich immer mehr, so daß die äußerste Spitze desselben nicht dicker als ein Zehntel Zoll war. Einen Zoll tiefer unter dem Kopf, traten in einem Winkel von etwa fünfundvierzig Grad zwei Pfoten aus dem Rumpfe hervor, jede ungefähr zwei Zoll lang, so daß das Tier von oben gesehen die Form eines Dreizackes hatte. Den Kopf konnte ich nicht sehen, doch sah ich zwei Fühler, nicht sehr lang, wie zwei große Nadeln, von rotbrauner Farbe. Solche zwei Fühler hatte es auch am Ende des Schwanzes und am Ende jeder Pfote, im ganzen also acht Fühler. Das Tier lief wahnsinnig schnell über das ganze Zimmer und stützte sich dabei auf Pfoten und Schwanz, und wenn es lief, so dehnte sich der ganze Körper und der Schwanz in ringelnden Bewegungen, wie bei einer Schlange, ungeachtet seiner Kruste, was ein widerwärtiger Anblick war. Ich hatte furchtbare Angst, daß es mich stechen würde, man hatte mir gesagt, es wäre giftig, doch quälte ich mich am meisten darüber, was man mir damit antun wolle, warum man es mir ins Zimmer gesetzt und worin sein Geheimnis bestand? Es kroch unter die Kommode, unter den Schrank, in alle Ecken. Ich saß auf dem Stuhl und hatte die Füße hochgezogen. Es lief schnell über das ganze Zimmer und verschwand plötzlich unter meinem Stuhl. Angstvoll suchte ich es mit meinen Augen, die Füße hatte ich, wie gesagt, hochgezogen und ich hoffte im stillen, daß es nicht an dem Stuhl hinaufklettern würde. Plötzlich hörte ich hinter mir fast an meinem Kopfe ein knisterndes Geräusch: ich blicke mich um und sehe, daß das Reptil an der Wand emporkriecht in gleicher Höhe mit meinem Kopfe. Mit seinem Schwanze, den es mit großer Schnelligkeit wand und drehte, berührte es schon mein Haar. Ich sprang vom Stuhl und – auch das Tier verschwand. Ich fürchtete mich, mich aufs Bett zu legen, da es vielleicht unter das Kissen gekrochen. Ins Zimmer traten meine Mutter und irgendein Bekannter von ihr. Sie versuchten, das Scheusal zu fangen, waren viel ruhiger als ich, und fürchteten sich nicht einmal. Doch verstanden sie nichts davon. Plötzlich kroch das Tier wieder hervor, diesmal sehr langsam, als hätte es eine besondere Absicht, sich langsam über das Zimmer zur Tür hin dehnend, was noch widerwärtiger war. Da öffnete meine Mutter die Tür und rief Norma, unseren Hund, einen großen, schwarzen, zottigen Neufundländer – er starb vor fünf Jahren. Norma stürzte ins Zimmer und blieb wie angewurzelt vor dem Reptil stehen, das gleichfalls im Laufe einhielt, doch sich weiter wand und mit Schwanz und Pfoten auf den Boden schlug. Tiere empfinden keinen mystischen Schrecken, wenn ich mich nicht irre; in dieser Minute jedoch schien es mir, daß auch Norma diesen außergewöhnlichen, diesen fast mystischen Schrecken empfand, ganz als ob er, wie ich, geahnt hätte, daß in diesem Tier etwas Verhängnisvolles, etwas Geheimnisvolles enthalten war. Norma zog sich langsam vor dem Reptil zurück, das nun seinerseits vorsichtig auf ihn loskam. Plötzlich wollte das Reptil sich auf ihn werfen und ihn beißen. Trotz seiner Angst und trotzdem er an allen Gliedern zitterte, wich der Hund nicht zurück: er fletschte seine großen weißen Zähne, öffnete seinen großen roten Rachen, legte sich sprungbereit und entschloß sich dann mit einem Mal, das Reptil mit seinen Zähnen zu packen. Das Reptil wand sich und zappelte so heftig, daß es loskam, und Norma mußte es noch einmal im Falle packen. Zweimal nacheinander tat er es und schnappte nach ihm. Die Kruste knackte unter seinen Zähnen, Schwanz und Pfoten des Reptils zappelten mit wahnsinniger Schnelligkeit. Plötzlich heulte Norma kläglich auf. Das Scheusal hatte ihn doch in die Zunge gestochen. Der Hund winselte und schrie vor Schmerz und ich sah, wie das zerbissene Reptil ihm quer im Rachen lag und wie eine große Menge weißen Saftes, ähnlich dem Safte einer zertretenen, großen Schabe, aus dem zerquetschten Leib sich auf die Zunge des Hundes ergoß ... Da erwachte ich und erblickte den Fürsten, der soeben eingetreten war.“

„Meine Herren,“ unterbrach sich Hippolyt, als schäme er sich, „ich habe das Geschriebene nicht durchgelesen, es ist da viel Unnützes ... Dieser Traum ...“

„Stimmt,“ beeilte sich Ganjä zu bemerken.

„Ich gebe es zu, es ist zu viel Persönliches ...“

Als Hippolyt das sagte, hatte er ein müdes, erschöpftes Aussehen. Er wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

„Tja, Sie interessieren sich schon zu sehr für sich,“ lispelte Lebedeff.

„Ich, meine Herren, zwinge niemanden, zuzuhören, wer da will, kann sich entfernen.“

„Er jagt uns fort ... aus einem fremden Hause,“ brummte, kaum hörbar, Rogoshin.

„Wie? Sollen wir denn alle plötzlich aufstehen? und uns entfernen?“ bemerkte ganz unerwartet Ferdyschtschenko, der bis jetzt nicht laut zu sprechen gewagt hatte.

Hippolyt senkte die Augen und griff nach seinem Schriftstück, doch in demselben Augenblick erhob er wieder seinen Kopf und sagte mit blitzenden Augen und roten Flecken auf beiden Wangen, Ferdyschtschenko scharf ansehend:

„Sie lieben mich wohl gar nicht!“

Lachen erscholl. Übrigens – die Mehrzahl lachte nicht. Hippolyt errötete über und über.

„Hippolyt,“ sagte der Fürst, „legen Sie die Blätter zusammen und geben Sie sie mir. Sie selbst legen sich bitte schlafen, hier in meinem Zimmer. Wir können ja noch morgen miteinander davon reden, doch unter der Bedingung, daß wir diese Blätter da nicht mehr anrühren. Wollen Sie?“

„Wie ist denn das möglich?“ fragte ihn Hippolyt mit strenger Verwunderung. „Meine Herren,“ rief er aus, sich wieder fieberhaft belebend, „das war nichts als eine dumme Episode, mit der ich nicht recht fertigzuwerden gewußt habe. Jetzt aber werde ich mich im Lesen nicht mehr unterbrechen. Wer hören will, der höre ...“

Er trank noch schnell einen Schluck Wasser, stützte sich auf den Tisch, wie um sich vor den Blicken der Anwesenden zu verbergen und setzte sein Lesen hartnäckig fort. Seine Verlegenheit verlor sich übrigens bald ...

Er las weiter: „Die Idee, daß es sich gar nicht lohnte, noch einige Wochen zu leben, überkam mich ungefähr vor einem Monat, damals, als man mir gesagt hatte, daß ich jetzt nur noch vier Wochen leben könne. Doch beherrschte sie mich erst vollständig, als ich vor drei Tagen, an jenem Abend, aus Pawlowsk zurückkehrte. Zum absoluten Bewußtsein dieses Gedankens kam ich hier auf der Terrasse des Fürsten, in demselben Augenblick, als ich die letzte Probe aufs Leben machte, als ich Menschen und Bäume sehen wollte. Ich regte mich furchtbar auf, stand für das Recht Burdowskijs, ‚meines Nächsten‘, ein und träumte davon, wie alle mir plötzlich die Hände reichen, mich umarmen und mich wegen irgend etwas um Verzeihung bitten würden, und wie – wir es gegenseitig tun würden; mit einem Wort, ich dachte und träumte recht wie ein Narr. In diesen Stunden kam ich dann zu dieser ‚letzten Überzeugung‘. Jetzt wundere ich mich, wie ich die letzten sechs Monate ohne diese ‚Überzeugung‘ überhaupt habe leben können! Ich wußte doch zu genau, daß ich die Schwindsucht hatte und unheilbar war; ich belog mich nicht und hatte die Tatsache durchaus begriffen. Je mehr ich sie jedoch begriff, desto krampfhafter wollte ich leben. Ich klammerte mich an das Leben und wollte leben, was es auch koste! Ich hatte alle Ursache, an meinem schrecklichen, grauenvollen Schicksal zu verzweifeln, das mich wie eine Fliege zerdrücken wollte, ohne daß ich wußte, warum? Doch warum verzweifelte ich nicht? Warum wollte ich erst anfangen, zu leben, als ich wußte, daß ich nicht mehr anfangen konnte? Warum versuchte ich es, als nichts mehr zu versuchen war? Ich konnte keine Bücher mehr lesen, ich hörte auf zu lesen: wozu noch was wissen, erfahren, auf sechs Monate? Dieser Gedanke zwang mich jedesmal, die Bücher wieder fortzuwerfen.

Ja, diese Meyersche Backsteinwand könnte viel erzählen! Viel habe ich ihr anvertraut. Es gibt keinen Flecken an dieser schmutzigen Wand, den ich nicht kenne. Diese verfluchte Wand! Und doch ist sie mir teurer als alle Bäume von Pawlowsk, das heißt, sie müßte mir teurer sein, wenn mir jetzt nicht alles ganz gleichgültig wäre!

Ich erinnere mich jetzt, mit welch gierigem Interesse ich anfing, ihr Leben zu verfolgen: niemals hatte ich vordem ein solches Interesse empfunden. Mit Ungeduld und mit Geschimpfe auf Koljä erwartete ich ihn, als ich so erkrankte, daß ich mein Zimmer nicht mehr verlassen konnte. Ich drang bis in alle Kleinigkeiten, interessierte mich für alle Gerüchte, bis ich selbst, glaube ich, zu einer Klatschbase wurde. Ich verstand zum Beispiel nicht, wie diese Menschen, die noch so großen Vorrat Leben vor sich hatten, es nicht verstanden, Millionäre zu werden (übrigens begreife ich das auch jetzt nicht). Ich hörte von einem Armen, der Hungers gestorben sei, und ich erinnere mich noch, daß ich ganz außer mir war: wenn dieser Arme wieder lebendig geworden wäre, ich glaube, ich hätte ihn hinrichten lassen. Mir ging es dann wieder tagelang besser und ich konnte auf die Straße gehen. Doch das Treiben auf der Straße erbitterte mich dermaßen, daß ich mich wieder tagelang auf mein Zimmer zurückzog, obgleich ich wie die anderen hätte ausgehen können. Ich konnte diese hastenden, ewig bekümmerten, finsteren, aufgeregten Menschen nicht ertragen, die neben mir auf dem Trottoir herumliefen. Woher ihre ewige Unruhe, ihre ewige Sorge, ihr unaufhörlicher Ärger! Weil sie böse, böse, böse sind. Wer ist schuld daran, daß sie unglücklich sind und nicht zu leben verstehen, obgleich sie noch sechzig Jahre vor sich haben? Warum hat Sarnizyn es dazu kommen lassen, daß er vor Hunger sterben mußte, während er noch sechzig Jahre hätte leben können? Und jeder zeigt auf seine Lumpen, auf seine abgearbeiteten Hände, ärgert sich und schreit: ‚Wir arbeiten wie Ochsen und mühen uns und sind doch arm und hungrig wie die Wölfe! Andere arbeiten nicht und mühen sich nicht und sind reich!‘ Das alte Klagelied! Iwan Fomitsch Ssurikoff, der in unserem Hause über uns lebte und ewig mit durchlöcherten Ellenbogen und abgerissenen Knöpfen umherläuft, der immer für andere Leute unterwegs und beständig auf den Beinen ist, Tag und Nacht: Fragen Sie ihn doch, was er damit erreicht? Er ist arm und krank, seine Frau starb, weil er ihr keine Medizin kaufen konnte, im Winter erfror ihm ein Kind ... die älteste Tochter muß mitverdienen ... ewig jammert er und weint er! Niemals, oh, niemals habe ich Mitleid mit diesem Mann empfunden, nicht jetzt und nicht früher – mit Stolz sage ich das! Warum ist er kein Rothschild geworden? Wer ist denn schuld daran, daß er nicht Millionen besitzt wie Rothschild, daß er nicht Berge von Imperialen und Napoleondors aufhäufen kann, solche Berge, wie man sie bei uns in der Butterwoche[24] auf dem Kirmeß aufbaut. Er lebt und kann leben, folglich ist alles in seiner Macht! Wer ist schuld daran, daß er dies nicht begreift?

Oh, jetzt ist mit das alles ganz gleichgültig, jetzt habe ich keinen Grund, mich zu ärgern; aber damals, damals, ich wiederhole es, habe ich buchstäblich in mein Kissen gebissen und vor Wahnsinn meine Decke zerrissen. Oh, wie sehnte ich mich danach, wie wünschte ich, daß man mich Achtzehnjährigen, kaum angezogen, plötzlich auf die Straße jagte und mich allein ließe, ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne ein Stück Brot, ohne Eltern, allein in dieser Riesenstadt, ohne einen bekannten Menschen, hungrig, zerlumpt, zerschlagen (um so besser!), doch gesund, gesund ... dann würde ich zeigen.“

„Was zeigen?“

„O glauben Sie wirklich, daß ich es nicht weiß, wie ich mich schon sowieso mit meiner Erklärung erniedrige! Wer wird mich nicht für einen dummen Jungen halten, der mit seinen achtzehn Jahren das Leben noch nicht kennt. Doch er vergißt, daß so leben, wie ich diese sechs Monate gelebt habe, gleichbedeutend ist mit leben – bis zum Greisenalter! Möge man doch lachen, möge man sagen, daß es Märchen sind, denn es ist wahr, ich habe mir selbst Märchen vorerzählt, ganze Tage und Nächte lang, und ich erinnere mich jetzt ihrer aller.

Soll ich sie mir denn jetzt wieder erzählen, jetzt, wo es Zeit ist, auch die Märchen zu lassen? Und wozu noch? Ich vertrieb mir die Zeit mit ihnen, damals, als ich einsah, daß es mir sogar versagt war, die griechische Grammatik zu lernen, da ich, wie ich mir sagen mußte, ‚kaum bis zur Syntax kommen würde, bevor ich stürbe‘. Ich warf das Buch unter den Tisch – dort liegt es jetzt noch. Matrjona wollte es aufheben, ich habe es ihr verboten.

Möge der, dem meine Erklärung in die Hände fällt, und der die Geduld hat, sie durchzulesen, möge er mich für einen Wahnsinnigen oder, noch schlimmer, für einen Gymnasiasten halten – oder richtiger: für einen zum Tode Verurteilten, dem es nur zu natürlich schien, daß alle Menschen, nur er selbst ausgenommen, das Leben nicht zu schätzen wissen, es leichtsinnig verschwenden, faul und gewissenlos sich seiner bedienen, und daß alle, bis auf den letzten, es nicht verdienen! Doch ich erkläre, daß der Leser sich irrt, wenn er glaubt, diese meine Überzeugung sei abhängig von meinem Todesurteil. Fragen Sie, fragen Sie sie doch nur, vom ersten bis zum letzten, worin ihrer Meinung nach das Glück besteht? Oh, seien Sie überzeugt, daß Kolumbus nicht damals glücklich war, als er Amerika entdeckt hatte, sondern als er es entdecken wollte; seien Sie überzeugt, daß der Augenblick seines höchsten Glückes vielleicht damals war, als drei Tage vor der Entdeckung der Neuen Welt seine Mannschaft meuterte und in der Verzweiflung schon nach Europa zurückkehren wollte! Nicht auf die Neue Welt kommt es hierbei an – hol sie der Henker! Und Kolumbus starb ja auch, fast ohne sie zu sehen, ja im Grunde genommen, ohne zu wissen, was er entdeckt hatte. Sondern auf das Leben kommt es an, einzig auf das Leben – auf das Entdecken des Lebens, das ununterbrochene und ewige Entdecken, und durchaus nicht auf das Entdeckte selbst! Doch was rede ich! Ich fürchte, daß alles, was ich soeben gesagt habe, allgemein bekannten Phrasen ähnlich ist, daß man mich für einen Schüler der unteren Klassen halten wird, der seinen Aufsatz über den ‚Sonnenaufgang‘ schreibt. Oder man wird sagen, daß ich etwas habe sagen wollen, doch bei aller Anstrengung mich nicht habe ... ‚auszudrücken‘ verstanden. Ich möchte indessen bemerken, daß von jeder neuen und genialen menschlichen Idee, oder sogar von jedem ernsten Gedanken, der in einem Menschenhirn entsteht, immer noch irgend so etwas nachbleibt, was sich auf keine Weise andern Menschen mitteilen läßt, selbst wenn man ganze Bände darüber schriebe und den Gedanken fünfunddreißig Jahre lang auslegte. Dieses eine Unbestimmbare wird um keinen Preis aus Ihrem Schädel hinausgehen wollen und wird ewig in Ihnen verbleiben. Und damit sterben Sie zu guter Letzt und nehmen so vielleicht gerade das Wichtigste von Ihrer ganzen Idee mit ins Grab. Und wenn auch ich jetzt nicht alles das wiederzugeben verstanden habe, was mich in diesen sechs Monaten gequält hat, so wird man jetzt doch wenigstens einsehen, daß ich, indem ich diese meine ‚letzte Überzeugung‘ erwarb, sie vielleicht zu teuer habe bezahlen müssen. Sehen Sie, das ist es, was ich – aus gewissen, nur mir bekannten Gründen – in meiner ‚Erklärung‘ sichtbar zu machen für notwendig hielt.

Ich fahre also fort.“

VI.

„Ich will nicht lügen: In diesen sechs Monaten hat die Wirklichkeit auch mich geködert und manches Mal dermaßen gepackt, daß ich mein Todesurteil vollständig vergaß, oder besser gesagt, nicht daran denken wollte und sogar eine Tat ausführte.

Als ich vor acht Monaten sehr schwer erkrankte, gab ich alle meine Beziehungen zu meinen früheren Kameraden auf. Da ich ein verschlossener Mensch bin, so vergaßen meine Kameraden mich bald: freilich hätten sie mich auch sowieso vergessen. Mein Leben im Hause, das heißt ‚in der Familie‘, war ein vollständig einsames. Vor fünf Monaten schloß ich mich ganz in mein Zimmer ein, niemand durfte hereinkommen, außer wenn das Zimmer aufgeräumt wurde, oder wenn man mir das Essen brachte. Meine Mutter zitterte vor mir und wagte nicht einmal zu weinen oder zu klagen, wenn ich sie zu mir hereinließ. Die kleinen Geschwister wurden von ihr geprügelt, wenn sie lärmten und mich störten, denn ich beklagte mich oft über sie; ich kann mir denken, wie sehr sie mich dafür lieben! Den ‚treuen Koljä‘, wie ich ihn nannte, habe ich wohl auch sehr gequält. In der letzten Zeit freilich hat aber auch er mich recht gepeinigt: das ist ja ganz natürlich, die Menschen sind ja auch nur dazu geschaffen, um sich gegenseitig zu quälen. Doch ich wußte, daß er meine Reizbarkeit ertrug, wie ein Mensch, der sich das Versprechen gegeben hat, einen Kranken zu schonen. Natürlich reizte mich das um so mehr: er schien dem Fürsten ‚in christlicher Demut‘ nachzueifern, was auf mich jedoch nur lächerlich wirkte. Dieser junge und feurige Knabe wird natürlich alles nachahmen; doch scheint es mir manchmal, daß es für ihn allmählich Zeit wäre, nach seinem eigenen Verstande zu leben. Ich liebe ihn sehr. Ich habe auch Ssurikoff gequält, der über uns wohnte und im Auftrage anderer Leute Tag und Nacht herumlief; ich bewies ihm jedesmal, daß er ganz allein an seinem Elend schuld sei, so daß er zuletzt seine Besuche bei mir einstellte. Er ist ein sehr demütiger Mensch, der Demütigste aller Demütigen. (NB. Man sagt, daß Demut eine furchtbare Kraft sei: man muß den Fürsten darüber befragen, denn das ist ein Ausspruch von ihm.) Doch als ich im März zu ihm hinauf ging, um nach seinem, wie Sie sagten, ‚erfrorenem‘ Kinde zu sehen und über der Leiche des Kindes zufällig zu lachen begann, während ich dem Ssurikoff wiederum bewies, daß er selbst daran ‚schuld‘ sei, da sah ich die Lippen des armen Wichtes plötzlich erzittern. Er erhob sich, faßte mich mit der einen Hand an der Schulter, mit der anderen wies er mir die Tür und leise, fast flüsternd sagte er zu mir: ‚Gehen Sie!‘ Ich ging hinaus und die Szene gefiel mir furchtbar, auch in dem Moment, als er mich hinauswarf. Aber in der Erinnerung machten seine Worte einen schweren Eindruck auf mich; ich empfand für ihn ein sonderbares, mit Verachtung gemischtes Mitleid, das ich dabei durchaus nicht empfinden wollte. Selbst in dem Augenblick einer solchen Beleidigung – ich fühlte es ja, daß ich ihn beleidigt hatte, obgleich es durchaus nicht meine Absicht gewesen war – selbst in jenem Augenblick konnte er nicht zornig werden. Seine Lippen zitterten durchaus nicht aus Zorn, ich kann es schwören: er faßte mich am Arm und sprach sein wunderbares ‚Gehen Sie‘, ohne irgendwie erzürnt zu sein. Es lag viel Würde darin, die ihm aber leider durchaus nicht stand, so daß eigentlich viel Komik dabei war. Vielleicht verachtete er mich auch nur ganz plötzlich. Seit der Zeit zog er, wenn er mir mal auf der Treppe begegnete, den Hut vor mir, was er sonst nie getan hatte, blieb aber nicht stehen wie früher, sondern lief ganz konfus an mir vorüber. Wenn er mich auch verachtete, so tat er es doch auf seine Art: er verachtete mich sozusagen ‚demütig‘. Vielleicht zog er auch seinen Hut bloß aus Furcht vor mir, weil ich der Sohn seiner Gläubigerin war, denn er schuldete meiner Mutter beständig und war niemals imstande, aus seinen Schulden herauszukommen. Und das ist sogar viel wahrscheinlicher. Ich wollte mich mit ihm aussprechen und wußte, daß er mich wohl schon nach zehn Minuten um Entschuldigung bitten würde; doch entschloß ich mich zuletzt, mich nicht weiter mit ihm abzugeben und ihn zu lassen, wie er war.

Um dieselbe Zeit, das heißt um die Zeit, in der Ssurikoff sein Kind verlor, ungefähr Mitte März, fühlte ich mich plötzlich sehr wohl und das dauerte ungefähr zwei Wochen lang. Ich ging öfters aus, besonders in der Dämmerstunde. Ich liebe diese Dämmerstunden im März, wenn die Sonne untergeht, es wieder zu frieren anfängt, und man das Gas auf den Straßen anzündet; ich ging oft sehr weit. Eines Tages hätte mich auf der Schestilawotschnaja in der Dunkelheit fast ein Herr überrannt. Ich betrachtete ihn mir genauer und bemerkte, daß er einen kurzen Sommerpaletot trug, der viel zu dünn für die Jahreszeit war. Unter dem Arm hielt er ein in Papier eingewickeltes Paket. Als er an der nächsten Straßenlaterne, ungefähr zehn Schritte vor mir, vorüberging, bemerkte ich, daß ihm etwas aus der Tasche fiel.

Ich beeilte mich, es aufzuheben und – es war die höchste Zeit, denn außer mir stürzte sich noch ein Mensch im langen Kaftan auf das Beutestück, und nur der Umstand, daß ich es schon in den Händen hielt, ließ ihn auf den Fund verzichten: nach einem flüchtigen Blick auf den Gegenstand schlüpfte er an mir vorüber. Der Gegenstand selbst war eine große saffianlederne Brieftasche, die ganz mit Papieren angefüllt war; auf den ersten Blick erkannte ich sonderbarerweise sofort, daß in ihr alles, nur kein Geld enthalten war. Der Herr hatte sich währenddessen schon auf vierzig Schritt von mir entfernt, und entschwand in der Menge alsbald meinen Blicken. Ich lief ihm nach und fing an, ihn zu rufen, doch da ich nichts anderes als ‚Hallo!‘ schreien konnte, so wandte er sich auch nicht um. Plötzlich bog er nach links ab, in das Hoftor eines Hauses. Als ich ihm aber in das Tor folgte, wo es sehr dunkel war, konnte ich nichts mehr von ihm entdecken. Das Haus gehörte zu diesen riesigen Mietskasernen, wie sie von unternehmenden Geschäftsleuten für kleine Mieter gebaut werden. In einem solchen Hause befinden sich manchmal hundert Wohnungen. Als ich gerade in den Torweg trat, schien es mir, daß in der rechten, hinteren Ecke des großen Hofes ein Mensch ging, obgleich ich ihn in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Ich lief zur Ecke und fand einen Treppeneingang; die Treppe selbst war schmal, schmutzig und fast gar nicht erleuchtet, doch hörte ich, wie ein Mensch oben auf der Treppe ging. Ich stürzte die Treppe hinauf, ihm nach – glaubte ihn schon zu erreichen, bevor man ihm die Tür öffnete.

Die Treppe war steil, die Stiegen waren schmal; als ich auf dem dritten Treppenabsatz ankam, war ich außer Atem. Im fünften Stock wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen. Bis ich das Stockwerk erreicht und bis ich die Klingel gefunden hatte, vergingen einige Minuten. Mir öffnete endlich ein altes Mütterchen, das in der winzig kleinen Küche den Ssamowar anmachte; sie hörte schweigend meine Frage an, die sie natürlich überhaupt nicht begriff, schweigend öffnete sie mir die Tür ins nächste Zimmer, einem ebenso kleinen und engen, schlecht möblierten Raum, in dem sich auf einem großen, breiten Bett mit Vorhängen ein scheinbar Betrunkener, den die Alte mit Terentjitsch anredete, ausgestreckt hatte. Auf dem Tisch brannte in einem eisernen Leuchter ein Lichtstumpf. Daneben stand eine fast geleerte Halbliterflasche Branntwein. Terentjitsch brummte mir etwas zu und wies ohne sich aufzurichten auf die nächste Tür.

Die Alte war fortgegangen, so daß mir nichts anderes übrigblieb, als diese Tür zu öffnen. Das tat ich denn auch und trat ins nächste Zimmer.

Dieses Zimmer war noch kleiner und enger, so daß ich nicht wußte, wohin ich treten sollte; das schmale, einschläfrige Bett in der Ecke nahm fast den ganzen Raum ein, die übrige Einrichtung bestand aus drei einfachen Stühlen, die mit allerlei Lumpen bepackt waren, und einem ganz einfachen Küchentisch, der vor einem kleinen alten, wachstuchbezogenen Divan stand. Zwischen Bett und Tisch gab es keinen Raum mehr zum Durchgehen. Auf dem Tisch stand gleichfalls wie im anderen Zimmer ein eiserner Leuchter, in dem ein Talglicht brannte. Im Bette schrie ein kleiner Säugling, vielleicht drei Wochen alt, nach seinem Schreien zu urteilen. Eine bleiche, kranke junge Frau, in tiefem Negligé, die wohl erst vor kurzem das Wochenbett verlassen hatte, wechselte dem Kleinen die Windeln. Das Kind schrie ohne aufzuhören nach der Mutterbrust. Auf dem Divan schlief ein dreijähriges kleines Mädchen, das mit einem Rock zugedeckt war. Am Tisch stand der Herr, in einem sehr abgetragenen Anzug, den Paletot hatte er bereits abgelegt und aufs Bett geworfen – er war eben im Begriff, ein Stück Brot und zwei kleine Würstchen aus einem blauen Papier zu wickeln. Auf dem Tisch stand ferner eine Teekanne mit Tee und außerdem lagen Schwarzbrotstückchen auf ihm herum. Unter dem Bett sah ich einen offenen Reisekoffer und zwei Bündel mit allerlei Kleidungsstücken und Lumpen. Mit einem Wort, es war eine schreckliche Unordnung in dem kleinen Raum. Ich erkannte sofort, daß sie beide, der Herr und die Frau, anständige Leute waren, die die Armut in diesen erniedrigenden Zustand versetzt hatte, der jeden Versuch eines Widerstandes aufhebt und die Leute dazu bringt, daß sie in der Unordnung ein gewisses, bitteres Gefühl der Genugtuung empfinden.

Als ich eintrat, war der Herr beim Auspacken seiner Einkäufe in einem lebhaften Gespräch mit seiner Frau begriffen; diese, noch mit dem Wickeln beschäftigt, brach in Schluchzen aus; die Nachrichten, die er ihr brachte, mußten schlecht gewesen sein. Das Gesicht ihres Mannes, das mager und gebrannt war – er trug einen schwarzen Backenbart mit glattrasiertem Kinn –, schien mir sehr sympathisch; es war ernst, die Augen blickten düster, mit einem gewissen krankhaften Ausdruck von Stolz. Er mochte achtundzwanzig Jahre zählen. Als ich eintrat, spielte sich eine eigentümliche Szene ab.

Es gibt Leute, denen es ein Genuß ist, sich ihrer reizbaren Empfindlichkeit ganz hinzugeben, besonders wenn sie, was sehr leicht geschieht, außer sich geraten können – in einem solchen Augenblick ist es ihnen sogar angenehm, beleidigt zu werden. Diese Reizbaren bereuen ihre Heftigkeit nachher sehr, wenn sie klug sind, versteht sich, und imstande, sich einzugestehen, daß der Grund zu ihrer Heftigkeit ein viel zu geringer war. Der Herr sah mich zuerst ganz erstaunt an und die Frau starrte mich geradezu wie ein Gespenst an, denn – wie konnte jemand zu ihnen kommen? Plötzlich stürzte er mir wie ein Wahnsinniger entgegen; ich konnte kaum ein paar Worte stammeln. Offenbar fühlte er sich gekränkt, als er sah, daß ich anständig angezogen war und daß ich es wagte, so ohne weiteres bei ihm einzutreten, und daß ich nun die Unordnung erblickte, deren er sich selbst so sehr schämte. Andererseits freute es ihn, einen Anlaß gefunden zu haben, an mir die ganze Wut über sein Mißgeschick auszulassen. Einen Augenblick dachte ich, daß er sich wirklich auf mich stürzen würde: er erbleichte wie in einem hysterischen Anfall und erschreckte seine Frau aufs äußerste.

Notes in this chapter

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