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Sämtliche Werke 3-4

Vierter Teil (continued 5)

E. K. Rahsin translation

„Gehen wir,“ sagte er flüsternd.

Schon auf der Straße, auf der Liteinaja, hatte er begonnen, leise zu sprechen. Trotz seiner äußeren Ruhe befand sich sein Inneres in einer seltsamen tiefen Aufregung. Als sie in den Saal vor dem Arbeitskabinett traten, ging er leise an eines der Fenster und winkte geheimnisvoll den Fürsten zu sich heran.

„Als du vorhin dort bei mir läutetest, erriet ich hier sogleich, daß du es warst. Ich schlich mich zur Tür und da hörte ich, wie du mit der Pafnutjewna sprachst; ich aber hatte ihr schon in aller Frühe gesagt und anbefohlen, daß sie dann, wenn du oder von dir jemand oder gleichviel wer kommt und an meiner Tür zu klopfen anfängt – daß sie dann nichts sagen solle, unter keiner Bedingung, und besonders nicht, wenn du selbst kämest und nach mir fragen würdest. Ich nannte ihr deinen Namen. Dann aber, als du fortgingst, dachte ich: wenn er jetzt unten steht und nach oben sieht, oder auf der Straße wartet und aufpaßt? Da trat ich an dieses selbe Fenster, schob die Gardine etwas weg, sieh, da standest du und sahst gerade auf mich ... So war es.“

„Wo ist denn ... Nastassja Filippowna?“ fragte der Fürst stockend.

„Sie ... ist hier,“ antwortete Rogoshin langsam, als hätte er einen Augenblick mit der Antwort gezögert.

„Wo denn?“

Rogoshin erhob seinen Blick zum Fürsten und blickte ihn unverwandt an.

„Gehen wir ...“

Er sprach immer noch flüsternd und ohne sich zu beeilen, sprach langsam, und schon die ganze Zeit über eigentümlich nachdenklich.

Sie traten in das hohe Zimmer, das dem Vater als Arbeitszimmer gedient hatte. In diesem hatte sich, seit der Fürst es gesehen, einiges verändert: durch das ganze Zimmer zog sich ein Vorhang aus grünem Seidendamast, der zu beiden Seiten geteilt war, so daß man hindurchgehen konnte. Der Raum hinter dem Vorhang diente Rogoshin als Schlafzimmer, dort stand sein Bett. Der schwere Vorhang war heruntergelassen und die Eingänge waren zugezogen. Im Zimmer war es ziemlich dunkel; die „hellen“ Petersburger Nächte hatten nach der Sonnenwende schon ein wenig von ihrer Helligkeit eingebüßt, und wenn es nicht Vollmond gewesen wäre, hätte man in den dunklen Zimmern Rogoshins, deren Fenster noch dazu weiß verhängt waren, kaum etwas unterscheiden können. So aber konnte man wenigstens die Gesichtszüge erkennen. Das Gesicht Rogoshins war bleich, wie gewöhnlich; der Blick seiner Augen, die einen starken Glanz hatten, lag seltsam unbeweglich auf dem Fürsten.

„Wirst du nicht eine Kerze anzünden?“ fragte der Fürst.

„Nein, nicht nötig,“ sagte Rogoshin, und den Fürsten bei der Hand fassend, nötigte er ihn, auf einem Stuhl Platz zu nehmen; er selbst setzte sich ihm gegenüber und zog seinen Stuhl so dicht heran, daß ihre Knie sich fast berührten. Zwischen ihnen, etwas seitwärts, stand ein kleiner, runder Tisch. „Setz’ dich, sitzen wir ein wenig!“ sagte Rogoshin, als wolle er ihn zum Sitzen bereden. Eine Weile schwieg er. „Ich wußte, daß du in diesem Gasthause absteigen würdest,“ begann er dann wieder zu sprechen, wie man es zuweilen tut, wenn man nicht sogleich von der Hauptsache reden will und zuerst mit nebensächlichen Einzelheiten beginnt, die kaum eine unmittelbare Beziehung zur Sache haben. „Als ich in den Korridor trat, dachte ich bei mir: wer weiß, vielleicht sitzt er dort und erwartet mich jetzt ebenso wie ich ihn erwarte? Warst du bei der Lehrerin?“

„Ja,“ brachte der Fürst vor Herzklopfen kaum hervor.

„Auch daran dachte ich. Wird noch ein Gerede entstehen, dachte ich ... und dann dachte ich: ihn aber bringe ich zur Nacht her, damit wir diese Nacht noch zusammen sind ...“

„Rogoshin! Wo ist Nastassja Filippowna?“ flüsterte plötzlich der Fürst, und er erhob sich, an allen Gliedern zitternd.

Da erhob sich auch Rogoshin.

„Dort,“ sagte er leise, mit dem Kopf nach dem Vorhang weisend.

„Schläft sie?“ flüsterte der Fürst.

Wieder sah ihn Rogoshin unbeweglich an.

„Nun denn, meinetwegen! ... Nur, wirst du auch ... nun, gehen wir!“

Er trat zum Vorhang, schob ihn zur Seite, blieb stehen und wandte sich zum Fürsten zurück.

„Komm!“ sagte er und forderte ihn mit einer Kopfbewegung auf, einzutreten, während er den Vorhang zur Seite hielt.

Der Fürst trat in den Schlafraum.

„Hier ist es dunkel,“ sagte er.

„Man kann sehen!“ murmelte Rogoshin.

„Ich sehe kaum ... ein Bett.“

„Geh doch näher,“ forderte Rogoshin leise auf.

Der Fürst trat einen Schritt näher, dann noch einen Schritt, und blieb stehen. Er stand und schaute unbeweglich eine lange Zeit. Beide sprachen sie die lange Zeit über, die sie am Bett standen, kein Wort. Das Herz des Fürsten schlug so laut, daß es, wie es schien, im Zimmer zu hören war, bei dem toten Schweigen, das hier herrschte. Doch sein Auge gewöhnte sich langsam an das Licht, so daß er bereits das ganze Bett deutlich unterscheiden konnte; es schlief jemand auf dem Bett, in vollkommen reglosem Schlaf; nicht das geringste Geräusch, nicht das geringste Atmen war zu hören. Der Schlafende war vom Kopf bis zu den Füßen mit einem weißen Laken bedeckt, doch die Glieder zeichneten sich seltsam undeutlich ab, man sah nur an den Umrissen und den Erhöhungen, daß es ein Mensch war, der auf dem Rücken ausgestreckt lag. Ringsum, auf dem Bett, auf dem Sessel am Fußende des Bettes, sogar auf dem Fußboden neben dem Sessel lagen weiße Kleidungsstücke unordentlich hingeworfen, ein weißes kostbares Seidenkleid, Blumen, Bänder. Auf dem kleinen Tisch am oberen Ende des Bettes lag verstreut blitzendes Geschmeide. Am unteren Ende des Bettes waren irgendwelche Spitzen zusammengeschoben, und von dem weißen Gekräusel hob sich, unter dem Laken hervorschimmernd die Spitze eines nackten Fußes ab: sie war wie aus Marmor gemeißelt und erschien unheimlich regungslos. Der Fürst sah und fühlte – je länger er sah, um so toter und lautloser wurde es im Zimmer. Plötzlich begann eine erwachte Fliege zu summen, flog über das Bett und verstummte am oberen Ende. Der Fürst fuhr zusammen.

„Gehen wir,“ sagte Rogoshin, indem er ihn leise am Arm berührte.

Sie traten hinaus aus dem Schlafraum, setzten sich auf dieselben Stühle und saßen schweigend wieder einander gegenüber. Der Fürst zitterte, immer heftiger wurde sein Zittern. Er wandte seinen fragenden Blick nicht einmal auf eine Sekunde von Rogoshins Antlitz ab.

„Du, ich sehe, du zitterst, Lew Nikolajewitsch,“ sagte endlich Rogoshin, „fast ganz so, wie wenn du ... deinen Anfall bekommst, weißt du noch, in Moskau einmal? Oder wie es vor dem Anfall war. Ich kann mir gar nicht denken, was ich mit dir jetzt anfangen soll ...“

Der Fürst hörte mit krampfhafter Anspannung, was Rogoshin zu ihm sprach, um den Sinn der Worte zu erfassen, und immer noch fragte sein Blick.

„Das hast du ...?“ brachte er schließlich flüsternd hervor, mit dem Kopf nach dem Vorhang weisend.

„Das ... hab’ ich ...“ sagte Rogoshin ebenso leise und senkte den Blick zu Boden.

Sie schwiegen lange.

„Denn wenn du jetzt krank wirst,“ fuhr plötzlich Rogoshin fort, als wäre er gar nicht unterbrochen worden, „den Anfall bekommst, und dann der Schrei kommt, so kann man es auf der Straße oder auch auf dem Hof hören und erraten, daß hier in der Wohnung Menschen sind, nun, und dann werden sie kommen und klopfen und herein wollen ... denn die glauben doch alle, daß ich nicht zu Hause bin. Ich habe auch kein Licht gemacht – damit man von der Straße oder vom Hof nichts sieht. Denn wenn ich fortgehe, nehme ich die Schlüssel mit, und dann kommt oft drei, vier Tage kein Mensch hier herein und die Wohnung bleibt so wie sie ist, unaufgeräumt. So habe ich es eingeführt. Damit man also nicht erfährt, daß wir hier sind ...“

„Wart’,“ unterbrach ihn der Fürst, „ich habe aber doch vorhin die Alte und auch den Hausknecht gefragt, ob Nastassja Filippowna nicht hier gewesen ist. Die wissen es dann doch schon.“

„Ich weiß, daß du gefragt hast. Ich habe aber der Pafnutjewna gesagt, daß Nastassja Filippowna gestern hier gewesen und gestern auch nach Pawlowsk wieder zurückgekehrt, hier bei mir aber nur fünf Minuten gewesen sei. Sie wissen nicht, daß sie zur Nacht hier blieb – niemand weiß es. Gestern, als wir kamen, gingen wir die Treppe ebenso leise hinauf, wie ich heute mit dir. Ich dachte noch unterwegs, sie würde nicht so heimlich eintreten wollen – aber nein! Flüsterte nur, auf den Zehen schlich sie, das Kleid raffte sie zusammen, damit es nicht rauschte, trug die Schleppe, drohte mir beim Hinaufsteigen noch mit dem Finger, damit ich leiser ginge – alles nur aus Furcht vor dir. Im Coupé war sie zuerst ganz wie eine Wahnsinnige, alles vor Angst, und sie selbst wünschte, hierher zu mir zu kommen, um hier zu übernachten. Ich dachte zuerst, sie zur Lehrerin, zu jener Witwe, zu bringen, aber sie selbst wollte nicht. ‚Nein, nein,‘ sagte sie, ‚dort wird er mich sogleich aufsuchen, du aber versteck’ mich bei dir, und morgen, ganz früh, fahren wir nach Moskau‘, und von dort wollte sie nach Orel oder irgendwo dahin. Auch als sie sich hinlegte, sprach sie immer noch, daß wir nach Orel fahren würden ...“

„Wart’ ... aber was willst du tun, Parfen, was willst du jetzt tun?“

„Ja, sieh, ich habe nur Bedenken, weil du immer noch zitterst. Die Nacht verbringen wir hier beide zusammen. Ein Bett, außer jenem, gibt es hier nicht, aber ich habe mir gedacht, daß man von diesem Diwan und von jenem dort die Kissen nimmt und dann hier, hier gleich beim Vorhang, ein Lager macht, für dich und für mich, nebeneinander, so daß wir zusammen sind. Denn wenn man dann kommt, und zu fragen anfängt oder zu suchen, dann wird man sie sogleich finden und hinaustragen. Mich aber wird man fragen, und ich werde sagen, daß ich es gewesen bin, und man wird mich fortführen. So laß sie denn jetzt noch hier liegen, neben uns, neben mir und dir ...“

„Ja, ja!“ stimmte der Fürst eifrig bei.

„Also jetzt noch nicht gestehen und nicht forttragen lassen.“

„Nei–nein, auf keinen Fall!“ entschied der Fürst. „Nicht – nicht!“

„So hatte auch ich beschlossen ... auf keinen Fall. Die Nacht verbringen wir ganz still. Ich war heute nur auf eine Stunde ausgegangen, am Morgen, sonst war ich die ganze Zeit bei ihr. Und dann gegen Abend, als ich dich suchen ging. Nur fürchte ich, daß es hier zu drückend ist und der Leichengeruch sich bald bemerkbar machen wird. Riechst du schon etwas oder noch nicht?“

„Vielleicht rieche ich etwas, ich weiß es nicht. Am Morgen wird man es bestimmt riechen ...“

„Ich habe sie mit Wachstuch zugedeckt, mit gutem, amerikanischem, und über dem Wachstuch dann noch mit dem Laken, und vier Fläschchen mit desinfizierender Flüssigkeit habe ich aufgestellt, sie stehen auch jetzt dort offen.“

„So wie dort ... in Moskau?“

„Denn sonst, Bruder, riecht es. Sie aber liegt doch so ... Am Morgen, wenn es hell wird, sieh sie dir an. Was ist dir, kannst du nicht aufstehen?“ fragte er, mit ängstlicher Verwunderung, als er sah, daß der Fürst so zitterte, daß er sich nicht vom Stuhle zu erheben vermochte.

„Die Füße versagen ...“ murmelte der Fürst. „Das ist nur von der Angst, ich kenne das ... Wenn die Angst vergangen ist, werde ich auch aufstehen können ...“

„Dann bleib nur sitzen, ich werde inzwischen das Lager zurecht machen, dann kannst du dich gleich hinlegen ... und ich neben dir ... und dann können wir sehen ... Denn ich, Bruder, ich weiß noch nicht ... ich ... sieh, Bruder, ich weiß jetzt noch nicht alles, und so sage ich es auch dir im voraus, damit du das alles beizeiten erfährst ...“

Undeutlich diese rätselhaften Worte murmelnd, machte sich Rogoshin daran, das Lager herzurichten. Offenbar hatte er schon früher, vielleicht schon am Morgen, darüber nachgedacht, wie er das machen würde. Der Diwan war für zwei Personen zu schmal, er aber wollte nun einmal unbedingt Seite an Seite mit dem Fürsten liegen, und da schleppte er denn mit großer Mühe die schweren Polsterkissen durch das ganze Zimmer, dicht an den Eingang zum Schlafzimmer, schleppte noch andere Kissen herbei, Kissen von verschiedener Größe. Als das Lager fertig war, trat er an den Fürsten heran, faßte ihn mit rührender Zartheit unter den Arm und führte ihn stolz und froh zu seinem Lager. Übrigens konnte der Fürst schon allein gehen. „Die Angst war also vergangen.“ Doch fuhr er fort, zu zittern.

„Denn sieh, Bruder,“ begann plötzlich wieder Rogoshin, nachdem er den Fürsten zur Linken auf die besseren Kissen gebettet und sich selbst zur Rechten hingestreckt hatte, indem er beide Hände unter den Kopf schob, „bei der Hitze, weißt du, geht das schneller ... Die Fenster aufzumachen, fürchte ich mich. Aber, weißt du, bei meiner Mutter sind viele Blumen, sie blühen jetzt gerade und haben solch einen wundervollen Duft, ich dachte schon daran, sie herzubringen, aber die Pafnutjewna hätte Verdacht geschöpft, sie ist sehr neugierig.“

„Ja, sie ist sehr neugierig,“ wiederholte der Fürst.

„Oder soll ich viele, viele Buketts kaufen, und sie ganz mit Blumen umstellen? Ich denke aber, es wird traurig sein, so in Blumen!“

„Hör’ ...“ begann der Fürst, als suche er nach einem Gedanken, als wisse er nicht, was er eigentlich fragen wollte, oder als vergesse er immer wieder, was es war. „Hör’ ... ja sag’ mir: womit hast du sie denn ...? Mit einem Messer? Mit demselben?“

„Mit demselben ...“

„Wart’! Ich will dich noch fragen, Parfen ... ich werde dich noch vieles fragen, ich will alles wissen ... aber du sag’ mir zuerst, ganz zuerst, damit ich es weiß: wolltest du sie vor meiner Hochzeit, vor der Trauung, in der Kirche ermorden, mit dem Messer erstechen? Wolltest du es, oder wolltest du es nicht?“

„Ich weiß nicht, ob ich es wollte ...“ antwortete Rogoshin trocken, als hätte er sich über die Frage ein wenig gewundert und sie nicht ganz begriffen.

„Hast du das Messer niemals nach Pawlowsk mitgenommen?“

„Nein, niemals. Von diesem Messer kann ich dir nur das sagen, Lew Nikolajewitsch,“ fuhr er nach kurzem Schweigen fort: „Ich habe es aus einem verschlossenen Schubfach heute morgen herausgenommen, denn das Ganze geschah am Morgen zwischen drei und vier. Es lag bei mir in dem Buch ... Und ... und ... und sieh, was mich wundert: das Messer ging auf anderthalb ... oder sogar auf zwei Zoll hinein ... gerade unter der linken Brust ... Blut aber floß im ganzen nur so ein halber Eßlöffel aufs Hemd, nicht mehr.“

„Das, das, das,“ begann plötzlich der Fürst, indem er sich in furchtbarer Erregung aufzurichten begann, „das, das, ich weiß, das, ich habe davon gelesen ... innere Verblutung wird das genannt ... Es kommt sogar vor, daß kein einziger Tropfen Blut herausfließt. Das ist dann, wenn der Stoß gerade ins Herz geht ...“

„Scht! – Hörst du?“ unterbrach ihn Rogoshin hastig, indem et sich erschrocken aufrichtete. „Hörst du?“

„Nein!“ sagte ebenso schnell und erschrocken der Fürst und sah Rogoshin an.

„Jemand geht! Hörst du? Im Saal ...“

Beide begannen zu lauschen.

„Ich höre,“ flüsterte der Fürst überzeugt.

„Man geht?“

„Ja, man geht!“

„Soll ich die Tür verschließen?“

„Ja, verschließ’ ...“

Rogoshin verschloß die Tür und wieder legten sie sich beide hin. Lange Zeit schwiegen sie.

„Ach, ja!“ begann der Fürst, sich plötzlich aufrichtend, in demselben aufgeregten, schnellen Geflüster, als habe er endlich einen Gedanken erfaßt und fürchte nun, ihn wieder zu vergessen. „Ja ... ich wollte doch ... diese Karten! die Karten ... Du sollst doch mit ihr Karten gespielt haben?“

„Ja,“ sagte Rogoshin nach einigem Schweigen.

„Wo sind denn ... die Karten?“

„Hier ...“ sagte Rogoshin nach noch längerem Schweigen, zog aus der Tasche ein gebrauchtes, in Papier gewickeltes Spiel Karten hervor und reichte es dem Fürsten. „Da ...“

Der Fürst nahm es zögernd, als begriffe er nicht, weshalb man es ihm reichte. Ein neues, trauriges, trostloses Gefühl schnürte ihm das Herz zusammen; doch plötzlich begriff er, daß er schon lange gar nicht davon sprach, wovon er sprechen wollte, und immer nicht das tat, was er tun müßte, und daß diese Karten, die er jetzt in der Hand hielt, und über die er sich so gefreut hatte, jetzt nichts, nichts mehr ändern konnten. Er stand auf und rang die Hände. Rogoshin blieb unbeweglich liegen und schien den Fürsten weder zu sehen noch zu hören; seine Augen aber glänzten hell im Dunkel und waren ganz offen und unbeweglich. Der Fürst setzte sich auf einen Stuhl und sah ihn angstvoll an. Wohl eine halbe Stunde verging so. Plötzlich lachte Rogoshin laut auf, es war ein fast schreiendes, abgerissenes Lachen – als hätte er ganz vergessen, daß er nur flüsternd sprechen durfte:

„Den Offizier, den Offizier ... weißt du noch, wie sie den Offizier mit der Peitsche schlug, beim Konzert, weißt du noch, ha ha ha! Und der Kadett ... Kadett ... Kadett sprang noch hinzu.“

Der Fürst schnellte erschrocken vom Stuhle empor. Als Rogoshin verstummt war – ebenso plötzlich, wie er aufgelacht hatte –, beugte sich der Fürst leise über ihn, setzte sich neben ihm nieder und begann mit stark klopfendem Herzen, schwer atmend, sein Gesicht zu betrachten. Rogoshin wandte den Kopf nicht zu ihm und schien ihn sogar völlig vergessen zu haben. Der Fürst sah ihn an und wartete. Die Zeit verging. Die Nacht wurde heller. Rogoshin begann von Zeit zu Zeit irgendwelche Worte zu murmeln, leise, laut, schroff hervorstoßend, zusammenhanglos, begann schließlich laut aufzuschreien und zu lachen. Dann streckte der Fürst jedesmal seine zitternde Hand aus und berührte leise seinen Kopf, seine Haare, streichelte sie und streichelte seine Wangen ... das war alles, was er tun konnte! Er selbst begann wieder zu zittern und plötzlich empfand er auch wieder das Schwächegefühl in den Beinen. Irgendein ganz neues Gefühl quälte sein Herz mit unendlicher Sehnsucht. Der Morgen brach an; da beugte er sich endlich in völliger Erschöpfung und Verzweiflung auf das Kissen nieder und schmiegte sich mit seinem Gesicht an das bleiche, unbewegliche Antlitz Rogoshins. Tränen flossen aus seinen Augen auf Rogoshins Wangen – doch wird er wohl kaum seine Tränen gefühlt haben und vielleicht wußte er von nichts mehr ...

Wenigstens fand man, als nach mehreren Stunden die Tür gewaltsam geöffnet wurde und Leute eindrangen, den Mörder bewußtlos und im Fieber. Der Fürst aber saß unbeweglich neben ihm. Und jedesmal, wenn der Kranke einen Schrei ausstieß oder zu phantasieren begann, beeilte er sich, wieder mit zitternder Hand sein Haar und seine Wangen zu streicheln, wie um ihn zu beruhigen und zu liebkosen. Doch er begriff nichts mehr, begriff nicht, was man ihn fragte, und von den Eingetretenen, die ihn umgaben, erkannte er keinen einzigen. Wenn Professor Schneider jetzt selbst aus der Schweiz gekommen wäre, um seinen einstigen Schüler und Patienten zu sehen, so würde er, der ihn einmal vor der Heilung in den Stunden nach einem Anfall gesehen hatte, wieder nur mit der Achsel gezuckt und wie damals gesagt haben: „Ein Idiot!“

XII. Schluß.

Die Lehrerswitwe war, der Verabredung gemäß, nach Pawlowsk gefahren und hatte sogleich Darja Alexejewna, die sich von der Aufregung noch ganz krank fühlte, in ihrem Hause aufgesucht und durch die Mitteilung alles dessen, was sie wußte, in große Angst versetzt. Beide Damen hatten sich dann nach kurzer Beratung zu Lebedeff begeben, der sich als ergebener Freund und Hauswirt des Fürsten gleichfalls beunruhigt fühlte. Nachdem dann noch Wjera alles erzählt hatte, was sie über die Abfahrt des Fürsten erzählen konnte, waren die beiden Damen und Lebedeff nach Petersburg gefahren, auf Lebedeffs Rat, um „eventuell noch zu verhüten, was sehr leicht geschehen könnte“. So kam es, daß am nächsten Morgen schon um elf Uhr die Tür zur Wohnung Rogoshins auf Veranlassung der Polizei in Anwesenheit Lebedeffs, der beiden Damen und des älteren Bruders von Rogoshin, Ssemjon Ssemjonytsch Rogoshin, der den Seitenflügel des Hauses bewohnte, aufgebrochen wurde. Das polizeiliche Vorgehen wurde wesentlich beschleunigt durch die Aussage des Hausknechts, der am Abend vorher gesehen hatte, wie Parfen Ssemjonytsch mit einem Gast ins Haus eingetreten, und ganz leise die Treppe hinaufgegangen war. Nach dieser Aussage hatte man nicht länger gezögert die Tür mit Gewalt aufzubrechen.

Rogoshin lag zwei Monate an einer Gehirnentzündung danieder. Als er gesund geworden war, kam sein Prozeß zur Verhandlung. Seine Aussagen waren klar, genau, unzweideutig und genügten vollkommen, so daß der Fürst auf Grund derselben ohne weiteres von der Untersuchung ausgeschlossen wurde. Bei der Gerichtsverhandlung war Rogoshin im übrigen schweigsam. Er widersprach zwar nicht seinem Verteidiger, der geschickt, klar, logisch und beredt zu beweisen suchte, daß der Mord von ihm in bereits unzurechnungsfähigem Krankheitszustande verübt worden sei und daß man ihn eigentlich nur als Folge der Gehirnentzündung, die bereits früher begonnen habe, betrachten müsse; doch fügte Rogoshin von sich aus nichts hinzu, was die Richtigkeit dieser Annahme bestätigen konnte, und auf die an ihn gestellten Fragen antwortete er wieder klar, bestimmt, und durchaus bemüht, sich aller Einzelheiten des Geschehenen zu entsinnen. Er wurde unter Annahme mildernder Umstände zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit nach Sibirien verbannt. Wortlos, mit fast strenger Miene, vernahm er sein Urteil, „wie in Gedanken versunken“, erzählte man. Sein ganzes, großes Vermögen, von dem er, im Verhältnis gesprochen, nur einen kleinen Teil verschwendet hatte, ging auf seinen Bruder Ssemjon Ssemjonytsch über, zur nicht geringen Zufriedenheit dieses letzteren. Die Mutter Rogoshins lebte nach wie vor in ihrer stillen Wohnung, und mitunter scheint es, als gedenke sie ihres geliebten Sohnes Parfen, doch sind ihre Gedanken wohl nur unklar: Gott hat ihren Geist und ihr Herz davor bewahrt, das Entsetzen, das ihr trauervolles Haus heimgesucht, in seiner ganzen Größe zu erfassen.

Lebedeff, Keller, Ganjä und Ptizyn und noch viele andere Personen, die wir kennen gelernt haben, leben gleichfalls in alter Weise weiter, haben sich wenig verändert – daher läßt sich auch nichts Besonderes über sie berichten. Hippolyt starb etwas früher, als er erwartet hatte, etwa zwei Wochen nach dem Tode Nastassja Filippownas. Er soll vorher entsetzlich aufgeregt gewesen sein. Koljä war durch die Ereignisse tief erschüttert. In der Folge traten er und seine Mutter sich bedeutend näher, ja er schloß sich sogar ganz an sie an. Nina Alexandrowna ist recht besorgt um ihn: sie findet ihn zu nachdenklich für seine Jahre. Vielleicht aber wird aus ihm doch noch einmal ein tätiger und tüchtiger Mensch. Zum Teil ist es auch auf seine Bemühungen zurückzuführen, daß für das weitere Schicksal des Fürsten gesorgt wurde. Unter all seinen neuen Bekannten hatte ihm am meisten Jewgenij Pawlowitsch Radomskij gefallen; zu diesem hatte er sich denn auch sogleich aufgemacht und ihm das Ereignis mitgeteilt, sowie alles Nähere, was er selbst über den Zustand des Fürsten wußte. Seine Erwartung täuschte ihn nicht: Jewgenij Pawlowitsch nahm den lebhaftesten Anteil am traurigen Schicksal des armen „Idioten“, und dank seiner Bemühungen kam der Fürst wieder in die Schweiz zu Professor Schneider, der ihn von neuem in seine Heilanstalt aufnahm. Jewgenij Pawlowitsch begab sich ins Ausland. Er hatte sogar die Absicht, recht lange in „Europa“ zu bleiben, da er sich selbst ganz offen einen „in Rußland vollkommen überflüssigen Menschen“ nannte. Seinen kranken Freund besucht er ziemlich oft, wenigstens ein paarmal im Jahre. Professor Schneider macht aber, wenn er nach der Genesungsmöglichkeit seines Patienten gefragt wird, eine immer bedenklichere Miene, schüttelt den Kopf und deutet an, daß es diesmal wohl eine vollständige Zerrüttung der Verstandeskräfte sei; zwar redet er nicht von Unheilbarkeit, äußert aber doch die traurigsten Mutmaßungen. Jewgenij Pawlowitsch nimmt sich das sehr zu Herzen – und er hat ein Herz, was allein schon durch den einen Umstand bewiesen wird, daß er von Koljä Briefe erhält, und diese Briefe hin und wieder sogar beantwortet. Außerdem aber haben wir noch etwas sehr Seltsames über ihn erfahren, und da dieses Seltsame ein guter Charakterzug ist, so sei es hier mitgeteilt: Jewgenij Pawlowitsch schreibt nämlich nach seinen Besuchen in der Heilanstalt des Professor Schneider außer an Koljä regelmäßig noch einen Brief nach Petersburg, der den ausführlichsten Bericht über den Zustand des Fürsten enthält. Doch außer diesen Berichten und der höflichsten Versicherung seiner Hochachtung, finden sich in diesen Briefen mitunter – und zwar immer häufiger – auch einige Darlegungen seiner Anschauungen, Begriffe, Gefühle, und diese werden mit jedem Brief sogar immer länger. Mit einem Wort, es beginnt in ihnen etwas durchzublicken, das an freundschaftliche oder noch innigere Gefühle gemahnt. Die Person aber, an die Jewgenij Pawlowitsch diese Briefe schreibt – natürlich tut er es immerhin noch ziemlich selten – und die seine Aufmerksamkeit und Achtung in so hohem Maße gefesselt und erworben hat, ist Wjera Lebedewa. Leider ist es uns nicht möglich gewesen, Näheres darüber zu erfahren, wie sich diese Beziehungen haben anknüpfen können, doch nehmen wir an, daß es wohl infolge des Unglücks gewesen sein wird, das den Fürsten betroffen hatte. Wjera war durch das Geschehnis zunächst so erschüttert, daß auch sie erkrankte. Doch wie gesagt – bei welcher Gelegenheit sie sich näher getreten sind, wissen wir nicht. Im übrigen haben wir dieser Briefe auch deshalb Erwähnung getan, weil einzelne von ihnen Mitteilungen über Jepantschins und namentlich über Aglaja Iwanowna enthalten. In einem ziemlich krausen Brief aus Paris teilte er mit, daß diese zu einem polnischen Grafen und Emigranten eine große Neigung gefaßt und ihn bald darauf geheiratet habe, sehr gegen den Wunsch ihrer Eltern, die, wenn sie auch schließlich ihre Einwilligung gegeben, es nur deshalb getan hätten, weil es sonst zu einem vielleicht aufsehenerregenden Skandal gekommen wäre. Im nächsten Brief, den Wjera nach etwa einem halben Jahre erhielt, schrieb Jewgenij Pawlowitsch – es war wieder ein langer, ausführlicher Brief – daß er während seines letzten Aufenthaltes in der Schweiz bei Professor Schneider mit Jepantschins und dem Fürsten Sch. zusammengetroffen sei. Das Wiedersehen mußte, so wie er es schilderte, ein sehr seltsames gewesen sein: alle hatten ihn fast begeistert empfangen, Alexandra und Adelaida hatten sich ihm sogar zu heißem Dank verpflichtet gefühlt für alles Gute, das er dem Fürsten erwies, und für seine „rührende Sorge um ihn“. Lisaweta Prokofjewna hatte beim Anblick des armen Fürsten in seinem kranken, erniedrigenden Zustande bitterlich zu weinen begonnen. Offenbar hatte sie ihm längst alles verziehen. Fürst Sch. hatte bei der Gelegenheit ein paar gute Gedanken ausgesprochen. Wie es Jewgenij Pawlowitsch geschienen, hätte sich das junge Ehepaar noch nicht so ganz harmonisch verbunden gefühlt, doch wäre es vorauszusehen, daß Adelaidas lebhaftes, mitunter recht feuriges Temperament sich mit der Zeit freiwillig und von Herzen der geistigen Überlegenheit und Erfahrenheit des Fürsten anpassen und unterordnen würde. Hinzu kam noch, daß die Lehren, die die Familie in letzter Zeit erhalten hatte, für sie unvergeßlich waren, so vor allem das letzte Erlebnis Aglajas mit dem polnischen Grafen. Alles, was man befürchtet, als man die Einwilligung zur Heirat Aglajas mit diesem Grafen verweigert hatte, war schon nach wenigen Monaten, nach kaum einem halben Jahre, in Erfüllung gegangen, und dazu noch mit solchen Überraschungen, daß man an die leidigen Tatsachen fast immer noch nicht glauben wollte. Es hatte sich nämlich herausgestellt, daß der emigrierte Graf zwar ein Emigrant, deshalb aber noch längst kein Graf war, seine Vergangenheit vielmehr etwas sehr Dunkles und Zweideutiges hatte. Aglaja hatte er durch die „seltene Vornehmheit seiner von Heimweh nach dem Vaterlande sich verzehrenden Seele“ gefesselt und bezaubert, und das in solchem Maße, daß sie bereits vor der Heirat Mitglied irgendeines Emigrantenkomitees geworden war, das sich die Wiederherstellung des Königreichs Polen zum Ziel gesetzt hatte. Überdies war sie noch in den Beichtstuhl irgendeines berühmten Jesuitenpaters geraten, der ihren Geist bis zum Wahnsinn zu beeinflussen wußte. Das riesige Vermögen des Grafen, von dem er Lisaweta Prokofjewna und dem Fürsten Sch. erzählt und für das er ihnen fast unantastbare Beweise geliefert hatte, war nichts als Schwindel gewesen. Außerdem war es ihm mit Hilfe seines Freundes, des Jesuitenpaters, in dieser kurzen Zeit gelungen, Aglaja vollständig mit ihrer Familie zu entzweien, so daß die Mutter und Geschwister sie schon seit mehreren Monaten nicht gesehen hatten ... Kurzum, erzählen ließe sich noch manches, doch hatten Lisaweta Prokofjewna, ihre Töchter und Fürst Sch. schon so viel unter diesem „Schrecken“ gelitten, daß sie im Gespräch mit Jewgenij Pawlowitsch fast angstvoll gewisse Dinge zu umgehen gesucht hatten, zumal sie wußten, daß er ohnehin über die letzten Verirrungen Aglaja Iwanownas gut unterrichtet war. Die arme Lisaweta Prokofjewna wäre gern sogleich nach Rußland zurückgekehrt: nach dem Bericht Jewgenij Pawlowitschs habe sie sehr parteiisch, fast sogar erbittert alles Ausländische kritisiert. „Nicht einmal Brot verstehen sie zu backen, den Winter über frieren sie wie die Mäuse im Keller!“ habe sie ganz erbost gesagt. „Hier habe ich mich doch wenigstens über diesen Armen auf gut Russisch ausweinen können,“ habe sie hinzugefügt, erregt auf den Fürsten weisend, der keinen von ihnen erkannt hatte. „Aber jetzt hat man sich genug hinreißen lassen, es ist Zeit, endlich wieder vernünftig zu werden! Und all das hier, euer ganzes Europa, alles das ist nur Phantasie, und wir Russen, wir alle hier im Auslande, sind nichts als Phantasie ... behaltet meine Worte, ihr werdet es selbst sehen!“ habe sie sich beim Abschied von Jewgenij Pawlowitsch fast zornig geäußert.

Notes in this chapter

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