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Sämtliche Werke 3-4

Vierter Teil (continued 4)

E. K. Rahsin translation

„Wie wagen Sie es, so zu mir zu sprechen?“ sagte sie mit unbeschreiblichem Hochmut als Antwort auf Nastassja Filippownas Frage.

„Sie haben sich wohl verhört,“ meinte Nastassja Filippowna verwundert. „Wie habe ich denn zu Ihnen gesprochen?“

„Wenn Sie nicht – so eine sein wollten, weshalb verließen Sie dann nicht einfach Ihren Verführer Tozkij ... ohne Theatervorstellungen?“ fragte plötzlich Aglaja ganz unvermittelt.

„Was wissen Sie von mir, daß Sie mich zu richten wagen?“ fragte Nastassja Filippowna zusammenzuckend und totenbleich.

„Ich weiß nur, daß Sie nicht hingegangen sind, um zu arbeiten, sondern es vorgezogen haben, mit dem Millionär Rogoshin fortzufahren und einen gefallenen Engel vorzustellen. Es wundert mich nicht, daß Tozkij sich fast hat erschießen wollen, um sich von diesem gefallenen Engel zu befreien!“

„Hören Sie auf!“ sagte Nastassja Filippowna angeekelt, und es war, als kämpfe sie einen Schmerz nieder: „Sie haben mich ebenso verstanden, wie ... Darja Alexejewnas Kammerzofe, die ihren Bräutigam in diesen Tagen beim Friedensrichter verklagt hat. Und auch die würde mich besser verstanden haben, als Sie ...“

„Wahrscheinlich ist sie ein ehrbares Mädchen, das von seiner Hände Arbeit lebt. Weshalb verhalten Sie sich denn mit solcher Verachtung zur Arbeit?“

„Nicht zur Arbeit verhalte ich mich mit Verachtung, sondern zu Ihnen, wenn Sie von Arbeit reden.“

„Wenn Sie ehrbar sein wollten, warum wurden Sie dann nicht Wäscherin?“

Beide erhoben sich, Aglaja hochrot, die andere totenbleich, und sahen sich gegenseitig unverwandt an.

„Aglaja, besinnen Sie sich! Das ist doch so ungerecht!“ rief der Fürst wie betäubt.

Rogoshin hatte aufgehört zu lächeln; er stand mit über der Brust verschränkten Armen und zusammengepreßten Lippen und hörte nur zu.

„Da, sehen Sie sie,“ begann Nastassja Filippowna plötzlich, zitternd vor Empörung, „sehen Sie dieses kleine Fräulein! Ich habe sie für einen Engel gehalten! Sie sind ohne Gouvernante zu mir gekommen, Aglaja Iwanowna? ... Aber wollen Sie ... wollen Sie, ich werde Ihnen sogleich ganz offen, ohne Beschönigungen sagen, warum Sie zu mir gekommen sind? Weil Sie Angst bekommen haben, deshalb sind Sie gekommen.“

„Angst? Vor Ihnen?“ rief Aglaja außer sich vor naiver, empörter Verwunderung darüber, daß jene so zu ihr zu sprechen wagte.

„Natürlich vor mir! Gefürchtet haben Sie mich, wenn Sie sich entschließen konnten, zu mir zu kommen. Wen man aber fürchtet, den verachtet man nicht. Wenn ich denke, daß ich Sie geachtet habe, sogar bis zu diesem Augenblick! Aber wissen Sie auch, weshalb Sie mich fürchten und was für Sie der Hauptzweck Ihres Besuches war? Sie wollten sich persönlich überzeugen, ob er mich mehr als Sie liebe, oder nicht, denn Sie sind entsetzlich eifersüchtig ...“

„Er hat mir schon gesagt; daß er Sie haßt ...“ brachte Aglaja kaum hörbar hervor.

„Das kann gewiß so sein; es ist möglich, daß ich seiner nicht wert bin, nur ... nur haben Sie gelogen, denke ich! Er kann mich nicht hassen, und er kann das nicht so gesagt haben! Doch ich bin bereit, Ihnen zu verzeihen ... im Hinblick auf Ihre Lage ... nur habe ich doch höher von Ihnen gedacht; ich hielt Sie auch für klüger und sogar für edler, bei Gott! ... Nun, so nehmen Sie denn Ihren Schatz ... da ist er, sehen Sie doch, wie er Sie ansieht, er kann ja kaum zur Besinnung kommen! So nehmen Sie ihn denn für sich, aber unter der einen Bedingung: gehen Sie unverzüglich hinaus! Im Augenblick! ...“

Sie fiel in ihren Sessel zurück und brach in Tränen aus. Doch plötzlich blitzte etwas Neues in ihren Augen auf: unverwandt und aufmerksam sah sie Aglaja an und erhob sich wieder von ihrem Platz.

„Oder willst du, ich werde ihm sofort ... be–feh–len, hörst du? ihm nur be–feh–len, und er wird dich sofort verlassen und bei mir bleiben, ewig, und mich heiraten, du aber wirst allein nach Hause laufen? Willst du, willst du?“ schrie sie plötzlich laut wie eine Wahnsinnige, vielleicht ohne es selbst zu glauben, daß sie solche Worte hatte aussprechen können.

Aglaja war im ersten Schreck zur Tür gestürzt, doch plötzlich blieb sie wie gebannt stehen und hörte weiter zu:

„Willst du, ich jage Rogoshin davon? Du dachtest wohl, ich hätte mich mit Rogoshin nur zu deinem Vergnügen trauen lassen? Sieh, ich werde ihm sofort in deiner Gegenwart befehlen: ‚Geh’ fort, Rogoshin!‘ und dem Fürsten sage ich: ‚Weißt du noch, was du mir versprochen hast?‘ Gott! Wozu habe ich mich so vor ihnen erniedrigt? Warst du es nicht, Fürst, der mir beteuerte, daß du mir überall hin folgen würdest, was auch mit mir geschehen sollte, und daß du mich niemals verlassen würdest; daß du mich liebst und du mir alles verzeihst und mich acht... acht... Ja, auch das hast du gesagt! Und da bin ich, nur um dich zu befreien, von dir weggelaufen, jetzt aber will ich nicht! Weshalb hat sie mich wie eine Dirne behandelt? Frag’ Rogoshin, ob ich eine Dirne bin, er wird es dir sagen! Jetzt, nachdem sie mich beschimpft hat, und das noch dazu in deiner Gegenwart, wirst auch du dich von mir abwenden und ihr den Arm reichen, um sie von hier fortzuführen? So sei denn verflucht dafür, daß ich an dich allein geglaubt habe. Geh’ fort, Rogoshin, ich brauche dich nicht!“ schrie sie fast besinnungslos mit entstelltem Gesicht und trockenen Lippen, während sie jedes Wort nur mit Mühe aus der keuchenden Brust hervorstieß, offenbar, ohne selbst auch nur einen Augenblick an ihre Worte zu glauben, doch gleichzeitig von dem verzehrenden Verlangen beseelt, den Augenblick, wenn auch nur noch um eine Sekunde, zu verlängern und sich selbst zu betrügen. Dieser Ausbruch ihrer Leidenschaft war so stark, daß der Fürst bereits fürchtete, sie könnte auf der Stelle sterben. „Da ist er, sieh!“ schrie sie endlich Aglaja zu, mit der Hand auf den Fürsten weisend. „Wenn er jetzt nicht sofort zu mir kommt, nicht mich nimmt und dich verläßt, dann nimm ihn nur, ich trete ihn dir ab, ich brauch’ ihn nicht ...“

Sowohl sie wie Aglaja standen regungslos in starrer Erwartung und sahen beide wie Irrsinnige den Fürsten an. Er aber begriff vielleicht gar nicht die ganze Tragweite der Worte Nastassja Filippownas, begriff sie sogar bestimmt nicht. Er sah nur dieses verzweifelte, wahnsinnige Gesicht vor sich, das, wie er einmal zu Aglaja gesagt, sein Herz ‚auf ewig durchbohrt‘ hatte. Er konnte den Schmerz nicht mehr aushalten und wandte sich beschwörend und vorwurfsvoll an Aglaja, auf Nastassja Filippowna weisend:

„Ist denn das möglich! Sie ist doch ... so maßlos unglücklich!“

Doch kaum hatte er das ausgesprochen, da verstummte er vor Aglajas entsetzlichem Blick. Aus diesem Blick sprach ein solcher Schmerz und gleichzeitig so unendlicher Haß, daß er mit einem Schrei die Hände erhob und zu ihr stürzte, doch schon war es zu spät. Sie hatte sein Schwanken nicht einen Augenblick ertragen, hatte nur „O, mein Gott!“ hervorgestoßen, mit den Händen das Gesicht bedeckt und war aus dem Zimmer gestürzt. Rogoshin war ihr sogleich gefolgt und hatte den Riegel der Eingangstür zurückgezogen.

Auch der Fürst eilte ihr nach, doch auf der Schwelle umklammerten ihn plötzlich zwei Arme. Das entstellte, rasende Gesicht Nastassja Filippownas sah ihn starr an und ihre bläulichen Lippen fragten, kaum sich bewegend:

„Ihr nach? Ihr nach? ...“

Ohnmächtig fiel sie zu Boden. Er hob sie auf und trug sie zurück zu ihrem Sessel und blieb in stumpfer Erwartung vor ihr stehen. Auf einem kleinen Tisch stand ein Glas mit Wasser; Rogoshin, der aus dem Vorzimmer zurückkam, ergriff es schnell und besprengte ihr Gesicht. Sie schlug die Augen auf, doch schien ihr Blick noch nichts zu sehen; plötzlich bewegte sich der Blick, sie sah sich um, zuckte zusammen und aufspringend stürzte sie mit einem Schrei zum Fürsten.

„Mein! Mein!“ rief sie. „Ist sie fort, das stolze Fräulein? Ha–ha–ha!“ lachte sie hysterisch auf. „Ha–ha–ha! Und ich trat ihn diesem Fräuleinchen ab! Aber weshalb? Wozu? Ich Wahnsinnige! Ich Wahnsinnige! ... Geh fort, Rogoshin, hahaha!“

Rogoshin blickte sie beide eine Weile unverwandt an, sagte kein Wort, nahm seinen Hut und ging. Eine Viertelstunde später saß der Fürst neben Nastassja Filippowna, wandte keinen Blick von ihrem Gesicht und streichelte, wie man ein kleines Kind streichelt, mit beiden Händen ihre Wangen und ihr weiches Haar. Er lachte, wenn sie lachte, und war bereit, zu weinen, wenn sie weinte. Er sprach nichts – er lauschte nur aufmerksam auf ihr wirres, begeistertes Stammeln, von dem er wohl kaum etwas begriff, und sobald es ihm nur schien, daß sie sich wieder zu quälen beginne, sich Vorwürfe machen oder weinen wollte, dann beeilte er sich sogleich wieder, zärtlich mit seinen Händen ihren Kopf und ihre Wangen zu streicheln, tröstend und beruhigend, ganz wie man ein kleines Kind beruhigt.

IX.

Es vergingen zwei Wochen nach dem im vorhergehenden Kapitel erzählten Ereignis, und in dieser Zeit hatte sich im Leben der Personen unserer Erzählung so vieles verändert, daß wir nicht ohne vorhergehende Erklärungen in der Wiedergabe der folgenden Ereignisse fortfahren können. Leider müssen sich diese Erklärungen nur auf diese Tatsachen beschränken, und das aus einem sehr einfachen Grunde: weil wir in vielen Fällen das Geschehene selbst kaum zu erklären verstünden. Das ist nun zwar ein sehr sonderbares Geständnis, doch hoffen wir, daß der Leser aus dem Folgenden selbst erraten wird, was es ist, das zu erklären wir nicht auf uns zu nehmen vermögen.

Im Laufe dieser zwei Wochen war der Liebesroman unseres Helden und namentlich seine letzte Wendung, von der man zuerst nur bei Lebedeffs, Ptizyns, Darja Alexejewna und Jepantschins erfahren hatte, allmählich in ganz Pawlowsk und sogar darüber hinaus bekannt geworden. Alle Welt erzählte sich ein und dieselbe Geschichte, natürlich in tausend Variationen, erzählte sich, daß ein gewisser Fürst, der in einem bekannten, angesehenen Hause einen Skandal hervorgerufen und sich bei der Gelegenheit mit einer der Töchter des Hauses, als deren Bräutigam er bereits der Gesellschaft vorgestellt worden war, entlobt habe, um sich darauf von einer bekannten Demimondaine so weit bestricken zu lassen, daß er alle seine früheren Beziehungen abgebrochen und nun trotz aller Drohungen und des allgemeinen Unwillens sich hier in Pawlowsk öffentlich am „hellichten Tage“, erhobenen Hauptes und allen offen in die Augen blickend, mit besagter Demimondaine wolle trauen lassen. Da nun ein jeder der Erzähler das Gerücht noch nach Kräften ausschmückte und ihm die phantastischsten und rätselhaftesten Farben verlieh, viele sogar bekannte, hochangesehene Personen mit dem Vorfall in Verbindung brachten, und andererseits unantastbare Tatsachen das Wesentliche vollkommen bestätigten, war schließlich die allgemeine Neugier sehr erklärlich und wohl auch verzeihlich. Die raffinierteste und gleichzeitig glaubwürdigste Wiedergabe und Auslegung des Tatbestandes erfuhr diese interessante „Affäre“ von einzelnen jener „ernsten“ Klatschbasen männlichen Geschlechts, die man in jeder Gesellschaft antreffen kann und die sich stets beeilen, ihren Mitmenschen das neueste Ereignis verständlich zu machen – eine Beschäftigung, die sie geradezu als ihre Lebensaufgabe betrachten, die sie nach bestem Können erfüllen und die ihnen gewöhnlich zu einer Art Trost im eigenen Unglück wird. Nach ihrer Wiedergabe war der betreffende junge Mann ein Fürst alter Abstammung, ziemlich reich, ziemlich dumm, doch dafür ein Demokrat, dem der zeitgenössische Nihilismus zu Kopf gestiegen war und der sich, obgleich er kaum Russisch zu sprechen verstand, im Hause des Generals Jepantschin einzuführen gewußt und mit einer Tochter desselben verlobt hätte. Ferner hieß es, daß der Fall des Fürsten ganz ähnlich dem eines französischen Seminaristen sei, von dem in jüngster Zeit viel geredet und geschrieben worden war – der Betreffende hatte sich absichtlich zum Priester salben lassen, hatte bei der Gelegenheit alle Vorschriften der Zeremonie genau befolgt, den Schwur geleistet usw., um dann am nächsten Tage seinem Bischof in einem offenen Schreiben mitzuteilen, daß er, da er an Gott nicht glaube, nicht gegen sein Gewissen handeln und das Volk betrügen wolle, um sich dafür von ihm ernähren zu lassen, und deshalb seine tags zuvor empfangene Würde niederlege. Ähnlich diesem Atheisten, wie gesagt, solle auch der Fürst gehandelt haben. Er habe nämlich, meinte man, nur auf die feierliche Soiree bei den Eltern seiner Braut gewartet, um dann, nachdem er mehreren hochangesehenen Würdenträgern vorgestellt worden war, sich plötzlich zu erheben, seine demokratisch-nihilistischen Anschauungen auseinanderzusetzen, hierauf die ehrwürdigen Gäste zu beschimpfen und sich öffentlich in höchst beleidigender Weise von seiner Braut loszusagen. Zu guter Letzt, als man ihn von den Dienstboten hatte hinausbefördern lassen, sei er noch tätlich geworden und habe beim Sichwidersetzen und im Handgemenge eine kostbare chinesische Vase zerschlagen. Hinzugefügt wurde außerdem noch, gewissermaßen als charakteristischer Ausdruck des Zeitgeistes, daß der junge Mann seine Braut, die Tochter des Generals, wirklich geliebt und sich einzig aus nihilistischer Überzeugung und um des Skandals willen von ihr losgesagt habe, damit er sich dann vor der ganzen Welt das Vergnügen leisten könne, statt ihrer ein gefallenes Frauenzimmer zu heiraten und damit zu beweisen, daß es für ihn weder lasterhafte noch tugendsame Frauen gebe, sondern einzig das Ideal einer freien Frau – ja, in der Beziehung stehe eine gefallene Frau seiner Ansicht nach sogar höher als eine nicht gefallene usw. usw.

Diese Erklärungen erschienen vielen sehr glaubwürdig, so namentlich den in Pawlowsk wohnenden Villenbesitzern, da sie sie fast täglich durch neue Tatsachen bestätigt fanden. Freilich blieben trotzdem noch sehr viele Einzelheiten unaufgeklärt: so wußte man zum Beispiel zu erzählen, daß das arme junge Mädchen ihren Bräutigam – einige sagten „Verführer“ – so leidenschaftlich geliebt habe, daß sie am nächsten Tage, nachdem er sie verlassen, zu ihm gelaufen sei, und daß sie dann seine Geliebte bei ihm angetroffen habe; andere wiederum beteuerten, er selbst habe sie zu seiner Geliebten gelockt, und zwar „einzig aus Nihilismus“ – um sie zu beleidigen. Doch wie dem auch sein mochte, jedenfalls wuchs das Interesse der Sommerfrischler mit jedem Tage, um so mehr, als es bald nicht dem geringsten Zweifel mehr unterlag, daß die skandalöse Hochzeit wirklich zustande kommen würde.

Wenn man nun aber eine Erklärung verlangen wollte – nicht was die nihilistischen Nuancen des Ereignisses betrifft, o nein! – sondern einfach nur über diesen einen bedeutsamen und mehr persönlichen Punkt: inwieweit denn die bevorstehende Hochzeit den wirklichen Wünschen des Fürsten entsprach oder wie nun eigentlich die Stimmung unseres Helden in dieser Zeit zu bezeichnen wäre, und vielleicht auch noch über manches andere Wissenswerte der Art, dann würden wir kaum in der Lage sein, etwas Bestimmtes zu antworten. Wir könnten nur bestätigen, daß die Hochzeit auf den Anfang des Monats Juli festgesetzt war, und daß der Fürst seinen Hauswirt Lebedeff, den ehemaligen Leutnant Keller und einen Bekannten Lebedeffs, den ihm dieser als Autorität in solchen Dingen vorgestellt, mit den Vorbereitungen zur Hochzeit betraut hatte – mit der Bemerkung, daß sie auf die Kosten nicht zu achten brauchten. Keller wurde auf seine eigene glühende Bitte hin zum Hochzeitsmarschall ernannt, desgleichen Burdowskij, den diese Ehre in helle Begeisterung versetzte. Doch ganz abgesehen von diesen Tatsachen, will es uns scheinen, daß der Fürst, nachdem er Lebedeff und die anderen mit den Vorbereitungen betraut hatte, selbst schon nach ein paar Stunden wieder vergaß, daß es so etwas wie Hochzeiten, Marschälle usw. überhaupt in der Welt gab, und daß er, wenn er diese Anordnungen so schnell getroffen und die unumgänglichen Scherereien auf andere abgewälzt hatte, dieses wohl nur deshalb getan, um selbst nicht mehr daran denken zu müssen, vielleicht sogar, um „das alles“ so schnell als möglich und „ganz und gar“ vergessen zu können. Aber an was dachte er denn sonst, an was wollte er denken ... Andererseits steht es vollkommen fest, daß er zu dieser Heirat durchaus nicht gezwungen worden war – etwa von Nastassja Filippowna –, daß zwar Nastassja Filippowna als erste von der Heirat zu sprechen begonnen und die Hochzeit bald zu feiern gewünscht hatte, und nicht etwa der Fürst: daß aber der Fürst freiwillig eingewilligt, ja es sogar gewissermaßen zerstreut getan hatte, fast als hätte man ihn um eine ziemlich gewöhnliche Sache gebeten. Und solcher Merkwürdigkeiten, die die Sache anstatt zu erklären, nur noch rätselhafter erscheinen ließen, gab es sogar eine ganze Menge. Führen wir nur ein Beispiel an.

Im Laufe dieser zwei Wochen verbrachte der Fürst ganze Tage bis in die Nacht hinein bei Nastassja Filippowna: er ging mit ihr spazieren, besuchte mit ihr die Konzerte, fuhr fast täglich mit ihr aus, und hatte er sie nur eine Stunde lang nicht gesehen, so begann er schon, sich um sie zu beunruhigen – folglich mußte er sie doch wohl aufrichtig lieben! Wenn sie sprach – gleichviel was es war –, hörte er ihr mit einem stillen, freundlichen Lächeln zu, oft sogar stundenlang, ohne dabei selbst auch nur ein Wort zu sprechen. Andererseits aber wissen wir ganz genau, daß er sich in diesen Tagen mehrmals ganz plötzlich zu Jepantschins begab, was er vor Nastassja Filippowna auch durchaus nicht verheimlichte und worüber sie jedesmal in Verzweiflung geriet. Bei Jepantschins jedoch wurde er, solange sie noch in Pawlowsk blieben, nicht empfangen, desgleichen verweigerte man ihm hartnäckig die Erfüllung seines Wunsches, mit Aglaja Iwanowna sprechen zu dürfen. Er entfernte sich dann jedesmal ohne ein Wort zu sagen, doch am folgenden Tage erschien er wieder, als hätte er ganz vergessen, daß man ihn schon abgewiesen hatte, und wurde natürlich wieder nicht empfangen. Wir wissen ferner, daß etwa eine Stunde nachdem Aglaja Iwanowna von Nastassja Filippowna fortgelaufen, vielleicht aber auch noch früher, der Fürst plötzlich bei Jepantschins erschienen war, in der festen Überzeugung, daß er Aglaja dort vorfinden würde. Doch hatte sein Erscheinen bei allen Anwesenden nur Bestürzung und Angst hervorgerufen, denn erst von ihm erfuhr man, daß Aglaja das Haus verlassen und mit ihm zu Nastassja Filippowna gegangen war. Wie man heute hört, sollen Lisaweta Prokofjewna, die Schwestern und Fürst Sch. über den Fürsten Lew Nikolajewitsch ganz empört gewesen, ihre Gefühle keineswegs verschwiegen und ihm die Freundschaft und Bekanntschaft ein für allemal gekündigt haben. Da war aber plötzlich Warwara Ardalionowna erschienen, mit der Nachricht, daß Aglaja Iwanowna bereits seit einer Stunde in ihrem Hause sei, sich in einem beängstigenden Zustande befinde und nach Hause offenbar nicht zurückkehren wolle. Diese letzte Mitteilung erschütterte Lisaweta Prokofjewna am meisten, und sie entsprach auch vollkommen der Wahrheit: als Aglaja aus dem Hause Darja Alexejewnas hinausgelaufen war, hätte sie eher sterben mögen, als sich den Ihrigen zeigen, und da war sie denn zu Nina Alexandrowna geeilt. Warwara Ardalionowna aber hatte es sogleich für nötig befunden, Jepantschins davon zu benachrichtigen. Die Mutter und die Schwestern brachen unverzüglich auf, um sich eilig zu Ptizyns zu begeben, desgleichen der General, der gerade nach Hause gekommen war. Doch da war das Unglaubliche geschehen: Fürst Lew Nikolajewitsch war ihnen gefolgt und hatte sich gleichfalls zu Ptizyns begeben, trotz der harten Worte, die er vorher zu hören bekommen hatte, und des schroff ausgedrückten Verzichtes auf seine weitere Bekanntschaft. Nur hatte Warwara Ardalionowna sogleich ihre Vorkehrungen getroffen und so war er auch in ihrem Hause nicht bis zu Aglaja Iwanowna gelangt. Als Aglaja die Mutter und die Schwestern in Tränen aufgelöst erblickt hatte, ohne dabei auch nur den geringsten Vorwurf zu vernehmen, war sie ihnen sogleich an den Hals geflogen und widerspruchslos nach Hause zurückgekehrt. Übrigens hatte sich während Warwara Ardalionownas Abwesenheit noch ein kleiner Zwischenfall zugetragen, der für Gawrila Ardalionytsch neues Pech bedeutete: in dem Glauben, daß dieser Augenblick seines Alleinseins mit Aglaja eine günstige Gelegenheit sei, hatte er plötzlich von seiner Liebe zu ihr zu reden begonnen, und da hatte Aglaja ungeachtet ihrer Verzweiflung und Tränen mit einem Mal zu lachen angefangen und ohne ein Wort der Erklärung die seltsame Frage an ihn gestellt, ob er zum Beweise seiner Liebe bereit wäre, hier sogleich seinen Finger an einer Kerze zu verbrennen. Gawrila Ardalionytsch, hieß es, sei von dieser Frage wie betäubt gewesen und habe ein so unendlich verwundertes Gesicht gemacht, daß Aglaja in hysterisches Gelächter über ihn ausgebrochen und die Treppe hinauf zu Nina Alexandrowna gelaufen sei, wo die Eltern sie dann auch angetroffen hatten.

Von diesem Zwischenfall hatte der Fürst am nächsten Tage durch Hippolyt erfahren, nur zu diesem Zweck hatte ihn der Kranke, der das Bett nicht mehr verließ, zu sich rufen lassen. Wie oder durch wen er aber Hippolyt bekannt geworden war, das wissen wir nicht. Doch erzählte man sich, daß der Fürst, als Hippolyt von dem Licht und dem Finger erzählt hatte, plötzlich in schallendes Gelächter ausgebrochen sei, so daß Hippolyt ihn ganz sprachlos angesehen habe; und dann habe der Fürst plötzlich heftig zu zittern angefangen und sei in Tränen ausgebrochen ... Überhaupt befand sich der Fürst seit jenem Abend in einer unbestimmten, doch um so quälenderen Unruhe, und den meisten fiel es auf, daß er seltsam verwirrt war. Hippolyt behauptete sogar, daß er ihn einfach für irrsinnig halte, doch war das natürlich übertrieben.

Indem wir nun alle diese Tatsachen anführen, eine Erklärung derselben jedoch verweigern, wollen wir unseren Helden nicht etwa zu rechtfertigen versuchen – oh, durchaus nicht! Im Gegenteil, wir sind sogar bereit, den Unwillen zu teilen, den er selbst bei seinen Freunden hervorgerufen hatte. Sogar Wjera Lebedewa war eine Zeitlang ungehalten über ihn, sogar Koljä und Keller waren es – dieser allerdings nur bis zu seiner Ernennung zum Hochzeitsmarschall –, von Lebedeff schon ganz zu schweigen: der begann einfach gegen den Fürsten zu intrigieren, denn sein Unwille war wirklich aufrichtig und im Herzen empfunden. Doch darauf werden wir noch später zurückkommen. Jedenfalls müssen wir aber einigen in ihrer Psychologie sogar sehr tiefen Worten Jewgenij Pawlowitschs beipflichten, die dieser am sechsten oder siebenten Tage nach dem Geschehnis in freundschaftlichem Gespräch ganz offen und ohne alle Zeremonien dem Fürsten selbst sagte. Es sei hier noch bemerkt, daß nicht nur die Familie Jepantschin, sondern auch alle, die mehr oder weniger zu ihr in Beziehung standen, es für nötig hielten, den Fürsten hinfort nicht mehr zu kennen. Fürst Sch. zum Beispiel wandte sich bei einer Begegnung im Park von ihm ab und ließ seinen Gruß unerwidert. Nur Jewgenij Pawlowitsch Radomskij fürchtete sich nicht, sich durch einen Besuch beim Fürsten zu kompromittieren, ungeachtet dessen, daß er Jepantschins wieder täglich besuchte und daselbst mit sichtlich zunehmender Freundlichkeit empfangen wurde. Er kam am Tage nach der Abreise Jepantschins aus Pawlowsk zum Fürsten und war natürlich schon gut unterrichtet über alles, was man sich in Pawlowsk erzählte – vielleicht hatte er sogar selbst manches verlauten lassen. Der Fürst freute sich unbeschreiblich über seinen Besuch und begann sogleich von Jepantschins zu sprechen. Diese Treuherzigkeit und offene Sprache ermöglichte es auch Jewgenij Pawlowitsch, ohne Umschweife und rückhaltlos mit der Hauptsache zu beginnen.

Der Fürst wußte es noch nicht, daß Jepantschins Pawlowsk verlassen hatten; als er es erfuhr, war er so bestürzt, daß er erbleichte. Doch schon nach einer kleinen Weile schüttelte er den Kopf wie in wirrem Nachdenken und gestand, daß es „so hätte kommen müssen“. Dann erkundigte er sich hastig, wohin sie denn gefahren seien?

Jewgenij Pawlowitsch beobachtete ihn inzwischen aufmerksam: diese schnellen Fragen und ihre kindliche Geradheit, sowie die Verwirrung und gleichzeitig Offenherzigkeit, die Unruhe und das angespannte, grübelnde Denken des Fürsten – alles das wunderte ihn nicht wenig. Seine Fragen beantwortete er liebenswürdig und ausführlich und der Fürst hörte ihm begierig zu, denn Jewgenij Pawlowitsch war der erste, der ihm von Jepantschins berichten konnte. So erfuhr er denn, daß Aglaja Iwanowna in der Tat krank gewesen war, ganze drei Nächte nicht geschlafen und heftig gefiebert hatte. Zwar gehe es ihr jetzt besser, erzählte Jewgenij Pawlowitsch, doch befinde sie sich immer noch in einem sehr nervösen, hysterischen Zustande ... „Zum Glück herrscht im ganzen Hause vollkommener Friede! Von dem Vorgefallenen sprechen sie nicht einmal unter sich, geschweige denn in Aglajas Gegenwart. Die Eltern haben sich besprochen und die Reise ins Ausland ist auf den Herbst festgesetzt, sogleich nach Adelaidas Hochzeit. Aglaja hat schweigend die ersten Gespräche darüber angehört.“ Er, Jewgenij Pawlowitsch, werde vielleicht gleichfalls ins Ausland reisen. Auch Fürst Sch. wolle, falls es ihm seine Zeit erlaube, auf etwa zwei Monate die anderen mit Adelaida begleiten. Der General würde natürlich in Petersburg bleiben. Augenblicklich befänden sie sich auf ihrem Gut Kolmino, das etwa zwanzig Werst von Petersburg gelegen war und ein geräumiges Herrenhaus hatte. Die Fürstin Bjelokonskaja sei noch nicht nach Moskau zurückgekehrt; wie es scheine, bliebe sie absichtlich, um zu sehen, wie „das Ganze“ ablaufen würde. Lisaweta Prokofjewna war die erste gewesen, die auf der Übersiedelung nach Kolmino bestanden hatte; ein weiterer Aufenthalt in Pawlowsk wäre nach dem Vorgefallenen unmöglich gewesen; auch ihre Datsche auf der Jelagin-Insel sei nicht einsam genug gelegen.

„Nun, und Sie müssen doch selbst zugeben,“ meinte Jewgenij Pawlowitsch, „war es für sie denn noch möglich, zu bleiben? ... besonders da man genau wußte, was hier bei Ihnen in Ihrem Hause geschah? ... und nachdem Sie täglich ungeachtet aller Absagen hinkamen? ...“

„Ja, Sie haben recht ... ich wollte nur Aglaja Iwanowna sehen,“ sagte der Fürst, wieder mit dem Kopf nickend.

„Ach, lieber Fürst,“ rief Jewgenij Pawlowitsch vorwurfsvoll und aufrichtig betrübt, „wie konnten Sie damals nur zulassen ... daß es geschah? Gewiß, ich weiß ja, es kam für Sie so unerwartet ... Ich verstehe, daß Sie sich ganz verlieren mußten und ... Sie konnten dieses sinnlose Mädchen natürlich nicht aufhalten, das wäre von Ihnen zu viel verlangt gewesen. Aber Sie hätten doch wenigstens begreifen müssen, wie ernst und stark dieses Mädchen – Sie ... sich zu Ihnen verhielt: sie wollte sich nicht mit einer anderen in Ihre Liebe teilen und Sie ... Sie konnten einen so kostbaren Schatz verlassen, konnten es zulassen, daß er in Trümmer ging!“

„Ja, ja, Sie haben recht! Ja, es war meine Schuld,“ sagte der Fürst niedergedrückt, „doch wissen Sie: nur sie allein, nur Aglaja sah mit solchen Augen auf Nastassja Filippowna ... Außer ihr sah niemand so auf sie.“

„Das ist aber doch gerade das Empörende an all dem, daß hier wirklich nichts Ernstes vorlag!“ rief Jewgenij Pawlowitsch, der sich von seinem Unwillen entschieden hinreißen ließ. „Verzeihen Sie, Fürst, aber ... ich ... habe darüber nachgedacht, Fürst, und lange nachgedacht. Ich weiß alles, was damals vor einem halben Jahre gewesen ist, alles, alles, und – alles das war nichts Ernstes! Es war nichts als eine gedankliche Ekstase, ein Bild, eine Phantasie, war Rausch, wenn Sie wollen, und nur die erschrockene, angstvolle Eifersucht eines vollkommen unerfahrenen Mädchens konnte es für etwas Ernsthaftes halten!“

Jewgenij Pawlowitsch tat seinem Unwillen keinen Zwang mehr an und drückte seine Gedanken offen und mit ganzer Schonungslosigkeit aus. Verständig und klar und sogar mit auffallendem psychologischem Scharfblick erklärte er dem Fürsten dessen Beziehungen zu Nastassja Filippowna, so wie er sie auffaßte. Jewgenij Pawlowitsch hatte sich von jeher der Gabe des Wortes erfreut, und wenn er Reden hielt, konnte er mitunter sogar überzeugend reden.

„Es begann bei Ihnen mit einer Lüge, und was mit einer Lüge beginnt, das muß auch mit einer Lüge enden: das ist ein Naturgesetz. Wenn man Sie – verzeihen Sie, Fürst – einen Idioten nennt, so kann ich diesen ... Leuten – gleichviel wer es tut – nicht beistimmen ... ich ärgere mich vielmehr aufrichtig darüber. Sie sind viel zu klug für diese Bezeichnung; aber Sie sind doch so weit ... sagen wir, absonderlich, daß Sie von den anderen Menschen abstechen – das werden Sie mir doch selbst zugeben? Ich finde, daß gewissermaßen das Fundament zu all diesen weiteren Erlebnissen sich aus folgendem zusammengesetzt hat: erstens aus Ihrer angeborenen Unerfahrenheit – merken Sie sich das Wort ‚angeboren‘, Fürst –, zweitens aus Ihrer ungewöhnlichen Güte, ferner aus dem phänomenalen Mangel an Maßgefühl, was Sie ja auch selbst einmal von sich gesagt haben, und schließlich aus der unendlichen Menge theoretischer Überzeugungen, die Sie in Ihrer ganzen unglaublichen Ehrlichkeit immer noch für wahre, natürliche und unmittelbare Überzeugungen halten. Sie müssen doch zugeben, Fürst, daß in Ihre Beziehungen zu Nastassja Filippowna von Anfang an etwas, sagen wir der Kürze halber – bedingt Demokratisches sich hineingemischt hat, oder sagen wir, es war der Zauber der ‚Frauenfrage‘, um es noch kürzer auszudrücken. Ich bin über jene Skandalszene, die sich bei Nastassja Filippowna damals, vor einem halben Jahre, zugetragen hat, als Rogoshin ihr das Geld brachte, gut unterrichtet. Wenn Sie wollen, werde ich Ihnen Ihre Stimmung und Ihr Verhalten an jenem Abend ganz genau erklären. Sie waren als Jüngling in die Schweiz gekommen – Sie sind ja auch jetzt noch ein Jüngling – und da begannen Sie sich nach der Heimat zurückzusehnen, nach dem Ihnen fast unbekannten, doch um so schwärmerischer von Ihnen geliebten Vaterlande. Sie lasen dort viele Bücher über Rußland, Bücher, die sonst ganz vorzüglich sein mögen, für Sie aber sicherlich schädlich waren. Und so kamen Sie denn in die Heimat im ersten Rausch des Betätigungsdranges, Sie lechzten förmlich nach Betätigung! Und da – an demselben Tage, an dem Sie hier eintrafen, erzählte man Ihnen die traurige, empörende Lebensgeschichte eines beleidigten Weibes – Ihnen, dem Ritter, dem jungfräulichen Ritter – eines Weibes! Und noch am Abend dieses ersten Tages sahen Sie dieses Weib: Sie waren bezaubert von ihrer Erscheinung, ihrer phantastischen, dämonischen Schönheit – ich gebe es ja zu, daß sie eine Schönheit ist. Nehmen Sie jetzt noch dazu Ihre Krankheit, Ihre Nerven, unser Petersburger, auf die Nerven wirkendes Tauwetter; denken Sie an diesen ganzen ersten Tag in der Ihnen unbekannten, fast phantastischen Stadt, den Tag der neuen Bekanntschaften, der unerwarteten Szenen und der unerwarteten Wirklichkeit, den Tag, an dem Sie Jepantschins, deren drei schöne Töchter, und darunter eine Aglaja, kennen lernten; fügen Sie jetzt noch Ihre Müdigkeit, Ihr Kopfweh nach der Eisenbahnfahrt hinzu, dann Nastassja Filippownas Salon und den Ton in diesem Salon ... was konnten Sie nach alledem noch von sich erwarten, was meinen Sie?“

„Ja, ja; ja, ja,“ der Fürst nickte wieder mit dem Kopf, und er begann zu erröten, „fast war es ja auch so; und wissen Sie, ich hatte die Nacht vorher im Waggon wirklich nicht geschlafen, und ich war sehr abgespannt ...“

„Aber das ist es ja, worauf ich meine Behauptung aufgebaut habe!“ fuhr Jewgenij Pawlowitsch eifrig fort. „Es liegt doch auf der Hand, daß Sie im Rausch der Begeisterung die erste Gelegenheit ergriffen, mit Begeisterung ergriffen, um öffentlich Ihre großmütige Auffassung zu bezeugen, daß Sie, ein Fürst aus altem Geschlecht und ein reiner Mensch, dieses Weib, das nicht durch eigene Schuld gefallen, sondern das ein widerlicher Roué geschändet hatte, nicht für ehrlos hielten. O Gott, aber das ist doch so verständlich! Doch nicht darum handelt es sich jetzt, lieber Fürst, sondern es handelt sich um eine ganz andere Frage, und die ist: lag Ihrem Gefühl Wahrheit zugrunde, war es Natur, oder war es nichts als gedankliche Begeisterung, Berauschung? Im Tempel ward einst jenem Weibe verziehen, aber ihr Tun ward doch nicht gutgeheißen, es ward ihr doch nicht gesagt, daß sie aller Ehren und Achtung wert sei, was meinen Sie? Hat Ihnen denn nicht Ihr eigener gesunder Verstand nach drei Monaten gesagt, um was es sich hier handelte? Mag sie jetzt auch unschuldig sein – ich will da weiter nicht richten –, aber können denn alle ihre Abenteuer einen so unerträglichen, teuflischen Stolz, einen so unverhohlenen, gierigen Egoismus rechtfertigen? Verzeihen Sie, Fürst, ich lasse mich hinreißen, aber ...“

„Ja, das kann ja alles so sein, vielleicht haben Sie auch recht ...“ murmelte der Fürst. „Sie ist wirklich sehr nervös und reizbar und Sie haben recht, natürlich, aber ...“

„Aber sie hat Mitleid verdient? Ist es nicht das, was Sie sagen wollen? Doch wie durften Sie dann um dieses Mitleids willen, was Sie mit dieser empfanden, einem anderen, reinen, hochstehenden Mädchen diese Schmach antun, und das noch vor den Augen der ihr so Verhaßten – jener Hochmütigen? Auch das Mitleid muß doch eine Grenze haben! Das ist doch eine unglaubliche Übertreibung! Und wie ist es denn möglich, daß man ein Mädchen, welches man liebt, vor ihrer Rivalin so erniedrigen kann, daß man sie um der anderen willen verläßt, und das noch vor den Augen dieser anderen, nachdem man sie in Ehren um ihre Hand gebeten hat ... Und Sie haben doch in Gegenwart ihrer Eltern und Schwestern um sie angehalten! Sind Sie nun Ihrer Meinung nach noch ein Ehrenmann, Fürst, erlauben Sie, daß ich Sie danach frage? Und ... und haben Sie dann dieses herrliche Mädchen nicht betrogen, indem Sie es Ihrer Liebe versicherten?“

„Ja, ja, Sie haben recht, ach, ich fühle es, daß ich an allem schuld bin!“ sagte der Fürst in unsäglichem Schmerz.

„Aber was hilft das jetzt!“ rief Jewgenij Pawlowitsch unwillig. „Genügt denn das, nur auszurufen: ‚Ach, ich bin an allem schuld!‘? Sie sind es, und dennoch bleiben Sie dabei! Und wo war denn damals Ihr Herz, Ihr ‚christliches‘ Herz? Sie sahen doch ihr Gesicht in dem Augenblick: wie, litt sie etwa weniger als jene, jene andere? Wie konnten Sie es denn sehen und doch zulassen? Wie?“

„Ja, aber ... ich ließ es ja auch gar nicht zu,“ murmelte der Fürst.

„Wie das, wieso ließen Sie es nicht zu?“

„Ich, bei Gott, ich habe nichts zugelassen. Ich begreife bis jetzt noch nicht, wie das alles gekommen ist ... ich ... ich eilte damals Aglaja Iwanowna nach, aber da fiel Nastassja Filippowna in Ohnmacht. Und dann hat man mich bis jetzt noch nicht zu Aglaja Iwanowna gelassen.“

„Gleichviel! Sie hätten Aglaja nacheilen sollen, und wenn die andere auch hundertmal in Ohnmacht fiel!“

„Ja ... ja, ich hätte ... aber sie wäre dann doch gestorben! Sie hätte sich umgebracht, Sie kennen sie nicht, und ... ich hätte ja doch später Aglaja Iwanowna sowieso alles erklärt und ... sehen Sie, Jewgenij Pawlowitsch, ich sehe, daß Sie, wie es scheint, doch nicht alles wissen. Sagen Sie, weshalb läßt man mich nicht zu Aglaja Iwanowna? Ich würde ihr alles erklären. Sehen Sie: beide sprachen sie damals von etwas anderem, nicht davon, sondern von etwas ganz anderem, ganz anderem. Deshalb kam es auch dazu ... Ich kann Ihnen das wirklich nicht erklären ... aber ich, vielleicht könnte ich es ihr erklären, Aglaja ... O, mein Gott, mein Gott! Sie sprechen von ihrem Gesicht in jenem Augenblick als sie hinauslief ... o, mein Gott, ich entsinne mich noch so genau! ... Gehen wir, gehen wir!“ rief er plötzlich, Jewgenij Pawlowitsch am Ärmel ziehend, nachdem er aufgesprungen war.

„Wohin?“

„Gehen wir zu Aglaja Iwanowna, sofort, kommen Sie doch! ...“

„Aber sie ist ja gar nicht mehr in Pawlowsk, das habe ich Ihnen doch schon gesagt. Und was wollen Sie dort?“

„Sie wird es verstehen, sie wird es verstehen!“ beteuerte der Fürst flehend, und wie beschwörend faltete er die Hände. „Sie wird es verstehen, daß alles das nicht das ist, sondern etwas ganz, ganz anderes!“

„Inwiefern etwas ganz anderes? Sie werden doch heiraten? Folglich bleiben Sie dabei. Werden Sie heiraten oder werden Sie nicht heiraten?“

„Nun, ja ... ich werde; ja ich werde heiraten!“

„Also wie soll es dann nicht das sein?“

„O, nein, es ist nicht das, es ist nicht das! Das, das ist ganz gleichgültig, daß ich heirate, das hat doch nichts zu sagen!“

„Wie das: nichts zu sagen? Es ist doch kein Kinderspiel! Sie heiraten das geliebte Weib, um es glücklich zu machen, und Aglaja Iwanowna sieht das und weiß das – wie können Sie also sagen, daß es nichts zu sagen habe?“

„Glücklich zu machen? O nein! Ich heirate sie einfach; sie will es; und was ist denn dabei, daß ich heirate? Ich ... Nun, ja ... das ist doch ganz gleichgültig! Nur wäre sie bestimmt gestorben. Ich sehe jetzt ein, daß ihre Heirat mit Rogoshin einfach Wahnsinn gewesen wäre! Ich habe jetzt alles begriffen, was ich früher nicht zu begreifen vermochte, und sehen Sie: als sie sich damals beide gegenüberstanden, da konnte ich Nastassja Filippownas Gesicht nicht ertragen ... Sie erklärten vorhin ganz richtig jenen Abend vor einem halben Jahr bei Nastassja Filippowna; nur war da noch etwas, das Sie ausgelassen haben, weil Sie es nicht wissen: ich sah in ihr Gesicht! Schon am Morgen, bei Jepantschins, konnte ich es nicht ertragen. Die Wjera ... Wjera Lebedewa, die hat ganz andere Augen ... Ich ... ich fürchte ihr Gesicht!“ fügte er mit unheimlichem Grauen hinzu.

„Sie fürchten? ...“

„Ja; sie ist wahnsinnig!“ flüsterte der Fürst erbleichend.

„Wissen Sie das genau?“ fragte Jewgenij Pawlowitsch mit ungeheurem Interesse.

„Ja, ganz genau, jetzt weiß ich es, gerade jetzt, in diesen Tagen habe ich es mit völliger Sicherheit feststellen können!“

„Was wollen Sie dann mit sich beginnen?“ rief Jewgenij Pawlowitsch erschrocken. „Dann heiraten Sie sie also nur aus Angst? Da werde einer daraus klug! ... Vielleicht sogar, ohne sie zu lieben?“

„O nein, ich liebe sie mit ganzer Seele! Sie ist doch ... ein Kind! Jetzt ist sie ja ein vollständiges Kind! Oh, Sie wissen ja noch nichts!“

„Und zu gleicher Zeit haben Sie Aglaja Iwanowna Ihrer Liebe versichert?“

„O ja, ja!“

„Aber hören Sie, Fürst, um Gotteswillen, was reden Sie, besinnen Sie sich!“

„Ich kann ohne Aglaja ... ich muß sie unbedingt sehen, ich muß sie sprechen! Ich ... ich werde bald sterben ... im Schlaf, ich glaubte schon, daß ich in dieser Nacht im Schlaf sterben würde. Oh, wenn Aglaja wüßte, wenn sie alles wüßte ... aber unbedingt alles! Denn hier muß man unbedingt alles wissen, das ist die erste Bedingung! Weshalb können wir nie alles vom anderen erfahren, wenn es doch so nötig ist – und wenn noch der andere schuld ist! Ich ... übrigens weiß ich selbst nicht, was ich rede, ich bin ganz wirr ... Sie haben mich so erschüttert ... Sollte sie jetzt wirklich noch solch ein Gesicht haben, wie damals, als sie hinauslief? O ja, ich bin schuld! Am wahrscheinlichsten ist, daß ich allein an allem schuld bin. Ich weiß zwar noch nicht genau, worin meine Schuld besteht ... Hier ist etwas, das ich Ihnen nicht erklären kann, Jewgenij Pawlowitsch, ich habe keine Worte und verstehe nicht zu sprechen, aber ... Aglaja Iwanowna wird alles verstehen! Oh, ich habe immer daran geglaubt, daß sie alles verstehen wird!“

„Nein, Fürst, sie wird Sie nicht verstehen. Aglaja Iwanowna liebte Sie, wie ein Weib, wie ein Mensch liebt, und nicht wie ein ... abstrakter Geist. Wissen Sie was, mein armer Fürst: am wahrscheinlichsten ist, daß Sie weder die eine noch die andere jemals geliebt haben.“

„Ich weiß nicht ... vielleicht ... vielleicht haben Sie in vielem recht, Jewgenij Pawlowitsch. Sie sind ein sehr kluger Mensch, Jewgenij Pawlowitsch. Oh, mein Kopf fängt wieder an zu schmerzen! Gehen wir zu ihr! Um Gotteswillen, um Gotteswillen!“

„Aber ich habe Ihnen doch gesagt, daß sie nicht in Pawlowsk ist, sie ist in Kolmino!“

„Fahren wir dann nach Kolmino, fahren wir sofort!“

„Das ist un–möglich!“ sagte Jewgenij Pawlowitsch langsam, und er erhob sich von seinem Platz.

„Hören Sie, ich werde ihr einen Brief schreiben, bringen Sie ihn hin!“

„Nein, Fürst, nein! Verschonen Sie mich mit solchen Aufträgen, ich kann nicht!“

Sie schieden: Jewgenij Pawlowitsch verließ ihn mit einer festen Überzeugung: seiner Ansicht nach war der Fürst nicht bei vollem Verstande.

„Und was hat dieses Gesicht zu bedeuten, das er so fürchtet und gleichzeitig so liebt?“ fragte er sich verwundert. „Und dabei wird er vielleicht doch noch sterben ohne Aglaja, so daß sie vielleicht nie erfahren wird, wie sehr er sie liebt! Haha! Und wie kann er nur zwei auf einmal lieben? Mit irgendwelchen zwei verschiedenen Arten von Liebe etwa? Das ist interessant ... Armer Idiot! Was aus ihm jetzt wohl noch werden wird?“

X.

Indessen starb der Fürst weder im Traum noch in der Wirklichkeit. Es ist möglich, daß er in dieser Zeit schlecht schlief und schlechte Träume hatte. Doch am Tage und unter Menschen war er immer freundlich und schien sogar zufrieden zu sein. Nur bisweilen war er ganz in Gedanken versunken, doch geschah das gewöhnlich nur dann, wenn er allein in seinem Zimmer saß. Die Vorbereitungen zur Hochzeit, die etwa eine Woche nach dem Besuch Jewgenij Pawlowitschs stattfinden sollte, wurden eifrig und eilig betrieben. Angesichts dieser Eile aber mußten wohl selbst die besten Freunde des Fürsten, falls es solche überhaupt noch gab, ihre Bemühungen, den unglücklichen Sonderling zu „retten“, aufgeben. Es ging das Gerücht, daß Jewgenij Pawlowitsch zum Teil auch vom General Iwan Fedorowitsch und dessen Gattin Lisaweta Prokofjewna zu diesem Besuch beim Fürsten veranlaßt worden war. Aber selbst wenn diese beiden in ihrer großen Herzensgüte den „armen Jungen“ von jenem Abgrunde hätten zurückhalten wollen, in den er sich hinabzustürzen im Begriff war, so mußten sie sich doch mit diesem einen schwachen Versuch begnügen: die Rücksicht auf ihre Stellung würde ihnen schwerlich ernstliche Bemühungen erlaubt haben, auch wenn ihr verwundetes Elternherz die Kränkung ganz hätte vergessen können, was wohl ausgeschlossen war. Wie bereits erwähnt, hatte sich sogar Wjera Lebedewa von dem Fürsten abgewandt, wenn auch nicht so sehr aus Ärger, als aus Kummer über ihn, was sich freilich nur darin ausdrückte, daß sie, wenn sie allein war, still über ihn weinte und seltener in seiner Wohnung erschien. Koljä verlor in dieser Zeit seinen Vater: der alte General starb an einem zweiten Schlaganfall, acht Tage nach dem ersten. Der Fürst nahm großen Anteil an dem Leide, das Nina Alexandrowna betroffen hatte. In den ersten Tagen verbrachte er mehrere Stunden bei ihr und wohnte sowohl dem Begräbnis wie der Totenmesse bei. Es fiel allgemein auf, daß das Publikum in der Kirche beim Eintritt des Fürsten unwillig flüsterte, und ebenso, als er die Kirche verließ. Dasselbe geschah jetzt auch auf der Straße, im Park, und wo er sich nur zeigte: wenn er vorüberging oder -fuhr, steckte man sofort die Köpfe zusammen, um zu tuscheln und mit dem Finger nach ihm zu weisen. Man nannte dann seinen Namen, sowie den Nastassja Filippownas. In der Kirche suchte man sie übrigens in seiner Nähe, doch war sie nicht erschienen. Desgleichen schaute man vergeblich nach der Kapitanscha aus, der Freundin des Verstorbenen, doch Lebedeff hatte sie noch rechtzeitig zurückdrängen und ihr einen „anderen Standpunkt“ klarmachen können. Die Totenmesse machte auf den Fürsten einen ergreifenden, aber krankhaften Eindruck. Auf Lebedeffs leise geflüsterte Frage antwortete er ebenso leise, daß er zum erstenmal einer russischen Totenmesse beiwohne; in der Kindheit sei er wohl einmal bei der Feier zugegen gewesen, und zwar in einer Dorfkirche, doch entsinne er sich ihrer kaum noch.

„Ja, das ist schon so ... und wenn man bedenkt, daß das da im Sarge derselbe Mensch ist, den wir noch vor kurzem unter uns gehabt haben – wissen Sie noch, damals an Ihrem Geburtstage?“ flüsterte Lebedeff dem Fürsten weiter zu. „Doch – wen suchen Sie?“

„N–ein, nichts, es schien mir nur so ...“

„Rogoshin vielleicht?“

„Ist er hier?“

„Jawohl, in der Kirche.“

„Deshalb ... es war mir, als hätte ich seine Augen gesehen,“ murmelte der Fürst verwirrt. „Aber wie ... wie kommt er hierher? Hat man ihn eingeladen?“

„Nicht gedacht daran! Er ist doch kein Bekannter der Familie. Hier sind aber alle möglichen Leute, eben Publikum. Weshalb wundert Sie das? Ich begegne ihm jetzt sehr oft: in der letzten Woche habe ich ihn etwa viermal hier in Pawlowsk gesehen.“

„Ich habe ihn noch kein einziges Mal gesehen ... seit jenem Tage,“ murmelte der Fürst.

Auch Nastassja Filippowna hatte ihm noch kein einziges Mal gesagt, daß sie Rogoshin nach „jenem Tage“ gesehen hätte. Der Fürst schloß daraus, daß Rogoshin sich ihnen absichtlich nicht zeigen wollte. Von dem Tag und Augenblick an, da er Rogoshin gesehen, war der Fürst in Gedanken versunken. Nastassja Filippowna war dagegen von diesem Tage und Abend an ausnehmend lustig. –

Koljä, der sich mit dem Fürsten schon vor dem Tode seines Vaters wieder ausgesöhnt hatte, war es gewesen, der diesem – zumal die Sache so eilig war – Keller und Burdowskij als Trauzeugen vorgeschlagen hatte. Er bürgte für Keller, daß dieser sich „anständig aufführen“ würde: eventuell „käme er sogar zustatten“. Burdowskij aber sei ein stiller, bescheidener Mensch, der seine Aufgabe auch gut erledigen würde. Nina Alexandrowna und Lebedeff machten zwar den Fürsten darauf aufmerksam – da nun die Hochzeit einmal beschlossen und auch der Tag bereits festgesetzt war –, daß es schließlich nicht notwendig sei, sich gerade in Pawlowsk und noch mitten im Sommer und so öffentlich trauen zu lassen. Und sie warfen die Frage auf, ob da nicht Petersburg vorzuziehen sei – und vielleicht sogar eine Trauung im Hause? Der Fürst erriet natürlich ihre Befürchtungen, antwortete jedoch nur kurz und einfach, daß es der ausdrückliche Wunsch Nastassja Filippownas sei, in Pawlowsk und öffentlich getraut zu werden.

Am Tage darauf erschien Keller beim Fürsten. Er war bereits davon benachrichtigt, daß der Fürst ihn zum Trauzeugen gewählt hatte. Bevor er jedoch eintrat, blieb er stramm auf der Türschwelle stehen. Als er dann den Fürsten erblickte, erhob er die rechte Hand, drei Finger aufrecht, wie zum Schwur, und sagte, als leiste er einen Eid:

„Keinen Tropfen!“

Darauf trat er militärisch auf den Fürsten zu, drückte und schüttelte ihm kraftvoll beide Hände und erklärte, daß er zuerst, als er von dieser Heirat erfahren, ihr natürlich feindlich gegenübergestanden, was er auch beim Billardspiel offen erklärt habe, beides aber aus keinem anderen Grund als dem einen, daß er als aufrichtiger Freund den Fürsten täglich mit keiner anderen verlobt zu sehen gewünscht habe, als mit einer Prinzessin; jetzt aber sehe er ein, daß der Fürst zum allermindesten zwölfmal edler denke, als er und die übrigen „allesamt“! Denn er, der Fürst, bedürfe nicht des Glanzes und Reichtums und nicht einmal der Ehren, sondern einzig – der Wahrheit! Die Gründe der Sympathien Hochgestellter seien nur zu bekannt, der Fürst aber stehe allein schon infolge seiner Bildung höher als alle Hochgestellten, im allgemeinen gesprochen. „Doch der Pöbel urteilt anders!“ fuhr er fort. In ganz Pawlowsk sei von nichts anderem die Rede, als von dieser bevorstehenden Hochzeit. Ja, man wolle sogar in der ersten Nacht eine Katzenmusik unter seinen Fenstern machen usw. usw. Und wenn der Fürst der Pistole eines Verteidigers bedürfe, so sei er, Keller, sofort bereit, ein halbes Dutzend Kugeln in die Menge zu feuern, oder ebenso vielen seine Brust zu bieten. Ferner habe er Lebedeff den Rat erteilt, auf dem Hofe seiner Datsche eine Feuerspritze in Bereitschaft zu halten, um bei der Rückkehr aus der Kirche die Volksmenge in Respekt zu halten, doch Lebedeff habe sich dem widersetzt. „Gott soll mich davor bewahren,“ habe er gesagt, „dann bliebe von meinem ganzen Hause kein Splitter mehr übrig.“

„Aber dieser Lebedeff intrigiert gegen Sie, bei Gott, Fürst!“ beteuerte Keller. „Er will Sie unter Vormundschaft stellen – können Sie sich das vorstellen? – und nicht nur Sie allein, sondern auch Ihren freien Willen und Ihr Geld – also Sie mitsamt den zwei wichtigsten Dingen, die einen jeden von uns von den Vierfüßlern unterscheiden! Ich weiß es ganz genau! Wahrhaftig! Es ist so!“

Der Fürst entsann sich, auch selbst schon etwas Ähnliches gehört zu haben, doch hatte er es natürlich nicht weiter beachtet. Auch über Kellers Mitteilung lachte er nur und vergaß sie sogleich wieder. Lebedeff hatte sich eine Zeitlang tatsächlich mit diesem Gedanken getragen. Die Pläne dieses Menschen entstanden immer irgendwie auf höhere Eingebung – „aus reinster Begeisterung“, wie er selbst behauptete –, doch sein Übereifer verkomplizierte sie sogleich, worauf sie sich dann immer mehr verzweigten und von dem Ausgangspunkt in alle nur möglichen Richtungen sich entfernten. Deshalb gelang ihm auch selten etwas Größeres im Leben. Als er dann später, am Tage vor der Hochzeit, zum Fürsten kam – er hatte die Angewohnheit, stets zu denjenigen gleichsam zur Beichte zu gehen, gegen die er intrigiert hatte, namentlich wenn ihm die Intrige mißlungen war –, erklärte er ihm, daß er zweifellos zu einem Talleyrand geboren sei, selbst sich aber nicht zu erklären vermöge, warum er bloß ein Lebedeff geblieben sei. Darauf deckte er ihm seine ganze Intrige auf, die den Fürsten natürlich sehr interessierte. Nach seinen Worten hatte er damit begonnen, daß er sich die Protektion hochgestellter Personen zu sichern gesucht, auf die er sich im Notfall hätte stützen können. So war er zuerst zum General Jepantschin gegangen. Dieser sei sehr verwundert gewesen, habe dem „jungen Manne“ alles Gute gewünscht, jedoch kategorisch erklärt, daß er, „so sehr er ihn auch zu retten wünschte“, sich ein Einmischen in die Angelegenheiten des Fürsten „aus wohl recht begreiflichen Gründen“ nicht erlauben könne. Lisaweta Prokofjewna aber habe ihn weder anhören noch sehen wollen, und Jewgenij Pawlowitsch wie auch Fürst Sch. hätten nur mit den Händen abgewinkt. Dessenungeachtet habe er, Lebedeff, den Mut jedoch nicht sinken lassen und sich zu einem Juristen comme il faut und ehrenwerten Greise – seinem großen Freunde und fast sogar Wohltäter – begeben, um sich mit diesem zu beraten. Dieser habe die Sache „für durchaus durchführbar“ erklärt, wofern er kompetente Zeugen für die geistige Unzurechnungsfähigkeit des Fürsten oder dessen Wahnsinn aufstellen könne – doch die Hauptsache bliebe nichtsdestoweniger die höhere Protektion. Lebedeff hatte hierauf einen Arzt – einen bejahrten Herrn mit dem Annenorden auf der Brust, der gleichfalls in Pawlowsk seine Datsche besaß – „einzig zu dem Zweck, um vorläufig, ganz harmlos und freundschaftlich, einmal zu sondieren“, zum Fürsten gebracht, mit der Bitte, ihm nachher unter vier Augen sein ärztliches Urteil zu sagen. Der Fürst entsann sich noch sehr gut dieses Besuchs: Lebedeff hatte ihm am Abend vorher hoch und heilig versichert, daß er krank sei und eine Arznei einnehmen müsse, doch der Fürst war dazu nicht zu bewegen gewesen. Da war Lebedeff am nächsten Morgen mit besagtem Arzt beim Fürsten erschienen, unter dem Vorwande, daß der Herr Doktor, mit dem er soeben bei Hippolyt Terentjeff gewesen, dem Fürsten über den Zustand des Kranken einiges mitteilen wolle. Der Fürst hatte Lebedeff seinen Dank ausgesprochen und den Arzt sehr freundlich empfangen. Der Arzt hatte ihn gebeten, ihm jenen Selbstmordversuch Hippolyts ausführlicher zu schildern, und der Fürst hatte ihn durch seine Wiedergabe ungemein zu interessieren gewußt. Darauf war das Gespräch auf das Petersburger Klima übergegangen, dann hatten sie von der Krankheit des Fürsten gesprochen, über die Schweiz und den Professor Schneider. Der Fürst hatte ihm Schneiders Heilmethode erklärt und das Interesse des Arztes in solchem Maße gefesselt, daß dieser ganze zwei Stunden bei ihm geblieben war. Bei der Gelegenheit hatte er die wundervollen Zigarren geraucht, die ihm der Fürst angeboten, und den vorzüglichen Likör getrunken, den Wjera Lebedewa gebracht hatte, wofür er ihr, obgleich er ein älterer verheirateter Mann und Familienvater war, ganz besondere Komplimente gesagt, so daß Wjera tief empört hinausgegangen war. Vom Fürsten hatte er sich in der freundschaftlichsten Weise verabschiedet, um darauf Lebedeff unter vier Augen zu fragen, wen man denn zu Vormündern wählen sollte, wenn man solche Leute, wie den Fürsten, unter Vormundschaft stellen wollte. Auf Lebedeffs geradezu tragische Darstellung des Bevorstehenden, hatte der Arzt nur lächelnd gemeint, daß noch ganz andere Damen geheiratet würden, daß Nastassja Filippowna, wenigstens soviel er gehört habe, eine berückende Schönheit sei, was allein schon als Erklärung genügen würde: außerdem besitze sie aber auch noch Geld von Tozkij und Rogoshin, besitze Perlen und Brillanten, kostbare Möbel und Teppiche und Kunstwerke ... deshalb beweise diese Wahl des Fürsten nicht etwa Dummheit oder Wahnsinn, sondern sogar einen sehr praktischen Sinn und offenen Kopf, weshalb er, der Arzt, das gewünschte Attest nicht ausstellen könne ... Und damit war er weggegangen. Lebedeff aber war ganz verdutzt zurückgeblieben, bis er sich dann gesammelt und mit dem Finger vor die Stirn getippt hatte – „denn das war ein Gedanke,“ erzählte er dem Fürsten, „jetzt aber,“ fuhr er fort, „jetzt aber werden Sie außer innigster Ergebenheit und aufrichtigster Bereitwilligkeit zu jedem Opfer nichts anderes von mir erfahren, dessen versichere ich Sie – sintemal es der Zweck meines Besuchs war, Sie dessen zu versichern.“

Auch Hippolyt hatte den Fürsten in diesen letzten Tagen durch seine häufigen Aufforderungen, ihn zu besuchen, vom einsamen Grübeln abgelenkt. Die Kapitanscha hatte mit ihren übrigen drei Kindern gleichfalls Petersburg verlassen und in Pawlowsk ein kleines Häuschen gemietet, wo sie nun wieder alle zusammen lebten. Hippolyts kleine Geschwister flüchteten vor dem tyrannischen Bruder in den Garten, und so konnte er ihnen nichts anhaben; dafür aber war die arme Kapitanscha ihm vollkommen preisgegeben und wurde natürlich sehr durch seine Launen gequält. Der Fürst mußte ewig den Friedensrichter spielen, wofür ihn Hippolyt seine „Kinderfrau“ nannte, was ein Ausdruck seiner dankbaren Anerkennung sein sollte; doch gleichzeitig schien er es vor sich selbst nicht zu wagen, ihn wegen dieser Rolle des Friedensstifters – nun, sagen wir, nicht zu verachten. Über Koljä war er einfach empört, weil dieser sich fast gar nicht bei ihm zeigte. Auf die Einwendungen des Fürsten, daß es doch nur natürlich sei, wenn er bei seinem sterbenden Vater, und nach dessen Tode bei seiner verwitweten Mutter bliebe, entgegnete Hippolyt nichts, doch sah man es ihm an, daß er diese Erklärungen nicht gelten lassen wollte. Endlich wählte der Kranke zur Zielscheibe seines Spottes die bevorstehende Hochzeit des Fürsten und verletzte und beleidigte ihn so lange, bis dieser schließlich seine Geduld verlor und bei sich beschloß, ihn nicht mehr zu besuchen. Doch schon am zweiten Tage erschien die Kapitanscha in Tränen aufgelöst beim Fürsten und bat ihn flehentlich, doch wieder hinzukommen, da ihr Sohn sie sonst noch umbringen würde. Sie fügte hinzu, daß er ihm ein großes Geheimnis mitzuteilen habe. Der Fürst ging. Hippolyt wünschte, sich mit ihm zu versöhnen und vergoß Tränen, nach den Tränen aber ärgerte er sich sogleich wieder über den Fürsten, nur wagte er diesmal nicht, seinen Ärger offen zu zeigen. Sein Zustand war sehr schlecht: alle Symptome deuteten darauf hin, daß er jetzt bald sterben würde. Ein „großes Geheimnis“ hatte er nicht mitzuteilen: alles, was er zu sagen hatte, waren vor Aufregung – einer vielleicht künstlich vorgetäuschten Aufregung – geradezu atemlose, stürmische, drängende Bitten, sich „vor Rogoshin in acht zu nehmen“.

„Dieser Mensch ist nicht so einer, der sich das Seinige nehmen läßt! Der ist nicht von unserer Sorte, Fürst! Wenn der etwas will, dann wird er vor nichts mehr zurückschrecken!“ usw. usw.

Der Fürst bat ihn um nähere Erklärungen, bat um Beweise, Anhaltspunkte, doch Hippolyt konnte ihm hierauf nichts anderes sagen, als daß es seine persönlichen Empfindungen und Eindrücke wären. Zu seiner großen Genugtuung gelang es ihm zum Schluß, den Fürsten unsäglich zu erschrecken. Zuerst hatte der Fürst auf einzelne seiner Fragen nicht antworten wollen und über den Rat, so schnell wie möglich ins Ausland zu fliehen und sich dort irgendwo von einem russischen Geistlichen trauen zu lassen, nur gelächelt. Darüber hatte sich Hippolyt dann geärgert.

„Ich fürchte ja doch nur für Aglaja Iwanowna!“ hatte er gesagt. „Rogoshin weiß ganz genau, wie sehr Sie sie lieben. Also Liebe gegen Liebe: Sie haben ihm Nastassja Filippowna genommen – dafür wird er Aglaja Iwanowna ermorden, denn wenn sie jetzt auch nicht Ihnen gehört, so wäre es für Sie doch ein schwerer Schlag, nicht wahr?“

Und damit hatte er endlich sein Ziel erreicht: der Fürst war wie halb wahnsinnig von ihm fortgegangen.

Das war am Abend vor der Hochzeit gewesen. Der Fürst begab sich zu Nastassja Filippowna, doch auch sie war nicht imstande, ihn zu beruhigen – im Gegenteil: in der letzten Zeit hatte sie seine innere Unruhe nur vergrößert. Früher, d. h. zu Anfang ihrer Brautschaft und noch vor ein paar Tagen, hatte sie, wenn er bei ihr war, sich geradezu krampfhaft angestrengt, ihn mit allem möglichen zu erheitern, da die Traurigkeit in seinen Augen sie entsetzlich quälte. Sie hatte sogar versucht, ihm Lieder vorzusingen, um ihn zu zerstreuen – doch am häufigsten erzählte sie ihm heitere Geschichten und alles, was ihr nur Spaßiges einfiel. Der Fürst tat dann immer, als lache er aufrichtig, bisweilen aber mußte er auch wirklich lachen über ihre amüsante Art zu erzählen, wenn sie sich hinreißen ließ – und sie ließ sich oft hinreißen. – Dann freute er sich über ihre Beobachtungsgabe und ihren guten und geistreichen Humor. Wenn sie ihn dann lachen sah und merkte, daß ihre Erzählung ihm gefallen hatte, war sie immer ganz begeistert und ganz stolz. Doch je näher dann der Hochzeitstag heranrückte, um so nachdenklicher und düsterer wurde ihr Gesicht, das dem Fürsten fast mit jeder Stunde trauriger erschien. Wenn er nicht seine bestimmte Meinung über sie gehabt hätte, wäre ihm jetzt wohl alles an ihr rätselhaft und unheimlich erschienen, doch so glaubte er unerschütterlich daran, daß sie noch „auferstehen“ könne. Er hatte Jewgenij Pawlowitsch die Wahrheit gesagt: daß er sie aufrichtig liebe. Doch seine Liebe zu ihr war wie die Liebe zu einem armen kranken Kinde, das man unmöglich ganz verlassen kann. Er erklärte niemandem die Gefühle, die er für sie empfand, auch ihr nicht. Überhaupt sprachen sie beide nie von „Gefühlen“, ganz als hätten sie sich gegenseitig geschworen, über diesen Punkt zu schweigen. An ihrer gewöhnlichen Unterhaltung, die heiter und lebhaft war, konnte ein jeder teilnehmen. Wie Darja Alexejewna später erzählte, hatte sie ihre wahre Freude an ihnen gehabt und sich nicht sattsehen können an ihnen.

Die Auffassung, die der Fürst von Nastassja Filippownas seelischem und geistigem Zustande hatte, bewahrte ihn zum Teil auch vor vielen sonst sehr leicht möglichen Mißverständnissen. Er sah jetzt ein ganz anderes Weib vor sich, als jenes, das er vor drei Monaten gekannt hatte. Deshalb dachte er jetzt auch nicht mehr darüber nach, weshalb sie damals kurz vor der Trauung mit ihm, nach Tränen, Verwünschungen und Vorwürfen, davongelaufen war. „Also fürchtet sie jetzt nicht mehr, daß ich durch diese Heirat unglücklich werden könnte,“ dachte der Fürst. Ein so plötzlicher Glaube an sich konnte aber seiner Meinung nach nicht natürlich bei ihr sein. Und einzig auf ihren Haß gegen Aglaja konnte er diesen Glauben doch auch nicht zurückführen: Nastassja Filippownas Gefühle waren tiefer, das wußte er. Und auch nicht auf die Angst vor Rogoshin? Nein! Unmöglich! Alle diese Gründe konnten möglicherweise einiges dazu beitragen, doch war es ihm vollkommen klar, daß hier gerade das vor sich ging, was er schon lange geahnt und was ihre arme kranke Seele nicht ertragen hatte. Diese Erkenntnis aber konnte ihm, wenn sie ihn auch vor Mißverständnissen bewahrte, keine Ruhe gewähren ... nicht einmal aufatmen konnte er. Oft schien er sich zu bemühen, an nichts zu denken. Die Ehe betrachtete er offenbar nur als irgendeine unwichtige Formalität; sein eigenes Schicksal aber schätzte er gar zu gering, um darüber nachzudenken. Was jedoch seine Antworten auf direkte Fragen, zum Beispiel sein Gespräch mit Jewgenij Pawlowitsch betraf, so fühlte er sich in diesen Fragen vollkommen unkompetent, und deshalb vermied er auch alle ähnlichen Gespräche.

Er hatte übrigens bemerkt, daß Nastassja Filippowna sehr gut begriff, was Aglaja für ihn war. Sie sprach nur nicht davon, aber er erriet es aus ihrem Blick, wenn sie sah, daß er aufbrach, um wieder zu Jepantschins zu gehen. Als diese dann Pawlowsk verließen, atmete sie geradezu wie erlöst auf. Wie harmlos der Fürst aber auch sonst sein mochte, in diesem Fall hatte ihn doch der Gedanke beunruhigt, Nastassja Filippowna könnte sich zu irgendeinem Skandal entschließen, um Aglaja einen weiteren Aufenthalt in Pawlowsk unmöglich zu machen. Wurde doch das Gerede über die bevorstehende Hochzeit zum Teil von Nastassja Filippowna mit Absicht geschürt, um ihre Rivalin zu reizen und zu kränken. Da nun Jepantschins nach dem Ereignis weder im Park noch sonstwo anzutreffen waren, hatte Nastassja Filippowna beschlossen, einmal, wenn sie mit dem Fürsten spazierenfuhr, an der Villa Jepantschin vorüberzufahren. Der Fürst bemerkte es, wie gewöhnlich, erst dann, als es nicht mehr zu ändern war und der Wagen die Villa bereits erreicht hatte. Er erschrak und erbleichte: er sagte kein Wort, war aber dann zwei Tage krank. Seitdem wiederholte Nastassja Filippowna so etwas nicht mehr. In den letzten Tagen vor der Hochzeit fiel es ihm auf, daß sie oft wie in Gedanken versunken dasaß, wenn sie sich auch immer wieder zusammennahm, die Trübsal verscheuchte und wieder heiter wurde; aber diese Heiterkeit war dann doch stiller, gedämpfter, sie war nicht so glückselig heiter, wie früher – vor noch so kurzer Zeit. Da verdoppelte der Fürst seine Aufmerksamkeit. Es wunderte ihn, daß sie niemals von Rogoshin sprach. Nur ein einziges Mal, etwa fünf Tage vor der Hochzeit, war plötzlich von Darja Alexejewna ein Bote bei ihm erschienen, mit der Bitte, sogleich hinzukommen, da es mit Nastassja Filippowna sehr schlecht stünde. Der Fürst fand sie auch wirklich in einem so beängstigenden Zustande vor, daß er schon glaubte, sie sei jetzt wirklich und vollkommen wahnsinnig geworden: sie schrie, zitterte und beteuerte, Rogoshin sei im Garten oder habe sich im Hause versteckt – und er werde sie in der Nacht umbringen ... ermorden! Den ganzen Tag konnte sie sich nicht beruhigen. Doch zum Glück erfuhr der Fürst am Abend, als er auf einen Augenblick bei Hippolyt versprach, von der Kapitanscha, die gerade aus Petersburg zurückgekommen war, daß Rogoshin bei ihr in ihrer Stadtwohnung gewesen sei und sich nach den Ereignissen in Pawlowsk erkundigt habe. Auf die Frage des Fürsten, wann sie mit ihm gesprochen, nannte die Kapitanscha fast dieselbe Stunde, in der Nastassja Filippowna ihn im Garten zu sehen gemeint hatte. Es war also nur eine Halluzination gewesen. Nastassja Filippowna ging sogleich, nachdem sie das erfahren hatte, selbst zur Kapitanscha, um sich von ihr noch alles Nähere mitteilen zu lassen, und war dann ganz beruhigt.

Am Abend vor der Hochzeit verließ der Fürst sie in bester Stimmung: aus Petersburg waren von der Modistin die Toiletten angelangt, das Brautkleid, der Kopfschmuck usw. usw. Der Fürst hatte es eigentlich nicht erwartet, daß die Toiletten sie in einem solchen Maße interessieren würden. Er selbst lobte alles, was sie ihm zeigte, und sein Lob machte sie noch glücklicher. Da verriet sie ihm plötzlich, daß sie über die Empörung der Pawlowsker vollkommen unterrichtet war, ja sie wußte sogar – sagte sie – daß einzelne Galgenstricke eine Katzenmusik, Spottlieder und was nicht noch alles vorbereiteten und die übrige Gesellschaft es fast guthieß. Nun, und da wollte sie denn jetzt den Kopf noch höher erheben, wollte sie alle blenden durch die Schönheit ihres Gewandes, ihren Geschmack und ihr Auftreten – „mögen sie dann doch schreien und pfeifen, wenn sie es noch wagen!“ Und ihre Augen blitzten bei diesen Worten. Im geheimen dachte sie aber noch an etwas anderes: sie dachte, Aglaja würde vielleicht irgend jemand hinschicken, um, ungesehen von ihr, sie beobachten zu lassen, und Nastassja Filippowna bereitete sich für den Fall vor. Noch ganz mit diesen Gedanken beschäftigt, trennte sie sich gegen elf Uhr vom Fürsten, den sie am nächsten Tage nach altem russischen Brauch nicht früher als in der Kirche wiedersehen sollte. Doch noch hatte es nicht Mitternacht geschlagen, als wieder jemand von Darja Alexejewna zu ihm gelaufen kam: er solle schnell hinkommen, es stehe sehr schlecht. Er fand seine Braut im Schlafzimmer, in Tränen aufgelöst, verzweifelt, rasend. Es verging eine ganze Weile, bis sie überhaupt vernahm, was man hinter der verschlossenen Tür zu ihr sprach; doch dann kam sie zur Tür, ließ nur den Fürsten zu sich ins Zimmer, verschloß sogleich wieder die Tür und warf sich ihm zu Füßen. Wenigstens erzählte so Darja Alexejewna, die einiges gesehen und gehört hatte.

„Was tue ich! Was tue ich! Was bin ich im Begriff, mit dir zu tun!“ stieß sie verzweifelt hervor, indem sie krampfhaft seine Füße umklammerte.

Der Fürst verbrachte eine ganze Stunde bei ihr; was sie sprachen, wissen wir nicht. Darja Alexejewna wußte nur zu sagen, daß sie sich nach einer Stunde versöhnt und glücklich getrennt hatten. Der Fürst schickte in dieser Nacht noch einmal zu Darja Alexejewna, um sich nach Nastassja Filippownas Befinden zu erkundigen, und erhielt die Nachricht, daß sie beruhigt eingeschlafen sei. Am Morgen, noch bevor sie aufgewacht war, erschienen wieder zwei Abgesandte vom Fürsten, doch erst der dritte konnte ihm mitteilen, daß sie von einem ganzen Schwarm Menschen umgeben sei: da seien Schneiderinnen, Zofen und Friseure, von der gestrigen Stimmung aber wäre keine Spur mehr vorhanden, die Toilette nehme sie ganz in Anspruch, wie es bei einer solchen Schönheit anders ja auch gar nicht möglich und zu erwarten sei, und augenblicklich fände gerade eine große Beratung statt wegen des Schmucks, welche Brillanten oder Perlen sie wählen sollte. Da war der Fürst denn vollkommen beruhigt.

Die Trauung sollte um acht Uhr abends stattfinden. Nastassja Filippowna war bereits um sieben mit ihrer Brauttoilette fertig. Schon um sechs Uhr begannen sich allmählich Neugierige vor der Villa Lebedeffs und vor dem Hause Darja Alexejewnas anzusammeln und nach sieben begann sich auch die Kirche zu füllen. Wjera Lebedewa und Koljä war um den Fürsten entsetzlich bange, sie hatten aber wenig Zeit, daran zu denken, denn es gab für sie im Hause viel zu tun: in der Villa des Fürsten sollte nämlich nach der Trauung das Diner eingenommen werden. Teilnehmer sollten daran außer den Trauzeugen nur noch Ptizyns, Ganjä, der Arzt mit dem Annenorden und Darja Alexejewna sein. Als der Fürst Lebedeff verwundert fragte, weshalb er denn den Arzt eingeladen hatte, antwortete dieser selbstzufrieden:

„’n Orden! ’n ehrenwerter alter Mann! So ’was macht einen guten Eindruck!“ Da mußte der Fürst lächeln.

Keller und Burdowskij sahen in Frack und weißen Handschuhen sehr anständig aus. Nur flößte Keller dem Fürsten wie den anderen doch einige Besorgnis ein durch seine offenkundige Neigung zum Faustkampf, denn die Blicke, die er auf diese „elenden Maulaffen“ warf, verrieten nichts weniger als friedliche Gesinnung. Um halb acht begab sich der Fürst in einer geschlossenen Equipage zur Kirche. Es sei hier erwähnt, daß es sein ausdrücklicher Wunsch gewesen war, daß alle üblichen Formalitäten genau beobachtet werden sollten: alles sollte öffentlich, nach altem Brauch „wie es sich gehört“, geschehen. In der Kirche empfing ihn die Menge mit lebhaftem Geflüster und Gemurmel, das sich wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund fortsetzte. Unter Kellers Führung, der nach links und rechts wieder drohende Blicke warf und ihm am Portal nur mit Mühe einen Weg hatte bahnen können, begab sich der Fürst zum Altarraum, der ihn den Blicken der Neugierigen entzog. Keller fuhr hierauf zu Darja Alexejewna, um die Braut abzuholen. Dort fand er vor dem Hause eine noch weit lebhaftere Menge. Als er die Treppe emporstieg, vernahm er solche Ausrufe und Bemerkungen, daß er sich bereits zornig ans Publikum wandte, um eine entsprechende Rede zu halten, doch zum Glück gelang es noch Burdowskij und Darja Alexejewna, ihn ins Haus hineinzuziehen. Keller war maßlos gereizt und drängte zur Eile. Nastassja Filippowna erhob sich, warf noch einen Blick in den Spiegel, bemerkte mit „verzogenem“ Lächeln, wie Keller sich später ausdrückte, daß sie „bleich wie eine Leiche“ sei, verbeugte sich dann ehrfurchtsvoll vor dem Heiligenbilde und trat hinaus.

Lautes Stimmengewirr begrüßte ihr Erscheinen auf der Treppe. Im ersten Augenblick hörte man Gelächter. Einer klatschte in die Hände. Es wurde sogar gezischt und gepfiffen. Doch dann erschollen auch schon andere Stimmen:

„Satan, ist sie schön!“ rief jemand in der Menge.

„Schön wohl, aber ...“

„Der Brautkranz deckt alles zu, Esel!“

„Da such’ mir einer noch eine zweite solche! Teufel noch eins! Hurra!“

„Göttin! für eine solche Fürstin würd’ ich meine Seele auch verkaufen!“ schrie ein begeisterter Kanzlist. „‚Preis meines Lebens – die Liebe dein!‘ ...“

Nastassja Filippowna trat allerdings bleich wie eine Leiche auf die Treppe; doch in ihren großen schwarzen Augen glühte ein unheimliches Feuer, und diesem Blick hielt die Menge nicht stand: in einer Sekunde schlug der Hohn in Begeisterung um. Keller riß den Wagenschlag auf und wandte sich bereits zu ihr, um ihr die Hand zu reichen und beim Einsteigen behilflich zu sein, doch da – schrie sie plötzlich auf und stürzte sich hinein in die gaffende Volksmenge. Keller erstarrte vor Schreck, das Volk wich fast entsetzt zurück vor ihr ... plötzlich, keine sechs Schritt von der Treppe, stand Rogoshin. Nastassja Filippowna hatte seinen Blick gefühlt und gefunden und wie eine Wahnsinnige war sie auf ihn zugestürzt und hatte seine Hände umklammert.

„Rette mich! Bring’ mich fort! Wohin du willst, nur schnell!“

Rogoshin griff sie auf, fast trug er sie, und ehe man sich’s versah, hatte er sie in die Equipage gehoben. Und schon im nächsten Augenblick hielt er dem Kutscher eine Hundertrubelnote hin.

„Zum Bahnhof, erreichst du den nächsten Zug nach Petersburg, dann noch hundert!“

Und schon saß er in der Equipage und zog den Wagenschlag zu. Der Kutscher zögerte keinen Augenblick: er hieb einmal mit der Peitsche und die Pferde bäumten sich und rasten davon. Keller schob später alle Schuld auf die „Plötzlichkeit“, die „vollkommene Überraschung“: „Noch eine Sekunde – und ich hätte mich besonnen, hätte es nicht zugelassen!“ versicherte er jedesmal, wenn er das Ereignis schilderte. Er und Burdowskij sprangen zwar sogleich in die nächste Equipage, die vor dem Hause hielt, und jagten ihnen nach, doch noch unterwegs bedachte sich Keller eines anderen und meinte: „Wir kommen trotzdem zu spät! Und mit Gewalt können wir sie doch nicht zurückbringen!“

„Und der Fürst wird es auch nicht wollen!“ hatte der ganz erschütterte Burdowskij dazu gemeint.

Rogoshin und Nastassja Filippowna waren in der Tat rechtzeitig auf dem Bahnhof angelangt. Hier hatte Rogoshin beim Verlassen der Equipage gerade noch Zeit gehabt, ein vorübergehendes Mädchen in einem alten dunklen Mantel und einem Seidentüchelchen um den Kopf aufzuhalten.

„Da! fünfzig Rubel für Ihren Mantel!“ und damit hatte er ihr das Geld gereicht.

Bevor das Mädchen noch recht begriff, hatte ihr Rogoshin die Fünfzigrubelnote schon in die Hand gedrückt, den Mantel und das Tuch abgenommen und Nastassja Filippowna um die Schultern und über den Kopf geworfen. Ihre kostbare Brauttoilette hätte sonst allgemeines Aufsehen erregt. Das Mädchen aber sollte erst viel später begreifen, weshalb man den wertlosen alten Mantel von ihm gekauft und so viel für ihn bezahlt hatte.

Die Kunde von dem Geschehenen hatte mit unglaublicher Schnelligkeit die Kirche erreicht. Als Keller sich zum Fürsten in den Altarraum begab, wurde er von vielen ihm ganz Unbekannten aufgehalten und mit Fragen bestürmt. Man sprach laut durcheinander, schüttelte die Köpfe, ja man lachte sogar. Niemand wollte aber die Kirche verlassen, bevor man gesehen hatte, wie der Bräutigam die Nachricht aufnahm. Der Fürst erbleichte nur, als er sie vernahm, und sagte leise: „Ich fürchtete ... aber ich hätte doch nicht gedacht, daß es so kommen würde ...“ um dann nach kurzem Schweigen hinzuzufügen: „Übrigens ... in ihrem Zustande ... war es ja gar nicht anders zu erwarten.“ Ein solches Verhalten setzte Keller aufrichtig in Erstaunen; er nannte es: „beispiellos philosophisch!“ Der Fürst verließ die Kirche anscheinend ganz ruhig und gefaßt. Wenigstens wurde es von vielen Augenzeugen später so erzählt. Er schien nur so schnell wie möglich nach Hause kommen und allein bleiben zu wollen, doch ward ihm das nicht so bald vergönnt. Ptizyn, Gawrila Ardalionytsch und der Arzt blieben bei ihm. Außerdem war die Villa buchstäblich belagert von einem Heer müßiger Menschen. Aus dem Zimmer vernahm der Fürst, daß Lebedeff und Keller mit einigen völlig unbekannten Leuten – dem Aussehen nach waren es Subalternbeamte, die um jeden Preis auf die Terrasse kommen wollten – in heftigen Streit geraten waren. Da begab sich der Fürst zu ihnen, erkundigte sich nach der Ursache des Streites, schob Lebedeff und Keller, die den Eingang versperrten, mit einer Entschuldigung zur Seite und trat selbst hinaus, um einen bereits bejahrten, grauhaarigen, untersetzten Herrn, der auf den Stufen an der Spitze der anderen stand, höflich zum Nähertreten aufzufordern. Der Herr wurde sehr verlegen, schien fast mehr Lust zum Rückzuge zu haben, doch dann besann er sich eines anderen und trat ein. Ihm folgte ein zweiter, ein dritter – alles in allem sieben oder acht Mann, die sich sehr bemühten, möglichst sicher aufzutreten. Weitere Gäste fanden sich nicht ein, und auch diese acht wurden von der Menge alsbald und sogar ziemlich streng getadelt. Die Eingetretenen wurden vom Fürsten aufgefordert, Platz zu nehmen, man knüpfte ein Gespräch an, reichte ihnen Tee – und alles das zu ihrer nicht geringen Verwunderung mit ausgesuchter Höflichkeit und Freundlichkeit. Es wurden von den Gästen allerdings ein paar Versuche gemacht, dem Gespräch eine amüsantere Wendung zu geben, es wurden einige vorwitzige Fragen gestellt und einige zweideutige Bemerkungen gemacht. Doch der Fürst antwortete allen so einfach und freundlich, ohne sich dabei auch nur das geringste zu vergeben, gab sich vielmehr mit so natürlicher Würde und zeigte gleichzeitig ein solches Vertrauen auf die Anständigkeit seiner Gäste, daß die unbescheidenen Fragen ganz von selbst aufhörten. Allmählich kam es sogar zu einer ernsten Unterhaltung über ein nationalökonomisches Thema, und einer der Herren schwor in höchstem Unwillen, daß er nie im Leben sein Gut verkaufen würde, daß er, im Gegenteil, zu warten und auszuhalten gedenke: „Unternehmungen sind besser als Geld – sehen Sie, das ist meine Überzeugung!“ – schloß er mit aufrichtigem Stolz und nicht geringem Temperament. Da er sich mit seiner Erklärung an den Fürsten gewandt hatte, hieß dieser seine Ansichten sehr vernünftig, obgleich Lebedeff ihm kurz vorher zugeflüstert hatte, daß dieser Herr weder einen Hof noch einen Halm besaß, geschweige denn ein Gut. So verging eine Stunde, der Tee war getrunken und den Gästen schlug nach dem Tee doch ein wenig das Gewissen. Der Arzt und der untersetzte Graukopf erhoben sich und verabschiedeten sich in der herzlichsten Weise vom Fürsten, und ihrem Beispiel folgten auch die anderen, die ihm alle kräftig die Hand schüttelten. Bei der Gelegenheit wurden dann noch gewisse Wünsche ausgesprochen, Ratschläge erteilt wie etwa: sich über geschehene Dinge nicht zu grämen, man könne nie wissen, wozu ein Unglück gut sei, vielleicht wäre es so noch viel besser, usw. usw. Als alle gegangen waren, beugte sich Keller zu Lebedeff und sagte halblaut:

„Sieh, wir beide hätten geschimpft, gerauft, die Polizei uns auf den Hals gezogen; er aber, sieh, hat sich nur neue Freunde gemacht, und noch dazu was für welche! Ich kenne sie!“

Hierauf antwortete Lebedeff, der schon wieder ziemlich „fertig“ war, mit einem frommen Seufzer:

„Ich habe es ja von jeher gesagt: ‚Den Weisen hat es der Herr verborgen, um es den Kindlein zu offenbaren.‘ Das habe ich schon früher von ihm gesagt, jetzt aber füge ich noch hinzu, daß Gott der Herr auch das Kindlein selbst bewahrt und vom Rande des Abgrundes zurückgezogen hat ... Gott der Herr selber und alle seine Heiligen – jawohl ja! ...“

Endlich, gegen halb elf, ließ man den Fürsten allein. Sein Kopf tat ihm weh. Als letzter verließ ihn Koljä, der ihm noch behilflich war, die Kleider zu wechseln. Sie nahmen herzlich Abschied voneinander – Koljä war geradezu rührend. Über das Geschehene hatte er kein Wort gesprochen, und beim Abschied nur gesagt, daß er am nächsten Morgen in aller Früh’ wiederkommen würde. Wie er später aussagte, hatte ihm der Fürst an diesem Abend nichts über seine weiteren Absichten mitgeteilt. Bald war auf der Datsche alles still: Burdowskij war zu Hippolyt gegangen, Lebedeff und Keller hatten sich gleichfalls irgendwohin fortbegeben. Nur Wjera Lebedewa blieb noch in den Zimmern des Fürsten, um einiges flüchtig in Ordnung zu bringen und ihnen wieder ihr gewöhnliches Aussehen zu verleihen. Bevor sie fortging, warf sie noch einen Blick in das Zimmer, in dem sich der Fürst befand. Er saß am Tisch, hatte die Ellenbogen aufgestützt und den Kopf in die Hände vergraben. Da trat Wjera an ihn heran und berührte ihn an der Schulter: der Fürst blickte auf und sah sie eine Weile ganz verständnislos an; doch als er dann endlich alles begriff und erriet, erfaßte ihn plötzlich eine große Unruhe. Es endete übrigens damit, daß er Wjera dringend bat, ihn am nächsten Morgen zeitig zu wecken, damit er noch den ersten Zug nach Petersburg erreiche. Wjera versprach es. Da bat der Fürst sie inständig, keinem Menschen etwas davon zu sagen, was ihm Wjera gleichfalls versprach. Als sie dann fortgehen wollte und bereits die Tür öffnete, hielt er sie noch einmal auf, ergriff ihre Hände, küßte sie beide, küßte sie dann auch auf die Stirn und sagte mit einem „an ihm ganz ungewohnten“ Gesichtsausdruck: „Auf morgen!“ So wenigstens erzählte später Wjera. Sie verließ das Zimmer in großer Angst um ihn. Am Morgen jedoch beruhigte sie sich etwas, als der Fürst ihr, nachdem sie ihn um acht Uhr durch Klopfen an seine Tür geweckt hatte, wie es ihr schien, ganz munter und sogar lächelnd entgegentrat. Er hatte sich in der Nacht kaum entkleidet, doch hatte er trotzdem geschlafen. Auf ihre Frage, wie lange er fortbleiben würde, meinte er, daß er vielleicht noch an demselben Tage zurückkommen werde. So hatte er denn nur ihr allein gesagt, daß er sich in die Stadt begab.

XI.

Eine Stunde später war der Fürst bereits in Petersburg, und um zehn Uhr läutete er bei Rogoshin. Er war von der Straße durch den Haupteingang des Hauses eingetreten und die breite Treppe hinaufgestiegen – doch in der Wohnung Rogoshins blieb alles still. Endlich öffnete sich die gegenüberliegende Tür, die zur Wohnung der Mutter Rogoshins führte, und eine alte peinlich saubere Dienerin blickte in den Treppenflur.

„Parfen Ssemjonytsch ist nicht zu Hause,“ meldete sie. „Wen wünschen Sie zu sprechen?“

„Parfen Ssemjonytsch.“

„Der ist nicht zu Hause.“

Die Dienerin betrachtete den Fürsten neugierig und mit prüfendem Mißtrauen.

„Sagen Sie mir dann wenigstens, ob er hier übernachtet hat? Und ... kam er gestern allein nach Hause?“

Die Dienerin fuhr fort, ihn zu betrachten, und antwortete nichts.

„War nicht gestern ... gestern abend ... Nastassja Filippowna mit ihm hier?“

„Erlauben Sie, zu fragen, wer geruhen Sie denn selbst zu sein?“

„Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin, wir sind gut bekannt miteinander.“

„Er ist nicht zu Hause.“

Die Dienerin senkte den Blick.

„Aber Nastassja Filippowna?“

„Ich weiß nichts von ihr.“

„Warten Sie, warten Sie doch! Wann wird er denn zurückkommen?“

„Auch das weiß ich nicht.“

Und damit schloß sich die Tür.

Der Fürst nahm sich vor, nach einer Stunde wiederzukommen. Auf der Straße erblickte er im Vorübergehen am Hoftor den Hausknecht.

„Ist Parfen Ssemjonytsch zu Hause?“ fragte er ihn.

„Jawohl, Euer Gnaden.“

„Wie hat man mir denn soeben sagen können, daß er nicht zu Hause sei?“

„Hat man das bei ihm oben gesagt?“

„Nein, die Dienerin seiner Mutter sagte es. Aber ich habe bei Parfen Ssemjonytsch vergeblich geläutet, es hat mir niemand aufgemacht.“

„Kann auch sein, daß er ausgegangen ist,“ meinte der Hausknecht nach kurzem Nachdenken, „man kann ja nie wissen, er sagt nicht immer, wann er kommt und geht. Manchmal nimmt er auch den Schlüssel mit und drei Tage lang steht seine Wohnung verschlossen.“

„Weißt du genau, daß er gestern zu Hause war?“

„Gestern war er. Aber manchmal kommt er durch die Paradetür herein, da sieht man ihn dann nicht.“

„Aber weißt du nicht, ob Nastassja Filippowna gestern bei ihm war?“

„Das weiß ich nicht. Die geruht nicht oft zu kommen. Ich denke aber, wenn sie gekommen wäre, hätt’ ich’s wohl gesehen.“

Der Fürst trat aus dem Hoftor wieder auf die Straße und ging eine Weile in Gedanken versunken auf dem Trottoir. Die Fenster waren alle geschlossen, während die Fenster der Wohnung seiner Mutter fast alle weit offen standen. Es war ein heller, heißer Tag. Der Fürst ging über die Straße auf das andere Trottoir und blieb dort gegenüber dem Hause stehen, um noch einmal zu Rogoshins Fenstern hinaufzuschauen: sie waren nicht nur alle geschlossen, auch die weißen Stores waren überall heruntergelassen.

Der Fürst stand eine Weile unbeweglich und sah hinauf, und – seltsam! plötzlich schien es ihm, daß ein Vorhang ein wenig zur Seite geschoben wurde und Rogoshins Gesicht durch den schmalen Spalt auf die Straße sah ... doch im selben Augenblick auch schon wieder verschwand. Er wartete noch ein wenig und beschloß bereits, noch einmal hinzugehen und zu läuten, besann sich dann aber eines anderen und schob es auf: nach einer Stunde wollte er wiederkommen. „Und wer weiß,“ dachte er, „vielleicht hat es mir auch nur so geschienen“ ...

Seine erste Sorge war jetzt, schnell nach dem Ismailowskij Polk zu gelangen, in den Stadtteil, wo Nastassja Filippowna zuletzt gewohnt hatte. Er wußte, daß sie, als sie vor etwa drei Wochen auf seinen Wunsch oder seine Bitte hin Pawlowsk verlassen und nach Petersburg zurückgekehrt war, im Ismailowskij Polk bei ihrer ehemaligen guten Bekannten, einer Lehrerswitwe – es war das eine anständige Dame mit zahlreicher Familie, die fast nur vom Zimmervermieten lebte – gewohnt hatte. Er nahm an, daß Nastassja Filippowna nach ihrer Rückkehr nach Pawlowsk die gemieteten Zimmer nicht aufgegeben, und deshalb schien es ihm sehr möglich, daß Rogoshin sie gestern abend dorthin gebracht und daß sie daselbst übernachtet hatte. Um schneller hinzugelangen, nahm er eine Droschke. Unterwegs kam ihm der Gedanke, daß er ganz zuerst dorthin hätte gehen sollen, denn es war doch ganz ausgeschlossen, daß sie in der Nacht sofort zu Rogoshin gegangen wäre. Zugleich fielen ihm auch die Worte des Hausknechts ein, daß Nastassja Filippowna nicht oft hinzukommen „geruht“ habe – weshalb sollte sie dann gerade jetzt bei Rogoshin abgestiegen sein?

Zu seiner größten Bestürzung hatte man aber bei der Lehrerswitwe seit zwei Tagen nichts von Nastassja Filippowna gehört. Er selbst wurde wie ein Wunder angestaunt. Die ganze zahlreiche Familie der Lehrerswitwe – lauter Mädchen, alle Jahrgänge, von fünfzehn bis auf sieben – versammelte sich um die Mutter und starrte ihn mit offenen Mündern an. Ihnen folgte noch eine hagere Tante mit einem gelben Gesicht, die ein schwarzes Tuch um den Kopf gebunden hatte, und nach dieser erschien auch noch die Großmutter der Familie, eine kleine Greisin mit einer riesigen Brille. Die Lehrerswitwe bat den Fürsten untertänig, doch näherzutreten und Platz zu nehmen, was der Fürst denn auch tat. Er erriet, daß sie bereits wußten, wer er war, und sich nicht wenig darüber wunderten, von ihm nach derjenigen gefragt zu werden, die doch seit gestern seine Frau sein mußte. Freilich wagten sie nicht, mit einer direkten Frage herauszurücken. Er erzählte in kurzen Worten, daß die Trauung nicht zustande gekommen war. Da ward dann die Verwunderung noch größer, und der Fürst sah sich genötigt, noch einige Erklärungen hinzuzufügen. Und dann kamen die Ratschläge der aufgeregten Damen: zunächst sollte er unbedingt Rogoshin aufsuchen – falls er zu Hause war, so lange schellen und klopfen, bis er die Tür aufmachte – und von ihm sich alles ganz genau erzählen lassen. War er jedoch nicht zu Hause – was zunächst mit Sicherheit festgestellt werden mußte –, oder falls er nichts mitteilen wollte: so sollte der Fürst sich nach dem Stadtteil Ssemjonowskij Polk zu einer deutschen Dame begeben, einer Bekannten Nastassja Filippownas, die bei ihrer Mutter lebte: vielleicht hatte sich Nastassja Filippowna in ihrer Aufregung, und um nicht sogleich vom Fürsten gefunden zu werden, zu dieser begeben und dort die Nacht verbracht. Der Fürst erhob sich fast ohnmächtig; wie die Familie später erzählte, sei er „entsetzlich bleich“ gewesen. Und in der Tat – die Füße trugen ihn kaum noch, das Stimmengewirr erschien ihm noch einmal so laut, als es war, er verstand fast kein Wort. Endlich begriff er, daß man ihm behilflich sein wollte und ihn fragte, wo er denn in der Stadt abgestiegen sei, damit sie ihm, falls sie etwas erfahren sollten, Nachricht zukommen lassen konnten. Er wußte ihnen aber keine Adresse anzugeben. Da rieten sie ihm, ein Hotel zu bestimmen. Der Fürst dachte nach und gab dann die Adresse jenes Gasthofes an, wo er vor etwa fünf Wochen abgestiegen war und wo er den schweren Anfall gehabt hatte. Darauf begab er sich wieder zu Rogoshin. Diesmal wurde ihm nicht nur bei Rogoshin nicht aufgemacht, auch in der Wohnung der Mutter blieb alles still. Da ging der Fürst zum Hausknecht, den er erst nach langem Suchen auf dem Hof fand. Dieser war mit irgend etwas beschäftigt und antwortete kaum auf die Fragen, ja, er sah den Fürsten nicht einmal an, erklärte aber doch in bestimmtem Tone, daß Parfen Ssemjonytsch früh am Morgen ausgegangen und nach Pawlowsk gefahren sei und heute nicht mehr nach Hause zurückkehren werde.

„Ich werde warten,“ sagte der Fürst. „Vielleicht kommt er doch noch am Abend zurück?“

„Kann sein, daß er auch ’ne ganze Woche nicht kommt, wer kann’s wissen.“

„Dann ist er aber doch in dieser Nacht zu Hause gewesen?“

„Gewesen ... was kann er nicht alles gewesen sein ...“

Diese Antwort und das ganze Gebaren des Hausknechts erschienen dem Fürsten sehr verdächtig: der Mann schien in der Zwischenzeit besondere Instruktionen erhalten zu haben: am Morgen war er harmlos-mitteilsam gewesen und jetzt plötzlich wollte er ihn kaum anhören. Doch der Fürst beschloß, nach etwa zwei Stunden wiederzukommen und dann, wenn es nötig sein sollte, vor dem Hause zu warten. Jetzt aber blieb ihm noch die eine Hoffnung, Nastassja Filippowna bei der deutschen Dame anzutreffen, und so fuhr er nach dem Ssemjonowskij Polk.

Doch bei der Deutschen begriff man überhaupt nicht, wie er dazu kam, sich bei ihnen nach Nastassja Filippowna zu erkundigen. Die schöne junge Dame hatte sich, wie aus einzelnen Bemerkungen hervorging, bereits vor zwei Wochen mit ihr vollkommen entzweit und besaß nicht das geringste Interesse mehr für sie – „und wenn sie auch alle Fürsten der Welt heiraten sollte!“ Der Fürst beeilte sich, aus dem Hause fortzukommen. Unter anderem kam ihm auch der Gedanke, daß sie vielleicht wie damals nach Moskau gefahren war und Rogoshin natürlich ihr nach, oder sogar zusammen mit ihr. „Wenn man doch nur auf ihre Spur kommen könnte!“ dachte er gequält. Da entsann er sich der Verabredung mit der Lehrerswitwe, die ihm in den Gasthof an der Liteinaja Nachricht hatte senden wollen, und er beeilte sich sogleich, hinzugehen, um dort ein Zimmer zu belegen. Der Kellner fragte ihn, ob er auch zu frühstücken wünsche, und in der Zerstreutheit bejahte der Fürst die Frage. Doch kaum hatte sich der Kellner entfernt, da kam er plötzlich zur Besinnung und ärgerte sich unsäglich über sich selbst, weil ihn das Frühstück wenigstens eine halbe Stunde aufhalten würde, und erst nach einer Weile verfiel er darauf, daß ihn ja doch niemand festhielt und er das bestellte Frühstück ja gar nicht zu essen brauchte, wenn er nicht wollte. Ein seltsames Gefühl überkam ihn in diesem dunklen, dumpfen Korridor, ein Gefühl, das quälend danach strebte, sich in irgend einen festen Gedanken zu verwirklichen, aber er konnte nicht erraten, worin nun dieser neue, sich aufdrängende Gedanke bestand. Da verließ er endlich den Gasthof und trat hinaus auf die Straße. Ihn schwindelte ... wohin sollte er fahren? Er fuhr also wieder zu Rogoshin.

Rogoshin war noch immer nicht zurückgekehrt; er läutete, doch es wurde ihm nicht aufgemacht. Da läutete er auch an der anderen Tür; die alte Dienerin erschien wieder und sagte, daß Parfen Ssemjonytsch nicht zu Hause sei und vielleicht nicht vor drei Tagen kommen werde. Es wunderte den Fürsten nur, daß sie ihn wieder mit so unverhohlener Neugier betrachtete. Den Hausknecht fand er diesmal überhaupt nicht. Da ging er, wie am Morgen, auf das gegenüberliegende Trottoir, blickte zu den Fenstern hinauf und ging wohl eine halbe Stunde in der quälenden Sonnenglut auf und ab, vielleicht auch noch länger, doch diesmal rührte sich nichts, die Fenster blieben geschlossen, und die Stores waren unbeweglich. Da setzte sich in ihm die Überzeugung fest, daß es ihm auch am Morgen nur so geschienen habe, denn auch die Fensterscheiben waren trübe und wohl seit langem nicht geputzt, so daß die kaum merkliche Bewegung des Vorhanges nur ein Flimmern des trüben Glases im Sonnenschein gewesen sein konnte. Erfreut über diese Erklärung fuhr er wieder zur Lehrerswitwe.

Dort hatte man ihn erwartet. Die Lehrerswitwe hatte sich inzwischen an drei oder vier Stellen erkundigt, ja, sie war sogar bei Rogoshin gewesen, doch hatte sie nichts erfahren können. Der Fürst hörte ihren Bericht schweigend an, trat dann ins Zimmer, setzte sich auf das Sofa und begann sie alle anzusehen – ganz als verstände er kein Wort von dem, was man zu ihm sprach. Und seltsam: bald bemerkte er alles, bald aber war er so zerstreut, daß er nichts sah noch hörte. Die ganze Familie erklärte später, daß er ein „erstaunlich wunderlicher“ Mensch gewesen sei an jenem Tage, so daß vielleicht damals schon „alles begonnen habe“. Endlich erhob er sich und bat, man möge ihm die von Nastassja Filippowna bewohnten Zimmer zeigen. Es waren das zwei große, hohe, helle Räume, sehr anständig eingerichtet und offenbar nicht billig. Die ganze Familie erzählte später, der Fürst habe jeden Gegenstand im Zimmer betrachtet. Auf einem kleinen Tisch habe er ein aufgeschlagenes Buch erblickt – es war ein französischer Roman, „Madame Bovary“ –, habe eine Ecke der aufgeschlagenen Seite eingebogen und um die Erlaubnis gebeten, das Buch mitnehmen zu dürfen, worauf er es, ohne auf die Einwendung, daß es ein Buch aus der Leihbibliothek sei, zu achten, in die Tasche gesteckt habe. Dann sei er ans offene Fenster getreten, habe sich dort hingesetzt, und da sei ihm ein mit Kreide beschriebener Spieltisch aufgefallen, und er habe gefragt, wer an ihm gespielt hätte. Hierauf hatten sie ihm erzählt, daß Nastassja Filippowna jeden Abend mit Rogoshin Karten gespielt habe, Duraki, Preference, Whist, Sechsundsechzig – kurzum, alle Spiele, die sie nur kannten, und zwar Abend für Abend, damals, als sie vor drei Wochen aus Pawlowsk nach Petersburg zurückgekehrt war und sich bei ihnen eingemietet hatte. Zuerst habe sich Nastassja Filippowna beklagt, daß es langweilig sei, denn Rogoshin habe ganze Abende gesessen und geschwiegen und kein Wort gesagt, und eines Abends sei sie in Tränen ausgebrochen. Da habe Rogoshin am nächsten Abend plötzlich ein Spiel Karten aus der Tasche hervorgezogen: Nastassja Filippowna hätte zu lachen begonnen, und dann sei an jedem Abend gespielt worden. Hierauf habe der Fürst gefragt, wo die Karten wären, mit denen sie gespielt hatten. Die Karten waren aber von Rogoshin jedesmal mitgebracht worden, an jedem Abend ein neues Spiel, und er hatte sie dann immer wieder mitgenommen.

Die Lehrerswitwe, deren Schwester und Mutter rieten ihm, noch einmal zu Rogoshin zu fahren, jedoch nicht sogleich, sondern erst gegen Abend, und dann möglichst stark die Klingel zu ziehen und an die Tür zu pochen, vielleicht würde er sich dann doch noch zeigen. Und die Lehrerswitwe erbot sich, inzwischen nach Pawlowsk zu Darja Alexejewna zu fahren, vielleicht wußte diese etwas näheres. Der Fürst aber sollte auf jeden Fall am Abend gegen zehn Uhr wiederkommen, damit sie sich für den nächsten Tag verabreden könnten. Der Fürst verließ sie ungeachtet aller Beruhigungen und Hoffnungsäußerungen innerlich ganz verzweifelt. Von unerklärlicher Sehnsucht gemartert, begab er sich nach seinem Gasthof. Der staubige, drückende Sommernachmittag Petersburgs umfing ihn herzbeklemmend, er fühlte sich förmlich wie in einen Schraubstock eingeklammert; müde drängte er sich durch das rohe, betrunkene Volksgetümmel auf den Straßen, blickte unbewußt in fremde Gesichter und machte vielleicht einen großen Umweg. Es war fast schon Abend, als er in sein Zimmer trat. Er wollte sich ein wenig erholen und dann wieder zu Rogoshin gehen, wie man ihm geraten hatte, und so setzte er sich denn aufs Sofa, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und versank in Gedanken.

Gott weiß, wie lange, und nur Gott mag wissen, an was er dachte. Vieles fürchtete er, und er fühlte, fühlte unter Schmerz und Qual, daß seine Angst ihm selbst unheimlich wurde. Da dachte er plötzlich an Wjera Lebedewa, und es kam ihm in den Sinn, daß Lebedeff vielleicht etwas wissen konnte, vielleicht sogar von Rogoshin unterrichtet war, oder wenn nicht, dann doch leichter und schneller von ihm etwas erfahren könnte, als er, der Fürst, es vermochte. Plötzlich dachte er an Hippolyt und auch daran, daß Rogoshin zu Hippolyt gefahren war. Und plötzlich fiel ihm Rogoshin ein: Rogoshin in der Kirche bei der Totenmesse, dann Rogoshin im Park, und dann – plötzlich hier in der Treppennische, als er sich damals in der Dunkelheit verborgen und mit dem Messer auf ihn gewartet hatte. Er zuckte zusammen: der sich ihm aufdrängende Gedanke, den er vorhin nicht hatte fassen können, stand plötzlich vor ihm.

Dieser Gedanke bestand zum Teil darin, daß Rogoshin, wenn er sich in Petersburg befand und sich womöglich zeitweilig verbarg, schließlich doch unbedingt zu ihm, dem Fürsten, kommen würde, gleichviel ob in einer guten oder schlechten Absicht, und wär’s auch in derselben wie damals. Und wenn Rogoshin aus irgendeinem Grunde zu ihm kommen mußte, wohin sollte er dann gehen – da er doch keine Adresse wußte –, wenn nicht wieder in diesen selben Gasthof, wieder in diesen selben Treppenflur? Er konnte ja gar nichts anderes annehmen, als daß der Fürst in diesem Gasthof abgestiegen war. Wenigstens würde er hier nach ihm fragen ... wenn er seiner wirklich bedurfte. Und man konnte es ja nicht wissen, vielleicht bedurfte er seiner wirklich?

So dachte der Fürst und dieser Gedanke erschien ihm aus irgendeinem Grunde sehr möglich. Doch um keinen Preis würde er sich Rechenschaft darüber gegeben haben, wenn er sich in seinen Gedanken vertieft hätte: weshalb zum Beispiel Rogoshin seiner plötzlich so bedürfen könnte, und weshalb es ganz „ausgeschlossen“ war, daß sie sich zu guter Letzt nicht doch noch „treffen“ würden? Doch dieser Gedanke war nicht leicht. „Wenn er glücklich ist, dann wird er nicht kommen,“ fuhr der Fürst fort, zu denken, „er wird kommen, wenn er nicht glücklich ist – und er ist doch bestimmt nicht glücklich ...“

Wenn er aber davon überzeugt war, so hätte er Rogoshin im Gasthof, in seinem Zimmer, erwarten müssen. Doch es war, als könne er seinen neuen Gedanken nicht ertragen: plötzlich sprang er auf, ergriff seinen Hut und eilte hinaus. Im Korridor war es fast schon ganz dunkel. – „Wie, wenn er jetzt wieder aus jener Nische hervortritt und mich auf der Treppe anfällt?“ durchzuckte es ihn blitzartig, als er sich jener Stelle näherte. Doch es trat niemand hervor. Er stieg hinunter, trat hinaus aufs Trottoir, wunderte sich über die dichte Menschenmenge, die sich auf der Straße durcheinanderschob – wie in Petersburg gewöhnlich an den Hundstagen, sobald die Sonne sinkt –, und schlug unwillkürlich wieder die Richtung zur Gorochowaja, zum Hause Rogoshins ein. Etwa fünfzig Schritte vom Gasthof, in dem Gedränge an der dritten Straßenkreuzung, berührte ihn plötzlich jemand am Ellenbogen und sagte halblaut dicht an seinem Ohr:

„Lew Nikolajewitsch, komm mir nach, es ist nötig, Bruder.“

Es war Rogoshin.

Seltsam: der Fürst begann plötzlich, vor lauter Freude fast stotternd, fast nach Worten ringend, ihm zu erzählen, wie er ihn soeben im Gasthof, in seinem Zimmer und im Korridor erwartet hatte.

„Ich war dort,“ sagte Rogoshin ruhig, „gehen wir.“

Der Fürst wunderte sich über seine Antwort, wunderte sich aber erst nach etwa zwei Minuten, als er sie begriffen hatte. Als er aber dann über sie nachdachte, erschrak er und sah Rogoshin an. Dieser ging neben ihm fast einen halben Schritt voraus, sah starr vor sich hin, sah in keines der ihm begegnenden Gesichter und wich mit mechanischer Vorsicht allen aus.

„Weshalb hast du nicht nach mir gefragt ... wenn du im Gasthof warst?“ fragte plötzlich der Fürst.

Rogoshin blieb stehen, sah ihn an, dachte nach und sagte, als hätte er die Frage gar nicht verstanden:

„Höre, Lew Nikolajewitsch, du geh jetzt hier geradeaus, bis zum Hause, du weißt? Ich aber werde dort auf jener Seite gehen. Nur sieh zu, daß wir nicht auseinander kommen ...“

Nachdem er das gesagt, ging er über die Straße, trat auf das gegenüberliegende Trottoir, blickte sich um, ob auch der Fürst ging, und als er sah, daß dieser stand und ihm mit weit offenen Augen unbeweglich nachschaute, winkte er ihm mit der Hand nach der Gorochowaja und ging selbst weiter, während er sich immer wieder umblickte, um nach dem Fürsten zu sehen und ihn zum Weitergehen aufzufordern. Er war sichtlich ermuntert, als er dann sah, daß der Fürst ihn begriffen hatte und ihm auf seinem Trottoir zur Gorochowaja folgte. Der Fürst dachte, daß Rogoshin irgend jemanden unterwegs suchen wollte und deshalb aufs andere Trottoir gegangen war, damit die Entgegenkommenden zwischen ihnen beiden durchgehen sollten und der Betreffende dann leichter zu finden sei. „Nur – warum hat er mir dann nicht gesagt, wer es ist, den er sucht?“ So gingen sie an fünfhundert Schritt, und plötzlich begann der Fürst aus irgendeinem Grunde zu zittern; Rogoshin fuhr immer noch fort, wenn auch seltener, sich nach ihm umzublicken. Doch der Fürst hielt es nicht mehr aus und winkte ihn mit der Hand zu sich herüber. Ohne zu zögern, kam Rogoshin sofort über die Straße zu ihm.

„Ist Nastassja Filippowna bei dir?“

„Bei mir.“

„Warst du es, der vorhin hinter dem Vorhang nach mir sah?“

„Ja, ich ...“

„Aber weshalb hast du denn ...“

Der Fürst wußte nicht, was er sagen, wie er die Frage beenden sollte – zudem pochte sein Herz so stark, daß ihm das Sprechen schwer wurde. Rogoshin schwieg gleichfalls und sah ihn an wie vorhin, wie in Gedanken versunken.

„Nun, ich gehe,“ sagte er plötzlich, und er schickte sich an, wieder über die Straße zurückzugehen, „du aber geh hier weiter. Laß uns auf der Straße getrennt gehen ... so ist’s besser ... auf verschiedenen Seiten ... wirst sehen.“

Als sie endlich auf verschiedenen Trottoiren in die Gorochowaja einbogen und sich dem Hause Rogoshins näherten, wurden die Beine des Fürsten wieder so schwach, daß sie ihm fast den Dienst versagten und es ihm schon schwer wurde, zu gehen. Es war gegen zehn Uhr abends. Die Fenster auf der Hälfte, wo die alte Mutter wohnte, standen immer noch weit offen, die Fenster der Wohnung Rogoshins dagegen waren geschlossen, und in dem dämmrigen Abendlicht war’s, als würden die herabgelassenen weißen Vorhänge noch bemerkbarer. Der Fürst näherte sich dem Hause auf dem entgegengesetzten Trottoir, Rogoshin auf der Seite des Hauses, und als er bei der Tür anlangte, winkte er mit der Hand. Der Fürst ging über die Straße zu ihm. Sie traten auf die Treppe.

„Auch der Hausknecht weiß jetzt nicht, daß ich zurückkomme. Ich sagte vorhin, daß ich nach Pawlowsk fahre, auch bei der Mutter sagte ich es,“ flüsterte er mit einem listigen und fast zufriedenen Lächeln. „Wir gehen jetzt so leise hinein, daß uns niemand hört.“

Den Schlüssel hatte er bereits in der Hand. Als sie die massive Steintreppe hinaufstiegen, wandte er sich zum Fürsten zurück und erhob den Finger, zum Zeichen, daß der Fürst nur ja leise gehen solle. Leise schloß er die Tür zu seiner Wohnung auf, ließ den Fürsten eintreten, folgte ihm leise, schloß die Tür leise wieder hinter sich zu und steckte den Schlüssel in die Tasche.

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