Dritter Teil (continued 4)
E. K. Rahsin translation
Und sie wandte sich schroff um und lief davon.
„Nein, mein Bester, so gehen Sie mir nicht fort,“ hielt Lisaweta Prokofjewna den Fürsten auf, „haben Sie die Güte, sich zu uns zu bemühen und mir das ein wenig zu erklären ... Hat mich doch meine Ahnung die ganze Nacht gequält und nicht schlafen lassen! ...“
Der Fürst folgte ihr.
IX.
Als sie in der Villa angelangt waren, blieb Lisaweta Prokofjewna sogleich im ersten Zimmer stehen: weiter konnte sie nicht mehr gehen und völlig erschöpft ließ sie sich auf eine kleine Chaiselongue nieder, ohne in der Zerstreutheit auch den Fürsten zum Platznehmen aufzufordern. Es war das in einem ziemlich großen Saal, mit reichen Blumenarrangements vor den Fenstern, einem schweren runden Tisch in der Mitte, einem Kamin und einer großen Glastür in der anderen Wand, durch die man in den Garten gelangte.
Kaum waren sie eingetreten, als auch Alexandra und Adelaida erschienen und in fragender Verständnislosigkeit die Mutter und den Fürsten anblickten.
Die jungen Mädchen pflegten in der Sommerfrische gewöhnlich gegen neun Uhr aufzustehen; nur Aglaja hatte sich in den letzten zwei oder drei Tagen etwas früher erhoben, um dann im Garten spazieren zu gehen, doch immerhin war das noch nicht um sieben geschehen, sondern erst so um acht, halb neun herum. Lisaweta Prokofjewna, deren unzählige Sorgen sie während der Nacht in der Tat keinen Schlaf hatten finden lassen, hatte sich schließlich kurz vor acht angekleidet, um Aglaja im Garten zu treffen, doch siehe da: ihre Jüngste war weder im Schlafzimmer noch im Garten zu finden. Von dem Stubenmädchen erfuhr sie, daß Aglaja Iwanowna bereits um sieben in den Park gegangen sei. Die Schwestern hatten über Aglajas neuen phantastischen Einfall zu lachen begonnen und gemeint, Aglaja würde sich sicherlich sehr ärgern, wenn die Mutter sie im Park aufsuchte. Sie hatten dabei geäußert, daß sie bestimmt mit einem Buch auf jener grünen Bank sitze, um derentwillen sie sich noch vor drei Tagen mit Fürst Sch. gezankt hatte, weil es diesem nicht gegeben war, in der Lage dieser Bank etwas Besonderes zu erblicken. So begab sich denn die Generalin zur grünen Bank und erschrak unsäglich über das Stelldichein, dessen Zeuge sie wurde, und über die Worte, die sie noch auffing. Als sie aber jetzt dem Fürsten gegenübersaß, wurde ihr bange bei dem Gedanken daran, was sie angestiftet hatte. „Weshalb sollte denn Aglaja nicht mit ihm zusammenkommen dürfen, selbst wenn es auch ein verabredetes Rendezvous war?“
„Glauben Sie nicht, mein Lieber,“ sagte sie schließlich, sich zusammennehmend, „daß ich Sie hergebeten habe, um Sie auszuforschen ... Ich hätte nach dem, mein Täubchen, was gestern geschah, vielleicht lange nicht den Wunsch gehabt, dich wiederzusehen ...“
Sie stockte ein wenig.
„Doch immerhin würden Sie gern erfahren wollen, wie es kam, daß ich heute mit Aglaja Iwanowna zusammengetroffen bin?“ beendete der Fürst mit der größten Ruhe ihren Satz.
„Nun ja, gewiß wollte ich das!“ sagte Lisaweta Prokofjewna sogleich ärgerlich und sie errötete plötzlich. „Ich fürchte mich nicht vor offener Aussprache, denn ich trete keinem zu nah und habe auch nicht die Absicht gehabt, jemanden zu beleidigen ...“
„Aber ich bitte Sie, da bedarf es doch gar keiner Entschuldigungen, es ist doch nur natürlich, daß Sie es wissen wollen. Sie sind – ihre Mutter. Wir trafen uns heute, Aglaja Iwanowna und ich, um sieben Uhr, bei der grünen Bank, weil sie mich dazu aufgefordert hatte. Sie teilte mir gestern abend schriftlich mit, daß sie mich in einer wichtigen Angelegenheit sprechen müsse. Wir trafen uns und sprachen eine ganze Stunde von Dingen, die eigentlich nur Aglaja Iwanowna angehen – und das war alles.“
„Selbstverständlich war das alles, Väterchen, und sogar ohne jeden Zweifel alles,“ sagte die Generalin würdevoll.
„Vortrefflich, Fürst!“ sagte Aglaja, die plötzlich in den Saal trat. „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, daß Sie auch mich für unfähig gehalten haben, mich zur Lüge zu erniedrigen. Genügt Ihnen diese Erklärung, Mama, oder beabsichtigen Sie, noch weiter zu fragen?“
„Du weißt, daß ich vor dir noch niemals zu erröten gebraucht habe, wenn du es vielleicht auch gern sehen würdest,“ antwortete Lisaweta Prokofjewna zurechtweisend. „Leben Sie wohl, Fürst, und verzeihen Sie mir, daß ich Sie beunruhigt habe. Ich hoffe, daß Sie von meiner unveränderlichen Hochachtung für Sie überzeugt bleiben werden.“
Der Fürst verbeugte sich sogleich nach beiden Seiten und verließ schweigend den Saal. Alexandra und Adelaida lächelten und flüsterten ein paar Worte unter sich. Die Generalin maß sie beide mit strengem Blick.
„Wir lachen ja nur darüber, Mama,“ sagte Adelaida auflachend, „daß der Fürst sich so wundervoll verbeugt hat; mitunter tut er es wie ein Sack, und nun auf einmal wie ... wie Jewgenij Pawlowitsch!“
„Zartgefühl und Würde lehrt das eigene Herz und nicht der Tanzmeister,“ bemerkte Lisaweta Prokofjewna und sie rauschte hinaus, ohne Aglaja auch nur mit einem Blick zu streifen. Sie begab sich in ihr Zimmer, das im oberen Stockwerk lag.
Als der Fürst nach Hause kam – es war mittlerweile fast schon neun geworden -, traf er auf der Terrasse Wjera Lukjanowna und die Stubenmagd beim Aufräumen an, und das war nach der letzten Nacht auch dringend nötig.
„Gott sei Dank, wir sind gerade fertig geworden!“ sagte Wjera erfreut.
„Guten Morgen! Mein Kopf geht mir ein wenig in die Runde, ich habe schlecht geschlafen und würde es jetzt gern nachholen.“
„Wollen Sie nicht wieder auf der Terrasse schlafen, so wie gestern? Gut, ich werde allen sagen, daß man Sie nicht wecken soll. Papa ist irgendwohin gegangen.“
Die Magd ging hinaus, Wjera wollte ihr folgen, doch plötzlich kehrte sie zurück und näherte sich mit besorgter Miene dem Fürsten.
„Fürst, haben Sie Mitleid mit diesem ... Unglücklichen, jagen Sie ihn heute nicht fort.“
„Ich denke nicht daran, er soll so lange bleiben wie er will.“
„Er wird jetzt nichts tun und ... seien Sie nicht streng gegen ihn.“
„O nein, weshalb sollte ich?“
„Und ... lachen Sie nicht über ihn, das ist das Wichtigste.“
„Oh, das fällt mir gar nicht ein!“
„Ach, ich bin dumm, daß ich das einem Menschen, wie Ihnen, auch noch sage!“ sagte Wjera errötend. „Übrigens wenn Sie auch noch müde sind,“ lachte sie, bereits halb abgewandt, um hinauszugehen, „so haben Sie jetzt doch so prächtige Augen ... so glückliche Augen.“
„Ja? In der Tat glückliche?“ fragte der Fürst lebhaft und lachte gleichfalls erfreut.
Doch Wjera, die sonst wie ein Knabe harmlos und unbefangen war, geriet plötzlich aus irgendeinem Grunde in Verwirrung, errötete noch mehr und zog sich, immer noch lachend, schnell zurück.
„Was für ein ... liebes Ding ...“ dachte der Fürst, vergaß sie aber schon im nächsten Augenblick. Er setzte sich auf die Chaiselongue an der Rückwand der Terrasse, bedeckte das Gesicht mit den Händen und verharrte in dieser Stellung wohl zehn Minuten; plötzlich griff er schnell und erregt in die Rocktasche und zog die drei Briefe hervor. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und Koljä trat ein. Der Fürst schien gleichsam erfreut darüber, daß er die Briefe in die Tasche zurückschieben mußte und so der Augenblick des Lesens ein wenig hinausgeschoben wurde.
„Nun, das war was!“ sagte Koljä, ließ sich gleichfalls auf die Chaiselongue nieder und ging wie alle seinesgleichen ohne Umschweife auf die Hauptsache über. „Mit welchen Augen sehen Sie jetzt auf Hippolyt? Ohne jede Achtung?“
„Wieso, weshalb das? ... Nur ... wissen Sie, Koljä, ich bin sehr müde ... Zudem wäre es auch gar zu traurig, wieder davon anzufangen ... Übrigens, was macht er jetzt?“
„Er schläft und wird noch seine zwei Stunden schlafen. Ich begreife, Sie haben die ganze Nacht nicht geschlafen, sind im Park gewesen ... versteht sich, die Aufregung ... das fehlte noch!“
„Woher wissen Sie, daß ich im Park gewesen bin und nicht zu Hause geschlafen habe?“
„Wjera sagte es mir. Sie wollte mich bereden, Sie nicht zu stören: ich hielt’s aber nicht aus – nur auf einen Augenblick. Ich habe zwei Stunden an seinem Bett gewacht. Jetzt habe ich Kostjä Lebedeff zur Ablösung hingepflanzt. Burdowskij ist abgezogen. So legen Sie sich denn hin, Fürst. Gute N–n ... nein, guten Tag! Nur, wissen Sie, ich bin baff!“
„Natürlich ... alles das ...“
„Nein, Fürst, nein; ich bin baff über die ‚Beichte‘! Namentlich über die Stelle, wissen Sie, wo er von der Vorsehung und dem künftigen Leben spricht. Dort ist ein gi–gan–tischer Gedanke!“
Der Fürst blickte Koljä freundlich an, der offenbar nur deshalb gekommen war, um so bald wie möglich von dem ‚gigantischen Gedanken‘ reden zu können.
„Doch die Hauptsache, die Hauptsache liegt nicht in dem einen Gedanken allein, sondern in dem ganzen Aufbau der Sache! Wenn das ein Voltaire, Rousseau oder Proudhon geschrieben hätte – gut, ich würde es gelesen und mir gemerkt haben, aber ich würde doch nicht in dem Maße baff sein. Wenn jedoch ein Mensch, der genau weiß, daß ihm nur noch zehn Minuten geblieben sind, so spricht – das ist doch stolz! Das ist doch eine höhere Unabhängigkeit des Selbstbewußtseins, das bedeutet doch einfach direkte Herausforderung ... Nein, das ist eine wahrhaft gigantische Geisteskraft! Und danach behaupten, er habe absichtlich das Zündhütchen nicht hineingelegt – das ist doch einfach niedrig, einfach abscheulich! Aber wissen Sie, das war doch gar nicht wahr, das eine, was er da gestern sagte: ich hatte ihm ja gar nicht beim Einpacken geholfen, das war nur eine Finte von ihm, ich hatte seine Pistole nie gesehn; er selbst hatte alles eingepackt, so daß ich im Augenblick ganz perplex war. Wjera sagt, Sie würden ihn hierbehalten. Ich schwöre Ihnen, daß Sie nichts zu befürchten brauchen, es liegt ja gar keine Gefahr vor, um so weniger, als doch ständig jemand bei ihm ist.“
„Wer war heute nacht bei ihm?“
„Ich, Kostjä Lebedeff und Burdowskij. Keller blieb nur kurze Zeit bei ihm, dann ging er zu Lebedeff schlafen, bei uns war kein Platz. Ferdyschtschenko schlief gleichfalls bei Lebedeff, der ging um sieben. Der General schläft ja stets bei Lebedeff, jetzt ist er auch schon fortgegangen ... Lebedeff wird vielleicht bald zu Ihnen kommen, er suchte Sie, fragte zweimal nach Ihnen, – ich weiß nicht, was er vor hat. Soll man ihn hereinlassen oder nicht, wenn Sie sich jetzt hinlegen? Ich gehe gleichfalls schlafen. Ach, ja, das muß ich Ihnen doch noch sagen: der General hat mich vorhin überaus in Erstaunen gesetzt. Burdowskij weckte mich vor sieben, oder vielmehr fast schon um sechs; ich ging auf einen Augenblick aus dem Zimmer – da kommt mir der General entgegen, und zwar noch so berauscht, daß er mich kaum erkannte, und bleibt wie ein Pfosten vor mir stehen, bis er dann ganz plötzlich zu sich kam. ‚Was macht der Kranke?‘ fragte er. ‚Ich wollte nach dem Kranken sehn ...‘ Ich rapportierte, nun, soundso. ‚Das ist gut,‘ meinte er, ‚aber ich kam hauptsächlich – deshalb stand ich auch auf –, um dich zu warnen: ich habe Grund, anzunehmen, daß man in Herrn Ferdyschtschenkos Gegenwart nicht alles reden darf und ... die Taschen zuknöpfen muß.‘ Begreifen Sie, Fürst, was das bedeuten soll?“
„Ist’s möglich? Übrigens ... wir haben nichts auf dem Gewissen, uns kann das gleichgültig sein.“
„Versteht sich, wir sind keine Verschwörer! Aber ich wunderte mich wirklich, daß mein General deshalb in der Nacht aufsteht und mich weckt.“
„Ferdyschtschenko ist fortgegangen, sagen Sie?“
„Ja, er ging schon um sieben, kam aber noch im Vorübergehen zu mir: ich wachte bei Hippolyt. Er sagte nur, er gehe zu Wilkin, um weiter zu schlafen, – hier gibt’s nämlich so einen gewissen Trunkenbold Wilkin. Na, jetzt gehe ich. Ah! Da ist ja auch schon Lebedeff ... Der Fürst will schlafen, Lukjan Timofeïtsch, also linksum kehrt!“
„Nur auf eine Sekunde, hochverehrter Fürst, in einer gewissen, meiner Ansicht nach, höchst bedeutsamen Angelegenheit,“ begann eintretend Lebedeff in einem gezwungenen und von Ernst durchdrungenen Tone nicht gerade laut, und verbeugte sich würdevoll.
Er war soeben erst zurückgekehrt und ohne in seine Wohnung zu gehen, beim Fürsten eingetreten, weshalb er denn auch den Hut noch in der Hand hielt. In seinem Gesicht drückte sich Besorgnis aus, sowie ein gewisser Schimmer von Selbstbewußtsein. Der Fürst bat ihn, Platz zu nehmen.
„Sie haben zweimal nach mir gefragt? Beunruhigen Sie sich wegen des gestrigen Vorfalls?“
„Wegen jenes Knaben, meinen Sie, Fürst? O nein. Gestern befanden sich meine Gedanken in nicht ganz klarem Zustande ... heute jedoch beabsichtige ich nicht, Ihnen, gleichviel worin es sei, zu konterkarieren.“
„Zu konterka... wie sagten Sie?“
„Ich sagte: zu konterkarieren; ein französisches Wort, das, wie auch unzählige andere seinesgleichen, in den Bestand der russischen Sprache aufgenommen ist; doch ist mir, genau genommen, nicht viel an ihm gelegen.“
„Was ist mit Ihnen heute, Lebedeff, Sie sind so würdevoll und gesetzt und reden ja wie ein Buch,“ fragte der Fürst, erheitert durch die Komik des würdevollen Ernstes, der zu der ganzen Erscheinung Lebedeffs so wenig paßte.
„Nikolai Ardalionytsch!“ wandte sich Lebedeff in fast beschwörendem Tone an Koljä, „da ich dem Fürsten etwas mitzuteilen habe, das eigentlich und im besonderen nur ...“
„Ich versteh’, ich versteh’ schon, geht mich nichts an! Auf Wiedersehen, Fürst!“ Und Koljä entfernte sich sogleich.
„Ich schätze das Kind wegen seines Begriffsvermögens,“ äußerte sich Lebedeff, ihm nachblickend. „Ein feiner Knabe, wenn auch mitunter etwas naseweis. Doch ein ungeheures Unglück ist mir widerfahren, hochverehrter Fürst, gestern abend oder heut bei Tagesanbruch – noch schwanke ich selbst in der definitiven Zeitangabe.“
„Was ist denn geschehen?“
„Vierhundert Rubel sind aus meiner Rocktasche verduftet, hochverehrter Fürst, da haben wir die Bescherung!“ erklärte Lebedeff mit saurem Lächeln.
„Sie haben vierhundert Rubel verloren? Das ist schade.“
„Und namentlich wenn’s noch nota bene einem armen, ehrlich von seiner Arbeit lebenden Familienvater passiert.“
„Gewiß, gewiß, – aber wie ist denn das zugegangen?“
„Dank dem Alkohol, der bekanntlich die Hauptsubstanz jedes Weines ist. Ich, sehen Sie, hochverehrter Fürst, ich wende mich an Sie, wie an meine leibhaftige Vorsehung. Die Summe von vierhundert Rubeln erhielt ich gestern Punkt fünf Uhr nachmittags von einem Schuldner, worauf ich mit dem nächsten Zuge hierher zurückkehrte. Die Brieftasche hatte ich in der Brusttasche. Nachdem ich dann, zu Hause angelangt, meinen Uniformrock mit einem Hausrock vertauscht hatte, steckte ich die Brieftasche mit dem Gelde in die Rocktasche meines Hausrocks, da ich die Absicht hatte, selbiges Geld noch am gleichen Abend meinem Bevollmächtigten ... zu einem gewissen Zweck einzuhändigen.“
„Ist es wahr, Lukjan Timofeïtsch, daß Sie, wie Sie in den Zeitungen bekanntgemacht haben sollen, auf Gold- und Silbersachen Geld leihen?“
„Durch einen Vermittler, jawohl. Mein eigener Name ist in der Annonce nicht genannt. Zumal ich nur geringes Kapital besitze und in Anbetracht dessen, daß meine Familie mit den Jahren heranwächst – so ist ein ehrlicher Prozentverdienst, das werden Sie doch zugeben ...“
„Nun ja, gewiß, ich fragte ja nur so ... verzeihen Sie, daß ich Sie unterbrochen habe.“
„Doch mein Vermittler erschien nicht. Da wurde der Kranke gebracht; ich befand mich bereits in einem etwas forcierten Zustande – um sechs, nach dem Mittagsmahl. Darauf kamen diese Gäste, tranken ... Tee, und ... meine Stimmung hob sich, zu meinem Pech, versteht sich. Als aber dann – das war schon ziemlich spät – dieser Keller mit der Nachricht von Ihrem Geburtstage erschien und als Champagner verlangt wurde, begab ich mich, werter, hochverehrter Fürst, da ich ein Herz habe – das werden Sie wahrscheinlich schon bemerkt haben, denn ich verdiene es – also ein Herz habe, das ... ich will nicht gerade sagen, daß es gefühlvoll sei, aber jedenfalls ist es ein dankbares Herz, wessen ich mich auch mit Stolz rühme, – also wie gesagt, da begab ich mich zur Erhöhung der Feierlichkeit des bevorstehenden Empfanges und um mich auf eine persönliche Aussprache meines Glückwunsches vorzubereiten, in mein Schlafgemach, um meinen alten Hausrock wieder mit meinem Uniformrock zu vertauschen, woran Sie offenbar nicht zweifeln werden, zumal Sie mich während der ganzen Nacht im Uniformrock zu sehen geruht haben. Bei dieser Prozedur vergaß ich jedoch die Brieftasche in der Tasche des Hausrocks ... Kurz und gut, wenn Gott der Herr zu strafen beabsichtigt, so beraubt er uns zuerst und vor allen Dingen der Vernunft. Und erst heute morgen, so um halb acht herum, sprang ich plötzlich wie ein Besessener aus dem Bett und griff nach meinem Hausrock – die Rocktasche war noch da, aber die Brieftasche war nicht mehr da! Die hatte nicht mal ’ne Spur von sich hinterlassen!“
„Ach, das ist aber unangenehm!“
„Sehr richtig, gerade ‚unangenehm‘. Da haben Sie mit feinem Taktgefühl sogleich den entsprechenden Ausdruck gefunden,“ fügte er bei allem Humor doch mit einem gewissen Ingrimm hinzu.
„Aber wie, einstweilen ...“ sagte der Fürst nach kurzem Nachdenken, „das ist doch etwas sehr Ernstes.“
„Sehr richtig, etwas sehr Ernstes – da haben Sie eine zweite überaus zutreffende Bezeichnung gefunden ...“
„Ach, lassen Sie doch das, Lukjan Timofeïtsch, was soll das jetzt? Hier kommt es doch nicht auf Redewendungen und Worte an ... Glauben Sie, daß Sie in betrunkenem Zustande die Brieftasche haben verlieren können?“
„Können kann man alles. Namentlich in betrunkenem Zustande, wie Sie sich mit aller Aufrichtigkeit ausgedrückt haben, hochverehrter Fürst! Doch bitte ich, eines zu bedenken: wenn die Brieftasche beim Umkleiden aus der Rocktasche gefallen wäre, so müßte sie doch auf dem Fußboden liegen. Wenn sie nun aber da nicht liegt?“
„Haben Sie sie nicht irgendwohin fortgelegt, in einen Kasten vielleicht, oder in ein Schubfach?“
„Ich habe alles durchgesucht, überall nachgewühlt, um so mehr, als ich genau wußte, daß ich keinen einzigen Kasten geöffnet und kein Schubfach auch nur angerührt habe, dessen entsinne ich mich ganz genau.“
„Haben Sie auch im Schränkchen nachgesehen?“
„Versteht sich, dort ganz zuerst, und nicht nur einmal, sondern immer wieder ... Aber wie hätt’ ich’s denn ins Schränkchen tun können, mein aufrichtig hochverehrter Fürst?“
„Ich muß gestehen, Lebedeff, die Sache regt mich nicht wenig auf. Dann hat es vielleicht jemand auf dem Fußboden gefunden?“
„Oder in der Rocktasche entdeckt! Wir sind allerdings vor eine solche Alternative gestellt, wie Sie sehen!“
„Es regt mich tatsächlich auf, denn wer hätte es wohl sein können ... Das ist die Frage!“
„Ganz ohne allen Zweifel ist das die Frage! Sie bekunden ja heute eine wahrhaft erstaunliche Begabung im Finden treffender Worte und bezeichnender Gedanken, und ebenso in der klaren Darlegung der Sachlage, durchlauchtigster Fürst.“
„Ach, Lukjan Timofeïtsch, lassen Sie doch jetzt den Spott, hier ...“
„Spott!“ Lebedeff hob wie in Entrüstung abwehrend die Hände empor.
„Nun, nun, nun, schon gut, ich ärgere mich ja nicht, hier handelt es sich doch um etwas ganz anderes ... Ich fürchte nur für den Menschen, der ... Wen verdächtigen Sie denn?“
„Das ist eben die schwierige und ... nicht minder komplizierte Frage! Die Magd – kann ich nicht verdächtigen, die hat in ihrer Küche gesessen. Meine leiblichen Kinder – das geht auch nicht gut ...“
„Das fehlte noch!“
„Also folglich – jemand von den Gästen.“
„Aber ... ist denn das möglich?“
„Absolut und im höchsten Grade unmöglich, nur muß es nichtsdestoweniger unbedingt der Fall sein. Indessen bin ich bereit, zuzugeben, oder ich bin vielmehr überzeugt, daß, wenn es sich um einen Diebstahl handelt, dieser dann nicht am Abend geschehen ist, als alle noch versammelt waren, sondern in der Nacht oder sogar erst gegen Morgen, und zwar von einem der Herren, die hier genächtigt haben.“
„Ach, mein Gott!“
„Burdowskij und Nikolai Ardalionytsch schließe ich selbstverständlich aus; sie sind überhaupt nicht in meinem Zimmer gewesen.“
„Das fehlte noch! – und selbst wenn sie in Ihrem Zimmer gewesen wären! Wer hat denn sonst noch bei Ihnen geschlafen?“
„Mit mir zusammen waren’s vier – in zwei nebeneinander liegenden Zimmern: ich, der General, Keller und Herr Ferdyschtschenko. Also einer von uns vieren.“
„Das heißt einer von dreien; aber wer denn?“
„Der Ordnung und Gewissenhaftigkeit halber habe ich auch mich mitgezählt, aber Sie werden doch zugeben, Fürst, daß ich mich nicht selbst bestohlen haben werde, obschon auch solche Fälle in der Welt vorgekommen sind ...“
„Ach, Lebedeff, wie langweilig Sie sind!“ unterbrach ihn der Fürst ungeduldig. „So bleiben Sie doch bei der Sache ...“
„Also; es bleiben drei. Erstens Herr Keller – ein äußerst unbeständiger Mensch, ein Mensch, dem das Wesen nüchterner Tage schon längst in nebelhafte Ferne entrückt ist, und ein Mensch, der in gewissen Dingen höchst liberale Ansichten hat, wollte sagen in Taschendingen, im übrigen jedoch ein Mensch mit sozusagen mehr alt-ritterlichen Neigungen als mit liberalen. Zuerst schlief er im Zimmer des Kranken und krabbelte erst nachher zu uns herüber, und zwar mit der Motivierung, daß auf dem Fußboden zu schlafen nichts weniger als weich, respektive angenehm sei.“
„Und Sie haben ihn im Verdacht?“
„Gehabt. Als ich um acht erwachte und wie’n Besessener aufgesprungen war, griff ich mit der Hand an die Stirn und weckte sogleich den General, der noch den Schlaf des Gerechten schlief. Nachdem wir dann das seltsame Verschwinden Herrn Ferdyschtschenkos wohl erwogen hatten, was wiederum manchen Argwohn in uns erweckt hatte, beschlossen wir sogleich, Herrn Keller näher zu untersuchen, da dieser noch nicht verschwunden war, sondern wie ... wie festgenagelt dalag. Wir verrichteten unsere Sache mit aller Gründlichkeit: in seinen Taschen fand sich aber auch keine einzige Kopeke. Dafür entdeckten wir ein Schnupftuch, ein blaukariertes, baumwollenes, in einem Zustande, über den man besser Schweigen wahrt. Ferner beförderten wir einen Liebesbrief zutage, von einem Stubenmädchen, das Geld verlangt und mit Verschiedenem droht; und schließlich noch Fetzen des bekannten Feuilletons. Der General entschied, daß er unschuldig sei. Zur Vergewisserung der Richtigkeit des Urteiles weckten wir ihn auf, was durchaus nicht so einfach war und uns erst nach längeren Bemühungen gelang: er begriff aber kaum, um was es sich handelte, tat nur den Mund auf, stierte vor sich hin, mit einem Gesichtsausdruck: blödsinnig und unschuldig, sogar dumm, kann man sagen, – nein, der war es nicht!“
„Nun, das freut mich!“ atmete der Fürst erfreut auf. „Ich fürchtete wirklich für ihn!“
„Sie fürchteten? ... Dann hatten Sie also Ursache dazu?“ forschte Lebedeff blinzelnd.
„O nein, das nicht, ich meinte nur ...“ Der Fürst stockte. „Ich habe mich da sehr dumm ausgedrückt und unüberlegt ... Seien Sie so gut, Lebedeff, und erzählen Sie es keinem ...“
„Fürst! Fürst! Ihre Worte ruhen in meinem Herzen ... in der tiefsten Tiefe meines Herzens! Und dort ist ein Grab! ...“ beteuerte Lebedeff halb wie in Verzückung, indem er den Hut in der Herzgegend an sich drückte.
„Gut, gut ... Also dann Ferdyschtschenko? Das heißt, ich meine nur, dann verdächtigen Sie wohl Herrn Ferdyschtschenko?“
„Wen denn sonst?“ fragte Lebedeff leise mit aufmerksamem Blick auf den Fürsten.
„Nun ja, versteht sich ... wen könnte man denn sonst ... das heißt, haben Sie denn Beweise?“
„Die habe ich. Erstens: sein Verschwinden um sieben Uhr oder noch früher.“
„Ich weiß, Koljä erzählte mir, daß er zu ihm gekommen sei und gesagt habe, daß er lieber zu ... ich habe den Namen vergessen – zu seinem Freunde schlafen gehen wolle.“
„Zu Wilkin. Dann weiß es Nikolai Ardalionytsch schon?“
„Von dem Diebstahl hat er nichts gesagt.“
„Kann er auch gar nicht, denn er weiß ja doch noch nichts davon. Ich behandle die Sache vorläufig als größtes Geheimnis. Also: er geht zu Wilkin. Nun sollte man meinen, nicht wahr, daß es doch nichts auf sich haben könne, wenn ein betrunkener Mensch zu einem ebenso betrunkenen geht, selbst wenn er es ohne jeden triftigen Grund und womöglich schon bei Tagesanbruch tut? Aber sehen Sie, gerade hier beginnt die Spur deutlich zu werden: beim Fortgehen hinterläßt er noch die Adresse ... Passen Sie jetzt auf, Fürst, jetzt fragt es sich: weshalb sagte er, wohin er geht? ... Weshalb geht er absichtlich zu Nikolai Ardalionytsch, obgleich das einen Umweg bedeutet, um ihm zu sagen, daß er zu Wilkin geht? Und wen kann’s denn schließlich interessieren, daß er fortgeht, selbst wenn er zu Wilkin geht? Weshalb meldet er das vorher? Nein, sehen Sie, das ist Raffiniertheit, diebische Geriebenheit! Das bedeutet soviel wie: ‚Seht, ich verheimliche meine Schritte absichtlich nicht, wie kann ich also ein Dieb sein? Würde denn ein Dieb sagen, wohin er geht?‘ Das aber ist doch nichts als ein Ausdruck des Verlangens, den Verdacht von sich abzulenken und seine Spuren sozusagen im Sande zu verwischen ... Haben Sie meinen Gedanken begriffen, hochverehrter Fürst?“
„Ja, sogar sehr gut begriffen, aber das allein ist doch zu wenig!“
„Warten Sie ’n bißchen, jetzt folgt sogleich der zweite Beweis: die Spur ist falsch und die gegebene Adresse ungenau. Nach einer Stunde, schon um acht, klopfte ich bei Wilkin – der wohnt hier nicht sehr weit, in einer der nächsten Straßen ... ich bin sogar bekannt mit ihm. Von meinem Ferdyschtschenko war jedoch dort nichts vorhanden, noch zu entdecken. Von der Dienstmagd erfuhr ich dann mit Müh und Not – es ist ein dummes Weibsbild –, daß vor etwa einer Stunde allerdings jemand Einlaß begehrt habe, und zwar ziemlich nachdrücklich, da der Betreffende den Klingelzug abgerissen habe. Doch die Dienstmagd hatte ihm die Tür nicht aufgemacht, um, wie sie vorgab, den Herrn nicht zu wecken, vielleicht aber auch, um sich selbst nicht zu wecken. So etwas pflegt mitunter vorzukommen.“
„Sind das alle Ihre Beweise? Es ist wenig.“
„Fürst, wen soll man denn sonst verdächtigen, bedenken Sie doch nur das!“ bat Lebedeff nicht ohne Galgenhumor – doch lag in seinem Augenzwinkern und Lächeln eine gewisse Listigkeit.
„Suchen Sie doch noch einmal im Zimmer und in den Schubfächern!“ rief der Fürst nachdenklich und mit besorgter Miene.
„Fürst, das habe ich schon bedeutend mehr als einmal getan,“ seufzte Lebedeff in komischer Ergebenheit.
„Hm! ... aber weshalb, wozu hatten Sie es nötig, sich umzukleiden?“ ärgerte sich der Fürst, und er schlug mit der Faust auf den Tisch – allerdings nicht allzu stark.
„Die Frage stammt aus einer alten Komödie. Aber, edelster, bester Fürst, Sie nehmen sich mein Unglück nachgerade doch gar zu sehr zu Herzen! Das bin ich ja gar nicht wert. Das heißt, ich allein bin es nicht wert, aber Sie leiden ja auch für den Verbrecher ... für den nichtsnutzigen Herrn Ferdyschtschenko!“
„Nun ja, ich bin in der Tat besorgt,“ sagte der Fürst zerstreut. „Aber was beabsichtigen Sie nun zu tun ... wenn Sie so überzeugt sind, daß es Ferdyschtschenko gewesen ist?“
„Fürst, hochverehrter Fürst, wer soll’s denn sonst gewesen sein?“ entschuldigte sich mit wachsender Rührung Lebedeff. „Ist doch schon der Mangel an einer anderen Verdachtsmöglichkeit, ich meine, der Mangel an jeder Möglichkeit, einen anderen als Ferdyschtschenko zu verdächtigen, ein neuer Beweis gegen Ferdyschtschenko, der dritte Beweis! Denn, ich frage Sie nochmals, wer hätte sie sonst nehmen können? Ich kann doch nicht Herrn Burdowskij verdächtigen, he–he–he!“
„Ach, reden Sie nicht solch einen Blödsinn!“
„Und schließlich doch auch nicht den General, he–he–he?“
„Welch ein Unsinn!“ sagte der Fürst ärgerlich und bewegte sich ungeduldig auf seinem Platz.
„Selbstverständlich ist das Unsinn! He–he–he! Aber hat mich der Mensch doch erheitert heute, weiß Gott! – ich rede vom General. Wir gehen beide flugs auf frischer Spur zu Wilkin ... aber ich muß Ihnen doch noch sagen, daß der General zu Anfang fast noch mehr erschrocken war als ich! Ganz zuerst als ich ihn im ersten Schrecken sogleich aufweckte, erschrak er so, daß er sich sogar im Gesicht vollkommen veränderte: wurde bleich, wurde rot, und geriet dann plötzlich in solche Wut, war so aufrichtig entrüstet und empört, daß ich mich wirklich nur wunderte, zumal ich’s von ihm gar nicht erwartet hätte. Ein edler Mensch, wie man sieht! Er lügt zwar ununterbrochen, aber er birgt die höchsten Gefühle in seiner Brust, zudem ist er nicht gerade sehr gedankenreich und flößt einem durch seine Unschuld das größte Zutrauen ein. Ich habe Ihnen bereits einmal gesagt, hochverehrter Fürst, daß ich für ihn nicht nur eine Schwäche, sondern geradezu Liebe empfinde. Plötzlich bleibt er mitten auf der Straße stehen, reißt seinen Rock auf, entblößt die Brust. ‚Durchsuche mich‘, sagt er, ‚du hast Keller durchsucht, weshalb durchsuchst du nicht auch mich? Du mußt es tun, das verlangt die Gerechtigkeit!‘ Seine Hände und Füße aber zittern nur so, er erbleicht sogar und steht fast drohend vor mir. Ich lachte. ‚Hör’ mal, General,‘ sagte ich, ‚wenn jemand anderes dich dessen verdächtigen wollte, so würde ich mit meinen eignen Händen meinen Kopf abnehmen, auf eine große Schale setzen und ihn persönlich allen Zweiflern anbieten.‘ ‚Seht ihr diesen Kopf?‘ würde ich sie fragen, ‚nun dann seht: mit diesem meinen eigenen Kopf stehe ich für ihn ein, und nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem ganzen Körper, wenn’s beliebt, und das nicht nur in der Luft, sondern sogar im Feuer!‘ ‚Siehst du jetzt,‘ fragte ich, ‚wie groß mein Vertrauen in dich ist!‘ Da stürzte er mir in die Arme – alles mitten auf der Straße, nicht zu vergessen – brach in Tränen aus, zitterte nur so und preßte mich so fest an seine Brust, daß ich kaum noch atmen konnte. ‚Du bist mein einziger Freund,‘ sagte er, ‚der einzige, der mir in meinem Unglück treugeblieben ist!‘ Tja, ein gefühlvoller Mensch ist er, das muß man ihm lassen! Nun und dann, versteht sich, erzählte er sogleich eine Geschichte: wie er in seiner Jugend einmal gleichfalls eines Diebstahls verdächtigt worden sei, und zwar hatte es sich damals um fünfhunderttausend Rubel gehandelt. Doch am nächsten Tage hatte er sich in ein brennendes Haus gestürzt und aus den Flammen den ihn verdächtigenden Grafen samt Nina Alexandrowna hervorgezogen, die damals noch nicht mit ihm verheiratet war. Der Graf hatte ihn umarmt, und das Ereignis hatte seine Verlobung mit Nina Alexandrowna zur Folge gehabt, am nächsten Tage aber hatte man unter den Trümmern des Hauses die Schatulle mit dem vermißten Gelde gefunden. Sie war in England gefertigt, von ganz besonderer Bauart aus Stahl und Eisen, mit doppeltem Verschluß und noch etlichen Geheimschlössern, und war vorher auf irgendeine Weise unter den Fußboden geraten, so daß niemand sie hatte finden können: nun und durch diesen Brandschaden war sie wieder zutage befördert worden. Kurzum – alles wüste Lüge und blühende Phantasie. Als er aber auf Nina Alexandrowna zu sprechen kam, schluchzte er. Eine edle Dame, diese Nina Alexandrowna, obschon sie auf mich böse ist.“
„Sie kennen sie?“
„Beinahe. Das heißt, beinahe nicht, aber ich wünschte es von Herzen, wenn auch nur, um mich vor ihr rechtfertigen zu können. Sie behauptet nämlich von mir, daß ich ihren Gatten hier zum Trinken verführe, während ich doch in Wirklichkeit eher das Gegenteil tue, indem ich ihn vor einer noch verderblicheren Gesellschaft bewahre. Zudem ist er mein Freund, und ich garantiere Ihnen, daß ich ihn hinfort nicht mehr verlassen werde, und das sogar so buchstäblich, daß überall, wo er ist und steht, auch ich bin und stehe – denn ihn kann man doch wirklich nur mit Gemüt behandeln. Jetzt hat er seine Visiten bei der Kapitanscha ganz eingestellt, obschon es ihn innerlich noch sehr zu ihr drängt, was er mitunter durch Seufzer verrät, was wiederum namentlich jeden Morgen geschieht, wenn er sich erhebt und stöhnend seine Stiefel anzieht – weshalb jedoch gerade zu dieser Zeit, vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Geld hat er nicht, das ist das ganze Unglück, ohne Geld aber darf er ihr nicht unter die Augen kommen. Hat er Sie noch nicht um Geld gebeten, hochverehrter Fürst?“
„Nein, er hat mich nicht darum gebeten.“
„Schämt sich. Aber er wollte es tun, gestand mir sogar, daß er Sie zu beunruhigen beabsichtige, doch schäme er sich, da Sie ihn ja vor kurzem noch ausgekauft hätten, und, überdies ist er der Meinung, daß Sie ihm nichts geben würden. Er hat mir als seinem Freunde sein ganzes Herz ausgeschüttet.“
„Und Sie, Sie geben ihm kein Geld?“
„Fürst! Durchlauchtigster Fürst! Diesem Menschen würde ich nicht nur Geld, sondern sozusagen sogar mein Leben ... übrigens, nein, ich will nicht übertreiben, – mein Leben nicht, aber sozusagen ’ne kleine Influenza, irgend so’n Geschwür oder selbst einen Husten – das, bei Gott, das bin ich bereit für ihn zu erdulden, wenn es nun gerade wirklich sehr nötig sein sollte ... denn ich halte ihn für einen großen, wenn auch verdorbenen Menschen! Jawohl! Sehen Sie, nicht nur Geld!“
„So geben Sie ihm also welches?“
„N–n–nein, Geld habe ich ihm noch nicht gegeben und er weiß es selbst, daß ich es ihm nicht geben werde, aber das geschieht doch nur im Hinblick auf seine Mäßigung und Besserung. Heute begab er sich mit mir nach Petersburg – ich fuhr doch sogleich hin, um Herrn Ferdyschtschenko auf frischer Spur zu verfolgen, denn ich wußte genau, daß er nach Petersburg gefahren war. Mein General kochte nur so. Mir ahnte so was, daß er in Petersburg von meiner Seite verschwinden würde, um seine Kapitanscha aufzusuchen. Ich, ich muß gestehen, ich ließ ihn beinahe mit Absicht von mir fort. Wir waren überein gekommen, uns bei der Ankunft sogleich zu trennen, da es uns auf diese Weise leichter sein würde, den Schuldigen zu ertappen. Also wir trennten uns – und jetzt will ich ihn bei der Kapitanscha aufsuchen ... wenn auch eigentlich nur deshalb, um ihn als Familienvater und als Menschen überhaupt zu beschämen.“
„Nur machen Sie keinen unnützen Lärm, Lebedeff, sagen Sie um Gotteswillen keinem ein Wort davon,“ bat der Fürst halblaut in großer Unruhe.
„O nein, ich will ja im Grunde nur deshalb hingehen, um ihn zu beschämen, und dann auch, um zu sehen, was für eine Physiognomie er machen wird, – denn aus der Physiognomie kann man auf vieles schließen, hochverehrter Fürst, und besonders noch bei solch einem Menschen! Ach, Fürst! Wie groß aber auch mein eigenes Unglück im gegenwärtigen Augenblick ist, so kann ich doch nicht umhin, auch an die Hebung seiner Sittlichkeit zu denken. Deshalb habe ich an Sie eine große Bitte, durchlauchtigster Fürst, die genau genommen auch der Grund meines Kommens ist: Sie sind mit seiner Familie bekannt, haben sogar dort gewohnt – wenn Sie nun also, edelster Fürst, sich dazu entschließen könnten, mir ein wenig behilflich zu sein, einzig zum Glücke des Generals ...“
Lebedeff faltete die Hände in inständiger Bitte.
„Aber, wie soll ich Ihnen denn behilflich sein? Ich verstehe Sie nicht, Lebedeff.“
„... Einzig in dieser meiner Überzeugung bin ich zu Ihnen gekommen! Zum Beispiel könnte man doch durch Nina Alexandrowna auf ihn einwirken, indem man sozusagen im Schoße der eigenen Familie liebevoll ein achtsames Auge auf ihn hat. Ich selbst bin zum Unglück nicht mit ihr bekannt ... ferner könnte auch Nikolai Ardalionytsch, der Ihnen doch mit allen Fasern seines jungen Herzens ergeben ist, gleichfalls behilflich sein ...“
„Nein, Nina Alexandrowna darf von dieser ganzen Sache nichts erfahren, und Koljä ebensowenig ... Ich verstehe Sie aber noch nicht ganz, Lebedeff.“
„Aber hier ist doch nichts zu verstehen!“ rief Lebedeff und sprang vom Stuhl auf. „Nichts, nichts als Zärtlichkeit und Gefühl sind hier nötig – das ist das einzige Mittel für unseren Kranken. Sie, Fürst, werden mir doch erlauben, ihn als Kranken zu betrachten?“
„Das zeugt nur von Ihrem Zartgefühl und Ihrer Einsicht.“
„Ich will es Ihnen durch ein Beispiel erklären, das ich um der größeren Klarheit willen aus der Praxis nehme. Sehen Sie, was das für ein Mensch ist: da hat er nun diese seine Schwäche für die Kapitanscha, der er sich aber ohne Geldmittel nicht zeigen darf, und bei der ich ihn heute zu ertappen gedenke, zu seinem eigenen Glück, versteht sich. Doch gesetzt den Fall, daß er ein richtiges Verbrechen begangen, nun, ... irgendeine ehrlose Handlung – wenn er dazu auch absolut unfähig ist – so würde man doch dann, sage ich, einzig mit so einer gewissen Sensibilität alles bei ihm erreichen, denn er ist ein selten feinfühliger Mensch! Glauben Sie mir, keine fünf Tage würde er es aushalten! – Würde sich selbst verraten, in Tränen ausbrechen, alles gestehen, – und namentlich, namentlich wenn man noch geschickt vorgeht und edelmütig – und durch das Auge der liebenden Familie oder durch Ihr Auge alle seine Schritte sorgsam verfolgt ... Oh, edelster Fürst!“ Lebedeff wollte fast aufspringen vor Begeisterung. „Ich behaupte ja nicht, daß er es unfehlbar sei ... Ich bin ja sozusagen sogar bereit, mein ganzes Blut für ihn sogleich hinzugeben, aber ein solches Leben, dazu die Trunkenheit und die Kapitanscha – das alles kann einen doch noch zu ganz anderen Dingen verleiten!“
„Wenn es sich so verhält, dann werde ich Ihnen gern behilflich sein,“ sagte der Fürst, sich gleichfalls erhebend, „nur will ich Ihnen gestehen, Lebedeff, daß mich die Sache ernstlich beunruhigt. Sagen Sie, Sie ... Sie sagten doch selbst, daß Sie Herrn Ferdyschtschenko verdächtigten?“
„Ja, aber wen denn sonst? Ich bitte Sie, wen denn sonst, mein gütigster Fürst?“ Lebedeff legte mit rührendem Lächeln wieder wie betend die Hände zusammen.
„Sehen Sie, Lukjan Timofeïtsch, hier kann es sich um ein großes Versehen handeln. Dieser Ferdyschtschenko ... ich meine nur, daß man doch schließlich nicht wissen kann, ob nicht er ... Das heißt, ich will nur sagen, daß er vielleicht tatsächlich eher dazu fähig ist, als ... als der andere ...“
Lebedeff spitzte Ohren und Augen.
„Sehen Sie,“ verwirrte und ärgerte sich der Fürst immer mehr, indem er auf und ab zu gehen begann und sich bemühte, Lebedeff nicht anzusehen, „man hat mir mitgeteilt ... man hat mir von diesem Herrn Ferdyschtschenko gesagt, daß er ... außerdem solch ein Mensch sei ... daß man besser tut, in seiner Gegenwart nichts ... Überflüssiges zu reden – Sie verstehen? Ich meine ja nur, daß er vielleicht wirklich eher fähig dazu wäre, als der andere ... Ich teile es Ihnen bloß mit, um einen vielleicht grausamen Irrtum zu verhüten, Sie verstehen mich doch?“
„Wer hat Ihnen das von Herrn Ferdyschtschenko mitgeteilt?“ fragte Lebedeff fast zitternd vor Spannung.
„So ... man hat es mir so zu verstehen gegeben. Übrigens glaube ich selbst noch nicht daran ... es ist mir sehr unangenehm, daß ich es habe weitererzählen müssen, aber ich versichere Ihnen nochmals, daß ich selbst nicht daran glaube ... das ist bestimmt nur leeres Geschwätz ... Pfui, wie dumm ich gehandelt habe!“
„Sehen Sie, Fürst,“ begann Lebedeff, immer noch am ganzen Körper zitternd, „das ist sehr wichtig, was Sie da von Herrn Ferdyschtschenko sagen, und namentlich, namentlich ist’s die Frage, wie Ihnen das zu Ohren gekommen ist.“ Und Lebedeff lief, während er sprach, in größter Aufregung hinter dem Fürsten her, von einer Ecke zur anderen und wieder zurück, bemüht, mit ihm gleichen Schritt zu halten. „Sehen Sie, Fürst, jetzt werde auch ich Ihnen etwas mitteilen: als wir vorhin beide zu Wilkin eilten, begann der General, nach der Erzählung des Brandes, und natürlich in edler Entrüstung, ähnliche Anspielungen auf Herrn Ferdyschtschenko zu machen, doch kamen sie mir so ungereimt vor, daß ich einige Fragen an ihn stellte. Auf diese Weise überzeugte ich mich vollkommen, daß diese ganze Verdächtigung Ferdyschtschenkos einzig, sagen wir, auf das Betätigungsbedürfnis der Phantasie des Generals zurückzuführen war ... Oder eigentlich, sozusagen, auf seine Seelengröße. Denn er lügt ja doch nur deshalb, weil er seinen Überschwang nicht meistern kann. Nun beachten Sie folgendes: wenn er nun gelogen hat, wovon ich überzeugt bin, und die ganze Geschichte folglich von ihm frei erfunden ist, wie ist es dann zugegangen, daß auch Sie dasselbe haben hören können? Das ist sehr wichtig ... das ist von ungeheurer Wichtigkeit ...“
„Mir hat es vorhin Koljä mitgeteilt und dem hatte es der Vater, der General, gesagt, als er ihm um sechs oder nach sechs im Flur begegnet war.“
Und der Fürst erzählte ausführlicher, was Koljä ihm gesagt hatte.
„Das ... das ... da haben wir jetzt genau das, was man eine richtige Fährte nennt!“ lachte händereibend Lebedeff leise vor sich hin. „So dacht’ ich’s mir! Das bedeutet, daß der General absichtlich seinen unschuldigen Schlaf um sechs Uhr morgens unterbrochen hat, um sein Söhnchen zu wecken und ihm mitzuteilen, daß es gefährlich sei, Ferdyschtschenko zum Nachbar zu haben! Wie kann nun Herr Ferdyschtschenko noch gefährlich sein, ich bitte Sie! – und wie gefällt Ihnen die väterliche Besorgnis seiner Exzellenz, he–he–he! ...“
„Hören Sie, Lebedeff,“ – der Fürst war äußerst betreten – „hören Sie, daß Sie aber keinen Lärm machen! Handeln Sie im stillen! Ich bitte Sie darum, Lebedeff, ich bitte Sie inständig! ... Nur in dem Falle werde ich Ihnen behilflich sein, wenn niemand etwas davon erfährt, es darf niemand auch nur ein Wort erfahren!“
„Seien Sie versichert, bester, edelster, durchlauchtigster Fürst,“ rief Lebedeff in Ekstase, „seien Sie versichert, daß das Ganze einzig in meinem gleichfalls edelmütigen Herzen wie in einem Grabe ruhen wird! Und mit leisen Schritten gehen wir gemeinsam vor, mit leisen Schritten! Ich würde sogar mein ganzes Blut ... Durchlauchtigster Fürst, ich bin sowohl geistig wie seelisch ein niedriger Mensch, aber fragen Sie wen Sie wollen, sogar einen richtigen Schuft, nicht nur einen bloß niedrigen Menschen: mit wem er lieber zu tun hat, mit einem Schuft, wie er selbst einer ist, oder mit dem edelsten Menschen, wie Sie einer sind, hochverehrter Fürst? Sie können sicher sein, daß er die Frage zugunsten des letzteren beantworten wird und eben darin liegt der Triumph der Tugend! ... Auf Wiedersehen, hochverehrter Fürst! Also mit leisen Schritten ... Ganz sacht! ... Und vorsichtig ...“
X.
Als der Fürst am Abend dieses Tages wieder im Park umherstrich, begriff er endlich, weshalb ihn jedesmal ein Kältegefühl durchrieselte, sobald er die drei Briefe in seiner Tasche berührte, und weshalb er das Lesen derselben bis jetzt noch immer hinausgeschoben hatte. Er hatte sich am Morgen, bevor er sich hingelegt, nicht entschließen können, auch nur einen der drei Briefe hervorzuziehen, und später hatte ihn der Schlaf übermannt – und wieder hatte er einen schweren Traum gehabt. Wieder war sie zu ihm gekommen, jene „Verbrecherin“. Wieder hatte sie ihn angesehen mit glänzenden Tränen an den langen Wimpern. Wieder hatte sie ihn zu sich gerufen, und wieder mußte er, ganz wie am Morgen, mit Qual an ihr Gesicht denken. Er hatte sich erheben und sogleich zu ihr gehen wollen, hatte es jedoch nicht vermocht. Und dann hatte er endlich fast verzweifelt die Briefe hervorgezogen und zu lesen begonnen ...
Diese Briefe glichen gleichfalls einem Traum. Wie oft hat man nicht ganz unmögliche und widernatürliche Träume. Beim Erwachen entsinnt man sich ihrer noch genau und wundert sich über die seltsamen Tatsachen. Zuerst entsinnt man sich, daß die Vernunft einen während der ganzen Dauer des Traumes keinen Augenblick verlassen hat, man entsinnt sich sogar, daß man während der ganzen langen, langen Zeit, in der man von Räubern und Mördern umgeben war, tatsächlich sehr schlau und logisch gehandelt hat. Man entsinnt sich, wie sie mit einem scherzten und dabei doch klug ihre Absicht verbargen und sich freundschaftlich benahmen, wenn sie auch alle ihre Waffen schon in Bereitschaft hatten und nur noch auf einen Wink warteten. Man entsinnt sich, wie schlau man sie schließlich betrogen und sich vor ihnen versteckt hat, und wie man dann erraten, daß sie den ganzen Betrug schon längst durchschauten und es nur nicht merken lassen wollten, daß sie ganz genau wußten, wo man sich versteckt hielt – dann aber wurde man selbst noch schlauer und betrog sie erst recht. Wie aber geht es zu, daß die Vernunft zu derselben Zeit so augenscheinlichen Blödsinn und so auf der Hand liegende Unmöglichkeiten – aus denen der ganze Traum fast ausschließlich bestanden –, hat zulassen können? Einer der Mörder verwandelt sich zum Beispiel in eine Frau und die Frau in einen kleinen, schlauen, abscheulichen Zwerg, die Vernunft aber sträubt sich nicht im geringsten dagegen – sie akzeptiert die Metamorphose vollkommen, eben als vollendete Tatsache. Und das geschieht ohne die geringste Verwunderung, während doch die Vernunft gleichzeitig ungewöhnlich scharf arbeitet und eine geradezu seltene Schlauheit und Logik beweist. Weshalb hat man dann, wenn man aus dem Traum bereits erwacht und wieder ganz in der Wirklichkeit ist, jedesmal das Gefühl – bisweilen ist der Eindruck sogar von ungeheurer Stärke –, daß einen zusammen mit dem Traum etwas für uns ganz Unerratbares, Unwißbares verlassen habe? Man lächelt über die Absurdität des Traumes und fühlt doch gleichzeitig, daß in der Verflechtung dieser Absurditäten irgendein Sinn enthalten ist, und zwar ein wirklicher Sinn, der bereits zu unserem wirklichen Leben gehört, ein Etwas, das in unserem Herzen vorhanden und sogar immer vorhanden gewesen ist; der Traum scheint uns etwas Neues, Prophetisches, von uns Erwartetes gesagt zu haben; der Eindruck ist stark, gleichviel ob freudiger oder quälender Art, doch worin er bestanden, was er enthält, und was einem gesagt worden ist – das können wir weder begreifen, noch uns dessen entsinnen.
Fast dasselbe empfand der Fürst auch nach dem Lesen dieser Briefe. Doch noch bevor er den ersten dem Kuvert entnommen hatte, empfand der Fürst die Tatsache der Existenz dieser Briefe, die bloße Möglichkeit, daß sie überhaupt geschrieben werden konnten, als etwas traumhaft Unmögliches, das auch jetzt in wachem Zustande wie ein Alp auf ihm lag. „Wie hat sie sich entschließen können, an Aglaja zu schreiben?“ fragte er sich gequält immer wieder, als er – es war inzwischen Abend geworden – umherging, ohne selbst zu wissen, wo er sich befand. „Wie konnte sie davon schreiben, wie konnte nur ein so wahnsinniger Gedanke in ihrem Gehirn entstehen?“ Doch der Gedanke war bereits Wirklichkeit geworden, und am meisten wunderte ihn jetzt nur noch das, daß er schon während des Lesens an die Möglichkeit dieses Gedankens zu glauben und ihn fast sogar zu rechtfertigen begonnen hatte. Natürlich war das alles nur Traum, Alpdruck und Wahnsinn, doch war hier außerdem noch irgend etwas, etwas quälend Wirkliches und märtyrerhaft Gerechtes, das alles zusammen, den Traum und den Alpdruck und den Wahnsinn rechtfertigte. Nachdem er die Briefe gelesen, befand er sich mehrere Stunden wie in einem Traumzustand, in dem einzelne Sätze und Worte phantastisch durch seine Gedanken zogen, bis ihn dann irgendein Ausdruck stutzig machte und er grübelnd über ihn nachzudenken begann. Bisweilen wollte er sich sogar sagen, daß er alles das schon vorausgeahnt habe, ja es schien ihm sogar, daß er alles das schon früher, irgend einmal vor langer, langer Zeit gelesen habe, und daß alles, was ihn seit der Zeit gequält und geängstigt hatte – daß alles das in diesen schon vor langer Zeit von ihm gelesenen Briefen enthalten war.
„Wenn Sie diesen Brief entfaltet haben,“ begann das erste Schreiben, „so blicken Sie zuerst nach der Unterschrift. Die Unterschrift wird Ihnen alles sagen und alles erklären, so daß ich mich weiter nicht zu rechtfertigen und Ihnen auch nichts mehr zu erklären brauche. Wenn ich auch nur einigermaßen als Ihnen gleichstehend gelten könnte, würde diese Dreistigkeit meinerseits Sie vielleicht beleidigen, aber wer bin ich und wer sind Sie? Wir sind zwei solche Gegensätze und ich stehe so außerhalb Ihres Lebenskreises, daß ich Sie überhaupt nicht beleidigen könnte, selbst wenn ich es wollte.“
An einer anderen Stelle schrieb sie weiter:
„Halten Sie meine Worte nicht für krankhafte Begeisterung eines kranken Geistes, wenn ich Ihnen sage, daß Sie in meinen Augen die – Vollkommenheit selbst sind! Ich habe Sie gesehen, ich sehe Sie jeden Tag. Ich kritisiere Sie dabei nicht, ich habe nicht etwa mit meiner Vernunft eingesehen, daß Sie vollkommen sind – es ist einfach mein Glaube und dieser Glaube macht mich selig. Aber ich muß Ihnen auch meine große Schuld gestehn: ich liebe Sie. Eine Vollkommenheit kann man aber doch nicht lieben! die kann man doch nur als Vollkommenheit betrachten, nicht wahr? Und doch bin ich verliebt in Sie. Nur beunruhigen Sie sich deshalb nicht, denn wenn auch Liebe die Menschen gleich macht, so habe ich dabei doch nicht an irgendeine Gleichheit zwischen uns gedacht, nicht einmal in meinen heimlichsten Gedanken, glauben Sie es mir. Da habe ich geschrieben: ‚beunruhigen Sie sich nicht‘, – können Sie sich denn überhaupt deshalb beunruhigen? ... Wenn es möglich wäre, würde ich die Spuren Ihrer Füße küssen. Oh, ich will mich nicht mit Ihnen gleichstellen ... Blicken Sie nach der Unterschrift, blicken Sie schnell nach der Unterschrift!“
„Ich bemerke soeben,“ schrieb sie im zweiten Brief, „daß ich Sie mit ihm vereinigen will, ohne überhaupt gefragt zu haben, ob auch Sie ihn lieben. Er hat Sie liebgewonnen, nachdem er Sie nur einmal gesehen hat. In seiner Erinnerung waren Sie ihm etwas ‚Lichtes‘ – das ist sein eigener Ausdruck, ich habe ihn von ihm selbst gehört. Doch ich habe auch ohne Worte begriffen, daß Sie für ihn ‚Licht‘ sind. Ich habe einen ganzen Monat neben ihm gelebt und da habe ich es gefühlt, daß auch Sie ihn lieben. Sie und er sind für mich eines.“
„Gestern ging ich an Ihnen vorüber,“ schrieb sie weiter, „und ich glaubte zu bemerken, daß Sie erröteten. Aber das kann doch nicht sein, ich muß mich getäuscht haben. Selbst wenn man Sie in die schmutzigste Höhle führen und Ihnen das nackte Laster zeigen würde, dürften Sie nicht erröten; es ist ganz ausgeschlossen, daß eine Beleidigung Sie kränken könnte. Sie können wohl alle Gemeinen und Niedrigen hassen, aber nicht ... von sich aus, sondern für andere, für jene, die von ihnen gekränkt werden. Sie dagegen wird niemand beleidigen können. Wissen Sie, ich glaube, daß Sie mich sogar lieben müssen. Für mich sind Sie dasselbe, was Sie für ihn sind: ein lichter Geist. Ein Engel kann nicht hassen, er kann nur lieben. Kann man aber alle lieben, alle Menschen, alle seine Nächsten? (Ich habe oft diese Frage an mich gestellt.) Gewiß nicht, und das ist sogar ganz natürlich. (In der abstrakten Liebe zur Menschheit liebt man fast immer nur sich selbst.) Uns ist jene Liebe unmöglich, Sie aber sind etwas ganz anderes: wie wäre es Ihnen möglich, nicht jemanden zu lieben, da Sie sich doch mit keinem vergleichen können und über jeder Beleidigung stehen, sogar über jedem persönlichen Unwillen. Sie allein können ohne Egoismus lieben, Sie allein können es nicht für sich selbst, sondern für jenen tun, den Sie lieben. Oh, wie bitter wäre es für mich, zu erfahren, daß Sie bei dem Gedanken an mich Scham oder Zorn empfänden! Das wäre ja dann Ihr Sturz: Sie würden sofort bis zu mir herabsinken, mit mir auf einer Stufe stehen ...“ „Als ich gestern nach der Begegnung mit Ihnen nach Hause kam, sah ich im Geiste ein Bild vor mir, das noch nie gemalt worden ist. Christus wird von den Malern immer nach irgendeiner Schilderung des Evangeliums dargestellt, und nie als völlig Abseitsstehender, als einsamer Mensch. Ich würde ihn gern einmal mit einem kleinen Kinde dargestellt sehen, dessen Kindererzählung er vielleicht soeben noch angehört, dessen blondes Kinderköpfchen er vielleicht soeben noch gestreichelt hat. Vielleicht ist auch seine Hand noch auf dem Kinderkopf ruhen geblieben, während er schon gedankenversunken in die Ferne blickt und in seinem Blick ein Gedanke so groß wie die Welt ruht. Dieser schweigende Mensch in der Abendstimmung, vor dem fernen Horizont – das wäre ein Bild, das ich gern einmal sehen möchte ... Sie sind unschuldig, und in Ihrer Unschuld liegt Ihre ganze Vollkommenheit. Oh, vergessen Sie das nie! Was geht Sie meine Leidenschaft für Sie an? Jetzt sind Sie bereits mein, und ich werde mein ganzes Leben lang bei Ihnen sein ... Ich werde bald sterben.“
Schließlich, im letzten Brief schrieb sie:
„Um Gottes willen, denken Sie nichts von mir. Denken Sie auch nicht, daß ich mich erniedrige, wenn ich so an Sie schreibe, oder daß ich zu jenen Geschöpfen gehöre, denen Selbsterniedrigung ein Genuß ist, und wenn sie es auch nur aus Stolz tun. Nein, ich habe meinen besonderen Trost, doch fiele es mir schwer, Ihnen das zu erklären. Es würde mir sogar schwer fallen, mir selbst das klar zu machen, wenn ich mich auch selbst gerade damit quäle. Doch ich weiß, daß ich mich auch nicht einmal in einem Anfall von Stolz erniedrigen könnte. Und zu einer Selbsterniedrigung aus Herzensreinheit bin ich unfähig. Folglich aber erniedrige ich mich auch jetzt nicht.“
„Weshalb ich Sie beide vereinigen will – um Ihretwillen oder um meinetwillen? Selbstverständlich um meinetwillen, die ganze Willenshandlung geht hier von mir aus; ich habe gehört, daß Ihre Schwester Adelaida beim Betrachten meines Bildes gesagt haben soll, mit einer solchen Schönheit könne man die ganze Welt umdrehen. Ich habe aber auf die Welt verzichtet. Es wird Ihnen vielleicht lächerlich erscheinen, gerade von mir das zu hören, nachdem Sie mich in Spitzen und Brillanten in Gesellschaft von Lebemännern und Nichtswürdigen gesehen haben. Beachten Sie das nicht, fast leb ich ja gar nicht mehr, und das weiß ich auch; was aber statt meines Ichs in mir lebt, mag Gott allein wissen. Ich lese das Tag für Tag in zwei grauenvollen Augen, die mich ununterbrochen ansehen, selbst dann, wenn sie nicht vor mir sind. Diese Augen schweigen jetzt (sie schweigen immer), doch ich kenne ihr Geheimnis. Ich bin überzeugt, daß er in irgendeinem Kasten ein Rasiermesser liegen hat, dessen Gelenk ebenso mit einem Seidenfaden umwickelt ist, wie das Messer jenes Moskauer Mörders; jener lebte gleichfalls mit seiner Mutter in einem Hause und hatte auch sein Wassermesser bereit, um eine Kehle zu durchschneiden. Die ganze Zeit, während der ich in seinem Hause war, schien es mir immer, daß dort irgendwo eine Leiche versteckt sein müsse; vielleicht noch von seinem Vater her, und ebenso mit einem Wachstuch bedeckt, wie jene Moskauer Leiche, und umstellt von kleinen Gläsern mit irgendeiner scharfen Flüssigkeit. Ich könnte Ihnen sogar den Winkel zeigen, wo sie liegen muß. Er schweigt ununterbrochen; aber ich weiß ja doch, daß er mich viel zu sehr liebt, um mich nicht zu hassen – er kann ja gar nicht anders, als mich hassen! Sobald Ihre Hochzeit ist, wird auch meine Hochzeit sein, an ein und demselben Tage: so haben er und ich es beschlossen. Ich habe kein Geheimnis vor ihm. Ich würde ihn töten vor Angst ... Doch er wird mich früher töten ... Er lacht soeben und sagt, ich deliriere. Er weiß, was ich an Sie schreibe.“
Und noch vieles andere von der Art schrieb sie in diesen Briefen. Der zweite Brief war der längste: zwei Briefbogen großen Formats eng beschrieben ...
Endlich verließ der Fürst den dunkleren Teil des Parks, wo er lange ziellos umhergeschweift war. Die helle, klare Sommernacht erschien ihm heller als sonst. „Sollte es noch so früh sein?“ fragte er sich verwundert. Seine Taschenuhr hatte er nicht bei sich. Aus der Ferne glaubte er einmal Musik zu vernehmen, „die spielt wohl vor dem Kurhaus,“ dachte er bei sich. „Natürlich werden sie heute nicht hingegangen sein.“ Und als er das dachte, bemerkte er plötzlich, daß er dicht vor ihrer Villa stand. Es war ihm, als hätte er es geahnt, daß er zu guter Letzt unfehlbar hier anlangen würde. Mit klopfendem Herzen trat er auf die Veranda. Es war niemand dort. Er wartete eine Weile und öffnete dann die Glastür zum Saal. „Diese Tür wird bei ihnen nie zugeschlossen,“ dachte er bei sich. Doch auch im Saal war kein Mensch. Es war ganz dunkel um ihn. Verwundert blieb er stehen. Da öffnete sich plötzlich eine Tür und Alexandra Iwanowna trat mit einer Kerze in der Hand ein. Als sie den Fürsten erblickte, erschrak sie und blieb wie fragend vor ihm stehen. Offenbar hatte sie nur hindurchgehen wollen, von einer Tür zur anderen.
„Wie sind Sie hierher gekommen?“ fragte sie schließlich.
„Ich ... ich bin gekommen ...“
„Mama ist nicht ganz gesund und auch Aglaja fühlt sich nicht wohl. Adelaida ist soeben schlafen gegangen und ich wollte jetzt auch gehen. Wir sind heute den ganzen Abend allein gewesen ... Papa und der Fürst sind in Petersburg.“
„Ich kam ... ich kam zu Ihnen ... jetzt ...“
„Wissen Sie auch, wieviel die Uhr ist?“
„N–nein ...“
„Halb eins. Wir gehen gewöhnlich um eins schlafen.“
„Ach, und ich dachte, es wäre erst ... halb zehn.“
„Na, tut nichts,“ lachte Alexandra. „Aber warum sind Sie heute abend nicht zu uns gekommen? Vielleicht wurden Sie erwartet.“
„Ich ... dachte ...“ murmelte der Fürst, im Begriff fortzugehen.
„Auf Wiedersehen!“ lachte Alexandra. „Morgen will ich aber auch die anderen zum Lachen bringen mit der Erzählung unserer nächtlichen Begegnung.“
Er kehrte auf dem Fahrwege, der sich durch den Park schlängelte, zu seiner Villa zurück. Sein Herz klopfte laut, seine Gedanken waren verwirrt und alles um ihn her war im Helldunkel der Sommernacht wie ein Traum. Und plötzlich, ganz wie an diesem Tage schon zweimal im Traume, sah er wieder jene Erscheinung vor sich. Dieselbe Frauengestalt trat plötzlich aus dem Park, als hätte sie hier auf ihn gewartet, und blieb vor ihm stehen. Er zuckte zusammen; sie ergriff seine Hand und umklammerte sie krampfhaft. „Nein, das ist kein Traumbild!“
Da stand sie ihm nun endlich zum erstenmal nach ihrer Trennung – von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie sprach auch irgendetwas zu ihm, doch er starrte sie nur wortlos an: sein Herz war zum Zerspringen voll und zitterte vor Schmerz. Oh, so oft er an diese Begegnung später noch zurückdachte, jedesmal empfand er denselben unerträglichen Schmerz. Sie sank vor ihm auf die Knie nieder, mitten auf dem Fahrweg, wie eine Wahnsinnige. Erschrocken trat er einen Schritt zurück, doch sie ergriff seine Hände, um sie mit Küssen zu bedecken, und ganz wie er es im Traum gesehen, glänzten Tränen an ihren langen Wimpern.
„Steh auf, steh auf!“ flüsterte er erschrocken, indem er sie mit Gewalt zu erheben suchte. „Steh schnell auf!“
„Bist du glücklich? Glücklich?“ fragte sie. „Sag mir nur ein Wort, sag mir nur, ob du jetzt glücklich bist? Heute, jetzt? Du warst bei ihr? Was hat sie gesagt?“
Sie erhob sich nicht, sie achtete nicht auf sein Flehen; sie fragte so schnell, als würde sie gehetzt, als wären Verfolger hinter ihr her.
„Ich reise morgen ab, wie du befohlen hast. Ich werde nicht ... Zum letztenmal sehe ich dich jetzt, zum letztenmal! Jetzt ist es endgültig das letztemal!“
„Beruhige dich, steh auf!“ bat er verzweifelt.
Gierig hing sie mit ihren Blicken an seinem Antlitz, und krampfhaft hielt sie seine Hände umklammert.
„Leb wohl!“ sagte sie dann endlich, erhob sich schnell und verließ ihn eilig – fast lief sie von ihm fort. Der Fürst sah nur noch, wie plötzlich Rogoshin neben ihr auftauchte, sie mit einem Griff unter den Arm faßte und schnell fortführte.
„Wart, Fürst,“ rief ihm Rogoshin über die Schulter zu, „nach fünf Minuten kehr ich zu dir zurück!“
Und so war es auch: nach fünf Minuten kam er – der Fürst hatte ihn erwartet und sich noch nicht von der Stelle gerührt.
„Hab sie in den Wagen gebracht,“ sagte Rogoshin kurz. „Dort hinter der Wegbiegung hat er seit zehn Uhr abends gewartet. Sie wußte es, daß du den ganzen Abend bei den anderen verbringen würdest. Was du an mich geschrieben hast, habe ich genau so wiedergegeben. Sie wird jetzt nicht mehr an jene schreiben, und von hier wird sie auf deinen Wunsch morgen noch fortreisen. Sie wollte dich nur noch zum letztenmal sehen, wenn du es ihr auch verboten hattest. Dort haben wir dich erwartet, um dich auf dem Heimwege abzufangen, dort auf jener Bank haben wir gesessen.“
„Sie hat dich freiwillig mitgenommen?“
„Warum nicht?“ meinte Rogoshin mit einem Lächeln, das seine Zähne zeigte. „Hab gesehen, was ich schon längst wußte. Die Briefe hast du wohl schon gelesen?“
„Hat sie dieselben wirklich auch dir zu lesen gegeben?“ fragte der Fürst, der nicht wußte, was er davon denken sollte.
„Natürlich doch! Jeden Brief hat sie mir gezeigt. Hast du vergessen, was sie da vom Rasiermesser schreibt, he–he!“
„Sie ist ja doch wahnsinnig!“ rief der Fürst fassungslos in seiner Verzweiflung.
„Wer kann das wissen, vielleicht ist sie’s auch nicht,“ sprach Rogoshin vor sich hin – gewissermaßen wie zu sich selbst.
Der Fürst entgegnete nichts.
„Nun, leb wohl,“ sagte plötzlich Rogoshin, „auch ich reise ja doch morgen ab. Gedenke meiner nicht im schlechten. Aber was, Bruder,“ fragte er, sich plötzlich nach ihm umblickend, „weshalb hast du ihr denn auf ihre Frage nichts geantwortet? Bist du nun glücklich oder nicht?“
„Nein, nein, nein!“ rief der Fürst in grenzenloser Verzweiflung.
„Das hätte auch noch gefehlt, daß du ‚ja‘ gesagt hättest!“ meinte Rogoshin mit boshaftem Auflachen und entfernte sich schnell, ohne sich nach dem Fürsten auch nur einmal umzublicken.