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Sämtliche Werke 3-4

Dritter Teil

E. K. Rahsin translation

I.

Es wird bei uns so oft geklagt, daß wir keine praktischen Leute hätten; Staatsmänner zum Beispiel gäbe es unzählige, Generäle nicht minder; Beamte und alle möglichen Räte könne man sogleich in beliebiger Anzahl zur Stelle schaffen – aber praktische Leute gäbe es bei uns trotzdem nicht. Wenigstens klagen alle, daß es sie nicht gäbe. Nicht einmal ein anständiges Eisenbahnpersonal hätten wir auf manchen Strecken aufzuweisen, und die Administration irgendeiner Dampfschiffahrtsgesellschaft zustande zu bringen, sei, wenn man sich eine auch nur einigermaßen erträgliche wünsche, bei uns in Rußland ganz unmöglich. Dort, hört man, sind zwei Eisenbahnzüge zusammengestoßen, oder auf einer neueröffneten Strecke ist eine ganze Brücke mitsamt einigen Waggons eingestürzt; hier, heißt es, hat ein Zug auf offenem Felde fast überwintert: die Fahrt sollte nur ein paar Stunden dauern, man blieb aber ganze fünf Tage im Schnee stecken. Dort, wird erzählt, faulen mehrere Tausend Pud Fracht in den Waggons auf ein und derselben Station und warten drei Monate vergeblich auf Weiterbeförderung, und als ein Kaufmann – es klingt fast unglaublich! – einem der „Administratoren“ oder Oberaufseher mit den Bitten um Zustellung der Waren seines Lieferanten lästig geworden war, da hat ihm dieser statt der lagernden Ware eine administrative Ohrfeige verabfolgt und seine Handlungsweise nachher noch damit zu rechtfertigen gesucht, daß er es „im Eifer“ getan habe. Man sollte meinen, daß wir doch nachgerade genügend Amts-, Rats-, Gerichts- und noch andere Personen im Staatsdienst haben – in Wirklichkeit kann einem geradezu angst und bange werden vor ihrer unabsehbaren Anzahl! – alle haben im Staatsdienst gestanden, alle stehen darin, und alle haben die Absicht, in Staatsdienste zu treten –, wie sollte man da aus einem solchen Material nicht eine gute Administration zustande bringen, selbst wenn es sich nur um eine Dampfschiffahrtsgesellschaft handelt?!

Auf diese Frage wird uns aber eine so einfache Antwort zuteil, eine so einfache, daß man dieser Antwort überhaupt nicht glauben will.

Freilich, heißt es, freilich stehen bei uns alle im Staatsdienst, oder wenn sie im Augenblick nicht darin stehen, dann haben sie darin gestanden oder werden sie darin stehen, und das geht bei uns schon so seit zweihundert Jahren nach dem schönsten deutschen Vorbild von den Urgroßvätern bis zu den Ururenkeln, – aber gerade die Staatsbeamten, gerade die sind die unpraktischsten Leute der Welt, und es ist ja bei uns sogar so weit gekommen, daß die „Abstraktheit“, wenn man sich so ausdrücken darf, und die Mangelhaftigkeit des praktischen Wissens unter den Staatsdienern selbst noch vor kurzem fast als größte Tugend und beste Empfehlung betrachtet wurden. Übrigens sind wir da vom Thema etwas abgekommen, wir wollten ja nur von den „praktischen“ Leuten reden. Was nun diese betrifft, so wird wohl niemand leugnen wollen, daß Zaghaftigkeit und der absoluteste Mangel an eigener Initiative bei uns stets für das sicherste und beste Anzeichen eines praktischen Menschen gehalten worden sind, – und sogar jetzt noch gehalten werden. Doch weshalb immer nur sich selbst beschuldigen und sich Vorwürfe machen ... das heißt, wenn diese Ansicht überhaupt einen Vorwurf in sich schließt? Der Mangel an Originalität wird doch von jeher in der ganzen Welt für die beste Eigenschaft und beste Empfehlung eines tüchtigen, brauchbaren und praktischen Menschen gehalten, und wenigstens neunundneunzig Prozent der ganzen Menschheit – es ist das sogar noch sehr niedrig gegriffen – sind immer dieser Ansicht gewesen, und höchstens einer vom Hundert hat beständig anders geurteilt, und urteilt auch jetzt noch anders.

Die größten Erfinder und Genies sind fast immer zu Beginn ihrer Laufbahn – sehr oft aber auch noch zu Ende derselben – von der Gesellschaft für nichts weniger als ausgesprochene Dummköpfe gehalten worden: dazu bedarf es keiner Beweise. Wenn nun im Laufe von mehreren Jahrzehnten alle Welt ihr Geld auf die Bank schleppte und Milliarden dort zu vier Prozent zusammensparte, so mußte, versteht sich, als es mit der Bank schließlich einmal ein Ende nahm und die guten Leute sich wieder auf ihre eigene Initiative angewiesen sahen, die Mehrzahl dieser Millionen im Aktionärfieber oder in den Händen von Betrügern verloren gehen –, und da hatte man denn, was Anstand und Sittlichkeit verlangen! Gerade die Sittlichkeit: denn, wenn die „sittliche“ Zaghaftigkeit und der „anständige“ Mangel an Originalität bei uns bis jetzt nach allgemeiner Überzeugung die notwendigsten Eigenschaften eines tüchtigen und brauchbaren Menschen sind, so wäre es doch gar zu unanständig und unsittlich, seine Überzeugung plötzlich zu verändern! Welche zärtlich liebende Mutter wird nicht erschrecken und vor Angst womöglich erkranken, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter auch nur ein wenig aus dem Gleise gerät? „Nein, mag es lieber glücklich sein und ohne Originalität in Zufriedenheit und Wohlstand leben,“ denkt eine jede Mutter, wenn sie ihr Kind wiegt. Und unsere Ammen singen doch mit Vorliebe Wiegenlieder, in denen sie die Zukunft des Kindes so schön wie nur möglich ausmalen: „Wirst noch goldene Kleider tragen, wirst einst ein großer General sein!“ Wenn aber unseren Kinderfrauen das General-sein als höchstes russisches Glück erscheint, so muß das doch das populärste nationale Ideal ruhiger, ungetrübter Seligkeit sein! Und in der Tat: wer konnte bei uns, wenn er vorschriftsmäßig die Examina bestanden und fünfunddreißig Jahre abgedient hatte, schließlich nicht General werden und sich auf der Bank eine gewisse Summe zusammensparen? So hat sich denn der Russe fast ohne jede Anstrengung seinerseits schließlich den Ruf eines praktischen Menschen erworben. Genau genommen konnte ja bei uns nur der originelle d. h. der unruhige Mensch nicht General werden ... Vielleicht hat sich hier ein kleines Mißverständnis eingeschlichen, im allgemeinen jedoch scheint es mit der Wahrheit übereinzustimmen, und somit kann man unserer Gesellschaft wegen ihres Ideals eines praktischen Menschen keinen Vorwurf machen.

Nichtsdestoweniger haben wir hier viel Überflüssiges gesagt, denn im Grunde sollten es nur ein paar erklärende Worte über die uns bekannte Familie Jepantschin werden. Diese Familie, oder wenigstens die am meisten denkenden Angehörigen derselben, litten beständig unter einem ihnen fast allen mehr oder weniger eigenen Familienfehler, der ungefähr das gerade Gegenteil jener Tugenden war, über die wir soeben philosophiert haben. Ohne die Gründe davon vollkommen zu begreifen – und das war auch nicht so leicht – wurden sie von der Empfindung gepeinigt, daß in ihrer Familie alles ganz anders sei, als bei anderen Menschen und in deren Familien. Bei allen ging es glatt, nur bei ihnen ging es holprig; alle anderen fuhren hübsch im Gleise, nur sie entgleisten jeden Augenblick. Alle waren zaghaft, nur sie waren es nicht. Freilich ängstigte sich Lisaweta Prokofjewna mitunter sogar sehr, aber es war bei ihr doch nie jene sittsame Zaghaftigkeit, die Jepantschins so wertvoll fanden. Übrigens war es eigentlich auch nur Lisaweta Prokofjewna, die sich deshalb so beunruhigt fühlte: die Mädchen waren noch zu jung dazu – wenn auch gewiß nicht zu unintelligent. Der General aber pflegte, wenn er auch manches begriff – was übrigens nicht immer ohne Mühe ging – in allen schwierigen Fällen nur „Hm!“ zu sagen oder „Gewiß, gewiß, mein Freund!“ worauf er dann doch das weitere seiner Lisaweta Prokofjewna überließ. Damit lag dann auf ihr allein die ganze Verantwortung. Und doch sprang diese Familie durchaus nicht etwa aus bewußtem Hang zur Originalität aus dem Gleise, was allerdings höchst unanständig gewesen wäre, o nein! Davon konnte überhaupt nicht die Rede sein, ich meine, von einem mit Bewußtsein gesetzten Ziel! Aber wie dem auch sein mochte, jedenfalls war das Resultat: daß die Familie Jepantschin, wenn sie auch noch so achtbar erscheinen mußte, doch irgendwie nicht so war, wie sonst alle ehrenwerten Familien zu sein pflegen. In der letzten Zeit hatte nun Lisaweta Prokofjewna begonnen, die Schuld daran nur sich allein oder vielmehr nur ihrem „unseligen“ Charakter zuzuschreiben, weshalb sich denn auch ihre Gewissensqualen um ein Beträchtliches vergrößerten. Sie nannte sich selbst täglich dumm und hypochondrisch, quälte sich mit ihrem Mißtrauen, fand oft in den einfachsten Dingen keinen Ausweg und hielt jedes Unglück für größer als es war.

Wie bereits früher erwähnt, waren Jepantschins eine überall sehr geachtete Familie. Wenn der General auch nicht vornehmer Herkunft und auch sicherlich nicht sehr geistreich war, so war er doch ein reicher und „durch und durch anständiger“ Mann, der als General „durchaus nicht zu den Letzten“ zählte. Übrigens scheint eine gewisse geistige Stumpfheit fast ein unvermeidliches Attribut jedes Tatmenschen zu sein. Die Hauptsache war, daß Iwan Fedorowitsch gute Protektion hatte. Im übrigen war wenigstens Lisaweta Prokofjewna eine geborene Fürstin Myschkin, und das war immerhin nicht zu verachten, obschon man bei uns auf vornehme Herkunft nicht viel gibt, wenn die Herkunft nicht von Protektion unterstützt wird. Lisaweta Prokofjewna aber war schließlich von so hochstehenden Personen liebgewonnen worden, daß deren ganzer Bekanntenkreis sie gleichfalls zu achten und hochzuschätzen begonnen hatte. Selbstverständlich quälte sie sich ihres Mannes und ihrer Töchter wegen ganz grundlos; die kleinsten Dinge konnte sie bis zur Lächerlichkeit vergrößern. Doch das ist ja gewöhnlich so: hat man eine Warze auf der Stirn oder auf der Nase, so scheint es einem unwillkürlich, daß alle Menschen nichts weiter in der Welt zu tun haben, als diese Warze anzusehen, über sie zu lachen und einen ihretwegen zu verachten, selbst wenn man dabei Amerika entdeckt hätte. Zweifellos wurde Lisaweta Prokofjewna auch in der Gesellschaft als etwas wunderliche Dame betrachtet, doch, wie gesagt, nichtsdestoweniger sehr geachtet. Das Unglück war nur, daß Lisaweta Prokofjewna schließlich an diese Achtung nicht mehr glauben wollte. Und wenn sie ihre Töchter ansah, quälte sie sich mit der Angst, daß sie deren Lebenslauf verderbe, weil ihr Charakter „lächerlich, unanständig und unerträglich“ sei, was sie wiederum täglich diesen ihren Töchtern und ihrem treuen Gatten Iwan Fedorowitsch zum Vorwurf machte, oder weshalb sie tagelang mit ihnen stritt, während sie sie gleichzeitig doch bis zur völligen Selbstverleugnung, wenn nicht bis zur Leidenschaft, liebte.

Am meisten quälte sie die Angst, daß ihre Töchter ebenso werden könnten, wie sie, ihre Mutter, und daß es solche jungen Mädchen, wie ihre drei, in der ganzen Welt nicht gäbe und auch gar nicht geben könne. „Nihilistinnen sind sie, weiter nichts!“ Dieser traurige Gedanke, der sie schon ein ganzes Jahr gefoltert hatte, ließ ihr namentlich in der letzten Zeit keine Ruhe mehr. „Erstens: weshalb heiraten sie nicht?“ fragte sie sich fortwährend. „Um ihre Mutter zu quälen, – darin sehen sie doch alle drei ihren Lebenszweck, und das kommt natürlich nur daher, weil sie sich alle diese neuen Ideen in den Kopf gesetzt haben! Schuld ist nichts anderes, als diese verwünschte Frauenfrage! Fiel es denn Aglaja nicht vor einem halben Jahre ein, sich ihr wundervolles Haar abzuschneiden? Großer Gott, selbst ich habe zu meiner Zeit nicht solches Haar gehabt! – Hatte sie doch die Schere schon in der Hand, mußte ich sie doch auf den Knien anflehen, um sie davon abzubringen! ... Nun, Aglaja tat es natürlich nur aus Bosheit, um ihre Mutter zu martern, denn sie ist böse, eigensinnig, verwöhnt und vor allem böse, böse, böse! Aber wollte denn diese Alexandra es ihr nicht schon nachmachen? Die aber wollte es sicher nicht aus Bosheit; nicht aus Launenhaftigkeit, sondern in aufrichtiger Einfalt, wie eine dumme Gans, die sich von Aglaja einreden läßt, daß sie mit kurzem Haar besser werde schlafen können und daß der Kopf ihr nicht mehr weh tun würde? Und wie oft, wie oft, wie oft, – nun schon seit fünf Jahren –, wie oft hätten sie heiraten können! Und es waren doch alles wirklich tadellose Partien, und einzelne doch wirklich reizende Menschen! Worauf warten sie denn, wenn sie nicht heiraten? Was wollen sie eigentlich? Warum wollen sie nicht heiraten? Nur um ihre Mutter zu ärgern – einen anderen Grund haben sie doch nicht! Das ist es! Nur das ist es!“

Endlich aber sollte auch ihr Mutterherz eine Freude erleben: Adelaida verlobte sich. „Gott sei Dank, wenigstens eine vom Halse!“ sagte Lisaweta Prokofjewna, wenn sie sich laut über dieses Ereignis äußerte. (Im Herzen drückte sie sich unvergleichlich zärtlicher aus.) Und wie gut, wie tadellos sich das alles abgewickelt hatte! Auch in der Gesellschaft war man des Lobes voll: eine bekannte Persönlichkeit, ein Fürst, reich, ein guter Charakter, und außerdem war noch von beiden Seiten Liebe vorhanden. Was wollte man mehr? Doch um Adelaida hatte sie sich stets am wenigsten gesorgt, wenn auch deren künstlerische Neigungen oft genug ihr stets Unheil fürchtendes Herz beunruhigt hatten. „Dafür hat sie ein heiteres Gemüt und ist nicht so unvernünftig wie die anderen, – die wird nicht untergehen,“ beruhigte sie sich schließlich. Am meisten jedoch ängstigte sie sich um Aglaja. Was sie aber von der ältesten, Alexandra, denken sollte, wußte sie selbst nicht: sollte sie sich auch um diese ängstigen oder war das überflüssig? Mitunter schien es ihr, daß sie „schon ganz verloren“ sei, – „fünfundzwanzig Jahre alt – natürlich bleibt sie unverheiratet! Und das bei ihrer Schönheit!“ Lisaweta Prokofjewna weinte sogar ihretwegen nachts, während Alexandra Iwanowna in denselben Nächten den ruhigsten und sorglosesten Schlaf schlief. „Was ist sie eigentlich – Nihilistin, oder ist sie einfach dumm?“ Daß sie in Wirklichkeit nicht dumm war, daran zweifelte Lisaweta Prokofjewna selbst keinen Augenblick: sie schätzte selbst Alexandras Urteil sehr und fragte sie gern um Rat. Doch ebensowenig zweifelte sie daran, daß „diese Alexandra“ einfach „jedes Temperamentes entbehrte“. „Sie ist so ruhig, daß man sie überhaupt nicht in Bewegung bringen kann! Ich weiß wirklich nicht, was ich mit ihnen allen anfangen soll!“ Lisaweta Prokofjewna empfand für ihre Älteste eine ganz unerklärliche Sympathie, in der vielleicht das Mitleid keine so geringe Rolle spielte, und fühlte sich zu ihr fast noch mehr hingezogen, als zu Aglaja, ihrem Abgott. Doch alle ihre bissigen Bemerkungen – in denen sich ihre ganze mütterliche Sorge und Sympathie äußerte – erheiterten nur Alexandra; konnten doch mitunter die nichtigsten Dinge Lisaweta Prokofjewna „einfach rasend machen“! So liebte es z. B. Alexandra Iwanowna sehr, lange zu schlafen, und gewöhnlich hatte sie in der Nacht viele Träume; diese Träume jedoch zeichneten sich alle durch ganz besondere Sinnlosigkeit aus und waren von einer Unschuld und Naivität, daß man sie für Träume eines siebenjährigen Kindes hätte halten können. Diese Naivität der Träume ihrer Ältesten nun begann aber Lisaweta Prokofjewna aus irgendeinem Grunde geradezu zu empören. Einmal hatte Alexandra neun Hühner im Traume gesehen, und das Resultat war, daß die Mutter sich mit ihr ernstlich entzweite, – weshalb? – das ließe sich schwer erklären. Nur ein einziges Mal gelang es ihr, „etwas Originelles“ im Traum zu sehen, einen Mönch in einer dunklen Zelle, in die einzutreten sie sich gefürchtet hatte. Der Traum ward sogleich von den zwei jüngeren Schwestern lachend und triumphierend der Mutter erzählt, doch diese ärgerte sich wieder und nannte sie alle beide dumm. „Hm!“ dachte sie dann später bei sich, „Temperament hat sie nicht, und in Bewegung bringen kann man sie auch nicht, aber es ist doch eine Trauer in ihr, weiß Gott, mitunter hat sie ganz traurige Augen! Was mag sie nur haben, was?“ Bald darauf stellte sie diese Frage auch an ihren Gatten Iwan Fedorowitsch, was sie wie gewöhnlich schroff, ungeduldig und beinah wie drohend tat, in offenkundiger Erwartung einer sofortigen entscheidenden Antwort. Iwan Fedorowitsch sagte etliche Male „Hm!“ und legte die Stirn in nachdenkliche Falten, bis er dann schließlich die Schultern in die Höhe zog, die Hände auseinanderspreizte und ein etwas lakonisches Urteil sprach:

„Muß heiraten!“

„Nur gebe ihr Gott nicht einen solchen Mann, wie Sie sind, Iwan Fedorowitsch!“ platzte Lisaweta Prokofjewna zornig heraus; „nicht einen so unfähigen Menschen, der nicht einmal ein Urteil zu fällen versteht, nicht einen so rohen Grobian wie Sie, Iwan Fedorowitsch ...“

Iwan Fedorowitsch brachte sich schleunigst in Sicherheit, indem er mit durch Übung erlangter Geschicklichkeit einen glänzenden Rückzug ausführte, und Lisaweta Prokofjewna beruhigte sich nach dem Ausbruch wieder sehr schnell. Selbstverständlich wurde sie noch bis zum Abend desselben Tages äußerst aufmerksam, still, freundlich und liebenswürdig zu Iwan Fedorowitsch, zu ihrem „rohen Grobian“ Iwan Fedorowitsch, zu ihrem guten und lieben, ihrem vergötterten Iwan Fedorowitsch, denn sie liebte ihn nicht nur ihr ganzes Leben lang, sie war sogar direkt verliebt in ihren Iwan Fedorowitsch, was Iwan Fedorowitsch selbst sehr wohl wußte und wofür er seine Lisaweta Prokofjewna um keinen Deut weniger liebte und weniger hoch hielt.

Doch die größten Sorgen bereitete ihr von jeher Aglaja.

„Ganz, ganz wie ich, mein Ebenbild in jeder Beziehung!“ sagte sich Lisaweta Prokofjewna, „ein eigensinniges, schlechtes, vom Teufel besessenes Ding! Eine Nihilistin, sonderbar in allem, was sie tut – ganz wie ich! – und böse, böse, böse! O, Gott, wie unglücklich sie sein wird!“

Da sollte sie die Freude erleben, daß Adelaida sich verlobte, und fast einen ganzen Monat verbrachte sie ohne Sorgen. Nach der Verlobung Adelaidas hatte man in der Gesellschaft auch mehr über Aglaja zu sprechen begonnen, doch Aglaja hatte sich überall so vortrefflich aufgeführt, so gleichmäßig und klug, so sicher und ... ein wenig stolz vielleicht, aber das stand ihr doch so vorzüglich! Und zur Mutter war sie den ganzen Monat über so nett und lieb gewesen! („Nein, diesen Jewgenij Pawlowitsch muß man sich doch noch genauer ansehn ... übrigens scheint ihm Aglaja noch gar nicht so besonders gewogen zu sein.“) Jedenfalls war sie eine ganz prächtige Tochter gewesen – „und wie schön sie dabei ist, Gott, wie schön sie ist, und mit jedem Tage wird sie noch schöner! Und nun plötzlich ...“

Kaum war nämlich dieser Fürst, dieser „jammervolle Idiot“ aufgetaucht, als plötzlich wieder alles im Hause auf dem Kopf stand!

Aber was war denn geschehen?

Nach der Überzeugung aller Unbefangenen war sicher nichts geschehen. Doch dadurch gerade zeichnete sich ja Lisaweta Prokofjewna aus, daß sie infolge ihrer inneren Unruhe auch in den gewöhnlichsten Dingen ein Etwas zu entdecken vermochte, das sie mit der argwöhnischsten, der unerklärlichsten, und das heißt soviel wie furchtbarsten Angst erfüllte. Wie mußte ihr aber nun zumute sein, als sie plötzlich in dem Wirrwarr vollkommen unbegründeter Befürchtungen etwas erblickte, das tatsächlich wichtig zu sein schien und tatsächlich ihrer Zweifel, ihres Mißtrauens und der Beängstigungen wert war?

„Nein, wie hat man sich nur unterstehen können, diesen gemeinen anonymen Brief an mich zu schreiben? – daß jenes Geschöpf mit Aglaja in Beziehung stehe!“ dachte Lisaweta Prokofjewna ununterbrochen, während sie den Fürsten an der Hand zu ihrer Villa zog und dort auf einen der Stühle am runden Tisch, um den sich die ganze Familie versammelt hatte, Platz zu nehmen nötigte. „Wie hat man daran überhaupt nur zu denken gewagt? Ich müßte ja sterben vor Scham, wenn ich auch nur ein Wort geglaubt und den Brief Aglaja gezeigt hätte! Und so etwas erlaubt man sich uns gegenüber! An allem, allem ist doch nur Iwan Fedorowitsch schuld! Ach, warum sind wir in diesem Sommer nicht nach Jelagin gezogen! Ich wollte doch unbedingt dorthin und nicht hierher nach Pawlowsk! Diesen Brief kann vielleicht die Warjka geschrieben haben, oder vielleicht ... nein, an allem, an allem ist doch nur Iwan Fedorowitsch schuld! Nur um ihn zum besten zu haben, hat uns dieses Geschöpf das eingebrockt! – zum Andenken an ihre frühere Bekanntschaft, als er ihr noch Perlen schenkte ... Aber genau genommen sind wir doch alle hineingezogen, mein bester Iwan Fedorowitsch, sowohl Sie wie Ihre Gattin und Töchter, – junge Damen der besten Gesellschaft, Bräute! – und sie standen keine zehn Schritt vom Wagen, alles haben sie gehört, und auch jene schmutzige Geschichte haben sie mit angehört! Sie können sich jetzt freuen, Iwan Fedorowitsch! Niemals, niemals werde ich das diesem elenden Fürsten verzeihen, niemals! Weshalb ist Aglaja seit drei Tagen hysterisch, weshalb hat sie sich mit beiden Schwestern verzankt, sogar mit Alexandra, der sie doch sonst immer die Hand küßte – so hat sie sie geachtet! Weshalb gibt sie uns seit drei Tagen ein Rätsel nach dem anderen auf? Was hat das mit Gawrila Iwolgin zu bedeuten? Weshalb hat sie ihn gestern und heute so auffallend gelobt, um dann wiederum in Tränen auszubrechen? Weshalb ist auch in dem anonymen Brief von diesem verwünschten ‚armen Ritter‘ die Rede? Sie aber hat den Brief des Fürsten nicht einmal ihren Schwestern gezeigt! Und weshalb ... mein Gott, weshalb, weshalb bin ich jetzt zu ihm gelaufen, und weshalb habe ich ihn jetzt wieder zu mir geschleppt? Mein Gott, was habe ich getan, bin ich nicht von Sinnen? Mit einem jungen Herrn über die Geheimnisse der eigenen Tochter zu reden, und noch dazu ... über solche Geheimnisse, die womöglich ihn selbst angehen! Gott, ein Glück noch, daß er ein Idiot ist und ... und ... ein Freund unseres Hauses! Nur ... sollte sich Aglaja denn wirklich in diesen Kranken verliebt haben? Gott, was ist mit mir heute! Pfui! Originale sind wir ... Unter Glas müßte man uns setzen, mich als erste, auf einer Ausstellung, für zehn Kopeken Entree ... Nein, das verzeihe ich Ihnen niemals, Iwan Fedorowitsch, niemals werde ich Ihnen das verzeihen! Weshalb zieht sie ihn jetzt nicht durch die Hechel, wie sie’s versprochen? Was versprach sie’s denn, wenn sie jetzt ihr Wort nicht hält? – Da! wie sie ihn ansieht! Weshalb geht sie denn nicht fort, wenn sie ihm selbst verboten hat, herzukommen? Jetzt steht sie, schweigt und sieht ihn an ... Und er ist auch ganz bleich geworden ... O, dieser verwünschte Schwätzer Jewgenij Pawlowitsch – hat sich des ganzen Gesprächs bemächtigt! Er läßt einen ja überhaupt nicht zu Wort kommen! Ich würde sofort alles erfahren, wenn ich nur endlich sprechen könnte ...“

Der Fürst saß allerdings ganz bleich am Tisch, und wie es schien war er in großer Erregung; doch gleichzeitig befand er sich wie in einem ihm selbst unerklärlichen, fast atemraubenden Rausch des Entzückens. O, wie fürchtete er sich, in jenen Winkel zu schauen, von wo aus ein Paar bekannter dunkler Augen auf ihn gerichtet waren, deren aufmerksamen, forschenden, prüfenden Blick er fast körperlich zu fühlen meinte. Und wie selig war er doch darüber, daß er jetzt wieder hier unter ihnen sitzen konnte, daß er wieder ihre Stimme hören würde, – selbst nach dem, was sie an ihn geschrieben. „Was wird sie nur jetzt sagen, was wird sie sagen!“ Er selbst hatte noch kein Wort gesprochen und bemühte sich krampfhaft, den unaufhaltsam redenden Jewgenij Pawlowitsch zu verstehen, der sich wohl nur selten in einer so zufriedenen und angeregten Stimmung befunden haben mochte, wie an diesem Abend. Der Fürst hörte ihm lange zu, ohne auch nur ein Wort zu begreifen. Außer dem Familienoberhaupt Iwan Fedorowitsch, der noch in der Stadt weilte, waren alle versammelt. Auch Fürst Sch. war zugegen. Wie es schien, hatte man die Absicht, nach einer Weile zu einem Spaziergang aufzubrechen, da am Abend die Militärkapelle spielen sollte. Das Gespräch, in dem man sich befand, mußte bereits vor dem Erscheinen des Fürsten begonnen worden sein. Plötzlich erschien auch noch Koljä auf der Veranda. „Nun, dann hat man ihn hier wieder gut empfangen,“ dachte der Fürst bei sich.

Die Villa Jepantschin war im Schweizerstil erbaut, machte einen wohlhabenden Eindruck und war von einem wundervollen, zwar nicht sehr großen, doch dafür um so schöneren Blumengarten umgeben. Man saß auf der verandenartigen Terrasse, die ähnlich der Terrasse der Villa Lebedeffs gebaut war, nur, versteht sich, größer und eleganter.

Das Thema des Gesprächs schien nicht allen sonderlich zuzusagen, doch Jewgenij Pawlowitsch, den ein heftiger Disput mit Fürst Sch. auf dieses Thema gebracht hatte, kümmerte sich nicht um die Wünsche der übrigen, die wohl lieber von etwas anderem gesprochen hätten, sondern fuhr in seinen Widerlegungen fort, wozu ihn das Erscheinen des Fürsten noch mehr anzuregen schien. Lisaweta Prokofjewna ärgerte sich über ihn und seine Reden, wenn sie auch kaum ein Wort von dem ganzen Gespräch verstand. Aglaja, die sich etwas abseits hingesetzt hatte, in einen Winkel, blieb dort, hörte zu und schwieg.

„... Erlauben Sie,“ widersprach Jewgenij Pawlowitsch eifrig, „ich habe gegen den Liberalismus nichts einzuwenden. Liberalismus ist keine Sünde, sondern ein notwendiger Teil des Ganzen, das ohne ihn zerfallen oder absterben würde; der Liberalismus hat dieselbe Existenzberechtigung wie der wohlgesittetste Konservatismus; ich greife aber doch nur den russischen Liberalismus an, und, ich wiederhole, greife ihn nur deshalb an, weil der russische Liberale nicht ein russischer Liberaler, sondern eben ein nichtrussischer Liberaler ist. Geben Sie mir einen wirklich russischen Liberalen und ich werde ihm in Ihrer aller Gegenwart sogleich einen Kuß geben.“

„Vorausgesetzt, daß er sich von Ihnen küssen läßt,“ versetzte Alexandra Iwanowna, die ungewöhnlich angeregt zu sein schien. Sogar ihre Wangen hatten sich gerötet.

„Seht doch mal!“ dachte Lisaweta Prokofjewna bei sich, „sonst versteht sie nur zu schlafen und zu essen, und jetzt plötzlich tut sie auch zum Sprechen den Mund auf!“

Der Fürst bemerkte flüchtig, daß Alexandra Iwanowna Jewgenij Pawlowitschs Heiterkeit, mit der er über ein so ernstes Thema sprach, sehr zu mißfallen schien, denn wenn sich dieser auch scheinbar ereiferte, so konnte man andererseits doch fast glauben, daß er nur scherze.

„Ich behauptete soeben – kurz bevor Sie kamen, Fürst –“ fuhr Jewgenij Pawlowitsch fort, „daß wir bis jetzt nur Liberale aus zwei Gesellschaftsklassen gehabt haben: aus dem Kreise der Intellektuellen, aus dem Stande der ehemaligen Gutsbesitzer und der Klasse der Seminaristen, Popensöhne, Lehrer. Da sich aber nun jeder dieser Stände mit der Zeit zu einer richtigen Kaste ausgebildet hat, zu etwas von der übrigen Nation ganz Abgesondertem, und dieser Zustand sich von Generation zu Generation noch verschärft, so ist folglich auch alles das, was sie getan haben oder noch tun, im höchsten Grade nicht national ...“

„Was? Alles, was getan worden ist, alles das – sei nicht russisch?“ unterbrach ihn Fürst Sch.

„Nicht national; wenn es auch russisch ist, so ist es doch nicht national; die Liberalen sind bei uns nicht russisch und auch die Konservativen sind bei uns nicht russisch. Und Sie können überzeugt sein, daß die Nation nichts von dem anerkennt, was von den Gutsbesitzern und Seminaristen getan worden ist, – weder tut sie es jetzt, noch wird sie es später tun ...“

„Das ist mal gut! Wie kannst du ein solches Paradox behaupten? wenn du es im Ernst tust! Ich kann solche Angriffe auf den russischen Gutsbesitzer nicht zulassen; du bist doch selbst ein russischer Gutsbesitzer,“ widersprach ihm Fürst Sch. eifrig.

„Aber ich rede ja doch nicht in dem Sinne vom russischen Gutsbesitzer, wie du es auffaßt. Es ist ein überaus ehrenwerter Stand, und wenn auch nur, sagen wir, deshalb, weil ich zu ihm gehöre; namentlich jetzt, nachdem er aufgehört hat, Kaste zu sein ...“

„Sollte denn wirklich auch in der Literatur nichts Nationales geschaffen worden sein?“ unterbrach ihn Alexandra Iwanowna.

„Ich bin in der Literatur nicht sehr bewandert, aber meiner Meinung nach ist auch unsere ganze Literatur nicht russisch, ausgenommen höchstens Lomonossoff, Puschkin und Gogol.“

„Erstens war das nicht wenig, und zweitens war der eine aus dem Volk und die zwei anderen waren – Gutsbesitzer!“ bemerkte Adelaida lachend.

„Ganz recht, doch triumphieren Sie nicht zu früh. Da es nur diesen dreien von allen russischen Schriftstellern gelungen ist, etwas tatsächlich Eigenes, ihr Eigenstes zu sagen, etwas, das sie von keinem anderen entlehnt haben, so sind diese drei sogleich auch national geworden; wer von uns Russen etwas Eigenes, etwas unanfechtbar Eigenes, von keinem Entlehntes sagt, wird unfehlbar sogleich national, und wenn er auch nur schlechtes Russisch spräche. Das ist für mich ein Axiom. Doch wir wollten ja nicht von der Literatur sprechen, wir sprachen von den Sozialisten. Und so behaupte ich denn nochmals, daß wir keinen einzigen russischen Sozialisten haben; weder jetzt noch früher, denn alle unsere sogenannten Sozialisten sind ausnahmslos aus den Gutsbesitzern und Intellektuellen hervorgegangen. Selbst unsere überzeugtesten, verschriensten Sozialisten, sowohl die hiesigen wie die im Auslande lebenden, sind nichts anderes, als liberale Gutsbesitzer aus der Zeit der Leibeigenschaft. Weshalb lachen Sie? Geben Sie mir ihre Bücher, geben Sie mir ihre Theorien, geben Sie mir alle ihre Memoiren, und ich werde, ohne Literaturkritiker zu sein, die überzeugendste literarische Kritik schreiben, in der ich sonnenklar beweisen werde, daß jede Seite ihrer Bücher, Broschüren und Memoiren in erster Linie von dem ehemaligen russischen Gutsbesitzer geschrieben ist. Ihr Unwille, ihre Wut, ihr Esprit – alles ist gutsbesitzerhaft; ihr Entzücken, ihre Ekstase, ihre Tränen, ihre vielleicht sogar aufrichtigen Tränen – sind gutsbesitzerhaft! Oder seminaristenhaft ... Sie lachen wieder, und auch Sie lachen, Fürst? Sie sind gleichfalls nicht damit einverstanden?“

Da alle lachten, hatte auch der Fürst gelächelt.

„Das kann ich so direkt noch nicht sagen, ob ich einverstanden bin oder nicht,“ sagte der Fürst, indem er sogleich ernst wurde – er war sogar wie ein ertappter Schüler zusammengezuckt, als sich Jewgenij Pawlowitsch plötzlich an ihn gewandt hatte – „aber ich versichere, daß ich Ihnen sehr gespannt zuhöre ...“ brachte er fast atemlos hervor, und kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn. Es waren das die ersten Worte, die er hier sprach, und instinktiv wollte er sich umschauen, doch wagte er es nicht. Jewgenij Pawlowitsch erriet es und lächelte.

„Ich werde Ihnen, meine Damen und Herren, eine Tatsache mitteilen,“ fuhr er im selben Ton fort, so, als wäre er mit ungeheurem Eifer bei der Sache und mache doch dabei gleichzeitig sich fast lustig, lache womöglich über seine eigenen Worte, „eine Tatsache, deren Beobachtung und sogar Entdeckung ich die Ehre habe, mir, und zwar mir ganz allein, zuschreiben zu dürfen; wenigstens ist davon noch niemals gesprochen oder geschrieben worden. In dieser Tatsache drückt sich das ganze Wesen jenes Liberalismus, jener Art von Liberalismus aus, von der ich rede. Erstens: was ist denn der Liberalismus anderes, im allgemeinen gesprochen, als ein Herfallen – ob ein vernünftiges oder unvernünftiges ist eine andere Frage –, ein Herfallen über die bestehende Ordnung der Dinge? So ist es doch? Nun, diese meine Beobachtung besteht aber darin, daß der russische Liberalismus kein Herfallen über die bestehende Ordnung der Dinge ist, sondern ein Herfallen über das Wesen unserer Dinge, über die Dinge selbst – nicht nur über deren Ordnung, nicht über die russischen ‚Ordnungen‘, wenn man sich so ausdrücken darf, sondern über Rußland. Unser Liberaler ist schließlich so weit gekommen, daß er Rußland selbst verneint, also seine eigene Mutter haßt und schlägt; jede mißglückte russische Tat erweckt in ihm Gelächter, wenn nicht gar Entzücken. Er haßt die Volksbräuche, die russische Geschichte, alles. Wenn es eine Rechtfertigung für ihn gibt, so kann es höchstens die sein, daß er selbst nicht weiß, was er tut, und seinen Haß für den fruchtbarsten Liberalismus hält. O, Sie können bei uns oft einen Liberalen sehn, dem die übrigen begeistert Beifall spenden, und der vielleicht im Grunde genommen der unsinnigste, stumpfste und gefährlichste Konservative ist, ohne es selbst auch nur zu ahnen! Dieser Haß auf Rußland wurde vor noch nicht allzu langer Zeit von manchen unserer Liberalen fast für die wirkliche Liebe zum Vaterlande gehalten, und sie taten noch groß damit, daß sie besser sähen, als die anderen, worin diese Liebe bestehen müsse; jetzt jedoch sind sie bereits aufrichtiger geworden, jetzt schämen sie sich des Wortes ‚Vaterlandsliebe‘, ja, sie wollen sogar den Begriff desselben als schädlich und dumm ausrotten und aus der Welt schaffen; diese Tatsache ist an sich vollkommen richtig, dafür komme ich auf und, einmal wenigstens muß man doch die Wahrheit ganz aussprechen, einfach und offen. Gleichzeitig ist aber diese Tatsache in keinem anderen Jahrhundert und bei keinem anderen Volke zu finden, folglich ist sie eine zufällige und vorübergehende, ich gebe es zu. Kann es doch in keinem Lande einen Liberalen geben, der sein eigenes Vaterland haßt. Womit nun läßt sich das bei uns erklären? Ich denke, nur damit, worauf ich bereits vorhin hinwies: daß der russische Liberale vorläufig noch gar kein russischer Liberaler ist. Und zwar ist das die einzige Erklärung, meine ich.“

„Ich fasse alles, was du da gesagt hast, als Scherz auf, Jewgenij Pawlowitsch,“ bemerkte der Fürst Sch. sehr ernst.

„Ich habe nicht alle Liberalen gesehen und kann daher auch nicht urteilen,“ sagte Alexandra Iwanowna, „aber ich habe mit Unwillen Ihre Auffassung angehört: Sie haben einen einzelnen Fall zur allgemeinen Regel erhoben, folglich haben Sie verleumdet.“

„Einen einzelnen Fall? A–a! Weil das Wort jetzt ausgesprochen ist!“ griff sogleich Jewgenij Pawlowitsch auf. „Fürst, wie denken Sie darüber, ist es ein einzelner Fall oder nicht?“

„Ich muß zwar gleichfalls sagen, daß ich wenig ... Liberale gesehen und auch nur wenig mit solchen gesprochen habe,“ sagte der Fürst, „doch will es mir trotzdem scheinen, daß Sie vielleicht in gewissem Sinne recht haben ... daß jener russische Liberalismus, von dem Sie sprechen, allerdings geneigt ist, Rußland selbst zu hassen, und nicht nur etwa die staatliche Ordnung der Dinge bei uns. Natürlich ist das nur zum Teil wahr ... selbstverständlich kann man das nicht von allen sagen ...“

Er stockte und verstummte, ohne seinen Gedanken ganz auszusprechen. Man sah es ihm jedoch an, daß das Gespräch sein Interesse in hohem Maße erweckt hatte, ungeachtet seiner sonstigen inneren Erregung. Die ungewöhnliche Naivität der Aufmerksamkeit, mit der der Fürst allem zuhörte, was ihn auch nur einigermaßen interessierte, und mit der er dann auch seine Antworten gab, wenn man sich an ihn wandte, machte mitunter einen ganz eigentümlichen Eindruck. Diese Naivität, dieses blinde Vertrauen, das von Spott und Scherz nichts zu ahnen schien, drückte sich nicht nur in seinem Gesicht, sondern auch in seiner ganzen Körperhaltung aus.

Jewgenij Pawlowitsch hatte sich noch nie anders als mit einem feinen, ganz feinen Spottlächeln an ihn gewandt, doch jetzt, nachdem ihm diese Antwort zuteil geworden, blickte er ihn zum erstenmal mit völlig ernstem Gesicht an, ganz als hätte er nie und nimmer eine solche Antwort von ihm erwartet.

„Also ... wie Sie das doch sonderbar ...“ begann er verwundert, „... Und Sie haben mir wirklich im Ernst geantwortet, Fürst?“

„Ja, haben Sie denn nicht auch im Ernst gefragt?“ versetzte der Fürst erstaunt.

Alle lachten.

„Glauben Sie das doch nicht,“ Adelaida lachte, „Jewgenij Pawlowitsch treibt mit allem und allen nur seinen Spott! Wenn Sie erst wüßten, von was für Dingen er bisweilen wie von etwas durchaus Ernstzunehmendem redet!“

„Ich finde, daß man mit so ernsten Dingen nicht scherzen sollte, lassen wir daher dieses Gespräch,“ versetzte Alexandra unwillig. „Wir wollten doch spazieren gehen.“

„Gewiß, gehen wir, der Abend ist wundervoll!“ rief Jewgenij Pawlowitsch lebhaft aus. „Doch um Ihnen zu beweisen, daß ich diesmal im Ernst gesprochen habe, um es vor allem Ihnen zu beweisen, Fürst – Sie haben mich in der Tat außerordentlich zu interessieren gewußt, Fürst, und ich versichere Sie, daß ich denn doch noch nicht ein so leerer Mensch bin, wie es den Anschein haben muß ... obschon ich in der Tat ein leerer Mensch bin! – und ... wenn Sie erlauben, meine Damen und Herren, werde ich nur noch eine, meine letzte Frage an den Fürsten stellen, nur aus besonderem Interesse, und damit wollen wir dann die Sache beenden. Diese Frage ist mir erst vor etwa zwei Stunden in den Sinn gekommen – wie Sie sehen, Fürst, denke ich bisweilen auch über ernste Dinge nach; ich selbst habe mir meine Frage bereits beantwortet, doch wollen wir sehen, was nun der Fürst zu ihr sagen wird. Soeben ist hier von einem ‚einzelnen Fall‘ gesprochen worden. Dieses Wort ist bei uns sehr bedeutungsvoll, man hört es gar zu oft. Vor nicht langer Zeit wurde so viel geschrieben und gesprochen von diesem entsetzlichen Morde der sechs Menschen ... den ein ganz junger Mann begangen hatte, und von der wunderlichen Rede des Verteidigers, in der dieser es ganz natürlich fand, daß dem Angeklagten infolge seiner Armut der Gedanke gekommen war, diese sechs Menschen zu ermorden. Er hat es zwar nicht so kurz und mit diesen Worten gesagt, doch der Sinn seiner Rede war kein anderer. Meiner persönlichen Ansicht nach ist der Verteidiger, als er diesen so seltsamen Gedanken ausgesprochen, fest überzeugt gewesen, daß er das Liberalste, Humanste und Fortgeschrittenste gesagt habe, das man in unserer Zeit überhaupt sagen könnte. Nun, was aber meinen Sie, welches wäre Ihre Meinung: ist diese Entstellung unserer bisherigen Begriffe und Überzeugungen, die Möglichkeit einer so schiefen Auffassung der Sache ein einzelner Fall oder ein allgemeiner Ausdruck?“

Wieder lachten alle.

„Ein einzelner, selbstverständlich ein einzelner!“ sagten Alexandra und Adelaida lachend.

„Erlaube mir, zu bemerken, Jewgenij Pawlowitsch,“ wandte Fürst Sch. ein, „daß dieser Prozeßscherz schon mehr als alt ist ...“

„Was meinen Sie, Fürst?“ fragte Jewgenij Pawlowitsch, ohne den anderen anzuhören, als er den neugierigen ernsten Blick des Fürsten Lew Nikolajewitsch auffing, mit dem ihn dieser ansah. „Wie scheint es Ihnen: ist es ein einzelner, sozusagen ein Privatfall, oder ein typischer? Ich habe, offen gestanden, nur für Sie diese Frage ausgedacht.“

„Nein, kein einzelner Fall,“ sagte leise, doch fest der Fürst.

„Aber ich bitte Sie, Lew Nikolajewitsch!“ rief fast unwillig Fürst Sch. aus, „sehen Sie denn nicht, daß er Ihnen nur Fallen stellt! Er treibt doch nur Scherz und will Sie fangen.“

„Ich dachte, Jewgenij Pawlowitsch habe im Ernst gesprochen,“ entschuldigte sich der Fürst; das Blut stieg ihm heiß ins Gesicht, und er senkte den Blick zu Boden.

„Mein lieber Fürst,“ fuhr Fürst Sch. fort, „entsinnen Sie sich noch dessen, was wir einmal vor drei Monaten sprachen? Wir sprachen gerade über unser Rechtswesen und meinten, daß wir unter unseren Juristen eine ganze Reihe von wirklich bemerkenswerten und talentvollen Verteidigern hätten, und auf wie viele, wie viele im höchsten Grade bemerkenswerte Urteile der Geschworenen könne man nicht bereits hinweisen! Und wie Sie sich darüber freuten, und wie ich mich über Ihre Freude freute! ... Wir sagten noch, daß wir stolz sein könnten ... Diese ungeschickte Verteidigungsrede aber ist selbstverständlich ein Ausnahmefall, eine Eins unter Tausenden ...“

Fürst Lew Nikolajewitsch dachte nach und antwortete dann offenbar fest überzeugt, wenn er auch nur leise und fast schüchtern sprach:

„Ich wollte nur sagen, daß die Entstellung der Ideen und Begriffe, wie sich Jewgenij Pawlowitsch ausdrückte, sehr oft vorkommt und weit mehr ein typischer als ein einzelner Fall ist, leider. Und das sogar in dem Maße, daß es vielleicht, wenn diese Entstellung nicht so allgemein wäre, vielleicht auch weniger solche unmöglichen Verbrechen geben würde, wie jetzt.“

„Unmögliche Verbrechen? Aber ich versichere Sie, daß es genau solche Verbrechen und noch viel schrecklichere auch früher gegeben hat, und nicht nur bei uns, sondern überall, und meiner Ansicht nach werden sie sich auch noch sehr lange fortsetzen und wiederholen. Der Unterschied besteht nur darin, daß sie früher weniger bekannt wurden, während jetzt alle Zeitungen spaltenlange Berichte von jeder neuen Mordtat bringen, und deshalb scheint es dann, daß diese Verbrechen erst jetzt aufgetaucht sind. Sehen Sie, das ist Ihr ganzer Irrtum, lieber Fürst, ein sehr naiver Irrtum, kann man sagen,“ schloß mit etwas spöttischem Lächeln Fürst Sch.

„Ich weiß es selbst, daß es auch früher sehr viele Verbrechen gegeben hat,“ entgegnete Lew Nikolajewitsch, „und zwar ebenso entsetzliche wie jetzt. Ich bin noch vor kurzem in Gefängnissen gewesen und es ist mir sogar gelungen, mit einzelnen Verbrechern und Angeklagten näher bekannt zu werden. Es gibt sogar noch viel entsetzlichere Mörder als diese hier, Verbrecher, die ganze zehn Menschen ermordet haben und ihre Tat nicht im geringsten bereuen. Aber es ist mir bei der Gelegenheit doch eines aufgefallen: daß selbst der eingefleischteste und kälteste Mörder, der nicht die geringste Reue empfindet, dennoch weiß, daß er ein Verbrecher ist, vor seinem Gewissen weiß, daß er schlecht gehandelt hat, wenn er dabei vielleicht auch keine Reue empfindet. Und so ist ein jeder von ihnen. Diese aber, von denen Jewgenij Pawlowitsch spricht, wollen sich nicht für Verbrecher halten und sind innerlich fest überzeugt, daß sie das Recht dazu gehabt und sogar etwas sehr Gutes getan haben oder doch fast etwas Gutes. Und darin besteht eben, meiner Ansicht nach, der ganze furchtbare Unterschied. Und nicht zu vergessen, daß diese Verbrecher noch alle sehr jung sind, sich gewöhnlich in einem Alter befinden, in dem man am leichtesten und wehrlosesten den Entstellungen gewisser Ideen gegenübersteht.“

Fürst Sch. hatte aufgehört zu lachen und hörte verwundert dem Fürsten zu. Alexandra Iwanowna, die noch etwas hatte bemerken wollen, sagte nichts mehr, als hätte sie ein besonderer Gedanke davon zurückgehalten. Jewgenij Pawlowitsch sah aber den Fürsten ganz verblüfft an, und diesmal war tatsächlich keine Spur von einem Lächeln in seinem Gesicht zu bemerken.

„Nun, warum sind Sie denn so erstaunt, mein Herr?“ trat ganz plötzlich Lisaweta Prokofjewna für den Fürsten ein. „Meinten Sie, daß er zu dumm sei, um ebenso wie Sie denken zu können?“

„N–nein, das nicht,“ brachte Jewgenij Pawlowitsch etwas verwirrt hervor, „nur ... wie haben Sie denn, Fürst – verzeihen Sie meine Frage – wenn Sie das selbst sehen und bemerken, wie haben Sie dann, Verzeihung, in dieser sonderbaren Angelegenheit ... die da vor ein paar Tagen ... Burdowskij hieß der Mann, wenn ich nicht irre ... wie haben Sie dann in dieser Affäre dieselbe Entstellung der Ideen und sittlichen Überzeugungen nicht gesehen? Das war doch ganz genau dasselbe! Es schien mir damals, daß Sie es überhaupt nicht bemerkt hätten.“

„Hören Sie mal, mein Lieber,“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna mit geröteten Wangen an Jewgenij Pawlowitsch, „wir hier haben es alle bemerkt und sitzen jetzt und tun groß vor ihm, er aber hat heute einen Brief von dem Hauptanführer erhalten, von dem finnigen, entsinnst du dich, Alexandra? In diesem Brief bittet er ihn um Verzeihung, wenn auch auf seine Art, und teilt mit, daß er mit jenem Freunde gebrochen habe, der ihn da aufhetzte, – entsinnst du dich, Alexandra? Und daß er dem Fürsten jetzt mehr Glauben schenkt als ihnen. Nun, wir aber haben einen solchen Brief noch nicht erhalten, und da ist es vielleicht etwas wenig am Platz, wenn wir hier vor ihm unsere Nasen hochheben.“

„Und Hippolyt ist soeben gleichfalls beim Fürsten eingetroffen!“ rief Koljä.

„Wie? Ist er schon hier?“ fuhr der Fürst fast erschrocken auf.

„Ja, Sie waren gerade mit Lisaweta Prokofjewna fortgegangen; ich brachte ihn.“

„Da haben wir’s!“ fuhr Lisaweta Prokofjewna sogleich empört auf, ohne daran zu denken, daß sie soeben erst den Fürsten gelobt hatte. „Ich wette, daß er gestern in seine Dachstube geklettert ist und ihn auf den Knien um Verzeihung gebeten hat, damit diese giftige Fliege sich dazu herabließe, hierherzukommen und bei ihm zu wohnen! Du bist doch gestern bei ihm gewesen? Du hast es doch vorhin schon gestanden! Ja oder nein? Hast du vor ihm auf den Knien gelegen, sprich!“

„Durchaus nicht!“ rief Koljä ebenso empört wie Lisaweta Prokofjewna. „Ganz im Gegenteil: Hippolyt hat seine Hand erfaßt und sie zweimal geküßt, ich habe es selbst gesehen, und damit endete die ganze Unterredung! Der Fürst hatte ihm nur gesagt, daß er es hier in Pawlowsk leichter haben würde, und Hippolyt war sofort einverstanden, herüberzufahren, sobald er sich nur etwas besser fühle ...“

„Das haben Sie ganz unnötigerweise gesagt, Koljä“ ... murmelte der Fürst betreten, indem er nach seinem Hut griff, „weshalb erzählen Sie das, ich ...“

„Wohin?“ hielt ihn Lisaweta Prokofjewna auf.

„Lassen Sie sich nicht stören, Fürst,“ fuhr Koljä fort, „gehen Sie jetzt nicht zu ihm, es würde ihn nur aufregen, die Fahrt hat ihn sowieso schon so angegriffen, daß er sogleich eingeschlafen ist. Er ist sehr froh. Und wissen Sie, Fürst, ich glaube, es ist viel besser so, daß er Sie nicht sogleich sieht, schieben Sie es noch bis morgen auf, sonst würde er sich ja doch unbedingt wieder so tief vor Ihnen schämen. Heute morgen sagte er, daß er sich lange nicht so gut und so leicht gefühlt habe, und er hustete auch viel weniger.“

Der Fürst bemerkte, daß Aglaja sich plötzlich erhob und an den Tisch trat. Er wagte nicht, hinzusehen, aber er fühlte mit jeder Fiber, daß sie ihn ansah, vielleicht sogar zornig ansah, mit einem deutlichen Unwillen in ihrem dunklen Blick, und mit gerötetem Gesicht.

„Mir will es aber scheinen, daß Sie ihn ganz unnütz hierhergebracht haben, Nikolai Ardalionowitsch, wenn Sie nur von demselben schwindsüchtigen Knaben sprechen, der damals auf der Terrasse zu weinen begann und uns alle zu seiner Beerdigung einlud,“ bemerkte Jewgenij Pawlowitsch. „Er sprach damals so schön von der Brandmauer des Nachbarhauses, daß er sich bald nach ihr zurücksehnen wird, dessen können Sie sicher sein.“

„Natürlich! – er wird launisch werden, wird mit dir streiten, ihr werdet euch in die Haare geraten und dann fährt er fort und läßt dich sitzen – da hast du’s dann!“

Und Lisaweta Prokofjewna zog würdevoll ihr Handarbeitstäschchen zu sich heran, ohne daran zu denken, daß sich alle bereits zum Spaziergang erhoben hatten.

„Soviel mir erinnerlich ist, prahlte er sogar sehr mit dieser Wand,“ bemerkte wieder Jewgenij Pawlowitsch. „Ohne diese Wand wird er nicht ‚schön‘ sterben können, er aber will doch vor allen Dingen gerade ‚schön‘ sterben.“

„Nun, was ist denn dabei?“ murmelte der Fürst. „Wenn Sie ihm nicht vergeben wollen, so wird er doch auch ohne Ihre Vergebung sterben ... Jetzt ist er wegen der Bäume hergekommen.“

„O, was mich betrifft, so bin ich gern bereit, ihm alles zu vergeben, dessen können Sie ihn versichern.“

„Nein, das ist nicht so zu verstehen,“ sagte leise und gleichsam widerstrebend der Fürst, indem er fortfuhr, unbeweglich auf einen Punkt des Fußbodens zu sehen, ohne den Blick zu erheben, „sondern so, daß auch Sie bereit waren, von ihm die Vergebung zu empfangen.“

„Ich? Wozu denn das? Was habe ich denn verbrochen?“

„Wenn Sie das nicht verstehen, so ... aber Sie verstehen es doch. Er wollte damals ... Sie alle segnen und auch von Ihnen Segen empfangen, und das war alles ...“

„Lieber Fürst,“ unterbrach ihn Fürst Sch. etwas furchtsam, wie es schien, als wolle er schnell vorbeugen, nachdem er mit jemand einen Blick ausgetauscht hatte, „das Paradies ist auf Erden nicht so leicht zu erwerben, Sie aber rechnen doch auch ein wenig auf ein irdisches Glück. Nein, das Paradies ist eine schwere Sache, lieber Fürst, viel schwerer, als es Ihrem prächtigen Herzen scheint. Doch brechen wir ab, sonst geraten wir wieder in eine Debatte und dann ...“

„Gehen wir, wir wollten doch die Musik anhören,“ sagte Lisaweta Prokofjewna schroff und erhob sich ärgerlich.

Ihrem Beispiel folgten auch die anderen.

II.

Plötzlich trat der Fürst auf Jewgenij Pawlowitsch zu.

„Jewgenij Pawlowitsch,“ sagte er in seltsamer Erregung und er streckte ihm die Hand entgegen, „seien Sie überzeugt, daß ich Sie für den edelsten und besten Menschen halte, trotz allem; seien Sie davon überzeugt ...“

Jewgenij Pawlowitsch trat sogar einen Schritt zurück vor Erstaunen. Einen Augenblick lang mußte er sich Gewalt antun, um nicht hell aufzulachen, doch nachdem er etwas aufmerksam den Fürsten angesehen, bemerkte er, daß dieser sich in einem ganz eigentümlichen Zustande befand: er war wie außer sich.

„Ich bin überzeugt,“ rief er aus, „daß Sie, Fürst, gar nicht das sagen wollten und vielleicht sogar auch gar nicht zu mir das sagen wollten ... Aber was ist Ihnen? Ist Ihnen schlecht?“

„Vielleicht, ja, es ist sogar sehr möglich, daß ich gar nicht, das ... Sie haben das sehr fein bemerkt, daß ich vielleicht gar nicht auf Sie zutreten wollte!“

Und nachdem er das gesagt, lächelte er sehr sonderbar, lächelte er fast lächerlich. Doch plötzlich ging ein Zusammenzucken über seine Gestalt, er rief laut aus:

„Erinnern Sie mich nicht daran, was ich damals tat, vor drei Tagen! Ich habe mich diese ganzen drei Tage unsäglich geschämt ... Ich weiß, daß ich schuldig bin ...“

„Ja ... ja aber, was haben Sie denn so Furchtbares begangen?“

„Ich sehe, daß Sie sich vielleicht am meisten für mich schämen, Jewgenij Pawlowitsch. Sie erröten, das ist das Zeichen eines guten Herzens. Ich werde sogleich fortgehen, seien Sie überzeugt.“

„Aber was hat er nur!“ wandte sich Lisaweta Prokofjewna ganz erschrocken an Koljä. „Fangen etwa seine Anfälle so an?“

„Beunruhigen Sie sich nicht, Lisaweta Prokofjewna, ich habe keinen Anfall, ich werde sogleich gehen. Ich weiß, daß ich ... von der Natur zurückgesetzt bin. Ich war vierundzwanzig Jahre lang krank, jawohl, bis zu meinem vierundzwanzigsten Lebensjahr. So ... müssen Sie mich auch jetzt als Kranken beurteilen. Ich werde sogleich fortgehen, sogleich, ich versichere Sie. Ich erröte nicht – denn es wäre doch sonderbar, deshalb zu erröten, nicht wahr? – aber in der Gesellschaft bin ich überflüssig ... Ich sage das nicht aus gekränkter Eigenliebe ... Ich habe in diesen drei Tagen nachgedacht und bin zu der Einsicht gekommen, daß ich, wenn ich mich jetzt ganz zurückziehe, Sie darüber bei der ersten Gelegenheit aufklären muß. Es gibt Ideen, es gibt hohe Ideen, von denen zu reden ich gar nicht anfangen darf, denn ich würde doch nur alle erheitern; Fürst Sch. hat mich soeben daran erinnert ... Ich habe kein Benehmen, ich kenne kein Maßhalten; meine Worte entsprechen nicht meinen Gedanken – das aber ist eine Erniedrigung dieser Gedanken. Und deshalb habe ich kein Recht ... Zudem bin ich noch mißtrauisch, ich ... ich bin überzeugt, daß mich in diesem Hause niemand kränken will und man mich mehr liebt, als ich es wert bin, aber ich weiß, ich weiß ja doch ganz genau, daß von einer vierundzwanzigjährigen Krankheit unbedingt etwas nachgeblieben sein muß, so daß man bisweilen ... unwillkürlich über mich lachen muß ... nicht wahr, so ist’s doch?“

Er schien eine Antwort, eine Entscheidung zu erwarten, indem er sich fragend im Kreise umsah. Doch alle standen noch ganz überrascht und verwundert unter dem Eindruck dieses unerwarteten, krankhaften, und wie man meinen sollte, in jedem Falle grundlosen Ausfalls, und niemand sagte ein Wort.

„Weshalb sagen Sie das hier?“ stieß plötzlich Aglaja zitternd hervor. „Weshalb sagen Sie das ihnen? ihnen! ihnen!“

Sie schien außer sich zu sein. Ihre Augen glühten. Ihr Blick blitzte. Der Fürst sah sie sprachlos an ... und plötzlich erbleichte er.

„Hier gibt es keinen einzigen, der dieser Worte wert wäre!“ fuhr Aglaja wie rasend fort. „Alle diese hier, alle, alle, sind nicht einmal Ihres kleinen Fingers wert, geschweige denn Ihres Verstandes oder Herzens! Sie sind ehrlicher als alle, Sie sind edler als alle, Sie sind besser, Sie sind reiner, Sie sind klüger als alle! Kein einziger von ihnen ist wert, dieses Taschentuch da, das Sie haben fallen lassen, aufzuheben ... Weshalb erniedrigen Sie sich, weshalb stellen Sie sich niedriger als alle anderen? Weshalb haben Sie das alles hier vorgebracht, weshalb haben Sie so gar keinen Stolz?“

„Großer Gott, wer hätte das je ahnen können!“ rief Lisaweta Prokofjewna, die Hände zusammenschlagend, aus.

„Der arme Ritter! Hurra!“ schrie Koljä begeistert.

„Schweigen Sie! ... Wie darf man es wagen, mich hier in Ihrem Hause zu beleidigen!“ brachte Aglaja zornbebend hervor und stürzte zur Mutter. Sie befand sich bereits in jenem hysterischen Zustande, in dem man alle Grenzen vergißt. „Alle, alle, alle quälen mich! Und weshalb? Fürst, weshalb werde ich die ganze Zeit, ganze drei Tage schon, Ihretwegen gequält? Unter keiner Bedingung werde ich Sie heiraten! Hören Sie? Unter keiner Bedingung, nie, niemals! Damit Sie es nur wissen! Kann man denn einen so lächerlichen Menschen wie Sie überhaupt lieben? So blicken Sie doch nur einmal in den Spiegel, sehen Sie doch, wie Sie dastehen und wie Sie jetzt aussehen! Weshalb, weshalb necken mich alle, weshalb ziehen sie mich immer damit auf, daß ich Sie heiraten würde? Sie müssen es wissen! Sie sind gleichfalls mit ihnen im Bunde, alle haben sie sich gegen mich verschworen!“

„Niemand hat sie aufgezogen, was redet sie!“ stotterte Adelaida aufrichtig erschrocken.

„Es ist uns überhaupt nicht in den Sinn gekommen, auch nur ein Wort davon zu sagen!“ versicherte Alexandra Iwanowna sichtlich bestürzt.

„Wer hat sie aufgezogen? Wann denn? Wer hat ihr so etwas sagen können? Phantasierst du, bist du krank?“ brachte Lisaweta Prokofjewna zitternd vor Empörung hervor.

„Alle, alle haben mich aufgezogen, diese ganzen drei Tage! Niemals, niemals werde ich ihn heiraten!“ raste Aglaja, und plötzlich brach sie in bittere Tränen aus, preßte ihr Taschentuch vor das Gesicht und sank auf einen Stuhl.

„Ja aber ... er hat dich ja noch gar nicht darum geb...“

„Ich habe Sie gar nicht darum gebeten, Aglaja Iwanowna,“ entfuhr es plötzlich ganz unwillkürlich dem Fürsten.

„Wa–as?“ fragte erstaunt und fast entsetzt Lisaweta Prokofjewna. „Wa–as war das?“

Sie traute ihren Ohren nicht.

„Ich wollte sagen ... ich wollte nur sagen,“ stammelte der Fürst zitternd, „ich wollte Aglaja Iwanowna nur erklären ... die Ehre haben, ihr zu erklären, daß ich durchaus nicht die Absicht gehabt habe ... die Ehre gehabt habe, um Ihre Hand anzuhalten ... Ich bin hier wirklich, bei Gott, ganz unschuldig, Aglaja Iwanowna! Ich habe es niemals gewollt, es ist mir nie in den Sinn gekommen, und ich werde es auch niemals wollen, Sie werden sehen, Sie können vollkommen ruhig sein, ich versichere Sie! Es muß mich hier ein mir übelwollender Mensch verleumdet haben! Sie können wirklich ganz ruhig sein!“

Während er das sprach, hatte er sich Aglaja genähert. Plötzlich nahm sie das Taschentuch vom Gesicht, blickte ihn schnell an, dachte einen Augenblick nach und – brach in helles Gelächter aus, in ein so fröhliches, unbezwingbares, ansteckendes Lachen, daß Adelaida als erste nicht widerstehen konnte, namentlich nach einem Blick auf den Fürsten, schnell zur Schwester lief, sie umarmte und in ein ebenso unbezwingbares Lachen ausbrach wie diese. Beim Anblick der beiden, wie die Schulrangen lachenden Schwestern mußte plötzlich auch der Fürst lächeln, und erleichtert, froh und glücklich sagte er:

„Gott sei Dank, nun, Gott sei Dank!“

Da hielt es auch Alexandra nicht aus und begann gleichfalls von ganzem Herzen zu lachen. Das Gelächter der drei schien gar kein Ende mehr nehmen zu wollen.

„Verrückt seid ihr!“ brummte Lisaweta Prokofjewna. „Zuerst erschreckt ihr einen – ich weiß nicht wie, und dann ...“

Da lachte auch schon Fürst Sch., und lachten Jewgenij Pawlowitsch und Koljä, und beim Anblick so vieler Lachenden mußte schließlich auch der Fürst lachen.

„Gehen wir spazieren, gehen wir spazieren!“ rief Adelaida. „Alle, alle, auch der Fürst muß mitkommen! Nein, Sie dürfen jetzt nicht fortgehen, Sie lieber Mensch, Sie! Nein, wie reizend er doch ist, Aglaja! Nicht wahr, maman? Nein, ich muß ihm jetzt unbedingt, unbedingt einen Kuß dafür geben, für ... für den Korb, den er Aglaja gegeben hat! Maman, liebe, gute, Sie erlauben mir doch, ihn zu küssen? Aglaja, erlaubst du, daß ich deinen Fürsten küsse?“ rief die Unartige in ihrem Übermut, lief schnell zum Fürsten und küßte ihn auch tatsächlich auf die Stirn.

Fürst Lew Nikolajewitsch ergriff ihre beiden Hände, preßte sie so fest zusammen, daß Adelaida fast aufschreien wollte, blickte sie mit unendlicher Freude an, und plötzlich führte er schnell ihre Hand an seine Lippen und küßte sie dreimal.

„Gehen wir!“ rief Aglaja. „Fürst, Sie werden mit mir gehen. Darf ich, maman? Er hat mir doch einen Korb gegeben! Sie haben sich doch auf ewig von mir losgesagt, Fürst? Aber doch nicht so, doch nicht so reicht man einer Dame den Arm! Wissen Sie denn noch nicht, wie man einer Dame den Arm reicht? So, sehen Sie, so macht man das. Nun, gehen wir jetzt, gehen wir! Und wir sind das erste Paar, wir wollen vorausgehen! Wollen Sie so mit mir gehen – tête-à-tête?“

Sie sprach ohne Unterlaß, und immer noch konnte sie ihr Lachen nicht ganz bezwingen.

„Gott sei Dank! Nun, Gott sei Dank!“ atmete Lisaweta Prokofjewna wie erlöst auf, ohne selbst so recht zu wissen, worüber sie sich eigentlich freute und wofür sie dankte.

„Sonderbare Menschen!“ dachte Fürst Sch., vielleicht zum hundertsten Male schon, seit er sie kennen gelernt hatte ... sie gefielen ihm, diese sonderbaren Menschen. Nur der Fürst gefiel ihm bedeutend weniger. Fürst Sch. fühlte sich sehr beunruhigt, als sie alle zusammen den Spaziergang antraten.

Jewgenij Pawlowitsch war scheinbar in der heitersten Laune. Auf dem ganzen Wege bis zum Kurhaus scherzte er mit Alexandra und Adelaida, die ihrerseits mit so auffallender Bereitwilligkeit auf seine Späße eingingen, daß er den Verdacht schöpfte, sie könnten ihm überhaupt nicht zuhören. Bei diesem Gedanken lachte er dann plötzlich, ohne einen Grund anzugeben, laut auf, und zwar aufrichtig, von ganzem Herzen, – das war schon so sein Charakter! Die Schwestern befanden sich beide in gehobener Stimmung, ununterbrochen beobachteten sie Aglaja und den Fürsten, die ihnen vorangingen; augenscheinlich kam ihnen ihre jüngste Schwester sehr rätselhaft vor. Fürst Sch. wiederum gab sich Mühe, Lisaweta Prokofjewna mit nebensächlichen Dingen zu unterhalten, vielleicht um sie von gewissen anderen Dingen abzulenken, und langweilte und ärgerte sie schrecklich damit. Sie schien sehr niedergeschlagen zu sein, antwortete zerstreut und manchmal überhaupt nicht. Doch das rätselhafte Benehmen Aglaja Iwanownas sollte an diesem Abend noch nicht sein Ende finden. Als man sich ungefähr hundert Schritt von der Datsche entfernt hatte, flüsterte Aglaja halblaut ihrem schweigsamen Begleiter zu:

„Sehen Sie nach rechts.“

Der Fürst blickte hin.

„Sehen Sie diese Bank im Park, dort wo die drei großen Bäume stehen ... die grüne Bank?“

Der Fürst bejahte.

„Gefällt Ihnen dieser Platz? Dorthin gehe ich bisweilen des Morgens gegen sieben Uhr, allein, wenn die anderen noch schlafen.“

Der Fürst antwortete verwirrt, daß der Platz in der Tat sehr schön sei.

„Doch jetzt gehen Sie fort von mir, ich will nicht mehr mit Ihnen Arm in Arm gehen. Oder bleiben Sie, doch sprechen Sie mit mir kein Wort. Ich will mich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigen ...“

Diese Aufforderung war jedenfalls sehr überflüssig; der Fürst hätte sicher auch ohne diesen Befehl auf dem ganzen Wege zu ihr nicht ein einziges Wort gesprochen. Sein Herz klopfte so heftig, als sie ihm die Bank zeigte, doch beruhigte er sich bald darauf wieder und wies die dummen Gedanken, die ihm kamen, mit Entrüstung von sich.

Bei den Pawlowsker Kurhauskonzerten[22] ist das Publikum bekanntlich an Wochentagen ein besseres und gewählteres, als an den Sonn- und Feiertagen, an denen alle Welt aus Petersburg dorthin kommt. Die Toiletten sind nicht so auffallend, doch eleganter, und es gehört zum guten Ton, dorthin zur Musik zu gehen. Das Orchester ist in der Tat das beste von allen unseren Sommerorchestern und setzt immer die neuesten Kompositionen auf das Programm. Der gesellschaftliche Ton ist vorzüglich, der Besuch des Publikums trägt einen intimeren Charakter. Die Datschenbewohner geben sich hier ihr Rendezvous. Viele finden sich mit Vergnügen nur um des Rendezvous’ willen hier ein; doch gibt es auch andere, die wirklich der Musik wegen kommen. Skandalgeschichten ereignen sich an diesen Tagen äußerst selten, doch pflegen auch sie manchmal vorzukommen. Ganz ohne Skandal scheint es denn doch einmal in der Welt nicht abzugehen.

Der Abend war diesmal wunderschön, und es hatte sich viel Publikum versammelt. Um das Orchester herum waren alle Plätze besetzt. Unsere Gesellschaft nahm auf einigen Stühlen am linken Ausgange des Saales Platz. Das Wogen der Menge und die Musik belebte Lisaweta Prokofjewna und erheiterte auch die jungen Damen; sie nickten freundlich Bekannten zu, die sie erblickten, kritisierten die Toiletten und machten sich über manche auffallende Einzelheiten an ihnen lustig. Auch Jewgenij Pawlowitsch grüßte des öfteren. Aglaja und der Fürst, die immer noch zusammen waren, lenkten die Aufmerksamkeit der Anwesenden ersichtlich auf sich. Bald kamen bekannte junge Leute zu ihnen, meistenteils Leutnants und Freunde Jewgenij Pawlowitschs, die bei der Mutter und den jungen Damen ihre Aufwartung machten. Unter diesen befand sich auch ein junger, sehr schöner, sehr lustiger und unterhaltender Offizier: er bemühte sich, die Aufmerksamkeit Aglajas auf sich zu lenken und sie in ein Gespräch zu ziehen. Aglaja war sehr liebenswürdig und heiter zu ihm. Jewgenij Pawlowitsch stellte seinen Freund auch dem Fürsten vor.

Der Fürst begriff kaum, was um ihn vorging, er reichte fast unbewußt dem Leutnant seine Hand. Der Freund Jewgenij Pawlowitschs richtete an ihn eine Frage, doch der Fürst beantwortete sie nicht oder murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, so daß der Leutnant ihn befremdet musterte, darauf Jewgenij Pawlowitsch ansah und sofort begriff, warum der sie miteinander bekannt gemacht hatte. Lächelnd wandte er sich dann wieder Aglaja zu. Nur Jewgenij Pawlowitsch war es aufgefallen, daß Aglaja plötzlich darüber errötete.

Der Fürst bemerkte es nicht einmal, daß andere sich um die Gunst Aglajas bewarben, ja, er vergaß sogar minutenlang, daß er neben ihr saß. Am liebsten wäre er irgendwohin entflohen, an einen düsteren, öden Ort, nur um mit seinen Gedanken allein sein zu können, und so, daß niemand wußte, wo er sich befand. Oder, wäre er wenigstens bei sich allein zu Hause auf der Terrasse gewesen, ohne Lebedeff, ohne die Kinder, könnte er wenigstens allein in seinem Zimmer sich auf seinem Diwan ausstrecken, sein Gesicht in die Kissen drücken und so liegen Tag und Nacht und noch einen Tag! Für Augenblicke sehnte er sich nach den Bergen und dachte an seinen Lieblingsplatz an der Trift: wohin er, als er dort lebte, immer zu gehen pflegte, um von ihm aus hinunter ins Dorf sehen zu können, auf den nebligen weißen Strich des Wasserfalls, auf die weißen Wolken und die alte Schloßruine. Oh, wie gerne wäre er jetzt dort, um nur an das eine zu denken, – oh, sein ganzes Leben lang nur daran –, und auf tausend Jahre hätte es gereicht! Und möge man, möge man ihn hier ganz vergessen. Oh, es müßte sogar so sein, und es wäre besser, wenn sie ihn überhaupt nicht gekannt hätten und wenn alles, was er hier erlebt, nur ein Traum gewesen wäre. Aber ist es denn nicht einerlei, ob Traum, ob Wirklichkeit! Plötzlich starrte er Aglaja an und wandte ganze fünf Minuten lang seinen Blick von ihrem Gesicht nicht ab. Doch sonderbar war dieser Blick von ihm: es schien, als sehe er auf sie wie einen Gegenstand, der sich weit, weit von ihm befände, oder wie auf ihre Photographie, und nicht auf sie selbst.

„Weshalb sehen Sie mich so an, Fürst?“ fragte sie ihn plötzlich, das Gespräch mit ihrer Umgebung abbrechend. „Ich fürchte mich vor Ihnen; mir scheint es, als wollten Sie Ihre Hand ausstrecken, um mit einem Finger mein Gesicht zu berühren. Genau so sieht er mich an, nicht wahr, Jewgenij Pawlowitsch?“

Der Fürst hörte sie an und schien ganz verwundert, daß sie sich an ihn gewandt hatte, auch verstand er sie gar nicht, denn er antwortete nichts darauf. Als er aber sah, daß sie und alle lachten, da verzog auch er seinen Mund zu einem Lächeln. Das Gelächter um ihn herum verstärkte sich; der Leutnant, offenbar ein sehr lachlustiger Mensch, platzte vor Lachen. Aglaja murmelte plötzlich wütend vor sich hin:

„Idiot!“

„Großer Gott, könnte sie denn wirklich solch einen ... hat sie wirklich ganz ihren Verstand verloren!“ murmelte knirschend vor Wut Lisaweta Prokofjewna.

„Das ist nur Scherz, wie das mit dem armen Ritter,“ flüsterte ihr Alexandra ins Ohr, „und nichts mehr! Sie hat ihn wieder aufs Korn genommen. Doch dieser Spaß geht wirklich zu weit, maman, man muß dem ein Ende machen. Vorhin am Abend gebärdete sie sich ja wie eine Schauspielerin, hat uns nur erschrecken wollen ...“

„Es ist doch gut, daß sie auf einen solchen Idioten gestoßen ist,“ antwortete ihr leise Lisaweta Prokofjewna.

Der Fürst hatte es gehört, daß man ihn einen Idioten nannte und zuckte zusammen – doch nicht eigentlich, weil man ihn so genannt hatte. Das Wort „Idiot“ vergaß er sofort. Aber im Gedränge, nicht weit davon entfernt, wo er saß – er hätte nicht sagen können, an welcher Stelle –, tauchte plötzlich wieder ein Gesicht auf, ein bleiches Gesicht mit dunklen lockigen Haaren, mit dem bekannten, nur zu bekannten Lächeln und dem Blick, – tauchte auf und verschwand. Vielleicht hatte ihm alles das nur so geschienen. Von der ganzen Erscheinung blieben ihm nur die Augen, das Lächeln und das hellgrüne Halstuch haften, das die vor ihm auftauchende Erscheinung getragen. Verlor sich dieser Mensch in der Menge? oder war er zum Saal hinausgegangen? Das konnte der Fürst nicht sagen.

Eine Minute nachher sprang er plötzlich auf und blickte unruhig um sich; wie wenn die erste Erscheinung der Vorläufer einer zweiten wäre? So mußte es sicher kommen. Hatte er wirklich die Möglichkeit einer Begegnung so ganz vergessen, daß er hierher gekommen war? Wirklich, als er hierher gekommen war, hatte er überhaupt nicht gewußt, wohin er ging, in einem solchen Zustande befand er sich. Wenn er nur etwas aufmerksamer gewesen wäre, so hätte er noch vor einer Viertelstunde bemerken können, mit welcher Unruhe und Erwartung Aglaja um sich geblickt hatte, als ob sie jemanden suchte, erwartete. Jetzt, als sie seine Unruhe bemerkte, wuchs auch ihre Aufregung, und als er sich umblickte, folgte auch sie seinen Blicken. Die Katastrophe sollte nicht ausbleiben.

In demselben Eingange, in dessen Nähe Jepantschins sich niedergelassen hatten, erschien plötzlich ein Schwarm von etwa zehn Menschen. Ihnen voran gingen drei Damen, zwei von ihnen waren von ungewöhnlicher Schönheit, so daß es weiter nicht wunderlich schien, wenn ihnen so viele Verehrer folgten. Doch sie selbst wie ihr Gefolge waren etwas außergewöhnlicher Art und in Haltung und Auftreten gar nicht dem sonst anwesenden Publikum ähnlich. Alle bemerkten sie sofort, doch der größte Teil des Publikums bemühte sich auch sogleich, sie nicht zu beachten, und nur einige jüngere Herren schauten ihnen lächelnd nach oder sprachen miteinander halblaut über sie. Die Neuangekommenen überhaupt nicht zu bemerken, war eigentlich unmöglich, da sie sich laut benahmen und lachten. Einige aus dieser sonderbaren Gesellschaft schienen schon recht angeheitert zu sein, obgleich die meisten von ihnen elegant und stutzerhaft gekleidet waren. Doch befanden sich unter ihnen auch Leute von zweifelhaftem Aussehen und zweifelhafter Kleidung und mit hochgeröteten Gesichtern. Auch etliche niedere Militärpersonen waren dabei und Gentlemen in älteren Jahren, mit schwarzen, glänzenden Perücken, mit prächtigen Backenbärten, goldenen Ringen und kostbaren Busennadeln, eine Sorte von Menschen, deren Bekanntschaft Leute aus guter Gesellschaft wie die Pest scheuen.

Um vom Kurhaus auf den freien Platz zu gelangen, wo die Musikhalle sich befand, mußte man einige Stufen hinabsteigen. Bei diesen Stufen jedoch blieb die Gesellschaft stehen; offenbar wagte man sich nicht recht vor, nur eine von den Damen ging weiter, gefolgt von zwei Herren aus ihrer Gesellschaft. Der eine von ihnen war ein Mann in mittleren Jahren, von bescheidenem, anständigem Äußeren. Doch machte er den Eindruck eines Menschen, der niemand kennt und von niemandem gekannt wird. Der andere dagegen, der ihr folgte, machte in jedem Sinne einen gänzlich zerlumpten Eindruck. Sonst folgte keiner der exzentrischen Dame, doch schien ihr das vollständig gleichgültig zu sein, denn als sie die Treppe hinabstieg, sah sie sich nicht einmal nach den anderen um. Sie lachte und unterhielt sich mit lauter Stimme wie vorher; gekleidet war sie kostbar und geschmackvoll, wenn auch etwas auffallender, als es sich schickte. Sie ging die Estrade entlang auf die andere Seite hinüber, wo vor dem Ausgang eine Equipage auf sie zu warten schien.

Der Fürst hatte sie bereits drei Monate nicht mehr gesehen. Alle diese Tage, seit seiner Ankunft in Petersburg, hatte er zu ihr gehen wollen, doch ein geheimes Vorgefühl hielt ihn immer wieder davon zurück. Wenigstens konnte er sich ein Wiedersehen mit ihr gar nicht vorstellen, und vor dem Eindruck, den diese Begegnung auf ihn machen würde, hatte er gezittert. Eines war ihm klar – diese Begegnung, wenn sie stattfand, würde eine verhängnisvolle sein. Wie oft dachte er in diesen sechs Wochen an den ersten Eindruck, den das Gesicht dieser Frau auf ihn gemacht hatte, damals, als er es auf der Photographie gesehen: es war ein schwerer, ein quälender Eindruck gewesen. Und dieser Monat, den er mit ihr in der Provinz verlebt, wo er sie jeden Tag gesehen hatte, war für ihn eine so quälende Erinnerung, daß er an diese jüngste Vergangenheit gar nicht zu denken wagte. Das Gesicht dieser Frau machte ihn leiden. Er hatte diese Empfindung Rogoshin gegenüber Mitleid genannt, endloses Mitleid, und so war es auch: schon das Gesicht auf der Photographie hatte in seinem Herzen eine Qual von Mitleid entzündet, und diese qualvolle Mitleidenschaft würde ihn nie mehr verlassen und verließ ihn auch jetzt nicht, das wußte er. O, es hatte sogar noch zugenommen! Doch jetzt, in diesem Augenblick, als sie so plötzlich erschien, begriff er oder vielmehr fühlte er unbewußt, daß auch diese Erklärung seines Gefühls Rogoshin gegenüber allein nicht ausreichte. Denn es fehlten ihm die Worte, dieses Entsetzen, ja, dieses Entsetzen, diese Angst auszudrücken! Jetzt, in dieser Minute fühlte er es wieder, ja, er war überzeugt, vollständig überzeugt, aus seinen eigenen besonderen Gründen überzeugt, daß diese Frau – wahnsinnig sei! Er empfand dasselbe, wie jemand, der eine Frau über alles in der Welt liebt oder die Möglichkeit einer solchen Liebe versteht – und plötzlich diese Frau angekettet hinter Eisengittern und unter dem Stock des Aufsehers sieht.

„Was ist Ihnen?“ flüsterte Aglaja erschrocken und berührte naiv seine Hand.

Er wandte den Kopf nach ihr um, sah sie an, blickte in ihre schwarzen, für ihn unverständlich blitzenden Augen und versuchte zu lächeln. Doch in demselben Augenblick vergaß er sie schon wieder, und wieder schweiften seine Augen nach rechts und suchten diese außergewöhnliche Erscheinung. Nastassja Filippowna ging in diesem Augenblick gerade an den Stühlen der jungen Damen vorüber, in deren Gesellschaft Jewgenij Pawlowitsch lachte und scherzte. Der Fürst erinnerte sich noch, wie Aglaja plötzlich halblaut ausrief: „Welche ...“

Sie sprach das Wort nicht aus, doch hatte es genügt. Nastassja Filippowna, die tat, als ob sie bis dahin niemand bemerkt hätte, wandte sich plötzlich nach ihnen um, und, als ob sie jetzt erst Jewgenij Pawlowitsch sähe, rief sie aus:

„Bah, da ist er ja!“ zugleich blieb sie stehen. „Sonst kann man ihn vergeblich suchen, kein Bote erreicht ihn. Da sitzt er jetzt, wo man ihn am wenigsten vermutet ... Ich dächte, du solltest dort sein bei ihm ... bei deinem Onkel.“

Jewgenij Pawlowitsch fuhr jäh auf und blickte Nastassja Filippowna wütend an, doch wandte er ihr sogleich wieder den Rücken zu.

„Wie? Weißt du es denn noch nicht? Stellt euch doch nur vor, er weiß es noch nicht! Er hat sich ja erschossen! Heute morgen hat dein Onkel sich erschossen! Heute um zwei Uhr habe ich es erfahren, die halbe Stadt weiß es bereits – dreihundertfünfzigtausend Rubel fehlen in der Kronskasse, andere sagen: fünfhunderttausend. Und ich rechnete darauf, daß du noch mal erben würdest, – alles hat er durchgebracht. Der allerverkommenste Lebemann war dein Alter ... Nun, leb wohl, bonne chance! Willst du denn wirklich nicht hinfahren? Hast also zur rechten Zeit deinen Abschied genommen, du Schlaukopf! Doch Unsinn, er wußte es sicher schon früher; vielleicht schon gestern ...“

Mit der falschen Vorspiegelung einer intimen Bekanntschaft, die gar nicht existierte, schien Nastassja Filippowna sicher eine besondere Absicht zu verfolgen, das wußte Jewgenij Pawlowitsch, und er hatte daher zuerst versucht, sich so zu stellen, als ob er sie überhaupt nicht bemerkte. Doch ihre Worte trafen ihn wie Keulenschläge; als er vom Tode des Onkels hörte, wurde sein Gesicht so weiß wie ein Tuch, und er wandte sich unwillkürlich zu der Sprechenden. In dem Augenblick erhob sich auch Lisaweta Prokofjewna von ihrem Stuhl, forderte die anderen auf, ihr zu folgen, und verließ so schnell als möglich den Saal. Nur der Fürst Lew Nikolajewitsch blieb unentschlossen stehen, als besänne er sich noch eine Sekunde, und auch Jewgenij Pawlowitsch stand noch immer wie besinnungslos da. Doch hatten sich Jepantschins kaum auf zwanzig Schritt entfernt, als es zu einem schrecklichen Skandal kam.

Der Leutnant und Freund Jewgenij Pawlowitschs, der sich mit Aglaja unterhalten hatte, geriet plötzlich außer sich.

„Hier ist einfach eine Peitsche nötig, sonst wird man dieses Geschöpf nicht los werden!“ rief er laut. Wie es schien, mußte auch er schon vorher ein Vertrauter Jewgenij Pawlowitschs gewesen sein.

Nastassja Filippowna wandte sich blitzschnell nach ihm um. Ihre Augen flammten. Sie stürzte sich auf den ersten jungen ihr gänzlich unbekannten Mann, der zwei Schritte von ihr entfernt stand und in der Hand ein dünnes geflochtenes Rohrstöckchen hielt, riß es ihm aus der Hand und schlug damit ihrem Beleidiger quer übers Gesicht. Das alles geschah in einem Augenblick ... Der Leutnant, außer sich, stürzte sich auf sie. Nastassja Filippowna stand ganz allein da, ihr Gefolge hatte sie verlassen. Auch der anständige Herr in den mittleren Jahren war nicht mehr zu sehen. In einer Minute freilich wäre die Polizei erschienen, aber diese eine Minute würde Nastassja Filippowna gefährlich geworden sein, wenn ihr nicht unerwartet Hilfe gekommen wäre. Der Fürst, einige Schritte nur vom Leutnant entfernt, packte diesen hinterrücks an beiden Armen. Der Leutnant riß sich jedoch sofort los und stieß den Fürsten so heftig vor die Brust, daß er in einer Entfernung von drei Schritt auf einen Stuhl fiel. Unterdessen hatte aber Nastassja Filippowna andere Hilfe erhalten: vor dem Leutnant stand plötzlich der Boxer und Autor des Zeitungsartikels, einstiger Genosse der früheren Rogoshinschen Rotte.

„Mein Name ist Keller, Leutnant a. D.,“ stellte sich dieser vor. „Wenn Sie einen Faustkampf wünschen, Herr Hauptmann, so stehe ich, in Vertretung der Dame, Ihnen zu Diensten. Verstehe mich vortrefflich auf die englische Boxkunst. Beruhigen Sie sich, Herr Hauptmann! Ich bedaure sehr, daß man Sie so beleidigt hat, doch kann ich es nicht erlauben, daß Sie einer Dame gegenüber, noch dazu vor den Augen des Publikums, von Ihrem Faustrecht Gebrauch machen wollen. Wenn Sie sonst auf andere, anständigere Weise von mir Rechenschaft zu fordern wünschen, so werde ich selbstverständlich, Herr Hauptmann ...“

Doch der Hauptmann-Leutnant war schon wieder zu sich gekommen und hörte ihn gar nicht mehr an. In diesem Augenblick tauchte plötzlich Rogoshin aus der Menge auf, reichte Nastassja Filippowna den Arm und führte sie fort. Er war blaß vor Erregung und zitterte. Doch konnte er sich nicht enthalten, im Vorübergehen dem Leutnant ins Gesicht zu lachen und höhnisch-triumphierend zu rufen:

„Das hat gezogen! Das ganze Gesicht blutunterlaufen! Ha!“

Dem Leutnant kam zum Bewußtsein, mit wem er es zu tun hatte, er bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch und wandte sich höflich an den Fürsten:

„Fürst Myschkin, ich hatte die Ehre, mit Ihnen bekannt zu sein?“

„Sie ist wahnsinnig! wahnsinnig! Ich versichere es Ihnen,“ antwortete ihm der Fürst mit bebender Stimme und streckte ihm seine zitternden Hände entgegen.

„Ich kann mir freilich mit solchen Kenntnissen nicht schmeicheln; Ihren Namen jedoch muß ich wissen.“

Er verneigte sich leicht und ging davon. Die Polizei erschien genau fünf Sekunden nachher, als die letzten Beteiligten des Skandals verschwunden waren. Übrigens dauerte das Ganze nur fünf Minuten. Ein Teil des Publikums hatte sich von seinen Stühlen erhoben und verließ das Konzert; ein anderer wieder wechselte nur die Plätze; ein dritter freute sich über den Skandal, und alle sprachen interessiert und lebhaft darüber. Mit einem Wort, es endete wie gewöhnlich. Das Orchester spielte wieder. Der Fürst war bereits Jepantschins gefolgt. Hätte er sich während des Vorfalles umgesehen, so hätte er bemerkt, wie Aglaja, zwanzig Schritt von ihm entfernt, der Szene zuschaute, ohne auf die Zurufe ihrer Mutter und ihrer Schwestern zu achten, die weitergingen. Fürst Sch. kehrte zu ihr zurück und bat sie, ihm zu folgen. Lisaweta Prokofjewna fiel es auf, daß Aglaja, als sie in höchster Erregung zu ihnen zurückkehrte, ihre Vorwürfe überhaupt nicht beachtete. Doch nach zwei Minuten, als die Gesellschaft in den Park trat, sagte sie bereits mit der allergleichgültigsten und launenhaftesten Stimme:

„Ich wollte nur sehen, wie die Komödie enden würde.“

III.

Der Vorfall hatte der Generalin und ihren Töchtern einen furchtbaren Schrecken verursacht. In der Erregung legte Lisaweta Prokofjewna den Weg nach Hause fast laufend zurück. Nach ihren Begriffen hatte sich bei diesem Vorfall so vieles entschleiert, daß in ihrem Kopfe, ungeachtet ihrer Aufregung und ihres Schreckens, große Entschlüsse reiften. Doch auch die anderen begriffen, daß etwas ganz Besonderes vorgefallen und daß vielleicht zum Glück ein Geheimnis aufgedeckt worden war. Ungeachtet der früheren Versicherungen und Erklärungen des Fürsten Sch. schien Jewgenij Pawlowitsch jetzt in der Tat entlarvt und seiner Beziehungen zu diesem Geschöpf überführt zu sein. So dachte Lisaweta Prokofjewna, und so schien es auch den beiden älteren Töchtern. Das Ergebnis dieser Annahme war, daß die Sache noch verwickelter, noch rätselhafter wurde. Die Töchter, die im Grunde vielleicht über ihren Schrecken und die Flucht ihrer Mutter ungehalten waren, wagten es doch nicht, sie mit Fragen zu belästigen und zu beunruhigen. Außerdem schien es ihnen aus irgendeinem Grunde, daß ihre Schwester, Aglaja Iwanowna, vielleicht mehr von dieser Sache wußte, als sie alle drei, ihre Mutter einbezogen. Fürst Sch. war finster wie die Nacht und schwieg. Lisaweta Prokofjewna sprach zu ihm während des ganzen Weges kein Wort, er aber schien es nicht einmal zu bemerken. Adelaida versuchte, ihn zu fragen: von welchem Onkel da die Rede gewesen und was in Petersburg sich ereignet hatte? Doch er murmelte ihr mit saurer Miene etwas ganz Unverständliches zur Antwort: von Untersuchungen usw., und daß das alles Unsinn wäre. „Darüber besteht kein Zweifel,“ stimmte ihm Adelaida bei und verstummte. Aglaja war ungewöhnlich ruhig und meinte nur, daß man zu schnell gehe. Einmal wandte sie sich um und bemerkte den Fürsten, der ihnen nacheilte. Über seine Bemühungen, sie einzuholen, lachte sie spöttisch, doch beachtete sie ihn weiter nicht mehr.

Kurz vor der Datsche begegnete ihnen Iwan Fedorowitsch, der soeben aus Petersburg zurückkehrte. Seine erste Frage war nach Jewgenij Pawlowitsch. Doch seine Gemahlin ging mit drohender Miene an ihm vorüber, ohne ihm zu antworten, ja, ohne ihn überhaupt anzusehen. An den Gesichtern der Töchter und des Fürsten Sch. erriet er sofort, daß ein Gewitter zum mindesten im Anzuge war. Auf seinem Gesicht lag sowieso schon eine außergewöhnliche Erregtheit. Er ergriff den Fürsten Sch. am Arm und hielt ihn am Eingang des Hauses zurück, um im Flüsterton einige Erkundigungen von ihm einzuziehen. An ihren erregten Gesichtern, als sie auf die Terrasse traten und Lisaweta Prokofjewna in die Zimmer folgten, konnte man sehen, daß sie beide etwas Außergewöhnliches erfahren hatten. Auch die anderen folgten Lisaweta Prokofjewna nach oben, und auf der Terrasse blieb Fürst Myschkin ganz allein zurück. Er setzte sich in einen Winkel, als erwartete er dort irgend jemanden, übrigens wußte er selbst nicht, warum er das tat; ihm kam es gar nicht in den Sinn, fortzugehen, obgleich ihn niemand bei der allgemeinen Aufregung vermißt hätte. Er schien alles um sich herum vergessen zu haben und wäre bereit gewesen, so in Gedanken versunken jahrelang dazusitzen. Von Zeit zu Zeit hörte er von oben Stimmen von einer erregten Unterhaltung. Der Fürst wußte nicht, wie lang er schon so gesessen hatte, es wurde spät und begann zu dunkeln. Plötzlich trat Aglaja auf die Terrasse, dem Aussehen nach war sie ruhig, nur ein wenig bleich. Als sie den Fürsten erblickte, den sie augenscheinlich hier nicht erwartet hatte, lächelte sie unwillig.

„Was machen Sie hier?“ fragte sie und trat an ihn heran.

Der Fürst stand verwirrt vom Stuhle auf, doch Aglaja setzte sich sofort neben ihn, und so setzte auch er sich wieder hin. Sie betrachtete ihn plötzlich sehr aufmerksam und sah darauf zum Fenster hinaus, ganz gedankenlos in die Ferne starrend, und dann sah sie wieder ihn an. „Vielleicht will sie sich über mich lustig machen,“ dachte der Fürst, „doch würde sie mich dann wohl einfach auslachen.“

„Vielleicht wollen Sie Tee,“ sagte sie plötzlich nach längerem Schweigen.

„Nein. Ich wüßte nicht ...“

„Wie kann man das nicht wissen! Ach Sie, hören Sie: wenn jemand Sie zum Duell forderte, was würden Sie dann machen? Ich wollte Sie schon neulich fragen.“

„Ja ... wer denn ... wer würde mich denn zum Duell fordern?“

„Wenn man Sie aber forderte? Würden Sie sich dann sehr fürchten?“

„Ich glaube, daß ich mich ... sehr fürchten würde.“

„Wirklich? So sind Sie also ein Feigling?“

„N–ein; vielleicht auch nicht. Ein Feigling ist der, welcher sich fürchtet und davonläuft; doch wer sich fürchtet und nicht davonläuft, der ist kein Feigling,“ sagte der Fürst und lächelte nachdenklich.

„Also, Sie würden nicht fortlaufen?“

„Vielleicht würde ich nicht fortlaufen,“ lachte er endlich über ihre Frage laut auf.

„Ich bin zwar nur eine Frau, aber ich würde um nichts in der Welt fortlaufen,“ bemerkte sie in fast beleidigendem Tone. „Übrigens, scheint es, daß Sie wie gewöhnlich über mich lachen, um selbst überlegen zu erscheinen. Sagen Sie doch, bitte, meist schießt man sich auf zwölf Schritt, einige auf zehn – folglich wird man dabei erschossen oder verwundet?“

„Im Duell, scheint es, wird selten jemand erschossen.“

„Wieso, selten? Puschkin wurde doch getötet.“

„Das war vielleicht zufällig.“

„Durchaus nicht zufällig: es war eben ein Duell auf Leben und Tod.“

„Die Kugel traf ihn so niedrig, daß man annehmen muß, Dantès habe höher gezielt, etwa nach der Brust oder nach dem Kopfe. Dahin, wo er getroffen wurde, zielt kein Mensch, also war der Tod Puschkins doch mehr ein Zufall. Das haben mir sachverständige Leute gesagt.“

„Und mir hat ein Soldat, mit dem ich einmal darüber gesprochen habe, gesagt, sie hätten beim Militär ausdrücklich Befehl, wenn sie Übungen machen, gerade in die Mitte des Menschen zu zielen, in die ‚untere Hälfte des Menschen‘, wie sie sich ausdrücken. Also in die Brust und nicht in den Kopf, vielmehr gerade in die Mitte des Menschen ist ihnen befohlen zu schießen. Ich fragte darauf einen Leutnant, und er bestätigte es mir.“

„Das ist wahr, doch nur der großen Entfernung wegen.“

„Und Sie, können Sie schießen?“

„Ich habe noch niemals geschossen.“

„Können Sie wirklich nicht einmal eine Pistole laden?“

„Nein, ich kann es nicht. Das heißt, ich weiß, wie man es macht, doch habe ich es noch niemals versucht.“

„Das heißt soviel, daß Sie es nicht können, denn dazu gehört Übung! Hören Sie, lernen Sie es: zuerst kaufen Sie sich gutes Pulver, nicht feuchtes etwa, sondern sehr trockenes ist nötig – ganz feines Pulver, sagen Sie nur Pistolenpulver, und nicht etwa solches, womit man Kanonen lädt. Die Kugel, sagt man, gießt man sich selbst. Haben Sie denn Pistolen?“

„Nein, ich brauche keine,“ lachte der Fürst laut auf.

„Ach, was für ein Unsinn! Kaufen Sie sich sofort eine Pistole, eine gute französische oder englische, das sollen die besten sein. Dann nehmen Sie einen Fingerhut voll Pulver, vielleicht auch zwei, und schütten es hinein. Besser, Sie nehmen etwas mehr. Dann stopfen Sie Filz hinein, man sagt, daß durchaus Filz nötig sei, den können Sie ja irgendwoher, aus einer Matratze oder aus einer Türpolsterung nehmen. Wenn der Filz drin ist, dann stecken Sie die Kugel hinein, hören Sie: das Pulver zuerst und die Kugel darauf, sonst geht’s nicht los. Warum lachen Sie? Ich möchte, daß Sie jetzt jeden Tag Schießübungen machten, und sogar mehrmals am Tage, damit Sie gut ins Ziel schießen können. Werden Sie es tun?“

Der Fürst schüttelte sich vor Lachen; Aglaja war wütend und stampfte mit dem Fuße zornig auf. Ihre ernste Miene, mit der sie diesen Gegenstand erörterte, verwunderte den Fürsten zuletzt. Zum Teil fühlte er, daß er hier über irgend etwas nicht unterrichtet war, wonach er hätte fragen müssen – und daß es sicher was Ernsteres war, als ein bloßes Gespräch. All das ging ihm durch den Kopf, doch hatte er nur dafür Gefühl, daß sie neben ihm saß, daß er sie ansah, während das, was sie sprach, ihm in diesem Augenblick völlig gleichgültig war.

Auf die Terrasse trat plötzlich Iwan Fedorowitsch. Er schien einen wichtigen Gang vor sich zu haben, in seiner besorgten Miene lag feste Entschlossenheit.

„Ah, Lew Nikolajewitsch, du hier ... Wohin gehst du?“ fragte er ihn, obwohl Lew Nikolajewitsch auch nicht einmal daran gedacht hatte, sich von seinem Platze zu erheben. „Komm her, ich habe dir ein Wörtchen zu sagen.“

„Auf Wiedersehen,“ sagte Aglaja und reichte ihm ihre Hand.

Auf der Terrasse war es schon ganz dunkel geworden, der Fürst konnte ihr Gesicht in diesem Augenblick nicht deutlich erkennen. Nach einer Minute, als er mit dem General die Datsche verlassen hatte, errötete er plötzlich über und über und preßte seine rechte Hand fest zusammen und an sich.

Offenbar hatten sie beide denselben Weg. Ungeachtet der späten Stunde wollte Iwan Fedorowitsch wohl noch irgendwohin gehen, um sich mit irgend jemand über den Vorfall auszusprechen. Er sprach unzusammenhängende Worte zum Fürsten, erregt, schnell, und erwähnte des öfteren Lisaweta Prokofjewna. Wenn der Fürst in diesem Augenblick etwas aufmerksam gewesen wäre, so hätte er vielleicht bemerkt und erraten, daß Iwan Fedorowitsch ihn unter anderem gern über etwas ausgefragt hätte, oder besser gesagt, eine offene und gerade Frage an ihn gestellt hätte, aber nicht wagte, an den betreffenden Punkt zu rühren, der dabei die Hauptsache war. Der Fürst war aber so zerstreut, daß er anfangs überhaupt nicht zugehört und gar nicht verstanden hatte, was der General zu ihm gesprochen, und als dieser ihm schließlich eine Frage stellte, mußte er zu seiner Schande gestehen, daß er diese Frage nicht beantworten konnte, weil er sie nicht begriff.

Der General zuckte die Achseln.

„Sonderbare Menschen seid ihr doch alle, ich sage dir, daß ich die Ideen und die Aufregung Lisaweta Prokofjewnas überhaupt nicht verstehen kann. Sie ist außer sich, weint und behauptet, daß man uns beleidigt und beschimpft habe. Wer? Wie? Womit? Wann und warum? Ich gebe zu, daß ich an vielem schuld bin ... doch die Ausfälle ... dieses teuflischen Weibes, das sich dazu noch unschicklich beträgt, gehen wirklich etwas zu weit und müssen von der Polizei ... Ich habe die Absicht, mit einer maßgebenden Persönlichkeit darüber Rücksprache zu nehmen. Man könnte alles im Guten, ruhig und liebenswürdig ohne jeglichen Skandal abmachen. Ich selbst bin auch durchaus der Meinung, daß die Zukunft noch viele Ereignisse in ihrem Schoße birgt, und daß noch vieles unaufgeklärt ist. Oh, da steckt noch eine Intrige dahinter, und wenn man hier nichts davon versteht, so versteht man dort noch weniger. Niemand weiß etwas, niemand hat was gehört; du hast nichts gehört, der hat nichts gehört, der fünfte hat auch noch nichts gehört, ja, so bitte ich dich, wer hat denn eigentlich was gehört? Wie soll man da nicht den Verstand verlieren, zur Hälfte scheinen es Halluzinationen, etwas, was überhaupt nicht vorhanden ist ...“

„Sie ist wahnsinnig,“ murmelte der Fürst schmerzlich, sich der Vorgänge erinnernd.

„Wenn du davon redest ... Diese Idee hatte ich auch zuerst und beruhigte mich dabei. Doch jetzt sehe ich, daß die anderen recht haben und glaube nicht an ihren Wahnsinn. Nehmen wir an, sie sei wirklich eine irre Frau, so ist sie doch auch wieder sehr schlau und durchaus nicht wahnsinnig. Die Geschichte mit Hauptmann Alexejewitsch beweist das. Ihrerseits steckt da eine sehr jesuitische Absicht dahinter.“

„Was für ein Hauptmann Alexejewitsch?“

„Ach, mein Gott, Lew Nikolajewitsch, du hast wieder nichts gehört! Davon habe ich dir doch gleich zu Anfang erzählt, von Hauptmann Alexejewitsch. Deshalb bin ich doch heute so lange in der Stadt geblieben, zittere noch jetzt an Händen und Füßen. Hauptmann a. D. Alexejewitsch Radomskij, der Onkel von Jewgenij Pawlowitsch ...“

„Nun, was ist mit ihm?“ rief der Fürst.

„Hat sich erschossen, heute morgen um sieben Uhr. Ein angesehener Mann von fünfundsiebzig Jahren, Epikuräer, – und ganz so, wie sie es gesagt hat – Kronsgelder sind verschwunden, eine bedeutende Summe!“

„Woher hat sie denn ...“

„Gewußt? Ha, ha! Sie hat ja einen ganzen Stab um sich, kaum daß sie sich hier gezeigt hat. Du weißt, was für Leute sie besuchen und ‚die Ehre ihrer Bekanntschaft‘ anstreben. So konnte sie doch sofort von dem Unglück gehört haben, denn ganz Petersburg weiß es schon und hier halb oder ganz Pawlowsk. Und was für eine feine Anspielung sie Jewgenij Pawlowitsch wegen seiner Zivilkleidung gemacht haben soll, wie man mir erzählte! Was für eine teuflische Bemerkung! Nein, das kann keine Wahnsinnige tun. Ich bestreite es natürlich durchaus, daß Jewgenij Pawlowitsch von der Katastrophe etwas gewußt hat, das heißt, daß er Zeit und Stunde genau gewußt hat. Doch hat er es vielleicht kommen sehen, vorausgefühlt. Wir aber, ich und auch Fürst Sch., rechneten darauf, daß er ihn beerben würde! Schrecklich! Schrecklich! Verstehe mich recht, natürlich beschuldige ich ja Jewgenij Pawlowitsch in keiner Weise und beeile mich, dir das ausdrücklich zu erklären, doch immerhin ist es verdächtig ... Fürst Sch. ist ganz außerordentlich betroffen. Alles das hat ihn so erschüttert.“

„Im Betragen Jewgenij Pawlowitschs liegt doch nichts Verdächtiges?“

„Nichts, nein! Er hat sich sehr anständig verhalten. Ich habe auch auf nichts anspielen wollen. Sein eigenes Vermögen ist, glaube ich, unangerührt. Lisaweta Prokofjewna will nichts davon hören ... Aber die Hauptsache – alle diese Familienkatastrophen, oder besser gesagt – Reibereien oder wie man’s nennen soll ... dir kann man’s ja sagen, du bist ein Freund des Hauses, Lew Nikolajewitsch, stelle dir doch nur vor, erst jetzt erweist es sich, – wenn ich mir auch darüber noch gar nicht klar bin –, daß Jewgenij Pawlowitsch schon vor einem Monat Aglaja einen Antrag gemacht hat und von ihr eine formelle Absage erhalten haben soll.“

„Das kann nicht sein!“ rief der Fürst, ganz Feuer und Flamme.

„Ja, weißt du denn etwas davon? Siehst du, mein Teurer,“ – der General blieb wie festgewurzelt an der Stelle stehen – „ich habe es dir doch nur gesagt, weil du ... weil du ... man kann wohl sagen, ein solcher Mensch bist. Vielleicht weißt du was Näheres darüber?“

„Ich weiß nichts ... ich weiß durchaus nichts von Jewgenij Pawlowitsch,“ murmelte der Fürst.

„Und auch ich habe keine Ahnung! Mich, scheint es, will man wirklich schon in die Erde stecken, und keiner will zugeben, daß es für mich unerträglich ist, von alledem nichts zu erfahren. Soeben hatten wir eine Szene, die schrecklich war! Ich erzähle sie dir nur, weil du wie mein leiblicher Sohn bist. Hauptsächlich macht sich Aglaja über die Mutter lustig. Von der Geschichte mit Jewgenij Pawlowitsch haben die Schwestern erzählt. Sie ist ja doch ein so eigenwilliges und phantastisches Geschöpf, daß man schon gar nicht weiß, was man mit ihr anfangen soll! Sie hat großzügige und glänzende Eigenschaften, hat Herz und Verstand – das ist wahr, doch launenhaft, spottlustig ist sie, mit einem Wort, ein unbändiger Charakter, und dabei voll Phantasie. Sie lacht der Mutter ins Gesicht; den Schwestern desgleichen; Fürst Sch. lacht sie aus; über mich macht sie sich beständig lustig, davon lohnt es sich überhaupt gar nicht zu sprechen. Doch ich, ich liebe sie, liebe sie fast, weil sie mich auslacht – und mir scheint es, daß sie mich darum auch besonders lieb hat, mehr als die anderen, ja, so scheint es mir. Ich möchte wetten, daß sie auch schon über dich gelacht hat. Soeben traf ich sie mit dir im Gespräch an, sie saß da bei dir nach diesem Skandal, ganz, als ob nichts geschehen wäre.“

Der Fürst errötete und preßte wieder seine rechte Hand an sich, doch schwieg er.

„Mein lieber, guter Lew Nikolajewitsch! Ich ... und selbst Lisaweta Prokofjewna – die dich übrigens wieder achtet, und mit dir zusammen auch mich, ich weiß nicht warum – wir lieben dich wirklich, lieben dich aufrichtig und achten dich trotz aller dieser Vorfälle. Ach, lieber Freund, gib es doch zu, daß solche Rätsel unerträglich sind, die dieser kleine kaltblütige Satan uns da aufgibt – sie stand da vor der Mutter mit dem Ausdruck größter Verachtung für alle unsere Fragen, und zwar besonders für mich, weil ich, der Teufel hol’s, so dumm war und ihr mit Strenge zu imponieren versuchte, als Haupt der Familie, versteht sich, o dumm, dumm war ich – als dieser kaltblütige kleine Teufel uns plötzlich erklärt, daß diese ‚Wahnsinnige‘ (so drückte sie sich aus, mit denselben Worten wie du), ‚daß diese Wahnsinnige sich in den Kopf gesetzt habe, sie mit Lew Nikolajewitsch zu verheiraten und Jewgenij Pawlowitsch deshalb in unserem Hause unmöglich zu machen ...‘ Das war alles, auf weitere Erklärungen ließ sie sich nicht ein, lachte nur, wir rissen die Mäuler auf, und sie geht einfach hinaus und schlägt die Tür hinter sich zu. Darauf erzählte man mir von dem Vorfall mit ihr ... ich meine – deinem ... und ... und – höre, lieber Fürst, du bist doch ein vernünftiger Mensch und kein empfindlicher Mensch, ich würde dir gerne etwas sagen ... doch ärgere dich nicht: bei Gott, sie hält auch dich zum Narren. Wie ein Kind lacht sie über dich, sei du ihr deshalb nicht böse, aber es ist so. Denke dir nichts dabei, sie spottet über dich und über uns alle, aus purer Langeweile. Nun, leb wohl! Du kennst unsere Gefühle für dich? Unsere aufrichtige Liebe zu dir? Wir bleiben dir unveränderlich treu, doch ... jetzt muß ich fort, auf Wiedersehen! Niemals habe ich so in der Klemme gesessen, wie gerade jetzt ... Ach, diese Sommerfrischen!“

Er ließ den Fürsten allein an einer Straßenkreuzung. Der Fürst blickte um sich und schritt dann rasch über die Straße, an das erleuchtete Fenster einer Datsche, entfaltete einen kleinen Zettel, den er die ganze Zeit während des Gespräches mit Iwan Fedorowitsch in der rechten Hand gehalten hatte und las beim matten Schein des erleuchteten Fensters:

„Morgen, sieben Uhr früh, werde ich auf der grünen Bank im Park auf Sie warten. Ich habe mich entschlossen, über eine sehr wichtige Angelegenheit, die Sie nahe angeht, mit Ihnen zu reden.“

„P. S. Ich hoffe, Sie werden diesen Zettel niemandem zeigen. Obwohl ich mich schäme, Ihnen das ausdrücklich zu sagen, so halte ich es doch für nötig – und ich erröte beim Gedanken an Ihren lächerlichen Charakter.“

„P. S. Es ist dieselbe grüne Bank, die ich Ihnen vorhin gezeigt habe. Schämen Sie sich. Auch das muß ich noch hinzufügen.“

Das Zettelchen war in aller Eile geschrieben und irgendwie zusammengefaltet worden, wahrscheinlich kurz bevor Aglaja auf die Terrasse hinausgetreten war. Eine unbeschreibliche Erregung, eine an Schrecken grenzende Erregung ergriff den Fürsten. Er preßte seinen Zettel wieder in die Hand und sprang wie ein aufgescheuchter Dieb vom Fenster hinweg. Dabei stieß er mit einem Menschen zusammen, der nicht weit von ihm gestanden haben mußte.

„Ich suchte Sie, Fürst!“ sagte der Herr.

„Was? Sie sind es, Keller?“ rief Lew Nikolajewitsch erstaunt aus.

„Ich suchte Sie, Fürst, ich wartete auf Sie an der Datsche bei Jepantschins und folgte Ihnen, als Sie mit dem General gingen. Ich stehe zu Ihren Diensten, Fürst, verfügen Sie über Keller. Ich bin bereit, mich für Sie zu opfern, und wenn es sein muß, zu sterben.“

„Aber ... weshalb denn?“

„Nun, es wird doch sicher eine Forderung zum Duell erfolgen. Ich kenne diesen stolzen Leutnant – nicht persönlich etwa ... –, er erträgt eine Beleidigung nicht. Unsereinen, mich zum Beispiel und Rogoshin, hält er für nichts, und vielleicht nicht mit Unrecht, darum kommen Sie allein für ihn in Frage. Die Rechnung werden Sie bezahlen müssen, Fürst. Er hat sich nach Ihnen erkundigt, ich hörte es, und sicher schickt er Ihnen schon morgen seinen Sekundanten, oder, vielleicht wartet der schon jetzt auf Sie. Wenn Sie mich der Ehre für würdig halten, so wählen Sie mich, bitte, zu Ihrem Sekundanten, ich bin bereit, mit Ihnen bis aufs Schafott zu gehen. Deshalb suchte ich Sie, Fürst.“

„Also auch Sie reden von einem Duell!“ lachte plötzlich der Fürst laut auf, zu Kellers größter Verwunderung, und hörte gar nicht auf zu lachen, so daß Keller, der die ganze Zeit über wie auf Nadeln gestanden, sich fast beleidigt fühlte, als er dieses herzliche Lachen des Fürsten hörte.

„Sie haben ihn doch, Fürst, vorhin an den Armen gepackt, öffentlich vor allem Publikum. Ein Mann von Ehre wird sich das nicht gefallen lassen.“

„Und er hat mich vor die Brust gestoßen!“ rief der Fürst lachend. „Warum sollen wir uns denn schlagen? Ich werde ihn um Entschuldigung bitten, das ist alles. Nun, und wenn wir uns schon schießen sollen, meinetwegen! Möge er schießen, ich werde auch schießen. Ha, ha! Ich verstehe jetzt einen Revolver zu laden! Wissen Sie, man hat es mir gesagt, wie man eine Pistole lädt! Verstehen Sie, eine Pistole zu laden, Keller? Zuerst muß man Pulver kaufen, Pistolenpulver, nicht zu feucht und nicht zu grob – nicht etwa Pulver, womit man Kanonen lädt. Man muß zuerst das Pulver hineinschütten, dann stopft man Filz von einer Türpolsterung in die Mündung und dann steckt man die Kugel hinein – nicht etwa die Kugel vor dem Pulver, sonst geht’s nicht los! Ha, ha! Ist das nicht eine prächtige Regel, lieber Keller? Ach, Keller, wissen Sie, daß ich Sie sofort umarmen und abküssen werde. Ha, ha, ha! Woher sind Sie eigentlich vorhin so plötzlich aufgetaucht? Kommen Sie nächstens zu mir: Champagner trinken! Wir wollen uns alle betrinken! Wissen Sie, daß ich zwölf Flaschen Champagner besitze? Lebedeff hat sie im Keller, er verkaufte sie mir ‚zufällig‘ vor drei Tagen. Ich will die ganze Gesellschaft dazu einladen! Werden Sie heute nacht schlafen gehen?“

„Natürlich, wie immer, Fürst.“

„Nun, dann, träumen Sie süß! Ha, ha!“

Der Fürst ging über die Straße in den Park hinein. Keller blieb ganz verdutzt und nachdenklich stehen. Er hatte den Fürsten noch nie in einer so sonderbaren Stimmung angetroffen und hätte sie niemals bei ihm für möglich gehalten.

„Er hat wohl Fieber, auf einen nervösen Menschen muß das alles auch sehr stark einwirken, freilich! Angst scheint er nicht zu haben. Sieh mal an, solche haben also keine Angst, bei Gott!“ dachte Keller bei sich. „Hm! Champagner! Eine bemerkenswerte Aufforderung, wirklich. Zwölf Flaschen, ein ganzes Dutzend; eine anständige Batterie. Doch, ich möchte wetten, daß Lebedeff diesen Champagner irgendwie unter der Hand gekauft hat. Hm! ... er ist eigentlich sehr nett, dieser Fürst; wirklich, ich liebe solche ... doch da ist jetzt keine Zeit zu verlieren und ... wenn schon Champagner, dann ...“

Daß der Fürst wie im Fieber war, darin hatte Keller recht.

Lange, traumverloren, irrte der Fürst im dunklen Park umher, bis er plötzlich wahrnahm, daß er sich in einer Allee befand. Er konnte sich nicht entsinnen, wenn er es auch gewollt hätte, was er diese ganze Stunde im Park gedacht hatte. Doch ertappte er sich jetzt auf einem Gedanken, über den er plötzlich laut auflachen mußte, obgleich eigentlich gar kein Grund dazu vorhanden war. Es kam ihm in den Sinn, daß der Gedanke an das Duell nicht nur im Kopfe Kellers entsprungen war, sondern auch in ihrem Kopfe, und daß sie die ganze Pistolengeschichte durchaus nicht zufällig erzählt hatte. „Bah!“ Plötzlich kam ihm eine andere Idee. „Vorhin, als sie auf die Terrasse trat und ich dort in der Ecke saß, tat sie furchtbar verwundert, mich dort anzutreffen, und ... lachte – und sprach von Tee. In derselben Zeit hatte sie aber schon das Zettelchen in der Hand gehabt: also wußte sie doch, daß ich auf der Terrasse war! Warum war sie denn so verwundert darüber? Ha, ha, ha!“

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