Vierter Teil
E. K. Rahsin translation
I.
Es gibt Menschen, von denen sich nur schwer etwas sagen läßt, was sie einem in ihrer typischen, charakteristischsten Art sogleich handgreiflich-deutlich vor Augen führte. Es sind das jene Leute, die man gewöhnlich „Dutzendmenschen“ oder kurzweg „die Mehrzahl“ nennt, und die auch in Wirklichkeit die ungeheure Mehrzahl in einer jeden Gesellschaft ausmachen. In der Regel schildern die Schriftsteller in ihren Romanen und Novellen nur solche Typen der Gesellschaft, die es in Wirklichkeit nur äußerst selten in so vollkommenen Exemplaren gibt, wie die Künstler sie darstellen, die aber als Typen nichtsdestoweniger fast noch wirklicher als die Wirklichkeit selbst sind. Podkoljossin[27] ist in seiner typischen Gestalt vielleicht ein wenig übertrieben, doch deshalb nichts weniger als frei erdichtet und erfunden. Finden nicht alle Menschenkenner, die Gogols Lustspiel sehen oder lesen, daß eine Menge ihrer alten Freunde und Bekannten zu dieser Figur Modell gestanden haben könnten? Sie haben wohl auch schon früher gewußt, daß dieser oder jener Bekannte wie Podkoljossin war, bloß war ihnen der Name für diesen Typ noch nicht gegeben worden. In Wirklichkeit springen zwar nur sehr wenige kurz vor der Trauung aus dem Fenster, denn eine solche Handlungsweise ist schließlich doch, ganz abgesehen von allem übrigen, ziemlich unbequem; aber wieviel Heiratskandidaten sind nicht kurz vor der Trauung bereit gewesen, sich trotz ihrer mitunter wirklich vorhandenen Würde und Klugheit im tiefsten Inneren dennoch für Seitenstücke Podkoljossins zu halten! Auch nicht alle Männer werden auf Schritt und Tritt sagen: „Tu l’as voulu, George Dandin!“ Aber, o Gott, wieviel millionen- und billionenmal ist dieser Herzensschrei von den Männern der ganzen Welt nach Ablauf ihres Honigmonds oder – wer kann es wissen? – vielleicht schon am Tage nach der Hochzeit ausgestoßen worden!
Indes wollen wir hier nur sagen, ohne uns auf weitere ernste Erklärungen einzulassen, daß in der Wirklichkeit die Typik der einzelnen Personen gewissermaßen wie mit Wasser verdünnt ist, und wenn es George Dandins und Podkoljossins auch in Wirklichkeit gibt und sie einem sogar täglich in den Weg laufen, so sind sie doch gleichsam noch in verdünntem Zustande. Zum Schluß sei nur noch bemerkt, daß man nichtsdestoweniger auch einen George Dandin, wie ihn Molière geschaffen hat, unter lebenden Menschen antreffen kann, allerdings nicht auf Schritt und Tritt, und damit wollen wir unsere Betrachtung schließen, die sonst gar zu lebhaft an ein Feuilleton erinnern könnte. Doch wie dem auch sei, jedenfalls bleibt eine recht schwierige Frage bestehen, und die ist: was soll ein Romanschriftsteller mit den Durchschnittserscheinungen, mit den absolut „gewöhnlichen Menschen“ beginnen, wie soll er sie darstellen, um sie seinem Leser wenigstens einigermaßen interessant erscheinen zu lassen? Ganz übergehen kann man sie in keinem Roman, denn gerade die gewöhnlichen Menschen sind die unentbehrlichen Bindeglieder in der Kette der Ereignisse des großen Lebens; wollte man sie dennoch umgehen, so würde man nicht wirklichkeitsgetreu schreiben. Ein Roman, der nur „Typen“ enthält, nur Sonderlinge und Ausnahmemenschen, würde nicht Wiedergabe der Wirklichkeit und vielleicht sogar nicht einmal interessant sein. Meiner Meinung nach muß der Schriftsteller sich bemühen, selbst in den gewöhnlichen Menschen interessante Züge zu entdecken und lehrreich hervorzuheben. Wenn z. B. das Wesen gewisser „Dutzendmenschen“ gerade in ihrer unveränderlichen „Gewöhnlichkeit“ liegt, oder wenn diese Leute ungeachtet all ihrer Anstrengungen, um jeden Preis aus dem Geleise der Gewöhnlichkeit und Gewohnheit herauszukommen, dennoch unveränderlich bei der Gewöhnlichkeit bleiben, so werden auch sie zu einem gewissen Typ – in ihrer Art, versteht sich – zum Typ der Gewöhnlichkeit eben, die um keinen Preis das bleiben will, was sie ist, sondern um jeden Preis originell und selbständig erscheinen möchte, ohne auch nur im geringsten die nötigen Gaben zur Selbständigkeit zu besitzen.
In diese Kategorie gewöhnlicher Menschen gehören auch einzelne Personen dieser Erzählung, und zwar: Warwara Ardalionowna Ptizyn, deren Gatte Iwan Petrowitsch und dessen Schwager Gawrila Ardalionytsch Iwolgin.
In der Tat, es gibt nichts Ärgerlicheres, als z. B. reich, aus anständiger Familie, von gutem Äußeren, nicht ungebildet, nicht dumm, sogar ein sogenannter guter Mensch zu sein und dabei gleichzeitig doch kein einziges Talent zu besitzen, keine einzige besondere Eigenschaft, nicht einmal besondere Schrullen und auch keine einzige eigene Idee zu haben, kurzum – „genau so wie alle“ zu sein. Man besitzt ein gewisses Kapital, jedoch kein Rothschildsches; die Familie ist durchaus ehrenwert, hat sich aber niemals auch nur im geringsten ausgezeichnet; das Äußere ist anständig, drückt aber sehr wenig aus; die Bildung ist nicht gering, doch was man mit ihr beginnen soll, weiß man nicht; Verstand ist gleichfalls vorhanden, nur leider ohne daß die geringsten eigenen Ideen mit ihm verbunden wären; sogar Herz ist da, nur fehlt ihm wiederum Großmut, und so ist es auch in jeder anderen Beziehung. Solcher Leute gibt es in der Welt eine ungeheure Menge, sogar viel mehr als es den Anschein hat. Unter ihnen kann man zwei Arten unterscheiden: die einen sind ausgesprochen beschränkt, die anderen „viel gescheiter“. Die ersteren sind natürlich die glücklicheren. Einem beschränkten „gewöhnlichen“ Menschen fällt z. B. nichts leichter, als sich für einen ungewöhnlichen, originellen Menschen zu halten und sich durch diesen Glauben das Leben ruhigen Gewissens zu versüßen. Genügte es doch gar mancher Dame, sich das Haar abzuschneiden, eine blaue Brille auf die Nase zu setzen und sich „Nihilistin“ zu nennen, um sogleich davon überzeugt sein zu können, daß sie nun auch eigene „Überzeugungen“ habe. Es braucht so manch einer nur ein etwas menschenfreundlicheres Gefühl in seinem Herzen zu hegen, und er wäre ohne weiteres überzeugt, daß er der fortgeschrittenste und feinfühligste Mensch sei. Und wie vielen genügte es, in irgendeiner Broschüre einen beliebigen Abschnitt mitten heraus zu lesen, um sich einzubilden, die gelesenen Gedanken seien im eigenen Gehirn entstanden. Die Frechheit der Naivität, wenn man sich so ausdrücken kann, ist in solchen Fällen oft geradezu wunderbar, und sollte sie auch noch so unwahrscheinlich sein, sie ist und bleibt Tatsache. Diese bodenlose Unverschämtheit der Naivität, diese sozusagen unerschütterliche Überzeugung eines dummdreisten Menschen, daß er ein großes Talent sei, ist von Gogol meisterhaft in dem Typ der Leutnants Pirogoff[28] dargestellt. Pirogoff zweifelt keinen Augenblick daran, daß er ein Genie sei oder sogar noch mehr als das. Ja, er ist sogar so überzeugt davon, daß er einen Zweifel daran überhaupt nicht für möglich halten würde. Gogol war sogar gezwungen, ihn zur Beruhigung des verletzten Sittlichkeitsgefühls seines Lesers durchprügeln zu lassen, doch als er dann sah, daß der große Mann sich nach der Strafe nur einmal wie ein Pudel nach dem Bade schüttelte, und zur Stärkung eine Pastete verzehrte, blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als mit der Achsel zu zucken und den Leser vor dem Berge sitzen zu lassen. Es hat mir nur von jeher sehr leid getan, daß Gogol diesem großen Pirogoff einen so geringen Titel beigelegt hat. Ist er doch von sich selbst so eingenommen, daß ihm nichts leichter fallen würde, als sich proportional mit seiner Rangerhöhung für einen immer größeren Feldherrn zu halten, oder nicht einmal bloß zu halten, sondern einfach überzeugt zu sein, daß er der größte Feldherr sei. Und wie viele von solchen machen dann auf dem Schlachtfelde in so erbärmlicher Weise Fiasko! Und wie viele Pirogoffs hat es doch unter unseren Literaten, Gelehrten und Propagandisten gegeben! Ich sage „hat gegeben“, aber selbstverständlich kann man auch „gibt“ sagen ...
Von den Personen unseres Romans gehörte Gawrila Ardalionowitsch Iwolgin zur zweiten Kategorie der „gewöhnlichen Menschen“, zu den „bedeutend gescheiteren“, und war demgemäß vom Kopf bis zu den Füßen nur von dem einen Wunsch nach Originalität erfüllt. Leider sind die Menschen dieser Kategorie sehr viel schlimmer daran als die der ersten. Das ist es ja, daß der „gescheite“ gewöhnliche Mensch, selbst wenn er sich vorübergehend – oder meinetwegen auch sein ganzes Leben lang – für den genialsten und originellsten Menschen hält, nichtsdestoweniger in seinem Herzen einen Wurm des Zweifels sitzen hat, der ihn mitunter zur größten Verzweiflung bringt. Doch übrigens haben wir hier ein wenig übertrieben, denn gewöhnlich sind diese „gescheiteren“ Leute längst nicht so tragisch zu nehmen, sie werden zum Schluß höchstens leberleidend – mehr oder weniger, je nachdem – und das ist alles. Doch immerhin sind sie von einer ungeheuren Zähigkeit im Festhalten an ihren Illusionen: oft beginnen sie damit schon in der grünsten Jugend und lassen selbst im höchsten Alter nicht um Haaresbreite von ihren Illusionen ab, so stark ist ihr Verlangen, originell zu sein. Ja, es gibt sogar recht eigentümliche Fälle: manch ein grundehrlicher Mensch ist aus Originalitätssucht sogar zu einer gemeinen Handlungsweise bereit, und wie oft kommt es vor, daß manch einer dieser Unglücklichen, der nicht nur ehrlich, sondern auch herzensgut und die Vorsehung seiner Familie ist, einer, der nicht nur die Seinigen, sondern auch noch Fremde ernährt und ... ja, und der doch sein ganzes Leben lang nicht zu einer wirklichen Ruhe mit sich und über sich selbst kommen kann! Der Gedanke, daß er so gut seine Pflichten erfüllt, tröstet ihn nicht im geringsten, im Gegenteil, er regt ihn nur auf und ärgert ihn: „Da seht ihr, wofür ich mein Leben hingeben muß, was mich an Händen und Füßen fesselt, was mich gehindert hat, das Pulver zu erfinden! Wäre das nicht gewesen, so hätte ich unbedingt etwas Ungeheures entdeckt, ob gerade das Pulver oder ob Amerika, das weiß ich selbst noch nicht genau, nur wäre es unbedingt etwas Großes gewesen!“ Das Charakteristischste dieser Menschen ist das, daß sie tatsächlich bis zum Grabe nicht wissen, was sie nun eigentlich entdeckt hätten, „wenn“ – oder was zu entdecken sie ihr Leben lang bereit waren. Doch ihre Seelenqualen und ihre Sehnsucht nach dem zu Entdeckenden reichten selbst für einen Kolumbus oder Galilei aus.
Gawrila Ardalionytsch begann gerade in dieser Art, nur war er, wie gesagt, noch ein Anfänger. Das immerwährende Sich-seiner-Talentlosigkeit-bewußt-sein und gleichzeitig das unbezwingbare Verlangen, sich überzeugungsvoll einzureden, daß er der selbständigste Mensch sei, hatten sein Herz tief verwundet, und zwar schon im frühesten Jünglingsalter. Er war ein Mensch mit neidischen und heftigen Wünschen, und seine Reizbarkeit schien ihm bereits angeboren zu sein. Die Heftigkeit seiner Wünsche hielt er für Willenskraft. Bei seinem leidenschaftlichen Wunsch, sich auszuzeichnen, war er bisweilen sogar zu einem sehr unüberlegten Sprung bereit, nur führte er ihn im letzten Augenblick nicht aus, da er sich dann als doch zu vernünftig dazu erwies – und gerade dies marterte ihn. Vielleicht hätte er sich gegebenenfalls sogar zu einer äußerst niedrigen Tat entschlossen, nur um endlich das Erwünschte zu erlangen, aber sobald es dann zur Ausführung kam, war er doch wieder zu anständig dazu. Übrigens: zu kleinen Gemeinheiten hätte man ihn immer bereit gefunden. Mit Haß und Ekel dachte er an die Armut und die „Heruntergekommenheit“ seiner Familie. Selbst seine Mutter behandelte er nichtachtend, obschon er selbst sehr wohl begriff, daß gerade der Ruf und Charakter seiner Mutter bisher der wichtigste Stützpunkt seiner Karriere gewesen waren. Als er die Stellung bei Jepantschin angenommen, hatte er sich gesagt: „Hat man sich einmal erniedrigt, dann bleibt man auch bis zum Schluß konsequent bei den Gemeinheiten, wenn man nur das Gewünschte auf diese Weise erreicht,“ und dabei hatte er doch noch keine einzige Gemeinheit wirklich begangen! Wie er überhaupt nur darauf gekommen war, daß Gemeinheiten notwendig wären? Aglaja hatte ihm damals allerdings einen Schrecken eingejagt, doch hatte er sie deshalb noch nicht aufgegeben, wenn er auch genau genommen niemals glauben konnte, daß eine Aglaja zu ihm herabsteigen würde. Als er dann Nastassja Filippowna heiraten sollte, hatte er sich eingeredet, daß die Quintessenz alles Erstrebenswerten Geld und nichts als Geld sei. „Wenn schon, denn schon,“ hatte er sich täglich mit großer Selbstzufriedenheit, jedoch auch nicht ohne eine gewisse Angst, gesagt, „wenn ich mich einmal auf Schändlichkeiten verlege, dann aber auch ohne Wenn und Aber, dann soll es kein Zurück mehr geben!“ Doch nachdem er dann auch noch Nastassja Filippowna verloren hatte, war ihm aller Mut abhanden gekommen, und er hatte die hunderttausend Rubel tatsächlich dem Fürsten eingehändigt, was er später wohl tausendmal bereute, obschon er unermüdlich vor sich selbst damit prahlte. Allerdings hatte er ganze drei Tage, so lange der Fürst noch in Petersburg war, geweint, doch gleichzeitig hatte er den Fürsten auch zu hassen begonnen, weil dieser ihn gar zu mitleidig betrachtet hatte, während „sich doch nicht ein jeder zu einer solchen Tat entschließen könnte!“ Am meisten aber quälte ihn ein Eingeständnis, das er sich selbst wohl oder übel machen mußte: daß sein ganzer Kummer nichts anderes als ewig unbefriedigter Ehrgeiz war. (Erst lange nachher sah er ein, welch eine ernste Wendung seine Beziehungen zu Aglaja hätten nehmen können, und dann ergriff ihn quälende Reue.) Er gab sogar seine Stellung auf und versenkte sich ganz und gar in trübe Betrachtungen. Wie bereits erwähnt, lebte er mit seiner Mutter und seinem Vater bei Ptizyn, den er ohne Heuchelei verachtete, wenn er auch seine Ratschläge befolgte und vernünftig genug war, ihn um seinen Rat zu bitten. Unter anderem ärgerte er sich auch deshalb über Ptizyn, weil dieser nicht den Ehrgeiz hatte, ein zweiter Rothschild werden zu wollen. „Wenn du ein Wucherer bist, so sei es doch ganz, presse den Leuten den letzten Saft aus, präge Geld aus ihrem Schweiß, sei doch ein großes Geldgenie, werde ‚König der Juden‘!“ Ptizyn war aber ein bescheidener, stiller Mensch, der auf solche Ausfälle gewöhnlich mit nichts als einem Lächeln antwortete. Nur ein einziges Mal fand er es nötig, sich über diesen Punkt auszusprechen, was er dann sehr ernst und sogar mit einer gewissen Würde tat. Vor allem suchte er Ganjä zu beweisen, daß er nichts Unredliches tue, und Ganjä ihn mit Unrecht einen „Manichäer“ nenne; wenn flüssiges Geld mit jedem Tag im Preise steige, so sei das nicht seine Schuld; er handle durchaus offen und ehrlich und sei schließlich nur ein Agent in „diesen“ Geschäften, und dank seiner Akkuratesse sei er eben in gewissen Kreisen von einer sehr guten Seite bekannt geworden, weshalb sich denn auch sein „Bekanntenkreis“ stetig vergrößere und desgleichen seine Einnahmen. „Ein Rothschild werde ich nie werden, und ich will es auch gar nicht,“ sagte er lachend, „aber ein Haus an der Liteinaja werde ich zu guter Letzt unfehlbar besitzen, vielleicht sogar zwei Häuser, und das genügt für mich.“ Bei sich dachte er zwar noch: „Vielleicht werde ich auch drei Häuser besitzen,“ sprach aber diesen Gedanken nicht laut aus. Die Natur liebt solche Menschen und das Schicksal erfüllt ihre Wünsche: sie gibt solchen Ptizyns nicht nur drei, sondern vier Häuser, und zwar einzig deshalb, weil sie schon von Kindheit an wissen, daß sie nie so reich wie Rothschild werden würden. Doch über vier Häuser geht das Schicksal dann nie hinaus, weiter bringen es die Ptizyns unter keinen Umständen.
Ein ganz anderer Mensch war Warwara Ardalionowna, Gawrilas Schwester, trotz aller Charakterähnlichkeit mit ihrem Bruder. Ihre Wünsche zeichneten sich nicht durch Heftigkeit, sondern durch Beständigkeit und Hartnäckigkeit aus. Wenn man vom Bruder sagen konnte, daß er im letzten Augenblick, d. h. wenn die Sache zur Entscheidung kam, regelmäßig zur Einsicht gelangte, so konnte man von Warjä sagen, daß Einsicht bei ihr stets vorhanden war und sich nicht nur im letzten Augenblick einstellte. Freilich gehörte auch sie zu den Dutzendmenschen, die originell sein möchten, nur begriff und gestand sie sich sehr bald – letzteres will viel besagen –, daß sie keine Spur von Originalität besaß, und da war sie klug genug, sich nicht darob zu grämen – vielleicht unterließ sie es auch aus einem gewissen Stolz. Ihren ersten praktischen Schritt im Leben tat sie mit bewundernswerter Entschlossenheit, indem sie Ptizyn heiratete. Nur sagte sie sich bei dieser Gelegenheit durchaus nicht, „wenn schon, denn schon“ wie ihr Bruder – der ihr seine Meinung auch fast mit denselben Worten zu verstehen gab, als sie ihn um sein Gutachten in betreff ihres Entschlusses bat. Im Gegenteil: Warwara Ardalionowna heiratete erst, nachdem sie sich gründlich überzeugt hatte, daß ihr zukünftiger Gatte ein bescheidener, sympathischer, nicht ungebildeter Mann war und eine große Gemeinheit nie begehen würde. Um kleine Gemeinheiten kümmerte sie sich nicht, und wo waren die schließlich nicht zu finden? Man kann doch nicht auf ein Ideal warten! Zudem wußte sie, daß sie durch diese Heirat ihren Eltern und Geschwistern ein Unterkommen gab, und da sie den Bruder im Unglück sah, wollte sie ihm helfen; ihre früheren Streitigkeiten mit ihm vergaß sie völlig. In der Folge versuchte Ptizyn in Ganjä Interesse für eine neue Arbeit zu erwecken, was er natürlich immer nur ganz freundschaftlich tat: „Da verachtest du nun Generäle und die Generalswürde,“ meinte er scherzend, „aber sieh sie dir doch nur einmal an, diese junge Generation: wie sehr sie sie jetzt auch verachten, nach einer kleinen Weile sind sie selbst Generäle und haben das Verachten vergessen. Und du wirst ebenso sein.“ „Wie kommt er nur darauf, daß ich Generäle und die Generalswürde verachten soll?“ dachte Ganjä sich etwas sarkastisch, ließ ihn jedoch in dem Glauben. Desgleichen erweiterte Warwara Ardalionowna nur um des Bruders willen ihren Bekanntenkreis: es gelang ihr, sich bei Jepantschins auf Grund ihres früheren Verkehrs einzudrängen: sie und Ganjä hatten als Kinder mit den drei kleinen Jepantschins gespielt. Hätte Warwara Ardalionowna mit diesen Besuchen bei Jepantschins irgendein großes Ziel verfolgt, so wäre sie vielleicht mit einem Schlage über das Niveau der gewöhnlichen Menschen hinausgewachsen, doch von einem großen Ziel oder einer besonderen Idee konnte hier überhaupt nicht die Rede sein: sie verfolgte eine ganz kleinliche Berechnung, auf Grund ihrer genauen Kenntnis aller Charaktere der Familie Jepantschin – namentlich hatte sie Aglajas Charakter trefflich beobachtet. Vorläufig aber wollte sie nichts weiter, als Aglaja mit ihrem Bruder wieder aussöhnen und die beiden gegenseitig näherbringen. Vielleicht hatte sie auch schon einiges erreicht, vielleicht hatte sie auch Fehler begangen, indem sie vom Bruder mehr Beistand erwartet hatte, als er fähig war zu leisten. Jedenfalls aber wußte sie sich bei Jepantschins sehr geschickt zu benehmen: erwähnte oft wochenlang mit keinem Wort ihres Bruders, zeigte sich stets sehr aufrichtig und wahrheitsliebend und gab sich schlicht, doch ohne sich dabei etwas in ihrer Würde zu vergeben. Was ihr Gewissen betrifft, so scheute sie sich nicht, auch in die letzte Kammer desselben hineinzublicken: sie hatte sich keine Vorwürfe zu machen, und gerade das verlieh ihr Kraft. Nur eines bemerkte sie bisweilen an sich: daß auch sie sich ärgerte, daß auch sie Eigenliebe besaß und fast bis zur Reizbarkeit ehrgeizig war – was ihr in der Regel übrigens gerade dann auffiel, wenn sie von Jepantschins kam.
Es war nach jener Zusammenkunft des Fürsten mit Aglaja im Park ungefähr eine Woche vergangen, als Warwara Ardalionowna eines schönen Morgens gegen halb elf recht nachdenklich und niedergeschlagen von einem Besuch bei Jepantschins nach Hause zurückkehrte. Nur lag in dieser Niedergeschlagenheit doch etwas bitter Spöttisches. Ptizyn bewohnte in Pawlowsk ein von außen nicht sehr schönes, wenn nicht gar unansehnliches hölzernes Haus, das aber dafür sehr geräumig war. Es lag an einer staubigen Straße, und da es bald ganz in Ptizyns Besitz übergehen sollte, so sah er sich bereits nach einem Käufer um. Als Warjä sich der Haustür näherte, hörte sie, daß im oberen Stock des Hauses geschrien und gelärmt wurde, und sie unterschied sogar die Stimmen ihres Bruders und ihres Vaters. Als sie nach einer Weile ins Zimmer trat, raste Ganjä daselbst bleich vor Wut auf und ab und raufte sich fast das Haar aus. Sie runzelte die Stirn und ließ sich müde auf das Sofa nieder, ohne den Hut abzunehmen. Da sie sehr wohl begriff, daß der Bruder sich unfehlbar ärgern würde, wenn sie sich nicht nach der Ursache seiner rasenden Wut erkundigte, beeilte sie sich zu fragen:
„Immer dasselbe?“
„Was heißt hier dasselbe!“ schrie Ganjä. „Dasselbe! Nein, hier geht weiß der Teufel was vor sich, aber nicht dasselbe! Der Alte ist total verrückt geworden, Mama weint. Bei Gott, Warjä, tu’ was du willst, aber ich werfe ihn hinaus oder ... oder geh’ selbst von euch fort,“ fügte er wütend hinzu, da es ihm offenbar noch rechtzeitig in den Sinn gekommen sein mochte, daß er doch nicht aus fremden Häusern Menschen hinausjagen konnte.
„Man muß nachsichtig sein,“ brummte Warjä.
„Wozu nachsichtig? Gegen wen? Gegen was?“ fuhr Ganjä zornig auf. „Nachsichtig gegen seine Gemeinheiten? Nein, sag’, was du willst, aber das geht nicht so weiter! Das geht nicht, geht nicht, geht nicht! Und was soll das heißen: er selbst ist der Schuldige, und je mehr er’s ist, um so mehr nimmt er das Maul voll ... Was sitzt du so? Was machst du für ein Gesicht?“
„Ach, laß das doch,“ versetzte Warjä übellaunig.
Ganjä blickte sie aufmerksamer an.
„Warst du dort?“ fragte er plötzlich.
„Ja.“
„Da, dieses Geschrei! Das ist doch wirklich ... und noch dazu zu einer solchen Zeit!“
„Was ist denn jetzt für eine so besondere Zeit?“
Ganjä betrachtete die Schwester aufmerksamer.
„Hast du etwas erfahren?“ fragte er.
„Nichts Unerwartetes. Ich habe erfahren, daß alles seine Richtigkeit hat. Mein Mann hatte recht: so wie er es von Anfang an voraussagte, so ist es nun auch gekommen. Wo ist er?“
„Nicht zu Hause. Aber was ist denn jetzt auch so gekommen?“
„Der Fürst ist erklärter Bräutigam, die Sache ist entschieden. Die älteren Schwestern sagten’s mir: Aglaja hat eingewilligt, und es wird auch gar nicht mehr verheimlicht. Bis jetzt war es ja dort eine Geheimnistuerei, daß Gott erbarm’! Adelaidas Hochzeit wird wieder aufgeschoben, denn die Trauungen sollen an ein und demselben Tage stattfinden – irgendein poetischer Einfall ... Du aber tätest jetzt wirklich besser, ein Hochzeitsgedicht zu verfassen, als hier auf und ab zu rennen! Heute abend wird die Bjelokonskaja bei ihnen sein; die ist sehr zur rechten Zeit angekommen. Außerdem sind auch noch andere Gäste eingeladen. Wie es scheint, soll er der Bjelokonskaja vorgestellt werden, wenn er auch mit ihr schon bekannt ist; ich glaube, sie wollen ihn heute als ‚offiziellen Bräutigam‘ präsentieren. Nur fürchten sie, er könne irgend etwas umstoßen, zerschlagen, wenn er ins Zimmer tritt, oder gar selbst hinfallen – all dessen muß man ja bei ihm gewärtig sein.“
Ganjä hörte seiner Schwester sehr aufmerksam zu, doch machten diese Nachrichten zu Warjäs nicht geringer Verwunderung durchaus keinen so erschütternden Eindruck auf ihn, wie sie eigentlich erwartet hatte.
„Das war ja schließlich vorauszusehen,“ meinte er nach einer Weile ziemlich ruhig. „Also aus!“ fügte er dann noch mit einem eigentümlichen Lächeln hinzu, und listig blickte er seiner Schwester in die Augen; worauf er seinen Spaziergang durchs Zimmer fortsetzte, wenn auch bereits viel ruhiger.
„Gut wenigstens, daß du die Sache als Philosoph aufnimmst. Das hatte ich kaum erwartet,“ sagte Warjä.
„Ach was, jetzt ist man die Geschichte los, du wenigstens.“
„Ich glaube, dir aufrichtig gedient zu haben, unablässig und ohne meinen eigenen Vorteil zu verfolgen. Ich habe dich nicht gefragt, welches Glück du bei Aglaja suchtest.“
„Ja, habe ich denn ... Glück bei ihr gesucht?“
„Ach, bitte, laß jetzt das Philosophieren! Selbstverständlich hast du’s gesucht. Jetzt können wir mit einer langen Nase abziehen und damit ist es aus. Wenn ich offen sein soll, so kann ich dir nur sagen, daß ich nie ernstlich an einen Erfolg gedacht habe. Ich nahm es nur auf alle Fälle in die Hand, indem ich auf ihren lächerlichen Charakter rechnete, doch in erster Linie wollte ich eigentlich nur dich etwas zerstreuen. Natürlich hatten wir mindestens neunzig Chancen von hundert, daß die Sache ins Wasser fällt. Ich begreife bis jetzt noch nicht, was du eigentlich sonst erreichen wolltest.“
„Jetzt werdet ihr mich beide wieder bereden, eine Stelle anzunehmen, mir wieder Lektionen über Ausdauer und Willenskraft halten, und den weisen Rat erteilen, daß man auch Weniges nicht mißachten soll, und so weiter, und so weiter, ich kann’s ja schon auswendig,“ sagte Ganjä lachend.
„Er muß etwas Neues im Sinn haben,“ dachte Warjä bei sich.
„Nun und – wie ist man dort? Freuen sie sich?“ fragte plötzlich Ganjä.
„N–ein, nicht besonders, wie es scheint. Kannst es dir ja selbst denken. Der General ist zufrieden, die Mutter fürchtet sich. Sie hat ihn ja auch früher nur mit Widerwillen als Freier betrachtet, das weiß man doch schon.“
„Ich rede nicht davon. Als Freier ist er ja ganz unmöglich, einfach undenkbar, das ist doch klar. Ich frage nur, wie es jetzt dort ist? Hat sie ihm offiziell ihr Jawort gegeben?“
„Sie hat bis jetzt nicht ‚nein‘ gesagt und das ist alles, aber mehr ist ja von ihr auch nicht zu erwarten. Du weißt doch, bis zu welch einer Blödsinnigkeit sie früher schüchtern und verschämt war: Kroch sie doch als kleines Mädchen, wenn Besuch bei ihnen war, immer in irgendeinen Schrank und saß dort stundenlang, nur um nicht zu den Gästen gehen und einen Knix machen zu müssen, und ebenso albern ist sie auch heute noch. Weißt du, ich glaube eigentlich, daß es jetzt wirklich ernst ist, sogar ihrerseits. Über den Fürsten, sagten die Schwestern, mache sie sich den ganzen Tag lustig, vom Morgen bis zum Abend, damit man nur ja nicht glauben solle, daß sie ihn liebe; nur wird sie es schon so einzurichten wissen, daß sie ihm täglich unter vier Augen etwas sagen kann, denn er scheint ja förmlich in den Himmel entrückt zu sein, strahlt einfach ... Soll dabei entsetzlich komisch sein. Das sagten sie selbst. Auch schien es mir, daß sie sich über mich ein wenig lustig machten, wenigstens lachten sie mir ins Gesicht, die beiden älteren.“
Ganjä wurde schließlich doch ärgerlich und runzelte die Stirn. Warjä hatte vielleicht nicht unbeabsichtigt die letzte Bemerkung gemacht. Sie wollte seine geheimen Gedanken ausforschen.
Da begann plötzlich der Lärm und das Geschrei im oberen Stockwerk von neuem.
„Nein! Ich jage ihn hinaus!“ schrie Ganjä wütend, doch gleichsam erfreut darüber, daß er seinem Ärger freien Lauf lassen konnte und ein anderes Objekt gefunden hatte.
„Damit wäre nichts gewonnen, im Gegenteil, er würde dann noch zu Gott weiß wem gehen, um über uns zu klatschen, wie er es gestern schon getan hat.“
„Wie – was gestern? Was heißt das, was hat er gestern getan? Ist er etwa ...“ fragte Ganjä plötzlich sehr erschrocken.
„Ach, mein Gott, weißt du es denn noch nicht?“ unterbrach ihn Warjä.
„Wie ... was ... ist es denn wirklich möglich, daß er dort war?“ rief Ganjä außer sich vor Scham und Unwillen. „Gott, du kommst ja von dort her! Was hast du denn erfahren? Ist der Alte dort gewesen? War er? oder war er nicht?“
Ganjä stürzte zur Tür. Warjä lief ihm nach und packte ihn am Arm.
„Was tust du? Wohin gehst du? Wenn du ihn jetzt hinauswerfen willst, um so schlimmer, er wird überall herumgehen, allen wird es bekannt werden! ...“
„Was hat er dort angerichtet? Was hat er gesprochen?“
„Ja, das wußten sie selbst nicht zu sagen, haben ihn offenbar gar nicht verstanden; er hat sie nur alle erschreckt. Gekommen war er zu Iwan Fedorowitsch, – traf ihn nicht zu Hause; verlangte nach Lisaweta Prokofjewna. Bat sie zuerst um Protektion: er suche einen Dienst, sagte er, sie möge ihm eine Stelle verschaffen; darauf hat er sich über uns beklagt, über mich, über meinen Mann, besonders aber über dich ... Wer weiß, worüber er noch alles gesprochen hat.“
„Und das konntest du nicht mehr erfahren?“ schrie Ganjä hysterisch, fast kreischend auf.
„Wie sollt’ ich denn! Er wird wohl selbst kaum gewußt haben, wovon er sprach – oder vielleicht hat man mir nicht alles wiedererzählt.“
Ganjä faßte mit beiden Händen nach seinem Kopf und lief ans Fenster. Warjä saß am anderen Fenster.
„Diese sonderbare Aglaja,“ bemerkte sie plötzlich, „als ich fortging, hielt sie mich noch zurück und sagte mir: ‚Drücken Sie Ihren Eltern meine persönliche Hochachtung für sie aus, ich hoffe bestimmt, in diesen Tagen Ihren Vater wiederzusehen.‘ Und das sagte sie so ernst. Wirklich sonderbar ...“
„Machte sie sich nicht etwa lustig?“
„Nein, das ist ja das Sonderbare.“
„Weiß sie das vom Alten, oder weiß sie es nicht, was glaubst du?“
„Daß man im Hause nichts weiß, davon bin ich fest überzeugt; doch du hast mich auf einen Gedanken gebracht. Aglaja wird es vielleicht wissen. Ja: Sie allein weiß es, denn auch die Schwestern waren sehr erstaunt, als sie mir so ernst einen Gruß an Papa auftrug. Und warum gerade an ihn? Wenn sie es aber weiß, so hat der Fürst es ihr gesagt!“
„Interessant zu wissen, wer ihr das gesagt haben mag? Das fehlte noch! Ein Dieb in unserer Familie, ‚das Haupt der Familie‘!“
„Ach, Unsinn,“ rief Warjä ärgerlich aus. „Eine Sache, in der Trunkenheit geschehen, hat doch nichts zu sagen. Und wer hat sie sich ausgedacht? Lebedeff, der Fürst ... das sind die Rechten. Ich mache mir nicht soviel draus!“
„Der Alte ist ein Dieb,“ fuhr Ganjä bitter fort, „ich bin ein Bettler, der Mann meiner Schwester ein Wucherer – recht verlockend für Aglaja! Da ist nichts zu sagen, das ist wirklich schön!“
„Dieser Mann deiner Schwester, der Wucherer ist ...“
„Ernährt mich, nicht wahr? bitte, mache keine Umstände, und sag es nur gerade heraus.“
„Warum ärgerst du dich denn?“ fragte Warjä. „Von alledem verstehst du nichts, bist wie ein Schuljunge. Du glaubst, das könnte dir in den Augen Aglajas schaden? Du kennst ihren Charakter nicht. Sie würde sich vom besten Bewerber abwenden und zu irgendeinem Studenten gehen, um mit ihm unter dem Dach zu wohnen und vielleicht Hungers zu sterben. So denkt sie. Du hast es immer noch nicht begriffen, wie interessant du in ihren Augen sein würdest, wenn du unsere Verhältnisse mit Festigkeit und Stolz ertrügest. Der Fürst hat sie nur damit gefangen, daß er sich gar nicht um sie kümmerte, und zweitens, daß er in den Augen aller als Idiot gilt. Schon allein, daß sie seinetwegen die ganze Familie aufregt – das ist es, was sie will. Ach, ihr Männer versteht auch gar nichts davon.“
„Nun, wir werden noch sehen, ob wir etwas davon verstehen oder ob wir nichts davon verstehen,“ äußerte sich Ganjä rätselhaft, „doch trotzdem möchte ich nicht haben, daß sie das vom Alten erfährt. Ich hoffe, der Fürst wird darüber schweigen. Er hat auch Lebedeff zum Schweigen verpflichtet; auch hat er mir gegenüber geschwiegen, als ich ihn versuchsweise ausfragte ...“
„Du mußt aber doch einsehen, daß es trotzdem allen bekannt werden wird. Ja, und was erhoffst du denn jetzt noch? Wenn dir eine einzige Hoffnung geblieben, so wäre es die, in ihren Augen als Märtyrer zu erscheinen.“
„Ungeachtet aller Romantik würde sie sich doch vor dem Skandal fürchten. Alles nur bis zu einer gewissen Grenze, so seid ihr Weibsmenschen nun mal.“
„Aglaja sich vor dem Skandal fürchten?“ fuhr Warjä heftig auf und sah den Bruder verächtlich an. „Hast doch eine niedrige Seele! Ihr seid alle nicht viel wert. Wenn sie auch wunderlich und lächerlich erscheinen mag, so ist sie doch tausendmal anständiger als wir alle.“
„Nun, sei nur nicht so böse,“ brummte Ganjä einlenkend.
„Mir tut nur die Mutter leid,“ fuhr Warjä fort, „wenn nur diese Geschichte mit Papa nicht zu ihren Ohren kommt, ach, das fürchte ich!“
„Sicher hat sie es schon erfahren,“ bemerkte Ganjä.
Warjä hatte sich erhoben, um zu Nina Alexandrowna hinaufzugehen, sie blieb jetzt stehen und sah den Bruder aufmerksam an.
„Wer hätte es ihr denn sagen können?“
„Hippolyt sicherlich. Er wird es für seine erste Pflicht gehalten haben, bei seiner Einquartierung bei uns, es der Mutter zu hinterbringen.“
„So, woher soll er es denn erfahren haben, sag’ mir es doch, bitte? Der Fürst und Lebedeff werden darüber schweigen, Koljä weiß auch nichts davon.“
„Hippolyt? Hat es vielleicht irgendwie – erraten. Du kannst es dir nicht vorstellen, was das für eine schlaue Pflanze ist. Eine Klatschbase und eine Spürnase, die alles Schlechte, jeden Skandal wittert. Glaub’ es oder glaub’ es nicht, ich bin überzeugt, daß er auf Aglaja einen großen Einfluß gewinnen wird. Wenn noch nicht jetzt, so doch später! Mit Rogoshin hat er sich schon angefreundet. Daß der Fürst das nicht bemerkt hat? Jetzt möchte er mich unterkriegen! Mich hält er für seinen persönlichen Feind, doch wozu das alles? Bald wird er sterben – ich kann es nicht begreifen. Doch werde ich ihn ... Du wirst sehen, ich werde ihn unterkriegen!!“
„Warum bemühst du dich um ihn, wenn du ihn nicht magst? Und ist er es denn überhaupt wert, daß er untergekriegt werden muß?“
„Du hast mir doch geraten, ihn zu uns einzuladen.“
„Ich dachte, daß er uns von Nutzen sein könnte. Weißt du, daß er selbst in Aglaja verliebt ist und ihr geschrieben hat? Man hat mich über ihn ausgefragt ... er soll sogar Lisaweta Prokofjewna einen Brief geschrieben haben ...“
„In der Hinsicht – ist er ungefährlich!“ bemerkte Ganjä boshaft lächelnd. „Daß er verliebt ist, das kann ja möglich sein, denn er ist doch ein Jüngling! Er wird aber hoffentlich der Alten keinen anonymen Brief schicken? Er ist ja eine so boshafte, selbstzufriedene Mittelmäßigkeit, der Mensch! ... Ich bin überzeugt, ich weiß es genau: er hat mich ihr gegenüber als einen Intriganten hingestellt. Damit hat es bei ihm angefangen. Ich gebe es zu, daß ich mich ihm anfangs recht wie ein Dummkopf anvertraut habe; ich dachte, daß er nur aus Rache gegen den Fürsten auf meine Interessen eingehen würde. Oh, so ein hinterlistiges Geschöpf! Aber dafür habe ich ihn jetzt vollständig erkannt. Vom Diebstahl hat er sicher durch seine Mutter erfahren. Der Alte hat den Diebstahl doch nur der Kapitanscha, seiner Mutter, wegen verbrochen! Neulich teilte er mir wie zufällig mit, daß der ‚General‘ seiner Mutter dreihundert Rubel versprochen habe, und das einfach – nun, eben so, ohne alle Umstände. Ich begriff sofort. Dabei sah er mir mit sichtlichem Vergnügen in die Augen; auch Mama wird er es erzählt haben, nur, um ihr das Herz schwer zu machen. Und warum stirbt er nicht endlich, sage mir das doch, bitte? Er verpflichtete sich, in drei Wochen zu sterben, und jetzt hat er sich hier wieder erholt, hat zugenommen, hustet weniger. Gestern abend sagte er, daß er schon den zweiten Tag kein Blut mehr speit.“
„Wirf ihn doch hinaus.“
„Ich kann ihn nicht leiden, ich verachte ihn. Ja, ja, ich verachte ihn!“ schrie Ganjä außer sich vor Wut. „Und das werde ich ihm ins Gesicht sagen, und wenn er auch im gleichen Augenblick in seinen Kissen sterben sollte! Wenn du nur seine Beichte gelesen hättest ... Gott, welch eine Naivität der Gemeinheit! Oh, mit was für einem Vergnügen hätte ich ihn damals durchgeprügelt, nur, um ihn gründlich in Erstaunen zu setzen. Jetzt möchte er sich an allen rächen, dafür, daß es ihm nicht gelingen konnte, uns ... Doch, was ist das für ein Lärm! Was soll das bedeuten? Ich werde es nicht mehr dulden ... Ptizyn!“ rief er dem ins Zimmer tretenden Ptizyn entgegen. „Was ist denn das? Soweit ist es also bei uns schon gekommen? Das ist ... das ist ...“
Der Lärm kam näher und näher, die Tür öffnete sich plötzlich und – der alte Iwolgin stürzte sich wütend, gereizt, außer sich auf Ptizyn. Dem General folgten Nina Alexandrowna, Koljä und ganz zuletzt Hippolyt.
II.
Hippolyt wohnte bereits seit fünf Tagen im Hause Ptizyns. Das hatte sich so ganz von selbst gemacht, ohne besondere Erklärungen zwischen Hippolyt und dem Fürsten. Beide schieden als Freunde voneinander. Gawrila Ardalionytsch, der sich an dem Abend so feindselig gegen Hippolyt verhalten hatte, kam schon am dritten Tage zu Hippolyt, um ihn zu Ptizyns überzuführen, wahrscheinlich mit einer besonderen Absicht. Auch Rogoshin besuchte den Kranken. Dem Fürsten schien es, daß es für den „armen Knaben“ am besten wäre, dieses Haus zu verlassen. Hippolyt teilte ihm mit, daß er zu Ptizyns wolle, da Ptizyn so gut sei und ihm einen Winkel gebe, doch vermied er zu sagen, daß er zu Ganjä ginge, denn Ganjä war es eigentlich gewesen, der darauf bestanden hatte, daß man ihn ins Haus nahm. Ganjä hatte das wohl bemerkt und fühlte sich darob sehr gekränkt.
Er hatte recht, als er zu seiner Schwester die Bemerkung machte, der Kranke habe sich erholt. In der Tat, Hippolyt sah besser aus, was man auf den ersten Blick bemerkte. Er folgte den anderen, ohne sich zu beeilen, ins Zimmer, auf seinen Lippen lag ein spöttisches, böses Lächeln. Nina Alexandrowna schien ganz erschrocken zu sein. Sie hatte sich in diesem halben Jahr sehr verändert. Seit sie ihre Tochter verheiratet hatte und bei ihr lebte, mischte sie sich überhaupt nicht mehr in die Angelegenheiten ihrer Kinder. Koljä war besorgt und offenbar sehr unwillig über irgend etwas, doch schien er „die Grillen des Generals“, wie er sich ausdrückte, nicht zu begreifen, denn er wußte ja nicht den Hauptgrund der Unruhe im Hause ... Es war ihm klar, daß der Vater sich in jeder Hinsicht so verändert hatte, als wäre er nicht mehr derselbe Mensch. Es beunruhigte ihn geradezu, daß der Alte bereits seit drei Tagen nichts mehr getrunken. Er wußte, daß der Vater sich sogar mit Lebedeff und dem Fürsten überworfen hatte. Koljä selbst war soeben mit einem Liter Schnaps zurückgekehrt, den er für sein eigenes Taschengeld gekauft.
„Lassen Sie ihn trinken, Mama,“ hatte er schon oben seiner Mutter zugeredet, „wirklich, lassen Sie ihn lieber trinken. Seit drei Tagen schon hat er nichts getrunken. Er muß einen Kummer haben. Darum wäre es besser, er trinkt etwas; ich habe ihm auch dorthin ...“
Der General stieß die Tür weit auf und stand auf der Schwelle, zitternd vor Erregung und Unwillen.
„Mein werter Herr!“ donnerte er Ptizyn entgegen. „Wenn Sie wirklich beschlossen haben, diesem Milchbart und Atheisten einen ehrwürdigen Greis, Ihren Vater, oder wenigstens den Vater Ihrer Frau, und einen Mann, der seinem Herrscher treu gedient hat, zu opfern, so wird mein Fuß dieses Haus nicht mehr betreten. Wählen Sie, mein Herr, wählen Sie sofort, ihn oder mich ... diesen dort, diesen Bohrer! Ja, Bohrer! Ich habe es nur so ausgesprochen, doch es stimmt, diesen – Bohrer! Denn er bohrt in meiner Seele, und ohne jede Achtung ... wie mit einer Schraube!“
„Warum nicht wie mit einem Korkzieher?“ fragte ihn spöttisch Hippolyt.
„Nein, nicht Korkzieher, denn ich bin ein General und keine Flasche. Ich besitze Auszeichnungen, Orden ... was besitzt denn du? Er oder ich. Entscheiden Sie sich, mein Herr, aber sofort, sofort!“ schrie er wieder Ptizyn an.
Koljä reichte ihm einen Stuhl, auf dem er sich ganz erschöpft niederließ.
„Wirklich, es wäre besser, Sie legten sich ein wenig hin,“ murmelte Ptizyn ganz betreten.
„Er droht uns sogar!“ bemerkte Ganjä halblaut zur Schwester.
„Mich hinlegen!“ schrie der General. „Ich bin nicht betrunken, mein werter Herr, Sie beleidigen mich. Ich sehe,“ und er erhob sich wieder vom Stuhl, „daß hier alle gegen mich sind, alle und alles. Genug! Ich gehe ... Doch wissen Sie, werter Herr, wissen Sie ...“
Man ließ ihn nicht weiter reden, man setzte ihn hin, man versuchte ihn zu beruhigen. Ganjä ging wutschnaubend in die äußerste Ecke des Zimmers. Nina Alexandrowna zitterte und weinte.
„Was habe ich ihm getan? Worüber beklagt er sich eigentlich!“ rief Hippolyt wieder spöttisch zu der Gruppe hinüber.
„Wie, Sie hätten ihm nichts getan?“ erwiderte ihm plötzlich Nina Alexandrowna. „Sie sollten sich schämen, einen alten Mann so unmenschlich zu quälen ... und dazu noch an Ihrer Stelle.“
„Was heißt das, an Ihrer Stelle, gnädige Frau! Ich achte Sie sehr, gerade Sie persönlich, doch ...“
„Das ist ein Bohrer!“ schrie wieder der General. „Er bohrt mir die Seele, das Herz durch! Er will mich zum Atheismus bekehren! Weißt du auch, du Milchbart, als du noch nicht geboren warst, da hatte man mich schon mit Ehren überhäuft; du aber bist nur ein neidischer Wurm, der in zwei Hälften gebrochen wird, vom Husten ... und der vor Bosheit und Unglauben stirbt ... Warum hat Gawrila dich hierher gebracht? Alle sind sie gegen mich, alle, und selbst der eigene Sohn!“
„Genug, spielen Sie hier keine Tragödie vor!“ rief Ganjä. „Es wäre besser, wenn Sie uns nicht vor der ganzen Stadt Schande bereiten wollten!“
„Was, ich mache dir Schande, du Gelbschnabel! Ich – dir? Ich kann dir nur Ehre machen, doch nicht Schande.“
Er war schon völlig außer sich und konnte sich nicht mehr beherrschen, doch auch Gawrila Ardalionytsch schien die Geduld zu reißen.
„Was reden Sie von Ehre!“ rief er boshaft.
„Was hast du gesagt?“ donnerte der General erbleichend und einen Schritt auf ihn zugehend.
„Ich brauchte nur den Mund zu öffnen, um ...“ brüllte Ganjä, doch brach er plötzlich ab.
Beide standen sich in höchster Erregung gegenüber.
„Ganjä, was tust du!“ rief Nina Alexandrowna und warf sich ihrem Sohn entgegen.
„Was für Torheiten!“ unterbrach sie Warjä unwillig. „Lassen Sie ihn doch, Mama!“
„Nur der Mutter wegen schon ich dich,“ rief Ganjä pathetisch aus.
„Sprich!“ brüllte der General in maßloser Wut, „sprich, oder fürchte meinen väterlichen Fluch! Sprich!“
„Als ob ich Ihren Fluch fürchtete, haha! Wer ist denn daran schuld, daß Sie seit acht Tagen ganz wie wahnsinnig sind? Den achten Tag, Sie sehen, ich weiß sogar das Datum ... Sehen Sie zu, daß Sie mich nicht zum Äußersten bringen, sonst sage ich alles ... Warum sind Sie gestern zu Jepantschin gegangen? Das nennt sich ein ehrenwerter Greis mit weißen Haaren, Familienvater! Wundervoll!“
„Schweige, Ganjka!“ schrie Koljä, „schweige, Dummkopf!“
„Und ich, und ich, womit habe ich ihn denn beleidigt?“ mischte sich Hippolyt wieder in spöttischem Tone ein. „Warum nennt er mich einen Bohrer, fragen Sie ihn doch? Er hat sich mir selbst aufgedrängt, kam und erzählte mir von einem Kapitän Jeropjegoff. Ich habe, wie Sie wissen, immer Ihre Gesellschaft gemieden, General, das sollten Sie wenigstens wissen. Was geht mich der Kapitän Jeropjegoff an? Sagen Sie sich das doch selbst. Ich bin doch nicht dieses Kapitäns wegen hierher gekommen? Ich habe ihm nur meine Meinung gesagt, daß dieser Kapitän Jeropjegoff vielleicht überhaupt nicht existiert hat. Er erhob natürlich sofort ein großes Geschrei.“
„Selbstverständlich hat er nicht existiert,“ schnitt ihm Ganjä das Wort ab.
Der General stand wie vom Schlage gerührt da und blickte sinnlos im Kreise herum. Die Worte des Sohnes hatten ihn durch ihre kaltblütige Offenheit vollständig niedergeschmettert. Im ersten Augenblick konnte er keine Worte finden. Nur zuletzt, als Hippolyt lachend auf die Antwort Ganjäs ausrief: „Nun haben Sie’s gehört, Ihr eigener Sohn hat es doch gesagt, daß es einen Kapitän Jeropjegoff gar nicht gegeben hat!“ – da murmelte er schließlich ganz leise vor sich hin:
„Kapiton Jeropjegoff, nicht Kapitän, Kapiton[29] ... Oberst a. D. Jeropjegoff ... Kapiton ...“
„Auch einen Kapiton hat es nicht gegeben!“ rief Ganjä ärgerlich.
„Warum ... hat es keinen gegeben?“ murmelte der General und eine Röte stieg ihm ins Gesicht.
„Lassen Sie doch!“ lenkten Ptizyn und Warjä ein.
„Schweig, Ganjka!“ rief wieder Koljä dazwischen.
Der General jedoch schien es nicht begreifen zu wollen.
„Wie, gab es denn keinen? Warum hat es denn keinen gegeben?“ schrie er drohend Ganjä an.
„Weil es eben keinen gegeben hat. Und damit basta. Er kann überhaupt nicht existiert haben! Verstehen Sie jetzt? Bitte, lassen Sie mich nun in Ruh, sage ich Ihnen.“
„Und das soll mein Sohn sein ... mein leiblicher Sohn, den ich ... o, mein Gott! Jeropjegoff, Jeroschka Jeropjegoff soll nicht existiert haben!“
„Da, sehen Sie mal, einmal heißt er Jeroschka, das andere Mal Kapitoschka!“ bemerkte Hippolyt.
„Kapitoschka, mein Herr, Kapitoschka und nicht Jeroschka! Kapiton, Kapiton Alexejewitsch, so ist’s, Kapiton ... Oberstleutnant ... außer Diensten ... verheiratet mit Marja ... mit Marja ... Petrowna ... Ssu... Ssu... mein Freund und Kriegskamerad ... Ssutugowa, seit meiner Fähnrichszeit her. Ich habe für ihn vergossen ... ich habe ihn ... ich bin vernichtet! Einen Kapitoschka Jeropjegoff soll es nicht gegeben haben! Nicht gegeben!“
Der General rief Hölle und Himmel an, doch hätte man denken können, daß sein Geschrei ganz anderen Dingen galt. Zu anderer Zeit freilich hätte ihn eine viel beleidigendere Vermutung, als es die der absoluten Nichtexistenz Kapiton Jeropjegoffs war, überhaupt nicht weiter aufgeregt. Vielleicht hätte er auch geschrien, eine lange Geschichte erfunden, wäre vielleicht sogar außer sich geraten, zu guter Letzt aber würde er ruhig nach oben in sein Zimmer schlafen gegangen sein. Dieses Mal jedoch, infolge der bekannten Unberechenbarkeit des menschlichen Herzens, geschah es, daß dieser Zweifel an der Existenz Jeropjegoffs den Krug zum Überlaufen brachte. Der General, totenblaß, wie er war, schlug seine Hände über dem Kopf zusammen und schrie:
„Genug, mein Fluch komme über dieses Haus! Nikolai, hole meinen Reisesack, ich gehe ... fort, hinaus!“
Er stürzte hinaus, Nina Alexandrowna, Koljä, Ptizyn bemühten sich, ihn zurückzuhalten.
„Was hast du jetzt angerichtet!“ wandte sich Warjä an den Bruder. „Er wird sich womöglich wieder dahin schleppen. Diese Schande! Diese Schande!“
„Dann soll er nicht stehlen!“ schrie Ganjä immer noch wutschnaubend. Plötzlich begegneten seine Augen denen Hippolyts. Ganjä zuckte zusammen. „Und Sie, mein werter Herr,“ schrie er ihn an, „Sie sollten nicht vergessen, daß Sie in einem fremden Hause ... Gastfreundschaft genießen. Sie hätten den Alten, der offenbar von Sinnen ist, nicht reizen sollen ...“
Hippolyt fuhr gleichfalls zusammen, doch faßte er sich sofort wieder.
„Ich bin nicht Ihrer Meinung, daß Ihr Vater von Sinnen ist,“ antwortete er ihm ruhig. „Mir scheint im Gegenteil, daß sein Verstand sich in letzter Zeit verschärft hat, bei Gott: Sie glauben es nicht? So vorsichtig und mißtrauisch ist er geworden, jedes Wort wägt er ordentlich ... Nicht ohne Absicht hat er mir von diesem Kapitoschka erzählt; stellen Sie sich doch nur vor, er wollte mir einreden ...“
„Zum Teufel, was geht es mich an, was er Ihnen einreden wollte! Ich bitte Sie, mich nicht zu reizen und hier nicht zu intrigieren, mein Herr! Wenn Sie den wahren Grund wissen, warum der Alte in einer solchen Stimmung ist – Sie haben ja hier bei uns fünf Tage lang herumspioniert, so daß Sie ihn wohl wissen – so hätten Sie ihn nicht reizen sollen ... diesen Unglücklichen – und meine Mutter mit diesen Dingen nicht quälen sollen, da es sich ja doch nur um einen dummen Streich handelt, um einen Streich in der Betrunkenheit. Und er ist nicht einmal erwiesen ... es lohnt sich nicht einmal, davon zu sprechen ... Aber Sie, Sie natürlich müssen überall spionieren und herumschnüffeln, denn Sie sind ja ...“
„Ein Bohrer.“ Hippolyt lächelte hämisch.
„Weil Sie ein Nichtsnutz sind! Eine halbe Stunde lang quälen Sie Menschen und glauben sie zu erschrecken – mit Ihrer ungeladenen Pistole, und dem verfehlten Selbstmord. Ich habe Ihnen meine Gastfreundschaft angeboten, Sie sind hier dick geworden, haben aufgehört zu husten und Sie bezahlen mir das ...“
„Erlauben Sie, nur ein Wort; ich bin bei Warwara Ardalionowna und nicht bei Ihnen; Sie haben mir überhaupt keine Gastfreundschaft anzubieten, ich glaube, Sie genießen selbst Gastfreundschaft bei Herrn Ptizyn. Vor vier Tagen habe ich meine Mutter gebeten, mir hier in Pawlowsk eine Wohnung zu mieten, und sie ferner gebeten, selbst auch hierher zu ziehen, denn ich fühle mich tatsächlich hier besser, wenn ich auch durchaus nicht zugenommen habe, noch aufgehört habe, zu husten. Gestern abend teilte mir meine Mutter mit, daß die Wohnung fertig sei, und ich beeile mich meinerseits, Ihnen mitzuteilen, daß ich mich bei Ihrer Frau Mutter und Ihrer Frau Schwester für die mir erwiesene Gastfreundschaft bedanken werde, und heute abend ihr Haus verlasse. Entschuldigen Sie, ich hatte Sie unterbrochen; es schien mir, daß Sie noch etwas sagen wollten.“
„Oh, wenn das so ist ...“
„Ja, wenn das so ist, so erlauben Sie, bitte, daß ich mich setze,“ fügte Hippolyt hinzu und setzte sich ruhig auf den Stuhl, auf dem der General gesessen hatte, „ich bin immerhin krank; doch bin ich jetzt bereit, Sie anzuhören, um so mehr, da es unser letztes Gespräch, ja, unsere letzte Begegnung sein dürfte.“
Ganjä empfand plötzlich Gewissensbisse. „Glauben Sie denn, daß ich mich dazu hergeben werde, mit Ihnen abzurechnen, und wenn Sie ...“
„Sie tun vergeblich so von oben herab,“ unterbrach ihn Hippolyt. „Schon am ersten Tage meines Aufenthaltes hier, gab ich mir das Wort, Ihnen bei meinem Abschied aufrichtig die Wahrheit zu sagen. Ich habe die Absicht, es jetzt zu tun – nachdem Sie sich ausgesprochen haben, versteht sich.“
„Und ich bitte Sie, dieses Zimmer zu verlassen.“
„Sprechen Sie sich lieber aus, sonst werden Sie bedauern, es nicht getan zu haben.“
„Hören Sie auf, Hippolyt, das ist alles so unwürdig ... Tun Sie mir den Gefallen und hören Sie auf!“ sagte Warjä.
„Soll ich es der Dame wegen tun?“ Hippolyt erhob sich lächelnd vom Stuhl. „Erlauben Sie, Warwara Ardalionowna, für Sie bin ich bereit, das Gespräch sofort abzukürzen, doch nur abzukürzen, denn einige Auseinandersetzungen mit Ihrem Bruder und mir sind unerläßlich, und ich kann mich nicht entschließen, fortzugehen, ohne das Mißverständnis beseitigt zu haben.“
„Weil Sie einfach ein Klatschmaul sind,“ schrie Ganjä, „ohne Klatsch können Sie sich nicht entschließen, fortzugehen!“
„Sehen Sie,“ bemerkte kaltblütig Hippolyt, „da können Sie sich wieder nicht beherrschen. Wirklich, Sie werden es bedauern, nicht alles gesagt zu haben. Ich gebe Ihnen noch einmal das Wort. Ich werde warten.“
Gawrila Ardalionytsch schwieg und betrachtete ihn verächtlich.
„Sie wollen nicht. Sie haben also die Absicht, Charakter zu zeigen – Ihr Wille geschehe. Was mich betrifft, so werde ich es nach Möglichkeit kurz machen. Zwei- oder dreimal hörte ich von Ihnen den Vorwurf, ich hätte Ihre Gastfreundschaft mißbraucht; das ist ungerecht. Sie wollten mich mit Ihrer Aufforderung in ein Netz fangen, Sie rechneten darauf, daß ich mich am Fürsten rächen wollte. Außerdem hörten Sie, daß Aglaja Iwanowna für mich Teilnahme bekundete und meine Beichte gelesen hatte. Sie rechneten aus irgendeinem Grunde darauf, daß ich Ihren Interessen ergeben sein würde, und hofften, in mir einen Helfer zu finden. Ich werde mich darüber nicht ausführlicher erklären! Ich verlange auch Ihrerseits durchaus kein Bekenntnis oder eine Bejahung. Es genügt, daß wir uns jetzt gegenseitig vollständig verstehen.“
„Sie machen ja aus der allergewöhnlichsten Sache Gott weiß was!“ rief Warjä ärgerlich aus.
„Ich habe es dir gesagt: ein Klatschmaul und Gelbschnabel ist er,“ murmelte Ganjä.
„Erlauben Sie, Warwara Ardalionowna, daß ich fortfahre. Den Fürsten kann ich freilich weder lieben, noch achten; doch ist er ein wirklich guter Mensch, wenn auch ein wenig ... lächerlich. Aber warum ich ihn hassen sollte, das sehe ich wirklich nicht ein? Ihr Bruder, der mit einem solchen Haß meinerseits rechnete, hat sich mir vollständig anvertraut. Wenn ich jetzt bereit bin, ihn zu schonen, so tue ich es nur Ihretwegen, Warwara Ardalionowna. Ich wollte Ihnen damit sagen, daß man mich nicht allzu leicht fangen kann. Ihren Herrn Bruder aber, den wollte ich vor sich selbst als Dummkopf hinstellen. Und das habe ich allerdings aus Haß getan, ich gestehe es offen ein. Auf meinem Sterbebett – ich werde ja doch bald sterben, obgleich Sie behaupten, daß ich dicker geworden sei – fühlte ich, daß ich unvergleichlich ruhiger in das Paradies eingehen würde, wenn es mir vorher noch gelänge, einem Vertreter dieser zahllosen Sorte von Menschen einen Streich zu spielen, die mich in meinem ganzen Leben so geärgert haben und die ich mein ganzes Leben hindurch gehaßt habe, und deren vollendetster Typ und Vertreter Ihr Herr Bruder ist. Ich hasse Sie, Gawrila Ardalionytsch, einzig und allein darum – das mag Ihnen sehr sonderbar vorkommen –, weil Sie der Typ und die Verkörperung dieser gemeinen, selbstzufriedenen Gewöhnlichkeit sind. Dieser Gewöhnlichkeit, die an nichts mehr zweifelt, die von olympischer Ruhe und Vollendung ist. In Ihrem Verstande, in Ihrem Herzen haben Sie noch nie auch nur die allerkleinste Idee geboren. Und neidisch sind Sie, grenzenlos neidisch; Sie sind fest davon überzeugt, daß Sie das größte Genie seien, nur hin und wieder in schwachen Stunden steigt ein Zweifel in Ihnen auf, und dann werden Sie böse und neidisch, unendlich neidisch! Oh, einige schwarze Wölkchen haben Sie noch an Ihrem Horizonte, doch auch die werden verschwinden, wenn Sie schließlich ganz verdummt sein werden, was nicht mehr lange dauern kann. Immerhin steht Ihnen ein langer und abwechslungsvoller Weg bevor – kein froher Weg, und das freut mich. Doch eines sage ich Ihnen: Eine gewisse Person werden Sie doch nicht bekommen ...“
„Das ist ja unerträglich!“ schrie Warjä. „Hören Sie doch endlich auf, Sie giftige Kröte.“
Ganjä war erbleicht, zitterte und schwieg. Hippolyt verstummte und betrachtete ihn mit ersichtlicher Schadenfreude, darauf sah er Warjä an, lächelte, verbeugte sich vor ihr und ging hinaus, ohne auch nur ein Wort hinzuzufügen.
Gawrila Ardalionytsch konnte sich wirklich über sein Schicksal und seine Mißerfolge beklagen. Warjä schwieg eine Zeitlang und wagte ihn weder anzusehen noch anzusprechen, während er mit großen Schritten vor ihr auf und ab ging. Zuletzt ging er ans Fenster und kehrte ihr den Rücken zu. Warjä dachte an das russische Sprichwort: „Jedes Unangenehme hat auch sein Gutes.“ Im oberen Stock hörte man wieder lärmen.
„Du gehst?“ wandte sich Ganjä plötzlich an seine Schwester, als er hörte, daß sie aufstand. „Warte ein wenig: Du kannst das lesen.“
Er reichte ihr ein kleines zusammengefaltetes Zettelchen hin.
„Mein Gott!“ rief Warjä und schlug die Hände zusammen.
Das Zettelchen enthielt sieben Zeilen.
„Gawrila Ardalionytsch! Da ich mich davon überzeugt habe, daß Sie mir wohlwollen, so habe ich mich entschlossen, Sie in einer für mich sehr ernsten Angelegenheit um Rat zu bitten. Ich möchte Sie morgen früh um sieben Uhr auf der grünen Bank treffen, die nicht weit entfernt von unserer Datsche steht. Warwara Ardalionowna, die Sie unbedingt begleiten muß, kennt diesen Platz sehr gut. A. J.“
„Da soll man nach alledem noch aus ihr klug werden!“ sagte Warwara Ardalionowna, die Hände ringend.
Wie gerne Ganjä in dieser Minute auch triumphiert hätte, so mußte er sich doch wegen des Vorhergegangenen zusammennehmen. Immerhin glänzte ein selbstzufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht und Warjä selbst war freudig erregt.
„Und das am selben Tage, an dem sie ihre Verlobung feiern soll! Da soll noch einer aus ihr klug werden!“
„Was glaubst du, was wird sie mir morgen zu sagen haben?“ fragte Ganjä.
„Das ist doch gleichgültig, die Hauptsache ist doch, daß sie dich nach sechs Monaten zum erstenmal wieder sprechen will. Höre mich an, Ganjä: was es auch sei, vergiß nicht, daß diese Zusammenkunft von großer Wichtigkeit ist! Prahle nicht wieder, mache keine Dummheiten, aber sei auch kein Feigling, sieh zu! Sie muß doch wissen, warum ich mich ein halbes Jahr lang täglich zu ihnen schleppte? Und denke dir nur: nicht ein Wort hat sie mir heute davon gesagt, nicht eine Silbe! Ich habe es heute doch wieder riskiert, hinzugehen – die Alte wußte nicht, daß ich da war, sonst hätte sie mich vielleicht hinausgeworfen. Nur deinetwegen habe ich es getan, um zu erfahren ...“
Im oberen Stock wurde der Lärm noch lauter; Schritte kamen die Treppe herunter.
„Um alles in der Welt darf jetzt nichts geschehen!“ rief Warjä erschrocken. „Damit kein Schatten eines Skandals ... Geh’, bitt’ ihn um Verzeihung!“
Der Vater der Familie befand sich schon auf der Straße. Koljä trug ihm den Reisesack nach. Nina Alexandrowna stand auf der Treppe und weinte; sie wollte ihm nachlaufen, doch Ptizyn hielt sie zurück.
„Sie werden ihn damit nur noch mehr aufregen,“ sagte er zu ihr. „Wohin soll er denn gehen, in einer halben Stunde kommt er wieder; ich habe schon mit Koljä gesprochen; lassen Sie ihn sich austoben.“
„Was tun Sie denn da, wohin gehen Sie denn!“ rief ihm Ganjä aus dem Fenster nach.
„Kommen Sie zurück, Papa. Die Nachbarn werden es erfahren.“
Der General blieb stehen, erhob seine Hand und rief:
„Verflucht sei mein ganzes Haus!“
„Immer wieder theatralisch!“ murmelte Ganjä und schlug das Fenster zu.
Die „Nachbarn“ hatten die Szene natürlich beobachtet. Warjä lief aus dem Zimmer.
Als Ganjä allein war, nahm er das Zettelchen vom Tisch und küßte es. Dann schnalzte er mit der Zunge und machte ein paar Tanzschritte.
III.
Die Empörung des Generals wäre zu jeder anderen Zeit ohne Folgen geblieben. Es waren auch schon früher Fälle solcher plötzlichen Anwandlungen vorgekommen, wenn auch sehr selten, denn der General war im Grunde genommen ein friedlicher und gütiger Mensch. Er hatte in den letzten Jahren vielleicht schon hundertmal gegen die ihn beherrschende Unordnung anzukämpfen versucht. Er erinnerte sich dann plötzlich, daß er Vater einer Familie war, versöhnte sich mit seiner Frau und weinte aufrichtige Tränen der Reue. Er verehrte Nina Alexandrowna bis zur Vergötterung, weil sie ihm schweigend alles verzieh und ihn selbst jetzt in seiner lächerlichen und erniedrigten Gestalt liebte. Doch dieser heldenmütige Kampf gegen sein unordentliches, lasterhaftes Leben dauerte gewöhnlich nicht lange an. Der General war zu gleicher Zeit ein sehr heftiger Mensch, freilich ein in seiner Art heftiger Mensch: Er konnte dieses gefesselte und tatenlose Leben in seiner Familie nicht ertragen und empörte sich immer wieder gegen dasselbe; er wurde wieder abenteuerlich, unstet, und wenn er sich auch selbst deshalb Vorwürfe machte, so konnte er sich doch nicht beherrschen; er stritt mit allen, redete schön und pathetisch, verlangte grenzenlose und unmögliche Hochachtung seiner Person gegenüber – verschwand dann wieder aus dem Hause, oft sogar auf lange Zeit. Die letzten zwei Jahre kümmerte er sich um die Familienangelegenheiten überhaupt nicht mehr oder wußte nur etwas vom Hörensagen von ihnen: auf sie näher einzugehen, dazu fehlte ihm jegliche Neigung.
Diesmal jedoch lag der Empörung des Generals etwas ganz besonderes zugrunde; alle schienen irgend etwas zu wissen und alle fürchteten sich, irgend etwas zu sagen. Der General war „formell“ in der Familie oder bei Nina Alexandrowna vor etwa drei Tagen erschienen, doch nicht etwa reuig und friedlich, wie es sonst der Fall gewesen, sondern im Gegenteil, sehr gereizt. Auch war er gesprächig und unruhig, stürzte sich mit Feuer in jede Unterhaltung, sprach von verschiedenen und ganz unerwarteten Dingen, so daß niemand eigentlich verstehen konnte, weswegen er sich im Grunde genommen beunruhigte. Er war bald heiter, bald nachdenklich, bald gesprächig, er erzählte von Jepantschins, vom Fürsten, von Lebedeff, plötzlich brach er ab und hörte ganz auf zu sprechen, auf alle weiteren Fragen antwortete er nur mit einem blöden Lächeln, ja, er bemerkte nicht einmal, ob man ihn fragte, sondern lächelte nur. Die letzte Nacht verbrachte er stöhnend und seufzend, störte Nina Alexandrowna, die ihm die ganze Nacht über kalte Kompressen machte: gegen Morgen schlief er ein, schlief ungefähr vier Stunden und erwachte in sehr schlechter, hypochondrischer Stimmung, weshalb es denn auch zu dem Streit mit Hippolyt und zur Verfluchung „seines ganzen Hauses“ kam. Man hatte auch bemerkt, daß in diesen drei Tagen ein ganz ungewöhnliches Ehrgefühl und infolgedessen eine ungewöhnliche Empfindlichkeit sich bei ihm gezeigt hatte. Koljä bestand darauf und versicherte der Mutter, daß der Kummer des Alten eine Folge der Nüchternheit sei oder der Sehnsucht nach Lebedeff, mit dem sich der General in der letzten Zeit so angefreundet hatte. Doch vor drei Tagen hatte er sich plötzlich auch mit Lebedeff verzankt und beide waren in großer Wut und Feindschaft auseinandergegangen – auch mit dem Fürsten hatte er eine Auseinandersetzung gehabt! Koljä hatte den Fürsten um eine Erklärung über das, was sich zwischen ihnen zugetragen, gebeten und dabei bemerkt, daß der Fürst ihm etwas verheimlichte. Falls nun wirklich eine Aussprache zwischen Hippolyt und Nina Alexandrowna stattgefunden haben sollte, wie Ganjä mit solcher Bestimmtheit annahm, so war es doch sonderbar, daß dieser bösartige und klatschhafte Junge, wie Ganjä Hippolyt benannte, durchaus kein Vergnügen darin fand, auch Koljä über die Sache aufzuklären. Also wäre es doch möglich, daß dieser „boshafte“ Junge von einer anderen Art Bosheit war, und es ist auch nicht anzunehmen, daß er Nina Alexandrowna seine Beobachtungen mitgeteilt hatte, nur, um „ihr Herz zu zerreißen“. Vergessen wir nicht, daß die Gründe aller menschlichen Handlungen gewöhnlich zahllos, sehr verwickelt und so verschiedenartig sind, daß der Autor viel besser tut, wenn er sich nur mit der einfachen Wiedergabe der Tatsachen begnügt. So werden wir wenigstens bei der weiteren Entwicklung der Katastrophe mit dem General verfahren, denn wir müssen den Personen zweiten Ranges in unserer Erzählung hier ohnehin schon mehr Aufmerksamkeit und Platz schenken, als wir es bis jetzt vorgesehen hatten.
Diese Ereignisse folgten, eines dem anderen, in folgender Ordnung:
Als Lebedeff mit dem General von seinen Nachforschungen nach Ferdyschtschenko am selben Tage aus Petersburg zurückgekehrt war, hatte er dem Fürsten von dem Ergebnis nichts mitgeteilt. Wenn der Fürst zu dieser Zeit nicht gerade mit ganz anderen Dingen und für ihn viel wichtigeren Eindrücken beschäftigt gewesen wäre, so hätte er es wohl bemerken müssen, wie Lebedeff in diesen zwei Tagen geradezu eine Begegnung mit ihm zu vermeiden schien, geschweige denn ihm eine Erklärung darüber abzugeben wünschte. Als dies dem Fürsten endlich auffiel, so wunderte es ihn, daß er bei jeder zufälligen Begegnung mit Lebedeff diesen in der allerbesten und heitersten Laune und fast immer mit dem General zusammen getroffen hatte. Die beiden Freunde schienen einfach unzertrennlich zu sein. Oft hörte der Fürst über sich im zweiten Stock ihre lauten und lebhaften Gespräche, ihre fröhlichen Lachsalven. Einmal, am späten Abend, vernahm er aus Lebedeffs Zimmer Töne eines bacchantischen Kriegsliedes und erkannte sofort den heiseren Baß des Generals. Doch brach das Lied plötzlich ab. Darauf hörte er noch eine Stunde lang ein begeistertes Gespräch, das offenbar im Rausch geführt wurde. Die beiden Freunde schienen sich zu küssen und zu umarmen und einen von ihnen hörte man plötzlich weinen. Darauf folgte ein heftiger Streit, der wieder abbrach. Koljä war die ganze Zeit in sorgenvoller, gespannter Stimmung. Den Fürsten traf er meistens nicht zu Hause an, denn dieser kehrte abends immer sehr spät heim, doch hatte man ihm jedesmal gemeldet, daß Koljä ihn gesucht und nach ihm gefragt hätte. Als Koljä ihn dann einmal antraf, wußte er ihm jedoch nichts besonderes zu sagen, außer daß er sehr „unzufrieden“ mit dem General und seiner jetzigen Aufführung sei. „Er treibt sich hier mit Lebedeff in der Trinkstube herum, sie umarmen sich und schimpfen sich auf der Straße und können nicht voneinander lassen.“ Als der Fürst daraufhin bemerkte, daß es früher ebenso gewesen wäre, wußte Koljä wirklich nicht, was er darauf antworten und wie er erklären sollte, worin seine jetzige Unruhe bestand.
Als der Fürst am nächsten Morgen nach dem bacchantischen Liede und dem darauffolgenden Streit aus dem Hause gehen wollte, erschien vor ihm plötzlich, außerordentlich aufgeregt und fast erschüttert, der General.
„Ich habe schon lange die Ehre und die Gelegenheit gesucht, Ihnen zu begegnen, hochverehrter Lew Nikolajewitsch, schon lange, lange,“ sagte er, und drückte heftig, bis zur Schmerzhaftigkeit, die Hand des Fürsten. „Schon sehr, sehr lange.“
Der Fürst forderte ihn auf, sich zu setzen.
„Nein, ich nehme nicht Platz, zudem würde ich Sie aufhalten, ich – werde ein anderes Mal kommen. Ich glaube, ich kann Ihnen gratulieren ... zur Erfüllung Ihres Herzenswunsches ...“
„Welch eines Herzenswunsches?“ Der Fürst stutzte und eine gewisse Verwirrung kam über ihn. Er hatte, wie viele andere in seiner Lage, gedacht, daß niemand etwas bemerkt, erraten oder verstanden habe ...
„Seien Sie unbesorgt, seien Sie unbesorgt! Ich werde Ihre zarten Gefühle nicht verletzen. Ich habe es selbst empfunden, und ich weiß, wie es ist, wenn ein Fremder ... sozusagen, seine Nase ... wie nach dem Sprichwort ... in Dinge steckt ... wo er nichts zu suchen hat. Ich habe das jetzt selbst jeden Morgen zu empfinden gehabt. Doch, ich komme in einer anderen Angelegenheit, in einer wichtigen ... einer sehr wichtigen Angelegenheit, Fürst.“
Der Fürst bat ihn noch einmal, sich zu setzen und nahm selbst Platz.
„Doch nur auf eine Sekunde ... ich kam, um Sie um einen Rat zu bitten ... ich habe freilich bis jetzt ohne praktische Ziele gelebt, doch ich achte jede ... Tätigkeit, die gerade der russische Mensch so oft versäumt ... nun aber ... ich möchte mir, meiner Frau und meinen Kindern eine Stellung schaffen ... mit einem Wort, Fürst, ich suche einen Rat.“
Der Fürst lobte mit Eifer seine Absicht.
„Doch alles das würde nichts bedeuten,“ unterbrach ihn schnell der General, „die Hauptsache ist nicht dies, sondern etwas anderes, viel Wichtigeres. Ich habe mich entschlossen, mich Ihnen zu erklären, als einem Menschen, dessen Aufrichtigkeit und Ehrenhaftigkeit ich kenne, und an die ich glaube bis ... bis ... Sie wundern sich doch nicht über meine Worte, Fürst?“
Der Fürst hörte seinem Gast, wenn auch nicht besonders erstaunt, so doch mit großer Aufrichtigkeit und Neugier zu. Der General war bleich, seine Lippen zitterten leicht und seine Hände schienen keinen ruhigen Platz finden zu können. Er saß kaum einen Augenblick und schon erhob er sich wieder, um sich dann abermals hinzusetzen. Augenscheinlich schenkte er seiner Haltung überhaupt keine Beachtung. Auf dem Tisch lagen Bücher: er nahm ein Buch, schlug es auf, schlug es wieder zu, legte es auf den Tisch zurück und griff nach einem andern Buch, das er nicht aufschlug, aber in die rechte Hand nahm und damit in der Luft herumfuchtelte.
„Genug!“ rief er plötzlich. „Ich sehe, daß ich Sie nur belästige.“
„Aber durchaus nicht, ich bitte Sie, ich höre Ihnen im Gegenteil gerne zu und bemühe mich zu erraten ...“
„Fürst! ich wünsche geachtet zu werden ... vor mir selbst und meinen ... Rechten Achtung zu haben.“
„Ein Mensch, der solche Wünsche hat, ist schon der Achtung wert.“
Der Fürst sagte diese Worte, überzeugt, daß sie eine gute Wirkung ausüben würden. Er hatte instinktiv erraten, daß eine vielleicht leere, doch angenehme Phrase, zur rechten Zeit gesagt, die Seele eines solchen Menschen, eines Menschen in der Lage des Generals, beruhigen und erleichtern müsse. Vor allen Dingen sah er ein, daß er diesem Gast das Herz erleichtern müsse. Das war die Aufgabe.
Die Phrase schmeichelte, rührte und gefiel denn auch sehr: der General veränderte sofort seinen Ton, wurde überschwenglich und verfiel in feierlich lange Erläuterungen. Doch wie der Fürst sich auch anstrengen mochte, wie aufmerksam er ihm auch zuhörte, er konnte buchstäblich nicht verstehen, um was es sich handelte. Der General sprach zehn Minuten lang begeistert, schnell, kaum daß er die auf ihn einstürmende Menge der Gedanken aussprechen konnte – in seinen Augen glänzten sogar Tränen – und doch waren es nur Phrasen ohne Anfang und Ende, ganz unerwartete Worte, überraschende Gedanken, alles mögliche durcheinander und übereinander geworfen.
„Genug! Sie haben mich verstanden, und ich bin beruhigt,“ schloß er plötzlich, sich von neuem erhebend. „Ein Herz wie das Ihre kann nicht umhin, einen Leidenden zu verstehen. Fürst, Sie sind so edel wie ein Ideal! Was sind die anderen im Vergleich zu Ihnen? Doch Sie sind noch jung, und deshalb segne ich Sie. Aber der Endzweck meines Kommens war, – Sie zu bitten, mir Tag, Ort und Stunde anzugeben, wann und wo ich mit Ihnen eine wichtige Angelegenheit besprechen könnte. Ich suche nichts als Freundschaft und Herz, Fürst.“
„Aber weshalb nicht jetzt gleich? Ich bin gern bereit ...“
„Nein, Fürst, nein!“ unterbrach ihn der General lebhaft. „Nicht jetzt! Das ist gar zu wichtig, das ist von gar zu großer Wichtigkeit! Diese eine Stunde unserer Unterhaltung wird für mich von schicksalsschwerer Bedeutung sein. Das soll meine Stunde sein, und ich würde nicht wünschen, daß man uns in so heiligen Minuten stört, was schließlich jeder erste beste tun kann, jeder Unverschämte, der plötzlich eintritt, und vielleicht sogar,“ fuhr er in fast ängstlichem Flüsterton fort, sich näher zum Fürsten beugend, „ein ... ein Frechling, der nicht einmal Ihren Stiefelabsatz wert ist ... nicht einmal den Absatz Ihres Stiefels, vielgeliebter Fürst! oh, ich sage nicht: meines Stiefels! Vergessen Sie nicht, daß ich nicht meines Stiefels gesagt habe! Ich achte mich viel zu sehr, um Ausflüchte zu machen ... nur Sie allein sind fähig, zu begreifen, daß ich, indem ich in diesem Falle meinen Absatz sozusagen zurücksetze – daß ich hierbei einen ungeheuren Stolz im Bewußtsein meiner Würde beweise. Außer Ihnen wird mich niemand begreifen, er aber ist an der Spitze der anderen! Er begreift überhaupt nichts, Fürst, er ist vollkommen, vollkommen unfähig zu begreifen! Um begreifen zu können, muß man Herz haben!“
Schließlich durchfuhr den Fürsten denn doch ein gelinder Schreck, und er sagte dem General nach diesen krausen Reden bereitwillig, daß er ihn am nächsten Tage um dieselbe Zeit erwarten würde, worauf ihn dieser denn getröstet und beruhigt und fast sogar ermuntert verließ. Am Abend, gegen sieben Uhr, ließ der Fürst Lebedeff auf einen Augenblick zu sich bitten.
Lebedeff erschien unverzüglich, „es sich zur Ehre anrechnend“, wie er schon in der Tür zu versichern begann. Nichts, aber auch nichts verriet, daß er drei Tage lang sich gleichsam vor dem Fürsten versteckt oder doch wenigstens ein Zusammentreffen mit ihm vermieden hatte. Er setzte sich auf den Rand des Stuhles, auf den der Fürst gewiesen hatte, lächelte und blinzelte und schnitt unbewußt Grimassen, während seine lachenden Augen flink beobachteten, und er sich händereibend in der naivsten Weise irgend etwas zu vernehmen vorbereitete, eine gewisse kapitale Nachricht, deren Sinn wohl schon längst von allen erraten war. Der Fürst stutzte wieder: er begriff plötzlich, daß alle jetzt etwas von ihm erwarteten; sahen ihn doch seit einiger Zeit alle so seltsam lächelnd an, und schienen doch alle das offenkundige Verlangen zu haben, ihn zu beglückwünschen, was sie ihm in Andeutungen auch genug zu verstehen gaben. Keller war bereits dreimal „nur auf einen Moment“ erschienen, mit dem sichtlichen Wunsch, zu gratulieren: er hatte jedesmal begeistert, doch nichtsdestoweniger unverständlich zu sprechen begonnen, jedoch keinen Satz beendet, sondern sich festgerannt – und dann war er wieder schleunigst verduftet. In den letzten Tagen schwelgte er tüchtig in Alkohol und lärmte in irgendeiner Billardstube. Selbst Koljä hatte trotz seiner Niedergeschlagenheit zweimal ziemlich unklar zu reden angefangen.
Der Fürst wurde etwas nervös und fragte Lebedeff gereizt nach seiner Meinung über den gegenwärtigen Zustand des Generals: ob er den Grund wisse, weshalb jener so unruhig sei? Und er erzählte ihm zum Schluß in kurzen Worten das letzte Gespräch, das er mit dem General gehabt hatte.
„Heutzutage hat jedermann seine Unruhe, Fürst, und ... das ist nun mal so in unserem unruhigen Jahrhundert. Tja!“ antwortete Lebedeff auffallend trocken und verstummte gekränkt, mit der Miene eines Menschen, der in seinen Erwartungen grausam enttäuscht worden ist.
„Sie sind ja Philosoph!“ meinte der Fürst mit einem Lächeln.
„Ohne das geht’s nicht. Philosophie tut heutzutage allerorten not – ich rede vornehmlich von der praktisch angewandten –, nur wird sie nicht genügend beachtet; das ist’s. Was jedoch mich betrifft, hochgeehrter Fürst, so haben Sie mich zwar in einem Ihnen wohlbekannten Punkte durch Ihr Vertrauen auszuzeichnen geruht, jedoch nur bis zu einer gewissen Grenze, und darüber hinaus keinen Schritt weiter, also wie gesagt, nur insofern, als es sich auf diesen einen Punkt bezog ... Das begreife und fühle ich, doch will ich deshalb nicht klagen.“
„Kommen Sie nur mit der Wahrheit heraus, Lebedeff, Sie scheinen sich über irgend etwas zu ärgern?“
„Keineswegs, mitnichten, hochverehrter, durchlauchtigster Fürst, nicht im allermindesten!“ versicherte Lebedeff, im Augenblick belebt, und preßte die Hand wieder ans Herz. „Ich habe vielmehr sogleich begriffen, daß ich weder durch meine gesellschaftliche Stellung, noch durch meine Herzens- und Geistesentwicklung, noch durch Erwerb von Reichtümern, noch durch meine frühere Aufführung, zumal auch meine Kenntnisse an die Ihrigen nicht hinanreichen –, daß ich dieserhalb durch nichts Ihr ehrendes, hoch erhaben über all meinen Hoffnungen stehendes Vertrauen verdient habe, und ich, falls Sie sich meiner zu bedienen belieben, Ihnen nur als Sklave und Mietling zu dienen vermag, nicht anders ... ich ärgere mich also nicht, wohl aber bin ich tief betrübt.“
„Lukjan Timofejewitsch, Gott, was reden Sie da!“
„Jawohl: nicht anders! Und so ist es auch jetzt im vorliegenden Fall! Indem ich Ihnen mit meinem Herzen und meinen Gedanken überallhin folgte, sprach ich also zu mir selbst: freundschaftlichen Verhaltens seinerseits bin ich zwar nicht wert, doch in meiner Eigenschaft als Besitzer des Hauses, in dem er wohnt, könnte ich vielleicht zur rechten Zeit sozusagen Verhaltungsvorschriften für die zu ergreifenden Maßregeln empfangen, im Hinblick auf etwaige bevorstehende oder zu erwartende Veränderungen ... wie gesagt ...“
Lebedeffs listige Äuglein blickten unverwandt den Fürsten an, der ihn verständnislos und vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete. Offenbar wollte Lebedeff die Hoffnung, daß seine Neugier endlich befriedigt werden würde, nicht so leichten Kaufes aufgeben.
„Ich verstehe kein Wort,“ sagte schließlich der Fürst ungehalten. „Sie ... Sie sind ein grauenvoller Intrigant!“ schloß er plötzlich herzlich auflachend.
Im Augenblick begann auch Lebedeff zu lachen, während sein aufleuchtender Blick sofort verriet, daß seine Hoffnung sich verdoppelt hatte.
„Wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde, Lukjan Timofejewitsch? Seien Sie mir nur nicht böse ... Ich kann mich wirklich bloß wundern über Ihre Naivität, und nicht nur über die Ihre allein! Sie erwarten mit einer so erstaunlichen Naivität etwas von mir – gerade jetzt, gerade in diesem Augenblick –, daß ich mich vor Ihnen geradezu schäme und mich fast sogar irgendwie schuldig fühle, weil ich nichts habe, womit ich Sie befriedigen könnte, wirklich, ich schwöre es Ihnen,“ beteuerte der Fürst lachend.
Lebedeff setzte eine wichtige Miene auf. Bisweilen konnte er allerdings etwas gar zu naiv und zudringlich werden mit seiner Neugier, doch war er sonst ein selten schlauer Kopf und verstand es vorzüglich, sich glatt wie ein Aal jeder Hand, die nach ihm griff, zu entwinden, wenn er sich nicht selbst greifen lassen wollte; in gewissen Fällen aber war er, der sonst viel zu viel redete, geradezu hinterlistig schweigsam, wenn ihm Schweigen ratsamer schien als Reden. Ohne zu wollen, machte der Fürst ihn fast zu seinem Feinde, indem er ihn mit seiner Neugier immer wieder zurückwies; nur tat er es nicht etwa deshalb, weil er ihn verachtete, sondern weil der Gegenstand seiner Neugier für den Fürsten ein gar zu peinliches Thema war. Betrachtete der Fürst doch noch vor ein paar Tagen gewisse „Traumgedanken“, in denen er sich mitunter unbewußt verlor, direkt als Verbrechen. Lebedeff jedoch faßte diese Abweisungen des Fürsten als Ausdruck persönlicher Antipathie und großen Mißtrauens auf und war in diesem Punkte nicht nur auf Koljä und Keller, sondern auch auf seine leibliche Tochter Wjera Lukjanowna eifersüchtig. In diesem Augenblick zum Beispiel hätte er dem Fürsten etwas mitteilen können, das diesen sehr interessiert haben würde, doch er verstummte gekränkt und teilte nichts mit, obwohl er es selbst ganz gern getan hätte.
„Womit also kann ich Ihnen denn jetzt dienen, hochverehrter Fürst, da Sie mich doch immerhin ... herbestellt haben?“ fragte er schließlich nach längerem Schweigen.
„Ja, ich wollte mich eigentlich nur nach dem General erkundigen,“ sagte der Fürst, aus seiner Gedankenversunkenheit auffahrend, „und ... wie steht es nun mit diesem Diebstahl, von dem Sie mir Mitteilung machten ...“
„Von dem ich – was?“
„Ach, als ob Sie mich nicht verstehen! Weiß Gott, Lukjan Timofejewitsch, Sie müssen sich aber auch ewig verstellen! Das Geld, das Geld, die vierhundert Rubel, die Sie damals verloren haben, mit der ganzen Brieftasche, Sie wissen doch, und von denen Sie mir dann hier erzählten, am Morgen, bevor Sie nach Petersburg fuhren – haben Sie endlich begriffen?“
„Ach so, Sie reden von jenen Vierhundert!“ sagte Lebedeff enttäuscht und als entsänne er sich jetzt erst. „Ich danke Ihnen, Fürst, für Ihre aufrichtige Teilnahme, ich fühle mich sehr geehrt durch sie, nur ... ich habe sie bereits gefunden, und zwar schon vor langer Zeit.“
„Gefunden? Ach, Gott sei Dank!“
„Dieser Ausruf bekundet Ihre edle Denkweise, Fürst, denn vierhundert Rubel zu verlieren – das ist kein Kinderspiel für einen armen Familienvater, der seine verwaisten Kinder durch schwere Arbeit ernähren muß ...“
„Nein, so war es eigentlich nicht gemeint, ich meinte nicht das ... Natürlich freut es mich, daß Sie sie gefunden haben,“ verbesserte sich der Fürst, „aber ... wie haben Sie sie denn gefunden?“
„Äußerst einfach: unter dem Stuhl, über dessen Lehne ich meinen Hausrock geworfen hatte, so daß die Brieftasche offenbar aus der Rocktasche herausgefallen sein muß.“
„Wie – unter dem Stuhl? Das ist doch nicht möglich ... Sie sagten mir doch selbst, daß Sie überall gesucht hätten – wie konnten Sie dann die wichtigste Stelle übersehen?“
„Das ist es ja eben, daß ich überall gesucht habe! Das weiß ich selbst nur zu gut, nur zu gut! Ich bin auf den Knien im Zimmer umhergekrochen, habe jedes Brett des Fußbodens mit der Hand befühlt, da ich meinen eigenen Augen nicht genügend traute. Und obschon ich sah, daß da nichts war, fuhr ich doch fort, mit der Hand alles zu befühlen. Dieser Kleinmut ist jedem Menschen eigen, wenn es sich ums Suchen verlorener Gegenstände handelt ... oder um ähnliches Verschwinden seines Eigentums. So etwas ist sehr betrübend: er sieht doch, daß dort nichts ist, und dennoch wird er mindestens fünfzehnmal nach jeder leeren Stelle hinblicken: ich sehe doch mit meinen eigenen Augen, daß dort nichts auf dem Fußboden liegt, die Stelle ist glatt wie hier meine Handfläche, und dennoch fahre ich fort, sie zu betasten.“
„Nun ja ... aber wie ist denn das? ... Ich verstehe Sie noch immer nicht,“ sagte der Fürst, dessen Gedanken im Augenblick halb betäubt waren. „Sie sagten doch früher, daß Sie trotz allen Suchens nichts gefunden hätten, und nun plötzlich ...“
„Und nun plötzlich habe ich gefunden.“
Der Fürst blickte Lebedeff eigentümlich an.
„Und der General?“ fragte er nach einer Weile.
„Der General? Was ist mit dem?“ begriff Lebedeff wieder nicht.
„Ach, Gott! Ich frage, was der General dazu sagte, als Sie die Brieftasche unter dem Stuhl fanden? Sie haben doch mit ihm zusammen gesucht.“
„Anfangs allerdings mit ihm zusammen. Doch ich zog es vor, ihm bisher nichts davon zu sagen, daß ich die Brieftasche selbst und allein gefunden hatte.“
„Aber ... weshalb das? Das Geld ist doch vollzählig?“
„Ich öffnete die Brieftasche, sah nach: alles bis auf den letzten Rubel, nichts hat er angerührt.“
„Hätten Sie mir das doch gleich gesagt!“ sagte der Fürst mit leisem Vorwurf und versank in Gedanken.
„Ich fürchtete, Sie zu beunruhigen, Fürst, bei Ihren persönlich in dieser Zeit empfangenen tiefgehenden Eindrücken. Und außerdem gab ich mir auch selbst den Anschein, als hätte ich nichts gefunden. Die Brieftasche öffnete ich, sah hinein, zählte nach, schloß sie wieder und legte sie zurück auf dieselbe Stelle unter dem Stuhl.“
„Aber weshalb denn das?“
„S–so–o, aus Neugier; um zu sehen, was weiter geschehen würde. Hehe,“ meinte Lebedeff, mit seligem Lächeln sich die Hände reibend.
„Und so liegt sie auch jetzt noch dort, seit drei Tagen?“
„Oh, nein; bloß vierundzwanzig Stunden lag sie so dort. Ich, sehen Sie mal, ich wollte zum Teil, daß der General sie selbst fände. Denn wenn ich sie gefunden habe, weshalb soll dann schließlich nicht auch der General sie finden können, da sie doch dort, auf dem Boden liegend, einem jeden sozusagen in die Augen springt – denn der Stuhl verdeckt sie doch nicht! Und ich habe noch mehrmals diesen Stuhl umgestellt, so, wissen Sie, ganz harmlos im Vorübergehen, so daß die Brieftasche wie auf dem Präsentierteller lag, doch der General bemerkte sie kein einziges Mal! Und das dauerte so ganze zwölf Stunden. Er muß doch, wie man sieht, recht zerstreut sein, man kann gar nicht mehr aus ihm klug werden. Er spricht, spricht, erzählt, lacht – und plötzlich ärgert er sich über mich ohne jede Veranlassung, ich begreif’ ihn wahrhaftig nicht! Schließlich verließen wir das Zimmer, ich aber ließ die Tür absichtlich offen stehen; er – ich sah es wohl – er zögerte ein wenig und wollte schon etwas sagen, fürchtete wahrscheinlich für die Brieftasche, die mit so viel Geld dort liegen blieb, doch plötzlich ärgerte er sich entsetzlich und sagte nichts; keine zwei Schritt gingen wir auf der Straße zusammen, da verließ er mich, ohne ein Wort zu sagen, und ging in der entgegengesetzten Richtung davon. Erst am Abend trafen wir uns wieder im Restaurant.“
„Aber schließlich haben Sie die Brieftasche doch aufgehoben?“
„N–nein, in derselben Nacht verschwand sie von dort.“
„Aber, wo ist sie denn jetzt?“
„Hi–ier,“ sagte plötzlich Lebedeff lachend, erhob sich halbwegs vom Stuhl, tippte auf den vorderen Zipfel seines linken Rockschoßes und blickte den Fürsten mit unschuldig gutmütigen Augen an. „Plötzlich befand sie sich hier in meinem eigenen Rockschoß. Hier, bitte, sich zu überzeugen, fühlen Sie mal.“
In der Tat bildete sich vorn in der Rockschoßecke, gerade auf der sichtbarsten Stelle eine kleine Erhöhung, die, wie man auf den ersten Blick erkannte, von einem viereckigen, zwischen dem Oberzeug und dem Rockfutter befindlichen Gegenstande, einem größeren Portemonnaie oder einer Brieftasche, herrühren konnte.
„Ich nahm sie heraus, sah nach: nichts fehlte, alles da. Dann steckte ich sie wieder hinein, und jetzt spaziere ich so schon seit gestern morgen mit ihr herum und lasse sie hier ruhig baumeln.“
„Und tun, als bemerkten Sie nichts?“
„Und tue, als bemerkte ich nichts, hehehe! Aber stellen Sie sich doch bloß mal vor, hochverehrter Fürst – wenn auch der Gegenstand an sich keiner so besonderen Beachtung Ihrerseits wert ist –, noch nie hat eine meiner Rocktaschen ein Loch gehabt, und nun plötzlich ist in einer einzigen Nacht ein so riesengroßes entstanden! Das bewog mich denn auch, etwas schärfer hinzusehen, und da schien es mir, als habe jemand mit einem stumpfen Federmesserchen das Taschenfutter aufgeschnitten – fast nicht zu glauben, nicht wahr?“
„Und ... der General?“
„Ärgert sich, sowohl gestern wie heute, und ist äußerst unzufrieden mit sich und der ganzen Welt, wie’s scheint: bald ist er freudig erregt bis zu bacchantischer Ausgelassenheit, bald wiederum ist er zu Tränen gerührt, um dann wiederum ganz plötzlich in wahre Berserkerwut zu geraten, so daß, bei Gott, selbst ich Angst bekam. Ich bin doch immerhin kein Soldat, wie er! Gestern saßen wir beide im Restaurant, mein Rockschoßzipfel steht aber zufällig wie ein Berg: er guckt, guckt, sagt aber kein Wort, ärgert sich bloß. Offen mir in die Augen zu sehen, wagt er längst nicht mehr, höchstens wenn er schon ganz beseelt ist oder ganz gerührt. Aber gestern sah er mich zweimal so an, daß es mir einfach kalt über den Rücken lief. Übrigens beabsichtige ich, die Brieftasche morgen zu finden, den Abend aber will ich heute noch mal gemeinsam mit ihm verbringen.“
„Weshalb quälen Sie ihn so?!“ rief der Fürst vorwurfsvoll.
„Ich quäl’ ihn nicht, Fürst, ich quäl’ ihn nicht im geringsten, bewahre!“ versetzte Lebedeff mit Eifer. „Ich liebe ihn aufrichtig und ... achte ihn sogar; aber jetzt – glauben Sie es mir oder glauben Sie es mir nicht – jetzt ist er mir noch teurer geworden, jetzt schätze ich ihn noch viel mehr!“
Lebedeff sagte das alles so ernst und aufrichtig, daß es den Fürsten einfach empörte.
„Wenn Sie ihn lieben, wie können Sie ihn dann so quälen! Ich bitte Sie, er hat doch allein schon damit, daß er das Vermißte so offen hingelegt, zuerst unter den Stuhl und dann in den Rock, allein schon damit hat er Ihnen bewiesen, daß er sich nicht vor Ihnen versteckt, daß er keine Kniffe anwenden will, daß er Sie ehrlich um Verzeihung bittet! Hören Sie: um Verzeihung bittet! Er vertraut auf ihr Zartgefühl, er glaubt an Ihre Freundschaft! Und diesen ... diesen ehrlichsten Menschen können Sie so weit erniedrigen!“
„Stimmt! – er ist der ehrlichste Mensch, Fürst, der ehrlichste von allen!“ griff Lebedeff sogleich lebhaft auf. „Nur Sie allein, edelster Fürst, sind fähig, eine so richtige und gerechte Bemerkung zu machen! Dafür aber bin ich Ihnen bis zur Vergötterung zugetan, wenn ich auch selbst verkommen und verdorben bin in all meinen Lastern! Also abgemacht! Ich finde die Brieftasche hier sogleich, soeben, und nicht erst morgen. Hier, ich nehme sie hier vor Ihren Augen heraus, hier ... hier ist sie, und hier ... ist das Geld bis auf den letzten Rubel. Hier – nehmen Sie es, Fürst, verwahren Sie es bis morgen. Morgen oder übermorgen werde ich Sie darum bitten. Aber wissen Sie, Fürst, jetzt ist’s doch klar, daß sie in der ersten Nacht irgendwo in meinem Garten unter einem Stein gelegen hat, oder nicht? – was meinen Sie?“
„Hören Sie, sagen Sie ihm das nur nicht so offen ins Gesicht, daß Sie die Brieftasche gefunden haben. Mag er einfach sehen, daß sie nicht mehr im Rockschoß ist, dann wird er schon begreifen.“
„Ja–a? Wäre es nicht doch besser, zu sagen, daß ich sie gefunden habe und sich dabei so zu stellen, als hätte ich nichts erraten?“
„N–nein,“ sagte der Fürst nachdenklich, „n–nein, jetzt ist es schon zu spät dazu, es wäre zu gefährlich. Nein, wirklich, sagen Sie lieber nichts. Seien Sie nur freundlich zu ihm, doch ... lassen Sie ihn nichts merken, und ... und ... wissen Sie ...“
„Ich weiß, Fürst, ich weiß! – das heißt, ich weiß, daß ich es wahrscheinlich nicht erfüllen werde, denn dazu müßte man ein Herz haben, wie nur Sie allein eines besitzen. Zudem bin auch ich ein reizbarer Mensch. – Er hat mich bisweilen doch gar zu sehr von oben herab behandelt, namentlich in der letzten Zeit: bald weint er und umarmt mich, bald wiederum behandelt er mich mit ausgesprochener Verachtung – nein, das konnte ich ihm nicht schenken, da stellte ich den Rockschoßzipfel so, daß die dicke Stelle einem jeden auffallen mußte! hehehe! Auf Wiedersehen, Fürst, denn ich störe wohl, wie ich sehe, und hindere Sie, sich ganz in die interessantesten Gefühle zu vertiefen ...“
„Lassen Sie nur um Gottes willen kein Wort verlauten, hüten Sie das Geheimnis, hören Sie!“
„Jawohl, gewiß, gewiß, gehe mit sachten Schritten und als wäre nichts geschehen!“
Der Fürst blieb, obschon die Sache so gut wie abgetan war, doch in Sorgen um den General zurück, ja fast hatten sich diese Sorgen jetzt noch vergrößert. Unruhig sah er der bevorstehenden Unterredung mit dem General entgegen.
IV.
Der General erschien, wie verabredet, Punkt zwölf, so daß der Fürst, der ein wenig später nach Hause zurückkehrte, ihn bereits wartend bei sich antraf. Es fiel ihm sogleich auf, daß der General ungehalten zu sein schien, und zwar offenbar deshalb, weil er hatte warten müssen. Der Fürst machte seine Entschuldigung, und beeilte sich, ihm gegenüber Platz zu nehmen, tat es jedoch eigentümlich ängstlich, als wäre sein Gast eine zarte Porzellanfigur, die er durch eine unvorsichtige Bewegung zu zerschlagen fürchtete. Diese Furcht war um so seltsamer, als er bisher noch nie etwas Ähnliches im Verkehr gerade mit dem General empfunden hatte. Bald jedoch gewahrte der Fürst, daß sein Gast heute ein ganz anderer Mensch war, als tags zuvor: Die frühere Verwirrung und Zerstreutheit war gänzlich verschwunden, und statt ihrer bemerkte man nur eine ungewöhnliche Zurückhaltung, aus der man nur folgern konnte, daß dieser Mensch sich zu etwas Großem entschlossen hatte. Die Ruhe war übrigens eine mehr äußerliche; jedenfalls schien der Gast bei aller zurückhaltenden Würde immer noch recht aufgeräumt zu sein! ja zu Anfang sprach er sogar mit einer gewissen Herablassung zum Fürsten – gerade so, wie mitunter stolze Leute, die mit Unrecht verletzt oder zurückgesetzt worden sind, leutselig, herablassend und dementsprechend liebenswürdig zu sein pflegen. Der General sprach freundlich, wenn auch im Ton seiner Stimme eine gewisse Betrübnis durchklang.
„Hier ist Ihr Buch, das Sie mir vor ein paar Tagen gegeben haben,“ machte er den Fürsten mit einer hinweisenden Kopfbewegung auf das Buch aufmerksam, das er auf den Tisch gelegt hatte. „Besten Dank.“
„Ach ja! Sie haben den Artikel gelesen? Wie hat er Ihnen gefallen? Doch sehr interessant?“ fragte der Fürst, erfreut über die Möglichkeit, ein nebensächliches Gespräch anfangen zu können.
„In–ter–essant? – ja, das allerdings, aber alles in allem doch recht unbehauen und natürlich auch albern. Vielleicht ist überhaupt kein wahres Wort daran.“
Der General sprach mit erstaunlicher Sicherheit – dem Fürsten wenigstens war dieser Ton an ihm ganz neu – und zog dabei mit einer gewissen überlegenen Nachlässigkeit die Worte in die Länge.
„Ach, aber das ist doch eine so harmlose Erzählung, eine so echte Schilderung eines alten Soldaten, der selbst Augenzeuge der Plünderung Moskaus gewesen ist. Einzelne Stellen sind, finde ich, einfach wundervoll. Zudem sind doch alle Aufzeichnungen von Augenzeugen schon als solche ungeheuer wertvoll, gleichviel wer der Augenzeuge ist, nicht wahr?“
„Ich hätte an Stelle des Autors diese Aufzeichnungen nicht gedruckt, und was solche Aufzeichnungen von Augenzeugen im allgemeinen anlangt, so–o ... kann man sagen, daß die Menschen eher einem groben Lügner glauben, als einem alten, ehrwürdigen und verdienstvollen Manne. Ich kenne Aufzeichnungen aus dem Jahre achtzehnhundertzwölf, die ... Ich habe mich entschlossen, Fürst, dieses Haus hier zu verlassen – das Haus Herrn Lebedeffs.“
Der General blickte den Fürsten bedeutsam an.
„Sie haben ja wohl auch Ihre eigene Wohnung in Pawlowsk, bei ... bei Ihrer Frau Tochter ...“ sagte der Fürst, nur um etwas zu sagen.
Er erinnerte sich, daß der General ja doch gekommen war, um zu einer „schicksalsschweren Entscheidung“ seinen Rat einzuholen.
„Bei meiner Frau,“ korrigierte der General, „mit anderen Worten, bei mir, und im Hause meiner Tochter.“
„Verzeihen Sie, ich ...“
„Ich verlasse das Haus Herrn Lebedeffs deshalb, lieber Fürst, weil ich mit diesem Manne gebrochen habe; ich habe es gestern abend getan, bedauernd, daß es von mir aus nicht schon früher geschehen ist. Ich fordere Achtung für meine Person von jedermann, Fürst, selbst von jenen Leuten, denen ich, wie man sagt, mein Herz schenke. Fürst, ich verschenke oft mein Herz und werde fast immer betrogen. Dieser Mensch hat sich als meines Geschenkes unwürdig erwiesen.“
„Es ist viel Unordnung in ihm,“ bemerkte der Fürst zurückhaltend, „und gewisse Züge ... aber er hat trotzdem Herz und einen schlauen Kopf, der bisweilen sogar recht spaßige Gedanken hervorbringt.“
Die psychologische Richtigkeit des Urteils und der ernste Ton des Fürsten schmeichelten augenscheinlich dem General, obschon er sein Gegenüber ab und zu doch noch mit einem mißtrauischen Blick von der Seite ansah. Der Ton des Fürsten war aber so natürlich und arglos aufrichtig, daß sein Mißtrauen von selbst schwand.
„Daß er auch gute Eigenschaften hat,“ fiel der General ein, „das dürfte ich wohl als erster bemerkt haben – da ich doch diesem Individuum fast meine Freundschaft geschenkt habe. Er soll nur nicht glauben, daß ich seiner Gastfreundschaft bedarf – ich habe mein eigenes Heim. Ich will meine Fehler nicht beschönigen. Ich verstehe eben nicht, mich zu mäßigen. Ich habe mit ihm zusammen gekneipt, was ich jetzt lebhaft bereue. Aber ich habe doch nicht nur um des Kneipens willen – verzeihen Sie, Fürst, einem gereizten Manne das rohe offene Wort –, doch nicht nur um des Kneipens willen habe ich mich mit ihm abgegeben! Gerade seine Eigenschaften, wie Sie sagen, haben mich zu ihm hingezogen. Freilich, alles nur bis zu einer gewissen Grenze! Und was sind selbst seine Eigenschaften! Wenn er plötzlich die Frechheit hat, mich überzeugen zu wollen, daß er im Jahre achtzehnhundertundzwölf, also noch als Kind, sein linkes Bein verloren und auf dem Waganjkoffskischen Friedhof in Moskau begraben habe, so übersteigt das doch alle Grenzen, und ist eben eine ... eine Mißachtung meiner Person, eben eine ... eine Frechheit sondergleichen! ...“
„Vielleicht war es nur ein Scherz, zur Erheiterung ...“
„Ich verstehe. Eine unschuldige Lüge, die nur Gelächter hervorrufen soll, wird, selbst wenn sie roh ist, kein Menschenherz beleidigen. Lügt doch so manch einer, wenn Sie wollen, nur aus Freundschaft, um seinem Gesellschafter ein Vergnügen zu bereiten. Sobald aber Mißachtung der Person des anderen durchblickt, oder wenn man zum Beispiel durch solche Mißachtung dem anderen zu verstehen geben will, daß seine Bekanntschaft einem lästig ist, so bleibt einem Ehrenmann nichts anderes übrig, als sich abzuwenden, für weitere freundschaftliche Beziehungen zu danken, und damit den Beleidiger auf den ihm zukommenden Platz zu verweisen.“
Der General wurde rot vor Empörung.
„Aber Lebedeff hätte ja überhaupt nicht achtzehnhundertundzwölf in Moskau sein können! Natürlich ist das nur ein Scherz. Er ist doch viel zu jung dazu.“
„Erstens das; doch nehmen wir an, er wäre damals schon geboren gewesen. Aber wie kann er mir ins Gesicht behaupten, daß ein französischer Chasseur eine Kanone auf ihn gerichtet und ihm das linke Bein einzig zum Zeitvertreib abgeschossen habe; daß er dann selbst dieses sein abgeschossenes Bein aufgehoben und nach Hause gebracht und später auf dem Friedhof begraben habe, und ferner, daß er über dem Grabe des Beines ein Denkmal errichtet, das auf der einen Seite die Inschrift trage: ‚Hier ruht in Frieden das Bein des Kollegien-Sekretärs Lebedeff‘, und auf der anderen: ‚Ruhe sanft, geliebter Staub, bis zum fröhlichen Wiedersehen‘, und schließlich, daß er alljährlich für dieses Bein eine Seelenmesse lesen lasse – was doch einfach Blasphemie wäre – und daß er zu dem Zweck in jedem Jahr nach Moskau reise. Zur Bekräftigung fordert er mich noch auf, mit ihm nach Moskau zu fahren, um mir von ihm das Grab seines Beines zeigen zu lassen und im Kreml sogar jene französische Kanone, die mit anderen zusammen erbeutet worden und nun dort aufgestellt sei – die elfte vom Tore soll es sein –, ein Falkonettgeschütz alter französischer Bauart.“
„Und dabei sind doch seine beiden Beine vollkommen ganz und gesund, wenigstens soviel man sehen kann!“ meinte der Fürst lachend. „Ich versichere Sie, es ist nur ein unschuldiger Scherz von ihm gewesen, seien Sie ihm deshalb nicht böse.“
„Erlauben Sie, daß auch ich meine Meinung äußere. Was die Beine und das Bemerken anlangt, so wäre das schließlich noch nicht so unwahrscheinlich, denn wie er behauptet, habe er ein Tschernosswitoffsches falsches Bein ...“
„Ach ja, mit einem solchen Bein soll man ja sogar tanzen können, sagt man.“
„Das weiß ich; Tschernosswitoff kam, als er sein Bein erfunden hatte, ganz zuerst zu mir geeilt, um es mir zu zeigen. Aber er hat seine Erfindung viel später gemacht ... Und überdies behauptet er, daß selbst seine verstorbene Frau während der ganzen Zeit ihrer Ehe nicht gewußt habe, daß er, ihr Mann, ein Holzbein hatte. ‚Wenn du,‘ sagte er zu mir, als ich ihn auf diese Unmöglichkeiten aufmerksam machte, ‚wenn du achtzehnhundertundzwölf Napoleons Leibpage gewesen bist, dann gestatte auch mir, eines meiner Beine auf dem Waganjkoffskischen Friedhof begraben zu haben‘.“
„Ja, aber sind Sie denn ...“ begann der Fürst, brach jedoch verwirrt ab.
Der General schien gleichfalls etwas verlegen zu werden, doch schon nach einem Augenblick sah er den Fürsten von oben herab an, und um seine Lippen spielte ein spöttisches Lächeln.
„Sprechen Sie es nur aus, Fürst,“ sagte er mit geradezu erhabener Ruhe, „sprechen Sie es nur aus. Ich bin nachsichtig, sagen Sie ruhig alles, was Sie denken: gestehen Sie nur, daß Ihnen der Gedanke kaum glaublich erscheint, der Gedanke, einen Menschen vor sich zu sehen, der jetzt erniedrigt und ... überflüssig ist, und gleichzeitig vernehmen zu müssen, daß dieser Mensch ein Augenzeuge ... großer Ereignisse gewesen ist. Hat er Ihnen noch nicht ... vorgeschwatzt?“
„Nein, Lebedeff hat mir nichts davon gesagt – wenn Sie Lebedeff meinen ...“
„Hm! ... und ich dachte im Gegenteil ... Das war eigentlich unser ganzes Gespräch gestern abend ... wir kamen zufällig auf diese ... seltsame Geschichtsperiode zu sprechen. Ich bemerkte sogleich die Ungereimtheit, und da ich selbst Zeuge war ... Sie lächeln, Fürst, Sie blicken mich fragend an?“
„N–ein, ich ...“
„Ich sehe allerdings jünger aus, als ich bin,“ fuhr der General langsam fort, „doch bin ich eben älter als man allgemein glaubt. Im Jahre achtzehnhundertzwölf war ich ungefähr zehn oder elf Jahre alt – genau entsinne ich mich dessen nicht mehr. In meinen Papieren ist natürlich mein Geburtsjahr genau angegeben, doch im Leben, wie gesagt, hatte ich die Schwäche, mich stets für jünger auszugeben als ich war.“
„Ich versichere Sie, General, ich halte es durchaus nicht für unmöglich, daß Sie damals in Moskau gewesen sind, und ... selbstverständlich können Sie jetzt auch manches mitteilen ... wie alle, die es miterlebt haben. Beginnt doch einer unserer Schriftsteller seine Autobiographie damit, wie ihn Anno achtzehnhundertundzwölf, als er noch ein Säugling war, französische Soldaten in Moskau mit Brot gepäppelt hätten.“
„Nun sehen Sie,“ begutachtete der General herablassend diesen Fall. „Mein Fall geht noch ein wenig mehr über die Grenzen des Gewöhnlichen hinaus, doch liegt in ihm schließlich nichts Unmögliches. Die Wahrheit erscheint uns oft unmöglicher als irgendeine Lüge. Leibpage! Es muß demjenigen seltsam genug klingen, der es zum ersten Male hört. Doch dieses Erlebnis eines zehnjährigen Kindes läßt sich gerade durch sein Alter erklären. Einem Fünfzehnjährigen wäre das nicht mehr passiert, denn als Fünfzehnjähriger wäre ich nicht so leichtsinnig aus unserem Hause an der Staraja Basmannaja am Tage des Einzugs Napoleons in Moskau auf die Straße gelaufen. Meine Mutter hatte es in ihrer Angst immer noch aufgeschoben, die Stadt zu verlassen, bis – bis es eben zu spät war. Mit fünfzehn Jahren hätte ich es nicht so ohne weiteres gewagt, aber so als Zehnjähriger fürchtete ich mich vor nichts und drängte mich unbekümmert durch die Menge bis dicht an den Eingang des Palais, als Napoleon gerade vom Pferde stieg ...“
„Das haben Sie sehr richtig bemerkt, daß Sie nur als zehnjähriges Kind so furchtlos sein konnten ...“ versetzte der Fürst, gepeinigt von dem Gedanken, daß er sogleich erröten würde.
„Nicht wahr? – und alles geschah so einfach und natürlich, wie es eben nur in der Wirklichkeit geschehen kann – wollte ein Schriftsteller so etwas schildern, so würde er nur ungereimtes, unmögliches Zeug zusammenschreiben.“
„Ganz recht!“ rief der Fürst. „Diesen Gedanken habe auch ich gehabt, noch vor kurzem. Ich hörte von einem Mord wegen einer Taschenuhr – jetzt ist die Geschichte schon in allen Zeitungen. Hätte das ein Dichter geschrieben: die sogenannten Kenner des russischen Volkes und die Literaturkritiker würden doch sogleich geschrien haben, daß es unwahrscheinlich, unmöglich sei; liest man es aber in der Zeitung als Tatsache, so fühlt man doch unwillkürlich, daß man gerade aus solchen Tatsachen die russische Wirklichkeit kennen lernt. Das haben Sie ganz vorzüglich bemerkt, General,“ schloß der Fürst, froh darüber, daß er dem Erröten hatte entgehen können.
„Nicht wahr? Nicht wahr?“ rief der General ungeheuer geschmeichelt, und seine Augen blitzten vor Vergnügen. „Ein Knabe, ein Kind, das die Gefahr überhaupt nicht ahnt, drängt sich durch die Menge, um den Pomp, die glänzenden Uniformen, die ganze Suite zu sehen, und schließlich doch auch den großen Kaiser, von dem man ihm schon so unendlich viel erzählt hat. In der ganzen Welt hatte seit Jahren nur dieser eine Name: Napoleon gehallt, und ich hatte ihn, wie man zu sagen pflegt, schon mit der Muttermilch eingesogen. Als Napoleon so dicht an mir vorüberging, fiel ihm plötzlich mein Blick auf – ich war außerdem vornehm gekleidet, meine Mutter gab stets sehr viel darauf. Und ich allein so gekleidet in dieser Volksmenge, nicht wahr ...“