Zweiter Teil
E. K. Rahsin translation
I.
Nach einigen Minuten lachten wir alle wie unsinnig.
„Nun, laßt mich doch, laßt mich doch erzählen,“ übertönte uns Aljoscha mit seiner hellen Stimme. „Ihr denkt, daß ich euch, wie immer, nur mit Dummheiten komme ... Ich versichere euch, daß ich wirklich Interessantes mitzuteilen habe. Ja, werdet ihr denn nicht endlich mal aufhören!“
Er wollte so schnell wie möglich alles erzählen, und er schien uns wirklich etwas Wichtiges mitteilen zu wollen. Doch seine Wichtigtuerei und der naive Stolz über den Besitz dieser Neuigkeiten reizte Natascha zum Lachen. Der Ärger und die kindliche Verzweiflung Aljoschas wiederum brachten uns schließlich so weit, daß wir nur den kleinen Finger zu zeigen gebraucht hätten, wie beim Gogolschen Midshipman, um sofort vor Lachen zu bersten. Schließlich kam sogar Mawra aus der Küche und stellte sich an der Tür auf; mit ernstem Unwillen betrachtete sie uns, wütend, daß Aljoscha nicht eine ordentliche Standrede von Natascha bekommen, auf die sie sich schon die ganzen Tage lang gefreut hatte, und daß sie uns statt dessen so fröhlich sehen mußte.
Natascha hörte endlich auf zu lachen, als sie bemerkte, daß Aljoscha anfing, sich beleidigt zu fühlen.
„Was willst du uns denn erzählen?“ fragte sie ihn.
„Soll ich den Samowar anmachen?“ fragte Mawra, Aljoscha ohne jegliche Rücksicht unterbrechend.
„Mach, daß du fortkommst, Mawra,“ und er winkte ihr mit Händen und Füßen ab, damit sie sich schneller entfernen sollte. „Ich werde alles erzählen, wie es gewesen, wie es ist und wie es sein wird, denn ich weiß jetzt alles. Ich weiß es, meine Freunde, und ihr wollt wissen, wo ich die fünf Tage gewesen bin – das ist’s, was ich euch erzählen will, ihr aber laßt mich nicht dazu kommen. Nun, und vor allem also: ich habe dich die ganze Zeit über betrogen, Natascha, schon lange, lange habe ich dich betrogen, und das ist es ...“
„Betrogen?“
„Ja, betrogen, schon seit einem Monat, noch vor Papas Ankunft; jetzt ist endlich die Zeit gekommen, da ich dir alles aufrichtig sagen kann. Vor einem Monat, als mein Vater noch nicht angekommen war, erhielt ich plötzlich einen langen Brief von ihm, den ich euch beiden gar nicht gezeigt habe. In diesem Brief erklärte er mir einfach und geradeaus – und bemerkt wohl, in einem Tone, wie ich ihn noch niemals von ihm gehört hatte, so daß ich sehr erschrak – erklärte er mir also einfach, daß meine Heirat schon beschlossene Sache sei, daß meine Braut eine weibliche Vollkommenheit und ich ihrer gar nicht wert sei, daß ich sie aber trotzdem heiraten müsse. Und deshalb sei es nötig, daß ich mir alle Torheiten aus dem Kopfe schlage, und so weiter, und so weiter – wie es euch schon bekannt ist. Diesen Brief, seht ihr, habe ich euch garnicht gezeigt und auch nichts von ihm erwähnt.“
„Wieso nicht erwähnt?!“ unterbrach ihn Natascha, „was du behauptest! Im Gegenteil, du hast ihn uns sofort mitgeteilt. Ich erinnere mich noch, wie du plötzlich zärtlich und gehorsam mir gegenüber warst und nicht von mir gingst, als fühltest du dich schuldig vor mir ... und den ganzen Brief hast du uns stückweise mitgeteilt.“
„Das kann nicht sein, die Hauptsache habe ich euch sicher nicht erzählt. Vielleicht habt ihr beide alles erraten, ich jedenfalls habe nichts erzählt. Ich habe geschwiegen und schrecklich darunter gelitten.“
„Ich erinnere mich, Aljoscha, daß Sie mich damals jeden Augenblick um Rat fragten und mir alles erzählten,“ fügte ich hinzu, mit einem Blick auf Natascha.
„Alles hast du erzählt,“ griff Natascha meine Bemerkung auf. „Was kannst du denn verheimlichen? Kannst du denn einen Menschen betrügen? Sogar Mawra weiß alles. Nicht wahr, Mawra?“
„Wie soll man denn nicht wissen!“ mischte sich Mawra wieder ein. „In den drei ersten Tagen hast du alles erzählt. Du Schlauberger!“
„Pui, mit euch ist es wirklich ärgerlich, etwas zu tun zu haben! Das behauptest du alles nur aus Bosheit, Natascha! Und du, Mawra, du irrst dich gewaltig. Ich weiß, ich war damals noch wie ein Wahnsinniger!“
„Kein Wunder. Du bist ja auch jetzt wie ein Wahnsinniger.“
„Nein, nein, ich spreche nicht davon. Weißt du, das war damals, als wir kein Geld hatten und du gingst noch, um mein silbernes Zigarettenetui zu versetzen; doch erlaube, Mawra, du scheinst dich mir gegenüber ganz und gar zu vergessen. Das hat dir Natascha beigebracht. Nun, nehmen wir an, ich habe euch wirklich damals alles erzählt, doch den Ton, den Ton des Briefes, den kennt ihr nicht, und der Ton des Briefes ist doch die Hauptsache. Davon spreche ich auch jetzt.“
„Nun, wie ist denn der Ton?“ fragte Natascha.
„Höre mal, Natascha, du fragst wie im Scherz. Scherze nicht. Ich versichere dir, das ist sehr wichtig. Der Ton war so, daß ich einfach die Hände fallen ließ. Niemals hatte er so mit mir gesprochen. Eher müßte Lissabon untergehen, als sein Wunsch sich nicht: sieh, so ist der Ton!“
„Nun, nun, erzähle weiter; warum wolltest du denn das vor mir verheimlichen?“
„Ach, mein Gott! Um dich nicht zu erschrecken. Ich hoffte, alles wieder gut zu machen. Aber eine schwere Zeit brach an, als mein Vater nun zurückkehrte. Ich wollte ihm auf seinen Brief bestimmt und klar antworten, und immer gelang es mir nicht. Und er, er fragte nicht einmal danach, der Schlaufuchs! Im Gegenteil, er gab sich den Anschein, als wäre alles zwischen uns beschlossen und zu unserer gegenseitigen Befriedigung abgemacht. Höre doch, wie ist das möglich, eine solche Selbstverständlichkeit! Zu mir verhielt er sich zärtlich und liebenswürdig. Ich war einfach starr. Wie er klug ist, Iwan Petrowitsch, wenn Sie wüßten! Er hat alles gelesen, alles weiß er, wenn er nur einen ansieht, so weiß er sofort dessen Gedanken. Darum hat man ihn wohl auch einen Jesuiten genannt. Natascha liebt es nicht, wenn ich ihn lobe. Sei nicht böse, Natascha ... doch zur Sache! Er gab mir am Anfang kein Geld, gestern hat er mir aber wieder welches gegeben. Natascha, mein Engel! Jetzt hat unsere Armut aufgehört. Sieh, hier! Alles, was er mir in diesem halben Jahr entzogen, hat er mir gestern wiedergegeben; sieh, wie viel es ausmacht; ich habe es noch nicht gezählt. Mawra sieh mal, wie viel es ausmacht, jetzt brauchen wir keine Löffel mehr zu versetzen!“
Er zog einen großen Packen Geld aus der Tasche, wohl über tausend Rubel und legte ihn auf den Tisch. Mawra geriet in Erstaunen und lobte ihn sehr. Natascha drang in ihn, weiter zu erzählen.
„Nun, was soll ich machen – denke ich?“ fuhr Aljoscha fort. „Wie soll ich jetzt gegen seinen Willen handeln? Denn ich schwöre euch beiden, wäre er schlecht und nicht so gut zu mir gewesen, so hätte ich mir weiter keine Gedanken gemacht. Ich hätte ihm geradeaus ins Gesicht gesagt, daß ich nicht will, daß ich ein erwachsener Mensch bin und – Schluß! Und glaubt mir, ich hätte auf dem meinen bestanden. Aber jetzt – was soll ich ihm jetzt sagen? Bitte, beschuldigt mich nicht. Ich sehe, daß du mit mir unzufrieden bist, Natascha. Warum seht ihr euch gegenseitig so an? Wahrscheinlich denkt ihr wohl: ‚nun, da haben sie ihn jetzt gekriegt und er hat keinen Charakter.‘ Ich aber, ich habe Charakter, mehr als ihr glaubt! Zum Beweise dafür, habe ich, ungeachtet meiner Lage, mir sofort gesagt: ‚es ist meine Pflicht, meine Schuldigkeit, meinem Vater alles zu sagen,‘ und ich habe ihm alles gesagt und er hat mir ruhig zugehört.“
„Ja was, was hast du ihm denn gesagt?“ fragte, unruhig geworden, Natascha.
„Daß ich keine andere Braut haben will, daß ich schon selbst eine habe – und das wärest du! Das heißt, ich habe es ihm noch nicht genau so gesagt, sondern ihn nur darauf vorbereitet, doch morgen werde ich’s ihm sagen, das habe ich mir schon vorgenommen. Zuerst begann ich damit, daß es Schimpf und Schande wäre, um des Geldes willen zu heiraten, und wenn wir uns für wer weiß was für Aristokraten hielten, so wäre das einfach – dumm (ich bin ja zu ihm so aufrichtig wie zu einem Bruder). Darauf habe ich ihm erklärt, daß ich zum Dritten Stande gehöre, zum tiers-état und le tiers-état c’est l’essentiel; daß es mein Stolz wäre, mit allen gleich zu stehen, mich von niemandem zu unterscheiden ... mit einem Wort, ich habe ihm alle diese gesunden neuen Ideen auseinandergesetzt ... Ich ließ mich hinreißen und sprach ganz begeistert. Ich war selbst über mich erstaunt. Ich bewies ihm und fragte ihn einfach: was wir für Fürsten seien? Vielleicht nur dem Geschlechte nach, fragte ich, doch in Wirklichkeit, was wäre an uns Fürstliches? Besonders reich wären wir nicht und Reichtum – ist doch die Hauptsache. Heutigentags ist der größte Fürst – Rothschild. Zweitens hat man in der großen Welt von uns schon längst nichts mehr gehört. Mein Großvater Ssemjon Walkowskij, der Letzte aus der Familie, der in Moskau bekannt war, ja – der hatte seine ganzen dreihundert Seelen vergeudet, und wenn mein Vater sich nicht Geld erworben hätte, so würden seine Enkel vielleicht jetzt selbst das Land pflügen müssen, wie es Fürsten oft tun. Wir hätten also nichts, auf das wir stolz sein könnten. Mit einem Wort, ich habe alles ausgesprochen, was in mir gärte – alles, ganz aufrichtig, ich habe sogar noch manches hinzugefügt. Er antwortete mir garnicht, sondern warf mir nur vor, daß ich das Haus des Grafen Nainskij nicht mehr besuchte, daß ich die Bekanntschaft der Gräfin K., meiner Taufmutter, machen müsse und daß ich, wenn diese Gräfin mich liebenswürdig aufnähme, überall empfangen werden würde und Karriere machen könnte usw. usw.! Das waren alles Anspielungen darauf, Natascha, daß du mich beeinflußt hättest, diese Besuche zu unterlassen. Von dir selbst zu sprechen, hat er bis jetzt unterlassen. Wir sind beide schlau; wir warten beide, wie der eine den andern fangen wird, und sei überzeugt, auch auf unserer Straße wird es Feiertag geben.“
„Schon gut, schon gut, Aljoscha, doch womit endet es denn, was hat er beschlossen? Das ist doch die Hauptsache! – Was bist du doch für ein Schwätzer, Aljoscha ...“
„Gott weiß es, aus ihm kann man nicht ... klug werden; ich bin durchaus kein Schwätzer, ich rede ganz sachlich. Er hat einfach nicht so beschlossen, sondern nur mitleidig zu allem gelächelt, was ich ihm sagte. ‚Ich bin,‘ sagte er, ‚mit allem einverstanden, was du denkst, doch fahren wir jetzt zum Grafen Nainskij, hüte dich aber dort, von diesen Dingen zu reden. Ich verstehe dich zur Not noch, sie aber werden dich nicht verstehen.‘ Es scheint, daß sie ihn dort selbst nicht gern empfangen; daß sie gegen ihn verstimmt sind. Überhaupt scheint man meinen Vater in der Gesellschaft nicht mehr gern zu sehen. Der Graf empfing mich zuerst ganz von oben herab; er schien es völlig vergessen zu haben, daß ich in seinem Hause erzogen worden bin. Er hält es für ‚Undankbarkeit‘, daß ich sein Haus nicht mehr besuche, doch kann dabei von Undankbarkeit meinerseits keine Rede sein; in seinem Hause ist es einfach langweilig und – das ist alles, ist der Grund, warum ich nicht mehr hingegangen bin. Auch meinen Vater empfing er so herablassend, so herablassend, daß ich einfach nicht verstehe, wie er noch zu ihm fahren kann. Das hat mich sehr aufgeregt. Der arme Vater muß vor ihm den Rücken beugen, und das alles meinetwegen – und ich, ich habe das alles garnicht nötig. Ich hätte meinem Vater gern meine Meinung gesagt, aber ich ließ es bleiben. Und wozu denn auch; seine Überzeugung kann ich ihm nicht nehmen, ich verärgere ihn nur und er hat es ohnehin schon schwer. Nun, denke ich mir, ich werde sie alle überlisten und werde den Grafen zwingen, mich zu achten – und, was glaubst du! Ich habe sofort alles erreicht und in einem Tage hat sich alles geändert! Graf Nainskij weiß jetzt nicht mehr, wie er mit mir umgehen soll. Und alles das habe ich ganz allein durch meine Schlauheit erreicht, so daß mein Vater vor Erstaunen ...“
„Höre doch, Aljoscha, bleibe doch bei der Sache!“ unterbrach ihn ungeduldig Natascha: „ich dachte, du hättest etwas zu erzählen, was uns anbetrifft, doch du erzählst nur davon, wie du dich beim Grafen ausgezeichnet hast. Was geht mich dein Graf an!“
„Was geht er dich an! Hören Sie, Iwan Petrowitsch, was geht er Sie an? Aber das ist doch die Hauptsache! Das wirst du selbst gleich sehen, laß’ mich doch nur zu Ende erzählen ... Und schließlich, warum soll ich’s nicht aufrichtig sagen, Sie, Iwan Petrowitsch, und Natascha haben oft gefunden, daß ich nicht sehr vernünftig sei; nun, und oft bin ich wirklich einfach dumm gewesen. Doch dieses Mal, ich versichere euch, habe ich viel Schlauheit gezeigt, auch viel Klugheit; so daß Sie beide, denke ich, selbst sehr froh sein werden, daß ich nicht immer – dumm bin.“
„Ach, wie kannst du so sprechen, Aljoscha! Laß’ doch, mein Lieber!“
Natascha konnte es nicht ertragen, wenn man Aljoscha für dumm hielt. Wie oft war sie nicht gekränkt gewesen, wenn ich ohne jegliche Zeremonie, Aljoscha irgendeiner seiner Dummheiten überführte. Es war ein wunder Punkt in ihrem Herzen. Sie konnte eine Erniedrigung Aljoschas nicht ertragen, um so weniger, als sie sich seiner geistigen Beschränktheit bewußt war. Doch wagte sie nie ihre Meinung über ihn auszusprechen, um seine Eigenliebe nicht zu verletzen. Er aber schien in der Beziehung besonders empfindlich zu sein und erriet jedesmal ihre geheimen Gefühle. Natascha wiederum versuchte ihn durch Liebkosungen und Schmeichelworte davon abzulenken. Deshalb berührten sie seine Worte auch dieses Mal peinlich ...
„Laß doch, Aljoscha, du bist nur leichtsinnig, du bist durchaus nicht so ...“ fügte sie hinzu, „warum sich erniedrigen?“
„Nun, schon gut, schon gut, laß mich nur zu Ende erzählen. Nach diesem Empfang beim Grafen war der Vater außer sich über mich. Warte, denke ich! Wir fuhren gerade zur Gräfin; ich hatte bereits erfahren, daß sie vor Alter den Verstand verloren habe, fast taub sei und über alles Hunde liebte. Sie besitzt ein ganzes Rudel dieser Tiere und läßt nichts auf sie kommen. Ungeachtet dessen hat sie einen so großen Einfluß in der Welt, daß sogar Graf Nainskij, le superbe, bei ihr antichambriert. Schon unterwegs hatte ich meinen Plan entworfen, und was glaubt ihr wohl, worauf ich mich stützte? Darauf, daß alle Hunde mich lieben. Wahrhaftig, ich habe es oft bemerkt. Steckt in mir ein solcher Magnetismus oder kommt es daher, daß ich selbst Tiere so gern habe, ich weiß es nicht, doch die Hunde lieben mich, das ist so! Übrigens, was den Magnetismus anbelangt, so habe ich dir noch nicht erzählt, Natascha, daß wir vor ein paar Jahren Geister beschwört haben, ich war bei einem Spiritisten; das ist sehr interessant, Iwan Petrowitsch; es hat mich wirklich in Erstaunen gesetzt. Ich habe Julius Cäsar beschworen.“
„Ach, mein Gott! Was soll dir Julius Cäsar?“ rief Natascha, hell auflachend. „Das fehlte auch noch!“
„Ja, warum denn nicht ... ganz als ob ich, ich weiß nicht, ver... Warum soll ich nicht das Recht haben, Julius Cäsar zu beschwören? Was ist denn dabei? Sehen Sie, jetzt lacht sie!“
„Natürlich ist nichts dabei ... ach, ach, mein Lieber! Nun, und was sagte dir Julius Cäsar?“
„Nichts sagte er. Ich hielt nur den Bleistift und der Bleistift schrieb von selbst auf das Papier. Alle sagten, das wäre Julius Cäsar. Ich glaubte es aber nicht.“
„Und was schrieb er denn?“
„Er schrieb etwas über – aber nun höre auf zu lachen!“
„Ja, aber erzähle uns nun doch von der Gräfin!“
„Ihr unterbrecht mich ja immer. Wir kamen also zur Fürstin und ich begann sofort, Mimi den Hof zu machen. Diese Mimi ist ein altes, ekliges, widerwärtiges Hündchen und dazu noch knurrig und bissig. Die Fürstin liebt es natürlich über alle Maßen. Ich füttere Mimi sofort mit Konfekt und bringe das Tier in zehn Minuten so weit, daß es mir die Pfote gibt, was man ihm das ganze Leben lang nicht hatte beibringen können. Die Fürstin geriet ganz außer sich vor Entzücken, fast hätte sie vor Freuden weinen können: ‚Mimi, Mimi, Mimi gibt die Pfote!‘ hieß es, wenn jemand eintrat. Graf Nainskij erschien. ‚Mein Taufsohn hat es ihm beigebracht!‘ rief man ihm entgegen. ‚Mimi reicht die Pfote.‘ Dabei sieht sie mich fast mit Tränen der Rührung an. Die gute Alte; sie kann mir fast leid tun. Ich ließ keine Gelegenheit vorübergehn, um ihr zu schmeicheln: ihre Tabakdose zeigt ein Jugendbild von ihr als Braut vor sechzig Jahren. Die Dose also fiel zu Boden, ich hob sie auf und sagte so, als wäre es mir garnicht bewußt: Quelle charmante peinture! Welch ideale Schönheit! Da taute sie schon ganz auf; sprach mit mir von dem und jenem, wo ich erzogen sei, bei wem ich verkehre, wie schön mein Haar wäre usw. usw. Ich brachte sie auch zum Lachen, erzählte ihr ein skandalöses Geschichtchen. Sie liebt das, drohte mir mit dem Finger, aber lachen tat sie doch. Sie entläßt mich, küßt und bekreuzt mich, und verlangt, daß ich jeden Tag zu ihr komme, um sie zu zerstreuen. Der Graf drückt mir die Hand, seine Augen schwammen ganz vor Rührung, und der Vater, der doch der beste, ehrlichste und anständigste Mensch ist – glauben Sie mir oder glauben Sie mir nicht – er weinte fast vor Freude, als wir beide zusammen nach Hause fuhren; er umarmte mich, wurde zu mir aufrichtig, teilte mir allerhand Geheimnisse über Karriere, Verbindungen, Geld, Ehe mit, so daß ich vieles davon nicht einmal verstehen konnte. Bei der Gelegenheit gab er mir denn auch das Geld. Das war gestern. Morgen muß ich wieder zur Fürstin und Papa ist, wie gesagt, der anständigste Mensch – glaubt nur nichts Schlechtes von ihm, wenn er mich auch von Natascha trennen will, so sind es doch nur die Millionen Katjäs, die ihn blind machen. Du besitzt doch keine ... und er will sie nur für mich, und nur aus Blindheit und Unwissenheit ist er ungerecht zu dir. Doch, welcher Vater wünscht seinem Sohne nicht Glück! So sind sie alle! Man muß ihn nur von diesem Standpunkt aus beurteilen, und er bekommt sofort recht. Ich bin gleich zu dir geeilt, Natascha, um dich davon zu überzeugen, ich weiß, du bist ihm gegenüber voreingenommen und, versteht sich, nicht schuld daran. Ich möchte dich auch garnicht anklagen ...“
„Also das ist alles, was du erlebt, du hast bei der Fürstin Karriere gemacht? Darin besteht deine ganze Schlauheit?“ fragte Natascha.
„Wieso! Das ist doch nur der Anfang ... ich habe nur darum von der Fürstin erzählt, weil ich durch sie meinen Vater in die Hand bekomme, doch mit der Hauptsache habe ich noch nicht einmal begonnen.“
„Nun, so erzähle doch!“
„Ich hatte heute ein sonderbares Erlebnis, worüber ich selbst noch ganz erstaunt bin,“ fuhr Aljoscha fort. „Ich muß bemerken, daß die Verlobung zwischen meinem Vater und der Gräfin wohl beschlossen, doch noch nicht öffentlich bekannt gegeben worden ist, so daß sie ohne jeglichen Skandal wieder gelöst werden kann; nur Graf Nainskij weiß davon, doch der zählt ja nur als Verwandter und Gönner ... Obgleich ich in diesen Tagen Katjä viel näher getreten bin, so hatten wir doch bis heute miteinander kein Wort über Zukünftiges gesprochen, das heißt, weder von der Ehe, noch von der Liebe. Außerdem ist noch beschlossen worden, die Einwilligung der Fürstin K. abzuwarten, von deren Gunst man Goldberge erwartet. Was sie dazu sagen wird, das wird auch die ganze Welt sagen; sie hat ja so große Verbindungen ... Man möchte mich durchaus in die Gesellschaft einführen. Daran besteht besonders die Gräfin, Katjäs Stiefmutter. Die Sache ist nämlich die, daß die Fürstin sie vielleicht ihrer Abenteuer im Auslande wegen nicht mehr empfangen wird, und wenn die Fürstin sie nicht mehr empfängt, so tun es die andern auch nicht; es ist also meine Verlobung mit Katjä eine bequeme Gelegenheit, um wieder anzuknüpfen. Darum freute sich auch die Gräfin, die früher gegen die Verlobung war, so sehr über meinen Erfolg bei der Fürstin, ... doch das ist ja Nebensache, die Hauptsache ist: Katherina Fedorowna hatte ich vor einem Jahr kennen gelernt; aber damals war ich noch ein Junge und konnte nichts begreifen, und nichts besonderes in ihr finden ...“
„Einfach, weil du mich damals mehr liebtest, als jetzt,“ unterbrach ihn Natascha, „deshalb konntest du nichts in ihr finden, aber jetzt ...“
„Kein Wort mehr, Natascha!“ rief feurig Aljoscha, „du irrst dich in allem und beleidigst mich! ... Ich werde dir nichts darauf antworten; höre weiter und du wirst sehen ... Ach, wenn du Katjä kennen würdest! Wenn du wüßtest, was das für eine zärtliche, helle und reine Seele ist! Doch, du wirst sie kennen lernen, höre mich nur an! Vor zwei Wochen, als der Vater zurückkam und mich zu ihr führte, habe ich sie mir näher angesehen. Ich bemerkte, daß auch sie mich beobachtete. Das erweckte in mir die Neugierde schon deshalb, weil ich eine besondere Absicht dabei verfolgte, sie näher kennen zu lernen, – eine Absicht, die ich seit dem Brief meines Vaters, der mich so in Erstaunen setzte, verfolgte. Ich werde nichts über sie sagen, ich werde sie nicht loben, ich will nur bemerken: daß sie eine große Ausnahme in ihrem Kreise ist. Sie ist nämlich eine so eigenartige Natur, eine so starke und aufrichtige Seele, stark durch ihre Reinheit und Wahrhaftigkeit, daß ich einfach vor ihr, wie ihr jüngerer Bruder erscheine, ungeachtet dessen, daß sie erst siebzehn Jahre alt ist. Eines habe ich noch bemerkt: in ihr lebt ein Leid, ein Geheimnis; sie ist sehr verschlossen; im Hause schweigt sie immer, als fürchte sie etwas ... Immer ist sie in Gedanken versunken. Meinen Vater scheint sie zu fürchten. Die Stiefmutter liebt sie nicht, – das habe ich sofort bemerkt. Wenn die Gräfin behauptet, daß ihre Stieftochter sie sehr liebe, so tut sie es nur, um gewisser Ziele willen, doch ist es garnicht wahr. Katjä gehorcht ihr nur in allem, ganz als hätte sie sich mit ihr darüber verständigt, als sei es eine verabredete Sache zwischen ihnen. Vor vier Tagen beschloß ich, meine Absicht auszuführen, und heute abend ist es mir gelungen. Meine Absicht war: alles Katjä zu erzählen, ihr alles anzuvertrauen, sie auf unsere Seite hinüberzuführen und dann mit einem Male der ganzen Sache ein Ende zu machen ...“
„Wie! Was erzählen, was ihr anvertrauen,“ fragte beunruhigt Natascha.
„Alles, einfach alles,“ antwortete Aljoscha, „und Gott, der mir diesen Gedanken eingegeben, sei Dank, doch höre, höre! Vor vier Tagen beschloß ich, nicht eher zu dir zurückzukehren, bis ich die ganze Sache allein durchgeführt hätte. Hätte ich auf dich gehört, so wäre ich unentschieden geblieben, doch allein geblieben, hatte ich mich vor die Tatsache gestellt, daß die Sache ein Ende nehmen müsse, und nur so konnte ich sie durchführen! Ich verließ dich mit dem Entschluß, und ich habe ihn jetzt ausgeführt!“
„Wie, wie das? Erzähle! schneller!“
„Sehr einfach! Ich sagte ihr alles, ehrlich und mutig ... Doch vorher muß ich von einem Zufall erzählen, der mich sehr in Erstaunen setzte. Bevor wir uns dahin begaben, erhielt der Vater einen Brief. In dem Augenblick trat ich zu ihm ins Kabinett und blieb an der Türe stehen. Er bemerkte mich nicht. Er war durch den Brief dermaßen erregt, daß er laut mit sich selbst sprach, erregt im Zimmer auf und ab ging, und mit dem Brief in der Hand plötzlich laut auflachte. Ich fürchtete mich sogar, einzutreten ... Der Vater war über irgend etwas dermaßen erfreut, so erfreut, daß er mich ganz sonderbar anredete, dann plötzlich abbrach und sofort mit mir fortging, obgleich es noch viel zu früh war. Bei ihnen war heute niemand zu Gast, und es war rein ein Irrtum von dir, Natascha, wenn du gedacht hast, es wäre ein Gesellschaftsabend gewesen. Man hat dich falsch unterrichtet.“
„Ach, Aljoscha, schweife doch nicht wieder ab; sag’ doch, was du alles Katjä erzählt hast?“
„Es war ein Glück, daß wir beide zwei ganze Stunden allein blieben. Ich erklärte ihr einfach, daß man uns beide verloben möchte, doch daß diese Ehe unmöglich sei, daß ich in meinem Herzen für sie eine große Sympathie empfinde und daß sie allein mich retten könne. Darauf erzählte ich ihr alles. Stelle dir nur vor, Natascha! sie wußte nichts von unserer Geschichte. Wenn du nur gesehen hättest, wie erschüttert sie davon war. Sie erbleichte sogar. Ich erzählte ihr also unsere ganze Geschichte: wie du dein Elternhaus verlassen, wie wir allein gelebt haben, wie wir uns jetzt quälen und uns ängstigen und um ihre Hilfe bitten (ich sprach auch in deinem Namen, Natascha), und hofften, daß sie auf unsere Seite träte und einfach ihrer Stiefmutter erkläre, daß sie mich nicht heiraten wolle; daß es unsere einzige Rettung wäre und wir einen anderen Ausweg nicht finden könnten. Sie hörte mir mit großer Aufmerksamkeit und Teilnahme zu. Was sie in diesem Augenblick für herrliche Augen hatte! Ihre ganze Seele lag in ihren Augen. Sie hat tiefblaue Augen. Sie dankte mir, daß ich zu ihr Vertrauen gehabt, und versprach, uns mit allen Kräften zu helfen. Dann fragte sie nach dir, sagte, daß sie dich kennen lernen wollte, bat mich, dir zu sagen, daß sie dich wie eine Schwester lieb habe, und daß auch du sie lieben möchtest; und als sie erfuhr, daß ich dich bereits den fünften Tag nicht mehr gesehen, schickte sie mich selbst sofort zu dir ...“
Natascha war gerührt.
„Und du konntest uns von deinen Heldentaten bei der tauben, alten Fürstin erzählen, ohne uns zuerst dieses mitzuteilen. Ach, Aljoscha, Aljoscha!“ rief Natascha aus, in vorwurfsvollem Tone. „Und wie war denn Katjä? War sie fröhlich, als sie dich entließ?“
„Ja, sie war sehr froh, uns helfen zu können, doch brach sie bald darauf in Tränen aus. Denn sie hat mich auch lieb gewonnen, Natascha! Sie gestand mir, daß sie mich zu lieben angefangen, und daß ich ihr schon längst gefallen hätte, besonders deshalb, weil sie von Lüge und Schlauheit umgeben sei, und sie nur mich allein für einen aufrichtigen und ehrlichen Menschen hält. Sie stand auf und sagte: ‚Nun, Gott sei mit Ihnen, Alexei Petrowitsch, ich dachte nur ...‘ Sie vollendete nicht, brach in Tränen aus und verließ das Zimmer. Wir haben beschlossen, daß sie morgen ihrer Stiefmutter erklären soll, sie wolle mich nicht heiraten, und ich solle alles meinem Vater sagen, mutig und fest. Sie machte mir nur Vorwürfe, warum ich es ihr nicht schon früher gesagt hätte, denn ‚ein ehrlicher Mensch dürfe nichts fürchten!‘ Sie ist so edel. Meinen Vater liebt sie auch nicht; sie sagt, er sei schlau und wolle nur Geld. Ich verteidigte ihn, sie glaubte mir nicht. Wenn ich morgen beim Vater nichts erreichen sollte (sie glaubt nämlich, ich würde nichts erreichen), so ist sie dafür, daß ich zur Fürstin K. gehe. Dann wird es niemand wagen, gegen uns vorzugehen. Wir gaben uns gegenseitig das Wort, wie Bruder und Schwester zu sein. Wenn du ihre Lebensgeschichte kennen würdest, wie auch sie unglücklich ist, wie widerwärtig sie ihr Leben bei der Stiefmutter und diese ganze Umgebung empfindet! Sie sagte es mir, nicht so geradezu, als fürchtete sie, es auszusprechen, aber aus ihren Worten habe ich es doch erraten. Natascha, mein Liebling! Wie würde sie sich freuen, dich zu sehen! Und was für ein gutes Herz sie hat! Es ist so schön, bei ihr zu sein. Ihr seid beide wie geschaffen füreinander, ihr müßt euch gegenseitig wie Schwestern lieb haben! Ich habe die ganze Zeit daran gedacht. Ich müßte euch beide zusammenführen. Mit Entzücken würde ich euch betrachten! Laß mich bitte noch von ihr sprechen, Natascha, glaube nicht etwas Schlechtes. Mit ihr zusammen möchte ich über dich sprechen und mit dir über sie. Du weißt doch, daß ich dich über alles liebe, noch mehr als sie ...“
Natascha schwieg und sah ihn zärtlich und zugleich traurig an. Seine Worte umschmeichelten sie und quälten sie zugleich.
„Und schon lange, schon vor zwei Wochen habe ich Katjä kennen und schätzen gelernt. Ich bin doch jeden Abend bei ihr gewesen. Wenn ich dann nach Hause zurückkehrte, dachte ich immer, immer an euch beide und verglich euch miteinander.“
„Wer von uns schien dir denn besser?“ fragte lächelnd Natascha.
„Einmal du, einmal – sie. Doch meist schienst du besser. Nur wenn ich mit ihr spreche, fühle ich, daß ich selbst besser, klüger und edler bin. Doch morgen, morgen wird sich alles entscheiden!“
„Tut sie dir nicht leid? Sie liebt dich doch, sagtest du selbst.“
„Gewiß, Natascha! Doch wir werden uns alle drei lieb haben, und dann ...“
„Und dann, leb wohl!“ sagte leise vor sich hin Natascha.
Aljoscha sah sie unwillig an.
Unsere Unterhaltung wurde plötzlich in unerwarteter Weise unterbrochen. In die Küche, die zu gleicher Zeit das Vorzimmer war, hörte man jemanden eintreten. Gleich darauf öffnete Mawra die Tür und winkte Aljoscha, hinzukommen. Wir alle wandten uns nach ihr um.
„Man fragt nach Ihnen!“ sagte sie mit geheimnisvoller Stimme.
„Wer kann das sein, zu dieser Stunde?“ Aljoscha blickte uns ganz verwundert an. „Ich werde sehen!“
Aus der Küche entfernte sich in demselben Augenblick der Lakai des Fürsten, seines Vaters. Die Sache verhielt sich so, daß der Fürst auf der Rückreise nach Hause bei Nataschas Wohnung vorgefahren war, um zu erfahren, ob Aljoscha bei ihr sei. Als es dem Lakai bestätigt wurde, entfernte er sich sofort wieder.
„Sonderbar! Das ist doch noch niemals geschehen,“ sagte verwirrt Aljoscha. „Was soll das bedeuten?“
Natascha sah ihn beunruhigt an. Plötzlich öffnete Mawra wieder die Tür.
„Der Fürst kommt selbst,“ flüsterte sie uns eilig zu und verschwand.
Natascha erbleichte und erhob sich von ihrem Platz. Plötzlich flammten ihre Augen auf. Sie stützte sich leicht auf den Tisch und blickte erwartungsvoll zur Tür, durch die der ungebetene Gast eintreten mußte.
„Natascha, fürchte dich nicht, ich bin bei dir! Ich erlaube niemanden, dich zu beleidigen,“ flüsterte ihr Aljoscha, der seine Fassung nicht verloren hatte, erregt zu.
Die Tür ging auf und auf der Schwelle erschien Fürst Walkowskij in eigener Person.
II.
Ein rascher, aufmerksamer Blick streifte uns alle. Aus diesem Blicke konnte man nicht erkennen, ob er von einem Freunde oder Feinde kam. Das Äußere des Fürsten setzte mich an diesem Abend besonders in Erstaunen.
Ich hatte ihn auch schon früher gesehen. Er war ein Mann von fünfundvierzig Jahren, nicht älter, mit regelmäßigen und schönen Gesichtszügen, deren Ausdruck sich je nach den Umständen, und zwar plötzlich, mit unvorhergesehener Geschwindigkeit, zu verändern pflegte, und die in einem Moment von dem angenehmsten zum bösesten Ausdruck überspringen konnten, als gehorchten sie dem Druck einer mechanischen Feder. Das ebenmäßige Oval des etwas gebräunten Gesichtes, die prachtvollen Zähne, die feingeschwungenen und schmalen Lippen, die schön geschnittene etwas längliche Nase, die hohe Stirn, auf der noch kein Fältchen zu sehen war, die grauen, großen Augen – dies alles machte ihn zum schönen Manne. Und doch machten seine Züge keinen angenehmen Eindruck. Dieses Gesicht hatte etwas so Abstoßendes, weil es gar nicht seinen eigenen Ausdruck besaß, sondern etwas Verstelltes, Erdachtes, Angeeignetes darin lag. Man hatte unwillkürlich die Überzeugung, daß man niemals seinen wahren Ausdruck zu sehen bekommen würde. Wenn man das Gesicht näher betrachtete, so schien hinter seiner Maske etwas Böses, Schlaues und im höchsten Grade Egoistisches zu lauern. Namentlich zogen die grauen, schönen, offenen Augen die Aufmerksamkeit auf sich. Sie allein konnten sich seinem Willen nicht unterordnen. Er wollte einen weich und liebenswürdig ansehen, doch schienen sich die Strahlen seines Blickes gleichsam zu spalten und mitten zwischen den milden, freundlichen Strahlen blitzten dann böse, mißtrauische, harte, forschende auf ... Er war von ziemlich hohem Wuchs, schlank und elegant. So schien er viel jünger an Jahren, als er wirklich war. Sein dunkelbraunes und weiches Haar war noch nicht ergraut. Seine Ohren, Hände und Füße waren von wunderbarer Form. Er hatte durchaus das, was man Rasse nennt. Seine Kleidung war gewählt und etwas jugendlich, was ihm aber sehr gut stand. Man hätte ihn für den älteren Bruder von Aljoscha halten können, niemals jedoch für den Vater eines erwachsenen Sohnes.
Er ging geradewegs auf Natascha zu und sah ihr ruhig und fest ins Auge.
„Mein Besuch zu dieser Stunde und ohne jede Anmeldung mag Ihnen sonderbar und unangebracht erscheinen; doch ich hoffe, Sie werden mir glauben, daß ich das Exzentrische meiner Handlungsweise durchaus überschaue. Ich meinerseits weiß es gleichfalls, mit wem ich es zu tun habe, ich weiß, daß Sie klug und großzügig sind. Ich bitte Sie mir zehn Minuten zu gewähren und Sie werden meine Handlungsweise begreifen und selbst rechtfertigen.“
Er sprach sehr höflich, doch mit einem gewissen Nachdruck.
„Bitte, nehmen Sie Platz!“ sagte Natascha immer noch verwirrt von der Überraschung.
Er verbeugte sich leicht und setzte sich.
„Erlauben Sie mir, zuerst meinem Sohne ein paar Worte zu sagen. Aljoscha, als du kaum fortgegangen warst, ohne dich von uns zu verabschieden, wurde der Gräfin gemeldet, daß Katherina Fedorowna sich schlecht fühle. Die Gräfin wollte sich zu ihr begeben, als Katherina Fedorowna selbst plötzlich ganz verstört und aufgeregt erschien. Sie erklärte uns, daß sie nie deine Frau werden könne. Darauf sagte sie uns, daß sie in ein Kloster ginge, daß du sie um ihre Hilfe gebeten und ihr selbst gestanden hättest, du liebtest Natascha Nikolajewna ... Ein so unwahrscheinliches Geständnis von seiten Katherina Fedorownas in einem solchen Augenblick war natürlich nur die Folge deiner sonderbaren Erklärung ihr gegenüber. Sie war einfach ganz außer sich. Du verstehst, wie überrascht und bestürzt ich war. Als ich hier vorbeikam, erblickte ich Licht in Ihren Fenstern,“ wandte er sich zu Natascha. „Da kam mir denn der Gedanke wieder, der mich schon lange beschäftigt hatte, so daß ich jetzt dem ersten Impuls nachgab und zu Ihnen ging. Wozu? Das werde ich Ihnen gleich sagen, ich bitte jedoch, sich wegen einer gewissen Schärfe und Plötzlichkeit meiner Erklärung nicht zu verwundern. Alles das kam so jäh ...“
„Ich hoffe, daß ich Sie so verstehen werde, wie es nötig ist ... und das von Ihnen Gesagte schätzen werde,“ sagte etwas stockend Natascha.
Der Fürst sah sie aufmerksam an, als wollte er sie in einem Augenblick ganz und gar durchschauen.
„Ich hoffe auf Ihren Scharfsinn,“ fuhr er fort, – „und wenn ich es mir erlaubt habe, jetzt zu Ihnen zu kommen, so tat ich es nur, weil ich wußte, mit wem ich es zu tun haben werde. Ich kenne Sie schon lange, obgleich ich ungerecht zu Ihnen war, was ich Ihnen offen bekennen muß. Hören Sie mich also an: Sie wissen, daß zwischen mir und Ihrem Herrn Vater eine alte Fehde besteht. Ich will mich nicht rechtfertigen. Vielleicht bin ich ihm gegenüber mehr schuld, als ich es bisher angenommen habe. Wenn es sich so verhalten sollte, dann geschah es, weil ich selbst betrogen worden bin. Ich bin mißtrauisch und ich mache kein Geheimnis daraus. Ich bin immer geneigt, eher das Schlechte als das Gute anzunehmen – ein unglücklicher Zug, nur möglich bei einem Manne mit hartem Herzen. Doch habe ich nicht die Angewohnheit, meine Mängel zu verhehlen. Ich habe allen Verleumdungen über Sie Glauben geschenkt, und als Sie Ihre Eltern verlassen hatten, fürchtete ich für Aljoscha. Doch damals kannte ich Sie noch nicht. Die Nachforschungen, die ich nach und nach angestellt habe, beruhigten mich vollständig. Ich konnte mich schließlich davon überzeugen, daß meine Verdächtigung Ihnen gegenüber tatsächlich unbegründet war. Ich erfuhr und hörte davon, daß Sie sich mit den Ihrigen überworfen, und ich weiß auch, daß Ihr Herr Vater durchaus gegen eine Ehe mit meinem Sohne ist. Und schon allein, daß Sie, die Sie einen solchen Einfluß auf Aljoscha ausüben, ihn bis jetzt nicht zu einer Heirat mit Ihnen gezwungen haben – dies schon allein zeigt Sie von Ihrer besten Seite. Und doch muß ich Ihnen gestehen, daß ich bereits fest entschlossen war, mit aller Gewalt der Möglichkeit einer Ehe mit meinem Sohne entgegenzuarbeiten. Ich weiß es, daß ich mich jetzt nur allzu aufrichtig zu Ihnen ausspreche, doch dieser Augenblick verlangt nun einmal die größte Aufrichtigkeit meinerseits. Sie werden es mir selbst im Laufe unseres Gespräches zugeben. Bald darauf, als Sie Ihr Elternhaus verlassen hatten, verließ ich Petersburg, und als ich es verließ, da fürchtete ich schon nicht mehr für Aljoscha. Ich rechnete auf Ihren edlen stolzen Sinn. Ich hatte verstanden, daß Sie die Ehe mit Aljoscha nicht wollten, bevor der Familienstreit ein Ende genommen, und daß Sie das gute Einvernehmen zwischen mir und meinem Sohne nicht zu zerstören gedachten, da ich ihm niemals die Heirat mit Ihnen verziehen haben würde. Auch wollten Sie wohl nicht, daß man von Ihnen sagen konnte, Sie hätten die Verbindung mit einem fürstlichen Hause gesucht. Im Gegenteil, Sie zeigten unserem Stande gegenüber eine gewisse Verachtung und warteten vielleicht auf den Augenblick, daß ich selbst zu Ihnen käme, um Sie zu bitten, uns die Ehre zu erweisen und die Hand meines Sohnes anzunehmen. Aber trotzdem blieb ich Ihr hartnäckiger Gegner. Ich will mich Ihnen gegenüber nicht rechtfertigen, die Gründe Ihnen offen klarlegen. Sie sind nicht reich; Ihre Familie ist nicht angesehen. Wenn ich auch vermögend bin, so brauchen wir doch mehr. Mit unserer Familie geht es bergab. Wir haben Verbindungen und Geld nötig. Die Stieftochter der Gräfin hat allerdings keine Verbindungen, aber sie ist sehr reich. Ich durfte keine Zeit verlieren, andere Freier hätten uns die Braut fortgenommen, und so beschloß ich denn, obgleich Aljoscha viel zu jung ist, ihn zu verheiraten. Sie sehen, ich verheimliche nichts vor Ihnen. Sie können mit Verachtung auf den Vater sehen, der seinen Sohn aus Habsucht und Vorurteil zu einer schlechten Tat zwingt; denn ein Mädchen, das ihm großmütig alles geopfert hat, zu verlassen, ist eine schlechte Tat. Ich will mich, wie gesagt, nicht entschuldigen. Der zweite Grund für eine Heirat meines Sohnes mit der Stieftochter der Gräfin ist der, daß dieses Mädchen durchaus seiner Liebe und Achtung würdig ist. Sie ist hübsch, gut erzogen, sehr klug und ein herrlicher Charakter, wenn sie auch in vielem noch ein Kind ist. Aljoscha dagegen ist ganz charakterlos, leichtsinnig, unüberlegt und mit seinen zweiundzwanzig Jahren nicht nur ein halbes, sondern ein vollkommenes Kind, das nur den einen Vorzug hat – ein gutes Herz zu besitzen, was bei seinen Fehlern durchaus nicht ungefährlich ist. Ich habe schon längst bemerkt, daß mein Einfluß auf ihn sich verringert hat: das jugendliche Feuer nimmt überhand, auch über seine Verpflichtungen hinweg. Ich meinerseits liebe ihn vielleicht zu sehr, doch habe ich mich immer mehr und mehr davon überzeugt, daß mein Einfluß allein nicht für ihn ausreicht. Trotzdem und gerade deshalb muß er immer unter irgend einem guten Einfluß stehen. Seine Natur ist schwach und liebebedürftig, auch hat sie die Neigung, mehr zu gehorchen, als zu befehlen. So wird er sein ganzes Leben sein. Sie können sich nun vorstellen, wie froh ich war, in Katherina Fedorowna ein Mädchen zu finden, wie ich es meinem Sohne gern zur Frau gewünscht hätte. Doch meine Freude kam zu spät, ihn beherrschte bereits ein anderer Einfluß – der Ihre. Nach meiner Rückkehr beobachtete ich ihn scharf und bemerkte in ihm eine Wandlung zum Besseren. – Sein Leichtsinn, seine Kindlichkeit waren dieselben, daneben aber zeigte sich ein höheres Bestreben: er interessiert sich plötzlich nicht nur für Spielereien, sondern auch für Edleres. Seine Ideen sind noch sonderbar und ungeschickt, doch der Wille, der Wunsch zum Besseren ist entschieden vorhanden und das ist schließlich das Fundament zu allem; all dieses Bessere aber kommt sicher von Ihnen. Sie haben ihn erzogen. Ich gestehe Ihnen, daß ich zuerst den Gedanken hatte, daß tatsächlich Sie allein vielleicht sein Glück ausmachen könnten. Doch habe ich diesen Gedanken sofort wieder unterdrückt. Ich wünsche, offen gestanden, nicht, daß es so sei. Ich mußte ihn, sagte ich mir, Ihrem Einfluß entreißen, was es mich auch koste; ich handelte danach und hoffte schon, daß ich mein Ziel erreichen würde. Noch vor einer Stunde dachte ich, der Sieg sei auf meiner Seite. Doch das Ereignis im Hause der Gräfin stürzte alle meine Hoffnungen wieder über den Haufen und vor allem setzte mich diese ganz unerwartete Tatsache in Erstaunen: dieser seltsame Ernst in Aljoscha, seine Anhänglichkeit an Sie, und die Beharrlichkeit dieser Anhänglichkeit. Ich wiederhole es Ihnen, Sie haben ihn vollständig umgewandelt und ich sah plötzlich, daß diese Umwandlung sich weiter erstreckt, als ich es ahnen konnte. Heute habe ich zum ersten Male an ihm so etwas wie Verstand wahrgenommen, und zu gleicher Zeit eine große Feinfühligkeit des Herzens. Er hatte den rechten Weg gewählt, um aus dieser Lage heraus zu kommen, die für ihn eine sehr schwierige war. Er rührte an die alleredelsten Fähigkeiten des Menschenherzens, nämlich – die Fähigkeit, zu verzeihen und Böses mit Großmut zu vergelten. Er gab sich ganz in die Gewalt des von ihm gekränkten Wesens und bat um dessen Teilnahme und Hilfe. Er weckte den ganzen Stolz einer Frau, die ihn liebte, indem er ihr offen erklärte, daß sie eine Nebenbuhlerin hätte, und zu gleicher Zeit erweckte er in ihr Sympathie zu dieser Nebenbuhlerin und für sich Vergebung und brüderliche Freundschaft. So etwas zu wagen und dabei nicht zu beleidigen, das können die schlausten und fähigsten Leute nicht, das kann nur ein junges, reines und gutgelenktes Herz, wie das seine. Ich bin überzeugt, daß Sie, Natalja Nikolajewna, an seinem heutigen Schritte vollkommen unbeteiligt sind. Sie haben, vielleicht, von alledem erst soeben durch ihn erfahren. Nicht wahr, ich irre mich nicht?“
„Sie irren sich nicht!“ wiederholte Natascha, deren Gesicht glühte und deren Augen eigentümlich leuchteten. Die Dialektik des Fürsten begann bereits, ihre Wirkung auszuüben. „Ich habe Aljoscha seit fünf Tagen nicht mehr gesehen,“ fügte sie hinzu. „Das hat er sich alles allein ausgedacht und allein ausgeführt.“
„So ist es,“ bestätigte der Fürst, „aber abgesehen davon, ist seine ganze Entschlossenheit doch nur eine Folge Ihres Einflusses. Dies hatte ich mir alles auf der Fahrt nach Hause überlegt – und plötzlich fühlte ich in mir die Kraft, hier einen Entschluß herbeizuführen. Unsere Werbung im Hause der Gräfin ist nun für immer zerstört und kann nicht wieder hergestellt werden, selbst wenn es noch möglich wäre. Wie, wenn ich mich jetzt hätte überzeugen müssen, daß nur Sie sein Glück ausmachen, daß nur Sie seine Führerin sein können! Ich habe vor Ihnen nichts verheimlicht und würde es auch jetzt nicht tun: ich liebe Karriere, Geld, Ansehen, Rang, wenn ich auch ganz bewußtermaßen alles das nur für ein Vorurteil halte, – doch ich liebe nun einmal diese Vorurteile. Aber es gibt Umstände, in denen man auch andere Auffassungen gelten lassen muß, man kann nun einmal nicht alles mit demselben Maße messen ... Außerdem liebe ich meinen Sohn über alles. Kurz, ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß Aljoscha sich nicht von Ihnen trennen soll, weil er ohne Sie zugrunde geht. Ich muß mir sogar sagen, daß ich mich innerlich vielleicht schon vor einem Monat dazu entschlossen hatte, und daß ich jetzt recht daran getan, die Sache so aufzufassen. Freilich, um Ihnen dieses Geständnis zu machen, hätte ich nicht diese Stunde, so spät am Abend, zu wählen brauchen. Doch meine Eile möge Ihnen beweisen, wie eifrig, und vor allem, wie aufrichtig ich mich der Sache annehme. Ich bin kein Jüngling, in meinen Jahren kann man keinerlei unüberlegte Schritte mehr tun. Als ich hier bei Ihnen eintrat, war alles schon beschlossen und wohl erwogen. Aber ich fühle, ich werde noch viel Zeit brauchen, Sie von meiner Aufrichtigkeit zu überzeugen ... Doch zur Sache! Soll ich Ihnen jetzt noch erklären, weshalb ich zu Ihnen gekommen bin? Ich bin gekommen, um Ihnen gegenüber meine Schuldigkeit zu tun und bei Ihnen feierlich, voll unbegrenzter Hochachtung zu Ihnen für meinen Sohn um Ihre Hand anzuhalten. O, glauben Sie nicht, daß ich zu Ihnen gekommen bin wie ein grausamer Vater, der endlich, endlich es über sich gebracht hat, seinen Kindern zu verzeihen und in ihr Glück einzuwilligen. Nein, nein! Sie erniedrigen mich, wenn Sie das von mir voraussetzen. Denken Sie, bitte, auch nicht, daß ich schon im voraus von Ihrer Einwilligung überzeugt gewesen bin; durchaus nicht. Ich bin der erste, der sagt und offen eingesteht, daß er Ihrer nicht wert ist ... (wenn er auch gut und reines Herzens ist) ... und er selbst wird es bestätigen. Doch das wäre noch wenig. Mich hat zu dieser Stunde nicht nur dies hierher gezogen ... ich bin außerdem gekommen ... (und er erhob sich ehrerbietig und mit einer gewissen Feierlichkeit) ... ich bin hierhergekommen, um Ihr Freund zu sein! Ich weiß, daß ich dazu nicht das kleinste Recht beanspruchen kann, im Gegenteil! Doch erlauben Sie mir, daß ich mir dieses Recht verdiene! Lassen Sie mich hoffen! ...“
Er verbeugte sich ehrerbietig vor Natascha und erwartete ihre Antwort. Die ganze Zeit, während seiner Rede, beobachtete ich ihn aufmerksam. Er merkte es.
Er hatte seine Rede in kühlem Ton gesprochen mit merkbarer Absicht, tadellose und zugleich gewinnende Sätze zu formen, und stellenweise wieder mit vornehmer Nachlässigkeit. Der Ton seiner Rede entsprach durchaus nicht dem Ungestüm eines Besuches zu so unpassender Zeit. Einige Bemerkungen wurden besonders unterstrichen und hin und wieder gab er sich, während seiner langen Rede, den Anschein eines Sonderlings, der seine Gefühle durch Humor und Scherz zu verdecken sucht. Doch fiel mir das alles erst später auf, denn seine letzten Worte hatte er mit so viel Gefühl und Verehrung zu Natascha ausgesprochen, daß er uns sofort alle damit besiegte. An seinen Augenwimpern schienen Tränen zu erglänzen. Nataschas edles Herz war vollständig besiegt. Sie erhob sich gleichfalls von ihrem Stuhl und reichte ihm in tiefer Bewegung ihre Hand. Er ergriff sie und küßte sie zärtlich und gefühlvoll. Aljoscha war außer sich vor Begeisterung.
„Was habe ich dir gesagt, Natascha!“ rief er aus. „Du hast mir nicht glauben wollen! Du hast mir nicht glauben wollen, daß er der edelste Mensch auf der Welt ist! Siehst du, siehst du es jetzt selbst ein! ...“
Er stürzte zu seinem Vater und umarmte ihn. Dieser erwiderte seine Zärtlichkeit, doch beeilte er sich, die gefühlvolle Szene abzukürzen, als schäme er sich seiner Gefühle.
„Schon gut,“ sagte er und griff nach seinem Hut, „ich gehe. Ich erbat mir nur zehn Minuten und habe eine ganze Stunde bei Ihnen zugebracht,“ fügte er lächelnd hinzu. „Aber ich gehe von Ihnen voll Ungeduld, Sie möglichst bald wieder zu sehen. Erlauben Sie es, daß ich Sie des öfteren besuche?“
„Ja, gewiß, – o, ja!“ antwortete Natascha. „Auch ich möchte Sie so bald als möglich ... lieben lernen ...“ fügte sie ganz verwirrt hinzu.
„Wie Sie aufrichtig und ehrlich sind!“ sagte der Fürst über ihren Ausbruch lächelnd. „Sie wollen mir nicht nur eine einfache Höflichkeitsformel sagen. Ihre Aufrichtigkeit ist mir viel teurer als alle Höflichkeit. Ja! Ich sehe es ein, daß ich mir Ihre Liebe erst noch verdienen muß!“
„Genug, loben Sie mich bitte nicht ... genug davon!“ flüsterte Natascha ganz bestürzt.
Wie schön war sie in diesem Augenblick!
„Wie Sie wünschen!“ beschloß der Fürst. „Doch noch ein paar Worte zur Sache. Können Sie sich vorstellen, wie unglücklich ich bin, denn weder morgen, noch übermorgen werde ich in Petersburg sein ... Ich erhielt heute einen Brief in einer sehr wichtigen Angelegenheit, die meine Anwesenheit verlangt. Morgen früh also verlasse ich Petersburg. Bitte, glauben Sie nicht etwa, ich bin deshalb heute so spät am Abend gekommen, weil es mir morgen und übermorgen nicht möglich gewesen wäre. Natürlich denken Sie gar nicht daran, aber – nun sehen Sie, da haben Sie wieder eine Probe meines Mißtrauens! Viel hat mir dieses Mißtrauen schon in meinem Leben geschadet, der ganze Prozeß mit Ihrer Familie, ist nichts als die Folge dieses elenden Charakterzuges! ... Heute haben wir Dienstag. Mittwoch, Donnerstag, Freitag werde ich also nicht in Petersburg sein. Sonnabend hoffe ich wieder zurückzukommen und werde Sie dann sofort aufsuchen. Kann ich auf den ganzen Abend zu Ihnen kommen?“
„Gewiß! Natürlich!“ rief Natascha. „Sonnabend abend werde ich Sie erwarten! Mit Ungeduld werde ich Sie erwarten!“
„Und ich meinerseits bin sehr glücklich darüber, daß ich Sie näher kennen lernen kann! Doch – jetzt gehe ich! Ich kann nicht umhin, auch Ihnen die Hand zu reichen,“ wandte er sich plötzlich an mich. „Entschuldigen Sie, wir sprechen so durcheinander ... Ich hatte wohl schon des öfteren das Vergnügen, Ihnen zu begegnen, ich glaube, wir sind uns sogar vorgestellt worden. Ich möchte nicht von hier fortgehen, ohne Ihnen versichert zu haben, daß es mir sehr angenehm ist, unsere Bekanntschaft zu erneuern.“
„Wir sind uns begegnet, das ist wahr,“ ich ergriff seine Hand, „doch erinnere ich mich nicht, Ihnen vorgestellt zu sein.“
„Beim Fürsten R., im vorigen Jahr.“
„Entschuldigen Sie, ich habe es vergessen. Doch ich versichere, daß ich es dieses Mal nicht vergessen werde. Dieser Abend wird mir durchaus in der Erinnerung bleiben.“
„Ja, das ist recht. Ich weiß es längst, daß Sie der aufrichtigste Freund Natalja Nikolajewnas und meines Sohnes sind. – Ich hoffe zu Ihnen dreien als der Vierte hinzuzutreten. Habe ich recht?“ Mit diesen Worten wandte er sich wieder an Natascha.
„Ja, er ist unser aufrichtiger Freund, und wir wollen alle Freunde sein!“ antwortete Natascha voll tiefer Überzeugung.
Die Arme! Sie strahlte vor Freude, als sie bemerkte, daß der Fürst mich nicht vergessen hatte. Wie sie mich doch lieb hatte!
„Ich bin vielen Verehrern Ihres Talentes begegnet,“ fuhr der Fürst fort, „und ich kenne zwei Ihrer aufrichtigsten Verehrerinnen. Es würde sie sehr freuen, Sie persönlich kennen zu lernen. Es sind das die Gräfin, meine beste Freundin, und ihre Stieftochter, Katherina Fedorowna Philimonnowa. Lassen Sie mich hoffen, Sie diesen Damen vorstellen zu dürfen.“
„Das ist für mich sehr schmeichelhaft, obgleich ich jetzt wenig in der Gesellschaft verkehre ...“
„Geben Sie mir Ihre Adresse! Wo wohnen Sie? Ich werde das Vergnügen haben ...“
„Ich empfange nicht, Fürst, wenigstens nicht gegenwärtig ...“
„Vielleicht machen Sie mit mir eine Ausnahme ...“
„Wenn Sie es verlangen, mir soll es sehr angenehm sein. Ich wohne in der M.-Gasse im Hause Klugen.“
„Im Hause Klugen!“ rief er ganz betroffen aus. „Wie! Wohnen Sie ... schon lange dort?“
„Nein, nicht lange,“ antwortete ich und faßte ihn unwillkürlich schärfer ins Auge. „Meine Wohnung ist Nummer vierundvierzig.“
„Nummer vierundvierzig? Sie leben dort ... allein?“
„Ganz allein.“
„Ja! Ich glaube ... ich kenne dieses Haus. Um so besser ... Ich werde Sie bestimmt besuchen, bestimmt! Ich habe über vieles mit Ihnen zu reden und ich verspreche mir sehr viel von Ihnen. Sie können mir einen großen Dienst erweisen. Sehen Sie, da komme ich schon gleich mit einer Bitte. Also auf Wiedersehen. Geben Sie mir noch einmal Ihre Hand!“
Er reichte mir und Aljoscha die Hand, küßte nochmals Nataschas Händchen, und forderte Aljoscha nicht auf, ihm zu folgen.
Wir drei blieben in großer Erregung zurück. Alles das hatte sich so plötzlich und unerwartet zugetragen. Alle fühlten wir, daß sich in einem Augenblick alles verändert und nun etwas Neues, Unbekanntes beginnen würde. Aljoscha setzte sich schweigend zu Natascha und küßte ihr leise zärtlich die Hand. Von Zeit zu Zeit sah er ihr ins Gesicht, als erwartete er von ihr, daß sie etwas sagen würde.
„Lieber Aljoscha, fahre morgen zu Katherina Fedorowna,“ sagte sie endlich zu ihm.
„Das habe ich auch schon gedacht,“ antwortete er, „ich werde es bestimmt tun.“
„Vielleicht wird es ihr aber schwer fallen, dich zu sehen ... was meinst du?“
„Ich weiß es nicht, mein Liebling. Auch daran habe ich gedacht. Ich werde sehen ... wie ich mich entschließe. Jetzt, Natascha, hat sich alles bei uns geändert,“ konnte sich Aljoscha nicht enthalten zu bemerken.
Sie lächelte und sah ihn lange zärtlich an.
„Und wie er delikat ist. Er hat doch gesehen, wie ärmlich deine Wohnung ist, und nicht ein Wort hat er ...“
„Worüber?“
„Nun ... du mögest eine andere Wohnung nehmen, oder so etwas Ähnliches,“ fügte er errötend hinzu.
„Aber, Aljoscha, aus welchem Grunde denn!“
„Ich sage ja eben, daß er so delikat ist. Und wie er dich lobte! Ich habe es dir ja gesagt ... gesagt! Nein, er fühlt und versteht alles! Und von mir sprach er wie von einem Kinde; alle halten mich dafür! Doch was tut’s, ich bin es ja auch.“
„Du bist ein Kind, und siehst zugleich schärfer als wir alle. Du, lieber, guter Aljoscha! Du!“
„Er aber sagte, daß mein gutes Herz mir schadet. Wie meint er das? Ich verstehe es nicht. Doch, was meinst du, Natascha, soll ich jetzt nicht gleich zu ihm fahren. Sowie es morgen hell wird, komme ich zu dir.“
„Geh nur, geh, mein Lieber. Du hast ganz recht. Und zeige dich ihm noch heute abend, hörst du? Und morgen komme so früh als möglich. Jetzt wirst du mich nicht mehr fünf Tage allein lassen?“ fügte sie schelmisch hinzu, ihn zärtlich ansehend.
Alle waren wir voll stiller, reiner Freude.
„Kommen Sie mit mir, Wanjä?“ fragte Aljoscha, das Zimmer verlassend.
„Nein, er bleibt; wir haben noch miteinander zu reden, Wanjä. Auf morgen früh also.“
„Ja, morgen früh. Na, adieu, Mawra!“ Mawra war in großer Aufregung. Sie hatte gehorcht und alles gehört, was der Fürst gesagt, doch vieles nicht verstanden. Gern wollte sie das nähere erfahren. Doch sah sie jetzt sehr stolz und ernst drein, sie hatte gleichfalls das Bewußtsein, daß sich nun alles ändern würde.
Wir blieben allein. Natascha nahm schweigend meine Hand und blieb stumm, als wüßte sie nicht, womit sie beginnen sollte.
„Ich fühle mich so müde!“ sagte sie endlich mit schwacher Stimme. „Höre, du gehst doch morgen zu ihnen?“
„Selbstverständlich.“
„Mama kannst du es erzählen, ihm aber nicht.“
„Von dir spreche ich ja auch sonst nie mit ihm.“
„Er wird es ja sowieso erfahren. Achte darauf, wie er es aufnehmen wird. Mein Gott, Wanjä! Wird er mich wirklich dieser Ehe wegen verfluchen? Nein, das kann nicht sein!“
„Das wird alles vom Fürsten abhängen,“ beeilte ich mich zu versichern. „Er muß sich mit ihm aussöhnen und dann wird alles anders werden.“
„O, großer Gott! Wenn es möglich wäre, wenn das nur möglich wäre!“ rief sie verzweifelt aus.
„Beunruhige dich nicht, Natascha, alles wird sich jetzt zum besten kehren.“
Sie sah mich forschend an.
„Wanjä, wie denkst du vom Fürsten?“
„Wenn er wirklich aufrichtig gesprochen hat, so ist er meiner Meinung nach ein edler Mensch!“
„Wenn er aufrichtig gesprochen hat? Was willst du damit sagen? Könnte er denn auch unaufrichtig gesprochen haben?“
„Mir scheint es auch so,“ antwortete ich ausweichend. „Also steigen auch in ihr Zweifel auf,“ dachte ich bei mir. „Sonderbar!“
„Du sahst ihn so eigentümlich an ... so beobachtend ...“
„Ja, er schien mir etwas – merkwürdig.“
„Und mir auch. Er spricht so seltsam. – Doch ich bin jetzt müde, mein Lieber. Weißt du? Gehe auch du nach Haus. Und morgen komme von ihnen so bald als möglich zu mir. Du, es lag doch nichts Beleidigendes darin, daß ich ihm sagte, ich wollte ihn schnell lieben lernen?“
„Nein ... wieso Beleidigendes?“
„Und ... auch nichts Dummes? Denn es hieß doch eigentlich, daß ich ihn jetzt noch nicht liebe.“
„Im Gegenteil, das war sehr schön von dir, so naiv und spontan. Du warst so wunderbar in diesem Augenblick! Dumm wäre nur er, wenn er es mit seinem Gesellschaftsempfinden nicht verstünde!“
„Du scheinst ihm nicht gut gesinnt zu sein, Wanjä? Wie schlecht, mißtrauisch und ehrgeizig ich dagegen bin! Lache nicht über mich, du weißt, ich verberge nichts vor dir. Ach, Wanjä, du mein lieber Freund! Wenn ich nun jetzt wieder unglücklich werde, wenn das Leid wieder zu mir kommt, dann wirst du der Einzige sein, der bei mir bleibt! Wodurch habe ich das alles verdient! Verwünsche du mich nie, Wanjä! ...“
Als ich nach Hause zurückgekehrt war, legte ich mich sofort zu Bett. Im Zimmer bei mir war es feucht und dunkel wie in einem Keller. Sonderbare Gedanken und Empfindungen wogten in mir auf und ab, lange konnte ich nicht einschlafen.
Doch, wie muß an diesem Abend jener Mensch gelacht haben, der in seiner luxuriösen Wohnung in weichem Bette ruhig einschlief – wenn er uns überhaupt eines Lächelns würdigte! Wahrscheinlich tat er aber wohl das nicht einmal!
III.
Als ich am andern Morgen um zehn Uhr meine Wohnung verlassen wollte, um nach Wassilij-Ostroff zu Ichmenjeffs zu gehen und von dort zu Natascha, stieß ich an der Tür mit meinem gestrigen Besuch zusammen, der kleinen Enkelin Smitts. Sie hatte zu mir kommen wollen. Ich weiß nicht warum, doch war ich ungemein erfreut darüber. Gestern hatte ich sie mir in der Dunkelheit kaum ansehen können, und jetzt am Tage setzte mich ihr Anblick noch mehr in Erstaunen. Es wäre kaum möglich gewesen, ein eigenartigeres Geschöpf, wenigstens dem Äußeren nach, zu finden. Klein von Wuchs, mit blitzenden, dunklen, nicht russischen Augen, mit dichtem, dunklem, widerspenstigem Haar und mit rätselhaftem, stummem, fast unbeweglichem Blick, hätte es sogar jeden Vorübergehenden fesseln müssen. Besonders aber setzte mich dieser Blick in Erstaunen: in ihm lag so viel Klugheit und ein fast inquisitorisches Mißtrauen. Ihr abgetragenes und schmutziges Kleidchen ähnelte bei Tage gesehen noch mehr einem Lappen. Mir schien es, daß sie an irgend einer inneren Krankheit leiden müßte, die langsam, aber sicher ihren Organismus zerstörte. Ihr bleiches, mageres Gesichtchen hatte einen krankhaften, gelblich braunen Farbenton. Doch ungeachtet ihrer Armut, Verwahrlosung und Verelendung war sie hübsch zu nennen. Sie hatte wundervoll geschwungene Brauen, schön war ihre breite etwas niedrige Stirn, die Lippen waren fein gezeichnet in einem stolzen und kühnen Bogen, doch fast farblos.
„Ah, da bist du ja wieder!“ rief ich. „Nun, ich wußte, daß du wiederkommst. Komm mal herein!“
Sie trat langsam über die Schwelle, ganz wie gestern, und blickte mißtrauisch um sich. Aufmerksam betrachtete sie das Zimmer, in dem ihr Großvater gewohnt hatte, als wollte sie sehen, ob es sich mit dem neuen Einwohner verändert hätte. ‚Gerade wie der Großvater, so ist auch die Enkelin,‘ dachte ich bei mir. ‚Sie scheint ja auch nicht recht bei Sinnen zu sein?‘ Sie schwieg indessen immer noch; ich wartete.
„Die Bücher!“ flüsterte sie endlich, die Augen zu Boden geschlagen.
„Ach, ja! Deine Bücher; da sind sie, da nimm sie! Ich hatte sie für dich aufgehoben.“
Ein neugieriger Blick traf mich und sie verzog ein wenig den Mund, wie zu einem ungläubigen Lächeln. Doch das Lächeln verschwand sofort wieder und verwandelte sich in den früheren, rätselhaften Ausdruck.
„Hat denn Großpapa von mir gesprochen?“ fragte sie plötzlich, mich ironisch vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend.
„Nein, von dir hat er nichts gesagt, aber er ...“
„Aber woher wußten Sie denn, daß ich kommen würde? Wer hat es Ihnen gesagt?“ fragte sie, mich plötzlich unterbrechend.
„Weil es mir unmöglich schien, daß dein Großvater ganz allein, ohne jegliche Hilfe hätte leben können. Er war so alt und schwach, da dachte ich, jemand muß doch für ihn gesorgt haben. Da, nimm deine Bücher. Du hast wohl aus ihnen gelernt?“
„Nein.“
„Wozu brauchtest du sie denn?“
„Großpapa lehrte mich lesen, als ich noch zu ihm kam.“
„Bist du denn später nicht mehr gekommen?“
„Ich bin nicht mehr gekommen ... weil ich krank wurde,“ fügte sie, sich gleichsam entschuldigend, hinzu.
„Hast du denn keine Mutter, keinen Vater?“
Sie zog plötzlich unwillig ihre Brauen zusammen und ein erschreckter Blick traf mich. Sie verstummte wieder vollständig, drehte sich um und ging leise aus dem Zimmer, ohne mich einer Antwort zu würdigen, ganz wie gestern. Ich sah ihr erstaunt nach. Doch auf der Schwelle blieb sie stehen.
„Wie ist er gestorben?“ stieß sie abgebrochen, halb zu mir gekehrt, hervor, mit derselben Bewegung wie gestern, als sie, mit dem Gesicht zur Tür gewandt, nach Asorka fragte.
Ich ging auf sie zu, und erzählte ihr alles in kurzen Worten. Sie verharrte bewegungslos in ihrer Stellung und hörte gespannt zu. Ich sagte ihr auch, daß der Alte sterbend von der sechsten Linie gesprochen hätte.
„Ich erriet sofort,“ fügte ich hinzu, „daß in ihr jemand von den Seinen leben mußte, daher erwartete ich auch, daß man sich bei mir nach ihm erkundigen würde. Sicher hat er dich sehr geliebt, wenn er im letzten Augenblick an dich gedacht hat.“
„Nein,“ flüsterte sie, wie zufällig, „er hat mich nicht geliebt.“
Sie war sehr erregt. Während ich von ihrem Großvater erzählte, beugte ich mich zu ihr hinab, um ihr ins Gesicht zu sehen. Ich bemerkte, welche Anstrengungen sie machte, um ihre Erregung vor mir, aus Stolz, zu verbergen. Sie erbleichte immer mehr und mehr und nagte krampfhaft an ihrer Unterlippe. Doch besonders beunruhigte mich ihr Herzklopfen: ich konnte es auf zwei bis drei Schritte von ihr hören. Ich dachte, sie würde plötzlich in Tränen ausbrechen, wie gestern; aber es geschah nicht.
„Wo ist der Zaun?“
„Welcher Zaun?“
„An welchem er starb.“
„Ich werde ihn dir zeigen ... wenn wir hinausgehen. Höre, wie heißt du?“
„Nicht nötig ...“
„Warum nicht?“
„Nicht nötig; nicht ... ich heiße nicht ...“ sagte sie abgebrochen und schickte sich an fortzugehen. Ich hielt sie zurück.
„Warte doch, sonderbares Kind, du! Ich will dir doch nur Gutes tun; du tust mir leid seit gestern, wie du da in der Ecke weintest. Ich kann gar nicht daran denken ... Dabei ist dein Großvater in meinen Armen gestorben, und dachte sicher dabei an dich, als er mir befahl, in die sechste Linie zu gehen, also hat er dich eigentlich mir überlassen. Ich sehe ihn jedesmal im Traum ... Und die Bücher habe ich für dich aufbewahrt, und du bist so scheu und fürchtest dich vor mir. Du bist sicher ein Waisenkind, sehr arm und vielleicht bei fremden Leuten, ist es so oder nicht?“
Ich sprach eindringlich zu ihr, ich weiß selbst nicht, was mich zu ihr zog. Ich fühlte für sie noch etwas anderes als nur Mitleid. Etwas Geheimnisvolles, das mit Smitt zusammenhing, und meine eigene phantastische Stimmung zog mich zu ihr hin. Meine Worte schienen sie gerührt zu haben. Doch sah sie mich noch immer mißtrauisch an, wenn auch jetzt nicht mehr so finster. Dann blickte sie wieder nachdenklich zu Boden.
„Helene,“ flüsterte sie plötzlich, ganz unerwartet und kaum hörbar.
„Also, Helene heißt du?“
„Ja ...“
„Wirst du mich besuchen?“
„Nein ... ich weiß nicht ... vielleicht,“ flüsterte sie wie im inneren Kampfe.
In diesem Augenblick schlug eine Uhr. Sie zuckte zusammen und mit einem unbeschreiblich qualvollen Ausdruck fragte sie mich immer noch flüsternd:
„Wieviel Uhr ist es?“
„Ich glaube halb elf.“
Sie schrie auf.
„Gott im Himmel!“ rief sie erschreckt aus und stürzte zur Tür hinaus. Doch erhaschte ich sie noch im Flur.
„Ich werde dich nicht so fortlassen,“ sagte ich zu ihr. „Wen fürchtest du? Warum hast du dich verspätet? Wohin mußt du?“
„Ich bin heimlich davongelaufen! Lassen Sie mich! Sie wird mich schlagen,“ rief sie zitternd vor Angst, sich aus meinen Händen befreiend.
„Höre mich an, steh’ still; du mußt nach Wassilij-Ostroff, auch ich muß dahin. Ich habe mich gleichfalls verspätet und werde mir eine Droschke nehmen. Du fährst einfach mit mir. Ich nehme dich mit, dann kommst du schneller hin, als zu Fuß ...“
„Zu mir kann man nicht, kann man nicht kommen,“ schrie sie in noch größerer Angst. Ihre Züge verzerrten sich bei dem für sie fürchterlichen Gedanken, ich könnte dahin kommen, wo sie lebte.
„Ich habe dir doch gesagt, daß ich in die dreizehnte Linie muß, in meiner eigenen Angelegenheit, und durchaus nicht zu dir kommen will! Mit der Droschke geht es schneller. Fahren wir!“
Wir liefen beide die Treppe hinunter. Ich nahm die erste beste Droschke, die vor Alter in allen Fugen krachte. Sie mußte es wohl sehr eilig haben, da sie einwilligte, mitzufahren. Das allerrätselhafteste war, daß ich sie nicht einmal zu fragen wagte. Sie winkte mir sofort mit den Händen ab und war gleich bereit, aus der Droschke zu springen, als ich sie nur danach fragte, wen sie doch zu Hause so fürchte? „Was ist denn das für ein Geheimnis?“ dachte ich.
Im Wagen saß sie äußerst unbequem. Bei jedem Stoß griff sie mit ihrer kleinen, schmutzigen Hand nach meinem Paletot. In der anderen Hand hielt sie ihre Bücher, fest an die Brust gedrückt, man sah daraus, wie teuer ihr diese Bücher waren. Als sie sich wieder einmal zurechtsetzte, sah ich zu meinem größten Erstaunen, daß ihre Füße ohne Strümpfe in zerrissenen Stiefeln staken. Obgleich ich beschlossen hatte, sie um nichts mehr zu fragen, so konnte ich mich doch nicht enthalten, etwas zu bemerken:
„Hast du wirklich keine Strümpfe an?“ fragte ich sie. „Wie kann man barfuß bei solcher Feuchtigkeit und Kälte gehen?“
„Nein,“ antwortete sie kurz abgebrochen.
„Mein Gott, du lebst doch bei irgend jemandem, konntest du dir denn nicht Strümpfe verschaffen, wenn du schon ausgehen mußtest.“
„Nein.“
„Du konntest dich doch erkälten und sterben!“
„Um so besser.“
Sie wollte nicht antworten, wie es schien; meine Fragen ärgerten sie offenbar sehr.
„Hier ist er gestorben,“ sagte ich, und zeigte ihr das Haus, wo der Alte verendet war.
Sie sah aufmerksam hin, und plötzlich wandte sie sich an mich mit der Bitte:
„Um Gottes willen, kommen Sie nicht zu mir. Ich werde zu Ihnen kommen; wenn es mir nur möglich sein wird, werde ich kommen!“
„Schön, ich habe es dir doch schon versprochen, nicht zu kommen. Doch wen oder was fürchtest du so? Du quälst dich furchtbar, es tut mir leid, dich anzusehen ...“
„Ich fürchte niemanden,“ antwortete sie in gereiztem Tone.
„Doch vorhin sagtest du: sie wird dich schlagen!“
„Soll sie es doch!“ antwortete sie und ihre Augen blitzten. „Soll sie es doch!“ rief sie bitter aus und ihre Oberlippe zitterte leise und verächtlich.
Endlich langten wir auf Wassilij-Ostroff an. Sie befahl dem Kutscher, an der sechsten Linie zu halten, sprang dann aus dem Wagen und sah sich scheu um.
„Fahren Sie weiter; ich werde kommen, ich werde kommen!“ wiederholte sie in großer Aufregung und bat mich flehentlich, ihr nicht zu folgen. „Fahren Sie weiter, schneller, schneller!“
Ich fuhr weiter, sprang aber, als ich eine kurze Strecke am Kai entlang gefahren war, aus der Droschke und bog in die sechste Linie ein, wo ich ihr auf der anderen Seite folgte. Ich sah sie sofort, sie war noch nicht weit gegangen, obgleich sie fast lief und sich dabei immer umsah; einmal blieb sie sogar stehen, um besser sehen zu können ob ich ihr folge oder nicht? Ich bog sofort in ein Hoftor ein. Sie hatte mich nicht bemerkt. Sie ging weiter, ich folgte ihr auf der anderen Seite.
Meine Neugierde war im höchsten Grade angeregt. Obgleich ich beschlossen hatte, ihr nicht in das Haus selbst zu folgen, so wollte ich doch wenigstens wissen, in welchem Hause sie wohnte ... auf alle Fälle. Ich stand unter dem Eindruck eines schweren und sonderbaren Gefühls, das ganz ähnlich dem Gefühle war, als damals in der Konditorei Asorka plötzlich verendet war.
IV.
So waren wir bis zum kleinen Prospekt gekommen, sie fast laufend, bis sie endlich in einen Laden trat. Ich blieb stehen und wartete auf sie. „Sie wird doch in keinem Laden leben,“ dachte ich.
Und so war es auch. Schon nach einer Minute kam sie wieder heraus und statt der Bücher hielt sie jetzt eine irdene Schale in der Hand. Nach ein paar Schritten trat sie in das Hoftor eines unansehnlichen, alten zweistöckigen schmutziggelben Hauses. Aus einem der drei Fenster des Hauses am unteren Stockwerk hing ein kleiner rotangestrichener Sarg – das Zeichen eines Sargmachers. Die Fenster des oberen Stockwerkes waren außergewöhnlich klein und viereckig mit grünen, geplatzten Scheiben, durch die rosabaumwollene Vorhänge schienen. Ich ging über die Straße auf das Haus zu und las über dem Hoftor auf dem Blechschild die Inschrift „Haus der Kleinbürgerin Bubnowa.“
Doch kaum hatte ich die Inschrift gelesen, als man plötzlich auf dem Hofe der Bubnowa eine hohe weibliche Stimme schreien und schimpfen hörte. Ich blickte durchs Tor. Auf den Stufen einer Holztreppe stand ein dickes Weib, wie eine Kleinbürgersfrau gekleidet, die um den Kopf einen grünen Schal trug. Ihr Gesicht war von widerwärtiger rotblauer Farbe, ihre kleinen, blutunterlaufenen Augen blitzten vor Wut. Man sah es ihr an, daß sie, trotz der frühen Stunde, nicht mehr ganz nüchtern war. Sie fuhr auf die arme Helene los, die mit der Schale in den Händen bewegungslos vor ihr stand. Oben auf der Treppe hinter dem Rücken der Alten, stand eine zerzauste, weißgepuderte und rotgeschminkte Frauensperson. Kurz darauf öffnete sich die Tür zum unteren Stockwerk, und es erschien, wahrscheinlich durch das Geschrei herbeigerufen, eine ärmlich gekleidete Frau in mittleren Jahren von bescheidenem und angenehmem Äußern. Durch die halbgeöffnete Tür des unteren Stockwerkes lugten noch Köpfe anderer Einwohner hervor, ein alter Mann und ein kleines Mädchen. Mitten auf dem Hofe stand mit dem Besen in der Hand ein kräftiger Bursche, wahrscheinlich der Hausknecht, der sich faul die Szene ansah.
„Ach, du verfluchtes Ding, du Blutsaugerin, du ...“ schrie die Alte einen ganzen Schwall von Schimpfwörtern auf einmal heraus, ohne Unterbrechung und Überlegung, so daß ihr der Atem ausging. „So lohnst du mir, du Kröte! Nach Gurken habe ich sie geschickt, sie aber treibt sich herum! Mein Herz fühlte es, als ich sie ausschickte. Es nagte und nagte in mir! Gestern abend habe ich sie noch durchgeprügelt, heute läuft sie wieder davon! Wo bist du gewesen, du Herumtreiberin, wo?! ... Zu wem gehst du, verfluchte Hexe, du schiefäugiges Scheusal, du Giftkröte, zu wem? Sprich, du Lausmamsell, oder ich erwürge dich!“
Und das wutschnaubende Weib stürzte sich auf die arme Kleine, als sie aber die andere Frau an der Treppe erblickte, hielt sie plötzlich inne, schrie jedoch jetzt noch mehr als vorher und fuchtelte mit den Händen, als wollte sie die Frau zur Zeugin des furchtbaren Verbrechens machen, das ihr armes Opfer begangen.
„Die Mutter hat sie verloren! Ihr wißt alle, daß sie ganz allein auf der Welt geblieben ist. Haben selbst nichts zu essen, dachte aber bei mir, du bringst dem heiligen Nikolai ein Opfer und nimmst die Waise auf. Was aber glaubt ihr wohl? Zwei Monate lang unterhalte ich sie schon, doch in diesen zwei Monaten hat sie mir wahrhaftig das Blut ausgesogen, mir das Fleisch abgenagt, Blutegel! Verstockter Satan, du! Sie schweigt, ich schlage sie, stoße sie, sie schweigt immer; als hätte sie Wasser im Munde – so schweigt sie. Das Herz zerreißt sie mir – aber sie schweigt! Sag’, wofür hältst du dich denn eigentlich, du Grasaffe? Ohne mich würdest du auf der Straße vor Hunger gestorben sein. Meine Füße müßtest du mir waschen, du Wurm. Steif und kalt wärest du jetzt ohne mich!“
„Was tun Sie, Anna Trifonowna, warum ärgern Sie sich so sehr? Was hat sie denn verbrochen?“ fragte ehrfurchtsvoll die Frau, an die sich die wütende Megäre richtete.
„Warum, gute Frau, warum? Ich will es nicht, daß man gegen meinen Willen handelt! Sie hätte mich heute fast ins Grab gebracht! Habe sie nach Gurken in den Laden geschickt und sie ist erst nach drei Stunden zurückgekehrt! Mein Herz fühlte es, als ich sie schickte, es nagte in mir, es nagte! Wo war sie? Zu wem geht sie? Wen hat sie um Schutz gebeten? Bin ich nicht ihre Wohltäterin? Vierzehn Silberrubel schuldete mir ihre Mutter, habe sie auf meine Rechnung beerdigt, und ihren Grasteufel zur Erziehung angenommen, meine Liebe, das weißt du doch selbst alles! Habe ich nun nicht ein Recht auf sie? Wenn sie das anerkennen würde, so aber handelt sie gegen mich! Ich habe ihr Glück gewollt. Habe ihr ein weißes Musselinkleidchen und Schuhe gekauft und sie wie Feiertags angezogen! Und was glaubt ihr wohl, meine guten Leute! In zwei Tagen hat sie das ganze Kleid zerrissen, in Stücke zerrissen, und geht lieber in Lumpen! Und was glaubt ihr wohl, mit Absicht hat sie es zerrissen – ich will nicht lügen, habe es selbst gesehen. Da ging mir die Seele über, da habe ich sie blaugeschlagen, mußte aber dafür später den Arzt herbeiholen und ihn bezahlen. Dich plattdrücken müßte man, dich, du Ungeziefer, – dir eine Woche lang nichts zu essen geben. Die Fußböden hat sie zur Strafe waschen müssen! Und was glaubt ihr wohl: sie wäscht sie, wäscht und wäscht! Mir will das Herz platzen – sie wäscht! Nun denke ich: Die wird mir fortlaufen! Kaum hatte ich es gedacht, da war sie mir auch schon fortgelaufen! Ihr habt es selbst gehört, wie ich sie gestern dafür geschlagen habe, meine Hände schmerzten mir davon, nahm ihr die Strümpfe fort, die Stiefel – sie wird doch nicht barfuß gehen, denke ich, sie aber ist auch heute dorthin gelaufen! Wo warst du? Sprich? Bei wem hast du dich über mich beklagt? Sprich? Bummlerin, du Larvenfratz, sprich?“
Sinnlos vor Wut stürzte sie sich auf das vor Angst ganz erstarrte Kind, packte es an den Haaren und warf es zu Boden. Die Schale mit den Gurken flog zur Seite und zerschlug; das vergrößerte natürlich noch die Wut der betrunkenen Megäre. Sie schlug ihr Opfer ins Gesicht, auf den Kopf; Helene aber schwieg hartnäckig und gab keinen Laut von sich, keine Klage wurde laut. Ich stürzte auf den Hof und auf das betrunkene Weib zu.
„Was tun Sie? Wie wagen Sie eine arme Waise so zu behandeln!“ rief ich, die Furie am Arm packend.
„Was soll denn das bedeuten! Wer bist du denn eigentlich?“ keifte sie mich an, sie ließ von Helene ab und stützte ihre Arme in die Hüften. „Was haben Sie in meinem Hause zu suchen?“
„Sie Unbarmherzige!“ schrie ich sie an. „Wie wagen Sie es, ein armes Kind so zu peinigen? Sie gehört Ihnen nicht; ich habe es selbst gehört, daß sie eine Angenommene, eine arme Waise ist ...“
„Jesus Christus!“ brüllte die Furie. „Was hast du dich da herein zu mischen! Bist du etwa mit ihr gekommen, wie? Ich werde gleich die Polizei benachrichtigen! Andrej Timofejewitsch selbst ist mein bester Freund! Was, ist sie bei dir gewesen? Wer bist du eigentlich? Wie wagst du in ein fremdes Haus zu kommen?!“
Und sie stürzte sich mit ihren Fäusten auf mich. Doch in dem Augenblick ertönte ein scharfer, unmenschlicher Schrei. Ich sah mich um und erblickte Helene besinnungslos und in konvulsivischen Krämpfen auf der Erde. Ihr ganzes Gesicht hatte sich verzerrt, schreckliche Schreie stieß sie aus. Es war ein Anfall von Fallsucht. Die geschminkte Dirne und die einfache Frau hoben sie auf und trugen sie hinauf.
„Krepieren sollst du, Verfluchte!“ schrie ihr keifend die Alte nach. „Schon den dritten Anfall im Monat ... Fort mit dir!“ Sie stürzte sich wieder auf mich.
„Was stehst du da, Mensch? Wofür kriegst du deinen Lohn?“
„Mach, daß du fortkommst! Willst wohl, daß ich dich am Kragen nehme,“ brummte faul der Hausknecht, nur der Form wegen. „Ein Dritter soll sich nie einmischen. Mach, daß du fortkommst und hinaus mit dir!“
Es blieb mir nichts anderes übrig, ich verließ den Hof mit der vollen Überzeugung, daß ich hier nichts ausgerichtet hatte. Doch kochte die Wut in mir. Ich blieb am Hoftor stehen und blickte zurück. Die Alte war ins Haus gegangen, auch der Hausknecht war nicht mehr zu sehen. Gleich darauf erschien die Frau, die Helene hinaufgetragen, und eilte die Treppe hinunter. Als sie mich erblickte, blieb sie stehen und betrachtete mich mit Neugierde. Ihr gutes, stilles Gesicht flößte mir Mut ein. Ich ging zurück in den Hof, gerade auf sie zu.
„Erlauben Sie eine Frage,“ begann ich, „wer ist dieses Kind, und wer diese scheußliche Alte? Glauben Sie nicht, daß ich nur aus Neugierde frage. Diesem Kinde bin ich begegnet und es interessiert mich.“
„Wenn Sie sich für das Kind interessieren, so wäre es besser, Sie nähmen es zu sich oder suchten ihm einen Platz, als daß es hier umkäme,“ sagte die Frau etwas gezwungen und schickte sich an, fortzugehen.
„Wenn Sie mir aber nichts Näheres sagen wollen, was soll ich denn tun? Ich kenne die Verhältnisse hier nicht. Das war wohl die Bubnowa selbst, die Wirtin des Hauses?“
„Ja, das war sie selbst.“
„Wie ist sie denn zu dem Kinde gekommen? Ist die Mutter des Kindes hier gestorben?“
„Wie sie dazu gekommen ... Das ist nicht unsere Sache.“
Und sie wollte wieder fort.
„So tun Sie mir doch den Gefallen; ich sage Ihnen doch, daß es mich sehr interessiert. Ich bin vielleicht imstande, hier etwas zu tun. Wer ist dieses Kind? Wer war ihre Mutter, – wissen Sie es?“
„Ausländer waren es, Angereiste; lebten bei uns unten; sie war so krank und starb an der Schwindsucht.“
„Sie muß wohl sehr arm gewesen sein, wenn sie unten in einem Winkel lebte?“
„Ach, so arm! Das Herz schnürte sich zusammen. Wir haben selbst kaum zu essen, doch blieb sie auch uns die sechs Rubel schuldig in den fünf Monaten, die sie bei uns lebte. Wir haben sie beerdigt, mein Mann hat ihr den Sarg gemacht.“
„Die Bubnowa sagte doch, sie hätte sie beerdigt?“
„Keineswegs!“
„Wie hieß sie denn?“
„Ich kann das nicht aussprechen. So ein fremder deutscher Name.“
„Smitt?“
„Nein, nicht ganz so. Anna Trifonowna hat die Waise zu sich genommen zur Erziehung, wie sie sagt. Doch ist dabei nichts Gutes zu erwarten ...“
„Wahrscheinlich zu einem gewissen Zweck?“
„Zu nichts Gutem,“ antwortete die Frau, nachdenklich und zögernd. „Doch was geht es uns an ...“
„Du solltest besser deinen Mund halten!“ ertönte hinter uns eine Männerstimme.
Es war ihr Mann, ein Mensch in mittleren Jahren, in einem langen Kaftan gekleidet, ein Kleinbürger und Tischlermeister.
„He, Väterchen, wir haben Ihnen nichts zu sagen: das ist nicht unsere Sache ...“ brummte er, mich mißtrauisch von der Seite ansehend. „Und du, mach daß du fortkommst! Leben Sie wohl, mein Herr, ich bin Sargmacher. Wenn Sie einen Sarg brauchen, stehe ich zu Diensten ... sonst aber haben wir nichts mit Ihnen zu tun ...“
Nachdenklich und in tiefer Erregung verließ ich das Haus. Tun konnte ich hier jetzt nichts, doch fiel es mir schwer, zu gehen. Die wenigen Worte der stillen Frau hatten mich tief erschüttert. Daß hier etwas Schlechtes vor sich ging, das fühlte ich deutlich.
Mit gesenktem Kopf ging ich nachdenklich die Straße entlang, als plötzlich eine laute Stimme meinen Namen rief. Als ich aufblickte, steht vor mir ein berauschter, fast schwankender Mensch, ganz sauber angezogen, aber in schlechtem Mantel und schäbiger Mütze. Mir schien sein Gesicht bekannt. Ich sah ihn schärfer an. Er blinzelte mir zu und lächelte.
„Er kennt mich nicht?“
V.
„Ah! Das bist du, Masslobojeff!“ rief ich, in ihm plötzlich einen Schulkameraden aus der Provinz erkennend. „Das ist mal eine Begegnung!“
„Ja, sechs Jahre haben wir uns nicht gesehen. Das heißt, begegnet sind wir uns schon öfter, aber Eure Hochwohlgeboren haben nicht geruht, mich eines Blickes zu würdigen. Sie gehören doch jetzt zu den Literaturgenerälen, ja–a ...“
Er lächelte ironisch.
„Nun, Freund Masslobojeff, du lügst einfach,“ unterbrach ich ihn. „Erstens gibt es in der Literatur keine Generäle und die würden außerdem nicht so aussehen wie ich, und zweitens laß dir sagen, daß ich dir ein paarmal auf der Straße begegnet bin, aber du schienst mir selbst aus dem Wege zu gehen – sollte ich dir da noch nachlaufen? Und weißt du, was ich glaube? Wenn du nicht soeben einen Rausch hättest, so würdest du mich auch heute nicht angeredet haben. Stimmt, nicht? Nun, wie geht es dir? Ich bin sehr froh, lieber Freund, daß ich dir begegnet bin.“
„Wirklich? Aber kompromittiere ich dich nicht durch ... mein Äußeres, sozusagen? Doch jetzt lohnt es sich nicht mehr, danach zu fragen: ich denke, Bruder, immer daran, was du für ein guter Kamerad warst. Dich hat man einmal meinetwegen durchgeprügelt. Du schwiegst aber und verrietest mich nicht, und statt dir zu danken, habe ich dich noch eine ganze Woche lang gefoppt. Du gute Seele! Umarmen wir uns! Wieviel Jahre schlage ich mich schon – Tag und Nacht – allein durch die Welt, doch habe ich das alte nie vergessen. So etwas vergißt man nie! Und du, was machst du? ...“
„Ja, und ich, ich tue dasselbe ...“
Er sah mich lange an, mit dem rührseligen Blick eines betrunkenen Menschen. Im übrigen war er ein guter Kerl.
„Nein, Wanjä, du bist nicht wie ich,“ sagte er endlich in tragischem Ton. „Ich habe doch gelesen, Wanjä, gelesen! ... Höre mich an: sprechen wir aufrichtig und von Herzen! Hast du Eile!?“
„Ich habe allerdings Eile; und ich muß dir gestehen, daß mich etwas ungemein beschäftigt. Sage mir besser, wo du wohnst?“
„Ich werde es dir gleich sagen. Doch das ist nicht besser. Soll ich dir aber sagen, was besser ist?“
„Nun, was?“
„Siehst du dort?“ Und er wies auf ein Schild, zehn Schritt von uns entfernt, „siehst du: Konditorei und Restaurant, das ist ein guter Ort. Ich sage dir, es ist ein gutes Lokal, und der Schnaps – es gibt nichts Besseres! Mir Schlechtes vorzusetzen, das wagt man nicht so leicht. Man kennt Filipp Filippytsch. Ich heiße so, Filipp Filippytsch! Wie, genierst du dich? Laß mich zu Ende reden. Jetzt ist es gleich ein Viertel nach elf, in einer Viertelstunde gebe ich dich wieder frei. Zwanzig Minuten kann man einem alten Freunde doch schenken, nicht?“
„Wenn es nur zwanzig Minuten sind – gut; denn, liebe Seele, ich schwöre dir, ich kann nicht ...“
„Nun, wenn es geht, dann komme. Aber vor allem muß ich dir sagen, daß dein Gesicht keinen guten – na ... Ausdruck hat, hast du dich etwa geärgert, wie?“
„Ja, du hast recht.“
„Das habe ich doch sofort erraten. Ich habe mich jetzt, Bruder, auf die Physiognomik gelegt, das ist auch eine Beschäftigung. Nun, gehen wir, reden wir miteinander. In zwanzig Minuten habe ich Zeit, mir einen ‚Admiral‘ in die Kehle zu gießen, das heißt einen Birken-, dann einen Pomeranzenschnaps und darauf einen parfait-amour und zu guter Letzt wird sich schon auch noch was anderes finden. Ich trinke viel, Bruder! Nur an den Feiertagen, vor dem Gottesdienst bin ich nüchtern. Du halte es, wie du willst. Ich brauche nur dich. Trinkst du auch, – willst du mir diese Ehre erweisen, so komm! Wechseln wir ein paar Worte, und dann gehen wir wieder auseinander, vielleicht – auf zehn Jahre. Ich passe ja doch nicht zu dir, Wanjä!“
„Rede nicht so viel, gehen wir lieber. Wie gesagt, zwanzig Minuten und dann ...“
Zum Restaurant führte eine Holztreppe in die zweite Etage. Auf der Treppe begegneten wir zwei ganz betrunkenen Herrn. Als sie uns erblickten, machten sie nur wankend Platz.
Einer von ihnen war ein noch ganz junger Mensch, bartlos und mit einem ganz leichten Anflug von Schnurrbart und mit einem besonders dummen Gesichtsausdruck. Angezogen war er ungemein komisch, wie ein Modegeck, doch zugleich war es, als stecke er in einem ihm fremden Anzug. Ringe trug er an den Fingern und eine kostbare Busennadel trug er im Halstuch. Er hatte einen Scheitel, der seinen dummen Gesichtsausdruck noch erhöhte und lächelte und kicherte ununterbrochen. Der andere war ein Mann schon von fünfzig Jahren, dick und aufgedunsen, nachlässig gekleidet, kahlköpfig, doch trug auch er eine kostbare Nadel im Halstuch. Der Ausdruck seines Gesichts war sinnlich und roh, seine bösen, mißtrauischen, kleinen Augen schwammen im Fett und blickten wie aus ein paar Spalten. Beide schienen Masslobojeff zu kennen. Der Ältere verzog bei der Begegnung mit uns sein Gesicht zur Grimasse und der andere lächelte widerlich-süßlich – er lüftete seine Mütze.
„Entschuldigen Sie, Filipp Filippytsch,“ murmelte er, ihn süßlich ansehend.
„Was wünschen Sie?“
„Verzeihung, dort sitzt Mitroschka. Ihrer Meinung nach, Filipp Filippytsch, ist er jetzt ein Schuft.“
„Was wollen Sie damit sagen?“
„Nur so ... Ihm aber (er wies mit dem Kopf auf seinen Kumpan) hat man in der vorigen Woche auf Mitroschkas Veranlassung an einem gewissen unanständigen Ort das ganze Gesicht mit Sahne eingeschmiert ... khi!“
Der Dicke stieß ihn ärgerlich mit dem Ellenbogen.
„Würden Sie nicht mit uns, Filipp Filippytsch, wieder mal ein halbes Dutzend trinken, können wir darauf hoffen?“
„Nein, das ist jetzt nicht möglich,“ antwortete Masslobojeff. „Ich habe jetzt zu tun.“
„Kchi! Auch ich habe mit Ihnen eine Angelegenheit zu besprechen.“
Der andere stieß ihn wieder mit dem Ellbogen.
„Nachher, ein anderes Mal!“
Masslobojeff bemühte sich augenscheinlich, sie nicht anzusehen. Als wir in den ersten Raum eintraten, in dem sich ein reich beladenes Büfett befand, brachte mich Masslobojeff sofort in eine Ecke und sagte zu mir:
„Dieser junge Mensch ist ein Sohn Ssisobrjuchoffs, eines reichen Kaufmanns, der jetzt nach dem Tode des Vaters dessen Millionen durchbringt. Er war jüngst in Paris und hat dort sein halbes Vermögen vergeudet, nach einem Jahr wird er auf der Straße sein. Dumm ist er wie eine Gans. – Manchmal verkehrt er nur in den besten Restaurants, dann wieder in Kellern und Kabacken, mit Schauspielerinnen ... jetzt will er zu den Husaren – hat eine Bittschrift eingereicht. Der andere, alter Lebemann, – Archipoff, ist auch Kaufmann oder Verwalter, eine echte Bestie und ein Schelm, jetzt gut Freund mit Ssisobrjuchoff, Judas und Falstaff in einem, ein doppelter, falscher Bankrotteur und sinnlicher Wurm. Ich weiß von ihm eine Sache ... Es freut mich, daß ich ihm hier begegnet bin; ich hatte darauf gewartet ... Archipoff plündert natürlich den Ssisobrjuchoff. Er weiß und kennt alle Spelunken. Darum ist er für diesen Jüngling ein sehr genehmer Kumpan. Ich, Bruder, lauere ihm schon lange auf, auch Mitroschka, dieser junge Mensch dort in reicher Kleidung – der dort am Fenster steht mit dem Zigeunergesicht. Er handelt mit Pferden und ist mit allen Husaren bekannt. Ich sage dir, das ist ein solcher Betrüger, vor deinen Augen wird er Papiere fälschen, du siehst es mit eigenen Augen und glaubst ihm doch. Er geht jetzt im Samtkaftan, wie ein Slawophile; (der steht ihm aber fein) zieh ihm aber einen Frack an oder etwas Ähnliches und gehe mit ihm in den englischen Klub und sage von ihm, das ist, sagen wir, ein Graf Barabanoff, so wird man ihn dort tatsächlich für einen Grafen halten: er wird Whist spielen und sich wie ein Graf benehmen und keiner wird den Betrug bemerken. Schade, er wird sicher schlecht enden. Nun also, dieser Mitroschka ist auf den Dicken wütend, weil es ihm jetzt etwas faul geht und der Alte ihm Ssisobrjuchoff, seinen früheren Kameraden, abspenstig gemacht hat, noch bevor dieser ihm das Fell über die Ohren ziehen konnte. Wenn sie hier alle drei zusammen gewesen sind, dann haben sie wieder mal ein Stückchen vor. Ich weiß sogar, um was es sich handelt, denn Mitroschka hat mich davon unterrichtet, weshalb Archipoff und Ssisobrjuchoff sich hier herumtreiben. Eine Gemeinheit ist es. Ich will diese Gelegenheit ausnutzen und habe meine Gründe dazu. Mitroschka soll nichts davon bemerken, sieh nicht zu ihm hinüber, bitte. Wenn wir fortgehen werden, wird er wohl selbst zu mir kommen und mir das Nötige sagen ... Doch jetzt gehen wir ins andere Zimmer, Wanjä! Stepan,“ wandte er sich an den Kellner, „du weißt, was ich wünsche.“
„Ich verstehe.“
„Und wirst du mich befriedigen?“
„Ich werde Sie befriedigen!“
„Nun, so tu es! Setze dich, Wanjä. Warum siehst du mich so an? Ich habe schon lange bemerkt, daß du mich sonderbar ansiehst. Wundere dich nicht, mein Lieber. Alles kann einem Menschen passieren, auch, was ihm nie geträumt, und besonders nicht damals ... als wir den Kornelius Nepos studierten. Doch glaube mir, Wanjä, wenn Masslobojeff auch vom Wege abgeraten ist, sein Herz ist doch dasselbe geblieben ... Nur die Verhältnisse haben sich geändert. Wenn ich selbst auch nichts vorstelle, Schaden bringe ich niemandem. Zuerst wollte ich Arzt werden, dann unter die Lehrer gehen, habe sogar einen Artikel über Gogol geschrieben, dann wollte ich Goldarbeiter werden, mich verheiraten – sie willigte ein, obgleich ich nichts besaß. Zur Trauungszeremonie hatte ich mir schon Stiefel gepumpt, meine eigenen waren voll Löcher ... Doch kam es nicht dazu. Sie wurde die Frau eines Lehrers, ich ging in ein Kontor. Da entstand eine ganze Musik, und, wenn ich auch keine Stellung mehr habe, so verdiene ich mir doch genügend Geld: ich lasse mir nämlich Sporteln zahlen und zeuge für die Wahrheit auf Erden. Vor dem Dummkopf bin ich der Gerechte, und vor dem Gerechten bin ich der Dummkopf. Die Regel kenne ich jetzt, ein Krieger im Felde macht keinen Krieg aus. Meine Arbeit ist mehr eine unsichtbare ... Du begreifst?“
„Du bist doch nicht am Ende ein Polizeispitzel?“
„Nein, das bin ich nicht, doch gebe ich mich mit manchen Sachen ab, zum Teil offiziell, zum Teil aus Liebe zum Beruf. Siehst du, Wanjä, ich bin ein Trinker. Da ich aber niemals meinen Kopf vertrinke, so bin ich mir meiner Zukunft bewußt. Meine Zeit ist dahin, einen Mohren wirst du nicht weiß waschen. Eins nur muß ich sagen, wenn sich nicht in mir noch etwas Menschliches regte, so wäre ich heute nicht zu dir gekommen, Wanjä. Du hast recht, wenn ich dich auch schon des öfteren gesehen, so wagte ich doch nicht, dich anzureden, ich schob es immer auf. Ich bin deiner nicht wert. Und die Wahrheit zu gestehen, Wanjä, ich tat es auch heute nur, weil ich nicht nüchtern war. Doch alles das ist Unsinn, was ich rede, – sprechen wir lieber von dir. Nun, mein Lieber, ich hab’s gelesen. Ich, mein Freund, spreche von deinem Erstgeborenen. Als ich’s gelesen hatte, Bruder, wollte ich beinah ein anständiger Mensch werden! Doch habe ich es bald wieder aufgeben müssen. So ist es ...“
Und in dieser Weise redete er noch eine ganze Weile und wurde immer mehr und mehr betrunken. Zuletzt war er bis zu Tränen gerührt. Masslobojeff war immer ein guter Bursch gewesen, doch leider über seine moralischen Kräfte hinaus entwickelt; schlau, hinterlistig, verschmitzt schon von Kindheit an, war er doch im Grunde genommen ein guter Mensch – ein verlorener Mensch. Solcher Typen gibt es viele unter uns Russen. Gewöhnlich sind sie außerordentlich begabt, doch verwirrt sich die Welt in ihnen, und sie sind zu charakterlos, um nach ihrem Gewissen zu handeln. Meistenteils verkommen sie, und meistens wissen sie es selbst, daß sie zugrunde gehen. Masslobojeff zum Beispiel ging mit Bewußtsein am Schnaps zugrunde.
„Höre mich an, mein Freund, noch ein Wort,“ fuhr er fort. „Auch ich erlebte es, wie dein Ruhm zuerst wuchs; habe alle deine Kritiken gelesen; (ich habe sie wirklich gelesen; du glaubst wohl, ich lese nicht) begegnete dir darauf, du warst in schlechten Stiefeln, ohne Galoschen im Schmutz, mit altem Hut. Nun, dachte ich, so geht er unter die Journalisten?“
„Ja, Masslobojeff.“
„Also, ein Postgaul bist du geworden?“
„So etwas Ähnliches.“
„Nun, darauf will ich dir erwidern, Bruder: Trinker ist besser! Sieh, ich betrinke mich, lege mich in meinem Zimmer auf den Diwan (ich habe einen schönen, weichen Sprungfederdiwan) und denke mir, daß ich irgendein Homer oder Dante bin, oder auch Friedrich Barbarossa – denn vorstellen kann man sich ja alles. Du aber darfst dir nicht vorstellen, daß du Homer oder Dante bist, denn du willst du selbst sein und alles ‚wollen‘ ist dir verboten; du bist ein bezahlter Postgaul. Ich lebe in der Einbildung, du in der Wirklichkeit. Höre, seien wir aufrichtig – brauchst du Geld? Ich habe Geld. Mache keine Grimassen. Nimm das Geld und kaufe dich los von deinen Verlegern, wirf die Fesseln ab, befreie dich für ein ganzes Jahr, um deiner Lieblingsidee zu leben, schaffe eine große Sache! Wie? Was meinst du?“
„Höre, Masslobojeff! Dein freundschaftliches Anerbieten schätze ich sehr, doch kann ich dir jetzt noch nichts Bestimmtes darauf antworten – warum – davon ein anderes Mal. Es gibt da gewisse Umstände. Ich danke dir für deinen Vorschlag, ich verspreche dir, noch einmal darauf zurückzukommen. Doch handelt es sich jetzt um etwas anderes, du bist zu mir aufrichtig gewesen, darum habe ich mich entschlossen, auch dich um Rat zu bitten, um so mehr, da du, wie es scheint, in diesen Sachen sehr bewandert bist.“
Und ich erzählte ihm die ganze Geschichte von Smitt und seiner Enkelin. Sonderbar: an seinen Augen glaubte ich zu bemerken, daß ihm der Vorfall nicht ganz unbekannt war. Ich fragte ihn darnach.
„Ich habe,“ antwortete er, „nur vom Tode eines alten Smitt in einer Konditorei gehört. Doch Madame Bubnowa kenne ich ganz genau. Von dieser Dame habe ich schon vor zwei Monaten Sporteln genommen. Je prends mon bien où je le trouve, in der Beziehung bin ich ganz wie Molière. Obgleich ich ihr damals schon hundert Rubel abgenommen habe, so habe ich mir doch das Wort gegeben, von ihr noch weitere fünfhundert Rubel zu erpressen. Ein schlechtes Weib das. Handelt mit unlauteren Sachen. Dabei wäre ja nichts, wenn sie es nur nicht zu toll triebe. Halte mich, bitte, nicht für einen Don Quichotte. Die Sache kann mir gelingen. Als ich nämlich Ssisobrjuchoff hier vor einer halben Stunde antraf, war ich sehr zufrieden. Ssisobrjuchoff hat sicher der alte Archipoff hierhergeschleppt, und da ich weiß, mit welchen Dingen Archipoff handelt, so schließe ich daraus ... Na, ich werde ihn schon kriegen! Ich bin sehr froh, daß ich etwas über das kleine Mädchen erfahren habe; jetzt bin ich auf eine Spur gekommen. Ich, Bruder, habe die verschiedensten Privataufträge, und du glaubst nicht, mit welchen hochstehenden Leuten ich bekannt bin! Unlängst habe ich in Sachen eines Fürsten nachgespürt, ich sage dir – eine Affäre, die man von einem Fürsten nicht erwarten kann. Oder, soll ich dir noch eine andere Geschichte erzählen? Du, Bruder, komme mal zu mir, ich kann dir Sachen erzählen, die man erdichtet, aber nicht für wahr hält ...“
„Wie lautet der Name des Fürsten?“ unterbrach ich ihn ahnungsvoll.
„Wozu willst du’s wissen? Walkowskij.“
„Pjotr?“
„Ja. Kennst du ihn?“
„Ja, ich kenne ihn, doch nur so ein wenig. Nun, Masslobojeff, wegen dieses Herrn werde ich des öfteren zu dir kommen,“ sagte ich, mich erhebend, „jetzt hast du meine Neugierde erregt.“
„Siehst du, alter Freund, du kannst mich ausforschen, so viel du willst. Und viel kann ich dir erzählen, doch nur bis zu einer gewissen Grenze, verstehst du? Denn Kredit und Ehre darf ich in meinem Beruf nicht aufs Spiel setzen, du verstehst mich, und so weiter ...“
„Doch soweit es die Ehre erlaubt.“
Ich war in großer Erregung. Er bemerkte es.
„Aber wie denkst du über die Geschichte, die ich dir soeben erzählt habe? Hast du dich zu etwas entschlossen, oder nicht?“
„Bei der Geschichte? Warte einen Augenblick, ich werde bezahlen.“
Er ging ans Büfett und traf da wie zufällig mit dem jungen Mann zusammen, den sie einfach Mitroschka nannten. Mir schien es, daß Masslobojeff näher mit ihm bekannt war, als er es mir gegenüber zugegeben. Wenigstens trafen sie sich augenscheinlich nicht zum erstenmal.
Mitroschka war dem Äußeren nach ein sehr origineller Bursche. In seinem russischen Samtrock und dem roten Seidenhemde mit seinen scharfen, doch edlen Zügen, von brauner Gesichtsfarbe, mit stolzen, blitzenden Augen, machte er einen interessanten und äußerst anziehenden Eindruck auf mich. Seine Gesten waren lebhaft, trotzdem er sich in diesem Augenblick ersichtlich Mühe gab, sachlich, solid und wichtig zu erscheinen.
„Höre, Wanjä,“ sagte Masslobojeff, zu mir zurücktretend, „komme heute abend um sieben Uhr zu mir, ich werde dir manches mitteilen können. Allein ... habe ich ja nichts mehr zu bedeuten; früher bedeutete ich etwas, seitdem ich jedoch ein Trunkenbold geworden, habe ich mich auch von den Geschäften mehr zurückgezogen. Doch sind mir noch meine früheren Beziehungen geblieben, und ich kann vieles erfahren und die Sachen beschnuppern ... Doch genug davon ... Meine Adresse ist Schestilawotschnaja ... Jetzt noch einen Goldenen, Bruder, und dann nach Haus, sich hinlegen! ausschlafen! Wenn du kommst, stelle ich dich Alexandra Ssemjonowna vor, und wenn wir Zeit haben, sprechen wir auch noch von der Literatur.“
„Und davon?“
„Vielleicht auch davon.“
„Dann komme ich vielleicht, oder nein, ich komme bestimmt ...“
VI.
Anna Andrejewna hatte mich schon lange erwartet. Das, was ich ihr gestern von Nataschas Brief erzählt, hatte sie so sehr erregt, daß sie mich bereits früh am Morgen, wenigstens seit zehn Uhr erwartete. Als ich nun endlich um zwei Uhr bei ihr erschien, hatte die Qual der Erwartung bei ihr den höchsten Grad erreicht. Außerdem wollte sie mir ihre neuen Hoffnungen mitteilen, die ihre Seele seit gestern erfüllten und mir von Nikolai Ssergejewitsch erzählen, der sich seit gestern abend krank fühlte, zu ihr aber außerordentlich zärtlich gewesen war. Sie empfing mich mit unzufriedenem, kaltem Gesichtsausdruck, sprach sehr abgemessen und zeigte nicht die geringste Neugierde, etwas von mir zu erfahren. Fast hätte sie mir die Frage gestellt: „Warum bist du gekommen? Macht es dir wirklich Vergnügen, jeden Tag hierher zu laufen?“ So ärgerte sie sich über mein spätes Kommen. Doch ich ließ mich nicht stören und erzählte ihr jede Einzelheit der gestrigen Szene bei Natascha. Als nun die Alte vom Besuch des Fürsten und dessen feierlicher Werbung hörte, vergaß sie ganz ihren Ärger. Es läßt sich nicht beschreiben, wie glücklich sie war, wie sie sich zugleich bekreuzte, weinte, lachte und vor dem Heiligenbild auf die Kniee fiel. Sie umarmte mich außer sich vor Freude und wollte sofort zu Nikolai Ssergejewitsch gehen, um ihm alles mitzuteilen.
„Lieber Junge, er ist ja doch krank von all diesen Erniedrigungen und Beleidigungen; wenn er es nun erfahren wird, daß Natascha volle Genugtuung widerfährt, so wird er im Augenblick alles vergessen.“
Nur mit Gewalt konnte ich sie davon abhalten. Die gute Alte kannte ihren Mann noch nicht, trotzdem sie fünfundzwanzig Jahre mit ihm zusammen gelebt. Sie wollte auch sofort mit mir zusammen zu Natascha fahren. Ich stellte ihr vor, daß nicht nur Nikolai Ssergejewitsch sehr ungehalten darüber sein würde, sondern daß wir, durch eine so übereilte Handlung, der ganzen Sache schaden könnten. Endlich beruhigte sie sich, hielt mich aber wohl noch eine halbe Stunde mit unnötigem Gespräch auf und sprach die ganze Zeit davon, „daß sie nun mit ihrer Freude ganz allein in ihren vier Wänden sitzen solle“. Ich konnte sie endlich davon überzeugen, wie eilig ich es hatte, und daß Natascha mich schon längst erwarte. Die Alte bekreuzte mich auf den Weg, schickte Natascha ihren Segen und begann fast zu weinen, als ich ihre Bitte, heute abend bei ihr zu erscheinen, wenn bei Natascha etwas Besonderes vorfallen sollte, abschlagen mußte. Nikolai Ssergejewitsch sah ich dieses Mal überhaupt nicht; er hatte die ganze Nacht über nicht geschlafen, klagte über Kopfweh und lag jetzt in seinem Zimmer.