Vierter Teil (continued 3)
E. K. Rahsin translation
Nikolai Ssergejewitsch hatte, kaum über die Schwelle getreten, seiner Gewohnheit gemäß sogleich laut zu sprechen begonnen, so daß Anna Andrejewna ihn nicht angstvoll und schnell genug zur Ruhe winken konnte. Ganz erschrocken hielt der Alte in seiner heiteren Rede inne, um darauf, als Natascha und ich ins Zimmer traten, flüsternd und – um seine Verlegenheit zu verbergen – mit geschäftiger Miene das Ergebnis seiner soeben gehabten Unterredung mitzuteilen: die Stelle, um die er sich bemüht hatte, war nun endgültig ihm zugesprochen und das freute ihn natürlich sehr.
„Nach zwei Wochen können wir hinfahren,“ schloß er händereibend, doch warf er gleichzeitig einen besorgten Blick auf Natascha.
Sie bemerkte den Blick und antwortete ihm mit einem beruhigenden Lächeln, legte die Hände auf seine Schultern und küßte ihn, was seine Befürchtungen im Augenblick verscheuchte.
„Ja, dann fahren wir, dann fahren wir, meine Lieben!“ fuhr er erfreut fort. „Nur du, Wanjä, sieh ... nur die Trennung von dir wird uns schwer werden ...“
Nebenbei bemerkt: er hatte mich noch mit keinem Wort aufgefordert, mit ihnen zu fahren, was er, nach seinem Charakter zu urteilen, unbedingt getan haben würde, wenn er ... nicht um meine Liebe zu Natascha gewußt hätte.
„Nun, aber was ist da zu machen, Kinder! Was sein muß, muß sein! Es tut mir mehr als leid, mein Junge ... Aber ich hoffe, daß diese Lebensveränderung uns allen gut tun wird ... Eine Veränderung der Lebensweise bedeutet – daß ein neues Leben beginnt und ein altes abgetan ist!“ schloß er, wieder mit einem Seitenblick auf seine Tochter.
Und er glaubte daran, was er sagte, und dieser Glaube machte ihn froh.
„Aber Nelly?“ fragte Anna Andrejewna.
„Nelly? Wieso, was? ... Nun ja, das Rackerchen ist noch ein wenig schwach, aber bis dahin wird sie ja wohl wieder auf den Beinen sein. Sie ist ja auch jetzt schon ein wenig besser, – findest du nicht auch, Wanjä?“ fragte er mich, wie es schien etwas beunruhigt, und dabei sah er mich so an, als hinge von mir allein alles ab.
„Ja, wie geht es ihr jetzt? Hat sie lange geschlafen? Ist ihr sonst nichts passiert? Oder ist sie vielleicht von meinem lauten Sprechen aufgewacht? Weißt du was, Anna Andrejewna: wir schieben den Tisch schnell auf die Terrasse und trinken dort unseren Tee, wenn die anderen kommen, und Nelly kann heute auch mal draußen sitzen, es ist doch ein Wetter wie geschaffen dazu! ... Das wird schön werden. Aber ist sie nicht vielleicht doch schon aufgewacht? Ich werde mal nachsehen ... nein, nein, hab nur keine Angst, ich werde sie schon nicht aufwecken!“ beruhigte er Anna Andrejewna, da sie wieder ängstlich zur Ruhe mahnen wollte.
Doch Nelly war bereits wach. Nach einer Viertelstunde saßen wir wie gewöhnlich um den runden Tisch beim Abendtee.
Nelly saß wieder in ihrem Großvaterstuhl. Da erschien auch der Doktor und bald nach ihm kam Masslobojeff. Letzterer brachte Nelly ein großes Bukett blühender Fliederdolden, schien aber sonst gereizt und besorgt zu sein.
Masslobojeff war bei Ichmenjeffs ein gern gesehener Gast und er besuchte sie fast täglich. Sonderbar war aber eines: obschon wir ihn alle gern hatten, was ich namentlich von Anna Andrejewna sagen kann, wurde doch Alexandra Ssemjonownas nie mit einem Wort Erwähnung getan; auch Masslobojeff sprach nicht von ihr. Da Anna Andrejewna durch mich erfahren hatte, daß Alexandra Ssemjonowna es noch nicht dazu gebracht, seine rechtmäßige Gattin zu werden, so war sie zu der Überzeugung gekommen, daß sie dieses Mädchen nicht nur nicht bei sich empfangen, sondern nicht einmal von ihr sprechen durfte. Und dabei blieb es – was zur Charakteristik Anna Andrejewnas dienen mag. Übrigens glaube ich aber, daß sie, wenn sie nicht Natascha gehabt hätte und – das mag wohl der Hauptgrund gewesen sein – wenn nicht das geschehen wäre, was geschehen war, so würde sie vielleicht auch nicht so strengdenkend gewesen sein.
Nelly war an diesem Abend auffallend traurig und ihre Gedanken schienen mit etwas Besonderem beschäftigt zu sein. Es war, als habe sie einen schlechten Traum gehabt und denke nun über ihn nach. Doch über Masslobojeffs Geschenk freute sie sich sehr und betrachtete mit frohem Lächeln die Blumen, die Anna Andrejewna in einer Vase vor ihr auf den Tisch gestellt hatte.
„Also du hast Blumen gern, Nelly?“ fragte der Alte. „Schau, schau! Na, wart mal,“ meinte er schmunzelnd, „morgen ... na, du wirst schon sehen ...“
„Ja, ich liebe Blumen,“ sagte Nelly, „und ich weiß noch, wie wir Mama einmal mit Blumen überraschten. Als wir noch dort waren,“ – dort bedeutete jetzt: im Auslande – „war Mama einmal einen ganzen Monat sehr schwer krank. Da verabredeten wir uns, Heinrich und ich, für sie, wenn sie zum erstenmal ihr Schlafzimmer verlassen würde, alle anderen Zimmer mit Blumen zu schmücken. Und so machten wir es auch. Mama sagte am Abend, daß sie am nächsten Tage unbedingt mit uns frühstücken wolle. Da standen wir sehr, sehr früh auf und Heinrich brachte viele Blumen und wir schmückten das ganze Zimmer mit grünen Ästen und Blumensträußen. Es waren da auch Efeuranken und noch andere, sehr breite Blätter – ich weiß nicht mehr, wie sie heißen – und dann noch andere, die überall kleben bleiben, und dann noch große weiße Blüten und weiße Narzissen – das sind meine Lieblingsblumen – und dann noch Rosen, so schöne, schöne Rosen, und noch viele, viele Blumen. Und wir schmückten das ganze Zimmer. Und dann waren da noch solche Büsche, ganz wie kleine Bäume sahen sie aus, in großen Kübeln, die stellten wir in die Ecken und zu beiden Seiten von Mamas Stuhl, und als Mama kam, war sie ganz verwundert und sie freute sich sehr und Heinrich war auch froh ... Ich weiß noch ganz genau wie das war ...“
Der Doktor war sichtlich besorgt und schien sie unterbrechen zu wollen, denn Nelly sah so erschöpft und bleich aus. Aber sie wollte sprechen und so erzählte sie bis zum Sonnenuntergang von jenem Leben, das sie „dort“ geführt hatten, und wir unterbrachen sie nicht. „Dort“ war sie mit ihrer Mutter und Heinrich viel gereist und sie erzählte mit glücklichen Augen vom tiefblauen Himmel, von hohen Bergen mit schneebedeckten Gipfeln, von Wasserfällen und Gletschern. Dann sprach sie von den Seen und Schluchten Italiens, von Blumen und Bäumen und von italienischen Bauern und deren braunen Gesichtern mit den schwarzen Augen; und sie erzählte verschiedene Erlebnisse, und was ihnen hier und da begegnet war. Dann sprach sie von großen Städten und Palästen, von einem großen Dom mit einer großen Kuppel, die plötzlich in den verschiedensten Farben erstrahlte, als man einmal die ganze Stadt illuminiert hatte; und dann von einer heißen südlichen Stadt, über der der Himmel ganz wolkenlos und ganz blau gewesen war und die an einem blauen Meerbusen lag ... Es war das das erstemal, daß Nelly so ausführlich von ihrer Vergangenheit erzählte, und wir hörten ihr gespannt zu. Wir hatten bisher nur ihr Leben in Petersburg gekannt – dieses Leben in einer finsteren, unfreundlichen Stadt, in einem rauhen, kalten Klima, unter einer trüben, bleichen Sonne und unter bösen, halbwahnsinnigen Menschen, durch die sie und ihre Mutter so viel zu leiden hatten. Ich dachte mir, wie sie beide an so manchem feuchten Abend in der schmutzigen Kellerwohnung auf ihrem armseligen Lager eng umschlungen gelegen und von Vergangenem gesprochen haben mögen, vom toten Freunde und von den Wundern anderer Länder. Ich dachte auch an Nelly, wie sie sich dann später allein dessen erinnert haben mag, als auch ihre Mutter schon tot war und die Bubnowa sie mit tierischer Grausamkeit zu Schändlichkeiten zwingen wollte ...
Ganz erschöpft hielt Nelly endlich inne: sie fühlte sich sehr schlecht und wollte wieder ins Bett getragen werden. Nikolai Ssergejewitsch war ganz erschrocken und konnte es sich nachher nicht verzeihen, daß er sie so lange hatte sprechen lassen. Nelly bekam einen leichten Ohnmachtsanfall; in der letzten Zeit war das öfter geschehen. Als sie sich wieder etwas erholt hatte, wollte sie mich sprechen. Und sie bat so dringend, mich zu ihr zu rufen und uns allein zu lassen, daß der alte Doktor zu guter Letzt selbst darauf bestand, ihren Wunsch zu erfüllen.
„Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen, Wanjä,“ begann Nelly, als wir allein waren. „Ich weiß, die denken alle, daß ich mit ihnen dorthin fahren werde; aber ich werde nicht mitfahren, denn ich kann nicht, und vorläufig will ich bei dir bleiben. Das mußte ich dir jetzt sagen.“
Ich versuchte, sie zu bereden; ich sagte ihr, daß Ichmenjeffs sie so liebten als wäre sie ihr leibliches Kind, daß sie sehr traurig sein würden, wenn sie sich von ihr trennen müßten, daß sie bei mir dagegen ein sehr schlechtes Leben hätte, und daß wir uns daher wohl, so lieb sie mir auch war, doch würden trennen müssen.
„Nein, das geht nicht!“ sagte sie sehr bestimmt, „denn ich sehe jetzt Mama oft im Traum und sie sagt mir, daß ich nicht mit ihnen fortfahren, sondern hierbleiben soll; sie sagt, ich hätte viel gesündigt, weil ich Großpapa allein gelassen habe, und sie weint immer, wenn sie das sagt. Ich will hierbleiben und Großpapa pflegen, Wanjä.“
„Aber dein Großpapa ist doch schon tot, Nelly,“ sagte ich, nachdem ich sie etwas verwundert angehört hatte.
Sie dachte nach und sah mich dabei mit vollkommen unbeweglichem, ernstem Blick an.
„Erzähle mir noch einmal, Wanjä, wie Großpapa gestorben ist. Erzähle alles ganz genau, vergiß nichts!“
Ich wunderte mich wieder über ihr eigentümliches Verlangen, begann aber doch nach bestem Wissen zu erzählen. Ich sagte mir, daß sie vielleicht nur phantasiere, oder wenn nicht gerade das, so doch nach dem Ohnmachtsanfall vielleicht noch etwas unzurechnungsfähig war.
Sie folgte aber meiner Erzählung mit angespannter Aufmerksamkeit. Deutlich sehe ich noch ihre dunkeln, krank blickenden Augen mit dem Fieberglanz unablässig auf mich gerichtet, solange ich erzählte.
„Nein, Wanjä, er ist nicht tot!“ sagte sie plötzlich überzeugt, als ich verstummt war und sie noch eine Weile nachgedacht hatte. „Mama spricht jedesmal von Großpapa, und als ich ihr gestern sagte: ‚Aber er ist doch tot,‘ da war sie sehr traurig und weinte, und dann sagte sie mir, daß es nicht wahr sei, daß man es mir nur so sage, daß er aber auch jetzt noch dort gehe und um Almosen bitte, ‚so wie wir beide früher gingen,‘ sagte Mama, ‚und er geht immer dort auf der Stelle, wo wir ihn das erstemal gesehen haben, als ich vor ihm niederfiel und Asorka mich erkannte‘ ...“
„Das ist ein Traum, Nelly, und ein kranker Traum, weil du selbst krank bist,“ sagte ich ihr.
„Das habe ich auch gedacht, daß es nur ein Traum sein kann, und deshalb habe ich auch niemandem etwas davon gesagt,“ fuhr Nelly fort. „Nur dir allein wollte ich es erzählen. Aber heute als ich nach dem Essen einschlief, nachdem du nicht gekommen warst, sah ich auch Großpapa im Traum. Er saß bei sich zu Hause und wartete auf mich, und er sah wieder so unheimlich aus, und er sagte, daß er zwei Tage nichts mehr gegessen habe und Asorka auch nicht, und er war sehr böse auf mich und machte mir Vorwürfe. Dann sagte er noch, daß er gar keinen Schnupftabak habe, ohne diesen Tabak aber könne er gar nicht leben. Das hat er mir wirklich auch schon früher einmal gesagt, Wanjä, als Mama schon gestorben war und ich noch zu ihm ging. Dann war er ganz krank und begriff fast gar nicht mehr was ich ihm sagte. Wie ich das nun heute von ihm hörte, dachte ich bei mir: ich werde auf die Straße gehen und um Almosen bitten, und dann für ihn Brot, gekochte Kartoffeln und Schnupftabak kaufen. Und da ging ich auch auf die Straße, stand und bat, nur sah ich plötzlich, daß auch Großpapa nicht weit von mir auf der Straße war, er wartete ein wenig und dann trat er an mich heran und sah nach, wieviel ich bekommen hatte und nahm mir das Geld fort. ‚Das ist für Brot,‘ sagte er, ‚jetzt sammle für Tabak.‘ Ich bitte also weiter um Almosen und er kommt dann wieder und nimmt mir das Geld wieder fort. Ich sage ihm, daß ich ihm doch sowieso das ganze Geld geben werde, daß ich doch nichts für mich behalten will. Er aber sagt: ‚Nein, du bestiehlst mich; auch die Bubnowa hat mir gesagt, daß du eine Diebin bist, deshalb werde ich dich auch niemals zu mir nehmen. Wo hast du ein Fünfkopekenstück hingetan?‘ Ich begann zu weinen, weil er mich eine Diebin genannt und mir nicht traute, er aber hörte nicht auf mich und schrie immer nur: ‚Fünf Kopeken hast du gestohlen, gib sie her!‘ Und dann fing er an, mich zu schlagen, dort vor allen Menschen auf der Straße, und er schlug mich so stark, daß ich schreien wollte vor Schmerz. Und ich weinte sehr ... Sieh, und da denke ich jetzt, daß er bestimmt noch lebt und irgendwo dort allein geht und auf mich wartet ...“
Ich begann sie wieder zu beruhigen und ihr zu versichern, daß er tatsächlich gestorben sei, bis sie es mir zu guter Letzt doch zu glauben schien. Sie sagte nur, daß sie sich jetzt fürchte, einzuschlafen, weil sie dann den Großpapa sehen werde. Endlich umarmte sie mich wieder ganz plötzlich und heiß ...
„Aber ich kann dich doch nicht verlassen, Wanjä!“ sagte sie, ihr Gesichtchen an meine Wange schmiegend. „Auch wenn Großpapa nicht wäre – ich würde doch nicht von dir fortfahren!“
Die anderen waren alle sehr besorgt um Nelly. Ich ging mit dem Doktor ins Nebenzimmer und erzählte ihm dort unter vier Augen von ihren Träumen. Ich bat ihn, mir seine endgültige Meinung zu sagen.
„Das kann ich nicht, denn ich weiß selbst noch nicht genau, um was es sich hier handelt,“ sagte er nachdenklich. „Ich beobachte vorläufig noch, ich kombiniere und versuche es mehr zu erraten, aber ... bestimmt etwas sagen läßt sich vorläufig noch nicht. Außer dem einen: daß eine absolute Gesundung prinzipiell unmöglich ist und sie unfehlbar bald sterben wird. Ichmenjeffs habe ich davon noch nichts gesagt, da Sie mich darum so gebeten haben, aber ... Ich will sie morgen noch einmal untersuchen und auch noch andere Ärzte zur Beratung heranziehen. Vielleicht läßt sich da noch etwas machen, vielleicht! Sie tut mir leid, die Kleine, es ist mir, als müßte ich mein eigenes Kind verlieren ... Solch ein liebes, reizendes Mädchen! Und wie verständig sie ist, wie klug für ihr Alter!“ ...
Nikolai Ssergejewitsch war ganz besonders aufgeregt und trug sich mit großen Plänen.
„Höre mal, Wanjä, ich habe mir was ausgedacht!“ begann er sogleich, als ich zu ihnen zurückkehrte. „Sie liebt – Blumen sehr – weißt du, was wir da machen wollen? Wir arrangieren ihr zu morgen genau solch einen Empfang mit Blumen, wie sie ihn mit jenem Heinrich ihrer Mutter bereitet hat, weißt du, so wie sie vorhin erzählte ... Es regte sie so auf als sie davon sprach ...“
„Das ist eben der Haken, – Aufregung schadet ihr,“ wandte ich ein.
„Ja, aber eine angenehme Aufregung doch nicht! – das ist doch etwas ganz anderes! Glaube mir nur, Freundchen, verlaß dich auf meine Erfahrung: angenehme Aufregung schadet nie, im Gegenteil, die kann sogar gesund machen oder wenigstens zur Gesundung beitragen ...“
Mit einem Wort, der Alte war von seiner Idee so entzückt, daß er sich für sie fast schon zu begeistern begann. Es war ganz unmöglich, ihm zu widersprechen. Er fragte auch noch den Doktor nach seiner Meinung, doch bevor dieser etwas meinen konnte, hatte er schon Hut und Stock in der Hand und wandte sich zum Gehen.
„Hör’ mal,“ sagte er im Fortgehen, „hier ist eine Orangerie in der Nähe, eine prächtige Orangerie. Und jetzt ist dort Ausverkauf: da kann man für den billigsten Preis Blumen kaufen, wirklich, geradezu erstaunlich billig! ... Du, sag das bei Gelegenheit Anna Andrejewna, damit sie sich nicht wegen der Ausgabe allzusehr beunruhigt ... Na, also das wäre das ... Ja! Noch eines, Freund: wohin gehst du denn jetzt? Du bist doch fertig, hast die Arbeit beendet, wozu also jetzt nach Hause eilen? Nächtige doch bei uns oben, in der Dachkammer – weißt du noch, wie früher? Deine Kissen, das Bett – alles steht noch auf demselben Fleck, – nicht angerührt! Wirst wie ein König von Frankreich dort oben schlafen. Was? Bleib mal hier! Morgen können wir dann früher aufstehen, und dann, weißt du, wenn die Blumen gebracht werden, können wir beide das Zimmer schmücken, so daß zu acht Uhr alles fertig ist. Und Natascha wird uns helfen – sie hat doch mehr Geschmack als wir beide zusammen ... Nun, bist du einverstanden? Bleibst du?“
Natürlich blieb ich. Der Alte traf sogleich die nötigen Anordnungen. Inzwischen verabschiedeten sich der Arzt und Masslobojeff und gingen nach Hause, denn Ichmenjeffs pflegten früh zu Bett zu gehen, gewöhnlich schon um elf Uhr. Masslobojeff war, als er sich verabschiedete, still und nachdenklich und wollte mir etwas mitteilen, schob es aber auf.
„Ein anderes Mal, heute ist es zu spät,“ sagte er.
Als ich aber den Alten gute Nacht gewünscht und in meine Dachkammer hinaufgestiegen war, da fand ich ihn zu meiner Verwunderung dort oben vor. Er saß am Tisch und blätterte in einem Buch. Offenbar erwartete er mich.
„Habe unterwegs kehrtgemacht, Wanjä,“ sagte er, „denn schließlich ist es doch besser, ich erzähle es dir heute noch. Setze dich. Sieh, die ganze Geschichte ist so dumm, so blödsinnig dumm, daß man sich darüber nur ärgern kann ...“
„Was, was ist denn los?“
„Los ist nichts, aber dein vermaledeiter Fürst hat mich vor zwei Wochen so geärgert, so geärgert, sag ich dir, daß mein Ärger selbst in zwei Wochen noch nichts an Kraft und Größe eingebüßt hat.“
„Wie, was? Stehst du denn mit dem Fürsten immer noch in Verbindung?“
„Na ja, wußt ich’s doch, daß du sogleich Wie und Was schreien wirst, als wäre Gott weiß was passiert! Du, Freund, du bist auf ein Haar wie meine Alexandra Ssemjonowna ... Überhaupt ist das alles unerträgliches Weibergewäsch ... Kann so was nicht verdauen! ... Da braucht nur eine Krähe einmal zu krächzen, sogleich ist das Gezeter groß: ‚Wie! was!‘“
„Nun, ärgere dich nicht.“
„Tue ich gar nicht, aber man muß doch mit nüchternen normalen Augen auf die Dinge sehen, nicht durch Vergrößerungsgläser ... Ja.“
Er schwieg eine Weile, als ärgere er sich noch über mich. Ich schwieg gleichfalls und wartete.
„Siehst du, Freund,“ begann er dann, „ich bin da auf eine Spur gestoßen ... das heißt, genau genommen bin ich weder auf eine Spur gestoßen, noch hat es eine Spur überhaupt gegeben, aber es schien mir plötzlich so ... Ich habe gewisse Dinge kombiniert und daraus die Schlußfolgerung gezogen, daß Nelly ... vielleicht ... nun, mit einem Wort, des Fürsten rechtmäßige Tochter ist.“
„Was!“
„Na ja, das konnte ich mir ja denken, daß du sogleich ‚was!‘ schreien würdest! Bei Gott, es ist keine Möglichkeit, mit diesen Leuten zu reden!“ rief er scheinbar wütend aus. „Habe ich dir denn schon was Positives gesagt, du leichtsinniger Mensch? Habe ich dir gesagt, daß sie die bewiesenermaßen rechtmäßige Tochter des Fürsten sei? Habe ich dir das gesagt oder nicht? ...“
„Höre, mein Bester,“ unterbrach ich ihn erregt, „schreie um Gottes willen nicht so, sondern tue mir den Gefallen und erkläre es mir ruhig und deutlich. Bei Gott, ich werde dich verstehen. So begreife doch, bis zu welch einem Grade das wichtig ist und welche Folgen ...“
„Jawohl, Folgen! Wo willst du die Folgen hernehmen? Wo sind die Beweise? Ohne Beweise macht man nichts, ich aber erzähle es dir nur als größtes Geheimnis. Weshalb ich aber überhaupt davon mit dir rede – das werde ich dir später erklären. Du siehst, es ist notwendig, daß ich’s tue, und damit basta. Also schweige vorläufig, höre zu und laß dir gesagt sein, daß es dir nur unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit mitgeteilt wird ... Sieh, die Geschichte verhält sich so: schon im Winter, noch bevor der alte Smitt starb, begann der Fürst sogleich nach seiner Rückkehr aus Warschau die ganze Sache ... Das heißt: begonnen hatte er sie schon viel früher, etwa vor einem Jahr. Damals aber hatte er nach etwas anderem geforscht, jetzt aber begann er nach etwas Neuem zu forschen. Die Hauptsache war nämlich die, daß er ihre Spur verloren hatte. Vor dreizehn Jahren hatte er die Smitt in Paris verlassen, doch während dieser ganzen Zeit hatte er sie nicht aus dem Auge verloren: so hatte er gewußt, daß sie mit Heinrich zusammenlebte – mit diesem, von dem heute die Rede war; er wußte, daß sie eine Tochter, namens Nelly, hatte, er wußte auch, daß sie selbst krank war; na, mit einem Wort, er wußte alles, nur verlor er plötzlich die Spur, und das, wie mir scheint, bald nach dem Tode Heinrichs, als die Smitt nach Petersburg zurückkehrte. Hier in Petersburg hätte er sie allerdings bald gefunden, gleichviel unter welchem Namen sie zurückgekehrt wäre; aber sieh, die Sache war nämlich die, daß seine ausländischen Agenten ihn betrogen hatten: sie schrieben ihm, daß sie in Süddeutschland irgendwo dort in einer kleinen Stadt lebe, was sie selber für vollkommen richtig hielten, doch hatten sie sich getäuscht: das war eine andere Smitt. Und das dauerte so ungefähr ein Jahr oder noch länger, der Fürst aber begann schließlich Verdacht zu schöpfen, denn aus gewissen Umständen glaubte er zu ersehen, daß es nicht diese Smitt sein könne. Jetzt fragte es sich: wo war die richtige Smitt? Und da kam es ihm in den Sinn – so, ganz von selbst, ohne jede Handhabe: sollte sie nicht in Petersburg sein? Während nun seine Agenten sich im Auslande erkundigten, begann er selber hier in Petersburg nachzuforschen, nur wollte er, wie’s scheint, nicht gar zu offiziell vorgehen. Na und da wandte er sich an mich. Man hatte mich ihm empfohlen, so und so, aus Liebhaberinteresse, wie gesagt, befaßt sich mitunter auch mit solchen Sachen, – nun und so weiter, und so weiter ...“
„Nun und so erklärte er mir denn den Sachverhalt, aber nur so mehr andeutungsweise, der Hund, so schleierhaft und zweideutig, daß kein Teufel recht klug draus werden konnte. Versah sich oft, wiederholte manches mehrmals, und erzählte ein und dasselbe zuerst so, dann wiederum so und dann nochmals anders, – kurz: alles doppelt, dreifach und verschieden ... Na, aber wie schlau er auch war, alles läßt sich doch nicht verbergen. Ich, versteht sich, ich begann mit vollster Unterwürfigkeit und Herzenseinfalt, mit einem Wort: ergebenster Sklave. Nach meinem Grundsatz aber, den ich mir ein für allemal aufgestellt habe, erstens, und zweitens gemäß dem Naturgesetz – denn das ist ein Naturgesetz, mußt du wissen – dachte ich bei mir: erstens ist das, was er mir gesagt hat, das, was er wissen will? Und zweitens: verbirgt sich nicht hinter dem angegebenen Beweggrunde ein ganz anderer, nicht angegebener, ja nicht einmal angedeuteter? Ist aber das der Fall, so will er mich – was du, mein Sohn, mit deinem Dichterschädel vielleicht auch begreifen wirst – so will er mich einfach bestehlen: denn das eine, siehst du, ist, sagen wir, nur einen Rubel wert, das andere aber mindestens vier; da müßte ich doch ein Esel sein, wenn ich ihm für einen Rubel das gebe, was vier wert ist. Ich begann nachzudenken und hin und her zu raten und allmählich kam ich denn auch der Sache auf die Spur. Einiges erfuhr ich von ihm selber, anderes von diesem und jenem, auf wieder anderes verfiel ich selbst, – brauchte nur meinen Verstand kombinieren zu lassen. Fragst du, weshalb ich das tat? Nun, wenn auch nur deshalb, weil der Fürst doch etwas gar zu besorgt war, weil er gar zu vieles zu befürchten schien. Was konnte er aber da schließlich zu befürchten haben, wenn man es recht bedenkt? Hat aus dem Hause des Vaters die Geliebte entführt, und als sie in Umständen war, verließ er sie. Was ist denn dabei Wunderliches? Eine liebe, nette Unart und nichts weiter! Da hörte doch alles auf, wenn ein Mensch wie der Fürst sich deshalb fürchten sollte! Er aber fürchtete sich ... Und da schöpfte ich eben Verdacht. Und da bin ich, mußt du wissen, auf ungemein interessante Spuren gestoßen, zum Teil auch durch diesen Heinrich. Er ist natürlich schon längst tot, aber durch eine seiner Kusinen – jetzt ist sie hier mit einem Bäcker verheiratet – also von dieser Kusine, die einst glühend in ihn verliebt gewesen ist und ihn fünfundzwanzig Jahre lang unverändert weitergeliebt hat, ungeachtet der Existenz ihres Mannes, des Bäckers, mit dem sie ganz aus Versehen acht Kinder in die Welt gesetzt hat – also wie gesagt, von dieser Kusine habe ich denn endlich nach den verschiedensten und kompliziertesten Manövern einen ungemein wichtigen Umstand in Erfahrung gebracht. Dieser Heinrich hatte ihr nämlich nach deutscher Art lange Briefe geschrieben, und vor dem Tode hatte er ihr dann noch verschiedene Papiere und so etwas wie ein Tagebuch zugesandt. Sie, diese Gans, hat natürlich von dem Geschreibsel nur die Stellen verstanden, wo er vom Monde, meinem lieben Augustin und von Wieland, wenn ich nicht irre, spricht, doch vom Wichtigen hat sie kein Wort kapiert. Aus diesen Briefen erfuhr ich aber einiges, das für mich von großer Wichtigkeit war und vor allem kam ich durch sie auf eine neue Spur. So erfuhr ich zum Beispiel vom alten Smitt, vom Vermögen, das die Tochter ihm entwendet hatte, und daß der Fürst dieses Vermögen sich angeeignet; und zwischen Ausrufen, Allegorien und anderem Zeug las ich dann die ganze Wahrheit heraus: da heißt, Wanjä, – du verstehst doch? Nichts Positives! Dieser Schmachtlappen Heinrich hat absichtlich nichts ausgesprochen, sondern eben nur so angedeutet. Nun, diese Andeutungen aber verbanden sich für mich zu geradezu himmlischer Harmonie! Versteh: der Fürst war mit der Smitt regelrecht verheiratet! Wo er sich hat trauen lassen, hier oder im Auslande, wann, wo die Dokumente sind – alles das ist unbekannt. Weißt du, Freund Wanjä, ich habe mir vor Ärger die Haare aus dem Schädel gerauft und Tag und Nacht gesucht und gesucht, das heißt vielmehr – geforscht ...“
„Endlich kam ich dem alten Smitt auf die Spur, da aber mußte es ihm plötzlich einfallen zu sterben. So habe ich ihn lebend nicht einmal zu Gesicht bekommen. Zufällig aber erfuhr ich zu derselben Zeit, daß auf dem Wassiljewskij-Ostroff eine Frau, auf die schon früher mein Verdacht gefallen war, gestorben sei. Und da kam ich wieder auf eine richtige Spur. Weißt du noch, wir trafen uns damals, als ich auf die Insel eilte? Dort erfuhr ich ziemlich viel. Auch Nelly hat mir hier in mancher Beziehung geholfen ...“
„Höre,“ unterbrach ich ihn, „glaubst du wirklich, daß Nelly es weiß ...“
„Was?“
„Daß sie vielleicht die Tochter des Fürsten ist?“
„Aber du weißt doch selber, daß sie die Tochter des Fürsten ist,“ versetzte er und sah mich mit einem gewissen Vorwurf an. „Wozu stellst du so müßige Fragen? Sei nicht langweilig! Nicht das ist die Hauptsache, ob sie es weiß oder nicht weiß, und auch nicht das, daß sie einfach nur des Fürsten Tochter ist, sondern: daß sie seine rechtmäßige Tochter ist – begreifst du jetzt?“
„Das kann nicht sein!“ rief ich aus.
„Das habe ich auch bei mir gedacht, daß es nicht sein könne, auch jetzt noch sage ich es mir bisweilen. Aber das ist es ja gerade, daß es tatsächlich so sein kann und höchstwahrscheinlich auch so ist!“
„Nein, Masslobojeff, das kann nicht so sein, du hast übertrieben!“ unterbrach ich ihn. „Nicht nur, daß sie es nicht weiß, – sie ist auch in der Tat nur ein uneheliches Kind. Sollte denn die Mutter, wenn sie nur irgendwelche Dokumente in Händen gehabt hätte, ein so schreckliches Elend hier in Petersburg freiwillig ertragen und dabei nicht einmal an die elende Zukunft ihres Kindes gedacht haben? Geh! Das ist unmöglich!“
„Das habe ich auch gedacht, oder vielmehr: das steht auch jetzt noch als Rätsel vor mir. Aber sieh: die Smitt war doch an und für sich das hirnverbrannteste Weib der Welt, ein Frauenzimmer, wie man es sich kaum denken kann. Stelle dir doch bloß einmal die Verhältnisse vor! Das ist doch eine Romantik, die nichts mit der Welt zu tun hat, die irgendwo dort über den Sternen schwebt – einfach die wildeste Dummheit im verrücktesten Maßstabe! Nimm doch die Sache wie sie ist: zuerst hat sie nur an einen Himmel auf Erden gedacht und in ihm einen Engel in Menschengestalt gesehn, kurz: sie war hoffnungslos verliebt, vertraute schrankenlos, und ich bin überzeugt, daß sie dann später nicht deshalb den Verstand verloren hat, weil er sie zu lieben aufhörte und verließ, sondern weil er sie betrogen hatte, weil er fähig gewesen war, sie zu betrügen und zu verlassen, das heißt, weil ihr Engel sich plötzlich als schmutziger Lump entpuppte, der sie in den Schmutz herabgezogen. Diese Verwandlung konnte ihre romantische Seele nicht überwinden. Und außerdem noch diese Kränkung – du begreifst doch, von welch einer Kränkung ich rede? Entsetzen und Stolz und grenzenlose Verachtung mußte sie empfinden, als ihr die Augen aufgingen. Und da hat sie vielleicht alles zerrissen, alle Dokumente und Papiere, und hat ihm auch das Geld geschenkt, ohne daran zu denken, daß es nicht ihr Geld, sondern ihres Vaters Geld war. Sie verzichtete einfach auf dieses Geld, wie etwa auf Straßenschmutz, um ihren Betrüger durch seelische Erhabenheit zu erdrücken, um ihn als Dieb, der sie bestohlen, ihr Leben lang verachten zu können, und sie wird ihm wohl gesagt haben, daß sie es für eine Schmach halte, seine Frau zu sein. Unsere Kirche erlaubt keine Scheidung, sie aber lebten de facto geschieden, – wie hätte sie also noch um Hilfe flehen sollen? Bedenke doch, daß sie, diese Wahnsinnige, ihrer Tochter Nelly noch auf dem Sterbebett gesagt hat: geh nicht zu ihnen, arbeite, verkomme, aber geh nicht zu ihnen, gleichviel wer dich auch rufen sollte. Also hat sie doch immer noch erwartet, daß man sie rufen werde, folglich aber würde sie Gelegenheit haben, sich noch einmal zu rächen, dem Rufenden ihre Verachtung zu zeigen. Sagen wir es kurz: sie hat sich nicht von Brot, sondern von ihrem Haß genährt. Vieles, Freund, habe ich auch von Nelly erfahren; selbst jetzt noch forsche ich sie aus. Freilich war ihre Mutter krank, schwindsüchtig; und die Schwindsucht soll ja im Menschen ganz besondere Erbitterung und Reizbarkeit hervorrufen. Dennoch weiß ich ganz genau – ich erfuhr es von einer Gevatterin der Bubnowa – daß sie einen Brief an den Fürsten geschrieben hat: ja, an den Fürsten ...“
„Einen Brief! Und hat er ihn erhalten?“ fragte ich gespannt.
„Das ist es ja, was ich nicht weiß! Verdammt! Die Smitt hat sich jedenfalls einmal an diese Gevatterin gewandt – du hast sie doch gesehn, weißt du, dieses gepuderte Mädchen bei der Bubnowa? Jetzt sitzt sie im Zuchthaus. Nun, und durch diese selbe wollte sie ihm den Brief senden, den sie nota bene bereits geschrieben hatte. Aber da besann sie sich plötzlich eines anderen und gab ihr den Brief nicht oder forderte ihn zurück. Das war drei Wochen vor ihrem Tode ... Nichtsdestoweniger ist das von großer Wichtigkeit: denn wenn sie sich schon einmal entschlossen hatte, an ihn zu schreiben und ihm den Brief zu übersenden, so kann sie doch, wenn sie ihn auch zurückgenommen hat, sehr wohl ein anderes Mal gesandt haben. Hat sie ihn nun abgesandt oder nicht? Wenn ich das wüßte! Ich habe einen gewissen Grund anzunehmen, daß sie ihn nicht abgesandt hat, denn ich glaube, daß der Fürst erst nach ihrem Tode mit voller Sicherheit erfahren hat, daß sie überhaupt in Petersburg war, und daß sie bei der Bubnowa wohnte. Was der sich gefreut haben muß!“
„Ja, ich entsinne mich, Aljoscha sprach einmal von einem Brief, den der Fürst erhalten und über den er sich sehr gefreut habe. Das war vor gar nicht langer Zeit, vor zwei Monaten höchstens. Aber weiter, weiter – wie ist jetzt dein Verhältnis zum Fürsten?“
„Mein Verhältnis zum Fürsten? Begreifst du, was das heißt: die vollste moralische Überzeugung und dabei keinen einzigen positiven Beweis haben – keinen einzigen, ungeachtet aller meiner Anstrengungen! Ist das nicht zum Verzweifeln? Ich hätte im Auslande nachforschen müssen, aber wo im Auslande? – wer das wüßte! wer das wüßte! Ich begriff natürlich, daß mir keine so leichte Schlacht bevorstand, daß ich ihm nur mit Andeutungen einen Schrecken einjagen konnte, wenn ich mich anstellte, als wüßte ich weit mehr, als es in Wirklichkeit der Fall war ...“
„Nun und?“
„Er ließ sich aber nicht hinters Licht führen; doch erschrak er übrigens nicht wenig, erschrak sogar so, daß er mich auch jetzt noch fürchtet. Wir haben mehrere Zusammenkünfte gehabt. Wie er sich jedesmal verstellt hat! Einmal machte er sich daran, mir – gewissermaßen aus Freundschaft – selbst alles zu erzählen. Das war damals, als er dachte, ich wisse alles. Er erzählte gut, das läßt sich nicht leugnen, erzählte mit Gefühl, offenherzig – d. h. er log mit unglaublicher Gewissenlosigkeit. Eben daran konnte ich ermessen, wie sehr er mich fürchtete. Eine Zeitlang spielte ich den dümmsten Tölpel, der sich selbst für sehr schlau hält. Begann ihn ungeschickt einzuschüchtern, mit Absicht ungeschickt, sagte ihm Grobheiten, drohte ihm sogar, – alles nur, damit er mich für einen Tölpel halte und sich dann vielleicht einmal unvorsichtigerweise verspreche. Er durchschaute mich aber, der Schuft! Ein anderes Mal spielte ich den Betrunkenen, nur kam dabei auch nichts Gescheites heraus. Er ist zu gerieben! Versteh’, Wanjä: ich mußte zuerst feststellen, inwieweit er mich fürchtet, um ihn dann glauben zu machen, daß ich viel mehr wisse, als ich in der Tat weiß ...“
„Nun und – was erreichtest du damit?“
„Ja – nichts, es kam nichts dabei heraus. Beweise, Beweise waren nötig, ich aber habe keinen einzigen Beweis. Nur eines begriff er, nämlich, daß ich einen Skandal heraufbeschwören könnte. Er aber befürchtet ihn um so mehr, als er hier bereits Verbindungen angeknüpft hat. Du weißt doch, daß er heiraten wird?“
„Nein ...“
„Im nächsten Jahr! Die Braut hat er sich schon im vorigen Jahr ausgesucht: damals war sie erst vierzehn Jahre alt, jetzt ist sie schon fünfzehn, geht noch im Flügelkleide, glaube ich, das arme Dingelchen. Die Eltern sind selbstverständlich froh. Begreifst du jetzt, wie notwendig es für ihn war, daß seine Frau starb? Diese Fünfzehnjährige ist eine Generalstochter, und zwar schwerreich! Wir, Freund Wanjä, du und ich, wir werden nie so heiraten ... Was ich mir aber zeit meines Lebens nicht verzeihen werde,“ rief Masslobojeff plötzlich wütend aus und er schlug mit der Faust auf den Tisch, „das ist: daß er mich angeführt hat, jawohl! – vor zwei Wochen ... dieser Schuft!“
„Wieso?“
„Ganz einfach! Ich sah schon, er hatte es erraten, daß ich nichts Positives gegen ihn in der Hand hatte und außerdem fühlte ich, daß er, je mehr ich die Sache in die Länge zog, um so eher meine völlige Machtlosigkeit erraten mußte. Nun und da nahm ich denn mit den Zweitausend fürlieb.“
„Du nahmst Zweitausend! ...“
„In Silber, Wanjä; innerlich knirschend nahm ich sie. Gott, ist denn so etwas bloß lumpige Zweitausend wert! Ich erniedrigte mich, indem ich sie nahm! Wie ein übers Ohr gehauener Esel stand ich da vor ihm, er aber sagte noch: ‚Ich habe Sie, Masslobojeff, für Ihre früheren Bemühungen noch nicht entschädigt‘ – das war aber gar nicht der Fall, er hatte mir schon längst der Verabredung gemäß, hundertundfünzig Rubel gezahlt – ‚nun,‘ sagte er, ‚hier sind zweitausend Rubel, und ich hoffe, daß wir jetzt unsere sämtlichen Geschäfte als erledigt betrachten können.‘ Na und da antwortete ich ihm: ‚Vollkommen erledigt, Fürst,‘ wagte aber dabei nicht mal, ihm in die Fratze zu sehen; ich dachte bei mir, in diesem Gesicht müsse geschrieben stehn: ‚Na, hast du viel herausgeschunden? Ich gebe dir das Geld ja nur so, einzig aus Großmut!‘ Ich weiß nicht einmal, wie ich seine Wohnung verlassen habe!“
„Aber das ist doch eine Gemeinheit, Masslobojeff!“ rief ich empört aus. „Bedenke doch, was du mit Nelly getan hast!“
„Das ist nicht nur einfach eine Gemeinheit, das ist einfach niederträchtig, schmutzig ... Das ... das ... weißt du, es gibt keine Worte, um das auszudrücken!“
„Mein Gott! Aber er müßte doch wenigstens Nellys Zukunft sicherstellen!“
„Müßte! Wer kann ihn dazu zwingen? Oder meinst du, man könne ihn einschüchtern? Da sei du unbesorgt: der läßt sich nicht bange machen: ich habe doch das Geld von ihm angenommen. Damit habe ich doch selbst, versteh, ich selbst habe damit zugegeben, daß meine ganze Macht gegen ihn nur lumpige zweitausend Rubel wert ist! Womit kann ich ihn jetzt noch ängstigen?“
„Aber wie, wie ist es denn möglich, wie können denn Nellys Ansprüche damit für immer begraben sein?“ fragte ich ganz verzweifelt.
„Das sind sie ja gar nicht!“ rief Masslobojeff und geriet sogar ganz aus dem Häuschen. „Du glaubst, ich werde ihm das schenken? Ich fange von neuem an, Wanjä: ich habe mich schon entschlossen. Was ist denn dabei, daß ich die Zweitausend genommen habe? Na, zum Teufel damit! Ich habe das Geld einfach für die Kränkung genommen, als Entschädigung, wenn du willst, denn dieser Spitzbube hat mich betrügen wollen, hat sich über mich einfach lustig gemacht, hat mich zum Narren gehabt! Ich erlaube es ihm aber nicht, mich an der Nase zu führen ... Jetzt werde ich, weißt du, zuerst mit Nelly anfangen. Ich habe sie beobachtet und bin zu der Überzeugung gekommen, daß sie den Knoten der ganzen Sache in der Hand hat. Sie weiß alles, alles ... Die Mutter hat es ihr erzählt. Vielleicht schon vor der Krankheit, vielleicht erst später, im Fieber, wenn die Qual zu groß wurde. Sie hatte sonst keinen bei sich, dem sie es hätte klagen können, da wird sie es eben Nelly erzählt haben. Und wenn sie nur einmal damit begonnen hat, dann hat sie ihr unfehlbar alles erzählt. Vielleicht aber können wir mit Nellys Hilfe auch noch gewisse Dokumente entdecken!“ fügte er schmunzelnd hinzu und rieb sich stillvergnügt die Hände. „Begreifst du jetzt, Wanjä, weshalb ich in letzter Zeit so oft herkomme? Erstens natürlich aus Freundschaft zu dir, das versteht sich von selbst. Doch der Hauptzweck ist doch: Nelly zu beobachten. Und drittens, alter Freund, mußt du, ob du willst oder nicht, – mußt du mir behilflich sein, denn du hast großen Einfluß auf Nelly ...“
„O, gewiß, ich bin gern bereit,“ sagte ich lebhaft erfreut, „denn ich hoffe, Masslobojeff, daß du dich in ihrem Interesse bemühst, daß du es für das arme Waisenkind tun willst, nicht nur um deines eigenen Vorteils willen ...“
„Gott, was geht das dich an, um wessen Vorteils willen, wie du sagst, ich mich plagen werde, du seliger Mensch du? Wenn es nur gelingt, – das ist die Hauptsache! Natürlich, versteht sich: in der Hauptsache für das Waisenkindchen, so will’s ja auch die Nächstenliebe. Aber du, Wanjä, Wanjuscha, du verurteile mich nicht bis zu letzter Verdammnis, wenn ich dabei auch an mich denke. Ich bin ein armer Mensch, wie du weißt, er aber soll es hinfort nicht wagen, arme Menschen zu beleidigen. Er entzieht mir das, was mir von Rechts wegen zukommt, und außerdem hat er mich noch betrogen! Und solch einem Spitzbuben soll ich noch was schenken, meinst du? Das wird mir gerade einfallen!“
Leider sollte unser Blumenfest am nächsten Tage unserer Erwartung nicht entsprechen: Nelly fühlte sich bedeutend schlechter und konnte das Zimmer nicht verlassen.
Und sie sollte es überhaupt nicht mehr verlassen.
Sie starb nach zwei Wochen. In diesen zwei Wochen ihrer Agonie kam sie nur selten zu sich, gewöhnlich hielten seltsame Phantasien sie gefangen. Es schien fast, als sei sie nicht mehr bei vollem Verstande. Von Anfang an war sie fest überzeugt, daß der Großvater sie zu sich rufe und sich über sie ärgere, weil sie nicht käme, und dann klopfe er mit dem Stock und sage, sie müsse von „guten Leuten“ Geld zu Brot und Tabak zusammenbetteln. Oft weinte sie im Schlaf, und wenn sie dann erwachte, erzählte sie, daß sie ihre Mutter gesehen habe.
Einmal war ich allein bei ihr, als sie wieder zu sich kam; da schob sie sich näher zu mir und ergriff meine Hand mit ihren abgezehrten, fieberheißen Händchen.
„Wanjä,“ sagte sie, „wenn ich sterbe, dann heirate Natascha!“
Ich glaube, dieser Gedanke hatte sich schon vor langer Zeit in ihr festgesetzt, und immerwährend schien er sie zu beschäftigen. Ich lächelte ihr schweigend zu. Als sie mein Lächeln sah, lächelte sie gleichfalls und drohte mir schelmisch mit ihrem dünnen Fingerchen und dann küßte sie mich.
An einem wundervollen Sommerabend – es war drei Tage vor ihrem Tode – bat sie, man möge den Vorhang vor dem Fenster emporziehen und das Fenster öffnen. Vor dem Fenster lag das Gärtchen. Lange blickte sie in das frische Grün und sah die leuchtenden Farben der Abendsonne, und plötzlich bat sie, uns beide allein zu lassen.
„Wanjä,“ sagte sie mit kaum hörbarer Stimme, denn sie war schon sehr schwach, „ich werde bald sterben. Sehr bald, und ich will dir sagen, daß du mich nicht vergessen sollst. Zum Andenken hinterlasse ich dir dieses hier,“ – sie wies auf ein großes Amulett, das sie an dem Bändchen, an dem auch ihr Kreuz hing, auf der Brust trug. „Das hat Mama mir sterbend hinterlassen. Also, wenn ich sterbe, so nimm du dieses Amulett an dich, nimm es und lies, was darin steht. Ich werde heute auch den andern sagen, daß du allein dieses Amulett erhalten sollst. Und wenn du gelesen hast, was hier geschrieben steht, dann geh zu ihm und sage ihm, daß ich gestorben bin, ihm aber nicht verziehen habe. Sage ihm auch, daß ich die Bibel vor nicht langer Zeit gelesen habe. Dort ist gesagt: vergebt allen euren Feinden. Nun, ich habe das gelesen, ihm aber vergebe ich trotzdem nicht, denn als Mama im Sterben lag und noch sprechen konnte, war das Letzte, was sie mir sagte: ‚Ich verfluche ihn‘. Nun und so verfluche auch ich ihn, verfluche ihn nicht um meinetwillen, sondern um Mamas willen ... Und du erzähle ihm, wie Mama gestorben ist, wie ich bei der Bubnowa allein zurückblieb, erzähle ihm, wie du mich bei der Bubnowa gesehn hast, – alles, alles erzähle ihm und dann sage ihm auch, daß ich lieber bei der Bubnowa bleiben wollte, als zu ihm gehen ... Ich bin nicht zu ihm gegangen ...“
Nelly war bleich geworden, ihre Augen brannten und ihr Herz klopfte so stark, daß sie auf das Kissen zurücksank und eine Weile kein Wort sprechen konnte.
„Rufe sie, Wanjä,“ sagte sie dann endlich mit schwacher Stimme. „Ich will von allen Abschied nehmen. Leb wohl, Wanjä! ...“
Noch einmal, zum letzten Male umarmte sie mich krampfhaft. Der Alte konnte es nicht fassen, daß sie sterben solle, konnte diese Möglichkeit überhaupt nicht zugeben. Bis zum letzten Augenblick stritt er noch mit uns und versicherte, daß sie unfehlbar gesund werden müsse. Er magerte sichtlich ab vor Sorge und saß ganze Tage und sogar Nächte hindurch an Nellys Bett. In den letzten Nächten schlief er überhaupt nicht. Den geringsten Wunsch suchte er ihr schon im voraus zu erfüllen, noch bevor sie ihn ausgesprochen hatte. Als er an jenem Tage, nachdem sie von uns Abschied genommen, zu uns ins andere Zimmer kam, weinte er bitterlich, doch bald begann er wieder zu hoffen und uns zu versichern, daß sie gesund werden müsse. Ihr Zimmer schmückte er täglich mit Blumen. Einmal kaufte er ein großes Bukett der schönsten roten und weißen Rosen und hatte deshalb einen weiten Weg zurückgelegt, nur um seiner kleinen Nelly eine Freude zu bereiten ... Natürlich regte sie sich darüber nicht wenig auf: war doch eine so große und so allgemeine Liebe etwas ganz Neues für sie. Der Alte wollte unter keiner Bedingung Abschied von ihr nehmen. Da lächelte Nelly ihm zu und bemühte sich den ganzen Abend, fröhlich zu scheinen und mit uns zu scherzen, ja sie lachte sogar ... Wenigstens verließen wir sie alle fast hoffnungsfreudig, doch am nächsten Tage hatte sie schon die Sprache verloren. Nach zwei Tagen starb sie.
Ich erinnere mich noch, wie der Alte ihren Sarg mit Blumen schmückte und wie verzweifelt er ihr abgezehrtes totes Gesichtchen, ihr totes Lächeln und ihre schmalen gefalteten Händchen betrachtete. Er weinte, als habe er sein leibliches Kind verloren. Natascha, ich und überhaupt alle trösteten ihn, so gut wir zu trösten vermochten, doch er ließ sich nicht trösten und erkrankte nach ihrer Beerdigung sogar ziemlich schwer.
Anna Andrejewna gab mir das Amulett, das sie Nelly abgenommen hatte. Es enthielt nur einen Brief, den Nellys Mutter an den Fürsten geschrieben hatte. Ich las ihn durch. Sie wandte sich mit einem Fluch an ihn, sie sagte, daß sie ihm nicht vergeben könne; sie beschrieb ihr Leben in den letzten Jahren und schilderte das Schicksal, das ihre Tochter erwarte, und darauf flehte sie ihn an, doch etwas wenigstens für das Kind zu tun. „Es ist Ihr Kind,“ schrieb sie, „es ist Ihre Tochter und Sie wissen es selbst, daß sie Ihre natürliche, Ihre rechtmäßige Tochter ist. Ich habe ihr gesagt, sie solle zu Ihnen gehen, wenn ich gestorben bin, und Ihnen diesen Brief übergeben. Wenn Sie das Kind nicht verstoßen, werde ich Ihnen dort vielleicht noch vergeben, werde am Tage des Gerichts vor dem Throne Gottes niederknien und den Richter anflehen, Ihnen Ihre Sünden zu vergeben. Nelly weiß, was in diesem Brief steht: ich habe ihn ihr vorgelesen; ich habe ihr alles erzählt, sie weiß alles, alles ...“
Nelly hatte die Bitte der Mutter nicht erfüllt: sie war nicht zum Fürsten gegangen und unversöhnt gestorben.
Als wir von ihrer Beerdigung zurückkamen, gingen wir beide, Natascha und ich, in den Garten. Es war ein heißer, blendend lichtheller Tag. In einer Woche sollten sie abreisen. Natascha sah mich lange mit seltsamen Blicken an.
„Wanjä,“ sagte sie, „Wanjä, das war doch nur ein Traum.“
„Was war ein Traum?“ fragte ich.
„Alles, alles das,“ sagte sie, „alles, was in diesem einen Jahr gewesen ist. Wanjä, weshalb habe ich dein Glück zerstört?“
Und in ihren Augen las ich:
„Wir hätten beide so glücklich sein können!“