Vierter Teil
E. K. Rahsin translation
I.
Ich will meine Wut nicht weiter beschreiben. Obschon ich mich so ziemlich auf alles gefaßt gemacht hatte, fühlte ich mich doch so überrumpelt, als hätte ich das nicht von ihm erwartet und als wäre er so überraschend wie ein Blitz aus heiterem Himmel in seiner ganzen schamlosen Gemeinheit vor mich hingetreten. Übrigens entsinne ich mich, daß ich mir meiner Empfindungen im Augenblick nicht ganz bewußt war: es war mir, als sei ich zu Boden gedrückt, verletzt, geschlagen, und schwerer, undefinierbarer Kummer bedrückte mein Herz. Ich fürchtete für Natascha. Konnte ich mir doch denken, wieviel Qualen ihr bevorstanden, und ich suchte halb unbewußt nach Wegen, auf denen man sie umgehen, vermeiden könnte, und sann auf Mittel, um ihr diese letzte Zeit vor der endgültigen Entscheidung zu erleichtern. Denn wie diese Entscheidung ausfallen würde, war doch schon vorauszusehen. Und sie näherte sich erschreckend schnell.
Ich gewahrte nicht einmal, wie ich den Weg nach Haus zurücklegte, obschon der Regen mich gründlich durchnäßte. Es schlug drei, als ich ins Haus trat. Kaum hatte ich an meine Tür geklopft, da hörte ich ein Stöhnen und wie jemand eilig den Riegel zurückzog. Wie es schien, hatte Nelly sich nicht zu Bett gelegt, sondern die ganze Zeit an der Tür gewartet. Das Licht brannte auf dem Tisch. Ich blickte ihr ins Gesicht und erschrak: es war geradezu entstellt. Ihre Augen glänzten wie im Fieber, auf den Wangen brannten rote Flecke, und dabei sah sie mich so wild und scheu an, als erkenne sie mich nicht. Ihre glühend heißen Hände zitterten.
„Nelly, was fehlt dir, bist du krank?“ fragte ich, mich zu ihr niederbeugend, und ich umfaßte sie mit meinen Armen.
Sie schmiegte sich zitternd an mich, als fürchte sie sich, und stoßweise, dabei atemlos schnell, begann sie mir etwas zu erzählen, als habe sie mich nur deshalb erwartet, um mir alles das zu sagen. Doch ihre Worte waren seltsam und ganz zusammenhanglos: ich begriff nichts. Sie aber sprach immer weiter wie im Fieber.
Ich führte sie vorsichtig zum Bett, doch war es mir unmöglich, sie zu bewegen, sich hinzulegen und einzuschlafen: sie klammerte sich krampfhaft an mich, immer als fürchte sie sich maßlos und bitte mich, sie zu beschützen; und als sie dann endlich im Bett lag, griff sie wieder nach meiner Hand und hielt sie krampfhaft fest, damit ich nur nicht fortginge. Ich war aber von all dem Erlebten so nervös geworden, und diese letzte Überraschung hatte mich so erschüttert, daß ich, als ich so an ihrem Bett saß und ihr fieberglühendes Gesichtchen sah, plötzlich zu schluchzen begann. Ich war gleichfalls krank. Als sie meine Tränen bemerkte, sah sie mich lange Zeit unbeweglich mit krampfhaft angespannter Aufmerksamkeit an: sie schien sich die größte Mühe zu geben, mich zu verstehen, doch fiel es ihr augenscheinlich sehr schwer. Endlich löste sich die Spannung in ihren Zügen, und ein Gedanke erhellte ihr Gesicht. Ich wußte, daß sie nach einem schweren epileptischen Anfall gewöhnlich eine Zeitlang nicht ganz zu sich kommen konnte und daher vermochte sie auch nicht zu sprechen. Diesmal war es ebenso: sie strengte sich vergeblich an, etwas zu sagen, doch als sie erriet, daß ich sie nicht verstehen konnte, streckte sie nur ihre kleine Hand aus und wischte mir die Tränen von den Wangen, dann schlang sie ihren Arm um meinen Hals und küßte mich.
Offenbar hatte sie in meiner Abwesenheit einen epileptischen Anfall gehabt, und zwar in einem Augenblick, als sie bei der Tür gestanden. Nachher wird sie dann lange bewußtlos dort gelegen haben und vielleicht war ihr dann in den Delirien irgend etwas Furchtbares erschienen, was sie so mit Angst erfüllt hatte. Vielleicht hat sie dann auch unklar daran gedacht, daß ich bald zurückkehren und an die Tür pochen würde, und so blieb sie wartend dort liegen, um sich bei meinem ersten Klopfen zu erheben.
„Aber wie kam sie denn gerade in dem Augenblick zur Tür?“ fragte ich mich, und plötzlich bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß sie ihren kleinen Pelz angezogen hatte. Ich hatte nämlich kurz vorher von einer alten Händlerin, die mich bisweilen aufsuchte und mir Kredit gewährte, dieses Mäntelchen für sie erstanden. Folglich mußte sie doch im Begriff gewesen sein, das Zimmer zu verlassen, als der Anfall sie vor der Tür zu Boden warf. Wohin aber hatte sie denn gehen wollen? Oder sollte sie auch da schon im Fieber halb bewußtlos gewesen sein?
Ihre Händchen waren heiß, das Fieber mußte gestiegen sein: sie lag bewußtlos auf dem Bett und phantasierte hin und wieder. Zweimal bereits hatte sie in meiner Wohnung einen Anfall bekommen, doch diesmal schien sie ernstlich erkrankt zu sein. Ich saß wohl über eine halbe Stunde bei ihr am Bett, dann machte ich mir auf dem Diwan ein Lager zurecht und legte mich, so wie ich war, in den Kleidern hin, um sogleich aufstehen zu können, falls sie mich rief. Das Licht ließ ich brennen. Bevor ich einschlief, blickte ich noch mehrere Male zu ihr hinüber: sie war beängstigend bleich; auf ihren fieberheißen trockenen Lippen bemerkte ich Blutspuren; aus ihrem Gesicht schwand aber selbst im Schlaf nicht der Ausdruck von Angst und einer gewissen qualvollen Sorge. Ich beschloß, am nächsten Morgen so früh als möglich zum Arzt zu gehn, wenn sich ihr Zustand nicht vorher noch verschlimmerte. Ich befürchtete, sie könnte Nervenfieber bekommen.
„Das muß der Fürst gewesen sein, der sie so erschreckt hat!“ sagte ich mir und mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ich dachte daran, wie er von jenem Mädchen gesprochen, das ihm ihr Geld ins Gesicht geworfen.
II.
...Es vergingen zwei Wochen. Nelly ging es besser. Zu einem Nervenfieber war es glücklicherweise nicht gekommen, aber trotzdem war sie nach dem Anfall sehr schwer erkrankt. An einem hellen klaren Tage gegen Ende April verließ sie zum erstenmal das Bett. Es war in der Karwoche.
Armes kleines Geschöpf!
Ich kann meine Erzählung nicht in der früheren Weise fortsetzen. Jetzt, wo ich all dies niederschreibe, ist schon viel Zeit darüber vergangen, und dennoch kann ich nicht ohne bitteres Weh an dies bleiche, schmale Gesichtchen zurückdenken, an den tiefen Blick ihrer dunklen Augen, wenn wir allein waren und sie mich von ihrem Bett aus ansah, lange und regungslos, als wolle sie mich auffordern, zu erraten, was sie im Sinne hatte; und wenn sie dann sah, daß ich noch immer nichts erriet und sie verständnislos ansah, lächelte sie still, gleichsam in sich hinein, um dann plötzlich ihr heißes Händchen mit den hageren Fingerchen mir entgegenzustrecken. Jetzt gehört das alles schon der Vergangenheit an, alles hat sich entschieden und alles ist bekannt, nur das Geheimnis dieses kranken, gequälten kleinen Herzens ist mir auf immer noch ein Geheimnis geblieben.
Ich weiß, daß es mich von der Erzählung ablenkt, aber ich kann nicht anders, ich will immer nur an Nelly denken. Wie seltsam ist es jetzt: ich liege im Hospital auf einem schlichten Krankenbett, vergessen von allen, die ich einst so geliebt ... Und wenn mir jetzt irgend etwas Nebensächliches aus jener Zeit einfällt, etwas, das ich damals vielleicht kaum bemerkt und bald vergessen hatte, so beginnt es hier in der Einsamkeit unmerklich zu wachsen und wird groß und größer und erhält eine ganz andere Bedeutung, wird zu etwas Ganzem, Abgerundetem, das mir nun manches erklärt, was ich damals nicht zu begreifen verstand.
In den ersten vier Tagen ihrer Krankheit waren wir, der Arzt und ich, sehr besorgt um sie, am fünften Tage aber nahm mich der Arzt beiseite und sagte mir, daß ich mich beruhigen solle, denn sie werde bestimmt gesund werden. Es war das derselbe Arzt, der alte Junggeselle und gutmütige Sonderling, den ich schon bei Nellys erster Erkrankung konsultiert und der ihr mit seinem Stanislausorden am Halse so unendlichen Respekt eingeflößt hatte.
„Dann ist also nichts mehr zu befürchten?“ fragte ich erfreut.
„Nein, sie wird jetzt gesund werden, dann aber wird sie bald sterben.“
„Wie das? Sterben? Weshalb denn?“ rief ich ganz erschrocken aus, fast verblüfft durch dieses seltsame Urteil.
„Ja, sie wird unfehlbar bald sterben. Sie hat einen organischen Herzfehler und wird bei der geringsten Gemütserregung wieder so weit sein, daß sie ins Bett muß. Möglicherweise wird sie auch dann noch einmal gesund werden, aber jedenfalls nicht mehr auf lange.“
„Und kann man sie denn wirklich nicht retten? Nein, das kann unmöglich so sein!“
„Aber es ist so. Freilich ... wenn man alle Widerwärtigkeiten aus dem Wege räumen, ihr ein ruhiges, stilles Leben und verschiedene Vergnügungen bieten könnte, dann ließe sich der Tod noch etwas hinausschieben. Es gibt allerdings Fälle ... allerdings nur Ausnahmen ... die in der Regel ganz unerwartet vorkommen, daß ... mit einem Wort, die Kleine könnte sogar unter gewissen überaus günstigen Umständen gerettet werden, auf immer gerettet aber – niemals.“
„Ja, aber ... mein Gott, was soll man denn jetzt tun?“
„Vor allen Dingen meine Vorschriften befolgen: sie muß ein ruhiges Leben führen und regelmäßig die Pulver einnehmen. Wie ich bemerkt habe, scheint die Kleine recht eigensinnig zu sein, vielleicht auch etwas launenhaft und spottlustig. Jedenfalls liebt sie es nicht sonderlich, pünktlich nach der Vorschrift die Pulver einzunehmen. Soeben weigerte sie sich doch mit allem Nachdruck.“
„Ja, Sie haben recht. Sie ist in der Tat etwas sonderbar bisweilen, nur möchte ich das ihrer krankhaften Reizbarkeit zuschreiben. Gestern war sie sehr gehorsam; als ich ihr aber heute die Arznei brachte, nahm sie den Löffel scheinbar aus Versehen so unvorsichtig, daß sie alles verschüttete. Und als ich mit dem neuen Pulver kam, riß sie mir das Kärtchen aus der Hand und schleuderte es dorthin in den Winkel, worauf sie in Tränen ausbrach ... Doch glaube ich nicht, daß sie deshalb geweint hat, weil sie die Pulver einnehmen sollte.“
„Hm! Nerven, nichts als Nerven! Das hängt mit dem früheren großen Unglück zusammen, daher auch ihre Krankheit. (Ich hatte dem Doktor ausführlich und offenherzig Nellys Lebensgeschichte erzählt, und meine Erzählung hatte einen sehr großen Eindruck auf ihn gemacht.) Das einzige Mittel dagegen sind diese Pulver, sie muß durchaus die Pulver einnehmen. Ich werde ihr noch einmal eine Vorlesung halten über die Pflicht, den ärztlichen Vorschriften nachzukommen ... das heißt im allgemeinen gesagt ... die Pulver einzunehmen.“
Wir verließen beide die Küche, wo unsere Unterredung stattgefunden, und der Doktor trat wieder ans Bett der Kranken. Nelly mußte unser Gespräch gehört haben, denn ich hatte aus der Küche bemerkt, wie sie den Kopf hob und angestrengt zu lauschen schien. Als sie uns jetzt kommen hörte, schlüpfte sie wieder unter die Decke und sah uns mit einem spöttischen Lächeln entgegen. Die Arme hatte in diesen vier Tagen ihrer Krankheit sehr abgenommen. Die Augen lagen in großen Höhlen und immer noch zehrte das Fieber an ihr. Um so seltsamer fiel ihr schelmischer, herausfordernd glänzender Blick auf, der meinen guten Doktor, den besten aller Deutschen in Petersburg, höchst verwundern mußte.
Er sprach ernst, wenn auch nach Möglichkeit mit weicher Stimme und im zärtlichsten Ton auf sie ein, um sie von der Notwendigkeit und Heilkraft der Pulver zu überzeugen und daß es also die Pflicht jedes Kranken sei, dem Arzt zu gehorchen ... Nelly hob das Köpfchen, um die Medizin einzunehmen, stieß aber wie zufällig mit einer Handbewegung an den Löffel und die ganze Arzenei wurde wieder verschüttet. Ich bin fest überzeugt, daß sie es mit Absicht getan.
„Das war eine sehr unangebrachte Unvorsichtigkeit,“ sagte ruhig der Alte, „und ich glaube, daß sie mit Absicht geschah, was durchaus nicht lobenswert ist. Doch ... man kann alles wieder gut machen, darum werde ich ein zweites Pulver zubereiten.“
Nelly lachte ihm offen ins Gesicht. Der Doktor schüttelte methodisch den Kopf.
„Das ist gar nicht schön,“ sagte er, „sehr, sehr wenig lobenswert.“
„Ärgern Sie sich nicht über mich,“ antwortete ihm Nelly, die sich Mühe gab, nicht mehr zu lachen, „ich werde die Pulver einnehmen ... werden Sie mich aber dafür lieb haben?“
„Wenn Sie sich lobenswert führen, werde ich Sie sehr lieb haben.“
„Sehr?“
„Sehr.“
„Sonst aber lieben Sie mich nicht?“
„Auch sonst liebe ich Sie.“
„Würden Sie mich küssen, wenn ich Sie küssen wollte?“
„Ja, wenn Sie es verdienen.“
Nelly konnte wieder nicht mehr an sich halten und brach in Lachen aus.
„Die Patientin scheint einen fröhlichen Charakter zu haben, doch jetzt – sind es nur Nerven,“ flüsterte mir der Doktor mit ernster Miene zu.
„Nun schön, ich werde die Pulver nehmen!“ rief Nelly plötzlich mit ihrem schwachen Stimmchen dazwischen. „Doch wenn ich erwachsen sein werde, werden Sie mich dann heiraten?“
Offenbar schien ihr dieser neue Scherz sehr zu gefallen; ihre Augen brannten und ihre Lippen zuckten vor Lachen in Erwartung einer Antwort des einigermaßen in Erstaunen gesetzten alten Doktors.
„Nun, ja,“ antwortete er, unwillkürlich über diese neue Laune von ihr lächelnd, „wenn Sie gut und ein wohlerzogenes junges Mädchen sein werden, und gehorsam ...“
„Die Pulver einnehmen werden?“ griff Nelly auf.
„Oho! Stimmt! ... Die Pulver einnehmen werden. Ein gutes Kind ist sie,“ wandte er sich wieder an mich, „in ihr ist viel, viel ... Gutes und Kluges, doch, heiraten ... was für eine sonderbare Idee ...“
Und wieder reichte er ihr die Medizin, und diesmal tat sie es nicht einmal mehr versteckt, sondern schlug einfach mit ihrer Hand die Hand des Alten von unten in die Höh’, so daß ihm die ganze Medizin auf das Vorhemd und ins Gesicht spritzte. Dabei lachte sie laut auf, doch war es nicht mehr ein gutes oder fröhliches Lachen ... in ihrem Gesichtsausdruck lag etwas Grausames, Böses. Die ganze Zeit war sie meinem Blick ausgewichen, jetzt sah sie nur lächelnd den Doktor an, aber in ihrem Lächeln lag eine gewisse Unruhe und Erwartung, was der „lächerliche“ Alte jetzt tun würde.
„O! schon wieder! ... Wie unangenehm! Nun ... man kann das Pulver noch einmal bereiten!“ Der Alte wischte sich mit dem Taschentuch das Gesicht ab.
Das setzte Nelly wirklich in Erstaunen. Sie hatte unseren ganzen Zorn erwartet, hatte gedacht, daß man ihr Vorwürfe machen würde, was sie sich unbewußt vielleicht sogar herbeigewünscht – als Vorwand um gleich wieder weinen und schluchzen zu können, die Pulver umzuschütten wie vorhin, oder aus Ärger irgend etwas zu zerschlagen, um dadurch ihr verbittertes, schmerzendes Herz zu betäuben. Das geschieht auch mit anderen, nicht nur mit Kranken und nicht nur mit Nelly. Wie oft bin ich selbst im Zimmer auf und ab gegangen mit dem unbewußten Verlangen, durch irgendeinen Vorwand meinem Herzen Luft zu verschaffen. Wie oft verfallen Frauen, deren Herz voll tiefer Trauer, die sie niemandem mitteilen können, in Hysterie.
Doch die Engelsgüte des von ihr beleidigten Alten und die Geduld, mit der er von neuem, zum dritten Male, das Pulver verfertigte, ohne ihr einen Vorwurf zu machen, entwaffnete Nelly vollständig. Das Lächeln verschwand von ihren Lippen, sie errötete und der Blick ihrer Augen verschleierte sich: sie streifte auch mich flüchtig mit ihrem Blick, wandte sich aber sofort wieder von mir ab. Der Doktor reichte ihr die Medizin. Sie nahm sie ruhig und bescheiden an, ergriff die rote, gedrungene Hand des Alten und sah ihm in die Augen.
„Sind Sie böse, daß ich ...“ sie konnte ihren Satz nicht beenden; sie zog die Decke über den Kopf und fing an zu schluchzen.
„O, mein Kind, weinen Sie nicht ... Das hat nichts zu sagen ... Das sind Nerven; trinken Sie etwas Wasser.“
Doch Nelly hörte nicht auf ihn.
„Beruhigen Sie sich ... regen Sie sich nicht so auf,“ dabei weinte er fast selbst vor Rührung, denn er war ein sehr gefühlvoller Mensch, „ich verzeihe Ihnen alles und werde Sie heiraten, wenn Sie bei gutem Betragen ein ehrliches Mädchen sein werden, und die ...“
„Pulver einnehmen,“ hörte man unter der Decke wie ein dünnes Glöckchen, ihr nervöses von Schluchzen unterbrochenes Lachen, das mir so gut bekannt war.
„Gutes, einsichtsvolles Kind!“ sagte der Doktor triumphierend und fast mit Tränen in den Augen. „Armes Mädchen!“
Seit der Zeit entwickelte sich zwischen ihm und Nelly eine merkwürdige, innige Sympathie. Mir gegenüber wurde Nelly jedoch immer finsterer, nervöser und gereizter. Ich wußte nicht, wie ich mir diesen plötzlichen Umschwung in ihr erklären sollte. In den ersten Tagen ihrer Krankheit war sie zu mir so lieb und zärtlich gewesen; es schien, als könnte sie sich nicht sattsehen an mir, hielt meine Hand in ihrem heißen Händchen, und wenn sie bemerkte, daß ich erregt oder finster aussah, so bemühte sie sich, mich zu erheitern, scherzte, lachte und spielte mit mir, ungeachtet ihrer eigenen Schmerzen. Sie wollte nicht, daß ich arbeitete und die Nächte über wach saß und war unglücklich, wenn ich nicht auf sie hörte. Oft sah sie bekümmert und sorgenvoll aus und fragte mich, warum ich so traurig wäre und was ich auf dem Herzen hätte; doch sonderbar, kamen wir im Gespräch auf Natascha, so verstummte sie sofort und begann von was anderem zu reden. Sie schien es vermeiden zu wollen, von Natascha zu sprechen, und das wunderte mich. Wenn ich nach Hause zurückkehrte, so freute sie sich, griff ich nach der Mütze, so wurde sie finster und ein vorwurfsvoller Blick ihrer Augen begleitete mich.
Am vierten Tag ihrer Krankheit saß ich den ganzen Abend bis Mitternacht bei Natascha. Wir hatten viel zu bereden. Als ich das Haus verließ, versprach ich meiner Kranken bald zurückzukehren, was ich auch beabsichtigt hatte. Als ich nun zufällig länger bei Natascha blieb, war ich in betreff Nellys ganz ruhig: ich wußte, daß sie nicht allein geblieben. Bei ihr war Alexandra Ssemjonowna, die durch Masslobojeff, der einen Augenblick bei mir gewesen, erfahren, daß Nelly erkrankt sei und ich sie ganz allein pflegen mußte. Mein Gott, wie die gute Alexandra Ssemjonowna sich darüber aufgeregt hatte!
„Also wird er auch Freitag nicht zu uns kommen! ... Und der Arme ist doch allein, ganz allein. Aber da wollen wir ihm wenigstens unser Mitgefühl zeigen und den Zufall nicht unbenutzt vorübergehen lassen.“
Sie erschien sofort bei mir und brachte in der Droschke ein ganzes Bündel Sachen mit sich. Sie erklärte mir denn auch sofort, daß sie mich nicht mehr allein lassen würde und gekommen sei, um mir zu helfen; dabei öffnete sie ihr Bündel. In ihm waren eingemachte Früchte für die Kranke, Hühner für den Fall, wenn es der Kranken besser gehen sollte, Äpfel, Gebäck, Apfelsinen, Kiewer Bretzeln (für den Fall, daß der Doktor sie erlaubte), zuletzt Wäsche, Bettücher, Servietten, Frauenhemden, Kompressentücher – einfach ein ganzes Lazarett.
„Wir haben ja alles,“ sagte sie, so schnell als möglich jedes Wort aussprechend, als eilte es sehr, „Sie aber leben als Junggeselle, Sie haben davon wenig. So erlauben Sie mir schon ... und auch Filipp Filippytsch hat es mir befohlen. Nun, was soll ich jetzt ... schnell, schnell! Was soll ich jetzt tun? Wie geht es ihr? Ist sie bei Bewußtsein? Ach, wie schlecht sie liegt, man muß ihr das Kissen zurecht machen, damit ihr Kopf niedriger zu liegen kommt, wissen Sie was ... sollte nicht ein Lederkissen besser sein? Kühler. Ach, wie dumm ich bin! Mir ist es garnicht eingefallen, das Kissen mitzubringen. Ich werde es noch holen ... Soll ich nicht Feuer anmachen? Ich werde Ihnen meine Alte schicken. Ich habe eine Alte, Sie haben ja gar keine weiblichen Dienstboten ... Nun, was soll ich jetzt tun? Was ist das? Die Medizin hat der Doktor verschrieben? Wahrscheinlich Brusttee? Ich werde sofort das Feuer anmachen ...“
Ich beruhigte sie und sie war sehr erstaunt, sogar betrübt, daß es gar nicht so viel zu tun gab wie sie sich gedacht hatte. Doch, im übrigen, wie gesagt, beruhigte sie sich demnach bald; sie befreundete sich sofort mit Nelly und hat mir viel zur Zeit ihrer Krankheit geholfen. Sie besuchte uns jeden Tag und immer schien es, als hätte sie etwas versäumt und müßte es wieder einholen. Auch fügte sie zu allem hinzu, daß so Filipp Filippytsch befohlen hätte. Nelly gefiel ihr sehr. Sie liebten sich bald wie zwei Schwestern und ich glaube, daß Alexandra Ssemjonowna in vielem noch ebenso ein Kind wie Nelly war. Sie erzählte ihr verschiedene Geschichten, erheiterte sie und Nelly schien sich bald ohne sie zu langweilen. Bei ihrem ersten Erscheinen setzte die Kranke sie in Verwunderung, die es sofort erriet, warum der ungerufene Gast eigentlich gekommen war und sie ihrer Gewohnheit nach denn auch finster, schweigsam und unfreundlich empfing.
„Warum ist sie gekommen?“ fragte mich unzufrieden Nelly, als Alexandra Ssemjonowna uns verlassen hatte.
„Um dir zu helfen, Nelly, und dich zu pflegen.“
„Warum? Wofür? Ich habe ihr doch nichts Gutes getan?“
„Gute Menschen warten nicht darauf, Sie helfen auch ohnedem, wo es nottut. Es gibt auf der Welt sehr viel gute Menschen, Nelly. Es ist nur ein Unglück, daß du ihnen nicht begegnet bist, als es nötig war.“
Nelly schwieg; ich entfernte mich auf einen Augenblick. Nach einer Viertelstunde rief sie mich mit ihrem schwachen Stimmchen selbst zu sich und bat um Wasser. Plötzlich aber umarmte sie mich und preßte ihr Köpfchen an meine Brust. Am andern Tage, als Alexandra Ssemjonowna wieder kam, empfing sie diese mit freundlichem, wenn auch verschämtem und etwas schuldbewußtem Lächeln.
III.
An diesem Tage hatte ich den ganzen Abend bei Natascha zugebracht. Als ich zurückkehrte, schlief Nelly bereits. Auch Alexandra Ssemjonowna war ganz schlaftrunken und erwartete mich am Krankenbette. Sie teilte mir eilig, leise flüsternd mit, daß Nelly zuerst sehr lustig gewesen und sogar gelacht habe, als ich aber nicht zurückgekehrt sei, sei sie traurig, schweigsam und nachdenklich geworden. Sie habe über Kopfschmerzen geklagt, geweint und so geschluchzt, daß Alexandra Ssemjonowna nicht gewußt, was mit ihr anfangen. Sie habe auch mit ihr über Natalja Nikolajewna gesprochen, doch als sie ihr nichts darauf antworten konnte, hätte sie aufgehört, davon zu sprechen, geweint und zuletzt sei sie dann unter Tränen eingeschlafen. „Nun, leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch; jetzt ist es ihr leichter, wie es mir scheint, ich muß auch nach Haus, so hat mir Filipp Filippytsch befohlen. Ich muß Ihnen gestehen, daß er mich diesmal nur auf zwei Stunden entlassen, und ich bin bereits viel länger hiergeblieben. Doch, was tut’s, beunruhigen Sie sich nicht meinetwegen, er wird es nicht wagen ... nur, mein lieber Iwan Petrowitsch, was soll ich tun: er kommt jetzt immer betrunken nach Haus! Er ist mit sich irgendwie sehr beschäftigt, spricht kein Wort mit mir, macht sich Sorgen, ich weiß es, und am Abend kommt er betrunken nach Haus ... Ich habe gedacht: wenn er nun nach Hause zurückgekehrt ist, wer wird ihn dann dort empfangen haben? Nun, ich fahre schon, ich fahre! Leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch. Habe mir dort Ihre Bücher angesehen: wieviel Bücher Sie haben, und alles ernste, kluge Bücher; ich Dumme, habe noch nie etwas gelesen ... Also, auf morgen ...“
Am nächsten Morgen erwachte Nelly finster und sprach kein Wort mit mir. Nur ungern antwortete sie auf meine Fragen, als wäre sie mir böse. Ich bemerkte nur hin und wieder einen ihrer Blicke, mit denen sie mich heimlich verfolgte; in ihnen lag viel verhaltenes Herzeleid und unterdrückte Zärtlichkeit, was sonst, wenn sie mich gerade anschaute, nicht der Fall war. An diesem Tage spielte sich denn auch die Arzenei-Szene mit dem Doktor ab; ich wußte nicht, was ich denken sollte.
Nellys Verhalten zu mir veränderte sich jetzt vollständig. Ihr seltsames Wesen, ihre Launen, ja, ihr Haß gegen mich steigerten sich bis zu der Katastrophe, die unser ganzes Zusammenleben abbrach. Doch davon später.
Es geschah übrigens, daß sie von Zeit zu Zeit, wie früher, zärtlich zu mir war. Ihre Zärtlichkeit schien sich in diesen Augenblicken sogar zu verdoppeln; am häufigsten aber weinte sie bitter in diesen Momenten. Doch diese Stunden vergingen sehr schnell wieder; sie verfiel dann wieder in ihren früheren Kummer, sah mich feindlich an, wurde launisch, wie damals mit dem Doktor, und wenn sie bemerkte, daß irgendeiner ihrer neuen Streiche mich unangenehm berührte, so brach sie in Lachen aus, das dann in Tränen endete.
Selbst gegen Alexandra Ssemjonowna hatte sie sich unfreundlich benommen, ihr gesagt, daß sie nichts von ihr brauche. Als ich ihr in Gegenwart von Alexandra Ssemjonowna darüber Vorwürfe machte, brauste sie auf, verstummte dann und sprach zwei Tage lang kein Wort mit mir, wollte keine Medizin einnehmen, weder trinken noch essen, und nur der alte Doktor verstand es noch mit ihr umzugehen.
Ich sagte bereits, daß sich zwischen ihr und dem Doktor ein merkwürdiges Freundschaftsverhältnis entwickelt hatte. Nelly schien ihn sehr gern zu haben und begrüßte ihn immer mit freundlichem Lächeln, wenn er kam, wie traurig sie auch sonst vor seinem Erscheinen gewesen sein mochte. Der Alte wiederum besuchte sie jeden Tag und manchmal sogar zweimal am Tage, und als Nelly sich bereits in der Genesung befand, das Bett schon verlassen hatte, schien sie ihn dermaßen bezaubert zu haben, daß er ohne sie den Tag nicht verleben konnte, ohne ihr Lachen und ihre Scherze über sich zu hören, die oft wirklich sehr drollig waren. Er brachte ihr Bilderbücher, meistenteils belehrender Art, brachte ihr Süßigkeiten und Konfekt in schönen Kästchen. Jedesmal erschien er dann mit besonders feierlicher Miene, als gäbe es eine Namenstagfeier, so daß Nelly sofort erriet, daß er mit einem Geschenk gekommen war. Das Geschenk zeigte er aber nicht gleich, sondern lächelte nur pfiffig und setzte sich neben Nelly mit der Bemerkung, daß, wenn ein junges Mädchen sich gut aufgeführt und in seiner Abwesenheit sich Achtung erworben, daß so ein junges Mädchen würdig einer Belohnung sei. Dabei sah er sie so gutmütig und herzlich an, daß in den strahlenden Augen Nellys, wenn sie ihm auch offen ins Gesicht lachte, eine aufrichtige und zärtliche Dankbarkeit aufleuchtete. Zuletzt erhob sich dann der Alte feierlich, zog ein Kästchen mit Konfekt aus der Tasche und händigte es Nelly ein mit der Bemerkung: „Meiner zukünftigen und liebenswürdigen Frau Gemahlin.“
In diesem Augenblick war er sicher selbst glücklicher als Nelly.
Darauf folgten dann Gespräche über ihre Gesundheit und medizinische Ratschläge.
„Vor allem muß man seine Gesundheit zu erhalten streben,“ sagte er zu ihr, in dogmatischem Tone, „hauptsächlich darum, um leben zu bleiben, immer gesund zu sein, das Glück des Lebens zu genießen. Wenn Sie, mein liebes Kind, irgendwelchen Kummer haben, so vergessen sie ihn, oder besser, trachten Sie, nicht an ihn zu denken. Und wenn Sie keinen Kummer haben, dann denken Sie erst recht nicht an ihn, sondern denken Sie an Vergnügungen und Spiel.“
„An welches Vergnügen soll ich denn denken?“ – fragte Nelly.
Der Doktor war nicht wenig verblüfft ...
„Nun, ... an irgendein unschuldiges Spiel, das Ihrem Alter ansieht; oder so ... etwas Ähnliches ...“
„Ich will nicht spielen; ich spiele nicht gern,“ sagte Nelly. „Ich liebe zum Beispiel neue Kleider.“
„Neue Kleider! Hm! Nun, das ist bereits weniger gut. Man muß mit seinem bescheidenen Los im Leben zufrieden sein. Doch, übrigens ... warum nicht ... man kann auch neue Kleider lieben.“
„Und Sie, werden Sie mir viele neue Kleider kaufen, wenn ich Ihre Frau sein werde?“
„Was für eine Idee!“ der Doktor schien ein wenig unwillig. Nelly lachte schelmisch und vergaß sich sogar so weit, daß sie auch mir zulächelte. „Übrigens, warum sollte ich Ihnen auch nicht schöne Kleider kaufen, wenn Sie es durch Ihr Betragen verdienen,“ fügte er versöhnlicher hinzu.
„Und wenn ich Sie heirate, muß ich dann jeden Tag Pulver einnehmen?“
„Nein, immer brauchen Sie nicht Pulver einzunehmen.“
Jetzt lächelte auch der Doktor.
Nelly krümmte sich einfach vor Lachen. Der Alte folgte ihrem Beispiel, er freute sich über ihre Fröhlichkeit.
„Ein launisches Köpfchen!“ sagte er, zu mir gewandt. „Doch aus alledem spricht immer noch ein wenig Gereiztheit.“
Er hatte recht. Ich wußte wirklich nicht, was ich mit ihr anfangen sollte. Sie wollte scheinbar überhaupt nicht mehr mit mir sprechen, als wäre ich in irgend etwas schuldig vor ihr. Das tat mir bitter weh. Ich ärgerte mich schließlich und sprach einmal einen ganzen Tag nicht mehr mit ihr, doch am nächsten Tage schämte ich mich bereits darüber. Sie weinte oft, und ich wußte wirklich nicht, womit ich sie beruhigen sollte. Übrigens einmal brach sie doch das Schweigen mit mir.
Eines Abends kehrte ich vor der Dämmerstunde nach Haus und bemerkte, wie Nelly unter ihrem Kissen ein Buch versteckte. Das war mein Roman, den sie jetzt wieder in meiner Abwesenheit zu lesen schien. Wozu mußte sie ihn vor mir verstecken? „Als schäme sie sich darüber,“ dachte ich und tat so, als ob ich nichts bemerkt hätte. Eine Viertelstunde nachher, als ich auf einen Augenblick in die Küche ging, sprang sie schnell aus dem Bett und legte das Buch an seinen früheren Platz; als ich zurückkam sah ich es auf dem Tische liegen. Plötzlich rief sie mich zu sich; in ihrer Stimme zitterte Erregung. Seit vier Tagen hatte sie kein Wort mit mir gesprochen.
„Gehen Sie ... heute zu Natascha?“ fragte sie mit erstickter Stimme.
„Ja, Nelly; ich muß sie heute durchaus besuchen.“
Nelly schwieg.
„Sie lieben ... sie sehr?“ fragte sie wieder mit schwacher Stimme.
„Ja, Nelly, ich liebe sie sehr.“
„Und auch ich liebe sie sehr,“ fügte sie mit leiser Stimme hinzu.
Wieder trat Schweigen ein.
„Ich möchte zu ihr gehen und mit ihr leben,“ begann Nelly von neuem. Ein furchtsamer Blick streifte mich dabei.
„Das ist nicht möglich, Nelly,“ antwortete ich einigermaßen verwundert. „Hast du es denn schlecht bei mir?“
„Warum ist es nicht möglich?“ fuhr sie auf. „Sie bereden mich doch, zu ihrem Vater zu gehen; zu ihm aber möchte ich nicht. – Hat sie eine Magd?“
„Ja.“
„Nun, so soll sie ihre Magd fortschicken, ich werde sie bedienen. Ich werde alles für sie tun und werde keine Belohnung von ihr annehmen; ich werde sie lieben und ihr Essen kochen. Sagen Sie ihr das, bitte, heute.“
„Was das für Phantasien sind, Nelly? Und was denkst du eigentlich von ihr: glaubst du denn wirklich, daß sie das zulassen würde? Wenn sie dich schon zu sich nehmen sollte, so doch nur als gleichberechtigt mit ihr, als ihre jüngere Schwester.“
„Nein, das will ich nicht ...“
„Warum nicht?“
Nelly schwieg. Ihre Lippen zitterten; sie wollte weinen.
„Der, den sie liebt, verläßt sie jetzt?“ fragte sie schließlich.
Ich war erstaunt.
„Woher weißt du das, Nelly?“
„Sie sagten es mir selbst vor einiger Zeit und vorgestern fragte ich den Mann von Alexandra Ssemjonowna; er erzählte mir alles.“
„War denn Masslobojeff hier?“
„Ja, er war gekommen,“ sie schlug die Augen nieder.
„Warum hast du mir nicht gesagt, daß er da war?“
„So ...“
Ich dachte einen Augenblick nach. Gott weiß warum dieser Masslobojeff sich hier geheimnisvoll herumtrieb, und was für Beziehungen er hier angeknüpft haben mochte? Ich mußte ihn doch aufsuchen.
„Nun, und was dann, wenn er sie verläßt, Nelly?“
„Nun, Sie lieben sie doch sehr,“ antwortete Nelly, ohne mich anzusehen. „Wenn Sie sie aber so lieben, so werden Sie sie doch heiraten, wenn der andere fort fährt.“
„Nein, Nelly, sie liebt mich nicht so, wie ich sie liebe, ja und ich ... Nein, das wird nicht sein, Nelly.“
„Ich aber würde Ihnen allen beiden dienen, und Sie würden glücklich sein,“ sagte sie kaum hörbar, ohne mich anzusehen.
„Was ist mit ihr, was ist mit ihr?“ dachte ich und mein ganzes Innere tat mir weh. Nelly verstummte und sprach den Abend kein Wort mehr mit mir. Als ich fortgegangen war, weinte sie den ganzen Abend; wie Alexandra Ssemjonowna berichtete, schlief sie wieder unter Tränen ein. Sogar im Schlaf schluchzte sie noch und im Traum phantasierte sie.
Von dem Tage an wurde sie immer schweigsamer und verschlossener. Mit mir sprach sie überhaupt nicht mehr. Es geschah wohl, daß ich hin und wieder einen verstohlenen und flüchtigen Blick von ihr auffing, der voll unsäglicher Zärtlichkeit zu mir schien. Doch waren das nur Augenblicke und im Gegensatz zu ihnen wurde sie immer finsterer und verschlossener, sogar der Doktor wunderte sich über diese Veränderung in ihrem Charakter. Inzwischen hatte sie sich so weit erholt, daß sie mit Erlaubnis des Arztes täglich ein wenig an die freie Luft gehen konnte. Auch die Tage wurden immer heller und wärmer. Es war in der Karwoche, als ich eines Morgens ausging; ich mußte zu Natascha gehen, hatte aber Nelly versprochen, früh zurückzukehren, um mit ihr zusammen spazieren zu gehen. Unterdessen war sie allein zu Hause geblieben.
Ich kann es kaum beschreiben, welch ein furchtbarer Schlag mich traf, als ich damals nach Hause zurückkehrte! Schon draußen auf der Treppe fiel es mir auf, daß der Schlüssel von außen in der Tür steckte. Ich trete ein: es war niemand zu sehen. Ich erstarrte. Auf dem Tisch erblickte ich einen Zettel mit großen unregelmäßigen Buchstaben beschrieben:
„Ich bin von Ihnen fortgegangen und kehre nie mehr wieder. Ich liebe Sie aber sehr.
Ihre treue Nelly.“
Ich schrie auf und stürzte hinaus.
IV.
Kaum war ich auf der Straße, ohne mir noch klar zu werden, wohin ich mich wenden sollte, als plötzlich vor unserem Haustor eine Droschke hielt; aus der Droschke stieg Alexandra Ssemjonowna, gefolgt von Nelly, die sie fest an der Hand hielt, als fürchtete sie, daß Nelly noch einmal entlaufen könnte. Ich stürzte auf sie zu.
„Nelly, was hast du, wo warst du?“ rief ich.
„Warten Sie, gehen wir so schnell als möglich zu Ihnen, dort werden Sie alles erfahren,“ sagte Alexandra Ssemjonowna. „Was ich Ihnen für Sachen zu erzählen habe, Iwan Petrowitsch,“ flüsterte sie mir unterwegs zu. „Wundern kann man sich ... Kommen Sie nur, Sie sollen alles sofort erfahren.“
Ihrem Gesicht konnte man ansehen, daß sie außerordentliche Neuigkeiten mitzuteilen hatte.
„Gehe, Nelly, gehe, lege dich schlafen,“ sagte sie zu ihr, als wir ins Zimmer traten, „du mußt müde sein. Es ist doch kein Spaß, nach der Krankheit so herumzulaufen! Lege dich, Täubchen, lege dich hin. Wir aber wollen hierher gehen, um sie nicht zu stören ...“
Und sie winkte mir zu, mit in die Küche zu kommen.
Doch Nelly legte sich nicht, sie setzte sich auf den Diwan und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.
Wir verließen das Zimmer. Alexandra Ssemjonowna berichtete mir so schnell als möglich den Tatbestand. Später erfuhr ich noch weitere Einzelheiten.
Nachdem sie mir den Zettel geschrieben, war Nelly zwei Stunden vor meiner Rückkunft davongelaufen und hatte sich zuerst zum alten Doktor begeben. Seine Adresse hatte sie sich schon beizeiten gemerkt. Der Doktor, wie er erzählte, war einfach starr vor Schreck gewesen, als er plötzlich Nelly bei sich sah und die ganze Zeit während ihres Daseins habe er „seinen Augen nicht trauen können.“ „Ich kann es auch jetzt noch nicht glauben,“ fügte er zum Schluß seiner Erzählung hinzu, „und werde es nie und nimmer für wahr halten.“ Er saß ruhig im Schlafrock in seinem Kabinett und trank Kaffee, als sie plötzlich hineinstürzte und, ehe er zur Besinnung gekommen war, sich ihm um den Hals warf. Sie klammerte sich an ihn, weinte, küßte ihm die Hände und bat ihn bedingungslos sie zu sich zu nehmen, mit der Begründung, daß sie bei mir nicht mehr leben wolle noch könne und darum von mir fortgegangen sei; daß sie leide; daß sie nie mehr über ihn lachen noch von neuen Kleidern sprechen werde, sondern sich gut aufführen und lernen wolle, – offenbar hatte sie sich unterwegs ihre Rede ausgedacht – und daß sie überhaupt gehorsam sein und jeden Tag, so viel er wolle, Pulver einnehmen würde. Der gute Alte war vor Schreck so erstarrt, daß er mit offenem Munde dasaß. Als er endlich zu Wort kam, war ihm die Zigarre ausgegangen.
„Mademoiselle,“ sagte er endlich, „Mademoiselle, so wie ich Sie verstanden habe, wünschen Sie, daß ich Sie bei mir aufnehme. Doch, das ist – unmöglich! Sie sehen, ich lebe hier sehr beengt und verfüge über wenig Mittel ... Und überhaupt, so plötzlich, ohne sich’s zu überlegen ... Das ist schrecklich! Und außerdem sind Sie, so weit es mir scheint, einfach davongelaufen. Das ist durchaus nicht lobenswert ... Und schließlich habe ich Ihnen nur erlaubt, an hellen Tagen ein wenig spazieren zu gehen, unter der Aufsicht Ihres Wohltäters, Sie aber verlassen Ihren Wohltäter und laufen einfach zu mir, wo Sie sich doch schonen und ... und ... Medizin einnehmen sollten. Und schließlich ... schließlich, verstehe ich überhaupt nichts ...“
Nelly ließ ihn nicht aussprechen. Sie fing wieder an zu weinen, ihn anzuflehen, doch es half nichts. Das Erstaunen des Alten nahm immer mehr zu und er konnte schließlich nichts mehr verstehen. Endlich gab es Nelly auf und lief aus dem Zimmer. „Ich war den ganzen Tag unwohl,“ schloß der Alte seine Erzählung, „und nahm zur Nacht ein Pulver ein.“
Nelly begab sich von dort zu Masslobojeffs. Obgleich ihr die Adresse bekannt war, fand sie die Wohnung doch nur mit großer Mühe. Masslobojeff war zu Haus. Alexandra Ssemjonowna schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als Nelly ihre Bitte, sie zu sich zu nehmen, vortrug. Auf ihre Fragen: warum es ihr Wunsch sei und ob sie es bei mir so schwer habe, antwortete Nelly nicht, sondern warf sich schluchzend in einen Stuhl. „Sie schluchzte so sehr, so sehr,“ erzählte mir Alexandra Ssemjonowna, „daß ich fürchtete, sie könne daran sterben!“ Nelly flehte, sie als Köchin, als Stubenmagd aufzunehmen, versicherte, daß sie waschen und plätten könne. Darauf schienen sich alle ihre Hoffnungen aufzubauen. Die Meinung Alexandra Ssemjonownas war gewesen, sie so lange bei sich zu behalten, bis die Dinge sich allmählich aufklärten und man mich davon benachrichtigt hätte. Doch Filipp Filippytsch hatte sich dem durchaus widersetzt und befohlen, mir den Flüchtling sofort einzuhändigen. Unterwegs habe Alexandra Ssemjonowna Nelly umarmt und getröstet, doch dabei habe sie wieder noch mehr zu weinen angefangen. Auch Alexandra Ssemjonowna hatte dann vor Rührung geweint.
„Warum, warum willst du denn nicht bei ihm bleiben; hat er dich denn etwa beleidigt, wie?“ fragte sie Nelly unter Tränen.
„Nein, er hat mich nicht beleidigt ...“
„Nun, warum willst du denn ...“
„So, ich will nicht mehr bei ihm leben ... ich kann nicht ... ich bin so böse zu ihm ... er aber ist gut ... bei Ihnen würde ich nicht böse sein, ich würde arbeiten,“ antwortete sie, krampfhaft schluchzend.
„Warum bist du denn so böse zu ihm, Nelly?“
„So ...“
„Und ich konnte von ihr nur dieses ‚so‘ erfahren,“ schloß Alexandra Ssemjonowna, ihre Tränen trocknend. „Warum ist sie nur so trübsinnig? Wohl von Geburt so? Was denken Sie, Iwan Petrowitsch?“
Wir kehrten zu Nelly zurück; sie lag, das Gesicht in den Kissen vergraben, und weinte. Ich kniete an ihrem Bett nieder, nahm ihre Hände und küßte sie. Sie entriß sie mir aber und schluchzte noch heftiger. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. In dem Augenblick trat plötzlich der alte Ichmenjeff ins Zimmer.
„Guten Tag, Iwan, ich komme zu dir in Geschäften!“ Verwundert sah er uns alle an.
Der Alte war in der letzten Zeit krank gewesen, war ganz zusammengefallen, sah blaß und mager aus. Er wollte aber auf die Ermahnungen seiner Frau nicht hören, legte sich nicht, sondern fuhr fort – wie er sagte – „seine Geschäfte zu erledigen“.
„Leben Sie jetzt wohl,“ sagte Alexandra Ssemjonowna mit neugierigen Blicken auf den Alten. „Filipp Filippytsch hat mir befohlen, so schnell als möglich zurückzukommen. Am Abend, in der Dämmerstunde, werde ich auf ein paar Stündchen zu Ihnen kommen.“
„Wer ist sie?“ flüsterte mir der Alte zu, offenbar an ganz was anderes denkend.
Ich beantwortete ihm seine Frage.
„So, hm? Ich bin in einer besonderen Angelegenheit zu dir gekommen, Iwan ...“
Ich wußte, in welcher Angelegenheit, und hatte seinen Besuch bereits erwartet. Er kam wegen Nelly. Anna Andrejewna hatte endlich eingewilligt, die Waise in ihr Haus zu nehmen. Das war nach einem geheimen Übereinkommen zwischen mir und Anna Andrejewna geschehen: ich hatte sie davon überzeugt, daß der Anblick dieses Waisenkindes, deren Mutter gleichfalls von ihrem Vater verflucht worden war, sein Herz rühren und seinen Sinn ändern würde. Dieser Plan hatte ihr so gefallen, daß sie jetzt selbst in den Alten drang, Nelly ins Haus zu nehmen. Er seinerseits wollte natürlich vor allem seine Anna Andrejewna befriedigen und dann hatte er selbst ein besonderes Ziel im Auge ... Davon werde ich später ausführlicher erzählen ...
Ich sagte bereits, daß Nelly den Alten gleich seit seinem ersten Besuch nicht gern hatte. Ihr Gesicht drückte sogar einen gewissen Haß aus, wenn man seinen Namen nannte. Der Alte trug denn auch sofort ohne alle Umstände sein Anliegen vor, indem er auf Nelly zuging, die ihr Gesicht noch immer in die Kissen preßte, ihre Hand ergriff und sie fragte: ob sie an Stelle seiner Tochter zu ihm kommen wolle?
„Ich hatte eine Tochter, die ich mehr liebte, als mich selbst,“ schloß der Alte, „doch jetzt ist sie nicht mehr vorhanden. Sie ist tot. Willst du ihren Platz in unserem Hause ... in meinem Herzen einnehmen?“
Und in seinen Augen, die vom Fieber entzündet waren, erglänzte eine Träne.
„Nein, ich will nicht,“ antwortete Nelly, ohne den Kopf zu erheben.
„Warum denn nicht, mein Kind? Du bist doch ganz allein in der Welt. Du kannst doch nicht immer bei Iwan bleiben, bei mir aber hättest du es wie im Elternhause.“
„Ich will nicht, weil Sie böse sind. Ja, böse, böse!“ fügte sie hinzu, richtete sich auf und setzte sich dem Alten gegenüber aufs Bett. „Ich selbst bin böse, böser als alle, aber Sie sind noch böser als ich! ...“
Dabei erbleichte sie, ihre Augen funkelten; sogar ihre Lippen erbleichten und zitterten, ihr Mund verzog sich vor innerer Erregung. Der Alte sah sie ganz verwundert an.
„Ja, böser als ich, denn Sie wollen Ihrer Tochter nicht vergeben; sie wollen sie auf immer vergessen und an ihrer Stelle ein anderes Kind annehmen ... kann man denn sein eigenes Kind vergessen? Werden Sie mich denn je lieben können? Wenn Sie mich ansehen werden, so müssen Sie sich erinnern, daß ich Ihnen fremd bin, daß Sie aber eine Tochter hatten, die Sie vergessen wollten, Sie grausamer Mensch! Ich will nicht bei so grausamen Menschen leben; ich will nicht, ich will nicht! ...“
Nelly verstummte plötzlich und warf nun mir einen Blick zu.
„Übermorgen ist Ostern!“ fuhr sie fort. „Christ ist erstanden, alles umarmt sich, alles versöhnt sich, allen wird vergeben ... Nur Sie ... Sie allein ... wollen es nicht tun, Sie Grausamer! Gehen Sie fort!“
Sie brach in Tränen aus. Auf diese Rede schien sie sich bereits lange vorbereitet zu haben, für den Fall, daß der Alte sie noch einmal auffordern sollte, zu ihm ins Haus zu kommen. Der Alte war vollständig erbleicht, auf seinem Gesicht zeigte sich tiefes Leid.
„Und warum, warum, kümmern sich alle um mich? Ich mag’s nicht!“ rief Nelly plötzlich außer sich. „Ich werde ... werde ... betteln gehen!“
„Aber Nelly, was ist dir? Was hast du Nelly?“ rief ich unwillkürlich aus, doch goß ich damit nur Öl ins Feuer.
„Ja, ich werde lieber auf der Straße betteln gehen, als daß ich hierbleibe!“ schluchzte sie auf. „Auch meine Mutter hat gebettelt und als sie starb, sagte sie zu mir: sei arm und gehe lieber betteln, als ... Zu betteln ist keine Schande, denn ich bitte nicht nur einen Menschen, sondern ich bitte alle Menschen. Von allen bitten ist keine Schande, das hat mir eine alte Bettlerin gesagt; und ich bin klein und kann mir nichts verdienen. Ich werde alle bitten, alle, ich bin böse, böse, böser als alle; seht, wie böse ich bin!“
Und dabei griff Nelly ganz unerwartet nach einer Tasse auf dem Tisch und warf sie zu Boden.
„Da, da ist sie zerschlagen,“ fügte sie triumphierend hinzu, – „da ist ja noch eine Tasse – ich werde auch die andere zerschlagen ... Woraus werden Sie dann Tee trinken?“
Sie war wie besessen, und es schien ihr eine Wollust, sich in dieser Besessenheit gehen zu lassen. Sie fühlte wohl, daß es nicht gut und eigentlich eine Schande für sie war, darum hetzte sie sich selbst innerlich immer mehr und mehr dazu auf.
„Sie ist krank, Wanjä, das ist der Grund,“ sagte der Alte, „oder ... oder ich begreife dieses Kind schon nicht mehr. Lebe wohl!“
Er nahm seinen Hut und reichte mir die Hand zum Abschied. Er war wie zerschlagen; Nelly hatte ihn furchtbar gekränkt; ich war außer mir.
„Und er tat dir nicht leid, Nelly!“ rief ich aus, als wir allein waren; „du solltest dich schämen, schämen! Nein, du bist nicht gut, du bist wirklich schlecht!“
Und, so wie ich war, ohne Hut, lief ich dem Alten nach. Ich wollte ihn wenigstens bis zum Haustor begleiten, um ihm ein paar Worte zur Beruhigung zu sagen. Bevor ich hinauslief, bemerkte ich flüchtig Nellys erblaßtes Gesichtchen.
Ich hatte Ichmenjeff bald eingeholt.
„Das arme Kind leidet und hat seinen eigenen Kummer, und mir fiel es ein, noch von meinem zu reden,“ sagte er, bitter lächelnd. „Ich rührte an ihre Wunde. Man sagt, der Satte könne den Hungrigen nicht verstehen und ich sehe, Wanjä, daß selbst der Hungrige den Hungrigen nicht verstehen kann. Nun, lebe wohl!“
Ich wollte auf ihn einreden; doch er winkte mir bloß mit der Hand ab.
„Laß doch, mich willst du beruhigen; siehe lieber, daß sie dir nicht davonläuft; sie sieht mir danach aus,“ fügte er mit Erbitterung hinzu und beeilte sich so schnell als möglich fortzukommen, wobei er mit seinem Spazierstock laut vernehmbar auf den Steinen aufschlug.
Er ahnte es wohl selbst nicht, wie richtig seine Prophezeiung gewesen.
Was mit mir geschah, als ich zurückkehrte und Nelly nicht im Zimmer vorfand, weiß ich selbst nicht. Ich suchte sie auf dem Treppenflur, auf der Treppe, rief ihren Namen, wollte schon beim Nachbar anklopfen; ich konnte und wollte es nicht glauben, daß sie wieder davongelaufen sei. Und wie konnte sie fortlaufen? Es gab doch nur ein Haustor; sie mußte also an mir vorbeigeschlüpft sein, als ich mit dem Alten gesprochen? Doch bald darauf kam mir der Gedanke, daß sie sich hier auf der Treppe versteckt haben mochte, um meine Rückkehr abzuwarten, und um dann hinter meinem Rücken hinauszulaufen. Jedenfalls konnte sie dann noch nicht sehr weit gekommen sein.
Mit großer Unruhe machte ich mich auf den Weg, sie zu suchen, und ließ die Wohnung auf alle Fälle offen.
Zuerst begab ich mich zu Masslobojeffs, traf sie aber nicht zu Haus, weder ihn noch Alexandra Ssemjonowna. Ich hinterließ ihnen einen Zettel, in dem ich Nellys neue Flucht meldete und bat sie, falls Nelly zu ihnen kommen sollte, mich zu benachrichtigen. Darauf ging ich zum Doktor: der war gleichfalls nicht zu Haus, nur die Magd erklärte mir, daß niemand dagewesen sei. Was sollte ich tun? Ich begab mich zur Bubnowa und erfuhr dort von der Frau des Sargmachers, daß die Wirtin seit dem gestrigen Tage sich auf der Polizei befinde. Nelly hatte man aber seit jenem Tag nicht mehr wiedergesehen. Müde, gequält, lief ich von dort wieder zu Masslobojeffs zurück; dieselbe Antwort: niemand zu Hause. Mein Zettel lag noch auf dem Tisch. Was sollte ich tun?
In tödlicher Angst mußte ich mich schließlich nach Hause begeben. Ich mußte diesen Abend zu Natascha gehen, sie selbst hatte mich bereits am Morgen rufen lassen. Auch hatte ich den ganzen Tag noch nichts genossen; der Gedanke an Nelly hatte nichts anderes in mir aufkommen lassen.
„Was soll das bedeuten?“ dachte ich. „Sollten das wirklich nur die Folgen der Krankheit sein? Hat sie nicht am Ende ihren Verstand verloren? Doch, mein Gott, – wo, wo soll ich sie jetzt suchen!“ Kaum hatte ich das gedacht, als ich plötzlich Nelly einige Schritte von mir entfernt auf der W-Brücke erblickte. Sie stand dort an einem Laternenpfosten und sah mich nicht. Ich wollte auf sie zulaufen, doch blieb ich plötzlich stehen: „Was mag sie hier machen?“ dachte ich und ich beschloß, da ich sie jetzt nicht mehr aus dem Auge verlieren konnte, hier zu warten und sie zu beobachten. Es vergingen ungefähr zehn Minuten, sie stand immer noch und blickte auf die Vorübergehenden. Endlich kam ein gut angekleideter, alter Herr und Nelly ging auf ihn zu: der zog, ohne stehen zu bleiben, etwas aus der Tasche und gab’s ihr. Sie schien ihm zu danken. Ich kann es nicht beschreiben, was ich in diesem Augenblick empfand. Schmerzhaft zog sich mein Herz zusammen, als wäre etwas Teures, das ich liebte und hegte, in diesem Augenblick, vor mir beschmutzt und beschimpft worden. Mir stiegen die Tränen in die Augen.
Ja, Tränen über Nelly, zu gleicher Zeit fühlte ich etwas Unversöhnliches gegen sie: sie hatte nicht aus Not gebettelt; sie war durchaus nicht der Macht des Schicksals überlassen gewesen, sie war nicht ihren Peinigern entlaufen, sondern ihren Freunden, die sie liebten und hegten. Als hätte sie jemand damit schrecken und in Erstaunen setzen wollen, ja, fast schien sie damit zu prahlen! In ihrer Seele war etwas Geheimnisvolles aufgetaucht ... Der alte Ichmenjeff hatte recht, sie war verwundet, und ihre Wunde wollte nicht vernarben; sie schien durch dieses geheimnisvolle und mißtrauische Verhalten uns gegenüber geradezu in ihrem Schmerz wühlen zu wollen, – als gewähre ihr dieser Schmerz, dieser Egoismus des Leidens, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine besondere Genugtuung. Dieses Gefühl der Genugtuung begriff ich durchaus: denn viele Erniedrigte und Beleidigte, die vom Schicksal niedergeworfen und sich der Ungerechtigkeit desselben bewußt sind, müssen es empfinden. Doch über welche Ungerechtigkeit konnte sich Nelly uns gegenüber beklagen? Sie schien mit ihren Launen, mit ihren wilden Ausbrüchen uns gegenüber sich geradezu selbst überbieten zu wollen! Doch warum hatte sie jetzt gebettelt, da sie sich von uns nicht gesehen glaubte? Fand sie denn wirklich darin einen Genuß? Wozu brauchte sie dieses Geld?
Als sie das Geld von dem Fremden in Empfang genommen hatte, verließ sie die Brücke und blieb vor den hellerleuchteten Fenstern eines Ladens stehen, um es zu zählen; ich stand zehn Schritt von ihr entfernt und konnte sehen, wie sie eine Menge Geldstücke in der Hand hielt. Offenbar hatte sie bereits vom Morgen an gebettelt. Darauf ging sie auf die andere Seite der Straße hinüber und trat in einen Laden. Ich folgte ihr sofort, blieb an der Tür des Ladens, die offen war, stehen, um zu sehen, was sie dort tun würde.
Ich sah, wie sie ihr Geld auf den Ladentisch legte und man ihr dafür eine Teetasse zeigte, eine ganz billige Tasse, ähnlich derjenigen, die sie zerschlagen. – Sie wollte mir und dem alten Ichmenjeff doch zeigen, wie böse sie sein konnte. – Die Tasse kostete vielleicht im ganzen nur fünfzehn Kopeken, vielleicht sogar noch weniger. Der Kaufmann wickelte sie in ein Papier ein, umschnürte das Päckchen und übergab es Nelly, die eilig und mit zufriedenem Gesicht aus dem Laden trat.
„Nelly!“ rief ich, als sie sich mir näherte. „Nelly!“
Sie sah auf und zuckte zusammen, die Tasse entglitt ihrer Hand, fiel aufs Pflaster und brach in Scherben. Nelly erblaßte; als sie mich ansah und erriet, daß ich alles gesehen, errötete sie plötzlich; es war die Röte einer quälenden Scham. Ich nahm sie an der Hand und führte sie nach Hause; wir waren nicht mehr weit davon entfernt. Unterwegs sprach keiner von uns ein Wort. Nach Hause gekommen, setzte ich mich hin; Nelly blieb vor mir stehen, finster, nachdenklich und bleich stand sie da, die Augen zu Boden geschlagen. Sie konnte sich nicht überwinden mich anzusehen.
„Nelly, du hast gebettelt?“
„Ja!“ flüsterte sie, kaum hörbar.
„Du wolltest Geld sammeln, um die zerschlagene Tasse wieder zu ersetzen?“
„Ja ...“
„Habe ich dir denn dieser Tasse wegen Vorwürfe gemacht? Siehst du denn wirklich nicht, Nelly, wieviel selbstzufriedene Bosheit in deiner Handlung liegt? Ist das wirklich gut von dir gehandelt? Schämst du ...“
„Ich schäme mich,“ flüsterte sie kaum hörbar und über ihre Wange rollte eine Träne.
„Du schämst dich ...“ wiederholte ich. „Nelly, meine Liebe, wenn ich vor dir schuldig bin, so vergib mir und wir wollen uns wieder versöhnen!“
Sie sah mich an, brach in Tränen aus und umschlang mich mit ihren Ärmchen.
In diesem Augenblick kam Alexandra Ssemjonowna.
„Wie! Ist sie wieder zu Haus? Ach, Nelly, Nelly, was tust du uns an! Ein Glück, daß sie nun wenigstens wieder da ist ... Wo haben Sie sie gefunden, Iwan Petrowitsch?“
Ich gab Alexandra Ssemjonowna zu verstehen, daß sie mich nicht fragen sollte, und sie schwieg sofort. Ich verabschiedete mich zärtlich von Nelly, die immer noch bitterlich weinte und bat die gute Alexandra Ssemjonowna, bis zu meiner Rückkehr bei ihr zu bleiben, ich selbst lief zu Natascha. Ich hatte mich bereits verspätet und mußte eilen.
An diesem Abend sollte sich unser Schicksal entscheiden: obgleich ich mit Natascha von vielen anderen Dingen zu reden hatte, erzählte ich ihr doch alles, was sich mit Nelly zugetragen. Meine Erzählung setzte Natascha geradezu in Erstaunen.
„Weißt du, Wanjä,“ sagte sie nachdenklich, „mir scheint es, daß sie dich liebt.“
„Wieso ... wie?“ rief ich ganz erstaunt.
„Ja, mit der Liebe einer Frau ...“
„Was du sagst, Natascha! Sie ist doch noch ein Kind!“
„Das bald vierzehn Jahre alt sein wird. Ihre Verbitterung kann nur daher kommen, weil du deinerseits ihre Liebe nicht bemerkst und sie ihrerseits wiederum sich selbst nicht versteht; ihre Verbitterung äußert sich wohl ganz kindlich, ist aber darum nicht weniger ernst und quälend für sie. Und dann – sie ist auf mich eifersüchtig. Du bist so mit mir beschäftigt, daß du zu Hause wohl nur an mich denkst und von mir sprichst, ihr aber wenig Aufmerksamkeit schenkst. Sie hat das bemerkt und ist gekränkt. Sie hat vielleicht das Bedürfnis, ihr Herz vor dir auszuschütten, versteht es aber nicht, schämt sich und wartet auf eine Gelegenheit. Du aber verstehst sie nicht, läßt sie immer allein, sogar während ihrer Krankheit bist du zu mir gekommen und hast sie tagelang allein gelassen. Sie weint darüber, ihr tut es weh, daß du ihren Kummer nicht bemerkst. Auch in diesem Augenblick hast du sie meinetwegen wieder allein gelassen. Sie wird noch morgen davon krank sein. Und wie hast du sie jetzt nur allein lassen können. Gehe doch sofort zu ihr ...“
„Ich hätte sie vielleicht nicht allein gelassen, aber ...“
„Weil ich dich gebeten hatte zu kommen. Doch jetzt gehe ...“
„Ich werde gehen, doch glaube ich natürlich von alledem nichts.“
„Weil es so ungewöhnlich scheint. Bedenke aber, was sie durchgemacht, bedenke, daß sie anders aufgewachsen ist als wir ...“
Es war trotzdem spät geworden, als ich zurückkehrte. Alexandra Ssemjonowna erzählte mir, daß Nelly wieder, wie an dem Abend, viel geweint habe und unter Tränen eingeschlafen sei, ganz wie damals.
„Ich muß jetzt gehn, Iwan Petrowitsch,“ fügte sie hinzu, „so hat mir Filipp Filippytsch befohlen. Der Arme, er wartet auf mich.“
Ich dankte ihr und setzte mich an Nellys Lager. Mir selbst lastete es schwer auf der Seele, daß ich sie in einem solchen Augenblick verlassen hatte. Lange, bis in die Nacht hinein, saß ich grübelnd an ihrem Bettchen – es war eine schwere, verhängnisvolle Zeit.
Doch muß ich jetzt erzählen, was sich in diesen vierzehn Tagen ereignete.
V.
Seit dem denkwürdigen Abend, den ich mit dem Fürsten im Restaurant B. zugebracht hatte, lebte ich in einer ewigen Furcht um Natascha. „Womit bedrohte dieser gemeine Mensch sie und wodurch wollte er sich an ihr rächen?“ fragte ich mich jeden Augenblick und erging mich in den unmöglichsten Kombinationen. Ich kam nur immer zu dem Schluß, daß seine Drohungen ernst gemeint waren, und daß er Natascha so lange sie noch zu Aljoscha hielt, viel Schlechtes antun konnte. Denn er war kleinlich, rachsüchtig, berechnend und wirklich gefährlich, das wußte ich. Es war daher auch durchaus nicht anzunehmen, daß er die Kränkung durch Natascha vergessen würde. In einem Punkte hatte er sich auch mir gegenüber entschieden ganz unzweideutig ausgesprochen: er verlangte die Lösung des Verhältnisses zwischen Natascha und Aljoscha, und erwartete von mir, daß ich Natascha auf die nahbevorstehende Trennung vorbereite, damit es keine sentimentalen Szenen gebe, wie er sagte. Dabei war es ihm natürlich nur darum zu tun, daß Aljoscha mit ihm zufrieden blieb und ihn nach wie vor für einen zärtlichen Vater hielt. Damit mußte er durchaus rechnen, um über Katjäs Vermögen verfügen zu können. So stand ich denn vor der Aufgabe, Natascha auf die Trennung von Aljoscha vorzubereiten. Auch in Natascha hatte ich in letzter Zeit eine starke Veränderung bemerkt; ihre frühere Aufrichtigkeit zu mir hatte sie ganz verloren; und nicht nur das, sie schien sich geradezu mißtrauisch zu mir zu verhalten. Mein Trösten quälte sie nur; meine Fragen ärgerten sie, verbitterten sie sogar. Oft saß ich bei ihr ohne ein Wort zu sprechen. Sie ging, die Hände über die Brust gekreuzt, im Zimmer auf und ab, düster, bleich, abwesend, als hätte sie meine Anwesenheit ganz und gar vergessen. Fiel dann einmal zufällig ihr Blick auf mich, so konnte sie ihr Gesicht ungeduldig und geärgert abwenden. Ich begriff, daß sie wohl selbst über den Ausgang der bevorstehenden Trennung nachgedacht, und konnte sie es denn ohne Schmerz, ohne Qual tun? Daß sie aber die Trennung beschlossen, davon war ich überzeugt, mich quälte und beunruhigte nur ihre finstere Verzweiflung. Zudem wagte ich nicht mit ihr darüber zu sprechen und erwartete mit Bangen, wie sich das alles entscheiden würde.
Was ihr Verhalten zu mir anbetraf, so quälte und beunruhigte es mich sehr, doch zweifelte ich nicht an dem Herz meiner Natascha; ich sah, wie schwer sie es hatte und wie sehr sie litt. In solchem Zustande ist das Einmischen von nahestehenden Menschen, die in unsere Geheimnisse eingeweiht sind, um so schmerzlicher. Doch war ich andererseits fest davon überzeugt, daß Natascha im letzten Augenblick doch zu mir kommen würde, um bei mir Trost und Frieden zu suchen.
Über meine Unterredung mit dem Fürsten schwieg ich natürlich, denn ich hätte sie damit nur noch aufgeregt und gekränkt. Ich sagte ihr so nebenbei, daß ich zusammen mit dem Fürsten bei der Gräfin gewesen wäre und mich davon überzeugt hätte, daß er ein gemeiner Mensch sei. Ich war sehr froh, daß sie mich auch weiter gar nicht über ihn ausfragte; um so mehr aber interessierte sie meine Erzählung über die Begegnung mit Katjä. Wenn sie auch nichts sagte, so bedeckte doch ihr bleiches Gesicht eine Röte, und sie war den Tag über in erregter Stimmung. Ich verheimlichte ihr nichts von Katjä und gestand ihr offen, daß Katjä reizend sei und einen großen Eindruck auf mich gemacht hätte. Und wozu sollte ich es ihr verhehlen? Natascha hätte ja doch die Wahrheit erraten und wäre mir böse gewesen. Ich bemühte mich daher, alles so ausführlich als möglich zu erzählen und versuchte alle ihre Fragen im voraus zu beantworten, da ihr das Fragen in ihrer Lage nicht leicht fiel.
Ich glaubte, es wäre ihr nicht bekannt, daß Aljoscha auf besonderen Befehl des Fürsten mit der Gräfin und Katjä aufs Land fahren sollte, und ich bemühte mich daher, ihr das so schonend als möglich mitzuteilen, um den Schlag abzuschwächen. Doch wie groß war meine Verwunderung, als Natascha bei meinem ersten Worte darüber mich unterbrach und mir erklärte, daß es nicht nötig sei, sie zu trösten, es sei ihr alles schon seit fünf Tagen bekannt.
„Mein Gott!“ rief ich, „wer hat es dir denn gesagt?“
„Aljoscha.“
„Wie? Er selbst?“
„Ja, und ich habe mich zu allem entschlossen, Wanjä,“ fügte sie mit Nachdruck hinzu, aus dem klar hervorging, daß sie eine Fortsetzung dieses Gespräches nicht wünschte.
Aljoscha besuchte jetzt Natascha öfter, doch immer nur auf ein paar Augenblicke; einmal nur war er während meiner Abwesenheit mehrere Stunden bei ihr geblieben. Meist erschien er in trauriger Stimmung und sah sie schuldbewußt und zärtlich an; doch Natascha empfing ihn dann immer so liebenswürdig und zärtlich, daß er bald alles vergaß und heiter wurde. Auch mich besuchte er jetzt häufig, fast jeden Tag. Er quälte sich furchtbar und konnte daher keinen Augenblick allein sein, sondern lief zu mir, um sich Trost zu suchen.
Was sollte ich ihm sagen? Er warf mir Gleichgültigkeit, Kälte und sogar Bosheit ihm gegenüber vor; klagte und jammerte und ging dann schließlich zu Katjä, wo er denn auch immer Trost fand.
An dem Tage als ich von Natascha erfuhr, daß sie von der Abreise Aljoschas unterrichtet sei (es war eine Woche nach meinem Gespräch mit dem Fürsten), kam er in Verzweiflung zu mir, umarmte mich, fiel mir um den Hals und weinte wie ein Kind. Ich schwieg und wartete, was er sagen würde.
„Ich bin ein niedriger, ein gemeiner Mensch, Wanjä,“ begann er, „rette mich vor mir selbst. Ich weine nicht darüber, daß ich gemein und niedrig bin, sondern daß Natascha durch mich unglücklich wird. Denn ich überliefere sie dem Unglück ... Wanjä, mein Freund, sage du mir, wen ich mehr liebe: Katjä oder Natascha?“
„Das kann ich nicht bestimmen, Aljoscha,“ antwortete ich ihm, „das mußt du besser wissen als ich ...“
„Nein, Wanjä; ich würde dir doch nicht eine so dumme Frage stellen, wenn ich’s wüßte, aber das ist es ja doch, daß ich es nicht weiß. Ich frage mich und kann mir selbst keine Antwort darüber geben. Du aber hast alles miterlebt, und kannst es eher wissen, als ... Und, wenn du es auch nicht weißt, so sage mir doch wenigstens, wie es dir scheint?“
„Mir scheint es, daß du Katjä mehr liebst.“
„Das scheint dir! Aber nein, nein, das ist nicht so! Du hast es nicht erraten. Ich liebe Natascha grenzenlos und kann sie nie und nimmer verlassen. Ich habe es Katjä gesagt und Katjä ist durchaus damit einverstanden. Warum schweigst du? Ich sah soeben, wie du lachtest. Ach, Wanjä, wie hast du mich getröstet, wenn es mir zu schwer wurde ... Lebe wohl!“
Er lief aus dem Zimmer, was einen großen Eindruck auf die verwunderte Nelly machte, die schweigend unserem Gespräch zugehört hatte. Sie war damals immer noch leidend, hütete das Bett und brauchte Medizin. Aljoscha sprach bei seinen Besuchen niemals mit ihr, er schenkte ihr überhaupt keine Aufmerksamkeit.
In zwei Stunden erschien er wieder, und ich wunderte mich über sein erfreutes Gesicht. Er umarmte mich wie vorher.
„Jetzt ist die Sache beschlossen!“ rief er. „Alle Mißverständnisse beseitigt. Von Ihnen bin ich geradewegs zu Natascha gegangen: ich war gequält und konnte ohne sie nicht mehr auskommen. Ich kam zu ihr, fiel vor ihr auf die Knie und küßte ihre Füße. Ich mußte es tun, sonst wäre ich vor Kummer gestorben. Sie weinte und umarmte mich schweigend. Da habe ich es ihr aufrichtig gestanden, daß ich Katjä mehr liebe als sie.“
„Was sagte sie?“
„Sie antwortete mir nichts darauf, streichelte und beruhigte mich – mich, der ich ihr das eben gesagt! Sie versteht zu trösten, Iwan Petrowitsch! O, ich habe vor ihr all meinen Kummer ausgeweint, ihr alles gestanden. Ich habe ihr einfach gesagt, daß ich Katjä sehr liebe, doch wie lieb ich sie auch hätte, so könnte ich doch ohne sie, ohne Natascha, nicht leben, sondern müßte elendiglich umkommen. Ja, Wanjä, nicht einen Tag könnte ich ohne sie verleben! Und darum haben wir beschlossen, uns unverzüglich trauen zu lassen; da man es aber jetzt in den großen Fasten nicht tun kann, so müssen wir es auf den Juni verschieben, wenn ich wiederkomme. Papa wird es erlauben, daran besteht kein Zweifel. Und Katjä? Was soll ich tun, ich kann ohne Natascha nicht leben ... Wir werden uns trauen lassen und dort leben, wo Katjä ist ...“
Arme Natascha! Wie mußte es ihr ums Herz sein, diesen Knaben zu trösten, seine Bekenntnisse anzuhören und diesem naiven Egoisten zu seiner Beruhigung noch Märchen von einer baldigen Heirat auszudenken! Aljoscha war auch wirklich auf ein paar Tage beruhigt. Er ging doch nur zu Natascha, weil sein schwaches Herz nicht imstande war, diesen Kummer allein zu tragen. Als aber die Zeit der Trennung immer mehr heranrückte, kam wieder die frühere Unruhe über ihn; wieder kam er öfter zu mir um seinen Kummer auszuweinen. In der letzten Zeit hatte er sich so an Natascha angeschlossen, daß er sie nicht auf einen Tag verlassen konnte, geschweige denn auf anderthalb Monate. Doch war er bis zum letzten Augenblick fest davon überzeugt, daß er sie nur auf anderthalb Monate verlassen würde, um dann zur Trauung wiederzukehren. Natascha dagegen ihrerseits begriff durchaus, daß es eine Trennung auf immer sei, und daß es so kommen mußte!
Es kam der Tag. Natascha war krank, bleich; mit fieberglänzenden Augen und trockenen Lippen sprach sie hin und wieder wie zu sich selbst, dann sah sie mich plötzlich mit durchbohrenden Blicken an, weinte nicht, antwortete nicht auf meine Fragen und erzitterte wie ein Blatt am Baume als sie die helle Stimme des eintretenden Aljoscha hörte. Feuer übergoß ihre Wangen, sie lief zu ihm, umarmte ihn krampfhaft, küßte ihn und lachte ... Aljoscha sah sie erstaunt an, fragte sie beunruhigt, ob sie auch gesund wäre und versuchte sie damit zu beruhigen, daß er bald zur Hochzeit zurückkehren würde ... Mit ganzer Kraft suchte sich Natascha zu bezwingen und ihre Tränen zu unterdrücken. Sie weinte nicht ...
Einmal hatte er ihr gegenüber die Bemerkung gemacht, daß er ihr für die Zeit seiner Reise Geld hinterlassen würde, und sie solle sich darüber nicht beunruhigen, da ihm sein Vater viel Geld für die Reise versprochen. Natascha wurde finster. Als wir darauf allein blieben, sagte ich ihr, daß für sie auf jeden Fall hundertfünfzig Rubel bereit ständen. Sie fragte nicht woher das Geld kam. Das war zwei Tage vor Aljoschas Abreise, kurz vor der ersten und letzten Begegnung Nataschas mit Katjä. Katjä hatte durch Aljoscha einen Brief geschickt, in dem sie Natascha um die Erlaubnis gebeten, sie morgen zu besuchen; auch mir hatte sie geschrieben und mich gebeten, bei der Begegnung zugegen zu sein.
Ich beschloß, ungeachtet aller Hindernisse, um zwölf Uhr bei Natascha zu sein; denn Hindernisse gab es viele. Ganz abgesehen von Nelly hatten mich auch die alten Ichmenjeffs sehr in Anspruch genommen.
Vor einer Woche hatte ich von Anna Andrejewna einen Brief erhalten, mit der Bitte, in einer wichtigen Angelegenheit so schnell als möglich zu ihr zu kommen. Ich eilte zu ihr und traf sie allein zu Hause an: in zitternder Erwartung ihres Mannes ging sie in fieberhafter Aufregung im Zimmer auf und ab. Wie gewöhnlich, konnte ich auch diesmal nicht sofort erfahren, was geschehen und warum sie so erschrocken war, wo es vielleicht keinen Augenblick zu verlieren gab. Endlich nach heißen und gar nicht zur Sache gehörigen Vorwürfen: „warum ich nicht zu ihnen gekommen sei und sie wie Waisen in ihrem Kummer allein gelassen habe,“ so daß schon „weiß Gott was ohne mich hätte passieren können,“ erklärte sie mir, daß Nikolai Ssergejewitsch in den letzten drei Tagen so aufgeregt gewesen sei, „daß es unmöglich zu beschreiben wäre“.
„Er ist sich einfach selbst nicht mehr ähnlich,“ erzählte sie, „in der Nacht schleicht er sich von mir fort, um auf den Knien vor dem Gottesbild zu beten, im Schlaf phantasiert er, bei Tage ist er nur halb bei Verstand: gestern aßen wir Kohlsuppe und er konnte seinen Löffel nicht finden, der neben seinem Teller lag: frägt man ihn dies, so antwortet er das.
„Jeden Augenblick geht er aus dem Haus: ‚immer in Geschäften,‘ sagt er, ‚um einen Advokaten zu suchen;‘ schließlich hatte er sich heute morgen in seinem Kabinett eingeschlossen: ‚ich habe,‘ sagte er, ‚einen Geschäftsbrief zu schreiben.‘ Nun, denke ich, ‚was wirst du für einen Geschäftsbrief schreiben, wenn du nicht einmal deinen Löffel neben dir auffinden kannst?‘ Ich spähte durch den Türspalt: da saß er, schrieb und – weinte. ‚Schreibt man denn so einen Geschäftsbrief?‘ dachte ich. ‚Oder tut es ihm so leid um Ichmenjeffka; also müssen wir unser Ichmenjeffka doch auf immer verloren haben!‘ Plötzlich aber springt er vom Stuhl und wirft die Feder auf den Tisch, feuerrot im Gesicht, mit blitzenden Augen greift er nach dem Hut und stürzt zu mir hinaus. ‚Ich, Anna Andrejewna, komme sofort wieder,‘ sagte er und ging hinaus. Ich aber habe dann auf seinem Schreibtisch unter den vielen Papieren, die da in Stößen herumliegen, gesucht. Wievielmal habe ich zu ihm gesagt: ‚erlaube, daß ich deine Papiere in Ordnung bringe und vom Tisch den Staub abwische.‘ Doch, daran war nicht zu denken, er winkte mit Händen und Füßen ab: so ungeduldig, solch ein Schreier ist er hier in Petersburg geworden. So ging ich also zum Tisch und fing an zu suchen, was er soeben geschrieben. Denn ich wußte zu genau, daß er es nicht mitgenommen, sondern unter die anderen Papiere gesteckt hatte. Da, mein lieber Iwan Petrowitsch, da ist’s, da ...“
Und sie reichte mir einen Bogen Postpapier, der zur Hälfte beschrieben und stellenweis so unleserlich beschrieben war, daß man ihn kaum entziffern konnte. Der arme Alte! Bei den ersten Worten konnte man erraten, an wen er gerichtet war. Es war ein Brief an seine Natascha, an seine geliebte Natascha. Er begann warm und innig; er verzieh ihr alles und rief sie zu sich. Nur war es unmöglich, alles zu entziffern, was er geschrieben, die Sätze waren abgerissen und alles verwischt. Man fühlte nur, daß er aus heißem Drang zur Feder gegriffen und die ersten Zeilen tiefempfunden den hatte, aber auf die ersten Zeilen folgten einige anderer Art. Er machte seiner Tochter Vorwürfe, beschrieb in grellen Farben ihr Verbrechen, hielt ihr Eigensinn vor, beschuldigte sie der Gefühllosigkeit, daß sie garnicht daran gedacht, was sie ihren Eltern angetan. Für ihren Stolz aber verfluchte er sie und befahl ihr unverzüglich ins Elternhaus zurückzukehren, dann erst würden ihre Eltern „nach stillem, musterhaftem Leben im Schoße der Familie ihr vielleicht Vergebung gewähren,“ schrieb er. Man sah, daß er sein erstes Gefühl für Schwäche gehalten, sich dessen geschämt hatte und gequält und beleidigt in seinem Stolz mit wütenden Drohungen schloß. Die Alte stand vor mir mit zusammengelegten Händen und erwartete in Angst und Schrecken was ich sagen würde.
Ich sagte ihr alles aufrichtig, so wie es mir schien. Nämlich: daß der Alte nicht mehr imstand sei, ohne Natascha zu leben, und daß man wohl annehmen müsse, daß es zu einer baldigen Versöhnung kommen werde; doch hänge das selbstverständlich alles von den Verhältnissen ab. Auch habe ihn der schlechte und für ihn unglückliche Ausgang des Prozesses erschüttert und gereizt, und durch den Triumph des Fürsten wäre er in seiner Eigenliebe empfindlich getroffen. In solchen Augenblicken sucht die Seele nach Mitgefühl, und er sehnte sich um so mehr nach derjenigen, die er über alles in der Welt am meisten liebte. Außerdem habe er wahrscheinlich erfahren, (da er ja doch von allem unterrichtet ist), daß Aljoscha sie jetzt verlassen wird. Auch aus seiner Lage heraus begreift er, wie sehr sie Trost und Hilfe brauchte. Doch konnte er sich diesesmal doch noch nicht ganz und gar überwinden, da er sich durch sie gekränkt und erniedrigt fühlt. Ihm kam der Gedanke, daß nicht sie es ist, die zu ihm kommt, und daß sie vielleicht garnicht an ihn denkt und nach seinem Troste durchaus nicht verlangt. Darum habe er wohl den Brief nicht beendigt, auch vielleicht aus Furcht vor neuen Beleidigungen die Versöhnung noch länger aufgeschoben ...
Die Alte hörte mir zu und weinte. Als ich ihr nun sagte, daß ich sofort zu Natascha müßte und mich bereits durch sie verspätet hätte, zuckte sie zusammen und erklärte mir, daß sie die Hauptsache noch garnicht erzählt hätte. Als sie nämlich den Brief unter den Papieren hervorgezogen hatte, war das Tintenfaß umgefallen. Die eine Ecke des Briefes war wirklich ganz mit Tinte übergossen und nun fürchtete sie sich sehr, daß der Alte durch diesen Klecks erkennen würde, daß sie den Brief an Natascha gelesen. Ihre Furcht war durchaus gerechtfertigt: denn bereits der Gedanke, sie wisse sein Geheimnis, hätte ihn so in Zorn und Wut bringen können, daß er aus Stolz bei seinem Trotz verharren würde.
Ich sah mir die Sache an und konnte die Alte insofern beruhigen, daß er in dieser großen Erregung sich kaum dieser Kleinigkeiten erinnern dürfte, und denken würde, er habe selbst den Fleck gemacht. Nachdem sich nun Anna Andrejewna ein wenig beruhigt hatte, legten wir den Brief vorsichtig an seinen früheren Platz zurück, und bevor ich fortging, wollte ich noch einmal in der Angelegenheit Nelly ernst mit ihr reden. Mir schien es, daß das arme verlassene Kind, deren Mutter von ihrem eigenen Vater verflucht worden war, den Alten rühren und ihm großmütigere Gefühle einflößen könnte. Denn alles war in ihm dazu bereit; der Gram um seine Tochter hatte seinen Stolz und seine beleidigte Eigenliebe überwunden. Es fehlte nur noch der Anstoß dazu und die günstige Gelegenheit, und diese konnte vielleicht durch Nelly gegeben werden. Die Alte hörte mir mit besonderer Aufmerksamkeit zu: Hoffnung und Begeisterung belebten ihr Gesicht. Sie machte mir natürlich sofort Vorwürfe, warum ich ihr das nicht bereits früher gesagt hätte, fragte mich ungeduldig über Nelly aus, und versprach feierlich, daß sie nun selbst Ichmenjeff bitten würde, die Waise ins Haus zu nehmen. Ja, sie liebte Nelly bereits aufrichtig, bedauerte, daß sie krank war, wollte mir für Nelly einen Topf Apfelmus mitgeben, lief in die Kleiderkammer und brachte mir aus ihrer Rocktasche fünf Rubel, für den Fall, daß ich kein Geld für den Doktor hätte, und als ich diese nicht annahm, beunruhigte es sie sehr, ob Nelly auch Kleider und Wäsche hätte und ob sie ihr da nicht nützlich sein könnte, woraufhin sie sofort ihren Kleiderkasten um und um wühlte, um Sachen herauszusuchen, die sie der armen Waise schenken könnte.
Ich aber ging zu Natascha. Als ich die Treppe zu ihrer Wohnung emporstieg, sah ich jemand vor ihrer Tür stehen, der soeben anklopfen wollte, doch als er meine Schritte hörte, sich abwandte. Endlich nach einigem Zögern schien er seine Absicht aufzugeben. Er kam die Treppe hinunter und begegnete mir auf der letzten Stufe vor dem Treppenabsatz. Wie groß war aber meine Verwunderung, als ich in ihm Ichmenjeff erkannte. Auf der Treppe war es auch am Abend dunkel. Er drückte sich an die Wand, um mir Platz zu machen, und ich erinnere mich noch jetzt des seltsamen Glanzes seiner Augen, die er fest auf mich gerichtet hatte. Mir schien es, daß er errötete; wenigstens war er sehr verwirrt und wußte nicht, was er sagen sollte.
„Ach, Wanjä, du bist es!“ fragte er mit unsicherer Stimme ... „Ich suchte einen Menschen ... einen Schreiber ... in einer Angelegenheit ... ich suche ihn überall ... er ist nicht hier, nicht da ... Hier scheint er auch nicht zu sein. Habe mich geirrt. Lebe wohl.“
Und er ging schnell die Treppen hinunter.
Ich beschloß, Natascha einstweilen von dieser Begegnung nichts zu sagen, es ihr aber gleich nach Aljoschas Abreise, wenn sie allein war, mitzuteilen. Gegenwärtig war sie so abgespannt, daß, wenn sie auch die ganze Tragweite dieses Aktes begriffen hätte, sie ihn doch nicht so in sich hätte aufnehmen können, wie später in einem Augenblick der letzten Verzweiflung. Dieser Augenblick war jetzt noch nicht gekommen.
Ich hätte noch am selben Tage zu Ichmenjeffs gehen können, doch tat ich es absichtlich nicht: Dem Alten mußte jetzt eine Begegnung mit mir sehr schwer fallen. Ich ging erst am dritten Tage zu ihm; er war sehr niedergeschlagen, begrüßte mich aber ganz frei und sprach viel von seinen Angelegenheiten.
„Sag doch, wen hast du denn damals besucht, so hoch oben, weißt du noch, wo wir uns begegneten ... vor drei Tagen war’s,“ fragte er mich plötzlich in nachlässigem Tone, obgleich er trotzdem meinen Blicken auswich.
„Einen Freund,“ antwortete ich und blickte gleichfalls zur Seite.
„Ah! Ich suchte meinen Schreiber Astaffjeff; man hatte mir dieses Haus angegeben ... es war ein Irrtum ... Um also auf meinen Prozeß zu kommen: im Senate hat man entschieden ... usw. usw.“
Er errötete sogar, als er von seinem Prozeß zu sprechen begann.
Ich erzählte es noch an demselben Tage Anna Andrejewna, um die Alte zu erfreuen, bat sie aber doch unter anderem, ihm nicht besonders ins Gesicht zu schauen, nicht zu seufzen und keine Anspielungen darauf zu machen, kurz durch nichts zu zeigen, daß sie davon unterrichtet war. Die Alte war so erstaunt und erfreut, daß sie mir zuerst nicht glauben wollte. Ihrerseits erzählte sie mir, daß sie Nikolai Ssergejewitsch von Nelly gesprochen hätte, er aber habe geschwiegen, wo er sie doch sonst früher immer selbst dazu überredet hatte. Wir beschlossen, daß sie ihn morgen direkt darum bitten sollte ohne jegliche Umschweife. Doch am nächsten Tage waren wir seinetwegen in schrecklicher Angst und Pein.
Ichmenjeff hatte am folgenden Morgen einen Beamten gesprochen, der in seiner Sache unterrichtet war. Der Beamte hatte ihm nun erklärt, daß er den Fürsten gesprochen, und daß dieser wohl Ichmenjeffka in Besitz nehmen würde, doch infolge „gewisser Familienangelegenheiten“ dem alten Ichmenjeff die zehntausend Rubel schenken würde. Nach dieser Nachricht kam der Alte geradewegs zu mir gelaufen, aufgeregt mit wutblitzenden Augen. Er rief mich, ich weiß nicht warum, hinaus auf die Treppe und verlangte von mir, daß ich sofort zum Fürsten ginge und ihn zum Duell fordere. Ich war so erschrocken, daß ich mich zuerst gar nicht zu fassen wußte. Ich fing, glaube ich, an, ihn zu bereden. Doch der Alte geriet so außer sich, daß ihm schlecht wurde. Ich lief nach einem Glas Wasser; als ich zurückkam, fand ich ihn bereits nicht mehr auf der Treppe.
Am nächsten Tage ging ich zu ihm, traf ihn aber nicht zu Hause; er war damals auf zwei Tage verschwunden.
Am dritten Tage erfuhren wir erst, was sich mit ihm ereignet hatte. Von mir aus war er geradewegs zum Fürsten gegangen, und weil er ihn nicht zu Hause angetroffen, hatte er ihm einen Zettel hinterlassen; in dem Schreiben teilte er ihm mit, daß er durch diesen Beamten von seinen Worten unterrichtet sei und sich durch sie tödlich beleidigt fühle, daß er, der Fürst, ein gemeiner Mensch wäre, und er ihn darum zum Duell fordere. Zum Schluß warnte er ihn noch, die Aufforderung zum Duell etwa abzulehnen, da er dann gezwungen wäre, ihn öffentlich zu beleidigen.
Anna Andrejewna erzählte mir, er sei in solcher Aufregung zurückgekehrt, daß er sich sofort hingelegt und auf alle ihre zärtlichen Fragen nichts geantwortet hätte. In fieberhafter Ungeduld schien er irgend etwas zu erwarten. Am nächsten Morgen kam ein Stadtbrief; als er ihn gelesen, schrie er auf und faßte sich an den Kopf. Anna Andrejewna erstarrte fast vor Schreck und Angst. Er griff sofort nach Hut und Stock und lief hinaus.
Der Brief war vom Fürsten. Trocken, kurz und höflich erklärte er Ichmenjeff, daß er über seine Worte, die er dem Beamten gegenüber ausgesprochen, niemand Rechenschaft schuldig sei. Obgleich er Ichmenjeff sehr bedaure, seinen Prozeß verloren zu haben, könne er doch trotz allem Mitgefühl es nicht für zulässig finden, daß der Verurteilte das Recht hätte, seinen Prozeßgegner aus Rache zum Duell herauszufordern. Was endlich die ihm angedrohte „öffentliche Beschimpfung“ beträfe, so bäte er Ichmenjeff, sich darum nicht zu beunruhigen, da von einer öffentlichen Beschimpfung gar nicht die Rede sein könne, da er seinen Brief sofort der Polizei vorlegen würde, die zur bestimmten öffentlichen Ordnung und Ruhe die entsprechenden Maßregeln treffen muß.
Ichmenjeff stürzte, mit dem Brief in der Hand, sofort zum Fürsten. Der Fürst war wieder nicht zu Haus; dem Alten gelang es aber durch den Lakaien zu erfahren, daß der Fürst sich beim Grafen N. befinde. Ohne sich zu besinnen, begab er sich sofort zum Grafen. Der Portier des Grafen hielt ihn zurück, als er auf die Treppe hinaufsteigen wollte. Der alte Ichmenjeff geriet in Wut und schlug mit dem Stock um sich ... Man ergriff ihn sofort und übergab ihn der Polizei. Der Vorfall wurde dem Grafen sofort gemeldet. Als nun der anwesende Fürst dem alten Wüstling von Grafen mitteilte, daß der alte Ichmenjeff der Vater der Natalja Nikolajewna sei, so begann der Graf zu lachen und sein Zorn wandelte sich in Milde: er befahl Ichmenjeff sofort zu befreien; doch geschah das erst in drei Tagen, wobei man (wohl auf Befehl des Fürsten) Ichmenjeff mitteilte, daß der Fürst selbst den Grafen um Nachsicht für ihn gebeten.
Halb wahnsinnig nach Hause zurückgekehrt, warf sich der Alte aufs Bett und lag eine ganze Stunde bewegungslos; endlich erhob er sich, und erklärte feierlich zum Schrecken Anna Andrejewnas, daß er seine Tochter auf immer und ewig verfluche!
Anna Andrejewna verlor fast ihre letzte Besinnung; zum Glück mußte für den Alten gesorgt werden. Die ganze Nacht wachte sie an seinem Bette, machte ihm Eiskompressen, und konnte daher über ihr Unglück weiter nicht nachdenken. Er lag im Fieber und phantasierte. Ich verließ sie um drei Uhr nachts. Am nächsten Morgen stand Ichmenjeff auf und kam zu mir wegen Nelly. Von der Szene zwischen Nelly und ihm habe ich bereits erzählt; diese Szene erschütterte ihn endgültig. Nach Hause zurückgekehrt, legte er sich wieder zu Bett. Das geschah am Karfreitag, an dem Tage, an welchem die Begegnung zwischen Katjä und Natascha stattfinden sollte, am Tage vor Aljoschas Abfahrt aus Petersburg. Bei dieser Begegnung war ich zugegen. Das war am Morgen von Nellys erstem Fluchtversuch.
VI.
Aljoscha war eine Stunde vor der Begegnung zu Natascha gekommen, ich kam gerade in dem Augenblicke, als Katjäs Equipage vor dem Haustor hielt. Katjä erschien mit der alten Französin, die nach langem Zögern endlich eingewilligt hatte, sie zu begleiten und ihr sogar erlaubt hatte, allein den Besuch bei Natascha zu machen, unter der Bedingung, daß Aljoscha zugegen sein würde. Katjä rief mich zu sich an die Equipage, als sie mich erblickte, und bat mich, Aljoscha zu ihr zu senden. Ich traf oben Natascha und Aljoscha in Tränen an: beide weinten. Als Natascha hörte, daß Katjä gekommen sei, erhob sie sich, wischte sich die Tränen ab und stellte sich in Erwartung der Tür gegenüber. Gekleidet war sie diesen Morgen ganz in weiß. Ihre dunkelbraunen Haare waren glatt zurückgekämmt und hinten im Nacken zu einem dichten Knoten verschlungen. In dieser Frisur liebte ich sie am meisten. Als sie sah, daß ich beabsichtigte, bei ihr zu bleiben, bat sie mich auch, den Gästen entgegenzugehen.
„Erst jetzt war es mir möglich, meine Absicht auszuführen, und Natascha aufzusuchen,“ sagte Katjä zu mir, als wir die Treppe hinaufstiegen, „so sehr hat man auf mich aufgepaßt, ... es war schrecklich! Mme. Albert habe ich ganze zwei Wochen bereden müssen, bis sie endlich einwilligte. Und Sie, und Sie, Iwan Petrowitsch, sind kein einziges Mal zu mir gekommen! Schreiben konnte ich Ihnen auch nicht und es fehlte mir auch die Lust dazu, denn im Brief kann man ja doch nicht alles sagen. Und wie gern hätte ich sie gesprochen ... Mein Gott, wie mir jetzt das Herz klopft ...“
„Die Treppe ist so steil,“ bemerkte ich.
„Nun, ja ... die Treppe ... Doch, was glauben Sie: wird Natascha mir zürnen?“
„Nein, weshalb?“
„Nun, ja ... freilich, weshalb; ich werde es ja gleich selbst erfahren; wozu frage ich Sie noch?“ ...
Ich führte sie am Arme hinauf. Sie war bleich und schien sich sehr zu fürchten. Auf dem letzten Treppenabsatz blieb sie stehen um Atem zu schöpfen, dann aber stieg sie, mit einem bedeutsamen Blick auf mich, entschlossen die letzten Stufen hinauf.
Vor der Tür blieb sie noch einmal stehen und flüsterte mir zu: „ich werde einfach hineingehen und ihr sagen, daß ich so an sie geglaubt habe, ohne etwa befürchten zu müssen ... Übrigens, was sage ich, ich bin doch überzeugt, daß Natascha das edelste Geschöpf ist, das es gibt. Nicht wahr?“
Sie trat schüchtern wie eine Schuldbewußte ein und sah Natascha starr an, die ihr zulächelte. Da trat Katjä sofort auf sie zu, ergriff ihre beiden Hände und küßte sie auf die Lippen. Darauf wandte sie sich, ohne Natascha ein Wort gesagt zu haben, ernst und streng an Aljoscha und bat ihn, sie auf eine halbe Stunde allein zu lassen.
„Du, Aljoscha, sei deshalb nicht böse,“ fügte sie hinzu, „ich wünsche es darum, weil ich mit Natascha über viele ernste und wichtige Dinge zu reden habe, die du nicht hören sollst. Sei vernünftig, und gehe. Sie aber, Iwan Petrowitsch, bleiben hier. Sie müssen bei unserem Gespräch zugegen sein.“
„Setzen wir uns,“ sagte Katjä, als Aljoscha fort war, „so, ich setze mich Ihnen gegenüber. Ich möchte Sie zuerst ein wenig ansehen.“
Sie setzte sich Natascha gegenüber und betrachtete sie stumm. Natascha mußte unwillkürlich lächeln.
„Ich kenne Ihre Photographie,“ sagte Katjä, „Aljoscha hat sie mir gezeigt.“
„Ist sie ähnlich?“
„Sie sind schöner,“ sagte Katjä ernst und bestimmt. „Ich wußte es, daß Sie schöner sind.“
„Und ich freue mich über Sie, wie reizend Sie sind!“
„Was Sie sagen! reden Sie nicht von mir, meine Liebe!“ fügte Katjä hinzu, und ergriff mit zitternden Händen Nataschas Hand, und wieder schwiegen sie und sahen sich gegenseitig an. „Sehen Sie, Natascha,“ unterbrach Katjä das Schweigen, „wir haben nur eine halbe Stunde für uns; Madame Albert wollte mir kaum diese halbe Stunde schenken, – und ich habe viel mit Ihnen zu reden ... Ich will ... ich muß ... Sie einfach fragen: lieben Sie Aljoscha sehr?“
„Ja, sehr.“
„Wenn das so ist ... wenn Sie ihn sehr lieben ... so ... müssen Sie auch sein Glück wünschen ...“ fügte sie leise schüchtern hinzu.
„Ja, ich wünsche es, daß er glücklich würde.“
„So ist’s ... doch jetzt die Frage: kann ich sein Glück ausmachen? Habe ich das Recht so zu sprechen, denn ich nehme Ihnen Aljoscha. Wenn es Ihnen scheint, und wir wollen das jetzt entscheiden, daß er mit Ihnen glücklicher wird, als, als ... so ...“
„Das ist bereits entschieden, liebe Katjä, Sie selbst wissen es doch, daß alles entschieden,“ antwortete Natascha und neigte ihr Haupt. Es fiel ihr offenbar schwer, das Gespräch weiterzuführen.
Katjä hatte wahrscheinlich eine lange Auslegung über dieses Thema vorbereitet: wer Aljoschas Glück ausmachte und wer von ihnen ihn der anderen abtreten sollte? Doch durch Nataschas Antwort begriff sie sofort, daß alles beschlossen und kein Wort mehr zu verlieren sei. Ihre reizenden Lippen halb geöffnet, sah sie traurig Natascha an, deren Hand sie immer noch in der ihren hielt.
„Und Sie, Sie lieben ihn sehr?“ fragte Natascha sie plötzlich.
„Ja; und ich wollte Sie auch darum fragen und bin deshalb hierhergekommen, um zu erfahren, warum Sie ihn lieben?“
„Ich weiß es nicht,“ antwortete Natascha, in ihrer Antwort lag ein Ausdruck gewisser Ungeduld.
„Halten Sie ihn für klug?“ fragte Katjä.
„Nein, ich liebe ihn einfach ...“
„Und ich auch. Er tut mir scheinbar immer so leid.“
„Und mir auch,“ antwortete Natascha.
„Was soll man jetzt mit ihm beginnen! Und wie konnte er Sie um meinetwillen verlassen, ich begreife es nicht!“ rief Katjä aus. „Jetzt, wo ich Sie gesehen habe, kann ich es nicht verstehen!“
Natascha antwortete nicht und sah zu Boden. Auch Katjä verstummte und plötzlich erhob sie sich und umarmte sie zärtlich. Sich umarmt haltend, weinten sie miteinander. Katjä setzte sich auf den Arm des Lehnstuhls und hielt Natascha fest umschlungen, ihr die Hände küssend.
„Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe!“ sagte sie in Tränen aufgelöst. „Wir wollen Schwestern bleiben und uns schreiben ... ich werde Sie ewig lieben, ewig ...“
„Hat er Ihnen von unserer Hochzeit im Juni gesprochen?“ fragte sie Natascha.
„Ja, er hat gesagt, daß Sie dareinwilligen. Das ist doch alles nur so, um ihn zu beruhigen, nicht wahr?“
„Natürlich.“
„So habe ich es auch aufgefaßt. Ich werde ihn sehr lieben, Natascha, und Ihnen von ihm schreiben. Wahrscheinlich wird man uns bald verheiraten; so scheint es wenigstens. Sie sprechen alle davon. Liebe Natascha, Sie werden doch jetzt zu Ihren Eltern gehen?“
Natascha antwortete nicht, sondern küßte sie schweigend.
„Werden Sie glücklich!“ sagte sie.
„Und ... Sie ... Sie auch,“ erwiderte Katjä.
In dem Augenblicke öffnete sich die Tür und Aljoscha trat ein. Er war nicht imstande, die halbe Stunde abzuwarten und als er sie jetzt umarmt und in Tränen sah, stürzte er ihnen beiden zu Füßen.
„Warum weinst denn du?“ fragte ihn Natascha. „Wir werden doch nicht auf lange getrennt sein? Zum Juni kommst du doch wieder?“
„Und dann wird eure Hochzeit sein,“ beeilte sich auch Katjä ihn zu trösten.
„Doch, ich kann nicht, ich kann dich nicht auf einen Tag verlassen, Natascha. Ich muß ohne dich sterben ... Du weißt nicht, wie teuer du mir jetzt bist! Gerade jetzt! ...“
„Nun, mache es doch so,“ sagte plötzlich belebt Natascha, „die Gräfin bleibt doch längere Zeit in Moskau?“
„Ja, fast eine Woche,“ bestätigte Katjä.
„Eine Woche! Was wäre denn besser: du begleitest sie morgen nach Moskau, bleibst dort einen Tag und kommst hierher zurück. Wenn sie Moskau verlassen, fährst du wieder hin und begleitest sie auf einen Monat aufs Land.“
„So, so ist’s ... Sie werden immerhin noch vier Tage zusammen sein!“ rief Katjä entzückt, mit einem vielsagenden Blick auf Natascha.
Das Entzücken Aljoschas über dieses neue Projekt läßt sich gar nicht beschreiben. Er schien plötzlich vollkommen beruhigt; sein Gesicht strahlte, er umarmte Natascha, küßte Katjä die Hand, umarmte mich. Natascha sah ihn mit traurigem Lächeln an, doch Katjä konnte sich kaum mehr beherrschen. Sie warf mir einen heißen, zornigen Blick zu, umarmte Natascha, erhob sich vom Stuhl um aufzubrechen. In dem Augenblick erschien auch schon der Diener mit der Meldung, daß die halbe Stunde vorüber sei.
Natascha erhob sich. Beide standen sich jetzt gegenüber und sahen sich mit einem Blick an, der ihre ganze Seele ausdrücken sollte.
„Wir werden uns niemals wiedersehen,“ sagte Katjä.
„Niemals mehr,“ antwortete Natascha.
„Dann leben Sie wohl.“
Sie umarmten sich.
„Fluchen Sie mir nicht,“ flüsterte ihr eilig noch Katjä zu, „ich werde immer ... seien Sie überzeugt ... er wird glücklich ... Komm, Aljoscha, begleite mich!“ stieß sie eilig hervor und faßte ihn an der Hand.
„Wanjä!“ wandte sich Natascha an mich, ganz erschöpft, als sie gegangen, „folge auch du ihnen ... Aljoscha wird bis zum Abend bei mir sein, bis acht Uhr; länger kann er nicht, dann muß er gehen. Ich bleibe dann allein ... Komme gegen zehn Uhr. Bitte!“
Als ich um neun Uhr Nelly (nach der zerschlagenen Tasse) mit Alexandra Ssemjonowna allein ließ, ging ich zu Natascha, die bereits ungeduldig auf mich wartete. Mawra gab den Tee; Natascha schenkte mir eine Tasse ein, setzte sich auf den Diwan und ich mußte mich neben sie setzen.
„Nun ist alles, alles aus!“ sagte sie mit einem Blick auf mich, den ich nie vergessen werde.
„Ein halbes Jahr der Liebe ... für ein ganzes Leben,“ fügte sie hinzu und preßte meine Hand.
Ihre Hände brannten. Ich fing an sie zu bereden, sich warm einzuhüllen und zu Bett zu legen.
„Sofort, Wanjä, sofort. Laß mich nur reden und mich an alles dies erinnern ... Ich bin wie zerschlagen ... Morgen sehe ich ihn zum letzten Male, um zehn Uhr ... zum letzten Mal!“
„Natascha, du bist wie im Fieber, gleich wird dich der Schüttelfrost packen; habe Mitleid mit dir ...“
„Was glaubst du, Wanjä? Ich habe hier auf dich seit einer halben Stunde gewartet und ich fragte mich, als er fortgegangen war – fragte mich: liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht, und was war das eigentlich für eine Liebe? Dir wird das wohl sonderbar vorkommen, Wanjä, daß es von mir erst jetzt geschah?“
„Rege dich nicht auf, Natascha ...“
„Siehst du, Wanjä, ich glaube, daß ich ihn nicht so geliebt habe, wie eine gewöhnliche Frau einen Mann liebt. Ich liebte ihn fast ... wie eine Mutter. Ich glaube, daß es auf der Welt gar keine solche Liebe gibt, wo sich gegenseitig beide ganz gleich lieben, ah? Wie denkst du?“
In banger Unruhe beobachtete ich sie und befürchtete einen Fieberausbruch. Sie schien sich einem sonderbaren Gefühl hinzugeben, einem Bedürfnis, zu reden; oft ganz unzusammenhängende Worte, die ich kaum verstehen konnte. Ich fürchtete sehr für sie.
„Er war mein,“ fuhr sie fort. „Gleich von der ersten Begegnung an, tauchte in mir der unbezwingliche Wunsch auf, daß er mein sei, ganz mein, und daß er niemanden kennen, niemanden sehen müßte, als nur mich ... Katjä hatte ganz recht vorhin, als sie sagte; ich habe ihn die ganze Zeit mit einer Liebe geliebt, als ob er mir leid täte ... Immer hatte ich den unbezwinglichen Wunsch, ja die Qual, wenn ich allein blieb, daß er unendlich und ewig glücklich sein müsse. Ich konnte sein Gesicht nicht ruhig ansehen. (Du kennst doch den Ausdruck seines Gesichtes, Wanjä): einen solchen Ausdruck gibt es nicht noch einmal, und wenn er lachte, so lief mir ein kalter Schauer über den Rücken ... Das ist wahr! ...“
„Natascha, höre mich an ...“
„Alle sagten,“ unterbrach sie mich, „und übrigens auch du hast es gesagt, daß er charakterlos und ... sein Verstand der eines Kindes sei. Nun, und, das war es, was ich am meisten an ihm liebte ... glaubst du es mir? Ich weiß nicht, ob ich ihn gerade nur darum liebte: kurz, ich liebte ihn einfach so wie er war und wäre er anders gewesen, so hätte ich ihn vielleicht gar nicht so lieb gehabt. Weißt du, Wanjä, ich muß dir noch eines gestehen; erinnerst du dich, vor drei Monaten hatten wir einen großen Streit, damals, als er mit seinen Kameraden bei dieser Minna gewesen war ... Als ich es erfahren, glaubst du mir, tat es mir sehr weh, zugleich war es aber so angenehm, daß er sich vor mir schuldig fühlte, und ich das Gefühl hatte, daß er sich wie ein Erwachsener aufgeführt und mit anderen Männern zu schönen Frauen gefahren! Und dann, welch ein Entzücken, ihm vergeben zu können ... oh, Lieber!“
Sie sah mir ins Gesicht und lächelte so sonderbar. Darauf verfiel sie in tiefes, tiefes Nachdenken. Und lange saß sie da, mit diesem Lächeln auf den Lippen und dachte an Vergangenes.
„Ich liebte es unendlich, ihm zu vergeben, Wanjä,“ fuhr sie fort. „Wenn er mich allein ließ und ich im Zimmer auf und ab ging, weinte und mich quälte, dann dachte ich immer: je schuldiger er vor mir sein wird, um so besser ... Ja! Und weißt du: immer schien es mir, daß er ein kleiner Junge sei: ich sitze da, er legt seinen Kopf auf meinen Schoß und schläft ein, dann streiche ich ihm leise übers Haar ... Immer habe ich ihn mir so vorgestellt, wenn er nicht bei mir war ... Weißt du, Wanjä,“ wandte sie sich plötzlich an mich, „wie reizend ist doch Katjä!“
Ich fühlte es, daß sie mit Absicht ihre Wunde aufriß, als fühlte sie ein Bedürfnis – ein Bedürfnis, der Verzweiflung und des Leides ... Das geschieht oft mit Herzen, die viel verloren haben!
„Wie es mir scheint, wird Katjä ihn glücklich machen,“ fuhr sie fort. „Sie hat Charakter und spricht zu ihm so überzeugt, so ernst und überlegen – und stets von hohen Dingen, wie eine Erwachsene. Und dabei ist sie selbst – das reine Kind! Ein liebes, liebes Kind! Oh, möchten sie glücklich sein!“
Tränen und Schluchzen erschütterten ihren Körper. Ganze anderthalb Stunden konnte sie nicht zu sich kommen, sich irgendwie beruhigen.
Dieser Engel von Natascha! Und doch konnte sie noch an demselben Abend, trotz ihres Kummers, Teilnahme für mich und meine Sorgen haben, als ich ihr, um sie zu zerstreuen, von Nelly erzählte ... Wir trennten uns erst spät abends, ich wartete bis sie eingeschlafen war und bat Mawra, als ich fortging, heute nacht bei ihrer kranken Herrin zu wachen.
„Oh, schneller, schneller,“ dachte ich, als ich zu mir zurückkehrte, „schneller ein Ende mit diesen Qualen! Einerlei wodurch, einerlei wie, nur schneller, schneller!“
Um neun Uhr morgens war ich bereits wieder bei ihr. Zu gleicher Zeit mit mir fand sich auch Aljoscha ein – um Abschied zu nehmen. Ich möchte nicht von diesen Augenblicken sprechen, und nicht an sie denken. Natascha wollte lustig und gleichgültig erscheinen, und konnte es nicht. Sie umarmte Aljoscha krampfhaft. Sie sprach kein Wort mit ihm, sie sah ihn nur ganz verstört an. Sie hörte gierig jedem seiner Worte zu und schien doch nicht zu begreifen, was er zu ihr sprach. Ich weiß, er bat sie, ihm zu vergeben, ihm und seiner Liebe alles das, womit er sie in der letzten Zeit gekränkt, seine Untreue zu ihr und seine Liebe zu Katjä, seine Abfahrt ... Er sprach zusammenhanglos, Tränen erstickten seine Stimme. Dann versuchte er sie wieder zu beruhigen, sagte, daß er nur auf einen Monat fortginge oder höchstens fünf Wochen, daß er im Sommer wiederkomme und dann ihre Hochzeit sei, und daß der Vater einwilligen würde, und schließlich, was die Hauptsache, daß er übermorgen aus Moskau zurückkehre, um mit ihr noch vier Tage zusammen zu verleben, also würden sie jetzt nur auf einen Tag getrennt sein ...
Sonderbar: wenn er fest davon überzeugt gewesen wäre, daß er die Wahrheit sprach und übermorgen aus Moskau zurückkehrte, – warum weinte er und quälte er sich so?
Endlich schlug die Uhr elf. Ich konnte ihn nur mit aller Gewalt bereden aufzubrechen. Der Moskauer Schnellzug fuhr um Punkt zwölf Uhr ab. Es blieb ihm nur noch eine Stunde. Natascha sagte mir später selbst, daß sie sich der letzten Augenblicke nicht mehr entsinne. Sie bekreuzte ihn, glaube ich, küßte ihn, bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und lief ins Zimmer zurück. Ich mußte Aljoscha zur Equipage führen, sonst wäre er niemals fortgegangen.
„Meine ganze Hoffnung beruht auf Dir,“ sagte er mir beim Abschied. „Freund Wanjä, ich bin niemals deiner Liebe würdig gewesen, doch bleibe mir trotzdem ein Bruder; verlasse du sie nicht, schreibe mir alles ausführlich über sie, so ausführlich, als nur möglich. Übermorgen werde ich wieder da sein, bestimmt, bestimmt! Doch dann, wenn ich dann fortfahre, dann schreibst du!“
Ich setzte ihn in den Wagen.
„Bis übermorgen!“ rief er mir noch zu, „bestimmt!“
Als ich mit bangem Herzen oben wieder Nataschas Zimmer betrat, stand sie mitten im Zimmer, mit verkreuzten Armen und blickte mich so fremd an, als erkenne sie mich nicht. Ihr Haar war in Unordnung; ihr Blick war trübe und wie irrsinnig. Mawra stand an der Tür und sah sie angstvoll an.