Zweiter Teil (continued 2)
E. K. Rahsin translation
Auch Natascha hatte mich seit dem Morgen erwartet. Als ich bei ihr eintrat, ging sie wie gewöhnlich mit gekreuzten Armen, in Nachdenken versunken, im Zimmer auf und ab. Auch jetzt noch, wenn ich an sie denke, sehe ich sie immer allein in diesem ärmlichen Zimmer, einsam, verlassen, auf etwas wartend, mit gekreuzten Armen und gesenkten Augen, ziellos auf- und abgehen.
Sie fuhr auch jetzt fort, leise auf- und abzugehen, und fragte nur, warum ich so spät gekommen sei. Ich erzählte ihr in aller Kürze meine Erlebnisse, doch sie hörte mich kaum. Offenbar war sie mit etwas ganz anderem beschäftigt.
„Was gibt’s Neues?“ fragte ich sie.
„Neues? Nichts!“ antwortete sie mir mit einer sonderbaren Betonung, der man es sofort anhörte, daß sie nur auf mich gewartet, um mir dieses Neue mitzuteilen. Doch wußte ich, daß sie es nach ihrer Gewohnheit nicht sofort tun würde, sondern erst beim Abschied.
So war es immer bei uns gewesen. Ich bereitete mich schon darauf vor und wartete.
Wir sprachen natürlich zuerst vom gestrigen Erlebnis. Es wunderte mich, daß wir beide der gleichen Meinung über den Fürsten waren: er mißfiel ihr, mißfiel ihr heute weit mehr noch, als gestern. Als wir alles Gestrige durchgesprochen hatten, bemerkte plötzlich Natascha:
„Weißt du, Wanjä, es pflegt aber immer so zu sein, und es ist das beste Zeichen, wenn ein Mensch einem zuerst nicht gefällt – dann gefällt er einem später. Mir ist es des öfteren so gegangen.“
„Gott gebe es, Natascha. Meine endgültige Meinung ist es übrigens, wie ich es mir auch hin und her überlege, daß der Fürst, obwohl er ein Jesuit ist, eure Ehe jetzt doch in Wirklichkeit zu wünschen scheint.“
Natascha blieb inmitten des Zimmers stehen und sah mich streng an. Ihr ganzes Gesicht veränderte sich; ihre Lippen zitterten leicht.
„Wie hätte er denn in diesem Falle ... lügen können?“ fragte sie in verhaltenem Unwillen.
„Gewiß, gewiß!“ beeilte ich mich, ihr zu versichern.
„Natürlich hat er nicht gelogen. Daran zu denken ist einfach unmöglich. Aus welch einem Grunde sollte er es getan haben? Und schließlich, was bin ich denn in seinen Augen, wenn er sich in solchem Grade über mich lustig machen kann? Kann denn ein Mensch wirklich einer solchen Beleidigung fähig sein?“
„Freilich, freilich ist das unmöglich!“ bestätigte ich meinerseits, bei mir aber dachte ich: „Gerade darüber denkst du jetzt nach, meine Arme, also mißtraust du ihm mehr noch als ich.“
„Ach, wie wünschte ich, daß er schneller zurückkehrte!“ sagte sie. „Den ganzen Abend wollte er bei mir verbringen ... Es muß doch eine wichtige Angelegenheit sein, wenn er alles läßt und fortfährt. Weißt du nichts davon, Wanjä? Hast du nichts darüber gehört?“
„Gott weiß es. Er soll alles Geld verleben. Was wissen wir von Geldsachen, Natascha.“
„Nichts. – Aljoscha sprach von einem Brief.“
„Von irgendeiner Nachricht. War Aljoscha hier?“
„Er war hier.“
„Früh?“
„Um zwölf Uhr; er schläft ja so lange. Ich schickte ihn zu Katherina Fedorowna, ich konnte doch nicht anders, Wanjä?“
„Hatte er selbst denn nicht die Absicht hinzugehen?“
„Ja, er selbst ...“
Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch verstummte sie. Ich sah sie erwartungsvoll an. Ihr Gesicht war traurig. Ich hätte sie gern darum gefragt, doch war ihr das oft nicht angenehm.
„Ein sonderbarer Mensch ist er doch,“ sagte sie endlich. Sie verzog ein wenig ihren Mund zu einem bitteren Lächeln und vermied es, mich anzusehen.
„Wieso? Was ist denn vorgefallen?“
„Nichts, nur so ... Er war übrigens sehr nett ... Nur zu ...“
„Jetzt haben alle seine Sorgen ein Ende ...“ sagte ich.
Natascha sah mich lange forschend an. Sie schien mir selbst gern antworten zu wollen: „Welche Sorgen machte er sich denn früher,“ doch in meinen Worten lag schon derselbe Gedanke. Sie schwieg gekränkt.
Übrigens war das nur eine vorübergehende Regung. Sie war sehr bald wieder freundlich, liebenswürdig, und von ihrer alten stillen Art. Ich blieb bei ihr wohl eine Stunde lang. Sie war sehr unruhig, ihr graute vor dem Fürsten. An einigen ihrer Fragen bemerkte ich, daß es ihr sehr darum zu tun war, zu erfahren, welchen Eindruck sie auf ihn gemacht haben könne. Wie sie sich verhalten? Ob sie ihre Freude nicht zu auffällig gezeigt? Ob sie nicht allzu zurückhaltend, oder im Gegenteil, zu zuvorkommend gewesen sei? Hatte er sich nicht am Ende über sie lustig gemacht? Oder Verachtung für sie empfunden? ... Bei dem Gedanken schoß ihr das Blut wie Feuer in die Wangen.
„Kann man sich wirklich so darüber aufregen, was ein schlechter Mensch über einen denkt? Soll er doch denken, was er will!“ sagte ich.
Natascha war mißtrauisch, aber von Herzen rein und aufrichtig. Sie war stolz und konnte es nicht ertragen, das, was sie hoch hielt, verspottet zu sehen. Die Verachtung eines Menschen hätte sie gleichfalls mit Verachtung beantwortet, doch ihr Herz hätte es nicht ertragen, daß jemand über ihr Heiligstes gelacht. Das war keine Folge von Charakterschwäche, sondern nur von geringer Kenntnis des Lebens und der Menschen. Sie hatte ihr ganzes Leben in ihrem Winkel verbracht, ohne ihn jemals zu verlassen. Und schließlich ist es eine Eigenschaft aller gutmütigen Charaktere – eine Eigenschaft, die vom Vater auf sie übergegangen – stets einen Menschen besser zu machen als er ist, nur Gutes in ihm zu sehen: diese Eigenschaft war in ihr sehr entwickelt. Derartige Menschen leiden dann sehr, wenn sie sich getäuscht fühlen, um so mehr, weil sie selbst schuld daran sind. Sie fordern mehr, als andere geben können. Und darum ist es besser, wenn sie in ihren Winkeln bleiben und nicht in die Welt gehen. Übrigens hatte Natascha zu viel Leid und Erniedrigung erfahren. Sie war ein kranker Mensch geworden, den man nicht beschuldigen darf – wenn in meinen Worten überhaupt etwa eine Anklage liegt ...
Doch ich hatte Eile und erhob mich, um fortzugehen. Sie war ganz erstaunt darüber und wäre fast in Tränen ausgebrochen, obgleich sie die ganze Zeit sich mir gegenüber sehr kühl verhalten hatte, kühler als gewöhnlich. Doch jetzt küßte sie mich zärtlich und sah mich lange an.
„Höre,“ sagte sie. „Aljoscha war zu sonderbar heute und hat mich wirklich in Erstaunen gesetzt. Er war sehr nett und schien sehr glücklich zu sein, doch kehrte und drehte er sich die ganze Zeit vor dem Spiegel wie ein Fant. Er ist schon etwas gar zu nachlässig in seinem Betragen geworden ... Auch war er nicht lange hier. Stelle dir vor, er hat mir Konfekt gebracht!“
„Konfekt? Das ist ja sehr naiv und nett von ihm. Ach, was ihr beide für Menschen seid! Er ist ja noch immer der lustige Schulbub von früher. Aber du, du!“
Jedesmal, wenn Natascha ihren Ton veränderte und zu mir mit irgendeiner Klage über Aljoscha kam, oder irgendwelche Zweifel von mir gelöst haben wollte, oder mit einem Geheimnis kam, das ich selbst erraten mußte, so sah sie mich immer mit offenem Munde flehend an, mit der unausgesprochenen Bitte, alles so zu lösen, daß ihrem Herzen leichter wurde. In diesen Augenblicken nahm ich dann immer einen strengen Ton an, als wollte ich sie ausschelten, und sonderbar, es gelang mir fast immer. Meine Wichtigkeit und Strenge taten jedesmal ihre Wirkung. Der Mensch empfindet manchmal geradezu das Bedürfnis, eine Strafpredigt zu hören. Wenigstens Natascha verließ mich nach solchen Augenblicken immer vollkommen getröstet.
„Nein, siehst du, Wanjä,“ fuhr sie fort, die linke Hand auf meine Schulter legend und meinen Blick erhaschend, „mir schien es, daß er schon ganz daran gewöhnt ist ... er schien mir schon zu – naiv ... weißt du, als ob wir schon zehn Jahre Mann und Frau gewesen wären. Ist das nicht viel zu früh? ... Er lachte, drehte und kehrte sich, als ob ich ihm eigentlich ganz gleichgültig wäre, nicht so wie früher ... Er beeilte sich schon zu sehr, zu Katherina Fedorowna ... Ich spreche zu ihm, er hört mich nicht und spricht von ganz anderem, weißt du, in dieser häßlichen, weltmännischen Manier, von der wir ihn schon glücklich abgebracht hatten. Kurz, er war so ... so gleichgültig ... Doch was tue ich! So bin ich – was sind wir doch alle anspruchsvoll, Wanjä, was für eigensinnige Despoten! Das merke ich erst jetzt! Wir verzeihen dem Menschen keine einzige Veränderung, und Gott weiß allein den Grund, warum er sich verändert hat! Du tust recht, Wanjä, mich auszuschelten! Daran bin nur ich allein schuld! Wir selbst erdenken uns alle Qualen der Welt und dann klagen wir noch über sie ... Habe Dank, Wanjä, du hast mich vollkommen beruhigt. Ach, wenn er doch nur heute käme! Vielleicht hat er sich noch geärgert!“
„Wie, habt ihr euch denn gezankt?“ rief ich verwundert aus.
„Nein, er hat nichts bemerkt! Nur war ich ein wenig traurig und er wurde plötzlich nachdenklich und verabschiedete sich ein wenig trocken von mir. Ich werde nach ihm schicken ... Kommst du heute, Wanjä?“
„Ich komme bestimmt, wenn ich nicht abgehalten werde.“
VII.
Um punkt sieben war ich bei Masslobojeff. Er lebte im Flügel eines kleinen Hauses auf der Schestilawotschnaja, in einer etwas unsauberen Wohnung von drei Zimmern, die jedoch gut möbliert waren. Es fehlte freilich überall an häuslicher Ordnung. Die Tür öffnete mir ein reizendes Mädchen von neunzehn Jahren, sehr einfach, aber nett und sauber gekleidet, mit guten fröhlichen Augen. Ich erriet sofort, daß es Alexandra Ssemjonowna, seine Geliebte, sein mußte, die er vorhin erwähnt hatte, und der er mich vorstellen wollte. Sie fragte, wer ich sei, und als ich ihr meinen Namen genannt, sagte sie, daß man mich erwarte und führte mich ins Zimmer, wo Masslobojeff auf seinem schönen, weichen Diwan, bedeckt mit einem Mantel, schlief. Sein Kopf ruhte auf einem alten Lederkissen. Er erwachte sofort, als wir eintraten, und rief mich bei Namen.
„Ah! Da bist du ja! Ich habe dich erwartet. Soeben sah ich im Traum, wie du zu mir kamst und mich aufwecktest. Also ist es Zeit. Fahren wir.“
„Wohin?“
„Zur Dame.“
„Zu welcher Dame? Warum?“
„Zu Madame Bubnowa, um bei ihr einzukassieren. Was die für eine Schönheit ist!“ wandte er sich plötzlich zu Alexandra Ssemjonowna und küßte seine Fingerspitzen bei der Erinnerung an Madame Bubnowa.
„Nun, geh nur, geh. Das denkst du dir nur aus!“ bemerkte Alexandra Ssemjonowna, die es für ihre Pflicht hielt, sich etwas zu ärgern.
„Ihr kennt euch nicht? Ich werde dich vorstellen, Bruder: Alexandra Ssemjonowna, hier stelle ich dir einen Literaturgeneral vor; man kann ihn nur einmal im Jahr umsonst sehen, die übrige Zeit aber nur für Geld.“
„Jetzt hält er mich wieder zum besten. Hören Sie, bitte, nicht auf ihn, er lacht immer über mich. Was sind Sie denn für ein General?“
„Ich sage dir doch, daß er ein besonderer ist. Und Sie, meine Dame, glauben Sie nicht, daß wir dumm sind; wir sind viel klüger als wir auf den ersten Blick erscheinen.“
„Hören Sie nicht auf ihn! Immer verstellt er sich vor anständigen Leuten, Unverschämter! Wenn er mich doch wenigstens nur einmal ins Theater brächte!“
„Bitte, Alexandra Ssemjonowna, lieben Sie Ihre Pe... Haben Sie vergessen, was Sie lieben müssen? Haben Sie das Wort vergessen, das ich Ihnen gelehrt habe!“
„Natürlich habe ich es nicht vergessen. Irgendeinen Unsinn bedeutet es.“
„Nun, wie hieß denn das Wort?“
„Ich soll mich wohl vor dem Gast blamieren. Wer weiß, was dieses Wort bedeutet. Eher trocknet meine Zunge aus, als daß ich es sage.“
„Also haben Sie es vergessen?“
„Vergessen? Lieben Sie Ihre Penaten ... Sehen Sie, was er sich ausgedacht! Es hat vielleicht niemals Penaten gegeben; und warum soll ich sie lieben? Alles Lüge!“
„Dafür gehen wir auch zu Madame Bubnowa ...“
„Pfui, mit Ihrer Madame Bubnowa ...“
Und Alexandra Ssemjonowna lief gekränkt aus dem Zimmer.
„Es ist Zeit! Gehen wir! Leben Sie wohl, Alexandra Ssemjonowna!“
Wir traten ins Freie.
„Siehst du, Wanjä, setzen wir uns jetzt zuerst in die Droschke. So. Und jetzt kann ich dir noch mitteilen, daß ich manches und zwar ganz genau erfahren habe. Ich blieb noch eine ganze Stunde nachher auf Wassilij-Ostroff. Diese dicke Blase ist eine schreckliche Kanaille, ein schmutziger, perverser Kerl. Und diese Bubnowa ist ihrer gewissen Geschäftchen wegen schon ganz bekannt. Vor ein paar Tagen hat sie es mit einem jungen Mädchen aus anständigem Hause zu tun gehabt. Diese Musselinkleidchen, von denen du mir erzähltest, ließen mir keine Ruh, denn ich hatte schon vorher verschiedenes von ihr gehört. Ich habe mich jetzt davon überzeugen können, daß ich mich nicht irre. Wie alt ist die Kleine?“
„Dem Ansehen nach dreizehn Jahr.“
„Von Gestalt ist sie aber noch jünger. Nun ja, so treibt sie es. Wenn es nötig, sagt sie, die Kleine sei elf Jahre alt und wenn es nötig, – fünfzehn. Und da die kleine ohne Schutz und Familie ist, so ...“
„Ist’s möglich?“
„Was glaubst du denn? Eine Madame Bubnowa wird doch nicht aus Mitleid eine Waise zu sich nehmen. Und wenn der Dicke schon da verkehrt, so stimmt’s. Er ist neulich am Morgen bei ihr gewesen. Dem Dummkopf Ssisobrjuchoff ist eine verheiratete Dame, eine Schönheit versprochen worden, die Frau eines Stabsoffiziers. Wenn Kaufleute durchgehen, verlangen sie immer eine von Rang. Das ist wie in der lateinischen Grammatik; die Bedeutung hängt immer von der Endung ab. Übrigens, ich bin noch, glaube ich, betrunken. Die Bubnowa soll es nur wagen, solche Geschäftchen zu versuchen. Sie kann wohl die Polizei hintergehen, mich aber nicht, da soll sie mal sehen ... Nun, du verstehst mich?“
Ich war furchtbar erschrocken. Diese Nachrichten erregten mich im höchsten Grade. Ich fürchtete jetzt, daß wir uns verspäten könnten und trieb den Kutscher zur Eile an.
„Fürchte nichts; ich habe Maßregeln getroffen,“ sagte Masslobojeff. „Mitroschka ist dort, wir haben uns mit ihm verabredet. Madame Bubnowa kommt auf meine Rechnung ...“
Wir hielten am Restaurant, doch ein Mensch, der Mitroschka hieß, war da nicht zu finden. Wir befahlen dem Kutscher, uns an der Treppe des Restaurants zu erwarten und gingen zum Hause der Bubnowa. Mitroschka erwartete uns am Hoftor. Die Fenster waren hell erleuchtet und man hörte Ssisobrjuchoffs betrunkenes Lachen.
„Seit einer Viertelstunde sind sie alle dort,“ berichtete Mitroschka. „Jetzt ist es Zeit.“
„Wie sollen wir denn hineingehen?“ fragte ich.
„Wie Gäste,“ entgegnete Masslobojeff, „sie kennt mich; auch Mitroschka kennt sie. Wahrhaftig, da scheint ein großes Fest zu sein, nur nicht für uns.“
Er klopfte leise an das Hoftor, der Hausknecht öffnete uns sofort; während er sich mit Mitroschka verständigte, gingen wir beide die Treppe hinauf. Im Hause bemerkte man uns nicht. Der Hausknecht klopfte an. Man fragte, wer da sei. Er antwortete: „Gäste“. Man öffnete uns und wir traten alle auf einmal ein. Der Hausknecht verschwand sofort.
„Ai, wer ist das?“ rief die Bubnowa betrunken und zerzaust, mit einem Licht in der Hand.
„Wer?“ erwiderte Masslobojeff. „Wie so denn? Sie erkennen Ihre Gäste nicht, Anna Trifonowna? Wer denn anders als wir ... Filipp Filippytsch!“
„Ah, Filipp Filippytsch? Das sind Sie ... ein so teurer Gast ... Ja, wie kommen Sie denn her ... ich ... tut nichts ... treten Sie ein ... hierher bitte!“
Sie war ganz verwirrt.
„Hierher? Nein ... Uns nehmen Sie bitte besser auf. Wir wollen bei Ihnen ein Gläschen trinken und ...“
Die Wirtin faßte sofort Mut.
„Ja, für solche Gäste ist alles bereit ...“
„Ein paar Worte, Anna Trifonowna: ist Ssisobrjuchoff hier?“
„Ja.“
„Ich muß ihn sehen. Wie wagt er es, ohne mich durchzugehen?“
„Er hat Sie sicher nicht vergessen. Er erwartete noch jemanden; wahrscheinlich wohl Sie.“
Masslobojeff stieß die Tür auf und wir traten in ein Zimmer mit zwei Fenstern, auf denen einige Geranientöpfe standen, mit einem alten Klavier an der Wand ... und allem was dazu gehörte. Mitroschka blieb im Vorzimmer. Wie ich später erfuhr, sollte er da Wache stehen. Zu ihm gesellte sich das geschminkte Weib vom Vormittag.
Im Zimmer auf einem kleinen Diwan aus rotem Holz vor einem runden Tisch saß Ssisobrjuchoff. Auf dem Tische, der mit einer Decke belegt war, standen vor ihm zwei warme Champagnerflaschen und eine Flasche mit schlechtem Rum; standen Teller mit Konfekt, Nüssen und Kuchen. Ihm gegenüber am Tisch saß eine widerliche Kreatur von vierzig Jahren, in einem schwarzen Taftkleide, behängt mit goldenen Armbändern und Broschen. Das war die Frau des Stabsoffiziers, sicher keine echte. Ssisobrjuchoff war ganz betrunken und schien äußerst zufrieden. Das dicke Scheusal war nicht zu sehen.
„So also macht man’s!“ brüllte aus voller Kehle Masslobojeff, „mich hat er zu Dusso eingeladen!“
„Filipp Filippytsch, Sie beehren uns?“ murmelte Ssisobrjuchoff, uns mit seligem Lächeln begrüßend.
„Du trinkst?“
„Entschuldigen Sie.“
„Entschuldige dich lieber nicht, sondern bewirte deine Gäste. Wir sind gekommen, um uns mit dir zu amüsieren. Ich habe hier noch einen Gast mitgebracht: meinen Freund!“
Masslobojeff wies auf mich.
„Sehr angenehm, es beglückt mich ... Kchi!“
„Das nennt er Champagner! Der schmeckt nach Kohlsuppe.“
„Sie beleidigen mich.“
„Bei Dusso wagst du dich ja gar nicht zu zeigen; aber einladen tust du!“
„Er erzählte mir soeben, daß er in Paris gewesen,“ griff die Stabsoffiziersfrau das Gespräch auf. „Sicher lügt er alles!“
„Fedossja Titischna, entschuldigen Sie, aber ich war in Paris. Wir waren ... wir fuhren ...“
„Was macht denn ein solcher Bauer in Paris?“
„Wir waren wirklich dort. Wir haben uns mit Karp Wassiljewitsch ausgezeichnet amüsiert. Kennen Sie Karp Wassiljewitsch?“
„Wie soll ich denn Ihren Karp Wassiljewitsch kennen?“
„Vielleicht doch ... aus politischen Gründen. Wir waren im Örtchen Paris und haben – bei Madame Joubert einen Trumeau zerschlagen.“
„Was haben Sie zerschlagen?“
„Einen Trumeau. Die ganze Wand war ein Trumeau und Karp Wassiljewitsch war so betrunken, daß er mit Madame Joubert einfach nur russisch sprach. Nun, und er stürzte sich an den Trumeau, die Joubert aber ruft ihm zu, daß der Trumeau sieben hundert Franks kostet, wenn er ihn zerschlägt! Er lächelt bloß und sieht mich an, ich saß ihm gegenüber auf einem Kanapee mit einer Schönen, die nicht einen solchen Rüssel hatte, wie die da. Kurz, er ruft mir zu: ‚Stepan Terentjytsch, die Hälfte fällt auf dich?‘ Ich sage ‚schön!‘ Wie er da ins Glas schlägt – dsin! Madame Joubert schreit auf und rückt ihm auf den Leib: ‚Du Räuber, aus welchem Lande kommst denn du her?‘ Er aber sagt: ‚Du, Madame Joubert, nimm dein Geld und kümmer dich nicht um meine Angewohnheiten.‘ Ihr wurden sechshundertfünfzig Franks ausgezahlt. Ein halbes Hundert haben wir ihr abgezogen.“
In diesem Augenblick ertönte ein durchdringender Schrei durch das ganze Haus. Ich fuhr zusammen und schrie auf. Ich hatte die Stimme sofort erkannt, es war Helene. Auf ihren kläglichen Schrei folgte ein ganzer Tumult, man hörte schimpfen und klatschende Schläge, wie mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Das war sicher Mitroschka, der seine Pflicht tat. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Helene stürzte bleich, mit verstörten Augen im weißen Musselinkleidchen, mit gekämmten, doch im Kampfe aufgewühlten Haaren hinein ins Zimmer. Ich stand der Tür gegenüber und sie stürzte geradewegs auf mich zu und umschlang mich mit beiden Händen. Alle erschraken, alle sprangen auf. Schreie und Ausrufe schwirrten durchs Zimmer. Ihr folgte in der Tür Mitroschka, den Dicken, sein Opfer, an den Haaren im aufgelöstem Zustande herbeischleppend. Er riß ihn zur Türschwelle und stieß ihn dann ins Zimmer.
„Da ist er! Nehmt ihn in Empfang!“ rief er uns mit zufriedener Miene zu.
„Höre,“ sagte Masslobojeff, ruhig auf mich zutretend und mir auf die Schulter klopfend. „Nimm das Kind und bringe es zu dir, hier hast du nichts mehr zu tun. Morgen wollen wir das Weitere besprechen.“
Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, nahm Helene bei der Hand und führte sie hinaus aus dieser Hölle. Das alles geschah so unerwartet, daß uns niemand aufhielt. Draußen wartete die Droschke auf uns und in zwanzig Minuten waren wir in meiner Wohnung.
Helene schien halbtot. Ich öffnete ihr das Kleid, bespritzte sie mit Wasser und legte sie auf den Diwan. Sie fieberte und begann zu phantasieren. Ich sah auf ihr bleiches Gesichtchen, auf ihre farblosen Lippen, auf ihr dunkles pomadisiertes und aufgewühltes Haar, auf ihre ganze Toilette mit den rosa Bändern – und begriff alles. Die Arme! Sie fieberte immer mehr und mehr. Ich beschloß, am Abend nicht mehr zu Natascha zu gehen. Hin und wieder hob Helene ihre langen Wimpern und sah mich lange und forschend an, als wollte sie sich vergewissern, daß ich es war. Spät, um ein Uhr nachts, schlief sie ein. Ich schlief neben ihr auf dem Fußboden.
VIII.
Ich erhob mich sehr früh. In der Nacht wachte ich jede halbe Stunde auf, und sah nach meiner armen Kleinen. Sie hatte immer noch Fieber und erst gegen Morgen schlief sie fest ein. Ein gutes Zeichen, dachte ich, doch als ich am Morgen erwachte, beschloß ich, während die Arme noch schlief, einen Arzt zu holen. Ich kannte einen Doktor, einen gutmütigen, alten Junggesellen, der seit undenklichen Zeiten auf der Wladimirskaja mit seiner deutschen Wirtschafterin lebte. Ich begab mich zu ihm. Er versprach mir, um zehn Uhr zu kommen. Es war acht Uhr, als ich bei ihm war. Gerne wäre ich unterwegs zu Masslobojeff gegangen, doch gab ich es auf: er schlief wohl sicher noch seinen gestrigen Rausch aus, und außerdem hätte Helene erwachen können und in ihrem krankhaften Zustande hätte sie dann vielleicht nicht gewußt, wo sie sich befand, und auf welche Weise sie zu mir gekommen war.
Sie erwachte in dem Augenblick, als ich ins Zimmer trat. Ich ging auf sie zu und fragte sie vorsichtig, wie sie sich fühle? Sie antwortete mir nicht, doch sah sie mich lange – lange mit ihren dunklen, ausdrucksvollen Augen an. Ich erriet aus ihrem Blick, daß sie alles begriff und bei vollem Bewußtsein war. Auf meine Frage antwortete sie mir ihrer Gewohnheit nach nicht. Auch gestern und vorgestern, als sie bei mir war, hatte sie viele meiner Fragen überhaupt nicht beantwortet und mich nur mit ihrem hartnäckigen, forschenden Blick angesehen, in dem außer Mißtrauen und Neugier ein so sonderbarer Stolz lag. Auch jetzt lag in ihrem Blick eine gewisse Härte und ein Zweifel. Ich legte meine Hand, glaube ich, auf ihren Kopf, um zu fühlen, ob sie noch Fieber hatte, sie aber schob schweigend mit ihrer kleinen Hand meine Hand fort und kehrte ihr Gesicht zur Wand. Ich zog mich zurück, um sie nicht zu stören.
Ich besaß einen großen kupfernen Teekessel. Ich brauchte ihn an Stelle des Samowars und kochte in ihm das Teewasser. Holz besaß ich genügend, der Hausknecht hatte mir wenigstens einen Vorrat auf fünf Tage gebracht. Ich machte den Ofen an, holte Wasser und bereitete den Tee. Die Teetassen stellte ich auf den Tisch. Helene sah zu und betrachtete alles mit Neugier. Ich fragte sie, ob sie nicht einen Wunsch hätte. Sie aber wandte sich wieder von mir ab und antwortete nicht.
„Weshalb sie mir wohl böse sein mag? Wunderliches Ding!“ dachte ich.
Mein alter Doktor kam, wie er versprochen, um zehn Uhr. Er untersuchte die Kranke mit deutscher Sorgfalt und machte mir wieder Mut. „Es sei ein fieberhafter Zustand,“ sagte er, „doch ohne jegliche ernstere Gefahr. Er fügte hinzu, daß sie ein anderes Leiden haben müsse, ein Herzleiden, woraufhin er sie noch einmal gründlicher untersuchen wolle, jetzt sei es jedoch nicht vonnöten.“ Er verschrieb ihr eine Medizin und noch andere Pulver, mehr der Form wegen, als aus Notwendigkeit, und fragte mich: auf welche Weise sie zu mir gekommen sei? Zu gleicher Zeit sah er sich mit Verwunderung meine Wohnung an. Der Alte schwatzte gern.
Auch ihn setzte Helene in Erstaunen; sie entzog ihm ihre Hand, als er ihren Puls fühlen wollte, und zeigte ihm nicht ihre Zunge. All seine Fragen ließ sie unbeantwortet und sah die ganze Zeit nur auf seinen großen Stanislaus-Orden, den er am Halse trug.
„Ihr muß der Kopf sehr weh tun,“ bemerkte der alte Herr, „doch wie sie einen ansieht, wie sie einen ansieht!“
Ich hielt es nicht für nötig, ihm alles über Helene mitzuteilen, und entschuldigte mich mit der Erklärung, daß es eine sehr lange, weitläufige Geschichte sei.
„Wenn es nötig sein sollte, rufen Sie mich,“ sagte er beim Fortgehen. „Jetzt ist sie außer Gefahr.“
Ich beschloß, den ganzen Tag bei Helene zu bleiben und sie so wenig als möglich allein zu lassen. Doch wußte ich, daß Natascha und Anna Andrejewna sich sehr aufregen würden, wenn sie mich vergeblich erwarteten und beschloß daher, Natascha durch die Stadtpost zu benachrichtigen, daß ich heute nicht zu ihr kommen könne. Anna Andrejewna durfte ich nicht schreiben. Sie hatte mich ein für allemal gebeten, ihr keinen Brief zu schicken, als ich es einmal Nataschas wegen getan. „Der Alte wird ganz finster und unwillig, wenn er einen Brief sieht,“ sagte sie, „möchte so gerne den Inhalt erfahren, doch danach zu fragen – dazu kann er sich nicht entschließen, und ist dann den ganzen Tag verstimmt. Und mich, mein Lieber, ärgerst du nur mit deinem Brief. Was sind mir die paar Zeilen. Ich möchte dich ausführlich über alles befragen und du bist nicht da.“ Darum schrieb ich nur Natascha, und als ich nach der Medizin ging, warf ich den Brief in den Postkasten.
In der Zeit war Helene wieder eingeschlafen. Im Schlaf war sie unruhig und stöhnte. Der Doktor hatte recht, ihr schmerzte der Kopf sehr. Plötzlich schrie sie auf und erwachte. Sie sah mich ärgerlich an, als störe sie meine Aufmerksamkeit. Ich muß gestehen, daß es mir sehr weh tat.
Um elf Uhr kam Masslobojeff. Er war sehr besorgt und wie es schien zerstreut; er hatte große Eile und kam nur auf einen Augenblick.
„Nun, Freund, ich dachte mir schon, daß du nicht sehr verschwenderisch leben würdest,“ bemerkte er, sich bei mir umschauend, „daß ich dich jedoch in solch einer Kiste antreffen würde, das hatte ich denn doch nicht geglaubt. Das ist ja ein Kasten, aber keine Wohnung! Doch, das würde ja alles nichts besagen, es ist nur fatal, daß dich alle diese Sachen von der Arbeit abhalten. Ich dachte bereits gestern daran, als wir zur Bubnowa fuhren. Ich, Bruder, gehöre meiner Natur und meiner sozialen Stellung nach zu den Leuten, die selbst nichts tun und nur anderen vorwerfen, daß sie nichts arbeiten. – Jetzt höre zu: ich komme vielleicht morgen oder übermorgen zu dir; du aber komme jedenfalls Sonntag morgen zu mir. Bis dahin wird die Angelegenheit dieses Kindes erledigt sein; dann nehme ich dich vor und rede ein ernstes Wort mit dir. Nun, und sage doch, ist es in deinen Augen eine Schande, von mir Geld zu leihen?“
„Laß das Gerede,“ unterbrach ich ihn. „Sage lieber, was für ein Ende hat gestern die Sache genommen?“
„Wieso? Alles ist vortrefflich gegangen und das Ziel erreicht, verstehst du? Jetzt habe ich keine Zeit, bin nur auf einen Augenblick gekommen, um mich zu erkundigen, wo du sie unterbringen wirst – oder willst du sie bei dir behalten? Darüber müssen wir noch ins reine kommen.“
„Das weiß ich selbst noch nicht, und offen gestanden, habe ich dich erwartet, um mit dir zu beraten. Wie sollte ich sie wohl bei mir behalten?“
„Eh, warum denn nicht, vielleicht als Magd ...“
„Ich bitte dich, sprich leiser. Wenn sie auch krank ist, so ist sie doch vollkommen bei Bewußtsein, und als sie dich erblickte, bemerkte ich, wie sie zusammenzuckte. Folglich hat sie das Gestrige nicht vergessen ...“
Darauf erzählte ich ihm von ihrem auffallenden Charakter und von allem, was ich an ihr bemerkt. Meine Schilderung interessierte ihn sehr. Ich fügte noch hinzu, daß ich sie vielleicht in einer mir bekannten Familie unterbringen würde und erwähnte die Alten. Zu meiner großen Verwunderung war ihm die Geschichte Nataschas bekannt und auf meine Frage woher, antwortete er:
„Ich habe gelegentlich davon gehört. Ich habe dir doch schon erzählt, daß ich den Fürsten Walkowskij kenne. Das wäre sehr schön, wenn du die Kleine zu Ichmenjeffs bringen könntest. Sie wird dich sonst hier nur genieren. Aber was ich noch sagen wollte, sie hat doch Kleider nötig. Mache dir deshalb keine Sorgen, das kommt auf meine Rechnung. Lebe wohl, besuche mich also. Schläft sie jetzt?“
„Es scheint so,“ erwiderte ich.
Doch kaum war er fort, als Helene mich zu sich rief.
„Wer ist es?“ fragte sie mich. Ihre Stimme zitterte vor Erregung, doch war ihr Blick immer noch so starr und abweisend.
Ich nannte ihr seinen Namen und fügte hinzu, daß ich sie durch seine Hilfe aus der Gewalt der Bubnowa gerettet hätte, und daß die Bubnowa ihn sehr fürchte. Ihre Wangen erglühten plötzlich, bei der Erinnerung.
„Und wird sie niemals hierher kommen?“ fragte Helene mit forschendem Blick in mein Gesicht.
Ich beeilte mich, sie darüber zu beruhigen. Sie schwieg und griff mit ihren heißen Fingerchen nach meiner Hand, ließ sie aber sofort wieder fallen, als besinne sie sich.
„Es ist doch nicht möglich, daß sie solchen Widerwillen gegen mich empfindet,“ dachte ich. „Das ist wohl so ihre Art, oder ... oder die Arme hat so viel Schlechtigkeit gesehen, daß sie niemandem auf der Welt mehr traut.“
Zur bestimmten Stunde ging ich in die Apotheke nach der Medizin und unterwegs in ein mir bekanntes Restaurant, wo ich manchmal zu Mittag speiste und Kredit hatte. Dort holte ich etwas Hühnersuppe für Helene, doch wollte sie nichts davon essen und ich mußte die Suppe in den Ofen stellen, um sie warmzuhalten.
Nachdem sie die Medizin eingenommen hatte, setzte ich mich an die Arbeit. Ich dachte, daß sie schlief, aber als ich ganz zufällig aufblickte, bemerkte ich, daß sie ihr Köpfchen erhoben hatte und mir zusah, wie ich schrieb. Ich tat so, als ob ich es nicht bemerkte.
Endlich war sie zu meiner großen Freude wirklich eingeschlafen, ganz ruhig, fieberfrei und ohne zu stöhnen. Ich fing an nachzudenken; Natascha, dachte ich, könnte wirklich sehr betrübt darüber sein, daß ich gerade in der Zeit sie verlassen, wo sie meiner vielleicht am meisten bedurfte.
Was nun Anna Andrejewna anbelangt, so wußte ich ganz und gar nicht, wie ich mich morgen vor ihr rechtfertigen sollte. Ich dachte hin und her und plötzlich beschloß ich, sie beide aufzusuchen. Meine Abwesenheit konnte doch höchstens zwei Stunden dauern. Helene schläft und wird es gar nicht bemerken, daß ich abwesend bin! Ich sprang auf, warf mir meinen Paletot über, griff nach der Mütze und wollte zur Tür hinaus, als ich plötzlich Helene meinen Namen rufen hörte. Ich war ganz betroffen: hatte sie sich wirklich nur so angestellt, als schlafe sie?
Ich muß übrigens bemerken, daß Helene nur so tat, als wolle sie nicht mit mir sprechen: diese wiederholten Rufe, das Bedürfnis, von mir über ihr Schicksal etwas zu erfahren, bewiesen das Gegenteil und waren, ich muß es gestehen, mir sogar sehr angenehm.
„Wohin wollen Sie mich fortgeben?“ fragte sie mich, als ich an sie herantrat.
Überhaupt richtete sie ihre Fragen immer plötzlich, ganz unerwartet, an mich. Dieses Mal verstand ich sie nicht einmal sofort.
„Vorhin sagten Sie zu Ihrem Bekannten, daß Sie mich in ein Haus geben würden. Ich will aber nicht.“
Ich beugte mich über sie: sie fieberte wieder und war in höchster Erregung. Ich versuchte sie wieder zu beruhigen und ihr Hoffnung einzuflößen; ich sagte ihr daß, wenn sie bei mir bleiben wolle, ich sie niemals fortgeben würde. Ich zog meinen Mantel aus, legte die Mütze aus der Hand, denn in solchem Zustande konnte ich sie nicht allein lassen.
„Nein, gehen Sie nur!“ sagte sie, sofort erratend, daß ich bleiben wollte. „Ich bin müde und werde gleich einschlafen.“
„Wie, soll ich dich denn allein lassen?“ sagte ich zögernd. „Ich werde allerdings in zwei Stunden wieder zurück sein ...“
„Nun, so gehen Sie doch. Sonst werde ich das ganze Jahr krank sein, und Sie werden das ganze Jahr das Haus nicht verlassen können.“
Und sie versuchte zu lächeln und sah mich so sonderbar an, sie schien irgendein gutes Gefühl in ihrem Herzen niederzukämpfen. Die Arme! Es war ihre Zärtlichkeit und Güte, die trotz aller Menschenscheu und offenbarer Verbitterung durchbrach.
Zuerst eilte ich zu Anna Andrejewna. Sie erwartete mich mit fieberhafter Ungeduld und war entsetzlich beunruhigt. Nikolai Ssergejewitsch war gleich nach Tisch ausgegangen und man wußte nicht wohin. Mir ahnte, daß die Alte ihm wie gewöhnlich alles erzählt hatte, wenn auch nur in Andeutungen. Sie gestand es mir bald darauf selbst ein, daß sie nicht habe an sich halten können und ihre Freude mit ihm habe teilen wollen, daß aber Nikolai Ssergejewitsch, wie sie sagte, finster wie eine Gewitterwolke dreingeschaut habe und auf alle ihre Fragen nur geschwiegen hätte, und plötzlich nach Tisch fortgegangen sei. Zitternd vor Angst flehte sie mich an, mit ihr zusammen Nikolai Ssergejewitsch zu erwarten. Ich schlug ihre Bitte rund ab und sagte ihr, daß ich auch morgen nicht zu ihr kommen könne und daß ich nur heute zu ihr gekommen wäre, um sie davon zu benachrichtigen. Dieses Mal kam es fast zu einem Bruch zwischen uns. Sie brach in Tränen aus und machte mir bittere Vorwürfe, als ich aber schon zur Tür hinaus wollte, umarmte sie mich plötzlich und flehte mich an, sie „arme Waise“ nicht zu verlassen, und ihr nicht zu zürnen, falls sie mich gekränkt hätte.
Natascha traf ich gegen meine Erwartung wieder allein an, – sonderbar, aber mir schien es, als freute sie sich diesmal gar nicht über mein Kommen, wie sie es sonst immer zu tun pflegte. Ich hatte den Eindruck, als hätte mein Kommen sie irgendwie geärgert oder gestört. Auf meine Frage, ob Aljoscha bei ihr gewesen, antwortete sie:
„Versteht sich, er war da, aber nicht lange. Er versprach heute abend wiederzukommen,“ fügte sie nachdenklich hinzu.
„War er gestern abend hier?“
„N–nein. Man hat ihn aufgehalten,“ fügte sie schnell hinzu. „Und wie geht es dir, Wanjä?“
Ich begriff, daß sie das Gespräch auf andere Dinge lenken wollte. Ich betrachtete sie näher und bemerkte, daß sie verstimmt war. Als sie sah, daß ich sie beobachtete, traf mich plötzlich ein zornig flammender Blick von ihr: als hätte er mich verbrennen können, so stark empfand ich ihn. Sie leidet wieder, dachte ich bei mir, und will es mir nicht zeigen.
Ihre Frage nach meinen Angelegenheiten beantwortete ich mit einer ausführlichen Erzählung von meinem Erlebnis mit Helene. Meine Erzählung interessierte sie sehr, und versetzte sie in Erstaunen und Erregung.
„Mein Gott! Und du konntest sie allein lassen!“ rief sie aus.
Ich sagte ihr, daß ich eigentlich heute nicht zu ihr habe kommen wollen, doch nicht sicher gewesen sei, ob sie, Natascha, meiner nicht bedurfte.
„Ich deiner bedürfen,“ sprach sie vor sich hin, „oh ja, ich werde deiner schon bedürfen, Wanjä, doch nicht heute, ein anderes Mal. Warst du bei den – Unsrigen?“
Ich erzählte ihr alles.
„Ja, Gott weiß, wie der Vater diese Nachrichten aufnehmen wird. Doch, übrigens, was ist da aufzunehmen ...“
„Wieso denn? Eine solche Veränderung!“
„Nun ja ... Wohin ist er denn wieder gegangen? Neulich dachtet ihr, er habe zu mir gewollt. Weißt du, Wanjä, wenn es dir möglich ist, komme morgen zu mir. Vielleicht werde ich dir morgen etwas mitzuteilen haben ... Es ist zwar gewissenlos von mir, dich zu beunruhigen; und jetzt gehe nach Haus zu deinem Gast. Es sind sicher schon zwei Stunden vergangen, seit du von Hause weg bist!“
„Allerdings. Lebe wohl, Natascha. Nun, und wie war denn Aljoscha heute zu dir?“
„Aljoscha, wie immer ... Deine Neugier wundert mich, Wanjä.“
„Auf Wiedersehn!“
„Leb wohl.“
Sie reichte mir etwas nachlässig die Hand und wich meinem Blick aus. Ich ging ein wenig betroffen von ihr. „Übrigens,“ dachte ich, „sie hat allen Grund nachdenklich zu sein; morgen wird sie mir ja doch alles erzählen.“
Ich kehrte in trauriger Stimmung nach Hause zurück. Erstaunt blieb ich an der Türschwelle stehen. Im Zimmer war es dunkel. Ich konnte jedoch sehen, wie Helene mit gesenktem Kopfe auf dem Diwan saß, in tiefes Nachdenken versunken. Sie sah nicht einmal auf, als ich zu ihr trat; sie murmelte nur etwas vor sich hin. „Ob sie nicht wieder phantasiert?“ dachte ich.
„Helene, mein Liebling, was fehlt dir?“ fragte ich, setzte mich zu ihr und ergriff ihre Hand.
„Ich möchte fort von hier. Ich möchte lieber zu ihr,“ sagte sie, den Kopf noch immer gesenkt.
„Wohin? zu wem?“ fragte ich ganz verwundert.
„Zu ihr, zur Bubnowa. Sie sagt immer, daß ich ihr viel Geld schulde, daß sie Mama für ihr Geld beerdigt hat ... Ich will nicht, daß sie über meine Mama schimpft ... Ich möchte für sie arbeiten und ihr alles zurückgeben ... Dann werde ich wieder von ihr fortgehen. Jetzt aber will ich zu ihr ...“
„Beruhige dich, Helene, zu ihr kannst du nicht. Sie wird dich zugrunde richten ...“
„Mag sie mich zugrunde richten, mag sie mich foltern,“ unterbrach mich Helene ganz flammend, „ich bin nicht die Erste; es gibt bessere als ich, die sich noch mehr quälen. Das hat mir eine Bettlerin auf der Straße gesagt. Mein ganzes Leben lang werde ich arm bleiben, das hat mir meine Mama befohlen, als sie starb. Ich werde arbeiten ... Ich will nicht dieses Kleid tragen ...“
„Ich kaufe dir morgen ein anderes. Ich werde dir auch deine Bücher wieder zurückbringen. Du wirst bei mir bleiben. Ich werde dich niemandem abgeben, wenn du es nicht selbst willst; sei ruhig ...“
„Ich will Arbeiterin werden.“
„Gut, gut! Nur lege dich jetzt hin und versuche zu schlafen!“
Das arme Kind fing an zu weinen. Und langsam gingen ihre Tränen in Schluchzen über. Ich wußte nicht, was ich mit ihr beginnen sollte; ich reichte ihr Wasser, rieb ihr die Schläfen. Schließlich fiel sie kraftlos auf den Diwan zurück und das Fieber schüttelte sie wieder. Ich deckte sie zu und sie schlief ein, doch zuckte sie von Zeit zu Zeit wieder zusammen und erwachte dann jedesmal. Obgleich ich den Tag über nicht viel gegangen war, fühlte ich mich doch furchtbar müde und beschloß, mich selbst so früh als möglich hinzulegen. Quälende Sorgen durchbohrten mein Gehirn. Ich fühlte voraus, daß ich mit dem Kinde viel Mühe haben würde. Doch machten mir Nataschas Angelegenheiten noch mehr Sorgen. Überhaupt erinnere ich mich nicht, je in einer so schweren Gemütsstimmung gewesen zu sein, als in dieser unglücklichen Nacht.
IX.
Ich erwachte erst spät, gegen zehn Uhr morgens, und fühlte mich ganz krank. Mir schwindelte und der Kopf tat mir weh. Ich blickte auf Helenens Lager: es war leer. Zu gleicher Zeit hörte ich aber im kleinen Nebenzimmer Geräusch, wie wenn man mit dem Besen die Zimmer kehrt. Ich ging hinein, um nachzusehen. Helene hielt in der einen Hand den Besen, mit der anderen hob sie ihr Kleid auf, das sie seit jenem Abend noch nicht abgelegt, und kehrte die Stube aus. Das Holz vor dem Ofen war in der Ecke aufgestapelt, der Teekessel blankgeputzt. Kurz: Helene wirtschaftete.
„Höre, Helene,“ rief ich, „wer hat dir erlaubt, die Zimmer zu fegen? Du bist krank, ich wünsche das nicht; bist du denn etwa als Magd zu mir gekommen?“
„Wer wird denn hier die Zimmer reinigen?“ Sie richtete sich auf und sah mir gerade in die Augen. „Jetzt bin ich nicht mehr krank.“
„Ich habe dich doch nicht der Arbeit wegen zu mir genommen, Helene. Du scheinst zu fürchten, daß ich wie die Bubnowa dir Vorwürfe machen könnte, daß du umsonst bei mir lebst? Und woher hast du diesen schmutzigen Besen genommen?“ fügte ich ganz verwundert hinzu.
„Das ist mein Besen. Ich habe ihn selbst hierher gebracht. Ich habe doch Großpapa die Zimmer rein gemacht. Der Besen lag seit der Zeit dort, unter dem Ofen.“
Ich kehrte nachdenklich ins Zimmer zurück; mir war es klar, daß ihr meine Gastfreundschaft nicht leicht fiel, und daß sie sich bemühte, sie verdienen zu wollen. „Was für eine Hartnäckigkeit!“ dachte ich bei mir. Nach ein paar Minuten kam auch sie herein, setzte sich neben mich auf den Diwan und sah mich fragend an. Darauf bereitete ich den Tee, goß auch ihr Tee ein und reichte ihr ein Stück Weißbrot. Sie nahm alles schweigend ohne jeden Widerstand entgegen. Sie hatte ganze vierundzwanzig Stunden nichts genossen.
„Siehst du, da hast du dein nettes Kleid mit dem Besen beschmutzt.“ Ich bemerkte einen schmutzigen Streifen an ihrem Rock.
Sie warf einen Blick auf die bezeichnete Stelle und zu meiner Verwunderung stellte sie die Tasse hin, griff ruhig mit beiden Händen den Saum des Kleides und riß kaltblütig den Rock von unten bis oben durch.
Nachdem sie das getan hatte, sah sie mich hartnäckig schweigend an, mit flammenden Augen. Ihr Gesicht war weiß wie Kreide.
„Was hast du getan, Helene?“ rief ich erschrocken aus, denn ich glaubte eine Wahnsinnige vor mir zu sehen.
„Das ist ein elendes Kleid!“ sagte sie mit vor Aufregung ganz erstickter Stimme. „Warum sagten Sie, daß es ein nettes Kleid sei? Ich will es nicht tragen,“ rief sie und sprang auf. „Ich werde es in Stücke zerreißen! Ich habe sie nicht darum gebeten, mich auszuputzen, sie hat es gewaltsam mit mir getan. Ich habe schon ein solches Kleid zerrissen, auch dieses werde ich zerreißen, zerreißen, zerreißen! ...“
In einem Augenblick war das ganze Kleid in Fetzen. Als sie damit zu Ende war, konnte sie sich kaum mehr auf den Füßen halten. Ich sah mit Verwunderung auf diesen Ausbruch sinnloser Leidenschaftlichkeit. Sie sah mich herausfordernd an, als wäre auch ich ihr gegenüber irgendwie schuldig gewesen. Ich wußte bereits, was ich zu tun hatte.
Ich beschloß, ihr heute sofort ein neues Kleid zu kaufen. Dieses wilde, erbitterte Geschöpf mußte man mit Liebe behandeln. Es sah so aus, als wäre sie nie einem Menschen begegnet. Wenn sie schon einmal, ungeachtet der schrecklichen Strafen, ihr erstes Kleid in Stücke zerrissen, um wieviel mehr mußte sie dieses Kleid und dieser Augenblick an alles Schreckliche erinnern!
Auf dem Trödelmarkt konnte man billig ein gutes einfaches Kleidchen kaufen. Das Unglück wollte es nur, daß ich in diesem Augenblick kein Geld bei mir hatte. Doch hatte ich noch gestern vor dem Schlafengehen beschlossen, mir heute welches zu verschaffen. Ich nahm meinen Hut. Helene folgte mir mit den Augen, als erwarte sie etwas von mir.
„Sie werden mich wohl wieder einschließen?“ fragte sie, als ich nach dem Schlüssel griff, um die Wohnung von außen zuzuschließen, wie ich es gestern und vorgestern getan.
„Liebes Kind,“ antwortete ich ihr, „sei mir nicht böse. Ich schließe die Wohnung nur darum zu, weil ich fürchte, daß jemand kommen könnte. Du bist krank und könntest dich erschrecken. Ja, und Gott weiß, wer nicht alles kommen kann, die Bubnowa am Ende ...“
Mit Absicht sagte ich ihr das. Ich schloß sie jedoch nur ein, weil ich fürchtete, daß sie von mir fortgehen könnte. Wenigstens für die erste Zeit hatte ich beschlossen, vorsichtig zu sein. Helene antwortete mir nichts und ich schloß die Tür hinter mir ab. Ich kannte einen Verleger, der schon ein großes Sammelwerk herausgab. Von ihm holte ich mir immer Arbeit, wenn ich Geld sehr nötig hatte. Ich begab mich auch heute zu ihm und erhielt von ihm fünfundzwanzig Rubel ausgezahlt, dafür verpflichtete ich mich in einer Woche einen bestimmten Artikel abzuliefern. Ich aber hoffte auf diese Weise Zeit für meinen Roman zu gewinnen. Das tat ich oft, wenn die Not am höchsten war.
Von ihm begab ich mich auf den Trödelmarkt. Dort suchte ich eine mir bekannte Händlerin auf, die allerhand Kleider verkaufte. Ich gab ihr ungefähr den Wuchs Helenes an, und sie suchte mir sofort ein festes, starkes, nur einmal in der Wäsche gewesenes Kattunkleid aus, das sie mir zu geringem Preis verkaufte. Zufällig fand ich auch noch ein nettes Halstuch. Als ich das bezahlt hatte, fiel es mir ein, daß Helene auch sicher irgendeinen Mantel brauchte. Das Wetter fing an, kalt zu werden und sie besaß absolut nichts. Doch ich ließ es bis auf ein nächstes Mal. Helene war so empfindlich und stolz, Gott weiß, ob sie überhaupt dieses Kleid von mir annehmen würde, das ich mit Absicht so billig und so einfach als nur möglich gekauft hatte. Übrigens kaufte ich ihr auch noch zwei Paar baumwollene und ein Paar wollene Strümpfe. Die konnte ich ihr unter dem Vorwand geben, daß sie krank und daß es im Zimmer kalt sei. Sie hatte auch wohl Wäsche nötig, doch ließ ich davon ab, bis wir uns näher kennen gelernt haben würden. Dafür kaufte ich aber ein Paar alte Vorhänge vor das Bett, eine unumgängliche Sache, die Helene nur angenehm sein konnte.
Beladen mit diesen Sachen kam ich erst am Nachmittag zu Hause an. Das Schloß öffnete sich fast geräuschlos, so daß Helene gar nicht bemerkte, daß ich eintrat. Ich sah sie am Tische stehen und in meinen Büchern lesen. Als sie mich erblickte, schlug sie schnell das Buch zu, in dem sie gelesen, und wandte sich errötend vom Tische ab. Es war mein erster Roman, auf dessen Titelblatt mein voller Name stand.
„Es war jemand in Ihrer Abwesenheit hier!“ sagte sie in einem Tone zu mir, in dem man deutlich den Vorwurf hörte: „Warum haben Sie mich eingeschlossen?“
„Vielleicht war es der Doktor?“ sagte ich. „Du hast nichts geantwortet?“
„Nein.“
Ich schwieg, öffnete meinen Packen und überreichte ihr das Kleid.
„Sieh, Helene,“ sagte ich zu ihr, „in den Fetzen, die du anhast, kannst du nicht bleiben. Ich habe dir ein billiges, einfaches Alltagskleid gekauft, es kostet im ganzen nur ein Rubel zwanzig Kopeken. Trag es!“
Ich legte das Kleid neben sie hin, sie errötete über und über und sah mich ganz verwundert starr an.
Sie war über die Maßen erstaunt und schien mir sehr verlegen. Doch etwas Weiches, Zärtliches leuchtete in ihren Augen auf. Als ich bemerkte, daß sie schwieg, wandte ich mich ab und machte mir am Tische zu schaffen. Meine Handlungsweise schien sie ganz zu verwirren. Sie saß da, mit Mühe sich beherrschend, die Augen zu Boden geschlagen.
Mein Kopf schmerzte mir immer mehr. Die frische Luft hatte mir nicht gut getan. Dabei mußte ich auf jeden Fall zu Natascha. Meine Unruhe um sie nahm zu. Plötzlich schien es mir, als hätte Helene mich gerufen. Ich wandte mich um.
„Wenn Sie jetzt fortgehen, schließen Sie mich bitte nicht mehr ein,“ sagte sie beiseite blickend und mit den Fingern an der Diwanschnur zupfend, als nehme diese Beschäftigung sie ganz in Anspruch. „Ich werde nicht von Ihnen fortgehen.“
„Gut, Helene, ich bin damit einverstanden. Doch wenn nun jemand kommt, Gott weiß, wer?“
„So geben Sie mir den Schlüssel, ich werde die Tür von innen zuschließen und wenn jemand klopft, werde ich sagen: es ist niemand zu Haus.“
Und sie sah mich schlau an, als wollte sie sagen: „Sieh, wie man das machen muß!“
„Wer wäscht Ihnen die Wäsche?“ fragte sie plötzlich, bevor ich noch etwas erwidern konnte.
„Hier im Hause ist eine Frau ...“
„Ich kann Wäsche waschen. Und wo speisen Sie?“
„Im Restaurant.“
„Ich verstehe auch zu kochen.“
„Laß doch nur, Helene; was verstehst du denn davon?“
Helene schwieg und ihr Ausdruck verdüsterte sich. Meine Bemerkung beleidigte sie offenbar. Es vergingen ungefähr zehn Minuten; wir schwiegen beide.
„Suppe verstehe ich,“ sagte sie plötzlich, ohne den Kopf zu erheben.
„Wie, Suppe? Was für eine Suppe?“ fragte ich verwundert.
„Suppe verstehe ich zu kochen. Ich habe Mamachen immer Suppe gekocht, wenn sie krank war. Ich bin auch auf den Markt gegangen.“
„Siehst du nun, Helene, siehst du nun, wie stolz du bist,“ sagte ich und setzte mich zu ihr auf den Diwan. „Ich bin zu dir, wie mein Herz mir befiehlt. Du bist jetzt allein und unglücklich, hast niemanden und ich möchte dir helfen. Wenn es mir so schlecht erginge, würdest auch du mir helfen wollen. Doch du denkst nicht so wie ich und dir fällt es schwer, von mir etwas anzunehmen. Du willst mir sofort alles bezahlen, alles abarbeiten, als wärst du bei der Bubnowa! Du solltest dich doch schämen, Helene!“
Sie sagte nichts, ihre Lippen zitterten; sie schien mir etwas entgegnen zu wollen, doch nahm sie sich zusammen und schwieg. Ich erhob mich, um zu Natascha zu gehen. Dieses Mal überließ ich Helene den Schlüssel und bat sie, wenn jemand kommen und anklopfen sollte, zu fragen, wer da sei? – Ich war innerlich davon überzeugt, daß es um Natascha schlecht stand. Ich wollte jedenfalls auf einen Augenblick bei ihr vorgehen, sie sonst aber weiter nicht mit meiner Gegenwart belästigen.
So geschah es denn auch. Sie empfing mich mit unzufriedener, strenger Miene. Ich hätte sofort wieder weggehen sollen, doch meine Füße trugen mich nicht mehr.
„Ich komme zu dir auf einen Augenblick, Natascha,“ begann ich, „um dich meines Gastes wegen um Rat zu fragen?“
Und ich beeilte mich, ihr so schnell als möglich meine letzten Erlebnisse mit Helene zu erzählen. Natascha hörte mich schweigend an.
„Ich weiß wirklich nicht, was ich dir raten soll, Wanjä,“ antwortete sie mir. „Es scheint ein eigenartiges Wesen zu sein, sicher sehr gequält und verschüchtert. Warte wenigstens ab, bis sie gesund ist. Willst du sie zu den Unsrigen bringen?“
„Sie sagt, sie wolle durchaus bei mir bleiben. Weiß Gott, wie man sie dort auch aufnehmen würde. Und du, wie geht es dir? Du schienst gestern krank zu sein?“ fragte ich sie schüchtern.
„Ja ... auch heute tut mir der Kopf weh,“ antwortete sie zerstreut. „Hast du jemanden von den Unsrigen gesehen?“
„Nein. Morgen werde ich hingehen. Morgen ist ja Sonnabend ...“
„Nun, und dann?“
„Am Abend kommt der Fürst ...“
„Nun, und dann? Ich habe es nicht vergessen.“
„Ich meinte ja nur so ...“
Sie blieb vor mir stehen und sah mir scharf in die Augen. In ihrem Blick lag eine hartnäckige, fieberhafte, leidenschaftliche Entschlossenheit.
„Weißt du, Wanjä, sei so gut, gehe wieder fort, du störst mich.“
Ich erhob mich vom Sessel und maß sie mit staunender Verwunderung.
„Natascha! Was ist mit dir? Was ist geschehen?“ rief ich erschrocken aus.
„Nichts ist geschehen! Alles, alles wirst du morgen erfahren, jetzt aber laß mich allein. Hörst du, Wanjä, gehe sofort. Ich kann dich nicht ansehen, es zerreißt mir das Herz!“
„Sage mir doch wenigstens ...“
„Alles, alles wirst du morgen erfahren! Mein Gott, wirst du denn nicht gehen?“
Ich ging hinaus. Ich war wie betäubt und wußte kaum mehr, wo ich mich befand. Mawra stürzte mir auf die Treppe nach.
„Ist sie böse zu Ihnen gewesen?“ fragte sie mich. „Ich fürchte mich schon längst überhaupt nur zu ihr hineinzugehen.“
„Ja, was hat sie nur?“
„Ach, wir haben schon den dritten Tag nicht einmal seine Nasenspitze gesehen!“
„Wie, den dritten Tag?“ fragte ich voll Verwunderung. „Sie hat mir doch gestern selbst gesagt, daß er am Morgen dagewesen und am Abend wiederkommen wollte ...“
„Was am Abend! Er war nicht einmal am Morgen da. Ich sage Ihnen, den dritten Tag hat er sich schon nicht mehr gezeigt. Hat sie Ihnen wirklich selbst gesagt, daß er am Morgen dagewesen sei?“
„Sie hat es selbst gesagt.“
„Nun,“ sagte Mawra nachdenklich, „dann muß es ihr so weh tun, daß sie es sogar vor Ihnen verheimlichen will. Nun, das ist ’mal! ...“
„Ja, was soll denn sein!“ schrie ich sie an.
„Ja, was soll denn sein, weiß ich es denn?“ Mawra schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Zweimal hat sie mich gestern zu ihm geschickt und jedesmal hat sie mich wieder zurückgerufen. Heute aber spricht sie schon kein Wort mehr mit mir. Wenn sie ihn doch nur sehen würde! Ich wage es schon gar nicht mehr, sie allein zu lassen.“
Ich stürzte die Treppe hinunter.
„Zum Abend kommen Sie doch zu uns?“ rief mir Mawra nach.
„Wir werden sehen. Ich werde vielleicht kommen, nur um mich nach ihr zu erkundigen. Wenn ich mich nur selbst auf den Beinen halten kann!“
Ich fühlte in der Tat, wie etwas an meinem Herzen riß.
X.
Ich begab mich geradewegs zu Aljoscha. Er lebte bei seinem Vater in der Kleinen Mosskaja. Der Fürst bewohnte ein ganzes Stockwerk, obgleich er ganz allein lebte. Aljoscha hatte zwei schöne große Zimmer dieser Wohnung inne. Ich war sehr selten bei ihm gewesen, ich glaube, nur ein einziges Mal. Er dagegen besuchte mich öfter, besonders zu Anfang seiner Verbindung mit Natascha.
Er war nicht zu Haus. Ich trat in sein Zimmer und schrieb ihm folgenden Brief:
„Ich glaube, Aljoscha, Sie sind von Sinnen. Als Ihr Vater Dienstag abend selbst Natascha bat, Ihnen die Ehre zu erweisen, Ihre Frau zu werden, waren Sie über diese Bitte sehr erfreut, wovon ich Zeuge war. Sie werden zugeben, daß Ihr Benehmen jetzt äußerst seltsam erscheint. Wissen Sie auch, was Sie Natascha gegenüber tun? Jedenfalls wird mein Brief Sie daran erinnern, daß Ihr Betragen Ihrer zukünftigen Frau gegenüber höchst merkwürdig und leichtsinnig erscheint. Ich weiß sehr wohl, daß ich kein Recht habe, Ihnen Vorstellungen zu machen, doch ist mir das ganz gleichgültig.“
„P. S. Von diesem Briefe weiß Natascha nichts und hat überhaupt nicht mit mir von Ihnen gesprochen.“
Ich schloß den Brief und ließ ihn auf Aljoschas Tisch. Auf meine Frage antwortete der Diener, daß Alexei Petrowitsch jetzt fast nie zu Hause sei und nur in der Nacht, kurz vor Sonnenaufgang, zurückkehre.
Mit Mühe schleppte ich mich bis nach Haus. Der Kopf schwindelte mir, die Füße waren schwach und zitterten; die Tür zu meiner Wohnung war offen. Bei mir saß Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeff und wartete auf mich. Er saß am Tisch und sah schweigend mit Verwunderung Helene an, die ihrerseits ihn nicht weniger erstaunt und mißtrauisch betrachtete. „Wie muß sie ihm wohl sonderbar erscheinen,“ dachte ich.
„Siehst du, mein Lieber, eine ganze Stunde erwarte ich dich schon, ich hätte nicht gedacht, dich so zu finden ...“ Er sah sich im Zimmer um, und wies mit den Augen zwinkernd kaum merklich auf Helene.
In seinen Augen lag Verwunderung. Als ich ihn näher ansah, bemerkte ich, daß sein Gesicht erdfahl war und Kummer und Unruhe in ihm lag.
„Setze dich, setze dich,“ forderte er mich mit besorgter Miene auf. „Ich beeilte mich, zu dir zu kommen, habe eine Angelegenheit mit dir zu besprechen, doch was fehlt dir? Wie siehst du aus?“
„Ich fühle mich unwohl. Seit dem Morgen schwindelt mir der Kopf.“
„Sieh mal an, sei doch vorsichtiger. Hast du dich nicht erkältet?“
„Nein, das ist wohl nur so ein Nervenanfall. Das habe ich des öfteren. Und Sie, wie fühlen Sie sich?“
„Nichts, nichts! Ich habe etwas mit dir zu besprechen. Setze dich zu mir.“
Ich zog einen Stuhl herbei und setzte mich ihm gegenüber an den Tisch. Der Alte beugte sich vor und begann mit halblauter Stimme:
„Sieh sie nicht an, damit sie nicht bemerkt, daß wir über sie sprechen. Was ist das für ein Gast, den du da hast?“
„Nachher davon, Nikolai Ssergejewitsch. Das ist ein armes Mädchen, eine Waise, Enkelin desselben Smitt, der hier lebte und der in der Konditorei gestorben ist.“
„Also, er besaß eine Enkelin! Nun, mein Freund, ist das aber ein sonderbares Geschöpf! Die sieht einen so an, so! Wirklich, ich sage dir, wenn du in fünf Minuten nicht gekommen wärst, so hätte ich es hier nicht mehr ausgehalten. Mit Mühe konnte ich sie nur dazu bringen, daß sie mir die Tür öffnete; sie spricht kein Wort mit mir, es wird einem einfach unheimlich, mit ihr allein. Sie ist ja gar nicht einem Menschenkinde ähnlich. Wie ist sie denn zu dir gekommen? Ach, ich verstehe, sie ist wohl zum Großvater gekommen, hat es nicht gewußt, daß er gestorben ist?“
„Ja, es ist ein unglückliches Kind. Der Alte erinnerte sich ihrer noch, bevor er starb.“
„Hm! Wie der Großvater, so die Enkelin. Nachher erzählst du mir alles. Vielleicht kann ihr geholfen werden, wenn sie doch so unglücklich ist ... Doch jetzt, mein Lieber, könnte man ihr nicht sagen, daß sie fortgeht, denn ich muß ernstlich mit dir reden.“
„Ich kann sie nirgendwo hinschicken. Sie lebt hier bei mir.“
Ich erklärte dem Alten alles so schnell als möglich in ein paar Worten und fügte hinzu, daß man ruhig alles in ihrer Gegenwart sprechen könne, da sie ein Kind sei ...
„Nun, ja ... freilich ein Kind. Doch du hältst mich wohl zum besten, mein Freund. Sie lebt bei dir, sagst du? Gott im Himmel!“
Und der Alte sah sie noch einmal verwundert an. Helene fühlte, daß man von ihr sprach, sie saß schweigend da, den Kopf auf die Brust gesenkt und spielte mit ihren Fingerchen an der Diwanschnur. Sie hatte bereits ihr neues Kleidchen angezogen, das ihr sehr gut stand. Die Haare waren sorgfältig gekämmt, sorgfältiger als früher, vielleicht aus Anlaß des neuen Kleides. Wäre sie nicht von dieser sonderbaren scheuen Art gewesen, so hätte man sie für ein allerliebstes Kind halten müssen.
„Also, kurz und bündig, die Sache ist die,“ begann der Alte von neuem ...
Er saß in sich versunken, mit strenger und wichtiger Miene da und ungeachtet seines „kurz und bündig“ konnte er den Anfang nicht finden. „Was kann er wohl haben?“ dachte ich.
„Siehst du, Wanjä, ich bin mit einer großen Bitte zu dir gekommen. Doch bevor ich sie ausspreche – ich sehe es jetzt selbst ein – muß ich dir erst die näheren Umstände erklären ... Umstände, sehr peinlicher Art ...“
Er hüstelte und sah mich forschend an, darauf errötete er; errötete und ärgerte sich über seine Ungeschicklichkeit, ärgerte sich und fuhr fort:
„Doch wozu da noch alles erklären wollen! Du wirst es von selbst verstehen! Kurz, ich will den Fürsten fordern, und dich bitte ich, diese Sache zu arrangieren und mein Sekundant zu sein.“
Ich sprang fast von meinem Stuhl auf und starrte ihn außer mir vor Verwunderung an.
„Nun, was starrst du mich an? Ich habe noch nicht den Verstand verloren.“
„Doch erlauben Sie, Nikolai Ssergejewitsch! Unter welchem Vorwand, zu welchem Zweck? Und schließlich, ist es denn möglich? ...“
„Vorwand! Zweck!“ schrie der Alte. „Das ist ’mal schön! ...“
„Gut, schon gut, ich weiß, was Sie sagen werden; doch was werden Sie damit erreichen? Welch einen Ausgang kann das Duell nehmen? Ich gestehe, daß ich nichts davon begreife.“
„Ich dachte es mir, daß du nichts davon begreifen würdest. Höre: unser Prozeß ist zu Ende, d. h., wird in diesen Tagen zu Ende sein; es bleiben nur noch die Formalitäten. Ich bin verurteilt. Ich muß an zehntausend Rubel zahlen; so hat man beschlossen. Für sie wird Ichmenjeffka in Beschlag genommen. Folglich hat dieser gemeine Mensch das Geld bekommen und ich, der ich mit Ichmenjeffka bezahlt habe, bin aller Verpflichtungen ledig. Jetzt kann ich wieder meinen Kopf hoch heben. ‚Sie, verehrter Fürst, haben mich zwei Jahre lang beleidigt; Sie haben meinen Namen beschimpft und die Ehre meines Hauses mit Füßen getreten, und ich habe alles von Ihnen ertragen müssen! Ich habe Sie dazumal nicht fordern können. Sie hätten mir sagen können: Schlauer Mensch, du willst mich erschießen, um das Geld nicht herausgeben zu müssen, zu dem du früher oder später verurteilt werden wirst! Nein, erst wollen wir den Prozeß beenden und dann kannst du mich fordern. Jetzt, verehrter Fürst, ist der Prozeß zu Ende, jetzt, bitte, hier an die Barriere.‘ Siehst du, so ist die Sache. Und deiner Meinung nach soll ich nicht im Recht sein, endlich mich für alles, alles rächen zu wollen!“
Seine Augen blitzten. Ich sah ihn lange schweigend an. Ich wollte gern seine geheimsten Gedanken erraten.
„Hören Sie mich an, Nikolai Ssergejewitsch,“ wandte ich mich an ihn. Ich hatte mich entschlossen, ihm gegenüber grenzenlos aufrichtig zu sein, denn sonst wären wir beide keinen Schritt weiter gekommen. „Können Sie gegen mich vollkommen aufrichtig sein?“
„Gewiß kann ich’s,“ antwortete er mit Festigkeit.
„Sagen Sie mir ehrlich: ist es nur das Gefühl der Rache, was Sie dazu treibt, oder verfolgen Sie dabei auch noch andere Ziele?“
„Wanjä,“ erwiderte er, „du weißt, daß ich es niemanden erlaube, im Gespräch mit mir an gewisse Punkte zu rühren; doch dieses Mal sei eine Ausnahme gemacht, da du mit deinem hellen Verstand sofort erraten hast, daß es unmöglich ist, diesen Punkt zu umgehen. Ja, du hast recht, ich verfolge dabei noch ein Ziel: meine verlorene Tochter zu retten und sie von dem unheilvollen Wege abzuhalten, auf den sie durch die letzten Verhältnisse getrieben worden ist.“
„Wie wollen Sie denn Ihre Tochter durch dieses Duell retten, das ist die Frage?“
„Indem ich dadurch alles vernichte, was sie dort planen. Höre mich an: glaube nicht, daß irgendeine väterliche Zärtlichkeit oder irgendeine andere Schwäche aus mir spricht. Das ist alles Unsinn. Das Innerste meines Herzens zeige ich niemanden. Auch du kennst es nicht. Meine Tochter hat mich verlassen, hat das Elternhaus mit ihrem Liebhaber verlassen und ich habe sie aus meinem Herzen gerissen, an demselben Abend – du erinnerst dich? Wenn du mich auch damals über ihrem Bilde weinen sahst, so folgt daraus noch nicht, daß ich ihr vergeben habe. Ich habe es auch damals nicht getan. Ich weinte über mein verlorenes Glück, doch nicht über sie, wie sie jetzt ist. Ich habe vielleicht jetzt oft geweint und schäme mich nicht, es einzugestehen, ebenso wie ich eingestehe, daß ich mein Kind früher über alles in der Welt liebte. Alles das scheint offenbar mit meinem Vorhaben in einem gewissen Widerspruch zu stehen. Du kannst mir sagen: wenn dem so ist, daß Sie sich zum Schicksal Ihrer Tochter gleichgültig verhalten und Ihre Tochter als solche schon nicht mehr anerkennen, warum mischen Sie sich dann jetzt in ihre Angelegenheiten? Ich tue es: erstens, weil ich diesem niedrigen und gemeinen Menschen den Triumph lassen will und zweitens, einfach aus Menschenliebe. Wenn sie auch nicht mehr meine Tochter ist, so ist sie doch ein schwaches, schutzloses und betrogenes Wesen, das man noch mehr zu betrügen beabsichtigt, um sie schließlich gänzlich zu vernichten. In die Sache selbst kann ich mich nicht einmischen, doch mittelbar, durch das Duell, kann ich es tun. Wenn man mich totschießt und mein Blut vergossen wird, wird sie dann wirklich über meine Leiche schreiten und mit dem Sohne meines Mörders zum Altare gehen, wie jene Zarentochter über die Leiche ihres Vaters schritt? Ja, und schließlich, wenn es zum Duell kommen wird, so werden unsere Fürsten die Ehe selbst nicht mehr wünschen. Kurz, ich wünsche diese Ehe auf keinen Fall und werde alles tun, um sie zu verhindern. Hast du mich jetzt verstanden?“
„Nein. Wenn Sie Natascha Gutes wünschen, warum wollen Sie dann ihre Ehe verhindern, nur sie allein kann ihren guten Namen wieder herstellen. Sie hat noch ein langes Leben vor sich. Sie braucht ihren guten Namen wieder.“
„Auf die Meinung der Welt sollte sie spucken, das müßte ihre Gesinnung sein! Sie sollte erkennen, daß die größte Schmach für sie diese Ehe wäre, die Verbindung mit diesem gemeinen Menschen und dieser jämmerlichen Gesellschaft. Stolz – das müßte ihre Antwort an die Gesellschaft sein! Dann würde auch ich ihr wieder meine Hand reichen und dann wollen wir sehen, wer es wagen wird, mein Kind zu beschimpfen!“
Dieser maßlose Idealismus machte mich staunen. Doch ich erriet, daß der Alte in diesem Augenblick außer sich war und jeder kühlen Berechnung unfähig.
„Das ist zu ideal, und einfach grausam. Sie verlangen von ihr Kräfte, die Sie ihr als Vater bei ihrer Geburt vielleicht nicht gegeben haben. Und willigt sie denn in diese Ehe ein, nur um Gräfin zu werden? Sie liebt doch; es ist Leidenschaft; es ist ihr Verhängnis. Und schließlich verlangen Sie von ihr Verachtung der gesellschaftlichen Meinung und beugen sich selbst vor dieser Meinung. Der Fürst hat Sie öffentlich verdächtigt, durch Betrug zu seinem fürstlichen Hause in Beziehung treten zu wollen und Sie denken: wenn sie jetzt diesen formellen Antrag ausschlägt, so ist das die beste Widerlegung aller früheren Klatschereien. Das ist es, was Sie wollen, Sie wollen dem Fürsten beweisen, daß er sich geirrt hat. Sie wollen ihn in eine lächerliche Lage bringen, wollen sich an ihm rächen und opfern dafür das Glück Ihrer Tochter. Ist denn das kein Egoismus?“
Der Alte saß lange finster und mürrisch da und sagte kein Wort.
„Du bist gegen mich ungerecht, Wanjä,“ sagte er endlich langsam, und Tränen glänzten in seinen Augen – „ich schwöre es dir, daß du gegen mich ungerecht bist, doch lassen wir das! Ich kann vor dir nicht mein Herz umkehren und ausschütteln,“ fügte er hinzu und griff nach seinem Hut, „ich sage dir nur eines: du hast soeben vom Glück meiner Tochter gesprochen. Ich glaube nicht an dieses Glück, außerdem wird diese Ehe auch ohne mein Zutun niemals zustande kommen.“
„Wieso! Warum glauben Sie das? Haben Sie etwas Besonderes darüber erfahren?“ rief ich begierig aus.
„Nein, ich weiß nichts Besonderes darüber. Doch dieser verfluchte Fuchs wird sich niemals dazu entschließen können. Das ist alles Unsinn, das sind Fallen. Ich bin fest davon überzeugt, denke an meine Worte! Und zweitens, wenn diese Ehe gegen seinen Willen zustande kommen sollte, oder wenn dieser Schuft irgendeinen mir unbekannten Vorteil aus dieser Ehe zu ziehen glaubt – so sage dir doch selbst, frage dein eigenes Herz: kann sie denn in dieser Ehe glücklich werden? Diese Vorwürfe und Erniedrigungen, als Freundin des Jungen, der bereits ihre Liebe als einen Zwang zu empfinden anfängt, und wenn er sie heiratet sie nicht mehr achten noch hochhalten wird, bei ihr dagegen wird die Leidenschaft in dem Maße wachsen, in dem seine Liebe abnimmt. Eifersucht, Qualen, Hölle, vielleicht noch Verbrechen ... nein, Wanjä! Wenn du dabei noch mithilfst, so wirst du vor Gott verantwortlich werden, und dann wird es zu spät sein! Lebe wohl!“
Ich hielt ihn zurück.
„Hören Sie, Nikolai Ssergejewitsch, halten wir’s vorläufig so: warten wir ab. Seien Sie überzeugt, nicht meine Augen allein verfolgen die Entwicklung dieser Dinge, und vielleicht wird sich alles von selbst zum besten kehren, ohne künstliche Mittel, wie zum Beispiel dieses Duell. Die Zeit ist der beste Richter! Und außerdem, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen sage, daß Ihr Projekt sowieso aussichtslos ist. Haben Sie wirklich auch nur einen Augenblick daran glauben können, daß der Fürst Ihre Herausforderung annehmen wird?“
„Wieso nicht? Bedenke, was du sagst!“
„Ich schwöre es Ihnen – er würde es nicht tun; und seien Sie überzeugt, er würde schon ein Mittel finden, es zu rechtfertigen, und Sie werden der Blamierte sein ...“
„Aber, Wanjä, besinne dich doch, was du sagst! Wie kann er es denn überhaupt – nicht annehmen? Nein Wanjä, du bist einfach ein Dichter: ein echter Dichter! Du glaubst doch nicht etwa, daß ich nicht satisfaktionsfähig bin? Ich bin doch nicht schlechter als er! Ich bin fast ein Greis, bin der beleidigte Vater; du, mein Sekundant, ein russischer Schriftsteller, der Anspruch auf höhere Achtung erheben kann, und ... und ... Ich wüßte nicht, was noch nötig wäre ...“
„Nun, Sie werden sehen. Er wird mit solchen Gründen kommen, daß Sie selbst, Sie zuerst Ihre Forderung zurückziehen werden.“
„Hm! ... nun gut, mein Freund, mag es so sein, wie du es denkst. Ich werde warten, bis zu einem gewissen Zeitpunkt, versteht sich. Wollen wir abwarten. Doch noch eines: gib mir dein Ehrenwort, daß du weder dort, noch Anna Andrejewna ein Wort von unserem Gespräch mitteilst.“
„Selbstverständlich.“
„Zweitens, tue mir den Gefallen, Wanjä, niemals mehr darüber mit mir zu sprechen.“
„Gut, ich gebe Ihnen mein Wort.“
„Und schließlich noch eine Bitte: ich weiß, mein Lieber, daß du es bei uns vielleicht langweilig hast, doch besuche uns trotzdem des öfteren. Meine arme Anna Andrejewna hat dich so lieb und ... und ... ohne dich grämt sie sich ... du verstehst, Wanjä?“
Er drückte mir fest die Hand. Ich gab ihm von ganzem Herzen das Versprechen.
„Und jetzt, Wanjä, noch eine peinliche Frage: hast du Geld?“
„Geld!“ wiederholte ich voll Verwunderung.
„Ja,“ der Alte errötete und schlug die Augen nieder, „für deine Wohnung ... und für deine Bedürfnisse ... und dann, denke ich, daß du noch besondere Ausgaben haben könntest (besonders zu dieser Zeit) ... siehst du, da dachte ich – hundertfünfzig Rubel auf alle Fälle ...“
„Hundertfünfzig Rubel, jetzt, wo Sie den Prozeß verloren haben!“
„Wanjä, ich sehe, daß du mich gar nicht verstehen willst! Auf alle Fälle, verstehe doch. In manchem Falle bedeutet Geld haben, Unabhängigkeit der Lage, Unabhängigkeit des Entschlusses. Vielleicht hast du in diesem Augenblick kein Geld nötig, bewahre es auf für den Fall, wo du es nötig haben könntest! Wenigstens behalte es bei dir. Das ist alles, was ich dir geben kann. Wenn du es nicht brauchen wirst, kannst du es mir zurückgeben. Und jetzt lebe wohl! Mein Gott, wie du erschöpft bist! Ja, du bist ja ganz krank ...“
Ich erwiderte nichts und nahm das Geld. Es war ja nur zu deutlich, wozu er es mir überließ.
„Ich kann mich kaum auf den Füßen halten,“ antwortete ich ihm.
„Nimm dich in acht, Wanjä, mein Lieber, nimm dich in acht! Gehe heute nicht mehr aus. Ich werde Anna Andrejewna sagen, wie du dich befindest. Hast du nicht den Doktor nötig? Ich werde mich morgen nach dir erkundigen; wenigstens werde ich mich bemühen, es zu tun, wenn ich mich nur selbst noch auf den Füßen halten kann. Lege dich jetzt hin ... Lebe wohl. Adieu Kleine! Hörst du, Wanjä, hier sind noch fünf Rubel für das Kind. Sage ihr nicht, daß ich sie dir gegeben habe. Gib sie für sie aus. Kaufe ihr Stiefelchen, Wäsche, was sie brauchen kann! Leb’ wohl, mein Lieber ...“
Ich begleitete ihn bis zur Tür. Ich mußte den Hausknecht nach Essen schicken. Helene hatte noch nichts genossen.
XI.
Kaum war ich wieder zurückgekehrt, als ich das Bewußtsein verlor und mitten im Zimmer hinstürzte. Ich hörte noch Helene aufschreien und herbeistürzen, um mich zu halten ...
Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich im Bett. Helene erzählte mir nachher, daß sie mich zusammen mit dem Hausknecht, der das Essen gebracht hatte, auf den Diwan gelegt. Jedesmal, wenn ich aufwachte, sah ich das besorgt über mich gebeugte Gesicht Helenens. Doch dessen erinnere ich mich nur noch wie im Traum, wie durch Nebel. Das liebe Gesichtchen des kleinen Mädchens tauchte wie eine Erscheinung vor mir auf, wie ein Bild; sie reichte mir Wasser, legte mir die Bettdecke zurecht, und saß traurig und erschrocken neben mir, hin und wieder mit den Händchen mir über die Haare streichend. Ich erinnere mich auch, einmal ihren leisen Kuß auf meiner Stirn gefühlt zu haben. Ein andermal, als ich plötzlich in der Nacht erwachte, bemerkte ich beim Scheine des herabgebrannten Lichtstumpfs, das auf dem neben den Diwan gerückten Tisch stand, Helenes blasses und erschrockenes Gesichtchen neben mir auf dem Kissen ruhen: sie hatte ihr Gesichtchen in ihre Hand gelegt und die bleichen Lippen waren halb geöffnet. Doch erwachte ich erst vollständig gegen Morgen. Das Licht war ausgebrannt; ein heller, rosafarbener Morgensonnenstrahl spielte auf der Tapete. Helene saß auf dem Stuhl vor dem Tisch, hatte ihr müdes Köpfchen auf den linken Arm gelegt und schlief fest. Ich sah in ihr vom Schlafe gerundetes Kindergesicht, das auch im Schlafe seinen kindlich-traurigen Ausdruck nicht verloren hatte, dabei von sonderbarer, krankhafter Schönheit war; die langen Wimpern lagen wie dunkle Strahlen auf ihren blassen Wangen, die umrahmt wurden vom dunklen Flaum ihrer Haare. Die andere Hand lag auf meinem Kissen. Ich küßte leise, leise das magere Händchen, sie erwachte nicht davon, doch schien im Schlaf ein leises Lächeln über ihre Lippen zu huschen. Ich sah sie an und endlich war ich dann wieder in tiefen, gesunden Schlaf verfallen. Diesmal schlief ich bis zum Nachmittag. Als ich erwachte, fühlte ich mich fast ganz gesund, nur eine gewisse Schwäche und Schwere in allen Gliedern wies auf den überstandenen Anfall hin. Ähnliche nervöse Erscheinungen hatten sich auch schon früher bei mir gemeldet: ich kannte sie nur zu gut. Die Krankheit selbst verließ mich gewöhnlich in vierundzwanzig Stunden wieder, was natürlich nicht hinderte, daß sie in diesen vierundzwanzig Stunden sehr heftig und bedrohlich auftrat.
Es war also schon Nachmittag. Das erste, was mir in die Augen fiel, waren die gestern von mir gekauften Vorhänge, die auf einer Schnur aufgezogen die eine Ecke vom Zimmer abschlossen. Dort hatte Helene sich ihren Winkel zurecht gemacht. In diesem Augenblick stand sie am Ofen und kochte Tee. Als sie bemerkte, daß ich erwacht, lächelte sie heiter und kam zu mir.
„Meine liebe Freundin,“ sagte ich zu ihr und ergriff ihre Hand, „du hast die ganze Nacht an meinem Bette gewacht. Ich wußte nicht, daß du ein so gutes Herz hast.“
„Woher wissen Sie es denn, daß ich gewacht habe; ich habe vielleicht im Gegenteil die ganze Nacht geschlafen?“ sie sah mich schelmisch und herausfordernd an, zu gleicher Zeit errötete sie aber bei ihren Worten.
„Ich habe alles gesehen. Erst gegen Morgen bist du eingeschlafen ...“
„Wollen Sie Tee?“ unterbrach sie mich, als wäre es ihr unangenehm, das Gespräch fortzusetzen, wie es keuschen Menschen eigen ist, die sich nicht loben hören können.
„Ich bitte,“ antwortete ich. „Hast du gestern abend gegessen?“
„Ja, ich habe zu Abend gegessen. Der Hausknecht brachte das Essen. Doch sprechen Sie lieber nicht so viel, bleiben Sie ruhig liegen. Sie sind noch nicht gesund,“ fügte sie hinzu. Sie reichte mir den Tee und setzte sich zu mir ans Bett.
„Liegen bleiben? Übrigens ja, bis zur Dämmerstunde bleibe ich liegen, doch dann muß ich ausgehen. Ich muß es tun, Lenotschka.“
„Ist es denn wirklich nötig! Zu wem müssen Sie denn? Doch nicht zum Alten von gestern?“
„Nein, nicht zu ihm.“
„Das ist gut, daß Sie nicht zu ihm müssen. Er hat Sie gestern so aufgeregt. Dann gehen Sie wohl zu seiner Tochter?“
„Was weißt du denn von seiner Tochter?“
„Ich habe doch gestern alles gehört.“ Sie senkte den Kopf und zog finster die Brauen zusammen.
„Er ist ein schlechter Alter,“ fügte sie darauf hinzu.
„Kennst du ihn denn? Im Gegenteil, er ist ein sehr guter Mensch.“
„Nein, nein, er ist böse; ich habe es gehört,“ antwortete sie gereizt.
„Ja, was hast du denn gehört?“
„Er will seiner Tochter nicht vergeben ...“
„Aber er liebt sie. Sie hat ihn gekränkt, er aber sorgt für sie, quält sich um sie.“
„Warum verzeiht er ihr aber nicht? Wenn er ihr später verzeihen sollte, so wird die Tochter nicht mehr zu ihm gehen.“
„Wieso? Warum nicht?“
„Weil er es nicht wert ist, daß seine Tochter ihn lieb hat,“ antwortete sie erregt. „Soll sie ihn lieber auf immer verlassen, soll sie lieber betteln gehen, als zu ihm zurückkehren; er soll nur allein bleiben und sich quälen.“
Ihre Augen funkelten, ihre Wangen brannten. „Sicher hat sie einen Grund, wenn sie so spricht,“ dachte ich bei mir.
„Und Sie wollten mich zu ihm ins Haus geben?“ fügte sie hinzu und verstummte.
„Ja, Lenotschka.“
„Nein, lieber werde ich dienen gehen.“
„Wie kannst du nur so etwas sagen, Lenotschka! Welch ein Unsinn; wer würde denn dich engagieren?“
„Jeder Bauer,“ antwortete sie ungeduldig und immer erboster.
Sie schien sehr heftig zu sein.
„Eine solche Arbeiterin kann der Bauer nicht brauchen,“ sagte ich lachend.
„Nun, dann gehe ich zu einer Herrschaft.“
„Mit deinem Charakter?“
„Mit meinem, jawohl.“
Je mehr sie sich aufregte, desto abgebrochener antwortete sie.
„Du wirst es nicht aushalten.“
„Ich werde es wohl! Man wird mich schimpfen, ich aber werde schweigen. Man wird mich schlagen, ich aber werde schweigen, schweigen, mögen sie mich schlagen, ich werde nicht weinen. Sie werden platzen vor Wut, ich aber werde schweigen.“
„Wie du bist, Helene! Wieviel Verbitterung in dir steckt, und wie stolz du bist! Viel Leid mußt du erfahren haben ...“
Ich erhob mich und ging an meinen Arbeitstisch. Helene blieb auf dem Diwan sitzen, sah zu Boden und spielte mit ihren Fingern. Sie schwieg. „Ob sie sich durch meine Worte gekränkt fühlt?“ dachte ich bei mir.
Mechanisch öffnete ich das Bücherpaket, das ich mir gestern zur Arbeit mitgebracht hatte, und vertiefte mich allmählich ins Lesen. Das geschieht bei mir oft so: ich öffne irgendein Buch nur auf einen Augenblick, fange an zu lesen und vergesse alles.
„Was schreiben Sie immer?“ fragte mit bescheidenem Lächeln Helene, leise an den Tisch tretend.
„Ach, Lenotschka, allerhand, wofür man mir Geld gibt.“
„Also Bittschriften?“
„Nein, nicht Bittschriften.“
Und ich erklärte ihr, so gut ich’s konnte, daß ich Geschichten über die Geschicke der verschiedensten Leute schreibe. Daraus entstehen Bücher, die man Erzählungen oder Romane nennt. Sie hörte mich mit großem Interesse an.
„Ist das alles Wahrheit, was Sie schreiben?“
„Nein, ich denke es mir aus.“
„Warum schreiben Sie denn die Unwahrheit?“
„Lies doch, dann wirst du sehen, lies dieses Buch; du hast doch schon einmal in ihm gelesen. Du verstehst doch zu lesen?“
„Ja.“
„Nun, so sieh es dir doch an. Dieses Buch habe ich geschrieben.“
„Sie? Ich werde es lesen ...“
Sie schien mir etwas sagen zu wollen, doch wagte sie es offenbar nicht. Sie war in großer Erregung. Hinter ihren Fragen steckte etwas.
„Und zahlt man Ihnen viel dafür?“ fragte sie endlich.
„So wie es kommt. Einmal viel, ein andermal – gar nichts, je nachdem. Es ist eine mühsame Arbeit, Lenotschka.“
„Sie sind also nicht reich?“
„Nein, ich bin nicht reich.“
„Dann werde ich arbeiten und Ihnen helfen ...“
Sie blickte flüchtig zu mir auf, errötete, und schlug wieder schnell die Augen nieder. Plötzlich trat sie auf mich zu und schlang ihre beiden Ärmchen um mich und preßte ihr Köpfchen fest, fest an meine Brust.
„Ich habe Sie lieb ... ich bin nicht stolz, Sie sagten gestern, daß ich stolz sei. Nein, nein ... ich bin nicht so ... ich liebe Sie, und Sie allein lieben mich ...“
Die Tränen erstickten sie. Ein Schluchzen entriß sich ihrer Brust und durchschüttelte sie mit solcher Gewalt, wie bei ihrem letzten Anfall. Sie fiel vor mir auf die Kniee, küßte meine Hände, meine Füße ...
„Nur Sie lieben mich! ...“ wiederholte sie, „nur Sie allein, allein! ...“
Sie preßte meine Kniee an sich. Alle ihre Gefühle, die sie lange zurückgehalten, überwältigten sie in diesem Augenblick und ich begriff, wie sie durch die Hartnäckigkeit ihres Herzens bis jetzt alles niedergekämpft hatte, und zwar, je stürmischer das Verlangen ihres Herzens gewesen, desto hartnäckiger, bis dann endlich der Augenblick gekommen war, wo sich ihr ganzes Wesen bis zur Selbstvergessenheit der Liebe, der Dankbarkeit, der Zärtlichkeit und dieser Erlösung in Tränen hingab.
Sie schluchzte so heftig, daß sie schließlich in einen richtigen Weinkrampf verfiel. Mit Mühe löste ich ihre Hände von meinen Knien und trug sie auf den Diwan. Sie begrub ihren Kopf in die Kissen, als schäme sie sich, mich anzusehen und schluchzte still weiter; meine Hand aber hielt sie noch lange mit ihren kleinen Händchen und preßte sie an ihr Herz.
Endlich beruhigte sie sich allmählich, doch ihr Gesicht hielt sie noch immer versteckt. Hin und wieder streifte mich nur ein flüchtiger Blick, in dem so viel Weichheit und ein ängstlich verhaltenes Gefühl lag, und plötzlich lächelte sie wieder.
„Ist es dir nun leichter, mein liebes, krankes Kind, meine kleine Lenotschka!“
„Nicht Lenotschka ...“ flüsterte sie und versteckte wieder ihr Gesichtchen.
„Nicht Lenotschka? Wie denn?“
„Nelly.“
„Nelly? Warum denn gerade Nelly? Das ist ja ein sehr netter Name. Wenn du willst, kann ich dich so rufen.“
„So rief mich meine Mutter ... Niemand sonst nannte mich so, nur sie ... und ich würde es auch niemand erlauben, außer Mama ... nur Sie sollen mich so nennen, ich will es ... Ich werde Sie immer lieben, immer lieben ...“
„Was für ein kleines stolzes Herz,“ dachte ich, „wie lange mußte ich mich darum mühen, bis es mich lieb gewann.“
Doch jetzt wußte ich, daß dieses Herz mir auf immer ergeben war.
„Höre, Nelly,“ fragte ich sie, als sie sich gänzlich beruhigt hatte, „du sagst, daß dich außer deiner Mama niemand lieb gehabt hat. Und dein Großpapa, liebte er dich denn gar nicht?“
„Nein, er liebte mich nicht ...“
„Du hast aber doch hier über ihn geweint, hier, auf der Treppe, erinnerst du dich?“
Sie dachte einen Augenblick nach.
„Nein, er liebte mich nicht ... Er war böse.“
Ein schmerzlicher Ausdruck lag auf ihrem Gesicht.
„Von ihm konnte man es auch nicht mehr verlangen, Nelly. Er hatte bereits sein Gedächtnis verloren. Ich habe dir doch erzählt, wie er starb.“
„Ja; doch war er nur im letzten Monat so vergeßlich. Er saß hier den ganzen Tag, und wenn ich nicht zu ihm gekommen wäre, so würde er noch den dritten Tag so gesessen haben, ohne zu trinken, ohne zu essen. Doch früher war er viel besser.“
„Wann war das?“
„Als Mama noch lebte.“
„Also warst du es, die ihm zu trinken und zu essen brachte, Nelly?“
„Ja, ich brachte ihm ...“
„Wo nahmst du es denn, von der Bubnowa?“
„Nein, ich habe niemals etwas von der Bubnowa genommen,“ ihre Stimme hatte plötzlich einen harten, gesprungenen Klang.
„Woher hast du es denn genommen, du besaßest doch nichts?“
Nelly schwieg und erbleichte; sie sah mich darauf mit langem, fragendem Blick an.
„Ich habe auf der Straße gebettelt ... Hatte ich fünf Kopeken, so kaufte ich ihm Brot und Schnupftabak ...“
„Und er ließ es zu ... Nelly, Nelly!“
„Zuerst tat ich es, ohne ihm etwas davon zu sagen. Als er es aber erfuhr, schickte er selbst mich betteln. Ich bettelte auf der Brücke und er wartete auf mich in der Nähe; sowie er es sah, daß man mir Geld gab, stürzte er sich auf mich und nahm mir das Geld fort, als hätte ich es vor ihm verstecken wollen, oder als bettelte ich nicht für ihn.“
Um ihren Mund spielte ein bitteres Lächeln.
„Das geschah alles erst, als Mama starb,“ fügte sie hinzu. „Erst nach ihrem Tode wurde er so – sonderbar.“
„Folglich muß er deine Mutter sehr geliebt haben? Warum lebtet ihr denn nicht alle zusammen?“
„Nein, er liebte sie nicht ... Er war böse und hat ihr nicht verziehen ... ganz wie der böse Alte von gestern,“ sagte sie leise, fast flüsternd und erblaßte.
Ich fuhr zusammen: Die verwickelten Fäden eines ganzen Romans lösten sich in meiner Phantasie. Diese arme Frau, die bei einem Sargmacher im Keller gestorben: die Tochter, eine Waise, die den Alten, der ihre Mutter verfluchte, teilweise unterhielt; und der geistesabwesende alte Sonderling, der auf dem Wege von der Konditorei gleich nach seinem Hunde gestorben war! ...
„Asorka gehörte ja früher Mama,“ sagte sie plötzlich, wie in Erinnerung lächelnd. „Großpapa liebte Mama früher sehr und als Mama ihn verließ, blieb Asorka bei ihm. Deshalb liebte er Asorka so sehr ... Mama verzieh er nicht, als aber Asorka starb, ist er auch gestorben,“ fügte Nelly hart hinzu und das Lächeln in ihrem Gesicht verschwand.
„Was war er eigentlich früher gewesen?“ fragte ich sie, nach einer längeren Pause.
„Er war sehr reich ... Ich weiß nicht, wer er war,“ antwortete sie. „Er hatte eine Fabrik ... So sagte Mama. Anfangs glaubte sie, ich sei so klein und verstünde von alledem nichts. Sie küßte mich immer und sagte zu mir: wenn die Zeit kommt, wirst du alles erfahren, mein armes, mein unglückliches Kind! Immer nannte sie mich arm und unglücklich. Und in der Nacht, wenn sie glaubte, daß ich schliefe (ich stellte mich so an, als ob ich schliefe) weinte sie über mich, küßte mich leise und sagte immer Armes, Unglückliches!“
„Woran ist deine Mutter gestorben?“
„An der Schwindsucht; vor sechs Wochen etwa.“
„Erinnerst du dich noch der Zeit, da dein Großvater reich war?“
„Damals war ich doch noch gar nicht geboren. Mama hatte doch schon vor meiner Geburt Großpapa verlassen.“
„Mit wem war sie denn fortgegangen?“
„Ich weiß es nicht,“ antwortete Nelly leise und nachdenklich. „Sie ging ins Ausland, dort wurde ich geboren.“
„Im Auslande? Wo?“
„In der Schweiz. Ich bin überall gewesen, in Italien war ich, in Paris.“
Ich staunte.
„Und du erinnerst dich, Nelly?“
„Vieles ist mir im Gedächtnis geblieben.“
„Wie hast du denn so gut Russisch sprechen gelernt, Nelly?“
„Mama sprach auch schon dort mit mir Russisch. Sie war Russin, denn ihre Mutter war Russin, Großpapa aber war Engländer von Geburt, doch auch ganz Russe. Als wir dann vor anderthalb Jahren hierher zurückkehrten, sprachen wir nur Russisch. Mama war damals schon krank. Wir wurden immer ärmer und ärmer. Mama weinte immer. Sie suchte hier nach Großpapa und sagte immer, sie sei vor ihm schuldig und weinte ... Sie weinte so sehr, so sehr! Als sie erfuhr, daß Großpapa ganz verarmt war, da weinte sie noch mehr. Sie schrieb ihm oft Briefe, er aber antwortete nicht.“
„Warum kehrte sie denn hierher zurück? Nur Großpapas wegen?“
„Ich weiß es nicht. Dort lebten wir so gut!“ und Nellys Augen glänzten. „Mama lebte mit mir allein. Sie hatte einen Freund, der war so gut wie Sie ... Er kannte sie schon hier. Doch er starb dort und Mama kehrte hierher zurück ...“
„Also hatte sie seinetwegen Großpapa verlassen?“
„Nein, nicht seinetwegen. Mit einem anderen, der sie verlassen hat ...“
„Mit wem denn, Nelly?“
Nelly sah mich an und antwortete mir nichts. Offenbar wußte sie, wer ihr Vater war. Doch fiel es ihr schwer, mir seinen Namen zu nennen.
Ich wollte sie auch nicht mehr ausfragen. Sie war ein sonderbarer Charakter, nervös und heftig, der sich selbst immer bekämpfte, sympathisch, doch stolz und unzugänglich. Die ganze Zeit über, seit ich sie kannte, und trotzdem sie mich sicher von ganzem Herzen liebte, mit einer Liebe, die fast so groß und stark war, wie die zu ihrer verstorbenen Mutter, war sie mir gegenüber doch so verschlossen, daß sie nicht das Bedürfnis empfand, mir von ihrer Vergangenheit zu erzählen, sondern im Gegenteil alles vor mir zu verbergen suchte. Nur an diesem einen Tage, in diesen Stunden teilte sie mir alles zwischen Tränen und Schluchzen mit, was sie am meisten in ihrer Erinnerung quälte und niemals werde ich ihre grauenvolle Erzählung vergessen. Doch ihre ganze Lebensgeschichte steht uns noch bevor.
Wie furchtbar war diese Erzählung; die Geschichte einer verlassenen Frau, die ihr Glück überlebt hatte; krank, gequält und von allen verlassen; selbst von ihrem nächsten Menschen, auf den sie gehofft, von ihrem Vater, den sie verlassen und der gequält von unendlichem Leid und Erniedrigungen den Verstand verloren. Diese Geschichte einer Frau, die zur Verzweiflung gebracht, mit ihrem kleinen Töchterchen, das sie noch für ein Kind hielt, in den kalten, schmutzigen Petersburger Straßen herumging, um Almosen zu bitten; eine Frau, die monatelang in einem feuchten Keller mit dem Tode rang, während der Vater ihr bis zum letzten Augenblick ihres Lebens die Vergebung nicht gewährte, und die er dann, als er sich endlich besann und zu seinem über alles in der Welt geliebten Kinde eilte, als Leiche vorfand. Es war eine wunderliche Erzählung, von geheimnisvollen, fast unverständlichen Beziehungen zwischen einem geistesabwesenden Alten und seiner kleinen Enkelin, die ihn verstand, und trotz ihres frühen Alters vieles kannte, was andere in langen Jahren ihres ruhig dahinfließenden sorglosen Lebens nicht kennen lernen. Es war eine dieser dunklen und qualvollen Lebensgeschichten, die fast unmerklich, fast geheimnisvoll unter dem schweren, trüben Petersburger Himmel sich abspielen, in den dunklen Ecken und verborgenen Winkeln dieser Großstadt, inmitten des Wirrsals unnatürlichen Lebensgenusses, stumpfen Egoismus’, aufeinanderstoßender Interessen, unheimlichen Lasters, geheimer Verbrechen, inmitten eines Höllenpfuhles sinnlosen Lebens ...
Doch diese Geschichte steht uns noch bevor ...