Erster Teil (continued 2)
E. K. Rahsin translation
„Und Vater und Mutter?“ dachte ich. Die schien sie ganz vergessen zu haben.
„Er wird dich also heiraten, Natascha?“
„Er hat es versprochen, hat alles versprochen. Er hat mich ja heute darum zu sich gerufen, um sich morgen außerhalb der Stadt mit mir trauen zu lassen; er weiß doch nicht, was er tut. Er weiß vielleicht auch nicht, wie man sich trauen läßt. Und was ist er denn für ein Mann! Einfach lächerlich, nicht wahr. Ist er aber verheiratet, so wird er unglücklich sein, Vorwürfe machen ... Ich will nicht, daß er mir irgendwie einmal Vorwürfe machen könnte ... Alles will ich ihm geben, er aber, er braucht mir nichts zu geben. Wenn er nun durch die Heirat unglücklich wird, warum soll ich ihn – unglücklich machen?“
„Das ist doch einfach Wahnwitz, Natascha! Und du willst jetzt zu ihm gehen?“
„Nein, er versprach mir, hierher zu kommen, mich abzuholen; wir verabredeten uns ...“
Und sie blickte gespannt in die Ferne, aber es war noch niemand zu sehen.
„Und er ist noch nicht einmal da. Du bist zuerst gekommen!“ rief ich unwillig aus.
Natascha zuckte wie unter einem Schlage zusammen. Ihr Gesicht war krampfhaft verzerrt.
„Er kommt vielleicht überhaupt nicht,“ sagte sie mit bitterem Lächeln. „Vor drei Tagen hat er mir geschrieben, daß er, wenn ich ihm nicht mein Wort geben könne, zu kommen, gezwungen sei, seinen Entschluß aufzugeben, sich mit mir trauen zu lassen ... und sein Vater ihn zu einer anderen führen würde. Und so natürlich, so einfach hatte er das geschrieben, als läge darin wirklich gar nichts ... Wenn er nun wirklich zu ihr gefahren ist, Wanjä?“
Ich antwortete nicht. Sie preßte heftig meine Hand und ihre Augen blitzten.
„Er ist zu ihr gegangen,“ flüsterte sie kaum hörbar. „Er hoffte, daß ich nicht kommen würde, um dann zu ihr zu fahren mit der Behauptung, er hätte mich vorher davon benachrichtigt, ich aber wäre nicht gekommen. Ich bin ihm langweilig geworden, er wird mich verlassen ... Oh, Gott! Ich Wahnsinnige! Ich glaube, er hat mir neulich selbst gesagt, daß ich ihn langweile ... Worauf warte ich noch?“
„Da ist er!“ rief ich, ihn plötzlich in der Ferne am Kai erblickend.
Natascha fuhr zusammen, schrie auf, blickte dem sich nähernden Aljoscha erwartungsvoll entgegen, und plötzlich stürzte sie, meine Hand loslassend, auf ihn zu. Auch er beschleunigte seine Schritte und in einer Minute lagen sie sich in den Armen. Außer uns war niemand auf der Straße zu sehen. Sie küßten sich und lachten; Natascha lachte und weinte zugleich, als hätten sie sich nach langer Trennung wiedergesehen. Ihre bleichen Wangen röteten sich. Sie war außer sich vor Freude ... Aljoscha bemerkte mich jetzt erst und ging sofort auf mich zu.
IX.
Ich sah ihn scharf an, obgleich ich ihn schon des öfteren gesehen; ich sah ihm tief in die Augen, als hätte sein Blick alle meine Zweifel lösen können, wodurch er dieses Kind so bezaubert, in ihr diese wahnsinnige Liebe wachgerufen hatte, eine Liebe bis zum Vergessen jeglicher Pflicht, eine Liebe, der Natascha alles, was ihr bis jetzt heilig gewesen, zum Opfer bringen wollte. Der Fürst nahm meine beiden Hände, schüttelte sie kräftig und sein bescheidener und heller Blick drang mir tief in die Seele.
Ich fühlte, daß ich mich – zumal er mein Feind war – in meinem Urteil über ihn hatte irren können, denn ich liebte ihn nicht, habe ihn auch niemals lieben können – ich war die einzige Ausnahme unter allen, die ihn kannten. Hartnäckig konnte ich mich an vieles nicht gewöhnen, besonders nicht an sein elegantes Äußeres, vielleicht weil es schon zu elegant und gesucht war.
Später begriff ich, daß ich ihn auch darin parteiisch beurteilt hatte. Er war hoch und schlank; sein Gesicht war von länglicher Form und immer bleich; er hatte blondes Haar und große blaue Augen, die milde und nachdenklich in die Welt schauten und aus denen dann zuweilen eine kindliche Freude aufleuchtete. Seine vollen roten Lippen hatten einen wunderschönen Schnitt und um den festgeschlossenen Mund lag ein seltsam ernster Zug; um so unerwarteter und bezaubernder war dann sein Lächeln, so naiv und gutherzig, daß man, in welcher Stimmung man sich auch befand, unwillkürlich mitlächeln mußte und dabei das Bedürfnis empfand, genau so zu lächeln, wie er. Er kleidete sich, wie gesagt, sehr elegant, doch diese Eleganz kostete ihm keine Mühe, sie schien ihm angeboren.
Freilich besaß er auch einige von den schlechten Gepflogenheiten und Angewohnheiten des guten Tones: Leichtsinnigkeit, Selbstgenügsamkeit und höfliche Grobheit. Doch war er offenherzig und sich seiner Angewohnheiten so bewußt, daß er sich selbst tadelte und über sie lachte. Mir scheint es, daß dieses Kind von Jüngling nicht einmal im Scherz hätte lügen können, und wenn er es je getan, so würde er sich gewiß nichts Schlechtes dabei gedacht haben. Sogar sein Egoismus war anziehend, vielleicht weil er so offensichtlich war und nichts zu verbergen suchte. Er war schwach, vertrauensselig und schüchtern und hatte gar keine Willenskraft. Ihn zu betrügen und zu beleidigen wäre eine Sünde gewesen, so wie es Sünde ist, ein Kind zu beleidigen und zu betrügen. Er war, was seiner Jugend entsprach, vollständig naiv und unwissend und verstand nichts vom wirklichen Leben; übrigens würde er auch mit vierzig Jahren nichts von ihm verstanden haben. Solche Menschen sind zu einer ewigen Unmündigkeit verurteilt. Ich glaube, es gab keinen Menschen, der ihn nicht liebte, er war zu jedem zärtlich wie ein Kind. Natascha hatte recht; er wäre vielleicht imstande gewesen, schlecht zu handeln, durch schlechten, starken Einfluß dazu veranlaßt, doch hätte er über die Folgen seiner Tat vor Reue sterben können. Natascha fühlte instinktiv, daß sie seine Herrin, seine Beherrscherin und er ihr Opfer sein würde. Sie berauschte sich im voraus an dem Gefühl, ihn sinnlos zu lieben, und denjenigen, den sie liebte, sinnlos zu quälen, nur weil sie ihn liebte – deshalb war es ihr vielleicht ein Bedürfnis, sich selbst zuerst zu opfern. Doch auch aus seinem Ärger strahlte Liebe, und er betrachtete sie mit Entzücken. Triumphierend sah sie mich an. In diesem Augenblick vergaß sie alles – die Eltern, den Abschied und jedes Mißtrauen ... In diesem Augenblick war sie glücklich.
„Wanjä!“ rief sie, „ich fühle mich schuldig vor ihm und bin seiner nicht wert! Ich dachte schon, du würdest nicht mehr kommen, Aljoscha. Vergiß meine schlechten Gedanken, Wanjä. Ich werde alles wieder gut machen!“ fügte sie hinzu und sah ihn mit grenzenloser Hingebung an.
Er lächelte und küßte ihre Hand, und, ohne die Hand freizugeben, wandte er sich an mich.
„Verurteilen Sie mich nicht. Schon lange wollte ich Sie als meinen Bruder umarmen; sie hat mir viel von Ihnen erzählt. Wir sind uns bis jetzt eigentlich fremd geblieben. Wollen wir Freunde sein und ... verzeihen Sie uns,“ fügte er noch mit halber Stimme und etwas errötend mit seinem bezaubernden Lächeln hinzu, sodaß ich nicht anders konnte, als seinen Vorschlag von ganzem Herzen anzunehmen.
„Ja, ja, Aljoscha,“ griff Natascha auf, „er ist unser, unser Bruder, er hat uns schon verziehen und ohne seine Freundschaft würden wir nicht glücklich sein. Ich habe es ihm bereits gesagt ... Oh, grausame Kinder sind wir, Aljoscha! Doch wir werden zu dreien leben ... Wanjä!“ fuhr sie fort und ihre Lippen zitterten ein wenig, „sieh, du gehst jetzt zu ihnen nach Haus; du hast ein goldenes Herz, wenn sie mir auch nicht vergeben wollen, so werden sie sehen, daß du mir vergeben hast, und das wird sie weicher stimmen. Erzähle ihnen alles, alles, mit deinen von Herzen kommenden Worten. Verteidige mich, rette mich; sage ihnen die Gründe meiner Tat, so wie du sie verstanden hast. Weißt du, Wanjä, ich hätte mich vielleicht heute nicht dazu entschließen können, wenn du nicht gekommen wärest! Du bist meine Rettung: ich habe sofort an dich gedacht und gehofft, du würdest es ihnen mitteilen, du würdest den ersten Schmerz mildern helfen. O, Gott! Sage ihnen von mir, Wanjä, ich wüßte es, daß sie mir nicht mehr vergeben, doch wenn sie mich auch verfluchen sollten, so würde ich sie mein ganzes Leben segnen und für sie beten. Mein Herz ist bei ihnen! Ach, warum können wir nicht alle zusammen glücklich sein! Warum, warum! ... O Gott! Was habe ich getan!“ rief sie, sich plötzlich besinnend, und vor Entsetzen erschauernd schlug sie die Hände vor ihr Gesicht. Aljoscha umarmte sie und drückte sie schweigend an sich. Wir schwiegen alle drei.
„Und Sie konnten ein solches Opfer von ihr verlangen!“ sagte ich zu ihm mit vorwurfsvollem Blick.
„Verurteilen Sie mich nicht!“ wiederholte er, „ich versichere Ihnen, daß alle Qualen, wenn sie auch jetzt sehr heftig sind – nicht von langer Dauer sein werden. Ich bin davon vollkommen überzeugt. Man muß nur den Mut haben, diesen ersten Augenblick zu ertragen, dasselbe hat auch sie mir gesagt. Sie wissen, daß dieser Familienstolz, dieser sinnlose Prozeß an allem die Schuld trägt ... Doch (ich habe es mir lange überlegt, versichere ich Ihnen) das alles muß einmal ein Ende nehmen. Wir werden uns alle wieder miteinander aussöhnen und vollständig glücklich sein. Wer weiß, vielleicht wird unsere Vermählung der erste Schritt zur Aussöhnung sein. Ich glaube sogar, daß es gar nicht anders sein kann. Was glauben Sie?“
„Sie sagen: Vermählung. Wann werden Sie sich denn trauen lassen?“ fragte ich, auf Natascha blickend.
„Morgen oder übermorgen; wenigstens übermorgen bestimmt. Sehen Sie, ich selbst weiß es noch nicht genau, und um die Wahrheit zu sagen, habe ich auch noch keine Schritte getan. Ich dachte, vielleicht kommt Natascha heute gar nicht. Dazu wollte mich mein Vater noch durchaus zu meiner Braut führen (Sie wissen, man will mich verheiraten; Natascha hat es Ihnen doch erzählt? Ich aber will nicht). So konnte ich auf nichts Bestimmtes rechnen. Sicher lassen wir uns übermorgen trauen. Auf dem Wege nach Pskoff, nicht weit von hier, lebt auf dem Lande ein Freund von mir, aus dem Lyzeum, ein sehr guter Mensch, Sie werden ihn vielleicht noch kennen lernen. Im Dorfe wird es doch auch einen Geistlichen geben, bestimmt weiß ich es zwar nicht. Ich hätte mich früher darnach erkundigen sollen, doch bin ich noch nicht dazu gekommen. Im übrigen sind das doch alles Nebensachen. Man könnte im Notfalle aus einem Nachbardorfe einen Geistlichen holen; wie denken Sie darüber? Schade, daß ich meinem Kameraden noch nichts davon geschrieben habe, man hätte ihn benachrichtigen sollen. Vielleicht ist mein Freund noch nicht einmal anwesend. Das ist jedoch das Wenigste! Man muß nur wollen, alles andere wird sich schon finden, nicht wahr? Doch bis morgen oder übermorgen wird sie bei mir bleiben. Ich habe eine Wohnung gemietet, in der wir leben werden. Ich werde nicht mehr zu meinem Vater zurückkehren, nicht wahr Natascha? Sie werden uns besuchen? Ich habe alles sehr nett eingerichtet. Meine Freunde werden mich besuchen; ich werde Gesellschaftsabende ...“
Voll Unwillen und zugleich tiefem Kummer hörte ich ihm zu. Natascha sah mich flehend an, ihn nicht allzu streng zu beurteilen. Sie hörte seinen Erzählungen mit traurigem Lächeln liebevoll zu, wie man einem lieben fröhlichen Kinde bei seinem süßen und unsinnigen Geplapper zuhört. Ich sah sie vorwurfsvoll an. Mir war unerträglich schwer zumut.
„Doch Ihr Vater?“ fragte ich. „Sind Sie fest überzeugt, daß er Ihnen verzeihen wird?“
„Versteht sich; was bleibt ihm denn anderes übrig? Das heißt, zuerst wird er mich natürlich verfluchen; davon bin ich überzeugt. Er ist schon einmal so, und zu mir ist er immer sehr streng. Vielleicht wird er auch versuchen, seine väterliche Macht mir gegenüber zu gebrauchen ... Doch das ist nicht ernst zu nehmen. Er liebt mich namenlos; er wird sich ärgern und mir doch verzeihen. Dann werden wir uns alle aussöhnen und alle glücklich sein. Auch ihr Vater ...“
„Wenn er aber nicht verzeiht? Haben Sie auch darüber nachgedacht?“
„Er wird mir unbedingt verzeihen, wenn auch nicht sofort. Nun, was tut es? Ich werde ihm zeigen, daß auch ich Charakter besitze. Er macht mir immer Vorwürfe, daß ich keinen Charakter habe, daß ich leichtsinnig sei. Jetzt kann er sehen, ob ich leichtsinnig bin oder nicht? Verheiratet sein, ist keine Kleinigkeit. Ich bin kein Kind mehr ... das heißt, ich wollte sagen, daß ich dann so sein werde, wie die anderen ... ich meine, wie andere verheiratete Männer. Ich werde mir selbst mein Brot verdienen. Natascha sagt, daß es besser sei, so zu leben, als auf Rechnung anderer, wie wir alle leben. Wenn Sie wüßten, wie viel Gutes sie mir sagt! Ich wäre selbst nie darauf gekommen, ich bin nicht so aufgewachsen, man hat mich nicht so erzogen. Freilich, ich weiß es selbst, daß ich leichtsinnig bin und zu nichts fähig; doch wissen Sie, vorvorgestern hatte ich einen sonderbaren Gedanken. Es ist eigentlich nicht gerade der richtige Augenblick, um davon zu sprechen, doch möchte ich es gern tun, um Ihren Rat zu hören. Sehen Sie: ich möchte Romane schreiben und sie an Zeitungen verkaufen, so wie Sie es tun. Werden Sie mir dabei helfen, nicht? Ich habe auf Sie gerechnet und mir gestern die ganze Nacht über einen Roman ausgedacht, so zur Probe, und wissen Sie: es kann wirklich eine nette Sache werden. Das Sujet habe ich aus einer Skribeschen Komödie genommen ... Ich werde Ihnen später davon erzählen. Die Hauptsache ist, daß man dafür Geld bekommt ... Ihnen gibt man doch Geld dafür!“
Ich mußte lächeln.
„Sie lachen,“ sagte er, gleichfalls lächelnd.
„Nein, hören Sie mich an,“ fügte er mit unglaublicher Naivität hinzu, „beurteilen Sie mich nicht darnach, wie ich scheine; ich besitze viel Beobachtungsvermögen; Sie werden selbst sehen. Warum soll ich es nicht versuchen? Vielleicht gelingt es mir ... Doch andererseits haben Sie recht; ich verstehe nichts vom wirklichen Leben; das hat mir Natascha auch gesagt, übrigens sagen es alle; was kann ich für ein Schriftsteller werden? Lachen Sie nur, lachen Sie mich nur aus, wirken Sie nur auf mich ein, und machen Sie mich nur besser als ich bin – Sie tun es ja für sie, Sie lieben sie ja doch. Ich gestehe Ihnen aufrichtig, daß ich ihrer nicht wert bin, das fühle ich; es fällt mir sehr schwer, ich weiß gar nicht, wofür sie mich so lieb hat? Und doch – ich würde ihr mein ganzes Leben hingeben wollen! Wirklich, bis zu diesem Augenblick habe ich nichts gefürchtet, doch jetzt packt mich die Furcht! Herrgott! Sollte es einem Menschen, der sich ganz seiner Pflicht hingibt, wirklich an Geschick und Kraft fehlen, diese Pflicht zu erfüllen? Helfen Sie uns doch, Sie, unser Freund! Sie sind der einzige Freund jetzt, der uns geblieben ist. Denn was verstehe ich allein davon! Verzeihen Sie, daß ich mich so auf Sie verlasse, aber ich halte Sie für einen edlen Menschen und für besser als mich. Doch ich werde mich bessern, seien Sie überzeugt davon, und will Ihrer beider wert sein.“
Er drückte mir hierbei wieder die Hand und aus seinen freundlichen Augen strahlte eine aufrichtige Hingabe. So vertrauensvoll reichte er mir die Hand, so überzeugt, daß ich sein Freund sei!
„Sie wird mir helfen, mich zu bessern,“ fuhr er fort. „Denken Sie bitte nicht schlecht von uns, machen Sie sich keine Sorgen um uns. Ich mache mir viel Hoffnungen und in materieller Beziehung werden wir gewiß gesichert sein. Wenn es, zum Beispiel, mit dem Roman nicht gehen sollte (um die Wahrheit zu sagen, habe ich gleich, als ich davon sprach, bei mir gedacht, daß der Roman nur eine Dummheit sei, und ich erzählte es Ihnen nur, um Ihre Meinung darüber zu erfahren), wenn der Roman mir nicht gelingen sollte, so könnte ich im äußersten Fall Musikunterricht erteilen. Sie wissen es vielleicht nicht, daß ich musikalisch bin? Ich werde mich nicht schämen, von derartiger Arbeit zu leben. Ich schließe mich in dem Falle vollständig den neuen Ideen an. Außerdem besitze ich viele Wertsachen, Bibelots, Toilettengegenstände: was sollen sie mir? Ich werde sie verkaufen und, wir können lange Zeit hindurch davon leben! Schließlich kann ich im äußersten Falle immer noch als Beamter eintreten. Mein Vater wird sich sogar darüber freuen, er hat es schon längst gewünscht, ich habe mich unter dem Vorwand, kränklich zu sein, davon frei gemacht. Sowie er aber sehen wird, daß die Ehe mir Nutzen bringt, mich vernünftig macht, und ich wirklich in den Staatsdienst getreten bin ... so wird er sich freuen und mir alles verzeihen ...“
„Haben Sie auch, Alexei Petrowitsch, bedacht, was zwischen Ihrem und Nataschas Vater daraus entstehen wird? Was, glauben Sie, was wird wohl heute abend in ihrem Hause geschehen?“
Ich wies hierbei auf die totenbleich dastehende Natascha. Ich war erbarmungslos.
„Ja, ja, Sie haben recht, das ist furchtbar!“ antwortete er. „Ich habe schon daran gedacht und seelisch sehr darunter gelitten ... Doch was ist zu machen? – Sie haben recht: wenn doch nur wenigstens ihre Eltern uns vergeben würden! Wenn Sie wüßten, wie ich sie beide geliebt habe! Sie standen mir so nahe, als wären sie meine eigenen Eltern! – und womit zahle ich es ihnen heim?! Ach, diese Streitigkeiten, diese Prozesse! Sie glauben nicht, wie schrecklich das ist! Und warum streiten sie sich. Alle lieben wir uns gegenseitig, und streiten uns! Man sollte sich endlich aussöhnen und der Sache ein Ende machen! Ich würde es tun an ihrer Stelle ... Furchtbar sind Ihre Worte. Natascha, es ist schrecklich, was wir zu tun beabsichtigen! Ich habe es schon früher gesagt ... Du selbst hast darauf bestanden ... Doch, hören Sie, Iwan Petrowitsch, es kann sich noch alles zum Guten wenden. Wir werden sie aussöhnen. Gewiß, es muß sein; sie werden unserer Liebe nicht widerstehen können ... Mögen sie uns verfluchen, wir werden sie dennoch lieb haben; sie werden nachgeben. Sie glauben mir nicht, was für ein gutes Herz manchmal mein Vater hat! Er blickt nur so finster unter den Brauen hervor, doch ist er oft sehr zugänglich. Wenn Sie wüßten, wie liebevoll er heute mit mir gesprochen, wie er mich zu überzeugen versuchte! Und ich handle gerade heute gegen seinen Willen; das stimmt mich sehr traurig. Und alles dieser elenden Vorurteile wegen! Das ist einfach – Wahnsinn! Wenn er sich doch Natascha nur einmal ordentlich ansehen, mit ihr eine halbe Stunde zusammensein wollte? Er würde uns sofort alles erlauben.“
Bei diesen Worten blickte er in leidenschaftlicher Zärtlichkeit auf Natascha.
„Tausendmal habe ich mir vorgestellt,“ setzte er sein Geplauder fort, „wie er sie lieben wird, wenn er sie nur kennen lernt, und wie sie sie alle in Verwunderung setzen würde. Denn sie haben doch alle noch nicht ein solches Mädchen gesehen! Der Vater denkt, daß sie eine Intrigantin ist. Meine Pflicht ist es, ihre Ehre wieder herzustellen, und das werde ich tun! Ach, Natascha! Dich werden alle lieben, alle, es gibt keinen Menschen, der dich nicht lieben müßte,“ fügte er begeistert hinzu. „Wenn ich deiner auch nicht wert bin, so liebst du mich doch, ich aber ... O, du kennst mich doch! Und haben wir denn noch mehr nötig zu unserem Glück! Nein, ich glaube, glaube daran, daß dieser Abend uns allen zusammen Glück, Friede und Eintracht bringt. Gesegnet sei dieser Abend! Nicht, Natascha? Doch, was ist mit dir? Mein Gott, was fehlt dir?“
Sie war bleich wie eine Tote. Sie hatte während Aljoschas weitläufiger Rede kein Auge von ihm gewandt, doch allmählich wurde ihr Blick immer trüber und starrer und ihr Antlitz blässer und blässer. Mir schien es, daß sie zuletzt kaum mehr zuhörte und völlig abwesend dastand. Der Ausruf Aljoschas weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Sie fuhr zusammen, schaute um sich und – wandte sich plötzlich zu mir. In aller Eile, und als ob sie es vor Aljoscha verbergen wollte, zog sie aus der Tasche einen Brief und gab ihn mir. Er war an ihre Eltern gerichtet und am Abend vorher geschrieben worden. Als sie ihn mir reichte, sah sie mich scharf und durchdringend an, als hätte sie sich mit ihrem Blick an mich festgesogen. In diesem Blick lag eine solche Verzweiflung, niemals vergesse ich diesen schrecklichen Blick! Mich schauderte: ich sah, daß sie sich in diesem Moment der ganzen Tragweite ihres Schrittes bewußt wurde. Sie wollte nur etwas sagen, sie begann schon und, plötzlich – verlor sie das Bewußtsein. Ich fing sie auf. Aljoscha erbleichte vor Schreck; er rieb ihre Schläfen, küßte ihre Hände, ihre Lippen. In zwei Minuten kam sie wieder zu sich. Nicht weit von uns entfernt stand die Droschke, in der Aljoscha gekommen war; er rief sie herbei. Als Natascha in den Wagen gehoben wurde, preßte sie wie unsinnig meine Hand und heiße Tränen rannen über meine Finger. Der Wagen setzte sich in Bewegung. Ich stand noch lange an derselben Stelle und schaute ihm nach. Mein ganzes Glück entschwand in diesem Augenblick und mein Leben zerbrach in zwei Hälften. Schmerzhaft mußte ich das empfinden. ... Langsam ging ich den Weg zurück, zu den Alten. Ich wußte nicht, was ich ihnen sagen sollte, noch wie ich zu ihnen ins Zimmer treten wollte. Meine Gedanken erstarrten mir, meine Füße wankten ...
Und das ist die Geschichte meines Glückes! Das war das Ende meiner Liebe: Ich werde nun in der unterbrochenen Erzählung fortfahren.
X.
Fünf Tage nach dem Tode Smitts zog ich in dessen Wohnung ein. Den ganzen Tag fühlte ich mich elend und traurig; das Wetter war feucht und kalt, vom Himmel fiel halb Schnee, halb Regen. Nur gegen Abend zeigte sich für einen Augenblick die Sonne und ein verlorener Strahl huschte, wohl aus Neugier, für einen Augenblick zu mir ins Zimmer. Ich bedauerte es bereits, hierher gekommen zu sein. Das Zimmer war ja groß, doch so niedrig, feucht und öde, trotz der Möbel. Ich dachte mir gleich, daß ich in dieser Wohnung den Rest meiner Gesundheit einbüßen würde. Und so geschah es denn auch.
Den ganzen Morgen über hatte ich in meinen Papieren gelesen und sie in Ordnung gebracht. Da ich keine Mappe besaß, hatte ich sie in einem Kissenbezug hergebracht und alles durcheinander geworfen. Darauf setzte ich mich hin um zu schreiben. Ich arbeitete damals an meinem großen Roman, doch konnte ich die Gedanken nicht zusammenhalten, der Kopf war mir so voll von anderen Dingen ...
Ich warf die Feder hin und setzte mich ans Fenster. Es dunkelte bereits und auch in meiner Seele wurde es immer düsterer. Schwere Gedanken lasteten auf mir. Es wurde mir klar, daß ich in Petersburg doch schließlich untergehen mußte. Es nahte der Frühling; ich würde neu aufleben, so schien es mir, wenn ich aus diesem Gefängnis wieder an die freie Gotteswelt käme, den Duft frischer Wiesen und Wälder atmete, die ich so lange nicht mehr gesehen! ... Mir ging noch der Gedanke durch den Kopf, wie gut es wäre, wie durch einen Zauberspruch alles zu vergessen, alles was ich in der letzten Zeit erlebt und erlitten, und mit frischem Kopf und neuen Kräften von vorn wieder zu beginnen. Damals träumte ich noch davon und hoffte auf eine Auferstehung. „Wie, wenn ich in ein Irrenhaus käme, und dann gleichsam mein Gehirn von neuem gesundete.“ Ich fühlte doch noch Lebensdurst in mir und glaubte an das Leben! ... Doch auch bei diesem Gedanken lachte ich laut auf. „Und nach dem Irrenhause, was würde dann folgen? Wirklich wieder Romane schreiben? ...“
So sann und trauerte ich, und die Zeit verstrich. Es war ganz dunkel geworden. Am Abend stand mir ein Wiedersehen mit Natascha bevor; sie hatte mich durch einen Brief vom Abend vorher dringend zu sich gebeten. Ich sprang auf und bereitete mich vor, auszugehen. Es drängte mich sowieso fort aus dieser Wohnung, einerlei wohin, in den Regen, in den Schmutz.
Doch, je dunkler es wurde, um so geräumiger schien es bei mir im Zimmer zu werden, das sich immer mehr und mehr erweiterte. Mir war, als müßte ich in jeder Ecke des Zimmers den alten Smitt sehen, wie er so dasaß und einen unbeweglich anstarrte, ihm zu Füßen Asorka. Und plötzlich ereignete sich etwas, das tiefe Spuren in mir hinterließ.
Übrigens muß ich gestehen, daß es mir infolge nervöser Schwäche, oder infolge der aufregenden Eindrücke in der neuen Wohnung und von der Erkältung her geschehen konnte, daß ich bei zunehmender Dunkelheit in einen Seelenzustand verfiel, der mich des öfteren in der Nacht heimsuchte und den ich einen mystischen Schrecken nennen möchte. Es war das die allerschrecklichste quälendste Furcht vor einem ungewissen Etwas, das man selbst nicht näher zu erklären vermag: etwas nicht Seiendes in der Ordnung der Dinge, das doch durchaus in jeder Minute zu sein vermag, allen Vernunftgründen zum Trotz auftaucht und sich vor mir als unerbittliche, schreckliche, unabwendbare Tatsache hinstellt. Die Furcht wächst von Minute zu Minute, ungeachtet dessen, daß der Geist in diesen Augenblicken noch größere Klarheit gewinnt, und nichtsdestoweniger alle Macht verliert, dieser Empfindung entgegenzutreten. Man gehorcht ihm nicht mehr, man kann ihn sich nicht mehr nutzbar machen und die schreckliche Angst der Erwartung verdoppelt sich langsam aber sicher.
Ich erinnere mich noch, ich stand mit dem Rücken zur Tür und griff nach meinem Hut auf dem Tische, als mir der Gedanke kam, ich würde sofort hinter mir den alten Smitt erblicken; die Tür würde sich langsam öffnen und er würde auf der Schwelle stehen und ins Zimmer blicken, würde leise mit gesenktem Kopf auf mich zukommen, sich vor mir aufstellen, seine trüben Augen auf mich richten und plötzlich mir ins Gesicht lachen mit seinem zahnlosen, unhörbaren Lachen, und sein großer Körper würde von diesem Lachen hin- und hertanzen. Diese Vision richtete sich so klar und deutlich in meiner Phantasie auf, daß es mir zur vollen, unerschütterlichen Überzeugung wurde, daß alles das sofort geschehen müsse, ja, vielleicht schon geschehen sei, und daß ich es nur nicht gesehen, da ich mit dem Rücken zur Tür stand. In diesem Augenblick mußte sich die Tür unbedingt öffnen, ich kehrte mich plötzlich um und – was geschah? – die Tür öffnete sich wirklich leise, lautlos, genau so wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich schrie auf. Lange Zeit zeigte sich niemand, als hätte die Tür sich von selbst geöffnet; plötzlich aber erschien auf der Schwelle ein sonderbares Wesen: ein Paar Augen, die ich kaum in der Dunkelheit unterscheiden konnte, blickten mich finster und durchdringend an. Ein Schauer überlief meinen Körper. Zu meinem größten Erstaunen sah ich, daß es ein Kind war, ein Mädchen, und wenn es sogar Smitt selbst gewesen wäre, so hätte er mich vielleicht nicht so erschrecken können, wie diese sonderbare, unerwartete Erscheinung eines mir unbekannten Kindes, zu dieser Zeit und Stunde in meinem Zimmer.
Ich sagte bereits, daß die Kleine die Tür langsam und unhörbar öffnete. Es war, als fürchtete sie sich, einzutreten. Als sie endlich auf der Schwelle erschien, sah sie mich lange mit solcher Verwunderung an, als wäre sie versteinert; zuletzt trat sie zwei, drei Schritte vor und blieb, ohne ein Wort zu sagen, vor mir stehen. Jetzt konnte ich sie deutlicher erkennen. Es war ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren, klein von Wuchs, zart und blaß, als hätte es soeben eine schwere Krankheit überstanden. Desto ausdrucksvoller aber leuchteten seine großen, dunklen Augen. Mit der linken Hand hielt die Kleine über der Brust ein altes, durchlöchertes Tuch zusammen, womit sie sich wohl vor der Abendkälte zu schützen suchte. Bekleidet war sie, man kann ruhig sagen, fast nur mit Lumpen. Das dichte dunkle Haar war ungekämmt und zerwühlt. Wir standen uns ungefähr zwei Minuten lang so gegenüber, uns gegenseitig anstarrend.
„Wo ist Großpapa?“ fragte sie endlich mit kaum hörbarer, heiserer Stimme, als schmerzte ihr die Brust oder die Kehle.
Mein ganzer mystischer Schrecken war plötzlich verschwunden. Man fragte nach Smitt! Ganz unerwartet kam ich also auf eine Spur von ihm!
„Dein Großpapa? Er ist gestorben!“ sagte ich ohne Besinnen, da ich auf diese Frage garnicht vorbereitet war. Ich bereute es sofort. Einen Augenblick blieb sie noch vor mir unbeweglich stehen, dann aber erzitterte sie so heftig am ganzen Körper, daß ich fürchtete, sie bekäme einen Nervenanfall. Ich mußte sie halten, damit sie nicht fiele. Nach einigen Minuten wurde sie ruhiger und ich sah, mit welcher Anstrengung sie ihre Erregung vor mir zu verbergen suchte.
„Vergib, vergib mir, mein Kind! Ich bin damit so einfach herausgeplatzt, das war vielleicht nicht dein Großpapa ... Du Arme! ... Wen suchst du eigentlich? Den Alten, der hier lebte?“
„Ja,“ brachte sie mit Anstrengung hervor und starrte mich unruhig an.
„Er hieß Smitt? Ja?“
„J–, Ja!“
„Also er ... nun, ja, er ist tot ... Sei nur nicht traurig, mein Täubchen! Warum bist du nicht früher gekommen? Woher kommst du? Sie haben ihn gestern beerdigt; er starb plötzlich, ganz unerwartet ... Du bist also seine Enkelin?“
Die Kleine antwortete nicht auf meine überstürzten Fragen. Schweigend kehrte sie sich um und ging fast lautlos aus dem Zimmer. Ich war so bestürzt, daß ich sie nicht zurückhielt, noch sie etwas zu fragen wagte. Auf der Türschwelle blieb sie noch einmal stehen, und halb zu mir gewandt, fragte sie:
„Auch Asorka ist tot?“
„Ja, auch Asorka ist tot,“ antwortete ich, und mir schien die Frage so sonderbar; sie klang so überzeugt davon, daß Asorka zusammen mit seinem Herrn hatte sterben müssen.
Sie hörte meine Antwort an und verschwand dann lautlos durch die Tür, die sie vorsichtig hinter sich zuschloß.
Eine Minute später stürzte ich der Kleinen nach, voll Ärger darüber, daß ich sie hatte gehen lassen. Sie war so lautlos verschwunden, daß ich nicht gehört, wie sie die zweite auf die Treppe hinausführende Tür hinter sich zugeschlossen. „Die Treppe kann sie noch nicht verlassen haben,“ dachte ich, und hielt lauschend still. Man vernahm weder ein Geräusch noch Schritte. In einem unteren Stockwerk wurde eine Tür laut zugeschlagen. Dann war wieder alles still.
Ich stieg eilig hinab. Die Treppe von meiner Wohnung in den vierten Stock machte eine Biegung, erst von dort an führte sie geradeaus und hinab. Es war eine dieser schmutzigen Hintertreppen, die man stets in großen Mietshäusern mit kleinen Wohnungen findet. In diesem Augenblick war es auf ihr vollständig finster. Ich tastete mich bis zum nächsten Stockwerk hinunter und blieb dann stehen. Mir schien, als müsse sich hier jemand vor mir auf dem Treppenabsatz versteckt haben. Ich tastete mit den Händen längs der Wand und stieß ganz in der Ecke auf die Kleine, die mit dem Gesichte zur Wand hin stand und leise, fast lautlos, weinte.
„Höre, warum fürchtest du dich?“ begann ich, „habe ich dich so sehr erschreckt? Das tut mir leid. Als dein Großpapa starb, sprach er von dir; das waren seine letzten Worte ... Bei mir liegen seine Bücher; sie gehören jetzt wohl dir. Wie heißt du? Wo wohnst du? Er sagte, in der sechsten Linie ...“
Doch konnte ich den Satz nicht beenden. Wie erschreckt darüber, daß ich wissen konnte, wo sie wohne, schrie sie laut auf, stieß mich mit ihrer mageren kleinen Hand beiseite und stürzte die Treppe hinunter. Ich stürzte ihr nach. Unten vernahm ich noch ihre kleinen Schritte. Plötzlich hörten sie auf ... Als ich auf die Straße trat, war sie nicht mehr zu sehen. Ich eilte bis auf den Wosnessenskij-Prospekt hinunter und als ich da anlangte, sah ich, daß alle meine Bemühungen vergebens waren: sie war verschwunden. „Wahrscheinlich hat sie sich irgendwo vor mir versteckt,“ dachte ich, „vielleicht gleich unten bei der Treppe.“
XI.
Doch kaum war ich auf das feuchte, schmutzige Trottoir des Prospekts hinausgetreten, als ich mit einem Vorübergehenden zusammenstieß, der offenbar ganz in Gedanken versunken, den Kopf gesenkt, sich sehr beeilte. Zu meinem größten Erstaunen erkannte ich in ihm den alten Ichmenjeff. Es war für mich ein Abend unerwarteter Begegnungen. Ich wußte, daß der Alte vor drei Tagen stark erkältet war, und nun plötzlich begegne ich ihm bei diesem feuchten Wetter auf der Straße! Zudem war er früher nie zur Abendzeit ausgegangen und seitdem Natascha die Eltern verlassen, das heißt fast seit einem halben Jahr, rührte er sich nicht aus dem Hause. Als er mich erblickte, schien er außerordentlich erfreut zu sein, wie ein Mensch, der endlich einen Freund trifft, mit dem er seine Gedanken teilen kann. Er ergriff meine Hand, drückte sie kräftig, zog mich mit sich fort und fragte, wohin ich ginge. Er schien sehr erregt, seine Bewegungen waren hastig und zerstreut. „Wohin mag der wohl gegangen sein?“ dachte ich bei mir. Ihn danach zu fragen, das ging nicht an: er war in letzter Zeit so mißtrauisch geworden, daß er oft in der allereinfachsten Frage oder Bemerkung eine Anspielung oder Beleidigung witterte.
Ich betrachtete ihn mir von der Seite: sein Gesicht sah krankhaft aus, in der letzten Zeit war es sehr abgemagert, der Bart war ihm seit einer Woche nicht mehr geschnitten worden. Das nun fast ganz ergraute Haar quoll unordentlich unter dem verbeulten Hut hervor und hing in langen Strähnen auf dem Kragen seines alten abgetragenen Überziehers. Ich hatte es schon öfter bemerkt, daß er sich minutenlang ganz vergessen konnte; er vergaß zum Beispiel, daß er allein im Zimmer war, sprach laut mit sich selbst und gestikulierte mit den Armen. Es tat weh, ihn anzuschauen.
„Nun, Wanjä, nun? Wohin gingst du? Siehst du, mein Lieber, ich, ich bin ausgegangen; in Geschäften. Bist du gesund?“
„Und Sie, sind Sie gesund?“ antwortete ich. „Sie waren doch unlängst krank, und jetzt gehen Sie aus?“
Der Alte antwortete mir nicht, es war, als hätte er mich garnicht gehört.
„Wie geht es Anna Andrejewna?“
„Gut, gut ... Übrigens, vielleicht ist sie ein bißchen erkaltet. Sie hat es bei mir ein wenig traurig ... Sie sprach auch von dir ... Warum bist du nicht gekommen? Ja, gehst du jetzt mit zu uns, Wanjä, oder nicht?“ fragte er plötzlich, mich scharf und fragend ansehend.
Der mißtrauische Alte war so empfindlich geworden, daß, wenn ich ihm jetzt geantwortet hätte, es sei nicht meine Absicht gewesen, zu ihnen zu kommen, er sich unfehlbar beleidigt gefühlt und sich kühl von mir verabschiedet hätte. Ich beeilte mich also, ihm zu versichern, daß ich soeben die Absicht gehabt, Anna Andrejewna aufzusuchen, obgleich ich wußte, daß ich mich dadurch verspäten würde und das Wiedersehen mit Natascha überhaupt in Frage gestellt wurde.
„Nun, das ist gut,“ sagte der Alte, vollständig beruhigt durch meine Antwort. „Das ist gut ...“
Und plötzlich verstummte er wieder und wurde nachdenklich.
„Ja, das ist gut!“ wiederholte er nach fünf Minuten wieder mechanisch dasselbe, als erwache er aus einer tiefen Versunkenheit. „Hm! ... Siehst du, Wanjä, du bist uns immer wie unser eigener Sohn gewesen; Gott schenkte uns ... keinen Sohn ... und schickte uns dich; so habe ich immer gedacht. Die Alte ... auch! Ja! Und du hast dich immer ehrerbietig zu uns benommen, zärtlich, wie ein dankbares Kind. Möge dich Gott dafür segnen, Wanjä, wie wir beiden Alten dich segnen und lieben ... Ja!“ Seine Stimme bebte, er hielt einen Augenblick inne.
„Ja ... nun ... wie ist es dir ergangen? Warst du nicht erkältet? Warum warst du so lange nicht mehr bei uns?“
Ich erzählte ihm die ganze Geschichte mit Smitt, entschuldigte meine Abwesenheit durch diese Angelegenheit, sagte, daß ich mich außerdem krank gefühlt, und daß der Weg nach Wassilij-Ostroff (wo sie damals wohnten), sehr weit sei. Ich wollte schon hinzufügen, daß ich auch noch nicht Zeit gefunden hatte, Natascha zu besuchen, doch fiel mir das Unangebrachte dieser Bemerkung noch zur rechten Zeit ein und ich verstummte.
Die Geschichte mit Smitt interessierte ihn sehr. Er wurde aufmerksamer. Als er erfuhr, daß meine neue Wohnung feucht war, vielleicht noch feuchter als die alte und sechs Rubel monatlich koste, war er sehr aufgebracht. Überhaupt war er recht heftig und ungeduldig geworden. Nur Anna Andrejewna verstand es, in solchen Augenblicken mit ihm auszukommen, und auch das nicht immer.
„Hm! ... Das kommt von deiner Literatur, Wanjä!“ rief er wütend aus. „Sie hat dich bis unter das Dach gebracht, und wird dich auch noch auf den Kirchhof bringen! Habe ich dir’s damals nicht gesagt? Dich davor gewarnt! ... Und wie steht es mit B.; schreibt er immer noch seine Kritiken?“
„Er ist gestorben, an der Schwindsucht gestorben. Ich habe es Ihnen doch schon mitgeteilt, wenn ich nicht irre.“
„Gestorben, hm! ... Gestorben! Ja, so mußte es kommen. Hat er seiner Frau und seinen Kindern etwas hinterlassen? Du hast mir doch gesagt, daß er Frau und Kinder hatte ... Woraufhin heiraten diese Leute überhaupt?“
„Nein, er hat ihnen nichts hinterlassen,“ antwortete ich.
„Nun, hab’ ich’s nicht gesagt!“ rief er außer sich, als ginge ihn die Sache etwas an und als wäre der verstorbene B. sein eigener Bruder gewesen. „Nichts! Also, so ... so, nichts! Nichts hinterlassen! Siehst du, Wanjä, das hab ich vorausgefühlt, so mußte er enden, und schon damals, weißt du noch, als du ihn immer so lobtest. Sehr einfach zu sagen: hat nichts hinterlassen! Hm! ... hat sich dafür Ruhm erworben. Nehmen wir an, unsterblichen Ruhm, doch von Ruhm lebt man nicht. Ich habe damals, mein Lieber, auch bei dir alles vorausgesehen. Also so, B. ist gestorben? Ja ... und warum soll er auch nicht sterben! Ist denn das ein Leben hier ... in dieser Stadt! Sieh dich doch nur um!“ Und mit einer unwillkürlichen Handbewegung wies er auf die neblige Perspektive der wegen der undurchdringlichen Atmosphäre nur schwach erleuchteten Straßen, auf die schmutzigen Häuser, auf die vor Feuchtigkeit glitzernden Steinfliesen des Trottoirs, auf die finsteren und durchnäßten Gestalten der Vorübereilenden, auf dieses ganze Bild, das von der eintönig tuschfarbenen Kuppel eines Petersburger Himmels umrahmt wurde. Wir traten auf den Platz hinaus; aus dem Dunkel vor uns erhob sich das Denkmal Nikolais, von Gasarmen umgeben und von unten durch Gasarme und Kandelaber beleuchtet, weiterhin die dunkle, kolossale Masse der Isaakskirche, deren Formen bei der Dunkelheit des Himmels nur undeutlich zu erkennen waren.
„Du sagtest doch, Wanjä, daß er ein großzügiger, sympathischer Mensch gewesen sei, mit Herz und Verstand. Alle sind sie so, deine sympathischen Leute mit den guten Herzen. Die Zahl der Waisenkinder zu vermehren, das ist alles, was sie verstehen! Hm! ... ja und zu sterben muß für ihn lustig gewesen sein, denke ich! he, he, he! Wäre er von hier fortgefahren, und wär’s nach Sibirien! ... Was willst du, Kleine?“ fragte er plötzlich ein Kind, das ihn um Almosen bat.
Es war ein kleines schwächliches Mädchen, von sieben Jahren etwa, in schmutzige Lumpen, beinah Fetzen gekleidet. Die nackten Füßchen steckten in durchlöcherten Schuhen. Sie strengte sich an, den vor Kälte zitternden Körper in ein altes Mäntelchen zu hüllen, dem sie längst schon entwachsen war. Das abgemagerte, bleiche Gesichtchen war uns zugewandt; sie sah uns stumm, mit flehenden Blicken an und mit ergebener Furcht vor einer Absage streckte sie uns ihr zitterndes Händchen entgegen. Der Alte erbebte, als er es sah und wandte sich so hastig zu ihr hin, daß sie erschrak. Sie zuckte zusammen und fuhr entsetzt zurück.
„Was willst du, Kind?“ schrie er. „Was bittest du? Da, nimm ... nimm, da!“ –
Und er wühlte mit zitternder Hand in seiner Tasche herum und holte zwei oder drei Silberstücke heraus. Es schien ihm aber doch zu wenig, er zog seine Geldtasche hervor und nahm einen Rubelschein heraus – alles was in ihr enthalten war – und legte das Geld in die Hand des Bettelkindes.
„Möge Christus dich behüten, Kleine ... Mögen dich, mein Kind, Gottes Engel begleiten!“
Mit zitternder Hand bekreuzte er mehrmals die Kleine, doch als er sah und ihm einfiel, daß ich dabeistand und ihm zusah, runzelte er die Stirne und setzte mit raschen Schritten seinen Weg fort.
„Siehst du, Wanjä,“ begann er nach langem, fast wütendem Schweigen, „ich kann es nicht ansehen, wie diese kleinen, unschuldigen Geschöpfe, vor Kälte zitternd auf der Straße ... ihrer verfluchten Mütter und Väter wegen ... Übrigens, welche Mutter wird wohl ihr Kind hinaus in dieses Unglück schicken, wenn nicht eine im tiefsten Elend! ... Wahrscheinlich sitzen bei ihr in der Ecke noch andere Waisenkinder, diese war wohl die Älteste; sicher ist sie krank ... die Mutter und ... hm! Nicht alle sind Fürstenkinder ... viele Kinder gibt es in der Welt, Wanjä, ... die ... hm!“
Er verstummte auf einen Augenblick, als wüßte er nicht, wie er fortfahren sollte.
„Ich, siehst du, Wanjä, habe Anna Andrejewna versprochen,“ begann er ein wenig verwirrt und unsicher, „ich habe ihr versprochen ... das heißt, wir sind beide miteinander einig, Anna Andrejewna und ich, ein Waisenkind zur Erziehung anzunehmen, ... so irgend ein armes, kleines, ganz ins Haus zu uns ... Du verstehst doch? Uns Alten ist es einsam, so allein ... hm ... nur, siehst du! Aber Anna Andrejewna scheint sich doch noch dagegen zu sträuben. Sprich du doch mit ihr, weißt du, nicht von mir aus, du weißt schon, sondern von dir aus, berede sie doch ... Du verstehst mich? Schon lange wollte ich dich darum bitten ... sie möge doch einwilligen ... ich kann es so recht nicht tun ... aber was rede ich von diesen Albernheiten! Was geht mich ein Kind an? Ich habe es nicht nötig! Nur so zur Beruhigung ... um ein Kinderstimmchen zu hören ..., und, ich tue es doch nur der Alten wegen; es wird für sie lustiger sein, als immer mit mir Altem allein. Doch, alles das ist dummes Zeug! Und – so kommen wir nicht weiter; nehmen wir eine Droschke, es ist noch weit und Anna Andrejewna erwartet uns schon lange ...“
Es war halb acht, als wir endlich bei Anna Andrejewna ankamen.
XII.
Die alten Ichmenjeffs liebten sich sehr. Liebe und langjährige Gewohnheit hatte sie unzertrennlich aneinandergefesselt. Doch war Nikolai Ssergejewitsch nicht nur jetzt, sondern auch schon früher in seinen glücklichen Zeiten, nicht sehr mittelsam zu seiner Anna Andrejewna gewesen, und hin und wieder geradezu streng mit ihr umgegangen, letzteres besonders in Gegenwart von fremden Leuten. In einigen Naturen, die sehr zart und feinfühlend sind, erhebt sich manchmal ein Widerstand dagegen, der von ihnen geliebten Person ihre Zärtlichkeit nicht nur in Gegenwart von Menschen, sondern auch unter vier Augen zu zeigen. Nur hin und wieder bricht die Zärtlichkeit durch, um so heißer und leidenschaftlicher, je länger sie zurückgehalten worden war! So verhielt sich auch teilweise der alte Ichmenjeff zu seiner Anna Andrejewna, und zwar von Anfang an in seiner Ehe mit ihr. Er achtete und liebte sie grenzenlos, ungeachtet dessen, daß sie nur eine gute Frau war, die nichts als ihn zu lieben verstand; und er ärgerte sich oft sehr darüber, daß sie sich ihrerseits in ihren Gefühlen zu ihm, in ihrer Natürlichkeit, keinen Zwang antat. Doch seit Natascha sie verlassen, waren sie viel zärtlicher zueinander geworden; sie fühlten es schmerzlich, daß sie jetzt ganz allein auf der Welt waren. Und obgleich Nikolai Ssergejewitsch oft sehr verschlossen und finster war, so konnten doch beide nicht zwei Stunden ohne Schmerz und Sehnsucht voneinander getrennt sein. Sie waren schweigend übereingekommen, von Natascha mit keinem Wort zu sprechen, als wäre sie niemals auf der Welt gewesen. Anna Andrejewna wagte in Gegenwart ihres Mannes denn auch nicht, Natascha nur im geringsten zu erwähnen, obgleich es ihr sehr schwer fiel. Sie hatte Natascha in ihrem Herzen schon längst verziehen. Zwischen uns war gewissermaßen eine stillschweigende Abmachung getroffen worden, daß ich zu jedem Besuch bei ihr Nachrichten von ihrem unvergeßlichen, geliebten Kinde brachte.
Die Alte wurde krank, wenn sie länger keine Nachrichten hatte, und sobald ich dann wieder bei ihr erschien, wollte sie aber auch die kleinste Einzelheit wissen. Mit zitternder Neugier erkundigte sie sich nach allem, was ich gesehen, und wäre beinahe vor Schreck gestorben, als sie hörte, daß Natascha erkrankt war; fast wäre sie selbst zu ihr gegangen. Doch hätte sie es wohl nur im äußersten Fall getan. Sie wagte mir gegenüber nicht einmal den Wunsch, ihre Tochter wiederzusehen, auszusprechen, und jedesmal hielt sie es nach unseren Gesprächen, nachdem sie mich über alles ausgeforscht, für ihre Pflicht, nachdrücklich zu wiederholen, daß, wenn sie sich auch nach wie vor sehr um das Schicksal ihrer Tochter kümmere und sorge, Natascha doch eine Verbrecherin bliebe, der man nicht verzeihen könne. Das war jedoch alles nur äußerlich. Es kam vor, daß Anna Andrejewna sich bis zur Krankhaftigkeit abquälte, in meiner Gegenwart Natascha mit den zärtlichsten Namen nannte, sich bitter über Nikolai Ssergejewitsch beklagte, und in seiner Anwesenheit, wenn auch mit großer Vorsicht, versteckte Anspielungen machte, von Hochmut und Hartherzigkeit der Menschen sprach und davon, daß wir nicht zu verzeihen verstünden, Gott aber den Verstockten seinerseits auch nicht vergäbe – doch mehr wagte sie in seiner Gegenwart nicht zu sagen. In solchen Augenblicken verdüsterte sich das Gesicht des Alten, er wurde mürrisch und schweigsam, und plötzlich sprach er dann, gewöhnlich sehr ungeschickt, laut von etwas ganz anderem, um dann schließlich doch aufzustehen und sich in sein Zimmer zurückzuziehen, um auf diese Weise Anna Andrejewna die Möglichkeit zu geben, ihren Kummer vor mir auszuschütten und sich auszuweinen. Ebenso zog er sich bei meinen Besuchen, nachdem er mich begrüßt hatte, immer gleich zurück, um mir Gelegenheit zu geben, Anna Andrejewna die letzten Nachrichten über Natascha mitzuteilen. So tat er es auch diesmal.
„Ich bin ganz durchnäßt,“ sagte er zu ihr, als wir kaum ins Zimmer getreten waren, „ich gehe in mein Zimmer, und du, Wanjä, bleibe hier. Ihm ist eine Geschichte passiert ... mit der Wohnung; erzähle ihr das. Ich komme gleich wieder zurück ...“
Und er eilte hinaus, bemüht, uns nicht anzusehen, als schäme er sich, daß er uns selbst zusammenbrachte. Wenn er wieder zu uns zurückkehrte, war er dann mürrisch, sowohl gegen mich als gegen Anna Andrejewna, ganz, als ärgere er sich über seine eigene Weichheit und Nachgiebigkeit.
„So ist er immer,“ sagte die Alte, die in letzter Zeit ihre frühere Zurückhaltung gegen mich ganz aufgegeben hatte. „Immer ist er so zu mir; dabei weiß er doch, daß wir seine Schlauheit durchschauen. Warum verstellt er sich vor mir! Bin ich denn etwa eine Fremde für ihn? So ist er auch zu seiner Tochter. Er könnte ihr doch verzeihen, vielleicht wünscht er es sogar, Gott weiß es! Die Nächte über weint er, habe es selbst gehört! Äußerlich will er sich stark zeigen. Der Stolz beherrscht ihn ... Lieber Iwan Petrowitsch, erzähl’ schneller: wohin war er gegangen?“
„Nikolai Ssergejewitsch? Ich weiß es nicht: ich wollte Sie fragen.“
„Und ich dich! Mir wurde ganz schwach zumute, als ich ihn gehen sah. Er ist doch krank, und bei solchem Wetter, in der Dunkelheit! Nun, dachte ich, der muß etwas wichtiges vorhaben; was kann es aber wichtigeres geben, als die uns bekannte Angelegenheit? So dachte ich bei mir, aber zu fragen wagte ich ihn nicht. Großer Gott, ich zitterte ordentlich bei dem Gedanken an ihn und an sie. Nun, dachte ich, jetzt geht er zu ihr; jetzt wird er ihr verzeihen! Er hat doch alles erfahren, auch die letzten Nachrichten von ihr kennt er. Ich bin fest überzeugt, daß er alles weiß, woher er aber Nachrichten über sie erhält, kann ich mir nicht vorstellen. Gar zu sehr grämte er sich schon gestern, und heute gleichfalls. Ja, was schreist du denn! Erzähle doch, mein Lieber, was dort vorgefallen ist! Wie einen Engel Gottes habe ich dich erwartet, habe mir die Augen nach dir ausgesehen. Nun, wie ist es, verläßt dieser Bösewicht Natascha?“
Ich erzählte sofort Anna Andrejewna alles, was ich selbst wußte. Zu ihr war ich immer vollkommen aufrichtig. Ich teilte ihr mit, daß es in der Tat diesmal zwischen Natascha und Aljoscha zu einem Bruch kommen könnte; daß diesmal der Konflikt ernster als die früheren sei; daß Natascha mir gestern einen Zettel geschickt und mich gebeten, heute abend um neun Uhr zu ihr zu kommen, weshalb ich auch garnicht die Absicht gehabt, hierher zu gehen, aber Nikolai Ssergejewitsch habe mich mitgenommen. Ich erzählte ihr, und erklärte ihr ausführlich, daß die Lage jetzt eine sehr kritische sei; daß der Vater Aljoschas, der vor zwei Wochen von einer Reise zurückgekehrt sei, von alledem nichts hören wolle und energisch gegen Aljoscha vorgehe. Doch wichtiger sei, daß Aljoscha selbst, wie es scheine, zu der andern hinneige, und wie man höre, sich sogar in sie verliebt haben solle. Ich fügte noch hinzu, daß der Brief von Natascha in großer Aufregung geschrieben sei, und daß heute, wie sie darin schrieb, alles sich entscheiden würde. In welcher Richtung? Das sei noch unentschieden. Sonderbar, daß sie heute geschrieben, mir aber befohlen habe, morgen um neun Uhr abends zu kommen. Darum müsse ich auch sofort gehen, und zwar so schnell als möglich.
„Gehe nur, gehe, Junge, gehe sofort,“ rief Anna Andrejewna besorgt und beunruhigt, „sobald er kommt, trinkst du noch rasch den Tee ... Warum hat man den Samowar noch nicht gebracht! Matrjona! Wo bleibt denn der Samowar? Der Nichtsnutz! ... Wenn du also deinen Tee ausgetrunken hast, finde einen passenden Vorwand, und – fort mit dir! Morgen aber komme unbedingt zu mir und erzähle mir alles. Ja, komme so früh als möglich. Großer Gott! Wenn nur kein Unglück geschieht! Kann es denn noch schlechter kommen! Nikolai Ssergejewitsch hat sicher schon alles erfahren, mein Herz sagt es mir, daß er alles schon weiß. Ich habe ja auch von Matrjona vieles erfahren und diese wieder durch Agascha; Agascha wiederum ist ein Taufkind von Marja Wassiljewna, die im Hause des Fürsten dient ... nun, du weißt doch selbst alles. Böse war heute Nikolai Ssergejewitsch, böse. Ich sprach nur so von diesem und jenem, er aber schrie mich an, wie ein Wütender; später tat es ihm leid, behauptete, wir hätten bald kein Geld mehr. Als wäre er des Geldes wegen wütend gewesen! Nun, du kennst ja doch unsere Verhältnisse. Nach dem Mittagessen ging er schlafen. Ich blickte durch die Türspalte ins Zimmer (in der Tür ist eine kleine Spalte, er weiß nichts von ihr), er aber, mein Täubchen, lag auf den Knien vor einem Heiligenbild und betete. Als ich das erblickte, da wankten mir die Knie. Und den Tee trank er nicht, geschlafen hat er auch nicht. Nahm seinen Hut und ging. Ich wagte nicht ihn zu fragen; er hätte mich wieder angeschrien. Er schreit jetzt des öfteren, wenn er mich nicht anschreit, dann Matrjona; so wie er aber zu schreien anfängt, zittern mir die Knie und mein Herz hört auf zu schlagen. Wenn er auch übertreibt, nun ich weiß ja doch, daß er absichtlich so tut, aber schrecklich ist es doch. Als er fortging, habe ich zu Gott eine ganze Stunde gebetet, er möge alles zum Guten lenken. Wo ist ihr Brief, zeig’ ihn mir!“
Ich gab ihr den Brief. Ich wußte, daß Anna Andrejewna nur den einen Wunsch hatte, daß Aljoscha, den sie einen Bösewicht und dummen Jungen nannte, zuletzt doch Natascha heiraten würde, und daß sein Vater, der Fürst Pjotr Alexandrowitsch, seine Einwilligung dazu gäbe. Sie hatte es einmal sogar mir gegenüber ausgesprochen, es dann jedoch bereut und mehrmals widerrufen. Niemals aber hätte sie ihre Hoffnungen vor Nikolai Ssergejewitsch auszusprechen gewagt, obgleich sie wußte, daß der Alte ihr das nachtrug und ihr im stillen geradezu Vorwürfe deswegen machte. Ich glaube, er hätte Natascha auf immer verflucht und ihr Andenken ganz aus seinem Herzen gerissen, wenn er auch nur von einer Möglichkeit dieser Ehe erfahren hätte.
Wir alle waren damals derselben Meinung. Er erwartete seine Tochter mit jeder Fiber seines Herzens, doch erwartete er sie allein, reuig und bereit, jede Erinnerung an ihren Aljoscha aus ihrem Herzen zu reißen. Nur unter dieser einen Bedingung hätte er ihr verziehen – wenn er das auch nicht in dieser Weise ausgesprochen, so begriff man es doch sofort, wenn man ihn nur ansah.
„Charakterlos ist er, ein charakterloser, grausamer Junge ist er, das habe ich immer gesagt,“ begann Anna Andrejewna wieder von neuem. „Man hat ihn nicht zu erziehen verstanden, ein Leichtsinn ist er geworden. Um dieser neuen Liebe willen sie zu verlassen! Gott, mein Gott! Was wird aus der Armen werden? Und was er wohl an der Anderen gefunden haben mag, das begreife ich nicht!“
„Ich habe gehört, Anna Andrejewna,“ bemerkte ich, „daß diese Braut ein reizendes, bezauberndes Mädchen sein soll, auch Natalja Nikolajewna hat es von ihr behauptet ...“
„Und du glaubst natürlich alles!“ unterbrach sie mich. „Bezaubernd? Für euch Federfuchser ist jede bezaubernd, wenn sie nur einen Rock an hat. Und wenn Natascha sie lobt, so tut sie das nur, weil sie ein edles Herz hat. Sie versteht nicht ihn zu halten, alles verzeiht sie ihm, selbst aber leidet sie. Wie oft ist er ihr schon untreu gewesen! Böse, hartherzige Menschen! Mich aber packt die Angst, Iwan Petrowitsch! Der Stolz blendet sie alle. Wenn der Meine sich wenigstens überwinden, meinem Täubchen verzeihen und es wieder zu mir bringen würde! Wie wollte ich sie umarmen, mich an ihr satt sehen! Sie sieht wohl sehr elend aus?“
„Ja, Anna Andrejewna.“
„Die Arme! Und mit mir steht es auch nicht ganz gut, Iwan Petrowitsch! Die ganze Nacht und den ganzen heutigen Tag habe ich geweint ... worüber, das werde ich dir später erzählen! Wievielmal habe ich ihm nicht von ferne angedeutet, er möge ihr doch verzeihen: geradeaus wage ich es ihm nicht zu sagen, doch so auf Umwegen muß man’s ihm beibringen. Das Herz erstirbt mir dabei in der Brust: wenn er nun wütend wird, und sie noch verflucht! Verflucht hat er sie noch nicht, das habe ich von ihm noch nicht gehört ... Darum fürchte ich mich aber auch so sehr, daß er es nur ja nicht tut! Was würde wohl dann sein? Der Fluch des Vaters ist auch Gottes Fluch. So lebe ich, jeden Tag zittere ich vor Angst. Und auch du solltest dich schämen, Iwan Petrowitsch; bist in unserem Hause aufgewachsen, hast elterliche Liebe von uns empfangen und hast dir auch ausgedacht, daß die Andere bezaubernd sei! Was geht denn dich das an? Was für eine Bezaubernde? Da hat Marja Wassiljewna besser gesprochen. (Ich habe es gewagt: habe sie einmal zu mir zum Kaffee eingeladen, als Meiner einen ganzen Morgen in Geschäften aus war.) Sie hat mich über alles aufgeklärt. Der Fürst, der Vater von Aljoscha, hat zu der Gräfin in unerlaubten Beziehungen gestanden. Die Gräfin hat ihm schon immer vorgeworfen, daß er sie nicht heirate, er hat es aber immer wieder aufgeschoben. Die Gräfin jedoch stand schon bei Lebzeiten ihres Gemahls in schlechtem Rufe. Als ihr Mann starb, reiste sie ins Ausland: hier lernte sie Italiener, Franzosen, Barone und Grafen kennen, und da hat sie auch den Fürsten Pjotr Alexandrowitsch gekrallt. Ihre Stieftochter aber, die Tochter ihres ersten Mannes, der ein Branntweinpächter war, wuchs allmählich heran. Die Gräfin, ihre Stiefmutter also, hatte bis dahin alles verlebt, was sie besaß, mit Katherina Fedorowna zusammen aber wuchsen auch die zwei Millionen heran, die ihr Vater für sie in der Bank deponiert hatte. Jetzt, sagt man, habe sie drei Millionen, und da hat sich denn der Fürst gedacht, daß es sehr vorteilhaft wäre, Aljoscha mit ihr zu verheiraten. (Fürchte dich nicht, der läßt nichts durch.) Der Graf, der vornehme, hochgestellte Hofmann, ihr Verwandter, hat eingewilligt; drei Millionen sind kein Spaß! Gut, sagt er, sprechen Sie mit der Gräfin. Der Fürst teilt der Gräfin seinen Wunsch mit. Die ist dagegen, mit Händen und Füßen. Eine tolle Frau, sagt man, ohne jeden Anstand! Hier sollen sie schon viele nicht mehr empfangen, wie wird es erst im Auslande gewesen sein! Nein, sagt sie, du, Fürst, mußt mich heiraten, meine Stieftochter bekommt Aljoscha nicht. Die Tochter soll aber eine Seele von Mensch sein, doch ihrer Stiefmutter in allem untertan und sie geradezu anbeten. Eine bescheidene, sagt man, eine engelsgute Seele! Der Fürst versteht natürlich sofort, um was es sich handelt, und sagt es ihr auch: ‚Du, Gräfin, beunruhige dich nicht. Du hast dein Gut verlebt und eine Menge Schulden. Wenn aber deine Stieftochter Aljoscha heiraten wird, so gibt es ein gutes Paar: sie ist unschuldig wie ein Engel und Aljoscha ein Dummkopf; wir werden sie beide zusammen bevormunden, dann wirst auch du Geld haben. Was nützt es dir, wenn ich dich heirate?‘ sagte er. Ein schlauer Mensch. Ein Freimaurer! Vor einem halben Jahr hat die Gräfin sich nicht dazu entschließen können, jetzt, sagt man, seien sie nach Warschau gefahren, dort habe sie eingewilligt. So ist es. Das hat mir alles Marja Wassiljewna erzählt, die es selbst von einem glaubwürdigen Menschen erfahren. Nun, siehst du wohl: um Geld handelt’s sich, um Millionen, und nicht darum, daß sie bezaubernd ist!“
Die Erzählung Anna Andrejewnas setzte mich in Erstaunen. Sie stimmte vollkommen mit dem überein, was ich selbst unlängst von Aljoscha gehört hatte. Als er es mir erzählte, behauptete er fest, daß er nie des Geldes wegen heiraten würde. Doch hatte Katherina Fedorowna einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Ich hörte auch von Aljoscha, daß der Vater selbst vielleicht heiraten möchte, doch alles Gerede darüber als unwahr bezeichne, um die Gräfin nicht vorher zu reizen. Ich sagte bereits, daß Aljoscha seinen Vater sehr liebte und pries, und an ihn, wie an einen Gott, glaubte.
„Und nicht aus gräflichem Geschlecht ist sie, deine Bezaubernde!“ fuhr Anna Andrejewna fort, sehr gereizt über das Lob, das ich der zukünftigen Braut des jungen Fürsten gespendet hatte. „Natascha wäre für ihn eine bessere Partie. Sie ist die Tochter eines Kaufmanns. Natascha aber ist aus altem adligem Geschlecht. Mein Alter öffnete gestern (ich habe es vergessen, dir zu sagen) seine eiserne Kiste, du kennst sie doch, und hat den ganzen Tag in alten Urkunden geblättert. So ernst saß er da. Ich strickte meinen Strumpf und wagte nicht, ihn anzusehn. Als er nun sieht, daß ich schweige, wird er wütend, er muß mich nun selbst rufen und da hat er mir den ganzen Abend unseren Stammbaum erklärt: Und so erfuhr ich denn, daß die Ichmenjeffs schon zu Zeiten Iwan Wassiljewitsch des Grausamen den Adel besaßen und meine Familie, das Geschlecht der Schumiloffs, schon unter Alexei Michailowitsch bekannt war, und eine Rolle gespielt hat – wir haben die Dokumente darüber und auch in der Geschichte Karamsins sind wir verzeichnet. Also, mein Väterchen, wir sind nicht schlechter in der Beziehung als die Anderen. Als der Alte mir das zu erklären anfing, verstand ich, was er im Sinne hatte. Ihn kränkt es, daß man Natascha so gering einschätzt. Nur mit dem Reichtum sind sie uns über. Nun, möge sich dieser Räuber Pjotr Alexandrowitsch um sein Geld mühen: das ist ja allen bekannt: er ist eine hartherzige, gierige Seele. Er sei in Warschau, sagt man, zu den Jesuiten übergetreten? Ist es wahr, was glaubst du?“
„Dummes Gerede,“ antwortete ich, doch unwillkürlich interessierte mich die Hartnäckigkeit, mit der sich dieses Gerücht verbreitete und erhielt. Auch die Nachricht von Nikolai Ssergejewitsch, der seine Urkunden durchsuchte, interessierte mich sehr. Früher hatte er nie seines Geschlechtes Erwähnung getan.
„Alle sind sie hartherzige Menschen!“ fuhr Anna Andrejewna fort. „Doch, was tut sie, mein Täubchen? grämt sie sich, weint sie? Es ist Zeit, daß du zu ihr gehst! Matrjona, Matrjona! Wo bleibst du, Nichtsnutz! Haben sie sie beleidigt? Sage doch, Wanjä!“
Was sollte ich antworten? Sie fing an zu weinen. Ich fragte sie, welches Unglück sie denn noch betroffen hätte, wie sie vorhin gesagt.
„Ach, mein Lieber, als ob es noch nicht genug wäre, als ob der Kelch nicht zum Überfließen voll wäre! Erinnerst du dich, mein Freund, oder weißt du nicht mehr, daß ich ein goldenes Medaillon besaß, mit Nataschas Bildchen, aus ihren Kinderjahren; acht Jahre alt war sie damals, mein Herzenskind. Wir bestellten es bei einem durchreisenden Maler, du hast es wohl sicher vergessen, mein Lieber! Ein guter Maler war es, er hat sie als Kupido dargestellt: helles lockiges Haar hatte sie damals, durchs Hemdchen schien ihre weiße Haut durch, und so reizend sah sie aus, daß man sich gar nicht an ihr sattsehen konnte. Ich bat den Maler, ihr doch Flügel anzumalen, doch er wollte es nicht tun. Nun, siehst du, mein Lieber, in diesen schrecklichen Tagen hatte ich es aus der Schatulle herausgenommen und es mir um den Hals gehängt; so hing es neben meinem Kreuz, und ich fürchetete schon immer, der Alte würde es vielleicht bemerken. Er befahl doch damals, alle ihre Sachen aus dem Hause zu entfernen oder zu verbrennen, damit wir durch nichts mehr an sie erinnert würden. Ich aber war glücklich, wenn ich das Bild wenigstens betrachten konnte; ich sehe es mir an und weine mich aus, dann wird mir leichter ums Herz; ein anderes Mal aber, wenn ich allein bin, küsse ich es, als wäre sie es selbst und nenne sie bei ihrem Namen und bekreuzige sie zur Nacht. Ich spreche laut mit ihr, wenn ich allein bin, frage sie dies und jenes und mir ist, als antworte sie mir. Ach, mein lieber Wanjä, schwer ist es mir, davon zu sprechen! Nun, ich war froh, daß er wenigstens vom Medaillon nichts bemerkt hatte; wie ich aber gestern abend nach meinem Medaillon greife, ist es nicht mehr da. Mir schwanden die Sinne. Suche, suche und suche – nichts! Es ist verloren und bleibt verloren! Und wie kann ich es verloren haben? Im Bett, denke ich, habe ich es abgerissen; ich kehre das ganze Bett um, – nichts! Wenn ich es verloren habe, wer kann es denn finden, wenn nicht er oder Matrjona? Nun, Matrjona kann ich schon garnicht verdächtigen, sie ist mir mit ganzer Seele zugetan ... (Matrjona, wirst du endlich den Samowar aufstellen?) Nun, denke ich, wenn er es findet, was wird dann sein? Ich sitze da und weine, weine, kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Und Nikolai Ssergejewitsch ist so zärtlich zu mir, und sieht mich bedauernd an, als wüßte er, warum ich weine. Und da denke ich: er hat das Medaillon gefunden und es aus dem Fenster geworfen! In seinem Herzen ist er doch fähig dazu; hat es hinausgeworfen und jetzt tut es ihm selbst leid, bedauert es jetzt, denke ich. Nun, ich lief unter das Fenster, um es mit Matrjona zu suchen, – wir fanden nichts. Ich weinte die ganze Nacht über. Zum ersten Male hatte ich sie nicht zur Nacht bekreuzigt. Oh, das führt zum Schlechten, zum Schlechten, Iwan Petrowitsch, das bedeutet nichts Gutes; auch den nächsten Tag wurden meine Augen nicht trocken, immer wieder weinte ich. Habe dich erwartet, mein Freund, wie einen Engel Gottes, damit du meine Seele erlösest ...“
Und sie weinte bitterlich.
„Ach, ja, was ich vergessen, dir zu sagen!“ begann sie plötzlich, ganz erfreut darüber, daß es ihr eingefallen, „hast du etwas von dem Waisenkind gehört?“
„Ja, Anna Andrejewna, er hat mir erzählt, Sie hätten beide beschlossen, ein armes Mädchen, eine Waise, zur Erziehung anzunehmen. Ist das wahr?“
„Nicht gedacht habe ich daran, mein Lieber, nicht gedacht! Und überhaupt, ein Waisenkind will ich nicht haben! Nur an unser schweres Schicksal, an unser Unglück, wird sie uns erinnern. Außer Natascha will ich niemanden haben. Meine einzige Tochter war sie, meine einzige wird sie auch bleiben. Doch, was soll das wohl bedeuten, dieser Einfall mit der Waise? Was denkst du davon, Iwan Petrowitsch? Mir zur Beruhigung, etwa, damit ich mein leibliches Kind vergessen und mich an ein anderes gewöhnen soll? Was hat er dir von mir erzählt? Wie schien er dir – streng ... böse? Ts! Er kommt! Nachher davon, nachher! ... Morgen mußt du kommen, vergiß nicht ...“
XIII.
Der Alte trat ein. Er blickte uns neugierig und fast etwas verschämt an, dann verfinsterte sich sein Gesicht und er trat an den Tisch.
„Nun,“ fragte er, „hat man noch immer nicht den Samowar gebracht?“
„Man bringt ihn sofort, Väterchen, sofort; nun, da ist er schon,“ beeilte sich Anna Andrejewna zu bemerken.
Matrjona erschien sofort mit dem Samowar, als sie den Herrn erblickte, ganz als hätte sie nur auf ihn gewartet. Diese Matrjona war eine alte, erprobte und ergebene Dienerin, aber die eigenwilligste und brummigste von allen Mägden der Welt, mit eigensinnigem, rechthaberischem Charakter. Nikolai Ssergejewitsch jedoch fürchtete sie und vor ihm hielt sie den Mund. Dafür entschädigte sie sich aber um so mehr an Anna Andrejewna, war gegen sie grob und zeigte ihr auf Schritt und Tritt den Wunsch, über sie, ihre Herrin, zu herrschen, obwohl sie zu gleicher Zeit ihr und Natascha von Herzen ergeben war. Ich hatte Matrjona schon in Ichmenjeffka gekannt.
„Hm ... es ist nicht angenehm, so durchnäßt zu sein, und hier will man einem nicht einmal den Tee bereiten,“ brummte der Alte halblaut vor sich hin.
Anna Andrejewna warf mir einen verständnisvollen Blick zu, heimlich auf ihren Mann weisend. Er aber konnte die geheimen Einverständnisse nicht leiden, und wenn er sich in diesem Augenblicke auch die Mühe gab, sie nicht zu bemerken, so konnte man es ihm doch ansehen, daß er alles wußte und verstanden hatte.
„Ich war in Geschäften ausgegangen, Wanjä,“ begann er plötzlich. „Alles in den Dreck gefahren. Sagte ich dir nicht? Mich werden sie verurteilen. Beweise habe ich nicht; die nötigen Papiere fehlen mir; die Angaben sollen sich als unrichtig erweisen ... Hm! ...“
Er sprach von seinem Prozeß mit dem Fürsten; dieser Prozeß zog sich noch immer hin, nahm aber für Nikolai Ssergejewitsch die denkbar schlechteste Wendung. Ich schwieg, ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte. Er blickte mich argwöhnisch an.
„Und was tut’s!“ griff er plötzlich auf, als reizte ihn unser Schweigen, „je schneller, desto besser. Zum Schurken können sie mich nicht machen, wenn sie mich auch verurteilen, zu bezahlen. Ich habe mein reines Gewissen, mögen sie beschließen, was sie wollen. Wenigstens wird die Sache einmal ihr Ende nehmen; sie befreien mich, indem sie mich zugrunde richten ... Ich werde alles hinwerfen und gehe nach Sibirien.“
„Um Gottes willen, wohin gehen! Weshalb so weit!“ konnte Anna Andrejewna sich nicht enthalten, auszurufen.
„Und hier, wem sind wir hier denn nah und irgend etwas wert?“ fragte er sie brutal und als freute er sich dieser Erwiderung.
„Immerhin doch ... in der Nähe von Menschen ...“ erwiderte Anna Andrejewna, mich traurig ansehend.
„Von Menschen!“ fuhr er auf, seinen flammenden Blick von mir auf sie heftend und wieder zurücklenkend, „von welchen Menschen? Von Räubern, Verleumdern und Verrätern? Die gibt es überall; beunruhige dich nicht, auch in Sibirien findet man sie. Wenn du nicht mit mir fahren willst, so bleibe, bitte, hier; ich werde dich nicht zwingen, mitzukommen.“
„Väterchen, Nikolai Ssergejewitsch! Was soll ich denn ohne dich!“ rief die arme Anna Andrejewna. „Ich habe doch, außer dir, in der ganzen Welt, niem...“
Sie stockte, schwieg und sah mich erschrocken und flehend an, als bäte sie mich um Beistand und Hilfe. Der Alte war gereizt; nörgelte an jedem Wort; ihm widersprechen durfte man jetzt nicht.
„Beruhigen Sie sich, Anna Andrejewna,“ sagte ich, „in Sibirien ist es durchaus nicht so schlimm, wie es scheint. Wenn das Unglück geschehen sollte, daß Sie Ichmenjeffka verkaufen müssen, so ist die Absicht Nikolai Ssergejewitschs sogar sehr gut. In Sibirien kann man einen guten Privatverdienst finden, – und dann ...“
„Nun, es freut mich, daß du etwas von der Sache verstehst, Iwan. Ich habe so beschlossen; ich verwerfe die ganze Sache und fahre.“
„Nein, das hatte ich doch nicht erwartet!“ rief Anna Andrejewna und schlug die Hände zusammen. „Also auch du, Wanjä! Von dir, Iwan Petrowitsch, hätte ich das denn doch nicht erwartet ... Ich dächte, du hättest doch von uns nichts anderes als Liebe erfahren, und jetzt ...“
„Ha, ha, ha! Was hattest du denn erwartet? Wovon werden wir denn leben, was denkst du wohl! Das Geld ist verlebt, bald stehen wir vor dem Nichts! Befiehlst du vielleicht, daß ich zum Fürsten Pjotr Alexandrowitsch gehe und ihn um Verzeihung bitte?“
Als die Alte den Namen des Fürsten hörte, fing sie vor Schreck an zu zittern. Der Löffel in ihrer Hand schlug hell und vernehmbar an die Untertasse.
„Nein, wirklich, Wanjä, was meinst du,“ fuhr der Alte weiter fort, mit boshafter, hartnäckiger Schadenfreude. „Warum nach Sibirien fahren? Besser ist’s, ich ziehe mich morgen an, kämme mich, putze mich, Anna Andrejewna wird mir ein neues Vorhemd zurechtlegen, werde mir neue Handschuhe kaufen, und zu Sr. Durchlaucht fahren: Väterchen, Euer Durchlaucht, Gönner und Wohltäter! Üben Sie Gnade an mir, geben Sie mir mein Stück Brot wieder, ... meine Frau ... meine kleinen Kinder! ... Soll ich’s so machen, Anna Andrejewna? Wünschst du es so?“
„Väterchen ... ich will nichts, garnichts will ich! Habe nur so aus Dummheit gesagt; verzeih, wenn ich dich geärgert habe, nur höre auf.“ Sie zitterte immer mehr vor Angst und Erregung.
Ich bin überzeugt, daß in dem Augenblicke, als er die Angst und die Tränen seiner armen Frau sah, der Schmerz seine Seele durchbohrte; ich bin überzeugt, daß er noch mehr litt; doch konnte er jetzt nicht mehr an sich halten. So geschieht es meistens bei herzensguten, aber weichen Menschen, die ungeachtet ihrer Güte sich von ihrem eigenen Zorn und Schmerz so weit hinreißen lassen, daß es ihnen zum Genuß wird, sich selbst zu quälen und dabei einen anderen nahestehenden und ganz unschuldigen Menschen in Mitleidenschaft zu ziehen. Frauen, zum Beispiel, haben oft ein Bedürfnis, sich unglücklich und beleidigt zu fühlen, obgleich weder eine Beleidigung noch ein Unglück vorliegt. Auch gibt es Männer, die in dem Falle oft den Frauen gleichen und sogar starke Männer, die sonst nichts Weibisches an sich haben. Der Alte suchte den Streit, obgleich er selbst darunter litt.
Ich erinnere mich, es kam mir damals der Gedanke, ob er sich nicht in der Tat zu irgend einem Schritt entschlossen hatte, wie Anna Andrejewna es befürchtete. Es war doch möglich, daß er sich wirklich zu Natascha aufgemacht hatte, aber auf dem Wege zu ihr seine Absicht aufgegeben – was doch gewiß eintreten mußte – und jetzt nach Hause zurückgekehrt war, sich gekränkt und beleidigt fühlte – und sich seiner eigenen Wünsche und Gefühle schämte. Er mußte jetzt diesen Ärger an jemandem auslassen, und zwar an demjenigen, den er am meisten verdächtigte, dieselben Wünsche und Gefühle zu haben, wie er sie selbst hatte.
Ihr niedergeschmetterter und bebender Anblick rührte ihn anfangs. Er schien sich seines Zornes zu schämen und hielt einen Augenblick an sich. Wir schwiegen alle; ich bemühte mich, ihn nicht anzusehen. Dieser glückliche Moment hielt jedoch nicht lange an. Was daraus auch werden möge, er mußte sich davon befreien, sollte es auch mit einem Wutausbruch oder mit einem Fluch endigen!
„Siehst du, Wanjä,“ sagte er plötzlich, „mir tut es leid, ich wollte lieber nichts davon reden, doch ist jetzt die Zeit gekommen, daß ich mich offen und ohne Winkelzüge ausspreche, wie es sich so für einen aufrichtigen Menschen gehört ... Du verstehst mich doch, Wanjä? Ich bin froh, daß du gekommen bist, und deshalb möchte ich vor dir erklären, damit es auch andere hören, daß ich von all diesen Tränen, Seufzern, dem Unglück und Unsinn genug habe. Das, was ich einmal, vielleicht mit großem Schmerz, aus meinem Herzen gerissen habe, kann ich nie und nimmer wieder in mein Herz einpflanzen. Ja! Ich habe es gesagt und so bleibt es. Ich spreche von dem, was vor einem halben Jahr geschah, du verstehst mich, Wanjä! und ich spreche jetzt davon ganz aufrichtig und gradaus, damit du dich nie in meinen Absichten irren mögest,“ fügte er hinzu, mit flammenden Augen mich ansehend, um dem erschreckten Blick seiner Frau auszuweichen. „Ich wiederhole es: ich wünsche es nicht! ... Mich kränkt es, daß man mich für einen Dummkopf, für den allerniedrigsten Schurken hält, daß alle solcher niedrigen und schwachen Gefühle mich für fähig halten ... sie denken, daß ich vor Kummer meinen Verstand verliere ... Alles Unsinn! Ich habe die alten Gefühle vergessen, aus meinem Herzen gerissen! Für mich gibt es keine Erinnerungen ... so! so! ja so ist es! ...“
Er stand auf und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß alle Tassen klirrten.
„Nikolai Ssergejewitsch! Ist es wirklich möglich, daß Ihnen Anna Andrejewna nicht leid tut! Sehen Sie sie doch an, was Sie tun!“ sagte ich, nicht mehr imstande, meinen Unwillen niederzukämpfen. Doch ich goß nur Öl ins Feuer.
„Nicht leid!“ schrie er, erzitternd und erbleichend, „nicht leid, wenn man auch mich nicht schont! Nicht leid, weil in meinem Hause Verschwörungen gegen mein beschimpftes Haupt, wegen einer verkommenen und aller Strafen und des Fluches würdigen Tochter angezettelt werden! ...“
„Väterchen! Nikolai Ssergejewitsch, verfluche sie nicht! ... Alles was du willst, doch verfluchen darfst du deine Tochter nicht!“ schrie Anna Andrejewna außer sich.
„Ich verfluchte sie!“ schrie der Alte zweimal so laut als früher, „denn von mir, dem Beleidigten und Beschimpften verlangt man, daß ich zu dieser Verfluchten gehe und sie um Verzeihung bitte! Ja, ja, so ist es! Damit quält man mich in meinem Hause jeden Tag, Tag und Nacht, mit Tränen, Seufzern und dummen Bemerkungen! Man will mich weich machen ... Sieh her, sieh her, Wanjä,“ fügte er hinzu, mit zitternden Händen aus seiner Brusttasche Papiere herausziehend, „sieh diese Papiere an, aus meinem Prozeß! Nach diesen Papieren bin ich ein Dieb und Betrüger, und habe meinen Brotherrn bestohlen! ... Ihretwegen bin ich zum Schurken, zum Betrüger, gemacht worden! Sieh, sieh sie dir an, sieh! ...“
Und er begann die verschiedensten Schriftstücke aus der Tasche zu ziehen und sie eines nach dem anderen auf den Tisch zu werfen, ungeduldig dasjenige suchend, das er mir zeigen wollte; doch, wie zum Trotz, fand er gerade dieses nicht. Ungeduldig geworden, riß er alles aus der Tasche, was sich in ihr befand und plötzlich – fiel etwas hell aufklingend auf den Tisch ... Anna Andrejewna schrie laut auf ... es war das verlorene Medaillon!
Ich traute meinen Augen kaum. Das Blut stieg dem Alten zu Kopf und ergoß sich über sein ganzes Gesicht. Er fuhr zusammen. Anna Andrejewna stand da, die Hände übereinandergelegt und sah ihn flehend an. Auf ihrem Gesicht erstrahlte eine helle, freudige Hoffnung. Die Röte, die Erregung des Alten ... sie konnte sich jetzt nicht mehr irren, sie verstand jetzt alles ... das Medaillon!
Sie begriff, daß er es gefunden haben mußte und, vor Freude über den Fund und aus Begeisterung darüber, es eifersüchtig vor den Augen anderer verborgen hatte; daß er sich dann irgendwo allein, versteckt von allen anderen, an dem Gesichtchen seines lieben Kindes nicht habe sattsehen können; daß vielleicht auch er wie sie, die arme Mutter, sich allein in seinem Zimmer eingeschlossen mit seiner Natascha Zwiesprach gehalten, vielleicht auch er des Nachts die Brust von Sehnsucht und Schluchzen erstickt, dieses Bild geküßt und statt des Fluches Segen und Vergebung vom Himmel erfleht hatte auf sie, die er jetzt nicht sehen wollte und vor allen verfluchte.
„Väterchen, so liebst auch du sie noch!“ rief Anna Andrejewna, die jetzt ihre Gefühle nicht mehr zurückhalten konnte und ganz vergessen zu haben schien, daß er ihre Natascha noch vor einem Augenblick verflucht hatte.
Doch kaum hatte er ihren Schrei gehört, so packte ihn eine wahnsinnige Wut und mit flammenden Augen nahm er das Medaillon, warf es mit aller Gewalt auf den Fußboden und wollte es wie ein Rasender mit den Füßen zerstampfen.
„Auf ewig, auf ewig sei von mir verflucht!“ heischte er heiser vor Wut. „Auf ewig, auf ewig!“
„Mein Gott!“ rief die Alte, „sie, sie! Meine Natascha! Ihr Gesichtchen ... mit den Füßen zertreten! Mit den Füßen! Du Tyrann! Du herzloser Mensch!“
Als er das Jammern seiner Frau vernahm, hielt der Alte inne, ganz erschrocken über das, was geschehen. Plötzlich hob er das Medaillon auf und wollte aus dem Zimmer stürzen, doch kaum hatte er einen Schritt getan, als er auf die Knie fiel und, sein Gesicht mit beiden Händen bedeckend, legte er seinen Kopf auf den vor ihm stehenden Diwan.
Er schluchzte wie ein Kind, wie ein Weib. Verhaltenes Schluchzen wühlte in seiner Brust, als wollte es sie zersprengen! Der drohende Alte wurde in einem Augenblicke zum schwachen Kinde. Oh, jetzt hätte er niemand mehr fluchen können, jetzt schämte er sich nicht seiner Liebesausbrüche und bedeckte vor uns das kleine Bild, das er vor einem Augenblick mit Füßen getreten, mit zahllosen Küssen. Es war, als ob alle Zärtlichkeit, alle Liebe zu seiner Tochter, die er solange zurückgehalten, sich jetzt mit unwiderstehlicher Gewalt hinausdrängte, und die Riesenkraft des Ausbruches sein ganzes Sein zerschmetterte.
„Vergib ihr, vergib!“ rief schluchzend Anna Andrejewna, die sich über ihn gebeugt hatte, ihn umarmend. „Rufe sie zurück in ihr Elternhaus und Gott selbst wird dir einst am Tage des furchtbaren Gerichts deine Demut und Güte anrechnen.“
„Nein, nein! Nie, niemals!“ rief er mit heiserer, erstickter Stimme. „Niemals! Niemals!“
XIV.
Ich kam sehr spät zu Natascha; es war bereits zehn Uhr. Sie lebte damals an der Fontanka, bei der Ssemjonoffschen Brücke, in dem schmutzigen „Mietshause“ des Kaufmanns Kolotuschkin, im vierten Stock. In der ersten Zeit nach ihrer Entfernung aus dem Elternhause lebte sie und Aljoscha in einer reizenden, wenn auch nicht großen Wohnung im dritten Stock auf der Liteinaja. Doch bald waren die Mittel des jungen Fürsten erschöpft. Musiklehrer war er nicht geworden, hatte dagegen Geld aufgenommen und bedeutende Schulden gemacht. Das Geld gab er zur Verschönerung der Wohnung und für Geschenke an Natascha aus, die sich gegen diese Verschwendung auflehnte, ihm deshalb Vorwürfe machte und oft darüber in Tränen ausbrach. Der gefühlvolle und herzensgute Aljoscha konnte oft wochenlang darüber nachsinnen und sich ausdenken, was er ihr schenken solle, und wie sie sein Geschenk annehmen würde. Für ihn, dem dieses Ereignis einen Feiertag bedeutete, und der mir oft im voraus alle seine Erwartungen und Träume mitteilte, gab es dann jedesmal eine Enttäuschung, wenn er statt dessen ihre Tränen sah, ihre Vorwürfe hörte. Späterhin kam es der Geschenke wegen zu sehr unangenehmen Szenen. Außerdem vergeudete Aljoscha hinter dem Rücken Nataschas noch viel Geld. Er ging mit seinen Freunden durch; besuchte verschiedene Josephinen und Minnas, doch nichtsdestoweniger liebte er Natascha grenzenlos. Er liebte sie dann fast aus Selbstqual. Oft kam er zu mir, traurig und verstimmt, und klagte, daß er Natascha nicht wert sei, daß er schlecht und böse und nicht fähig sei, sie zu verstehen. Er hatte zum Teil recht, zwischen ihnen war ein großer Abstand; er fühlte sich vor ihr wie ein Kind und sie behandelte ihn auch danach. Mit Tränen in den Augen bereute er die Bekanntschaft mit Josephine und zu gleicher Zeit flehte er mich an, Natascha nichts davon zu sagen; und wenn er dann demütig und zitternd vor Angst sich nach diesem aufrichtigen Geständnis mit mir zu Natascha begab, (er versicherte, er könne nach diesem Verbrechen nur mit mir zusammen zu ihr gehen, sowie, daß ich allein ihm Mut einzuflößen vermöge), so wußte Natascha schon auf den ersten Blick, um was es sich handelte. Sie war sehr eifersüchtig, und ich verstehe nicht, wie es ihr möglich war, ihm alle seine leichtsinnigen Ausschreitungen immer wieder zu vergeben. Gewöhnlich war es so: Aljoscha tritt mit mir zusammen ein, schuldbewußt und demütig spricht er mit ihr und sieht ihr mit großer Zärtlichkeit in die Augen. Sie errät sofort, daß er sich schuldig fühlt, doch zeigt sie es ihm nicht, spricht nie davon, fragt ihn nie aus, sondern im Gegenteil: sie verdoppelt ihre Zärtlichkeit, ist lustig und heiter. Es war das nicht etwa eine ersonnene Schlauheit ihrerseits. Nein; für dieses reizende Geschöpf war es eine unendliche Genugtuung, zu verzeihen und zu lieben. Es war, als ob in der Vergebung für sie ein besonderer verfeinerter Reiz lag. Freilich handelte es sich damals nur um Josephinen. Aljoscha wiederum, der sie so zärtlich und liebend sah, konnte mit seinem Geständnis nicht länger zurückhalten und erzählte ihr alles, um sich das Herz zu erleichtern: damit wieder alles „beim alten“ wäre. Hatte er dann ihre Verzeihung erhalten, so geriet er in Begeisterung, weinte oft vor Freude und Entzücken, küßte und umarmte sie. Darauf fand er seinen Mut wieder und erzählte mit kindlicher Offenherzigkeit alle Einzelheiten seines Vergehens mit Josephine, lachte, freute sich und lobte Natascha, und der Tag wurde fröhlich und glücklich beschlossen. Als bei ihm das Geld ausging, fing er an, seine Sachen zu verkaufen. Auf Nataschas Verlangen wurde eine billige Wohnung an der Fontanka gemietet. Die Sachen waren bald alle verkauft und Natascha begann ihre Kleider zu versetzen und Arbeit zu suchen. Als Aljoscha davon hörte, geriet er in grenzenlose Verzweiflung, verfluchte sich und behauptete, daß er sich selbst verachte, trotzdem blieb aber alles beim alten. In der letzten Zeit waren alle Einkünfte endgültig erschöpft, es blieb ihnen nichts übrig, als Arbeit, und für die Arbeit elender Lohn.
In der ersten Zeit seines Zusammenlebens mit Natascha hatte sich Aljoscha mit seinem Vater ganz überworfen. Die damaligen Absichten des Fürsten, seinen Sohn mit Katherina Fedorowna Filimonnowa, der Stieftochter der Gräfin, zu verheiraten, waren nur erst ein Projekt. Nichtsdestoweniger hielt er fest an dem Plan, brachte Aljoscha zu seiner zukünftigen Braut, befahl ihm, alles zu tun, um ihr zu gefallen, und zwang ihn durch Strenge, ihm zu Willen zu sein. Doch zerschlug sich die Sache damals der Gräfin wegen. In der ersten Zeit nahm der Vater die Verbindung seines Sohnes mit Natascha ruhig hin, in der Hoffnung – da er die Unverantwortlichkeit und den Leichtsinn seines Sohnes kannte – Aljoscha würde dieser Liebe bald überdrüssig werden. Daß Aljoscha sich etwa mit Natascha hätte vermählen können, das wäre ihm auch nicht in den Sinn gekommen – darüber machte er sich keine Sorgen. Was nun die Liebenden selbst betrifft, so hatten sie die Vermählung bis zur formellen Aussöhnung Aljoschas mit dem Vater aufgeschoben. Sie hofften überhaupt auf eine Veränderung der Verhältnisse. Natascha wollte offenbar nicht mehr davon sprechen. Aljoscha dagegen deutete mir an, daß die ganze Geschichte seinem Vater in mancher Beziehung sogar sehr angenehm wäre; ihm gefiele vor allem die Erniedrigung, die die Ichmenjeffs dadurch erfuhren. Der Form halber fuhr er jedoch fort, seine Unzufriedenheit seinem Sohne gegenüber aufrecht zu erhalten: er verkleinerte dessen monatliches Taschengeld (in der Beziehung war er übrigens immer ungemein geizig gewesen) und drohte, ihm auch noch dieses zu entziehen. Doch bald darauf fuhr er nach Polen zu der Gräfin, die dort geschäftliche Angelegenheiten zu ordnen hatte, und verfolgte unablässig sein Heiratsprojekt. Freilich war Aljoscha noch viel zu jung zur Ehe, doch die Braut war reich und diese Gelegenheit sollte nicht ungenützt vorübergehen. Der Fürst erreichte endlich sein Ziel. Zu uns drangen allerlei Gerüchte, daß die Sache für den Fürsten eine günstige Wendung genommen hätte. Zu dieser Zeit war er dann wieder nach Petersburg zurückgekehrt. Seinem Sohn begegnete er freundlich, doch die Hartnäckigkeit seiner Beziehungen zu Natascha berührte ihn jetzt sehr unangenehm. Er wurde nun doch ängstlich. Schroff und nachdrücklich verlangte er die Trennung von Natascha, doch bald besann er sich eines besseren, – er führte Aljoscha zur Gräfin. Die Stieftochter der Gräfin galt für eine Schönheit. Sie war fast noch ein Kind, von seltener Herzensgüte, hatte eine reine unschuldige Seele und war heiter, klug und zärtlich. Der Fürst rechnete darauf, daß Natascha nach einem halben Jahr für seinen Sohn nicht mehr den Reiz der Neuheit haben und er daher allmählich mit anderen Augen seine zukünftige Braut ansehen würde, als vorher. Zum Teil hatte er recht ... sie schien in der Tat auf Aljoscha einen großen Eindruck gemacht zu haben. Hinzu kam, daß der Vater sich jetzt ungemein gütig zu seinem Sohne zeigte (trotzdem gab er ihm kein Geld). Aljoscha fühlte, was sich unter dieser Zärtlichkeit vorbereitete und war sehr niedergeschlagen, übrigens, nicht so niedergeschlagen, wie wenn er einen Tag über Katherina Fedorowna nicht gesehen hatte. Ich wußte es, daß er schon den fünften Tag nicht mehr bei Natascha erschienen war. Als ich jetzt von den alten Ichmenjeffs zu ihr ging, riet ich unterwegs hin und her, was sie mir wohl mitzuteilen haben würde? Schon von weitem sah ich das Licht auf ihrem Fenster. Es war nämlich unter uns abgemacht worden, daß sie ein Licht an das Fenster stellen sollte, sobald sie mich zu sehen wünschte. Wenn ich an ihrem Hause vorüberging (was jeden Abend geschah), so konnte ich an dem Licht erkennen, daß sie mich erwartete, und ich ihr unbedingt nötig war. In der letzten Zeit hatte sie das Licht oft an das Fenster gestellt ...
XV.
Ich traf Natascha allein. Sie schritt mit gekreuzten Armen, in tiefe Gedanken versunken, im Zimmer auf und ab. Der erloschene Samowar stand auf dem Tisch und schien lange auf mich gewartet zu haben. Schweigend und mit einem verlorenen Lächeln reichte sie mir die Hand. Ihr Gesicht war bleich mit leidendem Ausdruck. In ihrem Lächeln lag etwas so Zärtliches, Duldendes. Ihre klaren blauen Augen schienen größer als früher, das Haar dichter, weil sie so abgehärmt und krank aussah.
„Und ich dachte schon, du kämest nicht mehr,“ sagte sie, mir die Hand reichend, „wollte schon Mawra zu dir schicken; fürchtete, du wärest schon wieder erkrankt?“
„Nein, ich bin nicht krank, ich bin nur aufgehalten worden, werde dir sogleich alles erzählen. Doch, was ist mit dir, Natascha? Was ist geschehen?“
„Nichts ist geschehen!“ antwortete sie, ganz erstaunt über meine Frage. „Was soll denn geschehen sein?“
„Ja, du hast mir doch geschrieben ... gestern geschrieben, daß ich kommen soll, hast die Stunde bestimmt, nicht früher und nicht später; nicht wie gewöhnlich.“
„Ach, ja! Ich erwartete ihn gestern.“
„Nun, ist er noch immer nicht dagewesen?“
„Nein. Ich habe gedacht: wenn er nicht mehr kommt, so muß ich mit dir sprechen,“ fügte sie hinzu und verstummte.
„Und heute abend, hast du ihn erwartet?“
„Nein, habe ihn nicht erwartet: er ist des Abends dort.“
„Denkst du denn, Natascha, daß er überhaupt nicht mehr wiederkommen wird?“
„Selbstverständlich wird er kommen,“ antwortete sie, mich so eigentümlich ernst ansehend.
Ihr mißfiel mein eiliges Fragen. Wir verstummten beide und schritten im Zimmer auf und ab.
„Ich habe dich erwartet, Wanjä,“ begann sie mit einem sonderbaren Lächeln, „und weißt du, was ich getan habe? Ich ging im Zimmer auf und ab, und sagte mir das Gedicht her. Kennst du es noch: die Glocke, der Winterweg: ‚Es brodelt der Samowar auf dem eichenen Tisch ...‘ wir haben es noch zusammen gelesen:
Vorüber der Schneesturm; der Weg ist erhellt, Aus Millionen von Augen blickt trübe die Nacht ...
Und dann weiter:
Und da scheint es mir – eine Stimme singt Weich, harmonisch zum Schellengeläut: ‚Ach, wann kommt doch, wann kommt doch, mein Liebster zu mir, Um zu ruhen an meiner Brust! ... Ist bei mir nicht das Leben! Glänzt nicht der Abendschein Rot durch der Eisblumen silberne Pracht – Steht nicht alles bereit auf dem eichenen Tisch ... Und im Ofen knistert das Holz und flammt Auf dem blumigen Vorhang am Bett.‘
Wie ist das doch schön, Wanjä! Welche Qual ... und wie phantastisch das Bild! Man kann alles hineinmalen, alles was man will! Zwei Welten: wie es war und wie es ist ... Dieses ‚alles bereit auf dem eichenen Tisch‘, und das Spiel der Flamme ‚an blumigen Vorhang am Bett ...‘ wie ist das alles so bekannt. Alles wie in unseren Häusern in der Provinz; ich sehe das Haus vor mir: neu, aus weißen, noch unbeschlagenen Balken ... Und dann das andere Bild:
Und es scheint mir – dieselbe Stimme singt Trüb und traurig zum Schellengeläut: ‚Wo ist nun mein Freund? Ich fürchte, er kommt Und umschlingt mich zärtlich wie einst ...‘ Welch ein Leben das ist! So dunkel und eng Meine Stube; dort bläst es herein ... Nur ein einsamer Kirschbaum am Fenster steht Und auch er ist erfroren schon längst. Welch ein Leben! Verblichen der Vorhang am Bett, Krank bin ich, schleppe mich hin ... Bin den Eltern jetzt fremd, kein Liebster mehr kommt – Nicht einmal zu schelten ist jemand mehr da ... Und nur die Alte daneben, die brummt ...
Nicht einmal zu schelten ist jemand da. Wieviel Zärtlichkeit, wieviel Qual, welch ein Rausch von Qual und Erinnerung, den man sich selbst heraufbeschwört und den man lieb hat ... Herrgott, wie ist das schön!“
Sie verstummte wieder, als suche sie einen inneren Kampf zu bezwingen.
„Mein Lieber!“ sagte sie zu mir gewandt nach einem kurzen Augenblick und verstummte dann plötzlich wieder, als hätte sie vergessen, was sie hatte sagen wollen.
Unterdessen gingen wir immer noch schweigend im Zimmer auf und ab. Vor dem Heiligenbild brannte das Lämpchen. Natascha schien in der letzten Zeit sehr religiös geworden zu sein, doch liebte sie es nicht, wenn man davon sprach.
„Ist morgen ein Feiertag?“ fragte ich. „Bei dir brennt das Lämpchen.“
„Nein, kein Feiertag ... Doch setzen wir uns, Wanjä, du mußt müde sein. Willst du Tee? du hast sicher noch keinen getrunken?“
„Setzen wir uns, Natascha. Tee habe ich getrunken.“
„Ja, woher kommst du denn jetzt?“
„Von ihnen.“ So bezeichneten wir immer die Alten.
„Von ihnen? Bist du selbst dahin gegangen? Riefen sie dich? ...“
Sie überschüttete mich mit Fragen. Ihr Gesicht wurde noch bleicher vor Erregung. Ich erzählte ihr ausführlich meine Begegnung mit dem Alten, mein Gespräch mit der Mutter, die Szene mit dem Medaillon – erzählte alles ausführlich und bis in alle Einzelheiten. Ich verheimlichte nie etwas vor ihr. Sie griff jedes Wort begierig auf. Tränen erglänzten in ihren Augen. Die Szene mit dem Medaillon hatte sie heftig erschüttert.
„Warte, warte, Wanjä,“ sagte sie, oft meine Erzählung unterbrechend, „erzähle ausführlicher, alles, alles, so ausführlich als möglich; du erzählst nicht ausführlich genug! ...“
Ich wiederholte alles zum zweiten, dritten Mal, durch ihre beständigen Fragen immer wieder unterbrochen.
„Und du glaubst wirklich, daß er auf dem Weg zu mir war?“
„Ich weiß es nicht Natascha, ich kann es nicht beschwören. Daß er sich nach dir sehnt, daß er dich liebt – das ist sicher, aber ob er zu dir wollte, das ...“
„Und er küßte das Medaillon?“ unterbrach sie mich. „Was sagte er, als er es küßte?“
„Nur unzusammenhängende Worte; er gab dir die zärtlichsten Namen, rief dich ...“
„Rief mich?“
„Ja.“
Sie weinte still.
„Die Armen,“ sagte sie. „Und daß er von allem unterrichtet ist,“ fügte sie nach einigem Schweigen hinzu, „daran ist kein Zweifel. Er hat von Aljoschas Vater sicher Nachrichten erhalten.“
„Natascha,“ sagte ich schüchtern, „gehen wir zu ihnen! ...“
„Wann?“ fragte sie erbleichend und sich ein wenig erhebend.
Sie glaubte, ich forderte sie auf, gleich mit mir zu kommen.
„Nein, Wanjä,“ sagte sie, mir beide Hände auf die Schultern legend mit traurigem Lächeln, „nein, mein Lieber, das sagst du immer, doch ... sprich lieber nicht davon.“
„Also niemals, niemals soll dieser furchtbare Zwiespalt enden?“ rief ich traurig aus. „Bist du wirklich zu stolz, daß du nicht den ersten Schritt tun kannst. Und doch mußt du als erste ihn tun. Vielleicht wartet der Vater nur darauf, um dir zu – um dir zu vergeben ... Er ist dein Vater; du hast ihn gekränkt! Achte seinen Stolz, er ist berechtigt, er ist natürlich! Du mußt es tun. Versuche es und er wird dir bedingungslos alles vergeben.“
„Bedingungslos? Das ist unmöglich; und mache mir keine unnützen Vorwürfe, Wanjä. Ich habe daran Tag und Nacht gedacht. Seitdem ich sie verlassen, ist vielleicht kein Tag vergangen, ohne daß ich nicht daran gedacht. Ja, und wie oft haben wir nicht davon gesprochen! Du weißt doch selbst, daß es unmöglich ist!“
„Versuche es!“
„Nein, mein Freund, das geht nicht. Wenn ich es versuchte, so würde ich ihn noch mehr gegen mich erzürnen. Vergangenes kehrt nicht wieder; und weißt du, was auf immer vorüber ist?! Vorüber sind die glücklichen Tage der Kindheit, die ich mit ihnen verlebt. Wenn der Vater mir auch verzeihen würde, so würde er mich doch jetzt nicht mehr wiedererkennen. Er liebte noch das Kind in mir. Er freute sich meiner kindlichen Einfalt, er konnte mir noch über das Haar streichen, wie damals, da ich als kleines Mädchen auf seinen Knien saß und ihm meine Liederchen sang. Von Kindheit an, bis auf den letzten Tag kam er zu mir ans Bett und bekreuzte mich zur Nacht. Einen Monat vor dem Unglück kaufte er mir noch Ohrringe, heimlich vor mir (doch wußte ich alles) und freute sich wie ein Kind, sie mir zu schenken. Er war aber einfach empört, als er später erfuhr, daß ich vom Kauf dieser Ohrringe schon im voraus gewußt hatte. Drei Tage vor meiner Flucht bemerkte er, daß ich traurig war, und sofort war er bis zur Krankhaftigkeit niedergeschlagen, und – was glaubst du? um mich zu erheitern, nahm er Billette fürs Theater! ... Wahrhaftig, er wollte mich damit erheitern! Ich wiederhole es dir, er kannte und liebte das Kind in mir, doch wollte er niemals daran denken, daß auch ich einst eine Frau werden würde. Ihm kam das überhaupt nicht in den Sinn. Jetzt aber, wenn ich nach Hause zurückkehrte, so würde er mich gar nicht wiedererkennen. Und wenn er mir vergibt, was wird er in mir wiederfinden? Ich bin nicht mehr dieselbe, ich bin nicht mehr das Kind, ich habe viel durchlebt. Wenn ich mich auch bemühte, ihm alles recht zu machen, so würde er doch immer an das vergangene Glück denken, sich heimlich grämen, weil ich nicht mehr das von ihm geliebte Kind bin ... das Vergangene erscheint einem ja immer so schön! Mit Qual wird er daran denken! O, wie ist das Vergangene schön, Wanjä!“ rief sie, hingerissen und sich selbst unterbrechend, mit diesem Wort, das so recht aus ihrem wunden Herzen kam.
„Es ist alles wahr, Natascha, was du sagst. Also, muß er dich jetzt wieder von neuem kennen lernen und von neuem lieben. Hauptsächlich aber – kennen lernen. Und, was meinst du? Er wird dich wiederlieben! Denkst du denn wirklich, daß er nicht imstande sein wird, dich zu verstehen, er, er, mit seinem großen Herzen!“
„Ach, Wanjä, sei doch gerecht! Was ist denn an mir zu verstehen? Ich spreche doch nicht davon. Siehst du: die väterliche Liebe ist auch eifersüchtig. Er ist gekränkt, daß das mit Aljoscha so ohne ihn geschehen konnte, daß er nichts bemerkt, nichts gewußt. Er glaubt, daß alle unglücklichen Folgen unserer Liebe, meine Flucht, daß das alles nur meiner undankbaren ‚Verschwiegenheit ihm gegenüber‘ zuzuschreiben ist. Ich bin nicht sogleich zu ihm gekommen, ich habe ihm nicht von Anfang an jede Regung meines Herzens mitgeteilt; ich habe im Gegenteil, alles in meiner Seele verborgen gehalten, alles vor ihm versteckt, und das kränkt ihn im Grunde genommen, mehr als die unglücklichen Folgen meiner Liebe, kränkt ihn mehr – als daß ich von ihnen gegangen bin und mich meinem Geliebten hingegeben habe. Nehmen wir an, daß er mich von neuem wie ein Vater aufnimmt, zärtlich und liebevoll – der Same der Feindschaft wird doch bleiben. Am zweiten, dritten Tage beginnen die Mißverständnisse, kommen die Klagen und versteckten Vorwürfe. Zudem wird er mir nicht bedingungslos verzeihen. Nehmen wir an, ich begreife aus der ganzen Tiefe meines Herzens, daß ich ihn beleidigt habe, daß ich vor ihm schuldig bin, so würde es mir doch weh tun, wenn er nicht verstünde, was mich selbst das ganze Glück mit Aljoscha gekostet hat, welche Qualen ich gelitten, welchen Schmerz ... Und, wenn ich auch alles auf mich nehmen, alles schweigend ertragen wollte, – so würde ihm das noch immer zu wenig sein. Er wird von mir einen unmöglichen Lohn fordern, er wird verlangen, daß ich meine ganze Vergangenheit, daß ich Aljoscha verfluchen und meine Liebe zu ihm bereuen soll. Dann aber, dann verlangt er von mir Unmögliches – wenn ich das letzte halbe Jahr aus meinem Leben ausstreichen soll. Denn ich – kann niemandem fluchen, ich kann nichts bereuen ... Wie es geschehen ist, so mußte es geschehen ... Nein, Wanjä, jetzt geht es noch nicht, noch ist die Zeit nicht dazu gekommen.“
„Wann wird sie denn kommen?“
„Ich weiß es nicht ... Man wird das zukünftige Glück wieder durch Leiden erkämpfen müssen; mit neuem Leid es bezahlen müssen. Durch Leid wird alles gesühnt ... Ach, Wanjä, wieviel Schmerz es im Leben gibt!“
Ich schwieg und sah sie nachdenklich an.
„Was siehst du mich so an, Aljoscha, nein, Wanjä?“ Sie versprach sich und lächelte darüber.
„Ich wundere mich über dein Lächeln, Natascha. Wie kommt das, früher lächeltest du anders.“
„Was ist denn mit meinem Lächeln?“
„Die frühere, die ganze kindliche Naivität ist wohl noch in ihm ... Doch, wenn du jetzt lächelst, so scheint es einem immer, als ob dir zu gleicher Zeit das Herz dabei weh tue. Du bist so abgemagert, Natascha, doch dein Haar ist dichter geworden ... Was ist das für ein Kleid? Hast du es jetzt machen lassen, oder schon früher?“
„Wie du mich lieb hast, Wanjä!“ Sie sah mich zärtlich an. „Nun, und du, was tust du jetzt? Wie geht es dir?“
„Wie immer; ich schreibe meinen Roman, aber es geht nicht gut vorwärts. Ich bin nicht recht aufgelegt dazu. Ich könnte ihn ja so niederschreiben, doch mir tut die gute Idee leid. Sie ist meine Lieblingsidee. Zum Termin muß ich aber damit fertig sein. Ich dachte schon eine Novelle statt dieses Romans zu schreiben, etwas Leichtes, Graziöses, etwas, das sich nicht in dieser düsteren Richtung bewegt ... Es wäre Zeit, daß wir wieder alle glücklich und fröhlich wären! ...“
„Du armer Arbeiter! Und Smitt?“
„Smitt ist beerdigt.“
„Ich sage dir, Wanjä, im Ernst, du bist krank. Deine Nerven sind zerrüttet. Was sind das alles für Ideen. Als du mir von deiner Wohnung sprachst, – diese ganze Phantasie! Dazu ist die Wohnung ...“
„Ja! Übrigens erlebte ich heute etwas sehr Sonderbares ... Doch, ich erzähle es dir später.“
Sie hörte mich schon nicht mehr an, und war ganz in Gedanken versunken.
„Ich verstehe nicht, wie ich damals von ihnen fortgehen konnte, ich war wie im Fieber,“ sagte sie endlich, mich mit einem Ausdruck ansehend, der keine Antwort erwartete.
Hätte ich etwas geantwortet, so hätte sie es nicht gehört.
„Wanjä,“ sagte sie mit kaum hörbarer Stimme, „ich habe dich hierher gebeten, um dir etwas zu sagen.“