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Sämtliche Werke 19

Erster Teil

E. K. Rahsin translation

I.

Am zweiundzwanzigsten März des vorigen Jahres hatte ich gegen Abend ein äußerst seltsames Erlebnis. Den ganzen Tag war ich auf der Suche nach einer neuen Wohnung in der Stadt herumgelaufen. Der Grund war, daß mir mein Husten, der mir mit der Zeit doch Sorge zu bereiten begann, es nicht länger möglich machte, daß ich in meiner alten feuchten Wohnung blieb. Eigentlich hatte ich ja schon im Herbst umzuziehen beabsichtigt, inzwischen war es darüber doch Frühling geworden. Einen ganzen Tag hatte ich gesucht, trotzdem aber nichts Passendes gefunden. Freilich waren auch meine Ansprüche nicht so leicht zu befriedigen. Erstens wollte ich nicht in einer Familienwohnung ein möbliertes Zimmer mieten, sondern eines für sich mit besonderem Eingang. Zweitens mußte dieses einzelne Zimmer unbedingt groß oder zum mindesten geräumig, und drittens bei all diesen Vorzügen selbstverständlich möglichst billig sein. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß in einem engen Raum auch die Gedanken sich beengt fühlen. Ich aber gehe, wenn ich mir meine noch ungeschriebenen Erzählungen in Gedanken zurechtlege, mit Vorliebe im Zimmer auf und ab, was in einer kleinen Stube natürlich sehr unbequem und wenig tunlich zu sein pflegt. Übrigens hat es mir immer mehr Vergnügen gemacht, in Gedanken meine Werke auszuarbeiten, es mir vorläufig nur auszumalen, wie ich sie schreiben würde, als sie buchstäblich zu schreiben – und das wirklich nicht etwa aus Faulheit ... Woher das nur kommen mag?

Schon am Morgen hatte ich mich nicht ganz wohl gefühlt, gegen Abend aber fühlte ich mich geradezu krank: ich muß mich von neuem erkältet haben. Hinzu kam, daß ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war; das hatte mich natürlich sehr ermüdet. Als ich auf dem Wosnessenskij-Prospekt anlangte, sah ich gerade noch das letzte Leuchten der Abendsonne. Ich liebe die Märzsonne in Petersburg, namentlich den Sonnenuntergang, natürlich nur dann, wenn der Abend klar und kalt ist. Dann ist die ganze Straße plötzlich wie in Licht getaucht. Alle Häuser scheinen zu glänzen, und ihre grauen, gelben, schmutzig-grünen Fassaden verlieren für einen Augenblick ihre mürrische Stumpfheit. Auch in die Seele flutet das Licht, es ist ordentlich, als zucke sie zusammen. Wie Schuppen fällt es einem von den Augen und neue Gedanken strömen durch den Kopf ... Es ist ganz erstaunlich, was ein einziger Sonnenstrahl in der Seele des Menschen bewirken kann.

Doch das Abendrot erlosch; die Kälte wurde immer empfindlicher; auch die Dämmerung nahm zu ... in den Schaufenstern und Läden flammte das Gas auf. Plötzlich blieb ich, unter dem Eindruck des Vorgefühls, daß ich sogleich etwas Ungewöhnliches erleben würde, wie angewurzelt stehen, spähte suchend zu dem anderen Trottoir hinüber, wo sich eine mir gut bekannte deutsche Konditorei befand, – und erblickte dort den Alten und seinen Hund. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie mein Herz sich unter einer unangenehmen Empfindung gleichsam zusammenzog, und ich vermochte selbst nicht einmal zu entscheiden, welches der Grund dieser Empfindung war.

Ich bin kein Mystiker; an Vorahnungen und Wahrsagungen glaube ich so gut wie überhaupt nicht; indes habe ich in meinem Leben, wie vielleicht jeder Mensch, einige ziemlich unerklärliche Erlebnisse gehabt. Nun, nehmen wir zum Beispiel diesen Zwischenfall mit dem Alten: weshalb hatte ich damals, als ich ihn erblickte, sogleich das Empfinden, daß ich an diesem Abend etwas Außergewöhnliches erleben würde? Übrigens war ich krank, und Empfindungen in einem krankhaften Zustande pflegen fast immer trügerisch zu sein.

Der Alte näherte sich der Konditorei nur langsam, setzte langsam einen Fuß vor den anderen, ohne die Gelenke dabei zu biegen, als ginge er nicht auf Beinen, sondern auf Stöcken. Sein Rücken war ganz krumm, gleichwohl stützte er sich, gleichsam tastend, nur leicht auf seinen Stock.

So ging er auf die Konditorei zu. Noch nie war mir ein so seltsamer, ein so – unmöglicher Mensch begegnet. Auch früher schon, wenn ich ihn bei Müller – so hieß der Konditoreibesitzer – angetroffen hatte, war der Eindruck, den er auf mich machte, immer fast ein schmerzhafter gewesen. Seine lange gebeugte Gestalt, das achtzigjährige Leichengesicht, der alte Mantel, dessen Nähte überall aufgeplatzt waren, der verbeulte runde Hut, den er wohl schon etliche zehn Jahre auf seinem kahlen Kopfe tragen mochte, auf diesem seltsamen Schädel, von dessen Haaren sich nur noch im Nacken einige nicht graue, sondern gelblichweiße Strähnen erhalten hatten; alle seine Bewegungen, die etwas so Seltsames an sich hatten, als wären sie Bewegungen einer aufgezogenen Puppe – alles das mußte unwillkürlich einen jeden auf ihn aufmerksam machen. Es berührte in der Tat sehr sonderbar, diesen hilflosen Greis so ganz ohne Aufsicht zu sehen, um so mehr, als er tatsächlich schon eher einem Irrsinnigen glich, der der Obhut seiner Wärter entschlüpft war. Ganz besonders auffallend war auch seine ungewöhnliche Magerkeit: er sah aus, als habe er überhaupt kein Fleisch, als sei über ein Knochengerüst nichts als dünne, alte Haut geklebt. Seine großen trüben Augen, die von dunkelblauen Ringen umgeben waren, blickten stets unverwandt geradeaus – niemals sahen sie zur Seite; sie sahen überhaupt nie etwas, davon bin ich überzeugt. Denn wenn er einen auch ansah, wie man aus der Richtung seines Blickes schließen konnte, so setzte er doch so unbeirrt seinen Weg fort, als wäre vor ihm nichts als freie Luft gewesen. Das habe ich mehr als einmal bemerkt. Übrigens pflegte er erst seit nicht sehr langer Zeit in dieser Konditorei zu erscheinen, und zwar stets in Begleitung seines Hundes. Woher er kam, wußte niemand, denn noch nie hatte sich jemand von den Stammgästen entschlossen, ihn anzureden, er selbst aber sah sie nicht einmal an.

„Weshalb schleppt er sich wohl täglich zu Müller, und was treibt er dort?“ dachte ich, und beobachtete ihn, unwiderstehlich von ihm angezogen, von der anderen Straßenseite. Ein gewisser Ärger – wahrscheinlich eine Folge meiner Krankheit und Müdigkeit – stieg in mir auf. „Was er wohl bei sich denkt?“ fragte ich mich, ohne mich beruhigen zu können. „Was er im Sinn haben mag? Denkt er überhaupt etwas? Sein Gesicht ist ja schon so tot, daß es entschieden nichts mehr ausdrückt. Und woher er nur diesen scheußlichen Hund hat! Aber das Tier ist wirklich wie verwachsen mit ihm, sieht ihm auch auffallend ähnlich ... Es ist fast, als wären sie beide ein einziges unteilbares Ganzes ...“

Dieser arme Hund war, glaube ich, gleichfalls achtzigjährig; ja, wie hätte er auch wohl jünger sein können! Erstens sah er so alt aus, wie sonst kein einziger Hund aussieht, und zweitens: weshalb war mir sogleich, beim ersten Blick auf diesen Hund, der Gedanke gekommen, daß er kein Hund wie alle anderen Hunde sei, sondern ein ganz besonderer, und daß in diesem Hunde unbedingt etwas Phantastisches, Verwunschenes stecken müsse. Vielleicht war sein Kern ein mephistophelischer? wer weiß! Jedenfalls aber war sein Schicksal durch geheimnisvolle, untrennbare Fäden aufs engste mit dem Schicksal seines Herrn verknüpft. Wer diesen Hund betrachtete, mußte ohne weiteres zugeben, daß er vor mindestens zwanzig Jahren zum letzten Mal, so wie es sich gehört, gefressen hatte! Mager war er wie ein Knochengestell oder – was wäre bezeichnender – wie sein Herr! Behaartes Fell hatte er fast überhaupt nicht mehr, selbst die Rute, die wie ein Stock herabhing, war so gut wie gänzlich unbehaart. Der Kopf und die langen Ohren hingen traurig herab. Nein, in meinem ganzen Leben habe ich keinen so widerlichen Hund gesehen. Wenn sie beide auf der Straße gingen, der Herr voran und der Hund hinterher, dann berührte seine Schnauze unausgesetzt den Mantelzipfel seines Gebieters, als wäre sie an ihn angeklebt. Und der Gang der beiden und ihre Haltung und ganzes Aussehen schienen dann bei jedem Schritt zu sagen:

„Alt sind wir, ja, alt, Herrgott, wie sind wir alt!“

Ich erinnere mich noch, daß mir der Gedanke durch den Kopf ging, der Alte hätte sich mit seinem Hunde aus irgendeiner Hoffmannschen Erzählung, illustriert von Gavarni, herausgestohlen und spaziere jetzt als lebende Reklame des Werkes umher. Ich schritt über die Straße und folgte dem Alten in die Konditorei.

Dort hatte der Alte schon längst unliebsames Aufsehen erregt. Müller, hinter dem Ladentisch, schnitt bei Erscheinen des unerwünschten Gastes jedesmal eine unzufriedene Grimasse. Erstens, bestellte der eigenartige Gast nie etwas. Sowie er eintrat, ging er gleich auf den Ofen in der Ecke zu und ließ sich neben ihm auf einen Stuhl nieder. War dieser Platz besetzt, so blieb er in gedankenlosem Staunen vor der Person, die seinen Platz eingenommen hatte, stehen und schritt dann wie vor den Kopf geschlagen in die andere Ecke am Fenster. Dort nahm er irgendeinen Stuhl, setzte sich langsam auf ihn nieder, nahm den Hut ab, legte ihn auf den Fußboden, stellte den Stock daneben an die Wand, lehnte sich zurück in den Stuhl und verharrte so regungslos drei bis vier Stunden. Niemals nahm er eine Zeitung zur Hand, niemals sprach er ein Wort oder gab einen Laut von sich; er saß nur, starrte mit einem so stumpfen und leblosen Blick vor sich hin, daß man hätte wetten können, er sähe und höre nichts von dem, was um ihn her vor sich ging. Der Hund legte sich dann, nachdem er sich ein paarmal im Kreise herumgedreht hatte, knurrig zu seinen Füßen nieder, drückte seine Schnauze zwischen die Stiefel seines Herrn, seufzte tief auf und lag so, der Länge nach ausgestreckt, den ganzen Abend unbeweglich da, als wäre er wirklich leblos. Es schien überhaupt, als ob diese beiden Wesen den ganzen Tag über irgendwo tot dagelegen und erst bei Sonnenuntergang sich plötzlich belebt hätten, nur um in die Müllersche Konditorei zu gehen und dort eine geheimnisvolle, allen unbekannte Pflicht zu erfüllen. Nachdem der Alte drei bis vier Stunden so dagesessen hatte, erhob er sich plötzlich, um sich nach Hause zu begeben. Auch der Hund richtete sich auf, klemmte seinen Schwanz zwischen die Beine und folgte gesenkten Hauptes, wie mechanisch, seinem Herrn. Die Gäste der Konditorei mieden den Alten, setzten sich nie neben ihn, als flößte er ihnen Widerwillen ein. Er aber merkte von alledem gar nichts.

Diese Gäste waren hauptsächlich Deutsche, Bewohner des Wosnessenskij-Prospekt und Inhaber verschiedener Werkstätten, Schlosser, Bäcker, Färber, Hutmacher, Sattler – patriarchalische Leute im deutschen Sinne des Wortes. Bei Müller ging es überhaupt sehr patriarchalisch zu. Der Wirt selbst setzte sich des öfteren zu seinen Gästen an den Tisch, wobei eine gewisse Menge Punsch verabfolgt wurde. Auch die Hunde und die kleinen Kinder des Wirtes erschienen bei den Gästen, von denen sie dann geliebkost und gestreichelt wurden, die Kinder wie die Hunde. Alle waren sie miteinander bekannt und alle achteten sie sich gegenseitig. Und wenn die Gäste sich in das Lesen deutscher Zeitungen vertieften, so ertönte aus der Wohnung des Wirtes der liebe Augustin, gespielt auf einem alten Klimperkasten, von der ältesten Tochter, einem frischen, blondlockigen Mädchen, das an eine weiße Maus erinnerte. Besonders gern hatten es alle, wenn sie Walzer spielte. Ich selbst ging immer in den ersten Tagen des Monats zu Müller, um dort russische Monatsschriften zu lesen.

Als ich heute in die Konditorei trat, sah ich den Alten bereits am Fenster sitzen und den Hund wie immer zu seinen Füßen. Schweigend setzte ich mich in eine Ecke und stellte mir selbst die Frage: „Warum bin ich hierhin gekommen, wo ich doch nichts zu suchen habe?“ Krank, wie ich mich fühlte, hätte ich nach Hause gehen, einen heißen Tee trinken und mich schlafen legen sollen. „Bin ich denn wirklich hierher gekommen, um den Alten anzugaffen?“ Ich ärgerte mich. „Was geht er mich an,“ dachte ich und erinnerte mich der krankhaften und sonderbaren Empfindung, die der Alte auf der Straße in mir hervorgerufen hatte. Und was habe ich mit all diesen langweiligen Deutschen zu tun? Wozu diese phantastische Idee? Wozu diese Erregung wegen nichts, die mich in letzter Zeit so beherrscht, ja mich nicht leben läßt und meine klare Anschauung über das Leben verwirrt? Trotz aller dieser Vorstellungen blieb ich doch wie angewurzelt auf der Stelle sitzen, während der Schüttelfrost in mir immermehr zunahm und ich das warme Zimmer jetzt erst recht nicht mehr verlassen mochte. Ich nahm die Frankfurter Zeitung, las ein paar Zeilen und schlief ein. Die Deutschen störten mich nicht dabei. Sie lasen oder rauchten und teilten sich nur hin und wieder mit abgebrochener und halblauter Stimme eine Neuigkeit aus Frankfurt mit, oder irgend einen Witz aus dem berühmten deutschen Witzblatt Satyr, worauf sie sich dann mit verdoppeltem Nationalstolz von neuem ins Lesen vertieften.

Ich mag wohl eine halbe Stunde geschlafen haben, als mich plötzlich ein starker Fieberschauer aufriß. Es war wirklich an der Zeit, nach Haus’ zu gehen! Eine stumme Szene jedoch, die sich gerade in diesem Augenblick im Raume abspielte, hielt mich noch einmal davon zurück. Ich habe bereits gesagt, daß der Alte, nachdem er sich niedergesetzt, immer sofort seinen Blick auf einen Punkt heftete und ihn den ganzen Abend unverwandt auf denselben Gegenstand geheftet hielt. Auch mir passierte es einmal, daß dieser gedankenlose, starre und nichts unterscheidende Blick auf mich fiel: ein unangenehmes, ja unerträgliches Gefühl überkam mich und ich wechselte so schnell als möglich meinen Platz. Dieses Mal war das Opfer des Alten ein kleiner, außerordentlich sorgsam gekleideter Deutscher mit steif gestärktem hohen Kragen, und einem feuerroten Gesicht, ein angereister Kaufmann aus Riga, Adam Iwanowitsch Schulz, wie ich später erfuhr, ein Freund Müllers, dem der Alte und viele von den anderen Gästen unbekannt war. Als dieser mit großem Genuß den „Dorfbarbier“ gelesen und seinen Punsch getrunken, erhob er seinen Kopf und bemerkte plötzlich den unbeweglich auf ihn gerichteten Blick des Alten. Das machte ihn stutzig. Adam Iwanowitsch war ein sehr empfindlicher Mensch, wie überhaupt alle „anständigen“ Deutschen. Er fand es sonderbar und beleidigend, daß man ihn so ungeniert ununterbrochen ansehen konnte. Mit unterdrücktem Unwillen wandte er sich von dem „aufdringlichen“ Alten ab, murmelte etwas in den Bart und verbarg sich hinter die Zeitung. Er hielt es jedoch nicht lange aus, schon nach zwei Minuten schielte er über die Zeitung hinweg: und wieder traf ihn derselbe starre, gedankenlose Blick. Adam Iwanowitsch schwieg auch noch dieses Mal. Als es ihm aber zum dritten Male passierte, da sprang er auf. Er hielt es für seine Pflicht und Schuldigkeit, als Repräsentant der schönen Stadt Riga, als der er sich fühlte, seine angegriffene Ehre zu verteidigen. Mit einer ungeduldigen Bewegung klopfte er mit dem Zeitungsstock energisch auf den Tisch, und noch röter vor Selbstgefühl und Punsch richtete er seine kleinen, flammenden Augen auf den verdrießlichen Alten. Beide, schien es, der Deutsche wie der Alte, wollten es auf die magnetische Kraft ihrer Blicke ankommen lassen und einer den andern zwingen, den Blick zuerst zu senken. Das Klopfen mit dem Zeitungsstock und die exzentrische Haltung Adam Iwanowitschs erregte die Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Ein jeder ließ von seiner Beschäftigung und beobachtete mit ehrbarer, schweigsamer Neugier die beiden Gegner. Die Szene begann sehr komisch zu werden. Der Magnetismus der herausfordernden Augen Adam Iwanowitschs war jedoch umsonst verschwendet. Der Alte, den nichts bekümmerte, fuhr fort, auf den außer sich geratenen Herrn Schulz zu starren und bemerkte überhaupt nicht, als wäre er auf dem Monde statt auf der Erde gewesen, daß er der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit wurde. Endlich riß Adam Iwanowitsch die Geduld und er platzte heraus:

„Warum starren Sie mich so an?“ rief er auf deutsch mit scharfer, durchdringender Stimme und drohender Miene.

Doch sein Gegner blieb stumm, als hätte er die Frage überhaupt nicht gehört. Adam Iwanowitsch entschloß sich russisch zu sprechen.

„Ich frage Sie, warum Sie auf mich so sehen?“ rief er mit verdoppelter Heftigkeit. „Ich, bei Hofe bekannt, und Sie nicht bei Hofe bekannt!“ fügte er hinzu und sprang vom Stuhl auf.

Doch der Alte rührte sich nicht einmal. Unter den Deutschen erhob sich ein unwilliges Gemurmel. Der Wirt, durch den Lärm aufmerksam geworden, trat hinzu. Als er erfahren, um was es sich handelte, beugte er sich ans Ohr des Alten, weil er dachte, er wäre taub.

„Herr Schulz bittet Sie höflichst, nicht ihn anzusehen,“ rief er so laut als möglich, den unbegreiflichen Alten scharf beobachtend.

Der Alte blickte mechanisch zu ihm auf und plötzlich gewahrte man auf seinem unbeweglichen Gesicht den Ausdruck eines Gedankens und eine gewisse ängstliche Erregung. Er schien verwirrt, beugte sich ächzend nach seinem Hut, griff eilig nach seinem Stock, erhob sich vom Stuhl mit einem gewissen wehleidigen Lächeln, dem verschämten Lächeln eines Armen, der von einem Platze gewiesen wird, der ihm nicht zukommt und bereitete sich vor, das Zimmer zu verlassen. In dieser stillen ergebenen Eile des armen, zerbrechlichen Greises lag so vieles, was Mitleid erregte, so vieles, was einem das Herz in der Brust erbeben ließ, daß alle Gäste, selbst Adam Schulz nicht ausgenommen, sofort ihre Haltung änderten. Es wurde allen klar, daß der Alte nicht nur nicht jemanden habe beleidigen wollen, sondern selbst fühlte, daß man ihn jeden Augenblick wie einen Bettler hätte davonjagen können.

Müller war ein guter und mitfühlender Mensch.

„Nein, nein,“ rief er aus, dem Alten beschwichtigend auf die Schulter klopfend. „Herr Schulz bat Sie nur höflichst, nicht ihn anzusehen. Er ist bei Hofe ...“

Doch der Arme verstand ihn auch jetzt nicht; er beeilte sich noch mehr als vorhin, fortzukommen, bückte sich nach seinem alten, blauen, durchlöcherten Taschentuch, das ihm aus dem Hut gefallen war, und rief seinen Hund; dieser war unbeweglich auf dem Fußboden liegen geblieben, scheinbar fest eingeschlafen, die Schnauze zwischen beiden Pfoten.

„Asorka, Asorka!“ rief er ihm mit bebender, greisenhafter Stimme zu, „Asorka!“

Doch Asorka bewegte sich nicht.

„Asorka, Asorka!“ wiederholte kläglich der Alte und berührte den Hund mit seinem Stock, um ihn zu wecken, doch dieser blieb unbeweglich.

Der Stock entfiel seinen Händen. Er kniete nieder und ergriff mit beiden Händen den Kopf seines Hundes. Armer Asorka! Er war tot. Er war lautlos zu den Füßen seines Herrn verendet, vielleicht vor Alter, oder wer weiß, vielleicht verhungert. Der Alte sah einen Augenblick wie erstarrt auf ihn, als könne er nicht begreifen, daß Asorka tot war; langsam beugte er sich zu seinem alten Freunde und Diener nieder und preßte sein leichenblasses Gesicht an den leblosen Kopf des Hundes. Eine Minute dauerte das Schweigen ... alle waren tief davon ergriffen ... endlich richtete sich der Arme auf, er war kreideweiß und bebte am ganzen Körper.

„Man kann ihn ausstopfen,“ bemerkte der gutmütige Herr Müller, um den Alten in irgend einer Weise zu trösten. „Man kann gut ausstopfen; Fedor Karlowitsch Krüger versteht gut auszustopfen. Fedor Karlowitsch Krüger ist großer Meister auszustopfen,“ bekräftige Müller noch seine Aussage, und überreichte dem Alten den Stock, den er aufgehoben hatte.

„Ja, ich kann gut machen ausstopfen,“ lobte sich selbst, bescheiden vortretend, Herr Krüger.

Das war ein langer, hagerer, gutmütiger Deutscher, mit roten, zerwühlten Haaren und einer Brille auf der stark gebogenen Nase.

„Fedor Karlowitsch Krüger hat große Talent, um wundervoll auszustopfen,“ fügte wieder Müller hinzu, der sich für seine Idee zu begeistern anfing.

„Ja, ich habe große Talent, um auszustopfen,“ bekräftigte seinerseits von neuem Herr Krüger, „und ich werde Ihnen umsonst ausstopfen Ihren Hund,“ fügte er in einem Anfall von Selbstaufopferung hinzu.

„Nein, ich Ihnen bezahlen dafür, daß Sie machen ausstopfen!“ schrie Adam Iwanowitsch Schulz, flammend vor Begeisterung, da er sich für die unschuldige Ursache des Unglücks hielt.

Der Alte hörte allen zu, augenscheinlich ohne etwas zu begreifen und zitterte noch immer am ganzen Körper.

„Warten! Trinken Sie ein Gläschen kuten Kognak!“ rief Müller, als er sah, daß der rätselhafte Gast sich anschickte, fort zu gehen.

Man brachte den Kognak. Mechanisch nahm der Alte das Gläschen, doch zitterten seine Hände, und bevor er es an die Lippen geführt, hatte er die Hälfte verschüttet. Ohne einen Tropfen zu trinken, legte er das Glas zurück auf den Teller. Darauf lächelte er so sonderbar, so ganz verloren und verließ eilig, ohne Asorka, die Konditorei. Alle waren ganz verwundert.

„Was für eine Geschichte!“ hörte man sie ausrufen.

Ich aber stürzte dem Alten nach. Einige Schritte rechts von der Konditorei lag eine kleine Gasse, finster und eng, zwischen hohen Häuserfassaden. Etwas sagte mir, der Alte müsse sich durchaus dahin begeben haben. Das zweite Haus rechts in der Gasse war im Bau begriffen und mit hohen Holzgerüsten umstellt. Der Bretterzaun, der das Haus umgab, nahm die Hälfte der Gasse ein. Längs dem Zaun war ein Holzsteg für Fußgänger: Hier, in der dunklen Ecke, die vom Bretterzaun ums Haus gebildet wurde, traf ich den Alten. Er saß auf dem Holzsteg für Fußgänger, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in die Hände gedrückt. Ich setzte mich neben ihn.

„Hören Sie mich an,“ begann ich, ohne recht zu wissen, was ich sagen sollte. „Trauern Sie nicht um Asorka. Kommen Sie, ich führe Sie nach Haus. Ich werde gleich eine Droschke nehmen. Wo wohnen Sie?“

Der Alte antwortete nichts. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. In der Gasse war niemand zu sehen. Plötzlich packte er mich an dem Arm.

„Ich ersticke!“ rief er mit heiserer, kaum hörbarer Stimme. „Luft!“

„Kommen Sie, gehen wir nach Haus!“ rief ich, erhob mich und versuchte ihn aufzuheben, „Sie werden Tee trinken und sich zu Bett legen ... Ich werde sofort eine Droschke nehmen ... einen Arzt rufen ... ich kenne einen Arzt ...“

Ich weiß nicht mehr, was ich noch alles auf ihn einsprach. Er wollte sich erheben, und richtete sich ein wenig auf, doch fiel er gleich wieder zurück und murmelte etwas vor sich hin, mit erstickter Stimme. Ich beugte mich zu ihm nieder, um ihn hören zu können.

„Auf Wassilij-Ostroff ... sechste Linie ... sechste Linie,“ röchelte der Alte.

Er verstummte.

„Sie leben auf Wassilij-Ostroff? Weshalb gingen Sie denn nach rechts, statt nach links? Ich werde Sie gleich hinführen ...“

Der Alte bewegte sich nicht mehr. Ich ergriff seine Hand; die Hand fiel leblos nieder. Ich blickte ihm forschend ins Gesicht, ich betastete ihn, – auch er war tot. Mir schien alles wie ein Traum.

Dieses Erlebnis machte mir viel zu schaffen, und in der Erregung schwand mein Fieber. Die Wohnung des Alten wurde bald gefunden. Er lebte indessen nicht auf Wassilij-Ostroff, sondern zwei Schritt davon entfernt, wo er gestorben war, im Hause Kluge, unter dem Dach, in der fünften Etage, in einer Wohnung, die aus einem kleinen Vorraum und einem großen aber sehr niedrigen Zimmer mit drei fensterartigen Spalten bestand. Er schien in der größten Armut gelebt zu haben. Seine Möbel waren ein Tisch, zwei Stühle und ein alter, alter Diwan, hart wie Stein, aus dem überall der Bast herauskam; ja, selbst diese Möbel schienen noch dem Hauswirt zu gehören. Der Ofen war ersichtlich lange nicht mehr geheizt worden; ein Licht war auch nicht zu finden. Ich bin jetzt fest davon überzeugt, daß der Alte jeden Abend zu Müller ging, um sich zu wärmen und bei Licht zu sitzen. Auf dem Tisch stand ein leerer, irdener Krug und lag ein Stück alte Brotkruste. Geld fand man nicht. Auch Wäsche besaß er nicht. Einer der Anwesenden wollte zu seiner Beerdigung ein reines Hemd geben. Es war klar, daß er unmöglich allein so hätte leben können, und daß irgend jemand von Zeit zu Zeit für ihn gesorgt haben mußte. In der Schublade des Tisches fand man seinen Paß. Der Verstorbene war Ausländer von Geburt, aber russischer Untertan und hieß Jeremias Smitt, Maschinist, achtundsiebzig Jahre alt. Auf dem Tisch lagen zwei Bücher; ein kleines Handbuch der Geographie und das neue Testament in russischer Übersetzung. Die weißen Ränder der Blätter waren mit Strichzeichen und Nägelspuren versehen. Diese Bücher erwarb ich mir später. Man befragte die Bewohner, den Wirt des Hauses, – keiner wußte etwas über ihn zu berichten. Das Haus hatte sehr viele Einwohner, meistenteils Handwerker und Deutsche, die Zimmer mit Beköstigung und Bedienung vermieteten. Der Verwalter des Hauses wußte wenig mehr von dem Verstorbenen, als daß er für seine Wohnung sechs Rubel monatlich Miete zahlte, im ganzen vier Monate in der Wohnung lebte und für die letzten zwei Monate schuldig geblieben war, – so daß man ihn hätte hinausweisen müssen. Man fragte, ob ihn jemand besucht habe? Doch niemand konnte auch darüber eine befriedigende Auskunft geben.

„Das Haus sei groß, wie die Arche Noah, ... als ob denn wenig Leute in ihm wohnten, ... alle seien doch nicht bekannt ...“ Der Hausknecht, der über fünf Jahre in diesem Hause gedient und sicher etwas über den seltsamen Mieter hätte aussagen können, war gerade vor zwei Wochen in sein Heimatsdorf gefahren. Sein Neffe, ein ganz junger Bursche, kannte noch kaum die Hälfte der Mieter. Ich weiß nicht mehr genau, welches Endresultat sich aus all diesen Nachforschungen ergab. Der Alte wurde wenigstens bald darauf beerdigt. Als ich in diesen Tagen wie zufällig nach Wassilij-Ostroff und in die sechste Linie kam, mußte ich laut auflachen: was anders konnte ich wohl in ihr vorfinden, als eine Fassadenreihe allergewöhnlichster Häuser? „Doch warum hatte der Alte sterbend von Wassilij-Ostroff, sechste Linie gesprochen,“ dachte ich bei mir. „War es etwa nur Fieberphantasie gewesen?“

Ich sah mir die freigewordene Wohnung Smitts an und sie gefiel mir. Ich mietete sie. Hauptsächlich des großen Zimmers wegen, wenn es auch so niedrig war, daß ich mich in der ersten Zeit ständig fürchtete, mit dem Kopf an die Decke zu stoßen. Übrigens gewöhnte ich mich bald daran. Für sechs Rubel monatlich hätte ich auch kein besseres Zimmer finden können. Eine eigene separate Wohnung zu haben, entzückte mich, ich mußte mich jetzt nur noch nach einer Bedienung umsehen, denn ohne jegliche Bedienung kann man doch nicht leben. Der Hausknecht wollte in der ersten Zeit einmal am Tage heraufkommen, um das Notwendigste zu besorgen. „Wer weiß,“ dachte ich, „vielleicht kommt auch jemand, um nach dem Alten zu fragen!“ Übrigens waren schon fünf Tage nach seinem Tode vergangen, und noch hatte sich niemand sehen lassen.

II.

Damals, vor einem Jahre, schrieb ich noch für mehrere Zeitungen Artikel verschiedener Art und glaubte fest daran, daß es mir einst gelingen würde, etwas Großes und Schönes zu schaffen. Ich arbeitete zugleich an einem großen Roman, doch das Ende von allem war – daß ich jetzt im Krankenhaus liege und wahrscheinlich bald sterben werde. Wenn ich aber sowieso bald sterben muß, wozu diese Aufzeichnungen?

Unwillkürlich muß ich ununterbrochen an dieses letzte schwerste Jahr meines Lebens denken. Ich bin gezwungen, alles Erlebte niederzuschreiben, um nicht aus Gram darüber zu sterben. All die empfangenen Eindrücke erregen und beschäftigen mich bis zur Qual. Unter der Feder werden sie immerhin einen ruhigeren, geordneteren Charakter annehmen, und weniger Hirngespinsten und Alpdrücken ähnlich sein. So hoffe ich wenigstens. Schon allein die mechanische Beschäftigung des Schreibens ist viel wert. Es beruhigt, es kühlt das erregte Blut, es weckt in mir frühere schriftstellerische Gewohnheiten und meine Erinnerungen und krankhaften Vorstellungen werden in Tätigkeit umgesetzt, verarbeitet ... Eine famose Idee ... und mit dem Papier kann man im Krankenhause die Doppelfenster zum Winter bekleben! ...

Doch habe ich meine Erzählung in der Mitte begonnen. Um alles zu erzählen, muß man von Anfang beginnen. So sei es denn! Übrigens wird ja meine Autobiographie ganz kurz sein.

Ich bin nicht hier geboren, sondern weit von hier entfernt, im Gouvernement X. Es ist anzunehmen, daß meine Eltern brave Leute gewesen sind, nur verwaiste ich schon in frühester Kindheit und wuchs im Hause Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeffs auf, eines kleinen Gutsbesitzers, der mich aus Mitleid aufgenommen. Er hatte nur ein einziges Kind, eine Tochter, Natascha, die drei Jahre jünger war als ich. Wir wuchsen wie Geschwister auf. O, süße Kindheit! Traurig, wenn man mit 25 Jahren nur an dich allein mit Begeisterung und Dankbarkeit denken kann! Am Himmel leuchtete damals eine so helle Sonne – nicht die Sonne Petersburgs. Mutwillig und fröhlich schlugen unsere kleinen Herzen. Um uns herum lagen Wiesen und Wälder und kein Gewicht toter Steine lastete auf uns, wie jetzt. Wie herrlich der Garten und der Park von Wassiljewskoje waren! Nikolai Ssergejewitsch war nämlich Verwalter des Gutes. In diesem Garten spielten ich und Natascha, und hinter ihm lag ein großer, feuchter Wald, in dem wir uns einmal als Kinder verirrten ... Goldene schöne Zeit! Das Leben schien so lockend und geheimnisvoll, und es war so süß, es kennen zu lernen. Damals, als hinter jedem Strauch und jedem Baum etwas Geheimnisvolles und Unbekanntes lebte und die Märchenwelt sich mit der Wirklichkeit verwebte! In der tiefen Ebene ballte sich der Abendnebel zu grauen gewundenen Bändern, die sich an die Sträucher unseres großen steinigen Abhangs hängten. Natascha und ich standen am Flußufer, hielten uns beide die Hände und sahen mit ängstlicher Neugier in die tiefe Ferne. Mit gespannter Ungeduld erwarteten wir etwas, das aus den Nebeln und aus der Tiefe aufsteigen, uns rufen und die Erzählungen der Njänjä[1] wahr machen würde. Einmal in späteren Jahren erinnerte ich Natascha daran, wie man uns ein „Kinderbuch“ schenkte und wir gleich zu unserer Lieblingsbank unter dem dichten alten Ahorn am Teich liefen, um das Zaubermärchen „Alfons und Delinde“ zu lesen. Auch jetzt kann ich nicht kaltblütig an die Erzählung zurückdenken und noch vor einem Jahr zitierte ich Natascha die ersten Zeilen mit Tränen in den Augen: „Alfons, der Held meiner Erzählung, war in Portugal geboren; Don Ramir, sein Vater usw.“ Ich muß wohl Natascha etwas sonderbar vorgekommen sein in meiner Begeisterung, denn sie lächelte so eigentümlich. Übrigens, zu meiner Beruhigung griff sie auch sofort selbst die alten Erinnerungen wieder auf, ich erinnere mich noch dessen. Ein Wort gab das andere, sie selbst begeisterte sich dafür, wir erzählten uns alles, was wir durchlebt hatten. Es war ein herrlicher Abend ... Und als man mich in die Gouvernementsstadt in Pension gab ... Gott, wie sie damals weinte! ... Und unsere letzte Trennung, als ich Wassiljewskoje auf immer verließ ... Ich hatte das Gymnasium beendet und begab mich nach Petersburg, um mich zur Universität vorzubereiten. Ich war siebzehn Jahre alt, sie war im fünfzehnten Jahr. Natascha sagt, daß ich damals ein so hoch aufgeschossener und linkischer Jüngling war, den man ohne zu lachen gar nicht ansehen konnte. Beim Abschied wollte ich ihr noch etwas sehr Wichtiges sagen, doch die Zunge war steif und klebte wie am Gaumen. Unser Gespräch stockte. Ich wußte nicht, wie ich es ihr sagen sollte – sie hätte mich vielleicht gar nicht verstanden. Ich weinte nur bitterlich, als ich fortfuhr, ohne etwas gesagt zu haben. Wir sahen uns erst lange nachher wieder, hier in Petersburg. Das war vor zwei Jahren, als der alte Ichmenjeff eines Prozesses wegen hierher gekommen war und ich meine literarische Tätigkeit kaum begonnen hatte.

III.

Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeff stammte aus einer guten Familie, die jedoch längst verarmt war. Übrigens hatten ihm seine Eltern noch eine ganz schöne Besitzung mit hundertfünfzig Seelen hinterlassen. Mit zwanzig Jahren ging er zu den Husaren. Alles lief gut ab, bis er im sechsten Jahre seines Dienstes, an einem verhängnisvollen Abend sein ganzes Vermögen verspielte. Er schlief die ganze Nacht nicht. Am nächsten Abend erschien er wieder am Spieltisch und setzte das Letzte ein, was er besaß, – sein Pferd. Die Karte gewann, die zweite, die dritte und in einer halben Stunde hatte er eines seiner Dörfer, – Ichmenjeffka mit fünfzig Seelen, wie es sich bei der letzten Revision ergab – zurückgewonnen. Die hundert Seelen waren auf immer verloren. Am nächsten Tage reichte er seinen Abschied ein, nach zwei Monaten verließ er den Dienst im Range eines Leutnants und begab sich auf sein Gütchen. Von diesem Spielverlust hat er in seinem Leben niemals mehr gesprochen und hätte, ungeachtet seiner Gutmütigkeit, mit jedem gebrochen, der es gewagt hätte, ihn daran zu erinnern. Auf dem Gute beschäftigte er sich fleißig mit der Wirtschaft und als er fünfunddreißig Jahre alt war, verheiratete er sich mit einer armen Adeligen, Anna Andrejewna Schumilowa, die ihm nichts mitbrachte, die aber in einem Adelspensionat bei einer Emigrantin, einer Mont-Revèche, erzogen worden war, obgleich niemand hätte sagen können, worin diese gute Erziehung bestanden. Nikolai Ssergejewitsch wurde ein vorzüglicher Landwirt. Die benachbarten Gutsbesitzer kamen zu ihm, um bei ihm zu lernen. Es vergingen einige Jahre, als plötzlich auf dem benachbarten Gut Wassiljewskoje, ein Gut, das neunhundert Seelen zählte, aus Petersburg der Besitzer desselben, Fürst Peter Alexandrowitsch Walkowskij, auftauchte. Seine Ankunft machte in der ganzen Gegend viel von sich reden. Der Fürst war noch ein Mann in den besten Jahren, wenn auch nicht mehr ganz jung, von hohem Rang und bedeutenden Verbindungen, ein schöner Mensch mit großem Vermögen, und dazu Witwer, was die Damen und jungen Mädchen der ganzen Umgegend ungemein interessierte. Man erzählte sich von dem glänzenden Empfang, den ihm der Gouverneur in der Gouvernementshauptstadt, mit dem er weitläufig verwandt war, bereitet und wie alle Damen durch seine Liebenswürdigkeit den Verstand verloren usw. usw. Kurz, er war einer der glänzendsten Vertreter der hohen Petersburger Gesellschaft, die selten in der Provinz erscheinen, aber wenn sie erscheinen, riesigen Effekt machen. Indessen gehörte der Fürst nicht zu den liebenswürdigen Menschen: das zeigte sich besonders denen gegenüber, deren er nicht bedurfte, oder die seiner Meinung nach unter ihm standen. Er hielt es auch nicht für nötig, seinen Gutsnachbarn einen Besuch zu machen, und erwarb sich dadurch viele Feinde. Alle waren deshalb sehr erstaunt, als es dem Fürsten plötzlich einfiel, Nikolai Ssergejewitsch einen Besuch abzustatten. Freilich war Nikolai Ssergejewitsch einer seiner nächsten Nachbarn. Auf die Familie Ichmenjeff machte der Fürst einen großen Eindruck, er entzückte sie alle beide, insbesondere Anna Andrejewna. In kurzer Zeit wurden sie die besten Bekannten, er kam alle Tage zu ihnen und lud sie zu sich ein, erheiterte sie, erzählte ihnen Anekdoten, spielte ihnen auf ihrem schlechten Klavier vor, sang ... Ichmenjeffs konnten sich nicht genug wundern, wie man von einem so lieben, guten Menschen hätte sagen können, daß er ein stolzer, zurückhaltender trockener Egoist sei – was alle Nachbarn von ihm einstimmig behaupteten! Man hätte annehmen müssen, daß der Fürst wirklich an Nikolai Ssergejewitsch, diesem einfachen, offenen und edlen Menschen, Gefallen gefunden hatte. Übrigens klärte sich das alles bald auf. Der Fürst war nach Wassiljewskoje gekommen, um seinen Verwalter zu entlassen, einen Deutschen und Landwirt von großem Selbstbewußtsein, einen Mann, schon ergraut und mit Brillen auf der gebogenen Nase, der jedoch bei allen seinen Vorzügen den Fürsten gottverboten bestohlen und einige Bauern fast zu Tode geprügelt hatte. Iwan Karlowitsch war denn auch endlich auf seiner Unehrlichkeit ertappt worden, sprach sehr beleidigt von der deutschen Ehrlichkeit, mußte jedoch ungeachtet dessen das Gut in etwas entehrender Weise verlassen. Der Fürst hatte jetzt einen Verwalter nötig, und seine Wahl fiel auf Nikolai Ssergejewitsch, einen ausgezeichneten Landwirt und ehrlichen Menschen, woran niemand gezweifelt hätte. Der Fürst hätte es nur sehr gewünscht, daß Nikolai Ssergejewitsch sich ihm selbst zum Verwalter angeboten. Doch das geschah nicht, und der Fürst machte ihm eines Tages von sich aus den Vorschlag, in Form einer freundschaftlich ergebenen Bitte. Ichmenjeff selbst gab zuerst eine abschlägige Antwort. Doch Anna Andrejewna schien das hohe Gehalt verlockend, und die verdoppelte Liebenswürdigkeit des Fürsten zerstreute alle übrigen Bedenken. Der Fürst hatte sein Ziel erreicht. Er war außerdem ein großer Menschenkenner. Während der kurzen Zeit seiner Bekanntschaft mit Ichmenjeff hatte er sofort erraten, mit wem er es zu tun hatte, und wußte, daß man Ichmenjeffs nur auf herzliche und freundschaftliche Weise dazu bewegen konnte, und daß mit Geld bei ihnen nichts zu erreichen war. Außerdem hatte er einen Verwalter nötig, dem er blindlings vertrauen konnte, da er nicht die Absicht hatte, jemals wieder nach Wassiljewskoje zu kommen. Das Vertrauen von Ichmenjeffs zu ihm war so stark, daß sie niemals an seiner Freundschaft zu ihnen gezweifelt hätten. Nikolai Ssergejewitsch gehörte zu diesen guten und naiv-romantischen Leuten, die bei uns in Rußland so liebens- und achtenswert sind, was man auch sonst von ihnen sagen mag, und die, wenn sie einmal jemand gern haben (und Gott weiß wofür), sich ihm mit ihrer ganzen Seele hingeben, so daß ihre Anhänglichkeit oft geradezu komisch wirkt.

Es vergingen mehrere Jahre. Das Gut des Fürsten blühte. Die Beziehungen zwischen dem Besitzer und dem Verwalter des Gutes waren ungetrübte, beschränkten sich jedoch auf eine trockene, geschäftliche Korrespondenz. Der Fürst mischte sich in die Obliegenheiten Nikolai Ssergejewitschs nicht ein, erteilte ihm nur hin und wieder einen Rat, der durch seinen praktischen Wert und die Sachlichkeit Ichmenjeff in Erstaunen setzte. Man sah daraus, daß der Fürst kein Freund von unnützen Ausgaben war, sondern zu sparen verstand. In Verlauf von fünf Jahren schickte er Nikolai Ssergejewitsch die Bevollmächtigung zum Ankauf eines anderen schönen und in demselben Gouvernement gelegenen Gutes von vierhundert Seelen. Nikolai Ssergejewitsch war ganz begeistert. Die Erfolge des Fürsten, seine Rangerhöhung, seine Laufbahn, nahm er sich so zu Herzen, als handelte es sich um seinen leiblichen Bruder. Seine Begeisterung überstieg jedoch alle Grenzen, als der Fürst ihm in einer besonderen Angelegenheit wirklich ein Zeichen seines außerordentlichen Vertrauens gab. Es geschah das folgendermaßen ... Übrigens muß ich hier einige besondere Einzelheiten aus dem Leben des Fürsten Walkowskij erwähnen, der ja doch zum Teil zu den Hauptpersonen meiner Erzählung gehört.

IV.

Ich erwähnte schon vorhin, daß er Witwer war. Er hatte sehr jung geheiratet, und zwar – nur des Geldes willen. Von seinen Eltern, die sich in Moskau vollständig ruiniert hatten, erhielt er so viel als gar nichts. Wassiljewskoje war verpfändet und über und über verschuldet. Der zweiundzwanzigjährige Fürst war genötigt, in eine Kanzlei in Moskau einzutreten, weil er keine Kopeke besaß. Die Ehe mit einer überreifen Kaufmannstochter rettete ihn aus dieser Situation. Der Kaufmann betrog ihn natürlich bei der Mitgift, doch konnte er immerhin mit dem Gelde seiner Frau das elterliche Gut kaufen und auf die Füße stellen. Die Kaufmannstochter, die er geheiratet, verstand weder zu lesen noch zu schreiben und konnte beim Sprechen kaum zwei Worte miteinander verbinden; außerdem war sie sehr häßlich, doch hatte sie einen großen Vorzug, sie war gut und fügte sich in alles. Der Fürst nützte diesen Vorzug auch vollkommen aus; nach dem ersten Jahre der Ehe, als seine Frau ihm einen Sohn gebar, ließ er sie bei ihrem Vater in Moskau und siedelte selbst in ein anderes Gouvernement über, wo er durch die Protektion eines hohen Petersburger Verwandten einen bedeutenden Posten erhielt. Seine Seele dürstete nach Auszeichnungen und einer glänzenden Laufbahn und da er sich sagen mußte, daß er mit seiner Frau weder in Petersburg noch in Moskau leben konnte, so beschloß er, in Erwartung eines Besseren, seine Karriere in der Provinz zu beginnen. Man erzählte sich, daß er im ersten Jahre der Ehe seine Gemahlin durch Mißhandlungen fast zu Tode gequält hätte. Dieses Gerücht erregte den Zorn Nikolai Ssergejewitschs und er verteidigte den Fürsten eifrig, den er solcher rohen Handlungsweise nicht für fähig hielt.

Endlich, nach siebenjähriger Ehe starb die Fürstin, und ihr verwitweter Gemahl siedelte jetzt sofort nach Petersburg über. Hier machte er von sich reden. Schön, jung, vermögend, mit glänzenden Eigenschaften begabt, geistreich, geschmackvoll, unerschöpflich heiter, trat er hier nicht als armer Glückssucher auf, sondern als eine blendende Erscheinung. Man erzählte sich, daß etwas Starkes, Siegreiches, ja ein unwiderstehlicher Zauber von ihm ausging. Er gefiel den Frauen außerordentlich, und ein Abenteuer mit einer Schönheit der hohen Gesellschaft brachte ihm denn auch glücklich einen skandalösen Ruhm ein. Ungeachtet seiner angeborenen Sparsamkeit warf er mit Geld um sich, verlor große Summen im Spiel, ohne eine Miene zu verziehen. Doch nicht darum war er nach Petersburg gekommen, um sich zu vergnügen: ihm war es darum zu tun, seine Karriere zu einem glänzenden Abschluß zu führen. Und das erreichte er. Ein hoher Verwandter, Graf Nainskij, der ihm seine Aufmerksamkeit nicht geschenkt hätte, wäre er als gewöhnlicher Bittender zu ihm gekommen, hielt es, entzückt durch die Erfolge des Fürsten in der Gesellschaft, für nötig, dessen siebenjährigen Sohn zur Erziehung in sein Haus zu nehmen. In die Zeit fiel die Fahrt des Fürsten nach Wassiljewskoje und seine Bekanntschaft mit Ichmenjeff. Durch Vermittlung des Grafen erhielt er dann eine bedeutende Stellung an einer der wichtigsten Gesandtschaften und begab sich ins Ausland. Ungenaue, dunkle Gerüchte drangen bis zu uns in die Heimat: man sprach von einem unangenehmen Konflikt im Auslande, doch konnte niemand sagen, worin er bestanden. Tatsache war damals nur der Kauf des Gutes von vierhundert Seelen, von dem ich bereits erzählt habe. Nach mehreren Jahren kehrte er dann mit erhöhtem Rang aus dem Auslande zurück und erhielt sofort einen bedeutenden Posten in Petersburg. In Ichmenjeffka verbreitete sich die Nachricht, daß er sich zum zweitenmal zu verheiraten beabsichtige, und zwar mit einer Tochter aus bedeutendem alten Adelsgeschlecht. Nikolai Ssergejewitsch rieb sich, außer sich vor Vergnügen, die Hände.

Ich besuchte damals gerade in Petersburg die Universität und erinnere mich noch, daß Ichmenjeff sich mit der Bitte an mich wandte, Erkundigungen über die Vermählung des Fürsten einzuziehen. Er hatte auch an den Fürsten geschrieben und um seine Protektion für mich gebeten, doch ließ der Fürst diesen Brief unbeantwortet. Ich wußte nur, daß sein Sohn, der zuerst beim Grafen erzogen wurde und dann das Lyzeum besuchte, im Alter von neunzehn Jahren sein erstes Examen machte. Ich teilte dies Ichmenjeff mit und fügte hinzu, daß der Vater seinen Sohn sehr liebe, sehr verwöhne und schon jetzt um seine Zukunft besorgt sei. Ich hatte es von anderen Studenten, meinen Kameraden erfahren, die den jungen Fürsten kannten. Um diese Zeit erhielt Nikolai Ssergejewitsch eines schönen Tages einen Brief vom Fürsten, der ihn außerordentlich verwunderte ...

Der Fürst, der sich bis dahin, wie ich schon erwähnte, in seinen Beziehungen zu Nikolai Ssergejewitsch nur auf eine trockene Geschäftskorrespondenz beschränkte, schrieb ihm jetzt plötzlich in ausführlicher, aufrichtiger und freundschaftlicher Weise über seine Familienangelegenheiten, beklagte sich über seinen Sohn, wie sehr dieser ihm durch seine schlechte Aufführung Sorgen mache ... Freilich müsse man die Unarten eines Knaben nicht allzu ernst nehmen, (er bemühte sich offenbar, ihn zu rechtfertigen) doch habe er beschlossen, seinen Sohn dafür zu strafen und ihn auf einige Zeit zu Ichmenjeffs ins Dorf zu schicken. Er schrieb ferner, daß er sich ganz auf seinen „guten, edlen Nikolai Ssergejewitsch verlasse, im besonderen aber auf Anna Andrejewna,“ bat sie beide, seinen Jungen in die Familie aufzunehmen, ihn in der Einsamkeit zu Vernunft zu bringen, wenn möglich, ihn zu lieben und vor allem aber seinen leichtsinnigen Charakter zu bessern und „ihm heilsame, strenge, im menschlichen Leben so notwendige Gesetze“ einzuflößen. Es versteht sich, daß der alte Ichmenjeff sich in allem Ernst und mit Begeisterung der Sache annahm. Der junge Fürst erschien und wurde wie ihr eigener Sohn von ihnen aufgenommen. In kurzer Zeit gewann ihn Nikolai Ssergejewitsch so lieb, wie seine Tochter Natascha; auch nachher, nach vollkommenem Bruch mit dem Fürsten, gedachte der alte Ichmenjeff mit besonderer Freude seines Aljoscha, wie er gewohnt war, den Fürsten Alexei Petrowitsch zu nennen. Dieser war in der Tat ein reizender Jüngling: schön, schwach und nervös wie eine Frau, doch harmlos und gutmütig, liebenswürdig und hochherzig, – so wurde er der Abgott des ganzen Hauses. Ungeachtet seiner neunzehn Jahre war er noch ein vollständiges Kind. Man konnte es gar nicht begreifen, warum der Vater ihn fortgeschickt hatte, der ihn, wie alle behaupteten, doch so sehr liebte. Man sagte, daß der Junge in Petersburg sich sehr leichtsinnig aufgeführt, nichts getan und sich auch mit nichts habe beschäftigen wollen, was den Vater sehr erzürnt hätte. Nikolai Ssergejewitsch fragte Aljoscha nicht weiter darüber aus, da der Fürst selbst ihm den wahren Grund nicht mitgeteilt hatte. Dazu liefen Gerüchte um von dem leichtsinnigen Verhältnis Aljoschas zu einer Dame, von einer Herausforderung zum Duell, von einem kolossalen Spielverlust, das Gerücht ging sogar so weit, daß es ihm nachsagte, er habe fremdes Geld unterschlagen. Wieder andere behaupteten, daß der Fürst seinen Sohn nur aus egoistischen Gründen entfernt habe. Die letzte Behauptung empörte besonders Nikolai Ssergejewitsch, um so mehr, als Aljoscha, der seinen Vater von Kindheit an nicht gekannt hatte, für ihn schwärmte, ihn liebte, sich für ihn begeisterte; offenbar war er ganz unter seinem Einfluß. Aljoscha plauderte zuweilen auch von einer Gräfin, die sie beide, Vater und Sohn verehrt hatten, und daß sie ihn, Aljoscha, bevorzugt habe, worüber der Vater sehr erzürnt gewesen wäre. Er erzählte des öfteren davon in kindlicher Offenherzigkeit und mit hellem Lachen; doch Nikolai Ssergejewitsch gebot ihm dann jedesmal, zu schweigen. Aljoscha bestätigte auch das Gerücht, daß der Vater ihn verheiraten wollte.

Er lebte schon fast ein Jahr in der Verbannung, schrieb von Zeit zu Zeit dem Vater vernünftige und respektvolle Briefe und hatte sich in Wassiljewskoje so gut eingelebt, daß, als der Vater im Sommer selbst auf das Gut kam, (er hatte Ichmenjeff seine Ankunft gemeldet) der Verbannte den Vater selbst bat, ihn noch einige Zeit in Wassiljewskoje zu lassen, da das Landleben, wie er versicherte, seine einzige Bestimmung wäre. Alle Neigungen und Entschlüsse Aljoschas kamen aus einer außergewöhnlichen, nervösen Empfänglichkeit, aus seinem feurigen Herzen, aus einer Leichtsinnigkeit, die bis an Gedankenlosigkeit grenzte, aus der Fähigkeit, sich jedem äußeren Einfluß zu ergeben und aus gänzlicher Abwesenheit irgendeiner Willenskraft. Der Fürst dagegen verhielt sich sehr mißtrauisch zu seiner Bitte ... Auch Nikolai Ssergejewitsch konnte nur mit Mühe seinen früheren „Freund“ wiedererkennen, denn Fürst Pjotr Alexandrowitsch Walkowskij hatte sich sehr verändert. Er war plötzlich besonders kleinlich in seinem Verhalten zu Nikolai Ssergejewitsch geworden; bei der Revision der Rechnungen zeigte er sich mißtrauisch, habgierig, in gewisser Hinsicht fast geizig. Der gute Nikolai Ssergejewitsch nahm sich das alles sehr zu Herzen und bemühte sich, selbst nicht daran zu glauben. Dieses Mal wickelte sich der Besuch in umgekehrter Folge ab, als vor vierzehn Jahren. Dieses Mal besuchte der Fürst alle seine vornehmeren Nachbarn, nur zu Nikolai Ssergejewitsch kam er nie und behandelte ihn wie einen Untergebenen. Und plötzlich geschah etwas Unbegreifliches: ohne jeglichen Grund kam es zu einem vollständigen Bruch zwischen dem Fürsten und Nikolai Ssergejewitsch. Heftige, erregte Worte, die beiderseits gefallen waren, hatte man beiden hinterbracht. Ichmenjeff verließ sofort Wassiljewskoje, doch war die Geschichte damit noch nicht zu Ende. In der ganzen Umgegend erzählte man sich die schrecklichsten Klatschgeschichten. Man behauptete, Nikolai Ssergejewitsch habe den Charakter und die Fehler des jungen Fürsten zu seinen Gunsten auszunützen verstanden; seine Tochter Natascha (die damals siebzehnjährige) habe den zweiundzwanzigjährigen Junker in sich verliebt gemacht, und beide, der Vater wie die Mutter förderten diese Liebe, indem sie sich das Ansehen gaben, als bemerkten sie nichts, vor allem nicht, daß die schlaue und „sittenlose“ Natascha diesen noch ganz jungen Menschen das ganze Jahr über, durch ihre Bemühungen, der Bekanntschaft aller benachbarten „anständigen“ Fräulein aus guter Familie entzogen habe. Man behauptete endlich, daß zwischen den Liebenden die Trauung im Dorfe Grigorjeff, fünfzehn Werst von Wassiljewskoje entfernt, heimlich schon verabredet worden sei, und daß die Eltern dabei Natascha mit guten Ratschlägen unterstützt hätten. Kurz, ein ganzes Buch hätte das nicht zu fassen vermocht, was die Gouvernementsklatschbasen beiderlei Geschlechts bei Gelegenheit dieser Geschichte sich ausdenken konnten. Ich wundere mich nur, daß der Fürst ihnen Glauben geschenkt hatte und tatsächlich infolge eines anonymen Briefes aus der Provinz nach Wassiljewskoje gekommen war. Selbstverständlich hätte niemand, der Nikolai Ssergejewitsch wirklich kannte, diesen Geschichten Glauben schenken können, doch statt dessen, wie das so zu geschehen pflegt, ereiferten sie sich alle, schüttelten die Köpfe und ... verurteilten ihn auf immer und endgültig. Ichmenjeff war viel zu stolz, um sich und seine Tochter vor diesen Klatschbasen zu rechtfertigen und befahl auch strengstens Anna Andrejewna, sich den Nachbarn gegenüber in keine Erklärungen einzulassen. Natascha selbst, die vielverleumdete, erfuhr von alledem nichts, wußte kein Wort von diesen Klatschereien. Man verheimlichte vor ihr die ganze Geschichte und so blieb sie heiter und unschuldig, wie ein Kind.

Der Konflikt spitzte sich indessen immer mehr und mehr zu. Diensteifrige Geister ruhten nicht und brachten es so weit, den Fürsten davon zu überzeugen, daß die langjährige Verwaltung des Gutes sich keineswegs durch musterhafte Ehrlichkeit ausgezeichnet hatte. Und nicht genug: vor drei Jahren sollte Nikolai Ssergejewitsch beim Verkauf eines Wäldchens zwölftausend Rubel für sich behalten haben, was durch die allerklarsten Beweise vor Gericht bezeugt werden könnte, um so mehr, als er zum Verkauf des Wäldchens keine gesetzliche Vollmacht des Fürsten besaß, sondern dabei aus eigener Initiative gehandelt hätte, um dann erst hinterher den Fürsten von der Notwendigkeit des Verkaufes zu überzeugen und ihm eine geringere Summe als die für das Wäldchen erhaltene einzuhändigen. Alle diese Verleumdungen entbehrten selbstverständlich jeglicher Basis, wie es sich in der Folge klar auswies, doch nichtsdestoweniger hatte der Fürst ihnen Glauben geschenkt und in Gegenwart von Zeugen Nikolai Ssergejewitsch einen Dieb genannt. Ichmenjeff brauste auf und schleuderte ihm eine gleich kräftige Beleidigung zurück. Es kam zu einer furchtbaren Szene, die dann zu einem Prozeß führte. Nikolai Ssergejewitsch, der keine genügenden schriftlichen Beweise hatte, und was die Hauptsache war, keine Protektion und keine Erfahrung in Gerichtssachen besaß, verlor den Prozeß sofort, in der ersten Instanz. Sein Gut wurde beschlagnahmt. Der erschütterte Alte aber ließ alles liegen und siedelte nach Petersburg über, um für seine Sache persönlich zu wirken. Sein Gut überließ er einem Sachverständigen. Dem Fürsten freilich schien es bald klar geworden zu sein, daß er Ichmenjeff grundlos beleidigt hatte. Doch waren beiderseits solche Kränkungen gefallen, daß von einem friedlichen Ausgleich nicht mehr die Rede sein konnte und der erbitterte Fürst auch seinerseits alles tat, um die Sache zu seinen Gunsten zu wenden, das heißt, seinem früheren Verwalter das letzte Stück Brot zu nehmen.

V.

So waren denn Ichmenjeffs nach Petersburg übergesiedelt.

Über mein Wiedersehen mit Natascha will ich mich weiter nicht verbreiten. Ich hatte sie in diesen vier langen Jahren nicht vergessen, im Gegenteil, ich hatte nur zu oft an sie gedacht. Natürlich war ich mir selbst nicht völlig im klaren über jenes eigentümliche Gefühl, mit dem ich an sie zurückdachte; als wir uns dann aber wiedersahen, erriet ich, daß das Schicksal sie für mich bestimmt hatte. In der ersten Zeit schien es mir, daß sie sich in diesen Jahren wenig entwickelt habe, ich dachte, sie sei dasselbe kleine Mädchen geblieben, das ich früher gekannt hatte. Dann aber begann ich, mit jedem Tage etwas Neues an ihr zu entdecken, etwas bis dahin noch nie an ihr Bemerktes, das gleichsam absichtlich vor mir verborgen worden war, als wolle das Mädchen sich vor mir verstecken – ... und welch eine Wonne dieses Entdecken war!

Ichmenjeff war in der ersten Zeit nach der Ankunft sehr übel gelaunt und dementsprechend reizbar. Seine Sache stand ziemlich schlecht, und da ärgerte er sich denn fortwährend, fuhr aus der Haut, sobald ihm etwas ungelegen kam, beschäftigte sich den ganzen Tag mit seinen Akten und Geschäftspapieren und hatte überhaupt wenig Sinn für uns. Anna Andrejewna dagegen ging umher, als könne sie sich in den neuen Verhältnissen noch immer nicht und niemals zurechtfinden. Petersburg ängstigte sie. Sie seufzte und fürchtete sich, weinte und sehnte sich nach ihrem früheren Leben in Ichmenjeffka, machte sich auch wegen Natascha Sorgen, da sie doch schon erwachsen sei und dabei so gar keine Aussicht habe, – kurzum, sie schüttete mit erstaunlicher Offenherzigkeit ihr ganzes Herz mir aus, freilich nur deshalb gerade mir, weil sie sonst niemanden hatte, der für solche freundschaftlichen Ergüsse geeigneter gewesen wäre.

In eben der Zeit, oder vielmehr kurz vor ihrer Ankunft in Petersburg, hatte ich meinen ersten Roman beendet, jenes Erstlingswerk, mit dem ich meine Laufbahn begonnen, und als Neuling wußte ich natürlich nicht, wo ich ihn unterbringen sollte. Bei Ichmenjeffs ließ ich jedoch kein Wort davon verlauten; sie aber waren mir ernstlich böse darob, daß ich ein müßiges Leben führte, d. h. weder im Staatsdienst stand, noch sonst wo eine Anstellung suchte. Der Alte machte mir deshalb mitunter sogar bittere Vorwürfe, wozu ihn selbstverständlich nur seine väterliche Zuneigung zu mir bewog. Ich aber schämte mich einfach, ihnen zu sagen, womit ich mich beschäftigte. Und wie hätte ich ihnen auch so offen sagen sollen, daß ich überhaupt nicht in Staatsdienst treten, sondern Schriftsteller werden wolle? Deshalb zog ich es denn auch vor, sie inzwischen noch zu täuschen, und sagte ihnen, ich fände keine Anstellung, obgleich ich mich nach Kräften um eine solche bemühte. Der Alte hatte keine Zeit, mein Tun und Lassen zu beobachten. Ich entsinne mich noch, wie Natascha mir einmal, nachdem sie ein diesbezügliches Gespräch zwischen ihm und mir angehört hatte, heimlich einen Wink gab, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, und wie sie mich dann unter Tränen beschwor, doch an meine Zukunft zu denken, und wie sie mich ins Verhör nahm: sie wollte wissen, was ich treibe. Und als ich auch ihr nichts von meiner Schriftstellerei mitteilte, da mußte ich ihr schwören, daß ich mich nicht als Faulpelz dem Schlendrian ergeben und mich zugrunde richten würde. Doch wenn ich ihr auch nicht gestand, was ich trieb, so hätte ich doch – dessen entsinne ich mich noch genau – alle Kritiken, selbst die schmeichelhaftesten Äußerungen der berühmtesten Literaturkenner über meinen Roman hingegeben für ein einziges aufmunterndes Wort von ihr. Eines Tages war dann das Buch endlich erschienen. Schon lange vor seinem Erscheinen war in Literaturkreisen viel von dieser Neuerscheinung gesprochen worden. B. hatte sich wie ein Kind gefreut, als er mein Manuskript gelesen. Nein! wenn ich jemals glücklich gewesen bin, so war ich es nicht in jener Zeit der ersten berauschenden Augenblicke meines ersten Erfolges, sondern damals, als ich mein Manuskript noch niemandem gezeigt, niemandem vorgelesen hatte: in jenen langen Nächten während der Arbeit, in jener Begeisterung, zwischen Hoffnungen und Träumen, und in der leidenschaftlichen Liebe zur Arbeit, als ich mich mit meinen Phantasiegebilden, mit den Menschen, die ich geschaffen, so eingelebt hatte, als wären es lebende, als wären es wirkliche Menschen gewesen; ich liebte sie von ganzer Seele, ich teilte ihr Leid wie ich ihre Freude teilte, mitunter vergoß ich aufrichtige Tränen über meinen unschlauen, einfältigen Helden. Wie sehr sich die Alten über meinen Erfolg freuten, läßt sich kaum beschreiben, obschon sie die Tatsache zuerst vor lauter Verwunderung gar nicht so recht fassen konnten: sie waren gar zu überrascht. Anna Andrejewna wollte zuerst überhaupt nicht glauben, daß der neue von allen gerühmte Schriftsteller – dieser selbe Wanjä wäre, der doch usw., usw., und sie schüttelte nur in einem fort den Kopf. Auch der Alte ergab sich nicht so bald, sprach langes und breites von verpfuschter Karriere im Staatsdienst, sprach auch von dem nicht einwandfreien Lebenswandel der Schriftsteller im allgemeinen. Doch die immer wieder auftauchenden neuen Urteile und Gerüchte, die zu ihm drangen, die Besprechungen in den Tageszeitungen und schließlich einige lobende Äußerungen hochstehender Persönlichkeiten, denen er alles ehrfurchtsvoll aufs Wort glaubte, zwangen ihn mit der Zeit doch, seine Auffassung von der Sache zu ändern. Als er dann gar sah, daß ich plötzlich Geld besaß, und als er erfuhr, wieviel Geld man mit literarischer Arbeit verdienen konnte, da schwanden auch seine letzten Zweifel und Bedenken. Als er aber einmal die Zweifel hatte fahren lassen, da gab er sich sogleich dem vollsten Glauben überhaupt hin, ja sogar richtiger Begeisterung. Wie ein Kind freute er sich über mein Glück und bald spann er die schönsten Zukunftsträume, indem er seiner Phantasie ohne Bedenken die Zügel schießen ließ. An jedem Tage, den Gott werden ließ, dachte er sich etwas Neues aus, schmiedete er neue Pläne für mich – und was das für Pläne waren! Er begann sogar, mir eine gewisse Hochachtung zu bezeugen, was er bis dahin natürlich nicht getan hatte. Dennoch gab es Augenblicke, in denen wieder ein Zweifel mißtrauisch sein Haupt erhob und er mitten im begeisterten Phantasieren inne hielt und mit sich selbst nicht recht im klaren war.

„Hm!“ meinte er dann: „Schriftsteller! Dichter! ’s ist doch sonderbar ... Wann sind denn die Dichter große Männer gewesen, werden sie je Exzellenz? Weiß Gott, sie sind doch immer nur solche Tintenkleckser, so ’n unzuverlässiges Volk!“

Wie ich bemerkte, kamen ihm diese beunruhigenden Gedanken, die so kitzlige Fragen aufwarfen, gewöhnlich in der Dämmerung, die für ihn überhaupt eine gefährliche Stunde zu sein schien: er wurde dann eigentümlich nervös, empfindsam und mißtrauisch. O, wie gut ich mich noch dieser ganzen Zeit entsinne! Natascha und ich, wir kannten seine Schwächen und lächelten im stillen. Ich erzählte ihm literarische Anekdoten, erzählte, wie Dershawin[2] eine Schnupftabaksdose mit Golddukaten erhalten und wie die Zarin persönlich Lomonossoff[3] besucht hatte; erzählte zum Schluß auch noch von Puschkin und Gogol.

„Ja, ja, Freund, ich weiß, ich weiß alles, das ist ja sehr gut und sehr schön, aber ...“ versetzte der Alte, der diese Geschichten vielleicht zum erstenmal hörte, „aber ... Hm! Aber weißt du, Wanjä, ich bin doch froh, daß dein Geschreibsel da nicht in Versen ist. Verse, weißt du, Freund, die sind doch barer Unsinn; da widersprich du mir nur nicht, das kannst du mir altem Manne ruhig glauben, ich will ja nur dein Bestes. Wie gesagt: barer Unsinn, nichts als Zeitverschwendung! Gymnasiasten – die können noch Verse schmieden, denen kann man es noch allenfalls gestatten ... Aber im allgemeinen können Verse euch junges Blut nur in die Irrenanstalt bringen ... Nun ja, gewiß, Puschkin war ein Genie, das wird niemand bestreiten, doch davon reden wir nicht. Aber immerhin sind es schließlich doch nur Gedichte, die er geschrieben hat, nichts weiter, so hm! – ephemerisch nennt man’s wohl ... Übrigens habe ich nur wenig von ihm gelesen ... Ja Prosa – sieh, das ist etwas ganz anderes! Hier kann der Verfasser sogar belehren, – na, da, gleichviel ... kann von der Liebe zum Vaterlande reden, oder so ... na überhaupt, von der Tugend ... Ja! Ich, weißt du, Freund, ich verstehe mich nur nicht auszudrücken, aber du begreifst auch so, was? Ich rede ja nur aus Liebe zu dir. Nun, nun, lies vor!“ schloß er plötzlich mit einer gewissen Gönnerhaftigkeit, als ich endlich das Buch gebracht und wir uns alle nach dem Tee an den runden Tisch gesetzt hatten, „also lies mal, was du dort zusammengeschrieben hast. Es wird ja soviel Aufhebens von dir gemacht! Jetzt werden auch wir es einmal zu hören bekommen.“

Ich schlug das Buch auf und schickte mich an, mit dem Vorlesen zu beginnen. Gerade an dem Tage war mein Roman im Druck erschienen, und nachdem ich endlich ein Exemplar erhalten, war ich sogleich zu Ichmenjeffs geeilt, um ihnen meinen Erstling vorzulesen.

Wie oft hatte ich mich darüber geärgert, daß ich ihnen das Werk nicht früher, nicht aus dem Manuskript, das beim Verleger war, vorlesen gekonnt! Natascha hatte vor Ärger sogar geweint und mir bitter vorgeworfen, daß jetzt fremde Menschen meinen Roman früher lesen würden als sie ... Doch da war nun endlich der große Augenblick gekommen. Wir saßen am Tisch. Der Alte machte ein ungewöhnlich ernstes und kritisches Gesicht. Er wollte offenbar gewissenhaft zu Gericht sitzen, wollte unerbittlich streng urteilen, und vor allem „sich selbst überzeugen“. Die Alte blickte gleichfalls ungemein feierlich drein; fast hätte sie zu diesem Vortrag ihre neue Haube aufgesetzt. O, sie hatte schon längst bemerkt, wie zärtlich ich ihren Liebling Natascha betrachtete, daß mir der Atem stockte und es mir vor den Augen dunkel wurde, wenn ich mit ihr sprach, und daß auch Natascha mich mit helleren Blicken ansah als früher. Ja! Endlich war auch diese Zeit angebrochen, gerade im Augenblick der Erfolge, der goldenen Hoffnungen und des größten Glücks, – alles zusammen, alles auf einmal! Auch war es ihr nicht entgangen, daß ihr Alter mich ganz verdächtig zu loben begann und mich und seine Tochter oft mit so eigenen Augen betrachtete ... aber da erschrak sie: ich war doch kein Graf, kein Fürst, kein Erbprinz, oder zum mindesten ein Kollegienrat und Doktor der Rechte, auf dessen junger Brust Orden glänzten und der eine schöne Erscheinung war! Die gute Anna Andrejewna liebte es nicht, Halbes zu wünschen.

„Da wird der Mensch nun gelobt und gelobt,“ dachte sie, „weshalb, wofür aber – das weiß niemand. Schriftsteller! Dichter! – was ist denn aber solch ein Schriftsteller?“

VI.

Ich las ihnen meinen Roman sogleich bis zum Ende vor. Ich begann nach dem Tee und las bis zwei Uhr nachts. Der Alte legte zuerst die Stirn in Falten. Er hatte etwas unerfaßbar Hohes erwartet, etwas, das er vielleicht überhaupt nicht begreifen könnte: etwas unbedingt Erhabenes mußte es sein. Statt dessen aber war es plötzlich etwas so Alltägliches und so längst Bekanntes, – wirklich: ganz wie alles das, was gewöhnlich um einen herum geschah! Wenn doch der Held wenigstens ein großer oder interessanter Mensch gewesen wäre, oder wenn ich doch etwas Historisches geschrieben hätte à la Roßlawleff oder Jurij Miloßlawskij, aber so! ... Irgend ein kleiner, verschüchterter und sogar ziemlich einfältiger Beamter, von dessen Uniformrock sämtliche Knöpfe abgefallen sind! – und alles das noch dazu in einer so einfachen Sprache geschrieben, auf ein Haar so wie wir selbst sprechen ... Sonderbar! Die Alte blickte fragend ihren Alten an, setzte sogar eine etwas hochmütige Miene auf, als hätte ich sie gekränkt. „Nein, lohnt es sich denn, so etwas überhaupt zu drucken und anzuhören! Und dafür wird noch Geld gezahlt!“ stand auf ihrem Gesicht geschrieben. Natascha dagegen hörte gierig zu, wandte keinen Blick von meinem Gesicht; sie hing förmlich an meinen Lippen, sah wie ich jedes Wort aussprach, und bewegte hin und wieder unbewußt ihre eigenen reizenden Lippen nach meinem Beispiel. Aber was geschah? Noch hatte ich nicht bis zur Hälfte gelesen, da standen schon in den Augen aller meiner Zuhörer – Tränen. Anna Andrejewna weinte aufrichtig, bemitleidete meinen Helden von ganzem Herzen und wollte ihm in seinem Unglück beistehen, helfen, was ich aus ihren naiven Ausrufen ersah. Der Alte hatte bald alle Erwartungen auf hohe und erhabene Dinge fallen lassen. „Da sieht man gleich, daß es nichts Klassisches ist, eben eine einfache Erzählung; dafür geht sie auch allen zu Herzen,“ sagte er, „dafür ist sie verständlich und begreiflich und erklärt einem, was um uns geschieht, und ist gleichzeitig sozusagen ein Denkmal dieser Geschehnisse. Dafür erkennt man, daß auch der niedrigste Mensch, mag er noch so eingeschüchtert und heruntergekommen sein, doch auch ein Mensch und mein Bruder ist.“

Natascha hörte zu, weinte und drückte mir unter dem Tisch krampfhaft die Hand, natürlich nur heimlich. Ich hatte den Roman zu Ende gelesen. Sie erhob sich; ihre Wangen glühten und Tränen glänzten noch an ihren Wimpern; plötzlich ergriff sie meine Hand, küßte sie und lief aus dem Zimmer. Die beiden Alten tauschten einen Blick aus.

„Hm! Da sieh mal an, wie begeisterungsfähig sie ist,“ sagte der Alte, doch etwas verdutzt. „Übrigens hat das nichts zu sagen, es ist sogar gut, weißt du, sogar sehr gut, ein edler Ausbruch! Sie ist ein gutes Mädchen ...“ brummte er mit einem Seitenblick auf seine Frau, als wolle er Natascha in Schutz nehmen und gleichzeitig auch mich rechtfertigen.

Doch Anna Andrejewna blickte jetzt bereits, obschon sie noch kurz zuvor gerührt und aufgeregt gewesen war, mit einer Miene drein, als wollte sie sagen: „Das ist ja alles ganz schön und gut, aber weshalb denn davon soviel Aufsehens machen?“

Natascha kehrte bald zurück, heiter und glücklich, und im Vorübergehen kniff sie mich heimlich. Der Alte machte sich zwar wieder daran, „ernstlich“ meinen Roman abzuschätzen, entbehrte aber vor Freude der nötigen Charakterfestigkeit und ließ sich hinreißen:

„Na, Freund Wanjä, kein Wort zu reden, es ist gut, sogar sehr gut! Hast uns überrascht, das muß ich sagen! Hast uns sogar so überrascht, wie ich es gar nicht erwartet hatte. Es ist ja nicht Gott weiß wie hoch und erhaben, das sieht man ... Da habe ich zum Beispiel die ‚Befreiung Moskaus‘ – dort auf dem Tisch – ist auch in Moskau verfaßt worden, – nun, das ist was anderes, da merkt man, Freund, schon an der ersten Zeile, daß man sich da, wie man so sagt, wie ein Adler emporschwingen muß, um es zu verstehen ... Aber weißt du, Wanjä, bei dir ist es alles viel einfacher, viel verständlicher. Sieh, und deshalb gefällt es mir auch gerade, weil es verständlicher ist. Es ist wie ... wie vertrauter; als hätte ich das selbst alles erlebt. Das Erhabene aber – was ist denn das schließlich. Das begreift der Schreiber vielleicht selber nicht. Aber weißt du, den Stil würde ich an deiner Stelle doch etwas schleifen; das Buch ist ja gut so, wie es ist, aber sag’ du, was du willst – es ist eigentlich doch wenig Erhabenes darin ... Na, aber was! – jetzt ist es zu spät: ist schon gedruckt. Doch in der zweiten Auflage, ginge es da nicht? Was, Freund, eine zweite Auflage wird’s doch geben? Und dann gibt es wieder Geld ... Hm!“

„Und Sie haben wirklich so viel Geld bekommen, Iwan Petrowitsch?“ fragte mich Anna Andrejewna. „Ich muß sagen – ich sehe Sie an und kann’s immer noch nicht glauben. Ach, du mein Gott, wofür man jetzt alles Geld zahlt!“

„Weißt du, Wanjä,“ fuhr der Alte fort, indem er und seine Phantasie immer lebhafter wurden, „das ist zwar kein Staatsdienst, dafür aber doch eine Laufbahn! Auch hochstehende Persönlichkeiten werden es lesen. Du sagtest doch, Gogol erhalte eine jährliche Unterstützung und sei ins Ausland geschickt worden. Was, wenn du nun auch so etwas erhieltest? Wie? Was meinst du? Oder ist es noch zu früh? Muß dazu noch mehr geschrieben werden? Nun, dann schreib nur, Freund, schreib nur! Ruh dich noch nicht auf deinen Lorbeeren aus. Wozu da Zeit versäumen!“

Und er sagte das alles mit so überzeugter Miene, mit einer so gutmütigen Offenherzigkeit, daß ich mich nicht entschließen konnte, seiner Phantasie einen Dämpfer aufzusetzen: ich hatte nicht das Herz dazu.

„Oder es wird dir zum Beispiel eine Schnupftabaksdose übersandt ... Was! Man kann eben auf verschiedene Art seine Anerkennung bezeugen. Vielleicht will man dir behilflich sein ... Wer weiß, vielleicht wirst du sogar bei Hofe empfangen werden?“ fragte er fast flüsternd und sah mich dabei bedeutsam an und zwinkerte mit dem linken Auge, „oder nicht? Dazu ist’s wohl noch zu früh?“

„Was nicht noch! Nun schon bei Hofe!“ sagte Anna Andrejewna, wie es schien, für den Hof fast gekränkt.

„Es fehlt nicht viel und Sie erheben mich zum General,“ versetzte ich von Herzen lachend.

Da begann auch der Alte zu lachen. Er war gut gelaunt.

„Wünschen Exzellenz nichts zu genießen?“ fragte Natascha schelmisch vom Eßtische her. Dann lachte sie auf, lief zum Vater und umarmte ihn krampfhaft.

„Du guter, lieber Papa!“

Der Alte war ganz gerührt.

„Nun, nun, schon gut, schon gut! Ich rede ja nur so. General hin oder General her – aber gehen wir mal jetzt zu Tisch und essen wir etwas. Ach du, Kleine, sieh mal an, wie leicht du dich rühren läßt!“ sagte er zärtlich, indem er seiner Natascha die rosige Wange klopfte, was er gern bei jeder Gelegenheit tat. „Ich habe ja nur aus Liebe zu dir gesprochen, Wanjä ... Nun, wenn du auch nicht ein General wirst – bis zum General ist es weit! – aber du bist doch immer eine bekannte Persönlichkeit: ein Verfasser.“

„Papa, jetzt sagt man Schriftsteller.“

„So? Nicht Verfasser? Das wußt’ ich nicht. Nun, dann meinethalben Schriftsteller, aber ich wollte nur sagen: zum Kammerherr wird er dafür, daß er einen Roman geschrieben hat, doch nicht ernannt werden; daran ist nicht zu denken; aber schließlich kann er auch so auf die Staffel kommen, zum Beispiel: kann irgend so etwas wie ein Attaché werden, wird vielleicht ins Ausland geschickt, nach Italien, zur Kräftigung der Gesundheit, oder sonstwie – zur Vervollkommnung in der Wissenschaft etwa ... dazu kann man ihn mit Geld unterstützen. Versteht sich: das darf nur in anständiger Weise geschehen, so, daß er auch wirklich etwas dafür leistet, für das Geld und die Ehrungen, nicht aber so irgendwie durch Protektion ...“

„Du, werd’ aber dann nur nicht zu stolz, Iwan Petrowitsch,“ unterbrach ihn lachend Anna Andrejewna.

„Ach, Papa, heften wir ihm doch schnell einen Orden an den Rock, denn sonst – was ist denn ein Attaché!“

Und wieder kniff sie heimlich meinen Arm.

„Da macht sich der Racker wieder mal über mich lustig!“ rief der Alte lachend, während seine Augen liebkosend auf seiner Tochter lagen, deren glänzender Blick und lachende Lippen Glück verrieten. „Ja, wißt ihr, jetzt merk’ ich selbst, daß ich zu weit gegangen bin, Kinderchen, das ist nun einmal mein alter Fehler ... Nun weißt du, Wanjä, es wundert mich doch: du bist ja eigentlich ein ganz gewöhnlicher Mensch, wenn man dich so ansieht ...“

„Ach, mein Gott! Wie soll er denn sein, Papachen?“

„Nein, nein, das war nicht so gemeint. Ich meine ja nur, Wanjä, daß du eben ein Gesicht hast ... das heißt so, so ... eben gar kein poetisches ... So, weißt du, ich meine – man sagt doch immer, sie seien so bleich, die Dichter, so – na ja, mit solchem Haar und in den Augen so was ... Na, du weißt schon, so wie Goethe etwa oder sonst einer von diesen ... ich hab’s vor kurzem in einer Zeitschrift gelesen ... Wie? Was? Habe ich wieder was Falsches gesagt? Da hat der Racker wieder gut lachen über mich! Worüber lachst du denn? Ich, wißt ihr, ich bin kein Gelehrter, ich verstehe nur zu – zu fühlen. Na, Gesicht hin, Gesicht her – was ist schließlich an solch einem Gesicht gelegen! Für mich ist auch dein Gesicht schon lange gut genug, es gefällt mir sogar sehr ... Das war es nicht, was ich sagen wollte ... Nur sei du immer ehrlich, Wanjä, sei ein Ehrenmann, das ist die Hauptsache. Lebe anständig, denke nicht an das glänzende Äußere, nicht darauf kommt es an! Vor dir liegt ein breiter Weg. Diene ehrlich deiner Sache; sieh, nur das wollte ich dir sagen, gerade dieses eine wollte ich dir nur sagen!“

Wundervoll war die Zeit! Alle freien Stunden, alle Abende verbrachte ich bei ihnen. Dem Alten erzählte ich Neues aus der literarischen Welt und von der Literatur, für die er sich plötzlich, ich weiß nicht warum, sehr zu interessieren begann; er las sogar die kritischen Abhandlungen B.s, von denen ich ihm viel erzählt hatte und die er doch fast überhaupt nicht verstand, nichtsdestoweniger aber bis zur Begeisterung lobte, indessen sich bitter über die Feinde B.s beklagte. Die Alte pflegte eifrig auf mich und Natascha aufzupassen, aber es half doch nichts! Zwischen uns war schon das entscheidende Wort gefallen, denn Natascha hatte mit gesenktem Köpfchen und halbgeöffneten Lippen flüsternd „Ja“ gesagt. Dann hatten es die Alten erfahren, sich darüber beraten, nachgedacht; Anna Andrejewna hatte lange ungläubig den Kopf geschüttelt. Sonderbar bange war ihr. Sie glaubte nicht an mich.

„Solange Sie Erfolge haben, Iwan Petrowitsch, ist ja alles gut,“ sagte sie zu mir, „aber wenn der Erfolg ausbleibt – was dann? Wäre es nicht besser, wenn Sie doch irgendwo in Stellung träten!“

„Hör mal an, Wanjä, was ich dir sagen werde,“ entschied der Alte nach langem Nachdenken, „ich habe es ja selbst kommen sehen, längst bemerkt und muß gestehen, daß es mich gefreut hat, du und Natascha ... nun, was ist denn dabei! Siehst du, Wanjä; beide seid ihr aber noch sehr jung und meine Anna Andrejewna hat recht. Warten wir. Du, nehmen wir an, hast vielleicht Talent, bedeutendes Talent ... nun gerade kein Genie, wie sie da anfangs über dich schrieben, sondern so, einfach ein Talent ... (ich habe heute eine Kritik über dich in der ‚Biene‘ gelesen; gar zu schlecht haben sie dich da behandelt; doch was ist denn das auch für eine Zeitschrift!) Ja! Siehst du: das heißt noch kein Geld auf der Sparkasse haben, wenn man Talent hat: ihr seid aber beide arm. Warten wir ein Jährchen oder ein halbes: kommst du inzwischen gut auf deinem Wege vorwärts – so sollst du sie haben; wenn nicht – so sage dir doch selbst ... du bist ein anständiger Mensch, überlege es dir doch einmal! ...“

Und dabei blieb es! Was aber geschah nach einem Jahr:

Ja, gerade nach einem Jahr! An einem hellen Septembertage, kurz vor Abend war es, da erschien ich bei meinen Alten, krank, den Tod in Seele und Körper und sank fast ohnmächtig auf einen Stuhl nieder, so – daß die beiden, als sie sahen in welchem Zustande ich mich befand, sehr erschrocken waren. Nicht etwa deshalb schwindelte mir der Kopf und quälte mich mein Herz, nachdem ich zehnmal an ihre Tür getreten war und zehnmal mich fortgeschlichen hatte, ohne einzutreten, – nicht deshalb weil meine literarische Tätigkeit mir keinen Ruhm gebracht und ich kein Geld besaß; nicht deshalb, weil ich noch kein „Attaché“ geworden und niemand daran dachte, mich der Gesundheit wegen nach Italien zu schicken; sondern deshalb, weil man in einem Jahr zehn Jahre durchleben konnte, und weil auch meine Natascha zehn Jahr in einem Jahr durchlebt hatte. Eine Ewigkeit lag zwischen uns ... Und ich erinnere mich, wie ich dasaß vor meinem Alten und schweigend meinen vertragenen Hut zwischen den Fingern drehte, dasaß und wartete – worauf? Wohl daß Natascha käme?! Meine Kleidung war vertragen, mein Rock saß mir schlecht, mein Gesicht war bleich und eingefallen – und doch war ich noch längst nicht einem Dichter ähnlich und aus meinen Augen flammte kein großer Genius, wie ihn damals der gute Nikolai Ssergejewitsch geschildert hatte. Die Alte sah auf mich mit allzu aufrichtigem, allzu bereitwilligem Mitleid und dachte wohl bei sich:

„Und dieser wäre beinahe Nataschas Verlobter geworden! Gott erhalte und beschütze uns davor!“

„Iwan Petrowitsch, wünschen Sie vielleicht Tee?“ (Der Samowar kochte auf dem Tisch.) „Wie geht es Ihnen denn, Väterchen? Ganz krank sehen sie aus!“ Mir ist, als hörte ich ihre klagende Stimme.

Und vor mir sehe ich sie jetzt noch, wie sie zu mir spricht, eine andere Sorge auf dem Herzen, die auch ihrem Manne am Herzen nagt, der über seiner stehengebliebenen Teetasse seinen Gedanken nachging. Ich wußte, daß sie in diesem Augenblick der Prozeß mit dem Fürsten, der für sie keine günstige Wendung genommen, sehr beschäftigte, dazu kamen noch andere Unannehmlichkeiten, die Nikolai Ssergejewitsch tief im Innersten erregten. Der junge Fürst, der die Ursache der ganzen Geschichte gewesen, hatte vor fünf Monaten eine Gelegenheit gefunden, Ichmenjeffs aufzusuchen. Der Alte, der seinen lieben Aljoscha wie seinen eigenen Sohn gern hatte und sich täglich seiner erinnerte, nahm ihn mit Freuden auf. Anna Andrejewna wurde an Wassiljewskoje erinnert und brach in Tränen aus. Aljoscha kam nun immer öfter und öfter, während er seine Besuche vor dem Vater verheimlichte. Nikolai Ssergejewitsch wiederum, offen und anständig wie er war, wies alle Bedenken und Vorsichtsmaßregeln mit Unwillen zurück. Aus Stolz mochte er gar nicht daran denken, was der Fürst dazu sagen würde, wenn er es erführe, daß sein Sohn wieder Gast des Hauses Ichmenjeff sei und verachtete innerlich jeglichen unsinnigen Verdacht. Der Alte überlegte gar nicht, ob er auch stark genug sein würde, neue Beleidigungen zu ertragen. Der junge Fürst erschien jetzt jeden Tag und erheiterte durch seine Gegenwart die Alten. Oft saß er bei ihnen bis in die Mitternacht. Natürlich erfuhr es der Vater. Es liefen wieder die schrecklichsten Gerüchte um. Der Fürst schrieb wieder Nikolai Ssergejewitsch wie früher einen schrecklich beleidigenden Brief über dieses Thema und verbot dem Sohn endgültig den Besuch bei Ichmenjeffs. Das war ungefähr vor zwei Wochen geschehen. Der Alte war wieder aufs tiefste erschüttert. Wie! Seine unschuldige edle Natascha wagte man von neuem in diese schmutzige Geschichte zu verwickeln! Dieser Mensch wagte es, wie früher ihren Namen in schimpfliche Verbindung zu bringen ... Und alles das, ohne irgend eine Genugtuung zu erhalten! In den ersten Tagen erkrankte er vor Verzweiflung und mußte das Bett hüten. Alles das hatte ich erfahren, die ganze Geschichte bis in alle ihre Einzelheiten, obgleich ich krank und gequält in meiner Wohnung lag und drei Wochen lang bei ihnen nicht erschienen war. Auch wußte ich schon damals ... nein, ich fühlte es voraus, daß außer dieser Geschichte, sie etwas anderes auf der Welt noch viel mehr beunruhigen, ja quälen mußte, und sie taten mir leid. Vielmehr ich quälte mich, fürchtete alles zu erraten und wünschte aus meiner ganzen Kraft, diese verhängnisvolle Minute aufhalten zu können. Und doch war ich nur deshalb zu ihnen gekommen. Mich hatte heute etwas geradezu gezwungen, hinzugehen!

„Ja, Wanjä,“ wandte sich, wie sich plötzlich besinnend, der Alte an mich, „bist du nicht krank gewesen? Warst lange nicht mehr hier? Ich wollte mich nach dir erkundigen, aber ich kam nicht dazu ...“

Und er verfiel wieder in Nachdenken.

„Ich war nicht recht gesund,“ antwortete ich.

„Hm! Nicht recht gesund,“ wiederholte er fünf Minuten nachher. „Also nicht gesund! Habe ich dir damals nicht gesagt, dich gewarnt – du wolltest nicht hören! Hm! Nein, mein lieber Wanjä: die Muse, die hat doch immer im Dachstübchen gehungert und da wird sie auch sitzen bleiben. So ist’s!“

Ja, der Alte war wahrlich nicht bei Laune! Aber wäre er nicht selbst so tief in seinem Herzen verwundet gewesen, dann hätte er wohl nicht so hart von der hungernden Muse gesprochen! Ich betrachtete ihn näher: seine Gesichtsfarbe hatte einen gelben Ton und in seinen Augen lag eine quälende Frage, die zu beantworten er keine Kraft mehr zu haben schien. Er war zerstreut, unruhig, und offenbar sehr verbittert. Seine Frau betrachtete ihn mit Unruhe und schüttelte über ihn heimlich den Kopf. Als er sich umwandte, machte sie mir ein Zeichen.

„Wie geht es Natalja Nikolajewna? Ist sie zu Haus?“ fragte ich die besorgte Anna Andrejewna.

„Zu Haus, mein Lieber, zu Haus,“ bestätigte sie, doch ganz, als fiele es ihr schwer, diese Frage zu beantworten. „Sie wird gleich kommen, um dich zu begrüßen. Ist es denn ein Spaß, dich drei Wochen nicht zu sehen! Hat sie sich darum etwa so verändert, man weiß wirklich nicht, ist auch sie krank oder ist sie gesund! Gott mit ihr!“

Und sie warf einen scheuen Blick auf ihren Mann.

„Wieso? Was soll ihr fehlen?“ warf Nikolai Ssergejewitsch kurz und abgebrochen ein, „sie ist gesund. Das Mädchen kommt in die Jahre, wo man die Kinderschuhe auszieht, das ist alles. Wer kann aus diesen Mädchenlaunen klug werden?“

„Nun ja, jetzt sind’s schon Launen!“ griff Anna Andrejewna in gekränktem Tone die Bemerkung auf.

Der Alte schwieg und trommelte mit seinen Fingern auf den Tisch.

„Mein Gott, sollte wirklich schon etwas zwischen ihnen vorgefallen sein?“ dachte ich mit Schrecken.

„Nun, und wie steht es denn da mit euch?“ begann er von neuem. „Schreibt B. immer noch seine Kritiken?“

„Ja, er schreibt,“ antwortete ich.

„Ach, Wanjä, Wanjä!“ rief er aus, mit der Hand abwinkend, „was sollen uns hier die Kritiken!“

Die Tür öffnete sich und herein trat Natascha.

VII.

Sie hielt ihren Hut in der Hand und legte ihn auf das Klavier; darauf kam sie zu mir und reichte mir schweigend die Hand. Die Lippen zitterten leise: es schien, als hätte sie mir etwas sagen wollen, doch – sagte sie nichts.

Drei Wochen hatten wir uns nicht gesehen. Erschrocken sah ich sie an. Wie hatte sie sich in diesen drei Wochen verändert! Mein Herz krampfte sich zusammen, als ich diese bleichen Wangen, diese wie im Fieber zuckenden Lippen sah, und diese Augen, die unter den langen dunklen Wimpern in leidenschaftlicher Entschlossenheit loderten.

Gott! wie war sie schön! Niemals, weder vorher, noch nachher, habe ich sie so gesehen wie an diesem verhängnisvollen Abend. War es wirklich dieselbe Natascha, dasselbe junge Mädchen, das noch vor einem Jahr, als sie meinem Roman zuhörte, mich mit ihren Augen verschlang und kaum zu atmen wagte. Und wie konnte sie damals fröhlich sein, wie scherzte und lachte sie damals mit ihrem Vater und mit mir beim Abendessen!

Dumpfer Glockenklang ertönte zum Abendgottesdienst. Natascha fuhr zusammen; die Alten bekreuzten sich.

„Du wolltest zum Abendgottesdienst gehen, Natascha, man läutet schon,“ sagte Anna Andrejewna. „Gehe Nataschenka, gehe, das Heil ist nahe! Ja, gehe an die Luft, was sitzt du so eingeschlossen im Zimmer! Sieh, ganz bleich bist du!“

„Ich ... gehe vielleicht ... heute nicht,“ sagte Natascha leise, fast flüsternd. „Ich ... fühle mich nicht wohl,“ fügte sie hinzu und erbleichte. Sie war weiß wie ein Tuch.

„Besser, du gehst, Natascha, du hast doch die Absicht gehabt, zu gehen, brachtest deinen Hut mit. Bete zu Gott, Nataschenka, daß er dir Gesundheit verleihe ...“ beredete sie Anna Andrejewna und sah schüchtern ihre Tochter an, als fürchtete sie sich vor ihr.

„Ja, ja, gehe, gehe an die frische Luft,“ fügte jetzt auch der Alte hinzu, der unruhig das Gesicht seiner Tochter betrachtete. „Die Mutter hat recht. Wanjä wird dich begleiten.“

Mir schien, als glitt ein bitteres Lächeln über Nataschas Lippen. Sie ging ans Klavier, nahm ihren Hut und setzte ihn auf. Ihre Hände zitterten, alle ihre Bewegungen schienen ganz unbewußt – ganz als begriffe sie selbst nicht, was sie tat. Vater und Mutter beobachteten sie aufmerksam.

„Lebt wohl!“ sagte sie kaum hörbar.

„Mein Engel, wozu sich verabschieden, als wäre der Weg so weit! Sieh, daß du keinen Zug bekommst; gib acht, wie du bleich bist. Ach! Und ich habe vergessen (immer vergesse ich alles), ich habe ein kleines Amulett für dich, mein Engel, habe ein Gebet darin eingenäht. Eine Nonne aus Kiew hat es mich gelehrt, im vorigen Jahr. Es ist ein Gebet für alles; erst neulich habe ich es eingenäht. Nimm es, Natascha. Möge Gott dir Gesundheit schenken. Unser Einziges bist du.“

Und die Alte kramte im Arbeitskästchen und zog das goldene Kreuzchen von Natascha hervor, an dessen Kettchen sie auch das Amulett gehangen.

„Trage es zu deinem Glück!“ fügte sie hinzu, und hängte das Kreuz der Tochter um den Hals, sich und sie bekreuzigend. „Es gab eine Zeit, da bekreuzte ich dich jeden Abend zur Nacht und du sprachst dein Gebet. Doch jetzt bist du nicht mehr dieselbe und Gott schenkt dir keine Ruh. Ach, Natascha, Natascha! Auch meine mütterlichen Gebete können dir nicht helfen.“

Und die Alte fing an zu weinen.

Natascha küßte schweigend ihre Hand; wandte sich dann zur Tür; doch plötzlich kehrte sie um und ging schnell auf den Vater zu.

„Väterchen, segne auch du ... deine Tochter!“ rief sie mit vor Schluchzen erstickter Stimme, und kniete vor ihm nieder.

Vor diesem unerwarteten und feierlichen Kniefall standen wir ganz bestürzt da. Der Vater sah seine Tochter einen Augenblick wie verloren an.

„Nataschenka, mein Kind, meine Tochter, mein Liebes, was ist mit dir?“ rief er endlich aus und ein Tränenstrom brach aus seinen Augen. „Was bedrückt dich? Warum weinst du Tag und Nacht? Ich weiß doch alles, ich schlafe die Nächte nicht und steh vor deiner Zimmertür und horche! ... Sage mir alles, Natascha, vertraue mir, deinem alten Vater und wir ...“

Er brach ab, hob sie hoch und umarmte sie. Sie preßte sich krampfhaft an seine Brust und verbarg ihren Kopf an seiner Schulter.

„Nichts, nichts, das ist nur so ... ich bin nicht ganz wohl ...“ bestätigte sie, schluchzend von verhaltenen Tränen.

„Ja, segne dich Gott, wie ich dich segne, mein liebes, mein einziges Kind!“ sagte der Alte. „Er schenke Frieden deiner Seele und befreie dich von allem Kummer. Bete zu Gott, mein Kind, damit er mein sündhaft Gebet erhöre.“

„Und meinen Segen, meinen Segen, über dich!“ fügte die Alte in Tränen aufgelöst hinzu.

„Lebt wohl!“ flüsterte Natascha.

An der Tür blieb sie noch einmal stehen, sah noch einmal auf beide, wollte noch etwas sagen, konnte jedoch nichts über die Lippen bringen und ging rasch aus dem Zimmer. Ich stürzte ihr nach, das Böse ahnend.

VIII.

Sie ging schweigend, schnell, den Kopf gesenkt und sah nicht auf mich. Als wir die Straße durchschritten und zum Kai kamen, blieb sie stehen und ergriff meine Hand.

„Es ist so schwül!“ flüsterte sie, „mein Herz ist so beengt ... so schwül ...“

„Kehre um, Natascha!“ rief ich, außer mir.

„Verstehst du denn wirklich nicht, Wanjä, daß ich auf immer von ihnen gegangen bin und nie mehr zu ihnen zurückkehren werde?“ Und mit unaussprechlicher Trauer sah sie mich dabei an.

Mein Herz erbebte. Das hatte ich alles vorausgefühlt, noch bevor ich zu ihnen ging, schon tagelang vorher, wie im Nebel ... und doch – trafen mich ihre Worte jetzt wie Donnerschläge.

Wir gingen schweigend den Kai entlang. Ich konnte nichts sagen, nichts denken, mir schwindelte. Dieser Entschluß schien mir so unmöglich, so unsinnig!

„Du verurteilst mich, Wanjä?“ sagte sie endlich.

„Nein ... aber, ich kann es nicht glauben; das ist so unmöglich! ...“ antwortete ich, mir kaum bewußt, was ich sagte.

„Nein, Wanjä, es ist schon geschehen! Ich habe sie verlassen und ich weiß nicht, was aus ihnen werden wird ... ich weiß auch nicht, was aus mir werden wird!“

„Du gehst zu ihm, Natascha?“

„Ja!“ antwortete sie.

„Das ist doch unmöglich!“ schrie ich außer mir ... „Weißt du denn nicht, daß es unmöglich ist, Natascha, du meine Arme. Das wäre ja Wahnsinn! Du tötest sie und dich zugleich! Weißt du denn das nicht, Natascha?“

„Ich weiß es; doch, was soll ich tun, es ist nicht mein freier Wille,“ und in ihrer Stimme klang eine Verzweiflung, als ginge sie zum Tode.

„Kehre um, kehre um, solange es nicht zu spät ist,“ flehte ich sie an, und um so inständiger bat ich, je hartnäckiger sie schwieg, je mehr ich selbst die Nutzlosigkeit meines Flehens erkannte. „Begreifst du denn, Natascha, was du deinem Vater antust? Hast du es dir auch überlegt? Sein Vater ist doch der Feind deines Vaters. Der Fürst hat doch deinen Vater erniedrigt und beleidigt, ihn des Diebstahls verdächtigt, er hat ihn einen Dieb genannt. Sie liegen beide im Prozeß miteinander ... Nun, das wäre noch nichts! Doch weißt du denn nicht, Natascha ... (o, mein Gott, du weißt doch alles! ...), weißt du denn nicht, daß der Fürst deinen Vater und deine Mutter verdächtigt hat, sie hätten selbst eine Annäherung zwischen dir und Aljoscha aus Berechnung gefördert, als Aljoscha in Wassiljewskoje euer Gast war? Bedenke doch, stelle es dir doch nur vor, wie sehr dein Vater unter diesen Verdächtigungen gelitten hat. Er ist ja in diesen zwei Jahren ergraut – sieh ihn dir doch an! Doch die Hauptsache: du weißt ja das alles, Natascha, gütiger Himmel! Ich will schon gar nicht davon reden, ob sie überwinden werden, dich auf immer zu verlieren! Du bist ja doch ihre einzige Freude, die ihnen für ihr Alter geblieben. Es lohnt sich ja gar nicht davon zu reden: das mußt du selbst wissen; sage dir doch, daß der Vater dich unschuldig verleumdet glaubt von diesen stolzen hochmütigen Menschen! Jetzt, gerade jetzt ist der alte Haß von neuem entbrannt, weil ihr Aljoscha bei euch empfangen habt. Der Fürst hat deinen Vater von neuem beleidigt, die Kränkung brennt noch jetzt im Herzen deiner Eltern, und plötzlich erscheinen jetzt alle Kränkungen gerechtfertigt! Alle, die von der Sache gehört haben, werden jetzt dem Fürsten recht und deinem Vater schuld geben. Was wird jetzt aus ihm werden? Es wird ihn niederschmettern! töten! Schmach und Schande – und durch wen? Durch dich, seine Tochter, sein einziges vergöttertes Kind! Und die Mutter? Die wird den Alten doch nicht überleben ... Natascha, Natascha! Was willst du tun? Kehre zurück! Besinne dich!“

Sie schwieg; schließlich sah sie mich vorwurfsvoll an, mit einem Blick so voll bitteren Leides, daß ich begriff, was in ihrem Herzen vorgehen mußte. Ich begriff, was dieser Entschluß sie gekostet hatte, und daß ich mit meinen nutzlosen, verspäteten Vorwürfen sie nur quälen, ihr das Herz zerreißen konnte; ich begriff das alles sofort und doch konnte ich nicht an mich halten und sprach weiter:

„Du selbst sagtest doch soeben, Anna Andrejewna, du würdest vielleicht heute nicht aus dem Hause gehen ... also wolltest du bleiben, also hattest du dich noch nicht fest entschlossen?“

Sie lächelte nur bitter zur Antwort. Was sollte diese Frage auch? Ich hätte doch verstehen sollen, daß ihr Entschluß nicht mehr zu ändern war. Doch auch ich war meiner selbst nicht mächtig.

„Liebst du ihn wirklich so maßlos?“ fragte ich mit unsäglichem Weh im Herzen und ohne eigentlich selbst zu begreifen, was ich sie fragte.

„Was soll ich dir darauf antworten, Wanjä? Du siehst doch: er hat mir befohlen, zu kommen, und da bin ich und warte hier auf ihn,“ sagte sie, mit demselben bitteren Lächeln.

„Doch höre, höre, was ich dir sagen werde,“ begann ich wieder, sie anzuflehen, das letzte versuchend, „alles das läßt sich doch noch auf eine andere Weise machen. Warum dein Elternhaus verlassen. Ich werde dir sagen, wie du es machen sollst, Natascha. Ich werde euch helfen, euch Zusammenkünfte vermitteln ... Nur aus dem Hause gehe nicht fort! Ich werde euren Briefwechsel besorgen, warum auch nicht? Das wäre leichter zu ertragen, als alles andere. Ich werde euch beiden dienen, helfen, ihr werdet sehen, ich werde euch zufrieden stellen ... Und du, du wirst dein Leben nicht vernichten, Natascha ... Denn du vernichtest dein Leben damit, Natascha, vollständig! Willige doch ein, Natascha, alles wird gut werden, ihr werdet euch lieben und glücklich sein ... Und wenn die Eltern aufhören, zu prozessieren (und sie werden sicher aufhören) dann ...“

„Genug, Wanjä, laß das,“ unterbrach sie mich, drückte mir kräftig die Hand und lächelte unter Tränen. „Guter, guter Wanjä! Guter, anständiger Mensch, du! Und kein Wort mehr von dir. Ich habe dich verlassen, und dennoch verzeihst du mir alles, und denkst nur an mein Glück. Unsere Briefe willst du ...“

Sie fing an zu weinen.

„Ich weiß es, Wanjä, wie lieb du mich hast, die ganze Zeit über hast du mir keinen Vorwurf gemacht, kein bitteres Wort zu mir gesagt! Und ich ... ich ... Wie bin ich vor dir schuldig! Weißt du noch, Wanjä, weißt du noch, damals, in der schönen Zeit? Ach, besser, ich hätte ihn niemals kennen gelernt! ... Wie gut hätte ich es mit mir, mit dir, meinem guten lieben Wanjä! ... Nein, ich bin eben deiner nicht wert! Siehst du, wie ich bin: dich in diesem Augenblick noch an unser früheres Glück zu erinnern! und du leidest schon sowieso zu viel! Drei Wochen bist du nicht zu uns gekommen: ich schwöre dir, Wanjä, mir ist auch nicht einmal der Gedanke durch den Kopf gegangen, daß du mir vielleicht fluchst, mich haßt. Ich wußte, warum du nicht kamst, du wolltest uns nicht stören, kein lebender Vorwurf sein. Und du selbst mußtest leiden, wenn du uns sahst. Und wie habe ich dich erwartet, wie habe ich dich erwartet, Wanjä! Höre mich, Wanjä, ich liebe Aljoscha wie eine Wahnsinnige, eine Unsinnige, dich aber liebe ich noch mehr, dich – als meinen Freund. Ich weiß es, daß ich ohne dich nicht leben kann, daß du mir nötig bist, dein Herz, deine goldene Seele ... Ach, Wanjä! welch eine bittere, schwere Zeit jetzt anbricht!“

Tränen überströmten ihr Gesicht. Sie litt unsäglich!

„Wie ich dich sehen wollte!“ fuhr sie fort, ihre Tränen niederkämpfend. „Wie bist du abgemagert, wie bist du krank und bleich; du bist wirklich krank, Wanjä! Und ich habe mich nicht danach erkundigt! Habe immer nur von mir gesprochen; wie steht es mit deinen Arbeiten? Geht es mit deinem neuen Roman gut vorwärts?“

„Was kümmert mich jetzt mein Roman – als ob es sich um mich handelte, Natascha! Ja, und meine Angelegenheiten, Gott mit ihnen! Was ich sagen wollte, Natascha, hat er es selbst verlangt, daß du zu ihm kommst?“

„Nein, nicht er allein, noch mehr ich. Er sprach davon, doch ich selbst ... Siehst du, Lieber, ich werde dir alles erzählen: man will ihn verheiraten mit einer reichen, sehr vornehmen jungen Dame aus altem Geschlecht. Der Vater will durchaus, daß er sie heiratet, der Vater, du weißt doch, ist ein schrecklicher Intrigant; er hat alles in Bewegung gesetzt; und einen solchen Zufall findet er in zehn Jahren nicht wieder. Verbindungen, Geld ... Und sie, sagt man, sei sehr schön, gebildet, – gut – überhaupt; Aljoscha scheint bereits zu ihr hinzuneigen. Außerdem möchte der Vater ihn loswerden, um selbst wieder zu heiraten, und hat deshalb beschlossen, was es auch kosten möge, unsere Verbindung zu lösen. Er fürchtet mich und meinen Einfluß auf Aljoscha ...“

„Weiß denn der Fürst,“ unterbrach ich sie mit Verwunderung, „um eure Liebe? Es war bis jetzt doch nur eine Verdächtigung von ihm.“

„Er weiß, weiß alles.“

„Wer hat es ihm denn gesagt?“

„Aljoscha hat ihm vor kurzem alles erzählt. Er selbst sagte es mir ...“

„Mein Gott! Was bei euch nicht geschieht!! Er selbst hat alles erzählt und in diesem Augenblick ...?“

„Beschuldige ihn nicht, Wanjä,“ unterbrach mich Natascha, „lache nicht über ihn! Man kann ihn nicht wie Menschen sonst beurteilen. Sei doch gerecht. Er ist anders als du und ich. Er ist ein Kind; man hat ihn so erzogen. Weiß er denn, was er tut? Der erste Eindruck, der erste fremde Einfluß, kann ihn von allem losreißen, woran er vor einem Augenblick gehangen, worauf er geschworen. Er hat keinen Charakter. Er kann dir schwören und noch am selben Tage einem andern, und als Erster kommt er, um es dir selbst zu erzählen. Man kann ihm wegen seiner Handlungsweise nicht einmal zürnen, man kann ihn nur bedauern. Er ist sogar einer Selbstaufopferung fähig und noch dazu welcher! Doch nur bis zum nächsten neuen Erlebnis: da vergißt er alles. So wird er auch mich vergessen, wenn ich nicht immer um ihn bin! Siehst du, so ist er!“

„Ach, Natascha, vielleicht ist alles das noch gar nicht wahr. Doch, wie soll er, so ein Kind wie er ist, heiraten!“

„Der Vater verfolgt doch einen besonderen Zweck dabei, sagte ich dir.“

„Woher weißt du es, daß die Braut sehr schön sein soll, und daß sie ihn schon beeinflußt?“

„Er hat es mir doch selbst gesagt.“

„Wie! Er hat es selbst gesagt, daß er eine andere lieben kann, und verlangt von dir jetzt dieses Opfer?“

„Nein, Wanjä, nein! Du verstehst ihn nicht. Du kennst ihn zu wenig; man muß ihn besser kennen, um ihn beurteilen zu können. Es gibt kein aufrichtigeres, kein reineres Herz auf der Welt als seines! Wäre es denn besser, wenn er die Unwahrheit sagte? Und daß er jetzt für sie schwärmt! Wir brauchten uns nur eine Woche nicht zu sehen, und er würde mich vergessen haben, so wie er mich aber wieder sieht – liegt er zu meinen Füßen. Nein! Es ist so besser, ich weiß es, Wanjä! Sonst würde ich sterben vor Argwohn; ja, Wanjä! Ich weiß, was ich tue: wenn ich nicht immer bei ihm wäre, ununterbrochen, jeden Augenblick, dann würde er aufhören, mich zu lieben, würde mich vergessen und verlassen. Er ist schon einmal so, daß jede andere ihn beeinflussen kann. Und was wird dann mit mir geschehen? Ich werde sterben ... was sterben! Ich wäre froh, wenn ich sterben könnte. Wie soll ich aber ohne ihn leben? Das wäre schlimmer als der Tod, schlimmer als alle Qualen! O, Wanjä, Wanjä! Habe ich denn umsonst meinen Vater und meine Mutter verlassen! Rede nicht mehr davon; es ist schon geschehen! Er muß bei mir sein, jede Stunde, jeden Augenblick; ich kann nicht mehr zurück. Ich weiß, daß ich verloren bin und noch andere mit mir ... Ach, Wanjä!“ schrie sie plötzlich auf, am ganzen Körper bebend, „wenn er mich schon jetzt nicht mehr lieben sollte! Wenn du soeben die Wahrheit gesprochen, daß er nur mir allein so rechtschaffen und aufrichtig erscheint, im Grund aber nur ehrgeizig und leichtsinnig ist! Ich verteidige ihn jetzt vor dir, er aber lacht vielleicht in diesem Augenblick mit einer anderen über mich ... und ich, ich habe alles verlassen, laufe auf den Straßen und suche ihn ... Ach, Wanjä!“

Sie stöhnte so qualvoll auf, daß mein Herz vor Wehmut zerspringen wollte. Ich begriff, daß Natascha alle Gewalt über sich verloren hatte. Nur eine unsinnige, blinde Eifersucht hatte sie zu einem solchen Entschlusse treiben können. Doch die Eifersucht entbrannte auch in mir und zerriß mir das Herz. Ich konnte mich nicht mehr beherrschen, ein böses Gefühl kam über mich.

„Natascha,“ sagte ich zu ihr, „ich verstehe nur eines nicht: wie kannst du ihn lieben, nach all dem, was du soeben über ihn gesagt hast? Du achtest ihn nicht, du glaubst nicht an seine Liebe, und doch gehst du zu ihm auf immer und vernichtest alle andern, die dich lieben, um seinetwillen? Was wird daraus werden? Er wird dich dein ganzes Leben lang quälen und du – ihn auch. Du liebst ihn schon zu sehr, Natascha, zu sehr. Eine solche Liebe verstehe ich nicht.“

„Ja, ich liebe ihn grenzenlos,“ antwortete sie, wie vor Schmerz erbleichend. „Ich habe dich niemals so geliebt, Wanjä. Ich weiß es doch selbst, daß ich wahnsinnig bin und ihn nicht so liebe, wie es sein muß. Schlecht ist meine Liebe ... Höre mich an, Wanjä: ich habe es schon früher gewußt, in meinen glücklichsten Augenblicken habe ich es vorausgefühlt, daß er mir nur Qualen bereiten wird. Doch was soll ich tun, wenn selbst diese Qualen durch ihn für mich noch ein – Glück bedeuten? Gehe ich denn zu ihm, um Freude zu erleben? Weiß ich denn nicht im voraus, was mich bei ihm erwartet, und was ich durch ihn erleiden muß? Er hat mir geschworen, mich zu lieben, hat mir sein Versprechen gegeben; ich aber gebe nichts auf seine Versprechungen, wenn ich auch weiß, daß er mich nicht belügt und mich niemals belügen kann. Ich selbst habe ihm gesagt, daß ich ihn nicht an mich binden werde. Für ihn ist es besser so. Niemand liebt Fesseln – ich gewiß nicht. Und doch bin ich glücklich, seine Sklavin zu sein, seine freiwillige Sklavin, und alles von ihm zu ertragen, alles, nur damit er bei mir ist und ich ihn sehen kann! Möge er sogar eine andere lieben, nur in meiner Gegenwart, nur daß auch ich dabei bin ... Wie niedrig das ist, nicht wahr, Wanjä?“ fragte sie mich plötzlich, mit leuchtenden, fieberhaft brennenden Augen mich ansehend. Einen Augenblick schien es mir, als phantasiere sie: „Wie niedrig solche Wünsche sind, nicht? Ich selbst sage es ja doch. Und doch, wenn er mich verläßt, so laufe ich ihm nach bis ans Ende der Welt, wenn er mich auch von sich stößt, mich davonjagt. Und du beredest mich jetzt, zurückzukehren; was würde die Folge davon sein? Daß ich morgen wieder davonginge! Er würde sagen: komm! – und ich würde kommen. Pfeifen wird er, und ich werde ihm folgen – wie ein Hündchen ... Qualen! Ich fürchte keine Qualen! Ich werde wissen, daß ich mich seinetwegen quäle ... Ach, Worte geben das nicht wieder, Wanjä!“

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