Dritter Teil
E. K. Rahsin translation
I.
Schon längst hatte die Dämmerung begonnen und der Abend war bereits hereingebrochen, als ich aus einem schweren Traum erwachte und mir der ganzen Gegenwart und Wirklichkeit bewußt wurde.
„Nelly,“ sagte ich zu ihr, „du bist krank und niedergeschlagen und ich muß dich in diesem Zustande allein lassen. Doch du wirst mir vergeben, mein Kind, wenn ich dir sage, daß ein unglückliches, verlassenes und von mir geliebtes Wesen mich erwartet ... ja – sie erwartet mich ... und ich habe keine Ruhe, ich kann mich nicht überwinden, ich muß sie sofort sehen ...“
Ich weiß nicht, ob Nelly verstanden hatte, was ich ihr sagte. Meine Nerven waren durch meine Krankheit und durch Nellys Erzählung dermaßen erregt, daß ich sofort, von Sorgen getrieben, und ohne mich weiter um Nelly zu kümmern, zu Natascha eilte. Es war schon spät, gegen neun Uhr abends, als ich bei ihr eintrat.
Noch auf der Straße, am Haustor, hatte ich eine Equipage bemerkt, die mir diejenige des Fürsten zu sein schien. Der Eingang zu Nataschas Wohnung ging vom Hof aus. Kaum als ich die Stiege betreten hatte, hörte ich vor mir, eine Treppe höher, einen Menschen sich vorsichtig hinauftasten, und zwar ganz wie einer, dem die Treppe fremd war. Ich dachte zuerst, es sei der Fürst, doch schien es mir schon bald darauf, daß ich mich getäuscht hatte, denn der Unbekannte vor mir schimpfte und verfluchte seinen Weg mit Worten, die um so gemeiner wurden, je höher er stieg. Freilich war die Treppe eng, schmutzig, steil, kaum erleuchtet, doch mußte ich die Flüche dieses Menschen eher einem Fuhrkerl als einem Fürsten zutrauen. Der dritte Stock war hell erleuchtet: vor Nataschas Tür brannte immer eine kleine Lampe. Ich holte den Unbekannten kurz vor ihrer Tür ein und – wie groß war meine Verwunderung, als ich in ihm doch den Fürsten erkannte. Es schien, daß ihn dieses Zusammentreffen mit mir sehr unangenehm berührte. Im ersten Augenblick erkannte er mich nicht, doch plötzlich veränderte sich sein Gesicht vollkommen. Sein kurzer wütender Blick auf mich wurde heiter und freundlich und mit außerordentlicher Liebenswürdigkeit streckte er mir seine beiden Hände entgegen.
„Ach, das sind Sie! Ich wollte schon Gott um die Errettung meines Lebens anflehen. Haben Sie gehört, wie ich fluchte?“
Und er lachte herzlich, auf die allerungezwungenste Weise. Doch plötzlich verfinsterte sich sein Gesicht wieder und nahm einen besorgten Ausdruck an.
„Aljoscha konnte Natalja Nikolajewna in dieser Wohnung unterbringen!“ sagte er bedenklich den Kopf schüttelnd. „Diese sogenannten Kleinigkeiten kennzeichnen den Menschen. Ich fürchte für ihn ... Er ist gut, er hat ein edles Herz, doch da haben Sie ein Beispiel: diejenige, die er über alles liebt, bringt er in einer Hundehütte unter. Ich hörte sogar, sie hätte oft nichts zu essen gehabt,“ fügte er flüsternd hinzu, mit der Hand nach der Klingel tastend. „Mir brummt der Schädel, wenn ich an seine Zukunft denke und hauptsächlich an die Zukunft Anna Nikolajewnas, wenn sie seine Frau wird ...“
Er hatte sich im Namen geirrt und vor Ärger darüber, daß er die Klingel nicht finden konnte, dies gar nicht bemerkt. Eine Klingel gab es nicht. Ich drückte auf die Türklinke und Mawra öffnete sofort, sich höflich verneigend. In der Küche, die von dem kleinen Vorzimmer durch eine Bretterwand geschieden war, bemerkte man die getroffenen Vorbereitungen; alles in ihr war außergewöhnlich sauber. Im Ofen brannte Feuer, auf dem Tisch stand neues Geschirr. Offenbar hatte man uns erwartet.
„Ist Aljoscha hier?“ fragte sie der Fürst, als sie uns die Mäntel abnahm.
„Er ist nicht hier gewesen,“ flüsterte sie mir auf die Frage geheimnisvoll zu.
Wir betraten Nataschas Zimmer. In ihrem Zimmer war von besonderen Vorbereitungen nichts zu bemerken. Bei ihr war es übrigens immer so sauber und anheimelnd, daß es besonderer Vorbereitungen gar nicht bedurfte. Natascha empfing uns an der Tür. Ich war erschrocken über ihr elendes Aussehen, über ihre krankhafte Blässe, obgleich in diesem Augenblick leichte Röte in ihre Wangen stieg. Ihre Augen glänzten fieberhaft. Sie schwieg und reichte ein wenig verlegen dem Fürsten hastig die Hand. Mich schien sie überhaupt nicht zu bemerken. Ich stand und wartete schweigend.
„Da bin ich!“ begann der Fürst freundschaftlich und heiter. „Vor ein paar Stunden bin ich zurückgekehrt, und die ganze Zeit über habe ich an Sie gedacht (er küßte zärtlich ihre Hand). Viel, sehr viel habe ich Ihnen zu sagen ... Doch davon später! Mein Taugenichts ist noch nicht hier, wie ich sehe ...“
„Erlauben Sie, Fürst,“ unterbrach ihn Natascha etwas verwirrt, „ich habe Iwan Petrowitsch ein paar Worte zu sagen. Wanjä komm ... einen Augenblick.“
Sie nahm mich an der Hand und führte mich hinter den Vorhang.
„Wanjä,“ sagte sie halblaut, und sie führte mich in den allerdunkelsten Winkel, „wirst du mir verzeihen, oder nicht?“
„Was hast du, Natascha?“
„Nein, nein, Wanjä, du hast mir zu oft, zu viel vergeben, auch deine Geduld muß einmal ein Ende nehmen. Du wirst mich niemals aufhören zu lieben, doch du wirst mich undankbar nennen, denn gestern und vorgestern bin ich dir gegenüber undankbar, egoistisch und schlecht gewesen ...“
Sie brach plötzlich in Tränen aus und preßte ihr Gesicht an meine Schulter.
„Laß gut sein, Natascha,“ beeilte ich mich, sie zu beruhigen. „Ich war gestern, die ganze Nacht hindurch, sehr krank und kann mich auch jetzt kaum auf den Füßen halten, daher bin ich gestern abend und heute den Tag über nicht bei dir gewesen, und du glaubtest vielleicht, daß ich dir etwas nachtrüge ... Meine liebe Natascha, weiß ich denn nicht, was jetzt in deiner Seele vorgeht?“
„Nun, dann ist ja alles gut ... Also hast du mir wieder verziehen, wie immer,“ sie lächelte unter Tränen und drückte mir schmerzhaft die Hand. „Alles übrige später. Ich habe dir viel zu sagen, Wanjä, doch jetzt zu ihm.“
„Schnell, Natascha, wir haben ihn so plötzlich verlassen ...“
„Du wirst sehen, du wirst sehen, was geschehen wird,“ flüsterte sie mir noch schnell zu. „Ich weiß jetzt alles; ich habe alles erraten. An allem ist nur er schuld. Dieser Abend wird alles entscheiden. Gehen wir!“
Ich begriff nichts, doch fragen konnte ich sie nicht mehr. Natascha ging mit heiterem Lächeln auf den Fürsten zu, der noch immer mit dem Hut in der Hand dastand. Sie entschuldigte sich, nahm ihm den Hut ab und wies ihm einen Stuhl an. Wir setzten uns alle drei rund um ihren Tisch.
„Ich erwähnte vorhin meinen Sohn,“ fuhr der Fürst fort, „ich sah ihn nur einen Augenblick auf der Straße, als er sich anschickte, zur Gräfin Zinaida Fedorowna zu fahren. Er hatte es furchtbar eilig, stellen Sie sich vor, er wollte nicht einmal ins Haus kommen, um mich nach vier Tagen Trennung zu begrüßen. Übrigens bin auch ich schuld daran, Natalja Nikolajewna, wenn er jetzt noch nicht hier ist, ich benutzte die Gelegenheit, um ihm an die Gräfin einen Auftrag zu übergeben, da ich sie heute selbst nicht mehr aufsuchen konnte. Er muß sicher jeden Augenblick erscheinen.“
„Er hat Ihnen also versprochen, heute bestimmt zu kommen?“ fragte Natascha den Fürsten in der allerungezwungensten Weise.
„Ach, mein Gott, wie sollte er denn heute nicht kommen ... wie eigentümlich Sie fragen!“ rief er erstaunt aus. „Übrigens, ich begreife, Sie sind ihm böse. Es ist in der Tat nicht schön von ihm, später als alle anderen zu kommen. Doch ich wiederhole es: ich bin schuld daran. Seien Sie ihm nicht böse. Er ist leichtsinnig und unbeständig; ich will ihn nicht entschuldigen, doch einige besondere Umstände verlangen es, daß er das Haus der Gräfin nicht meidet, und verschiedene Verbindungen nicht aufgibt, sondern im Gegenteil, so oft als möglich überall erscheint. Er, der jetzt, aller Wahrscheinlichkeit nach, nur bei Ihnen sich aufhält und alle Welt vergißt, muß mit Ihrer Erlaubnis, hin und wieder auch seinen Verpflichtungen nachkommen. Ich bin überzeugt, daß er seit dem Abend nicht ein einziges Mal bei der Gräfin A. gewesen ist, es tut mir leid, daß ich ihn vorhin nicht darnach habe fragen können! ...“
Ich blickte auf Natascha, die dem Fürsten mit halbironischem Lächeln zuhörte. Er aber sprach davon so selbstverständlich, so natürlich, es war scheinbar nicht möglich, ihn irgend einer besonderen und falschen Absicht zu verdächtigen.
„Und Sie wissen es wirklich nicht, daß er in all diesen Tagen kein einziges Mal bei mir gewesen ist?“ fragte ihn Natascha mit leiser, ruhiger Stimme, als hätte sie von einer ihr allergleichgültigsten Angelegenheit gesprochen.
„Wie! Kein einziges Mal bei Ihnen gewesen? Erlauben Sie, was sagen Sie?“ rief der Fürst in scheinbar außergewöhnlicher Verwunderung.
„Sie waren Dienstag, spät abends, bei mir. Am nächsten Morgen war er eine halbe Stunde hier, seit der Zeit habe ich ihn nicht wiedergesehen.“
„Das ist doch unmöglich!“ (Sein Erstaunen wuchs immer mehr und mehr.) „Ich dachte, er hat Sie in diesen Tagen überhaupt nicht verlassen. Entschuldigen Sie, das ist zu sonderbar ... das ist einfach unmöglich.“
„Indessen, ist es so ... leider; ich habe Sie deshalb erwartet, und glaubte von Ihnen zu erfahren, wo er sich befindet?“
„Mein Gott! Er muß sofort kommen! Was Sie mir soeben sagen, setzt mich dermaßen in Erstaunen, daß ich ... ich gestehe es, alles andere von ihm erwartet hätte als dieses ... dieses! ...“
„Wie erstaunt Sie sind! Und ich dachte, es würde Sie gar nicht verwundern, sondern Sie hätten im voraus wissen müssen, daß es so sein würde.“
„Wissen müssen! Ich? Ich versichere Ihnen, Natalja Nikolajewna, daß ich ihn heute nur einen Augenblick gesehen habe, ich weiß nichts von ihm; und sonderbarerweise, scheinen Sie es mir nicht zu glauben,“ fügte er hinzu, uns beide ansehend.
„Gott bewahre,“ griff Natascha auf, „ich bin durchaus überzeugt, daß Sie die Wahrheit sagen.“
Und sie lachte ihm gerade ins Gesicht, so daß er etwas verwirrt und gekränkt bemerkte:
„Bitte, erklären Sie sich ...“
„Ich habe nichts zu erklären. Ich bemerke nur, daß Sie wissen mußten, wie leichtsinnig und vergeßlich Ihr Sohn ist. Ihm ist jetzt volle Freiheit gegeben und er läßt sich von ihr hinreißen.“
„Sich so gehen zu lassen, ist aber doch unmöglich, da muß noch etwas anderes dahinter stecken; wenn er kommt, werde ich ihn sofort darüber ausfragen. Doch mich wundert nur, daß Sie mich ... irgendwie anzuklagen scheinen, während ich doch in der Zeit überhaupt nicht hier gewesen bin. Im Grunde, Natalja Nikolajewna, scheinen Sie sehr böse auf ihn zu sein ... und das ist nur zu verständlich! Sie haben das Recht dazu ... und ... und ... versteht sich, ich muß als Erster daran schuld sein, vielleicht auch nur deshalb, weil ich als Erster zurückgekehrt bin; nicht wahr, so verhält es sich doch?“ fügte er hinzu und wandte sich dabei mit gereiztem Lächeln an mich.
Natascha fuhr auf.
„Erlauben Sie, Natalja Nikolajewna,“ hub der Fürst mit besonderer Würde an, „ich gebe zu, daß mich die Schuld trifft, gleich am nächsten Tage unserer Bekanntschaft abgereist zu sein, so daß Sie bei dem Mißtrauen, der Ihrem Charakter eigen zu sein scheint, in der kurzen Zeit Ihre Meinung über mich ändern konnten, wozu die Umstände vielleicht viel beigetragen haben. Wäre ich nicht fortgereist, so hätten Sie mich besser kennen gelernt, und Aljoscha wäre unter meiner Aufsicht geblieben. Sie werden sehen, was ich ihm jetzt zu sagen habe.“
„Das heißt, Sie wollen es dazu bringen, daß er mich als Last zu empfinden anfängt. Es ist nicht anzunehmen, daß Sie bei Ihrer Klugheit in der Tat glauben können, mir damit einen Dienst zu erweisen.“
„Sie wollen damit wohl andeuten, daß ich bereits dahin gewirkt habe, daß er Ihrer überdrüssig geworden? Oh, Sie beleidigen mich, Natalja Nikolajewna.“
„Ich bemühe mich, mich stets klar und deutlich auszudrücken, wem gegenüber es auch sei,“ antwortete Natascha. „Ich mache niemals Andeutungen, sondern sage alles gerade heraus, wovon Sie sich noch heute überzeugen werden. Ich habe nicht die Absicht, Sie zu beleidigen – wozu auch? Schon deshalb nicht, weil Sie meinen Worten ja doch keine Beachtung schenken würden! Davon bin ich durchaus überzeugt, und ich verstehe unsere beiderseitigen Beziehungen richtig einzuschätzen. Sie werden sie doch niemals ernst nehmen, nicht wahr? Doch sollte ich Sie wirklich beleidigt haben, so bin ich sofort bereit, meine Entschuldigung zu machen, um vor Ihnen die Pflichten der Gastfreundschaft nicht zu verletzen.“
Ungeachtet des ungezwungenen, fast scherzhaften Tones, in dem Natascha mit lächelndem Munde diese Worte gesprochen, habe ich sie doch noch nie in dem Maße erregt gesehen. Jetzt begriff ich, wie weh es ihr in diesen drei Tagen ums Herz gewesen sein mußte! Ihre rätselhaften Worte: daß sie jetzt alles erraten und begriffen habe, flößten mir Furcht ein; sie bezogen sich bestimmt auf den Fürsten. Sie hatte ihre Meinung über ihn geändert und betrachtete ihn als ihren Feind, – das war offensichtlich. Sie schrieb seinem Einfluß ihr ganzes Unglück mit Aljoscha zu. Ich befürchtete den Ausbruch einer heftigen Szene zwischen ihnen. Der scherzhafte Ton verbarg ihre innere Erregung nicht. Ihre Bemerkungen dem Fürsten gegenüber, – daß er ihre Beziehungen zueinander nicht ernst nähme, die Phrase über die Gastfreundschaft, die Drohung, daß sie geradeheraus die Wahrheit sagen würde – waren so offensichtlich und herausfordernd, daß sie der Fürst unmöglich nicht bemerken konnte. Ich sah, wie sich sein Gesicht veränderte, doch gab er sich den Anschein, als verstände er die Anspielung überhaupt nicht, und er erwiderte scherzhaft lachend:
„Gott beschütze mich davor, von Ihnen eine Entschuldigung zu fordern! Ich würde doch niemals von einer Frau eine Entschuldigung verlangen – noch annehmen!!! Bei meiner ersten Begegnung mit Ihnen, habe ich Sie bereits vor meinem Charakter gewarnt, seien Sie mir darum, bitte, nicht böse, wenn ich mir eine Bemerkung über die Frauen erlaube ... Sie werden mir vielleicht darin zustimmen,“ wandte er sich liebenswürdig an mich. „Ich habe bei Frauen die Eigenheit bemerkt, daß eine Frau nie ihre Schuld sofort, im ersten Augenblick, zugeben wird, und wenn sie sie auch später mit tausend Zärtlichkeiten wieder gut zu machen sucht; im Augenblick ihrer Handlungsweise jedoch wird sie es niemals tun. Folglich, wenn Sie mich auch beleidigt haben sollten, so würde ich jetzt keine Entschuldigung von Ihnen verlangen; für mich ist es vorteilhafter abzuwarten, bis Sie Ihren Fehler selbst einsehen werden und ihn durch ... tausend Zärtlichkeiten wieder gut zu machen suchen. Sie sind so jung, rein und gut, daß der Augenblick, in dem Sie bereuen werden, ganz bezaubernd sein muß. Besser als alle Entschuldigung jedoch wäre es, wenn Sie mir sagen würden, wodurch ich es Ihnen zeigen soll, daß ich aufrichtiger und wohlwollender Ihnen gegenüber bin, als Sie es von mir glauben?“
Natascha errötete. Auch mir schien sein Ton ein wenig oberflächlich, nachlässig, sogar unbescheiden.
„Sie wollen es beweisen, daß Sie zu mir aufrichtig und offenherzig sind?“ sagte Natascha und sah ihn herausfordernd an.
„Ja.“
„Wenn dem so ist, so erfüllen Sie mir folgende Bitte.“
„Ich gebe Ihnen mein Wort ...“
„Mit keiner Silbe, mit keiner Bemerkung Aljoscha meinetwegen, weder morgen noch übermorgen, zu belästigen. Keinen Vorwurf, daß er mich vergessen, hören Sie? keine Bemerkung darüber! Ich möchte ihm so begegnen, als wäre niemals zwischen uns etwas vorgefallen ... Ich wünsche es. Werden Sie mir Ihr Wort geben?“
„Mit dem größten Vergnügen,“ antwortete der Fürst, „und erlauben Sie mir, hinzuzufügen, daß ich noch niemals einer so vernünftigen Anschauung, in diesen Dingen, begegnet bin ... Doch, das scheint ja Aljoscha zu sein!“
Man hörte im Vorzimmer Geräusch. Natascha zuckte zusammen, dann schien sie sich wie zu irgend etwas aufzuraffen. Der Fürst saß da mit ernster Miene, als erwarte er gespannt die kommenden Dinge. Er beobachtete scharf Natascha. Die Tür öffnete sich und Aljoscha stürzte ins Zimmer.
II.
...Er flog ins Zimmer auf uns zu, mit strahlenden Augen, glücklich und heiter. Er mußte diese vier Tage lustig und angenehm verbracht haben und aus seinem ganzen Auftreten konnte man erraten, daß er uns viel mitzuteilen beabsichtigte.
„Da bin ich!“ rief er über das ganze Zimmer, „ich, der ich von allen als Erster hätte hier sein müssen. Doch werdet ihr sofort, alles, alles, alles von mir erfahren! Vorhin konnte ich mit dir, Papa, kaum ein paar Worte sprechen, obgleich ich dir so viel zu sagen habe. – Nur in einigen seltenen Augenblicken erlaubt er mir du zu sagen,“ wandte er sich an mich, „denn sonst verbietet er’s mir! Und was für eine sonderbare Taktik er dann mir gegenüber gebraucht: er sagt zu mir einfach Sie. Doch von heute ab wünschte ich, daß es nur solche seltene Augenblicke gäbe! Überhaupt habe ich mich in diesen vier Tagen ganz und gar verändert, ganz und gar, ich werde euch alles erzählen. Doch davon später. Zuerst kommt die Reihe an sie! sie! und wieder an sie, meine Natascha, mein Engel!“ Er setzte sich neben sie und küßte ihr gierig die Hände. „Hast du dich sehr um mich gegrämt in diesen Tagen! Doch, was soll ich sagen! Ich konnte nicht kommen! Konnte nicht ... Mein Liebling! Du hast abgenommen und bist so bleich ...“
Er bedeckte immer wieder ihre Hände mit Küssen, sah ihr in die Augen, als könne er sich nicht an ihr sattsehen. Ich sah Natascha an und erriet sofort, daß wir denselben Gedanken hatten: Daß er vollkommen unschuldig war. Ja, und wie sollte dieser Unschuldige jemals schuldig werden? Eine helle Röte bedeckte plötzlich die bleichen Wangen Nataschas, als hätte sich ihr ganzes Blut vom Herzen ins Gesicht ergossen. Ihre Augen glänzten und sie sah stolz den Fürsten an.
„Wo warst du denn ... alle diese Tage?“ fragte sie mit abgebrochener Stimme. Sie atmete schwer und ungleichmäßig. Mein Gott, wie sie ihn liebte!
„Das ist es ja, daß es wirklich den Anschein hat, als wäre ich schuldig vor dir; ja, als wenn ich’s wäre? Versteht sich von selbst, daß ich’s bin, mit dem Bewußtsein bin ich auch hierhergekommen. Katjä sagte mir noch gestern und heute, daß eine Frau eine solche Vernachlässigung unmöglich verzeihen könne. Sie weiß doch, was sich Dienstag hier mit uns zugetragen, ich habe es ihr gleich am andern Tage mitgeteilt. Ich habe mich mit ihr gestritten, habe ihr gesagt, daß diese Frau Natascha heißt, und daß auf der ganzen Welt ihr nur eine ähnlich kommt: und das ist Katjä; und ich bin hierhergekommen mit dem vollen Bewußtsein, daß ich im Streite recht behalten. Wie soll ein solcher Engel wie du, nicht verzeihen? ‚Es wird ihn etwas aufgehalten haben, aber er wird nicht aufgehört haben, mich zu lieben,‘ so denkt meine Natascha! Ja und wie kann man aufhören, dich zu lieben? Ist denn das möglich? Mir schmerzte das Herz deinetwegen. Denn ich fühle mich doch schuldbewußt. Du selbst wirst mich jedoch rechtfertigen, wenn du alles erfahren haben wirst! Ich werde dir sofort alles erzählen, ich muß mein Herz vor euch allen ausschütten; darum bin ich gekommen. Ich wollte heute auf einen freien Augenblick zu dir eilen, um dich zu küssen, doch auch das mißlang mir: Katjä verlangte, daß ich in einer wichtigen Angelegenheit umgehend zu ihr käme. Das war in dem Augenblick, als du mich trafst, Papa; auf einen besonderen Brief Katjäs fuhr ich das zweitemal zu ihr. In diesen Tagen sind Briefe zwischen uns hin- und hergegangen. Iwan Petrowitsch, Ihren Brief habe ich erst gestern gelesen, Sie sind durchaus im Recht, in allem, was Sie mir gesagt haben. Doch was sollte ich tun: eine physische Unmöglichkeit! Ich dachte bei mir: morgen abend wirst du dich verteidigen, denn heute abend war es mir doch schon ganz unmöglich nicht zu dir zu kommen, Natascha.“
„Was war das für ein Brief?“ fragte Natascha.
„Er war bei mir gewesen und hatte mich, versteht sich, nicht angetroffen. Im Brief, den er mir hinterlassen, machte er mir heftige Vorwürfe, dich nicht besucht zu haben. Und darin ist er vollkommen im Recht. Das war gestern.“
Natascha sah mich an.
„Wenn du aber Zeit hattest vom Morgen bis zum Abend bei Katherina Fedorowna zu sein ...“ begann der Fürst.
„Ich weiß, ich weiß, was du sagen willst,“ unterbrach ihn Aljoscha: „‚Wenn du bei Katjä deine Zeit zubringen kannst, um wieviel mehr hättest du sie hier zubringen können.‘ Ich bin durchaus darin mit dir einverstanden und füge noch meinerseits hinzu, daß ich noch tausendmal mehr Grund gehabt hätte, hier zu sein. Doch gibt es unerwartete, sonderbare Zufälle, die alles um und um werfen. Nun, mit mir ist etwas geschehen, das mich vollständig verändert hat – bis auf die Fingerspitze, also muß es doch etwas Besonderes gewesen sein!“
„Ach, mein Gott, was ist denn mit dir geschehen? Martere mich nicht,“ bemerkte Natascha, belustigt über den Eifer Aljoschas.
In der Tat war er ein wenig lächerlich: er beeilte sich schon gar zu sehr, seine Worte überstürzten sich, er redete zusammenhangslos. Er schien nur zu reden, zu reden und nichts zu sagen. Zwischendurch führte er immer wieder Nataschas Hand an seine Lippen, als könnte er sich nicht an ihr sattküssen.
„Was mit mir geschehen ist?“ fuhr Aljoscha fort. „Ach, meine Lieben! Was ich getan, was ich gesehen, welche Menschen ich kennen gelernt habe! Erstens, Katjä: sie ist die Vollkommenheit! Ich habe sie bis jetzt überhaupt nicht gekannt! Auch am Dienstag, Natascha, als ich von ihr so begeistert sprach, kannte ich sie noch fast gar nicht. Bis jetzt hatte sie sich ja auch vor mir verschlossen, doch jetzt kennen wir einander gut und sagen uns bereits du. Doch ich will von Anfang beginnen: erstens, Natascha, wenn du gehört hättest, wie sie von dir gesprochen, als ich ihr am nächsten Tage, am Mittwoch, alles mitteilte, was sich hier, zwischen uns, ereignet hatte ... A propos: soeben fällt mir ein, wie dumm ich mich hier bei dir am Mittwoch morgen betragen! Du empfingst mich begeistert, so durchdrungen von der glücklichen Veränderung unserer Verhältnisse; du wolltest mit mir von alledem sprechen; du warst wehmütig gestimmt und zu gleicher Zeit liebkostest du mich und scherztest mit mir; und ich ... ich machte einen soliden Menschen aus mir! Oh, ich Dummkopf! Denn ich wollte den zukünftigen Ehemann spielen und mir einen ernsten Anschein geben, vor wem? Vor dir! Wie mußt du über mich gelacht haben, und wie verdiente ich deinen Spott!“
Der Fürst saß stumm da und betrachtete Aljoscha mit einem triumphierend-ironischen Lächeln, als wäre er froh gewesen, daß sein Sohn sich von einer so lächerlichen und leichtsinnigen Seite gab. Den ganzen Abend beobachtete ich den Fürsten aufmerksam und ich kam zu der festen Überzeugung, daß er seinen Sohn überhaupt nicht liebte, wenn auch alle von seiner großen Liebe zu ihm sprachen.
„Von dir fuhr ich damals sofort zu Katjä,“ redete Aljoscha weiter. „Ich habe bereits erzählt, daß wir uns an diesem Morgen gegenseitig kennen lernten, und wie sonderbar das vor sich ging ... ich weiß eigentlich selbst nicht mehr wie ... Einige begeisterte Worte, einige starke Eindrücke, einige ausgesprochene Gedanken – und wir verstanden uns ... auf immer. Du mußt sie, du mußt sie kennen lernen, Natascha! Wie hat sie dich mir erklärt! Wie hat sie mir die Augen geöffnet, welch ein Schatz du für mich wärest! Nach und nach teilte sie mir alle ihre Ideen mit und ihre Anschauung über das Leben. Was für ein ernster, was für ein begeisterter Mensch sie ist! Sie erzählte von unserer Pflicht, von unserer Bedeutung der Menschheit gegenüber und da wir im Laufe von sechs bis sieben Stunden in allem miteinander übereinstimmten, so schworen wir uns ewige Freundschaft und gaben uns das Versprechen, unser ganzes Leben zusammen zu wirken!“
„Worin zu wirken?“ fragte verwundert der Fürst.
„Ich habe mich so verändert, Papa, daß du dich natürlich über mich wundern wirst, und ich fühle alle deine Entgegnungen mir gegenüber im voraus,“ antwortete begeistert Aljoscha. „Alle seid ihr praktische Menschen, die streng nach erprobten und festen Regeln leben und die sich zu allem Jungen, Frischen und Neuen ungläubig, feindselig und spöttisch verhalten. Doch bin ich jetzt nicht mehr derselbe, den du noch vor ein paar Tagen kanntest. Ich bin ein anderer! Ich sehe kühn jedem und aller Welt in die Augen. Wenn ich weiß, daß meine Überzeugung richtig ist, so werde ich sie bis zum äußersten verteidigen; und wenn ich nicht von meinem Wege abweiche, so bin ich ein ehrlicher Mensch. Doch genug von mir. Möget ihr sagen, was ihr wollt, ich bleibe dabei.“
„Oho!“ bemerkte spöttisch der Fürst.
Natascha wurde unruhig. Sie fürchtete für Aljoscha. Sie fürchtete, daß er sich in seinem Gespräch hinreißen lassen würde, wobei er sich nie in einem für ihn günstigen Lichte zeigte. Sie wollte nicht, daß er in unserer Gegenwart, namentlich seinem Vater gegenüber, lächerlich erscheine.
„Was redest du, Aljoscha! Das ist ja schon die reine Philosophie,“ sagte sie zu ihm, – „wer hat sie dir beigebracht ... es wäre besser, du erzähltest ...“
„Schon gut, ich werde doch alles erzählen!“ rief Aljoscha aus. „Die Sache verhält sich nämlich so: Katjä hat zwei Vettern, Ljowinka und Borinka, der eine ist Student, der andere nur ein junger Mann. Sie steht mit ihnen in Verbindung und diese sind einfach – außergewöhnliche Menschen! Die Gräfin besuchen sie fast nie, und zwar – aus Prinzip. Als wir, Katjä und ich, über die Aufgabe des Menschen und von all diesen Dingen sprachen, gab mir Katjä sofort einen Brief an sie mit, und ich eilte zu ihnen, um ihre Bekanntschaft zu machen. Noch am selben Abend wurden wir die besten Freunde. Dort waren Menschen der verschiedensten Nationalitäten – Studenten, Offiziere, Künstler; es war auch ein Schriftsteller dort ... alle kannten Ihren Namen, Iwan Petrowitsch, alle hatten sie Ihre Sachen gelesen und erwarten in Zukunft viel von Ihnen. Ich sagte ihnen, daß ich Sie kenne und versprach Sie ihnen vorzustellen. Alle empfingen sie mich brüderlich, mit offenen Armen. Ich sagte ihnen sofort, daß ich bald heiraten würde und alle behandelten sie mich bereits wie einen verheirateten Menschen. Alle leben sie im fünften Stock unter dem Dach und versammeln sich so oft als möglich bei Ljowinka und Borinka. Das ist alles Jugend, voll leidenschaftlicher Liebe zur Menschheit! Wir sprachen von der Zukunft, von Wissenschaft und Literatur, und alle sprachen sie so gut, so einfach und aufrichtig ... Auch ein Gymnasiast ist unter ihnen. Wie sie miteinander verkehren, so edel sind sie! Ich habe noch niemals solche Menschen gekannt! Wo ich auch gewesen bin, was ich auch gesehen, unter welchen Menschen ich auch aufgewachsen, nur du, Natascha, hast mir ähnliches gesagt. Ach, Natascha, du mußt sie durchaus kennen lernen; Katjä kennt sie bereits. Sie sprechen von ihr mit großer Verehrung und Katjä hat Ljowinka und Borinka versprochen, sobald sie in den Besitz ihres Kapitals gelangt, eine Million zum Wohle der Menschheit zu opfern.“
„Und die Verwalter dieser Million werden wohl Ljowinka und Borinka mit ihrem ganzen Gefolge sein?“ fragte der Fürst.
„Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, du solltest dich schämen so zu sprechen, Papa!“ rief in flammendem Protest Aljoscha. „Ich weiß, was du meinst! Wegen dieser Million haben wir hin- und hergesprochen und beraten, wie man sie anwenden soll. Es wurde endlich beschlossen, sie für die Volksaufklärung zu verwenden ...“
„Dann freilich habe ich Katherina Fedorowna bis jetzt nicht gekannt,“ bemerkte der Fürst wie zu sich selbst mit demselben ironischen Lächeln. „Ich habe übrigens viel von ihr erwartet, doch das ...“
„Wieso!“ unterbrach ihn Aljoscha, „was scheint dir dabei so sonderbar? Weil niemand von euch bis jetzt eine Million gegeben hat, sie aber dieses Opfer bringen will? Darum etwa, wie? Wenn sie jedoch auf fremde Rechnung nicht leben will, denn von diesen Millionen leben, heißt auf fremde Rechnung leben? (Das habe ich erst jetzt erfahren.) Sie will ihrem Vaterland Nutzen bringen und allen denen, die es brauchen. Und worauf fußt eure ganze belobigte Vernunft, die ich bis jetzt geglaubt habe? Warum siehst du mich so an, Papa? als stände ein Narr oder Dummkopf vor dir? Was tut’s, wenn ich ein Dummkopf bin! Wenn du wissen würdest, Natascha, wie Katjä darüber denkt: ‚Nicht der Verstand ist die Hauptsache, sondern was ihn leitet – die Natur, das Herz, die edlen Instinkte.‘ Doch die Hauptsache ist, was Besmygin zu diesen Dingen sagt, – Besmygin ist ein Bekannter Ljowinkas und Borinkas und das Haupt der ganzen Gesellschaft, wirklich ein genialer – Kopf! Gestern machte er noch den Ausspruch: ‚Ein Dummkopf, der sich bewußt ist, ein Dummkopf zu sein, ist bereits nicht mehr ein Dummkopf!‘ Wie wahr das ist! Und mit solchen Wahrheiten wirft er nur so um sich.“
„Wirklich genial!“ brummte der Fürst.
„Du lachst. Doch ich habe nie etwas Ähnliches in unserer Gesellschaft gehört. Im Gegenteil, bei uns bringt man alles dem Erdboden so nah als möglich, damit alle gleich von Wuchs sind, damit alle Nasen gleich hoch nach dem Strich reichen und nach gewissen Regeln – ganz als ob das möglich wäre! Als ob das nicht sogar tausendmal mehr unmöglich wäre, als was wir denken und anstreben. Uns aber nennt man Utopisten! Wenn du gehört hättest, was sie gestern zu mir sagten ...“
„So erzähle doch, Aljoscha, was ihr denkt und wovon ihr gesprochen, ich muß gestehen, daß ich noch nichts begriffen habe,“ sagte Natascha.
„Wir haben von alledem gesprochen, was zum Fortschritt, zur Humanität und Liebe führt; von allem, was zu den zeitgemäßen Fragen gehört. Wir sprechen von Reformen, von der Liebe zur Menschheit, wir lesen die Werke unserer Zeitgenossen und kritisieren sie. Doch die Hauptsache, wir haben uns gegenseitig das Wort gegeben, immer gegeneinander vollkommen aufrichtig zu sein. Nur durch vollkommene Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit kann man das Ziel erreichen. Darauf besteht besonders Besmygin. Ich erzählte es Katjä und sie stimmte ihm vollkommen bei: Und deshalb haben wir uns alle unter seine Führung gestellt, haben ihm das Wort gegeben, unser ganzes Leben hindurch ehrlich und aufrichtig zu handeln, was man auch von uns sagen, wie uns beurteilen möge – niemals zu verzagen und uns nicht unserer Begeisterung, unserer Fehler zu schämen, sondern unseren Weg geradeaus zu gehen. Wenn du wünschst, daß man dich achte, achte du dich selbst zuerst, nur durch deine Selbstachtung wirst du andere zwingen, dich zu achten. Das sagt Besmygin, und Katjä ist vollständig mit ihm einverstanden. Wir haben beschlossen, uns gegenseitig zu erkennen und uns gegenseitig aufeinander aufmerksam zu machen ...“
„Welch ein Blödsinn!“ rief der Fürst beunruhigt, „und wer ist dieser Besmygin? Nein, das kann nicht so fortgehen.“
„Was kann nicht so fortgehen?“ fragte Aljoscha. „Höre, Papa, warum erzähle ich dir das alles? Weil ich hoffe, dich für unseren Kreis zu gewinnen. Ich habe es ihnen bereits dort versprochen. Du aber machst mich lächerlich ... Nun, ich wußte, daß du’s tun würdest! Doch, höre mich an! Du bist gut und edel; du wirst mich verstehen. Du kennst sie nicht, du hast diese Leute nicht gesehen, sie nicht angehört. Vielleicht hast du von ihnen gehört und bist von ihren Ideen unterrichtet, denn du bist ja sehr gelehrt; doch sie selbst kennst du nicht, bist nie bei ihnen gewesen, wie kannst du dann über sie urteilen! Erst wenn du bei ihnen gewesen bist, sie angehört hast, dann, ich gebe dir mein Wort, dann wirst du ... unser! Denn ich will alle Mittel brauchen, um dich von den Anschauungen deiner Gesellschaft zu befreien, an denen du so hängst.“
Der Fürst hörte schweigend und mit hämischem Lächeln diesem Ausbruch zu; in seinem Gesicht lag verhaltene Wut. Natascha betrachtete ihn mit unverhohlenem Widerwillen. Er sah es, doch tat er, als bemerkte er’s nicht. Kaum hatte Aljoscha geendet, als er in ein unbändiges Gelächter ausbrach. Er lehnte sich weit in seinem Stuhl zurück, als könne er sich vor Lachen kaum mehr halten. Doch war das ein erzwungenes Lachen, und man merkte es nur zu deutlich, daß der Fürst seinen Sohn beleidigen wollte. Aljoscha schien der Spott seines Vaters sehr zu Herzen zu gehen, sein ganzes Gesicht drückte tiefe Trauer aus. Nichtsdestoweniger wartete er ruhig, bis die Heiterkeit seines Vaters sich beruhigt hatte. „Papa,“ sagte er traurig, „weshalb lachst du über mich? Ich bin dir gegenüber so aufrichtig gewesen, und wenn ich deiner Meinung nach Dummheiten gesagt habe, so belehre mich doch eines besseren, aber lache nicht über mich. Und worüber lachst du eigentlich? Darüber, was mir edel und heilig schien. Nun, möge ich mich auch in vielem geirrt haben und alles woran ich glaube unwahr sein, bin ich auch ein Dummkopf, wie du mich soeben genannt hast; doch wenn ich mich geirrt habe, so tat ich es ehrlich und aufrichtig und habe dabei die Anständigkeit meiner Gesinnung nicht eingebüßt. Ich habe mich an hohen Ideen begeistert. Wenn sie nicht echt sein sollten, so ist doch das Gefühl, aus dem sie entspringen, heilig. Ich habe dir bereits gesagt, daß unsere Gesellschaft mir nichts Ähnliches, was mich so mitgerissen hätte, gegeben hat. Zeige mir was Besseres und ich werde dir folgen, doch lache nicht über mich, denn das beleidigt mich.“
Aljoscha hatte wirklich mit Würde gesprochen. Natascha folgte seinen Worten mit großem Mitgefühl. Der Fürst selbst schien mit Verwunderung seinen Sohn anzuhören und veränderte sofort seinen Ton.
„Ich habe dich durchaus nicht beleidigen wollen, mein Freund, im Gegenteil, du tust mir leid. Du beabsichtigst einen so wichtigen Schritt in deinem Leben zu machen, und mußt aufhören, noch ein so leichtsinniges Kind zu sein. Das ist’s, was ich denke. Ich mußte unwillkürlich über dich lachen, doch lag es nicht in meiner Absicht, dich zu beleidigen.“
„Warum hat es mir denn so geschienen?“ bemerkte Aljoscha bitter. „Und warum fühle ich es denn schon lange, daß du dich zu mir feindlich, kalt und spöttisch verhältst, und nicht wie ein Vater zu seinem Sohn? Warum fühle ich es, daß ich an deiner Stelle mich nicht so beleidigend zu meinem Sohn verhalten könnte, wie du es tust. Höre mich an, Papa, sprechen wir uns ein für allemal darüber aus, damit es keine Mißverständnisse mehr unter uns gibt, denn so hatte ich nicht erwartet, euch alle hier anzutreffen. Verhält es sich so, oder nicht? Ist es nicht besser, jeder sagt, was er denkt? Wieviel Unglück kann man durch Aufrichtigkeit vermeiden!“
„Sprich dich nur aus, Aljoscha!“ sagte der Fürst. „Was du vorschlägst, scheint sehr klug zu sein. Vielleicht hätte man damit beginnen sollen,“ fügte er, an Natascha gewandt, hinzu.
„Ärgere dich nicht über meine Aufrichtigkeit,“ begann Aljoscha. „Du hast sie selbst herausgefordert. Du hast in meine Ehe mit Natascha eingewilligt; du hast uns dieses Glück geschenkt und dich selbst überwunden. Du warst großmütig und wir alle haben deine edle Handlungsweise anerkannt. Warum machst du mir aber jetzt ununterbrochen die Bemerkung, daß ich doch nur ein lächerlicher Junge bin, der zum Manne überhaupt nicht taugt. Warum erniedrigst du mich, und willst mich besonders vor Natascha lächerlich machen? Du scheinst dich geradezu zu freuen, wenn du mich von irgendeiner Seite lächerlich machen kannst; das habe ich nicht nur jetzt, sondern bereits früher bemerkt. Du willst offenbar darauf hinweisen, daß unsere Ehe lächerlich und dumm erscheint und wir zueinander nicht passen. Als glaubtest du selbst nicht daran, warum du eingewilligt, als wäre das alles nur ein Scherz, eine Spielerei, ein lächerliches Vaudeville ... Ich schließe das nicht nur aus deinen heutigen Worten, denn noch am selben Abend, am Dienstag, als ich von hier zu dir zurückkehrte, machtest du so sonderbare Bemerkungen, die mich so wunderlich berührten. Und auch am Mittwoch, als du fortfuhrst, machtest du einige Bemerkungen über unsere jetzige Lage, die in bezug auf Natascha, wenn nicht gerade beleidigend, so doch frivol waren, wenigstens Bemerkungen, die ich nicht von dir zu hören wünschte, so lieblos waren sie im Grunde und so ohne jegliche Achtung für sie ... Das ist schwer mit Worten nachzuweisen, doch der Ton macht’s und das Herz fühlt es. Sage du mir, daß ich mich geirrt habe. Beruhige du mich darüber ... und auch sie, denn auch sie muß es empfunden haben. Ich habe es sogleich auf den ersten Blick erraten, als ich hier eintrat ...“
Aljoscha sprach voll Feuer und mit Bestimmtheit. Natascha hörte ihm mit flammendem Gesicht feierlich zu. Hin und wieder unterbrach sie ihn in seiner Rede mit der Bestätigung: „Ja, ja, so, so ist’s!“ Der Fürst schien unruhig und geärgert.
„Mein Freund,“ begann er, „natürlich kann ich mich nicht mehr dessen erinnern, was ich dir alles gesagt haben soll; doch sonderbar erscheint es mir, daß du meine Worte hast so auslegen können. Wenn ich dagegen soeben gelacht habe, so ist das nur zu verständlich. Mit meinem Lachen wollte ich ein bitteres Gefühl gegen dich unterdrücken. Daß du heiraten willst, scheint mir jetzt erst recht unsinnig, ja, verzeih den Ausdruck – sogar komisch. Wenn ich dich ausgelacht habe, so bist du allein daran schuld, denn mich trifft nur die Schuld, daß ich dir in der letzten Zeit eine größere Freiheit gegeben habe, als du sie ertragen kannst und erst heute abend habe ich’s erfahren, wozu du nicht alles fähig bist. Ich zittere bei dem Gedanken an Natalja Nikolajewnas Zukunft: ich habe zu übereilt gehandelt; ich sehe, daß ihr beide viel zu ungleich seid. Die Liebe vergeht, doch die Ungleichheit bleibt. Ich will schon nicht von deinem Schicksal reden, wenn du aber ein ehrlicher Mensch bist, so denke doch an Natalja Nikolajewna, deren Leben du vernichtest, vollkommen vernichtest! Du hast, zum Beispiel, die ganze Zeit über von der Liebe zur Menschheit, vom Adel der Gesinnung und Anschauung, von edlen Menschen gesprochen, die du kennen gelernt hast; frage aber Iwan Petrowitsch, was ich ihm gesagt, als ich mit ihm hier auf der vierten Etage einer engen, dunklen Treppe zusammentraf, Gott dankend, daß ich mir nicht die Beine gebrochen? Weißt du, was für ein Gedanke mir durch den Kopf ging? Ich wunderte mich, daß du, mit deiner großen Liebe zu Natalja Nikolajewna, es leiden kannst, daß sie in einer solchen Wohnung lebt? Hast du es dir denn nicht überlegt, daß du ohne Mittel, oder ohne die Fähigkeit zu besitzen, deine Pflichten zu erfüllen, nicht das Recht hast, überhaupt zu heiraten. Liebe allein genügt nicht, und Liebe äußert sich in Taten; wie aber denkst du: ‚lebe mit mir, wenn du auch durch mich leidest,‘ ist das etwa human, ist das etwa edel! Von der Liebe zu reden, sich für allgemein menschliche Fragen zu interessieren und zu gleicher Zeit sich an der Liebe zu versündigen und es nicht einmal zu bemerken – ist mir unverständlich! Du sagst mir Aljoscha, daß du in diesen Tagen erlebt, was schön und edel sei und wirfst mir vor, daß unsere Gesellschaft nur vom trockenen Verstande gelenkt werde. Das ist schön: sich am Hohen und Edlen zu begeistern und nach dem, was sich am Dienstag hier zugetragen, auf vier Tage diejenige zu vergessen, die dir am teuersten auf der Welt sein sollte! Ja, du behauptest noch Katherina Fedorowna gegenüber, daß Natalja Nikolajewna dich so liebt und so großmütig ist, daß sie dir alles verzeihen wird. Welch ein Recht hast du denn auf ihre Vergebung, und wie kommst du dazu, darauf zu wetten? Hast du denn wirklich nicht ein einziges Mal daran gedacht, wieviel Qualen, wieviel bittere Enttäuschung und Zweifel deine Abwesenheit in Natalja Nikolajewna erwecken mußte? Hattest du wirklich das Recht, um der neuen Ideen willen, deine heiligste und erste Pflicht zu vernachlässigen? Verzeihen Sie mir, Natalja Nikolajewna, wenn ich mein Wort nicht gehalten habe. Die jetzige Angelegenheit ist wichtiger als dieses Wort: Sie werden das selbst verstehen ... Weißt du, Aljoscha, daß ich Natalja Nikolajewna in solchen Qualen vorgefunden habe, daß man wohl begreifen kann, in welche Hölle du diese vier Tage für sie verwandelt hast, die die glücklichsten ihres Lebens sein sollten. Solche Handlungen einerseits und – Worte nichts als Worte andererseits ... habe ich denn nicht recht! Und du wagst mir, Vorwürfe zu machen, wo du allein schuld bist?“
Der Fürst hatte geendigt und, ganz seiner Beredsamkeit hingegeben, konnte er sich eines triumphierenden Gefühls nicht erwehren. Als Aljoscha von Nataschas Qualen hörte, fiel ein schmerzhaft wehmütiger Blick auf sie, doch Natascha bemerkte kurz entschlossen:
„Laß, Aljoscha, quäle dich nicht,“ sagte sie, „andere haben mehr Schuld als du. Setze dich und höre zu, was ich deinem Vater sagen werde. Es ist Zeit, der Sache ein Ende zu machen!“
„Ich bitte Sie dringend, Natalja Nikolajewna, sich endlich zu erklären,“ griff der Fürst auf. „Ich höre die Anspielungen bereits zwei Stunden und ich muß gestehen, daß es mir unerträglich wird; einen solchen Empfang hatte ich nicht erwartet.“
„Vielleicht; Sie glaubten uns wohl mit Ihren Worten zu bezaubern, damit wir Ihre geheimen Absichten nicht bemerkten. Was soll ich Ihnen da sagen! Sie wissen und verstehen doch selbst alles. Aljoscha hat recht. Ihr erster einziger Wunsch ist – uns zu trennen. Sie wußten und wissen alles im voraus, wie es kommen muß, seit dem Abend als Sie hier waren haben Sie sich alles an den Fingern abgezählt. Ich habe es Ihnen bereits gesagt, daß Sie zu uns wie zu mir nicht aufrichtig sind. Sie spielen mit uns und verfolgen dabei ein bestimmtes Ziel. Ihr Spiel freilich ist aufrichtig, und Aljoscha hat recht, wenn er Ihnen den Vorwurf macht, auf unsere Sache wie auf ein Vaudeville zu sehen. Sie sollten sich im Gegenteil über Aljoscha freuen, statt ihm Vorwürfe zu machen, wie gut er mir gegenüber seine Pflicht erfüllt hat, vielleicht besser, als man es von ihm verlangen konnte.“
Ich erstarrte vor Verwunderung. Ich hatte ja vermutet, daß es an diesem Abend zu einer Katastrophe kommen würde. Doch diese beleidigende Aufrichtigkeit Nataschas und der unverhohlen verächtliche Ton ihrer Worte setzten mich in äußerste Verwunderung! Sie mußte in der Tat etwas erfahren und sich zu einem völligen Bruch entschlossen haben. Vielleicht hatte sie sogar mit Ungeduld den Fürsten erwartet, um ihm alles ins Gesicht zu schleudern. Der Fürst erblaßte ein wenig. Aljoschas Gesicht drückte naive Furcht und quälende Erwartung aus.
„Bedenken Sie doch, wessen Sie mich soeben beschuldigt haben,“ rief der Fürst aus, „und überlegen Sie sich Ihre Worte ... Ich habe nichts davon verstanden.“
„Ah! Dann wollen Sie sie wohl nicht verstehen,“ sagte Natascha, „sogar er, sogar Aljoscha hat es empfunden und Sie wissen, daß wir uns nicht gesehen noch gesprochen haben! Und auch ihm hat es geschienen, daß Sie mit uns ein unwürdiges, beleidigendes Spiel treiben, er, der Sie liebt und Ihnen glaubt wie einer Gottheit. Sie haben sich nicht einmal die Mühe gegeben, schlauer und vorsichtiger ihm gegenüber zu sein, so sehr rechneten Sie darauf, daß er nichts bemerken würde. Doch er hat ein feinfühlendes, empfindsames und empfängliches Herz, und Ihre Worte und den Ton Ihrer Worte hat er mit dem Herzen nicht vergessen können ...“
„Ich verstehe nichts, aber auch gar nichts!“ wiederholte der Fürst und wandte sich verwundert an mich, als wolle er mich zum Zeugen anrufen. Er war aufgeregt und sehr gereizt. „Sie sind mißtrauisch,“ fuhr er fort, „und einfach eifersüchtig auf Katherina Fedorowna und darum wollen Sie alle Welt und mich als Ersten beschuldigen ... und erlauben Sie, daß ich schon alles sage: eine sonderbare Meinung muß man sich von Ihrem Charakter machen ... Ich bin an solche Szenen nicht gewöhnt; ich würde keinen Augenblick mehr hierbleiben, wenn nicht die Interessen meines Sohnes ... Ich warte noch immer, ob Sie geruhen werden, sich zu erklären?“
„Also Sie bestehen darauf, in ein paar Worten wollen Sie es nicht begreifen, was Sie doch bereits selbst wissen? Sie wollen, daß ich alles Ihnen gegenüber ausspreche?“
„Ich warte ja nur darauf.“
„Nun gut, hören Sie alle,“ rief Natascha voll Zorn, mit blitzenden Augen. „Ich werde alles, alles sagen!“
III.
Sie erhob sich und sprach stehend, ohne es in ihrer Erregung zu bemerken. Der Fürst hörte sie an und erhob sich gleichfalls von seinem Platze. Die ganze Szene nahm daher einen vielleicht etwas zu feierlichen Charakter an.
„Erinnern Sie sich selbst an Ihre Worte am Dienstag. Sie sagten, Sie hätten Geld nötig, Beziehungen zur großen Welt ... nicht wahr?“
„Ja.“
„Nun wohl, um Geld und Erfolge zu erhalten, die Ihnen aus den Händen zu gleiten drohten, kamen Sie am Dienstag hierher, und dachten sich die Verlobung aus, weil Sie dadurch hofften, alles wiederzugewinnen, Herr über die Situation zu werden.“
„Natascha,“ rief ich. „Bedenke was du sprichst!“
„Alles wiederzugewinnen! Aus Berechnung!“ wiederholte der Fürst mit äußerst gekränkter Würde.
Aljoscha saß da wie niedergeschmettert, als begriffe er nicht, was vor sich ging.
„Ja, ja, unterbrechen Sie mich jetzt nicht, ich habe geschworen, alles zu sagen,“ rief Natascha gereizt aus. „Das ganze halbe Jahr haben Sie sich Mühe gegeben, ihn von mir zu entfernen. Er hat sich Ihrem Einfluß nicht ergeben. Und plötzlich kam Ihnen der Gedanke, als es nicht mehr so weiter ging, ihm die Erlaubnis zur Heirat zu geben, da die Zeit drängte, und die Braut und das Geld, – hauptsächlich das Geld, die drei Millionen Mitgift zu verlieren ...; Sie durften diese günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen ... Was sollten Sie tun: Aljoscha mußte sich in die Braut verlieben, die Sie für ihn bestimmt hatten, dann würde er von mir lassen ...“
„Natascha, Natascha!“ rief Aljoscha voll Trauer aus, „was redest du!“
„Das war Ihr Plan, das führten Sie aus,“ fuhr Natascha fort, ohne sich um Aljoscha zu kümmern, „also die alte Geschichte, ich störte Sie wieder! Doch eines gab Ihnen Hoffnung: als erfahrener und schlauer Mensch der Sie sind, hatten Sie bemerkt, daß Aljoscha die frühere Anhänglichkeit zu mir hin und wieder lästig zu empfinden anfing. Sie wußten, daß oft fünf Tage vergingen, ohne daß Aljoscha mich besucht hätte. Sie hofften schon am Ziel zu sein, als plötzlich am Dienstag die Handlung Aljoschas einen Strich durch Ihre Rechnung machte. Was sollten Sie tun! ...“
„Erlauben Sie,“ rief der Fürst, „im Gegenteil, diese Tatsache ...“
„Ich spreche jetzt,“ unterbrach ihn Natascha mit Nachdruck. „An dem Abend fragten Sie sich: ‚was soll man nun tun?‘ und beschlossen, nicht in der Tat, doch anscheinend in eine Heirat mit mir einzuwilligen, um Aljoscha zu beruhigen. Den Termin der Hochzeit konnte man ja aufschieben, so lang als man wollte, unterdessen würde die neue Liebe das ihre tun. Und da haben Sie auf diese neue Liebe alle Ihre Pläne aufgebaut.“
„Romane, alles Romane,“ sagte der Fürst halblaut vor sich hin. „Einsamkeit, Grübelei und Romane!“
„Ja, auf diese neue Liebe setzten Sie all Ihre Hoffnungen,“ wiederholte Natascha, ohne seinen Worten Beachtung zu schenken, wie im Fieber und immer aufgeregter – „und was für Chancen hatte diese neue Liebe! Sie begann bereits damals, als er alle Vorzüge dieses jungen Mädchens noch nicht einmal kannte! Sie begann in demselben Augenblick, als er an dem Abend ihr das Geständnis machte, daß er sie nicht lieben kann und darf, weil eine andere Liebe und die Pflicht es ihm gebietet, – und dieses Mädchen plötzlich ihm gegenüber so viel Edelmut erweist, so viel Mitgefühl für ihn und ihre Gegnerin empfindet, so viel Vergebung, daß er, wenn er auch von ihrer Schönheit überzeugt gewesen war, bis zu dem Augenblick doch nicht gewußt hatte, daß sie so reizend sein konnte. Als er damals zu mir kam, sprach er nur von ihr, so sehr hatte sie ihn in Erstaunen gesetzt. Freilich, er mußte ein unüberwindliches Verlangen haben, dieses reizende Geschöpf, wenn auch nur aus Dankbarkeit, am nächsten Morgen wiederzusehen. Ja, und warum sollte er denn nicht zu ihr fahren? – Seine frühere Liebe litt doch jetzt nicht mehr, ihr Schicksal war beschlossen, ihr würde er doch sein ganzes Leben hingeben, jener nur einen Augenblick ... Und wie undankbar wäre diese Natascha, wenn sie auf diesen Augenblick eifersüchtig sein sollte! Und unbemerkt entzieht man dieser Natascha statt Augenblicke Tage, den ersten, zweiten, dritten ... In der Zeit geschieht es, daß das junge Mädchen sich noch von einer ganz neuen, unerwarteten Seite zeigt. Sie ist edel und enthusiastisch, zu gleicher Zeit naiv wie ein Kind, und darum so passend für Aljoscha. Sie schwören sich gegenseitig Freundschaft, Bruderschaft, und wollen sich ihr ganzes Leben lang nicht mehr trennen. ‚In einigen fünf, sechs Stunden Beisammenseins‘ öffnete sich seine Seele ganz den neuen Empfindungen und er gibt sich ihnen mit seinem ganzen Herzen hin ... Es wird die Zeit kommen, denken Sie, wo er seine alte Liebe mit den neuen Eindrücken vergleichen muß. Dort ist alles alt und bekannt, dort weint man, ist eifersüchtig ... hier ist alles jung, frisch und beherrschend ... dort liebkost man ihn fast wie ein Kind ... und die Hauptsache ... alles ist ja gewesen ... bekannt ...“
Tränen drohten ihre Stimme zu ersticken, doch raffte sie sich noch einmal auf und fuhr fort:
„Und dann? Alles weitere überläßt man dann der Zeit; bis zur Trauung ist es noch weit hin und mit der Zeit kann sich alles ändern ... Worte, Bemerkungen, Andeutungen tragen das ihre dazu bei. Man kann diese Natascha verleugnen, kann sie in ein unvorteilhaftes Licht stellen und ... und wie sich das alles noch lösen wird ... ist noch ungewiß, doch der Sieg gehört Ihnen! Aljoscha! vergib mir, mein Freund! Sage nicht, daß ich deine Liebe nicht zu schätzen weiß. Ich weiß, daß du mich auch jetzt noch liebst und meine Klagen nicht verstehen kannst. Ich weiß, daß ich schlecht getan, mich jetzt so rücksichtslos auszusprechen. Doch was soll ich tun, wenn ich es auch selbst weiß, so liebe ich dich doch noch immer mehr ... und mehr ... bis zum Wahnsinn!“
Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, fiel in ihren Sessel zurück und weinte wie ein Kind. Aljoscha schrie auf und stürzte zu ihr. Er konnte sie nicht weinen sehen, ohne selbst zu weinen.
Dieser leidenschaftliche Ausbruch kam dem Fürsten sehr gelegen. Nataschas heftige Anklagen, ihre Ausschreitungen ihm gegenüber, hätte er anstandshalber als Beleidigung auffassen müssen, jetzt konnte man alles auf einen Ausbruch gekränkter Liebe, auf Eifersucht, auf eine krankhafte Anwandlung zurückführen und ihr sogar eine gewisse Teilnahme zeigen ...
„Beruhigen Sie sich doch, Natalja Nikolajewna,“ versuchte sie der Fürst zu trösten, „das sind alles Phantasiegespinste, Folgen der Einsamkeit ... Sie sind gereizt durch sein leichtsinniges Betragen ... Doch, wenn das nur Leichtsinn seinerseits ist ... Die Hauptsache ist doch die Tatsache am Dienstag, sie muß Ihnen doch seine grenzenlose Hingebung an Sie – gezeigt haben und Sie im Gegenteil ...“
„O, bitte, sagen Sie nichts mehr, quälen Sie mich jetzt nicht noch!“ unterbrach ihn Natascha, bitterlich weinend.
„Mein Herz hat mir schon alles gesagt! Glauben Sie denn wirklich, daß ich es nicht fühle, daß seine frühere Liebe dahin ist ... Hier, in diesem Zimmer, immer allein ... von ihm verlassen und vergessen, habe ich alles erlebt, erlitten und durchdacht ... Was sollte ich da tun! Ich beschuldige dich nicht, Aljoscha ... Warum wollen Sie mich täuschen? Glauben Sie denn etwa, daß ich nicht versucht habe, mich zu täuschen! ... O, wie oft, wie oft! Kenne ich denn etwa nicht den Klang seiner Stimme? Verstehe ich denn nicht auf seinem Gesicht, in seinen Augen zu lesen? Alles, alles ist vorbei, alles begraben ... Oh, ich Unglückliche!“
Aljoscha lag vor ihr auf den Knien und weinte.
„Ich, ich bin an allem schuld! An allem ich!“ rief er unter Schluchzen.
„Nein, beschuldige dich nicht, Aljoscha ... unsere Feinde sind’s ... Sie allein, – allein!“
„Aber, bitte, erlauben Sie doch,“ begann der Fürst ungeduldig – „woraufhin schreiben Sie mir alle Verbrechen zu? Das sind alles nur Ihre Annahmen, aber Beweise ...“
„Beweise!“ Natascha sprang vom Sessel. „Beweise wollen Sie, Sie falscher Mensch! Sie konnten nur mit dieser Absicht zu mir kommen! Sie mußten Ihren Sohn beruhigen, sein Gewissen übertäuben, damit er sich ruhiger und freier Katjä ergeben sollte; denn sonst hätte er mich nicht vergessen können, und es langweilte Sie zu warten: Sollte denn das nicht wahr sein!“
„Ich muß gestehen,“ antwortete ihr der Fürst mit sarkastischem Lächeln, „wenn ich Sie wirklich hätte betrügen wollen, so hätte ich tatsächlich darauf gerechnet; Sie sind sehr ... klug, doch müssen Sie es erst beweisen können, bevor Sie es unternehmen, einem Menschen solche Vorwürfe zu machen ...“
„Beweisen! Und Ihr früheres Verhalten, als Sie ihn mir abspenstig machten! Derjenige, welcher seinen Sohn auffordert mit solchen Pflichten, um des Vorteils und des Geldes wegen, zu spielen – demoralisiert ihn! Was sagten Sie vorhin von der Treppe und der schlechten Wohnung? Haben nicht Sie ihm das Taschengeld entzogen, um uns durch Not und Hunger zu zwingen, auseinander zu gehen? Ihre Schuld ist diese Treppe und diese Wohnung, Sie aber machen ihm Vorwürfe, Sie falscher Mensch! Und woher sollten denn plötzlich an diesem Abend diese neuen und Ihnen so fernliegenden Überzeugungen kommen? Und warum hatten Sie mich auf einmal so nötig? Ich bin hier diese vier Tage lang auf und ab gegangen und habe mir alles überlegt und habe alles abgewogen, jedes Ihrer Worte, das Mienenspiel Ihres Gesichtes, und habe mich davon überzeugt, daß alles nur Scherz und eine niedrige, beleidigende und unserer unwürdige Komödie gewesen ist ... Ich kenne Sie bereits längst! So oft Aljoscha von Ihnen zu mir kam, habe ich an seinen Mienen alles erraten, was Sie ihm gesagt hatten. Alle Ihre Schachzüge gegen mich, habe ich durch Ihr Verhalten zu ihm erfahren! Nein, mich können Sie nicht mehr täuschen! Es ist möglich, daß Sie sonst in diesem Augenblick noch andere Berechnungen gegen oder durch mich im Sinn führen – doch das läßt mich gleichgültig! Die Hauptsache ist, daß Sie mich betrogen haben! Das mußte ich Ihnen noch ins Gesicht sagen!“
„Also das allein sind Ihre Beweise? Bedenken Sie doch, exzentrisches Fräulein, durch meinen Antrag am Dienstag hatte ich mich doch vollständig gebunden. Es war also zu leichtsinnig von mir gewesen ...“
„Wodurch, wodurch haben Sie sich gebunden? Was will denn das in Ihren Augen besagen, mich zu hintergehen? Mich Unglückliche, Schutzlose, vom Vater Verstoßene, deren Leben auf immer zerstört! Lohnt es sich da, mich zu schonen, wenn dieser Scherz dazu noch was einbringt!“
„In welche Lage stellen Sie sich selbst, Natalja Nikolajewna, bedenken Sie doch! Sie wollen durchaus darauf bestehen, daß ich Sie meinerseits beleidigt habe. Diese Beleidigung jedoch ist so erniedrigend und so weittragend, daß ich nicht verstehen kann, wie man sie überhaupt annehmen, noch auf ihr bestehen kann. Man muß in allen Lebenslagen gar zu unerfahren sein, um so etwas überhaupt zuzulassen. Entschuldigen Sie, bitte, ich bin durchaus im Recht, Ihnen diese Vorwürfe zu machen, denn Sie reizen meinen Sohn gegen mich auf: wenn er jetzt für Sie einsteht, so ist sein Herz eben gegen mich ...“
„Nein, Papa, nein!“ rief Aljoscha, „wenn ich bis jetzt mich nicht gegen dich geäußert habe, so geschah es deshalb nicht, weil ich nicht glauben kann, daß du zu einer solchen Beleidigung fähig seiest!“
„Haben Sie gehört?“ rief der Fürst aus.
„Natascha, an allem bin ich schuld, bitte, beschuldige ihn nicht. Das wäre schrecklich, das wäre Sünde!“
„Hörst du, Wanjä? Er ist schon gegen mich!“ rief Natascha.
„Genug!“ sagte der Fürst. „Wir müssen dieser unangenehmen Szene ein Ende bereiten. Dieser verblendete und heftige Ausbruch Ihrer grenzenlosen Leidenschaft zeigt mir Ihren Charakter in einem ganz neuen Licht. Ich bin gewarnt, eines besseren belehrt. Ich habe mich in der Tat sehr übereilt. Sie bemerken es nicht einmal, wie sehr Sie mich beleidigt haben. Wir haben uns übereilt ... übereilt ... freilich, mein Wort bleibt bestehen, doch ... als Vater wünsche ich meinem Sohne Glück ...“
„Sie sagen sich also los von Ihrem Wort,“ rief Natascha außer sich. „Sie benutzen den Zufall! Doch wissen Sie, daß ich selbst hier vor zwei Tagen beschlossen habe, ihn von seinem Wort zu entbinden, was ich jetzt in Gegenwart aller tue. Ich gebe ihn frei!“
„Das heißt vielleicht, daß Sie in ihm die frühere Unruhe wieder heraufbeschwören wollen, das Gefühl der Pflicht Ihnen gegenüber – wie Sie sich noch soeben ausgedrückt haben – um ihn dadurch wieder an Sie zu fesseln. Nach Ihrer Theorie müßte es sich wenigstens so ereignen; ich sage es ja auch nur deshalb; doch genug davon; die Zeit wird alles entscheiden. Ich werde einen ruhigeren Augenblick abwarten, um mich mit Ihnen auszusprechen. Ich hoffe, daß wir unsere Beziehungen nicht endgültig abbrechen werden. Ich hoffe gleichfalls, daß Sie mich noch besser schätzen lernen. Ich wollte Ihnen noch heute ein Projekt mitteilen, wonach Ihre Eltern ... doch genug! Iwan Petrowitsch!“ er trat auf mich zu, „jetzt werden Sie mir mehr denn je von Nutzen sein können, ich möchte Sie näher kennen lernen, es ist ja mein langgehegter Wunsch. Ich hoffe, daß Sie mich verstehen werden. Ich werde Sie in diesen Tagen aufsuchen; Sie erlauben?“
Ich verneigte mich. Mir selbst schien es, daß ich jetzt einer Bekanntschaft mit ihm nicht mehr ausweichen konnte. Er reichte mir die Hand, verbeugte sich stumm vor Natascha und verließ, mit dem Ausdruck gekränkter Würde, das Zimmer.
IV.
Einige Minuten blieben wir alle stumm. Natascha saß traurig und gebrochen da, in trübes Nachdenken versunken. Jede Energie hatte sie verlassen. Sie starrte, ohne was zu sehen, geradeaus vor sich hin, als hätte sie auch vergessen, daß sie Aljoschas Hand in der ihren hielt. Der weinte leise seinen Kummer aus, sie hin und wieder mit ängstlicher Neugier beobachtend.
Endlich raffte er sich auf, begann sie zu trösten, bat sie, ihm zu verzeihen, da nur er allein an allem die Schuld hätte: nur zu bemerkbar war es, daß er seinen Vater rechtfertigen wollte; das schien ihm sehr am Herzen zu liegen; er begann immer wieder davon zu sprechen, ohne es zu wagen deutlich zu werden, um Nataschas Zorn nicht zu erregen. Er schwor ihr ewige, unveränderliche Liebe und verteidigte voll Feuer seine Anhänglichkeit zu Katjä; ununterbrochen wiederholte er, daß er sie nur wie eine Schwester liebe, wie eine liebe, gute Schwester, die er doch nicht ganz und gar verlassen könne; das wäre hartherzig und gemein seinerseits und er versicherte immer wieder von neuem, daß Natascha, wenn sie Katjä kennen lernte, sich mit ihr befreunden und niemals von ihr lassen würde, und daß von Mißverständnissen schon garnicht die Rede sein könne. Dieser Gedanke gefiel ihm besonders. Der Arme log wirklich nicht. Er verstand die Bedenken Nataschas nicht, auch hatte er vieles, was sie seinem Vater vorhin gesagt, überhaupt nicht begriffen. Er wußte nur, daß sie sich entzweit hatten und das lag ihm wie ein schwerer Stein auf dem Herzen.
„Bist du mir deines Vaters wegen böse, Aljoscha?“ fragte ihn Natascha.
„Wie kann ich ihn beschuldigen,“ antwortete er bitter, „wenn ich selbst den Grund zu allem gegeben habe und an allem schuld bin? Ich habe dich so sehr gekränkt, daß du in deinem Zorn ihn beschuldigt hast, um mich verteidigen zu können; du verteidigst mich immer, ich aber bin es nicht wert. Jemand mußte doch schuld sein, und so hieltest du ihn für schuldig. Er aber hat keine Schuld daran, wirklich nicht!“ rief Aljoscha bewegt aus. „War er denn deshalb hierher gekommen; sollte ich denn das erwarten!“
Als er bemerkte, daß Natascha ihn traurig und vorwurfsvoll ansah, bereute er das Gesagte wieder sofort.
„Nun, gut, schon gut, verzeih mir. Ich bin die Ursache von allem!“
„Ja, Aljoscha,“ fuhr Natascha schwermütig fort. „Jetzt ist er zwischen uns getreten und hat uns fürs ganze Leben unsern Frieden zerstört. Du hast immer an mich mehr geglaubt, als an alle anderen; jetzt hat er in dein Herz Zweifel und Mißtrauen zu mir gesät; du klagst mich an; er nahm mir die Hälfte deines Herzens. Eine schwarze Katze ist zwischen uns gelaufen.“
„Sprich doch nicht so, Natascha: ‚eine schwarze Katze?‘“
Der Ausdruck mißfiel ihm.
„Durch erlogene Güte und vorgetäuschte Großmut fesselt er dich an sich,“ fuhr Natascha fort, „und wird dich jetzt gegen mich immer mehr und mehr aufhetzen.“
„Ich schwöre es dir, nein!“ beteuerte Aljoscha feurig. „Er war gereizt, als er sagte, daß wir uns ‚übereilt‘ hätten, und du wirst sehen, morgen bereits wird er uns wieder verloben und wenn er sich wirklich so geärgert haben sollte, daß er die Ehe nicht mehr wünscht, so schwöre ich dir, daß ich ihm nicht gehorchen werde. Hoffentlich werden meine Kräfte noch so weit reichen ... Und weißt du, wer uns helfen wird?“ rief er plötzlich, von seiner Idee gepackt, begeistert aus. „Katjä wird uns helfen! Und du wirst sehen, du wirst sehen, was sie für ein reizendes Geschöpf ist! Du wirst sehen, ob sie deine Nebenbuhlerin sein kann, und uns zu entzweien beabsichtigt! Und wie ungerecht du gegen mich warst, als du vorhin sagtest, ich gehörte zu jenen, die bereits am Tage nach der Hochzeit eine andere lieben können! Wie bitter weh mir das tat! Nein, ich gehöre nicht zu denen, und wenn ich so oft zu Katjä ...“
„Genug, Aljoscha, besuche sie, so oft du willst. Nicht das habe ich vorhin gemeint. Du hast nicht alles verstanden. Werde glücklich, mit wem du willst. Ich kann doch von deinem Herzen nicht mehr verlangen, als du mir freiwillig gibst ...“
Mawra trat ins Zimmer.
„Soll ich endlich den Tee bringen oder nicht? Der Samowar kocht schon zwei Stunden; es ist elf Uhr.“
Sie war frech und wütend; offenbar war sie nicht bei Laune, weil sie sich über Natascha geärgert hatte. Sie hatte nämlich seit Dienstag triumphiert, daß ihr Fräulein (die sie sehr liebte) sich verheiraten würde, was sie bereits im ganzen Hause herumerzählt hatte, im Laden, beim Hausknecht. Sie hatte geprahlt, daß der Fürst, ein hoher General und sehr reich, selbst gekommen sei, und um die Hand ihres Fräuleins angehalten habe, was sie, Mawra, mit eigenen Ohren gehört hätte, und plötzlich ging jetzt alles auseinander. Der Fürst war in böser Stimmung fortgefahren, den Tee hatte man nicht serviert, und versteht sich, an allem war das Fräulein schuld. Mawra hatte gehört, wie unehrerbietig sie zu ihm gesprochen.
„Nun ... gib ihn her,“ antwortete Natascha.
„Und den Imbiß, soll ich den auch reichen, wie?“
„Gewiß, auch den Imbiß.“
Natascha lächelte.
„Da hat man nun alles vorbereitet, gestern den ganzen Tag bin ich gelaufen. Bin auf den Newskij Prospekt nach Wein gegangen und nun ...“
Sie ging hinaus und schlug wütend die Tür hinter sich zu.
Natascha errötete und sah mich eigentümlich an.
Der Tisch wurde gedeckt; es gab Wild, Fisch, zwei Flaschen guten Wein von Jelissejeff. „Wozu hatte man das alles vorbereitet,“ dachte ich.
„Siehst du, Wanjä, so bin ich,“ sagte Natascha zu mir, ganz verwirrt. „Ich habe es gewußt, daß es heute so kommen würde, wie es gekommen ist und doch hoffte ich, es würde anders sein. Ich dachte, Aljoscha würde kommen und wir versöhnten uns wieder; meine Verdächtigungen würden sich als ungerecht erweisen, man würde mich bereden, davon überzeugen und ... so hatte ich denn auf jeden Fall etwas vorbereitet. Vielleicht, dachte ich, werden wir zusammenbleiben, etwas plaudern ...“
Arme Natascha! Sie wurde über und über rot, als sie das sagte. Aljoscha geriet in Entzücken.
„Siehst du, Natascha!“ rief er. „Du selbst hast nicht daran geglaubt; noch vor zwei Stunden glaubtest du nicht daran! Nein; das muß alles wieder gut gemacht werden; ich bin an allem schuld gewesen, ich muß auch wieder alles gut machen. Natascha, erlaube mir, daß ich gleich zu Papa gehe. Ich muß ihn sehen, er ist beleidigt und gekränkt; man muß ihn beruhigen, ich werde ihm alles sagen, was ich denke, von mir aus denke; dich werde ich nicht ins Gespräch ziehen. Sei mir nicht böse, wenn ich dich jetzt verlasse und zu ihm will. Mir tut er leid; er wird sich vor dir rechtfertigen; du wirst sehen ... Morgen werde ich den ganzen Tag bei dir bleiben, zu Katjä werde ich nicht gehen.“
Natascha hielt ihn nicht zurück, sondern gab ihm selbst den Rat zu fahren. Sie fürchtete sehr, Aljoscha würde jetzt mit Absicht ganze Tage lang bei ihr bleiben und sich bei ihr langweilen. Sie bat ihn nur, sie seinem Vater gegenüber nicht zu erwähnen, und gab sich Mühe, Aljoscha beim Abschied freundlich zuzulächeln.
Er war schon im Begriff, fortzugehen, als er plötzlich umkehrte, sich neben sie setzte und ihre Hände ergriff. Er sah sie mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an.
„Natascha, mein Freund, mein Engel, sei mir nicht mehr böse und wir wollen uns niemals mehr zanken. Und gib mir dein Wort, daß du mir in allem glauben wirst und ich dir. Ich muß dir noch etwas erzählen, mein Engel! Einmal waren wir miteinander verzankt, ich weiß nicht mehr, warum; ich war der Schuldige. Ich trieb mich in der Stadt herum, besuchte meine Kameraden, aber mein Herz war mir schwer, so schwer ... Und plötzlich kam es mir in den Sinn: wie, zum Beispiel, wenn du erkranktest und sterben würdest? Und wie ich mir das so vorstellte, überkam mich solche Verzweiflung, als hätte ich dich tatsächlich auf immer verloren. Meine Gedanken wurden immer dunkler und grauenvoller. Ich stellte mir vor, wie ich zu deinem Grabe kommen, halb besinnungslos vor Schmerz mich auf ihm niederlassen, es umarmen würde, dich rufen, und Gott um das Wunder anflehen würde, daß du auf einen Augenblick vor mir erschienest; ich stellte mir vor, wie ich mich auf dich stürzen würde, um dich an mich zu pressen und dich zu küssen, und wahrscheinlich wäre ich vor Seligkeit gestorben, wenn ich dich nur auf einen Augenblick, wie früher, hätte umarmen können. Als ich mir aber vorstellte, daß ich Gott anflehe, dich nur auf einen Augenblick zu besitzen, wo ich dich doch schon sechs Monate besessen, und wo ich mich in diesen sechs Monaten so oft mit dir gestritten und wir unser Glück nicht zu schätzen verstanden ..., jetzt aber fähig wäre für eine Minute Glück mit dir mein ganzes Leben zu opfern ... da konnte ich es nicht mehr aushalten, ich stürzte so schnell als möglich zu dir, kam hierher und du erwartetest mich bereits. Ich preßte dich an mich, als hätte ich dich wirklich verloren gehabt, Natascha! Wollen wir uns das Versprechen geben, niemals mehr zu zanken! Mir ist dann immer so schwer! Und wie soll ich es mir vorstellen, großer Gott, daß ich dich jemals verlassen könnte!“
Natascha weinte. Sie umarmten sich heftig und Aljoscha schwor ihr nochmals, sie niemals zu verlassen. Er war fest überzeugt, daß er alles wieder gut machen würde.
„Alles ist aus! Alles ist verloren!“ sagte Natascha, und drückte krampfhaft meine Hand.
„Er liebt mich, und wird nie aufhören, mich zu lieben; doch, er liebt auch Katjä und wird sie in einiger Zeit mehr lieben als mich. Und der Fürst wird nicht ruhen ... und dann ...“
„Natascha! Auch ich glaube, daß der Fürst nicht aufrichtig handelt, doch ...“
„Du glaubst nicht an alles, was ich ihm gesagt habe! Ich habe es an deinen Mienen bemerkt. Doch warte nur, du wirst noch sehen, ob ich recht habe oder nicht? Ich habe noch längst nicht alles gesagt, Gott allein weiß nur, was er alles noch beabsichtigt! Er ist ein schrecklicher Mensch. Ich bin diese vier Tage hier im Zimmer auf- und abgegangen, ich habe über alles nachgedacht, und bin hinter alles gekommen. Er will nur das Herz Aljoschas von seinen Liebespflichten befreien. Er hat sich diese Verlobung ausgedacht, um durch seine Großmut Aljoscha zu bezaubern und ihn mir zu entreißen. Das ist so, Wanjä! Auch hat Aljoscha einen solchen Charakter. Er würde sich beruhigen, seine Unruhe um mich würde aufhören. Er denkt, ‚jetzt ist sie meine Frau, gehört mir auf immer‘ und wird seine Aufmerksamkeit mehr Katjä zuwenden. Der Fürst kennt Katjä, er hat sie gut beobachtet und findet, daß sie mehr zu ihm paßt, daß sie ihn stärker beeinflussen kann, als ich. Ach, Wanjä, meine ganze Hoffnung beruht auf dir, er will aus irgend einem Grunde mit dir zusammenkommen, deine nähere Bekanntschaft machen. Weise ihn nicht ab, sondern versuche um Gotteswillen, so bald als möglich zur Gräfin zu kommen. Du wirst Katjäs Bekanntschaft machen und mir sagen, wie sie ist? Ich habe deine Meinung über sie nötig. Keiner versteht mich so gut, wie du, und du allein weißt, was ich brauche. Beobachte ihre Freundschaft, und worüber sie miteinander sprechen; besonders beobachte Katjä ... Erweise mir noch diesmal einen Freundschaftsdienst, mein einziger, lieber Wanjä! Nur auf dich allein setze ich jetzt alle meine Hoffnungen! ...“
Als ich nach Hause zurückkehrte, war es bereits ein Uhr nachts. Nelly öffnete mir mit verschlafenen Augen die Tür. Sie lächelte und sah mich freudig an. Die Arme ärgerte sich darüber, daß sie eingeschlafen war. Sie hätte mich durchaus erwarten wollen. Sie erzählte, daß in meiner Abwesenheit jemand gewartet und auf meinem Schreibtisch einen Zettel an mich hinterlassen. Der Zettel war von Masslobojeff. Er forderte mich auf, morgen um ein Uhr zu ihm zu kommen. Ich hätte gerne Nelly über alles ausgefragt, doch schob ich es auf morgen und bestand darauf, daß sie sich jetzt schlafen lege. Die Arme war müde und hatte nur eine halbe Stunde vor meinem Kommen geschlafen.
V.
Am andern Morgen erzählte mir Nelly eigenartige Dinge vom gestrigen Besuch. Es war übrigens schon sonderbar, daß Masslobojeff sich gerade den Abend ausgesucht hatte, an dem, wie er wissen mußte, ich nicht zu Hause war; ich hatte ihn noch bei unserem letzten Zusammensein davon unterrichtet, ich erinnere mich dessen nur zu gut. Nelly behauptete, daß sie am Anfang nicht habe öffnen wollen, weil sie sich gefürchtet, – es sei bereits acht Uhr abends gewesen. Er habe sie hinter der Tür angefleht, ihm zu öffnen, da er etwas sehr Wichtiges für mich zu melden habe, und es mir morgen sonst sehr schlecht ergehen könne. Gleich, nachdem er eingetreten, hatte er sich an meinen Schreibtisch gesetzt, um mir den Zettel zu schreiben, darauf war er aufgestanden und hatte sich zu ihr auf den Diwan gesetzt. „Ich stand auf und wollte nicht mit ihm sprechen,“ erzählte Nelly, „ich fürchtete mich sehr; er begann von der Bubnowa zu erzählen, wie sie wütend sei, daß sie mich jetzt für immer verloren und darauf lobte er Sie; er sagte, Sie seien sein guter Freund und er habe Sie bereits als Kind gekannt. Da verlor ich meine Angst und habe mit ihm gesprochen. Er reichte mir Konfekt; ich wollte es aber nicht annehmen. Er versicherte mir, daß er kein schlechter Mensch sei, daß er zu tanzen und zu singen verstehe; er stand sofort auf und fing an zu tanzen. Ich mußte lachen. Darauf sagte er, daß er noch ein wenig bleiben wolle, – um Wanjä abzuwarten – und bat mich sehr, ihn nicht zu fürchten, und mich neben ihm hinzusetzen. Ich setzte mich, doch wollte ich kein Wort mit ihm sprechen. Er sagte mir, daß er Mama und Großpapa gekannt habe und ... da habe ich denn gesprochen. Er saß noch lange ...“
„Und wovon habt ihr denn gesprochen?“
„Von Mama ... von der Bubnowa ... und von Großpapa.“
Nelly schien es mir nicht sagen zu wollen, wovon sie gesprochen. Ich fragte sie auch nicht weiter aus, denn ich hoffte alles durch Masslobojeff zu erfahren. Allem Anscheine nach hatte Masslobojeff Nelly allein antreffen wollen. „Wozu nur das?“ dachte ich.
Sie zeigte mir lachend die drei Konfektstückchen, die er ihr gegeben. Das waren schlechte in einem Schmierladen gekaufte Bonbons.
„Warum hast du sie nicht gegessen?“ fragte ich.
„Ich wollte nicht,“ antwortete sie finster, mit gerunzelten Brauen. „Ich habe sie nicht genommen, er hat sie auf dem Diwan liegen lassen ...“
Ich hatte an diesem Tage viele Gänge zu machen und mußte Nelly bereits wieder verlassen.
„Hast du es langweilig allein?“ fragte ich sie beim Fortgehen.
„Langweilig und auch nicht langweilig. Langweilig, weil Sie immer so lange fortbleiben.“ Und sie sah mich mit großer Liebe an. Sie hatte mich bereits den ganzen Morgen zärtlich angesehen und schien halb fröhlich, halb zärtlich, halb verlegen zu sein; auch war in ihr etwas Scheues, als fürchtete sie, mich irgendwie zu ärgern oder mein Wohlwollen zu verlieren ...
„Also ... und warum auch nicht langweilig?“ fragte ich sie, unwillkürlich über sie lächelnd, so lieb und teuer war sie mir geworden.
„Das kann ich nicht sagen,“ antwortete sie lächelnd und verschämt.
Wir standen an der Schwelle bei offener Tür. Nelly stand vor mir mit gesenkten Augen, mit einer Hand an meinem Rockärmel zupfend.
„Das ist also ein Geheimnis?“ fragte ich sie.
„Nein ... das nicht ... ich ... ich habe Ihr Buch zu lesen angefangen,“ sagte sie mit leiser Stimme und richtete ihren zärtlichen Blick über und über errötend auf mich.
„Ah, sieh mal an! Nun, gefällt es dir?“
Als Autor war ich außer mir vor Freude, doch ich hätte weiß Gott was gegeben, wenn ich sie in diesem Augenblick hätte küssen können. Doch das war nicht möglich. Nelly schwieg.
„Warum, warum mußte er sterben?“ fragte sie mit einem Ausdruck tiefster Trauer, heimlich mich ansehend, um dann plötzlich wieder die Augen niederzuschlagen.
„Wer denn?“
„Dieser junge Mann ... an der Schwindsucht ... im Buche, da?“
„Es mußte so sein, Nelly.“
„Durchaus nicht,“ antwortete sie fast flüsternd, doch plötzlich brach sie ab, halb böse, halb schmollend und hartnäckig die Augen zu Boden gerichtet.
Es verging eine Minute.
„Und sie ... nun sie, alle beide, das Mädchen und der Alte,“ flüsterte sie kaum hörbar und zupfte mich immer heftiger am Ärmel, „bleiben sie zusammen? Und werden sie nicht mehr arm sein?“
„Nein, Nelly, sie fährt weit fort und wird die Frau eines Gutsbesitzers, er aber bleibt ganz allein,“ es tat mir wirklich leid, daß ich ihr nichts Beruhigenderes mitteilen konnte.
„Wenn es so ist ... so werde ich jetzt nicht mehr weiterlesen!“
Sie stieß meine Hand von sich, kehrte mir den Rücken, ging an den Tisch und blieb so von mir abgewandt stehen. Sie atmete unregelmäßig vor heftiger Erregung.
„Du hast dich also geärgert, Nelly?“ Ich trat an sie heran, „das ist doch alles nicht wahr, das habe ich mir doch nur ausgedacht. Worüber bist du denn böse, empfindsame Kleine!“
„Ich bin nicht böse,“ sagte sie bescheiden und mich traf ein heller, liebevoller Blick. Plötzlich ergriff sie aber meine Hand, preßte ihr Gesicht an meine Brust und fing an zu weinen.
Doch im selben Augenblick lachte sie auch schon wieder, lachte und weinte zusammen. Auch mir war es so komisch und doch – so süß zumute. Doch sie wollte um nichts in der Welt ihr Köpfchen aufheben, und je mehr ich mir Mühe gab, es von meiner Brust loszureißen, um so mehr preßte sie es an mich und lachte immer heftiger und heftiger.
Endlich machten wir dieser gefühlvollen Szene ein Ende. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich eilte davon. Nelly, ganz rot im Gesicht und verschämt mit glänzenden Augen, lief mir noch nach auf die Treppe und bat mich, bald wieder zu kommen. Ich versprach ihr, zu Mittag zurück zu sein.
Zuerst ging ich zu den Alten. Beide waren erkältet. Anna Andrejewna war sogar ganz krank. Nikolai Ssergejewitsch war in seinem Kabinett. Er hörte, daß ich kam, doch wußte ich, daß er nach seiner Gewohnheit erst eine Viertelstunde später erscheinen würde, um uns miteinander Zeit zur Aussprache zu geben. Ich wollte Anna Andrejewna nicht zu sehr aufregen und schwächte meine Erzählung über den gestrigen Abend nach Möglichkeit ab, doch konnte ich die Wahrheit nicht verheimlichen; zu meiner Verwunderung jedoch nahm die Alte die Nachricht von der Möglichkeit eines Bruches ohne jede Verwunderung hin.
„Nun, mein Lieber, das wußte ich doch,“ sagte sie. „Als du damals fortgegangen warst, habe ich mir noch lange alles überlegt, daß es nicht sein kann. Wir haben es beim lieben Herrgott nicht verdient und er ist doch ein so gemeiner Mensch; kann man denn von ihm etwas Gutes erwarten. Ist es denn ein Spaß, daß er von uns umsonst zehntausend Rubel nimmt; er weiß es, daß er sie umsonst bekommt, und doch nimmt er sie. Unser letztes Stück Brot nimmt er uns und Ichmenjeffka wird verkauft. Nataschenka ist klug und gerecht, daß sie ihm nicht glaubt. Ja, weißt du, mein Lieber,“ fuhr sie fort, ihre Stimme dämpfend; „der Meine, der Meine ... ist durchaus gegen die Hochzeit. Ich beredete ihn: er will nicht, sagt er! Zuerst dachte ich, er verstellt sich; doch nein, es ist so. Was soll dann aus ihr, meinem Täubchen, werden? Er würde sie dann verfluchen. Nun, und dieser da, der Aljoscha, was tut er?“
Und lange fragte sie mich noch aus, nach allem, wie es so ihre Gewohnheit war, seufzend und murrend. Ich hatte überhaupt bemerkt, daß sie in letzter Zeit fassungslos und verworren war. Jede Nachricht erschütterte sie. Das Leid um Natascha tötete ihr Herz und ihre Gesundheit.
Der Alte erschien in Schlafrock und Pantoffeln; er klagte über Fieber, behandelte aber seine Frau, die ganze Zeit über, die ich bei ihnen verbrachte, mit großer Zärtlichkeit, sah ihr zärtlich in die Augen, pflegte sie und sorgte sich um sie. Ihre Krankheit hatte ihn sehr erschreckt, auch fühlte er, daß er alles im Leben verlieren würde, wenn er sie verlöre.
Ich saß bei ihnen über eine Stunde. Als ich mich von ihnen verabschiedet hatte, kam er mit mir hinaus ins Vorzimmer und fragte nach Nelly. Er hatte die ernste Absicht, sie zu sich ins Haus zu nehmen. Er wollte sich mit mir beraten, wie man Anna Andrejewna dafür gewinnen könne. Mit großem Interesse fragte er mich, ob ich nicht noch etwas Neues über sie erfahren hätte? Ich erzählte ihm in aller Kürze, was ich wußte. Meine Erzählung machte auf ihn einen großen Eindruck.
„Wir wollen noch darüber reden,“ sagte er in bestimmtem Tone, „– bis dahin ... übrigens, ich werde noch selbst zu dir kommen, wenn meine Gesundheit es mir erlauben wird. Dann wollen wir sehen ...“
Punkt zwölf Uhr war ich bei Masslobojeff. Zu meiner großen Verwunderung war die erste Person, der ich begegnete, der Fürst. Er zog im Vorzimmer gerade seinen Mantel an und Masslobojeff half ihm geschäftig dabei und reichte ihm seinen Stock. Er hatte mir ja von seiner Bekanntschaft mit dem Fürsten erzählt, aber diese Begegnung setzte mich doch in Erstaunen.
Auch der Fürst schien ein wenig konfus zu sein, als er mich erblickte.
„Ach, Sie sind es!“ rief er mit übertriebener Freundlichkeit. „Welch eine sonderbare Begegnung! Übrigens habe ich soeben von Herrn Masslobojeff erfahren, daß Sie mit ihm bekannt sind. Es freut mich, es freut mich sehr, Ihnen begegnet zu sein, ich möchte Sie sprechen und hoffe, so bald als möglich zu Ihnen zu kommen; Sie erlauben doch? Ich habe eine Bitte an Sie: helfen Sie mir, erklären Sie mir unsere jetzige Lage. Sie sind dort befreundet, Sie kennen den ganzen Gang der Angelegenheit; Sie haben Einfluß ... Es tut mir leid, jetzt nicht mit Ihnen bleiben zu können ... Geschäfte! In den nächsten Tagen jedoch, oder noch früher, werde ich das Vergnügen haben, bei Ihnen zu erscheinen. Doch jetzt ...“
Er schüttelte schon gar zu herzlich meine Hand, warf Masslobojeff einen verständnisvollen Blick zu und verschwand.
... „Sage mir doch, um Gotteswillen,“ begann ich, ins Zimmer tretend.
„Nichts werde ich dir sagen,“ unterbrach mich Masslobojeff, der eilig nach der Mütze griff und ins Vorzimmer stürzte – „ich habe zu tun! Ich, Bruderherz, muß selbst eilen, habe mich verspätet! ...“
„Du hast mir doch geschrieben, um zwölf Uhr zu kommen ...“
„Was will das heißen? Das habe ich dir gestern geschrieben, heute aber hat man mir geschrieben ... ich sage dir, daß mir der Kopf brummt – vor Geschäften! Man erwartet mich. Verzeih, Wanjä. Alles, was zu deiner Genugtuung geschehen kann, ist, daß du mich durchprügeln kannst, weil ich dich umsonst herbemüht habe. Wenn es dir gefällt, so haue mich nur, doch um Christi willen, schnell! Halte mich nicht auf, man wartet auf mich ...“
„Wozu soll ich dich verhauen? Hast du Geschäfte, nun so laufe, Unvorhergesehenes kann jedem passieren. Nur ...“
„Von dem Nur werde ich dir schon erzählen,“ unterbrach er mich, stürzte ins Vorzimmer und zog seinen Mantel an. (Auch ich zog mich an.) „Deinetwegen habe ich eine sehr ernste Sache zu erledigen; dieser Sache wegen habe ich dich hergebeten, sie betrifft dich und deine Interessen. Da ich dir aber jetzt in einem Augenblick nicht alles erzählen kann, so gib mir, bitte, um Christi willen, dein Wort, daß du heute um punkt sieben Uhr, nicht früher und nicht später, zu mir kommst. Ich werde dann zu Hause sein.“
„Heute noch,“ sagte ich unentschlossen, „nun, Bruderherz, heute abend wollte ich doch dahin gehn ...“
„Dahin, mein Lieber, wo du am Abend gehn wolltest, gehe jetzt und am Abend komme zu mir. Denn, Wanjä, du kannst dir nicht vorstellen, was für eine Sache ich dir mitzuteilen habe.“
„Na, schön, schön; was ist es denn? Ich gestehe, daß du mich neugierig gemacht hast.“
Wir traten aus dem Haustor und standen auf dem Trottoir.
„Du wirst also kommen?“ fragte er.
„Ich habe gesagt, daß ich komme.“
„Gib dein Ehrenwort.“
„Warum, wozu? Nun, ich gebe dir mein Ehrenwort.“
„Das ist anständig. Wohin gehst du?“
„Dahin,“ antwortete ich, und zeigte nach rechts.
„Nun, und ich muß dorthin,“ und er zeigte nach links. „Lebe wohl, Wanjä, vergiß nicht ... sieben Uhr ...“
„Sonderbar, höchst sonderbar,“ dachte ich und sah ihm nach.
Am Abend hatte ich eigentlich zu Natascha gehen wollen. Doch da ich jetzt Masslobojeff mein Wort gegeben hatte, zu ihm zu kommen, so beschloß ich, jetzt zu ihr zu gehn. Ich war überhaupt überzeugt, daß ich jetzt Aljoscha bei ihr antreffen würde. Und wirklich, er war dort, und freute sich außerordentlich über mein Kommen.
Er war sehr nett, fröhlich und außerordentlich zärtlich zu Natascha. Natascha tat alles, um fröhlich zu erscheinen, doch sah man es ihr an, daß es ihr schwer fiel. Sie sah krank und bleich aus; sie hatte die Nacht nicht geschlafen. Zu Aljoscha war sie gezwungen zärtlich.
Aljoscha sprach und erzählte sehr viel, offenbar wollte er sie belustigen und ihren Lippen ein Lächeln abringen. Er erwähnte aber in seinem Gespräche weder Katjä noch seinen Vater. Wahrscheinlich war ihm sein gestriger Versöhnungsversuch nicht gelungen.
„Weißt du, Wanjä? Er möchte furchtbar gern von mir fortgehen,“ flüsterte mir Natascha in aller Eile zu, als Aljoscha hinausging, um Mawra irgend etwas aufzutragen. – „Doch er fürchtet sich, mich zu kränken. Und auch ich selbst fürchte mich, ihm zu sagen, daß er gehen soll, denn dann versteift er sich erst recht darauf zu bleiben, und am meisten fürchte ich mich, daß er sich bei mir langweilt und mich überhaupt zu lieben aufhört! Was soll ich tun?“
„Gott, in welche Lage ihr euch selbst bringt! Und wie mißtrauisch einer den andern verfolgt! Erklärt euch doch gegenseitig einfach und damit abgemacht. Durch solches Verhalten werdet ihr euch wirklich gegenseitig zur Last fallen.“
„Was soll ich tun?“ rief sie erschrocken aus.
„Warte, ich werde schon alles in Ordnung bringen.“
Ich ging in die Küche unter dem Vorwand, Mawra zu bitten meine Galoschen zu reinigen.
„Vorsichtig, Wanjä!“ rief Natascha mir nach.
Kaum war ich in der Küche, als Aljoscha sich auf mich stürzte, als hätte er mich erwartet.
„Iwan Petrowitsch, Lieber, was soll ich tun? Raten Sie mir: ich habe noch gestern mein Wort gegeben, um diese Zeit bei Katjä zu sein. Ich darf es nicht verfehlen! Ich liebe Natascha mehr als alles, ich bin bereit für sie durchs Feuer zu gehen, aber Sie sehen doch ein, daß ich die andere jetzt nicht ganz ...“
„Nun, so fahren Sie doch ...“
„Was wird Natascha dazu sagen? Ich werde ihr wehetun ... Iwan Petrowitsch, helfen Sie mir ...“
„Meiner Meinung nach ist es besser, daß Sie fahren. Sie wissen, wie sehr Natascha Sie lieb hat: sie wird sich fürchten, daß Sie sich bei ihr langweilen, wenn Sie sich zwingen bei ihr zu bleiben. Übrigens, kommen Sie, ich werde Ihnen helfen.“
„Lieber Iwan Petrowitsch, wie gut Sie sind!“
Wir kehrten zurück, nach einem Augenblick sagte ich zu ihm:
„Ich habe soeben Ihren Vater gesehen.“
„Wo?“ rief er ganz erschrocken aus.
„Zufällig auf der Straße. Er redete mich an und fragte nach Ihnen, ob ich nicht wüßte, wo Sie seien? Er müßte Sie durchaus sprechen.“
„Ach, Aljoscha, fahre zu ihm, suche ihn auf,“ unterstützte mich Natascha, die sofort begriff, was ich damit wollte.
„Wo kann ich ihn denn jetzt antreffen? Wird er zu Hause sein?“
„Nein, ich glaube, er sagte, daß er bei der Gräfin sein würde.“
„Aber, wie soll ich denn ...“ bemerkte naiv Aljoscha und sah Natascha traurig an.
„Ach, Aljoscha, was tut es denn!“ sagte sie. „Willst du denn wirklich diese Bekanntschaft aufgeben, um mich zu beruhigen. Das wäre doch kindisch. Erstens wäre es unmöglich, und zweitens wäre es einfach Undankbarkeit Katjä gegenüber. Ihr seid befreundet: kann man denn freundschaftliche Bande so brutal zerreißen. Und mich beleidigst du einfach, wenn du glaubst, daß ich so eifersüchtig sei. Fahre also, fahre unverzüglich, ich bitte dich! Ja, und auch dein Vater wird sich beruhigen.“
„Natascha, du bist ein Engel und ich bin deines kleinen Fingers nicht wert!“ rief Aljoscha voll Begeisterung und Reue zugleich. „Du bist so gut, und ich ... ich ... ich habe soeben Iwan Petrowitsch in der Küche gebeten mir zum Fortgehen zu verhelfen. Er hat sich das ausgedacht. Verurteile mich nicht, Natascha! Doch fühle ich mich gar nicht so schuldig, denn ich liebe dich tausendmal mehr als alles auf der Welt und ich habe mir da etwas Neues ausgedacht: ich will wieder alles Katjä anvertrauen, ihr unsere jetzige Lage mitteilen, und alles was gestern passiert ist. Sie wird sich etwas zu unserer Rettung ausdenken, denn sie ist uns mit ganzer Seele zugetan ...“
„Nun, so beeile dich,“ antwortete ihm lächelnd Natascha, „und weißt du, mein Freund, auch ich möchte ihre Bekanntschaft machen. Wie soll man das arrangieren?“
Aljoschas Begeisterung war grenzenlos. Er erging sich sofort in Plänen, wie es sich machen ließe. Doch das Problem löste er sofort dadurch, daß Katjä es schon machen würde. Er wollte in zwei, drei Stunden Natascha die Antwort bringen und den Abend bei ihr verbringen.
„Wirst du wirklich kommen?“ fragte ihn ungläubig Natascha.
„Wie kannst du daran zweifeln? Lebe wohl Natascha, meine Liebe – meine ewig Geliebte! Lebe wohl, Wanjä! Ach, mein Gott, ich habe Sie zufällig Wanjä genannt. Hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich liebe Sie – warum sagen wir nicht Du? Wollen wir uns duzen?“
„Schön.“
„Gott sei Dank! Wie oft habe ich daran gedacht. Ich habe nur immer nicht gewagt, es Ihnen zu sagen. Sehen Sie, auch jetzt sage ich wieder Sie. Es ist zu schwer, sich an das Du zu gewöhnen. Das ist so gut bei Tolstoi, glaube ich, beschrieben: Zwei geben sich gegenseitig das Wort ‚Du‘ zu sagen, und können sich nicht daran gewöhnen, da vermeiden sie immer die Sätze, in denen sie es anwenden müssen. Ach, Natascha! Lesen wir einmal zusammen ‚Kindheit und Alter‘; das ist so schön!“
„Geh nur, geh!“ trieb ihn Natascha zur Eile an, „jetzt redest du wieder so viel vor lauter Freude ...“
„Leb wohl! In zwei Stunden werde ich wieder bei dir sein!“
Er küßte ihre Hand und stürzte hinaus.
„Siehst du, siehst du, Wanjä!“ rief sie, und brach in Tränen aus.
Ich blieb zwei Stunden bei ihr, tröstete und beruhigte sie. Sie hatte natürlich in allen ihren Befürchtungen recht. Mir tat das Herz weh, wenn ich an ihre jetzige Lage dachte; ich fürchtete für sie. Doch, was war hier zu machen?
Sonderbar schien mir auch Aljoscha: er liebte sie nicht weniger als früher, vielleicht sogar noch mehr, quälender vor Reue und Dankbarkeit. Doch zu gleicher Zeit setzte sich die neue Liebe immer mehr in seinem Herzen fest. Ich selbst war neugierig, Katjä kennen zu lernen, auch versprach ich Natascha ihre Bekanntschaft zu vermitteln.
Zum Schluß wurde sie sogar heiter. Unter anderem erzählte ich ihr alles über Nelly und Masslobojeff; von der Bubnowa und meiner Begegnung des Fürsten bei Masslobojeff und von meiner Verabredung um sieben Uhr bei ihm; alles interessierte sie sehr. Auch von den Alten teilte ich ihr alles mit, nur schwieg ich über die Absichten Nikolai Ssergejewitschs; das Duell hätte sie erschrecken können. Ihr schienen die Beziehungen des Fürsten zu Masslobojeff höchst sonderbar, sein Wunsch, mich kennen zu lernen, erklärte sich wohl durch die Verhältnisse ...
Um drei Uhr nachmittags kehrte ich zurück nach Hause. Nelly empfing mich mit strahlendem Gesichtchen ...
VI.
Um Punkt sieben Uhr abends war ich bei Masslobojeff. Er empfing mich mit lautem Halloh und ausgebreiteten Armen. Es versteht sich von selbst, daß er bereits halb betrunken war. Doch am meisten wunderten mich die außerordentlichen Vorbereitungen, die zu meinem Besuch getroffen worden waren. Aus allem war zu sehen, daß sie mich feierlich erwartet hatten. Ein netter Samowar brodelte auf einem runden Tischchen, das bedeckt war mit einem teueren und schönen Tischtuch. Das Teegeschirr blitzte vor Kristall und Silber. Auf einem anderen Tisch, der nicht weniger reich gedeckt war, standen Teller mit Früchten und Konfekt, Kiewsche Marmeladen und Pastillen, eingemachte Früchte, wie Apfelsinen, Äpfel und drei Sorten Nüsse – kurz, eine ganze Fruchthandlung. Auf dem dritten Tisch, mit blendendweißem Tischtuch belegt, standen verschiedene Eßwaren: Kaviar, Käse, Pasteten, Würste, Fisch und eine ganze Reihe Kristallkaraffen mit Likör von den verschiedensten Sorten und den schönsten Farben – grün, rot, braun, goldig. Auf einem kleinen Nebentisch standen sogar zwei Flaschen Champagner und auf einem Tisch vor dem Diwan standen gleichfalls drei Flaschen: Sauterne, Lafitte und Kognak – teuere Jelissejeffsche Flaschen. Hinter dem Teetisch saß Alexandra Ssemjonowna, wenn auch in einfachem Kleide, so doch sehr gewählt und geschmackvoll angezogen. Sie wußte, daß es ihr stand und schien sehr stolz darauf zu sein; sie begrüßte mich fast mit einer gewissen Feierlichkeit. Fröhlichkeit und Zufriedenheit lagen auf ihrem frischen Gesicht. Masslobojeff war mit einem teuren Schlafrock und chinesischen Pantoffeln bekleidet und in teurer Wäsche. Am Hemd waren überall, wo es nur anging, moderne Knöpfe und Schließen angebracht. Die Haare waren gekämmt, pomadisiert und schräg, nach der Mode, gescheitelt.
Ich war so erstaunt, daß ich mit offenem Munde mitten im Zimmer stehen blieb und einmal Masslobojeff, das andere Mal Alexandra Ssemjonowna anstarrte, deren Zufriedenheit sich bis zur Seligkeit steigerte.
„Was hat das zu bedeuten, Masslobojeff, habt ihr heute einen Besuchsabend?“ rief ich schließlich beunruhigt aus.
„Nein, wir haben nur dich erwartet,“ antwortete er feierlich.
„Ja, was hat denn das zu bedeuten,“ ich wies auf die Vorräte, „damit kann man ja ein ganzes Heer bewirten!“
„Und betrinken, hauptsächlich betrinken!“ fügte Masslobojeff hinzu.
„Und das alles ist nur für mich?“
„Und für Alexandra Ssemjonowna. Sie hat geruht, es sich so auszudenken.“
„Da haben wir’s! Ich wußte es ja!“ rief Alexandra Ssemjonowna errötend aus, doch verlor sie den Ausdruck von Zufriedenheit nicht. „Man kann nicht einmal anständig seinen Gast empfangen!“
„Kannst du dir vorstellen, bereits vom Morgen an, als sie es hörte, daß du heute abend kommen würdest, hat sie alles vorbereitet; es war nicht mehr auszuhalten ...“
„Das ist nicht wahr! Nicht vom Morgen an, sondern von gestern abend an. Denn gestern abend, als du nach Hause kamst, sagtest du mir, daß Iwan Petrowitsch morgen abend unser Gast sein würde ...“
„Da haben Sie sich verhört ...“
„Durchaus nicht, ich lüge niemals. Und warum soll man seinen Gast nicht gut empfangen? Da leben wir, und leben wir, kein Mensch kommt zu uns, und wir haben doch reichlich zu leben. Mögen doch die guten Leute sehen, daß wir wie andere Menschen zu leben verstehen.“
„Und die Hauptsache, sie sollen es einmal sehen, was Sie für eine vorzügliche Wirtin sein können,“ fügte Masslobojeff hinzu. „Stelle dir nur vor, mein Freund, was ich habe ausstehen müssen. Ein Hemd aus holländischem Leinen hat sie mir gekauft, Pantoffeln und einen chinesischen Schlafrock, die Haare gekämmt und pomadisiert: mit Bergamottenpomade; mit Parfüm wollte sie mich bespritzen ... da habe ich’s aber nicht mehr ausgehalten, habe ihr meine eheliche Autorität gezeigt ...“
„Durchaus nicht mit Bergamottenpomade, sondern mit der besten echten französischen Pomade ...“ unterbrach ihn ganz erregt Alexandra Ssemjonowna. „Urteilen Sie selbst, Iwan Petrowitsch, er bringt mich nirgendwohin, weder ins Theater, noch auf einen Ball, nur Kleider schenkt er mir ... doch wohin soll ich mit den vielen Kleidern? Ich soll mich ankleiden und allein im Zimmer auf und ab spazieren. Neulich wären wir beinahe ins Theater gegangen, ich ging nur in mein Zimmer, um mich etwas zurecht zu machen, aber wie ich wiederkomme, hat er ein Gläschen nach dem anderen getrunken und ist berauscht. So unterblieb es wieder. Kein Mensch, niemand, niemand kommt zu uns zu Gast; nur am Morgen kommen hin und wieder Menschen in Geschäften hierher; dann muß ich mich zurückziehen. Und alles ist da; ein Samowar, ein schönes Service und schöne Tassen – alles, alles hat er mir geschenkt. Und auch das Essen wird uns gebracht, nur den Wein kaufen wir, und diesmal ein bißchen Imbiß – eine Pastete, Kaviar, etwas Konfekt haben wir gekauft. Wenn doch nur jemand sehen würde, wie wir leben! Das ganze Jahr habe ich daran gedacht: wenn ein Gast kommt, ein wirklicher Gast, dann werde ich ihn gut bewirten, und er wird sich finden, und uns ist’s angenehm. Daß ich aber diesen Dummkopf pomadisiert habe, nun, er ist dessen nicht wert; am liebsten würde er immer schmutzig gehen. Sehen Sie, was man ihm für einen Schlafrock geschenkt hat: ja, ist er ihn denn wert? Wenn er nur was trinken kann! Sie werden sehen, gleich wird er vor dem Tee sich noch Schnaps eingießen.“
„Das ist wahr! Trinken wir eins, Wanjä, einen goldenen oder silbernen, um dann mit erfrischter Seele zu den anderen Getränken überzugehen.“
„Nun, das wußte ich doch!“
„Beunruhigen Sie sich nicht, Ssaschenka, wir werden auch Tee trinken, Tee mit Kognak, auf Ihre Gesundheit.“
„Also doch!“ rief sie, die Hände über den Kopf zusammenschlagend. „Tee vom Khan zu sechs Rubel das Viertel hat ihm vorgestern der Kaufmann geschenkt, er aber will ihn mit Kognak trinken. Hören Sie nicht auf ihn, Iwan Petrowitsch, ich werde Ihnen gleich eingießen ... Sie werden selbst sehen, was das für ein Tee ist!“
Es war augenscheinlich, daß sie mich den ganzen Abend festhalten wollten. Alexandra Ssemjonowna hatte das ganze Jahr auf einen Gast gewartet und nun sollte ich dazu herhalten. Das kam mir nicht gelegen.
„Höre mal, Masslobojeff, ich bin zu dir nicht als Gast gekommen, sondern in Geschäften; du hast mich selbst gerufen, um mir mitzuteilen ...“
„Nun Geschäft ist Geschäft, doch die Unterhaltung mit einem guten Freunde ist auch eine Sache.“
„Nein, mein Lieber, darauf kannst du nicht rechnen. Um halb neun muß ich fort. Ich habe mein Wort gegeben ...“
„Daran ist nicht zu denken. Wirklich, was du uns antust. Denke doch an Alexandra Ssemjonowna? Sieh sie dir an, sie ist sprachlos. Wozu hat sie mich pomadisiert, bedenke, mit Bergamotten!“
„Du scherzest, Masslobojeff. Ich werde Alexandra Ssemjonowna schwören, in der nächsten Woche, am Freitag, zu kommen; heute jedoch habe ich mein Wort gegeben – oder besser gesagt, ich muß heute an einem Ort erscheinen, auf jeden Fall. Sage mir also lieber, was du mir mitteilen wolltest?“
„So wollen Sie wirklich nur bis halb neun Uhr hier bleiben!“ rief Alexandra Ssemjonowna mit kläglicher Stimme, fast weinend, während sie mir eine Tasse mit prachtvollem Tee reichte.
„Beunruhigen Sie sich nicht, Ssaschenka; das ist alles Unsinn,“ beruhigte sie Masslobojeff. „Er wird bleiben; sag mir doch bitte, Wanjä, wohin du zu gehen hast? In welchen Geschäften? Kann man’s nicht erfahren? Du läufst ja den ganzen Tag umher und arbeitest nichts? ...“
„Was geht es dich an? Übrigens, davon kannst du später erfahren. Sage mir doch lieber, warum bist du gestern abend bei mir gewesen, wo ich es dir doch gesagt hatte, daß ich nicht zu Hause sein würde?“
„Es fiel mir nachher ein, doch gestern abend hatte ich’s vergessen. Ich wollte über eine ernste Angelegenheit mit dir sprechen, doch vorher mußte ich Alexandra Ssemjonowna befriedigen. ‚Sieh,‘ sagt sie, ‚da ist ein Mensch, der ist dein Freund, warum lädst du ihn nicht ein?‘ Und deinetwegen, Freund, hat sie mich eine dreiviertel Stunde lang gequält. Der Bergamottenpomade wegen werden mir sicher im Himmel viele Sünden vergeben werden, doch, denke ich, warum soll ich nicht einen Abend mit dir freundschaftlich zubringen? Ich ersann mir daher eine Kriegslist: schrieb dir, wenn du nicht kommst, so werden alle unsere Schiffe untergehen.“
Ich bat ihn im voraus, das nicht wieder zu tun, sondern mir gegenüber aufrichtig zu sein. Übrigens befriedigte mich diese Erklärung keineswegs.
„Doch vorhin, warum bist du vorhin davongelaufen?“ fragte ich ihn.
„Vorhin hatte ich wirklich ein dringendes Geschäft zu erledigen, das ist nicht gelogen.“
„Mit dem Fürsten etwa?“
„Wie schmeckt Ihnen der Tee?“ fragte mit honigsüßer Stimme Alexandra Ssemjonowna.
„Siehst du, sie hat bereits fünf Minuten darauf gewartet, daß man ihren Tee lobt.“
„Vorzüglich, Alexandra Ssemjonowna, vorzüglich! Ich habe einen solchen noch nie getrunken.“
Alexandra Ssemjonowna war ganz stolz vor Vergnügen und wollte mir sofort neuen einschenken.
„Der Fürst!“ schrie Masslobojeff, „dieser Fürst, Bruderherz, ist solch ein Schelm, ein Betrüger ... das! Ich Freund, ich sage dir, auch ich bin manchmal ein Betrüger, doch trotz alledem wollte ich nicht in seiner Haut stecken! Doch genug, ich schweige! Kein Wort mehr über ihn.“
„Und ich, ich bin gerade deshalb zu dir gekommen, um dich unter anderem über ihn auszufragen. Doch davon später. Sage mir aber, warum hast du gestern in meiner Abwesenheit Helene Konfekt angeboten und ihr vorgetanzt? Und worüber hast du mit ihr anderthalb Stunden gesprochen!“
„Helene ist ein kleines Mädchen von elf oder zwölf Jahren und lebt zur Zeit bei Iwan Petrowitsch,“ wandte sich plötzlich Masslobojeff erklärend zu Alexandra Ssemjonowna. „Sieh nur, Wanjä, sieh,“ er wies mit dem Finger auf sie, „wie sie rot geworden ist, als sie hörte, daß ich einem unbekanntem jungen Mädchen Konfekt gebracht hätte, wie sie zusammenzuckt, als hätten wir mit einer Pistole geschossen ... isch, wie die Augen blitzen und wie Nadeln stechen. Da ist nichts mehr zu machen, Alexandra Ssemjonowna ... nichts mehr zu verheimlichen. Sie sind eifersüchtig! Hätte ich nicht gesagt, daß es sich hier um ein elfjähriges Kind handelt, so wäre sie über mich hergefallen, hm! ... da hätte mich keine Bergamottenpomade mehr retten können!“