Dritter Teil (continued 3)
E. K. Rahsin translation
Der Wein stieg ihm augenscheinlich schon zu Kopf. Sein Gesicht veränderte sich und nahm einen gewissermaßen verbissenen boshaften Ausdruck an. Offenbar empfand er das Verlangen, zu verletzen, zu verspotten, womöglich zu beißen. „Ganz gut, daß er betrunken ist,“ dachte ich, „ein Betrunkener ist immer schwatzhaft und verrät sich in der Regel.“ Doch ich täuschte mich: er vergaß sich keinen Augenblick und verfolgte einen besonderen Zweck.
„Mein Freund,“ hub er an – ersichtlich war ihm das Reden ein Genuß – „ich habe Ihnen soeben ein Geständnis gemacht, das vielleicht nicht ganz am Platze war. Ich meine, daß ich bisweilen den unbezwingbaren Wunsch empfinde, irgend jemandem unter gewissen Umständen die Zunge zu zeigen. Zum Dank für diese meine naive und gutmütige Offenheit vergleichen Sie mich mit einem Hanswurst, was mich von Herzen erheitert hat. Doch wenn Sie mir darob Vorwürfe machen wollen, oder sich darüber wundern, daß ich Ihnen gegenüber unhöflich oder sogar unanständig sei, kurz – plötzlich einen anderen Ton angeschlagen habe, so sind Sie durchaus im Unrecht. Erstens paßt es mir nun einmal so, und zweitens bin ich nicht bei mir, sondern mit Ihnen ... will sagen, wir gehen jetzt beide durch, wie es gute Freunde öfters tun; und drittens – liebe ich über alles Launen. Wissen Sie auch, daß ich einmal aus Laune sogar Metaphysiker und Philantrop gewesen bin und mich fast mit denselben Ideen abgegeben habe, wie Sie heute? Übrigens liegt das so unendlich weit zurück, – in den goldenen Tagen meiner Jugend war es mal! Ich weiß noch, ich fuhr damals auf mein Gut, getragen von den humansten Absichten und, versteht sich, grämte mich und sehnte mich ganz gottverboten. Aber Sie glauben nicht, was dann mit mir geschah: vor lauter Langeweile begann ich, bei netten Mädchen Zerstreuung zu suchen ... Schneiden Sie schon wieder eine Grimasse? O, mein junger Freund! Wir sind doch ganz unter uns und sind gute Freunde! Wann soll man denn sonst durchgehen, wann sich einmal auftun, alle Hüllen zurückschlagen! – ich bin doch eine russische Natur, eine unverfälschte russische Natur, bin Patriot, – wie sollte ich es da nicht lieben! Und man muß doch den Augenblick erhaschen und das Leben genießen. Sterben wir – was gibt’s dann noch? Nun, und so trieb ich es denn mit den Mädeln. Ich entsinne mich noch, eine Hirtin hatte einen Mann, ein hübscher junger Bursche war’s. Ich bestrafte ihn schmerzhaft und wollte ihn unter die Soldaten stecken – vergangene Zeiten, mein Poet! – tat es aber dann doch nicht. Er starb in meinem Krankenhause ... Ich hatte doch auf meinem Gut ein Krankenhaus errichtet, für zwölf Betten – großartig! Sauberkeit, parkettierter Fußboden und so weiter ... Jetzt ist es natürlich schon längst eingegangen, damals aber war ich sehr stolz auf mein Werk: ich war doch Philantrop! Nun, den Burschen aber hatte ich seines Weibchens wegen dort zu Tode geprügelt ... Ja, aber weshalb fabrizieren Sie denn schon wieder eine Grimasse? Es ekelt Sie an? Empört Ihre edlen Gefühle? Na, na, beruhigen Sie sich. Das ist ja schon lange her. Das tat ich damals, als ich Romantiker war, als ich ein Wohltäter der Menschheit werden und eine Philantropische Gesellschaft gründen wollte ... ich war eben in solches Fahrwasser hineingeraten. Damals drosch ich denn auch. Jetzt unterlasse ich es; jetzt muß man Grimassen schneiden; das tun wir doch jetzt alle, – es ist nun mal solch eine Zeit ... Doch am meisten amüsiert mich im Augenblick dieser Dummkopf Ichmenjeff. Ich bin überzeugt, daß er von diesem ganzen Vorfall mit dem Burschen unterrichtet war ... und was glauben Sie? Einzig aus Herzensgüte, da sein Herz aus Jungfernhonig geschaffen zu sein scheint, und weil er sich damals in mich geradezu verliebt hatte – entschloß er sich, keinem Wort davon Glauben zu schenken und – tat es auch nicht! Verstehen Sie: er glaubte dem Beweise nicht, leugnete die Tatsache und stand zwölf Jahre lang wie ein Fels für mich ein, bis es ihm dann selbst an den Kragen ging. Hahaha! Na, das ist ja doch alles Unsinn! Trinken wir, mein junger Freund: Sagen Sie: wie verhalten Sie sich zu den Weibern? Lieben Sie sie?“
Ich antwortete nichts. Ich biß die Zähne zusammen und hörte nur zu. Er hatte bereits die zweite Flasche begonnen.
„Ich rede mit Vorliebe abends nach dem Essen von ihnen. Soll ich Sie nicht nachher mit einer bekannt machen – Mademoiselle Philiberte, zum Beispiel – wie? Was meinen Sie? Ja, was fehlt Ihnen denn? Sie wollen mich nicht einmal ansehen ... hm!“
Er dachte nach. Doch plötzlich hob er den Kopf, sah mich ganz eigentümlich an und fuhr fort:
„Sehen Sie, mein Poet, ich will Ihnen ein Naturgeheimnis aufdecken, eines, das Ihnen, wie es scheint, noch ganz unbekannt ist. Ich weiß, daß Sie mich im Augenblick einen Sünder, vielleicht sogar einen Schurken, ein Monstrum der Verderbnis und des Lasters nennen. Doch hören Sie, was ich Ihnen sagen werde. Wenn es nur möglich wäre – en parenthèse: der menschlichen Natur gemäß ist es absolut unmöglich – also, wenn es möglich wäre, daß ein jeder von uns sein ganzes Innenleben beschriebe, jedoch so, daß er nicht nur das, was er für keinen Preis den Menschen sagen, nicht nur das, was er nicht einmal seinem besten Freunde verraten würde, sondern sogar das, was er sich selbst kaum zu gestehen wagt, einmal mit größter Wahrheitstreue beschriebe, so würde es doch in der Welt einen solchen Gestank geben, daß wir alle ersticken müßten. Deshalb sind denn auch, nochmals en parenthèse, unsere gesellschaftlichen Anstandsregeln und Gesetze so zweckentsprechend und segensreich. Es liegt ein tiefer Gedanke in ihnen, – ich will nicht sagen, daß es gerade ein sittlicher sei, aber einfach ein erhaltender, bequemer, was natürlich noch besser ist, denn die Sittlichkeit ist ja doch im Grunde nur Bequemlichkeit ... das heißt, ich meine, sie ist doch einzig zur Bequemlichkeit erfunden. Doch von den Anstandsregeln später, ich komme immer wieder vom Thema ab – erinnern Sie mich nachher daran. Sie beschuldigen mich der Lasterhaftigkeit, Ausschweifung, Unsittlichkeit, während man mir doch jetzt vielleicht nur das eine vorwerfen könnte, daß ich aufrichtiger bin als die anderen, und weiter nichts; daß ich das nicht geheim halte, was die anderen sogar vor sich selbst verbergen, wie ich vorhin sagte. Das ist allerdings eine Schändlichkeit von mir, aber ich will es nun einmal so. Übrigens – beunruhigen Sie sich nicht,“ unterbrach er sich mit einem spöttischen Lächeln, „ich sagte ‚vorwerfen‘, aber ich will mich ja durchaus nicht entschuldigen oder Sie um Entschuldigung bitten. Und beachten Sie auch das noch: ich will Sie nicht in Verlegenheit setzen, indem ich Sie frage: ‚haben Sie nicht auch ähnliche Geheimnisse?‘ – um mit Ihren Geheimnissen dann auch mich in etwas zu rechtfertigen ... Ich handle also anständig und gentlemanlike. Überhaupt ist letzteres stets meine Richtschnur ...“
„Sie sind einfach ins Schwätzen gekommen,“ sagte ich und sah ihn mit Verachtung an.
„Ins Schwätzen ... hahaha! Und wenn man bedenkt, welche Frage Sie dabei am meisten plagt! Soll ich’s sagen? Sie fragen sich: weshalb hat er mich hierhergeschleppt und plötzlich mir nichts dir nichts angefangen, mir alles das zu erzählen? Hab ich’s getroffen?“
„Ja.“
„Na, das werden Sie später erfahren.“
„Die einfachste Antwort ist aber: Sie haben zwei Flaschen Wein getrunken und sind ... berauscht.“
„Das heißt, einfach betrunken. Auch das ist möglich. ‚Berauscht‘! Das ist ja wohl eine höflichere Ausdrucksform. O, Sie in Zartgefühl getauchter Mann! Aber ... ich glaube, wir verfallen schon wieder in Liebenswürdigkeiten und begannen doch gerade mit einem so interessanten Thema. Ja, was ich sagen wollte, mein Poet: wenn es in der Welt noch etwas Reizendes und Süßes gibt, so sind es die Weiber.“
„Ich verstehe nicht, Fürst, weshalb es Ihnen eingefallen ist, gerade mich zum Zuhörer zu wählen, wenn Sie Ihre Geheimnisse und Liebes ... erlebnisse zum besten geben wollen.“
„Hm! ... Ja – aber ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß Sie das nachher erfahren werden. Beunruhigen Sie sich deshalb nicht, nehmen Sie meinethalben an, daß überhaupt kein besonderer Grund vorliegt. Sie sind doch ein Dichter, Sie werden mich verstehen – doch das habe ich Ihnen ja schon gesagt. Es liegt eine besondere Art Wollust in diesem plötzlichen Abreißen der Maske, in diesem Zynismus, in dem sich der Mensch einem anderen plötzlich so zeigt, daß er ihn nicht einmal würdigt, sich vor ihm zu schämen. Ich werde Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Es war einmal in Paris ein verrückter Beamter; später wurde er in einer Irrenanstalt untergebracht, als man sich vollends überzeugt hatte, daß er verrückt war. Nun, also dieser Mann hatte sich folgendes zu seinem Vergnügen erdacht: er entkleidete sich zu Hause vollständig, nur die Stiefel behielt er an, nahm sich dann einen weiten Mantel um, der fast bis zu den Fersen reichte, hüllte sich in ihn ein und ging dann mit ernster, erhabener Miene hinaus auf die Straße. Von der Seite gesehen – ein Mensch in einem Mantel spaziert dort wie alle anderen zu seinem Vergnügen. Sobald es sich aber so machte, daß ihm jemand entgegenkam, ringsum aber kein anderer Mensch zu sehen war, so ging er mit dem ernstesten und vertrauenerweckendsten Gesicht auf ihn zu, blieb dann plötzlich vor ihm stehen, schlug seinen Mantel auf und zeigte sich in seiner ganzen ... Naturtreue. Das dauerte nur einen Augenblick, dann hüllte er sich wieder ein und schritt stumm, ohne auch nur mit einem Gesichtsmuskel zu zucken, an dem sprachlos ihn Anstarrenden vorüber, ruhig, majestätisch, wie der Geist von Hamlets Vater. So tat er es mit allen, Männern, Frauen, Kindern, und darin bestand sein ganzes Vergnügen. Nun, einen Teil dieses Vergnügens kann man auch dann empfinden, wenn man einem jungen Schillerianer plötzlich einen solchen Keulenhieb versetzt und ihm die Zunge zeigt in einem Augenblick, in dem er am wenigsten so etwas erwartet. Hm, – wie gefällt Ihnen das Wörtchen ‚Keulenhieb‘? Ich habe es irgendwo in unserer – pardon! – in Ihrer modernen Literatur aufgestöbert.“
„Jener war ein Verrückter, Sie aber ...“
„Ich aber bin bei vollem Verstande?“
„Ja.“
Der Fürst begann zu lachen.
„Sie urteilen sehr richtig, mein Lieber,“ fügte er mit der unverschämtesten Miene nur kurz hinzu.
„Fürst,“ begann ich empört über seine Frechheit, „Sie hassen uns und jetzt wollen Sie sich an allen und für alles rächen. Und das tun Sie nur aus der kleinlichsten Eigenliebe heraus. Sie sind boshaft, und kleinlich boshaft. Wir haben Sie geärgert; und vielleicht ärgern Sie sich noch mehr als über alles andere zusammengenommen über – jenen Abend! Selbstverständlich konnten Sie sich dafür mit nichts so gut an mir rächen als mit dieser grenzenlosen Verachtung, die Sie mir jetzt bezeugen. Sie lassen sogar die alltäglichste Höflichkeit, um nicht zu sagen Anständigkeit zu der wir alle verpflichtet sind, außer acht. Sie wollen mir so deutlich wie möglich zeigen, daß Sie sich nicht einmal vor mir schämen – da ich es in Ihren Augen wohl auch nicht ‚wert‘ bin –, indem Sie so unverhohlen und unerwartet Ihre scheußliche Maske abreißen und sich in einem sittlichen Zynismus präsentieren, der ...“
„Wozu sagen Sie mir denn das alles?“ fragte er, mich frech und boshaft betrachtend. „Um Ihren Scharfblick zu beweisen?“
„Um zu beweisen, daß ich Sie durchschaue und um Ihnen das mitzuteilen.“
„Quelle idée, mon cher!“ Er verfiel wieder in den früheren heiter-gutmütigen Plauderton. „Sie haben mich jetzt nur vom Thema abgelenkt. Buvons, mon ami, erlauben Sie, daß ich Ihnen einschenke. Ich hatte gerade die Absicht, Ihnen ein entzückendes und höchst interessantes Abenteuer zu erzählen. Ich will es nur so in großen Zügen wiedergeben. Ich war einmal mit einer Dame bekannt. Sie war nicht mehr ganz jung, sondern so zwischen sieben- und achtundzwanzig; dafür aber eine erstklassige Schönheit. Welch eine Büste, welche Haltung, welcher Gang! Ihr Blick war durchdringend scharf, hatte etwas Adlerhaftes, doch blieb er stets streng und hart; in ihrem Benehmen war sie königlich unnahbar. Es hieß von ihr, sie sei kalt wie ein sibirischer Winter, und mit ihrer fast grausamen Tugend flößte sie allen Schrecken ein. Ja, ‚grausamen‘! Im ganzen Kreise gab es keinen strengeren Richter als sie. Sie verurteilte nicht nur das Laster, sondern sogar die geringste Schwäche an den anderen Frauen, und verurteilte erbarmungslos, ohne Rücksicht und Appellationsmöglichkeit. Ihr Einfluß, ihre Bedeutung in der Gesellschaft, waren unermeßlich. Selbst die stolzesten Damen und wegen ihrer Tugend am meisten gefürchteten Greisinnen beugten sich vor ihr und suchten sich sogar bei ihr einzuschmeicheln, während sie auf alle gleichmütig erhaben herabblickte, wie etwa eine Äbtissin eines mittelalterlichen Klosters. Die jungen Frauen und Mädchen zitterten vor ihr und erbleichten unter ihrem Blick, denn sie wußten, daß eine Bemerkung, nur eine Andeutung von ihr genügte, um einen Ruf zu vernichten – so groß war nun einmal ihr Ansehen in der Gesellschaft. Sogar die Herren fürchteten sie. Zum Schluß versenkte sie sich in einen gewissen philosophischen Mystizismus, in dem sie aber übrigens ebenso ruhig und erhaben blieb. ... Und was glauben Sie: es gibt kein Weib, das verderbter sein könnte als es diese war. Und ich hatte das Glück, ihr Vertrauen im vollsten Maße zu gewinnen. Mit einem Wort – ich war ihr heimlicher Geliebten. Die Zusammenkünfte wußte sie aber so geschickt, so meisterhaft geschickt zu arrangieren, daß nicht einmal jemand von ihren Hausgenossen auch nur den geringsten Verdacht schöpfen konnte. Nur ihre Kammerzofe, eine nette kleine Französin, war in alle ihre Geheimnisse eingeweiht; doch auf diese Zofe konnte man sich vollkommen verlassen, denn sie war gleichfalls an den Geheimnissen beteiligt – inwiefern – das übergehe ich diesmal. Meine Dame war aber so erotisch lüstern, daß selbst der Marquis de Sade von ihr noch hätte lernen können. Doch das Stärkste, das Durchdringendste und Erschütterndste an dieser Wollust war – die Heimlichkeit und die Unverschämtheit des Betruges. Diese Verhöhnung alles dessen, was die Gräfin in der Gesellschaft als Höchstes und Heiligstes pries, was sie über Moral und Sittlichkeit sprach, und schließlich dieses innerliche teuflische Gelächter, mit dem sie es tat, dieses bewußte Unter-die-Füße-treten und Verleugnen alles dessen, was man doch nicht verleugnen kann – und alles das grenzenlos, bis zum äußersten getrieben, bis zu einem Grade, den sich auch die wildeste Phantasie nicht träumen lassen könnte – sehen Sie, darin lag die Quintessenz dieses Genusses. Sie war der leibhaftige Teufel, ein Teufel von Fleisch und Blut, aber dieser Teufel war doch so bezaubernd, daß ihm niemand hätte widerstehen können. Ich vermag auch jetzt noch nicht, ohne Begeisterung an dieses Weib zurückzudenken. Gerade in der Glut des heißesten Genusses begann sie plötzlich zu lachen – wie eine Wahnsinnige, und ich begriff, begriff vollkommen dieses Gelächter und stimmte selbst ein in ihr unbändiges Lachen. Auch jetzt noch stockt mir der Atem, bei der bloßen Erinnerung daran, obschon es vor so vielen Jahren war. Nach einem Jahr verabschiedete sie mich; sie nahm einen anderen. Selbst wenn ich gewollt hätte – ich hätte ihr doch nicht schaden können. Wer hätte es mir denn geglaubt? – Nun, wie finden Sie diesen Charakter? Was sagen Sie dazu, mein junger Freund?“
„Pfui, welch ein Ekel!“ sagte ich angewidert.
„Sie wären nicht mein junger Freund, wenn Sie anders geantwortet hätten! Ich wußte es ja, daß Sie genau so antworten würden. Hahaha! Warten Sie, mon ami, Sie werden noch leben und es dann auch begreifen, jetzt aber – jetzt muß ich Ihnen noch ein Törtchen servieren. Nein, wenn Sie das nicht verstehen, dann sind Sie kein Dichter: diese Frau begriff das Leben und sie verstand, es auszunutzen.“
„Aber weshalb es denn so bis zum Tierischen treiben?“
„Wieso, bis zum Tierischen?“
„Zu dem diese Frau gelangte und Sie mit ihr.“
„Ah, Sie nennen das tierisch, – ein Zeichen, daß Sie noch unselbständig am Kindergängelbande gehen. Übrigens ... ich gebe ja gern zu, daß es Selbständigkeit auch in der direkt entgegengesetzten Anschauungsweise geben kann, aber ... reden wir einfacher, mon ami ... Sie müssen doch zugeben, daß alles das Unsinn ist!“
„Was ist denn nicht Unsinn?“
„Nicht Unsinn ist – die Persönlichkeit, die bin ich selbst. Alles ist für mich, die ganze Welt ist nur für mich geschaffen. Hören Sie, mein Freund, ich glaube noch daran, daß man auf Erden gut leben kann. Das aber ist der beste Glaube, denn ohne ihn kann man ja nicht einmal schlecht leben: da müßte man sich vergiften. Ein Dummkopf soll es auch getan haben. Er philosophierte so lange, bis er mit seiner Philosophie alles zerstört hatte, alles, sogar die Gesetzmäßigkeit aller normalen und natürlichen Pflichten der Menschen, und er ging darin so weit, daß ihm zum Schluß nichts mehr übrig blieb: der Rest war gleich Null, und so verkündete er denn, daß das Beste im Leben Blausäure sei. Sie werden sagen: das war Hamlet, Hamlets grausame Verzweiflung, – mit einem Wort, irgend so etwas Großes, an das wir überhaupt nicht zu denken pflegen. Aber Sie sind ja Dichter, während ich ein gewöhnlicher Mensch bin, und deshalb sage ich Ihnen, daß man nur vom praktischsten und gewöhnlichsten Gesichtspunkt aus auf die Sache sehen muß. Ich zum Beispiel habe mich schon längst von allen Fesseln und sogar Pflichten befreit. Ich betrachte mich nur dann zu etwas verpflichtet, wenn mir daraus irgend ein Vorteil erwächst. Sie können sich natürlich nicht auf diesen Standpunkt stellen, Ihre Füße sind in Fesseln verwickelt und Ihr Geschmack ist krank. Sie philosophieren nach dem Maßstab des Ideals. Aber, mein Lieber, ich wäre doch selbst mit dem größten Vergnügen zu jeder Anerkennung, die Sie nur wünschen, bereit, bloß – was soll ich denn tun, wenn ich genau weiß, daß die Grundlage jeder menschlichen Tugend der größte Egoismus ist. Und je tugendhafter etwas ist, um so mehr Egoismus ist darin. Liebe dich selbst, – das ist das einzige Gesetz, das ich anerkenne. Das Leben ist in meinen Augen ein Handelsgeschäft: für nichts gibt’s nichts. Werfen Sie nicht umsonst Ihr Geld fort, aber, falls nötig, zahlen Sie für die Bewirtung und Sie kommen damit all Ihren Verpflichtungen nach, die Sie Ihrem Nächsten schuldig sind – das ist meine Moral, wenn es Sie zu wissen interessiert ... Doch gestehe ich Ihnen, daß es meiner Meinung nach noch besser ist, seinem Nächsten nicht zu zahlen, sondern es zu verstehen, ihn kostenlos auszunutzen. Ideale habe ich nicht und will sie auch nicht haben; gesehnt habe ich mich nach ihnen niemals. Es läßt sich auch ohne Ideale so lustig, so reizend auf der Welt leben ... und en somme bin ich sehr froh, daß ich ohne Blausäure auskommen kann. Denn – wäre ich nur ein wenig tugendhafter, so würde ich vielleicht doch nicht ohne sie auskommen, wie jener Dummkopf von Philosoph – zweifellos ein Deutscher ... Nein! Im Leben gibt es noch soviel Begehrenswertes! Ich liebe Einfluß, Rang und Titel, ein eigenes Palais, einen hohen Einsatz beim Spiel – überhaupt liebe ich das Spiel leidenschaftlich. Aber die Hauptsache, die Hauptsache sind doch – die Weiber ... Weiber jeder Kategorie; ich liebe sogar ganz heimliche, dunkle Ausschweifung, so eine etwas seltsamere und originellere, sogar ein wenig mit Schmutz zur Abwechslung ... Hahaha! Da sehe ich Ihr Gesicht: mit welch einer Verachtung Sie mich jetzt anblicken!“
„Darin haben Sie recht.“
„Nun, sagen wir, daß Sie recht haben, aber in jedem Fall ist doch dieser Schmutz immer noch besser als Blausäure. Nicht wahr?“
„Nein, da ist doch Blausäure besser.“
„Ich fragte Sie mit Absicht ‚nicht wahr‘, nur um mich an Ihrer Antwort zu ergötzen. Ich wußte, was Sie antworten würden. Nein, mein Freund, wenn Sie ein aufrichtiger Menschenfreund sind, so wünschen Sie allen klugen Leuten den Geschmack, den ich habe, also auch am Schmutz Gefallen zu finden, denn sonst würde doch ein kluger Mensch bald nichts auf der Welt zu tun haben und es blieben einzig die Dummköpfe übrig. Was die dann glücklich wären! Aber wissen Sie, es gibt nichts Angenehmeres als unter Dummköpfen zu leben und zu allem, was sie reden, stets ‚Gewiß, gewiß, sehr richtig!‘ zu sagen. Sie ahnen nicht, wie vorteilhaft das ist! Beachten Sie es weiter nicht, daß Vorurteile mir gefallen, daß ich mich nach gewissen Bedingungen richte, mich um größeren Einfluß bemühe. Ich sehe doch, daß ich in einer leeren Gesellschaft lebe. Aber es ist vorläufig ein warmer Platz, und ich stimme ihnen bei und tue, als stände ich wie eine Mauer für sie, und dabei wäre ich bei Gelegenheit der erste, der sie verläßt. Ich kenne doch alle Ihre neuen Ideen, wenn ich auch um ihretwillen nie leide – wozu auch? Gewissensbisse habe ich nie empfunden. Ich bin mit allem einverstanden, wenn es nur mir gut geht. Und solcher wie ich gibt es unter uns Legionen, und wir sind auch wirklich glücklich. Alles in der Welt kann untergehen, nur wir allein werden nie untergehen. Wir existieren ebenso lange wie die Welt existiert. Sollte auch die ganze Erde irgendwo im All ertrinken, wir würden selbst dann wie Fett an die Oberfläche kommen und wieder obenauf schwimmen. Nehmen Sie nur dies eine: sehen Sie doch, wie lebenszäh solche Menschen wie wir sind. Wir sind doch phänomenal zäh! – ist Ihnen das noch nicht aufgefallen? Wir leben achtzig, leben sogar neunzig Jahre! Folglich kann man sagen, daß die Natur selbst uns beschützt, hehehe ... Ich will unbedingt neunzig Jahre leben. Ich liebe den Tod nicht, ich fürchte ihn sogar. Weiß der Teufel, wie man noch mal sterben wird! Doch wozu davon reden! Dieser verd... Blausäuren-Philosoph hat mich ja nur darauf gebracht. Hol der Teufel die ganze Philosophie. Buvons, mon cher. Wir begannen doch, wenn ich nicht irre, von den netten Mädeln ... Wohin wollen Sie?“
„Ich gehe, und auch für Sie wäre es Zeit ...“
„Eh bien, eh bien! Hören Sie mal, das geht so nicht: ich habe hier mein ganzes Herz vor Ihnen ausgebreitet, und Sie wollen einen so seltenen Freundschaftsbeweis nicht einmal würdigen! Hehehe! Es steckt wenig Liebe in Ihnen, mein Poet. Warten Sie, ich will noch eine Flasche ...“
„Die dritte?“
„Die dritte. Was die Tugend betrifft, mein Zögling – Sie erlauben mir doch, Sie mit diesem Kosewort anzureden? – und wer weiß, vielleicht fallen meine Lehren noch auf fruchtbaren Boden ... Also, mein Zögling, was die Tugend betrifft, so habe ich Ihnen ja schon gesagt: je tugendhafter die Tugend ist, um so mehr liegt in ihr Egoismus. Als Beispiel hierfür will ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Ich liebte einmal ein junges Mädchen und liebte sie fast aufrichtig. Sie hat mir sogar manches geopfert ...“
„Ist das dieselbe, die Sie bestohlen haben?“ fragte ich plötzlich in beleidigendem Tone, denn ich wollte mich nicht mehr beherrschen.
Der Fürst zuckte zusammen, sein Gesicht veränderte sich und er sah mich mit seinen entzündeten Augen unverwandt an: in seinem Blick lag verständnislose Verwunderung und Wut.
„Warten Sie,“ sagte er wie zu sich selbst, „warten Sie, lassen Sie mich nachdenken. Ich bin in der Tat betrunken, es fällt mir schwer, zu denken ...“
Er verstummte und sah mich böse und gehässig an, während er meine Hand festhielt, als fürchte er, daß ich fortgehen könnte. Ich bin überzeugt, daß er sein Denken krampfhaft anspannte, um zu erraten, woher ich von diesem seinem Erlebnis, von dem doch so gut wie niemand etwas wußte, erfahren haben konnte, und ob nicht darin irgendeine Gefahr lag? So verharrte er eine Weile regungslos. Plötzlich veränderte sich sein Gesicht: der frühere spöttische, trunken heitere Ausdruck erschien wieder in seinen Augen. Er lachte laut auf.
„Ha–ha–ha! O Talleyrand! Nun, was, ich stand allerdings wie bespien vor ihr, als sie es mir so ins Gesicht warf, daß ich sie bestohlen habe! Wie sie kreischte, wie sie mich segnete! Ein verrücktes Frauenzimmer ... und ohne jede Dressur. Aber so urteilen Sie doch selbst: erstens, hatte ich sie durchaus nicht bestohlen, wie Sie sich ausdrückten – sie hatte mir das Geld geschenkt und folglich gehörte es mir. Nehmen wir an, Sie schenken mir Ihren besten Frack,“ – er warf einen kritischen Blick auf meinen einzigen und ziemlich billigen Frack, den mir vor drei Jahren der Schneider Iwan Skornjägin genäht hatte – „ich bin Ihnen dankbar und trage ihn, nach einem Jahr aber ärgern Sie sich plötzlich über mich und da verlangen Sie von mir den Frack zurück, ich aber habe ihn schon vertragen ... So etwas ist unfein. Weshalb haben Sie ihn mir denn geschenkt? Und zweitens hätte ich ihr das Geld, das mir und nicht mehr ihr gehörte, unfehlbar zurückgegeben, aber, nicht wahr: wo hätte ich im Augenblick eine so große Summe hernehmen können? Und vor allen Dingen kann ich nun mal Schäferspiele und Schillerianer nicht ausstehen, wie ich Ihnen schon sagte, nun, das aber war eben die ganze Veranlassung ... Sie glauben nicht, wie sie vor mir Theater spielte, als sie schrie, daß sie mir das Geld schenke – das Geld, das mir gehörte! Das machte mich wütend und plötzlich sah ich ganz richtig ein – meine Geistesgegenwart verläßt mich nie in solchen Augenblicken – daß ich sie ja einfach unglücklich machen würde, wenn ich ihr das Geld zurückgeben würde. Damit hätte ich ihr doch den Genuß geraubt, durch mich vollkommen unglücklich zu sein und mich ihr Leben lang zu verfluchen. Glauben Sie mir, mein Freund, in einem solchen Unglück liegt sogar ein gewisser Rausch, wenn man sich selbst so vollkommen im Recht fühlt und wenn man weiß, daß man großmütig gehandelt hat und berechtigt ist, den Beleidiger einen Schurken zu nennen. Das sind natürlich zumeist Schillernaturen, die sich an ihrem Haß so berauschen können. Vielleicht hat sie später nichts zu essen gehabt, aber ich bin überzeugt, daß sie glücklich war. Und da ich sie dieses Glückes nicht berauben wollte, sandte ich ihr das Geld nicht zurück. Somit ist meine Theorie durchaus gerechtfertigt, daß, je lauter und größer die menschliche Großmut ist, man bei genauerer Beobachtung einen um so größeren und widerlicheren Egoismus hinter ihr entdeckt ... Sollte Ihnen das wirklich nicht klar sein? ... Aber ... Sie wollten mir ja nur ein Bein stellen und mich fangen, ha–ha–ha! ... Nun, so gestehen Sie doch, daß Sie’s wollten? ... O, Sie Talleyrand!“
„Adieu!“ sagte ich, und ich stand entschlossen auf.
„Einen Augenblick! Nur noch zwei Worte zum Schluß!“ rief er, mich zurückhaltend, aus, und plötzlich in ernstem Ton, im Gegensatz zu seiner bisherigen widerlich frivolen Weise. „Hören Sie nur noch das Letzte an, das ich Ihnen zu sagen habe: aus all dem Gesagten geht, denke ich, klar und deutlich hervor – ich hoffe, daß auch Sie es gemerkt haben –, daß ich niemals und unter keiner Bedingung meinen Vorteil jemandem opfern werde. Ich liebe Geld und ich brauche es. Katherina Fedorowna ist sehr reich: ihr Vater war zehn Jahre lang Branntweinpächter. Sie hat drei Millionen Rubel, und dieses Geld wird mir sehr zustatten kommen. Aljoscha und Katjä sind wie geschaffen füreinander; beide sind sie Dummköpfe erster Sorte, und das ist es gerade, was ich bedarf. Deshalb wünsche und will ich, daß sie sich heiraten, und zwar möglichst bald. Nach zwei, höchstens drei Wochen werden die Gräfin und Katjä Petersburg verlassen. Aljoscha muß sie begleiten. Ich wünsche es so. Bereiten Sie also Natalja Nikolajewna darauf vor: damit es zu keinen Szenen kommt und keine Schillerrollen gespielt werden, und sie sich nicht etwa gegen mich auflehnt. Ich bin rachsüchtig und böse von Natur; ich werde meinen Willen durchsetzen. Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich sie fürchte. Selbstverständlich wird alles nach meinem Willen geschehen und deshalb geschieht es fast nur in ihrem Interesse, wenn ich sie warnen lasse. Also sorgen Sie dafür, daß es keine Dummheiten gibt und sie sich vernünftig benimmt. Anderenfalls würde es ihr schlimm ergehen, sehr schlimm. Müßte sie mir doch allein schon dafür dankbar sein, daß ich nicht so, wie es sich eigentlich gehört hätte, mit ihr verfahren bin, einfach gesetzmäßig. Wissen Sie auch, mein Poet, daß das Gesetz die Familie beschützt: das Gesetz garantiert dem Vater für den Gehorsam des Sohnes, und diejenigen, die die Kinder von ihren Pflichten den Eltern gegenüber ablenken, stehen nicht unter dem Schutz des Gesetzes. Und ziehen Sie gefälligst auch das in Betracht, daß ich überaus einflußreiche Verbindungen habe, wessen sie sich nicht im geringsten rühmen kann, und – begreifen Sie denn nicht, was ich mit ihr tun könnte? ... Ich habe aber noch nichts getan, weil sie sich bisher noch vernünftig verhielt. Während dieses halben Jahres haben achtsame Augen jede ihrer Bewegungen beobachtet und ich wurde von jedem letzten Detail in Kenntnis gesetzt. Und ich wartete ruhig ab, bis der Zeitpunkt kommen würde, an dem Aljoscha sie von selbst verläßt, was ja jetzt bereits der Fall ist; vorläufig aber ist es für ihn eine nette Zerstreuung. Und so bin ich in seinen Augen der humane Vater geblieben, und das wünsche ich gerade, daß er so über mich denkt. Ha–ha–ha! Wenn ich bedenke, daß ich ihr beinahe Komplimente gesagt habe – damals, an jenem Abend – und mich bei ihr quasi bedankt habe für ihre uneigennützige Großmut, die sie darin bewiesen, daß sie ihn nicht geheiratet – ich möchte bloß wissen, wie sie das angestellt hätte! Und was meinen damaligen Besuch bei ihr betrifft, so ging ich nur deshalb zu ihr, weil es doch endlich Zeit war, mit diesem Verhältnis ein Ende zu machen. Ich mußte mich von allem persönlich überzeugen, das war es ... Nun, sind Sie jetzt zufriedengestellt? Oder wollen Sie vielleicht noch erfahren, wozu ich Sie hierher geführt, weshalb ich diese Gespräche vom Zaun gebrochen und so rückhaltlos offen gewesen bin, während man dies auch ohne jede Offenheit Ihnen hätte mitteilen können – ja?“
„Ja.“
Ich bezwang mich gewaltsam und wartete. Zu sagen hatte ich ihm nichts weiter.
„Einzig deshalb, mein Freund, weil ich in Ihnen ein wenig mehr Vernunft und klaren Blick bemerkt habe, als sie unsere Närrchen besitzen. Sie hätten auch früher schon wissen, ahnen, erraten können, wer ich bin, vielleicht hatten Sie auch schon in bezug auf mich manche Vermutungen entwickelt, doch nun wollte ich Sie dieser ganzen Mühe überheben und so entschloß ich mich, Ihnen anschaulich zu zeigen, mit wem Sie es zu tun haben. Ein persönlicher Eindruck will immer viel sagen. Bemühen Sie sich also, mich zu verstehen, mon ami. Sie wissen, wer ich bin, und da hoffe ich denn, daß Sie, der Sie sie lieben, Ihren ganzen Einfluß – den Sie zweifellos auf sie haben – daransetzen werden, um sie von Handlungen, die gewisse Scherereien nach sich ziehen könnten, abzuhalten. Sollte das nicht der Fall sein, so wird es Scherereien geben, und ich versichere Ihnen, versichere Ihnen allen Ernstes, daß es keine leichten Scherereien sein werden. Nun und dann – der dritte Grund meiner Offenheit ... aber Sie haben ihn ja doch schon erraten, mein Lieber: ja, ich wollte in der Tat diese ganze Geschichte einmal etwas anspeien, und zwar gerade vor Ihnen ...“
„Und Sie haben Ihren Zweck erreicht,“ sagte ich, zitternd vor Empörung. „Ich gebe zu, daß Sie mit nichts Ihre Wut auf uns und die ganze Verachtung, die Sie für mich und uns alle empfinden, so gut hätten ausdrücken können wie gerade mit dieser Offenheit. Sie haben nicht nur nicht befürchtet, daß diese Offenheit Sie in meinen Augen kompromittieren könnte, Sie haben sich sogar nicht einmal vor mir geschämt ... Sie erinnerten in der Tat an jenen Verrückten, der nackt auf die Straße ging. Sie haben mich nicht für einen Menschen gehalten, mich wenigstens nicht zu den Menschen gezählt ...“
„Sie haben es erraten, mein junger Freund,“ sagte er ruhig. Er erhob sich. „Sie haben alles erraten: Sie sind doch nicht umsonst Literat. Ich hoffe, daß wir uns friedlich trennen werden. Brüderschaft jedoch werden wir wohl nicht trinken?“
„Sie sind betrunken, nur deshalb antworte ich Ihnen nicht so wie es sich gehörte ...“
„Wieder ein unvollendeter Satz. – Weshalb sprechen Sie es nicht aus, wie es sich zu antworten gehörte? Hahaha! Für Sie zu zahlen erlauben Sie mir nicht?“
„Beruhigen Sie sich, ich zahle selbst.“
„Nun, zweifellos. – Wir haben wohl nicht denselben Weg?“
„Ich werde nicht mit Ihnen fahren.“
„Adieu, mein Poet. Ich hoffe, daß Sie mich verstanden haben ...“
Er verließ mich – wie ich bemerkte, mit etwas unsicheren Schritten – ohne sich noch nach mir umzuwenden. Der Portier half ihm beim Einsteigen. Ich ging meiner Wege. Es war gegen drei Uhr morgens. Es regnete, die Nacht war dunkel ...