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Sämtliche Werke 19

Vierter Teil (continued 2)

E. K. Rahsin translation

Plötzlich blitzten ihre Augen auf.

„Ah! Du bist es! Du!“ schrie sie mich an, „Du allein bist geblieben. Du mochtest ihn nicht! Du hast es ihm nie verzeihen können, daß ich ihn liebte ... Jetzt bist du wieder da! Wie? Bist wohl wieder mich beruhigen gekommen, mich bereden, zum Vater zurückzukehren, der mich verflucht hat. Das wußte ich bereits seit gestern, seit zwei Monaten! ... Ich will nicht, will nicht! Ich selbst werde sie verfluchen! ... Geh fort, ich will dich nicht sehen! Fort, fort!“

Ich verstand, daß sie außer sich war, und daß mein Anblick ihren Zorn bis zur Raserei steigerte, ich begriff zugleich, daß es so kommen mußte und beschloß, hinauszugehen. Ich setzte mich auf die erste Treppenstufe und – wartete. Von Zeit zu Zeit öffnete ich die Tür und rief Mawra hinaus, um sie auszufragen; Mawra weinte.

So vergingen anderthalb Stunden. Was ich in dieser Zeit durchlebt, ist nicht wiederzugeben. Mein Herz erstarb in mir und tat mir zu gleicher Zeit grenzenlos weh. Plötzlich öffnete sich die Tür und Natascha stürzte in Hut und Mantel heraus. Sie war noch nicht zu sich gekommen und sie gestand mir selbst später, daß sie nicht gewußt hätte, was sie beabsichtigt, und wohin sie habe laufen wollen.

Ich konnte kaum von meinem Platze springen, um mich vor ihr zu verbergen, als sie mich bereits gewahrte und wie angewurzelt vor mir stehen blieb. „Es fiel mir plötzlich ein, daß ich Wahnsinnige, Hartherzige, dich hatte fortschicken können, dich, meinen einzigen Freund, meinen Bruder und Retter!“ erzählte sie mir später. „Und als ich sah, daß du, den ich beleidigt, vor meiner Tür auf der Treppe sitzest und wartest bis ich dich wieder rufe, Gott! – wenn du wüßtest, Wanjä, was damals in mir vorging – als hätte man mir einen Dolch ins Herz gestoßen ...“

„Wanjä, Wanjä,“ rief sie und streckte mir beide Hände entgegen. „Du hier! ...“

Und sie fiel in meine Arme.

Ich hob sie auf und trug sie ins Zimmer. Sie war ohnmächtig. „Was tun?“ dachte ich. „Sie wird erkrankt sein, das ist sicher!“

Ich entschloß mich zum Doktor zu laufen; hier mußte sofort eingegriffen werden. Ich konnte schnell zu ihm fahren, bis zwei Uhr war mein alter Deutscher immer zu Hause. Ich eilte zu ihm, und befahl Mawra, Natascha nicht eine Minute, nicht eine Sekunde, allein zu lassen, ihr auch jeden Ausgang zu verweigern. Gott war mir gnädig: ein wenig später und ich hätte meinen Alten nicht mehr zu Hause angetroffen. Er begegnete mir bereits auf der Straße. Ich setzte ihn in die Droschke, so daß er kaum zur Besinnung kam, und wir fuhren zurück zu Natascha.

Ja. Wirklich, Gott war mir gnädig! In der halben Stunde meiner Abwesenheit hatte sich bei Natascha etwas zugetragen, das sie vollständig hätte vernichten können, wenn ich nicht zur rechten Zeit mit dem Doktor erschienen wäre. Eine viertel Stunde nach meiner Entfernung, war der Fürst bei ihr erschienen. Er hatte die Seinen zur Bahn begleitet und war direkt von da zu Natascha gekommen. Dieser Besuch war wahrscheinlich eine längst beschlossene Sache für ihn gewesen. Natascha erzählte mir selbst später, daß sie im ersten Augenblick gar nicht erstaunt gewesen, als sie den Fürsten gesehen. „Mein Geist war umnachtet,“ sagte sie.

Er setzte sich ihr gegenüber und sah sie mit zärtlichen und mitleidigen Blicken an.

„Meine Liebe,“ sagte er seufzend zu ihr, „ich verstehe Ihren Kummer; ich wußte, wie schwer Ihnen dieser Augenblick fallen würde, darum hielt ich es für meine Pflicht, Sie aufzusuchen. Trösten Sie sich, wenn Sie können, wenigstens damit, daß Sie, indem Sie zurückgetreten sind, Aljoscha den Weg zum Glück freigegeben haben. Doch werden Sie das besser wissen als ich, denn Sie haben sich selbst zu diesem großmütigen Schritt entschlossen ...“

„Ich saß da und hörte ihm zu,“ erzählte mir Natascha, „zuerst konnte ich nicht begreifen, was er sagte. Ich habe ihn nur starr – starr angesehen. Er ergriff meine Hand und drückte sie in der seinen. Das schien ihm sehr angenehm zu sein. Ich war so geistesabwesend, daß ich es zuerst nicht einmal bemerkte.“

„Sie haben verstanden,“ fuhr er fort, „daß, wenn Sie Aljoschas Frau geworden wären, er Sie in der Folge vernachlässigt hätte, und Sie haben so viel edlen Stolz ... doch, ich bin nicht gekommen, um Sie zu loben. Ich wollte Ihnen nur versichern, daß Sie in niemandem und niemals einen so guten Freund finden werden, als in mir. Ich fühle mit Ihnen und bedaure Sie. Ich habe in dieser ganzen Angelegenheit sehr Teil an Ihnen genommen, doch – meine Pflicht mußte ich erfüllen. Ihr vorzügliches Herz wird das verstehen und sich mit dem meinen aussöhnen ... Mir fiel es vielleicht schwerer als Ihnen; glauben Sie mir.“

„Genug Fürst,“ erwiderte ihm Natascha. „Lassen Sie mich endlich in Ruh.“

„Gewiß, ich werde Sie sofort verlassen, doch liebe ich Sie, wie meine Tochter. Werden Sie es mir erlauben, Sie zu besuchen? Sehen Sie in mir einen Vater und erlauben Sie mir, Ihnen nützlich zu sein.“

„Ich habe nichts nötig, wollen Sie mich bitte verlassen,“ antwortete ihm wieder Natascha.

„Ich weiß, daß Sie stolz sind ... Doch spreche ich zu Ihnen aufrichtig, von Herzen. Was beabsichtigen Sie jetzt zu tun? Werden Sie sich mit Ihren Eltern versöhnen? Das wäre gewiß gut; doch Ihr Vater ist ungerecht, stolz und ein Despot; verzeihen Sie mir, aber er ist es. In Ihrem Hause werden Sie nur Vorwürfen und neuen Qualen begegnen ... Es ist also nötig, daß Sie unabhängig bleiben und meine heilige Pflicht ist es jetzt – für Sie zu sorgen und Ihnen zu helfen. Aljoscha hat mich gebeten, Sie nicht zu verlassen und Ihnen ein Freund zu sein. Doch auch außer mir gibt es Leute, die Ihnen sehr ergeben sind. Sie werden es mir hoffentlich gestatten, daß ich Ihnen den Grafen N. vorstelle. Er ist ein Verwandter von uns und mit seinem gütigen Herzen, man kann wohl sagen, ein Wohltäter unserer Familie; er hat viel für Aljoscha getan. Aljoscha hat ihn denn auch sehr geachtet und lieb gehabt. Er ist eine sehr hohe Persönlichkeit, mit großem Einfluß, ein alter Mann, den Sie zu jeder Zeit empfangen können. Er ist immer bereit, Ihnen, wenn Sie wollen, bei einer seiner Verwandten, eine vorzügliche Stellung verschaffen. Ich habe ihm bereits vor längerer Zeit von Ihnen erzählt und er interessiert sich so sehr für Sie, daß er den Wunsch ausgesprochen hat, Ihnen so bald als möglich vorgestellt zu werden ... Glauben Sie mir, er ist ein freigebiger, ehrenwerter, alter Herr, der das Schöne zu schätzen weiß, der noch unlängst sich Ihrem Vater gegenüber aufs edelste benommen, in einer Geschichte, die ...“

Natascha fuhr tief gekränkt auf, jetzt hatte sie ihn verstanden.

„Verlassen Sie mich, verlassen Sie mich sofort!“ rief sie.

„Nun, meine Liebe, Sie vergessen sich wirklich: der Graf kann Ihnen und besonders Ihrem Vater sehr nützlich sein ...“

„Mein Vater wird von Ihnen niemals etwas annehmen. Verlassen Sie mich, bitte!“ rief nochmals Natascha.

„O, mein Gott, wie ungeduldig und mißtrauisch Sie sind! Wodurch habe ich das verdient,“ erwiderte der Fürst etwas unsicher werdend. „Auf jeden Fall, erlauben Sie mir,“ fuhr er fort, ein großes Papierpaket aus der Tasche ziehend, „Ihnen als Beweis meiner Teilnahme für Sie und auch der Teilnahme des Grafen N., der mit seinem Rat mir beigestanden, hier in dem Paket zehntausend Rubel zu überreichen ... Warten Sie einen Augenblick,“ fuhr er fort, als er sah, daß Natascha sich voll Zorn von ihrem Platz erhoben hatte. „Hören Sie mich, bitte, geduldig an, Sie wissen, daß Ihr Vater dieses Geld an mich verloren hat, und diese zehntausend Rubel sollen jetzt zur Belohnung ...“

„Fort!“ schrie Natascha außer sich, „fort mit diesem Gelde! Ich durchschaue Sie ganz. – Sie niedriger, gemeiner Mensch!“

Bleich vor Wut erhob sich der Fürst von seinem Stuhl.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war er zu Natascha gekommen, um etwas über ihre jetzige Lage zu erfahren. Auch glaubte er fest daran, dieser armen und von allen verlassenen Natascha dieses Angebot von zehntausend Rubel machen zu dürfen. Niedrig und gemein wie er war, hatte er des öfteren dem alten Lüstling Graf N. einen ähnlichen Dienst erwiesen. Er selbst haßte Natascha und als er nun sah, daß er sich in der Sache verrechnet hatte, so wollte er die Gelegenheit nicht unbenützt vorüber lassen, ohne sie tödlich zu beleidigen.

„Das ist durchaus nicht angebracht, meine Liebe, daß Sie sich darüber so empören,“ brachte er mit vor Erregung zitternder Stimme vor, in der die ganze Ungeduld der Erwartung lag, den Effekt seiner Beleidigung so bald als möglich zu erleben; „man bietet Ihnen Schutz an, Sie aber rümpfen das Näschen ... Sie scheinen es nicht zu wissen, wie dankbar Sie mir zu sein haben, denn ich hätte Sie schon längst in eine Korrektionsanstalt bringen können – als Vater eines von Ihnen verführten Sohnes, den Sie ausgenützt haben – und ich habe es nicht getan ... he, he, he!“

Doch in dem Augenblick waren wir schon in der Wohnung. Ich hatte bereits in der Küche die Stimme des Fürsten erkannt, ich ließ den Doktor stehen, stürzte ins Zimmer und war Zeuge seiner letzten Worte. Er brach in ein widerliches Gelächter aus, worauf ich Natascha „Oh, mein Gott!“ ausrufen hörte. In dem Augenblick stürzte ich mich bereits auf ihn.

Ich spie ihm ins Gesicht, ich schlug ihm ins Gesicht. Er wollte sich auf mich stürzen, als er aber bemerkte, daß wir zwei waren, griff er schnell nach seinem Geldpaket und lief hinaus. Unterdessen war der Doktor Natascha zu Hilfe geeilt, die außer sich wie in einem Anfall um sich schlug. Lange konnten wir sie nicht beruhigen: endlich aber gelang es uns, sie zu Bett zu legen.

„Doktor! Was fehlt ihr?“ wandte ich mich in meiner Angst an ihn.

„Das muß man erst abwarten,“ antwortete er mir, „noch kann ich nichts Näheres bestimmen. Das kann mit einem Nervenfieber enden ... Man muß Maßnahmen treffen ...“

In mir blitzte ein neuer Gedanke auf. Ich flehte den Doktor an, zwei bis drei Stunden bei Natascha zu verweilen, sie auf keinen Augenblick zu verlassen. Er gab mir sein Wort und ich lief zu mir nach Haus.

Nelly saß finster und erregt in der Ecke des Zimmers und sah mich verwundert an. Ich muß wohl sehr sonderbar ausgesehen haben.

Ich ergriff ihre Hand, setzte mich auf den Diwan, hob sie auf meine Knie und küßte sie heiß und zärtlich. Sie errötete.

„Nelly, mein Engel!“ sagte ich zu ihr. „Willst du unser aller Retter sein?“

Sie sah mich verwundert an.

„Nelly! Meine ganze Hoffnung ruht auf dir! Es gibt einen Vater: Du kennst ihn; er hat seine Tochter verflucht und gestern kam er her, um dich an Kindesstatt anzunehmen. Jetzt hat der, den Natascha liebte, und um dessentwillen sie von ihrem Vater gegangen war, sie verlassen. Er ist der Sohn dieses Fürsten, der, du erinnerst dich doch, an einem Abend hier war, und dich nur allein antraf; du aber warst von ihm fortgelaufen und nachher davon erkrankt ... Du kennst ihn doch? Er ist ein böser Mensch!“

„Ich weiß,“ antwortete Nelly und zuckte zusammen.

„Ja, er ist ein böser Mensch. Er haßte Natascha, weil sein Sohn Aljoscha sie heiraten wollte. Heute ist Aljoscha fortgefahren und eine Stunde nachher kam der Fürst zu ihr, beleidigte sie und drohte ihr mit der Korrektionsanstalt und verspottete sie. Kannst du mich verstehen, Nelly?“

Ihre dunkeln Augen blitzten, doch senkte sie sie schnell zu Boden.

„Ich verstehe,“ flüsterte sie kaum hörbar.

„Jetzt ist Natascha krank und allein; ich habe unseren Doktor bei ihr gelassen und bin schnell zu dir gelaufen. Höre mich an, Nelly: gehen wir beide zu Nataschas Eltern; du liebst ihren Vater nicht, du wolltest nicht zu ihm, doch jetzt, mit mir zusammen mußt du es tun. Wir treten zusammen ein, und ich sage, daß du willig bist, die Stelle Nataschas bei ihm einzunehmen. Der Alte ist jetzt krank, weil er Natascha verflucht, und der Vater Aljoschas ihn vor ein paar Tagen tödlich beleidigt hat. Er will jetzt nichts von seiner Tochter wissen, doch er liebt sie, liebt sie, Nelly, und möchte sich mit ihr aussöhnen; ich weiß es, ich weiß es alles! Es ist so! ... Hörst du, Nelly?“ ...

„Ich höre,“ sagte sie mit demselben Flüsterton.

Ich sprach zu ihr mit tränenerstickter Stimme. Sie sah mich scheu an.

„Glaubst du daran?“

„Ich glaube.“

„Nun, dann komm mit mir! Man wird dich freundlich empfangen und dich nach allem ausfragen. Ich werde dann das Gespräch auf deine Mutter und deinen Großvater lenken. Du erzählst ihnen alles, Nelly, wie du es mir erzählt hast. Erzähle ihnen, wie dieser böse Mensch deine Mutter verlassen hat, wie sie in der Kellerwohnung bei der Bubnowa gestorben, wie du mit deiner Mutter in den Straßen gebettelt hast; was sie dir gesagt, und um was sie dich gebeten, als sie starb ... Bei der Gelegenheit erzähle auch von deinem Großvater, wie er deiner Mutter nicht verzeihen wollte, und wie sie dich in ihrer Sterbestunde zu ihm schickte, damit er ihr Verzeihung gewähre, wie er es ihr verweigerte und wie sie dann allein gestorben. Alles, alles erzähle! Durch deine Erzählung wird das Gewissen des Alten aufgerüttelt werden. Denn er weiß, daß heute Aljoscha sie verlassen, daß sie beleidigt und beschimpft allein ohne Hilfe und Schutz zurückgeblieben, ihrem Feinde preisgegeben ist. Er weiß das alles ... Nelly, rette Natascha! Willst du es tun?“

„Ja,“ antwortete sie, schwer atmend und mich mit einem so sonderbaren Blick starr ansehend; es lag ein stummer Vorwurf in diesem Blick, ich fühlte es wohl in meinem Herzen.

Doch konnte ich mich von dem Gedanken nicht mehr trennen. Ich glaubte zu sehr an ihn. Ich faßte Nelly an der Hand und wir gingen hinaus. In der letzten Zeit war das Wetter so drückend und schwül gewesen, man hörte in der Ferne jetzt den ersten Donner. Eine dunkle Wolke zog auf und der Wind wirbelte den Staub hoch auf in den Straßen. Es war drei Uhr nachmittags.

Wir nahmen eine Droschke. Auf dem ganzen Wege schwieg Nelly, nur von Zeit zu Zeit sah sie mich mit ihrem sonderbaren, rätselhaften Blick an. Ihre Brust hob und senkte sich, ich fühlte wie in ihrer kleinen Handfläche ihr Herzchen schlug, als wollte es herausspringen.

VII.

Der Weg schien mir endlos lang. Endlich kamen wir an und mit beklommenem Herzen trat ich zu den Alten ins Zimmer. Ich wußte nicht, mit welchen Gefühlen ich sie wieder verlassen würde, doch eines stand fest, nicht ohne Versöhnung und Frieden für uns alle erlangt zu haben.

Es war bereits vier Uhr geworden. Die Alten saßen allein, wie gewöhnlich. Nikolai Ssergejewitsch fühlte sich immer noch sehr schwach und lag bleich in seinem Lehnstuhl mit verbundenem Kopf. Anna Andrejewna saß neben ihm und sah ihn hin und wieder mit fragenden und besorgten Blicken an, was den Alten jedoch sehr zu beunruhigen und zu ärgern schien. Er schwieg hartnäckig und sie wagte das Schweigen nicht zu brechen. Unser plötzliches Erscheinen setzte sie beide in Erstaunen. Anna Andrejewna schien sogar zu erschrecken als sie mich mit Nelly erblickte, und in dem ersten Augenblick uns gegenüber fast so etwas wie Schuldbewußtsein zu haben.

„Ich habe Ihnen da meine Nelly mitgebracht,“ sagte ich eintretend. „Sie hat sich bedacht und selbst eingewilligt zu Ihnen zu kommen. Nehmen Sie sie und haben Sie sie lieb ...“

Der Alte sah mich mißtrauisch an, ich erriet sofort, daß ihm bekannt, daß Natascha jetzt verlassen, allein und erniedrigt dastehe. Er wollte offenbar hinter das Geheimnis unseres Erscheinens kommen und sah mich, wie Nelly, forschend an. Nelly zitterte und preßte meine Hand fest in der ihren, sah zu Boden, und warf nur flüchtig hin und wieder ihren Blick, schnell wie einen Pfeil über uns hin. Doch Anna Andrejewna besann sich sofort und schien alles erraten zu haben: sie stürzte sich auf Nelly, küßte und streichelte sie, fing sogar an zu weinen, setzte sie neben sich und ließ ihre kleinen Hände nicht aus den ihrigen. Nelly sah sie mit Neugier und Verwunderung von der Seite an.

Nachdem die Alte Nelly gestreichelt und geliebkost hatte, wußte sie nicht mehr, was nun weiter zu tun, und sah mich in naiver Erwartung fragend an. Der Alte runzelte die Brauen, weil er wohl begriff, warum ich Nelly hierhergebracht. Als er sah, daß ich seine unzufriedene Miene und finstere Stirn bemerkt hatte, führte er die Hand zum Kopfe und sagte mit abgerissener Stimme:

„Der Kopf tut mir weh, Wanjä.“

Wir saßen noch alle und schwiegen: ich dachte nach, wie beginnen. Im Zimmer war es düster; die dunkle Wolke kam immer näher, man hörte das ferne Rollen des Donners.

„So früh im Frühling schon ein Gewitter,“ bemerkte Ichmenjeff. „Ich erinnere mich, im Jahre siebenunddreißig gab es bei uns in Ichmenjeffka ebenfalls so früh im Jahr ein Gewitter.“

Anna Andrejewna seufzte.

„Sollte man nicht den Samowar aufstellen?“ fragte sie schüchtern; doch niemand antwortete ihr, und sie wandte sich daher wieder an Nelly. „Wie heißt du, mein Täubchen?“ fragte sie sie.

„Nelly,“ sagte sie mit ihrem schwachen Stimmchen und senkte das Köpfchen noch tiefer. Der Alte sah sie forschend an.

„Das heißt Helene, nicht?“ fügte Anna Andrejewna aufmunternd hinzu.

„Ja,“ antwortete Nelly.

Und wieder folgte minutenlanges Schweigen.

„Bei der Schwester Praßkoffja Andrejewna hieß die Kleine auch Helene,“ bemerkte Nikolai Ssergejewitsch, „man rief sie Nelly.“

„Du hast, mein Täubchen, keinen Vater, keine Mutter mehr?“ fragte wieder Anna Andrejewna.

„Nein,“ flüsterte Nelly scheu und kurz.

„Das habe ich gehört, das habe ich gehört. Und ist deine Mutter schon lange tot?“

„Nicht lange.“

„Ach, du mein armes Kind,“ fuhr Anna Andrejewna fort, sie mitleidig betrachtend.

Nikolai Ssergejewitsch trommelte ungeduldig mit seinen Fingerspitzen auf den Tisch.

„Deine Mutter war eine Ausländerin, nicht? So erzählten Sie doch, Iwan Petrowitsch?“ setzte scheu die Alte ihre Fragen fort.

Nelly sah mich mit ihren dunklen Augen flüchtig an, als riefe sie mich zu Hilfe. Sie atmete schwer und unregelmäßig.

„Ihre Mutter, Anna Andrejewna,“ begann ich, „war die Tochter eines Engländers und einer Russin, so daß sie noch eher Russin war; Nelly ist im Auslande geboren.“

„Warum ist denn ihre Mutter mit ihrem Gatten ins Ausland gefahren?“

Nelly wurde plötzlich feuerrot. Anna Andrejewna begriff sofort, daß sie zu weit gegangen und zuckte unter dem strafenden Blick des Alten zusammen. Er sah sie streng an und wandte sich dann ab zum Fenster.

„Ihre Mutter ist von einem nichtswürdigen Menschen betrogen worden,“ wandte er sich plötzlich an Anna Andrejewna. „Sie hatte mit ihm den Vater verlassen und das Geld des Vaters ihm übergeben; er aber brachte sie ins Ausland, betrog sie um das Geld und verließ sie. Ein guter Freund von ihr hat ihr dann bis zu seinem Tode geholfen. Als er gestorben war, kehrte sie zwei Jahre nach seinem Tode zum Vater zurück. War es so, Wanjä?“ fragte er mich barsch.

Nelly hatte sich in höchster Erregung von ihrem Platze erhoben und wollte zur Tür gehen.

„Komm her, Nelly,“ sagte der Alte, ihr endlich die Hand reichend, „setze dich hierher, neben mich, so!“

Er beugte sich über sie, küßte sie auf die Stirn und strich ihr leise übers Haar. Nelly erzitterte am ganzen Körper, doch beherrschte sie sich. Anna Andrejewna sah mit Rührung und freudiger Hoffnung zu, wie Nikolai Ssergejewitsch endlich die Kleine an sein Herz schloß.

„Ich weiß, Nelly, daß ein gemeiner und sittenloser Mensch deine Mutter zugrunde gerichtet hat, aber ich weiß auch, daß sie ihren Vater geliebt und geachtet hat,“ sagte erregt Nikolai Ssergejewitsch und fuhr fort Nellys Köpfchen zu streicheln. Er konnte sich nicht versagen, diese Herausforderung an uns zu richten. Seine bleichen Wangen röteten sich und er vermied es, uns anzusehen.

„Mama liebte Großpapa mehr als Großpapa sie liebte,“ sagte Nelly mit fester Stimme und bemühte sich ebenfalls niemanden anzusehen.

„Woher weißt du denn das?“ fragte sie der Alte heftig und ungeduldig wie ein Kind.

„Ich weiß es,“ antwortete ihm kurz angebunden Nelly. „Er hat Mama nicht zu sich genommen ... er hat sie von sich gestoßen ...“

Ich sah, wie Nikolai Ssergejewitsch etwas antworten wollte, zum Beispiel, daß der Alte das volle Recht gehabt es zu tun, doch er sah uns an und schwieg.

„Wie das, wo habt ihr denn gewohnt, wenn der Großpapa euch nicht aufnahm?“ fragte Anna Andrejewna, die plötzlich den Eigensinn zu haben schien, dieses Thema weiter fortzusetzen.

„Als wir hier ankamen, haben wir lange nach Großpapa gesucht,“ antwortete Nelly, „doch konnten wir ihn nicht finden. Mama erzählte mir damals, daß Großpapa früher sehr reich gewesen sei und eine Fabrik habe bauen wollen, und daß er jetzt ganz arm geworden, weil derjenige, der mit Mama ins Ausland fuhr, ihr das Geld fortgenommen und es ihr nicht mehr zurückgegeben hat. Das hat mir Mama selbst erzählt.“

„Hm! ...“ brummte der Alte.

„Und sie sagte mir auch,“ fuhr Nelly fort, sich immer mehr und mehr belebend und offenbar mit dem Wunsch, Nikolai Ssergejewitsch ihre Aussage zu beweisen, obgleich sie sich an Anna Andrejewna wandte, „sie sagte mir auch, daß Großpapa auf sie sehr böse gewesen und sie in allem vor ihm schuldig sei und daß sie jetzt außer Großpapa keinen Menschen mehr auf der Welt hätte. Als sie mir das erzählte, weinte sie, und sie sagte mir bereits bevor wir hierher kamen, daß er ihr ‚nie verzeihen‘ wird, doch vielleicht würde er, wenn er mich sieht, mich lieb gewinnen, und ihr um meinetwillen vergeben. Mama liebte mich sehr und küßte mich immer, Großpapa aber fürchtete sie sehr. Sie lehrte mich, für Großpapa zu beten und betete selbst für ihn und immer erzählte sie mir dann, wie sie früher zusammen mit Großpapa gelebt und wie er sie lieb gehabt habe, lieber als alles auf der Welt. Sie hat ihm vorgespielt und am Abend vorgelesen und Großpapa hätte sie reich beschenkt ... Einmal habe er sich zu Mamas Namenstag sehr geärgert, weil Mama gewußt, was für Geschenke er ihr machen würde. Mama hatte sich Ohrringe gewünscht und Großpapa hatte gesagt, daß sie keine bekommen würde. Als Mama am Namenstage gar nicht verwundert war, daß er ihr doch die Ohrringe geschenkt, hatte er sich sehr darüber geärgert ... nachher habe er sie aber geküßt und sie selbst um Verzeihung gebeten ...“

Nelly hatte sich von ihrer eigenen Erzählung fortreißen lassen und ihre bleichen, kranken Wangen hatten sich gerötet.

Ihre arme Mama schien der kleinen Nelly oft von ihren glücklichen Tagen erzählt zu haben, als sie da unten in der Kellerwohnung saßen und sie ihr Kind, das einzige Glück, das ihr geblieben, herzte und küßte und dabei ihren Kummer ausweinte, ohne daran zu denken, welchen starken und krankhaften Eindruck ihre Erzählungen auf das frühentwickelte Herzchen ihres kleinen Kindes machen mußten.

Nelly schien sich plötzlich zu besinnen, sah sich mißtrauisch im Kreise um und verstummte. Der Alte runzelte die Stirn und trommelte wieder auf den Tisch; in Anna Andrejewnas Augen zeigte sich eine Träne, die sie sich schweigend mit dem Taschentuche abtrocknete.

„Mama war sehr krank, als wir hierherkamen,“ fügte Nelly mit leiser Stimme hinzu. „Sie hatte eine kranke Brust. Wir suchten Großpapa lange und konnten ihn nicht finden. Da mieteten wir den Winkel im Keller.“

„Eine Kranke in einem Winkel!“ rief Anna Andrejewna entsetzt.

„Ja ... in einem Winkel ...“ antwortete Nelly. „Mama war sehr arm. Mama hat mir gesagt,“ fügte sie lebhaft hinzu, „daß es keine Sünde sei arm zu sein, daß es aber Sünde sei, reich zu sein und schlecht ... und daß Gott sie gestraft habe.“

„Habt ihr euch gleich dort auf Wassilij-Ostroff eingemietet? Dort bei der Bubnowa?“ fragte der Alte, an mich gewandt mit einer gewissen Nachlässigkeit. Es genierte ihn offenbar so schweigend dazusitzen.

„Nein, nicht dort ... zuerst in der Meschtschanskaja,“ antwortete Nelly. „Dort war es sehr feucht und dunkel,“ fuhr sie nach einigem Schweigen fort „und Mama war wohl krank, doch konnte sie noch gehen. Ich wusch ihre Wäsche, sie aber weinte. Da lebte eine alte Kapitanscha[6] und ein verabschiedeter Beamter, der jede Nacht betrunken nach Hause kam und dann schrie und schimpfte. Einmal wollte er die Kapitanscha schlagen, die aber war alt und schwach. Mama tat sie leid und sie wollte sie verteidigen; da schlug der Beamte Mama und ich wieder den Beamten ...“

Nelly hielt inne. Die Erinnerung übermannte sie, ihre Augen blitzten.

„Großer Gott!“ rief Anna Andrejewna, die ganz Ohr war und ihr Auge von Nelly nicht abwenden konnte. Nelly wandte sich auch hauptsächlich an sie.

„Da ging Mama fort und nahm mich mit,“ erzählte Nelly weiter. „Wir gingen den ganzen Tag bis zum Abend in den Straßen herum, Mama ging und weinte und führte mich an der Hand mit sich. Ich war sehr müde, wir hatten den ganzen Tag nichts gegessen. Mama sprach die ganze Zeit zu mir und sagte mir: ‚bleibe arm, Nelly, und wenn ich sterbe, so höre auf niemanden und nichts. Bleibe allein, gehe zu niemanden, bleibe arm und arbeite, und wenn du keine Arbeit findest, so bitte um Almosen, aber zu ihnen gehe du nicht.‘ In der Dämmerstunde gingen wir durch eine große hellerleuchtete Straße, als Mama plötzlich ausrief: ‚Asorka, Asorka!‘ Es sprang ein großer Hund herbei, kam winselnd zu Mama und sprang vor Freude an Mama hinauf, die bleich dastand und sich plötzlich vor einem hohen alten Herrn, der sich auf einen Stock stützte und immer zur Erde sah, auf die Knie warf. Und dieser hohe alte Mann im abgetragenen Überzieher, das war Großpapa. Da habe ich ihn zum ersten Male gesehen. Großpapa erschrak auch sehr und war ganz bleich, als er sah, wie Mama vor ihm auf der Straße kniete, aber er stieß Mama zurück, machte sich von ihr los, schlug mit dem Stock auf die Steine und ging schnell davon. Asorka aber blieb noch bei uns, winselte vor Freude und beleckte Mama; darauf lief er zu Großpapa, packte ihn an der Hose und zog und zerrte ihn zurück, aber Großpapa schlug ihn mit seinem Stock. Asorka kam darauf wieder zu uns gelaufen, bis Großpapa ihn fortrief, da lief er davon und heulte noch immer. Mama aber lag da wie eine Tote, um uns versammelten sich Leute, die Polizei kam herbei. Ich weinte und bemühte mich, Mama aufzuheben. Sie erhob sich auch endlich, sah ganz verwundert um sich und ging dann mit mir weiter. Ich führte sie nach Hause. Die Leute sahen uns noch lange nach und schüttelten die Köpfe ...“

Nelly hielt inne und schöpfte tief Atem, dann raffte sie sich wieder auf. Sie war sehr bleich, doch in ihrem Blick lag feste Entschlossenheit. Sie hatte sich vorgenommen, wie es schien, alles zu sagen. In ihr lag sogar etwas Herausforderndes in diesem Augenblick.

„Nun,“ bemerkte Nikolai Ssergejewitsch mit unsicherer Stimme, in gereiztem Tone. „Nun, deine Mutter hatte ihren Vater beleidigt, und sie hatte es verdient, daß er sich von ihr abwandte ...“

„Mütterchen hat es mir auch gesagt,“ versetzte Nelly plötzlich, „und als wir nach Haus gingen, sagte sie immer: das ist dein Großpapa, Nelly, und ich habe ihm großes Leid zugefügt, deshalb hat er mich auch verstoßen und deshalb werde ich jetzt von Gott gestraft, und den ganzen Abend und alle folgenden Tage sprach sie nur davon. Sie war ganz wie von Sinnen ...“

Der Alte schwieg.

„Aber wie kamt ihr denn später in die andere Wohnung?“ fragte Anna Andrejewna, der noch die Tränen über die Wangen rollten.

„Mama wurde in derselben Nacht krank, und die Kapitanscha fand schließlich die Wohnung bei der Bubnowa, und nach drei Tagen zogen wir dann hin. Als wir dann dort eingezogen waren, wurde Mama ganz krank und sie lag drei Wochen zu Bett und ich pflegte sie. Geld hatten wir gar nicht mehr, aber uns halfen die Kapitanscha und Iwan Alexandrowitsch.“

„Der Sargmacher, bei dem sie wohnten,“ bemerkte ich erklärend.

„Und als Mama das Bett wieder verlassen konnte und umherging, da erzählte sie mir auch von Asorka.“

Nelly brach plötzlich ab. Dem Alten schien es sehr willkommen zu sein, daß das Gespräch auf Asorka überging.

„Was hat sie dir denn von Asorka erzählt?“ fragte er wie beiläufig, sich noch mehr nach vorn neigend, als wolle er sein Gesicht verbergen.

„Sie hat mir immer von Großpapa erzählt,“ antwortete Nelly auf seine Frage, „als sie krank war, erzählte sie auch nur von ihm, und wenn sie im Fieber phantasierte, sprach sie immer nur von Großpapa. Und als sie dann anfing gesund zu werden, da erzählte sie mir wieder wie sie früher gelebt hatte ... und dann erzählte sie auch von Asorka, denn einmal hatten außerhalb der Stadt mehrere Jungen Asorka an einer Schnur zum Fluß gezogen, um ihn zu ertränken, und da hatte Mama ihnen Geld gegeben und Asorka von ihnen gekauft. Als aber Großpapa Asorka zu sehen bekommen, da hatte er furchtbar über ihn gelacht. Nun war Asorka dann fortgelaufen und Mama hatte darüber so geweint, daß Großpapa ganz erschrocken gewesen war und gesagt hatte, er werde hundert Rubel demjenigen geben, der Asorka wiederbrächte. Am dritten Tage wurde er denn auch gebracht; Großpapa gab die hundert Rubel und von da an begann er Asorka sehr zu lieben. Mama aber liebte den Hund bald so sehr, daß sie ihn sogar zu sich ins Bett nahm. Sie sagte, Asorka sei früher mit Komödianten herumgezogen und ein Äffchen ist auf Asorka geritten und Asorka hat zu sitzen verstanden und zu schießen und vieles andere hat er noch verstanden ... Als aber Mama dann Großpapa verlassen hatte, da behielt Großpapa Asorka bei sich und ging niemals ohne ihn auf die Straße, so wußte Mama jedesmal, wenn sie Asorka irgendwo erblickte, daß Großpapa in der Nähe war ...“

Der Alte hatte nun freilich doch etwas anderes zu hören erwartet und schien unangenehm berührt zu sein. Weiteres Fragen unterließ er jedenfalls.

„Und wie war es dann, habt ihr nachher nie mehr den Großvater gesehen?“ fragte Anna Andrejewna.

„Nein, als es Mama besser ging, da begegnete ich ihm wieder einmal. Ich ging zum Bäcker nach Brot: plötzlich sah ich Asorka mit einem Mann und ich erkannte in ihm den Großpapa. Ich bog schnell aus und drückte mich an die Hauswand. Großpapa aber sah mich und sah mich lange an, und er hatte solch ein böses Gesicht, daß ich sehr erschrak, und er ging an mir vorüber; Asorka aber erkannte mich und sprang an mir in die Höhe und leckte meine Hände. Ich ging dann schnell nach Haus, blickte mich aber noch einmal um, und da sah ich, daß Großpapa in den Bäckerladen eintrat. Da dachte ich: jetzt wird er dort nach mir fragen, und ich erschrak noch mehr, und als ich nach Haus kam, sagte ich Mama nichts davon, damit sie nicht wieder krank werde. Am nächsten Tage ging ich aber nicht mehr zum Bäcker, ich sagte, mein Kopf schmerze; als ich dann am dritten Tage ging, begegnete mir niemand, nur hatte ich große Angst, und ich lief so schnell ich konnte. Am nächsten Tage aber – wie ich um die Ecke bog, stand dort plötzlich wieder Großpapa vor mir und neben ihm Asorka. Ich lief schnell fort und lief durch eine andere Straße, um von der andern Seite zum Bäcker zu kommen; doch stieß ich da plötzlich wieder auf ihn und ich erschrak so, daß ich stehen blieb und nicht mehr weiter konnte. Großpapa rührte sich auch nicht, er stand vor mir und sah mich wieder lange an, dann aber streichelte er mich, nahm meine Hand und führte mich mit sich, und Asorka kam hinter uns und wedelte mit der Rute. Da sah ich denn, daß Großpapa gar nicht mehr gerade gehen konnte und sich immer auf den Stock stützte, und seine Hände zitterten die ganze Zeit. Er führte mich zum Höker, der an der anderen Straßenecke saß und Äpfel und Pfefferkuchen verkaufte. Von ihm kaufte Großpapa einen Hahn und einen Fisch aus Pfefferkuchen und ein Bonbon und einen Apfel, und als er das Geld aus dem Lederbeutel nahm, da zitterten seine Hände so sehr, daß ein Fünfkopekenstück auf das Trottoir fiel, und ich hob es auf und gab es ihm. Er schenkte mir aber die fünf Kopeken und gab mir auch die Pfefferkuchen und streichelte mich wieder, so über den Kopf, nur sagte er wieder kein Wort und ging von mir fort nach Haus.

„Als ich dann zu Mama zurückkam, erzählte ich ihr alles vom Großpapa und wie ich mich zuerst gefürchtet und vor ihm versteckt hatte. Mama glaubte mir zuerst gar nicht, dann aber war sie so froh, daß sie mich den ganzen Abend immer wieder nach allem fragte, mich küßte und weinte, und als ich ihr alles erzählt hatte, sagte sie zu mir, daß ich mich niemals mehr vor Großpapa fürchten solle, und daß er mich doch liebhaben müsse, wenn er absichtlich zu mir gekommen war. Und sie sagte, ich solle freundlich zu ihm sein und antworten, wenn er mich was fragt. Am nächsten Tag aber schickte sie mich schon am Morgen immer wieder hinaus, obwohl ich ihr sagte, daß Großpapa immer erst gegen Abend kommt. Und wenn ich ging, kam sie selbst mir nach und wartete hinter der Ecke, und ebenso auch am anderen Tage, aber Großpapa kam nicht mehr, und da es an diesem Tage regnete, erkältete sich Mama, denn sie war doch hinausgegangen in den Regen und da mußte sie wieder ins Bett.

„Großpapa kam erst nach einer Woche und kaufte mir wieder einen Fisch und einen Apfel, sagte aber wieder nichts. Als er aber von mir fortging, versteckte ich mich zuerst und folgte ihm dann heimlich. Das hatte ich mir schon so vorgenommen, um zu sehen, wo Großpapa wohnte, und um das Mama zu sagen. Ich ging ganz weit hinter ihm auf der andern Straßenseite, so, damit Großpapa mich nicht sehen konnte. Er wohnte aber sehr weit, gar nicht dort, wo er später wohnte und starb, sondern in der Gorochowaja, auch in einem großen Hause und vier Treppen hoch. Das erfuhr ich denn alles und kehrte spät zurück nach Haus. Mama hatte sich sehr geängstigt, denn sie wußte doch nicht, wo ich geblieben war. Als ich ihr aber alles erzählt hatte, war sie wieder sehr froh und wollte gleich am nächsten Morgen zu Großpapa gehen; aber am nächsten Morgen wurde sie wieder nachdenklich und begann sich zu fürchten, und sie dachte immer an ihn und fürchtete sich ganze drei Tage; und so ging sie denn nicht zu ihm. Dann aber rief sie mich zu sich und sagte mir: ‚Höre, Nelly, ich bin jetzt krank und kann nicht zu ihm gehen, aber ich habe einen Brief an deinen Großpapa geschrieben, geh du zu ihm und gib ihm diesen Brief. Und sieh zu, Nelly, wie er diesen Brief liest und was er sagt und wie er überhaupt sein wird. Und küsse ihm die Hand und bitte ihn, daß er deiner Mama verzeihe ...‘ Und Mama weinte die ganze Zeit und küßte mich und segnete mich und betete zu Gott und hieß mich, neben ihr vor dem Muttergottesbilde niederknien, und obschon sie sehr krank war, begleitete sie mich doch bis auf die Straße hinaus, und als ich zurückschaute stand sie immer noch dort und sah mir nach wie ich ging ...

„Ich kam zu Großpapa und machte die Tür auf, denn die Tür war nicht verschlossen und hatte auch gar keinen Griff. Großpapa saß am Tisch und aß Brot mit Kartoffeln, Asorka aber stand vor ihm, sah ihm zu wie er aß und wedelte mit der Rute. Großpapa hatte auch dort in jener Wohnung nur einen Tisch und einen Stuhl und die Fenster waren klein und niedrig. Er lebte dort ganz allein. Als ich eintrat erschrak er so, daß er ganz bleich wurde und zitterte. Ich erschrak auch und sagte auch nichts, ich ging nur zum Tisch und legte den Brief hin. Als Großpapa den Brief sah, wurde er so böse, daß er aufsprang, nach seinem Stock griff und mich schlagen wollte, nur schlug er mich nicht, er führte mich nur hinaus in den Treppenflur und stieß mich. Ich war noch nicht die erste Treppe hinuntergegangen, als er die Tür nochmals aufriß und mir den Brief nachwarf, uneröffnet. Ich ging nach Haus und erzählte alles Mama. Da wurde Mama wieder krank ...“

VIII.

In diesem Augenblick donnerte es plötzlich stark und der Regen schlug in großen Tropfen an die Fensterscheiben; im Zimmer wurde es dunkler. Anna Andrejewna schien ganz erschrocken zu sein und bekreuzte sich. Wir waren alle verstummt.

„Das Gewitter wird bald vorüberziehen,“ sagte der Alte nach einem Blick zum Fenster hinaus. Dann stand er auf und ging eine Weile im Zimmer hin und her, wie um sich Bewegung zu machen.

Nelly beobachtete ihn verstohlen. Sie war krankhaft erregt, das sah ich; doch sie vermied es, mich anzusehen.

„Nun, und was weiter?“ fragte endlich der Alte, indem er sich wieder auf seinen Platz setzte.

Nelly blickte scheu von einem zum anderen.

„So hast du denn deinen Großvater nicht wieder gesehen?“

„Nein, doch, ich habe ihn wiedergesehen ...“

„Ja! ja? Erzähl’, mein Täubchen, erzähl’ nur weiter,“ ermunterte sie Anna Andrejewna.

„Drei Wochen sah ich ihn nicht,“ begann Nelly wieder zu erzählen, „bis zum Winter. Dann wurde es kalt und es schneite. Als ich Großpapa wiedersah, auf derselben Stelle, wo ich ihm früher begegnet war, da war ich sehr froh ... denn Mama grämte sich, weil er nicht mehr kam. Als ich ihn aber erblickte, lief ich absichtlich auf das andere Trottoir, damit er sah, daß ich von ihm fortlief. Wie ich mich aber nach ihm umschaute, sah ich, daß er mir sehr schnell nachkam und dann fast lief, um mich einzuholen, und er rief mich: ‚Nelly, Nelly!‘ Und Asorka lief ihm nach. Mir tat er leid und so blieb ich stehen. Großpapa kam zu mir, nahm mich bei der Hand und führte mich; plötzlich sah er, daß ich weinte: da blieb er stehen, sah mich an, beugte sich über mich und küßte mich. Da sah er auch, daß meine Schuhe schon ganz schlecht waren und er fragte mich, ob ich denn keine besseren hätte. Ich sagte ihm, daß Mama gar kein Geld mehr hatte und der Sargmacher uns nur aus Mitleid zu essen gab. Großpapa sagte darauf nichts, aber er führte mich auf den Markt und kaufte mir dort ein Paar Schuhe, die ich gleich anziehen mußte, er wollte es so, und dann führte er mich zu sich, in die Gorochowaja, und unterwegs ging er noch in eine Bude und kaufte eine Pastete und zwei Bonbons, und als wir in sein Zimmer kamen, sagte er, ich solle die Pastete essen, und er sah mich dabei die ganze Zeit an, während ich aß, und dann gab er mir die Bonbons. Aber Asorka hatte die Vorderpfoten auf den Tisch gelegt und bat um ein Stückchen Pastete und ich gab ihm denn auch etwas, und Großpapa lachte. Dann nahm er mich und ich mußte vor ihm stehen und er streichelte mein Haar und fragte mich, ob ich schon was gelernt habe und was ich überhaupt wisse. Ich sagte ihm darauf alles und darauf sagte er, daß ich jeden Tag um drei Uhr zu ihm kommen müsse, er wolle mich selbst unterrichten. Dann sagte er, ich müsse mich jetzt mit dem Rücken zu ihm wenden und zum Fenster hinaussehen, bis er mir sagte, daß ich mich wieder umkehren könne. Ich stellte mich auch so hin, aber dann guckte ich mich heimlich doch nach ihm um, und da sah ich, daß er sein Kissen am unteren Ende auftrennte und vier silberne Rubelstücke herausnahm. Dann kam er zu mir und gab mir das Geld und sagte: ‚Das ist für dich allein‘. Ich wollte es schon nehmen, aber dann dachte ich nach und sagte: ‚Für mich allein nehme ich es nicht.‘ Großpapa wurde sehr böse, aber er sagte doch: ‚Nun, dann wie du willst, geh!‘ Ich ging fort, er aber küßte mich nicht zum Abschied.

Als ich nach Haus kam, erzählte ich alles Mama. Sie fühlte sich aber immer schlechter. Zu jenem Sargmacher, bei dem wir wohnten, kam auch ein Student; der behandelte Mama und verschrieb ihr eine Arznei.

Ich ging von da an sehr oft zu Großpapa: Mama wollte es so. Großpapa kaufte das Neue Testament und ein Geographiebuch und unterrichtete mich; manchmal aber erzählte er mir nur von den Ländern und Völkern und was für Menschen es überall gibt und was für Meere und Berge, und was früher alles war, und wie Christus uns alle erlöst hat. Wenn ich selbst eine Frage stellte, so war er sehr froh und darum fragte ich ihn immer recht viel und er sagte mir dann alles und auch von Gott sprach er viel. Manchmal aber lernten wir nicht, sondern ich spielte mit Asorka. Asorka liebte mich sehr, und ich ließ ihn sitzen und übern Stock springen, und Großpapa lachte und streichelte wieder meinen Kopf. Nur lachte Großpapa eigentlich sehr selten.

Zuweilen sprach er sehr viel, plötzlich aber verstummte er und saß dann so, als wäre er eingeschlafen, die Augen aber waren offen. Und so saß er bis es dunkel wurde, in der Dämmerung aber wurde er immer so unheimlich, so alt sah er dann aus ... Zuweilen aber war es so, wenn ich zu Großpapa kam: er sitzt auf seinem Stuhl, denkt und hört nichts, und Asorka liegt neben seinem Stuhl. Ich warte, warte – endlich huste ich: Großpapa hört aber gar nichts und rührt sich nicht. So ging ich denn wieder fort. Zu Hause aber erwartete mich Mama immer in großer Angst. Und ich erzählte ihr dann immer alles, alles, während sie im Bett lag, und es wurde darüber Nacht, ich aber erzählte immer noch von Großpapa und sie hörte zu: was er erzählt hatte, was für Geschichten, was ich gelernt hatte, und was ich das nächste Mal lernen würde. Und wenn ich von Asorka erzählte, wie ich ihn über einen Stock hatte springen lassen und wie Großpapa darüber gelacht hatte, da begann auch sie plötzlich zu lachen, und sie lachte und freute sich und ich mußte es ihr von neuem erzählen, und dann plötzlich begann sie zu beten. Ich aber dachte immer: wie kommt es, daß Mama, ihn, den Großpapa, so lieb hat, er sie aber gar nicht, und als ich zu ihm kam, fing ich absichtlich davon an, wie Mama ihn liebte. Er hörte zu und rührte sich nicht, und so böse sah er aus, kein Wort sagte er, er hörte nur zu; dann fragte ich ihn, weshalb denn gerade Mama ihn so liebte, daß sie immer nach ihm fragte, er aber nach ihr gar nicht fragte. Da wurde Großpapa sehr böse und jagte mich hinaus auf den Treppenflur. Ich stand dort ein Weilchen hinter der Tür und wartete, da kam er aber wieder und rief mich zurück, aber er war immer noch sehr böse und schwieg die ganze Zeit. Als wir aber dann im Neuen Testament zu lesen begannen, fragte ich wieder, wie es denn komme, daß Jesus Christus gesagt hat, wir sollen einander lieben und alles verzeihen, er aber meiner Mama nicht vergeben wolle. Da sprang er auf und schrie, daß ich von Mama beauftragt sei, das zu fragen, und er stieß mich wieder hinaus und sagte, daß ich mich nicht unterstehen solle, nochmals zu ihm zu kommen. Ich aber sagte, daß ich jetzt von selbst gar nicht mehr zu ihm kommen wolle und auch nicht kommen werde, und ich ging fort ... Großpapa zog aber am nächsten Tage aus jener Wohnung aus ...“

„Siehst du, ich sagte dir, daß der Regen nicht lange dauern werde – da hat es schon aufgehört zu regnen und dort scheint auch schon die Sonne hervor ... sieh, Wanjä,“ sagte Nikolai Ssergejewitsch, sich zum Fenster wendend.

Anna Andrejewna sah ihn äußerst verwundert an, und plötzlich drückte sich heftiger Unwille in den Augen der bis dahin ängstlichen, eingeschüchterten alten Frau aus. Schweigend zog sie Nelly zu sich heran und nahm sie auf ihren Schoß.

„Erzähle mir, mein Täubchen, mir allein,“ sagte sie, „ich werde allein zuhören. Laß jene Hartherzigen.“ –

Sie sprach es nicht ganz aus, was sie sagen wollte, und wischte sich wieder die Tränen aus den Augen. Nelly sah mich, offenbar etwas verwundert und vielleicht auch erschrocken mit fragendem Blick an. Der Alte wandte sich zu mir, als wolle er etwas sagen, zuckte jedoch nur mit der Achsel und wandte sich sogleich wieder fort.

„Erzähle nur weiter, Nelly,“ sagte ich.

„Ich ging drei Tage nicht zu Großpapa,“ begann Nelly wieder zu erzählen, „Mama aber fühlte sich damals schon sehr schlecht. Geld hatten wir keinen Kopeken mehr, so konnten wir auch keine Arznei kaufen, und wir aßen nichts, denn auch der Sargmacher, bei dem wir wohnten, hatte mit seiner Frau nichts mehr zu essen, und sie begannen uns schon Vorwürfe zu machen, weil wir uns von ihnen ernähren ließen, wie sie sagten. Da stand ich am dritten Tage auf und kleidete mich an. Mama fragte mich, wohin ich denn gehen wolle. Ich sagte: zu Großpapa, um ihn um Geld zu bitten. Da freute sie sich sehr, denn ich hatte ihr doch alles erzählt, wie er mich von sich fortgejagt, und daß ich jetzt nicht mehr zu ihm gehen wollte. Sie weinte wohl und beredete mich, doch wieder zu ihm zu gehen, aber ich sagte: nein, ich will nicht, ich werde nicht! Ich ging hin und erfuhr, daß Großpapa von dort ausgezogen war. Ich ging dann zu seiner neuen Wohnung. Wie ich aber bei ihm eintrat, sprang er auf, stürzte mir zornig entgegen und stampfte mit den Füßen, aber ich sagte ihm schnell, daß Mama sehr krank sei und daß wir zur Arznei Geld brauchten, fünfzig Kopeken, und daß wir nichts zu essen hätten. Großpapa schrie mich an und stieß mich hinaus auf die Treppe und schlug hinter mir die Türe zu, die er dann noch verriegelte. Als er mich aber hinausstieß, sagte ich ihm, daß ich so lange auf der Treppe sitzen und nicht fortgehen werde, bis er mir Geld gibt. Und ich setzte mich auf die Treppe. Nach einer Weile machte er die Tür auf und sah hinaus, und als er sah, daß ich dort saß, da schloß er die Tür wieder zu. Dann verging lange Zeit, bis er wieder die Tür aufmachte, wieder hinaussah auf die Treppe und wieder die Tür schloß. Und noch mehrere Mal machte er so die Tür auf und wieder zu. Endlich trat er mit Asorka aus dem Zimmer, schloß die Tür ganz zu und ging an mir vorüber aus dem Hause hinaus, ohne ein Wort zu mir zu sagen. Auch ich sagte kein Wort und blieb so sitzen und saß bis zur Dämmerung.“

„Täubchen, mein Kindchen,“ rief Anna Andrejewna ganz erschrocken aus, „aber es war doch kalt dort auf der Treppe!“

„Ich war im Pelzmäntelchen,“ sagte Nelly.

„Pelzmäntelchen! Was ist denn solch ein Mäntelchen ... Du mein Täubchen, wieviel du ausgehalten hast! Nun und – wann kam er denn zurück?“

Nellys Lippen begannen zu zucken, doch sie nahm sich krampfhaft zusammen und erzählte weiter.

„Er kam als es schon ganz dunkel geworden war, und als er beim Hinaufsteigen plötzlich auf mich stieß, schrie er: wer ist hier? Ich sagte, daß ich es sei. Er aber hatte gewiß gedacht, daß ich schon längst fortgegangen, und deshalb war er, als er mich immer noch dort sitzen sah, sehr verwundert und stand lange Zeit ganz still vor mir. Plötzlich schlug er mit dem Stock auf die Treppe, lief dann an mir vorüber, riß die Tür auf und kam schon im nächsten Augenblick zurück: er brachte mir Kupfergeld, lauter Fünfkopekenstücke und er warf sie auf die Treppe. ‚Da hast du,‘ schrie er, ‚nimm, das ist alles was ich habe, und sage deiner Mutter, daß ich sie verfluche!‘ Und damit schlug er die Tür zu. Aber die Geldstücke waren alle die Treppe hinunter gerollt. Ich begann sie in der Dunkelheit zu suchen, aber Großpapa muß es nachher doch eingefallen sein, daß es schwer war, die verstreuten Kupferstücke im Dunkeln zu finden, so kam er denn mit einer Kerze aus dem Zimmer und leuchtete, und da sammelte ich sie schnell auf. Und Großpapa half mir noch beim Suchen und sagte, daß es im ganzen siebzig Kopeken gewesen seien, und dann ging er wieder zurück ins Zimmer. Als ich nach Haus kam, gab ich Mama das Geld und erzählte ihr alles, und Mama fühlte sich wieder schlechter, und ich war auch die ganze Nacht krank und am anderen Tage hatte ich auch Fieber, aber ich dachte nur an eines, denn ich war böse auf Großpapa, und als Mama wieder eingeschlafen war, ging ich hinaus auf die Straße und ging zu Großpapa, aber noch bevor ich sein Haus erreichte, blieb ich auf dem Trottoir stehen. Da kam jener ...“

„Sie meint Archipoff,“ sagte ich, „jenen, von dem ich Ihnen, Nikolai Ssergejewitsch, bereits erzählt habe, – der zusammen mit dem Kaufmann bei der Bubnowa war und die dort durchgeprügelt wurden. Damals hat ihn Nelly zum erstenmal gesehen ... Erzähle weiter, Nelly.“

„Als er an mir vorübergehen wollte, hielt ich ihn auf und bat ihn um Geld, um einen Rubel. Er sah mich an und fragte: ‚Einen Rubel?‘ Ich sagte: ‚Ja.‘ Da begann er zu lachen und sagte: ‚Komm mit.‘ Ich wußte nicht, ob ich gehen sollte. Da trat plötzlich ein alter kleiner Herr mit einer goldenen Brille an uns heran, denn er hatte gehört, was ich haben wollte, und er beugte sich zu mir und fragte mich, wofür ich gerade so viel brauchte. Ich sagte ihm, daß Mama krank wäre und die Arznei so viel kostete. Er fragte, wo wir wohnten und schrieb das in sein Taschenbuch und gab mir einen Rubel. Jener aber, als er den alten Herrn mit der Brille sah, ging fort und sagte mir nicht mehr, daß ich mitgehen solle. Ich ging dann in eine Bude und wechselte das Geld in kupferne Fünfkopekenstücke; von denen wickelte ich dreißig Kopeken in Papier ein, die behielt ich für Mama, die übrigen siebzig Kopeken wickelte ich aber nicht ein, sondern behielt sie in der Hand und ging mit ihnen zu Großpapa. Als ich vor seinem Zimmer stand, machte ich die Tür auf, blieb aber auf der Schwelle stehen und schleuderte ihm das ganze Geld hin, so daß alle Kupferstücke über den Fußboden rollten. ‚Da haben Sie Ihr Geld!‘ sagte ich zu ihm. ‚Mama braucht es nicht von Ihnen, wenn Sie sie verfluchen.‘ Und ich schlug die Tür zu und lief fort.“

Ihre Augen glänzten fieberhaft und mit kindlich stolzem, herausforderndem Blick sah sie den Alten an.

„Das war gut!“ sagte Anna Andrejewna, ohne ihren Gatten weiter zu beachten und indem sie Nelly fest an sich drückte. „So geschah ihm recht! Dein Großvater war ein böser, grausamer Mensch ...“

„Hm!“ äußerte sich dazu Nikolai Ssergejewitsch.

„Nun und wie wurde es dann, was geschah darauf?“ fragte Anna Andrejewna ungeduldig.

„Ich ging nicht mehr zu Großpapa und er kam mir nicht mehr entgegen,“ sagte Nelly.

„Nun, aber wie wurde es denn mit deiner Mama, was tatet ihr? Ach, ihr Armen, ihr Armen!“

„Mit Mama wurde es immer schlechter, sie konnte fast gar nicht mehr aufstehen,“ fuhr Nelly mit unsicherer Stimme fort. „Geld hatten wir überhaupt keines mehr und darum ging ich denn mit der Kapitanscha. Die Kapitanscha ging in die Häuser und bat um Geld, aber auch auf der Straße wandte sie sich an gutgekleidete Leute und bat sie um Geld, denn nur davon lebte sie. Sie sagte mir, daß sie nicht ganz so arm sei, daß sie aber Papiere habe, auf denen ihr Name geschrieben stand, und auf denen gesagt war, daß sie sehr arm sei. Diese Papiere zeigte sie immer vor und dafür gab man ihr Geld. Sie sagte mir auch, daß es keine Schande sei, von reichen Leuten Geld zu erbitten. So ging ich denn mit ihr und man gab uns Geld und davon lebten wir. Mama erfuhr das bald, denn die anderen Einwohner machten ihr Vorwürfe, weil sie arm war, die Bubnowa aber kam selbst zu Mama und sagte, sie solle mich doch lieber zu ihr schicken als mich auf der Straße betteln lassen. Sie war auch früher zu Mama gekommen und hatte ihr Geld gebracht, als Mama es aber nicht von ihr annahm, sagte sie: ‚Weshalb sind Sie so stolz?‘ und schickte uns dann etwas zu essen. Als sie das von mir aber Mama erzählt hatte, begann Mama zu weinen, denn sie war sehr erschrocken, die Bubnowa aber, die ganz betrunken war, begann sie zu schelten und sagte, daß ich sowieso ein Bettelkind sei und schon mit der Kapitanscha ginge, und noch am selben Abend jagte sie die Kapitanscha aus dem Hause. Als Mama das alles erfuhr, begann sie zu weinen, dann stand sie plötzlich auf, kleidete sich an, nahm mich bei der Hand und führte mich mit sich fort. Iwan Alexandrowitsch wollte sie zurückhalten, aber sie hörte nicht auf ihn und wir gingen hinaus. Mama konnte kaum gehen, alle Augenblicke setzte sie sich hin und ich stützte sie. Und sie sprach die ganze Zeit und sagte, daß sie zu Großpapa gehe, und daß ich sie hinführen solle, nur war es schon lange Nacht geworden. Da kamen wir zu einem großen schönen Hause, vor dem viele Equipagen standen und viele Menschen kamen aus dem Hause und alle Fenster waren hell und man hörte auch Musik. Mama blieb stehen, zog mich an sich heran und sagte zu mir: ‚Nelly, sei arm, bleibe dein Leben lang arm, gehe nicht zu ihnen, wer dich auch rufen, wer auch zu dir kommen sollte! Auch du könntest dort sein, in einem reichen, schönen Kleide, aber ich will es nicht. Sie sind böse und roh, und nun höre mein Gebot: bleibe arm, arbeite und bitte um Almosen, wenn man aber zu dir kommt und dich unter jene bringen will, dann sage: ich will nicht zu euch! ...‘ Das sagte mir damals Mama als sie krank war und ich will ihr mein ganzes Leben lang gehorchen,“ schloß Nelly zitternd vor Erregung. Ihr Gesichtchen glühte wie im Fieber. „Und ich werde mein ganzes Leben lang dienen und arbeiten, und auch zu Ihnen bin ich gekommen, um zu arbeiten, ich will nicht so wie eine Tochter ...“

„Beruhige dich, mein Täubchen, beruhige dich nur!“ unterbrach sie Anna Andrejewna, die Nelly wieder mit ihrer ganzen mütterlichen Zärtlichkeit an sich drückte. „Deine Mama war damals doch ganz krank als sie das sagte, mein Täubchen.“

„Wahnsinnig war sie!“ bemerkte schroff der Alte.

„Und wenn auch!“ wandte sich Nelly brüsk an ihn, „und wenn sie auch hundertmal wahnsinnig war, aber sie hat mir das so gesagt, und ich werde mein ganzes Leben lang so leben. Als sie mir das gesagt hatte, fiel sie aber in Ohnmacht.“

„Großer Gott!“ rief Anna Andrejewna aus, „im Winter krank, auf der Straße! ...“

„Man wollte uns auf die Polizei bringen, aber ein Herr trat für uns ein. Er fragte mich, wo wir wohnten, gab mir zehn Rubel und ließ uns in seiner Equipage nach Hause bringen. Von da an hat Mama das Bett nicht mehr verlassen und nach drei Wochen starb sie ...“

„Und der Vater? Der hat ihr nicht verziehen?“ fragte Anna Andrejewna angstvoll und erschrocken.

„Nein, er hat ihr nicht verziehen!“ sagte Nelly, sich qualvoll zusammennehmend. „Eine Woche vor ihrem Tode rief sie mich zu sich und sagte: ‚Nelly, geh noch einmal zu Großpapa, zum letztenmal, und bitte ihn, daß er zu mir komme und mir vergebe; sage ihm, daß ich nach wenigen Tagen sterben werde und dich allein auf der Welt zurücklasse. Und sage ihm noch, daß es mir schwer wird, zu sterben ...‘ Ich ging zu Großpapa und pochte an die Tür. Er machte die Tür auf, aber wie er mich erblickte, wollte er die Tür sogleich wieder schließen, doch hatte ich mich schon mit beiden Händen an die Tür geklammert und schrie ihm zu: ‚Mama stirbt, Sie sollen hinkommen, sie ruft Sie! ...‘ Er stieß mich aber fort und schlug die Tür zu. Ich ging zu Mama zurück, legte mich neben sie hin, umarmte sie und sagte kein Wort ... Mama umarmte mich gleichfalls und fragte mich auch nichts ...“

Hier stützte sich Nikolai Ssergejewitsch mit der Hand schwer auf den Tischrand und erhob sich langsam, doch blickte er uns alle nur mit einem seltsamen, trüben Blick der Reihe nach an und sank dann wie erschöpft wieder auf seinen Platz zurück. Anna Andrejewna beachtete ihn nicht, sie weinte und umarmte Nelly ...

„Erst am letzten Tage, bevor sie starb, rief sie mich zu sich – es war schon Abend – und sie nahm meine Hand und sagte: ‚Ich werde heute sterben, Nelly.‘ Sie wollte noch etwas sagen, aber sie konnte nicht mehr. Ich sah sie an, und da war es mir, als sehe sie mich gar nicht, nur meine Hand hielt sie krampfhaft fest. Da befreite ich vorsichtig meine Hand und lief aus dem Hause und lief den ganzen Weg so schnell ich konnte bis zu Großpapa. Wie er mich erblickte, sprang er vom Stuhl auf und sah mich so groß an, und er war so erschrocken, daß er ganz bleich wurde und zu zittern begann. Ich ergriff seine Hand und sagte nur das eine: ‚Sie wird gleich sterben,‘ und da war er plötzlich ganz anders: er lief durch das Zimmer, ergriff seinen Stock und eilte zur Tür; sogar seinen Hut vergaß er, und es war doch kalt. Ich nahm seinen Hut und gab ihn ihm und wir liefen beide hinaus auf die Straße. Ich trieb ihn zur Eile an und sagte, er solle eine Droschke nehmen, denn Mama würde gleich sterben, aber Großpapa hatte im ganzen nur sieben Kopeken. Er blieb wohl bei den Droschken stehen und handelte mit den Kutschern, aber die lachten nur, und auch über Asorka lachten sie, denn Asorka lief uns nach, und wir liefen immer weiter, immer weiter. Großpapa wurde müde und atmete schwer, aber er lief doch so schnell er konnte. Plötzlich fiel er und der Hut flog fort. Ich lief dem Hut nach und hob ihn auf und half Großpapa aufzustehen und dann führte ich ihn an der Hand, aber es war schon Nacht als wir nach Hause kamen ... Und Mama war schon tot. Als Großpapa sie dort liegen sah, erhob er die Arme, erzitterte und starrte sie an, sagte aber kein Wort. Da ging ich zu meiner toten Mama, zog ihn ans Bett und schrie: ‚Siehst du, siehst du, du schlechter, herzloser Mensch, sieh! ... Sieh! ...‘ Da schrie Großpapa laut auf und fiel hin wie ein Toter ...“

Nelly befreite sich heftig aus den Armen Anna Andrejewnas, sprang von ihrem Schoß und blieb bleich, erschöpft und über alle Maßen erregt zwischen uns stehen. Doch Anna Andrejewna stürzte wieder zu ihr, zog sie von neuem in ihre Arme und rief wie in Ekstase:

„Ich, ich werde deine Mutter sein, Nelly, und du mein Kind! Ja, Nelly, laß uns von hier fortgehen, verlassen wir die Herzlosen! Mögen sie in ihrem Stolz Trost finden, Gott aber, Gott wird es ihnen schon anrechnen ... Gehen wir, Nelly, gehen wir von hier fort, komm! ...“

Noch nie hatte ich Anna Andrejewna in einer solchen Erregung gesehn. Und offen gestanden: ich hätte es auch gar nicht für möglich gehalten, daß sie sich unter Umständen auch so erregen könnte.

Nikolai Ssergejewitsch richtete sich in seinem Lehnstuhle bei den letzten Worten etwas auf und als er sah, daß Anna Andrejewna es ernst meinte, erhob er sich langsam und fragte mit merklich unsicherer Stimme:

„Wohin willst du denn gehen, Anna Andrejewna?“

„Zu ihr, zu meiner Tochter, zu Natascha!“ rief sie erregt, Nelly zur Tür nach sich ziehend.

„Warte, warte doch, so warte doch!“

„Wie lange soll ich noch warten, du herzloser Vater! Ich habe lange genug gewartet und sie hat lange genug gewartet, jetzt gehe ich, lebe wohl! ...“

Sie wandte sich, zum Abschied nickend, noch einmal zu ihrem Mann zurück. Da! – was war das? – sie starrte ihn sprachlos an. Ihr Nikolai Ssergejewitsch stand vor ihr mit dem Hut auf dem Kopf und zog sich mit zitternden Händen seinen Paletot an.

„Du ... du kommst auch!“ stotterte sie, ohne es fassen zu können, dann faltete sie die Hände und sah ihn an, als wage sie noch nicht, an ein solches Glück zu glauben.

„Natascha, wo ist meine Natascha? Wo ist sie? Wo ist meine Tochter?“ rang es sich plötzlich hervor. „Gebt mir meine Tochter zurück, mein Kind! Wo ist sie, wo ist sie?“

Er riß mir seinen Stock, den ich ihm reichte, aus der Hand und wandte sich hastig zur Tür.

„Er verzeiht! er verzeiht!“ stammelte Anna Andrejewna.

Doch noch bevor der Alte die Tür erreicht hatte, wurde diese von außen aufgestoßen und ins Zimmer stürzte Natascha, bleich vor Erregung und mit glänzenden Augen, wie sie sonst nur Fieberkranke haben. Ihr Kleid war verknüllt und vom Regen naß. Das Tuch, das sie sich um den Kopf geschlungen hatte, war in den Nacken gesunken und in ihrem welligen Haar glänzten Regentropfen. Mit einem Schrei warf sie sich vor ihrem Vater auf die Kniee nieder und erhob flehend die Hände.

IX.

Im nächsten Augenblick lag sie an seiner Brust.

Er hob sie wie ein kleines Kind empor und trug sie zu seinem Großvaterstuhl, in den er sie sorgsam hineinsetzte, um dann seinerseits vor ihr niederzuknien. Er küßte ihre Hände, ihre Kniee, er konnte sich nicht satt sehen an ihr, als wolle er das Versäumte nachholen, als glaube er noch nicht, daß sie wieder bei ihm war, daß er sie wieder sah und hörte, – sie, seinen vergötterten Liebling, seine Natascha! Anna Andrejewna drückte, unfähig ein Wort hervorzubringen, schluchzend Nataschas Köpfchen an ihre Brust.

„Mein Liebstes! ... Mein Leben! ... Meine Freude du!“ stammelte der Alte, Nataschas Hände mit Küssen bedeckend, und mit Augen, wie sie nur Verliebte haben, hing er an ihrem blassen, schmalen, und bei alledem doch so unendlich liebreizenden Gesicht, an ihren lieben Augen, in denen Tränen glänzten. „Mein Kind, mein Sonnenschein!“ wiederholte er nur, und wieder verstummte er, um sie von neuem wie verzückt zu betrachten. „Aber wie, wie hat man mir denn gesagt, daß sie so abgenommen habe!“ fuhr er mit seltsamem Kinderlächeln fort, sich halbwegs an uns wendend. „Ja, ein bißchen ist das Gesichtchen schmäler geworden, auch ein wenig bleicher, aber sieh sie doch nur an, wie reizend sie ist! Noch schöner als sie früher war, ja, noch schöner!“ Unwillkürlich verstummte er wie unter einem seelischen Schmerz, einer jener freudvollen Schmerzempfindungen, von denen man meint, sie brächen das Herz entzwei.

„Stehen Sie auf, Papa! So stehen Sie doch auf,“ bat Natascha. „Ich will Sie doch auch küssen ...“

„O, mein Liebling, mein Liebstes! Hörst du, hast du gehört, Annuschka, wie lieb sie das gesagt hat!“

Und er umarmte sie leidenschaftlich.

„Nein, Natascha, ich ... ich muß so lange zu deinen Füßen liegen, bis ich fühle, daß du mir verziehen hast! Sage mir, was soll ich tun, um deine Verzeihung zu erlangen! Ich hatte dich verstoßen, ich hatte dich verflucht – hörst du, Natascha? – ich hatte dich verflucht! Ich, ich konnte das fertig bringen! ... Aber du, Natascha, wie konntest du nur glauben, daß ich dich auf ewig verstoßen würde! Und du hast es doch geglaubt, hast es geglaubt! Wozu, warum? Nein, du hättest es nicht glauben sollen! Ganz einfach – nicht glauben sollen hättest du es! Wie konntest du so grausam sein, mich für so grausam zu halten? Weshalb kamst du nicht zu mir? Du hättest doch wissen müssen, wie ich dich liebe ... O, Natascha, du weißt doch noch, wie ich dich früher liebte? Nun, dann wisse, daß ich dich in dieser ganzen Zeit noch einmal so sehr, nein, tausendmal mehr geliebt habe als früher! Mit meinem ganzen Blut liebte ich dich! Meine Seele hätte ich aus meinem Blut gezogen, mein Herz mir aus der Brust gerissen und dir zu Füßen gelegt! ... So liebte ich dich ... mein Liebling, meine Freude!“

„So küssen Sie mich doch auf den Mund, Papa, auf die Wangen, so wie Mama!“ rief Natascha mit einer Stimme, in der Tränen zitterten, Müdigkeit, Qual und Glück.

„Und deine Augen! Auch deine Augen will ich küssen! Weißt du noch, so wie früher ...“ und der Alte küßte seine Tochter. „O, Natascha! Hat dir nicht von uns geträumt? Mir bist du fast in jeder Nacht im Traum erschienen, in jeder Nacht bist du zu mir gekommen und ich habe über dich geweint. Einmal aber erschienst du als kleines Mädchen, weißt du, so wie damals, als du noch keine zehn Jahre alt warst und gerade erst Klavier zu spielen begannst. Du kamst in einem kurzen Kleidchen zu mir, in hellen Stiefelchen, und deine kleinen Händchen waren rot ... sie hatte doch damals oft rote Händchen, weißt du noch, Annuschka? – sie kam zu mir, setzte sich auf meinen Schoß und schlang die Ärmchen um meinen Hals ... Und du, du böses Mädchen, konntest noch glauben, daß ich dir die Tür gewiesen hätte, wenn du zu mir gekommen wärest! ... Ich war ja doch ... höre, Natascha: ich bin doch oft zu dir gegangen, nur hat das bisher niemand gewußt, auch sie, deine Mutter, nicht, keine Menschenseele! So stand ich dort auf der anderen Straßenseite und schaute hinauf zu den Fenstern deiner Wohnung, oder ich wartete in der Nähe deiner Haustür, in der Hoffnung, du würdest vielleicht ausgehen und dann könnte ich dich von ferne sehen. Oft sah ich abends eine Kerze auf deinem Fensterbrett brennen, und oft, Natascha, bin ich nur deshalb hingegangen sobald es dunkelte, um diese brennende Kerze zu sehen, vielleicht auch deinen Schatten auf dem Vorhang, und um dich für die Nacht zu segnen. Hast du auch so an mich gedacht? Hast du? Hast du es nicht gefühlt, daß ich dort unter deinem Fenster stand? Mehr als einmal bin ich im Winter spät abends deine Treppe hinaufgestiegen und habe auf dem dunklen Treppenabsatz gestanden und mein Gehör angestrengt, um durch die Tür vielleicht doch deine Stimme zu hören. Nun, lachst du nicht? Ich dich verfluchen! War ich doch an jenem Abend zu dir gegangen, um dir alles zu verzeihen – ja, das wollte ich! – und erst vor der Tür gab ich es auf. ... O, Natascha!“

Er stand auf und zog auch sie empor, um sie fest an seine Brust zu drücken.

„Du bist hier, ich kann dich wieder an mein Herz drücken! Ich danke dir, Gott, für alles, für alles, auch für deinen Zorn, und danke dir für deine Güte! ... Und auch für deine Sonne, die du jetzt nach dem Gewitter auf uns niederscheinen läßt! Für diesen ganzen Tag danke ich dir! O! mögen wir Erniedrigte, mögen wir Beleidigte sein, was tut das! – wir sind doch wieder alle beisammen! Und mögen sie doch, mögen sie doch triumphieren, die Stolzen und Hochmütigen, die uns erniedrigt und beleidigt haben! Mögen sie nur Steine auf uns werfen! Fürchte dich nicht, Natascha ... Wir werden Hand in Hand gehen und ich werde ihnen sagen: dies hier ist meine einzige, meine geliebte Tochter, mein unschuldiges geliebtes Kind, das ihr beleidigt und erniedrigt habt, das ich aber über alles liebe, ich, und das ich für alle Zeiten segne! ...“

„... Wanjä! Wanjä!“ rief mich Natascha leise zu sich und streckte mir über den Arm ihres Vaters die Hand entgegen.

O, niemals werde ich es vergessen, daß sie in diesem Augenblick noch an mich dachte und mich zu sich rief!

„Wo ist Nelly geblieben?“ fragte plötzlich der Alte, sich umschauend.

„Ach, wo ist sie denn?“ fuhr auch Anna Andrejewna ganz erschrocken auf. „Mein Täubchen, wo bist du! Haben wir sie doch über der Freude ganz vergessen!“

Doch Nelly war aus dem Zimmer verschwunden. Unbemerkt war sie ins Schlafzimmer geschlüpft. Wir gingen alle hin; Nelly stand in einem Winkel hinter der Tür und wollte sich ängstlich vor uns verstecken.

„Nelly, was fehlt dir, mein Kind, was hast du?“ fragte der Alte zärtlich, und er wollte den Arm um sie legen.

Doch sie sah ihn nur seltsam starr mit weit offenen Augen an.

„Mama, wo ist Mama?“ fragte sie, als sei sie nicht mehr ganz bei Besinnung. „Wo ist meine Mama?“ rief sie angstvoll, ihre zitternden Hände nach uns ausstreckend.

Und plötzlich drang ein unheimlicher, markerschütternder Schrei aus ihrer Brust; ein krampfartiges Zucken lief über ihr Gesicht und in einem schweren Anfall fiel sie nieder ...

Letzte Erinnerungen.

Mitte Juni. Ein heißer, drückend schwüler Tag; ganz unmöglich in der Stadt zu bleiben: überall Staub, Kalk, Baugerüste vor den Häusern, glühend heiße Pflastersteine, von Ausdünstungen verpestete Luft ... Doch da – o, Freude! – irgendwo in der Ferne donnerte es; der Himmel wurde trübe, umwölkte sich und wurde düster; der Wind erhob sich und trieb den Straßenstaub in dichten Wolken vor sich her. Einzelne große Tropfen fielen schwer zur Erde und plötzlich war es, als öffne der Himmel seine Schleusen: ein ganzer Strom ergoß sich mit seinen Wassermassen über die Stadt. Als nach einer halben Stunde wieder die Sonne durch die Wolken brach, stieß ich das Fenster meiner Dachstube auf und atmete gierig mit meiner ganzen müden Brust die frische Luft ein. Wie ein Rausch kam es über mich und ich wollte Feder und Papier liegen lassen, auch den Verleger vergessen, und auf die Wassiljeff-Insel laufen zu den Meinen! Aber so groß auch die Versuchung war, ich bezwang mich doch und begann mit einer wahren Wut wieder zu arbeiten: ich mußte heute noch mit meiner Novelle fertig werden, um jeden Preis! Mein Verleger wartete und nur wenn ich ihm das fertige Manuskript brachte, würde er mir Geld geben, das wußte ich. Ichmenjeffs erwarteten mich zwar, doch dafür würde ich dann am Abend frei sein, vollkommen frei, frei wie der Wind, und dieser Abend sollte mich für die letzten zwei Tage und zwei Nächte, in denen ich dreieinhalb große Druckbogen geschrieben, vollauf belohnen.

Und endlich kam dann auch der Augenblick, in dem ich die Arbeit beendet vor mir liegen sah ... Ich warf die Feder hin und erhob mich, mit einem Schmerzgefühl im Rücken und in der Brust, und im Kopf drehte sich alles im Kreise. Ich wußte, daß meine Nerven zum Zerreißen angespannt waren und es war mir, als hörte ich noch die letzten Worte meines alten Arztes: „Nein, einer solchen Lebensweise könnte auch die beste Gesundheit nicht lange standhalten!“ Nun, solange sie noch standhält ... Vor meinen Augen tanzten grüne Punkte, ich hielt mich kaum noch auf den Beinen, aber Freude, grenzenlose Freude erfüllte mein Herz. Meine Novelle war beendet und der Verleger würde mir jetzt, obschon ich ihm noch viel schuldete, doch wenigstens etwas Geld geben, wenn auch nur fünfzig Rubel – wie lange aber hatte ich nicht mehr so viel Geld in Händen gehabt! Freiheit und Geld! ... Ganz begeistert griff ich nach meinem Hut, schnell das Manuskript unter den Arm, und wie ein Schulbube lief ich die Treppe hinunter, um den werten Alexander Petrowitsch noch im Bureau anzutreffen.

Ich kam gerade noch rechtzeitig, denn schon war er im Begriff, fortzugehen. Auch er hatte soeben erst etwas sehr Wichtiges beendet; freilich keine Novelle, sondern nur eine ganz unliterarische, doch dafür um so vorteilhaftere zweistündige geschäftliche Unterredung, und nachdem er endlich das schwarzglänzende Jüdchen zur Tür geleitet hatte, streckte er mir freundlich die Hand entgegen und erkundigte sich mit seinem weichen gutmütigen Baß nach meiner Gesundheit. Er war ja doch ein herzensguter Mensch und ich war ihm – im Ernst – nicht wenig zu Dank verpflichtet. Was konnte er denn schließlich dafür, daß er in der Literatur sein Leben lang nur „Verleger“ gewesen war und bis zum Grabe auch nur „Verleger“ bleiben würde? Dafür hatte er erkannt, daß unsere Literatur eines Verlegers bedurfte, und hatte es sogar sehr zur rechten Zeit erkannt, also Ehre wem Ehre gebührt – in diesem Fall, versteht sich, allerdings nur Verlegerehre.

Mit wohlgefälligem Lächeln vernahm er, daß ich meine Novelle beendet hatte und die folgende Nummer der Zeitschrift somit in ihrem Hauptteil gesichert war. Er äußerte noch in humoristischer Weise seine Bewunderung darüber, daß ich überhaupt einmal etwas zum Termin hatte beenden können und machte ein paar Bonmots ... Darauf begab er sich zu seinem Geldschrank, um ihm die mir versprochenen fünfzig Rubel zu entnehmen, machte mich aber vorher noch auf einige Zeilen einer Kritik aufmerksam.

Ich nahm das Blatt zur Hand – doch was sah ich: es war meine vorletzte Novelle, die da besprochen wurde. Sie wurde nicht gerade gelobt, aber auch nicht gerade heruntergerissen, und alles in allem genommen, konnte ich sogar sehr zufrieden sein. Unter anderem meinte aber der Kritiker, daß meine Arbeiten „nach Schweiß“ röchen, daß ich mir gar zu große Mühe gäbe und so lange an ihnen feilte und polierte, daß es einem wirklich widerlich würde.

Wir lachten beide herzlich darüber. Ich sagte ihm, daß ich diese meine vorletzte Novelle in zwei Nächten geschrieben, die soeben gebrachte aber, die über dreieinhalb Druckbogen lang sein dürfte, in zwei Tagen und zwei Nächten. Wenn das mein verehrter Kritiker wüßte!

„Aber es ist doch Ihre eigene Schuld, Iwan Petrowitsch: weshalb schieben Sie das Arbeiten immer so lange auf, daß Sie dann die Nächte zu Hilfe nehmen müssen!“

Alexander Petrowitsch war ja sonst ein äußerst netter Mensch, nur hatte er eine kleine, bisweilen etwas lästige Schwäche, und zwar: mit seinem literarischen Urteil gerade vor jenen großzutun, die ihn, wie er es mitunter sogar selbst ganz richtig vermutete, schon längst durchschaut hatten. Ein Gespräch über Literatur und literarisches Schaffen mit ihm zu führen, war daher auch für mich nichts Verlockendes und so griff ich, da ich das Geld schon empfangen hatte, abschiednehmend nach meinem Hut. Alexander Petrowitsch erkundigte sich nach dem Wohin, und wie er hörte, daß ich auf die Wassiljeff-Insel wollte, bot er mir großmütig einen Platz in seinem Wagen an, er fahre nach Haus, sagte er – er wohnte im Sommer auf einer der Inseln in seiner Villa – und da wäre es für ihn kein Umweg.

„Ich habe doch jetzt einen neuen Wagen – haben Sie ihn noch nicht gesehen? Na, ich sage Ihnen – tadellos!“

Wir begaben uns zur Vorfahrt. Der neue halboffene Wagen war allerdings tadellos, und ich fand es begreiflich, daß Alexander Petrowitsch in der ersten Zeit des Besitzes mit einer ganz besonderen Vorliebe, die sogar ein gewisses geistiges Bedürfnis verriet, seine Bekannten zu einer gemeinsamen Fahrt aufforderte.

Unterwegs erging sich Alexander Petrowitsch dafür ungehindert in Betrachtungen über die zeitgenössische Literatur. Meine Gegenwart verwirrte ihn nicht im geringsten und mit beneidenswerter Gewissensruhe wiederholte er verschiedene fremde Gedanken, die er in der letzten Zeit gehört hatte, in erster Linie, versteht sich, von Literaten, deren Meinung er für richtig hielt und hochschätzte. Bei der Gelegenheit passierte es ihm aber, daß er mitunter sehr wunderliche Dinge sagte, denn da wir Menschen nicht alles auswendig behalten können, was wir nur einmal hören, verwechselte er so manches mit der größten Harmlosigkeit. „Und alles das will er noch als seine eigene heilige Überzeugung respektiert wissen!“ dachte ich seufzend bei mir. Ich saß, hörte schweigend zu und wunderte mich über die Verschiedenheit und Grillenhaftigkeit der menschlichen Leidenschaften. „Da haben wir nun einen Menschen,“ dachte ich weiter, „dessen einziger Lebenszweck es doch zu sein scheint, Geld und nichts als Geld zusammenzuscharren, und das müßte ihm doch eigentlich genügen; aber nein, es verlangt ihn noch nach Ruhm, nach literarischem Ruhm, er will sogar als Kritiker anerkannt werden!“

So bemühte er sich, während ich dieses dachte, mir eine besondere Auffassung der Literatur wiederzugeben, eine Auffassung, die er vor drei Tagen von mir gehört und der er vor drei Tagen, nebenbei bemerkt, heftig widersprochen hatte, was ihn jedoch nicht hinderte, sie als seine ureigenste Schöpfung zu wiederholen. Doch was die Vergeßlichkeit in solchen Dingen – wohlverstanden: nur in solchen Dingen! – anging, so hatte es Alexander Petrowitsch in seinem Bekanntenkreise bereits zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Wie froh es ihn machte, in seinem Wagen reden zu können, wie zufrieden er mit seinem Schicksal war, wie gütig! Er führte ein wissenschaftlich-literarisches Gespräch und sogar sein weicher Baß versuchte in wissenschaftlich harten Tonfärbungen die Worte zu modellieren! Ganz allmählich, offenbar ungewollt und unbewußt, ging er auf den Liberalismus über und verfocht unter anderem die unschuldsvoll skeptische Überzeugung, daß es in unserer Literatur – das heißt: in unserer sowohl wie in jeder anderen – weder Ehrlichkeit noch Bescheidenheit geben könne, sondern einzig und allein ein „um die Wette laufen“. Ich dachte bei mir, daß Alexander Petrowitsch dann wohl auch geneigt war, jeden ehrlichen und aufrichtigen Schriftsteller für seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, wenn nicht gerade für einen Esel so doch zum mindesten für einen Einfaltspinsel zu halten. Selbstverständlich war diese seine individuelle Auffassung auf nichts anderes als auf seine ganz außergewöhnliche Unschuld und Naivität zurückzuführen.

Doch ich hörte nicht mehr auf ihn. Auf der Wassiljeff-Insel verabschiedete ich mich von ihm, stieg aus und eilte zu Ichmenjeffs. Im Augenblicke hatte ich die Dreizehnte Linie und fünf Minuten später auch ihr Häuschen erreicht. Anna Andrejewna drohte mir, als sie mich erblickte, mit dem Finger, legte ihn dann vertikal vor den Mund, winkte darauf beschwichtigend mit beiden Händen und flüsterte endlich: „Pst! – leise!“ – damit ich nur ja nicht unnützen Lärm mache.

„Nelly ist soeben erst eingeschlafen, das arme Kind!“ fügte sie dann zur Erklärung hinzu. „Um Gottes willen, wecken Sie sie nicht auf! Gott, was ist sie für ein schwächliches Geschöpfchen! Wir sind wirklich in Sorge um sie. Der Arzt sagt ja wohl, daß es vorläufig nichts Schlimmes sei, aber aus dem etwas Gescheites herauszubringen, ist ja ganz unmöglich! Ich danke für diesen Ihren vielgepriesenen Arzt! Und Sie, Sie schämen sich nicht, Iwan Petrowitsch? Wir haben auf Sie gewartet und gewartet – die ganze Zeit vor dem Essen ... Sie sind doch zwei Tage nicht mehr hier gewesen! ...“

„Aber ich habe es Ihnen doch vorgestern ausdrücklich gesagt, daß ich zwei Tage nicht kommen werde!“ flüsterte ich ebenso leise wie sie. „Ich mußte meine Arbeit beenden ...“

„Aber Sie versprachen doch, heute zu Mittag zu kommen! Weshalb kamen Sie denn nicht? Nelly war eigens dazu aufgestanden, wir setzten sie, unser Engelchen, noch in den Großvaterstuhl und so saß sie am Eßtisch und wartete. ‚Ich will mit euch zusammen Wanjä erwarten,‘ sagte sie, wer aber nicht kam – das war Wanjä. Es ist doch schon bald sechs! Wo haben Sie sich denn wieder herumgetrieben? Ach Gott, wer die Jugend von heute nicht kennt! Und das hat sie so aufgeregt, daß ich nicht wußte, wie sie beruhigen ... ein Wunder, daß sie endlich einschlief, mein Engelchen. ... Nikolai Ssergejewitsch ist in die Stadt gegangen – zum Tee wird er wieder zurück sein – er hat doch Aussicht, eine Anstellung zu bekommen! Wenn ich aber denke, daß es in der Nähe von Perm ist, so läuft es mir kalt über den Rücken.“

„Wo ist Natascha?“

„Im Gärtchen ist sie, mein Liebling, hier gleich im Gärtchen! Gehen Sie mal zu ihr ... Sie scheint mir auch nicht so ganz ... ich weiß nicht, was ich denken soll ... Ach, Iwan Petrowitsch, das Leben wird einem nicht leicht! Sie sagt wohl immer, daß sie heiter und zufrieden sei, aber ich glaube es ihr nicht ... Gehen Sie mal zu ihr, Wanjä, und dann sagen Sie mir später unter vier Augen, was sie eigentlich hat ... Bitte, bitte!“

Doch ich war schon unterwegs zum Garten. Dieser Garten gehörte zum Hause. Er war etwa fünfundzwanzig Schritt lang und ungefähr auch ebenso breit, und bestand aus einem Rasenplatz, drei großen, alten Bäumen, ein paar jungen Birken und einigen Fliederbüschen; am Zaune wuchs Geisblatt und an einer Seite waren Himbeeren und zwei kleine Erdbeerbeete, und durch das Ganze schlängelten sich zwei schmale Wege. Der alte Ichmenjeff war von seinem Garten bis zur Begeisterung eingenommen und versicherte, daß in ihm bald Pilze wachsen würden. Die Hauptsache war aber, daß Nelly diesen Garten liebgewonnen hatte, weshalb sie denn auch oft im Lehnstuhl auf den Rasenplatz hinausgetragen wurde. Nelly war bereits zum Abgott des ganzen Hauses geworden. Doch da erblickte ich schon Natascha: sie kam mir freudig entgegen und reichte mir die Hand. Wie elend sie noch aussah, wie bleich! Sie hatte sich auch kaum erst von der Krankheit erholt.

„Hast du sie schon ganz beendet, deine Novelle, Wanjä?“ fragte sie mich.

„Ganz, ganz! Jetzt bin ich auch den ganzen Abend frei.“

„Nun, Gott sei Dank! Hast du dich sehr beeilt? – Doch nicht zu überhin geschrieben?“

„Das läßt sich nicht ändern ... Übrigens hat das nichts auf sich. Diese angespannte Arbeit reizt meine Nerven, meine Gedanken sind dann klarer, ich fühle und empfinde alles viel lebhafter und auch tiefer, sogar der Stil paßt sich mir an, so daß gerade diese angespannte Arbeitsweise sich als die vorteilhaftere erweist. Alles ist gut ...“

„Ach, Wanjä, Wanjä!“

Es fiel mir auf, daß Natascha in der letzten Zeit auf meine literarischen Erfolge, auf meinen Ruhm entschieden eifersüchtig wurde. Sie las nochmals alles der Reihe nach, was ich im Laufe dieses Jahres geschrieben hatte, fragte mich jeden Augenblick nach meinen weiteren Plänen, interessierte sich für jede Kritik, die über mich geschrieben wurde, ärgerte sich über jedes absprechende Wort, und wollte unbedingt, daß ich es zu großer Berühmtheit brächte.

„So wirst du dich aber bald ausschreiben, Wanjä,“ sagte sie zu mir, „du wirst dich durch eine so angespannte Arbeit schnell erschöpfen; außerdem untergräbst du damit auch deine Gesundheit. S. zum Beispiel schreibt in zwei Jahren nur eine Novelle und N. hat in zehn Jahren im ganzen nur einen Roman geschrieben. Dafür aber – wie ist der auch geschrieben! Meisterhaft! Da findest du keinen einzigen nachlässigen Satz, kein einziges flüchtiges, unbedachtes Wort ...“

„Ja, schon möglich, aber diese Herren leben in gesicherten Verhältnissen, ich aber – bin wie ein gehetzter Postgaul. Ach, nun, das ist ja doch Unsinn! Reden wir nicht davon. Du? ... Was gibt es sonst Neues?“

„Vieles! Erstens einen Brief von ihm.“

„Noch einen?“

„Noch einen.“

Und sie reichte mir den letzten Brief von Aljoscha. Es war der dritte nach der Trennung. Den ersten hatte er aus Moskau geschrieben: er teilte ihr damals mit, daß die Umstände es ihm ganz unmöglich machten, aus Moskau nach Petersburg zurückzukehren, wie es vor der Trennung verabredet worden war. Im zweiten Brief benachrichtigte er sie, daß er in den nächsten Tagen wieder in Petersburg eintreffen werde, um sich dann mit ihr, Natascha, sogleich trauen zu lassen, das sei nun einmal sein fester Entschluß, von dem ihn keine Macht der Welt abbringen könne. Indes verriet der ganze Ton des Briefes nur zu deutlich, daß die anderen Einflüsse ihn bereits besiegt hatten, weshalb er denn überhaupt nicht mehr zu wissen schien, was er tun oder lassen sollte. Unter anderem schrieb er in diesem Brief noch, daß Katjä seine Vorsehung sei, und sie allein tröste ihn noch und stehe ihm bei. Ich gestehe, daß ich mehr als neugierig war, diesen seinen letzten Brief zu lesen.

Es waren zwei Briefbogen. Die Handschrift war unordentlich, flüchtig, der ganze Brief mit Tinte besudelt und hier und da einzelne Worte von Tränen verwischt. Aljoscha begann damit, daß er sich von Natascha lossagte und sie bat, ihn zu vergessen. Er bemühte sich, ihr zu beweisen, daß eine Ehe zwischen ihnen unmöglich sei, daß andere, ihnen feindliche „Einflüsse“ stärker seien als er, und zu guter Letzt, daß es doch so am besten sei, denn sowohl er wie Natascha würden in der Ehe unglücklich geworden sein, da sie doch nicht zueinander paßten. Plötzlich aber vergaß er alle seine Vernunftschlüsse und Beweise und gestand – ohne die erste Hälfte seines Briefes zu zerreißen –, daß er ein Verbrecher, ein verlorener Mensch sei und nicht mehr die Kraft habe, sich dem Willen seines Vaters, der übrigens auch schon auf dem Gute eingetroffen war, zu widersetzen. Ferner schrieb er noch, daß er nicht fähig sei, seine Qualen zu schildern oder sonstwie auszudrücken, was er empfand, gestand aber im nächsten Satz, daß er durchaus die Fähigkeit in sich fühle, Natascha glücklich zu machen, worauf er zu beweisen begann, daß sie vollkommen ebenbürtig und für einander geschaffen wären, um zum Schluß mit aller Hartnäckigkeit die Einwendungen des Vaters zurückzuweisen. Mit wahrer Verzweiflung schilderte er die Glückseligkeit des Lebens, das ihrer harrte, falls sie sich heirateten – um darauf sich selbst wegen seines Kleinmuts zu verwünschen und – ihr auf ewig Lebewohl zu sagen!

Man sah es, daß er den Brief unter Qualen geschrieben hatte, daß er in seiner Ratlosigkeit ganz außer sich gewesen war. Mir traten plötzlich Tränen in die Augen. Natascha reichte mir einen anderen Brief. Es war ein Brief von Katjä, den sie in einem Kouvert mit dem Brief Aljoschas gesandt hatte.

Katjä schrieb ziemlich kurz, daß Aljoscha in der Tat sehr niedergeschlagen sei, oft weine, mitunter scheinbar der Verzweiflung nahe und sogar ein wenig krank sei, daß sie aber bei ihm bleiben und ihn wieder glücklich machen werde. Sie schrieb, Natascha dürfe daraus nicht schließen, daß Aljoscha sich bald trösten werde und seine Trauer nicht ernst zu nehmen sei. Im Gegenteil! „Niemals wird er Sie vergessen,“ schrieb sie, „selbst wenn er es wollte, könnte er es nicht, denn sein Herz ließe es einfach nicht zu. Er liebt Sie ganz grenzenlos und wird Sie immer lieben, und ich sage Ihnen: sollte er jemals – gleichviel wann – aufhören, Sie zu lieben oder aufhören, sich nach Ihnen zu sehnen bei der Erinnerung an Sie, so werde ich sofort aufhören, ihn meinerseits zu lieben ...“

Ich gab Natascha beide Briefe zurück: wir sahen uns nur einmal an und sagten kein Wort. Dasselbe hatten wir auch nach den ersten Briefen getan. Überhaupt vermieden wir es jetzt, von Vergangenem zu sprechen, als hätten wir es so verabredet. Sie litt unsäglich, das sah ich, aber selbst mich wollte sie davon nichts merken lassen. Nach ihrer Rückkehr ins Elternhaus hatte sie drei Wochen zu Bett gelegen und auch jetzt noch hatte sie sich kaum erholt. Von der nahe bevorstehenden Trennung sprachen wir überhaupt nicht, obwohl wir beide wußten, daß ihr Vater eine Anstellung bekommen würde. Trotzdem aber war sie so lieb zu mir, interessierte sich in der letzten Zeit so lebhaft für alles, was mich betraf und hörte mir mit so angespannter Aufmerksamkeit zu, wenn ich ihr auf ihre dringende Bitte von mir erzählte, daß es mir anfangs das Beisammensein schwer machte: es schien mir, daß sie mich für das Vergangene entschädigen wollte. Doch bald begriff ich, daß es sich hier um etwas ganz anderes handelte, daß sie mich einfach liebte, ja, ganz unendlich liebte und ohne mich gar nicht mehr leben konnte. Ich glaube, selbst eine Schwester hätte ihren Bruder nicht so lieb haben können, wie Natascha mich lieb hatte. Ich wußte sehr gut, daß unsere bevorstehende Trennung wie ein Alp auf ihr lag und sie quälte, denn auch sie wußte, daß ich ebensowenig ohne sie leben konnte. Doch wir sprachen nicht davon, wenn wir uns auch oft genug sehr eingehend über Bevorstehendes unterhielten ...

Ich erkundigte mich nach Nikolai Ssergejewitsch.

„Er wird bald zurückkommen, denke ich,“ sagte Natascha, „zum Tee jedenfalls bestimmt.“

„Ist er wegen der neuen Anstellung in die Stadt gegangen?“

„Ja. Übrigens ist es jetzt schon abgemacht, daß er sie bekommt ... Ich glaube, es war gar nicht so notwendig, daß er heute fortging,“ fügte sie wie in Gedanken hinzu. „Er hätte es auch morgen tun können.“

„Weshalb ist er denn heute fortgegangen?“

„Weil ich den Brief erhielt ...“

„Er leidet fast mehr als ich,“ fuhr Natascha nach kurzem Schweigen fort, „und du kannst dir denken, Wanjä, wie mich das quält. Ich glaube, er denkt an nichts anderes als an mich, nicht einmal im Schlaf scheint er mich vergessen zu können. Er weiß nicht, wie ich mich in diesem Leben zurechtfinden werde, was ich denke, was ich fühle. Sehe ich traurig aus, so ist er wie zerschlagen, und weiß nicht, wie er mich trösten soll, ohne mich dabei merken zu lassen, daß er mich trösten will. Mein Gott, ich sehe doch, wie ungeschickt er sich verstellt, wenn er uns Heiterkeit vortäuscht, sich zum Scherzen und Lachen zwingt! Mama ist dann auch ganz unglücklich, denn daß er sich nur uns zuliebe verstellt, das sieht sie doch ... So bleibt ihr nichts übrig, als zu seufzen ... Sich verstellen – das versteht sie nicht ... wie alle ehrlichen, offenherzigen Menschen!“ Natascha lächelte. „Und als ich heute den Brief erhielt, mußte er sogleich aus dem Hause, um nicht meinem Blick irgendwie zu begegnen ... Ich liebe ihn mehr als mich selbst, ich liebe ihn mehr als alle anderen auf der Welt, Wanjä,“ fügte sie mit gesenktem Kopfe hinzu und drückte mir leise die Hand, „sogar mehr als dich ...“

Wir gingen zweimal durch den Garten, ehe sie wieder zu sprechen begann.

„Masslobojeff war heute bei uns, auch gestern war er hier.“

„Ja, er hat euch in letzter Zeit oft besucht.“

„Weißt du auch, weshalb er kommt? Mama glaubt an ihn wie an einen Allmächtigen. Sie ist überzeugt, daß er alles so genau wisse – nun, da die Gesetze und alles übrige – daß er alles zustande bringen könne. Und nun, was meinst du, woran sie denkt? Es tut ihr, weißt du, im Grunde doch sehr leid, daß ich nicht Fürstin geworden bin. Das läßt ihr jetzt keine Ruhe, und ich glaube, sie hat Masslobojeff in ihren Kummer eingeweiht. Papa gegenüber wagt sie natürlich nicht, etwas davon verlauten zu lassen, und da hofft sie nun, daß sich eventuell durch Masslobojeff etwas machen ließe, so – vielleicht mit Hilfe irgend eines Gesetzparagraphen. Masslobojeff ist natürlich klug genug, ihr nicht viel zu widersprechen und läßt es ruhig geschehen, daß sie ihm jedesmal Wein vorsetzt,“ schloß Natascha belustigt.

„Glaub’s schon, das sieht ihm ähnlich! Aber woher weißt du es denn?“

„Daß Mama –? ... Ach, Mamachen verrät sich doch immer selbst ... mit ihren Andeutungen ... Dazu bedarf es nicht fremder Hilfe.“

„Was macht Nelly? Wie ist sie jetzt?“ fragte ich.

„O, ich wundere mich schon die ganze Zeit über dich, Wanjä: erst jetzt erkundigst du dich nach ihr?“

Ich glaubte aus Nataschas Stimme einen leisen Vorwurf herauszuhören.

Nelly war, wie gesagt, der Abgott des ganzen Hauses. Natascha gewann sie geradezu leidenschaftlich lieb und auch Nelly erwiderte ihre Liebe bald von ganzem Herzen. Die arme Kleine hatte es sich wohl nicht träumen lassen, daß sie je im Leben solche Menschen und soviel Liebe finden würde, und zu meiner Freude sah ich, daß ihr erbittertes kleines Herz mit der Zeit ganz weich und zutraulich wurde. Ja, bald erwiderte sie die allgemeine Liebe, die sie hier umgab, mit einer nahezu fieberhaften Gegenliebe, die man ihr nach ihrem früheren Mißtrauen, ihrer Verstocktheit und Unnahbarkeit kaum zugetraut hätte. Übrigens war aber diese Veränderung doch nicht so schnell vor sich gegangen: lange Zeit hatte sie sich noch wie ein Muscheltier zu den liebevollen Annäherungsversuchen der anderen verhalten, bis sie dann endlich ihre Scheu verlor und sich ganz ihrer Liebe zu uns hingab. Am meisten liebte sie Natascha und den alten Ichmenjeff. Ich aber, oder vielmehr meine Gegenwart wurde für sie förmlich zur ersten Lebensbedingung, so daß sich ihr Zustand jedesmal verschlimmerte, wenn ich an einem Tage nicht zu ihr kam. So hatte ich sie zum Beispiel das letztemal beim Abschied, als ich ihr sagen mußte, daß ich zwei Tage nicht zu ihr kommen würde, da ich eine Arbeit beenden mußte, lange Zeit darüber beruhigen müssen ... natürlich indirekt. Denn Nelly schämte sich ihrer Gefühle viel zu sehr, als daß ich offen von ihnen hätte sprechen können, daher mußte ich mir den Anschein geben, daß ich ihr das alles nur so beiläufig erkläre.

Doch ihr Zustand beunruhigte uns nicht wenig. Selbstverständlich wurde es schon von Anfang an als stillschweigend beschlossen angenommen – eben weil es so selbstverständlich war –, daß Nelly bei Ichmenjeffs blieb. Nun rückte der Tag der Abreise immer näher, Nelly aber wurde noch immer nicht gesund, ja, ihre Krankheit verschlimmerte sich sogar augenscheinlich. Erkrankt war sie nach jenem schweren Anfall an dem Tage, als ich zum erstenmal mit ihr zu Ichmenjeffs gekommen war, am Tage der Versöhnung des Alten mit Natascha. Doch übrigens, was sage ich! Sie war ja doch wohl nie ganz gesund gewesen: die Krankheit hatte schon von Geburt an in ihr gesessen, deshalb machte sie auch, einmal zum Ausbruch gekommen, so erschreckend schnelle Fortschritte. Worin ihre Krankheit bestand, vermag ich nicht genau zu erklären. Die epileptischen Anfälle kehrten jetzt allerdings nach kürzerer Zeit wieder als früher; doch in der Hauptsache schien es eine Art Zehrung zu sein, ein allgemeiner, unaufhaltsamer Kräfteverlust, Fieber und ein krankhaftes, nervöses Erregtsein. Alles dies hatte sie so geschwächt, daß sie in den letzten Tagen nur noch zu Bett lag. Doch sonderbar: je mehr sie ihrer Krankheit erlag, um so freundlicher, liebevoller und offener wurde sie zu uns. Vor drei Tagen griff sie plötzlich nach meiner Hand, als ich an ihrem Bett vorüberging. Ich blieb natürlich stehen und sah sie an. Sie zog mich näher zu sich. Es war außer uns niemand im Zimmer. Ihr Gesichtchen, das so schmal geworden war, und ihre dunklen Augen glühten und in ihren fieberheißen Händchen zuckte es. Und zuckend, wie vor verhaltener Leidenschaft, streckte sie sich auf den Kissen näher zu mir, und als ich mich zu ihr beugte, schlang sie plötzlich ihre dünnen braunen Ärmchen krampfhaft um meinen Hals und küßte mich fest auf den Mund, und dann verlangte sie sogleich, Natascha solle zu ihr kommen. Ich rief sie. Nelly wollte unbedingt, daß sie sich zu ihr aufs Bett setze und sie ansehe ...

„Ich will euch beide ansehen,“ sagte sie. „Ich habe euch heute nacht beide im Traum gesehen ... aber nicht nur heute nacht, sondern sehr oft ... in jeder Nacht ...“

Es drängte sie offenbar, uns etwas zu sagen; aber sie begriff vielleicht ihre Gefühle selbst nicht und wußte daher auch nicht, wie sie es ausdrücken sollte, was sie auf dem Herzen hatte ...

Nein, am meisten liebte sie nach mir freilich doch den alten Nikolai Ssergejewitsch. Doch ich muß sagen, daß auch Nikolai Ssergejewitsch sie fast ebenso liebte, wie seine Natascha. Er verstand es großartig, seine kleine Nelly zu erheitern: kaum war er in ihr Zimmer getreten, da hörte man sie schon beide lachen. Nelly wurde heiter und unartig wie ein kleines unvernünftiges Kind, kokettierte aber zwischendurch sogar mit dem Alten und lachte ihn aus, um ihm darauf mit ernstestem Gesicht ihre Träume zu erzählen, wobei sie jedesmal die ungeheuerlichsten Dinge erfand, die er ihr dann – gleichfalls mit vollkommen ernstem Gesicht – zu deuten versuchte, worauf er dann ihr wiederum seine Träume erzählte, bei welcher Gelegenheit er eine nicht minder blühende Phantasie entwickelte. Kurz, der Alte war von seinem „kleinen Töchterchen“ so eingenommen, daß er sich bald mit bloßer Liebe zu ihr nicht mehr begnügte und für sie einfach zu schwärmen begann.

„Gott hat sie uns zum Geschenk gemacht, damit uns die Freude, die sie uns bringt, für den Kummer dieses letzten Jahres entschädige,“ sagte er einmal zu mir, als er wieder ganz gerührt Nellys Zimmer verließ, nachdem er sie zur Nacht gesegnet hatte.

Die Abende verbrachten wir sehr gemütlich: gewöhnlich versammelten wir uns alle im Eßzimmer um den runden Tisch. Masslobojeff erschien fast an jedem Abend, der alte Doktor, der sich mit ganzem Herzen Ichmenjeffs angeschlossen hatte, erschien nicht so oft, aber immerhin ein paarmal in der Woche. Dann trugen wir Nelly aus ihrem Krankenzimmer zu uns und setzten sie in den Großvaterstuhl. Die Tür zum Garten stand weit offen und vor uns lag der grüne Rasenplatz im Licht der Abendsonne. Und es duftete nach frischem Grün und blühendem Flieder. Nelly rührte sich nicht in ihrem Großvaterstuhl, ganz still hörte sie unserem Gespräch zu und nur ihre Augen bewegten sich langsam, wenn sie vom einen zum anderen sah. Mitunter aber wurde auch sie lebhaft und begann, sich an unserer Unterhaltung zu beteiligen ... Nur muß ich gestehen, daß wir uns dann etwas beunruhigt fühlten, zumal sie auf Dinge zu sprechen kommen konnte, die sie an Vergangenes erinnern mußten, und das war es gerade, was wir ängstlich zu vermeiden suchten. Wir waren uns unserer Schuld sehr wohl bewußt, denn wenn sie uns damals nicht ihre Lebensgeschichte hätte erzählen müssen, wäre es vielleicht auch nicht zu jenem schweren Anfall gekommen, der dann den Ausbruch ihrer Krankheit zur Folge hatte. Auch der Doktor war sehr gegen diese Erinnerungen und so gaben wir uns in solchen Fällen gewöhnlich alle die größte Mühe, das Gespräch möglichst unauffällig auf neutrales Gebiet abzulenken. Dann bemühte sich wiederum Nelly, uns nicht merken zu lassen, daß sie unsere Absicht erriet, und sie begann mit dem Doktor und Nikolai Ssergejewitsch zu scherzen und zu lachen.

Und doch wurde es mit ihr von Tag zu Tag schlechter. Ihre nervöse Erregbarkeit nahm täglich zu und der Puls wurde immer unregelmäßiger. Der alte Doktor sagte mir, daß sie sogar sehr bald sterben könne.

Natürlich verriet ich das nicht den anderen, – ‚sie werden es ja noch früh genug erfahren,‘ sagte ich mir. Nikolai Ssergejewitsch war übrigens fest überzeugt, daß sie noch vor der Reise vollkommen gesund werden würde.

„Ah, da ist Papa schon zurückgekehrt!“ sagte Natascha, die seine Stimme gehört hatte. „Gehen wir, Wanjä.“

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