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Sämtliche Werke 19

Erster Teil (continued 3)

E. K. Rahsin translation

„Was ist geschehen?“

„Ich werde mich von ihm trennen.“

„Du hast dich schon getrennt oder du wirst dich trennen?“

„Mit diesem Leben muß ein Ende gemacht werden. Ich habe dich gerufen, um dir alles, alles, zu sagen, was sich in mir angesammelt hat und was ich bis jetzt dir gegenüber verschwiegen habe.“

So pflegte sie stets zu beginnen, wenn sie mir ihre geheimen Absichten mitteilen wollte, und stets erwies es sich, daß ich von diesem Geheimnis schon längst durch sie selbst unterrichtet war.

„Ach, Natascha, das habe ich schon tausendmal von dir gehört! Natürlich könnt ihr nicht zusammen leben, zwischen euch ist nichts Gemeinsames. Doch ... wirst du die Kraft dazu haben?“

„Früher hatte ich nur die Absicht, Wanjä, jetzt aber habe ich es beschlossen. Ich liebe ihn unendlich, doch bin ich für ihn sein ärgster Feind. Ich untergrabe ihm seine Zukunft. Man muß ihn befreien. Mich heiraten kann er nicht; er hat nicht die Kraft, gegen den Willen des Vaters zu handeln. Auch ich möchte ihn nicht an mich fesseln. Und deshalb bin ich sogar glücklich, daß er sich in die – Braut verliebt hat, die man ihm ausgewählt. Die Trennung von mir wird ihm leichter fallen. Ich muß es tun. Es ist meine Pflicht ... Wenn ich ihn wirklich liebe, so muß ich mich für ihn opfern. Das ist doch meine Pflicht! Nicht wahr?“

„Doch wirst du ihn nicht dazu bereden können.“

„Ich werde ihn auch garnicht dazu bereden. Ich werde so zu ihm sein, wie immer. Doch muß ich ein Mittel finden, damit er mich leicht und ohne Gewissensbisse verlassen kann. Das aber quält mich, Wanjä. Hilf mir. Kannst du mir einen Rat geben?“

„Dafür gibt es nur ein Mittel – einen anderen zu lieben, und nicht mehr ihn! Und kaum wäre das in diesem Falle ein Mittel. Du kennst doch seinen Charakter. Er ist jetzt fünf Tage nicht mehr bei dir gewesen. Nehmen wir an, er habe dich auf immer verlassen; du brauchtest ihm nur zu schreiben, daß du die Absicht hast, ihn zu verlassen, und er wird sofort zu dir gelaufen kommen.“

„Warum liebst du ihn nicht, Wanjä?“

„Ich –?“

„Ja, du, du! Du bist sein geheimer, sein wütendster Feind. Du kannst von ihm nicht ohne Haß sprechen. Ich habe es tausendmal bemerkt, daß es dir eine Genugtuung ist, ihn zu erniedrigen und anzuschwärzen! Besonders, ihn anzuschwärzen. Ja, so ist es, Wanjä!“

„Und tausendmal hast du es mir schon gesagt, Natascha. Genug, lassen wir das Gespräch.“

„Ich möchte in eine andere Wohnung ziehen,“ sagte sie nach längerem Schweigen. „Du, sei mir nicht böse, Wanjä ...“

„Nun, dann kommt er eben in die andere Wohnung. Ich, ich bin dir nicht böse.“

„Die neue Liebe ist stark und kann ihn zurückhalten. Wenn er zu mir kommen sollte, dann wird es doch nur auf einen Augenblick sein, was glaubst du?“

„Ich weiß es nicht, Natascha, bei ihm ist alles möglich, ich glaube, er kann die Andere heiraten und auch dich lieben. Er kann das alles zu gleicher Zeit.“

„Wenn ich wüßte, daß er sie wirklich liebt, so würde ich mich sofort entschließen ... Wanjä! verheimliche nichts vor mir! Weißt du irgend etwas, das du mir nicht sagen möchtest, oder nicht?“

Sie sah mich mit unruhigem, fragendem Blick an.

„Ich weiß nichts, Natascha, ich gebe dir mein Ehrenwort, ich habe dir nie etwas verheimlicht. Übrigens, was ich noch sagen wollte: vielleicht ist er garnicht so verliebt in die Stieftochter der Gräfin, wie wir es annehmen. Vielleicht ist er nur so ...“

„Glaubst du das, Wanjä? Gott, wenn ich es doch nur wüßte! Oh, wie würde ich in diesem Augenblick ihn sehen wollen. Ich würde aus seinem Gesicht alles erraten! Und er kommt nicht! Er kommt nicht!“

„Erwartest du ihn denn, Natascha?“

„Nein, er ist bei ihr; ich weiß es; ich habe auskundschaften lassen. Wie gerne würde auch ich sie sehen ... Höre, Wanjä, vielleicht ist es unsinnig von mir, doch sollte ich sie denn wirklich niemals sehen, nie ihr begegnen können? Was glaubst du, ist es wirklich unmöglich?“

Unruhig erwartete sie, was ich sagen würde.

„Sehen würdest du sie schon können, doch das ist dir wohl zu wenig?“

„Es würde ja genügen, sie nur zu sehen, dann würde ich auch schon alles andere wissen. Höre mich an: ich bin jetzt so dumm geworden; gehe hier auf und ab, auf und ab, immer allein, immer allein – und denke. Oft sind die Gedanken so schwer, daß sie mich wie ein Wirbelsturm niederreißen! Wanjä, kannst du nicht ihre Bekanntschaft machen? Die Gräfin, wie du mir damals selbst erzähltest, hatte doch deinen Roman sehr gelobt. Du gehst doch manchmal des Abends zum Fürsten R; sie verkehrt doch bei ihm. Lasse dich ihr vorstellen. Übrigens könnte dich auch Aljoscha ihr vorstellen. Sieh, und du würdest mir dann alles von ihr erzählen.“

„Natascha, lieber Freund, davon später. Hier handelt’s sich darum: glaubst du denn wirklich, daß du die Kraft dazu haben wirst? Sieh dich doch an, wie gequält und unruhig du bist.“

„Ich werde sie haben!“ antwortete sie kaum hörbar. „Alles für ihn. Mein ganzes Leben für ihn. Doch, weißt du, Wanjä, ich kann es nur nicht ertragen, daß er mich jetzt bei ihr so ganz vergißt, in diesem Augenblick vielleicht neben ihr sitzt, plaudert, lacht, weißt du, ganz wie er es hier tut ... ihr gerade in die Augen sieht, – er sieht immer gerade in die Augen – und es kommt ihm nicht einmal der Gedanke, daß ich hier bin ... mit dir ...“

Sie beendigte ihren Satz nicht und blickte mich mit Verzweiflung an.

„Wie denn, Natascha, soeben sagtest du doch noch, soeben ...“

„Nein, mögen wir alle zusammen auseinandergehen!“ unterbrach sie mich mit blitzenden Augen. „Ich selbst werde ihn segnen ... Doch schwer ist es, Wanjä, wenn er als erster mich vergißt! Ach, Wanjä, was sind das für Qualen! Ich selbst verstehe mich nicht: in Gedanken kann man alles, in Wirklichkeit jedoch nichts. Was wird aus mir werden!“

„Genug, genug, Natascha, beruhige dich! ...“

„Und jetzt schon seit fünf Tagen, jede Stunde, jede Minute ... im Traum, wenn ich wache oder schlafe ... immer denke ich an ihn, an ihn! Weißt du, Wanjä, gehen wir dahin, bringe mich hin!“

„Aber, Natascha!“

„Ja, gehen wir! Ich habe nur auf dich gewartet, Wanjä! Drei Tage lang habe ich nur darüber nachgedacht. Darum hatte ich dich gerufen ... Du mußt mich begleiten; du darfst es mir nicht abschlagen ... Ich habe auf dich gewartet ... drei Tage ... Dort ist heute ein Abend ... er ist dort ... gehen wir!“

Sie schien wie von Sinnen. Im Vorzimmer hörte man Stimmen. Mawra schien sich mit jemanden zu streiten.

„Warte, Natascha, wer ist da?“ fragte ich. „Höre!“

Mit ungläubigem Lächeln horchte sie auf, und plötzlich erblaßte sie.

„Mein Gott! Wer ist da?“ hauchte sie mit kaum hörbarer Stimme.

Sie wollte mich, glaube ich, zurückhalten, doch ich ging ins Vorzimmer zu Mawra. Also doch! Es war Aljoscha. Er stritt mit Mawra, die ihn anfangs gar nicht hereinlassen wollte.

„Wo kommst du denn her?“ rief Mawra, als ob sie ein Recht dazu hätte. „Was? Wo hast du dich herumgetrieben? Nun, geh nur, geh! Mir wirst du nichts vormachen! Marsch, wollen wir sehen, was du antworten wirst!“

„Ich fürchte niemanden! Ich werde eintreten!“ sagte Aljoscha, etwas konfus.

„Nun, mal los!“

„Ja, ich werde! Ah! Sie sind hier!“ sagte er, als er mich erblickte, „wie gut das ist, daß Sie hier sind! Nun, und ich, sehen Sie, wie soll ich jetzt ...“

„So kommen Sie doch einfach herein,“ antwortete ich, „was fürchten Sie denn?“

„Ich fürchte wirklich nichts, versichere Ihnen, denn ich bin, bei Gott, nicht schuld. Sie denken vielleicht, daß ich schuldig bin? Sie werden sehen, ich werde mich gleich verteidigen. Natascha, kann man eintreten?“ rief er plötzlich mit gemachter Dreistigkeit aus und blieb an der geschlossenen Tür lauschend stehen.

Niemand antwortete.

„Was bedeutet das?“ fragte er unruhig.

„Nichts, sie war soeben dort,“ antwortete ich, „was sollte denn sein ...“

Aljoscha öffnete vorsichtig die Tür und überflog mit schüchternem Blick das Zimmer. Niemand war da.

Plötzlich bemerkte er sie in einer Ecke neben einem Schrank und dem Fenster. Sie stand da, als hätte sie sich verstecken wollen, halb tot, halb lebendig. Und jetzt noch, wenn ich daran denke, kann ich mich eines Lächelns nicht erwehren. Aljoscha ging leise und vorsichtig auf sie zu.

„Natascha, was ist dir? Guten Tag, Natascha,“ sagte er schüchtern, und sah sie ängstlich an.

„Wieso, nichts ... nichts ...“ antwortete sie in schrecklicher Verwirrung, als fühlte sie sich schuldig. „Du ... willst du Tee?“

„Höre Natascha,“ sagte Aljoscha ganz verwirrt und verloren. „Du bist vielleicht überzeugt, daß ich schuldig bin ... Doch ich bin an nichts schuld, an nichts! Ich werde dir gleich alles erzählen.“

„Aber, warum denn das?“ murmelte kaum hörbar Natascha. „Nein, nein, das ist nicht nötig ... gib mir lieber die Hand ... und alles ist ... wie immer ...“

Und sie kam aus der Ecke heraus; leise Röte lag auf ihren Wangen. Sie hielt die Augen niedergeschlagen, als fürchtete sie sich, Aljoscha anzusehen.

„O, mein Gott!“ rief er außer sich vor Entzücken, „wenn ich mich wirklich schuldig fühlte, so würde ich wahrlich nicht gewagt haben, sie jetzt noch anzusehen! Sehen Sie, sehen Sie!“ rief er aus, zu mir gewandt: „Sie hält mich für schuldig; alles spricht gegen mich. Fünf Tage bin ich nicht zu ihr gekommen! Man sagt, ich sei bei der Braut – und was glauben Sie? Sie hat mir schon vergeben! Sie sagt mir: ‚Gib die Hand und alles ist wie früher!‘ Natascha, mein Täubchen, mein Engel! Ich bin nicht schuld daran, daß du es weißt! Ich bin nicht im geringsten schuld daran. Im Gegenteil! Im Gegenteil!“

„Aber ... aber wie kommst du denn hierhin ... Man hatte dich doch dahin gerufen? Wieviel Uhr ist es denn?“

„Halb elf! Ich war da ... doch ich sagte, ich sei krank und bin fortgefahren und – das ist das erste Mal, das erste Mal in diesen fünf Tagen, daß ich frei bin, daß ich mich von ihnen losmachen und zu dir fahren konnte, Natascha. Das heißt, ich hätte ja früher kommen können, doch wollte ich es absichtlich nicht! Und warum? Du wirst es gleich erfahren; ich werde alles erklären: ich bin deshalb gekommen, um alles zu erklären; nur bin ich diesesmal in nichts schuldig. In nichts!“

Natascha hob ihren Kopf und sah ihn an ... Sein Blick leuchtete so aufrichtig, sein Gesicht war so freudig erregt, so ehrlich und lustig, daß man ihm alles glauben mußte. Ich dachte, sie würden gleich mit einem Aufschrei aufeinander stürzen und sich umarmen, wie das früher in ähnlichen Fällen immer geschehen war. Doch Natascha, wie von zu viel Glück überschüttet, senkte nur ihren Kopf und begann plötzlich ... leise zu weinen ... Da konnte Aljoscha sich nicht mehr halten. Er stürzte zu ihren Füßen. Er küßte ihre Hände, ihre Füße. Er war außer sich. Ich schob ihr einen Sessel hin ... Ihre Knie wankten ... Sie warf sich in den Sessel.

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