Dritter Teil (continued 2)
E. K. Rahsin translation
„Sie kann dich auch sowieso nicht retten!“
Mit diesen Worten sprang Alexandra Ssemjonowna wie eine Feder hinter ihrem Teetisch hervor und ehe es sich Masslobojeff versehen konnte, hatte sie ihn an den Haaren gefaßt und ordentlich durchgerüttelt.
„Das hast du davon, das hast du davon, wage es noch einmal zu sagen, daß ich eifersüchtig bin, wage es, wage es noch einmal!“
Sie errötete über und über und wenn sie auch lachte, so mußte Masslobojeff ihren Ärger doch ordentlich verspüren.
„Von jeder Schande spricht er!“ fügte sie ernst, an mich gewandt, hinzu.
„Ach, Wanjä, so ist nun einmal mein Leben! Da hilft nur eines – Schnaps!“ beschloß Masslobojeff, brachte seine Haare in Ordnung und stürzte sich auf die Schnapskaraffe. Doch Alexandra Ssemjonowna hatte da schon vorgesehen, sie reichte ihm das Schnapsglas und streichelte ihm zärtlich die Backe. Masslobojeff blinzelte mir stolz zu, schnalzte mit der Zunge und leerte feierlich sein Glas.
„Was das Konfekt anbelangt,“ begann er und setzte sich zu mir auf den Diwan, „ich habe es gestern in einem Schmierladen in betrunkenem Zustande gekauft, wozu, – weiß ich selbst nicht. Vielleicht, um den vaterländischen Handel aufrecht zu erhalten, bestimmt kann ich es nicht sagen; ich weiß nur, daß ich damals betrunken in den Schmutz gefallen war, mir die Haare raufte und darüber weinte, daß ich zu nichts nütze sei. Das Konfekt hatte ich natürlich vergessen, es blieb bis gestern in der Tasche, erst als ich mich auf deinen Diwan setzen wollte, fühlte ich es plötzlich. Getanzt habe ich wohl aus demselben Grunde, ich war angetrunken, und bin ich dann mit meinem Schicksal zufrieden, so tanze ich immer. Das ist alles; vielleicht hat die kleine Waise mein Mitleid erregt und ich tanzte, um sie ein wenig zu erheitern. Auch wollte sie kein Wort mit mir sprechen und schien sehr böse auf mich zu sein.“
„Wolltest du nicht etwas von ihr erfahren, gestehe es offen: Du gingst zu ihr, weil du wußtest, daß ich nicht zu Hause sein würde. Ich weiß, daß du anderthalb Stunden bei ihr gewesen und sie ausgefragt hast unter dem Vorwande, daß du ihre Mutter gekannt.“
Masslobojeff lächelte verschmitzt.
„Die Idee wäre nicht schlecht,“ sagte er. „Nein, Wanjä, das ist es nicht. Das heißt, warum soll ich sie nicht bei Gelegenheit ausfragen; aber, wie gesagt, das ist es nicht. Höre, alter Freund, ich bin auch jetzt bereits betrunken, doch im allgemeinen weißt du, wird dich Filipp in einer schlechten Absicht nicht betrügen.“
„Nun, aber ohne eine schlechte Absicht?“
„Ohne eine schlechte Absicht. Zum Teufel damit, trinken wir eins, und dann – zur Sache! Ich habe alles erfahren, diese Bubnowa hat auf das Kind überhaupt kein Recht. Die Mutter schuldete ihr Geld und sie hat darauf das Kind an sich genommen. Wenn die Bubnowa auch ein böses Weib ist, dumm ist sie doch, wie alle Weiber. Die Verstorbene war im Besitz eines guten Passes; daher ist alles im reinen. Helene kann bei dir bleiben, solange du willst, gut wäre es jedoch, wenn sie in eine Familie käme, wo sie eine gute Erziehung erhalten könnte. Doch fürs erste kann sie bei dir bleiben. Ich werde schon für alles sorgen. Die Bubnowa wagt nicht einen Finger zu rühren. Von der Verstorbenen konnte ich nichts Bestimmtes erfahren. Sie war Witwe und hieß Salzmann.“
„Das hat mir auch Nelly gesagt.“
„Nun, das ist alles. Jetzt, Wanjä,“ begann er mit einer gewissen Feierlichkeit, „habe ich eine Bitte an Dich. Du mußt sie erfüllen. Erzähle mir so ausführlich als möglich, was du für Geschäfte hast, wohin du täglich gehst? Ich habe manches zum Teil erfahren, doch möchte ich darüber ausführlicher unterrichtet sein.“
Diese Feierlichkeit erstaunte und beunruhigte mich.
„Was soll das? Wozu mußt du das wissen? Du fragst so feierlich ...“
„Siehst du, Wanjä, alle überflüssigen Worte beiseite: ich möchte dir einen Dienst erweisen. Denn, Bruderherz, wenn ich wollte, könnte ich dich auf schlaue Weise ausforschen, so, wie du es glaubst, daß ich es bei der Kleinen durch Konfekt versucht hätte; ich habe es sofort verstanden. Da ich dich aber höchst feierlich darum bitte, so weißt du, daß ich dich im Ernst und in deinem Interesse ausfrage. Du brauchst mich also nicht zu verdächtigen und kannst mir die Wahrheit sagen.“
„Welchen Dienst willst du mir denn erweisen? Höre, Masslobojeff, warum willst du mir nichts vom Fürsten erzählen? Das wäre der einzige Dienst, den du mir erweisen könntest.“
„Vom Fürsten? Hm! ... Nun, geradeaus gesagt: ich möchte dich ja in Angelegenheiten des Fürsten ausfragen.“
„Wie?“
„Ich habe bemerkt, Bruderherz, daß er sich in deine Angelegenheiten einmischen möchte; er hat mich übrigens über dich ausgefragt. Wie er es erfahren, daß wir miteinander bekannt sind – das ist schon nicht mehr deine Sache. Die Hauptsache aber: hüte dich vor ihm. Das ist ein Judas und noch weit schlimmer. Ich zittere darum für dich. Übrigens weiß ich sonst gar nichts, darum bitte ich dich mir alles zu erzählen, damit ich darüber urteilen kann ... Darum habe ich dich heute hergebeten. Das ist die wichtige Angelegenheit, wenn ich schon aufrichtig sein soll.“
„Etwas wenigstens wirst du schon wissen, und wenn auch nur das, weshalb ich gerade vor dem Fürsten auf der Hut sein soll.“
„Nun gut, also sei’s denn! Du mußt nämlich wissen, Bruderherz, daß man sich so im allgemeinen mitunter an mich wendet, wenn es sich um verzwickte Fälle handelt. Aber eines überlege dir vorher: vertrauen mir doch die meisten nur deshalb, weil ich kein Schwätzer bin – wie also soll ich dir nun etwas erzählen? Deshalb, weißt du, schraube deine Ansprüche nicht gar zu hoch und nimm damit fürlieb, was ich dir so in Bausch und Bogen erzähle, denn ich tu’s ja nur, um dir eine Ahnung davon zu geben, als was für ein bodenloser Schuft er sich nach alledem entpuppt hat. Na, aber zuerst fange du an von deinen Sachen.“
Ich überlegte ein wenig, was ich ihm denn erzählen sollte, mußte mir aber sagen, daß ich schließlich nichts vor ihm zu verheimlichen hatte. Nataschas Erlebnisse waren kein Geheimnis; zudem konnte ich von Masslobojeff vielleicht noch etwas erfahren, das sich zu ihrem Nutzen verwenden ließ. Selbstverständlich bemühte ich mich, in meiner Erzählung gewisse Punkte nach Möglichkeit zu umgehen. Am meisten jedoch interessierte ihn alles, was ich ihm über den Fürsten erzählen konnte; er unterbrach mich sogar mehrmals mit verschiedenen Fragen und bat mich, vieles nochmals zu erzählen, so daß ich ihm zu guter Letzt doch alles ziemlich ausführlich erzählt hatte, was ungefähr eine gute halbe Stunde in Anspruch nahm.
„Hm!“ meinte er zum Schluß, „jedenfalls ein verteufelt gescheites Mädel. Wenn sie den Fürsten vielleicht auch nicht ganz durchschaut, so hat sie doch wenigstens sofort erkannt, welcher Art dieser Mensch ist und nach dieser Erkenntnis ohne weiteres jede Beziehung zu ihm abgebrochen. Bravo, Natalja Nikolajewna! Ich trinke auf ihr Wohl!“ – Er leerte sein Glas bis zur Nagelprobe –. „Dazu gehörte nicht nur Verstand, dazu gehörte vor allen Dingen Herz! Hier galt es, mutig dem Feind ins Angesicht zu schauen und sich nicht vom Gefühl verleiten zu lassen. Und sie hielt stand! Natürlich hat sie damit jede Hoffnung verspielt. Der Fürst wird jetzt mit allen Mitteln darauf hinwirken, daß Aljoscha sie verläßt, und der wird sie sicherlich verlassen. Aber Ichmenjeff tut mir leid, – zehntausend Rubel diesem Schurken zahlen zu müssen! Aber wer hat denn auch seine Sache geführt, wer? Natürlich er selbst! Das ist’s ja! Aber so sind sie nun einmal alle, diese Ehrenmänner und Hitzköpfe! Das sind mir gerade die richtigen Advokaten! Diesen Fürsten hätte man ganz anders anfassen sollen. Und was für einen Advokaten ich dem Ichmenjeff hätte verschaffen können! – Teufel noch einmal!“
Vor Ärger schlug er sogar mit der Faust auf den Tisch.
„Nun, und wie steht es denn jetzt mit dem Fürsten?“
„Ach, da kommst du wieder mit dem Fürsten! Tja, Mensch, was soll ich dir denn sagen? ... Es war überhaupt eine Dummheit von mir, so etwas zu versprechen. Aber ich wollte dich, weißt du, eigentlich nur warnen, um dich beizeiten sozusagen gegen seinen Einfluß zu verbarrikadieren. Wer sich mit ihm einläßt, der ist nicht ungefährdet. Deshalb spitze die Ohren, Freund Wanjä, so, und das ist alles, was ich dir zu sagen habe. Du dachtest wohl, ich würde dir Gott weiß was für Pariser Geheimnisse mitteilen? Gefehlt! Da sieht man gleich den Schriftsteller, der den Kopf voll von Romanen hat! ... Was soll ich dir denn von diesem Schurken erzählen? Ist er einmal ein Schurke, nun, dann ist er eben einer ... Na, schließlich so als Beispiel, weißt du, könnte ich dir eventuell noch so ’n kleines Geschichtchen erzählen, nur – versteht sich – ohne Angabe von Ort und Zeit, ohne Städte oder Personen zu nennen, also ohne jede kalendarische Genauigkeit. Bist du damit einverstanden? – Na, dann höre zu. Du weißt, daß er in seiner ersten Jugend, als er noch mit seinem mageren Kanzleigehalt auskommen mußte, eine reiche Kaufmannsfrau geheiratet hatte. Nun, diese Person soll er aber nichts weniger als höflich behandelt haben, und wenn es sich jetzt auch nicht um sie handelt, so will ich doch die Bemerkung hier einflechten, Freund Wanjä, daß er sein Leben lang gerade diese Art Erwerb jedem anderen vorgezogen zu haben scheint. So zum Beispiel auch in folgendem Fall. Fuhr er da einmal ins Ausland, wie man so eben fährt ...“
„Erlaub, Masslobojeff von welcher Reise redest du? In welchem Jahre?“
„Das war vor genau neunundzwanzig Jahren und drei Monaten. Nun und da machte er eines schönen Tages einem alten Vater die einzige Tochter abspenstig und entführte sie nach Paris. Kurz: er verstand die Geschichte gut einzufädeln. Der Vater war so etwas wie ein reicher Fabrikbesitzer oder, sagen wir, ein Aktionär, der an irgend einem ähnlichen Unternehmen stark beteiligt war. Genau weiß ich es nicht. Du, was ich dir jetzt so erzähle, sind nur meine eigenen Kombinationen, die ich mir mit freier Dichtergabe aus verschiedenen gegebenen Momenten zusammenbaue. Nun und der Fürst wußte ihn geschickt zu betrügen und sich gleichfalls in das Unternehmen hineinzuschmuggeln. Also er betrog ihn gründlich und nahm ihm obendrein noch bares Geld ab. Was nun dieses bare Geld betrifft, so hatte der Alte dafür natürlich gewisse Papiere vom Fürsten in den Händen. Der Fürst aber wollte das Geld so von ihm geliehen haben, daß er es nicht mehr zurückzugeben brauchte, wollte es also, prosaisch ausgedrückt und nach unseren Begriffen, einfach stehlen. Dieser Alte hatte nun, wie gesagt, eine Tochter, und diese seine einzige Tochter war eine Schönheit, und in diese Schönheit hatte sich ein junger Idealist verliebt – solch ein Seitenstück von Schiller, weißt du – ein Dichterling, der aber zugleich auch Kaufmann war, ein junger Träumer und Schwärmer – mit einem Wort: ein echter Deutscher, Pfefferkuchen oder so ungefähr mit Namen.“
„Wie? Sein Familienname war Pfefferkuchen?“
„Na, vielleicht wars nicht gerade Pfefferkuchen, ich will es nicht verschwören, und im übrigen hole ihn der Teufel, nicht um ihn handelt es sich jetzt. Nur war der Fürst im Verkehr mit der Tochter von gewinnenden Umgangsformen, daß sie sich bis zum Wahnsinn in ihn verliebte. Dem Fürsten aber erschienen damals namentlich zwei Dinge erstrebenswert: erstens, in den Besitz der Tochter und zweitens in den der bewußten Dokumente zu gelangen, die schwarz auf weiß bestätigten, daß er vom Alten jene Summe geliehen erhalten hatte. Die Schlüssel aller Geldschränke und Kassetten des Alten bewahrte jedoch die Tochter auf, denn der Alte liebte sein einziges Kind geradezu sinnlos, nämlich dermaßen, daß er sie unter keiner Bedingung verheiraten wollte. Tatsache! Auf jeden Freiersmann war er eifersüchtig, und konnte es nicht begreifen, daß er sich einmal doch von ihr würde trennen müssen. Selbst den armen Pfefferkuchen jagte er zum Teufel. Er war eben ein ganzer Sonderling, und dazu noch ein Engländer ...“
„Ein Engländer? Ja, aber wo ist denn das alles passiert?“
„Das heißt, nein, sieh mal: ich habe nur so gesagt, ‚ein Engländer‘, bloß weil es sich gerade so machte, du aber mußt es natürlich sofort aufgreifen! Herrgott, bewahre einen vor Schriftstellern! Geschehen aber ist’s in Santa Fé de Bogotá, vielleicht aber auch in Krakau oder, was am wahrscheinlichsten ist, im Fürstentum Nassau, – sieh mal, das hier auf der Seltersflasche steht. Also wie gesagt: in Nassau. Bist du jetzt zufrieden? Also der Fürst entführte die Tochter und die Tochter entführte wiederum auf Wunsch des Fürsten gewisse Dokumente. Gibt es doch solch eine Liebe, Wanjä! Pfui, Teufel! Und das Mädel war doch ein edles, reines, ideales Geschöpf! Freilich hat sie wohl von der Bedeutung dieser Papiere keinen ganz zutreffenden Begriff gehabt. Nur eines machte ihr Sorge: der Vater würde sie verstoßen. Doch der Fürst war auch diesem Hindernis gewachsen: er verpflichtete sich schriftlich, formell und gesetzlich, daß er sie heiraten werde. So redete er ihr denn ein, daß sie nur so ein wenig reisen würden, bis der Zorn des Alten sich gelegt, dann aber würden sie vermählt zurückkehren und zu dreien glücklich und einträchtig beisammen leben, Geld verdienen und sich freuen, und so weiter ad infinitum. Und so entfloh sie denn mit dem Fürsten, der Alte verfluchte sie und damit war er gleichzeitig bankrott. Ihr folgte aber nach Paris jener Frauenmilch, der um ihretwillen alles, sogar sein Geschäft, verließ; er war nämlich gar zu sehr in sie verliebt ...“
„Erlaub! Was für ein Frauenmilch?“
„Ach, nun, zum Teufel mit ihm! Ich meinte jenen Feuerbach ... nein, wart mal, wie hieß doch der verwünschte Kerl? Pfefferkuchen! Na, also – diesen Pfefferkuchen meinte ich, wie gesagt. Der Fürst aber konnte sie doch natürlich nicht heiraten, denn, nicht wahr: was würde die Fürstin Soundso dazu sagen? Wie würde sich Baron Pomoikin darüber äußern? Folglich hieß es: betrügen. Nun und das tat er denn auch, tat es aber doch gar zu gemein. Erstens prügelte er sie fast, zweitens lud er absichtlich den Pfefferkuchen ein, und der begann sie denn auch richtig zu besuchen, und bald verbrachte er mit ihr ganze Abende in gemeinsamer Trauer oder tröstete sie als ihr aufrichtiger Freund, der er nun einmal war. Alles in allem wird es bei ihnen nur ein Gemisch von Romantik und Mitleid mit sich selber gewesen sein. Kennt man. Der Fürst aber wußte die Geschichte so zu drehen, daß er sie einmal spät abends überraschte: und da behauptete er frech, daß sie sich vergessen hätten, er habe es mit eigenen Augen gesehen, usw. usw. ... Das kam natürlich zu einer großen Szene, die damit endete, daß er sie beide vor die Tür setzte und selber nach London reiste. Sie aber war damals bereits stark in Umständen: kaum hatte er sie verstoßen, da gebar sie auch schon ein Töchterchen ... das heißt, nicht ein Töchterchen, sondern einen Sohn, jawohl gerade ein Söhnchen, verlaß dich drauf. Es wurde denn auch ohne viel Umstände Wolodjka[4] getauft. Pfefferkuchen hob ihn noch aus der Taufe. Nun, und so reiste sie denn mit dem Pfefferkuchen weiter. Der besaß nämlich ein kleines Kapital. Sie reisten in der Schweiz, in Italien ... in all diesen poetischen Ländern, weißt du, so wie es sich eben gehört. Jene weinte und Pfefferkuchen sah aus wie sieben Tage Regenwetter, das Töchterchen aber wuchs heran. Somit wäre für den Fürsten die ganze Angelegenheit aufs angenehmste erledigt gewesen, wenn – ja, wenn er auch sein schriftliches Eheversprechen von ihr zurückerhalten hätte. ‚Ein niedriger, verächtlicher Mensch bist du,‘ hat sie ihm zum Abschied gesagt, ‚du hast mich bestohlen, du hast mich entehrt und jetzt verläßt du mich. Nun gut! Aber dein Versprechen gebe ich dir nicht zurück. Nicht deshalb, weil ich dich jemals noch heiraten wollte, sondern einfach, weil du dieses Dokument fürchtest. So mag es denn ewig in meinen Händen bleiben.‘ Mit einem Wort, sie ließ sich ein wenig hinreißen, doch übrigens beunruhigte sich der Fürst dieserhalb nicht allzu sehr. Überhaupt ist solchen Schurken nichts vorteilhafter, als es mit solchen sogenannten höheren Wesen zu tun zu haben. Sie sind so edeldenkend, daß man sie mit größter Leichtigkeit betrügen kann, erstens; und zweitens antworten sie auf jeden Betrug mit nichts als erhabener, edler Verachtung, anstatt mit praktischer Anwendung des Gesetzes, selbst wenn dieses Gesetz sich auch noch so vorteilhaft für sie anwenden ließe. Da haben wir ein Beispiel in dieser Frau: sie begnügte sich vollkommen damit, ihn stolz verachten zu können, und wenn sie auch das eine bewußte Dokument zurückbehielt, so hätte sie sich doch eher erhängt, als davon Gebrauch gemacht. Und das wußte der Fürst und deshalb ließ er sich auch ihretwegen weiter keine grauen Haare wachsen, wenigstens vorläufig nicht. Sie aber blieb, wenn sie ihm auch moralisch ins Gesicht gespien, doch verlassen und einsam mit ihrem Kinde zurück, – mit dem Wolodjka. Stirbt sie heute oder morgen, was soll dann aus dem Wurm werden? Und ihr Freund, dieser Schmachtlappen Bruderschaft, bestärkte sie natürlich noch darin, anstatt ihr Vernunft zuzureden! Wahrscheinlich lasen sie gemeinsam Schiller. Schließlich aber erkrankte Bruderschaft doch mal irgendwie und starb.“
„Das heißt, Pfefferkuchen?“
„Na, ja, versteht sich doch, hol ihn der Teufel! Sie aber ...“
„Erlaub! Wieviel Jahre reisten sie denn zusammen?“
„Genau zwölf Jahre. Nun, sie aber kehrte, als er gestorben war, nach Krakau zurück. Der Vater nahm sie natürlich nicht auf, verfluchte sie, und schließlich starb sie, der Fürst aber pfiff darob Halleluja vor Freude. Na ja, und so weiter – trinken wir, Wanjä!“
„Ich vermute, daß du ihm in dieser Angelegenheit behilflich gewesen bist, Masslobojeff.“
„Das ist es wohl, was du gerade wünschst?“
„Ich verstehe nur nicht, was du in dieser Angelegenheit hast ausrichten können.“
„Ja, sieh mal: als sie nach Madrid zurückkehrte – nach zehnjähriger Abwesenheit – da hieß es vor allen Dingen: auskundschaften, unter welchem Namen sie lebte, wo der Bruderschaft geblieben war und wo der alte Vater, und ob es auch wirklich sie selber war und wie es mit dem Kinde stand, und dann, ob sie auch wirklich gestorben war und ob sie Papiere hinterlassen hatte, und so weiter in lieblicher Reihenfolge. Und dann gab es noch so diese und jene Persönlichkeit, die uns interessierte. Wie gesagt: er ist der gemeinste Mensch, der mir je in die Quere gekommen ist, hüte dich vor ihm, Wanjä! Was aber den Masslobojeff betrifft, so merke dir folgendes: nenne ihn nie und unter keinen Umständen einen Schuft! Denn wenn er auch einer ist – meiner Meinung nach ist jeder Mensch in irgendeiner Hinsicht unfehlbar ein Schuft – so hat er doch dir speziell nichts Übles getan. Ich bin zwar stark betrunken, Bruderherz, doch wenn du Ohren hast zu hören, dann höre jetzt: sollte es dir jemals, sei es jetzt, bald oder erst im nächsten Jahr, mal scheinen, daß Masslobojeff in irgendeiner Angelegenheit gegen dich intrigiert hat – und, bitte, vergiß nicht den Ausdruck ‚intrigiert‘ – so wisse, daß er nie eine böse Absicht gehabt hat. Masslobojeff beobachtet dich bloß. Und deshalb schenke keinem Verdacht Glauben, sondern sei gescheiter und komme dann persönlich zu diesem Masslobojeff und rede mit ihm mündlich und brüderlich. Nun, willst du jetzt nicht trinken?“
„Nein.“
„Aber wie verhältst du dich zu einem kleinen Imbiß?“
„Nein, Freund, entschuldige, aber ...“
„Na, dann pack dich zum Teufel, es ist auch schon zehn Minuten vor neun, – damit ist es Zeit für dich.“
„Wie? was? Jetzt hat er sich angetrunken und da jagt er selbst den Gast fort! So ist er ja immer! Ach, du Unverschämter!“ rief Alexandra Ssemjonowna ganz erschrocken aus; sie war fast dem Weinen nahe.
„Alexandra Ssemjonowna, laß ihn nur, er hat es eilig, und wir, meine Liebe, wir werden allein zurückbleiben und uns gegenseitig vergöttern. Er aber, weißt du, ist ein ganzer General! Nein, verzeih, Wanjä, du bist kein General, ich aber – ich, siehst du, ich bin – ein Schuft! Sieh mal, wie sehe ich jetzt aus? Als was stehe ich vor dir da? Vergib, Wanjä, verurteile mich nicht, laß mich mein Herz ausschütten ...“
Er umarmte mich und Tränen traten ihm in die Augen. Ich begann, mich zu verabschieden.
„Ach, mein Gott, und er geht auch wirklich! Und bei uns ist schon der ganze Abendbrottisch gedeckt!“ klagte Alexandra Ssemjonowna tief betrübt. „Aber Freitag werden Sie doch zu uns kommen?“
„Unfehlbar, Alexandra Ssemjonowna, ich gebe Ihnen mein Wort darauf.“
„Vielleicht schämen Sie sich, mit uns zu verkehren, weil ... Sie sehen doch, wie er jetzt ist – ganz betrunken! Aber er ist ein guter Mensch, Iwan Petrowitsch, ein sehr guter Mensch, und wie gern er Sie hat! Tag und Nacht erzählt er mir jetzt nur noch von Ihnen, hat mir sogar Ihre Bücher gekauft, nur habe ich sie noch nicht gelesen – die Zeit vergeht so schnell! – aber morgen werde ich bestimmt damit beginnen. Und wie ich mich erst freuen werde, wenn Sie kommen! Ich sehe doch hier so gut wie gar keine Menschen, niemand besucht uns doch! Alles haben wir und dabei sitzen wir tagaus tagein allein zu Haus. Jetzt saß ich da und hörte zu, wie Sie sprachen, und wie war das schön ... Also Freitag dann!“
VII.
Ich ging und beeilte mich, schnell nach Hause zu kommen: Masslobojeffs letzte Bemerkung hatte mich stutzig gemacht. Ich muß sagen, daß mir darob die seltsamsten Gedanken durch den Kopf fuhren ... Und ich täuschte mich auch nicht. Zu Hause erwartete mich eine Überraschung, die mich wie ein elektrischer Schlag erschütterte.
Vor dem Tor des Hauses, in dem ich wohnte, stand eine Straßenlaterne. Ich war gerade im Begriff, einzutreten, als sich plötzlich vom Laternenpfosten eine seltsame Gestalt löste und auf mich zustürzte, so daß ich vor Schreck sogar aufschrie, als ich so plötzlich dieses zitternde, entsetzte, halb wahnsinnige Wesen erblickte, das sich im Augenblick wie verzweifelt an meine Arme klammerte.
Es war Nelly.
„Nelly! Was fehlt dir!“ rief ich, „was tust du hier?“
„Dort oben ... sitzt er ... bei uns!“
„Wer? Wer sitzt dort? ... Gehen wir, komm mit mir hinauf.“
„Ich will nicht, ich will nicht! Ich werde warten, bis er fortgegangen ist ... hier im Flur ... ich will nicht!“
Mit einem seltsamen Vorgefühl stieg ich die Treppen hinauf: ich öffnete die Tür und erblickte den Fürsten. Er saß am Tisch und las einen Roman. Wenigstens lag das Buch aufgeschlagen vor ihm.
„Iwan Petrowitsch! Da sind Sie ja!“ rief er erfreut aus. „Es freut mich, daß Sie endlich zurückgekehrt sind. Ich wollte soeben wieder gehen. Habe über eine Stunde auf Sie gewartet. Ich mußte heute der Gräfin auf ihre dringende Bitte versprechen, daß ich nicht ohne Sie bei ihr erscheinen würde. Sie hat mich so sehr darum gebeten, denn sie will Sie unbedingt kennen lernen. Und da ich bereits Ihr Versprechen hatte, beschloß ich, persönlich bei Ihnen vorzusprechen, und zwar etwas früher, um Sie noch zu Hause anzutreffen und Ihnen die Einladung der Gräfin übermitteln zu können. Denken Sie sich meine Enttäuschung, als ich hier eintrat und Ihre Aufwärterin mir nur sagen konnte, daß Sie ausgegangen seien. Was sollte ich tun! Hatte ich mich doch ehrenwörtlich verpflichtet, nicht ohne Sie bei der Gräfin zu erscheinen! So setzte ich mich denn, um etwa eine Viertelstunde auf Sie zu warten. Und nun sehen Sie, was aus der Viertelstunde geworden ist! Ich schlug Ihren Roman auf und vertiefte mich in ihn. Iwan Petrowitsch! Das ist ja doch vollendet! Ich kann nur sagen, daß man Sie dann überhaupt nicht versteht! Sie haben mich ja fast zu Tränen gerührt, ich weinte geradezu, und das pflegt bei mir nicht oft zu geschehen ...“
„So wünschen Sie, daß ich mit Ihnen zur Gräfin fahre? Offen gestanden, ich habe jetzt ... wenn ich auch durchaus nicht abgeneigt bin ...“
„O, um Himmels willen, Sie müssen unbedingt! Bedenken Sie nur, was Sie mir antun? Ich habe mich doch ehrenwörtlich verpflichtet und hier habe ich anderthalb Stunden auf Sie gewartet! Zudem muß ich notwendig mit Ihnen reden, – Sie können sich wohl denken, worüber. Sie sind in alle diese Verhältnisse bedeutend besser eingeweiht als ich ... Wir könnten vielleicht etwas Entscheidendes beschließen ... Nein, Sie dürfen die Aufforderung nicht zurückweisen!“
Ich sagte mir, daß ich doch sowieso einmal würde hinfahren müssen. Zwar wußte ich, daß Natascha allein war und mich erwartete, aber andererseits hatte sie mich doch ausdrücklich gebeten, so bald als möglich Katjäs Bekanntschaft zu machen. Außerdem war es nicht ausgeschlossen, daß ich Aljoscha dort antraf ... Und da ich wußte, daß Natascha sich nicht eher beruhigen würde, als bis ich ihr Nachricht von Katjä brachte, entschloß ich mich, die Aufforderung des Fürsten anzunehmen. Doch mich beunruhigte noch Nelly.
„Einen Augenblick,“ sagte ich zum Fürsten und trat auf die Treppe hinaus. Nelly stand nicht weit von meiner Zimmertür in einem dunklen Winkel des Flurs.
„Warum kommst du nicht ins Zimmer, Nelly? Was hat er dir getan? ... Was hat er dir denn gesagt?“
„Nichts. – Ich will nicht, ich will nicht ... ich fürchte mich ...“
Ich versuchte sie zu bereden, doch vergeblich. So sagte ich ihr denn, daß sie, sobald ich mit dem Fürsten aus dem Zimmer trete, schnell durch die Tür schlüpfen und sie von innen verriegeln sollte.
„Und daß du nicht aufmachst, wenn jemand an die Tür klopft, hörst du, Nelly? Und wenn man dich auch noch so bittet.“
„Und Sie gehen mit ihm fort?“
„Ja, ich gehe mit ihm fort.“
Sie erzitterte und ergriff meine Hand, als wolle sie mich anflehen, nicht mit dem Fürsten fortzugehen, doch sagte sie kein Wort. Ich nahm mir vor, sie am nächsten Tage nach dem Grunde ihres seltsamen Benehmens zu fragen.
Ich machte darauf beim Fürsten meine Entschuldigung und begann mich anzukleiden. Er versicherte zwar, daß ich mich zu einem Besuch bei der Gräfin durchaus nicht umzukleiden brauche, meinte aber schließlich, nach einem peinlich prüfenden Blick auf mein Äußeres, daß es ja freilich immer besser sei, gewisse gesellschaftliche Vorurteile nicht ganz außer acht zu lassen.
„... Denn den Äußerlichkeiten wird in unseren Kreisen oft genug eine viel zu große Bedeutung beigemessen. Das ist nun leider einmal so,“ schloß er, offenbar angenehm berührt, als er sah, daß ich einen Frack besaß.
Wir traten hinaus. Auf der Treppe bat ich ihn aber, noch einen Augenblick zu warten: ich kehrte ins Zimmer zurück, um mich nochmals von Nelly, die inzwischen schon hineingeschlüpft war, zu verabschieden. Sie zitterte vor Aufregung und ihr Gesicht war bläulich weiß, sodaß ich förmlich erschrak; es fiel mir schwer, sie so allein zurückzulassen.
„Eine sonderbare Aufwärterin haben Sie, das muß ich sagen,“ wandte sich der Fürst auf der Treppe an mich, während wir hinabstiegen. „Dieses kleine Mädchen ist doch Ihre Aufwärterin?“
„Nein ... sie ist nur so ... sie lebt vorläufig bei mir.“
„Ja, sie ist sehr sonderbar. Ich glaube sogar, daß sie geistig nicht ganz normal ist. Stellen Sie sich vor: nachdem sie mir zuerst ganz bescheiden auf meine Fragen geantwortet, schreit sie plötzlich, wie sie mich genauer ansieht, laut auf, erzittert am ganzen Körper, krallt sich an meinen Überzieher, will etwas sagen – kann aber vor Erregung keinen Laut hervorbringen. Ich muß gestehen, daß mir sogar angst und bange wurde und ich mich bereits in Sicherheit bringen wollte, doch zum Glück lief sie selbst von mir fort. Ich war nicht wenig verwundert. Wie haben Sie sich nur mit ihr einleben können?“
„Sie hat epileptische Anfälle,“ sagte ich.
„Ah, also das ist es! Nun, dann wundert es mich weiter nicht ... wenn sie überhaupt unnormal ist ...“
Da kam mir auf einmal der Gedanke, daß Masslobojeffs letzter Besuch bei mir während meiner Abwesenheit (obschon er genau gewußt hatte, daß ich nicht zu Hause sein konnte!), daß mein Besuch bei Masslobojeff vor wenigen Stunden, daß Masslobojeffs trunkene und trotz der Betrunkenheit ungern erzählte Geschichten, ferner seine Aufforderung, heute um sieben Uhr bei ihm zu sein, sowie die Ratschläge, ihn nicht für einen Schuft zu halten, und endlich dieser Besuch des Fürsten, der vielleicht darüber unterrichtet war, daß ich mich bei Masslobojeff befand – kurz: daß alle diese seltsamen Geschehnisse irgendwie miteinander in Zusammenhang standen. Was war da natürlicher, als daß ich nachdenklich wurde?
Vor der Haustür erwartete uns das Gefährt des Fürsten.
VIII.
Bis zur Gräfin war es nicht sehr weit: sie wohnte in der Nähe der Handelsbrücke. Eine Weile schwiegen wir. Ich dachte die ganze Zeit: wovon wird er mit mir zu reden beginnen? Es schien mir, daß er mich prüfen, sondieren und ausforschen wolle. Doch zu meiner Überraschung begann er ohne alle Umschweife sogleich von der Sache selbst.
„Ich mache mir jetzt in einer Angelegenheit große Sorgen, Iwan Petrowitsch,“ hub er an, „da will ich Sie nun um Ihren Rat bitten und überhaupt Ihre Meinung hören. Ich habe nämlich schon längst beschlossen, das von mir im Prozeß gewonnene Geld Herrn Ichmenjeff abzutreten. Wie soll ich das nun machen?“
Es kann doch nicht sein, dachte ich, daß er nicht weiß, wie er es machen soll! Oder sollte er sich nur über mich lustig machen wollen?
„Das weiß ich nicht, Fürst,“ versetzte ich möglichst unbefangen. „In jeder anderen Frage, das heißt, namentlich was Natalja Nikolajewna betrifft, bin ich bereit, Ihnen die für Sie und uns alle notwendigen Erklärungen abzugeben, doch in dieser Angelegenheit wissen Sie natürlich besser Bescheid als ich.“
„Nein, nein, wieso, ganz im Gegenteil! Sie sind mit der ganzen Familie gut bekannt und vielleicht hat Ihnen sogar Natalja Nikolajewna ihre diesbezüglichen Gedanken mitgeteilt. Das aber wäre für mich eine sehr erwünschte Richtschnur. Sie könnten mir viel helfen, denn die Sache ist verzwickter, als man glaubt. Ich bin bereit, ihm das Geld zu überlassen, und ich werde es auch unfehlbar tun, gleichviel wie die anderen Dinge sich gestalten sollten. Doch wie, in welcher Form wäre diese Abtretung des Geldes am richtigsten – das ist die Frage. Sie verstehen mich doch? Nun, sehen Sie: der Alte ist doch sehr stolz und sehr eigensinnig, da könnte er mir ja noch zum Dank für meine Gutmütigkeit das Geld ins Gesicht werfen ...“
„Erlauben Sie: als was betrachten Sie dieses Geld, wenn ich fragen darf? Als sein oder als Ihr Eigentum?“
„Den Prozeß habe ich gewonnen, folglich als mein Eigentum.“
„Nun wohl, aber vor Ihrem Gewissen?“
„Selbstverständlich als mein Eigentum,“ versetzte er, ein wenig pikiert durch meine unhöfliche Frage. „Übrigens scheinen Sie über den Sachverhalt nicht ganz unterrichtet zu sein. Ich habe den Alten durchaus nicht eines bewußten, vorgefaßten Betruges beschuldigt, und ich gestehe Ihnen, daß ich ihn zu einer solchen Tat nie für fähig gehalten hätte. Es war sein eigener freier Wille, sich in seiner Ehre verletzt zu fühlen. Seine Schuld besteht nur in seiner Unachtsamkeit, in seiner sorglosen Verwaltung des ihm anvertrauten Vermögens. Unserer alten Abmachung gemäß aber hat er seine Handlungsweise zu verantworten. Sie wissen auch, daß es sich im Grunde gar nicht darum handelt, sondern einfach nur um unseren Streit, den wir damals hatten, um die gegenseitigen Kränkungen, – mit einem Wort: um unsere verletzte Eigenliebe. Ich hätte unter anderen Umständen vielleicht überhaupt nicht an diese lumpigen zehntausend Rubel gedacht. Doch es dürfte Ihnen wohl nicht unbekannt sein, weshalb dann dieser ganze Prozeß begann. Ich gebe gern zu, daß ich vielleicht zu argwöhnisch, daß ich sogar im Unrecht war – das heißt: nur damals! – doch der Ärger über seine Grobheiten verwirrte mich, und da wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Das wird Ihnen vielleicht nicht gerade edel erscheinen, aber ich will mich ja auch gar nicht rechtfertigen. Ich meine nur, daß eine Handlungsweise, die Ärger und hauptsächlich gereizte Eigenliebe diktiert haben, noch nicht als ausschlaggebender Beweis für absoluten Mangel an Ehrgefühl angesehen werden kann. Vielmehr ist sie etwas ganz Natürliches, menschlich Verständliches. Und ich sage Ihnen nochmals, daß ich den alten Ichmenjeff damals so gut wie gar nicht kannte und nur all diesen Gerüchten über Aljoscha und seine Tochter Glauben schenkte, folglich aber konnte ich auch an eine beabsichtigte Entwendung des Geldes glauben ... Doch das ist ja Nebensache. Die Hauptsache ist, was ich jetzt tun soll. Verzichte ich auf das Geld, während ich mich doch gleichzeitig durchaus im Recht fühle, so heißt das, daß ich es ihm schenke. Und wenn man nun das etwas gespannte Verhältnis in Betracht zieht, in das uns Natalja Nikolajewna ... Er wird mir zweifellos das Geld vor die Füße werfen ...“
„Nun, sehen Sie, Sie sagen doch selbst: er würde es Ihnen vor die Füße werfen. Folglich halten Sie ihn doch für einen ehrlichen Menschen und daher können Sie auch überzeugt sein, daß er Ihr Geld nicht gestohlen hat. Wenn es sich aber so verhält, weshalb sollten Sie dann nicht ohne Umschweife erklären, daß Sie sich im Unrecht fühlen? Jedenfalls wäre das anständig gehandelt, und Ichmenjeff würde sich dann vielleicht auch nicht weigern, sein Geld zu empfangen.“
„Hm! ... sein Geld; das ist es ja eben. Bedenken Sie doch, was Sie von mir verlangen! Ich soll zu ihm gehen und sagen, daß meine Klage ungerecht war. Ja, weshalb habe ich dann überhaupt geklagt, wenn ich selbst zugebe, daß mir kein Unrecht geschehen sei? – Das kann mich dann doch ein jeder fragen. Das aber habe ich nicht verdient, denn meine Klage war durchaus gerechtfertigt; ich habe weder gesagt noch geschrieben, daß er mich bestohlen habe, doch von seiner Unfähigkeit, seinem Leichtsinn in Geschäftssachen bin ich auch jetzt noch überzeugt. Dieses Geld gehört ganz positiv mir, und deshalb empfände ich es als nicht ganz angenehm, mich selbst zu verleumden ... und schließlich – ich wiederhole es – hat doch der Alte aus freien Stücken sich in seiner Ehre verletzt gefühlt, und da wollen Sie nun, daß ich ihn wegen dieser Kränkung um Verzeihung bitte, – das fällt mir doch etwas schwer ...“
„Ich glaube, daß, wenn zwei Menschen sich versöhnen wollen ...“
„Daß es dann sehr leicht getan ist?“
„Ja.“
„Nein, mitunter ist es auch nichts weniger als leicht, um so weniger, wenn ...“
„Ich verstehe: wenn es noch andere Umstände gibt, die zu berücksichtigen sind. Darin stimme ich mit Ihnen allerdings vollkommen überein, Fürst. Die Angelegenheit Natalja Nikolajewna und Ihres Sohnes muß vorher in all jenen Punkten, in denen Sie zu entscheiden haben, in einer Ichmenjeffs zufriedenstellenden Weise entschieden sein. Nur dann werden Sie sich mit Ichmenjeff ganz aufrichtig über den Prozeß aussprechen können. So aber, wie die Dinge jetzt liegen, bleibt Ihnen nur eine Möglichkeit: die Unrechtmäßigkeit Ihrer Klage einzugestehen, und zwar ganz offen, ja, falls nötig, sogar öffentlich. Das wäre meiner Ansicht nach das einzig Richtige. Damit habe ich Ihnen meine Meinung gesagt, denn diese wünschten Sie doch zu hören, und wahrscheinlich haben Sie auch nicht gewünscht, daß ich mich vor Ihnen verstelle. Deshalb werden Sie mir wohl auch folgende Frage gestatten: warum beunruhigt Sie dieses Geld so sehr? Wenn Sie sich im Recht glauben und dieses Geld als Ihr Eigentum betrachten, wie kommen Sie darauf, es ihm zurückgeben zu wollen? Verzeihen Sie meine Frage, aber das eine ist mit dem anderen so eng verbunden ...“
„Was meinen Sie,“ unterbrach er mich plötzlich, als habe er meine Frage ganz überhört, „sind Sie überzeugt, daß der alte Ichmenjeff die zehntausend Rubel zurückweisen wird, auch wenn man sie ihm ohne alle Erklärungen und ... und ... Milderungen anbieten sollte?“
„Selbstverständlich wird er sie zurückweisen!“
Wie unter einem physisch empfundenen Schlage zuckte ich zusammen und das Blut stieg mir ins Gesicht. Diese schamlos skeptische Frage machte auf mich einen Eindruck, als habe der Fürst mir ins Gesicht gespien. Und zu dieser Beleidigung kam noch etwas anderes hinzu: das war die verletzend nonchalante Art und Weise, in der er meine Frage vollkommen überging, als habe er sie überhaupt nicht gehört. Offenbar wollte er mir damit zu verstehen geben, daß ich mich gar zu sehr hatte hinreißen lassen, daß ich zu familiär geworden war, indem ich es wagte, solche Fragen an ihn zu richten. Ich haßte aber nichts so sehr, wie dieses in der höheren Gesellschaft übliche Verfahren und hatte mir schon früher Mühe gegeben, Aljoscha diese Angewohnheit abzugewöhnen.
„Hm! ... Sie sind noch sehr ... temperamentvoll, doch werden im alltäglichen Leben gewisse Dinge nicht so behandelt, wie Sie es sich augenscheinlich denken,“ bemerkte er gleichmütig nach meinem erregten Ausruf. „Übrigens fällt mir soeben ein, daß darüber zum Teil Natalja Nikolajewna entscheiden könnte. Vielleicht sagen Sie ihr das. Sie könnte uns jedenfalls raten ...“
„Das wird ihr nicht einfallen,“ versetzte ich in sehr unhöflichem Tone. „Sie haben nicht geruht, anzuhören, was ich Ihnen vorhin sagte; Sie unterbrachen mich. Natalja Nikolajewna wird einsehen, daß Sie, wenn Sie das Geld unaufrichtig, nicht von Herzen ihrem Vater abtreten und ohne alle diese ‚Milderungen‘, wie Sie sich auszudrücken beliebten, daß Sie dann mit diesem Gelde dem Vater für die Tochter und ihr für Aljoscha eine Entschädigung zahlen wollen, damit sie zurücktrete ...“
„Hm! ... also so haben Sie mich verstanden, mein bester Iwan Petrowitsch!“ – Der Fürst lachte. Worüber lachte er? – „Indes ...“ fuhr er fort, „wir haben noch so vieles zu besprechen, nur haben wir jetzt leider keine Zeit dazu. Ich bitte Sie nur, sich eines zu merken: es handelt sich hier direkt um Natalja Nikolajewna und ihre ganze Zukunft, und alles das hängt teilweise davon ab, zu welch einem Entschluß wir kommen werden. Sie sind hierin unentbehrlich, – das werden Sie nachher einsehen. Und deshalb werden Sie mir, wenn Sie Natalja Nikolajewnas Freund sind, nicht eine Unterredung abschlagen, wie wenig Sie auch mit mir sympathisieren sollten. Da sind wir schon angelangt ... à bientôt.“
IX.
Die Gräfin lebte in einer sehr schönen Wohnung. Die Raume waren alle gut und geschmackvoll eingerichtet, wenn auch nicht gerade luxuriös. Doch ungeachtet des zweifellosen Geschmacks, verriet alles, daß es nur für einen zeitweiligen Aufenthalt zusammengetragen war. Es war das eben nur eine für kurze Zeit gemietete Wohnung, denn es fehlte hier ganz jener Prunk einer alteingesessenen Familie, deren Heim stets den Stempel der Herrschaft trägt und sogar alle jeweiligen Launen der Einwohner widerspiegelt. Es hieß, daß die Gräfin für den Sommer auf ihr im Gouvernement Ssimbirsk gelegenes Gut – das über und über verschuldet und verpfändet war – reisen und der Fürst sie dorthin begleiten würde. Ich hatte darüber, seit ich es gehört, oft genug mit Sorgen nachgedacht und mich gefragt: was wird Aljoscha tun, wenn Katjä mit der Gräfin verreist? Mit Natascha hatte ich noch nicht darüber gesprochen, ich fürchtete mich davor; doch glaubte ich, aus einigen Anzeichen zu ersehen, daß auch sie, wie es schien, von diesem Gerücht gehört haben mußte. Sie schwieg darüber und litt allein.
Die Gräfin empfing mich sehr liebenswürdig, reichte mir mit einem Lächeln die Hand und bestätigte, was der Fürst mir gesagt hatte: daß sie mich schon lange bei sich zu sehen gewünscht habe. Sie bereitete selbst den Tee, während wir uns im Kreise um den schönen silbernen Samowar setzten, der Fürst, ich und noch irgend ein äußerst vornehm dreinschauender Herr mit einem Orden auf dem Frack, steifen Bewegungen und einer viel- oder nichtssagenden Diplomatenmiene – je nachdem. Dieser Gast wurde offenbar sehr geachtet. Die Gräfin hatte nach ihrer Rückkehr aus dem Auslande noch keinen größeren gesellschaftlichen Verkehr finden können, wie sie es sich gewünscht. Außer diesem Gast und mir kam niemand mehr. Ich suchte mit den Augen Katherina Fedorowna: sie saß mit Aljoscha im Nebenzimmer, als sie von unserem Erscheinen erfuhr, stand sie sogleich auf und kam zu uns. Der Fürst küßte ihr liebenswürdig die Hand und die Gräfin wies lächelnd auf mich. Da stellte mich der Fürst vor. Ich kann nicht leugnen, daß ich sie mit großer Neugier betrachtete. Sie trug ein weißes Kleid und war zart und blond, und von nur mittelgroßem Wuchs. Ihr Gesicht hatte einen stillen, ruhigen Ausdruck, und ihre Augen waren „vollkommen blau“, wie Aljoscha sich einmal ausgedrückt hatte. Alles in allem war es nur die Anmut der Jugend, die sie verschönte, nichts weiter. Ich hatte erwartet, eine vollendete Schönheit zu erblicken, doch konnte man sie nicht gerade schön nennen. Sie hatte ein zartes Gesicht, ziemlich regelmäßige Züge, allerdings sehr schönes Haar, das sie aber ganz schlicht trug, und dazu einen ruhigen, aufmerksamen Blick. Bei einer Begegnung auf der Straße wäre ich an ihr vorübergegangen, ohne sie besonders zu beachten, dachte ich; doch das schien mir nur so im ersten Augenblick, denn noch im Laufe dieses Abends hatte ich Zeit und Gelegenheit, sie genauer zu betrachten, und da änderte sich meine Meinung ganz. Allein schon, wie sie mir die Hand reichte und mit angespanntem Blick mir unverwandt in die Augen schaute, ohne dabei ein Wort zu sagen, fiel mir als etwas Seltsames auf und ich lächelte ihr unwillkürlich zu. Wahrscheinlich empfand ich halb unbewußt die kindliche Reinheit ihres ganzen Wesens. Die Gräfin beobachtete sie aufmerksam. Katjä wandte sich, nachdem sie mir die Hand gereicht, mit fast auffallender Plötzlichkeit wieder von mir fort und setzte sich mit Aljoscha am anderen Ende des Zimmers in eine gemütliche Ecke. Bei der Begrüßung hatte mir Aljoscha unbemerkt zugeflüstert: „Ich bleibe nur noch einen Augenblick hier, dann fahre ich wieder hin – zu ihr.“
Der „Diplomat“ – da ich seinen Familiennamen nicht kenne, nenne ich ihn den „Diplomaten“ – sprach ruhig und erhaben und verfocht irgend eine seiner Theorien. Die Gräfin hörte ihm aufmerksam zu, der Fürst lächelte zustimmend und der Redner wandte sich oft an ihn speziell, da er augenscheinlich glaubte, in ihm einen würdigen Zuhörer zu haben. Mir wurde Tee gereicht und dann ließ man mich vollkommen in Ruh, womit ich sehr zufrieden war, denn so konnte ich die Gräfin ungestört beobachten.
Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, warum sie mir im ersten Augenblick so gefiel, ja, fast sogar gegen meinen Willen gefiel. Vielleicht war sie nicht mehr jung, doch mir schien es, daß sie nicht über achtundzwanzig Jahre alt sein könne. Sie hatte noch so frische Farben und man sah es ihr an, daß sie in der Jugend sehr hübsch gewesen sein mußte. Ihr dunkelblondes reiches Haar stand ihr sehr gut; ihr Blick, der etwas unendlich Gutmütiges hatte, verriet aber gleichzeitig Flatterhaftigkeit, Leichtsinn, Spottlust und Schelmerei. Doch während der Rede des „Diplomaten“ gab sie sich ersichtlich Mühe, ernst und aufmerksam zu sein. Übrigens verriet ihr Blick auch Klugheit, aber am meisten sprachen aus ihm doch Gutmütigkeit und ein heiteres Gemüt. Es schien mir, daß ihre vorherrschende Eigenschaft ein gewisser Leichtsinn sei; eine gewisse Vergnügungssucht und ein gewisser gutmütiger Egoismus, der vielleicht sogar sehr groß war. Jedenfalls aber stand sie, wie ich auch schon gehört hatte, ganz unter der Vormundschaft des Fürsten, der gewiß einen großen Einfluß auf sie ausübte. Ich wußte, daß sie ein Verhältnis hatten, auch hatte ich gehört, daß er während ihres Aufenthaltes im Auslande ein auffallend wenig eifersüchtiger Liebhaber gewesen sei; mir aber schien es – und es scheint mir auch jetzt noch so – daß außer dem früheren Verhältnis sie beide noch etwas anderes verband, etwas zum Teil Geheimnisvolles, etwas in der Art einer gemeinsamen oder gegenseitigen Verpflichtung, die vielleicht in einer gewissen Berechnung beruhte ... Kurz, etwas Ähnliches mußte es jedenfalls sein. Auch wußte ich, daß sie dem Fürsten im Augenblick sehr lästig war, trotzdem aber bestand ihr Verhältnis noch fort. Es ist möglich, daß es gerade ihre Absichten bezüglich Katjä waren, die sie noch verbanden. Selbstverständlich rührten alle diese Pläne vom Fürsten her und nur auf Grund derselben hatte er der Gräfin den Gedanken an eine Heirat – sie soll in der Tat verlangt haben, daß er sie heirate – auszureden und sie sogar für seinen Plan, Aljoscha mit ihrer Stieftochter zu verheiraten, zu gewinnen vermocht.[5] Wenigstens glaubte ich das aus Aljoschas gelegentlichen Erzählungen zu erraten, denn schließlich war Aljoscha doch nicht völlig blind. Auch schien es mir nicht zum wenigsten nach dem, was ich von Aljoscha gehört – daß der Fürst einen bestimmten Grund haben mußte, die Gräfin zu fürchten, obschon er sie vollkommen beherrschte. Das hatte auch sogar Aljoscha bemerkt. Nachher erfuhr ich, daß der Fürst die Gräfin sehr gern mit jemandem verheiratet hätte und sie hauptsächlich deshalb beredet hatte, auf ihr Gut im Gouvernement Ssimbirsk zu reisen, in der Hoffnung, dort in der Provinz einen passenden Gatten für sie zu finden.
Ich saß und hörte zu, dachte aber eigentlich nur daran, wie ich es anstellen sollte, mit Katherina Fedorowna unter vier Augen zu sprechen. Der „Diplomat“ antwortete ausführlich auf eine Frage der Gräfin nach dem Stand der projektierten Reformen und ob sie denn auch wünschenswert seien. Er sprach viel und lange, ruhig und wie ein Mensch, der sich seiner Macht bewußt ist. Seinen Gedanken entwickelte er sehr klug und gut, doch war der Gedanke an sich widerlich. Mit besonderem Nachdruck hob er hervor, daß dieser ganze „Geist der Reformen und Veränderungen“ nur zu bald gewisse unerwünschte Früchte zeitigen werde, daß man dann angesichts der Früchte – freilich spät genug – wieder zur Vernunft kommen werde und die Gesellschaft – darunter verstand er wohl nur eine Kaste – sich nicht nur von den neuen Reformideen abwenden, sondern, nachdem sie deren Absurdität eingesehen, sich mit doppelter Energie der Erhaltung des Alten zuwenden werde. Ferner, meinte er, daß das allerdings traurige Experiment nur Vorteil bringen könne, denn es werde lehren, wie man dieses allein seligmachende Alte am besten aufrecht erhalten könne, kurzum, es werde neue Aufschlüsse bringen; folglich aber sei es sogar wünschenswert, daß man jetzt möglichst bald bis zur größten Unvorsichtigkeit vorgehe.
„Ohne uns kann nichts bestehen,“ schloß er selbstbewußt, „ohne uns hat sich bisher noch keine Gesellschaft gehalten. Verlieren können wir nichts, im Gegenteil, wir können nur gewinnen, deshalb müßte unsere Devise im gegenwärtigen Augenblick sein: pire ça va, mieux ça est!“
Der Fürst lächelte ihm wie in vollster Übereinstimmung zu, was mich geradezu ekelhaft berührte, während der Redner vollkommen mit sich zufrieden war. Ich war so dumm, daß ich ihm scharf widersprechen wollte, das Blut kochte in mir. Doch ein giftig spöttischer Blick des Fürsten hielt mich noch rechtzeitig davon ab: Dieser Blick glitt eigentlich nur ganz flüchtig über mich hinweg, doch mir schien es, daß der Fürst gerade irgend so einen jugendlich unüberlegten Ausfall meinerseits erwartete; ja, vielleicht wünschte er ihn geradezu, um sich daran zu ergötzen, wie ich mich kompromittieren würde. Außerdem war ich fest überzeugt, daß der „Diplomat“ meine Entgegnung unfehlbar ganz übersehen würde und vielleicht sogar noch mich dazu. Es ekelte mich geradezu, bei ihnen sitzen zu müssen. Da erlöste mich Aljoscha.
Er trat ganz leise an meinen Stuhl und berührte mich an der Schulter.
„Nur auf zwei Worte,“ raunte er mir zu.
Ich erriet sofort, daß Katjä ihn geschickt hatte. So war es auch. Nach wenigen Sekunden saß ich ihr gegenüber. Zuerst betrachtete sie mich nur sehr aufmerksam, als dächte sie bei sich: „Also so siehst du aus!“ und im ersten Augenblick fanden wir beide nicht das richtige Wort, um ein Gespräch anzuknüpfen. Nichtsdestoweniger war ich überzeugt, daß sie nur anzufangen brauchte, um dann womöglich bis zum Morgen sprechen zu können. Aljoschas einmal gemachte Bemerkung, daß er sich „nur einige fünf bis sechs Stunden“ mit ihr habe unterhalten können, kam mir in den Sinn und ich lächelte im geheimen. Aljoscha saß bei uns und erwartete mit Ungeduld, wie und wovon wir sprechen würden.
„Weshalb redet ihr denn nicht?“ fragte er schließlich und er sah uns mit einem Lächeln an. „Da sitzt ihr nun beisammen und schweigt.“
„Ach, Aljoscha, wie du bist! ... Wir werden bald genug sprechen,“ sagte Katjä. „Wir haben über so vieles zu reden, Iwan Petrowitsch, daß ich gar nicht weiß, womit ich anfangen soll. Wir sind sehr spät miteinander bekannt geworden ... aber ich kenne Sie ja schon längst. Und wie gern ich Sie sehen wollte! Ich dachte sogar daran, einen Brief an Sie zu schreiben ...“
„Weshalb das?“ fragte ich, unwillkürlich lächelnd.
„Als ob kein Grund vorhanden wäre,“ meinte sie ernst. „Nun, zum Beispiel, wenn auch nur, um zu erfahren, ob es wahr ist, was er von Natalja Nikolajewna sagt: daß sie sich nicht gekränkt fühle, wenn er sie allein läßt. Nun, sagen Sie doch, kann man überhaupt so handeln wie er? Nun, weshalb sitzt du jetzt hier, sage mir das doch gefälligst?“
„Ach, mein Gott, ich werde doch sofort hinfahren! Ich habe doch schon gesagt, daß ich nur noch einen Augenblick hier bleiben werde, nur um noch zu sehen, was ihr beide tut, und dann fahre ich sogleich zu ihr.“
„Ja, was tun wir denn beide? – nun, wir sitzen hier, – hast du es jetzt gesehen? Und so ist er immer!“ wandte sie sich an mich, mit dem Finger auf ihn weisend, während sie langsam errötete: „‚Nur einen Augenblick, nur einen Augenblick,‘ sagte er, und eh man sich verseht ist es wieder Mitternacht und dann ist es zu spät. ‚Sie wird mir nicht böse sein, sie ist so gut,‘ sagt er, und das ist alles, was er denkt! Was meinst du, ist das schön von dir, ist das hübsch?“
„Ja, aber ich werde ja sogleich hinfahren,“ sagte er ganz kläglich, „ich wollte nur so gern noch etwas bei euch bleiben ...“
„Was hast du denn von uns? Wir aber haben sehr vieles unter vier Augen zu beraten. Aber höre, du, sei deshalb nicht böse, das ist nämlich etwas sehr Notwendiges, – du verstehst doch?“
„Wenn es etwas Notwendiges ist, werde ich sogleich ... weshalb sollte ich da böse sein? Ich will nur noch auf einen Augenblick zu Ljowinka und dann – schnell zu ihr. Nur eines noch, Iwan Petrowitsch,“ fuhr er geschäftig fort, indem er sich bereits erhob, „Sie wissen doch, daß mein Vater auf das Geld, das er im Prozeß von Ichmenjeff gewonnen hat, formell verzichten will?“
„Ja, ich weiß es. Er hat es mir gesagt.“
„Ist das nicht edel von ihm gehandelt? Was? Katjä will natürlich nicht glauben, daß es edel von ihm sei. Sprechen Sie mit ihr darüber. Auf Wiedersehen, Katjä, und, bitte, zweifle nicht daran, daß ich Natascha liebe. Überhaupt verstehe ich nicht, weshalb ihr mir alle diese Bedingungen aufladet, mir beständig Vorwürfe macht, mich beobachtet – ganz als stände ich unter eurer Aufsicht! Sie weiß es, daß ich sie liebe und sie glaubt an mich, und ich glaube ihr, daß sie an mich glaubt. Ich liebe sie so wie sie ist, ohne alle Verpflichtungen ... ich weiß nicht, wie ich sie liebe. Ich liebe sie eben einfach! Und deshalb braucht mich auch niemand ins Verhör zu nehmen wie einen Schuldigen. So frage doch Iwan Petrowitsch, – jetzt ist er hier und kann er es dir bestätigen, daß Natascha eifersüchtig ist, und wenn sie mich auch sehr lieb hat, so liegt doch in ihrer Liebe viel Egoismus, denn sie will mir doch nichts opfern.“
„Wie das?“ fragte ich verwundert – ich traute meinen Ohren nicht.
„Was fällt dir ein, Aljoscha!“ fuhr Katjä ganz entsetzt auf.
„Nun, ja; was ist denn dabei so Wunderliches? Iwan Petrowitsch weiß es ganz gut. Sie verlangt immer, daß ich bei ihr sei. Oder wenn sie es auch nicht gerade verlangt, so sieht man doch, daß sie es gern haben möchte.“
„Und du schämst dich nicht, du schämst dich nicht!“ rief Katjä ganz rot vor Empörung aus.
„Weshalb soll ich mich denn schämen? Wie du wieder bist, Katjä! Ich liebe sie doch mehr als sie glaubt, wenn sie mich aber wirklich liebte, so wie es sich gehört, so wie ich sie liebe, dann würde sie mir sicherlich ihr Vergnügen opfern. Es ist ja wahr, sie schickt mich selbst fort, aber ich sehe es doch an ihrem Gesicht, daß es ihr schwer fällt, folglich ist es für mich ebenso, als würde sie mich nicht fortlassen.“
„Nein, das stammt nicht von ihm!“ wandte sich Katjä wieder an mich und ihre Augen blitzten vor Zorn. „Gestehe Aljoscha, gestehe sofort, daß alles das dein Vater dir gesagt hat? Hat er es dir heute gesagt? Bitte, versuche mich nicht zu täuschen: ich werde ja doch die Wahrheit erfahren! Nun, sprich!“
„Ja, er sagte es mir heute,“ gestand Aljoscha ein wenig verwirrt. „Was ist denn dabei? Er sprach so freundlich mit mir, wirklich, ganz wie zu seinem Freunde, und von ihr sprach er nur Gutes, wirklich, er lobte sie sehr, so daß ich mich sogar wunderte: sie hat ihn doch so beleidigt, er aber lobt sie noch.“
„Und Sie, Sie haben ihm Glauben geschenkt,“ sagte ich, „Sie, dem Natalja Nikolajewna alles hingegeben hat, alles, was sie nur zu vergeben hatte, und deren einzige Sorge ist und heute noch war, daß Sie sich bei ihr vielleicht langweilten, und wie sie es anstellen sollte, daß sie Sie nicht von einem Besuch bei Katherina Fedorowna abhielt. Das hat sie mir heute selbst anvertraut. Und plötzlich glauben Sie diesen falschen Worten! Schämen Sie sich nicht?“
„Du Undankbarer! Aber wie! – er schämt sich ja nie!“ sagte Katjä mit einer wegwerfenden Handbewegung, als sei er in ihren Augen doch ein total verlorener Mensch.
„Ja, aber was wollt ihr eigentlich!“ fuhr Aljoscha ganz kläglich fort. „Und immer bist du so, Katjä! Immer vermutest du in mir nur Schlechtes ... Von Iwan Petrowitsch rede ich schon gar nicht! Sie glauben, daß ich Natascha nicht liebe. Ich habe doch nicht in diesem Sinne von ihr gesagt, sie sei eine Egoistin. Ich wollte nur sagen, daß sie mich gar zu sehr liebt, so daß es schon alle Grenzen übersteigt, das aber wird sowohl für mich wie für sie bedrückend. Mein Vater aber wird mich nie betrügen können, selbst wenn er es wollte. Ich bin nicht so dumm. Und er hat auch das, daß sie eine Egoistin sei, durchaus nicht im schlechten Sinne gesagt; ich habe ihn sehr gut verstanden. Er sagte genau so, wie ich es wiederholte: daß sie mich viel zu sehr liebe, mich dermaßen liebe, daß ihre Liebe einfach zum Egoismus wird und sie dadurch mir und sich das Leben schwer macht, und in Zukunft wird sie es mir noch schwerer machen. Nun, das ist doch vollkommen wahr, was er gesagt hat, und er hat es doch nur aus Liebe zu mir gesagt und damit hat er doch von Natascha nichts Schlechtes gesagt; er hat, im Gegenteil, nur die Größe ihrer Liebe hervorgehoben, dieser Liebe ohne jedes Maß, der Liebe bis zur Unmöglichkeit ...“
Doch Katjä ließ ihn nicht zu Ende reden und unterbrach ihn heftig. Sie überschüttete ihn mit Vorwürfen und begann ihm zu beweisen, daß sein Vater nur deshalb Gutes von Natascha gesagt habe, um ihn, Aljoscha, durch diese scheinbare Güte für sich zu gewinnen und ihn dann heimlich und unmerklich gegen Natascha aufzuhetzen und sie so einander zu entfremden. Sie redete sich nach und nach in wahre Leidenschaft hinein und erklärte ihm erstaunlich richtig, wie Natascha ihn geliebt und wie keine Liebe das je verzeihen werde, was er ihr jetzt antue, und daß nicht sie, Natascha, sondern er selbst, Aljoscha, hier der Egoist sei. Aljoscha wurde sehr traurig und machte ein aufrichtig reumütiges Gesicht: ganz niedergeschlagen saß er neben uns, blickte zu Boden, entgegnete kein Wort mehr, und schien, nach seiner Leidensmiene zu urteilen, sich förmlich vernichtet zu fühlen. Doch Katjä sprach schonungslos weiter. Ich beobachtete sie mit lebhaftem Interesse, denn ich wollte diesem seltsamen Mädchen bis auf den Grund ihrer Seele schauen. Sie war noch ein vollständiges Kind, nur hatte dieses Kind schon manche selbst gewonnene Überzeugung und von sehr vielen Dingen ganz richtige Auffassungen. Und all das bei angeborener Liebe zum Guten und zur Gerechtigkeit. Wenn man sie auch in der Tat noch ein Kind nennen konnte, so gehörte sie doch zu der Kategorie der „nachdenklichen“ Kinder, deren es in unseren Familien eine ziemliche Menge gibt. Wenigstens sah man, daß sie viel und auch selbständig gedacht hatte. Wie sollte es mich da nicht interessieren, in dieses denkende Kindergemüt hineinzuschauen und zu sehen, wie sich dort die kindlichsten Begriffe mit vollkommen ernst durchlebten Eindrücken und Lebensbeobachtungen – Katjä kannte bereits das Leben – und gleichzeitig mit ihr noch ganz unbekannten Ideen vermischten, mit Ideen und Gedanken, die sie nicht selbst entwickelt hatte, sondern die ihr, sagen wir: ganz abstrakt aufgefallen waren. Und solcher gab es in ihr offenbar noch eine ganze Menge, doch wahrscheinlich hielt sie sie alle für ihre eigenen Gedankenprodukte. Ich glaube, daß ich sie an diesem Abend und auch im Laufe unserer späteren Bekanntschaft sehr gut kennen gelernt habe. Sie hatte einen stolzen Charakter, doch ein empfängliches Herz. Mitunter hatte es den Anschein, als verachte sie jede Selbstbeherrschung, indem sie nichts als Wahrheit wollte, und jede Lebensregel nur für vereinbartes Vorurteil hielt; und offenbar war sie stolz auf diese ihre Überzeugungen, was bei vielen stolzen Menschen sogar auch in nichts weniger als in jungen Jahren vorkommen soll. Gerade das aber war es, was ihr einen ganz besonderen Reiz verlieh. Denken und die Wahrheit ergründen, damit beschäftigte sie sich viel, doch war sie darin so wenig pedantisch und außerdem machte sie so viele kindliche Ausfälle, daß man von vornherein ihre Originalität nett fand und sich vollkommen mit ihr aussöhnte. Ich dachte an „Ljowinka“ und „Borinka“ und ich fand alles in der besten Ordnung. Und seltsam: ihr Gesicht, in dem ich auf den ersten Blick nichts besonders Schönes entdeckt hatte, wurde an diesem Abend – wenigstens in meinen Augen – mit jeder Minute schöner und anziehender. Dieses naive Doppelspiel des jungen Kindes und des denkenden Weibes, dieses kindliche und doch im höchsten Grade aufrichtige Verlangen nach Wahrheit und Gerechtigkeit, und der felsenfeste Glaube daran, daß sie in ihren Bestrebungen auf dem richtigen Wege war – alles das belebte ihr Gesicht mit einem ... ich möchte sagen: reflektierenden Licht, das ihre ganze aufrichtige Seele sichtbar werden ließ und diesem Gesicht eine ganz anders geartete, höhere, geistige Schönheit verlieh; und man begriff, daß die Bedeutung dieser Schönheit, die nicht sofort jedem gewöhnlichen, gleichgültigen Blick zugänglich war, sich nicht so schnell ergründen ließ. Und da sagte ich mir, daß Aljoscha bald leidenschaftlich an ihr hängen würde. Wenn er selbst auch nicht zu denken und zu urteilen verstand, so liebte er doch gerade diejenigen, die für ihn dachten und sogar für ihn zu denken wünschten, – Katjä aber hatte ihn schon ganz unter ihre Vormundschaft gestellt. Sie hatte ein offenes, reines Kinderherz, das alles Gute und Schöne begierig aufnahm, und bei ihrer kindlichen Aufrichtigkeit hatte sie ihm natürlich schon ihr ganzes Innenleben erschlossen. Aljoscha besaß keinen Atom von eigenem Willen, sie aber besaß einen sehr ausgeprägten, der sich sogar bis zur Leidenschaft begeistern konnte, und nur an einen solchen Menschen, der ihn zu beherrschen, ihm sogar zu befehlen verstand, konnte sich dieser Junge anschließen. Das hatte ihn in mancher Hinsicht auch an Natascha gefesselt –, doch hatte Katjä in dieser Beziehung viel vor der anderen voraus: sie war selbst noch ein Kind und – wird es noch lange bleiben, dachte ich: Diese ihre Kindlichkeit aber bei all ihrem klaren Verstande, und gleichzeitig ihr Mangel an Urteilskraft – das war es, was sie für Aljoscha passender machte, weshalb er sich auch immer mehr zu ihr hingezogen fühlte. Ich bin überzeugt, daß in ihren Gesprächen, wenn sie unter sich waren, neben Katjäs ernsten Ermahnungen und Zurechtweisungen, auch von Spielsachen die Rede war. Und deshalb mußte es Aljoscha bei Katjä, obschon sie ihm augenscheinlich oft den Kopf wusch und ihn überhaupt sehr im Zaum hielt, doch leichter sein als bei Natascha. Sie paßten besser zueinander und das war die Hauptsache.
„Gut, Katjä, schon gut, hör auf; es läuft doch immer darauf hinaus, daß du recht hast und nicht ich. Das kommt daher, daß deine Seele reiner ist als meine,“ sagte Aljoscha, und er erhob sich, um sich zu verabschieden. „Ich werde sogleich zu ihr fahren, zu Ljowinka aber werde ich nicht mehr gehen ...“
„Du hast dort auch nichts zu suchen, bei Ljowinka,“ meinte Katjä, „daß du aber jetzt gehorchst und zu ihr fährst, das ist sehr lieb von dir.“
„Und du bist mir tausendmal lieber als alle anderen,“ sagte der betrübte Aljoscha. „Iwan Petrowitsch, ich muß Ihnen noch zwei Worte sagen.“
Wir traten zur Seite.
„Ich habe heute schmählich gehandelt,“ flüsterte er, „es war eine Gemeinheit von mir, ich habe mich an allen versündigt, am meisten aber an ihnen, an Natascha und an ihr. Heute machte mich mein Vater nach dem Essen mit der Alexandrine bekannt – eine Französin, wissen Sie, ein bezauberndes Weib. Ich ... ließ mich hinreißen und ... nun, was soll man da reden, ich bin’s einfach nicht mehr wert, bei ihnen zu sein ... Leben Sie wohl, Iwan Petrowitsch!“ –
„Er ist ein guter, ein ehrlicher Mensch,“ begann Katjä sogleich eilig zu versichern, kaum daß ich mich wieder zu ihr gesetzt hatte, „doch wir werden noch viel zu reden haben, das eilt nicht, jetzt aber zuerst eine Frage: für was halten Sie den Fürsten?“
„Für einen sehr schlechten Menschen.“
„Ich auch. Also stimmen wir darin überein; das wird uns vieles erleichtern. Jetzt lassen Sie uns zuerst über Natalja Nikolajewna reden ... Wissen Sie, Iwan Petrowitsch, ich saß hier wie im Dunkeln und erwartete Sie wie das Sonnenlicht. Sie müssen mir das alles erklären, denn gerade die Hauptsache ist mir völlig unklar, ich tappe da nur so im Dunkeln herum und habe keine weiteren Anhaltspunkte als das, was Aljoscha mir gelegentlich erzählt hat. Sonst aber habe ich hier doch keine Menschenseele, von der ich etwas erfahren könnte. Sagen Sie also, erstens – das ist das wichtigste – was meinen Sie, werden Aljoscha und Natascha glücklich miteinander sein oder nicht? Das muß ich ganz zuerst wissen, um mich endgültig entscheiden zu können, um genau zu wissen, was ich zu tun habe.“
„Wie kann man so etwas mit Bestimmtheit vorher sagen? ...“
„Ach, nein, so meinte ich es ja gar nicht, das kann natürlich kein Mensch,“ unterbrach sie mich rasch, „ich will nur wissen, wie es Ihnen scheint, – denn ich weiß, Sie sind ein sehr kluger Mensch.“
„Mir scheint es, daß sie nicht glücklich sein werden.“
„Weshalb nicht?“
„Sie passen nicht zueinander.“
„Das habe ich mir auch gedacht.“
Und sie faltete ihre Händchen wie in tiefer Trauer.
„Erzählen Sie, bitte, ausführlicher. Hören Sie: ich möchte furchtbar gern Natascha sehen. Ich muß mich mit ihr aussprechen und ich glaube, wir werden dann für alles die richtige Lösung finden. Jetzt versuche ich immer mir in der Phantasie vorzustellen, wie sie ist: sie muß furchtbar klug sein, ernst, wahrheitsliebend und sehr schön. Nicht?“
„Ja.“
„Das dachte ich mir. Nun, aber wenn sie so ist, wie hat sie sich dann in Aljoscha, in diesen Knaben, verlieben können? Erklären Sie mir das. Ich habe darüber schon oft nachgedacht.“
„Das läßt sich nicht erklären, Katherina Fedorowna. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie und weshalb man ihn so lieb gewinnen kann. Ja, er ist ein vollständiges Kind. Aber wissen Sie denn nicht, wie man ein Kind bisweilen liebgewinnen kann?“ Mein Herz wurde weich bei ihrer kindlichen Ehrbarkeit, während der Blick ihrer tiefen, ernsten Augen in erwartungsvoller Aufmerksamkeit unverwandt auf mir ruhte.
„Und je mehr Natascha selbst nicht einem Kinde gleicht,“ fuhr ich fort, „je ernster sie selbst ist, um so eher konnte sie ihn liebgewinnen. Er wird nie lügen, er ist von Herzen aufrichtig und überhaupt ist alles an ihm herzlich; er ist unglaublich naiv, bisweilen hat aber auch seine Naivität etwas Liebenswürdiges an sich. Vielleicht hat sie ihn – wie soll man das ausdrücken? ... aus einem gewissen Mitleid liebgewonnen. Das pflegt bei großmütigen Menschen mitunter vorzukommen ... Übrigens fühle ich, daß ich Ihnen nichts erklären kann, dafür aber möchte ich Sie etwas fragen: Sie lieben ihn doch?“
Ich sprach die Frage ganz ruhig aus, denn ich fühlte, daß ich weder durch ihre Plötzlichkeit, noch durch sonst etwas die kindliche Reinheit ihrer Seele trüben konnte.
„Bei Gott, ich weiß es noch nicht,“ antwortete sie leise und ihre klaren Augen sahen mich dabei so ehrlich an, „aber ich glaube, daß ich ihn sehr liebe ...“
„Nun, sehen Sie. Und können Sie es erklären, weshalb Sie ihn lieben?“
„Es ist nichts Gelogenes an ihm,“ antwortete sie nach einigem Nachdenken. „Und wenn er mir so gerade in die Augen sieht und dabei etwas zu mir spricht, so gefällt mir das sehr ... Hören Sie, Iwan Petrowitsch, da spreche ich jetzt mit Ihnen davon, und ich bin doch ein Mädchen und Sie sind ein Mann; ist das nun gut gehandelt oder schlecht?“
„Ja, was sollte denn hierbei schlecht sein?“
„Das ist es ja. Selbstverständlich: was sollte hierbei schlecht sein? Nun, die dort aber,“ – sie wies mit dem Blick auf die Gruppe am Teetisch – „würden sicherlich sagen, daß es nicht gut sei. Haben sie recht oder nicht recht?“
„Nein! Sie fühlen doch in Ihrem Herzen, daß Sie nichts Schlechtes tun, folglich ...“
„So mache ich es auch immer,“ unterbrach sie mich, – offenbar wollte sie an diesem Abend noch über vieles mit mir reden. „Sobald ich es einmal nicht weiß, frage ich gleich mein Herz, und wenn es ruhig ist, dann bin auch ich ruhig. Und so muß man es auch immer machen. Und mit Ihnen spreche ich deshalb so aufrichtig, als spräche ich mit mir selbst, weil Sie erstens ein prächtiger Mensch sind und weil ich Ihre ganze frühere Geschichte mit Natascha, bevor sie Aljoscha liebgewann, kenne, und ich habe geweint als ich sie hörte.“
„Wer hat sie Ihnen denn erzählt?“
„Aljoscha natürlich, und er hatte selbst Tränen in den Augen, als er erzählte. Das war sehr gut von ihm und das hat mir auch sehr gefallen. Ich glaube, daß er Sie mehr liebt, als Sie ihn, Iwan Petrowitsch. Sehen Sie, gerade diese Züge sind es, die mir an ihm gefallen. Nun, und dann zweitens rede ich deshalb so offen mit Ihnen, weil Sie ein sehr kluger Mensch sind und mir in vielen Dingen raten und mich belehren können.“
„Woher wissen Sie, daß ich so klug bin, daß ich Sie belehren könnte?“
„Ach, nun, wie soll ich das nicht wissen!“
Sie dachte nach.
„Ich habe ja nur so davon zusprechen begonnen; doch reden wir jetzt von der Hauptsache. Raten Sie mir, Iwan Petrowitsch! Sehen Sie, ich weiß doch, daß ich jetzt Nataschas Rivalin bin, was soll ich da nun tun? Deshalb fragte ich Sie auch: werden sie glücklich miteinander sein? Daran denke ich Tag und Nacht. Nataschas Lage ist so furchtbar, so furchtbar! Er hat doch schon ganz aufgehört, sie zu lieben und mich liebt er immer mehr. Nicht?“
„Es scheint so.“
„Und er betrügt sie doch gar nicht. Er weiß es ja selbst nicht, daß er aufhört, sie zu lieben, sie aber wird es bestimmt wissen. Da kann man sich denken, wie sie sich quält!“
„Was wollen Sie denn tun, Katherina Fedorowna?“
„Ich habe eine ganze Menge Projekte,“ antwortete sie ernst, „aber ich komme mit ihnen nicht zurecht. Deshalb habe ich Sie auch so ungeduldig erwartet, damit Sie mir helfen. Sie kennen das alles viel besser als ich. Sie sind ja doch jetzt geradezu ein Gott für mich, von dem ich alles erwarte. Also hören Sie: zuerst dachte ich so: wenn sie sich beide lieben, so müssen sie glücklich werden, und deshalb muß ich mich opfern und ihnen helfen. Nicht?“
„Ich weiß, daß Sie imstande wären, es zu tun.“
„Ja, zu Anfang, dann aber, als er öfter zu uns kam und mich immer mehr zu lieben begann, da wurde ich nachdenklich und jetzt frage ich mich: soll ich das Opfer bringen oder soll ich nicht? Das ist doch sehr schlecht von mir, nicht wahr?“
„Das ist schließlich nur natürlich,“ antwortete ich, „anders wäre es kaum denkbar ... Sie sind jedenfalls nicht schuld daran.“
„Das glaube ich nicht. Sie sagen es nur deshalb, weil Sie sehr gut sind. Ich denke aber nun, daß mein Herz wohl nicht ganz rein ist. Wenn mein Herz rein wäre, würde ich wissen, was ich zu tun habe. Doch – lassen wir das! Später erfuhr ich mehr von ihren Verhältnissen, einiges vom Fürsten, einiges von Mama, einiges auch von Aljoscha, und ich erriet, daß sie doch nicht so ganz zueinander passen müssen, und das haben Sie nun auch bestätigt. Da bin ich jetzt noch unentschlossen. Was nun? Denn wenn sie beide unglücklich werden würden, so würde es doch auch für sie nur besser sein, wenn sie sich trennen? Deshalb will ich mir nun von Ihnen alles ganz genau erzählen lassen und dann – so habe ich beschlossen – selbst zu Natascha fahren und mit ihr dann alles endgültig beschließen.“
„Ja, aber wie, das ist die Frage.“
„Ich werde zu ihr einfach sagen: ‚Sie lieben ihn doch mehr als alles auf der Welt, deshalb müssen Sie auch in erster Linie sein Glück wünschen: folglich müssen Sie sich von ihm trennen‘.“
„Was meinen Sie, wird es ihr sehr angenehm sein, so etwas zu hören? Und wenn sie einwilligt – wird sie auch fähig sein, es auszuführen?“
„Das ist es ja gerade, worüber ich Tag und Nacht nachdenke und ... und ...“
Und sie brach in Tränen aus.
„Sie glauben nicht, wie leid mir Natascha tut ...“ murmelte sie mit zuckenden Lippen.
Was sollte ich sagen? Ich schwieg und hatte selbst nicht übel Lust, wie sie zu weinen, nur so, einfach aus einem Gefühl heraus, einem Gefühl, das so wie Liebe war. Welch ein liebes, liebes Kind sie ist! dachte ich. Natürlich fragte ich sie nicht weiter, weshalb sie denn von sich glaubte, daß sie Aljoschas Glück ausmachen könne.
„Sie lieben doch Musik?“ fragte sie, als sie sich ein wenig beherrscht hatte, doch war sie noch ganz nachdenklich gestimmt von den Tränen.
„Ja,“ antwortete ich etwas verwundert.
„Wenn wir Zeit hätten, würde ich Ihnen jetzt das dritte Konzert von Beethoven vorspielen. Ich spiele es jetzt. Dort sind alle diese Gefühle ... ganz so wie ich sie jetzt empfinde. So scheint es mir wenigstens. Doch davon nächstens, heute haben wir noch über Wichtigeres zu sprechen.“
Und es begannen die Beratungen, wie es anzustellen sei, daß sie mit Natascha zusammenkäme. Sie sagte, daß sie nicht ohne Begleitung das Haus verlassen dürfe; ihre Stiefmutter sei zwar gut zu ihr und habe sie lieb, doch werde sie nie und nimmer erlauben, daß sie, Katjä, Natalja Nikolajewnas Bekanntschaft mache. Daher habe sie sich zu einer List entschlossen. An manchen Vormittagen mache sie, wenn das Wetter schön sei, eine Spazierfahrt, doch fahre sie nie allein, sondern stets mit der Gräfin. Wenn diese aber aus irgend einem Grunde nicht mitfahren könne, begleite sie die Französin, die im Augenblick krank war. Das käme aber eigentlich nur dann vor, wenn die Gräfin Migräne habe, folglich mußte man warten, bis diese Migräne eintrat. Inzwischen aber mußte die Französin – ein altes Fräulein, das so etwas wie eine Gesellschafterin war – „gewonnen“ werden, was gewiß nicht schwer fallen könne, denn sie sei sehr gut. Das Ergebnis war also, daß es ganz unmöglich sei, im voraus zu bestimmen, wann sie Natascha ihren Besuch machen könne.
„Sie werden Ihren Schritt nicht bereuen,“ sagte ich. „Sie will Sie selbst sehr gern kennen lernen, und das ist durchaus notwendig, damit sie wenigstens weiß, wem sie Aljoscha übergibt. Im übrigen aber brauchen Sie sich das alles gar nicht so zu Herzen zu nehmen. Die Zeit wird auch ohne Ihre Sorgen alles entscheiden. Sie werden doch aufs Land fahren?“
„Ja, bald, vielleicht schon in einem Monat,“ sagte sie. „Ich weiß, daß der Fürst darauf besteht.“
„Was meinen Sie, wird Aljoscha mit Ihnen dorthin fahren?“
„Das ist es, woran ich soeben dachte!“ sagte sie und sah mich unverwandt an. „Er wird doch wohl?“
„Zweifellos.“
„Mein Gott – ich weiß nicht, was daraus noch werden soll! Hören Sie, Iwan Petrowitsch, ich werde Ihnen alles schreiben, ich werde Ihnen sehr oft schreiben und sehr viel. Ich bin nun einmal Ihr Plagegeist geworden. Werden Sie uns oft besuchen?“
„Ich weiß es nicht, Katherina Fedorowna, das hängt von den Umständen ab. Vielleicht werde ich hier überhaupt nicht wieder erscheinen.“
„Weshalb denn nicht?“
„Das wird eben von verschiedenen Fragen abhängen, doch hauptsächlich – von meinem Verhältnis zum Fürsten.“
„Er ist ein unehrlicher Mensch,“ sagte sie überzeugt. „Aber wissen Sie, Iwan Petrowitsch, wie wäre es, wenn ich Sie einmal besuchen würde? Wenn ich an einem Vormittage meine Spazierfahrt mache? Wäre das gut oder wäre das nicht gut?“
„Wie finden Sie es?“
„Ich denke, daß es gut wäre. So, ganz einfach ... ich würde Sie eben einmal besuchen ...“ fügte sie lächelnd hinzu. „Ich sage es ja nur deshalb, weil ich Sie nicht nur sehr achte, sondern auch sehr liebe ... Und von Ihnen kann man vieles lernen. Und ich liebe Sie doch ... Aber ich brauche mich doch nicht deshalb zu schämen, weil ich so mit Ihnen spreche? ...“
„Weshalb sollten Sie sich schämen? Sie sind mir schon so lieb und wert, als hätte ich in Ihnen eine Blutsverwandte gefunden.“
„Wollen Sie nicht mein Freund sein?“
„O, von Herzen gern!“ sagte ich.
„Nun, die dort aber würden sagen, daß ich mich schämen müßte und daß ein junges Mädchen so nicht reden dürfe,“ bemerkte sie wieder mit einem auf die Gruppe am Teetisch weisenden Blick.
Ich muß hier bemerken, daß der Fürst uns, wie mir schien, absichtlich allein ließ, um uns die Möglichkeit zu geben, über Natascha und Aljoscha unter vier Augen nach Herzenslust zu sprechen.
„Ich weiß doch sehr gut, daß der Fürst es nur auf mein Geld abgesehen hat,“ fuhr sie fort. „Sie halten mich noch für ein vollständiges Kind, und sagen es mir ja auch ganz offen. Ich aber denke anders. Ich bin kein Kind mehr ... Seltsame Menschen sind es doch: sie sind ja noch selbst die richtigen Kinder. Sagen Sie mir nur: weshalb sorgen sie sich so?“
„Katherina Fedorowna, ich vergaß, Sie zu fragen: wer sind dieser Ljowinka und Borinka, die Aljoscha so oft besucht?“
„Das sind entfernte Verwandte von mir. Es sind sehr kluge und sehr anständige Jungen, aber sie sprechen so viel, daß es einem denn doch zu viel wird ... Ich kenne sie ...“
Und sie lächelte vor sich hin.
„Ist es wahr, daß Sie ihnen mit der Zeit eine Million schenken wollen?“
„Nun sehen Sie, zum Beispiel diese Million! Sie haben schon so viel davon gesprochen, daß es einem einfach unerträglich wird. Ich gebe natürlich gern zu allem Nützlichen, denn wozu hat man schließlich so viel Geld, nicht wahr? Aber es wird doch noch einige Zeit dauern, bis ich es werde tun können, sie aber tun so, als hätten sie bereits über das Geld zu verfügen, verteilen es, philosophieren, schreien, streiten über die beste Verwendung, ja sie geraten sich sogar in die Haare deswegen, so daß ich mich wirklich nur wundern kann. Sie haben es doch gar zu eilig. Aber dann sind sie doch wieder so nette Jungen, so herzlich in allem und ... klug sind sie. Sie lernen. Das ist doch immerhin besser als so, wie andere leben ... Nicht wahr?“
Und vieles sprachen wir noch. Sie erzählte mir fast ihr ganzes Leben und hörte mit brennendem Interesse zu, wenn ich erzählte. Doch immer wieder wollte sie noch Näheres von Natascha und Aljoscha hören. Es hatte schon zwölf geschlagen, als der Fürst zu mir trat und damit das Zeichen zum Aufbruch gab. Ich verabschiedete mich. Katjä drückte mir fest die Hand und sah mich mit einem vielsagenden Blick an. Die Gräfin forderte mich auf, sie auch fernerhin zu besuchen. Ich verließ das Haus zusammen mit dem Fürsten.
Ich kann hier nicht umhin, eines seltsamen und vielleicht ganz unpassenden Eindruckes, den ich unter anderem aus dem dreistündigen Gespräch mit Katjä davontrug, Erwähnung zu tun: es war dies eine für mich selbst wunderliche, doch um so festere Überzeugung, daß sie noch so weit Kind war, daß sie das ganze Geheimnis der Beziehungen zwischen Mann und Weib überhaupt noch nicht kannte. Das verlieh einzelnen ihrer Äußerungen sowie dem ganzen ernsten Ton, mit dem sie von vielen äußerst wichtigen Dingen sprach, eine unendliche unfreiwillige Komik.
X.
„Was meinen Sie!“ sagte plötzlich der Fürst, als wir uns in den Wagen setzten. – „Wie wäre es, wenn wir jetzt zusammen zu Abend speisten?“
„Wirklich, ich weiß nicht, Fürst,“ antwortete ich unschlüssig. „Ich pflege nie zu Abend zu speisen ...“
„Selbstverständlich würden wir bei der Gelegenheit dann auch reden können,“ fügte er bedeutsam hinzu, indem er mir mit einem halb spöttisch, halb heimtückisch lächelnden Blick unverwandt in die Augen sah.
Wie sollte ich das mißverstehen! „Er will sich aussprechen,“ dachte ich, „und das ist es ja gerade, worauf ich warte.“
Ich willigte ein.
„Also abgemacht. In die Große Moskaja zu B.,“ rief er dem Kutscher zu.
„Ins Restaurant?“ fragte ich ein wenig verwirrt.
„Ja. Wieso? Ich speise doch abends nur selten zu Hause. Erlauben Sie mir denn nicht, Sie aufzufordern?“
„Aber ich sagte Ihnen doch, daß ich mich überhaupt nicht daran gewöhnt habe, zu Abend zu speisen.“
„Nun, dieses eine Mal! Zudem habe ich Sie doch aufgefordert, mein Gast zu sein ...“
Das hieß: ich werde doch für dich zahlen. Ich bin überzeugt, daß er das mit Absicht hinzufügte. Ich widersprach nicht weiter, beschloß aber, im Restaurant selbst für mich zu zahlen. Der Fürst nahm ein einzelnes Zimmer und wählte mit Kennermiene drei Gänge. Das war alles sehr teuer, ebenso auch der feine Tischwein, den er dazu bestimmte, und daher nichts für meine Tasche. Ich warf einen Blick auf die Karte und bestellte für mich ein halbes Haselhuhn und dazu Lafitte.
„Wie, Sie wollen nicht mit mir speisen?“ fragte der Fürst ganz aufgebracht. „Aber das ... das ist ja geradezu lächerlich! Pardon, mon ami, aber das ist doch wirklich ... übertriebene Pedanterie. Sie können doch in Ihrer Eigenliebe nicht so kleinlich sein. Das ist ja förmlich, als wollten Sie auf den Standesunterschied pochen, – ich wette, daß das im geheimen Ihre Absicht ist! Ich versichere Sie, Sie beleidigen mich einfach!“
Doch ich bestand auf meinen Willen.
„Nun – wie Sie wollen. Ich zwinge Sie nicht ... Sagen Sie, Iwan Petrowitsch, darf ich zu Ihnen einmal vollkommen freundschaftlich reden?“
„Ich bitte Sie darum.“
„Nun, dann sage ich Ihnen, daß Sie sich, meiner Meinung nach, durch solche Pedanterie nur schaden. Und dasselbe tun alle Ihre Kollegen. Sie sind Literat, Schriftsteller, Sie müssen die Welt kennen lernen, währenddessen ziehen Sie sich immer mehr zurück und wollen sich von allem fernhalten. Ich rede jetzt nicht von Haselhühnern, aber Sie sind ja doch bereit, auf jede Beziehung zu unseren Kreisen zu verzichten, das aber schadet Ihnen doch sicher. Ganz abgesehen davon, daß Sie dabei viel verlieren, – nun, zum Beispiel, was ihre Karriere betrifft und alles weitere, was daraus folgt – ganz abgesehen davon, sage ich, müßten Sie doch in erster Linie das kennen lernen, was Sie schildern. In solchen Novellen kann doch alles vorkommen, Grafen, Fürsten, Boudoirs ... Doch, was sage ich! Bei den Schriftstellern von heute dreht es sich ja jetzt um nichts anderes mehr als um Armut, verlorene Mäntel, Revisoren, verrückte Offiziere, Beamte, alte Jahrgänge und Sektiererleben, ich weiß, ich weiß ...“
„Sie irren sich, Fürst. Wenn ich mich nicht in den sogenannten höheren Kreisen bewege, so tue ich es nur deshalb nicht, weil es dort, erstens, langweilig ist, und zweitens, weil man dort nichts zu suchen hat. Doch schließlich bin ich auch hin und wieder ...“
„Ich weiß, beim Fürsten R., einmal im Jahr. Ich bin Ihnen ja dort mal begegnet. Aber die übrige Zeit des Jahres verknöchern Sie wie Ihre Kollegen in demokratischem Stolz irgendwo in kleinen Dachstuben. Freilich tun das nicht gerade alle. Es gibt unter ihnen auch solche Abenteuerjäger, daß es sogar mir ekelhaft zumute wird ...“
„Ich bitte Sie, Fürst, dieses Thema fallen zu lassen und unsere Dachstuben nicht weiter zu berühren.“
„Ach, mein Gott, da sind Sie schon gekränkt. Sie hatten mir doch erlaubt, vollkommen freundschaftlich mit Ihnen zu reden. Übrigens, je vous demande pardon, ich habe ja noch mit nichts Ihre Freundschaft verdient. Der Wein ist nicht schlecht. Versuchen Sie ihn.“
Er schenkte mir ein halbes Glas ein – aus seiner Flasche.
„Nun, sehen Sie, mein lieber Iwan Petrowitsch, ich begreife ja nur zu gut, daß es unanständig ist, seine Freundschaft einem anderen ungebeten aufzudrängen. Sind Sie doch der Meinung, daß wir alle Sie nur demütigend behandeln wollen. Nun, ich begreife auch sehr gut, daß Sie nicht aus Neigung zu mir hier sitzen, sondern weil ich versprochen habe, mit Ihnen zu reden. Nicht wahr, so ist es doch?“
Er lachte.
„Da Sie aber die Interessen einer gewissen Person im Auge haben, so sind Sie natürlich sehr gespannt darauf, was ich sagen werde. Nicht wahr?“ fragte er mit boshaftem Lächeln.
„Sie irren sich nicht,“ sagte ich nervös – ich sah, daß er einer von jenen war, die, wenn sie einen Menschen nur ein wenig in ihrer Macht wissen, es diesem sogleich zu fühlen geben möchten. Und ich war in seiner Macht. Sein Ton wurde mit jedem Satz familiärer, spöttischer, unverschämter. „Sie haben es erraten, Fürst; ich bin einzig zu diesem Zweck hergekommen, andernfalls würde ich wahrlich nicht ... so spät hier noch sitzen.“
Ich hatte sagen wollen: andernfalls würde ich wahrlich nicht in Ihrer Gesellschaft bleiben, unterließ es aber, und zwar nicht etwa aus Furcht vor ihm, sondern weil mein verwünschtes Zartgefühl es nicht erlaubte. In der Tat, wie soll man einem Menschen eine Grobheit ins Gesicht sagen, wenn er es auch noch so verdient hätte und ich ihm gerade eine Grobheit sagen wollte? Ich glaube, der Fürst erriet aus meinen Augen, was ich dachte und blickte mich die ganze Zeit spöttisch an, als mokiere er sich über meine Mutlosigkeit und als wolle er mir mit seinem Blick sagen: „Nun was, hast es nicht zu sagen gewagt, hast klein beigegeben? Ja, ja, Freundchen!“ Sicherlich waren das seine Gedanken, denn als ich meinen Satz beendet hatte, lachte er auf und klopfte mir mit einer gewissen protegierenden Liebenswürdigkeit aufs Knie.
„Du erheiterst mich, Freundchen,“ las ich in seinem Blick.
„Wart mal!“ dachte ich bei mir.
„Ich bin heute sehr vergnügt!“ rief er lachend aus, „und wirklich, ich weiß eigentlich gar nicht, weshalb. Ja, ja, mein Freund, ja! Gerade über diese Person wollte ich mit Ihnen reden. Man muß sich doch einmal aussprechen, und man muß doch auch zu einem Resultat kommen. Deshalb hoffe ich, daß Sie mich diesmal richtig verstehen werden. Vorhin begann ich mit Ihnen von jenem Gelde und der alten Schlafmütze von einem Vater, dem sechzigjährigen Säugling ... Na, es lohnt sich nicht, darüber noch Worte zu verlieren. Ich begann doch davon nur so! Hahah! Sie sind doch Dichter – haben Sie denn das nicht erraten? ...“
Verwundert sah ich ihn an. Ich fragte mich, ob er schon betrunken sein könne?
„Nun, was aber sein Töchterchen betrifft, so muß ich sagen, daß ich sie sehr achte, sogar liebe – versichere Sie! Sie ist zwar ein bißchen eigensinnig, aber schließlich: ‚keine Rose ohne Dorn‘, wie man vor fünfzig Jahren zu sagen pflegte, und das Wörtchen ist sogar sehr treffend. Dornen stechen, aber das ist ja gerade das Verlockende, und wenn auch mein Alexei ein Dummkopf ist, so habe ich ihm zum Teil doch schon verziehen – weil er einen so guten Geschmack bewiesen hat. Kurz, mir gefallen diese Mädchen und ich habe –“ er preßte vielsagend die Lippen zusammen – „sogar besondere Absichten ... Nun, davon später ...“
„Fürst! Hören Sie, Fürst!“ rief ich aus, „ich verstehe diese plötzliche Veränderung nicht, aber ... sprechen Sie von anderem, ich bitte Sie.“
„Sie regen sich schon wieder auf! Nun, gut ... ich werde das Thema wechseln. Nur – sehen Sie, was ich Sie fragen will, mein lieber Freund: achten Sie sie sehr?“
„Selbstverständlich!“ antwortete ich mit unhöflicher Gereiztheit und Ungeduld.
„Nun, nun ... und Sie lieben sie?“ fuhr er fort, mit einem widerlichen Lächeln mir zublinzelnd.
„Sie vergessen sich!“
„Nun, schon gut, schon gut. Beruhigen Sie sich nur. Ich bin heute bei erstaunlich guter Laune, das muß ich sagen! Ich bin so heiter gestimmt wie seit langer Zeit nicht mehr. Sollten wir nicht Champagner trinken? Was meinen Sie, mein Poet?“
„Ich werde keinen Champagner trinken, ich will nicht!“
„Nichts da! Sie müssen mir heute unbedingt Gesellschaft leisten. Ich fühle mich so wundervoll und bin von einer Güte, die fast an Sentimentalität grenzt, aber ich kann nicht allein glücklich sein. Wer weiß, vielleicht bringen wir es noch so weit, daß wir Brüderschaft trinken, hahaha! und ‚Du‘ zueinander sagen! Nein, nein, junger Freund, Sie kennen mich noch nicht! Ich bin überzeugt, daß Sie mich lieb gewinnen werden. Ich will, daß Sie heute Leid und Freud mit mir teilen, Heiterkeit und Tränen, obschon ich hoffe, daß ich ... wenigstens nicht weinen werde. Nun, wie steht’s, Iwan Petrowitsch? So bedenken Sie doch nur, daß, wenn nicht das geschieht, was ich will, meine ganze Inspiration zum Teufel gehen kann und Sie dann nichts mehr hören werden. Nun, Sie aber sind doch einzig zu dem Zweck hier, um etwas zu hören. Hab’ ich nicht recht?“ fragte er wieder mit einem frechen Blinzeln. „Nun, dann wählen Sie also.“
Die Drohung war nicht mißzuverstehen. Ich willigte ein. „Will er mich etwa betrunken machen?“ fragte ich mich. Übrigens dürfte es angebracht sein, hier eines Gerüchts, daß auch mir zu Ohren gekommen war, Erwähnung zu tun. Man erzählte vom Fürsten, daß er – der sich doch in der Gesellschaft stets tadellos und vornehm zeigte – mitunter nachts es wie der letzte Wüstling zu treiben liebte, sich toll und voll soff und sich dann heimlich der Ausschweifung hingab, ganz heimlich und gemein ... Ich hatte Scheußliches von ihm erzählen hören. Aljoscha wußte es, daß der Vater sich bisweilen betrank, suchte es aber vor allen zu verbergen, namentlich vor Natascha. Einmal verriet er sich unbedachtsamerweise im Gespräch mit mir, brach aber sofort ab und überging die Antwort auf eine meiner diesbezüglichen Fragen. Von diesem Gerücht jedoch hatte ich andere erzählen hören, nur muß ich gestehen, daß ich es für leeres Geschwätz hielt und ihm keinen großen Glauben schenkte.
Ich wartete, was weiter geschehen würde.
Der Kellner erschien mit dem Champagner; der Fürst schenkte ein, sich und mir.
„Ein reizendes, reizendes Mädel! – wenn sie mich auch gescholten hat!“ fuhr er fort, mit Hochgenuß den Wein schlürfend. „Aber gerade in solchen Momenten sind ja diese reizenden Geschöpfe am reizendsten ... Und sie glaubte doch sicherlich, daß sie mich beschämt habe – Sie wissen doch: an jenem Abend? – daß ich einfach vernichtet sei! Hahaha! Und wie ihr das Erröten steht! Sind Sie ein Weiberkenner? Es gibt blasse Gesichter, denen ein plötzliches Erröten wundervoll steht, – ist Ihnen das nicht aufgefallen? Ach, mein Gott! Sie ärgern sich wohl schon wieder?“
„Ja, ich ärgere mich!“ sagte ich, ohne mich noch zu beherrschen. „Ich wünsche nicht, daß Sie jetzt von Natalja Nikolajewna sprechen ... das heißt, in einem solchen Tone. Ich ... ich erlaube Ihnen das nicht!“
„Oho! Nun, wie Sie wünschen; ich bereite Ihnen das Vergnügen und werde auf anderes übergehen. Ich bin ja doch nachgiebig und weich wie Wachs. Reden wir also von Ihnen. Ich liebe Sie, Iwan Petrowitsch. Wenn Sie wüßten, welch freundschaftliches, aufrichtiges Interesse ich für Ihr Schicksal empfinde ...“
„Fürst, wäre es nicht besser, wir kämen zur Sache?“ unterbrach ich ihn.
„Das heißt, zu unserer Sache, wollen Sie sagen. Ich verstehe Sie auch ohne Worte, mon ami, nur ahnen Sie gar nicht, wie nah wir die Sache berühren, wenn wir jetzt auf Sie zu sprechen kommen und wenn Sie mich, was ich hoffe, nicht wieder unterbrechen werden. Also ich fahre fort: ich wollte Ihnen nämlich sagen, mein teuerster Iwan Petrowitsch, daß so leben, wie Sie leben, einfach ein Sichzugrunderichten ist. Erlauben Sie mir einmal, dieses delikate Gebiet zu berühren; ich tu’s aus Freundschaft. Sie sind arm, Sie müssen sich von Ihrem Verleger einen Vorschuß zahlen lassen, um Ihre kleinen Schulden bezahlen zu können, und für das übrige leben Sie ein halbes Jahr nur von Tee und zittern in Ihrer Dachkammer vor Kälte, in der Erwartung des Augenblicks, wann endlich Ihr Roman erscheinen wird. Ist es nicht so?“
„Und wenn es auch so ist, so ist es doch ...“
„Doch ehrenwerter als stehlen, Bücklinge machen, Sporteln nehmen, intrigieren, nun, usw., usw. Ich weiß, ich weiß, was Sie sagen wollen, das ist ja alles schon längst gedruckt!“
„Folglich dürfte es auch überflüssig sein, davon weiter zu reden. Muß ich Sie wirklich noch Takt lehren, Fürst?“
„O, selbstverständlich nicht. Nur, was ist da zu machen, wenn gerade diese delikaten Seiten in der Hauptsache eine große Rolle spielen. Man kann sie doch nicht totschweigen. Doch übrigens, wie Sie wollen, lassen wir die Dachkammern in Ruh. Ich habe auch nichts für sie übrig, abgesehen von gewissen Fällen ...“ Er lachte widerlich. „Mich wundert ja nur eines: was für ein Vergnügen finden Sie daran, die Rolle der zweiten Person zu spielen? A propos, einer Ihrer Kollegen sagt ja wohl irgendwo in einem Werk, soviel ich mich entsinne, daß es vielleicht die größte Tat sei, wenn ein Mensch es verstehe, sich im Leben auf die Rolle einer zweiten Person zu beschränken ... Oder so etwas Ähnliches. Ich habe auch einmal ein Gespräch darüber gehört ... mit halbem Ohr. Ich weiß doch, daß Aljoscha Ihnen die Braut abspenstig gemacht hat, Sie aber wissen, gleich einem idealen Schiller, nichts besseres zu tun, als sich für sie noch aufzuopfern, sie womöglich zu bedienen oder sich von ihnen gar als Laufbursche benutzen zu lassen ... Verzeihen Sie, mein Lieber, aber das ist doch nur ein gewisses widerliches Spiel mit großmütigen Gefühlen ... Daß es Ihnen noch nicht langweilig geworden ist, begreife ich nicht! Man müßte sich doch eigentlich schämen. Ich würde an Ihrer Stelle, glaube ich, umkommen vor Ärger, aber in erster Linie würde ich mich doch schämen, schämen!“
„Fürst! Es scheint, daß Sie mich nur zu dem Zweck hergebeten haben, um mich zu beleidigen!“ Ich war fast außer mir vor Wut.
„O, nein, mein Freund, nein, ich bin im Augenblick ganz einfach nur ein Sachverständiger, der Ihr Bestes wünscht. Mit einem Wort, ich will der ganzen Geschichte einmal ein Ende machen. Doch vorläufig reden wir noch nicht von der ‚ganzen Geschichte‘, sondern hören Sie mich zuerst bis zu Ende an, und bemühen Sie sich, sich nicht aufzuregen, wenn auch nur für die Dauer von zwei Minuten. – Nun, also, was meinen Sie, sollten Sie nicht heiraten? Sie sehen, ich rede jetzt von ganz Nebensächlichem. Weshalb sehen Sie mich denn so erstaunt an?“
„Bitte, weiter, ich warte,“ antwortete ich. Ich sah ihn in der Tat verwundert an.
„O, da ist nichts zu erwarten. Ich wollte nur wissen, was Sie dazu sagen würden, wenn Ihnen jemand von Ihren Freunden, der Ihnen ein dauerhaftes, wahres Glück wünscht – nicht irgend so ein ephemerisches – ein junges, nettes Mädchen anböte, das aber ... bereits einiges durchgemacht hat. Ich rede ganz allegorisch, doch Sie verstehen mich hoffentlich, – nun, so à la Natalja Nikolajewna, selbstverständlich mit einer anständigen Entschädigung ... Vergessen Sie nicht, daß ich von einer Nebensache, nicht von unserer Sache rede. Nun also: was würden Sie dazu sagen?“
„Ich sage Ihnen, daß Sie ... verrückt geworden sind.“
„Hahaha! Bah! Sie scheinen ja Lust zu haben, tätlich zu werden?“
Es fehlte allerdings nicht viel und ich hätte ihn geprügelt. Ich konnte es kaum noch aushalten! Ich hatte das Empfinden, einem Geschmeiß, einer riesigen ekelhaften Spinne gegenüber zu sitzen und ich brannte vor Verlangen, das scheußliche Tier platt zu schlagen, unter die Füße zu treten. Er ergötzte sich an seinem Spott, den er mit mir trieb, er spielte mit mir, wie eine Katze mit der Maus, denn er glaubte, mich ganz in seiner Gewalt zu haben. Es schien mir, daß er an seiner Schamlosigkeit ein gewisses Vergnügen fand; vielleicht empfand er sogar eine gewisse Wollust in dieser Gemeinheit, in diesem Zynismus, mit dem er vor mir plötzlich sich die Maske vom Gesicht riß. Er wollte sich an meiner Verwunderung, an meinem Schreck und Ekel weiden, wie es mir schien. Er verachtete mich aufrichtig und machte sich über mich lustig.
Ich hatte erraten, daß er einen besonderen Zweck verfolgte; ich befand mich aber in einer solchen Situation, daß ich ihn unter allen Umständen anhören mußte. Ich mußte es im Interesse Nataschas; ich mußte mich auf alles gefaßt machen und mußte alles ertragen, denn es war möglich, daß jetzt die Stunde gekommen war, in der sich ihr Schicksal entschied. Wer aber hätte diese zynischen, gemeinen Ausfälle auf ihre Rechnung kaltblütig anhören können? Und er begriff nur zu gut, daß ich gezwungen war, ihn anzuhören, was natürlich noch die Kränkung vergrößerte. „Übrigens bin auch ich ihm unentbehrlich,“ dachte ich bei mir und begann ihm schroff und verächtlich zu antworten. Er merkte es.
„Hören Sie, mein junger Freund,“ begann er plötzlich, mir ernst in die Augen schauend, „so können wir nicht fortfahren, deshalb ist es besser, wir verständigen uns sogleich. Ich, sehen Sie mal, ich hatte die Absicht, Ihnen einiges zu sagen; da müssen Sie aber schon so liebenswürdig sein und einwilligen, mich anzuhören, gleichviel was ich Ihnen auch erzähle oder sagen sollte. Ich wünsche so zu sprechen, wie ich will und wie es mir gefällt, und genau genommen ist es so auch ganz in der Ordnung, Nun, also wie steht es, mein junger Freund? Werden Sie Geduld haben?“
Ich bezwang mich und schwieg, obschon er mich plötzlich mit so beißendem Spott ansah, als wolle er mich absichtlich zu einer schroffen Weigerung herausfordern. Doch er erriet aus meinem Schweigen, daß ich einwilligte, alles anzuhören, und so fuhr er denn fort:
„Ärgern Sie sich nicht über mich, mein Freund! Worüber ärgern Sie sich denn, genau genommen? Einzig über eine äußere Form, nicht wahr? Sie haben doch von mir im Grunde nichts anderes erwartet, gleichviel wie ich mit Ihnen spreche: ob mit parfümierter Höflichkeit oder so wie jetzt; folglich bliebe doch der Sinn immer ein und derselbe. Sie verachten mich, nicht wahr? Sehen Sie doch, wieviel liebe Einfachheit, Aufrichtigkeit und Bonhomie in mir ist! Ich gestehe Ihnen alles, sogar meine Kinderlaunen. Ja, mon cher, ja, ein wenig mehr Bonhomie auch Ihrerseits und wir würden uns vorzüglich aussprechen, würden in allen Punkten einig werden und uns gegenseitig vollkommen verstehen. Über mich aber wundern Sie sich nicht. Ich habe diese ganze Unschuld, Aljoschas Hirtenlieder und Schäferspiele, dieses ganze Schillerianertum und alle die Ideale in diesem verwünschten Verhältnis mit jener Natascha – übrigens an sich ein nettes Mädchen – wie gesagt, alles dies habe ich jetzt so satt, daß ich mich ganz unwillkürlich der Gelegenheit freuen muß, mich über diesen ganzen Rummel gründlich lustig machen zu können. Nun und da haben wir denn jetzt die Gelegenheit. Hinzu kommt, daß ich ja sowieso einmal mein Herz Ihnen ausschütten oder meine Seele vor Ihnen ausbreiten wollte. Hahaha!“
„Sie setzen mich in Erstaunen, Fürst. Ich verstehe Sie nicht. Sie verfallen in den Ton eines Hanswurst; diese plötzlichen Offenbarungen ...“
„Hahaha! Das ist ja doch teilweise ganz richtig! Ein allerliebster Vergleich! Hahaha! Ich gehe durch, mein Freund, ich gehe durch, ich bin froh und zufrieden, nun, und Sie, mein Poet, Sie müssen alle nur mögliche Nachsicht mit mir haben und sich dazu bequemen, aus Ihren Höhen tief herabzusteigen. Doch lassen Sie uns trinken!“ unterbrach er sich, in äußerster Zufriedenheit mit sich selbst, und er füllte die Gläser nach. „Sehen Sie, mein Freund, allein schon dieser eine dumme Abend bei Natascha – erinnern Sie sich? – gab mir den Rest. Freilich war sie selbst sehr nett anzusehen in jenem Augenblick, aber nichtsdestoweniger verließ ich sie doch in entsetzlicher Wut und das will ich nicht vergessen. Weder vergessen noch verheimlichen. Natürlich wird auch meine Zeit mal kommen und sie nähert sich ja schon rapid, doch vorläufig lassen wir das aus dem Spiel. Indes wollte ich Ihnen erklären, daß ich einen sehr beachtenswerten Charakterzug besitze, den Sie noch nicht kennen: das ist, daß mir nichts so verhaßt ist, wie alle diese ekelhaften, nichtswürdigen, billigen Naivitäten et toutes ces pastourelles; und einer der pikantesten Genüsse war für mich stets, zuerst selbst in dieser Tonart zu singen, irgend so einen ewig jungen Schiller zu entzücken, fast sogar zu begeistern für mich, und dann ihn plötzlich wie mit einem Keulenschlage zu betäuben, plötzlich die begeisterte Maske herunterzureißen und ihm eine Grimasse zu schneiden, ihm die Zunge zu zeigen, und das gerade in dem Augenblick, wenn er am allerwenigsten eine solche Überraschung erwartete. Wie? Sie begreifen das nicht, Sie finden es vielleicht schändlich, dumm, gemein, nicht?“
„Selbstverständlich finde ich das.“
„Sie sind ziemlich aufrichtig. Nun, aber was kann ich dafür, wenn diese Kerls mich schließlich quälen! Auch ich bin dumm genug, aufrichtig zu sein, aber das ist nun mal mein Charakter. Übrigens will ich Ihnen noch so einige Episoden aus meinem Leben erzählen. Sie werden mich dann besser verstehen und das wird sehr interessant sein. Ja, Sie haben recht, ich erinnere heute vielleicht wirklich an einen Hanswurst, aber ein Hanswurst ist doch aufrichtig, nicht wahr?“
„Hören Sie, Fürst, es ist jetzt spät und wirklich ...“
„Was? Gott, welche Ungeduld! Was eilt denn so? Lassen Sie uns doch ein wenig sitzen, wir können bei der Gelegenheit ganz freundschaftlich und aufrichtig reden, so, wissen Sie, beim Glase Wein, wie es sich guten Freunden ziemt. Sie glauben, ich sei betrunken? Na, um so besser für Sie! Hahaha! In der Tat, diese freundschaftlichen Zusammenkünfte bleiben einem nachher immer so lange noch im Gedächtnis und man denkt mit solch einer Wonne an sie zurück. Sie sind kein guter Mensch, Iwan Petrowitsch! Es ist keine Sentimentalität in Ihnen, Sie gehören nicht zu den Gefühlvollen. Nun, was macht es Ihnen denn aus, ein bis zwei Stunden für solch einen Freund zu opfern, wie ich es bin? Außerdem gehört das doch durchaus zur Sache ... Wie sollten Sie denn das nicht verstehen, – Sie, ein Schriftsteller noch dazu! Sie müßten doch den Zufall einfach segnen. Sie können ja mich als Modell benutzen und einen großartigen Typ schaffen, hahaha! Gott, wie reizend offenherzig ich heute bin!“