ZWEITES HAUPTSTÜCK. (continued 4)
Reading edition
Unter den himmlischen Hallen, welche das Grimnirlied aufzählt, wird Himinbjorg als die dem Heimdall geweihte bezeichnet; in behaglichem Hause trinkt dort der Wächter der Götter vergnügt den guten Met. Snorri (Gylfag. Kap. 17) fügt hinzu: Dieser Saal steht am Rande des Himmels am Brückenkopfe, wo Bifrost den Himmel erreicht. Unter „Himinbjorg“, den Himmelsbergen sind wol Berge zu vermuten, die hoch in den Himmel hineinragen.[432] Bedenkt man, dass die Riesen im Hochgebirge hausen und von hier aus nach dem Reiche der Himmlischen spähen, so begreift man, dass über und auf den höchsten Gipfeln von den Göttern ein Wächter eingesetzt ist, der täglich aufs neue mit dem anbrechenden Lichte die Nachtunholde verscheucht und endlich, da das Unheil nimmer abzuwenden ist, mit Horneston zum Kampfe ruft.
Über sein Wächteramt, das ihn zum ständigen Ausharren in allen Unbilden des Wetters zwingt, spottet Loki, in Urzeiten sei ihm ein leidiges Loos auferlegt worden, immer müsse er mit feuchtem Rücken sein und wachen als Wächter der Götter.[433] Als Wächter führt Heimdall ein Horn. Sein Ertönen ist vom Weltbaum abhängig. Der gellende Ton des Gjallarhornes verkündigt das Ende; laut bläst er in die Lüfte. Die Weltesche erzittert und der alte Baum rauscht.[434]
Vom Heimdallsgaldr hat Snorri (Gylfag. Kap. 27) zwei Zeilen bewahrt, worin der Gott sagt:.
Mädchen neun waren Mütter mir, Ich lag neun Schwestern im Schooss.
Im Hyndlalied steht mehr über Heimdalls wunderbare Geburt und Kindheit:
36 Einer wurde in der Urzeit geboren, Strotzend von Kraft aus dem Stamm der Götter; Es gebaren den Sprossen, den speerberühmten[435] Neun Riesentöchter am Rand der Erde. 38 Gjalp gebar ihn, Greip gebar ihn, Es gebar ihn Eistla und Eyrgjafa, Es gebar ihn Ulfrun und Angeyja, Imd und Atla und Jarnsaxa. [39 [436] Die Erdkraft wars, die den Edlen ernährte, Eiskaltes Meer und des Ebers Blut.] [40 [437] Es ward einer geboren, besser als alle, Die Erdkraft wars, die den Edlen ernährte; Als Herrscher, sagt man, sei der hehrste er, Der allen Geschlechtern vereint durch Verwandtschaft.]
Neun Riesenmädchen sind genannt mit Namen, welche auf die Eigenschaften der Meereswogen hinzudeuten scheinen, Gjalp die Brausende, Greip die Umkrallende, Eistla die rasch Dahinstürmende, Eyrgjafa die Sandspenderin, Ulfrun die Wölfische, Angeyja die Bedrängerin, Imd die Dunstige, Atla die Furchtbare, Jarnsaxa die mit dem Eisenschwerte (die schneidende Kälte). Auch der Meeresgöttin Ran sind neun Töchter zugeschrieben.[438] Die Neunzahl bezieht sich auf den Seemannsaberglauben über die Aufeinanderfolge von Wellen verschiedener Stärke und Färbung, wie er noch heute vorkommt. Darf man die neun Mütter Heimdalls mit den neun Wogenmädchen gleichsetzen, so wäre der Gott als Sohn der Meereswellen bezeichnet und vielleicht zu deuten als der am Himmelsrand übers Meer aufleuchtende Tag. Die Strophen entstammen der kleinen Vǫlospǫ́, welche in Trümmern ins Hyndlalied eingesprengt ist. Dieses Gedicht ist ziemlich jung. Will man die mythische Deutung gelten lassen und versteht man unter den Riesinnen am Himmelsrand Wogenmädchen, so wäre wol ost- oder südisländischer Ursprung der Sage anzunehmen, da für die dort Ansässigen der Tag aus den Meereswogen auftaucht. Denkt man aber unter den neun Riesinnen Bergbewohnerinnen, dann könnte die Sage in Norwegen entstanden sein: am Himmelsrand auf Bergen wird der junge Tag geboren.
Heimdall wird einmal der dümmste der Asen (heimskastr ása) genannt.[439] Ob dieser Vorwurf in alter Sagenüberlieferung begründet war, ob Heimdall zu den „Vertretern des Stumpfsinns“ im Götterkreis etwa gleich Hoenir gehörte, oder ob nur ein boshaftes Wortspiel mit seinem Namen vorliegt, lässt sich nicht entscheiden. Heimdall heisst bei den Skalden Feind des Loki (Lokadólg), Sucher des Halsbandes der Freyja (mensœkir Freyju), Besucher der Wogenklippe und des Singasteines (tilsœkir Vágaskers ok Signasteins). Dort nämlich kämpfte er mit Loki um das Brísingamen, das Halsband der Göttin. Dabei waren beide in Robbengestalt.[440] Der Skald Ulf Uggason behandelte diese Sage in einem längeren Gedicht, wovon nur wenige Verse erhalten sind: der erfahrene berühmte Wächter des Götterpfades rang am Singastein mit dem verschlagenen Sohne des Farbauti, bevor der mutige Sohn der neun Mütter die schöne Meerniere (das aus Bernstein oder Perlen bestehende Geschmeide) gewann.[441] Die zu Grunde liegende Sage erschliesst Müllenhoff[442] also: „Nach einer schon aus dem 10. Jahrh. durch die Húsdrápa vollständig bezeugten nordischen Überlieferung stahl Loki das Brísingamen und verbarg es hinter oder auf einer Meeresklippe fern im Westen, wie man der nordischen Anschauung gemäss annehmen muss, aber Heimdall, der allezeit am Rande des Himmels wachende Hüter des Zugangs zum Reiche der Götter, schlich sich hinzu in Robbengestalt und brachte es nach einem Streit mit dem in gleiche Gestalt verwandelten Loki der Freyja wieder.“ Müllenhoff deutet: „Der Morgenröte tritt die Abendröte gegenüber. Mit der Abendröte hat Loki der am Morgen erschienenen Göttin das Halsband gestohlen. Der Gott aller Frühe bringt es zurück. Die Robbengestalt ist nur Hülle der wahren Gestalt der zwei Götter.“ Die alte Feindschaft kommt beim letzten Weltkampfe zum Austrag, wo die beiden wieder einander gegenüber stehen. Darein ist eine wunderliche Schwertsage verflochten.
Heimdall wird ein Schwert zugeschrieben, „hǫfud“, Haupt genannt. Damit hat es eine besondere Bewandtniss, die zweifellos im verlorenen Heimdallsgaldr erklärt wurde. Thatsache ist, dass die Skalden in ihrer Bildersprache die Begriffe „Heimdalls Schwert“ und „Haupt“ gleichwertig gebrauchen. Das geht deutlich aus Snorris Worten hervor: „Heimdalls Schwert heisst Haupt, so ist gesagt, dass er von einem Manneshaupte durchbohrt wurde. Davon ist im Heimdallsgaldr geredet und dann wird ‚Haupt‘ der Tod Heimdalls genannt; denn das Schwert ist des Mannes Tod.“[443] Die Skalden haben aus dem Wortspiel Nutzen gezogen; sie setzen „Haupt“, den Namen für den Begriff Schwert ein, und dadurch entsteht eine recht dunkle und schwierige Kenning. Statt einfach zu sagen: Heimdall wurde vom Schwerte durchbohrt, heisst es: Heimdall wurde vom Haupt durchbohrt. Nach beliebter Skaldenart wird mit dem Begriff „Haupt“, der ja nur unter ganz bestimmten Verhältnissen Schwert ausdrücken kann, gespielt. Grettir will einmal sagen: ich werde mein Haupt bergen; dafür gebraucht er das verschrobene Bild: ich werde „Heimdalls Schwert“ bergen.[444] Wird nach dem verlorenen Liede Heimdall von „Haupt“ durchbohrt, so kann damit nur gemeint sein: er fällt durch seine eigene Waffe. Im letzten Kampf ficht Loki, der alte Feind des Gottes, mit Heimdall und beide töten sich gegenseitig. Danach muss man annehmen, Loki führt in diesem Kampfe „Haupt“, das auf irgend welche Weise in seine Hand kam. Götter und Helden erliegen oft nur einer einzigen, bestimmten Waffe, die ihnen selbst gehörte, die der Gegner listig sich erwarb. Vielleicht war es auch mit Heimdall so. Müllenhoff hat sich bemüht, das Rätsel mit Hilfe dieser Sage zu lösen. Sein Ergebniss entbehrt freilich überzeugender Beweiskraft. Aber vorläufig ist es die einzige, annehmbare Auslegung. Die verlorene Sage, aus welcher die seltsame Kenning „Haupt“ gleich „Heimdalls Schwert“ geflossen ist, erschliesst er so: Hauptschwert, das überlegene, vorzüglichste Schwert heisst Heimdalls Waffe. Er führt es lange, bis es in die Hand seines Feindes, des Loki übergeht. Mit gewechselten Waffen fechten die Gegner den letzten Kampf aus, und vom eigenen Schwert durchbohrt fand Heimdall den Tod. So mag im verlorenen Lied erzählt worden sein.
Hohe und niedere Kinder Heimdalls heissen die Menschen. Man erinnert sich, dass schon die Germanen zur Zeit des Tacitus die vornehmsten Volksstämme als Abkömmlinge des höchsten Gottes betrachteten. An die Vorstellung, dass Heimdall der Stammvater des Menschengeschlechtes sei, knüpfte um 900 ein norwegischer Dichter an und erzählte, wie Heimdall unter dem Namen Rig die Welt durchwanderte, bei drei Ehepaaren nach einander einkehrte und die drei Stände, Knechte, Bauern, Jarle, die vortrefflich und anschaulich geschildert werden, erzeugte. Aus dem Adel erhebt sich der König, in welchem die menschliche Ständeordnung gipfelt. Das Gedicht scheint zur Verherrlichung Haralds des Schönhaarigen verfasst, der das norwegische Königtum zu bisher ungekanntem Ansehn brachte. In Norwegen herrschte also jedenfalls im 10. Jahrhundert der Glaube, dass Heimdall die Menschen erzeugt und in Stände geordnet habe. Das Bestehende wird auf göttliches Gesetz zurückgeführt.[445]
Das Geheimniss, in das Heimdall gehüllt ist, würde vielleicht ähnlich wie bei Baldr aus fremden Einwirkungen Aufhellung erfahren. Der Schwertgott auf den Himmelsbergen mahnt an den das Paradies mit dem Schwert hütenden Engel. Heimdalls Kampf mit Loki vergleicht sich dem Kampfe Michaels mit dem Drachen oder Satan. Auch dass Heimdall bläst, wenn Surtr naht, erinnert an das Horn des Engels beim jüngsten Gericht.[446] Nicht Heimdalls Wächteramt und Hornblasen an und für sich soll aus fremden Einflüssen erklärt werden, aber dass er am Eingang des Himmels wacht und zum Gericht bläst. Dass an eine nordische Göttergestalt christliche Engelsvorstellungen sich anschlössen, ist sehr wol möglich. Ist einmal die Frage über fremde Einflüsse in der nordischen Mythologie entschieden, so dürfte wol auch Heimdalls Gestalt deutlicher vor uns treten.
VI. Balder.
1. Seine Art und Erscheinung.
Baldr, der Leuchtende[447] weist schon in seinem Namen auf seinen Ursprung, er ist ein Lichtgott wie Heimdall und Tiuȥ. Er ist ein kühner Ritter, seines Rosses Huf weckt Quellen auf; aus solcher Sage stammt wol der Name Baldersbrönd, Baldrs Brunnen in Seeland. Saxo erzählt freilich nur, Balder habe nachgraben lassen und neue Quellen eröffnet.[448] Das Ross folgt dem toten Gott auf den Holzstoss. Baldr besitzt auch ein Schiff. Von seinen Waffen ist nirgends die Rede. Ist er aber aus Tiuȥ abgezweigt, so gebührt ihm das Schwert und der Goldhelm. Baldr ist der Sohn Odins und der Frigg. Wali-Bous und Hermod werden als Odins Söhne Baldrs Brüder genannt. Als Ase ist auch Hod Odins Sohn (SE. 1, 554 u. 556), aber nirgends wird er als Bruder Baldrs betont, was namentlich bei Baldr und Wali-Bous geschieht.
In Breidablik (Breitglanz) hat Baldr sich den Saal erbaut; in diesem Lande herrschen die wenigsten Frevel.[449] Von dem Beherrscher des strahlenden Glanzes sagt Snorri: Ein Sohn Odins ist Baldr der Gute und von ihm ist nur Gutes zu berichten. Er ist der beste Gott und alle loben ihn. Auch ist er so schön von Ansehn und so weiss, dass ein heller Glanz von ihm ausgeht. Darum hat man auch eine Blume, die weisser ist als alle übrigen, mit Baldrs Wimper verglichen. Darnach mag man sich vorstellen, wie schön sein Haar und sein Körper beschaffen sind. Er ist der weiseste der Asen, versteht am schönsten zu reden und übt am liebsten Barmherzigkeit; doch ist das Eigentümliche dabei, dass keiner seiner Urteilssprüche in Kraft bleibt. Er wohnt an dem Orte, der Breidablik heisst; der ist am Himmel belegen und an jener Stätte darf nichts Unreines sich finden.[450]
2. Die norwegisch-isländische Baldrsage.
Die Wolwa sagt: Ich sah Baldr, dem blutigen Gotte, Odins Sohne das Schicksal entschieden: es stand hoch über dem Feld gewachsen die schöne schlanke Mistel (mistel-teinn). Aus diesem Stamme, der dünn aussah, ward ein gefährliches Unglücksgeschoss; Hod that den Schuss. Bald aber wurde Baldrs Bruder geboren, eine Nacht alt kämpfte Odins Sohn. Er wusch nicht die Hände, noch kämmte er das Haupt, bevor er Baldrs Feind auf den Holzstoss brachte. Frigg klagte über Walhalls Weh in Fensalir (Vol. 32/4). Wie die Seherin von der neuen Welt und ihrer Herrlichkeit Kunde gibt, da sagt sie:
Vol. 62. Auf unbesätem Acker werden Ähren wachsen, Alles Böse schwindet, denn Baldr erscheint. Hropts Siegesburg beziehen Hod und Baldr.
Die in der früheren Welt sich befehdet und ums Leben gebracht, wohnen versöhnt und einträchtig nachmals bei einander. Die Liebe hat den wilden Hass überwunden. Dass Loki Baldrs Tod verschuldet, wol dadurch, dass er dem blinden Hod das Geschoss gab und das Ziel wies, geht aus seinen prahlenden Worten der Frigg gegenüber hervor: ich hab’s verschuldet, dass du Baldr nimmer zur Burg reiten siehst (Lokas. 28). Ein besonderes nach der Vǫlospǫ́ und Þrymskviþa verfasstes Lied, das aber vielleicht doch noch ins 10. Jahrh. fällt[451], erzählt von schlimmen Träumen, welche Baldr plagten. Da ritt Odin zur Hölle und weckte die Wolwa aus dem Grabe, um die Zukunft zu erfragen. Für Baldr steht in den Sälen der Hel der Met gebraut, für ihn sind die Bänke mit Ringen bedeckt, die Dielen mit Gold belegt. Die Asen sind aller Hoffnung bar. Hod sendet den Baldr zur Hel, doch Wali, den Rind dem Odin im Westen gebiert, wird eine Nacht alt Hod zum Holzstoss bringen und Baldr rächen. Das ist der Wolwa Weissagung.
In der zwischen 980 und 990 verfassten Húsdrápa beschrieb der Skald Ulf Uggason Baldrs Leichenbrand, wie Freyr auf seinem goldborstigen Eber, Heimdall auf seinem Hengste heranritt. Odin kam angeritten von Raben und Walküren begleitet. Die Riesin (Hyrrokin) machte das Schiff, auf dem Baldr lag, flott, aber Odins Berserker brachten ihr Reittier (den Wolf) zu Fall. Im Preislied auf Eirik (um 950) sagt Odin: Alle Bankdielen erkrachen, als ob Baldr zurück zu Odins Sälen kehrte. Diese Stellen zeigen, dass die Sage von Baldr im 10. Jahrb. allbekannt und beliebt war, alle wesentlichen Züge, welche Snorris schöner Bericht zusammenfasst, stehen schon in der älteren Skaldendichtung fest. Aus dem Ende des 12. Jahrb. stammt eine Strophe des Bischofs Bjarni Kolbeinsson auf den Orkneys, worin erwähnt wird, dass alle Wesen über den toten Baldr weinten.[452] In der Wissenswette, welche Odin mit Wafthrudnir eingeht, fragt er zuletzt:
Was sagte Odin ins Ohr dem Sohne, Ehe man ihn auf den Holzstoss hob?[453]
Niemand weiss das Geheimniss, als Odin allein. Nirgends wird der Schleier gelüftet und Deutungen sind müssig. Im Lied von Hyndla 30 taucht die junge, gelehrte Meinung auf, wie Baldr auf den Holzstoss sank, sei die Zahl der Asen auf elf herabgesunken. Wali rächte Baldr und erschlug seines Bruders Mörder.
In den isländischen Quellen tritt Baldr vor allem als der leidende Gott auf. Sein Tod ist das Vorspiel zum Untergang der Götter. Umso wertvoller im Verein mit dem, was Saxo von Baldr weiss, sind solche Stellen, nach denen Baldr als kühner Held, nicht bloss als sterbender Unschuldsgott erscheint. Dem lästernden Loki hält Frigg entgegen:
Lokas. 27 Hätt ich innen in Ägirs Halle Einen Sohn von Baldrs Sinn, Den Ausgang nicht fandst du von der Asen Kindern, Eh du zornig den Zweikampf erprobt.
Im Lied auf Iwar Widfadmi wird der tapfere Halfdan mit Baldr verglichen, woraus zu schliessen ist, dass auch Baldr für heldenkühn galt.[454]
Baldr wurde von gefahrdrohenden Träumen geängstigt und sagte es den Asen. Da nahm Frigg alle Dinge in Eid, dass sie Baldr nicht schadeten, Feuer, Eisen und Wasser, Erze und Steine, Bäume und Krankheiten und Tiere, Vögel und giftige Würmer. Als nun dieses geschehen war, begannen die Asen ein Spiel mit Baldr: er stellte sich auf den Thingplatz und nun sollten die einen nach ihm schiessen, die andern nach ihm schlagen, die dritten ihn mit Steinen werfen. Nichts von alledem that ihm Schaden. Als Loki dies sah, gefiel es ihm übel. Er nahm die Gestalt eines Weibes an, begab sich zu Frigg nach Fensalir und fragte, ob sie wisse, was die Götter auf dem Thingplatze vornähmen. Sie erwiderte, dass alle nach Baldr schössen, dass er aber nicht verletzt werden könne. Weder Waffen noch Bäume können Baldr den Tod bringen, sagte Frigg, denn von allen habe ich Eide empfangen. Da fragte die Frau: Haben alle Dinge Eide geleistet, Baldr zu schonen? Da antwortete Frigg: Ein Pflanzenschössling wächst im Westen von Walhall, der Mistelteinn heisst; dieser schien mir zu jung, um ihn in Eid zu nehmen. Da entfernte sich die Frau, Loki aber ging hin, fasste den Mistelzweig und riss ihn heraus. Dann ging er zum Thingplatz. Hod stand ganz hinten im Kreise der Männer, denn er war blind. Da sprach Loki zu ihm: Weshalb schiessest du denn nicht nach Baldr? Jener erwiderte: Weil ich ihn nicht sehen kann und überdies keine Waffe habe. Loki sprach: Thue wie die andern Männer auch und schiesse nach Baldr, ich werde dir die Richtung weisen. Schiesse auf ihn mit dieser Gerte. Hod nahm den Mistelzweig und schoss nach Baldr und durchbohrte ihn. Baldr fiel tot nieder. Das ist das grösste Unglück bei Göttern und Menschen. Die Asen waren sprachlos und vermochten keine Hand zu regen, einer schaute den andern an, und es erfasste sie Grimm wider den, der das veranlasst hatte, doch konnten sie an der Friedenstätte nicht Rache üben. Alle waren vom heftigsten Schmerz ergriffen, am meisten Odin; gesprochen wurde nicht, desto mehr geweint. Als die Götter zu sich kamen, fragte Frigg, wer von den Asen sich dadurch ihre Huld erwerben wolle, dass er nach Hels Reich hinunter ritte, um Baldr durch Lösegeld zurückzuerlangen. Hermod, Odins Sohn, machte sich auf und ritt auf Sleipnir hinab. Die Asen nahmen Baldrs Leiche und führten sie zur See. Hringhorni hiess Baldrs Schiff, aller Schiffe trefflichstes. Das wollten die Götter flott machen, um Baldrs Holzstoss darauf zu schichten; aber das Schiff ging nicht los. Da wurde aus Riesenheim die Riesin Hyrrokin entboten. Sie ritt auf einem Wolf, Schlangen dienten ihr zu Zäumen. Sie stieg ab, Odin rief vier Berserker, das Tier zu halten. Sie vermochten es nicht anders, als dass sie es nieder warfen. Hyrrokin trat zum Vordersteven und stiess das Schiff beim ersten Anstemmen heraus, dass Feuer aus den Rollen fuhr und alle Lande erbebten. Da wollte sie Thor mit dem Hammer schlagen, doch die Götter erbaten ihr Frieden. Nun ward Baldrs Leib aufs Schiff gehoben, und als Nanna, Neps Tochter, seine Frau das sah, brach ihr vor Leid das Herz. Da wurde auch sie auf den Holzstoss gelegt. Thor weihte den Scheithaufen mit dem Hammer Mjolnir und stiess den Zwerg Lit, der vor ihm vorbei rannte, mit den Füssen ins Feuer. Zu diesem Leichenbrand kam vielerlei Volk: zuerst Odin, mit ihm Frigg, die Walküren und Raben, Freyr auf einem Wagen mit dem Eber Gullinbursti oder Slidrugtanni, Heimdall ritt auf seinem Hengste Gulltopp, Freyja kam mit ihren Katzen. Auch Reifriesen und Bergriesen waren zugegen. Odin legte den Goldring Draupnir auf den Holzstoss, dem nachher die Eigenschaft wurde, dass jede neunte Nacht acht gleiche Ringe herabträufelten. Baldrs Ross mit allem Reitzeug wurde auf den Scheiterhaufen geführt. Hermod ritt neun Nächte durch dunkle und tiefe Thäler, bis er zum Fluss Gjoll kam, über den eine goldene Brücke führte. Modgud bewachte die Brücke, sie sprach: Gestern ritt Baldr mit fünfhundert Begleitern über die Brücke; nicht weniger kracht die Brücke, wenn du allein sie betrittst. Dann ritt Hermod zum Höllengitter, dort sattelte er sein Ross fester und gab ihm die Sporen, dass der Hengst hinübersetzte, ohne mit den Hufen anzustreifen. Hermod trat in die Halle und erblickte seinen Bruder auf dem Hochsitz. Er verweilte eine Nacht. Am andern Morgen verlangte Hermod von der Hel, Baldr sollte mit ihm heimreiten, und er sagte, wie sehr die Asen um ihn klagten. Da sprach Hel, sie wolle versuchen, ob wirklich Baldr so sehr geliebt werde. Wenn alle Dinge, lebende und tote, ihn beweinten, dann solle er zu den Göttern zurückkehren, wenn aber jemand nicht weinen wolle, dann müsse er bei der Hel bleiben. Da erhob sich Hermod, Baldr sandte Odin den Ring Draupnir zum Andenken, Nanna der Frigg ein Kopftuch, der Fulla einen goldenen Fingerreif. Da ritt Hermod heim nach Asgard und erzählte, was er ausgerichtet. Die Asen forderten nun alle Welt auf, Baldr aus der Hölle loszuweinen, und alle Wesen weinten, Menschen und Tiere, Erde und Gestein, das Holz und alles Metall (wie du selbst gesehen haben wirst, dass diese Dinge alle weinen, wenn sie aus der Kälte in die Wärme kommen). Doch in einer Berghöhle sass eine Riesin, die nannte sich Thokk. Auch diese forderten die Götter auf, Baldr aus der Hölle loszuweinen; sie aber sprach:
Mit trocknen Thränen wird Thokk beweinen, Dass Baldr den Brandstoss bestieg; Im Leben nicht bracht er noch als Leiche mir Nutzen: Behalte Hel, was sie hat.
Das Weib aber war Loki, der das meiste Böse unter den Asen vollbrachte.
Snorris Bericht ist vermutlich auf poetische Darstellung gegründet, wie die mitgeteilte Strophe und einige Spuren von Stabreimen in der Prosa beweisen.[455] Seine Erzählung lässt sich Zug für Zug aus den heidnischen Skaldengedichten belegen und hat darum Gewähr der Echtheit. Nur dass alle Wesen um Baldr weinten, steht erst bei einem christlichen Skalden, beim Bischof Bjarni. Hermods Höllenfahrt, die damit zusammenhängt, bezeugt nur Snorri. Sicher schloss sich unmittelbar die Erzählung von der Blutrache an, wie Odin mit Rind den Wali erzeugte, der Hod, Baldrs Mörder zum Holzstoss brachte. Vermutlich folgte auch Lokis Strafe, die Fesselung, welche die Vǫlospǫ́ und Snorri (K. 50) an Baldrs Tod anschliessen. Denn das ist die grösste Unthat, die Loki beging, und darum traf ihn Fesselung, in der er ausharren muss bis zum Weltende. Solange Hod der allein verantwortliche Töter Baldrs ist, hat die Sage nur von Blutrache an ihm zu berichten. Aber sobald Loki eingreift, verlangt die Gerechtigkeit seine Bestrafung und lässt entsprechend Hod zurücktreten, von dem die isländischen Quellen gar nichts Bemerkenswertes mehr wissen.
3. Die Baldersage bei Saxo.
Umso mehr tritt Hotherus bei Saxo hervor, welcher im 3. Buche die Baldrsage folgendermaassen berichtet:
Hotherus, ein schwedischer Königssohn, der nach Hiartvarus König von Schweden und Dänemark wurde, zeichnete sich in seiner Jugend durch Körperkraft, Schönheit und Meisterschaft in allerlei Saitenspiel aus. Der Jüngling, der sich vor seinen Altersgenossen durch Stärke und Kunstfertigkeiten hervorthat, wuchs in der Hut des norwegischen Königs Gevarus auf. Seine Tochter Nanna liebte den Hotherus um seiner Vorzüge willen. Es geschah, dass Balderus, Odins Sohn, Nanna beim Baden erschaute und durch die leuchtende Schönheit ihres Leibes von unbezwinglicher Liebe ergriffen wurde. Da beschloss er, den Hotherus, von dem er eine Störung seiner Wünsche befürchtete, mit dem Schwert umzubringen, damit seine ungeduldige Begierde nicht durch ein Hemmniss aufgehalten werde. Ungefähr um diese Zeit verirrte sich Hotherus auf der Jagd und kam zu einem Hause, wo einige Waldmädchen (virgines silvestres) ihn beim Namen grüssten. Er fragte, wer sie seien. Sie antworteten, sie hätten über das Kriegsglück zu entscheiden; oft seien sie unsichtbar in den Schlachten zugegen und gewährten ihren Freunden mit heimlicher Hilfe den gewünschten Erfolg. Sie könnten nach ihrem Belieben Glück und Unglück bringen. Sie fügten bei, Balderus sei für Nanna entbrannt, und warnten, ihn mit Waffen anzugreifen, denn er sei ein Halbgott (semideus). Im selben Augenblick verschwand das Haus, Hotherus sah sich plötzlich im freien Feld. Er wunderte sich und wusste nicht, dass alles nur Blendwerk war. Bei seiner Rückkehr erzählte er Gevarus sein Erlebniss und warb um seine Tochter. Gevarus erwiderte, er würde gern einwilligen, wenn er nicht des Balderus Zorn durch eine Absage sich zuzöge, da dieser zuerst um Nanna geworben habe. Denn nicht einmal Eisen könne Balders gefeitem Leibe (sacram corporis firmitatem) schaden. Doch setzte er hinzu, er wisse von einem unter festem Verschluss gehaltenen Schwerte, womit Balderus getötet werden könne. Es sei im Besitze des Waldgeistes Miming (hunc a Mimingo sylvarum satyro possideri). Diesem sei auch ein Armring (armilla) zu eigen mit der wunderbaren Eigenschaft, den Reichtum des Besitzers zu vermehren. Doch sei der Zugang zu seinem Wohnort den Menschen sehr beschwerlich. Auf dem grössten Teil des Weges herrsche stets ungewöhnliche Kälte. Auf einem geschwinden von Hirschen gezogenen Wagen solle er die kalten Bergjoche durcheilen. Am Ziel angelangt, solle er sein Zelt so aufschlagen, dass es den Schatten von Mimings Höhle auffange, doch nicht auch ihn selbst treffe und dadurch vom Herauskommen abschrecke. So werde ihm Ring und Schwert zum Lohne werden. Soweit Gevarus. Hotherus führte die Weisungen genau aus. Tag und Nacht lag er auf der Lauer. Nachts verdunkelte einmal Mimings Schatten den Zelteingang, da schlug ihn Hotherus mit dem Speere nieder und fesselte ihn. Er bedrohte ihn heftig und forderte Ring und Schwert. Zur Lösung seines Lebens erlegte Mimingus beides. Froh kehrte Hotherus mit den Beutestücken heim. Nun folgt ein Kampf mit dem Sachsenkönig Gelderus. Dem Besiegten gewährte Hotherus mit grosser Milde den erbetenen Frieden. Für Helgo, König von Halogaland warb Hotherus um Thora, des Finnenkönigs Cuso Tochter. Inzwischen rückte Balderus mit Heeresmacht in des Gevarus Land, um Nanna zu fordern. Gevarus verwies den Freier an die Jungfrau selber, die seinen einschmeichelnden Bewerbungen widerstand unter dem Vorwand, Menschen und Götter passten nicht zusammen. Die Götter selber würden oft die Bande zerreissen, die sie an sterbliche Frauen knüpften. Es kam nun zum Krieg zwischen Hotherus und Balderus, zwischen Menschen und Göttern. Auf Balders Seite kämpften Odin und Thor und der Götter heilige Scharen. Hotherus, mit einer hieb- und stichfesten Brünne angethan, durchbrach die dichtesten Scharen der Götter. Thor führte eine Keule (clava), der nichts widerstand. Der Sieg hätte sich den Himmlischen geneigt, wenn nicht Hotherus den Griff der Keule abgehauen und sie dadurch unbrauchbar gemacht hätte. Nach Verlust dieser Waffe flüchteten die Götter. Balderus entkam. Die Sieger zerstörten die feindliche Flotte. Ein Hafen erinnert noch durch seinen Namen an Balders Flucht. Dem in der Schlacht gefallenen Sachsenkönig Gelderus wurde auf Schiffen ein Holzstoss gerüstet, seine Asche hierauf feierlich in einem Grabhügel beigesetzt. Hierauf vermählte sich Hotherus mit Nanna, dass kein weiteres Missgeschick dazwischen komme. Aber bald musste er des Glückes Umschlag erfahren, indem er von Balderus geschlagen wurde und zu Gevarus floh. Um sein lechzendes Heer zu erquicken, liess Balderus tief in den Boden graben und eröffnete neue Quellen. Noch jetzt erhielt sich die Erinnerung an diese Quelle im Namen Baldersbrönd (Baldersbrunn bei Roeskilde). Nannas Bild umgaukelte fortwährend den Balderus im Schlafe, wodurch er so schwach wurde, dass er gar nimmer zu Fuss gehen konnte, sondern einen Wagen brauchte. Inzwischen wurde Hotherus nach dem Tode des Hiartvarus zum König von Dänemark eingesetzt. Um den durch seines Bruders Atislus Tod erledigten schwedischen Thron zu gewinnen, war er nach Schweden gezogen. Da kam Balderus mit einer Flotte nach Seeland und die Dänen huldigten nun ihm. Bei des Hotherus Rückkehr aus Schweden kam es zu einer Schlacht, aus der Hotherus fliehen musste. Er gelangte nach Jütland und gab dem Ort, wo er sich aufhielt, seinen Namen. Nachdem er den Winter dort verbracht hatte, kehrte er allein nach Schweden zurück. Daselbst berief er die Grossen und erklärte, er sei des Lebens überdrüssig, nachdem er zweimal das Unglück gehabt habe, von Balderus besiegt zu werden. Er sagte ihnen Lebewohl und begab sich auf unwegsamen Pfaden in wüste einsame Gegenden. Sonst hatte Hotherus vom Gipfel eines Berges dem Volke Ratschläge erteilt; wenn sie jetzt kamen, klagten sie bitter über die Abwesenheit und Unthätigkeit des sich verbergenden Königs. Als Hotherus einen entlegenen Wald durchschweifte, kam er zu einer Höhle, wo dieselben unbekannten Mädchen wohnten, welche ihm einst die feste Brünne verliehen hatten. Auf ihre Frage, warum er gekommen sei, nannte er als Grund sein Unglück im Kriege. Er verwünschte sein Vertrauen auf sie und jammerte über sein Unglück; ihm sei anders geschehen, als sie ihm einst verhiessen. Aber die Nymphen erwiderten, er habe, obwol selten siegreich, doch dem Feind dieselben Verluste beigebracht. Übrigens werde ihm der Sieg zufallen, wenn er zuerst von einer Speise, welche Balders Kraft vermehre, geniesse. Da fasste Hotherus Mut, den Krieg gegen Balderus fortzusetzen. Balderus sammelte die Dänen. Mit grossem Verlust wurde beiderseits gestritten, bis die Nacht den Kampf beendigte. Hotherus, der aus Erregung nicht schlafen konnte, ging in der dritten Nachtwache heimlich auf Kundschaft. Als er zum feindlichen Lager kam, sah er drei Jungfrauen (nymphas) mit der geheimnissvollen Speise Balders herauskommen. Er folgte im Thau ihren Spuren und erreichte ihr Haus. Auf ihre Fragen gab er sich für einen Harfenspieler aus und spielte ihnen eine liebliche Melodie vor. Die Jungfrauen hatten drei Schlangen, aus deren Gift sie die stärkende Speise zu bereiten pflegten. Aus ihrem Rachen tropfte Gift in die Speise. Zwei von den Mädchen hätten ihm aus Barmherzigkeit von der Speise gegeben, wenn nicht die älteste eingewendet hätte, es sei Verrat an Balderus, seines Feindes Kraft zu steigern. Er leugnete, Hotherus zu sein, und sagte, er sei nur sein Knappe. Die gütigen zwei Mädchen schenkten ihm nun einen glänzenden siegverleihenden Gürtel. Als Hotherus auf demselben Pfade zurückkehrte, begegnete er dem Balderus, dessen Seite er durchbohrte, so dass er halbtot zur Erde fiel. Als die That bekannt wurde, erscholl lauter Jubel im Lager des Hotherus, während die Dänen Balders Geschick betrauerten. Da er seinen Tod herannahen fühlte, erneuerte er am andern Tage die Schlacht und liess sich auf dem Bette hinaustragen, um nicht im Zelte eines unrühmlichen Todes zu sterben. In der Nacht sah Balderus die Hel (eidem Proserpina, per quietem astare aspecta), die ihm verkündigte, er werde am folgenden Tage in ihren Armen ruhen. Der Traum ging in Erfüllung, nach drei Tagen starb Balderus an der Wunde. Er wurde in einem Hügel beigesetzt.
Nun folgt die Geschichte, wie Odin Rind bewältigt, um mit ihr den Rächer Balders, Bous zu erzeugen. Othinus munterte seinen Sohn Bous, den er als kriegstüchtig erkannte, zur Rache an Hotherus auf. Diesem hatten Seher seinen Tod vorausgesagt. Es kam zur Schlacht, in welcher Hotherus von Bous getötet wurde. Doch durfte sich Bous seines Sieges nicht freuen, weil er selber schwer verwundet auf seinem Schild aus der Schlacht getragen wurde und tags darauf starb.
Saxos Bericht ist nicht immer klar und muss mit Vorsicht aufgenommen werden. Manches ist in Abzug zu bringen, will man die von Saxo benützte Sage annähernd wieder herstellen. Den heidnischen Göttern ist Saxo feindselig gesinnt, was namentlich bei seiner Schilderung Baldrs hervortritt. Er stellt den Hotherus in die nordische Königsreihe ein, ohne jedoch deshalb tiefergreifende Änderungen an der Sage vorzunehmen. Aber schon sein umständlicher, verkünstelter Stil hat allerlei ungeschickte Zuthaten, Einschaltungen, Umstellungen im Gefolge. Sein Bestreben, die Erzählungen möglichst umfangreich zu machen, verführte ihn zu vielen selbständigen Neuerungen. Als echt erscheinen etwa diese wesentlichen Züge: Hother und Balder sind feindliche Nebenbuhler, beide um Nanna, des Gevarus Tochter werbend. Hother, der von Nanna begünstigte, dem Walküren mit weisem Rate hilfreich zur Seite stehen, gewinnt Mimings Schwert, das einzige Waffen, wodurch Balder der Göttliche verwundbar ist. Nachdem das Kriegsglück lange zwischen ihnen geschwankt, erlegt zuletzt Hother mit dem Schwerte den Balder, dem Hel, seines nahen Besitzes froh, vorher erscheint, ehe sie ihn zu sich nimmt. Dem Balder wird ein feierlicher Leichenbrand auf dem Schiff gerüstet (von Saxo auf Gelder, einen Genossen Balders übertragen). In seinem Bruder Bous (an. Búi) ersteht Balder der Bluträcher. Unter die Zusätze und Neuerungen Saxos darf man wol die unnötige Dehnung der Handlung verweisen, die Wiederholungen desselben Zuges z. B. der Erscheinung der Walküren, den liebeskranken, schmachtenden Balder und seine kräftigende Speise, die wiederholten Schlachten, die Kundschaft Hothers in Gestalt eines Harfenspielers u. dgl.
In seinen Untersuchungen über Saxos Quellen verficht Axel Olrik[456] den Grundsatz, dass Saxo aus verschiedenartigen Vorlagen seine Darstellung entnahm, so auch hier aus einer in Dänemark heimischen Sage von Balder und Hoder und aus einer norwegischen Hodersaga. Die dänische Überlieferung, an einige Ortsnamen geheftet, bot wenig Einzelheiten, sie beschränkte sich auf einen kurzen Bericht über die Feindschaft zwischen Balder und Hoder und von Balders Tod. Die norwegische Hodersage aber war mit all den bunten Zügen ausgeschmückt, welche den mythischen Sagen, den sog. Fornaldarsögur, eignen. Die Hauptunterschiede vom isländischen Bericht liegen darin, dass der Kampf unter den Menschen vor sich geht, dass die Götter wie Menschen mitkämpfen und dem Helden der Sage weichen, dass Hoder der Held der Sage ist, dass Nannas Besitz die Triebfeder der Handlung bildet. Für die mythische Verwertung des Inhaltes macht es übrigens keinen wesentlichen Unterschied, ob Saxo oder ein Sagaschreiber, sein Gewährsmann, für die mancherlei Zuthaten und Umänderungen oder auch für Erhaltung älterer Züge verantwortlich ist.
4. Vergleichung der beiden Baldrsagen.
Wie verhalten sich die zwei verschiedenen Berichte in den isländischen Quellen und bei Saxo zu einander? Neuerdings bricht sich die Anschauung Bahn, dass Saxo die ältere Sagenform bewahre. Die jüngere isländische Überlieferung hat demnach Zusätze und Änderungen eingeführt. Balder kämpft mit Hother um den Besitz der Nanna; Nanna, die Kühne[457] ist eine Frauengestalt wie etwa Hilde, die Streit unter tapfern Helden veranlasst. Balder erliegt nur einer bestimmten Waffe und wird von seinem Bruder gerächt. Die jüngere Sage führt Loki ganz neu ein. Loki verkörpert das Böse unter den nordischen Göttern, daher musste er auch diese Unthat übernehmen. Dass Loki aber dem späten nordischen Heidentum angehört und im Teufel sein Vorbild hat, ist sehr wahrscheinlich; ebenso dass Baldr in der isländischen Sage Züge von Christus annahm.[458] Die Verschmelzung des lichten weissen Baldr mit dem weissen Christus (an. hvíta-kristr) wurde bewirkt infolge von Erzählungen, welche die Nordleute in England vom „bealdor“, wie bei den Angelsachsen Christus heisst, vom Herrn vernahmen. Damit ergab sich notwendig die Gegnerschaft zwischen Loki und Baldr, Lucifer und Christus. Baldrs Lichtwesen, ursprünglich im eigentlichen Sinn als Ausfluss seiner glänzenden Heldengestalt genommen, wurde nun bildlich verstanden, der strahlende Held wurde zum Gott der Reinheit und Unschuld. Der tapfere Ritter wandelte sich zum thatenlosen, sanften, duldenden Gott. Hod verliert gleichmässig die kräftigen Züge, die ihm früher zukamen. Er wird das blinde Werkzeug Lokis, wie Lucifer den blinden Kriegsknecht heranführt, damit er Christi Seite durchbohre. Loki wird darauf in Fesseln geschlagen, wie Lucifer in der Hölle gefesselt liegt und erst am jüngsten Tage wieder loskommt. Mit Hods Vernachlässigung verliert auch die Blutrache an ihm merklich an Bedeutung, da alles Gewicht auf Loki entfällt. Besondere Bewandtniss hat es aber mit dem Mistelzweig, den Frigg allein nicht vereidigt hatte. Auch Christus hatte alles Holz in Eid genommen mit Ausnahme eines Kohlstengels in Judas Garten, an dem Christus auch gehenkt wurde. Mistelteinn begegnet in nordischer Sage mehrfach als Schwertname.[459] Bei Saxo fällt Balder nur durch ein besonderes Schwert, das Hother dem Miming abgewinnt, und darin liegt wol die ältere Sagenform vor. War vielleicht der von Saxo verschwiegene Name des Schwertes Mistelteinn? In diesem Falle würde sich manches Rätsel der isländischen Fassung lösen. Der Schwertname Mistelteinn, buchstäblich verstanden, ergab die Sage, Baldr sei durch einen Mistelzweig umgekommen. Ähnlich wurde ja auch Freys goldener Eberhelm zum goldenen Eber, Mimirs Quellenhaupt zum abgeschnittenen Kopf des weisen Wassergeistes. So lassen sich die Abweichungen des isländischen Berichtes einigermaassen erklären. Jedenfalls ist die isländische Fassung leichter und ungezwungener aus der Saxos abzuleiten als umgekehrt, und daraus ist zu schliessen, dass bei Saxo die Baldrsage ursprünglicher und älter erscheint als in den nordischen Quellen. Da letztere fürs 9./10. Jahrhundert vorauszusetzen sind, zeigt Saxos Darstellung eine noch frühere Gestalt der Baldrsage. Nur ein Zug findet keine vollständig befriedigende Erklärung, freilich weder auf dem einen noch auf dem andern Weg. Warum ist Nanna im isländischen Bericht Baldr ganz in Liebe ergeben und bis zum Tode getreu, während sie bei Saxo dem Hotherus gehört? Wenn die isländischen Quellen Hod zurückdrängen, ergibt sich allerdings auch für Nanna eine veränderte Stellung. Aus andern Ursachen, durch Lokis Tücke, erfolgt Baldrs Tod. Soll die Frau nicht gänzlich aus der Sage schwinden, so kann sie nur in Verbindung mit Baldr sich halten. Die Wirkung des rührenden Bildes vom Morde des reinen Gottes wird erhöht, wenn das liebende Weib ihm zur Seite steht, dessen Herz vom Todesstosse mit getroffen wird. Man kann auch annehmen, dass vielleicht Saxo Nannas Verhältniss zu Balder nach eignem Ermessen, weil er den Sohn Odins nicht mit günstigen Augen betrachtet, absichtlich kälter und ablehnender schilderte, als seine Vorlagen, dass Nanna in der ursprünglichen Sage so zwischen Hod und Baldr stand, dass sie mehr zum Gotte neigte. Es könnte schliesslich in diesem Zug auch der isländische Bericht ursprünglich sein, Baldr gewann das Weib und darum erschlug ihn Hod, Nanna aber starb mit dem Geliebten. Dann hätte Saxo willkürlich, was ihm wol zuzutrauen ist, Nanna dem Hotherus gegeben.
Mit kühnster Kombination und durch Heranziehung sehr zweifelhafter Sagen, die demselben Mythus entwachsen sein sollen, stellt Detter[460] eine eigenartige Urform der Baldrsage fest. Darnach handelt es sich ursprünglich um zwei Brüder, Baldr und Váli (Wanilo, d. h. der Wane), zwei Freyshelden. Odin, der einäugige blinde Kampfgott, sucht mit gewohnter tückischer List Streit unter den Brüdern zu erregen. Seinen Speer in Gestalt des unscheinbaren Mistelzweigs spielt er dem Váli in die Hände, der damit den Baldr erschiesst. Nicht Loki ist der Anstifter des Unheils, Odin selber steht im Hintergrund und lenkt die Schicksalsfäden so, dass ein Held zur Wal fällt. Eine solche Sage geht weit über das, was in den Quellen überliefert ist, hinaus.
5. Ursprung der Baldrsage.
Die Entstehung der Baldrsage wird verschiedenartig erklärt. Die beliebte mythologische Auslegung sieht in Baldr das Licht, das zu Mittsommer die Höhe seiner Herrschaft erreicht, dann aber sich neigt. Wenn die Tage sich kürzen, stirbt Baldr. Dass der Lichtgott von den Mächten der Finsterniss befehdet wird und ihnen erliegt, ist ein naheliegender Gedanke. Doch alle Deutungen im einzelnen sind verfehlt. Bugge und Kauffmann betrachten die Sage als reine Dichtung; Bugge[461] meint, die dänische Baldrsage, Saxos Bericht entstamme der mittelalterlichen Trojanersage, Erzählungen von Paris-Alexander und Achilles. Gewiss finden sich viele merkwürdige Übereinstimmungen, jedoch anderer äusserlicherer Art, als die zwischen dem isländischen Baldr und Christus, wo die ganze Art der Auffassung dem heimischen nordischen Wesen fremdartig ist. Auch lässt sich weit eher ein Bekanntwerden der Nordleute mit Vorstellungen von Christi Tod denken als mit den mittelalterlichen Trojaromanen. Kauffmann[462] hält eine Heldensage für die Grundlage des Baldrmythus. „Weder Baldr noch seine Gemahlin Nanna noch sein Gegner Hod waren ursprünglich Götter, sie alle haben einst auf Erden gewaltet.“ Baldrs Name bezeichnet ihn als kühnen Kriegsfürsten. Er wurde Odins Sohn etwa wie Hermod, Sigmund, Bragi, und endlich versetzte ihn die Sage völlig unter die Asen. Bei dieser Auffassung bleibt natürlich kein Zeugniss eines ags. oder eines deutschen Balderdienstes bestehen. Wir hätten gar keinen altgermanischen Götternamen Balder anzunehmen, vielmehr nur das Hauptwort balder, Fürst, König, welches zum Eigennamen erhoben wurde. Ein göttlicher Baldr wäre allein der nordischen Göttersage des 9. und 10. Jahrhunderts zuzuweisen.
6. Baldrdienst.
Von einer Verehrung oder Anrufung Baldrs ist nirgends in den alten geschichtlichen Quellen des Nordens die Rede. Nur die wenig zuverlässige, in der Hauptsache erdichtete Fridthjofssaga im 14. Jahrhundert berichtet von einem Hofe in der norwegischen Landschaft Sogn, der „im Baldrshag“ (i Baldrshagi) hiess. Dort war ein befriedeter Platz und ein grosser Tempel mit einer Umzäumung ringsherum. Im Tempel waren viele Götter, aber Baldr wurde doch am meisten verehrt. Dort durfte man weder Vieh noch Menschen Schaden anthun und Männer durften dort nicht Umgang mit Frauen haben. Bei Festen wurden die Götterbilder von Frauen gesalbt, am Feuer gewärmt und mit Tüchern abgetrocknet. Örtlichkeiten wurden in Norwegen, Schweden und Dänemark frühzeitig nach Baldr benannt.[463] In allen nordischen Ländern ist Baldrs Braue (brá) als Blumenname gebräuchlich für Vereinsblütler mit den weissesten Strahlen und gelber Scheibe. Schon Snorri erwähnt die Blume, die in ihren Farben Baldr glich, den man sich licht und glänzend, mit weissen Wimpern und goldgelbem Haar dachte. Wenn Baldr seit Urzeiten ein Name des Licht- und Sonnengottes war, so konnte die Blume als irdisches Bild der Sonne sehr wol nach ihm genannt werden. Dass die Johannisfeuer von alter Zeit her Baldrs bål, Baldrs Holzstoss benannt wurden oder überhaupt mit Baldrs Scheiterhaufen etwas zu thun hatten, ist eine Meinung, die nur auf dem 13. Gesang von Tegnérs Frithjofssage beruht. Tegnér schöpfte nicht aus alter Überlieferung. Auch J. Grimms Behauptung[464], am 2. Mai, am „Pfultage“ seien Feuer zu Ehren Baldrs oder Phols entfacht worden, hat keine feste Gewähr.
7. Baldr ausserhalb des Nordens.
Schwer zu entscheiden ist, ob Baldr auch ausserhalb des Nordens bekannt war. Im Ags. kommt bealdor nicht als Eigenname, nur als Hauptwort vor. Wenn aber Bældæg, Wodans Sohn, welchen die Stammtafeln von Bernicia und Wessex aufführen, mit Baldr gleichzustellen ist, wie schon Snorri[465] vermutete, dann dürfte allerdings der Lichtgott auch den Angelsachsen zuzusprechen sein. Bei den Hochdeutschen ist der Personenname Paltar[466] gebräuchlich, der allerdings ebenso aus dem Appellativum wie aus dem Götternamen geflossen sein kann; denn auch Wotan kommt als Mannsname vor. Wie das Wort im Merseburger Zauberspruch aufzufassen sei, darüber gehen die Anschauungen weit auseinander, wie überhaupt über die Anzahl und Bedeutung der im Segen genannten Gottheiten keinerlei Gewissheit herrscht. Das Lied erzählt: Phol und Wodan ritten zu Walde, da wurde dem Fohlen Balders (demo balderes volon) der Fuss ausgerenkt. Sogleich erwiesen die Himmlischen die grösste Sorgfalt, ihn wieder einzurichten. Doch weder Sinthgund noch Sunna, Frija noch Fulla vermochten es, erst Wodan, der Zauberkundige selbst konnte den Fuss beschwören und heilen. Der Spruch zielt deutlich darauf hin, Wodans Übermacht in helles Licht zu rücken, namentlich gegenüber seinem Begleiter, dem rätselhaften Phol. J. Grimms Annahme stellt Phol und Balder einander gleich, es sei ein Gott, der mit zwei verschiedenen Namen bezeichnet werde. „Das erlahmte, in seinem Gange aufgehaltene Pferd Balders empfängt vollen Sinn, sobald man ihn sich als Lichtgott oder Taggott vorstellt, durch dessen Hemmung und Zurückbleiben grosses Unheil auf der Erde erfolgen muss.“ Wenn die oben vorgetragene Ansicht richtig ist, dass Wodan sich allmälig an die Stelle des Tiuȥ aufschwang, wenn Baldr als eine aus dem Lichtgott abgezweigte Gestalt angeschaut werden darf, wenn Baldr nur Tiuȥ unter anderm Namen ist, dann erhielte der Spruch eine tiefe Bedeutung. Eine Sage mag vielleicht einst von Balders Ritt auf dem strahlenden Sonnenrosse erzählt haben, wie es strauchelte und lahmte, aber vom Gott geheilt wurde. Dass der Tag heranreitet, spricht der Volksglaube aus (Myth. 699), dass dem lichten Reiter von den Mächten der Finsterniss nachgestellt wird, dass ihm Unfall und Untergang droht, ist begreiflich. Doch erhebt er sich auch wieder siegreich. Dem leuchtenden Ritter gesellt sich Wodan auf seinem Sturmrosse. Sie reiten zusammen. Um Wodans Macht zu zeigen, wird ihm allein die Heilung zugeschrieben. Dadurch erscheint er grösser und gewaltiger als Balder, sein Sieg über den älteren Gott ist entschieden. Wer im oberdeutschen Paltar einen Nachklang vom Gott Balder, den der thüringische Merseburger Segen schildert, anerkennen will, darf allerdings im Hinblick auf Bældæg und Baldr behaupten, dass Balder bei allen Germanen ein Name des Tiuȥ, war, dass Balder als besondere Gestalt sich losgelöst hatte. Die nordische Baldrsage wird jedoch dadurch keineswegs als gemeingermanisch erwiesen. Ist aber „balder“ nur Hauptwort, so bedeutet „demo balderes volon“ dem Fohlen des Herrn, worunter Phol oder Wodan verstanden sein muss. Beim Fehlen anderer Zeugnisse und weil ahd. Paltar ebenso aus balder wie aus Balder, aus dem Appellativ wie aus dem Götternamen erklärt werden kann, bleibt die Frage eines deutschen Balderkultes offen.[467]
8. Phol.
Wer aber ist Phol?[468] J. Grimm glaubt, dem Namen auch sonst zu begegnen, Pholesouwa, zwischen 774 und 780 erwähnt, jetzt Pfalsau bei Passau, Pholespiunt, erwähnt um 1138, jetzt Pfalzpoint an der Altmühl in Bayern, Pholesbrunno, jetzt Pfulsborn in Thüringen. Auen, eingehegte Feldstücke (piunt), Brunnen (vgl. das dänische Baldersbrönd bei Saxo) seien dem Gotte Phol geweiht gewesen; Phol aber sei nur ein anderer Name des Balder. Ortsnamen mit Phol begegnen hauptsächlich in Oberdeutschland, in Gegenden, welche der römischen Kultur am nächsten lagen, vereinzelt reichen sie nach Thüringen hinein, während sie in Norddeutschland fehlen. Beachtung verdient aber der ags. „Polesléah“, Hain des Pol, da er dem Sinne und der Bildungsweise nach genau übereinstimmt mit „Balderes lêg“, Hain des Balder. In England gab es also heilige Haine, die dem Balder-Pol geweiht waren.[469] Sollte Phol, Pol eine Verderbniss aus Apollo sein? Möglicherweise bildete sich wie Mercur-Wodan, Hercules-Donar, Hercules-Magusanus, Mars-Thingsus eine römisch-deutsche Formel Apollo-Balder und wurde das Fremdwort im Volksmunde zu Pol, nach der hds. Verschiebung zu Phol. Allerdings sind Apollo und Balder wesensgleich und können daher einander gegenüber gestellt worden sein. Aber diese Deutung unterliegt auch mehrfachen Bedenken. Die Ortsnamen lassen auch andere Erklärungen zu, man kann an den Pfahl- oder Pohlgraben, die Teufelsmauer denken, auch Pfuhl bietet sich dar, besonders wenn man die Formen Pfoalsowa und Phůlsouua in Betracht zieht. Die Zusammengehörigkeit des Götternamens mit den Ortsnamen ist nicht sicher. Im Zauberspruch kann Phol für Vol stehen, was der Stab Vol: vuoren nahe legt. Vol lässt viele Deutungen zu, man kann einen Gott oder eine Göttin der Fülle (vgl. Volla an. Fulla, griech. Plutos) dahinter suchen. Eine allseitig befriedigende und sichere Lösung ist noch nicht geglückt.
9. Angebliche Baldrsagen.
Dass in Baldr und Wali das göttliche Brüderpaar der germanischen Dioskuren nachlebe, sucht Müllenhoff zu erweisen. Die deutsche Heldensage soll die Dioskuren in den Hartungen, zwei Brüdern bewahren. Besonders eine Schweizersage[470] wird angezogen, deren wesentlicher Inhalt so lautet: Zwei Brüder Baltram (Baldr) und Sintram zogen zur Jagd und kamen zu einem Drachenloch. Der Wurm fuhr heraus und verschlang Baltram. Sintram aber setzte sich zur Wehr und bezwang den Drachen. Aus dem gespaltenen Leibe des Untiers befreite er den noch lebenden Baltram. Man muss viel Einbildungskraft besitzen, um bei dieser Sage an Baldr und Wali zu denken. Nur dass beidemale zwei Brüder vorkommen und der eine den andern rächt, lässt sich vergleichen. Der Zug ist aber so allgemeiner Art und alles Einzelne ist so grundverschieden, dass man lieber von einer so ungewissen Beziehung Abstand nehmen wird.
Vom hl. Gangolf wird erzählt, wie er eine Quelle versetzt oder neu aus dem Boden springen lässt, als er aus einem Feldzug heimkehrt. Sein Weib buhlt mit einem Kleriker und wird der Sünde überführt. Der Kleriker wird aus dem Hause gejagt, kehrt aber zurück, um den Heiligen zu ermorden. Er trifft ihn in die Hüfte. Dem todwunden Gangolf erscheinen Engelscharen, die ihm seinen Eintritt in den himmlischen Freudensaal ankündigen. Am Grabe Gangolfs zu Toul geschahen wunderbare Heilungen. Damit vergleicht Laistner[471] die Urgestalt der Baldrsage: Baldrs Frau Nanna hielt zu einem andern, Hotherus. Dieser, von seinem Gegner wiederholt besiegt, flieht in die Wildniss, schöpft aber auf Zureden von Zauberweibern neue Hoffnung, beschleicht Baldr und verwundet ihn in die Seite. Baldr stirbt erst nach einigen Tagen. In der Nacht zuvor erscheint ihm Hel und kündigt ihm den Tod an. Die Ähnlichkeit zwischen der Baldrsage und Gangolfs Legende ist verschwindend und durch willkürliche Änderungen der ersteren erzwungen. Die Züge, welche einander gleichen, sind auch sonst häufig, können also nichts für die Sage, der sie sich gerade anheften, beweisen.
Die Sage Nr. 52 bei Müllenhoff, Sagen aus Schleswig-Holstein und Lauenburg S. 373 ist verdächtig: Bei Boldersleben sieht man auf einer Anhöhe noch die Spuren eines Schlosses. Da hat früher ein König Bolder gesessen und dem Ort den Namen gegeben. Er geriet mit einem König Hother in Hadersleben in Streit und erschlug ihn. Bolder liegt in Boldershöi begraben; vor mehreren Jahren pflügte man Knochen aus, die von ihm herrührten.
VII. Forseti.
Forseti (Vorsitzer) heisst ein Sohn des Baldr und der Nanna, der Tochter Neps. Er besitzt im Himmel den Saal, welcher Glitnir (der Glänzende) heisst, und alle, die mit schwierigen Händeln zu ihm kommen, gehen versöhnt fort. Dort ist die beste Gerichtsstätte, von der Götter und Menschen wissen. Im Grimnirliede 15 heisst es: Glitnir ruht auf goldenen Säulen, das Dach ist mit Silber gedeckt. Dort weilt Forseti die meisten Tage und begleicht alle Streitsachen. In Forseti ist die richterliche Obergewalt verkörpert. Da er im Himmelsglanze thront, darf er als Ausfluss des Himmelsgottes gedacht werden. Er vertritt eine Seite seines allumfassenden Wesens. Im nordischen Recht wirkt keine Spur dieses göttlichen Oberrichters nach. Auch sonst deutet nichts auf eine Verehrung des Forseti, nur ein Hain in Norwegen trägt seinen Namen.[472]
Helgoland hiess in der Heidenzeit Fositesland. Die Insel war einem Gott, dessen Name verschieden als Fosite, Fosete, Foseti[473] überliefert ist, geweiht. Heiligtümer erhuben sich, und solche Verehrung genoss die Stätte, dass niemand von den Herden, die dort weideten, und von sonst einer Sache sich zu nehmen getraute. Aus einer dort hervorsprudelnden Quelle durfte nur schweigend geschöpft werden. Als die Bekehrer sich am Eigentum der Götter vergriffen, glaubte das Volk, sie würden mit Wahnsinn geschlagen oder jähen Todes sterben. Durch Looswurf erforschte König Radbod den Willen der Götter, ob sie den Tod der Christen verlangten oder nicht.[474] Es handelt sich also um ein grosses Heiligtum der Friesen, dem Fosite geweiht ist das Land. Unverletzlich sind seine Tempel, die Quelle, die weidenden Herden. Wir erhalten ein anschauliches Bild von allem Zubehör des Gottesdienstes auf heiliger Aue.
Nach J. Grimms Vorgang glaubt man, den friesischen Fosite mit dem nordischen Forseti gleichsetzen zu dürfen. Sind sie wirklich eins, dann fragt es sich nur, wie ihr Verhältniss zu erklären ist. Schwerlich darf man auf einen altgermanischen Gott schliessen, der sich unabhängig bei Friesen und Nordleuten entwickelte. Da er bei den Friesen im Kulte lebt, gehört er mit grösserem Recht ursprünglich ihnen zu. Andrerseits ergänzt Forseti des friesischen Gottes Wesen. Der höchste Richter im himmlischen Glanze thronend kann nur eine Hauptgottheit, etwa Tiuȥ sein. In bestimmter Eigenschaft als Wahrer des Rechtes, unter besonderem Namen als Fosite verehrten die Friesen den Tiuȥ. Die nordischen Wikinger suchten im 8. und 9. Jahrhundert besonders häufig Friesland heim und liessen sich auch längere Zeit dort nieder. Dadurch entwickelte sich ein reger Verkehr und Austausch unter Friesen und Nordleuten, wobei Fosite als Forseti nach dem Norden gelangt sein kann. Dass er zu Baldr in Beziehung gesetzt wurde, mag ihre verwandte Art veranlasst haben. Sind doch beide Götter aus Tiuȥ abgezweigt, ein Teil seines Wesens. Auch Baldr fällt Urteilsprüche und versteht schön zu reden, worin er sich mit Forseti berührt.
Ist Fosite-Forseti Hauptgott und oberster Richter, dann darf vermutet werden, dass die schöne Sage von der Einsetzung des friesischen Rechtes ebenfalls mit dem geheimnissvollen, ungenannten Gott auf ihn zielt. Aber die Gleichung Fosite-Forseti ist eben nur Vermutung, keine erwiesene Thatsache.
Nach der Sage werden die 12 Asegen (Gesetzsprecher) als „Foerspreken“ auf Befehl König Karls d. Gr. von den 7 friesischen Seelanden erwählt, um zu verkünden, was friesisches Recht sei. Sie erklärten, dem Befehl des Königs nicht nachkommen zu können. Zwei Tage lang bitten sie um Frist, auch die drei folgenden erklären sie es ausser stand zu sein. Als sie aber am sechsten Tage nicht verkündeten, was Rechtens sei, erklärte Karl, sie hätten alle den Tod verwirkt. Er gestattet ihnen die Wahl, ob er sie töten solle, ob sie eigene, unfreie Leute werden wollen, oder ob er sie in einem Schiff ohne Ruder, Segel und Tau ins Meer aussetzen soll. Sie wählen das letzte und werden ausgesetzt. In der grössten Verzweiflung ermahnt sie einer von ihnen, der von Wydekens des ersten Asega Geschlecht war, Gott um Rettung zu bitten. Wie Christus zu seinen Jüngern bei verschlossenen Thüren gekommen sei und ihnen geholfen habe, so werde er auch ihnen einen dreizehnten senden, der ihnen lehre, was Rechtens sei, und sie zum Lande führe. Sie fielen auf die Knie, beteten, und der dreizehnte, ihnen allen gleich, sass plötzlich im Schiff. Er hatte eine Achse (oder Axt?) auf der Achsel und steuerte damit zum Ufer. Er warf die Achse ans Land und warf ein Stück Rasen auf. Da entsprang eine Quelle Wassers, die den Durst aller stillte. Den Weg, den der Gott zu Lande nahm, nannte man Eeswey, die Stätte, wo sie sich niederliessen, Axenthove. Der dreizehnte lehrte den zwölfen alles, was Rechtens sei, und verschwand, als er sie belehrt hatte. Die zwölfe traten vor König Karl, der sie von den Meereswogen verschlungen wähnte. Karl bestätigte, was sie als Recht verkündigten. So entstand das friesische Recht.[475] Dass mit diesem dreizehnten Asegen der és, der Hauptgott der Friesen gemeint ist, steht ausser Zweifel. Er mag mit Fosete eins sein. Aber sein Abzeichen ist rätselhaft. Dürfte eine Axt darunter verstanden werden, dann ergäbe sich Beziehung auf Donar. Aber unklar bliebe, wie der ês mit einer Streitaxt steuern konnte.
VIII. Ullr.
Ullr muss bedeutender gewesen sein, als die Überlieferung auf den ersten Blick erkennen lässt. Sein Name besagt: der Herrliche, der Majestätische[476] und kann demnach ein Beiwort einer unbekannten erhabenen Gottheit sein. Leider haben die Skalden seine Gestalt in den Hintergrund gedrängt, nur seine unaufgeklärte Verwandtschaft zu Sif und Thor und sein Schildmythus kommt zur Sprache. Dagegen scheint ihm im wirklichen Leben grössere Bedeutung zugekommen zu sein. Manche erblicken in Ullr seiner Thätigkeit halber einen Gott des Winters oder wenigstens eine hohe Gottheit in ihrer winterlichen, die sommerlichen Kräfte des Lichtes und der Wärme vernichtenden Lebensthätigkeit.
Ullr heisst ein Sohn der Sif, Thors Stiefsohn. Er ist im Bogenschiessen und Schneeschuhlaufen so tüchtig, dass niemand darin mit ihm wetteifern kann. Schön ist er von Ansehn und besitzt alle Vorzüge eines Kriegsmannes; darum ist es auch gut, ihn in Zweikämpfen anzurufen. Ydalir, Eibenthal heisst ein Ort, wo Ullr sich vormals die hohe Halle erbaut.[477] Von Eibenholz wurden die Bögen gefertigt, weshalb ein Ort, wo Eiben wachsen, ein passender Wohnsitz für den trefflichen Bogenschützen ist. In seiner Bewaffnung und Lebensweise, als bogenbewehrter Jäger, der auf Schneeschuhen die Schneefelder und Schneeberge durcheilt, erinnert Ullr an die Finnen und Lappen. Die Vorstellung eines solchen Gottes kann offenbar nur im nördlichen Skandinavien entstanden sein. Darum mag er auch im Bunde mit den winterlichen Mächten gedacht sein. Obwol er sich der Art der Finnen und Lappen anbequemt, bleibt er aber doch ein schöner, stattlicher, kampftüchtiger Germane. Die ihm beigelegten Namen Schneeschuh-Gott, Bogen-Gott, Jagd-Gott, Schild-Gott bestätigen Snorris Schilderung. Wenn der Schild in der skaldischen Kenning als Ulls Schiff umschrieben wird[478], so scheint damit auf eine Sage angespielt zu sein, wonach Ullr seinen Schild als Fahrzeug gebrauchte. Dazu steht Saxos Bericht, Ollerus sei auf einem Knochen wie auf einem Schiffe übers Meer gefahren. Nur hat Saxo vermutlich zwei verschiedene Dinge zusammengeworfen, dass Ullr auf Knochen, d. h. auf Schlittschuhen, die in primitiver Weise aus Knochen verfertigt waren, über den Schnee läuft, und dass Ullr auf seinem Schilde wie auf einem Schiffe übers Wasser setzt.
Obschon ausser dem, was Saxo von Ollerus erzählt, nichts weiteres bekannt ist, muss Ullr doch als eine in der nordischen Götterwelt fest wurzelnde, in lebhafter Verehrung stehende Gestalt angesehen werden. Im Grimnirliede 42 wünscht der zwischen zwei Feuern gepeinigte Odin dem Agnar, der ihm Erleichterung schafft, die Huld Ulls und aller Götter. Darin ist jedenfalls ein feierlicher Heilswunsch enthalten. Im Atliliede 31 wird ein Eidschwur bei Ulls Ring erwähnt. Solche Auszeichnung wird nur höheren wichtigeren Göttern zu teil. Ausserdem sind sehr viele Ortsnamen, Tempel, Heiligtum, Hain, Hügel, Gehöft, Acker, Vorgebirge, Insel, Strom und Wasserfall in Norwegen und Schweden mit Ulls Namen gebildet[479], woraus ein umfangreicher und häufiger Dienst des Gottes erschlossen werden darf.
Als Odin nach der Bezwingung der Rind von den andern Göttern in die Verbannung geschickt worden war, da beriefen sie den Ollerus nicht nur zur Herrschaft, sondern auch zur göttlichen Würde. Obwol sie ihn nur aushilfsweise zum Priester erwählt hatten, so bekleideten sie ihn doch mit vollen Ehren, damit er nicht als Verwalter eines fremden Amtes, sondern als der rechtmässige Nachfolger in der Würde erscheine. Damit gar nichts am Ansehen fehle, legten sie ihm sogar Odins Namen bei, um dadurch jede der Neuerung anhaftende Gehässigkeit auszuschliessen. Nachdem Ollerus etwa 10 Jahre über die Genossenschaft der Götter gewaltet, hatten die Götter Mitleid mit dem in hartem Banne weilenden Odin, und weil er genug gebüsst zu haben schien, vertauschte er sein niedriges, schmutziges Aussehen wieder mit dem früheren Glanze. Schon die Hälfte der Frist hatte den einstigen schweren Schimpf getilgt. Zwar gab es Leute, welche ihn für unwürdig erachteten, die einstige Würde neu zu gewinnen, weil er mit seinen Schauspielerkünsten und durch seine Weiberverkleidung den göttlichen Namen geschändet habe. Einige versichern, er habe durch Schmeichelei und Geld die verlorene Ehre und Herrlichkeit wieder erkauft und nur durch Entrichtung einer grossen Summe seine Rückkehr sich verschafft. Ollerus, von Odin aus Byzanz verjagt, flüchtete nach Schweden, wo er bei seinem Bestreben, im neuen Lande die Denkzeichen seines guten Rufes wiederherzustellen, von den Dänen erschlagen wurde. Es geht die Sage, er sei so sehr in Blendwerken erfahren gewesen, dass er auf einem Knochen, den er mit kräftigen Zaubersprüchen beschrieben hatte, wie auf einem Schiffe über die Meere fahren konnte und nicht langsamer als mit Rudern die Wasserfläche durcheilte. Odin aber, im Neubesitze der Abzeichen seiner Würde, gewann in allen Erdteilen so glänzenden Ruhm, dass alle Völker ihn wie das der Welt neu geschenkte Licht hoch hielten und kein Ort des Erdkreises vorhanden war, welcher der Macht seiner Gottheit nicht gehorchte.[480]
Ollerus erscheint hier gleichbedeutend mit Mitothin und Wili und We, die Odin für eine Zeitlang des Reiches und Weibes berauben. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass vielleicht eine Erinnerung daran, dass Odin einst ältere Götter, den Tiuȥ verdrängte, sich in solchen Sagen erhielt. Nach natursymbolischer Auslegung soll Odin hier als Gott des Lichts und der Wärme gelten, den zeitweilig Ullr, der Gott des winterlichen Dunkels, verdrängt, der im Herbste weicht, im Frühling siegreich wiederkehrt. Jedenfalls kann es keine geringe Gottheit gewesen sein, welcher die Vertretung Odins zuerteilt wird. Wenn Ullr seinem Namen nach der Herrliche, Majestätische ist, so verdient Beachtung, dass gegen Odin gerade der Vorwurf erhoben wird, er habe den reinen Glanz der Gottheit durch seine niedrigen Thaten befleckt. Da tritt der Herrliche als Richter und Rächer, als Herr der Ordnung hervor, um den fleckig gewordenen Ehrenschild wiederum rein erschimmern zu lassen. Darum ist es nicht ungereimt, bei Ullr an den höchsten Gott der Germanen zu denken, der in zahlreichen Spaltungen als Freyr, Heimdall, Baldr gerade im Norden begegnet. Hängt er aber je im innersten Grunde seines Wesens mit Tiuȥ zusammen, so ist doch die Entwicklung, die er im einzelnen durchmachte, entschieden und ausschliesslich nordisch.
Da Ullr seinem Namen nach germanisch ist und auch seine Gegnerschaft zu Odin von Tiuȥ übernommen haben kann, andrerseits jedoch als Bogenschütze, Schneeschuhläufer und Zauberer an die Art der Finnen erinnert, ist endlich auch zu erwägen, ob Ullr nicht aus einer Mischung nordgermanischer und finnischer Vorstellungen hervorging. Die Feindschaft der beiden Götter weist auf die Verdrängung des Ulldienstes durch Odinsgläubige. Darin mögen die alten Gegensätze des Tiuȥ- und Wodandienstes, aber auch die des nordischen Odinsglaubens und des finnischen Heidentums und Zauberwesens nachwirken. Die geschichtliche Grundlage kann im siegreichen Übergewicht der Nordleute über die alteingesessenen Finnen, deren Spuren auch sonst sich bemerklich machen, beruhen.[481]
IX. Widar.
Widar nennt man den schweigsamen Asen. Er besitzt einen dicken Schuh und ist beinahe so stark wie Thor. In allen Gefahren setzen die Götter grosses Vertrauen auf ihn.
Unterholz und üppiges Gras Füllt Widi, Widars Land; Dort springt der Recke vom Rücken des Rosses. Den Vater zu rächen bereit.
Seine That, die Rache für Odin, ist in der Vǫlospǫ́ geschildert:
Widar kommt dann, Walvaters Sohn, Der gewaltige Held, mit dem Wolf zu kämpfen: Die Klinge stösst er dem Kinde des Riesen Durch den Rachen ins Herz und rächt den Vater.
Ergänzend erzählt Snorri: Der Wolf verschlingt Odin und das ist des Gottes Tod. Dann aber eilt Widar herbei und tritt mit einem Fusse dem Wolfe in den Unterkiefer. Er besitzt nämlich den Schuh, zu dem das Leder alle Zeit zuvor gesammelt ist und zwar aus den Flicken, welche die Menschen vor den Zehen und an der Ferse aus ihren Schuhen schneiden; und darum soll ein jeder, der gewillt ist, den Asen zu Hilfe zu kommen, diese Flicken fortwerfen. Mit der einen Hand fasst nun Widar den Oberkiefer des Wolfes und reisst ihm den Rachen entzwei; und dadurch findet der Wolf seinen Tod. Wenn aber die Lohe des Weltbrandes erlischt, dann wohnen Widar und Wali, die Bluträcher Odins und Baldrs, im Heiligtum der Götter. Die Riesin Grid, bei welcher Thor auf seiner Fahrt zu Geirröd einkehrt und welche den Gott mit ihrem eigenen Stärkegürtel und mit ihren Eisenhandschuhen ausstattet, ist die Mutter Widars des Schweigsamen.[482] Beim Gelage Ägirs räumt Widar auf Odins Geheiss Loki seinen Platz und schenkt ihm ein. Von allen Anwesenden wird allein Widar mit Lokis Lästerungen verschont.[483]
Widar ist der Krieger aus dem Waldland[484], aus der mit Buschwerk und hohem Gras bewachsenen Heide. „Wer einen Begriff von der Heide hat, von ihrem Gestrüppe, der dicken, schwellenden Gras- und Moosschicht an ihrem Boden, von ihrer Stille, die den Sinn gefangen hält, der wird verstehen, weshalb sie sich dem Germanen in einem Gott verkörperte, der einen dicken oder eisernen, d. h. unzerstörbaren Schuh besitzt und sich in Schweigen hüllt“ (Roediger).
X. Wali.
Wali oder Ali heisst ein Sohn des Odin und der Rind. Er ist kühn in Schlachten und kann vortrefflich schiessen. Seine Hauptthat, von der allein erzählt wird, bildet die Rache an Hod für Baldrs Tod. Darum heisst er der Rächer Baldrs, der Feind und Töter des Hod. Im Westen bringt Rind den Wali zur Welt, eine Nacht alt zieht Odins Sohn in den Kampf; die Hände nicht wäscht er, das Haupt nicht kämmt er, ehe er Baldrs Feind auf den Holzstoss bringt. In zweimaligem Bilde soll die Pflicht der Blutrache, die mit Hintansetzung von allem andern zuerst erfüllt werden muss, als die höchste und unaufschiebbare Forderung hervorgehoben werden. Märchen und Mythen wissen von Helden, die in voller Kraft und vollständig gerüstet zum Kampfe kommen und gleich nach der Geburt einen Feind erlegen. Andererseits begegnet die uralte germanische Sitte, wonach Männer geloben, die Haare nicht zu schneiden oder zu kämmen, ehe sie eine besondere Pflicht erfüllt. Freilich schliessen sich beide Züge eigentlich aus. Sie enthalten beide denselben Gedanken, nur nach zwei Seiten, dass Blutrache die eiligste und erste Pflicht sei. Mit Widar zusammen weilt Wali nach dem Weltbrand in den Sälen der Götter.[485]
Widar und Wali haben ein gemeinsames Amt zugewiesen erhalten, die Blutrache. Da sie nur die Rachethat vollbringen und sonst nichts mehr von ihnen verlautet, als dass sie in der neuen Welt beisammen wohnen, steht soviel fest, dass diese Götter in der Gestalt und Thätigkeit wenigstens, wie sie auf uns gelangten, nicht sehr alt sein können. Zunächst wird Baldrs und Odins Tod vorausgesetzt. Mag Baldrs Fall älter sein, Odins Untergang ist vom Weltende nicht zu lösen. Und darum kann auch Widar nicht aus urgermanischer Sage stammen. Wo ein Held fällt, verlangt das germanische Rechtsgefühl den Rächer. Insofern sind Widar und Wali mit ethischer Notwendigkeit von dem Entwickelungsgange der Sagendichtung gefordert. Dass sie die Herrschaft in der neuen Welt führen, ist begreiflich, da sie die Überlebenden sind, gleichwie Modi und Magni dann den gefallenen Thor ersetzen müssen. Dass Wali und Widar überhaupt erst mit der nordischen Sage vom Untergang der Götter aufkamen, ist wahrscheinlich. Kauffmanns Versuch, ältere Bestandteile, Züge des grossen germanischen Waldesgottes an ihnen nachzuweisen, gewann kein sicheres Ergebniss.
XI. Hönir.
Über Hönir schwebt undurchdringliches Dunkel, weil die Überlieferung der mit ihm verknüpften Mythen teilweise unverständlich ist und weil auch der Name des Gottes keiner befriedigenden Deutung sich fügt. Er erscheint bei der Weltschöpfung, beim Wanenkrieg, nach dem Weltende im neuen Paradies, aber meistens als stumme, thatenlose Person, welche andern das Handeln überlässt.[486] Hönir gehört zur wandernden Götterdreiheit Odin, Hönir, Lodurr oder Loki. Die Götter verleihen dem ersten Menschenpaar Hauch (ǫnd), Seele (óþ), Gebärde, Wärme, blühende Farbe (la̍, læte, lito góþa). Hönir verleiht die Seele, den Geist des Menschen. Mit Odin und Loki ist Hönir auf der Fahrt, wie sie mit dem Riesen Thjazi, dem Räuber der Idun zusammentreffen und wie sie bei Hreidmar einkehren, nachdem sie seinen ottergestaltigen Sohn erlegt. In einem färöischen Lied, das vielleicht auf eine ältere verlorene nordische Sage zurückgeht, treten wiederum Odin, Hönir und Loki auf. Ein Bauer verliert im Brettspiel seinen Sohn an einen Riesen und muss ihn hingeben, wenn er ihn nicht vor dem vielkundigen Unhold zu verstecken vermag. In dieser Not werden Odin, Hönir, Loki nach einander angerufen; Odin lässt in einer Nacht einen Acker heranwachsen und heisst den Knaben des Bauern mitten im Acker eine Ähre, mitten in der Ähre ein Gerstenkorn sein. Als nun der Riese, das schneidende Schwert in der Hand, den Arm voll Getreides rafft, da schlüpft ihm das Gerstenkorn von der Faust heraus und Odin bringt den Bauersleuten den Sohn zurück. Hönir weist diesen an, als sieben Schwäne über den Sund fliegen und zwei sich niederlassen, mitten im Nacken des einen eine Feder zu sein; als aber der Riese den Schwan fängt und ihm den Hals abschlägt, fliegt die Feder heraus. Loki, der letzte Helfer verwandelt den Knaben zu einem Korn im Rogen eines Flunders; denselben Fisch erangelt nachher der Riese und zählt jedes Korn im Rogen. Das rechte entschlüpft ihm aus der Faust, und als er dem spurlos über den Sand hinfliehenden Knaben nachwatet, lässt Loki ihn sich in einen zu diesem Zweck erbauten Bootschuppen verrennen und schlägt ihn tot. So ist der Bauernsohn gerettet.[487] Will man einen tieferen Sinn aus dem Liede deuten, so hat Uhland am ehesten Recht, wenn er in dem dreifach verwandelten Bauernsohn den in die Natur gelegten schöpferischen Trieb erkennt, welchen die Riesen bedrohen, die Götter beschirmen. Die drei Nahrungsquellen des friedlichen nordischen Bauern, Ackerbau, Seevögeljagd, Fischfang sind gleichsam drei mächtigen Göttern unterstellt. Aber schwerlich ist schon in älterer Sage eine solche Verteilung der betreffenden Berufszweige an Odin, Hönir, Loki erfolgt. Da wäre sicherlich Thor für Odin als Beschützer der Landwirtschaft gewählt worden. Die Verbindung scheint vielmehr dem Schöpfer des färöischen Liedes zuzuschreiben zu sein. Darum ist es gewagt, daraus dass Hönir über die Schwäne Gewalt hat, auf sein ursprüngliches Wesen schliessen zu wollen, weil man Gefahr läuft, die Erfindung eines einzelnen späteren Dichters für uralten Mythus zu nehmen.
Nachdem Hönir das erste Menschenpaar beseelte und begeistigte, erscheint um so seltsamer die Rolle, welche ihm beim Friedensschluss zwischen Asen und Wanen zugeteilt wird. Die Asen gaben gegen Freyr und Njord den Hönir als Geisel und sagten, er tauge sehr wol zum Häuptling. Er war ein grosser und überaus schöner Mann. Mit ihm sandten die Asen den Mann, der Mimir hiess; der war der Allerklügste. Dafür gaben die Wanen den Kwasir hin. Als Hönir nach Wanenheim kam, wurde er sogleich zum Häuptling gemacht. Mimir gab ihm allen Rat ein. Wenn Hönir bei Dingversammlungen oder Verhandlungen zugegen und Mimir abwesend war, und eine schwierige Sache vor ihn gebracht wurde, antwortete er immer auf dieselbe Weise: Mögen andre raten! Da ahnten die Wanen, dass sie beim Geiseltausch von den Asen getäuscht wurden. Sie ergriffen Mimir, enthaupteten ihn und schickten seinen Kopf an die Asen zurück. So berichtet die Ynglingasaga im 4. Kapitel. Darnach ist Hönir zwar schön und stattlich, aber schwach im Geiste und unselbständig im Urteil. Er braucht stets Mimirs Beirat, sonst weiss er sich nicht zu helfen.
Hönir heisst bei den Skalden Sitz-, Fahrt-, Redegenosse Odins. Auf seine Bundesgenossenschaft mit Odin und Loki spielt namentlich Thjodolf in der Haustlǫng an. Die Namen „der schnelle Ase“, „Langfuss“, „Lehmkönig“ (aurkonungr, oder „Nässekönig“, der sich im Lehm, in der Nässe aufhält) entstammen wahrscheinlich verlorenen Sagen und sind für uns, nachdem einmal die betreffenden Geschichten verloren gingen, vollkommen unverständlich. Im neuen Paradies kehrt auch Hönir wieder. Er wird „den Looszweig kiesen“[488], d. h. ihm wird wieder sein altes Loos, unter den Asen zu weilen, zu teil. Möglicherweise soll aber auch damit gesagt sein, dass Hönir dann in der Welt das Loos zieht, durchs Loos die Zukunft erforscht und das Schicksal entscheidet.
Viele Erklärungsversuche sind umsonst an dem rätselhaften Gott gemacht worden.[489] Einigen gilt Hönir als Ausfluss des höchsten Gottes der Germanen. Ein Sonnenwesen scheint er Weinhold. Uhland will den Namen auf ein verlorenes Zeitwort *hanan *hôn (mit canere verwandt) zurückführen. Der Name bedeute einen Schall und das hänge mit seiner Gabe an die ersten Menschen, óþr, Dichtkunst, Gesang zusammen. Auf Uhlands Etymologie greifen auch Detter und Heinzel[490] wieder zurück, Hönir wird zu einem Zeitwort hæna, canere, gestellt. Hönir bedeutet Sänger, es ist ein ursprünglicher Beiname Odins. Hönir und Bragi gleichen sich in manchen Dingen. Müllenhoff nimmt den Hönir für einen Wassergott. Dazu könnte auch Uhlands Erklärung des Namens, wenn auch in anderem Sinne dienen: Hönir der Schallende, Rauschende, wie lat. canorus gebraucht wird. Hoffory leitet Hönir aus urgermanischem *hohnijaȥ ab; Tiuȥ hohnijaȥ sei, wie etwa Ζεὺς κυκνεῖος, der schwangleiche Himmelsgott. Kauffmann denkt an hóđ (ahd. huota) und findet den Begriff Hüter in Hönir; es ist der grosse Waldesgott der Germanen, aus dem nach Kauffmann soviele Götter hervorgingen. Roediger sucht dem Hönir mit natursymbolischer Auslegung nahe zu kommen. Er sieht einen Wolkengott in ihm. Die Wolke ist Gefährte des Sturmes, wie Hönir und Odin zusammen gehen. Wolken sind Schwäne im blauen Himmelssee. Die Wolke ist hohl und leer, wie Hönir ein Hohlkopf. Aber der Wassergott Mimir vermag ihr Gehalt zu geben, den Regen. Die erregbare menschliche Gemütsstimmung wird mit den wechselnden Wolkengebilden verglichen; nach dem altdeutschen Ezzolied gibt Gott dem Menschen „von den wolchen daȥ muot“, wie Hönir den Menschen beseelt. So lässt sich immerhin manches für Hönir als Wolkenwesen sagen, mehr als für die übrigen Erklärungsversuche. Der Name soll aus *hauhnijaȥ (zu *hauhni, dän. höine die Höhe) stammen und bedeuten: der in der Höhe lebt. Etymologische Namenerklärungen, welche zum Verständniss des mit dem Namen behafteten Wesens dienen sollen, haben immer besondere Schwierigkeiten, zumal wenn die Wortwurzel nicht klar ist. Soviel Erklärer soviel Erklärungen! Trotz allem bleibt Hönir rätselhaft nach wie vor. Da er bei der Menschenschöpfung auftaucht und in der neuen Welt wiederkehrt, liegt offenbar sein Ursprung in der Weltlehre, d. h. Hönir ist wol aus der Fremde zugewandert. Sicher wird auch Hönir noch einmal auf diese Art befriedigende Deutung finden, wenngleich E. H. Meyers Versuch, Hönir aus Henoch abzuleiten, verfehlt erscheinen muss.
XII. Bragi der Dichtergott.[491]
Snorri berichtet in der Gylfaginning Kap. 26: Bragi ist einer der Asen. Er ist ausgezeichnet durch Weisheit, besonders aber durch Redeklugheit und Sprachgewandtheit. Am meisten ist er jedoch in der Dichtkunst erfahren und daher wird auch diese nach ihm bragr genannt, wie auch Männer oder Frauen, die sich vor andern durch dichterische Begabung hervorthun, den Namen bragarmenn führen. Die Gemahlin Bragis heisst Idun. Als Benennungen Bragis führt die Snorra Edda 1, 266 an: Gemahl der Idun, der Skaldenkunst Urheber, der langbärtige Ase, Odins Sohn. Als der Langbärtige (síđskeggja) erinnert Bragi an den Gott der Dichter, an Odin, der ebenso Síđskeggr und Langbarđr, Tief- und Langbart heisst.
Als Odins Hofskalde, welcher in Walhall den Ehrendienst als Begrüsser der Gäste mit dem Willkommentrunke versieht, erscheint Bragi im Preislied auf Eirik. Odin bespricht sich mit dem klugen Bragi über die Herankunft dieses Heldenkönigs, vor dem es tost und kracht, als kehrte Baldr zurück zu Odins Sälen, und schickt Sigmund und Sinfjotli zu seinem Empfang entgegen. Im Lied auf Hakon den Guten werden Hermod und Bragi aufgerufen, ihm entgegen zu gehen und Bragi reicht ihm feierlich den Becher zum Willkomm: „Aller Einherjer Frieden sollst du haben; empfange Bier bei den Göttern. Acht Brüder hast du schon hier innen, o Bekämpfer der Jarle“. Snorri gibt einem Abschnitt der Edda eine Einkleidung, welche den Bragi als Gesellschafter beim Gelage und trefflichen Sagenerzähler erscheinen lässt. Odin hatte den Ägir zu einem Gastmahl nach Walhall entboten. Dem Ägir wurde der Platz neben Bragi gewiesen, sie tranken und unterhielten sich zusammen. Bragi erzählte von vielen Begebenheiten, die sich bei den Göttern zugetragen hatten. So legt Snorri einen grossen Teil der Göttersage dem Bragi in den Mund und macht den kunstreichen Skald zu einem ebenso ausgezeichneten Sagenerzähler. In Skaldschaft und Saga ist aber der Nordleute höchste Geistesthätigkeit beschlossen. Bragi ist der Skalden bester[492], Denkrunen sind auf seiner Zunge eingeritzt.[493]
Als Loki unter die bei Ägir versammelten Asen tritt und Aufnahme heischt, ergreift Bragi zuerst das Wort. Wie er willkommene Gäste in Wallhall grüsst, so verweigert er dem unlieben Loki Sitz und Stätte beim Gelage; denn die Asen wissen, wem sie Zutritt zum Festmahl verstatten. Auch hier also gebärdet sich Bragi als berufener und bestellter Sprecher der Götter. Odin selbst muss freilich trotzdem Loki auf dessen Mahnung einlassen; da entbietet der Böse allen Göttern und Göttinnen Gruss, bloss nicht dem Bragi. Der will ihm Ross, Schwert und Ringe aus seinem Reichtum gewähren zur Busse, damit er nicht den Asen Missgunst (wegen des unfreundlichen Empfanges) erzeige. Aber Loki greift ihn gerade an seiner friedlichen, zum Vergleich so rasch bereiten Gesinnung an: Du bist im Gefecht der furchtsamste und beim Schuss der scheueste. Da bricht Bragi zornig los:
Wenn ich draussen wär’ und drinnen nicht Bei Ägir sässe im Saal, Dein Haupt trüg ich in der Hand gar bald: Das wär für die Lüge der Lohn.
Loki erwidert:
Im Sessel bist kühn du, doch säumig zur That, Bragi, du Zierde der Bank! Zum Zweikampf geh’, wenn zornig du bist, Der Dreiste bedenkt sich nicht lang.
Die Skalden der nordischen Könige sind tapfere Helden, in Liederkunst wie in der Waffenführung gleich geübt. Viele haben ihre Treue in Schlachten bewährt und mit dem Tode besiegelt. Doch kam es auch vor, dass ein Skald sein verlorenes Leben mit einem Gedicht rettete. Bragi Boddason löste sein Leben aus der Gewalt des Schwedenkönigs Bjorn durch eine Drápa, ein Preislied, das er in einer Nacht verfertigt hatte, und ebenso befreite Egill sein Haupt aus der Gewalt König Eiriks. Auf solche Fälle bezieht sich wol Loki, indem er übertreibend und verdrehend den Skald als feig verhöhnt, weil er mit schönen Worten sich dort noch zu befreien wisse, wo der tapfere Mann rettungslos dem Tod verfallen sei. Idun beschwört nun Bragi bei ihren Kindern und Wunschsöhnen, den Loki nicht weiter zu lästern. Da sie sich auf Kinder und Wunschkinder beruft, muss angenommen werden, dass der Lokasenna die Ehe zwischen Bragi und Idun bereits bekannt ist, dass sogar Sprösslinge dieses Bundes vorausgesetzt werden. Wunschsöhne Bragis sind vielleicht die menschlichen Dichter, welche nach ihrem Tod in Walhall wohnten.[494]
Der Skald Egill Skallagrimsson spielt zweimal auf Bragi an, wobei er sich auch auf Mythen bezieht. Leider ist die Überlieferung dermaassen verderbt und ausserdem die Anspielung so kurz und dunkel gehalten, dass die dem Dichter vorschwebenden Sagen gar nicht oder doch nur unsicher und unbestimmt wieder erschlossen werden können. Die Schlussstrophe der Hǫfuðlausn beginnt: Der König möge sich so seiner Schätze erfreuen, wie Bragi seines Auges! Was das bedeutet, ist dunkel. Im Sonatorrek 2 und 3 ist vom Raube des Dichtermetes, den Odin aus Riesenheim entführte, die Rede, wobei der fehllose Bragi auflebte.[495] Soll damit die Geburt Bragis an dieses Ereigniss geknüpft werden? Gab es eine Sage, welche den Dichtergott Bragi als den Sohn Odins und der Gunnlod, die den Met hütete, ansah? Wie Odin in Liebe bei der Riesenmaid ruhte, als er den köstlichen Met erlangte, hätte er auch den besten Skald Bragi erzeugt. Über blosse Vermutungen kommt die Erklärung der Stelle nicht hinaus, weshalb Bragis Herkunft von Gunnlod immer sehr zweifelhaft bleibt.
Bragi, der Gott, hat jedenfalls Beziehungen zu Bragi Boddason, der, obzwar noch der Sagenzeit verfangen, doch als geschichtliche Gestalt um und nach 800 zu betrachten ist.[496] Bragi Boddason, geschichtlich beurkundet und doch mehrfach in Sage und Dichtung verwoben, steht an der Spitze der langen Reihe norwegischer und isländischer Skalden. Es erhebt sich die Frage, ob Bragi Boddason der Skald nach dem Gotte seinen Namen hat, ob beide Namen etwa unabhängig entstanden und im Wortsinne den vortrefflichsten Skalden, den Dichterfürsten bei Göttern und Menschen bezeichnen, endlich ob etwa der Skald Bragi zur Verherrlichung des Standes unter die Asen versetzt wurde. Alle drei Möglichkeiten lassen sich mit Wahrscheinlichkeitsgründen stützen, keine als sichere Thatsache nachweisen. Dass Bragi weder ein altgermanischer noch ein volkstümlich nordischer Dichtergott war, sondern erst in später Zeit, etwa im 9. Jahrhundert, unter den Skalden aufkam, wird ziemlich allgemein angenommen. Ist ihm doch nirgends eine in den Grund der Mythen eingreifende Wirksamkeit zugewiesen. Odin ist das göttliche Urbild des Sängers, er ist der Urquell dichterischer Begeisterung. Neben ihm ist für Bragi kein Raum. Bragi bedeutet der Fürst, der Erste. Das Wort begegnet als Eigenname wie als Appellativum, wenigstens in der Mehrzahl bragnar, die Fürsten, Helden und in der starken Form bragr.[497] Bragi kann ebenso der erste unter Dichtern wie unter Kriegsleuten wie unter Göttern (Thor ist ásabragr) heissen. In der altnordischen Sprache ist aber Bragi gewöhnlich der Dichterfürst. Bragi könnte auch als Beiname oder später gebildete Bezeichnung des ältesten und berühmtesten der Skalden aufgefasst werden. Mogk glaubt, Bragi könnte ein Beiname Odins gewesen sein und nach und nach als Sondergestalt, etwa wie Freyr, Baldr, Heimdallr aus Tiuȥ, sich entwickelt haben. Falls aber der Skald Bragi samt seinem Namen, der Sängerahn im wallenden Bart, als zweifellos der Wirklichkeit angehörig gelten darf, hat die von Uhland und Mogk vertretene Ansicht, dass Bragi bei den Asen selbst kein andrer sei als der nach Asgard erhobene Bragi der Alte, Boddis Sohn, am meisten Wahrscheinlichkeit für sich. Bragi erscheint in Gesellschaft des Sigmund, Sinfjotli, Hermod. Sind nun diese Helden, geschichtliche und sagenhafte, nach ihrem Erdenlauf zu Odins Mahl und Ehrendienst berufen, warum nicht auch, auf seine Weise, ein berühmter Skald? Das Bild von Walhall, Odin und die Einherjer, der König und seine Gefolgschaft wird erst vollständig durch den Hofskalden, der hochgeehrt nahe beim Herrn seinen Sitz erhält. Was überhaupt von Thaten Bragis verlautet, lässt ihn ausschliesslich als diensttuenden Hofbeamten erscheinen. Darum wird sein Ursprung auch in irdischen Verhältnissen zu suchen sein, und dass die Skalden den ersten und ältesten ihrer Schar zu diesem Ehrenamt erkoren, ist wol begreiflich. Wird ihm Idun, die Hüterin der verjüngenden Äpfel vermählt, so besagt das poetische Bild wol nur, dass Idun seinem Alter Kraft und Jugendfrische wahrt. In ihren Hauptmythen ist Idun aber unvermählt.
XIII. Requalivahanus.
Deo Requalivahano Q. Aprianus fructus ex imperio pro se et suis v. s. l. m.
Diese Inschrift trägt ein Stein aus dem 2. Jahrh. n. Chr., der 1883 in der Nähe von Blatzheim bei Cöln aufgefunden wurde.[498] Der Name des Gottes ist aus germanischen Wortstämmen gefügt. Seine Bedeutung und etwaige Beziehung auf einen der uns sonst bekannten Götter zu erschliessen, ist noch nicht geglückt. Trotz allen gelehrten und geistvollen Erklärungsversuchen zeigt sich auch hier die Unmöglichkeit, aus den allein von Inschriften gebotenen, allgemeinen Benennungen irgendwie sichere, brauchbare Ergebnisse für die Geschichte der germanischen Mythologie zu gewinnen. Der erste Wortstamm ist zweifellos germ. *rekwaȥ (got. riqis; an. røkkr) Finsterniss, Dunkelheit. Derselbe Stamm ist auch sonst in gotischen Eigennamen nachzuweisen: Reccared, Reccesuinth, Requisindus, Riccifrida, Riccila u. ä. (vgl. Kögel, AnzfdA. 18, 59). Schwieriger ist der zweite Stamm festzustellen. Die Erklärer gehen schon darin auseinander, dass sie das Suffix -hanus teils mit der Latinisierung des germanischen Wortes in Zusammenhang bringen, teils der ursprünglichen Wortbildung zuweisen, d. h. dass sie entweder auf einen germanischen Stamm livan- oder livahan- schliessen. Die Wurzel stellen Holthausen und Kauffmann zu an. lifa, Leben und ähnlichen Bildungen, und nehmen liƀa „lebend“ wie in den Eigennamen Heriliva, Gundiliva, die im Heere, im Kriege Lebende, oder liƀahs „lebensvoll“, „lebendig“ an. Requalivahanus ist der in der Finsterniss als Herrscher waltet, der im Dunkel wohnt. Im Ahd. begegnet das ähnlich gebildete Eigenschaftswort ubarlibo „überlebend“. Später dachte Holthausen an *liwa im Sinne von Hinterlassenschaft, Erbe, zum Zeitwort lîhwan, leihen, übrig lassen. Requalivahanus ist, dem die Finsterniss überlassen wird, der die Finsterniss als Hinterlassenschaft besitzt, dem die Finsterniss als Erbe anfiel. Much vermutet ein germanisches Eigenschaftswort lîwaȥ, lîwahaȥ, farbig, nach irischem lî die Farbe, gall. Lîvius, Lîvo, lat. livor, liveo, lividus. Requalivahanus bedeutet wie mhd. vinstervar den, der die Farbe der Finsterniss trägt, den Dunkelfarbigen. An einen Ortsnamen endlich denkt v. Grienberger. Das latinisierte Adjectiv requalivânus meint einen Gott von Requaliva. In liwa sei ein germanisches Wort für Gewässer enthalten, und so ist Requaliva wie Schwarzleo einfach Schwarzbach, Schwarzwasser, Schwarzach, Schwarzensee oder dgl. ein Gewässer von dunkler Farbe oder ein Gewässer im finstern, schattigen Walde.
Wenn schon die Namendeutung über unsichere Vermutungen nicht hinausgelangt und nur einen sehr allgemeinen Sinn ergibt, so ist es mit der mythologischen Auslegung noch viel schlimmer bestellt. Dass Requalivahanus im Finstern haust, muss angenommen werden. Die nächstliegende Beziehung geht unstreitig auf Tod und Unterwelt. Zeus und Pluto heissen σκότιος, sofern sie in der Finsterniss leben. Das Beiwort kann aber manchen Göttern zukommen, etwa Wodan als dem Walgott, so lang er die Seelen der Toten im dunkeln Schooss der Berge bei sich versammelt, oder Baldr, der zur Hölle stieg. Einen germanischen Pluto, der der Finstere hiesse, wie Hel die Schwarze, kennen wir nicht. Am wenigsten ist Kauffmanns Auslegung begründet, der im Requalivahanus den grossen Waldesgott der Germanen, aus dem auch Widar und Wali, „der Starke von oben“, den die Vǫlospǫ́ geheimnissvoll erwähnt, Mitothin, Ullr und viele andere stammen sollen, erkennen will. Requalivahanus ist für uns völlig rätselhaft. Es ist ein Beiname, der etwa dem griech. σκότιος entspricht. Ob er einem der uns sonst bekannten germanischen Götter gebührt oder einem Gotte, von dem wir sonst gar nichts wissen, ist nicht festzustellen.
XIV. Loki.
1. Lokis Wesen und Namen.
Loki ist der Beschliesser, der Endiger.[499] In seinem Namen offenbart sich seine Art, sein Streben geht auf das Weltende. Er wirkt beständig auf den Abbruch der Macht der Götter hin und führt endlich den Untergang, die volle Vernichtung heran. Im Hinblick auf die Götterdämmerung und den Weltbrand ist sein Name und seine Gestalt geschaffen; daher reicht Loki ebensowenig wie die Vorstellung vom Weltende über die nordische Überlieferung in die gemeingermanische und damit heidnisch-deutsche zurück, sein Ursprung liegt nur zum kleinsten Teil im echt nordischen, heimischen Heidentum, vielmehr in der altchristlichen Mythologie. Loki setzt zum vollen Verständniss die Lehre vom Werden und Vergehen der Welt voraus, da er von Anfang bis zu Ende darin thätig ist. Ihn gesondert darzustellen hält insofern schwer, als eigene Lokisagen nur in geringer Anzahl sich darbieten, andererseits er aber in die Ereignisse der Göttersagen häufig entscheidend im guten oder schlimmen Sinn eingreift. Darum musste schon mehrfach auf ihn Bezug genommen werden. Loki setzt nicht bloss den grössten Teil der nordischen Göttersagen voraus, sondern auch den Versuch, die Gesamtheit der Göttersagen unter der Absicht einer einheitlichen Entwicklung zusammenzufassen. In der nordischen Mythologie, wie sie uns in den Kunstgedichten der Skalden im 9. und 10. Jahrhundert entgegentritt, ist Loki die treibende Kraft. Betrachtet man die übrigen Götter der nordischen Sage, so erkennt man deutlich einen selbständigen Grundstock von bestimmten Zügen und Eigenschaften, welche jede dieser Gestalten von mitunter hohem und höchstem Alter und unabhängiger, eigentümlicher Entstehung und Entwicklung erscheinen lässt. Daneben zeigen sich Spuren, wie und wo diese Gestalten mit dem bereits Vorhandenen sich abfanden. Endlich wird ihnen eine gewisse Teilnahme am Weltwerden und Vergehen eingeräumt. Aber ihr eigentliches Wesen wird von der ihnen in der Weltlehre gewiesenen Stellung kaum berührt. Darüber sind alle Forscher einig, dass die nordische Mythologie, welche die einzelnen Göttersagen als Glieder einer grossartigen Entwicklungsgeschichte nimmt, worin das Einzelne nur als Teil einer in weitem Rahmen und auf tiefem Hintergrund aufgebauten Gesamtheit, als besonderer Abschnitt des tragischen Weltendramas erscheint, dass diese nordische Mythologie ausschliesslich den nordischen Dichtern gehört und verhältnissmässig jung ist. Mit dieser Mythologie aber steht und fällt Loki. Bringt man bei den andern Göttern ihren Anteil am Weltendrama in Abzug, so tritt dadurch ihre Gestalt nur umso heller und schärfer ins Licht, da sie ja ihren Ursprung aus älteren und völlig verschiedenen Verhältnissen ableiten. Wendet man das gleiche Verfahren auf Loki an, so bleibt fast nichts mehr übrig. Wer sich der thatsächlichen Wahrheit nicht verschliesst, dass Weltschöpfung, Baldrs Tod, Weltende jedenfalls mit altchristlicher Mythologie auffällige Verwandtschaft zeigen, die sich ungleich leichter aus der Annahme von Entlehnungen, als aus der Behauptung selbständiger unabhängiger Entwicklung beiderseits erklärt, wird auch geneigt sein, das Rätsel, welches Loki bei Ableugnung fremder Bestandteile in der nordischen Mythologie bietet, dadurch zu lösen, dass er ihn zu Lucifer, dem Teufel, dessen Rolle Loki zugestandenermaassen im Norden spielt, in Beziehung setzt. Dadurch wird zwar nicht alles, aber doch vieles an Loki, namentlich seine Wandlung aus dem Genossen der Götter und Blutsbruder Odins zum Teufel, zum feindseligen Riesen, dessen dämonische Art allmälig immer stärker hervorbricht, verständlich werden. Eine sklavische, unselbständige Nachahmung Lucifers ist Loki nicht, vielmehr eine eigenartige, durch das fremde Vorbild nur angeregte dichterische Schöpfung. Abgesehen von mancherlei Verschiebungen, z. B. dass schon der göttliche Loki riesischer Abkunft ist, und von vielen Neubildungen und Zusätzen ist er ganz den nordisch-germanischen Zuständen angepasst.
Eine weitere Eigenschaft Lokis ist noch in Rücksicht zu ziehen. Ein Dämon des Feuers, welcher auch sonst unter dem Namen Logi, die persönlich gewordene Lohe[500] vorkommt, scheint vielleicht wegen des anklingenden Namens und, da ja wirklich die Welt im Feuer endigt (logi-loki: Lohe-Endiger), mit Loki verschmolzen zu sein, teilweise auch ein Dämon der versengenden, verzehrenden Gluthitze Lóđurr (aind. Vṛtra, der im Verein mit anderen Dämonen das befruchtende Wasser zurückhält und damit Trockenheit und Dürre verursacht). Die Namen von Lokis Eltern, Fárbauti, der gefährlich Schlagende, d. i. der Sturmwind und Nál, Nadel am Nadelbaum oder Laufey, Laubinsel machen seine Feuernatur deutlich. Der Sturmwind schlägt die flammende Lohe aus dem Gehölz, besagen die Namen von Lokis Vater und Mutter in dichterischem Bild.[501]
Auf Island soll die Redensart gegangen sein, Loki fährt über die Äcker, wenn ein Brand oder Hitze die Wiesen versengte. Lokis Spähne heissen die zum Feueranzünden verwendeten Spähne. Lokis Brand ist der Name des Hundssterns (Sirius). Loka daun, Lokis Geruch ist Schwefeldampf, was aber stark an Lucifer gemahnt. Loki trinkt Wasser, sagt man in Dänemark von der wasserziehenden Sonne. In Nordjütland ist Lokis Hafer ein dem Vieh schädliches Unkraut, wie auch der Teufel Unkraut sät. Knistert das Feuer, so heisst es: Loki prügelt seine Kinder. Schweben Dünste in der Sonnenhitze auf der Erde, so treibt Loki seine Geissen aus. Vögel, die sich mausern, gehen unter Lokis Egge. Kinder, die einen Zahn verlieren, werfen ihn in Småland ins Feuer mit den Worten: Loki, gib mir einen Beinzahn, hier hast du einen Goldzahn. Auf Lokis Abenteuer hören bedeutet in Dänemark auf Lügen Acht geben. Nach diesen im Volke noch fortlebenden Vorstellungen[502] erscheint Loki als Feuer, Hitze und Teufel. Dieselben Reden gehen häufig sonst vom Teufel und sind also jedenfalls von ihm auf Loki übertragen worden, nicht umgekehrt.
Loki kommt auch und zwar schon bei den älteren Skalden unter anderen Namen vor. Er heisst Loptr, der Luftige.[503] Was der Name besagt, ist unklar, ob damit ein persönlich gedachter Dämon des Luftreiches gemeint ist, etwa wie Kari neben Logi die Luft neben der Lohe verkörpert, oder ob auf die leibliche Beschaffenheit Lokis angespielt wird. Nach gelehrter Auffassung nämlich bestehen die Leiber der Dämonen aus Feuer und Luft. Endlich lässt sich Loptr auch als der durch die Luft Fliegende denken.
„Unverkennbare Wesensgleichheit herrscht zwischen dem indischen Vrtra, dem Dämon der Sommerhitze, welcher das himmlische Gewässer einschliesst und daher von Indra bekämpft und endlich getötet wird, worauf er in Gestalt eines Wurmes (Ahi) niederstürzt, und dem nordischen Loki, dem Gott der Hitze, der von Thor (dem Donnerer gleich Indra) beständig feindselig betrachtet und schliesslich auch gefangen genommen wird, dem Vater des gleicherweise von Thor einst bekämpften Midgardwurmes.“ So sagt Noreen[504] und sucht die Behauptung durch den Nachweis zu stützen, Lóđurr aus älterem Vlóđurr sei mit Vṛtra gleich. Ganz anders erklären Detter und Heinzel (Beiträge 18, 560) den Namen Lodur (bei Saxo Lotherus). Sie verweisen auf an. lóđ, Ertrag des Bodens und erblicken in Lóður einen Gott der Fruchtbarkeit, einen Beinamen des Freyr. Die Dreiheit Odin, Hönir, Lodur zielt auf die vereinigten Asen und Wanen.
Im Mittelalter treten oft drei Teufel Lucifer, Beelzebub, Satanas in Nachäffung der Dreieinigkeit auf. Ebenso stehen neben Loki die Brüder Býleistr oder Býleiftr und Helblindi. Der letztere Name, nur der Snorra Edda bekannt, ahmt Bezeichnungen des Teufels nach, der manchmal als blind bezeichnet wird und im Angelsächsischen und Deutschen sehr viele Benennungen aufweist, welche mit helle begannen. Býleistr, Býleiftr ist vielleicht durch Umdeutung aus Beelzebub entstanden. Selbständig oder in besonderen Sagen erscheinen die Brüder Lokis nicht.[505]
2. Die Sagen von Loki.
Snorri sagt von Loki: Zu den Asen wird auch der gerechnet, den manche den Verleumder der Asen oder den Urheber des Trugs und die Schande aller Götter und Menschen nennen. Sein Name ist Loki oder Lopt; er ist der Sohn des Riesen Farbauti. Seine Mutter heisst Laufey oder Nal, seine Brüder Býleipt und Helblindi. Loki ist schön und anmutig von Aussehen, aber böse von Gemütsart und höchst unbeständigen Wesens. Er brachte die Asen oft arg in Verlegenheit, hat sie aber auch oft durch seine List aus schlimmer Lage befreit. Seine Gattin heisst Sigyn und beider Sohn ist Nari oder Narfi.[506]
Loki ist Gott und Teufel in einer Person. In den Urtagen in die Gemeinschaft der Asen aufgenommen und am Schöpfungswerke thätig, schön und schmuck von Gestalt, kehrt er allmälig ganz andre Seiten hervor. Wie das leise Verderben schleicht er rastlos unter den Göttern umher und führt die von seinem boshaften Rat Getäuschten in Schaden und Unfall. Als Lügenvater und Trugstifter nimmt er sich den reinsten und besten der Götter, Baldr zum Widerspiel. Darauf hin wird er verstossen. In finstrer Höhle liegt bei Saxo der zum hässlichen Teufel gewandelte Loki. Durch Baldrs Tod ist das geistig-sittliche Weltgesetz gelöst. Wie alle die rohen und wilden Naturkräfte unaufhaltsam hereinbrechen und das Weltende naht, wird er seiner Fesseln ledig und zieht selber an ihrer Spitze zum Zerstörungswerk einer Welt, die er einst, solange er noch rein unter den Himmlischen geweilt, mit auferbaut hatte. Lokis Geschick, seine Wandlung vom Gott zum Teufel, seine Feindschaft zum lichten Baldr hat eine auffallende Ähnlichkeit mit Lucifers Fall, wie auch diejenigen anerkennen müssen, welche nicht zugeben wollen, dass Loki in der Hauptsache nichts anderes ist, als der in die nordische Göttersage und Weltlehre übersetzte Lucifer.
Odin, Hönir und Loki oder, wie er auch genannt wird, Lodur wandern zusammen. So erschaffen sie die ersten Menschen, den Hauch gab Odin, Hönir die Seele, Lodur die Wärme und leuchtende Farben.[507] Statt der Dreiheit Odin, Hönir, Lodur setzt Snorri Burs Söhne, Odin, Wili, We ein. Mit Odin und Hönir zieht Loki auch in den Geschichten von Iduns Raube und vom Hort des Andwari über Land. Seinen klugen Rat bewährt er, indem er Thor zur Heimholung des Hammers verhilft. Da wirkt er nur Gutes, indem er selber den Asen bei Bekämpfung ihrer Feinde beisteht. In der Lokasenna 9 beruft Loki sich auf einen mit Odin eingegangenen Blutbrüderbund:
Gedenkst du, Odin, dass in der Urzeit Wir beide das Blut gemischt? Nimmer des Biers zu geniessen schwurst du, Man böte denn beiden es dar.
Die feierlichsten, heiligsten Bande haben also dereinst Loki mit Odin verknüpft. Als Odins Freund bezeichnen ihn die Skalden.[508] Aber bald wird sein Rat zweideutig und falsch. Loki sucht in mehreren Erzählungen den Feinden der Götterwelt Macht über Asgard zu verschaffen und nur gezwungen lässt er sich dazu bewegen, das drohende Unheil mit listiger Falschheit abzuwenden.
Odin, Loki und Hönir fuhren über Berge und öde Wälder. In einem Thale sahen sie eine Rinderheerde. Davon nahmen sie einen Ochsen und fingen an, ihn zu sieden. In der Eiche über ihnen sass ein Adler, der verhinderte das Garsieden des Fleisches, bis die Asen ihm Anteil an der Mahlzeit versprachen. Aber weil der Adler gierig die besten Stücke an sich nahm, stiess Loki mit einer Stange nach ihm. Die Stange blieb im Leibe des Adlers stecken. Der Adler flog auf, Lokis Hände hafteten fest an der Stange, so dass er geschleift wurde. Da bat er, von Schmerzen gepeinigt, um Gnade. Der Adler war aber der Riese Thjazi, und er sagte, er werde ihn nicht loslassen, wenn er nicht Idun samt ihren Äpfeln ihm brächte. Loki versprach es und lockte in der That Idun aus Asgard in einen Wald hinaus unter dem Vorwand, er wolle ihr kostbare Äpfel zeigen. Sie solle zum Vergleich ihre eigenen mitbringen. Da kam der Riese Thjazi und flog mit ihr in seine Behausung. Die Asen aber wurden ohne Iduns Äpfel alt und grau und bedrohten den Loki, bis er in Falkengestalt nach Riesenheim flog, Idun zur Nuss verwandelte und sie auf diese Art zurücktrug. Thjazi verfolgte ihn in Adlergestalt. Die Götter aber entzündeten schnell ein Feuer, worin der heraneilende Adler verbrannte.[509]
Wie hier Idun, so verhandelt Loki ein ander Mal Freyja an einen ungeschlachten Riesen. Darauf spielt die Vǫlospǫ́ an:
25 Da gingen zu Sitze die Götter alle, Die heiligen Herrscher, und hielten Rat: Wer die ganze Luft mit Gift erfüllte Und der Brut der Riesen die Braut des Od gab. 26 Nur Thor schlug zu, voll trotzigen Mutes — Selten sitzt er, wenn er solches vernimmt — Da wankten die Eide, die Worte und Schwüre, Die festen Verträge, die man vordem schloss.
Ergänzend berichtet Gylfaginning im 42. Kapitel: Ein Werkmeister aus dem Riesenland hatte sich verpflichtet, den Göttern eine Burg im Verlauf eines Winters aufzuführen, wenn man ihm Freyja zur Frau gebe und Sonne und Mond abtrete. Zur Arbeit, verlangte er, solle man ihm nur den Beistand seines Rosses Swadilfari verstatten. Auf Lokis Rat wurden diese Bedingungen angenommen. Als das Werk der Vollendung sich nahte, bereuten die Götter das leichtsinnig gegebene Versprechen und bedrohten Loki mit dem Tode, wenn er nicht Rat schaffe. Durch List, indem er in Stutengestalt den Hengst Swadilfari an sich lockte, gelang es ihm, die Arbeit so aufzuhalten, dass der Werkmeister am Ziel nicht fertig wurde. Als der Riese über den Verlust seines ausbedungenen Lohnes in Zorn geriet, erschlug ihn Thor mit dem Hammer. Loki brachte von Swadilfari ein Füllen zur Welt, Sleipnir, Odins Ross.
Wenn Loki Idun und Freyja, die jugendschönen Göttinnen, ohne Bedenken den Riesen überliefert, so beschädigt er dadurch den ganzen Bestand der Götterwelt, indem er ihre Lebens- und Liebeskraft, Licht und Wärme dem Erbfeinde preisgibt. Er trachtet, die Götter zu verderben, indem er ihrem Dasein die erhaltenden Kräfte entzieht. Wie ein Vorspiel zu Baldrs Tod und zur Weltvernichtung erscheint der Angriff auf Idun und Freyja.
Noch ernstlicher wird der Götterstaat gefährdet, wenn Loki den gewaltigen Beschirmer der Welt, Thor, den Riesen auszuliefern versucht. Zwar verhilft er dem Thor wieder zum Hammer, als Thrym ihn stahl; auch auf der Fahrt zu Utgardloki, seinem Doppelgänger, begleitet Loki den starken Gott ohne schlimme Absicht. Als aber Loki einmal im Falkengewand zum Riesen Geirröd geflogen war und dabei gefangen wurde, zwang ihn Geirröd, zur Lebenslösung den Thor ohne Handschuhe, Gürtel und Hammer, also machtlos in sein Gehöft zu bringen, was wirklich auch geschah. Doch endigte der Streich, wie oben erzählt wurde, zum Schaden Geirröds. Im Hymirliede sind zwei Strophen eingeschoben (37/8), wonach Loki der Arge Schuld daran war, dass einer der Böcke lahmte, weil Thjalfi gegen des Gottes Gebot den Schenkelknochen gespalten hatte, um zum Mark zu kommen.[510] Die Sage hat wol tieferen Sinn, wenn Loki, der Abkömmling der Riesen, insgeheim und hinterlistig gegen Thor, den Bezwinger der Unholde, wirkt. So ist Loki das leise schleichende, allzeit wache Verderben unter den Asen. Immer ist er zur Hand, wo sich Gelegenheit bietet, die Grundpfeiler der bestehenden Weltordnung zu unterwühlen, ein geheimer Bundesgenosse der lauernden Mächte des Verderbens, stets bereit, die Widerstandsfähigkeit der Götter abzuschwächen, damit die am Tage der Vernichtung schrankenlos hervorbrechenden teuflischen Geister umso leichteres Spiel haben. Als seine Pläne durch die Vorsicht und die Entschlossenheit der Götter durchkreuzt werden, führt er den Hauptschlag und tötet den guten Baldr. Doch diese offene Kriegserklärung zerreisst das ohnehin schon gelockerte Band, Loki wird aus der himmlischen Schar in die Hölle verstossen.
Unter Heimdall wurde erzählt, wie Loki und Heimdall um den Besitz des Halsgeschmeides der Freyja mit einander am Singasteine kämpfen. Eine ziemlich junge, erst im Ausgange des 14. Jahrhunderts aufgezeichnete Sage[511] erzählt, wie Loki das Halsband raubte: Odin sagte dem Loki alles, was er angriff, und legte ihm oft grosse Aufgaben vor, die er alle löste. Loki erfuhr alles, was geschah, und sagte es dem Odin wieder. Da hörte er einmal, Freyja habe von den Zwergen gegen ihre Gunst einen Halsschmuck bekommen, und er sagte es dem Odin. Da befahl ihm der, den Schmuck zu stehlen, und wie sehr er auch vorstellte, dass das unmöglich sei, es half nichts und Odin sagte, er dürfe nicht eher wiederkommen, als bis er den Schmuck bringe. Da ging Loki heulend fort und alle freuten sich, dass es ihm schlecht ging. Wie er nun zu Freyjas Kammer kam, war sie verschlossen und er konnte nicht hinein. Es war aber eine harte Kälte und er fror. Da ward er zur Fliege und flog um alle Riegel und in alle Ritze, aber nirgends konnte er hindurch. Endlich erspürte er ganz oben am Giebel ein Loch so gross wie ein Nadelöhr. Da hinein schlüpfte er und so kam er in das Gemach. Alles schlief und Freyja lag mit dem Schmucke am Halse auf einem Bett. Weil sie aber auf dem Schlosse lag, wandelte sich Loki in einen Floh und stach sie in die Wange. Da drehte sich Freyja um, schlief aber ruhig weiter und Loki konnte nun den Schmuck nehmen. Da schloss er das Gemach von innen auf und eilte zu Odin. Als Freyja am Morgen erwachte und das Halsband verschwunden und die Thüren offen sah, da erriet sie den Streich, ging zu Odin und verlangte zurück, was ihr gestohlen sei. Odin aber warf ihr die Weise vor, wie sie zu dem Schmucke kam und bestimmte, sie solle ihn nicht wieder erhalten, bis sie zwei Könige, deren jeder zwanzig Unterkönige habe, zum Kriege verhetze. Sie müssten fallen, aber sogleich wieder aufstehen und weiter kämpfen, und alle Gefallenen der Heere ebenso, und das müsste währen, bis ein Christ diese Männer bekämpfe. Dann sollten sie Ruhe finden. Das versprach Freyja und darauf erhielt sie ihr Halsband zurück.
Die Verbindung der Sage vom Raube des Halsbands mit der Hjadningensage ist jedenfalls jung und hat keine Gewähr in der älteren Überlieferung. Sie entstand nur dadurch, dass Freyja beschuldigt wurde, den langen Krieg erregt zu haben. Dass aber Loki das Halsband stahl, ist sagenecht; schon beim Skald Thjodolf heisst er Dieb des Brisinghalsbandes.[512] Freilich ist damit nicht bewiesen, dass alle Einzelheiten des späten Berichtes schon der ursprünglichen Sage angehörten. Wenn das Halsband richtig als Gestirn oder glänzende Lichterscheinung gedeutet wird, das der Himmelsgöttin zu eigen ist, so lässt sich mythologisch weiter erklären, dass Loki der Endiger das Licht raubt, dass Heimdall, dem überall die Frühe, der Aufgang angehört, das Geschmeide siegreich zurückbringt. Im Auftrag Odins geschah aber schwerlich dieser Diebstahl nach der ursprünglichen Überlieferung. Loki folgte mit dieser That nur seinem eigenen bösen, auf den Schaden der Götter und Abbruch ihrer Macht gerichteten Antrieb. Wie er den Diebstahl vollbrachte, erinnert wiederum stark an die Art des Teufels, der Herr der Fliegen und Flöhe ist, und nicht verschmäht, in Gestalt solchen Ungeziefers aufzutreten.[513]
Odin, Hönir und Loki fuhren über Land. An einem Wasserfall warf Loki einen Otter, der einen Lachs verzehrte, mit einem Steine tot. Wie sie bei Hreidmar einkehrten, behauptete dieser, Otr sei sein Sohn und verlangte zur Busse von den Asen, sie sollten den Otterbalg mit Gold füllen und von aussen ganz mit Gold bedecken. Loki schaffte das Gold und den Ring des Zwerges Andwari herbei. Als der Zwerg den Ring verfluchte, lobte dies Loki und fügte hinzu, der Fluch solle auf jeden Besitzer des Ringes übergehen. Als ihn Hreidmar empfing, sprach Loki, es solle sich Andwaris Wort erfüllen und der Ring jedem, der ihn besitze, Tod bringen. Dieser Fluch hat seitdem seine Kraft bewährt.[514] In dieser Sage zeigt Loki seine teuflische Freude an dem Unheil, das aus dem Fluche aufschiesst, und sucht es nach Kräften zu fördern.