ZWEITES HAUPTSTÜCK. (continued 3)
Reading edition
Odin in nordischer Sage.
In der Ynglingasaga Kap. 6 ff. schildert Snorri Odins Wesen mit folgenden Worten: Als Asa-Odin nach den Nordlanden kam und mit ihm die Diar, da wird mit Wahrheit berichtet, dass sie Künste übten und lehrten, welche die Menschen seitdem lange vollbracht haben. Odin war der vornehmste von allen und von ihm lernten sie alle Künste, weil er zuerst alle wusste und die meisten. Aber das ist zu sagen, weshalb er so gelehrt war. Dazu veranlassten diese Gründe: er war so schön und vornehm anzuschauen, wenn er bei seinen Freunden sass, dass allen das Herz darüber lachte; aber wenn er im Heer war, da schien er seinen Feinden grimmig. Und das hatte darin seinen Grund, dass er Gestalt und Aussehen wechseln konnte, wie er nur wollte. Eine andere Kunst war die, dass er beredt und glatt sprach, dass das allein allen, die es hörten, wahr däuchte. Er redete immer im Versmaasse, so wie man jetzt das spricht, was Skaldenkunst heisst. Er und seine Hofgoden heissen Liederschmiede, weil von ihnen diese Kunst in den Nordlanden ausging. Odin wusste zu bewirken, dass in Kämpfen seine Feinde blind und taub und schreckerfüllt wurden und ihre Waffen nicht mehr als blosse Gerten einschnitten; aber seine Leuten fuhren ohne Brünnen und waren wütend wie Hunde oder Wölfe, sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen das Volk, weder Feuer noch Eisen hatte ihnen etwas an. Das nennt man Berserkergang. Odin wechselte die Gestalt; da lag sein Leib wie schlafend oder tot, er aber war Vogel oder Tier, Fisch oder Wurm und fuhr im Augenblick in ferne Lande in seinen eigenen oder andrer Leute Sachen. Das auch verstand er mit blossen Worten auszurichten: Feuer zu löschen, See zu beruhigen, Wind zu wenden, wie er wollte. Odin besass ein Schiff, das Skidbladnir hiess, womit er über grosse Meere fuhr; das konnte man wie ein Tuch zusammenfalten.[336] Odin hatte das Haupt des Mimir bei sich; das sagte ihm mancherlei Kunden aus andern Welten. Aber zuweilen weckte er tote Leute aus der Erde auf oder setzte sich unter Gehängte; darum wurde er Herr der Gespenster oder Herr der Gehängten genannt. Er hatte zwei Raben, die er sprechen gelernt hatte; diese flogen weit in den Landen herum und sagten ihm viele Kunden. Von diesen Dingen wurde er sehr klug. Alle diese Künste lehrte er durch Runen und Lieder, welche Zauber (galdrar) heissen; deshalb werden die Asen Zauberschmiede (galdrarsmidir) genannt. Odin verstand die Kunst, die am meisten Kraft hat, und übte sie selbst, welche seiđr (Zauberei) heisst. Und darum vermochte er die Geschicke der Leute und ungeschehene Dinge zu wissen, den Leuten Tod, Unglück oder Krankheit zu bereiten; so auch den Leuten Verstand und Kraft zu nehmen und andern zu geben. Aber dieser Zauberei, wenn sie vollbracht wird, haftet so arges Wesen an, dass es den Männern nicht ohne Schande dünkte, damit umzugehen; und den Göttinnen wurde diese Kunst gelehrt. Odin wusste um alle Erdschätze, wo sie vorhanden waren, und er kannte solche Beschwörungen, dass sich die Erde vor ihm aufthat und Berge und Steine und Hügel, und er band mit seinen blossen Worten die, welche dabei wohnten, und ging hinein und nahm, was er wollte. Durch diese Kräfte wurde er sehr berühmt; seine Feinde fürchteten ihn, seine Freunde vertrauten ihm und bauten auf seine Kraft und auf ihn selber. Er lehrte die meisten Künste seinen Opferpriestern, diese standen ihm zunächst an Klugheit und Zauberei. Viele andere lernten manches davon und so verbreitete sich die Zauberei weit und erhielt sich lange.
Odin bestimmte für seine Lande die Gesetze, welche zuvor unter den Asen gegolten hatten. So bestimmte er, dass man alle toten Männer verbrennen sollte und mit ihrem Eigentum auf den Holzstoss bringen. Er sagte, jeder werde mit den Reichtümern nach Valhall kommen, welche er auf dem Holzstoss habe. Auch werde er das geniessen, was er selber in die Erde vergraben habe. Die Asche sollte man ins Meer hinaus tragen oder in die Erde graben. Vornehmen Männern zum Denkmal sollte man einen Hügel aufwerfen; aber allen Männern, die tapfer waren, sollte man Bautasteine aufstellen. Und diese Sitte hielt sich lange.
Odin ward in Schweden todkrank; als es zum Sterben ging, liess er sich mit der Speerspitze bezeichnen und eignete sich alle waffentote Leute zu. Er sagte, er werde nach Götterheim fahren und dort seine Freunde begrüssen. Die Schweden glaubten, dass er ins alte Asgard eingegangen sei und dort ewig leben werde. Da erhob sich von neuem Glauben und Anrufung an Odin. Oft schien es den Schweden, er zeige sich vor bevorstehenden grossen Kämpfen, da gab er dem einen Sieg, aber den andern entbot er zu sich; beide Loose dünkten gut. Odin wurde nach seinem Tode verbrannt und das Verbrennen ward sehr prächtig zubereitet. Das war ihr Glaube, je höher der Rauch in die Luft aufsteige, desto geehrter sei der, welcher verbrannt wurde, im Himmel und umso reicher, je mehr Gut mit ihm verbrenne.
Bringt man aus diesem Berichte die euhemeristische Auffassung in Abzug, so bleibt ein lebendiges Bild vom Odinglauben, wie er bei den Dichtern uns entgegentritt. Alle Haupteigenschaften Odins, seine Beziehungen zu Schlacht und Sieg, zu Gespenstern und Toten, zu Zauber und Dichtung sind richtig erkannt und aufgezählt. Für alles gewähren die Sagen reichliche Belege.
Wenn Odin in feierlicher Weise auftritt, dann erscheint er in glänzender kriegerischer Rüstung wie schon Tiuȥ und Freyr, nur dass er als Hauptwaffe nicht das Schwert, sondern den Speer führt.[337] Unter dem Goldhelm in schöner Brünne mit weissem Schilde reitet er an der Spitze der Götter und Helden zum letzten Kampf. In der Hand hält er den Speer Gungnir, ein Zwerggeschmeide mit der Eigenschaft, dass er niemals im Stosse innehält. Die Wölfe und Raben, die Tiere des Walgefildes und Sturmes, begleiten ihn. Sleipnir, der Springer, ist der beste und rascheste Hengst, er ist grau von Farbe und hat acht Füsse. Damit soll wol die grosse Geschwindigkeit angezeigt werden. Einmal heisst es von Odin, dass er behelmt mit dem Schwert in der Hand auf dem Berge stand. Auf seinen Wanderfahrten trägt Odin tiefhängenden Hut und blauen Mantel. Häufig wird seine Einäugigkeit hervorgehoben.
Draupnir, der Träufler, ist ein kostbarer Ring, der Reichtum mehrt.[338] Im Skirnirlied erscheint er in Freys Besitz. Skirnir bietet ihn der Gerd:
21 So geb ich den Ring dir, gerötet vom Feuer, In dem Odins Sohn zu Asche ward; Von ihm tropfen acht ebenso schwere Jede neunte Nacht.
Anderwärts gilt Draupnir als Eigentum Odins, dem ihn Zwerge zugleich mit dem Speer Gungnir schmiedeten. Dem Ringe eignete von Anfang an das Vermögen, sich zu vermehren. Andererseits heisst auch Baldr Besitzer des Draupnir. In der Edda wird dies so gewendet, dass Odin diesen Ring auf Baldrs Scheiterhaufen legte; daraufhin habe er erst die wunderbare Eigenschaft der Vermehrung erhalten. Baldr sandte ihn aus der Hölle an Odin zurück. Der Ring, wie immer man ihn auslegen will, als Sinnbild der Fruchtbarkeit oder der Sonne, gehörte sicherlich einst von rechtswegen Freyr oder Baldr, d. h. dem alten Himmelsgott, und ging erst von ihm auf Odin über.
Im Norden gab es drei Hauptopferzeiten: im Anfang und in der Mitte des Winters um Fruchtbarkeit und Wachstum, im Anfang des Sommers um Sieg. An den Höfen der Könige und Häuptlinge wurde jedenfalls das Siegesopfer an Odin gerichtet. Jarl Hakon, der bereits getauft war, fiel wieder zum Heidentum zurück. Auf einer Heerfahrt in Gautland stellte er ein grosses Opfer an. Da flogen zwei Raben vorbei und krächzten laut; da meinte der Jarl zu wissen, dass Odin das Opfer angenommen habe und dass nun passende Zeit zum Schlagen sei.[339] Angang eines schwarzen Raben gilt für Helden, die zum Kampfe ziehen, glückverheissend, wol weil Odin ihn sandte.[340] Beim Opfermahl des Drontheimer Jarls Sigurd wird zuerst Odins Becher um Sieg und Macht für den König getrunken, darnach Njords und Freys Becher um Fruchtbarkeit und Frieden.[341] Also wie die Angelsachsen Woden um Sieg und Heldentum opfern, geschieht es auch im Norden, dass Odin um Sieg angerufen wird. Als König Olaf der Heilige in Drontheim weilte, erfuhr er, dass die Bauern noch Trinkgelage nach heidnischem Brauch hielten; alle Minne wurde dem Thor geweiht und dem Odin und der Freyja und allen Asen.[342] In der jungen Bósasaga K. 12 wird bei der Hochzeit Thors, Odins und Freyjas Minne getrunken. In der Verwünschung werden gleichfalls Odin, Thor und Freyr angerufen.[343] Die Dreiheit Wodan, Donar, Tiu oder Freyr als dessen Vertreter scheint überhaupt uralt zu sein.
Walhall und die Walküren.
In Gladsheim, in der Welt der Wonnen ragt Odins Saal, die goldglänzende, weite Halle, Walhall.[344] Dorthin wählt der Gott täglich sich die Helden, welche den Waffentod erlitten. So war der Glaube der Heidenleute, dass alle die nach Walhall fahren sollten, die an Wunden starben. Am hohen Saal bilden Speere das Sparrengerüst, Schilde decken als Schindeln das Dach, auf die Bänke sind Brünnen gelegt. Westlich am Eingangsthor hängt ein Wolf, darüber schwebt ein Adler. Fünfhundertundvierzig Thüren hat Walhall, aus jeder mögen zugleich achthundert Streiter hervorgehen. Beleuchtet wird die Halle am Abend durch den Glanz der Schwerter. Vor Walhall steht der Hain Glasir, dessen Laub von lauterem Gold erglänzt. Ausser Walhall erhebt sich in Gladsheim Wingolf, die Halle der Göttinnen, ein treffliches und schönes Haus. Vielleicht ist darunter Folkwang, das Volksgefilde zu verstehen, wo Freyja waltet, die täglich die Hälfte der gefallenen Helden sich wählt. Nach Wingolf und Walhall werden die Einherjer gewiesen.[345] In Kampfspiel und Gelage verbringen die Helden ihre Tage. Odin selber nährt sich nur von Wein, seine Tischkost gibt er seinen Wölfen. Auf seiner Schulter sitzen zwei Raben, die ihm alle Begebenheiten, die sie sehen oder hören, ins Ohr sagen.[346] Sie heissen Hugin und Munin. Diese sendet Odin früh am Morgen aus, um durch alle Welten zu fliegen; um die Frühstückszeit kehren sie zurück. Die Einherjer aber essen vom Fleische des Ebers Saehrimnir, den der Koch Andhrimnir im Kessel Eldhrimnir siedet. Täglich wird er gesotten, aber abends ist er doch wieder heil. Sie trinken Bier, das die Walküren ihnen zutragen. Unverständlich ist die Ziege Heidrun, welche auf Walhalls Dach stehend die Triebe von den Zweigen des Baumes Laerad nagt, aus deren Zitzen Milch rinnt. Sie füllt die Krüge mit klarem Met, nimmer versiegt das Nass. Auch der Hirsch Eikthyrnir steht dort, aus dessen Hörnern es in den Höllenbrunnen Hvergelmir rinnt, woraus alle Ströme stammen. Ziege und Hirsch samt dem Baum, dessen Triebe sie benagen, sind wahrscheinlich den Tieren an der Weltesche gleichzustellen.[347] Das Gefilde von Walhall, das Reich des Todes, betritt man durch die heilige, alte Pforte Walgrind, die Totenpforte, die einen kunstvollen Verschluss hat. Um nach Walhall zu kommen, müssen die Scharen der Gefallenen einen wogenden Strom durchwaten. Die Welt des Todes ist also wie auch sonst die Unterwelt von einem Fluss umgeben. Thund, der Angeschwollene, heisst der Strom. „Odin heisst Walvater, weil alle, die auf der Walstatt fallen, seine Wunschsöhne sind. Diese nimmt er auf in Walhall und Wingolf und sie heissen dann Einherjer.“ So sagt Snorri. Es ist zweifelhaft, ob er damit eigene Gedanken oder ältere Überlieferung vorträgt. In keinem Gedichte wird das Verhältniss der Einherjer zu Odin als das von „Wunschsöhnen“ d. i. Adoptivsöhnen dargestellt.[348] Vielleicht ist der Begriff nur aus der Benennung Walvater, Vater der Erschlagenen, die also eben im Tod und durch den Tod dieses Vaters Söhne werden, entnommen. Vater meint ursprünglich Urheber, der bildliche Ausdruck wäre allzu wörtlich ausgelegt worden. Zwar wird es nicht überall als Grundsatz ausgesprochen, aber doch zweimal angedeutet, dass Walhall nur Helden, Edelingen und Freien sich aufthut.[349]
Die Walküren.
In Walhall thun die Walküren Dienst. Sie reichen den Trank herum, bringen den Einherjern Bier, haben das Tischgerät und die Bierkrüge in ihrer Obhut. Odin sendet sie aber auch in die Schlacht aus, dort wählen sie die Männer aus, die dem Tode erliegen sollen, und verleihen den Sieg. Immerfort reiten sie, Wal zu kiesen und Kämpfe zu entscheiden. Die Walküren oder Walmädahin[350], die Wählerinnen der kampftoten Helden, reiten auf ihren Rossen durch die Lüfte und übers Meer. Meist erscheinen sie geschart, zu drei, sechs, neun, zwölf. Mit Helm und Schild, in fester Brünne, mit funkensprühenden Speeren, von leuchtenden Blitzen umspielt reiten sie auf ihren Wolkenrossen dahin durch die Lüfte; schütteln sich die Rosse, so fällt von den Mähnen fruchtbarer Thau in die Thäler und Hagel ins hohe Gehölz. Die Walküren sind von leuchtender Schönheit. Der Skald Hornklofi[351], welcher ein Lied dichtete, in dem eine Walküre und ein Rabe Zwiesprache über des Königs Harald Thaten halten, nennt die Walküre eine strahlende lichthaarige Maid (mey hvíta haddbjarta). Wenn Odin nicht selber an den Kämpfen teilnimmt, dann entsendet er die Mädchen als seine Stellvertreterinnen. In ihren Namen kommt ihr Wesen zum Ausdruck. Neben gewöhnlichen kriegerischen Frauennamen wie Hild und Gud, Reginleif, Thrud stehen besondere wie Geirolul die Speerträgerin, Skogul die Hochragende, Goll die Schreierin, Hrist die Schüttelnde, Hrund die Stossende, Skeggold Beilzeit (d. h. Kriegszeit), Herfjǫtur Heerfessel (der lähmende Schrecken, der einen plötzlich befällt), Mist die im Nebel Hausende u. drgl. Auch Skuld, die Jüngste der Nornen, reiht sich den Walküren ein. Bei feierlichem Aufzug, zum Leichenbrand Baldrs ist Odin von seinen Raben und von den Walküren begleitet.[352] In Odins Mädchen vereinigen sich mehrere Gestalten, die gesondert auch sonst vorkommen: die Schicksalsfrauen, indem sie des Volkes wichtigstes Geschick, die Schlacht entscheiden, Sturmgöttinnen als Vervielfältigung der Gemahlin Odins, nach nordischem Berichte der Freyja, seelische Geister, Fylgjen, die dem Todgeweihten sichtbar werden, irdische Weiber, welche beim prächtigen Gelage in des Königs Halle den Trank herumreichen, Frauen, die in der kampfbewegten Wikingerzeit wirklich die Waffen der Männer anlegten und von deren Thaten das nordische Heldenlied erfüllt ist. Das Schildmädchen ist eine Lieblingsgestalt der nordischen Sage und leicht vermischt es sich mit Heervaters Maid, nimmt an deren göttlicher Erscheinung teil. Die Walküre, in Walhall und auf der Walstatt als Odins Dienerin, gehört somit nur der nordischen Dichtung, während die verschiedenen einzelnen Gestalten, welche in ihr zusammenflossen, nicht bloss auf die nordische Sage beschränkt sind.
Walhall, Odins Saal ist ein prächtiger, glänzender Hof, wie der Held und Dichter in höchster Vollkommenheit ihn sich ausmalt.
Zwei schöne Skaldenlieder aus der Mitte des 10. Jahrhs. zeigen überaus lebendig den Walhallglauben. König Eirik Haraldsson musste um 935 aus Norwegen weichen und gewann um 940 in England eine Herrschaft. Er fiel im Kampfe gegen den englischen König Eadmund (940–6) in blutiger Schlacht, mit ihm fünf andere Könige und eine Menge geringeren Volkes. Seine Wittwe Gunnhild liess auf seinen Tod ein prächtiges Ehrenlied dichten, wovon ein Teil erhalten ist, die Eiriksmǫ́l. Die Handlung spielt in Walhall. Odin spricht: Was sind das für Träume? Ich glaubte, vor Tage aufzustehen, um Walhall für erschlagenes Volk zu bereiten. Ich weckte die Einherjer, ich hiess sie aufstehen, um die Bänke mit Polstern zu belegen, die Bierkrüge zu scheuern, die Walküren hiess ich Wein auftragen, als ob ein König käme. Angesehener Grundherrn bin ich aus der Welt gewärtig. Darum freut sich mein Herz. Bragi sagte: Was ist das für ein Donner, als ob ein Tausend heranzöge oder eine gewaltige Menge? Alle Bankdielen erkrachen, als ob Baldr wiederkehrte in Odins Säle? Odin sprach: Thöricht redest du, kluger Bragi, obwol du manches weisst. Vor Eirik tönt es, da der Fürst zu Odins Sälen kommt. Sigmund und Sinfjotle, steht eilig auf und geht dem König entgegen. Entbietet ihm herein, wenn es Eirik ist. Seiner harre ich sicher. Sigmund sagte: Warum erwartest du Eirik lieber als andere Könige, den Fürsten in Odins Sälen? Odin antwortete: Weil er in manchen Landen das Schwert gerötet und weithin die blutige Waffe trug. Sigmund sagte: Warum nahmst du dem König den Sieg, wenn dir der Treffliche so kühn däuchte? Odin antwortete: Weil es ungewiss ist, wenn der graue Wolf zum Sitze der Götter kommt (d. h. wenn der letzte Kampf anhebt)! Sigmund sprach: Heil dir, Eirik! sei hier willkommen! betrete die Halle, du Tapferer! Das will ich dich fragen, welche Fürsten dir folgen aus dem Schwertgetöse. Eirik antwortete: Fünf Könige; ich nenne dir aller Name. Ich selbst bin der sechste.... Das zweite Lied ist zwischen 961 und 970 vom Skald Eyvind auf König Hakon den Guten, Eiriks Bruder gedichtet. Hakon war beim Volk ausserordentlich beliebt, während Eirik und seine Söhne, die nach Hakons Fall zur Herrschaft gelangten, ob ihrer Härte willen verhasst waren. Wie Hakon um 935 gegen Eirik zum König gewählt wurde, flog die Botschaft wie Feuer durch dürres Gras vom Norden bis zur Landesgrenze im Süden, die Leute von Drontheim hätten einen König genommen, der in allem dem Harald Harfagr gleiche, nur dass er die Last, welche dieser auf das Volk gelegt habe, demselben wieder abnehmen wolle. Obwol der König Versuche machte, das Christentum einzuführen, that er doch keinerlei Gewalt, bei seinem Tode neigte er eher zu den alten Heidengöttern zurück. Sein Andenken lebte in vollständig heidnischem Sinn fort gerade im Gegensatz zu den Eirikssöhnen, seinen Nachfolgern, die gewaltsam dem Heidentum entgegentraten, weshalb die erzürnten Götter Misswachs und schwere Zeit über Norwegen sandten. Aus dieser Bedrängniss schweifte die Erinnerung gerne zum guten Hakon zurück. Um 961 wurde der König Hakon in der Schlacht bei Fitjar gegen die aus England herübergekommenen Eirikssöhne auf den Tod verwundet. Von Freund und Feind wurde er betrauert und alle sagten, ein ebenso guter König werde nimmer in Norwegen erscheinen. Seine Freunde brachten seine Leiche nordwärts gen Saeheim in Nordhordaland. Dort wölbten sie einen grossen Hügel und legten den König mit allen seinen Waffen in seiner besten Kleidung hinein, aber kein anderes Gut. Sie sprachen über seinem Grab die Weihesprüche, wie die Sitte der Heidenleute war, und wiesen ihn nach Walhall. Eyvind aber machte ein Gedicht auf den Fall des Königs, die Hǫ́konarmǫ́l. Dem Skald schweben die Eiriksmǫ́l vor, die mehrfach wörtlich anklingen. Er stellt sich vor, dass der König vom Schlachtfeld nach Walhall auffuhr. Gondul und Skogul, die Walküren, entsandte der Gauten Gott, Odin, Könige zu kiesen, wer von Yngvis Stamm nach Walhall zur Gastung bei Odin fahren sollte. Sie fanden Hakon, den König unter dem Kampfbanner. Nun wird die blutige Schlacht, das Wetter Odins, das Wetter der Skogul beschrieben. Da sassen die todwunden Helden, denen die Fahrt nach Walhall bestimmt war, mit schartigen Schilden und zerschossenen Brünnen. Nicht frohgemut war die Schar. Da sprach Gondul auf den Gerschaft gestützt: Nun wächst der Götter Glück, weil die Waltenden Hakon mit einem grossen Heere zu sich heim entboten. Der König hörte, was die Walküren redeten, die herrlichen von Rosses Rücken. Sinnend erschienen sie, in Helmen waren sie, Schilde hielten sie vor sich. ‚Warum, o Skogul der Gere, teiltest du so die Schlacht? wir waren doch wert, Sieg von den Göttern zu erhalten.‘ ‚Wir walteten, dass du das Feld behieltest, aber deine Feinde flohen. Nun reiten wir zum grünen Heim der Götter, Odin zu sagen, dass der Allwaltende kommt, ihn selber zu sehen.‘ Hermod und Bragi, sprach Hroptatyr (Odin), geht entgegen dem Fürsten, weil ein König naht zur Halle hierher, der ein Kämpe dünkt. Der König sprach, vom Streite war er gekommen, ganz mit Blut bespritzt stand er da: Übel gesinnt dünkt uns Odin, wir scheuen seinen Sinn! Aller Einherjer Frieden sollst du haben, empfange Bier bei den Göttern, du Bekämpfer der Jarle, acht Brüder hast du hier drinnen, sprach Bragi. Unsre Rüstungen wollen wir selber behalten, sprach der gute König, Helm und Brünnen wol bewahren, gut ist’s bereit zu sein. Da wurde es kund, wie der König die Heiligtümer wol verschont hatte, weil den Hakon alle Ratenden und Waltenden willkommen hiessen. Zur guten Stunde wird der König geboren, der solche Gesinnung sich erwirbt; seiner Zeit wird immer im Guten gedacht werden. Entfesselt wird der Fenriswolf über den Sitz der Menschen fahren, ehe ein gleich guter König seinen verwaisten Stuhl einnimmt. Vermögen stirbt, Freunde sterben, Land und Reich verödet; seit Hakon fuhr zu den Heidengöttern, geknechtet wird dies Volk.
Aus diesem Lied erhellt, wie die Thätigkeit der Walküren gedacht wurde. Sie reiten auf Odins Befehl zu den kämpfenden Heeren. Als Schicksalslenkerinnen bestimmen sie, wem der Sieg sich neigt, wer zu Tod getroffen wird. Offenbar ist dieses ihr Walten unsichtbar. Aber dem Todgeweihten treten sie sichtbar vor Augen und reden zu ihm, gleichwie der Todverfallene die Fylgja erblickt. Dann eilen sie zurück nach Walhall, melden Odin den Vollzug des Befehles und verkünden ihm die Ankunft der Gefallenen. Dass die Walküren die Erschlagenen selber nach Walhall geleiteten oder auf ihren Rossen deren Leiber hinauftrugen, ist nirgends angedeutet.
Wie in den zwei Skaldenliedern den gefallenen Fürsten in Walhall höchste Ehren erwiesen werden, so muss Ähnliches einst auch von Helgi berichtet worden sein. Es heisst: Zum Andenken an Helgi ward ein Hügel aufgeworfen; als er nun nach Walhall kam, da bot Odin ihm an, mit ihm über alles zu walten.[353]
Auf den Glauben an Walhall und die Walküren gründen sich auch die Worte des sterbenden Ragnar Lodbrok, die freilich erst im 12. oder 13. Jahrhundert gedichtet wurden: Heim entbieten mir die Disen, welche mir aus Herjans Halle Odin sandte. Froh werde ich mit den Asen auf dem Hochsitz Bier trinken. Verflossen sind des Lebens Stunden, lachend will ich sterben.[354] Ebenso singt der sterbende Hadding: Sehen kann ich des Fjolnir Mädchen, euch hat Odin mir gesandt; gerne wollte ich nach Wingolf folgen und mit den Einherjern Bier trinken.[355]
Die Walküren boten Anlass zu ausserordentlich schönen Dichtungen, indem ihre Liebe zu Helden geschildert wurde. Am meisten ergreift die Sage, worin Odins Wunschtochter, dem Drang des fühlenden Herzens folgend, Heervaters Gebot bricht. Leider ist von dieser Dichtung nur ein kurzer Auszug erhalten. Brynhild, von Sigurd aus den Fesseln des Schlafes erlöst, erzählt, dass sie Walküre war. Zwei Könige kämpften miteinander: der eine hiess Hjalmgunnar; er war ein gewaltiger Krieger, obwol schon hoch in den Jahren, und Odin hatte ihm den Sieg versprochen. Aber der andre hiess Agnar, Audas Bruder, den niemand schirmen und schützen wollte. Brynhild fällte den Hjalmgunnar, aber Odin stach sie zur Strafe dafür mit dem Schlafdorn und bestimmte, dass sie niemals wieder in der Schlacht Sieg erkämpfen, sondern sich vermählen solle. Sie aber that das Gelübde, sich keinem Manne, der sich fürchten könne, zu verloben. Richard Wagner hat uns in der Walküre das Verlorene neu gegeben. Die Sage von Brynhild ist auch sonst lehrreich. Sie wird einmal óskmær[356], Wunschmaid genannt. Sie ist eine Erdentochter, aber von Odin zur Walküre gemacht. Es muss demnach, obwol sie sonst nicht mit der wünschenswerten Klarheit begegnet, die Vorstellung geherrscht haben, dass Odin die Schaar der Walküren durch Wunschtöchter, durch Aufnahme waffenkundiger Schildmädchen vermehrte. Ob sie in Walhall wohnten und dort gleich den andern Dienst thaten, wird nicht gesagt. Aber in der Schlacht hatten sie ebenso Odins Befehle auszuführen. Die Strafe für Ungehorsam war Verlust dieses Amtes, das wol ursprünglich an jungfräulichen Stand geknüpft war, und Vermählung, womit ihr Heldentum zu Ende geht.
In den nordischen Gedichten treffen wir auch sonst häufig solche Schildmädchen, welche auserwählte Helden im Kampfe beschirmen und aus Liebe einen Ehebund mit ihnen eingehen. Da sie Töchter irdischer Könige sind, aber auch Walküren genannt und mit übermenschlichen Zügen ausgestattet werden, darf man wol auch sie als solche Wunschtöchter Odins auffassen, wie es Brynhild war, obschon nirgends mehr eine Beziehung zu Odin und Walhall verlautet. In den Schwanmädchen des Wolundliedes, welche Wolund und seine Brüder in ihre Gewalt bringen, indem sie die Schwanhemden (álptarhamir) der Mädchen raubten, tritt die kampfsuchende, behelmte Walküre nur wenig hervor, jedenfalls ohne Einfluss auf die Handlung. Dass Walküren zugleich Schwanmädchen sind, zeigt sich auch bei Brynhild. Agnar hatte einst sie und acht Schwestern sich dienstbar gemacht, indem er ihre Schwanhemden an sich nahm (Helreiþ 7). Vielleicht wusste die Sage, dass Odin seine Wunschtöchter mit wunderbaren Eigenschaften, mit Luftrossen und Federgewand begabte, dass sie wie die göttlichen Walküren ihres Amtes walteten. Dem Helgi Hjorwardsson, der seine Jugend stumm und namenlos verbrachte, erschien Swawa, die Tochter des Königs Eylimi mit acht andern Walküren. Sie gab ihm Namen und Verstand und wies ihm ein tüchtiges Schwert. Die Walküre erweckte also den jungen Mann erst zum Bewusstsein seiner Heldenschaft. Oft schirmte sie ihn seitdem in Schlachten. Wie einst eine Riesin den Schiffen Helgis Schaden thun wollte, wehrten es die Walküren. Schliesslich vermählten sich Helgi und Swawa. Dass Swawa nach wie vor Walküre blieb, wie der Aufzeichner des Helgiliedes sagt, ist unglaublich. Dass sie aber, wie auch sonst irdische Königsfrauen, in der Not zum Schutze des Geliebten wieder zu den Waffen griff, wäre wol zu verstehen. Auch im Lied von Helgi Hundingsbani erscheint Sigrun mit den behelmten Mädchen dem Helden auf einer Seefahrt. Sie ruft seinen Schutz an. Ihr Vater Hogni will sie dem Hodbrodd vermählen. Helgi erkämpft sich selber die Braut. Wie er mit einer gewaltigen Flotte übers Meer segelte, überfiel sie ein gefährliches Unwetter. Es leuchtete in den Wolken und Blitze fuhren in die Schiffe, da sahen sie in der Luft neun Walküren reiten und erkannten Sigrun. Der Sturm legte sich alsbald. Wie der Streit entbrannte, kamen vom Himmel behelmte Jungfrauen und schirmten Helgi. Also überall wacht die Walküre über dem Geliebten und entscheidet über den Ausgang des Kampfes. Das verlorene Lied von Helgi dem Haddingenheld erzählte von der Walküre Kara, die im Kampf als Schwan über ihm schwebte. In der Schlacht wider Hromund schwang Helgi das Schwert zu hoch und verwundete die Geliebte auf den Tod. Da war das Glück von ihm genommen und er erlag dem Feind.
Saxos Erzählungen von solchen walkürenhaften Jungfrauen entsprechen genau den eben angeführten. Thorild, die Wittwe des Schwedenkönigs Hunding hasste ihre jungen Stiefsöhne Regner und Thorald, würdigte sie zum Hirtendienst herab und suchte sie in mancherlei Gefahren zu verwickeln. Da machte sich Svanhvit, die Tochter Haddings mit ihren Schwestern, die sie zum Gefolge erkoren hatte, nach Schweden auf, um den Untergang jener edlen Sprösslinge abzuwehren. Sie fand die Jünglinge, welche zur Nachtzeit die Herden hüten mussten, von mancherlei gespensterhaften Wesen umschwärmt. Regner trat zur Jungfrau und sagte, sie seien Hutknechte über die Herde des Königs. Svanhvit aber sagte: Von Königen, nicht von Knechten stammst du, das verrät mir der leuchtende Glanz deiner Augen. Sie riet den Jünglingen, eiligst von diesem unheimlichen Wege zu weichen, damit sie nicht dem nächtlichen Spuk zur Beute würden. Regner erwiderte, er fürchte keine gespenstische Macht. Vergebens suchte die Jungfrau seinen Mut wankend zu machen. Svanhvit bewunderte die Entschlossenheit des Jünglings, und indem von ihrer jungfräulichen Gestalt das Dunkel wich und ein wunderbarer Lichtglanz sich über sie verbreitete, bot sie Regnern als Brautgeschenk ein herrliches Schwert dar, mit dem er die Nachtgespenster bekämpfen könne und das er auch in Zukunft als Held würdig gebrauchen solle. Regner kämpfte nun die ganze Nacht hindurch mit diesem Schwert gegen die Ungetüme. Später wurde Regner König von Schweden und Svanhvit seine Gemahlin. Noch einmal beschützt ihn Svanhvit in einem Kriege, als der Feind die schwedischen Schiffe anzubohren versuchte. Als Regner stirbt, folgt ihm sein Weib in kurzem aus Kummer.
Svanhvit ist eine Walküre, welche die schlummernde Kraft jugendlicher Heldensöhne weckt. Ihre Erscheinung ruft den hindämmernden Jüngling auf, er empfängt von ihr das wunderbare Heldenschwert und wird mit ihr in unzertrennlicher Liebe verbunden. Auf ihren Luftrossen schwebend erweisen die Walküren ihre schützende Gegenwart gegen dämonische Wesen, die ihren Günstlingen zu schaden drohen.[357]
Im Heldenzank des ersten Liedes von Helgi dem Hundingstöter Str. 39 schilt Sinfjotli den Gudmund einen weibischen Wicht. Er sei eine Hexe gewesen, habe zum Weib verwandelt Kinder geboren, er häuft die denkbar ärgsten Schmähungen auf ihn. Da heisst es auch:
Eine Walküre warst du, widriges Scheusal, Ekel und boshaft, in Allvaters Hause; Die Einherjer mussten alle sich schlagen, Verderbliches Weib, um deinetwillen.
Nirgends sonst begegnet die hier auftauchende Vorstellung, dass die Walküren unter den Einherjern Zwist und Schlägereien veranlassten. Damit fällt ein schlimmes Licht auf die Schenkinnen in Walhall. Ob etwa nur vereinzelte Auffassung des Urhebers des Liedes oder allgemeinere Anschauung vorliegt, ist beim Mangel andrer Zeugnisse unmöglich zu entscheiden.
Geschichtliche Zeugnisse melden von germanischen Frauen, welche gewappnet in den Reihen der Männer mitkämpften.[358] Die nordischen Frauen waren besonders kampflustig. In der Wikingerzeit standen Schiffe öfters unter dem Befehl von Frauen und Mädchen, welche wie Männer gerüstet die Führerschaft übernahmen. So kamen im 10. Jahrh. nordische Schiffe von einer rotblonden Maid befehligt nach Irland. Die nordischen Sagen sind voll von solchen Schildmädchen. Am berühmtesten ist die Herwor der isländischen Sage und Alfhild bei Saxo. In der Brawallaschlacht kämpfen mehrere Schildmädchen mit. Von Alfhild wird anmutend berichtet, wie sie der Held Alf bezwingt. Da kehrt sie zur Frauentracht zurück und wird sein Weib. Man sieht im Schildmädchen, dem gar nichts Wunderbares anhaftet, eine Gestalt der Dichtung aus dem wirklichen Leben herauswachsen. Das Schildmädchen ist von der Walküre genau zu scheiden. Nur die Waffen sind beiden gemeinsam, aber nicht die Art. Die Schildmagd hüllt sich trotzig in Männergewand und verteidigt ihr Magdtum, die Walküre reitet durch die Luft und übers Meer, um den erkorenen Liebling zu grüssen und zu schirmen. Die irdische, Helden liebende Walküre, die Wunschtochter Odins, steht gleichsam in der Mitte zwischen der echten Walküre, die nur zu Odin oder Walhall gehört, die ein göttliches Wesen ist, und der Schildmagd. Wol aber mag sie aus letzterer hervorgegangen sein. Heldentum nimmt Odin in Dienst; wie die tapferen Helden, freilich erst nach dem Tode, Walvaters Wunschsöhne werden, so hebt er die Kampfjungfrau schon im Leben zur Schar seiner göttlichen Schlachtlenkerinnen. Er befreit sie aber wol vom Schenkamt und verwendet sie nur in Schlacht und Sieg, gleichwie der irdische König Gefolgsleute hat, die er nicht zu ständigem Herrendienst, sondern nur zu Kriegsdienst verpflichtet.
In der nordischen Dichtung ist Odins Saal und Reich im Himmel gedacht, was schon daraus hervorgeht, dass Walhall unter den andern Himmelsburgen aufgezählt wird. Odin hat einen Hochsitz, von dem aus er die ganze Welt übersehen kann.[359] Diesen Hochsitz, Hlidskjalf, nimmt auch Freyr im Skirnirliede ein. Hlidskjalf wird einmal allgemein nach Asgard, in die Götterwelt verlegt, einmal auch nach Walaksjalf, worunter wahrscheinlich nur ein andrer Name für Walhall zu verstehen ist. Dass der höchste Gott, und als solchen kennt den Odin ja die nordische Dichtung, im Himmel thront, muss schon an und für sich angenommen werden. So ist alles Dunkel vom Walgott genommen, er strahlt im Abglanze irdischen Prachtlebens. Als Walhall wird auch eine irdische Königsburg, die Atlis bezeichnet, weil sie an Pracht der Götterhalle nicht nachsteht, und die Dingbude eines mächtigen Häuptlings auf Island.[360]
Odin fordert Opfer.
Was in der Schlacht fällt, ist Odins Opfer. Mit Speerwurf wurde das Heer dem Gotte zugeeignet. Den ersten Weltkrieg, den zwischen Asen und Wanen, hatte Odin eröffnet, indem er seinen Speer ins Heer schleuderte.[361] Es war alter Brauch, den Speer über die Schar der Feinde zu schiessen, um sich selber das Glück zuzuwenden (til heilla sér).[362] In der Schlacht, die am Ende des 10. Jahrh. zwischen dem Schwedenkönig Eirik und seinem Neffen Styrbjorn vorfiel, weihte sich Eirik, um den Sieg zu erlangen, dem Odin und gelobte, nach zehn Jahren ihm als Opfer zu sterben. Da nahte ihm ein grosser Mann mit einem Schlapphut und gab ihm einen Rohrstengel. Den solle er übers feindliche Kriegsvolk werfen mit den Worten: Odin hat euch alle! Mit diesem Wurfe kam Blindheit über Styrbjorn und sein Heer und ein Bergsturz erschlug sie.[363]
Gissur weihte die feindliche Schlachtordnung dem Untergang mit den Worten: Erschreckt ist euer König, dem Tod verfallen euer Herzog, hinfällig eure Kriegsfahne, gram ist euch Odin. Lasse so Odin mein Geschoss fliegen, wie ich vorhersage.[364]
Dag opferte Odin um Vaterrache; da lieh Odin dem Dag seinen Speer. Im Walde traf Dag den Helgi und durchbohrte ihn; Helgi stieg zu Odins Sälen auf.[365]
In der Geschichte von Wikar ist das Opfer an Odin durch Zeichnung mit dem Speer am deutlichsten.[366] Wikar und seine Schiffsgefährten müssen wegen widrigen Windes einmal lange liegen. Da befragen sie das Loosorakel. Es ergibt sich, dass Odin einen Mann aus ihrer Schar verlangt. Das Loos trifft den König Wikar selber, wodurch alle bestürzt sind. Starkad schlägt vor, das Opfer nur andeutungsweise zu vollziehen. Er steigt unter einer Föhre auf einen hohen Block, biegt einen schwanken Ast herab und knüpft daran dünne Kalbsdärme. „Nun ist dir hier ein Galgen bereitet, König, der nicht lebensgefährlich bedünken wird.“ Wikar steigt auf den Block und legt sich die Schlinge um den Hals, Starkad nimmt einen Rohrstab, den ihm sein Pflegvater Hrossharsgrani, der verhüllte Odin in der Nacht gegeben, stösst damit nach dem König und spricht: Nun geb ich dich dem Odin! Alsbald wird der Stab zum Speer, der den König durchbohrt, der Block fällt unter seinen Füssen, die Kalbsdärme werden zum starken Weidenstrang, der Ast schnellt empor und hebt den sterbenden König ins Gezweig.
Wikar, den Odin auf so grausame Weise als Opfer zu sich nahm, war dem Gotte schon vor seiner Geburt verlobt worden. Alfrek, König in Hordaland, hatte zwei Frauen. Unter dem Namen Hott (Hut) kam Odin zu Geirhild und versprach ihr, König Alfrek werde sie allein zur Ehe haben, aber sie müsse in allen Dingen Odin anrufen. Alfrek bestimmte, die Frau zu behalten, welche das beste Bier zu brauen vermöge. Sie wetteiferten im Brauen, Signy rief Freyja an, Geirhild Odin. Dieser gab seinen Speichel statt der Gähre und verlangte als Lohn, was zwischen Geirhild und der Kufe sei (das Kind im Mutterleib). Geirhilds Bier bestand die Probe. Im selben Halbjahr ward Wikar geboren. König Alfrek sagte sein Schicksal voraus, indem er zu Geirhild sprach: Hangen seh ich an hohem Galgen dein Kind verkauft an Odin.[367]
Dass ein Kind wie Wikar Odin förmlich verlobt wird, kommt auch sonst vor. Eywind Kinnrifa war ein zauberkundiger Opferer, den König Olaf der Heilige zu bekehren trachtete. Aber weder freundliche noch harte Worte, weder Versprechungen noch Drohungen machten auf Eywind Eindruck. Da liess der König ein Becken voll glühender Kohlen auf seinen Leib setzen. Da gestand Eywind, er sei eigentlich kein rechter Mensch, sondern habe von seinen kinderlosen Eltern nur unter der Bedingung erzeugt werden können, dass er zeitlebens dem Thor und Odin diene. So sei er diesen vor der Geburt versprochen, nach der Geburt geweiht worden und habe diese Weihe später selber erneuert; so mannigfach den Göttern hingegeben, könne und wolle er ihnen nicht absagen. Damit starb er treu seinem Gelübde.[368]
Siwardus des dänischen Königs Ragnar Lodbrok Sohn wurde in einer Schlacht schwer verwundet und in einen naheliegenden Ort gebracht, um dort geheilt zu werden. Kein Heilmittel half, die Ärzte gaben ihn auf. Da kam ein alter wunderbar grosser Mann zum Bett des Kranken und versprach, er werde alsbald den Siwardus gesund machen, wenn dieser ihm das Leben aller der Männer, die er im Kampfe erlege, geben wolle. Der Fremde nannte sich Rostarus. Siwardus gelobte, das Verlangen zu erfüllen. Da legte der Alte seine Hand auf die Wunde, alsbald schwand der Brand daraus und sie vernarbte.[369]
Auch neben der Wal verlangt Odin die meisten Menschenopfer, wie folgende Sagen beweisen.
König Aun in Schweden opferte Odin um langes Leben. Odin gewährte ihm je 10 Jahre für jeden Sohn, den er ihm opfere. Indem er neun Söhne, jeden zehnten Winter einen, opferte, erkaufte der König langes Leben und ward schliesslich so alt, dass er wie ein kleines Kind zu Bett liegen musste und aus dem Horne trank.[370] Das Volk opfert sogar seinen König bei eingetretener Hungersnot, um Odin günstig zu stimmen. Unter Domaldi opferten die Schweden im ersten Herbst Ochsen, dann im zweiten einen Menschen, doch ohne Erfolg. Im dritten Jahr wurde Domaldi selber getötet und mit seinem Blut der Opferstein bestrichen.[371] Unter Olaf Trételgja entstand wieder Hungersnot, das Volk meinte, weil der König kein eifriger Opferer war. Da umringten sie sein Haus und verbrannten ihn darin und schenkten ihn dem Odin um gute Jahrzeit.[372]
Der sterbende Krieger spricht die Hoffnung aus, noch am Abend bei Odin Gast zu sein, der Sieger hofft, seinen Feind dorthin zu weisen. So sagt der todwunde Kari zu König Olaf: Lebt wol, Herr; ich werde bei Odin Gast sein.[373] Vor dem Kampf mit den Berserkern sagt Hjalmar zu Odd: Wir beide werden am Abend bei Odin gasten und jene zwölf leben. Odd erwidert: Die zwölf Berserker sollen bei Odin gasten und wir beide leben.[374] Von Rognwald, dem Ragnarsohne, der in der Schlacht fiel, sagt Aslaug, seine Mutter: Rognwald rötete den Schild im Männerblut. Als jüngster meiner Söhne fuhr er zu Odin.[375]
Helgi Olafsson hatte den Thorgrim Thormodarson im Kampfe getötet. Da sang er: Thormods kampfkühnen Erben gab ich dem Odin.[376] Obwol Odin Sieg und Glück verleiht, ruft er doch seine Lieblinge durch Waffentod zu sich. Am Ende der Laufbahn wird er ihnen gram, wie es in der Halfssage[377] heisst. Wie Half zu Asmund fährt, bei dem er den Untergang findet, sagt Innstein: Dir ist Odin gram geworden, dass du auf Asmund fest vertrautest. Der Held grollt dem Gott, obwol dieser ihn dadurch nur zu seinen Sälen lud. So spricht derselbe Innstein vor seinem Fall: Übles haben wir Odin zu lohnen, der solchen König des Siegs beraubte.
Nach dem Grimnirlied 8 und nach Snorri kommen nur die waffentoten Männer nach Walhall. Dieser Auffassung würde auch die ursprüngliche Bedeutung des Wortes, Halle der Wal, der im Kampfe Gefallenen (wal = strages, Haufe Erschlagener) entsprechen. Trotzdem weilen in Walhall Helden, die nicht den Schlachtentod starben, Sinfjotli, der an Gift zu Grunde ging, Vanlandi, den die Mara zu Tode trat, fuhr zu Odin[378], Halfdan, der an Krankheit umkam, wird zu Odin entboten[379], Ragnar, der in der Schlangengrube sein Ende findet, hofft auf Walhall.[380] Vorstellungen von der Hölle, einem allgemeinen Seelenheim und von besondern Aufenthaltsörtern der Toten, hier der gefallenen Krieger, laufen gleichzeitig neben einander her.[381]
Odin als Heldenvater.
Reich entwickelt sind die Sagen, die von Odins Wirken unter den Menschen erzählen. Nicht immer offenbart er sich im Glanze der Göttlichkeit, meistens tritt er in unscheinbarer Gestalt, als Wanderer, an seinen Günstling heran. Mit Rat und That hilft er, was er gewährt, ist meistens Sieg. Doch ist seine Gunst nicht beständig, am Ende verursacht er selber den blutigen Untergang seines einstigen Schützlings, dass dieser also eingehe in Walhalls Wonne. Wenige fügen sich dem letzten irdischen Verhängniss mit der erhabenen stillen Grösse Sigmunds, der auch darin den Gott verehrt. Dieser treulose Zug an Odin gibt Loki den bösen Vorwurf ein:
Schweige du, Odin, ungerecht teilst du Unter Kriegern des Kampfes Glück; Du gabest oft, dem du geben nicht solltest, Dem Schlechteren Sieg in der Schlacht.[382]
Odin nimmt junge Heldensöhne in eigene Pflege. Er wurde als Hrossharsgrani der Pflegevater Starkads, den Odin begünstigte, Thor verfluchte. Der Knabe hatte, drei Jahre alt, seinen Vater verloren und war Pflegekind König Haralds von Agdir. Durch Heerfahrt brachte Hrossharsgrani Starkad in seine Gewalt und erzog ihn auf der abgelegenen Insel Fenhring neun Winter lang.[383] Der achtjährige Geirröd und der zehnjährige Agnar, die Söhne Königs Hraudung, ruderten in einem Boote auf Fischfang hinaus. Da trieb sie der Wind ins weite Meer. In dunkler Nacht scheiterten sie an einer Küste, erreichten das Land und fanden einen Kleinbauern, bei welchem sie überwinterten. Die Hausfrau nahm sich Agnars an, der Bauer sorgte für Geirröd und belehrte ihn mit reicher Weisheit. Der Bauer war Odin, das Weib Frigg, die sich auf solche Weise Pfleglinge erkoren.[384]
Über dem Wolsungenstamm waltet Odin von Anfang an. Von Sigi ward gesagt, er sei ein Sohn Odins. Als Sigi wegen Todschlags friedlos wurde, geleitete ihn Odin aus dem Lande und verschaffte ihm Heerschiffe. Sigi hatte immer Sieg und eroberte sich ein Reich. Sein Sohn Rerir hatte lange keine Kinder. Da flehte er zu Odin und der sandte durch sein Wunschmädchen Hljod der Frau des Rerir einen Apfel, nach dessen Genuss sie den Wolsung gebar, der ein gewaltiger Krieger wurde und allezeit Siegesglück hatte. Der nahm auch das Wunschmädchen Hljod zur Frau, und von ihm stammte Sigmund, von diesem Sinfjotli und Sigurd. Aus Not und Bedrängniss ringt sich unter des Siegesgottes stetiger Leitung der Wolsungenstamm zu gewaltigem Heldentum empor.[385]
König Wolsung vermählte seine Tochter Signy dem Siggeir. Abends, als die Männer den Feuern entlang in der Halle sassen, die um einen Baumstamm gezimmert war, trat ein unbekannter Mann herein. Der Mann war gross, alt und einäugig. Auf dem Kopf hatte er einen breiten Hut, er war in einen fleckigen Mantel gehüllt, trug leinene Hosen und war barfuss. In der Hand hielt er ein Schwert, das stiess er bis ans Heft in den Stamm hinein. Dem sollte es gehören, der es herauszuziehen vermöchte. Dann schritt er aus der Halle und verschwand. Die Männer versuchten sich alle am Schwert, umsonst. Doch Sigmund, Wolsungs Sohn, zog es mühelos heraus. Er führte das Götterschwert seitdem in seinen Kämpfen. Als der gealterte Held gegen Lyngwi, Hundings Sohn, focht, da kam ein einäugiger Mann mit breitem Hut und blauem Mantel ihm entgegen. Er schwang den Speer gegen Sigmund, das Schwert zersprang in zwei Stücke. Da war Sigmunds Glück gewendet und er fiel.[386] Als Hjordis auf die Walstatt geht, um den schwerwunden Sigmund zu heilen, da lässt er es nicht zu. „Odin will nicht, dass ich fürder das Schwert schwinge, da es nun in Stücke brach. Ich habe gekämpft, solang es ihm gefiel. Wahre die Schwertstücke unsrem Sohn. Daraus wird ein Schwert geschmiedet werden, mit dem er Heldenthaten vollbringt. Ich aber will nun meine vorausgegangenen Blutsfreunde aufsuchen.“ Odin begabt seinen erkorenen Helden mit dem trefflichen Siegschwert, aber er nimmt selber das Glück am Ende seiner Tage von ihm. Sigmund erkennt das Walten des Gottes, der durch den Waffentod ihn zu sich ladet, nach Walhall, wo seine tapfern Ahnen weilen und seiner harren.[387]
Der Dänenkönig Harald Hildetand war von Odin begünstigt, dass kein Eisen ihn verletzen konnte. Dafür hatte er die Seelen aller von ihm Erschlagenen Odin verheissen. Vor einem Krieg gegen die Schweden erschien ihm ein grosser einäugiger Greis mit haarigem Mantel. Der nannte sich Odin, behauptete sehr kriegskundig zu sein, und lehrte ihn die keilförmige Schlachtordnung sowie auch die Anordnung eines Seetreffens. Mittelst dieser Belehrungen trug Harald den Sieg davon. Haralds Neffe, König von Schweden, war Ring. Bruni war Haralds Vertrauter und trug alle geheimen Botschaften zwischen den Königen hin und her. Einst wurde er auf einer Botschaftsreise vom Strom verschlungen. Da nahm Odin Brunis Namen und Gestalt an und wusste durch trügerische Ausrichtungen die Bande der Freundschaft und Verwandtschaft zwischen den beiden zu lösen. Sie kündigten sich schliesslich Krieg an und rüsteten sieben Jahre zur Entscheidungsschlacht auf dem Brawallafeld in Schweden. Der altersblinde König Harald stand auf einem Wagen und erhob seine Stimme, so laut er konnte, seine Schaaren anzufeuern. An seiner Statt hatte Bruni die Schlachtreihen in Keilform geordnet. Nun begann die ungeheure Schlacht, an der viele gewaltige Kämpen und Schildjungfrauen teil nahmen. Das Glück wandte sich gegen die Dänen. Der blinde Harald entnahm es aus dem traurigen Gemurmel der Seinigen. Er hiess Bruni, seinen Wagenlenker, beobachten, wie Ring sein Heer geordnet habe. Lachend erwiderte Bruni, der Feind kämpfe in Keilordnung. Bestürzt und erstaunt hierüber fragte der König, von wem Ring diese Weise der Heerschaarung erlernt habe, da doch Odin der Erfinder und Meister derselben sei und von ihm niemand, als Harald selbst, in dieser neuen Kriegskunst unterrichtet worden. Als Bruni hierauf schwieg, gemahnte es den König, derselbe sei Odin, und der ihm einst befreundete Gott habe, um ihm jetzt zu helfen oder die Hülfe zu entziehen, solche Gestalt angenommen. Da begann er ihn anzuflehen, dass er den Dänen, welchen er sonst gnädig sich erzeigt, auch diesmal den Sieg verleihen möge; auch versprach er, die Seelen der Gefallenen dem Gotte zu weihen. Bruni aber, unbewegt durch diese Bitten, warf plötzlich den König aus dem Wagen, stiess ihn zu Boden, entriss dem Fallenden die Keule und zerschmetterte ihm damit das Haupt. Da liess Ring die Schlacht aufhören. Dem gefallenen Harald veranstaltete er eine königliche Leichenfeier.[388]
In dieser Sage nimmt Odin wie bei Sigmund seinem Liebling am Ende Leben und Sieg. Um durch die gefallenen Helden die Schaar seiner Einherjer zu mehren, stiftete er selbst unter Verwandten Streit. Wem Odin Gunst gewährt, den holt er sich selber zum Opfer.
Beim Heer der Hunnen, das gegen König Frotho von Dänemark heranzieht, befindet sich Uggerus (an. Yggr) vates vir aetatis et supra humanum terminum prolixus, also deutlich der verkappte Odin. Als das Heer der Hunnen in Hungersnot gerät, verlässt es Uggerus und geht zu Frotho über, dem er die Pläne und Anschläge des Hunnenkönigs verrät. Wie in den andern Sagen zeigt sich Odin auch hier unbeständig, indem er seinen Günstling plötzlich aufgibt.[389]
Nach nordischer Sage hat Sigurd Vaterrache an den Söhnen Hundings zu vollbringen. Mit einer Flotte machte er sich auf. Ein gewaltiger Sturm überfiel sie gerade in der Nähe eines Vorgebirges. Auf dem Berge stand ein Mann, der sie anrief und Aufnahme forderte. Sie segelten ans Land, da ging der Mann an Bord und das Unwetter legte sich. Der Mann nannte sich Hnikar. Er wies Sigurd alle Vorzeichen, die für den Ausgang eines Kampfes Gutes verkünden, den Angang von Raben und Wölfen, von Recken. Den Sieg erringt, wer die Krieger keilförmig zu ordnen versteht. Hnikar war Odin, der seinem Lieblingshelden erschien und ihm den glücklichen Ausgang seines Unternehmens vorhersagte.[390] Die keilförmige Schlachtordnung lehrte Odin seine besondern Günstlinge. Die Volsungasaga weiss noch von mehr Erscheinungen Odins zu erzählen. Als alter Mann mit grossem Barte trat er zu Sigurd, als er sich ein Ross auswählte, und wies ihm Grani, der von Sleipnir stammte. Beim Kampfe mit Fafnir nahte er wieder und sagte, wie er den Wurm angreifen sollte.[391]
Als Hadding einem Gegner mit Namen Thuning, der ihn mit einer Hilfsschaar von Biarmiern bekriegen wollte, entgegenzog und mit seiner Flotte an Norwegen vorbeifuhr, sah er am Ufer einen Greis, der eifrig mit dem Gewand winkte, dass man an der Küste anfahren sollte. Hadding nahm ihn an Bord, obwol seine Gefährten nicht wollten, dass man sich damit verweile. Er empfing nun von diesem Fremdling die Anweisung zu einer neuen keilförmigen Schlachtordnung. Im Kampfe selbst stellte der Greis sich hinter die Reihen, zog aus der Tasche, die ihm vom Nacken hing, einen Bogen, der anfangs klein erschien, bald aber sich weiter ausdehnte, und legte an die Sehne zehn Pfeile zugleich, die, mit kräftigem Schuss auf die Feinde geschnellt, ebensoviel Wunden bohrten. Die Biarmier führten durch Zauberlieder ungeheure Regengüsse herbei, aber der Greis vertrieb durch Sturmgewölk den Regen. Hadding siegte und der Alte schied, indem er ihn ermahnte, glänzende Kriegszüge den ruhmlosen, ferne den nahen vorzuziehen, und ihm den Tod nicht durch Feindesgewalt, sondern durch eigene Hand weissagte.
Als König Frotho in Kriegen den Schatz seines Vaters aufgezehrt hatte und nicht wusste, wie er sein Kriegsvolk weiter erhalten sollte, da wurde er von einem herzutretenden Manne ermutigt, einen goldhütenden Wurm zu erlegen. Der Mann wies ihm die Mittel dazu. Er soll seinen Schild und seinen Leib zum Schutze gegen des Drachen Gift mit Stierhäuten bedecken. Die Schuppenhaut des Drachen trotze zwar jeder Waffe, aber am Bauch sei eine Stelle, wo das Schwert eindringen könne. Frotho fuhr auf die Insel, wo der Wurm hauste, griff ihn an, als er von der Tränke nach der Höhle zurückkehrte, und erlegte ihn auf die angegebene Weise.[392] Ähnlich berät Odin Sigurd vor dem Kampf mit Fafnir.[393]
Odins plötzliches Eingreifen rettet seine Freunde vor dem Untergang. So erzählt Saxo[394] von den „Hellespontischen“ Brüdern, welche den Tod ihrer Schwester Swavilda an Jarmericus rächen. Der Rat der Zaubrerin Gudrun schlug des Königs Krieger mit Blindheit, dass sie die Waffen gegen einander erhuben und die Hellespontier mühelos sie erschlugen. Während des Getümmels kam plötzlich Odin unter die Kämpfenden und gab den Dänen ihr Gesicht wieder. Die hiebfesten Hellespontier hiess er durch Steinwürfe töten. Die Wolsungensage[395] erzählt: Auf Hamdir und Sorli biss im Kampf kein Eisen. Da kam ein hoher, alter, einäugiger Mann und riet, man solle sie mit Steinen zu Tode werfen. Wie Odin seine Feinde mit Blindheit schlägt und verwirrt, so nimmt er solche Verwirrung von seinen Freunden, vernichtet den gegen sie geübten schädlichen Zauber und greift mit gutem Rate ein.
Als der dänische König Hrolf mit grösserem Gefolge auf der Kriegsfahrt nach Uppsala sich befindet, kommen sie zum Gehöft eines Bauern namens Hrani, der ihnen Nachtherberge anbietet. Auf Hrolfs Zweifel, ob er sie alle aufnehmen könne, entgegnet Hrani lachend: Nicht weniger Männer hab ich manchmal kommen sehen, da wo ich gewesen bin. Hrani prüft die Ausdauer der Gefährten Hrolfs durch Kälte, Durst und Feuer und rät dem König, alle, die nicht geduldig ausdauern, zurückzuschicken, so dass schliesslich Hrolf nur mit seinen zwölf Recken nach Schweden reitet. Auf der Rückkehr sprechen sie wieder bei Hrani vor. Der Bauer bietet dem König Waffen, Schild, Schwert und Brünne zum Geschenk. Hrolf will nichts annehmen, worüber Hrani sich erzürnt. Nicht bist du so weise, wie du dir däuchst, sagt Hrani. Hrolf und seine Helden reiten weiter, obwol die Nacht finster ist. Noch sind sie nicht weit gekommen, da sagt Bodwar: Zu spät besinnen sich Unkluge. So geht es mir jetzt; es ahnt mir, dass wir nicht weislich gehandelt haben, indem wir uns selbst den Sieg versagten. König Hrolf erwidert: Dasselbe ahnt mir; dieser Mann mag Odin gewesen sein, und in Wahrheit er war einäugig. Sie kehren um, aber Bauer und Hof sind verschwunden. So erzieht und kräftigt der kampfwerbende Gott die Helden und verleiht kühnen Rat. Aber wie Hrolf sein Waffengeschenk ausschlägt, entzieht er ihnen den Sieg und in der letzten Schlacht kämpft er selber im Heere der Feinde. Bodwar bemerkt, dass allerlei Gespenster gegen Hrolf und seine Helden kämpfen. „Aber Odin kann ich nicht erblicken, und doch zweifle ich nicht, dass er hier unter uns schwebt, der treulose Sohn Herjans!“ Auch nach Saxos Bericht ist Odin unter den Feinden. Bjarco erblickt ihn, als er durch die Armbeuge seiner Gattin Ruta schaut.[396]
Dem Berserker Framar hatte Odin beständigen Sieg und Unverwundbarkeit verliehen. Aber im Zweikampf mit Ketil Hæng biss dessen Schwert auf Framar ein. Sterbend sagte er: Baldrs Vater trog; auf ihn zu trauen ist kein Verlass. Also auch in dieser späten Sage kehrt der alte Vorwurf von Odins Unbeständigkeit wieder.[397]
Hord wollte den Grabhügel des Kämpen Soti erbrechen, um seine Schätze zu gewinnen. Er fuhr in einen dichten Wald, in dem der Hügel lag. Auf einer Lichtung erhub sich ein grosses, schönes Haus, davor stand ein Mann in blauem Mantel, welcher Hord begrüsste. Er nannte sich Bjorn und sagte: Ich war deinen Blutsfreunden hold, das sollst du von mir geniessen. Ich weiss, dass du Sotis Grab erbrechen willst. Wenn es euch nicht gelingt, dann komm zu mir. Hord ritt nun weiter zu Hroar und sie versuchten, den Hügel zu öffnen. Doch soviel sie gruben, am nächsten Morgen war der Hügel wieder ganz. Da ritt Hord zu Bjorn zurück. Der gab ihm ein Schwert, das solle er in die Hügelwand stossen. So glückte es auch. Nach vollbrachter That konnten sie Bjorn nimmer finden und die Leute glaubten fest, es sei Odin gewesen.[398]
Sinfjotli war an Gift, das ihm seine Stiefmutter Borghild zu trinken gab, gestorben. Sigmund trug ihn eine weite Strecke in seinen Armen und kam zu einem schmalen und langen Meerbusen; am Ufer lag ein kleines Schiff und darin war ein Mann. Der erbot sich, den Sigmund über den Meerbusen zu fahren. Als aber Sigmund die Leiche ins Bot getragen hatte, war kein Platz mehr darin. Da sagte der Mann, Sigmund möge zu Fuss um den Meerbusen herumgehen. Darauf stiess der Mann mit dem Boote ab und war sogleich verschwunden. Hier ist angespielt auf den Volksglauben, dass die Seelen auf einem Schiff ins Gebiet der Unterwelt fahren, auf die nordische Sitte, die Gestorbenen auf einem Schiffe den Wogen zu überlassen. Der Ferge wird aber Odin selber sein, der ja auch als Harbard in solcher Eigenschaft erscheint. Er nimmt so den Sinfjotli, der nach Walhall eingeht, selber in Empfang.[399]
Odin gewährt Fahrwind und Reichtümer.
Die alte Natur des Windgottes bricht bei Odin noch durch, wenn er um gute Schifffahrt angerufen wird. Hallfred thut ein Gelübde an Odin und Thor, wenn er Fahrwind aus Norwegen nach Island erhält.[400] Im Hyndlalied 3 heisst es, Odin gibt dem Seemann Fahrwind. In den Hǫ́vamǫ́l 153 sagt Odin:
Einen neunten [Zauber] kenn ich, wenn Not mir dräut, Im Meere zu schirmen mein Schiff: Den Wind beschwör ich auf wogender Flut Und singe in Schlummer die See.
Als Hnikar zu Sigurd an Bord kommt, legt sich alsbald das Unwetter. Sonst tritt aber diese Seite Odins in den nordischen Gedichten nicht weiter hervor.
Dass Odin Reichtümer spendet, erwähnt das Hyndlalied 3. Auch die Ynglingasaga K. 7 sagt, Odin habe um alle verborgenen Erdschätze gewusst und sie zu bannen verstanden. Nach späterer schwedischer Volkssage, die aber verdächtig scheint und vielleicht auf gelehrtem Wege Odin für den Teufel einsetzte, konnte man am Donnerstag Abend auf dem Kreuzweg sich in Odins Gewalt geben und empfing dann Geld von ihm. Auch wurde Odin zu Gast geladen. Er fuhr in einem grossen von Rappen gezogenen Wagen vor, nahm die zugerichtete Mahlzeit ein und liess dafür Geld zurück.[401] Aus alter Zeit liegen keine Sagen vor, welche Odin als den Spender von Reichtümern zeigen.
Odins Liebesabenteuer.
Odin hat mehrfach Liebesabenteuer erlebt, wie schon die Geschichte von Rind zeigte. Im Harbardslied rühmt er sich, wie er auf allgrüner Insel Krieger erschlug und Mädchen nachging, die ihm Wonne und Lust gewährten, wie er mit feiner Kunst Zauberweiber, Nachtreiterinnen verführte.
„Ich war ferne im Osten, mit einem Fräulein schwatzt ich, Spielte mit der Linnenweissen, verlockte sie zu heimlichem Umgang; Froh machte ich die Goldgeschmückte, und sie gönnte mir Liebesgenuss.“
Auch Riesinnen bezwingt er, Grid oder Hlodyn, die Mutter des Widar. Erscheint doch die Erdgöttin, des höchsten Gottes Gemahlin auch als Riesenweib. In den Hǫ́vomǫ́l[402] weiss Odin von seinen Liebschaften zu sagen. Der Weiber Wort traue der Mann nicht, auf rollendem Rad ward ihr Herz geschaffen, darum wohnt Wankelmut drin. Im Rohre sass Odin und harrte seiner Liebsten, Billings sonnenschöner Tochter (Rindr?), aber umsonst. Da geht er zu ihrem Hause und findet sie im Bette. Sie bestellt ihn auf den Abend, damit niemand etwas merke. Er kommt wieder voll Hoffnung, aber wehrhafte Krieger wachen, Lichter und Fackeln verscheuchen ihn. Noch einmal naht er gegen Morgen. Da liegt eine Hündin an der Holden Stelle im Bett fest gebunden.
„Manch prächtige Maid, prüfst du sie näher, Zeigt den Werbenden Wankelmut; Erfahren hab ich’s, als verführen ich wollte Die listige Jungfrau zur Lust; Kränkenden Lohn that die Kluge mir an, Und nichts genoss ich von ihr.“
Die Macht kluger und weiser Rede zeigt Odin an der Gunnlodgeschichte, wie er den herrlichen Trank Odrerir gewann. Er suchte den Riesen Suttung auf, verkappt als Bǫlverk (Unheilwirker), und gewann ihn durch wolgesetzte Rede. Auf goldenem Stuhl gab ihm Gunnlod, des Riesen Tochter und Odrerirs Hüterin, den Trank des herrlichen Metes. Aber üblen Lohn erntete sie für ihre Güte. Bahn schaffen liess Odin des Bohrers Mund und das Gestein durchdringen. Rings um ihn ragten der Riesen Pfade (d. h. als Schlange schlüpfte er durchs Gestein, das durchbohrt war), so wagte er Leben und Leib. So stieg Odrerir hinauf aus der Berge Tiefe nach Walhall. Tags darauf kamen die Riesen gen Asgard und forschten nach Bolwerk. Einen Meineid schwur Odin; um den Met trog er Suttung und versenkte Gunnlod in Gram. Der Bericht der Edda weicht mehrfach ab. Bolwerk, der zuerst beim Riesen Baugi, Suttungs Bruder, sich als Knecht verdingt hatte, verlangt als Lohn einen Trunk Metes. Baugi bohrte durch den Berg, Odin schlüpfte als Schlange hinein, drei Nächte ruhte er bei Gunnlod; da erlaubte sie ihm drei Trünke vom Met, zu dessen Hut sie gesetzt war. Odin leerte damit den Kessel Odrerir und die Becher Son und Bodn, worin der Met aufbewahrt wurde. Dann entflog er in Adlergestalt, verfolgt von Suttung, der ebenfalls als Ar ihm nacheilte. In Asgard spie Odin den Met in Gefässe, dass er so aufbewahrt werde. Einiges hatte er aber nach hinten entsandt, wie Suttung ihm zu nahe gekommen war. Das ist der Dichterlinge Teil. Suttungs Met aber gab Odin den Asen und den Menschen, welche dichten können. Hier also handelt Odin trugvoll an einem liebenden Weib, während Billings Maid ihn gefoppt hatte.
In den Liebschaften Odins tieferen mythischen Sinn zu erblicken, ist nicht gerechtfertigt. Sie zeigen nur den genussfrohen, lebensheitern Edeling, den Krieger und Dichter, der keine Gelegenheit vorbei lässt, sich Liebesfreuden zu verschaffen, den höfischen Weltmann, der sich auf Frauenherzen versteht. Äusseren Anlass, Odin mit Riesinnen in Verkehr zu bringen, gab vielleicht die Vielnamigkeit der Erdgöttin. Wenn Freyja Odins Buhle heisst, wenn Freyja dem verlorenen Odr nachzieht, darf an Wode erinnert werden, der Frauen jagt. Aber keine bedeutungsvolle Sage erwuchs im Norden aus dieser Vorstellung.
Odin, der Gott der Weisheit.
Odin erschien bisher als der Erwecker und Förderer des Heldentums. In den folgenden Sagen tritt Odins geistiges Wesen hervor, das er immer wieder aufs neue offenbart. Die sogenannte Edda enthält ein umfangreiches Lehrgedicht, die Sprüche Hars, des Hohen genannt.[403] Im ersten Teil tritt ein Wanderer ein und fordert Gastrecht, zum Dank eröffnet er den reichen Schatz seiner Lebensweisheit, Betrachtungen über das Verhalten in den verschiedensten Lagen des Alltagslebens; im zweiten Teil zeigt der Sprecher den Nutzen kluger, wenn auch falscher Rede an einem Liebeserlebniss; im dritten Teil berichtet er, wie er durch listige Worte in den Besitz des kostbaren Dichtermetes gelangte; im vierten Teil folgen einige praktische Ratschläge; im fünften Teil wird der Ursprung von Odins Runenweisheit erzählt, im sechsten werden die kräftigen Zaubersprüche, deren er sich rühmt, genannt. Um 900 entstanden die Lieder in Norwegen. Sie enthalten die Gesamtheit des gehrenswerten Wissens, das Odin besitzt und lehrt. Odin also ist der Urquell aller menschlichen Weisheit. Dreierlei Weisheit wird hervorgehoben, allgemeine Lebensklugheit, dichterische Begabung, Zauberei. Darin ist Odin Meister. Zur Dichterweisheit gehört nach der Auffassung der Skalden nicht bloss das Vermögen kunstvoll gesetzter Rede, worin ja Odin so erfahren ist, dass er nach der Ynglingasaga überhaupt nur im Versmaasse zu sprechen pflegte, sondern ausgedehnte Kenntniss der Götter- und Heldensage, mythologische Wissenschaft, und darin muss Odin natürlich als Gott alle Menschen weit übertreffen. Was die Hǫ́vamǫ́l im allgemeinen Odin zuteilen, zeigen in besonderen Fällen viele Sagen, in denen der Gott fast immer verhüllt als Wanderer erscheint.
Odin ist Vater des Zaubers.[404] Seinen Beschwörungen und Liedern wird umfassende Wirkung beigemessen. Er ist eines Zaubers, „Hilfe“ genannt, mächtig, der in allen Anliegen, Kümmernissen und Schmerzen zu helfen vermag. Im besondern weiss er Lieder, ärztlich zu heilen, Feindeswaffen stumpf zu machen, Fesseln zu sprengen, Geschoss im Fluge zu hemmen, dem Runenzauber des Feindes zu begegnen, Flamme zu löschen, Hass unter Männern zu versöhnen, Wind und Woge zu sänftigen, Hexen auf dem Luftritt zu verwirren, Krieger frisch und heil zur und aus der Schlacht zu führen, Gehängte zum Leben oder Reden zu erwecken, Krieger gegen Waffen fest zu machen, Frauenliebe zu gewinnen. Liebeszauber übte Odin, um die widerspenstige Rind gefügig zu machen.[405] Im Lied von Baldrs Träumen übt Odin Totenzauber. Schlimme Träume plagten Baldr. Da ritt Odin auf Kundschaft ins Reich der Hölle. Am östlichen Eingang wusste er einer Wolwa Grab. Er sang den Leichenzauber, der sie hervorzwang, dass sie, die Tote, Rede stand. Vom Schnee beschneit, vom Regen beschlagen, vom Thau beträufelt tauchte sie aus der Tiefe empor. Wegtam, Wanderer, nannte sich Odin. Auf sein Fragen erfuhr er, dass Hel zu Baldrs Empfang gerüstet sei. Das Gedicht schliesst damit, dass die Wolwa Odin erkennt und ihn auffordert, heim zu reiten. Kein andrer wird sie mehr besuchen vor dem Weltende. Schön ist der Glaube an Odins forschende Wanderungsfahrt in die Vorstellung vom bangen Sorgen der Götter vor drohendem Untergang hineinverwoben.
Rune bedeutet zunächst Raunen, Geflüster, heimliche Rede, dann Geheimniss jeder Art, in Lehre, Zauberei, Lied, Sinnbild, Buchstaben. Insbesondere ist bei den Skalden Kunstgeheimniss der Dichtersprache mit Rune gemeint, d. h. die bildliche Umschreibung, welche einfache Begriffe in Geheimnissen, die nur der Eingeweihte errät, verbirgt. Um solche Umschreibungen zu bilden, bedarf es eingehender mythologischer und sagengeschichtlicher Kenntnisse. Solche Sinnrunen (hugrúnar) hat Odin selber erdacht[406], wie überhaupt alle Runenweisheit von ihm ausgeht. Tiefsinnige Heimlichkeiten zu ergründen und auszulegen, aber auch klugsinnig solche Rätsel zu schaffen und aufzugeben, ist Beruf des Dichters. In höchster Vollkommenheit wohnt solche Fähigkeit Odin inne, worüber mancherlei Sagen umliefen.
Im Grimnirliede[407] begibt sich Odin in einen Mantel gehüllt unter dem Namen Grimnir zu König Geirröd, um seine Gastfreundschaft zu versuchen. Aber der König liess den unbekannten Fremdling, der nähere Auskunft verweigerte, foltern und zwischen zwei Feuer setzen, um ihn zum Reden zu bringen. So sass er acht Nächte, ohne dass jemand um ihn sich kümmerte. Nur Agnar, Geirröds zehnjähriger Sohn, trat mit einem Trinkhorn zu Grimnir, ihn zu laben. Schon war ihm die Lohe so nahe gekommen, dass der Mantel zu brennen anfing. Zum Danke hebt Grimnir an, die Herrlichkeit Odins und Walhalls zu verkünden. Er zählt alle Namen Odins auf, unter denen er sich den Menschen offenbarte. Zuletzt spricht er zu Geirröd und versagt ihm, seinem einstigen Günstling, Odins Hilfe und Huld. „Dein Ende sehe ich, Yggr wird besitzen den vom Schwert getroffenen Toten. Jetzt kannst du Odin schauen!“ Da sprang Geirröd auf, um Odin vom Feuer wegzuführen. Da glitt sein Schwert aus der Scheide, er strauchelte und fiel sich darin zu Tode.
Als Gangrad, Wanderer, kehrte Odin beim Riesen Wafthrudnir ein, um ihn auszuforschen, ob der weiseste Riese dem Wissen des Gottes gewachsen sei.[408] Wafthrudnir richtete zunächst einige Fragen an den Wanderer, der bescheiden auf dem Estrich harrte. Als er sein Wissen bewährte, lud er ihn in den Saal zur Bank; dort sollten sie zusammen reden und das Haupt zum Pfande der Wissenswette setzen. Nun hub der Wanderer zu fragen an. Auf alle Fragen, welche den elementaren Weltursprung und die Zeit des Untergangs und der Neugeburt betreffen, that der weise Riese Bescheid. Wie aber der Wanderer forschte, was Odin dem toten Baldr ins Ohr raunte, bevor man ihn auf den Holzstoss hob, da erkannte Wafthrudnir, wer ihm gegenübersass, dass er mit todgeweihtem Munde sprach.
„Mit Odin wagt ichs, mich an Einsicht zu messen; Das weiseste Wesen bleibst du.“
Seine geistige Überlegenheit über des Riesen Weisheit bethätigt Odin darin, dass er das Wettgespräch so klug wendet, dass es zu seinen Gunsten ausgehen muss.
Besondere Beachtung verdienen die Sagen, in welchen Odin unter dem Namen Gest die Hallen der Könige besucht und den ihm innewohnenden Sagenhort offenbart.[409] König Heidrek hatte gelobt, alle, die sich wider ihn vergingen, zu begnadigen, wenn sie ihm ein Rätsel vorlegen könnten, das er nicht zu erraten wisse. Nun beging Gest der Blinde, ein reicher und mächtiger Mann, einen Frevel gegen den König, indem er ihm die Schatzung vorenthielt. Als Heidrek ihn vorlud, opferte Gest dem Odin, dass er ihm aus der Bedrängniss helfe. Da nahm Odin Gests Gestalt an und trat vor den König. Er legte ihm viele Rätsel vor, die Heidrek alle löste. Endlich fragte Gest, was Odin Baldr ins Ohr raunte, ehe er auf den Holzstoss gehoben wurde. Da erkannte Heidrek den Frager und hieb mit dem Schwert nach ihm. Odin aber schwang sich als Falke davon. Ebenso spricht Odin bei den bekehrungseifrigen christlichen Norwegkönigen vor. So verschiedenartig die Berichte im einzelnen auch sind, die Grundlage bleibt überall dieselbe. Als Olaf Tryggvason einst zur Osterzeit beim Gastgebot auf Ogvaldsnes sich befand, kam dahin eines Abends ein alter, einäugiger Mann mit herabhängendem Hute; dieser Mann wusste von allen Ländern zu sagen und gab Bescheid auf alle Fragen des Königs, der an seinen Reden grosses Ergötzen fand und lang in den Abend sitzen blieb. Er erzählte von König Ogvald, der in der Nähe im Hügel bestattet liege. Noch vieles andre sagte er von Königen und alten Kunden. Als der König schon im Bette lag, musste der Gast noch erzählen, bis der Bischof zum Schlafen mahnte. Wie der König erwachte, verlangte er nach dem Manne, aber er war nicht mehr zu finden. Den Köchen hatte er Fleisch gegeben, das sie für Olaf zubereiten sollten. Der König aber befahl, den Vorrat wegzuschaffen und sagte, das werde kein andrer Mann gewesen sein als Odin. Es solle ihm aber keineswegs gelingen, ihn zu betrügen. Olaf der Heilige befand sich beim Gastmahl in Wik, da trat vor ihn grüssend ein unbekannter Mann, der um seinen Namen befragt sich Gest nannte und beim Hofgefolge verweilen zu dürfen bat. Er trug kurzen Rock und über das Antlitz hängenden Hut, war blödsichtig und gebartet. Der König machte wenig aus dem Ankömmling, wies ihm den Sitz abseits der Gäste an und hiess die Leute wenig mit ihm verkehren. Abends aber berief er ihn vor sein Bett und fragte, was er von Kurzweil verstehe. Da ward unter ihnen vieles von den Königen der Vorzeit und ihren Thaten gesprochen. Auf Gests Frage, welcher von den alten Königen Olaf am liebsten gewesen sein möchte, gab dieser zur Antwort, ein Heide möchte er überall nicht sein, doch am liebsten noch Hrolf Krakis fürstliche Milde haben, unbeschadet des Festhaltens am Christenglauben. Gest sprach weiter: Warum wolltest du nicht sein wie der König, der Sieg hatte wider jeden, mit dem er Streit führte, dem an Schönheit und Fertigkeit keiner in Nordlanden gleich kam, der ebenso andern wie sich selbst in Kämpfen den Sieg zu geben vermochte und dem die Dichtkunst zu Gebot stand, wie andern Männern die blosse Rede? Der König erhob sich da, griff nach dem Messbuch und wollte damit nach Gests Haupt schlagen. Du, sprach er, der schlimme Odin möchte ich zuletzt sein. Gest aber fuhr wieder dahin, woher er gekommen war, und der König lobte Gott, dass dieser unreine Geist, der in Gestalt des schlimmen Odins erschienen war, keine Trugrede vorzubringen vermochte, die irgend einen Schatten auf die glänzende Blume seines heiligen Glaubens geworfen hätte. Ein anderer grosser, unbekannter Mann, der bei Olaf dem Heiligen zu Sarpsborg Aufnahme begehrt, nennt sich Toki, Sohn Tokis, des Sohnes Tokis des Alten. Noch im Alter sieht man ihm an, dass er an Wuchs und Schönheit ein stattlicher Mann gewesen. Sein Benehmen ist gefällig, er weiss über alles Bescheid und der König, der ihm einen Ehrensitz angewiesen, ergötzt sich sehr an seinen Reden. Er erzählt, wie er bei den Königen Half und Hrolf Kraki geweilt und die Stärke ihrer Recken erprobt habe. Toki erklärt, primsignet (d. h. mit dem Kreuze bezeichnet), doch nicht getauft zu sein. Er sei hergekommen, um getauft zu werden. Er verscheidet hernach in weissem Taufgewand. Hieran reiht sich endlich auf Olaf Tryggvason bezogen die Sage von Nornagest. In Drontheim kommt einmal bei Tagesneige zum König Olaf ein grosser bejahrter Mann, der auf sein Befragen angibt, er heisse Gest. Gast sollst du hier sein, spricht der König, wie du heissen magst. Gest meldet von sich, er stamme aus Dänemark, er sei primsignet, nicht getauft, seine Kunst sei, die Harfe zu spielen oder Sagen zu erzählen zum Ergötzen der Leute. Seine Kunst bethätigt er, indem er die Sage von Sigurd, in dessen Gefolge er geweilt habe, vorträgt. Dann erzählt er noch, warum er Nornagest genannt sei. Drei Nornen traten an seine Wiege, während über ihm zwei Kerzen brannten. Zwei sagten ihm Glück voraus, die dritte aber rief zürnend: Ich schaffe dem Knaben, dass er nicht länger leben soll, als die Kerze, die neben ihm angezündet ist. Sofort wurde die Kerze ausgelöscht und soll erst an Nornagests Todestage wieder entzündet werden. Nornagest verlangt von Olaf Taufe und Aufnahme unter sein Gefolge, was ihm zu Teil wird. Eines Tages zündet er das Licht an, lässt sich ölen und stirbt, als die Kerze niedergebrannt ist.
Ihren vollen Nachdruck behauptet diese mehrgestaltige Gestsage nur in denjenigen Darstellungen, nach welchen der alte Odin selbst herantritt und nicht in einen menschlichen, wenn auch mit wunderbarem Geschick ausgestatteten Wanderer umgewandelt ist. Gast war Odin oft, wenn er als Wanderer Einkehr hielt. Wafthrudnir(19) redet ihn als Gast (gestr) an. Die Begriffe „Wanderer“ und „Gast“ nahmen bei Odin besondere Bedeutung an und erhielten den Rang von Namen des Gottes. Sehr schön ist Odins Einkehr bei den christlichen Königen, die sich von der Erinnerung ans alte Heldentum und seine Sagen nicht lossagen können. Das unwiderstehliche Hinneigen zu des Gastes Reden, die plötzliche, meist durch bischöflichen Zuspruch erregte Entrüstung, mit der Olaf der Heilige dem Gest das Messbuch an den Kopf wirft, zeugen dafür. Weniger glücklich ist der Gedanke, den sagenkundigen Gast in Taufkleidern sterben zu lassen. Da nimmt es sich für Odin doch besser aus, wenn er als übler Geist erscheint. In den Gestsagen gehen noch einmal die berühmtesten der alten Helden, Hrolf Kraki mit seinen Kämpen, Half und seine Recken, Starkad, die Wolsungen, Ragnars Söhne im Zauberspiegel vor der Seele der „gekristneten“ Nordlandskönige vorüber; noch einmal hält Odin selber das Heldentum seiner Lieblinge einer neuen Zeit gegenüber, dann verschwindet der Heldenvater Odin als ein unheimlicher Nachtgeist. Dass er den Königshof besucht, hat guten Sinn. Denn dort wurde er im Heidentum am meisten geehrt.
Anders als Odins Einzelwanderungen auf Erden sind seine Fahrten mit Loki (Lodur) und Hönir aufzufassen.[410] Diese wandernde Götterdreiheit unterliegt dem Verdachte, antikem Vorbild, den wandernden Göttern Juppiter, Neptun, Merkur nachgeahmt zu sein. In der Vǫlospǫ́ ist ausserdem Anlehnung an die den Menschen erschaffende christliche Dreieinigkeit unverkennbar. In den Sagen, welche so eingeleitet sind, Iduns Raub und Andwaris Ring, spielt Odin auch gar keine besondere Rolle, sondern Loki ist der Handelnde.
Odin, dem Hort aller Weisheit, der den zur Dichtkunst begeisternden Trank erwarb, verdankt auch jeder einzelne die geistige Begabung. Nach dem Hyndlaliede (3) gibt Odin den Männern Beredtheit und Verstand, den Skalden Liedeskunst. Odins Gabe heisst schon bei den Skalden die Dichtkunst[411]; als Träger des Odinsmetes bezeichnet sich der Skald. Starkad, der in seiner Jugend von Thor mit feindlichen, von Odin mit günstigen Geschicken bedacht wurde, erhält von Odin zum tapfern Geist die Liederkunst, dass er ebenso fertig dichten als reden könne.[412] Dasselbe wird von der Ynglingasaga (Kap. 6) an Odin gerühmt, der also einen Teil seines eigenen Wesens auf seinen Günstling überträgt.
Wie Odin sein Wissen gewann.
Odin hat sein Wissen nicht von Uranfang eingeboren, vielmehr erworben. Mehrfache Sagen erzählen, wie er zur Weisheit kam, wie er von weisen Wesen erfragte, was ihm Not that. Übermenschliches Wissen schreibt der Volksglaube der Geisterwelt zu, Seelen, Elben und Riesen. Odin verschmäht es nicht, in besonderen Fällen von diesen Rat zu holen; wie der menschliche Zauberer sie zu bestimmten Zwecken sich dienstbar macht, so handelt auch der Gott. Die Wolwa sang er aus dem Grabe auf, dass sie ihm Zukünftiges melde. Von Wassergeistern, die für die weisesten gelten, von Riesen, an denen urzeitliches Wissen haftet, erkundet Odin, was ihm frommt. Der überlegene Geist eignet sich das in der Natur gebotene Wissen forschend an, er belebt so den tot und unbenutzt lagernden Weisheitshort. Darin ruht der Grundgedanke der Sagen, wie Odin Weisheit gewann. Doch mögen auch allerlei andere mythische Bestandteile eingemischt sein; klügelnder Verstand des Skalden, nicht reine und ursprüngliche dichterische Empfindung hat die hieher gehörigen Vorstellungen ausgebaut.
Sökkvabek (Sinkebach, Sturzbach) heisst der Saal, wo kühle Wogen drüber hinrauschen. Dort trinken Odin und Saga alle Tage aus goldenen Geschirren.[413] Snorri zählt Saga als die zweite der Asinnen auf, die im Range also gleich auf Frigg folgt. Da letzterer Fensalir, die geräumigen Meeressäle zugewiesen sind, also beide in der Wassertiefe hausen, ist vielleicht Saga nur ein andrer Name der Frigg; die Überlieferung hebt freilich die Gemeinschaft beider auf. Auch ist der Wohnsitz beider nicht völlig gleich, denn Sökkvabek deutet auf einen Wasserfall, Fensalir auf den Meeresgrund. Da die Sonne für Norweger und Isländer im Meer zu Rast geht, Odin und Frigg aber Himmelsgottheiten sind, verlegte die mythologische Anschauung ihren Sitz auch ins Meer. Ins Meer stieg Odin hinab zur Gattin, die er in vielen Dingen zu Rate zog. Bei Saga spielt aber noch eine andere Vorstellung herein. Sie scheint ursprünglich die Wasserelbin, die im Sturzbach wohnt. Aus Quellen und Stromwirbeln wurde seit Alters Weissagung geschöpft, oft auch erschien Alb oder Albin, um Kunde zu gewähren. So kann Odins Zusammensein mit Saga auf des Gottes Verkehr mit einer Bachnixe zurückzuführen sein, die er, sei es um Weisheit zu trinken, sei es um der Liebe zu pflegen, besucht.
Muss es bei Saga zweifelhaft scheinen, was Odin bei ihr holt, so spricht die Sage von Mimir[414] umso deutlicher, dass Odin nach seinem weisen Rat verlangt. Die Wolwa sagt zu Odin, sie wisse sein Auge im weitberühmten Quell des Mimir verborgen. Allmorgenlich trinkt Mimir aus Walvaters Pfand. Ein Strom ergiesst sich mit schäumendem Sturze aus Walvaters Pfand. Snorri erklärt das verpfändete Auge Odins damit, dass der Gott zu Mimirs Brunnen trat, worin Weisheit und Verstand verborgen war. Odin verlangte einen Trunk, erhielt ihn aber nicht früher, als bis er sein eines Auge zum Pfande setzte. Das Auge des Gottes barg nun Mimir in seinem Quell. Später sagt die Seherin, Odin raunt mit Mimirs Haupt, womit vielleicht auf die in der Ynglingasaga erhaltene Erzählung angespielt wird. Beim Friedensschluss zwischen Asen und Wanen tauschten sie Geiseln. Die Asen entsandten Hönir und gaben ihm den weisen Mimir zum Begleiter. Diesem schlugen jedoch die Wanen das Haupt ab und schickten es an die Asen zurück. Odin salbte das Haupt so ein, dass es nicht verfaulen konnte, und sprach Beschwörungen darüber, dass das Haupt ihm Rede stand und verborgene Dinge kund that. Weiter wird von dem Ursprung der Denkrunen gesagt, sie habe Hropt (Odin) erdacht, geritzt und ersonnen aus dem Trank (d. h. von ihm begeistert), der aus dem Schädel Heiddraupnirs und aus dem Horne Hoddrofnirs fliesst. Heid-draupnir, Klarheit oder Gold träufelnd, Hodd-rofnir, Hort-brecher (d. h. Verteiler des Reichtums) sind vermutlich Beinamen Mimirs, der auch Hodd-Mimir, Hort-Mimir, der reiche Mimir heisst. Auf dem Berge stand Odin mit Schwert und Helm, da murmelte Mimirs Haupt weise das erste Wort und sprach wahre Worte. Endlich wird Mimameid, Baum des Mimi genannt. Kein Mensch weiss, aus welchen Wurzeln er wuchs. Wenige ahnen, was ihn zu fällen vermag; Feuer und Eisen thuts nicht. In Hoddmimirs Gehölz verbirgt sich beim Weltuntergang das Menschenpaar, von dem in der neuen Welt ein neues Geschlecht ausgeht. Offenbar ist mit diesem wunderbaren Baum die Weltesche, die sonst Yggdrasil heisst, gemeint. Die verstreuten Züge geben vereinigt dieses Bild: Aus den Wurzeln der Weltesche entspringt der Quell des weisen Mimir oder Mimi, dort birgt der Mimirquell sein Haupt. Der Ursprung der Quelle, wie Ortsnamen Brunnhaupt, Bachhaupt, Seeshaupt, Salhaupt (des Baches Sal) u. ä. zeigen, wird ihr Haupt genannt. Nach dem urweisen Wassergeist heisst der Baum auch Mimameid. Mimir (urgerm. *Mimiaz) oder Mimi (urgerm. *Mimiō), der Denkende, war ein allen Germanen bekannter Geist der Gewässer, der Beherrscher der Gewässer, die seine Söhne heissen (Vǫl. 46), dessen Sitz im Schatten der Wälder unter heiligen Bäumen gedacht wurde. Ihm eignete tiefes, unergründliches Wissen. Auf besondere Weise ist die Sage im Norden entwickelt und mit Odin und dem Weltbaum verknüpft worden. Ob man Odins Einäugigkeit auf die Sonne deuten darf, scheint zweifelhaft. Aber vorerst ist keine bessere Erklärung gefunden. Dichterische Bildersprache mag die Sonne als das Auge des Himmelsgottes bezeichnen, wie die Sonne das Auge des Zeus ist. Ihr Spiegelbild im Gewässer ist das andre Auge, das der Gott, um Weisheit zu erholen, in den tiefen Quellengrund hinabsenkte. In ständigem Verkehr stehen Sonne und Wasser, die Sonne zieht Wasser, das Wasser nimmt ihr Bild zum Pfand. So mag zur Not das Verhältniss zwischen Odin und Mimir gedeutet werden. Auch das Versinken der Sonne im Meer könnte den Mythus veranlasst haben. Liegt die Sonne im Quellengrunde, in Mimirs tiefem Brunnen, aus dem alle Gewässer ihren Ursprung haben, dann mag auch dadurch die Vorstellung, dass ein Strom aus Odins Pfande fliesst, erklärt werden. Die Sage von Odin und Mimir ist schwerlich sehr alt, sie ist allzu geistig und weist auf bewusst schaffende, kunstreiche dichterische Erfindung. „Mimirs Haupt“, Quellursprung, wurde später missverstanden, wörtlich genommen. Dazu mag auch mitgewirkt haben, dass Mimir an den Fuss des Weltbaumes verlegt worden war. Der Weltbaum ist aber der Kreuzesbaum und unmöglich aus dem nordischen oder gar germanischen Heidentum allein zu deuten. Der Kreuzesbaum steht, wie noch zahlreiche Krucifixe erkennen lassen, auf Adams Schädel, auf einem Menschenhaupt. Geheimnissvolle Beziehung webt vom Grunde zum Stamm hinauf, von Adam zu Christus. An der Weltesche hängt Odin, wie Christus am Kreuzesbaum. So steigt die Sage von Odin und Mimir aus ihren einfachen, volkstümlichen, germanischen Anfängen in geheimnissvolles Dunkel, in kühne Phantasien auf, deren Entstehung in eine bereits von christlichen Einwirkungen erfüllte Zeit fällt.
Odin erzählt in den Hǫ́vamǫ́l:
138 Ich weiss, dass ich hing am windbewegten Baum Neun Nächte hindurch, Verwundet vom Speer, geweiht dem Odin, Ich selber mir selbst, An dem mächtigen Baum, von dem Menschen nicht wissen, Aus welchen Wurzeln er wuchs. 139 Man bot mir kein Horn noch Brot zur Labung, Nach unten spähte mein Auge, Ächzend hob ich, hob aufwärts die Runen, Zu Boden fiel ich alsbald. 140 Bestlas Bruder, des Bolthorn Sohn, Lehrte mich wirksamer Weisen neun, Und den Trank erlangt ich des trefflichen Metes, Aus Odrerirs Inhalt geschöpft. 141 Zu gedeihn begann ich und bedacht zu werden, Ich wuchs und fühlte mich wol; Ein Wort fand mir das andere Wort, Ein Werk das andere Werk.
Die Deutung dieser Strophen ist überaus schwierig. Zunächst muss man erkunden, welche Vorstellung ihnen zu Grunde liegt, ob die Reihenfolge ursprünglich oder zufällig ist, ob Einschaltungen (etwa 140) anzunehmen sind, ob wirklicher alter Zusammenhang der Strophen und damit auch der darin berührten Ereignisse herrscht, oder ob sie aus verschiedenen unabhängigen Gedichten zusammengestellt sind. Es wird nie gelingen, über diese verhältnissmässig leichten und einfachen Grundfragen Gewissheit zu erhalten, noch weniger natürlich über den Ursprung der seltsamen Sage. Wer die Strophen als ein Ganzes betrachtet, kann etwa diese Deutung versuchen: Odin wird aus unbekannten Gründen am windumrauschten Baum aufgehängt. Ohne Labung hängt er dort und späht in die Tiefe. Ächzend erhält er Runenzauber, der ihn erlöst, dass er herabfällt. Bolthorns Sohn verleiht ihm kräftigen Zauber und erlabt ihn aus Odrerir. Darauf wächst und gedeiht er. Bolthorns Sohn weilt offenbar am Fusse des Baumes, der sicherlich die Weltesche ist. Dort fanden wir Mimir, also ist der sonst nirgends erwähnte Sohn Bolthorns, des Grossvaters Odins, mit Mimir gleichzusetzen, welcher Odins Oheim mütterlicherseits wäre. Der ganze Vorgang spielt in Odins früher Jugend, weil er danach erst gedeiht und wächst. Aber 140 ist eher aus einem ganz fremden Gedicht über Odrerirs Erwerbung hier eingeschaltet, wie ja die Hǫ́vamǫ́l gerade an dieser Stelle aus allerlei Liedbruchstücken zusammengeflickt sind. Nirgends ist Mimir im Besitz Odrerirs, wie man bei obiger Auslegung annehmen müsste. Die Strophe 140 muss als fremdartig ausgeschaltet werden; sie besagt, dass Odin von dem Sohne seines Ahns, einem weisen Riesen neun kräftige Zaubersprüche erhielt, mit deren Hilfe er den Dichtermet Odrerir erlangte. Dann bleibt nur die Sage übrig, dass der speerdurchbohrte Odin am Baume ohne Labung neun Nächte und Tage lang hing, er selber sich selbst zum Opfer hingegeben. In die Tiefe spähend hob er Runen auf, die ihm Wachstum und Gedeihen brachten. Die Weltesche heisst Yggdrasil, Ross des Yggr. Yggr ist ein vielgebrauchter Name Odins, drasil eine Benennung des Pferdes. Das Hängen am Galgen wird aber als Reiten auf dem Rosse bezeichnet. Yggdrasil heisst demnach Odins Galgen. Die Weltesche heisst nach dem Gott, der als Opfer in ihrem Gezweig hing, und gerade dieses Opfer beschreiben die ausgehobenen Strophen. Bugge hat nachgewiesen, wie der speerwunde Odin am Baume Zug für Zug ein Seitenstück zum speerwunden Christus am Kreuz, das bei den Germanen Galgen genannt wurde, ergibt. Das Kreuz ist aber gerade in seiner Eigenschaft als Galgen des höchsten Gottes ein Weltbaum, dessen Wurzeln zur Hölle reichen, dessen Wipfel den Himmel rührt, dessen Arme über die Erde deuten. Auf zwei entscheidende Punkte kommt es einzig an, für die das nordische Heidentum nicht die geringste Voraussetzung bietet, die aber ohne Schwierigkeit aus der christlichen Mythologie ihre Lösung finden: dass der Gott sich selber opfert und dass der Galgenbaum, an dem solches geschah, eben dadurch Sinnbild der Welt wurde. Dass etwa Odin mit diesem Opfer den Helden den Weg nach Walhall zeige, wie er sich nach der Ynglingasaga, wo er aber als irdischer menschlicher König gedacht ist und daher auch sterben muss, mit dem Speere ritzen lässt, ist nicht anzunehmen, schon weil der Gedanke gar nirgends angedeutet wird. Da hätte Odin auch schwerlich den Galgentod des Kriegsgefangenen, welcher den Göttern geopfert wird, gewählt, sondern den Heldentod im Schlachtsturm. Yggdrasil, Odins Selbstopfer, wie er vielleicht als Har dem Odin, er selbst sich selber, nach der Dreieinigkeit Christus Gottvater, die eins sind wie Har und Odin, am Galgen hingegeben wird, ist nur als Nachbildung christlicher Vorstellungen verständlich.[415] Nimmt man die Strophen 138, 139, 141 als zusammenhängend, so gewann Odin damit Runenweisheit, Wachstum und Gedeihen.
Odrerir.
Der Wundertrank Odrerir ist mit der schönen Riesin Gunnlod, Suttungs Tochter verknüpft. Gunnlod hütet ihn im Berge. Odin gewinnt listig ihre Liebe und damit den Trank. Bereits oben unter Odins Liebesabenteuern wurde die Sage mitgeteilt. Dass Riesen im Besitze alter Weisheit gedacht wurden, zeigte sich bei Wafthrudnir. An Odins Aufenthalt bei Gunnlod gemahnen Volkslieder aus Schweden und Dänemark vom Ritter Tinne, den der allbezaubernde Runenschlag einer harfespielenden Zwergtochter in den Berg lockt, wo man ihm Met einschenkt und er auf goldenem Stuhl einschläft, dann durch hervorgetragene Runenbücher vom Zauber entbunden und mit heilkräftigem Segen für Streit, Reise und Seefahrt, sowie mit der Gabe, treffliche Worte zu sprechen, entlassen wird. Zweifellos ist eine Volkssage von Bergjungfrauen, die in das unterirdische Reich hineinlocken, in den Kreis der Odindichtungen hineinbezogen worden. Aber mit dem Trank Odrerir hat es doch noch besondere Bewandtniss. Odrerir wurde als der Begeisterungstrank, der den Sinn erregt, gedeutet; vielleicht ist es ursprünglich ein Trank der Verjüngung, ú-hrerir, der nicht verfallen, altern lässt. In der Odinsdichtung gilt er aber nur als der Dichtermet. Suttungs Met ist für die bestimmt, welche gut dichten können. Zahlreiche Anspielungen auf den begeisternden Trank, wie ihn Odin raubte, dass er aus verborgener Tiefe aufstieg zur bewohnten Erde, finden sich bei den Skalden.[416] Dem Odrerir ist noch eine wunderliche und umständliche Vorgeschichte angedichtet, wie er entstand und aus dem Besitze der Zwerge und Riesen endlich zu den Göttern und Menschen kam. Der wenig ansprechenden Erzählung in ihrer Gesamtheit kommt weder hohes Alter noch volkstümliche Grundlage zu, sie scheint auf gelehrtem Wege ausgesonnen, allerdings noch unter den heidnischen Skalden.
Die Asen und Wanen schlossen auf die Art Frieden, dass sie beiderseits an ein Gefäss traten und hineinspuckten. Aus dem Speichel schufen die Götter einen Mann namens Kwasir, der war so weise, dass er auf alle Fragen Bescheid wusste. Als er auf seinen Wanderungen einmal zu zwei Zwergen Fjalar und Galar zu Gaste kam, erschlugen ihn diese und liessen sein Blut in zwei Krüge und einen Kessel rinnen: der Kessel heisst Odrerir[417], die beiden Krüge Son und Bodn. Unter das Blut mischten sie Honig, und daraus ward der Met, durch den jeder, der davon trinkt, zum Dichter oder Weisen wird. Die Zwerge sagten aus, Kwasir sei am eignen Witz erstickt. Die Zwerge brachten den Riesen Gilling und sein Weib hinterlistig ums Leben. Gillings Sohn, Suttung, ergriff die Zwerge, ruderte sie ins Meer und setzte sie auf einer Klippe aus. Da baten sie um Schonung und boten zur Vaterbusse den kostbaren Met. Damit kam es auch zur Sühne. Suttung aber brachte den Met ins Gebirge Hnitbjorg und setzte seine Tochter Gunnlod ihm zur Hut. Odin kam dahin, wo neun Knechte Gras mähten. Er erbot sich, ihre Sensen zu schärfen und zog einen Wetzstein aus der Tasche. Den warf er in die Luft. Wie alle darnach haschten, schnitten sie sich mit den Sensen die Hälse durch. Odin herbergte beim Riesen Baugi, Suttungs Bruder, und nannte sich Bolwerk. Baugi erzählte, dass er auf schlimme Art um alle seine Knechte gekommen sei. Da erbot sich Odin, an Stelle jener neun allein die Arbeit zu verrichten, wenn er dafür einen Trunk von Suttungs Met erhielte. Baugi erwiderte, dass er über den Met nicht verfügen könne, da Suttung ihn für sich allein behalten wolle. Doch wolle er mit Bolwerk ausziehen und versuchen, ob sie den Met erlangen könnten. Hierauf folgt die bereits mitgeteilte Erzählung, wie Odin in Schlangengestalt durchs Bohrloch in den Berg schlüpfte.[418]
Die Gewinnung des Wundertrankes durch den Höchsten der Götter wurzelt vielleicht in indogermanischen Mythen, wenigstens finden sich merkwürdig ähnliche Sagen bei Indern und Griechen[419], zumal wenn man den Bericht, dass Odin in Adlergestalt Odrerir entführt, in Betracht zieht. Riesische Wesen, Naturmächte befinden sich im Besitz des Soma und Nektars. Als Falke holt Indra den Soma zu den Göttern, den Nektar aber bringt des Zeus grosser Adler aus einem Felsen im äussersten Westen. Den Wundertrank ewiger Jugend, ú-hrerir, verwandelten die Skalden in den Trank der Poesie, Odrerir. Was in der nordischen Mythologie überhaupt zu beobachten ist, bestätigt sich auch hier: die ursprünglich physischen Kräfte, die aus den Naturerscheinungen erwachsenen Mythen steigern sich mehr und mehr in das Bereich des geistigen Lebens. Ob es sich im idg. Mythus um den Regen handelte, den der Gott aus der Gewitterwolke hervorlockte, lassen wir dahingestellt. Zu Kwasirs Entstehung bietet die des Orion entfernte Ähnlichkeit. Bei Hyrieus kehrten drei Götter, Zeus, Poseidon und Hermes ein, empfingen Gastmahl und stellten ihm eine Bitte frei. Er wünschte sich einen Sohn, hatte aber nach dem Tode seiner Gattin gelobt, sich nicht wieder zu vermählen. Da vereinigten die Götter ihr Wasser, vermischten es mit dem Staube der Hütte und erschufen den Orion.[420] Besteht ein Zusammenhang, so stammt er natürlich nicht aus urverwandter Überlieferung, sondern aus später gelehrter Übertragung. Endlich begegnet noch ein alter Märchenzug, wie Bolwerk die neun Mähder ums Leben bringt. Schon Kadmos und Iason veranlassen die aus der Saat der Drachenzähne gewachsenen Krieger durch einen Steinwurf in ihre Mitte zu wechselseitigem Mord; ebenso macht es das tapfere Schneiderlein mit den zwei Riesen.
Einer nicht recht verständlichen Strophe der Hǫvamǫl zufolge empfing Odin Weisheit von einem Zwerge Namens Thjodreyrir, der „vor Dellings Thüren“ d. h. im Tageslicht, bei aufsteigendem Tage Zauber sang:
159 Kraft sang er den Asen, den Elben Tüchtigkeit, Hohe Weisheit dem Hroptatyr.[421]
Noch weniger klar ist die Stelle im Harbardslied:
Thor: 43 Woher nur holst du diese höhnischen Worte, Wie ich höhnischer nimmer gehört sie habe? Harbard: 44 Ich holte sie von den Männern, den hochbejahrten, Die in den Hügeln der Heimat wohnen. Thor: 45 Da gibst du den Gräbern einen guten Namen, Wenn du sie Hügel der Heimat nennst.[422]
Wer unter diesen alten Männern gemeint ist, Elbe oder Tote, also wol seelische Geister, lässt sich nicht bestimmen. Man erwartet eher, dass Odin irgend welche verborgene Weisheit dort erlangt, als nur Hohnworte.
Odins Verwandtschaft und Odins Namen.
Den nordischen Skalden ist Odin der höchste und älteste der Asen. Er waltet über alle Dinge, und wie mächtig auch die andern Götter sind, so dienen sie ihm doch alle wie Kinder dem Vater. In aufsteigendem Aste ist ihm ein Stammbaum ersonnen, der aufs engste mit der Schöpfungsgeschichte zusammenhängt. Er ist Sohn des Bur, des Sohnes des Buri. Bur (Bor) und Buri bedeuten „Sohn“, haben also ursprünglich gar nicht den Wert eines Eigennamens. Bur nahm Bestla (Bastbinderin?) des Riesen Bolthorn Tochter zur Frau.[423] Odins Brüder heissen Wili und We, die eine Zeitlang sein Reich und sein Weib inne hatten. Odins Gattin ist Frigg, ihr Sohn Baldr. Mit Jord, der eignen Tochter zeugt Odin Thor. Andere Söhne hat er von Rind, Gunnlod, Grid oder Hlodyn, Skadi. Odins Verwandtschaft ist nordische, ziemlich junge Erfindung. In Odins Sippe begegnen die Begriffe Sohn, Wille, heilig. Sie entspringen der Trinität, wo der Gottessohn auch Gottes Wille (voluntas dei) heisst. We, der Heilige, zielt auf den heiligen Geist. Odins Namen Har, der Hohe, Jafnhar, der Gleichhohe, Thridi, der Dritte weisen auf denselben Ursprung: altus, altissimus ist Gott, der Sohn ist mhd. ebenhêr, der heilige Geist wird oft kurzweg die dritte Person, der Dritte genannt. Die Namen verharren in abstrakter Leblosigkeit, nur Odin handelt.
Die nordischen Dichter legen Odin eine Menge von Eigennamen bei, in denen seine gesamte Wirksamkeit teilweise auch nach Seiten, die uns wegen mangelnder Überlieferung nimmer verständlich sind, zum Ausdruck gelangt.[424] Als Allvater, Vater der Menschen (aldafađir, aldagautr), Allwaltender, Allmächtiger ist er nicht ganz ohne christlichen Einfluss seiner Machtstellung nach gekennzeichnet. Ebenso sind seine Namen Hávi[425], der hohe, Jafnhár, der gleich hohe, Tveggi, der zweite, þrídi, der dritte (aus der Dreieinigkeit), Haptaguđ, Gott der Götter aufzufassen. Odins Beziehungen zu Heerfahrt, Kampf und Walfall enthalten die Namen Heervater, Herteitr, der Heerfrohe, Hertýr, Heeresgott, Herjan, Heerführer, Herblindi, Heerverblender, Hjálmberi, Helmträger, Siegvater, Sigtýr, Sigmundr, Sigtryggr, siegestreu, Siggautr, Walvater, Valgautr, Atríđr, Fastríđr, der gewaltige Anreitende, Viđurr (Odin sagt selber, hétomk Viþorr at vígom, Grimn. 49). Als Rabengott, hrafnaguđ, hrafnfreistađr erscheint er seiner Raben wegen, als drauga dróttinn, Beherrscher der Gespenster, hangaguđ, heimþinguđr hanga, hangi, Gott der Gehängten, weil er das wilde Heer führt. Farmaguđ, farmatýr, Gott der Frachten, zeigt Odin als Beschützer des Handels, vermutlich in seiner Eigenschaft als Windgott. Viđrir, der Wetterer, Váfuđr, der Schwebende, Svipall, der Bewegliche, Þundr, der Schwellende, Ómi, Rufer, Lärmer, können auf den Sturmgott zielen. Geiguđr, der Schreckliche, ist ein Name Odins und eine Benennung des Sturmwindes. Häufig begegnet Yggr (Uggerus bei Saxo), der Schreckliche. Den Wanderer zeigen die Namen Gangráđr, Gangleri, Vegtamr, weggewohnt, Víđforull, Weitfahrer, sein Aussehen Langbarđr, Langbart, Hárbarđr, Graubart, Síđskeggr, Langbart, Siđgrani, Langbart, Síđhottr, mit herabhängendem Hut, Blindr, der Blinde, Heklumađr (vgl. hakulberand), Mantelträger, Grímr, Grímnir, der Verlarvte, Bileygr, der Mildäugige, Báleygr, der Flammenäugige. Auf Odins Weisheit, die oft Trug birgt, deuten Fjǫlsviđr, vielwissend, Glapsviđr, trugwissend, Skollvaldr, Trugwalter, Hvatráđr, scharfsinnig, Sađr, wahr, Sanngetall, wahres ahnend, Gǫndlir, Träger des Zauberstabes (?), Oski, Wunsch, Erwünschtes verleihend. Ari, Adler, Arnhǫfđi, adlerhäuptig, spielen wol auf Odins Verwandlungen an, wenn er nach SE. als Adler dem Suttung entflieht; da Ofnir und Sváfnir auch Schlangennamen sind (Grimn. 34), könnte Odins Wurmgestalt damit gemeint sein. Vakr, der Wachsame, Þekkr, der Willkommene, Þrjótr, der Hartnäckige, schildern besondere Sinnesart. Njótr, der Geniesser, bezeichnet den Gott als Empfänger der Opfer. Namen wie Hroptr, Hvedrungr, Hnikar, Hnikuđr, Jalkr, Jólnir u. a. entziehen sich der Deutung. Dieselben Namen gehören zuweilen auch andern Wesen und es ist schwer auszumachen, wohin der Name von Rechts wegen zuerst gehört. Viele Namen haften an besonderen Sagen und sind wol mit diesen entstanden. So berichtet Odin selber im Grimnirlied 49:
Grimnir hiess ich in Geirröds Halle Und bei Asmund Jalk, Kjalar damals, als ich die Kufen zog, Bei den Thingversammlungen Thror, Widur im Wirbel des Streits.
Von diesen Sagen ist uns nur die von Grimnir bekannt, wo Odin eben als Grimnir verlarvt bei Geirröd einspricht. Selten passt der Name so zur Sage wie hier.
Odins Art schildern trefflich die Verse:
Lasst uns Heervater bitten, seine Huld zu gewähren, Der gern dem Gefolge sein Gold spendet; Dem Hermod gab er Helm und Panzer, Ein schneidiges Schwert schenkt er dem Sigmund. Dem einen gibt Sieg er, dem andern Schätze, Weisheit vielen und gewandte Rede; Dem Seemann Fahrwind, dem Sänger Dichtkunst, Männliche Thatkraft manchem Helden.[426]
Alles, was aus den einzelnen und verstreuten Überlieferungen zu erfahren war, enthalten diese Worte, die uns ein Gesamtbild Odins geben, des Gottes der Helden und Sänger.
Uhland (Schriften 7, 345) schildert Odins Art: Von allen Asen und von allen Wesen der Götterwelt äussert Odin weit die mächtigste und allgemeinste Wirkung in der Heldensage. Wie er die Wolsungensage vom Anfang bis zum Ende durchschreitet, so können wir durch viele andere Sagenreihen seine Spur verfolgen. Seine Erscheinung ist von der Art, dass er auch dort, wo sein rechter Name verschwiegen bleibt, doch immer leicht zu erkennen ist. Einäugig, alt und bärtig, in Hut und Mantel gehüllt, tritt er unerwartet und ungekannt in die Königshalle, oder steht plötzlich an der Seite des einsamen Heldensohnes, oder verlangt vom Vorgebirge aus in das vorübersegelnde Schiff aufgenommen zu werden. Auch diese irdische Erscheinung steht in Übereinstimmung mit seinem göttlichen Wesen; einäugig ist er, weil er sein andres Auge um einen Trunk aus Mimirs Weisheitsbrunnen zum Pfand gesetzt; alt erscheint er als der Vater der Götter und Menschen; verhüllt und unter andern Namen geht er auch in der Götterwelt aus, die Weisheit der Riesen und der unterirdischen Wolwen zu erkunden. Er nimmt auch die Gestalt eines bestimmten Menschen an, so diejenige des im Strom verunglückten Bruni, des Ratgebers Harald Hildetands. Als ein Bauer, Hrani, bewirtet er den König Hrolf Kraki.
So wie wir Odin in der Göttersage von zweierlei Seiten betrachtet, als den Forschenden und Kundigen und als den Wirkenden und Kämpfenden, so stellt er sich auch in seiner irdischen Thätigkeit nach beiderlei Beziehungen dar. In der ersteren tritt er als Gest auf, legt dem König Heidrek Rätsel vor, oder versucht noch als Nornagest die christlichen Könige, singt und sagt die Kunden aus der alten Heldenzeit. Er, der in Asgard mit Saga aus goldenen Schalen trinkt, ist auf Erden selbst ein Sagenerzähler und wie er selbst zu singen versteht, wie andere reden, so verleiht er auch Starkad die Gabe der Dichtkunst. Noch viel mannigfacher ist seine irdische Wirksamkeit in der andern Beziehung, als Kampf- und Heldengott. Er wird selbst Stammvater kriegerischer Geschlechter und unermüdlich geht er darauf aus, Helden zu erwecken und auszurüsten, Zwietracht und Kampf anzustiften. Er stösst das herrliche, aber streiterregende Schwert in den Baumstamm des Wolsungenhauses, teilt Starkad gute Waffen zu, hilft Sigurd das beste Ross auswählen, berät ihn und Frotho beim Drachenkampf, bringt den flüchtigen Hadding auf dem Rosse Sleipnir hoch über dem Meer nach seiner Heimat und stärkt ihn mit Speise, lehrt Hadding, Sigurd, Harald Hildetand und dessen Gegner Hring die keilförmige Schlachtordnung, prüft als Bauer Hrani die Kämpfer Hrolfs, die auf seinem Hofe eingekehrt, durch Frost, Feuer und Durst, er hat Utstein, dem Recken Halfs in der Jugend das harte Herz in der Brust gebildet (Fornald. S. 2, 51). Er trägt als Bruni zwischen verwandten Königen zwisterregende Botschaft. Er waltet der Blutrache und leiht dazu dem Dag seinen Speer. In der Schlacht erscheint er bald hilfreich, bald seinen eignen Günstlingen verderblich. So schwingt er dem greisen Sigmund den Speer entgegen und erschlägt den König Harald mit der Keule. Er lässt sich von denen, die er begabt und auszeichnet, wie von Harald und von Sigurd, König Ragnars Sohne, für dessen Heilung die Seelen aller von ihnen Erschlagenen verheissen, er weckt eine Welt von Kämpfern und rafft sie heerweise dahin. Er entsendet die Walküren zu Jünglingen, um den schlummernden Heldengeist anzufachen; er beruft die Totwunden durch ihre Botschaft zu sich. Es ist überall derselbe Grund, warum Odin Helden und Heldenstämme pflegt, waffnet, wunderbar begabt, warum er sie anfeindet, aufreizt, verderbt. Nicht leere Lust am Tode der Tapfern treibt ihn, er bedarf ihrer, der Kampferprobten zu jenem grössten und ungeheuren Kampfe, welcher der Welt und den Göttern selbst Untergang droht.
So lebt Odin in der Vorstellung nordischer Skalden des 9. und 10. Jahrhunderts, sein Geist belebt und erregt in gleicher Weise Götter und Menschen.
V. Heimdall.
Heimdall ist eine rätselhafte Gestalt. Was von ihm überliefert ist, klingt märchenhaft. Das Dunkel, das über ihm schwebt, war bisher noch nicht befriedigend zu lichten. Eine Hauptschwierigkeit, mit welcher die Erklärung zu kämpfen hat, liegt in den mangelhaften Nachrichten über sein Wesen und die mit ihm verknüpften Sagen. Von letzteren sind nur unverständliche Auszüge und Anspielungen bekannt. Es hält schon schwer, nur die breiteren Grundlagen dieser Überreste mit annähernder Wahrscheinlichkeit zu erschliessen; sie mit Sicherheit auf ihren Ursprung zurückzuführen ist vollends unmöglich. Von Heimdall war ein Gedicht vorhanden, der Heimdallargaldr, auf welches Snorri zweimal (SE. 1, 102 und 264) verweist. Der Skald Ulf Uggason erwähnt Heimdall in der Húsdrápa (zwischen 975 und 980). Ausserdem begegnet Heimdall in den Eddaliedern. Also waren Sagen über ihn im 9. und 10. Jahrhundert jedenfalls vorhanden. Über den Kreis der norwegisch-isländischen Skalden drang Heimdall nicht hinaus, nirgend sonst ist eine Spur von ihm nachweisbar.
Heimdall wird als „der über die Welt Glänzende“[427] oder „der Hellglänzende“[428] erklärt, als Lichtgottheit. Wie Baldr heisst auch er gern der weisse, leuchtende As. Als den Gott, dem überall die Frühe, der Anfang angehört, bezeichnete ihn Uhland (Schriften 6, 14). Darum ist er der geborene Feind Lokis, der das Ende der Welt herauf führt. Das Geheimniss, das um ihn webt, lässt ihn vielleicht bedeutungsvoller erscheinen, als einen hohen, später verdunkelten und zum Markwart des Himmels erniedrigten Lichtgott. In Heimdall soll eine besondere Seite des Tiuȥ, sich verkörpern. Ist Tiuȥ der Herr des Tages- und Himmelslichtes überhaupt, so wird in Heimdall nur ein Teil der Lichtmacht persönlich, das Frühlicht, der anbrechende Tag. Mit dieser Auffassung lassen sich zur Not einige der überlieferten Züge in Einklang bringen. Andere sehen in Heimdall nur den vergöttlichten Regenbogen. Aus dem durch die Welt leuchtenden Bogen sei der Wächter dieser Götterbrücke erwachsen, der lichte weithinschauende As, der in den Himmelsbergen, den Wolken wohne.[429]
Seiner Erscheinung nach steht Heimdall nahe zu Tiuȥ und seinen Sprösslingen. Er ist mit dem Schwerte bewehrt und reitet ein Ross mit goldglänzender Mähne. So ritt er zu Baldrs Leichenbrand.[430] Snorri entwirft aus den vereinzelten Zügen dieses Gesamtbild von ihm:
Heimdall heisst einer; er wird der weisse Ase genannt und ist gross und heilig. Er wurde von neun Jungfrauen geboren, die alle Schwestern waren. Er führt auch den Namen Hallinskidi und Gullintanni. Seine Zähne sind von Gold; sein Ross heisst Gulltopp. Er wohnt bei der Brücke Bifrost an dem Orte, der Himinbjorg heisst. Da er der Wächter der Götter ist, so sitzt er dort am Rande des Himmels, um die Brücke gegen die Bergriesen zu hüten. Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und sieht bei Nacht ebenso gut als bei Tag, hundert Meilen weit. Er kann auch hören, dass das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen wächst, sowie überhaupt alles, was einen Laut von sich gibt. Er besitzt das Horn, welches Gjallarhorn heisst, und seinen Ton kann man in allen Welten hören.[431]