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Handbuch der Germanischen Mythologie

ZWEITES HAUPTSTÜCK. (continued 5)

Reading edition

Loki muss den Vorwurf hören: Acht Winter sei er im Innern der Erde gewesen, Kühe melkend als Weib: er sei der weibische Ase (ǫ́ss ragr), der Kinder gebar.⁠[515] Als Riesin Thokk, welche durch Nichtweinen Baldrs Rückkehr aus der Hölle verhindert, erschien Loki wirklich in Gestalt eines Weibes, ebenso erfragte er von Frigg das Geheimniss, wodurch allein Baldr verwundet werden könne, als Stute warf er vom Hengste Swadilfari den Sleipnir. Ob mit dem Vorwurf etwa mit absichtlicher Entstellung auf verlorene Sagen angespielt wird, ist nicht bekannt. Weibliche Verkleidung nahmen auch Odin bei Rind, Thor und Loki als Freyja und deren Zofe bei der Heimholung des Hammers an. Die Auslegung, Loki sei als das im Innern der Erde thätige Feuer gedacht, das als Weib aufgefasst werde, weil es Wachstum hervorbringe, die acht Winter seien die acht Wintermonate, während welcher die Wärme, die auf der Erdoberfläche den Frostriesen weichen musste, sich unter die Erde zurückgezogen habe und hier im Verborgenen wirke, die von Loki gemelkten Kühe endlich seien die warmen Quellen, die auch im Winter durch Eis und Schnee hindurch ihr mitunter milchfarbenes Gewässer emporsenden, befriedigt in ihrer Allgemeinheit und beim Mangel aller Einzelheiten des fraglichen Mythus, welcher den Vorwurf veranlasste, keineswegs. Die arge Beschuldigung, als Weib behandelt worden zu sein und Kinder geboren zu haben, wird auch sonst gegen Männer erhoben.⁠[516] Sie soll wol nur Lokis Argheit im schlimmsten Sinne zeigen. Ist er doch auch sonst unkeusch und verführt Göttinnen zur Unzucht. Die Druckgeister, welche als incubi und succubi mit den Menschen sich vermischen, werden aber gerne als Teufel aufgefasst, und so wird auch Lokis Buhlerei als Ausfluss seiner Teufelsart am ehesten sich erklären.⁠[517]

Im Gedicht von Lokis Wortstreit (Lokasenna) tritt Loki unter die bei Ägir zum Gelage versammelten Götter und Göttinnen. Nur indem er Odin an die Blutbrüderschaft erinnert, erhält er unter den misstrauischen Asen einen Sitz eingeräumt. Loki trinkt den Hochheiligen zu, erhebt aber zugleich seine Schelte, indem er mit Bragi, „dem feigen Bänkehüter“, beginnt. Alle Anwesenden, die sich ins Gespräch mischen, werden von Loki mit überlegenem Witz und grosser Schlagfertigkeit höhnisch auf ihre schwachen Seiten hingewiesen. Dabei wird zum Teil auf bekannte, zum Teil auf verlorene Sagen angespielt. Loki weiss geschickt mittelst Übertreibungen und Verdrehungen jedem Gegner etwas Ungünstiges anzuhängen. Die Göttinnen Idun, Gefjon, Frigg, Freyja, Skadi, Sif werden mit dem Vorwurf der Buhlerei bedacht. Zum Teil rühmt sich Loki selber, ihre Gunst genossen zu haben. Endlich erscheint polternd und drohend Thor. Zwar bekommt auch er seine Verlegenheit auf der Fahrt zu Utgardloki zu hören, wie er jedoch dadurch unbeirrt den Hammer gegen Loki aufhebt, bequemt sich dieser dazu, den Saal zu räumen, mit dem Wunsch, nie mehr solle Ägir ein Gelage abhalten, feurige Lohe solle über seine Habe hin spielen. Damit ist auf den Weltbrand gedeutet. Der Schöpfer der Lokasenna besass einen scharfen Blick für die Gebrechen und sittlichen Mängel der Göttersagen, deren volle Bekanntschaft er voraussetzt. Er dichtete wol gegen Ende des 10. Jahrhunderts, als bei dem Verfall des Heidentums und beim Eindringen des Christentums manche Freidenker jeden Glauben aufgaben. Er verrät treffende Auffassung der einzelnen Göttercharaktere, insbesondere des Loki, wenn er diesem Geiste der Verneinung die Aburteilung des Götterstaates in den Mund legt. Die eigenartige Anschauung eines einzelnen Mannes, nicht eine in den Zusammenhang des Ganzen tiefer eingreifende Sage liegt offenbar in dieser merkwürdigen Dichtung vor.⁠[518]

Loki der Sohn der Laufey hatte einst aus Bosheit der Sif alles Haar abgeschnitten. Als Thor dies erfuhr, fasste er Loki mit seinen Händen und würde ihm alle Knochen zerschlagen haben, wenn er ihm nicht den Eid geleistet hätte, dass er die Schwarzelben dazu bewegen wolle, der Sif aus Gold neues Haar anzufertigen, welches wachsen solle wie natürliches Haar. Hierauf begab sich Loki zu den Zwergen, die Iwaldis Söhne hiessen, und diese machten das Haar sowie auch das Schiff Skidbladnir und den Speer Gungnir, den Odin besitzt. Darauf wettete Loki um seinen Kopf mit einem Zwerge namens Brokk, dass dessen Bruder Sindri nicht drei Gegenstände herstellen könne, die den eben genannten an Wert gleichkämen. Loki suchte auch in Gestalt einer Stechfliege die Arbeit der Brüder zu stören. Trotzdem brachten sie den Ring Draupnir, Freys Goldeber, Thors Hammer fertig. Die Asen entschieden, der Hammer sei das beste der Kleinode und der wirksamste Schutz wider die Riesen. So hatte Brokk gewonnen. Loki erbot sich, sein Haupt zu lösen; darauf wollte der Zwerg nicht eingehen. „So greife mich denn“, sprach Loki; aber als er ihn fassen wollte, war er schon weit entfernt. Loki hatte nämlich Schuhe, die ihn durch Luft und Meer trugen. Nun bat der Zwerg Thor, dass er den Loki greifen möge, und Thor that das. Nun wollte der Zwerg ihm den Kopf abschlagen, Loki sagte jedoch, er habe wol Recht auf seinen Kopf, aber nicht auf seinen Hals. Da nahm der Zwerg Messer und Faden und wollte dem Loki die Lippen zusammennähen und zunächst Löcher in die Lippen stechen, aber das Messer schnitt nicht. Der Zwerg meinte, dass der Pfriemen seines Bruders tauglicher sein würde, und sobald er diesen genannt hatte, war er auch zur Stelle, und der Pfriemen durchschnitt die Lippen. Er nähte nun Lokis Lippen zusammen, Loki aber riss den Faden aus dem Saume heraus. Dieser Faden, mit dem Lokis Mund zugenäht war, heisst Wartari. So erzählen die Skáldskaparmál Kap. 3.

Im Grimnirliede 43 wird Skidbladnir als Werk der Söhne Iwaldis erwähnt, ohne dass Lokis Teilnahme erhellt. In der Lokasenna 54 spielt Loki darauf an, dass er mit Sif Buhlschaft trieb, und auch das Harbardslied 48 scheint hierauf Bezug zu nehmen. Dann würde dem Berichte Snorris immerhin Gewähr älterer Überlieferung gegeben. Vielleicht wird Loki als das Erdfeuer zu den unterirdischen Zwergen, denen er gleichsam die Schmiede heizt, in Zusammenhang gebracht. Andererseits ist Merkur der Gott der Erfindungen, und gerade in dieser Sage wie sonst allein noch in der Sage vom Nibelungenhort wird Loki mit Merkurs Flügelschuhen begabt. Letztere sind zweifellos aus der antiken Sage entlehnt, wie überhaupt neben Lucifer auch antike Gestalten, Merkur und Apollo auf Loki eingewirkt haben.⁠[519] Die Wette, auf die Loki sich einlässt, mag auch fremdem Vorbild, etwa Apollo und Marsyas, nachgeahmt sein, wenngleich es sich um Anfertigung anderer Gerätschaften handelt und auch sonst die nordische Sage anders sich entwickelt.

3. Loki als Verderber Baldrs.

Die Asen Odin, Bragi, Tyr, Freyr, Njord, Widar waren bei Ägir dem Meergott versammelt. Ägir hatte zwei Dienstleute, Fimafeng (den behend Greifenden) und Eldir. Statt des Feuers diente helles Gold zur Beleuchtung. Die Gäste rühmten sehr, wie gut die Dienstleute Ägirs waren. Loki mochte das nicht hören und erschlug den Fimafeng. Da schüttelten die Asen ihre Schilde und erhoben ein Geschrei wider Loki und trieben ihn in den Wald hinaus. Dann setzten sie sich wieder zum Trank nieder. Loki aber kehrte zurück. (Im Wortwechsel rühmte er sich offen, den Tod Fimafengs verursacht zu haben.) Darauf versteckte sich Loki, nachdem er die Gestalt eines Lachses angenommen hatte, im Wasserfall Franang. Dort fingen ihn die Asen. Er ward mit den Därmen seines Sohnes Narfi⁠[520] gefesselt; sein Sohn Wali wurde in einen Wolf verwandelt. Skadi nahm einen Giftwurm und befestigte ihn über Lokis Antlitz, so dass Gift darüber hin tropfte. Sigyn, Lokis Frau, sass daneben und hielt eine Schale, um das Gift aufzufangen. Wenn die Schale voll war, trug sie das Gift hinaus. Inzwischen aber träufelte Gift auf Loki herab. Da zuckte Loki so heftig, dass die Erde erbebte. Das wird jetzt als Erdbeben bezeichnet.

Die Sage von Lokis Fesselung scheint in einem verlorenen Liede behandelt worden zu sein, welches seinem Inhalt nach in kurzem Auszug dem Lied von Lokis Wortstreit (Lokasenna) voraus und nachgestellt wurde⁠[521], so dass die schwere Strafe über Loki scheinbar wegen seiner Schmähungen auf die Götter und Göttinnen verhängt wurde, während dagegen die eigentliche Unthat, der Totschlag Fimafengs an heiliger Friedensstätte, ohne weitere Folgen für Loki bleibt. Vermutlich hat der Aufzeichner der Lokasenna fälschlicherweise die Sage von Lokis Unthat und Bestrafung als Einkleidung des Scheltgedichtes genommen. Die eingeklammerten Worte deuten den ursprünglichen Inhalt an, wie Loki frech seiner That sich rühmte. Statt dieses Wortwechsels, den der Zusammenhang erfordert, trat die Beschimpfung der Götter ein. Dass die Sage von Lokis Totschlag und Bestrafung unbedenklich von der Lokasenna losgelöst werden darf, bezeugen die übrigen Berichte, die Lokis Fesselung unmittelbar auf Baldrs Tod folgen lassen, die überhaupt zur Ergänzung und zum Verständniss heranzuziehen sind.

Gylfaginning Kap. 50 erzählt: Als die Götter erfuhren, dass Loki Baldr getötet und in Gestalt der Riesin Thokk die Auslösung Baldrs aus der Hölle verhindert hatte, ergrimmten sie wider ihn. Er aber rettete sich auf einen Felsen. In seinem Hause dort hatte er vier Thüren, damit er nach allen Himmelsgegenden ausschauen könne. Am Tage aber hielt er sich in Lachsgestalt im Wasserfall Franang auf. Ihm kam es in den Sinn, dass die Asen mit List ihm nachstellen könnten. Da nahm er Flachsgarn und machte Maschen, so wie man später Netze fertigte. Da sah er die Asen heran kommen, denn Odin hatte ihn von Hlidskjalf aus bemerkt. Loki warf das Netz ins Feuer und sprang ins Wasser. Kwasir, der sehr klug war, kam zuerst hinzu; er sah, dass die Arbeit, die Loki gemacht hatte, zum Fischfang sehr nützlich war, und sie fertigten nach der Asche, zu der das Netz verbrannt war, ein neues. Die Asen gingen zum Wasserfall, Thor hielt den einen Zipfel vom Netz, die übrigen Götter den andern. Loki legte sich zwischen zwei Steine und sie zogen das Netz über ihn weg. Nun versuchten sie es zum zweiten Mal und beschwerten das Netz so, dass nichts drunter wegschlüpfen konnte. Loki schwamm vor dem Netz her; als es nicht mehr weit zur See war, sprang er über die Netzleine und schwamm in den Wasserfall zurück. Die Asen hatten bemerkt, wohin er fuhr, und sie verteilten ihre Schar auf beide Ufer, Thor watete mitten im Fluss. So schritten sie gegen das Meer zu. Loki sah, dass es lebensgefährlich war, ins Meer zu schwimmen, deshalb sprang er abermals übers Netz. Thor aber ergriff ihn mit den Händen, und obwol er hindurch zu gleiten suchte, hielt er ihn doch am Schwanz fest. Darum ist der Lachs hinten so schmal. Nun war Loki gefangen und durfte keine Schonung erwarten. Er wurde in eine Höhle gebracht. Sie nahmen drei grosse Steine, richteten sie auf und schlugen in jeden ein Loch. Lokis Söhne, Wali und Narfi, wurden ergriffen. Den Wali verwandelten die Asen zum Wolf, da zerriss er den Narfi. Da nahmen die Asen seine Därme und banden damit den Loki auf den scharfen Kanten der drei Steine fest. Einer stand unter seinen Schultern, der zweite unter seinen Lenden, der dritte unter seinen Kniegelenken. Die Fesseln aber wurden zu Eisen. Skadi befestigte einen Giftwurm über seinem Antlitz. Aber Sigyn hielt eine Schale darunter, um das herabtropfende Gift aufzufangen. Wenn aber die Schale voll ist und Sigyn sie ausgiesst, tropft inzwischen Gift auf Lokis Angesicht. Da windet er sich so gewaltig, dass die Erde erzittert. Dort liegt er bis zur Götternacht.

Im Anschluss an Baldrs Tod schildert auch die Vǫlospǫ́ (35) Lokis Strafe: Gebunden sah ich im zerklüfteten Bergwald⁠[522] die Unholdsgestalt, den argen Loki; bei ihrem Manne sitzt dort Sigyn, nicht freudig gesinnt.

Eine nur in der einen Handschrift der Vǫlospǫ́, in der Hauksbók erhaltene Halbstrophe sagt: Sie sieht aus Walis Därmen Kampfbande winden, sehr fest waren die Fesseln.

Endlich erzählt Saxo⁠[523], wie Thorkillus den furchtbaren in entlegenem, ewig umnachtetem Lande hausenden Ugarthilocus aufsucht. Thorkillus und seine Gesellen drangen durch enge Öffnung in eine mit Schlangen erfüllte Höhle. Dann kamen sie zu einem auf sandigem Bett ruhig dahinflutenden Wasser, das sie durchwateten. Darauf gelangten sie in eine noch tiefer liegende Höhle, von der aus ein finsteres, scheussliches Loch sich aufthat. Dort lag Ugarthilocus, die Hände und Füsse mit schweren Ketten belastet; seine stinkenden Haare glichen an Grösse und Steifheit Speeren aus Horn. Thorkillus zog eines aus seinem Kinn heraus, um es als Wahrzeichen seiner Höllenfahrt vorweisen zu können. Saxo berichtet nicht, warum Loki in Fesseln geschlagen ist. Auch fehlt jede Anspielung auf Sigyn. Aber ihm schwebt die gleiche Vorstellung vor, und vielleicht ist wie in der Baldrsage seine Darstellung einfacher und altertümlicher, indem sie weder auf Baldrs Tod noch auf Sigyn Bezug nimmt, sondern allein auf den gebundenen, in finsterer Höhle schmachtenden teuflischen Dämon sich beschränkt.

Der isländische Bericht erfordert nach mehreren Seiten hin Aufhellung. Dass Loki an geweihter Friedensstätte einen Totschlag beging, veranlasste seine Bestrafung. Schwerlich handelte es sich aber um eine so untergeordnete Person, den „Diener“ Ägirs, Fimafeng, wie die Einleitung zur Lokasenna behauptet. In der Gylfaginning und Vǫlospǫ́ geht Baldrs Mord voran. Ebenso wird er für die Sage der Lokasenna vorauszusetzen sein. Unter Fimafeng, der nirgends sonst vorkommt, verbirgt sich Baldr. Neben die sonst bekannten Erzählungen, wie Loki den Hod zum tötlichen Wurf auf Baldr veranlasste, tritt eine neue, der zufolge Loki allein thätig gewesen zu sein scheint. Hiebei mögen die Rechtszustände besonders ausgemalt worden sein.⁠[524] Loki erschlug den Fimafeng in der Halle, da griffen die anwesenden sieben Zeugen zu den Waffen, um auf handhafter That an dem Totschläger die Strafe zu vollstrecken, den Frevler für friedlos auszurufen und zu töten. Loki entzog sich seinem Schicksal, am Thatort von den Zeugen erschlagen zu werden, durch die Flucht in den Wald. Von dort aus konnte der Verbrecher gesetzliche Verhandlung seiner Sache verlangen und sich eine Gnadenfrist erkaufen bis zum Urteilsspruch. Darum kehrte auch Loki zurück. Im Wortstreit mit den Göttern gab er aber durch offene Prahlerei, Baldr-Fimafeng getötet zu haben, seinen Gegnern das volle Recht, ihn zu greifen und abzuurteilen. Die altgermanische Sage überhaupt, insbesondere aber die nordische liebt es, Rechtsverhältnisse ausführlich zu schildern. Darum ist eine solche Lokisage sehr wahrscheinlich. Was die über Loki verhängte Strafe betrifft, so liegen zum Teil Missverständnisse und daraus hervorgegangene irrige Ausdeutungen jüngerer Sagenschreiber vor. Im Osten ausserhalb der bewohnten Welt, in Utgard, in einem zerklüfteten Bergwald verbüsste Loki seine Strafe. Gefesselt wurde er als Ächter in den Wald getrieben, er wurde „Warg“ d. h. Wolf. Wölfe heissen die friedlosen Waldgänger und mehrfach lässt sich nachweisen, dass eine spätere Zeit die oft bildlichen Benennungen nimmer richtig verstand, sondern wörtlich nahm. Warum freilich Lokis Söhne zum Wolf werden, nicht er selbst, wie dies teilweise beim Fenrir der Fall sein mag, indem die Fesselung dieses wölfischen Unholds nur die Fesselung des geächteten Wolfes Loki wiederholt, das lässt sich nicht mehr feststellen.⁠[525] Andererseits erinnert der gefesselte Loki⁠[526], dessen Zuckungen die Erde erbeben machen, besonders nach Saxos Schilderungen an den Teufel. Loki wird zur Strafe für Baldrs Ermordung ergriffen und gebunden, um erst am Ende dieser Welt zu entkommen. Die Zeit, da Loki von seinen Banden loskommt, ist mit dem Untergang der Götter und der Welt gleichbedeutend. So wird der Teufel von Christus in der Hölle gebunden und liegt in Fesseln. Im Mittelalter war es eine allgemein angenommene Vorstellung, die oft in Bildern sich aussprach, dass der Teufel gebunden liegt; erst am jüngsten Tag soll er los kommen. Daher rührt auch die Redensart: Der Teufel ist los! Die Zeit, da er loskommt, wird dabei zugleich als diejenige Zeit bezeichnet, in der alles in Verwirrung ist und die Welt vor dem Untergange steht. Ebenso gilt das Loskommen des Fenriswolfes für ein Zeichen des bevorstehenden Weltendes. Zweifellos sind die Teufelssagen die Quelle der Vorstellung vom gefesselten Loki und Fenrir, die vor dem Weltbrande loskommen. Die treue Sigyn, welche über Loki die Schale hält, bleibt unerklärt.

4. Die Teufelsbrut.

Im Lied von Hyndla 42/3 werden die Unholde genannt, die von Loki abstammen.

Den Wolf zeugte Loki mit der wilden Angrboda Und den Sleipnir gebar er dem Swadilfari; Ein Scheusal schien das schlimmste von allen, Das von Byleipts Bruder stammte. Es frass Loki ein Frauenherz, Er fands halbverkohlt in der heissen Asche, Durch das leidige Weib ward Loptr schwanger: Dort stammen alle die Unholde her.

Wenn eine Religion einmal einen Teufel hat, so schiebt sie ihm auch alles Böse unter, die Unholde werden zur Brut des Teufels. Darum ist Loki Vater der Trolle, besonders aber werden solche Ungeheuer als seine Kinder bezeichnet, welche im letzten Kampf den Göttern Tod bringen. So sagt Gylfaginning Kap. 34: Angrboda heisst eine Riesin in Jotunheim, mit ihr erzeugte Loki drei Kinder: das eine ist der Fenriswolf, das zweite Jormungand (die ungeheure erdumgürtende Seeschlange), das dritte Hel. Diese drei Geschwister wurden in Jotunheim aufgezogen. Die Götter erfuhren durch Orakel, dass ihnen durch diese Kinder grosses Unheil bevorstehe, und meinten, dass sie Schlimmes wegen ihrer mütterlichen Abstammung, noch Schlimmeres aber wegen ihrer väterlichen zu erwarten hätten. Darum sandte Allvater die Götter zu den Kindern und liess sie sich holen, und als sie bei ihm angelangt waren, warf er die Schlange in das tiefe Meer, das alle Länder umgibt, und darin wuchs die Schlange so gewaltig, dass sie nun ebenfalls um alle Länder sich schlingt mitten im Meere und sich selbst in den Schwanz beisst. Die Ei schleuderte er nach Niflheim hinab und gab ihr Macht über neun Welten, damit sie denen, die zu ihr gelangen, ihren Aufenthaltsort anweise. Den Wolf zogen die Asen bei sich auf und Tyr allein hatte soviel Mut, ihm seine Speise zu reichen. Da nun die Götter sahen, wie sehr er täglich wuchs, und alle Weissagungen meldeten, dass er ihnen grosses Unheil bringen würde, so schien es ihnen rätlich, eine sehr starke Fessel zu verfertigen, die sie Leding nannten. Der Wolf zerbrach aber diese und eine zweite, Dromi genannte Fessel. Da wurde Skirnir nach Swartalfaheim beordert, um von Zwergen die Fessel Gleipnir anfertigen zu lassen. Sie war aus sechs Dingen gemacht: aus dem Geräusch der Katze und dem Barte des Weibes, aus den Wurzeln des Berges und den Sehnen des Bären, dem Hauche des Fisches und dem Speichel des Vogels. Die Fessel war glatt und weich wie ein seidenes Band. Die Asen nahmen den Wolf auf den See Amswartnir und auf die Insel Lyngwi mit und fesselten ihn mit Gleipnir. Der Wolf verlangte, Tyr solle zum Pfande dafür, dass keine Zauberei und Hinterlist im Spiele sei, die rechte Hand ihm in seinen Rachen legen. Da nahmen die Asen das Ende der Schnur, welches Gelgja heisst, und zogen es durch einen grossen Felsstein, der Gjoll genannt wird, und legten diesen tief in der Erde fest. Dann nahmen sie noch einen grossen Stein, mit Namen Thwiti, und versenkten den noch tiefer und benutzten ihn als Taupfahl. Nun war der Wolf gefesselt und vermochte die Bande nicht zu zerreissen. Aber Tyr verlor seine Hand. Der Wolf riss seinen Rachen furchtbar auf und schnappte gewaltig um sich. Da schoben sie ihm ein Schwert in das Maul, so dass der Griff im Unterkiefer seine Stütze fand, die Spitze aber im oberen Gaumen steckte. Er heult entsetzlich, Geifer rinnt aus seinem Maule, das ist der Fluss, welcher Wan heisst. Dort liegt der Wolf bis zum Untergange der Götter.

Die Erzählung, wie Allvater die Kinder Lokis, die Teufelsbrut ins Meer und in die Unterwelt schleuderte, ist schwerlich alt⁠[527], aber schon die älteren Skalden kennen diese Unholde als Kinder Lokis. Dass die persönlich gewordene Hel mit Loki verbunden erscheint, ist so natürlich, wie Teufel und Hölle zusammengehören. Die grosse Seeschlange ist insofern eine Nachahmung des Leviathan, als sie sich rings um die Erde legt.⁠[528] Schlangen und Drachen stellt aber biblischer Glaube mit dem Teufel, dem Höllenwurme, der Höllenschlange gleich. Der Wolf Fenrir ist einerseits aus den Ungetümen, die nach dem Volksglauben Sonne und Mond zu verschlingen drohen und dadurch die Welt gefährden, hervorgegangen⁠[529], andererseits wiederholt er nur Loki selber, er ist der „Warg“ Loki und wird daher auf gleiche Weise gefesselt. Wenn der Teufel loskommt, wenn Loki-Fenrir der Bande ledig wird, geht die Welt unter.

5. Loki beim Weltende.

Wie die Mächte des Verderbens gegen die Götter zur Weltvernichtung heranrücken, da kommt auch Loki aus seinen Banden und vollbringt, was er lange erstrebt. Die Vǫ́lospǫ́ 51 sagt:

Es segelt von Norden über die See ein Schiff Mit den Leuten der Hel, und Loki steuert; Dem Wolfe folgen die wilden Gesellen, Mit ihnen ist Byleipts Bruder im Zuge.

Die Gylfaginning Kap. 51 berichtet, dass der alte Streit zum Austrag kommt: Loki kämpft mit Heimdall und beide töten sich gegenseitig. Zu den Vorzeichen des jüngsten Gerichts gehört es, dass Meer und Hölle die Toten auswerfen und dass die Dämonen im Gefolge des Antichrists zum Kampfe sich erheben.⁠[530]

Die Göttinnen.

Unter den Göttern treten uns Hauptgestalten entgegen wie Tiuȥ, Donar, Wodan, die von allen oder doch von den meisten Stämmen verehrt wurden. In allen Mythologien, besonders aber in der germanischen gehören die Göttinnen einer späteren Glaubensschicht an; sie sind jünger als die Götter. Nur Frija ist der Mehrzahl der germanischen Völker bekannt; ihre Gestalt ist vielleicht aus vorgermanischer Zeit übernommen. Ein Kultus der Erdgöttin darf wol auch den ältesten Glaubensvorstellungen der Germanen zugeschrieben werden. Himmel und Erde scheinen das älteste Götterpaar gewesen zu sein. Die Erde ist die grosse Lebensmutter, in deren Schooss aber alles auch wieder zurückfällt. Sie erscheint in blühender Lenzespracht und in winterlicher Erstarrung. Darum sind Leben und Tod ihr unterthan. Zahlreiche Mythen wuchsen aus dem Grunde dieser einfachen Naturanschauung. Unter vielen Namen und Gestalten mag die Erdgöttin durch die deutsche Göttersage wandeln. Sie ist aber zugleich die liebe Gemahlin des hohen, lichten Himmelsherrn und nimmt daher, über den Wolken thronend, an seinem Wesen teil. Sie ist das göttliche Urbild der irdischen Frauen, wie im Gotte der Held und Fürst sich in höchster Vollendung verkörpert. Die alten Quellen, die unverdächtige Zeugnisse des Heidentums darbieten, lassen eine Vielheit von Göttinnen erkennen, deren Art leider selten uns deutlich geschildert wird. Die Göttinnen scheinen bei den einzelnen Stämmen sehr verschieden gewesen zu sein. Möglicherweise ist aber die Vielheit nur äusserlich, indem es sich oft um mehrere Namen einer und derselben Göttin handelt. Sicheres lässt sich darüber nicht sagen, da häufig unsre Wissenschaft mit den Namen auch zu Ende geht und nur Vermutungen über das Wesen der Göttinnen uns möglich sind.

I. Frija und ihr Kreis.

1. Frija.

Die höchste germanische Göttin führt keinen eigentlichen Namen, vielmehr ein allmälig zum Range eines Namens erhobenes Nennwort: Frija, die Geliebte, die Gattin, wie Hera schlechthin auch des Zeus liebe Genossin, φίλη ἄκοιτις heisst.⁠[531] Dass Frija allen Westgermanen und den Nordleuten, wahrscheinlich überhaupt allen Germanen, als die Gemahlin des höchsten Gottes, einst des Tiuȥ;, bekannt war, ist mit Sicherheit anzunehmen. Der sechste Wochentag, dies Veneris, der Freitag erhielt von ihr den Namen. Wörter wie got. frijôn, an. frjá lieben, das altdeutsche Urwort für mhd. vrîen, nhd. freien erhielten dem Sprachgefühl den in Frija ruhenden Begriff „Liebe“ lebendig und darum ist Venus die interpretatio romana für die deutsche Göttin. Ausserhalb des Nordens lassen sich jedoch nur spärliche unmittelbare Zeugnisse für sie aufbringen. Nach der langobardischen Sage weilt Fría (überliefert ist die Form Frea) mit Wodan als seine Gattin im Himmel und mischt sich in Siegvaters Geschäft. Nach Galfrid von Monmouth (Buch 6) berichtet Hengist von den obersten sächsischen Gottheiten, von Woden und von der mächtigsten Göttin, welcher der Friday geweiht sei, also von Fríg. Im Merseburger Heilzauber, auf mitteldeutschem thüringischem Gebiet erscheint Frîja zugleich mit Volla, ihrer Schwester, unter den Göttinnen, die vergeblich sich bemühen, den ausgerenkten Fuss des Fohlens wieder einzurichten, was allein Wodan vermag. Damit sind die Nachrichten über Frija bereits erschöpft. Durchweg scheint Frija als Wodans Gemahlin gedacht zu sein. Ebenso steht es in den nordischen Quellen, aus denen mehr zu erfahren ist.

2. Frigg.

Frigg⁠[532] ist Odins Gattin, die höchste der Asinnen. Wie Odin selbst weiss sie die Schicksale der Menschen voraus, obwol sie keine Weissagungen ausspricht. Fensalir⁠[533], Meersäle heisst ihr stattlicher Saal. Dort beweint sie Walhalls Weh, den Tod Baldrs, den sie vergeblich abzuwenden getrachtet hatte. Wie Frîa bei den Langobarden Wodans Willen entgegen handelte, scheinen auch Spuren vorhanden, dass Frigg andrer Meinung war und sie bethätigte, als ihr Gemahl. Im Eingang zum Grimnirliede wird auf eine solche Sage angespielt. Odin und Frigg sassen einmal auf Hlidskjalf und schauten über alle Welt. Odin sprach: Siehst du, wie dein Pflegling Agnar in der Höhle mit einem Riesenweibe Kinder zeugt? Aber Geirröd, mein Pflegesohn, sitzt nun als König in seinem Land. Frigg antwortete: Er ist so karg mit der Kost, dass er seine Gäste hungern lässt, wenn er meint, dass deren zu viele gekommen seien. Odin sagte, das sei die grösste Lüge; da wetteten beide, wer Recht behielte. Frigg sandte ihr Kammermädchen Fulla zu Geirröd und liess dem Könige sagen, er möchte sich vor den Hexenkünsten eines Zauberers in acht nehmen, der in sein Land gekommen sei; er wäre, fügte sie hinzu, leicht daran zu erkennen, dass kein Hund, so bissig er auch sei, ihn anzufallen wage. Das war nun eine böse Verleumdung, dass König Geirröd nicht gerne seinen Gästen Speise gebe; aber dennoch liess er den Mann festnehmen, vor dem die Hunde zurückwichen. Um Recht zu behalten und ihrem Wunsche zum Sieg zu verhelfen, greift Frigg ebenso mit Erfolg zur List wie die Frîa der Langobardensage. Odin will in Verkleidung Geirröd versuchen; durch die listige Botschaft veranlasst Frigg den sonst freigebigen Geirröd, den unter dem Namen Grimnir einsprechenden Odin hart zu behandeln. So verspürt Odin an seinem eigenen Leibe, dass Geirröd gegen Fremde ungastlich sich benimmt, dass Friggs Beschuldigung begründet ist. Hier wie dort wird der göttliche Gemahl durch der Göttin Schlauheit übertrumpft. Das Lied von Wafthrudnir hebt mit einer Beratung der Gatten an, woraus zu ersehen ist, dass Odin wichtige Angelegenheiten mit Frigg bespricht. Er will Wafthrudnir ausforschen, sie ist dagegen, weil der Riese besondere Stärke besitzt. Wie Odin dennoch sich auf den Weg macht, entlässt ihn Frigg mit dem Reisesegen:

Reise gesund, gesund komm wieder! Gesund wandre den Weg! Nicht fehle dir Weisheit, Vater der Menschen, Wenn mit dem Riesen du reden musst.

Frigg ist über die Ehe gesetzt. Denn die Göttin Lofn hat von Allvater und Frigg die Erlaubniss erhalten, Ehen zwischen den Menschen zu Stande zu bringen, denen vorher ein Hinderniss im Wege stand. König Rerir und seine Frau bekamen lange Zeit keine Kinder. Das behagte ihnen wenig und sie riefen inbrünstig zu den Göttern, ihnen Nachkommenschaft zu gewähren. Da erhörte Frigg ihr Flehen und ebenso Odin. So spendet also Frigg Fruchtbarkeit. Ob Friggs Schuhe, die Fulla verwahrt, rechtssymbolische Bedeutung haben, da der Schuh bei Adoption und Ehe Anwendung fand, ist in Ermanglung genauerer Nachrichten nicht festzustellen. Welche Bewandtniss es um Friggs Truhe hat, ob darin wie in einem Füllhorn die Gaben des Glückes verwahrt werden, bleibt ebenfalls unerklärlich.

Von Friggas Buhlerei erzählt Saxo.⁠[534] Zum Zeichen ihrer Verehrung für Odin, der damals in ganz Europa Ansehen genoss, sandten die nordischen Fürsten eine goldene Bildsäule Odins, mit schweren Armspangen geschmückt, nach Byzanz. Frigga, Odins Weib, liess durch Goldschmiede das Bild des Goldes berauben, um sich selber damit zu schmücken. Odin gebot, die Leute aufzuhängen. Das Bildniss aber, das er durch Zauberei gegen Berührung mit Stimme begabt hatte, stellte er auf einen besonderen Sockel. Frigga aber zog ihren eigenen Schmuck der Ehre ihres Gatten vor und gab sich einem ihrer vertrauten Diener hin, durch dessen Geschicklichkeit sie das Bild zerstörte und das Gold zum eigenen Putz verwandte. Darauf musste Odin infolge dieser Schmach aus dem Lande weichen und dem Mitodin Platz machen. In der nordischen Überlieferung trifft ein ähnlicher Vorwurf die Göttin; es heisst in der Lokasenna 26:

Schweige, du Frigg, Fjorgyns Weib! Du, Metze, warst immer männertoll: Dem Wili und We hat Widrirs Gattin Ihre Gunst beiden gegönnt.

Friggs doppelte Buhlerei in Saxos Erzählung von Mitodin, dass sie sich zunächst um den Goldschmuck einem Diener ergibt und dann in Mitodins Besitz gerät, weist auf Verschmelzung zweier ursprünglich getrennter Mythen. Dass sie in Mitodins Gewalt fällt, gleicht Lokis Vorwurf von Friggs Buhlschaft mit Odins Brüdern Wili und We. Diese eheliche Untreue entstand zum Teil dadurch, dass Frija einst dem Tiuȥ gehörte und von ihm auf Wodan überging. Ihre ursprüngliche Zugehörigkeit zu einem andern als Odin haftete noch in der Erinnerung, und daraus erwuchs diese Sage. Eine andere hiervon verschiedene und unabhängige Sage, welche in nordischer Überlieferung an Freyjas Namen geknüpft ist und erst unter den Freyjamythen näher erörtert werden soll, erzählte von der Göttin, die ihre Gunst verschenkte, um dadurch ein goldenes Geschmeide zu erwerben. Ob bereits Saxos Quellen die sonst mit Freyja verbundene Geschichte auf Frigg übertrugen, ob Saxo selber erst Frigg und Freyja zusammenwarf und die im Grunde einander ähnlichen Berichte verschmolz, bleibt eine offene Frage.

Frigg soll noch im schwedischen Volksglauben⁠[535] sich erhalten haben. Von der Heilighaltung des Donnerstags, an welchem Haus und Hof für den Besuch göttlicher Wesen hergerichtet werden, geht die Redensart „helga Toregud och Frigge“, den Gott Thor und Frigge heilig halten. Denn merkwürdigerweise erscheint Frigge in Gesellschaft Thors, nicht Odins. Frigg wird zum Spinnen und zur Frauenarbeit in Beziehung gebracht. Während der Donnerstagsweihe darf keine Spindel und kein Spinnrocken berührt werden. Denn am Abend, heisst es, spinne Frigge selber. Am Donnerstag Abend sah man vordem einen Greis und ein altes Weib am Spinnrocken sitzen. Nach alter Sage sind es Thor und Frigge, welche spinnen. Das Sternbild des Orion heisst in Schweden Friggetenen und Friggerocken, Spindel und Rocken der Frigge. In einem Segen gegen Pferdekrankheit wird Frygge genannt. Inwieweit echte und glaubhafte Sage hier vorliegt, lässt sich nicht entscheiden. Friggjargras heisst im Isländischen eine Pflanze (gymnadenia odoratissima), welche, unters Kissen gelegt, Liebeslust erweckt. Übrigens gibt es im Norden auch Mariengras, Frauenhaar und fürs Sternbild die Bezeichnung Marienrocken.

3. Die aus Frigg abgezweigten Göttinnen.

Einige Göttinnen, denen keine umfassende, sondern nur beschränkte Wirksamkeit zugeschrieben wird, scheinen aus Frija abgezweigt zu sein, zum Teil schon frühzeitig, falls sie auch ausserhalb des Nordens begegnen, zum Teil erst später unter den Skalden.⁠[536] Sie dürfen gleichsam als Eigenschaften und Beiwörter der Frija gelten und ergänzen demnach unsre Kenntniss vom Wesen der Hauptgöttin, worin alle die einzelnen Gestalten aufgehen. Besondere Sagen dieser Göttinnen fehlen, nur von ihren Eigenschaften hören wir Einiges, das meiste durch Snorre. Gleich hinter Frigg, als zweite der Asinnen, zählt er Sága auf, die in Sökkwabekk den von kühlen Wellen umrauschten Saal hat. Täglich trinken Odin und Sága zusammen aus goldenen Schalen. Die Behausung der Sága in der Wassertiefe vergleicht sich den Fensalir, den Meersälen der Frigg. Der vertraute tägliche Verkehr mit Odin, der Aufenthalt in den Fluten sind ebenso der Sága wie der Frigg eigentümlich, weshalb vermutet wird, Sága sei Frigg unter anderem Namen. Doch mag man auch in Sága eine Wasserfrau, ein Seitenstück zu Mimir annehmen.

Fulla ist eine Jungfrau; sie geht mit ausgeschlagenem Haar und hat ein goldenes Band um das Haupt; sie trägt Friggs Truhe und bewahrt ihr Schuhzeug; auch ist sie in ihre heimlichen Pläne eingeweiht. Als Vertraute der Frigg hilft sie Odin zu überlisten, indem sie dem König Geirröd die heimtückische Warnung vor den Hexenkünsten eines Zauberers überbringt. Im Merseburger Spruch ist Volla Frîjas Schwester. Wenn auch Fulla nur als eskimær, Kammermädchen der Frigg bezeichnet wird, so ergibt sich doch ihre besondere der Frigg fast gleiche Bedeutung daraus, dass Nanna aus der Hölle Frigg und Fulla mit Geschenken, mit einem Kopftuch und einem goldenen Fingerring beehrt. Der Name bedeutet Fülle, Überfluss, und ist wie die göttliche Copia, Abundantia der Römer aufzufassen. In Fulla wird die Göttin Frija nach ihrer Reichtum und Segen spendenden Thätigkeit persönlich.

Zu Liebe und Ehe gehören Sjofn und Lofn. Sjofn ist eifrig bemüht, die Menschen zur Liebe zu entflammen, Männer sowol wie Frauen, daher wird nach ihrem Namen die Liebe sjofni genannt. Lofn erhört gern die Gebete und ist mild; sie hat von Allvater und Frigg die Erlaubniss erhalten, Ehen zwischen Menschen zu Stande zu bringen, denen vorher ein Hinderniss im Wege stand. Nach ihrem Namen heisst die Erlaubniss lof. Bei den älteren Dichtern finden sich diese allegorischen Gestalten nicht. Dagegen nennt schon Kormak die Eir, die Ärztin unter den Asen. Es ist die verkörperte Pflege, von an. eira, pflegen, schonen. Auch im Liede von Fjolswid 38 erscheint Eir neben andern freundlichen, schützenden, hilfreichen Jungfrauen der Menglod, welche auf dem Berge der Heilmittel (Lyfjaberg) gedacht ist.

War hört auf die Eide und heimlichen Abmachungen der Menschen, der Männer wie der Frauen; darum heissen solche Verpflichtungen várar (Gelübde). War ist auch weise und wissbegierig, so dass ihr nichts verborgen bleiben kann. Im Lied von Thrym 30 heisst es:

Bringt nun den Hammer, die Braut zu weihen, Den Mjolnir legt in des Mädchens Schooss, In Wars Namen weiht unsern Bund!

Also eines der schönsten und älteren Eddalieder bringt die Hüterin der Eide mit der Ehe, dem Hauptgeschäfte der obersten Göttin, in Zusammenhang.

Hlin ist angewiesen, die Menschen zu schützen, die Frigg vor irgend einer Gefahr behüten will; daher kommt die Redeweise, dass derjenige sich anlehnt (hleinir), der sich in Acht nimmt. In der Vǫlospǫ́ steht Hlin geradezu für Frigg, die also offenbar nur allgemein als hilfreiche Schützerin so zubenannt ist.

Syn hütet die Thüren in der Halle und schliesst sie vor denen, die nicht hineingehen sollen. Auch ist sie bei den Thingversammlungen in solchen Streitsachen zur Schützerin bestellt, wo Männer etwas zu leugnen haben. Daher stammt die Redensart: Syn ist vorgeschoben, wenn jemand etwas zu leugnen hat. Syn, die Ableugnung stammt jedenfalls vom Zeitwort synja, leugnen. Der Name Syn findet sich schon beim Skald Egil Skallagrimsson und bei Eilif Guðrunarson.

Snotra ist weise und von feinem Anstand; nach ihrem Namen werden kluge Männer oder Frauen snotr genannt. Wie man sieht, sucht Snorri die betreffenden Ausdrücke aus den Namen der Göttinnen herzuleiten, während natürlich das Umgekehrte der Fall ist.

Gna wird von Frigg in ihren Angelegenheiten nach verschiedenen Orten entsendet. Sie hat ein Ross, das durch Luft und Meer zu schreiten vermag und Hofwarpnir (Hufwerfer) heisst. Es geschah einmal, dass ein Wane sie erblickte, als sie durch die Luft ritt. Er sprach:

Wer fliegt dort, wer fährt dort, Wer läuft durch die Luft?

Sie antwortete:

Nicht flieg ich, doch fahr ich, Durchlaufe die Luft Auf dem Rücken Hofwarpnirs, den die rasche Gardrofa Vom Hengste Hamskerpir empfing.

Endlich werden Sol (die Sonne) und Bil (Mondabnahme) zu den Asinnen gerechnet. Im Merseburger Zauberspruch entsprechen vielleicht Sunna, die Sonne, und Sinthgunt, die den Weg Erkämpfende. Siegreich über die Finsterniss beschreitet die Sonne ihre Bahn. Da Frija auch Sonnengöttin ist, kann der Name auf sie zielen.

4. Freyja.

Freyja⁠[537] ist nach Frigg die angesehenste unter den Göttinnen, Sie ist die Schwester des Freyr, Njords Tochter. Sie hat den Wohnsitz im Himmel, der Folkwang heisst, und wenn sie zum Kampfe sich begibt, so empfängt sie die eine Hälfte der Gefallenen und Odin die andere. So steht im Grimnirliede 14

Folkwang nenn ich, Freyja entscheidet, Wer die Sitze dort fülle im Saal; Von den toten Helden wählt sie täglich die Hälfte, Die andre fällt Odin zu.

Dort in Folkwang, auf dem Volksgefilde, erhebt sich die Halle Sessrymnir, die an Sitzen geräumige. Wenn sie eine Reise unternehmen will, so fährt sie mit ihren Katzen und sitzt in einem Wagen. Sie ist gern zur Hilfe bereit, wenn Menschen sie anrufen. Im Liede von Oddruns Klage 8 spricht die aus den Geburtswehen befreite Borgny den Heilwunsch über Oddrun:

So mögen dir helfen die holden Wesen, Freyja und Frigg und noch viele Götter, Wie du mich befreitest aus Fährde und Not.

Gut ist es, in Liebesangelegenheiten Freyja anzurufen. Ihr gefällt das Liebeslied. Zu den weiteren Eigenschaften der Freyja gehört das Brisingenhalsband, das lichte Geschmeide, und das Falkenhemd, das Loki mehrmals von ihr entlehnt. In der Ynglingasaga Kap. 4 wird von Freyja berichtet, sie habe zuerst unter den Asen den bei den Wanen längst gebräuchlichen Zauber (seiđr) geübt.

Von der Göttin Freyja findet sich ausserhalb des Nordens keine Spur. Während Frija gemeingermanisch ist, bleibt Freyja auf Norwegen und Island beschränkt. Zumal auf Island gedieh der Freyjakult am meisten, dort verdrängte sie geradezu die Frigg, wie sie auch in der spätisländischen Dichtung, den Skíđarímur, Odins Frau genannt wird. Freyja ist im Norden zu Freyr gebildet wie gyđja zu gođ, Finna zu Finnr.⁠[538] Ihre Art stimmt zu ihrem späten Ursprung, indem sie als Nachahmung bereits vorhandener Vorbilder sich erweist. Als Schwester Freys, Tochter Njords ist sie natürlich auch den Wanen zugehörig, vanabrúđr, vanadís, vanagođ d. h. Wanengöttin. Im Hyndlaliede 5 u. 7 reitet sie auf dem goldborstigen Eber Hildiswini, welchen die Zwerge Dain und Nabbi ihr schufen, sie ist also mit Freys Eigentum ausgestattet. Im übrigen aber wiederholt Freyja die Frigg, indem dieselben oder doch sehr ähnliche Mythen von ihr berichtet werden. Dabei lässt sich erkennen, dass die Sagen ursprünglich allein an Frigg haften und nur dort, wo Freyja im Vordergrund stand, auf diese übertragen wurden. Es handelt sich schwerlich um eine urgermanische Spaltung einer Göttin in zwei demzufolge wesensverwandte Gestalten, vielmehr um eine spätere nordische Abzweigung der Freyja aus Frigg. Deshalb geht Freyja zu einem guten Teil in Frigg auf. Die Freyjamythen dienen mehrfach dazu, das Bild der Frigg zu ergänzen. Endlich scheinen auch fremdartige Bestandteile, Züge der Venus mit Freyja verschmolzen, die sich somit als eine Schöpfung der Wikingerzeit herausstellt. Die verschiedenartigsten Motive sind zu einem eigenartigen neuen Gesamtbild vereinigt.

Wenn sich Freyja mit Odin in die gefallenen Helden teilt, wenn sie in geräumiger Halle ihnen Sitze anweist, so kann eine derartige Vorstellung nur dort aufkommen, wo Freyja den höchsten Rang unter den Göttinnen einnimmt. Nur die Hauptgöttin, Odins Gemahlin, kann gleiches Recht mit dem Gotte beanspruchen. Sessrymnir ist ein zweites Walhall, wo nicht Walvater, sondern Walfreyja, die Herrin der Wal, den Vorsitz hat. Wie Odin als König und Häuptling an der Spitze der Einherjer steht, so wird Freyja die erste der Walküren. Wenn Wingolf das Heiligtum der Göttinnen heisst und andrerseits die Wunschsöhne Odins in Walhall und Wingolf Aufnahme finden, könnte Wingolf mit Sessrymnir gleich sein, eine Halle, die unter Walfreyjas Obhut steht. Zu den Walküren stellt sich Freyja auch dadurch, dass sie in Walhall einmal das Schenkamt übt, was ja sonst Sache der Wunschmädchen ist. Wie der Riese Hrungnir mit prahlerischen Reden in Asgard gross that, wagte Freyja allein, ihm einzuschenken. Übrigens blieb Freyja als Führerin der Walküren und Eignerin der Wal ein dichterischer Versuch, indem die Vorstellung dieser zweiten Totenhalle unter Freyja weder allgemein noch vollständig ausgebildet erscheint. Freyja und Sessrymnir erlangten kaum dieselbe Bedeutung und Anerkennung wie Odin und Walhall; hier tritt uns der dichterische Glaube vieler, dort der weniger entgegen. Mit Frigg gleichgesetzt begegnet aber Freyja namentlich auf Island. Am Allding 998 suchte der Priester Dankbrand den Isländern das Christentum aufzudrängen, doch ohne grossen Erfolg. Hjallti Skeggjason, der bereits Christ war, gab seinem Ärger über den missglückten Bekehrungsversuch in einem Schmähvers⁠[539] auf die Heidengötter Ausdruck: „Ich will nicht wider die Götter bellen: ein Hund dünkt mir Freyja. Jedenfalls ist eines von beiden, Odin oder Freyja, ein Hund.“ Hjallti wurde wegen dieser Lästerung des Landes verwiesen. In dieser Schelte will Hjallti die ersten isländischen Götter treffen und nennt Freyja und Odin. Das Verhältniss zwischen beiden ist wol als ein eheliches aufzufassen, Freyja steht für Frigg.

In den Tagen Olafs des Heiligen hielten die Bauern um Drontheim zu Anfang des Winters Gastmähler und Opfer um gute Jahreszeit. Da wurde alle Minne dem Thor geweiht und dem Odin, der Freyja und den Asen. Wahrscheinlich liegt aber hier ein Versehen des Schreibers der Saga vor: dem Odin, Thor und Freyr, der Götterdreiheit, die auch Adam von Bremen für den Uppsalatempel nennt, wurde der Minnebecher geweiht.⁠[540]

In der folgenden Sage, wo eine Verwechselung ausgeschlossen ist, spielt Freyja die Rolle der Frigg und befindet sich wol im ehelichen Verhältniss zu Odin.

König Alfrek hatte zwei Frauen, Signy und Geirhild. Die konnte er ihrer Uneinigkeit wegen nicht beide behalten. Da sagte er, er wolle diejenige behalten, welche das beste Bier gebraut haben würde, wenn er von der Fahrt zurückkäme. Sie wetteiferten nun im Brauen. Signy rief Freyja an und Geirhild Hott (d. i. Odin unter dem Namen Hǫttr, der mit dem Hute). Dieser gab statt der Gähre seinen Speichel und so bestand Geirhilds Bier die Probe. Doch hatte sie ihr Kind, den nachmaligen König Wikar, für die Hilfe dem Odin zu eigen geben müssen.⁠[541] Die Wette, welche zwischen den Frauen zum Austrag kommt, ist von der Beihilfe der Götter abhängig. Da messen sich Odin und Freyja ebenso wie sonst Odin und Frigg, Wodan und Frîa, nur dass diesmal Odin gewinnt. Freyja vertritt aber vollständig Frigg.

Eine hervorragende Stellung wird der Freyja auch durch folgenden Zug des isländischen Glaubens zugeteilt. Der Skald Egill hatte beschlossen, keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen und zu sterben. Seine Tochter Thorgerd wollte ihm folgen und sagte: Ich habe kein Nachtmahl zu mir genommen und werde keines mehr nehmen als bei Freyja. Ich will meinen Vater nicht überleben.⁠[542] Wie Helden hoffen, noch abends bei Odin Gast zu sein, spricht hier eine Jungfrau einen ähnlichen Gedanken in Bezug auf Freyja aus. Daraus darf der wenigstens teilweise herrschende Glaube erschlossen werden, dass Freyja die verstorbenen Frauen zu sich versammle. Allerdings wird Walfreyja damit kaum zu vereinigen sein, beide Vorstellungen schliessen sich aus. Alter Glaube mag aber zum Gotte die Männer, zur Göttin die Frauen gewiesen haben.

5. Freyja und Brisingamen.

Freyja, Njords Tochter, war die Geliebte Odins von Asgard. Vier Zwerge, kunstreiche Schmiede, wohnten in der Nähe der Königshalle. Als Freyja einmal ihre Höhle besuchte, erblickte sie ein schönes, goldenes Halsband, das jene anfertigten. Nach seinem Besitze verlangend bot sie den Zwergen Silber, Gold und andere Kostbarkeiten dafür. Jene erwiderten, solcher Dinge bedürften sie nicht, doch wollten sie das Halsband an Freyja verkaufen, wenn jeder von ihnen eine Nacht ihr beiwohnen dürfe. Sie stimmte zu, und in den nächsten vier Nächten bekam jeder der Zwerge, die Alfrigg, Berlingr, Dvalinn und Grerr hiessen, den ausbedungenen Lohn. Der Bericht fährt weiter, wie Loki auf Odins Geheiss der Freyja das Halsband stahl. Als Freyja ihren Schmuck von Odin zurückverlangte, erhielt sie ihn nur gegen das Versprechen, zwei gleich mächtige Könige in einen unaufhörlichen Kampf gegen einander zu hetzen. So erzählt der im 14. Jahrhundert auf Island niedergeschriebene Sörla Þättr.⁠[543] Die Sage ist als Einleitung der Geschichte von Hedin und Hilde, deren Kämpfe von Freyja zur Einlösung ihres Versprechens veranlasst werden, vorangestellt. Mögen auch die Einzelheiten der Erzählung jung sein, in der Hauptsache ist sie aus älterer Überlieferung geschöpft. Bereits im Lied von Thrym (12, 14, 18) ist Freyja im Besitze des Schmuckes Brísingamen⁠[544], Ulfr Uggason dichtete, wie Loki ihn raubte und Heimdall ihn zurückgewann. Brísingar ist vermutlich eine Benennung der ursprünglichen Eigentümer und Verfertiger des Halsbandes. Jene kunstreichen Zwerge sind oder vertreten die Brísingar. Da nun Freyja ebenfalls von Anfang an mit dem Vorwurfe der Buhlerei bedacht wird, lässt sich sehr wol die Erzählung, wie sie in den Besitz dieses „Brísinga men“ kam, als einer der Gründe hierfür annehmen. Wenn Saxo von Frigga weiss, sie habe sich „uni familiarium“ um goldenen Schmuck ergeben, so wird die nämliche Sage gemeint sein, nur mit Verwechslung zwischen Freyja und Frigg. Wenn endlich die am Rande des Himmels auf einem Berge schlafende Lichtgöttin, die Sonnenjungfrau, welche der rasche Tag, der Held Swipdag sich gewinnt, den Namen Menglod, die Halsbandfrohe führt, so vereinigen sich alle diese Züge zu einem von der Gemahlin des Tiuȥ einst geltenden Mythus.

Frija wird von den Brisingen, den Göttern des Zwielichts, dem reissigen Brüderpaar griechischer und indischer Sage, aus dem nächtigen Dunkel heraufgeführt. Die Brisingen sollen die Braut dem Tiuȥ zuführen, trachten aber selber nach ihrer Liebe. Ein glänzendes Halsband, das Brísinga men, von ihnen selbst gefertigt, bieten sie der Göttin für ihre Gunst. Und sie willigt ein, der goldene Schmuck bringt ihre Treue zu Fall. Frija wird einmal als die alleinige Eignerin des Schmuckes, der glänzenden Sonne, gedacht worden sein und darum Menglod heissen. Nur in Norwegen und auf Island nahm später Freyja, wie so häufig, auch hier ihre Stelle ein. Saxos oben erwähnte Erzählung bringt also zwei an und für sich ganz verschiedene, nach Alter und Ursprung weit auseinander liegende Berichte in Verbindung, die allerdings denselben Grundgedanken, Frijas Untreue, enthalten. Der eine Mythus entstand, so lange Frija noch dem Tiuȥ allein gehörte, der andre, als Wodan-Odin ihn verdrängte.

5. Freyja und die Riesen.

Freyja wird mehrmals von Riesen zum Weibe begehrt, und nur dem Dazwischentreten Thors ist es zu danken, dass sie den Göttern erhalten bleibt. So verlangt Thrym die Göttin gegen Herausgabe des Hammers. Der Riesenbaumeister, welcher den Göttern eine Burg zu bauen versprochen hatte, bedang sich als Lohn Freyja, dazu Sonne und Mond. Loki hatte zur Annahme des Vertrages geraten. Hrungnir wollte Freyja und Sif mit sich fortführen und alle andern Götter töten. Freyja als Schwester Freys mag in solchen Sagen die schöne Jahreszeit, Glanz und Wärme der Sonne, die Grundbedingung des Wachstums und Gedeihens bedeuten.⁠[545] Darum stellen ihr die rauhen Riesen, die entfesselten Elemente, die winterlichen Stürme nach. Ohne Licht und Wärme verdirbt die Welt, und nach dem Verderben der Götter- und Menschenwelt trachten die Riesen. Die Wanen haben manche Züge mit den Elben gemeinsam, und so gleicht Freyja einer Lichtelbin. Elbinnen werden vom wilden Jäger, von den entfesselten Elementen verfolgt. Auf der Grundlage solchen allgemein bezeugten Aberglaubens mochten Sagen erwachsen wie die eben erwähnten.

7. Freyja als Venus vulgivaga.

Im Lied von Thrym erscheint Freyja streng und herb. Als Loki an sie das Ansinnen stellt, mit dem Brautschleier geschmückt nach Riesenheim zu fahren, da schnaubt Freyja vor Zorn, dass die Burg erbebt und das Brisingenhalsband zerbrochen niederfällt.

„Die Männertollste müsste ich heissen, Reiste ich mit dir ins Riesenland.“

Als sie den Zwergen um das Brisingenhalsband sich ergab, war sie andern Sinns. Auch die von Loki in der Lokasenna erhobenen Vorwürfe werfen ein sehr schlimmes Licht auf die Göttin:

30. Schweige du, Freyja, dich kenne ich völlig, Du bist nicht von Fehlern frei: Von den Asen und Elben, die hier innen sind, Hast du jeden gern beglückt.

Noch ärgerer Frevel war es, als die Götter Freyja im Bette des eigenen Bruders, des Freyr, ertappten. Die böse Schelte wird durch keine entsprechende Sage gerechtfertigt, überhaupt wurzelt sie schwerlich in nordischer Überlieferung, sondern ist antiken Ursprunges. Da heisst es freilich, Venus sei so schamlos gewesen, dass sie mit einem jeden buhlte, sogar mit ihrem Vater und Bruder.⁠[546] Eine Übertragung von Zügen der Venus war umso leichter, als der Frijatag aus dies Veneris bereits Frija und Venus in Zusammenhang brachte.

Anknüpfungspunkte für die Wandlung der Freyja zur Venus vulgivaga boten allerdings auch die nordischen Sagen selber. Freyja buhlt mit den Zwergen; wo Frigg als Gattin Odins zugleich festgehalten wird, sinkt Freyja ihrer Vertraulichkeit mit Odin halber zur Buhlerin des Gottes, zu seiner friđla, herab. Weil Thor die Freyja vor den begehrlichen Riesen schirmt, heisst er langvinr þrungvar⁠[547], alter Freund der Freyja, was zweideutig ausgelegt werden konnte. Als Freyja von Ottar, einem edlen Norweger um Beistand angerufen wurde und, um die ihm notwendige Kenntniss der Vergangenheit zu erlangen, die Hilfe der Riesin Hyndla in Anspruch nimmt, schleudert auch diese ihr Schmähungen nach. „Dem Odr liefst du lüstern nach und auch andre schlüpften dir unter die Schürze. Du schweifst zur Nacht draussen wie Heidrun die Ziege unter den Böcken.“⁠[548]

8. Freyja und Odr.

Freyja war dem Manne vermählt, der Odr heisst. Die Tochter der beiden ist Hnoss (Kleinod); sie war so schön, dass nach ihrem Namen kostbare Gegenstände hnossir genannt werden. Odr zog fort in ferne Lande; Freyja aber blieb weinend zurück und ihre Thränen sind rotes Gold. Freyja hat viele Namen; das kommt daher, dass sie sich selbst verschieden benannte, als sie zu fremden Völkern kam, um den Odr zu suchen. Sie heisst Mardoll, Horn, Gefn, Syr. Als Óþs mær, Ods Braut kennt bereits die Vǫlospǫ́ 25 die Freyja. Schon im Abschnitt über Wodan wurde darauf hingewiesen, dass die Sagen vom Wode, der einer Frau nachreitet, damit zusammenhängen können. Wer in der Zaubrerin Gullweig, der Goldigen, welche in Odins Halle verbrannt den Anlass zum Wanenkriege gab, eine aus der nach der Ynglingasaga gleichfalls zauberkundigen Freyja abgezweigte Gestalt annehmen will, kann auch hierin eine Spur jener Volkssage finden. Die Sage von Freyja und Odr kehrt das Verhältniss der vom Wode und von der Elbin um; die Gestalt der die Lande durchschweifenden, goldene Thränen weinenden Göttin sieht nicht germanisch aus. Die wunderlichen Namen wie Mardoll⁠[549] (aus dem Meer aufleuchtend oder hell glänzend), Syr (dea Syria?), Hǫrn oder Horn (cornuta, Mondessichel) kommen gerade hier vor und gemahnen an Entlehnung. Zur Erklärung pflegt man Jahresmythen heranzuziehen: der sommerliche Gott entschwinde mit dem Herbst der Gattin, die trauernd und verlassen zurückbleibe. Freyja und Odr bilden den Gegensatz zu den Werbungssagen Freys und Swipdags um Gerd und Menglod, Odins um Rind u. ä. Aber diese allgemeine Formel reicht nicht aus, sie lässt die goldweinende und trauernd umherschweifende Freyja unerklärt. Die Weichheit, die über dieser Erzählung lagert, erinnert an orientalisch-griechische Mythen. Dort mag vielleicht der Ursprung der Sage zu suchen sein. Aber Sicheres ist noch nicht ermittelt. Nur soviel steht fest, dass der Mythus von Odr und Freyja allein dem Norden gehört, nicht germanisch ist. Die zum Vergleich herangezogenen deutschen Sagen, die hohes Alter der Mythe erweisen sollten, sind gefälscht oder mindestens anders, ohne Beziehung auf Odr und Freyja, zu erklären.⁠[550]

9. Freyjakult.

Für den Freyjadienst zeugt ausser dem zweifelhaften Minnebecher, welcher Nachrichten des 14. Jahrhunderts zufolge der Göttin geweiht wurde, die Strophe 10 des Hyndlaliedes, wo Freyja ihrem Verehrer nachrühmt:

Er türmte aus Steinen den Altar mir auf — Der Gneis ist nun zu Glas zerschmolzen⁠[551] — Gefärbt ward er mit frischem Stierblut — Ottar glaubte an die Asinnen stets.

Mit Nerthus fuhr ein Priester umher, mit dem Bilde des Freyr eine Priesterin. Damit scheint die Umfahrt des göttlichen Ehepaares angedeutet, dessen eine Hälfte durch einen Menschen vertreten war. Dass mit Freyr unter der Gestalt seiner Priesterin Freyja umfuhr, ist möglich, wird aber in der Quelle nicht angedeutet.

10. Gefjon.

In Gefjon⁠[552] verbirgt sich wol niemand anders als Freyja, wenigstens wird dasselbe von ihr erzählt. Der Name gehört vielleicht zu Gefn⁠[553], wie ein ausdrücklich der Freyja zugelegter Beiname lautet. Der Gefjon dienen diejenigen, welche als Jungfrauen sterben. So hofft auch Thorgerd, Egils Tochter, Abends bei Freyja zu gasten. In der Lokasenna entspinnt sich folgendes Gespräch zwischen Loki und Odin.

Loki: Schweige du, Gefjon, nimmer vergess ichs, Wer zur Lust dich verlockt; Der blonde Bursche bot dir den Schmuck, Da schlangst du die Schenkel um ihn. Odin: Toll bist du und thöricht, Loki, Wenn du Gefjons Grimm erregst, Denn sie weiss die Weltgeschicke Alle ebenso gut wie ich.

Dass Gefjon Odins vertraute Mitwisserin ist, dass sie um goldenen Schmuck sich preisgab, passt sowol auf Freyja als auf Frigg. Demnach kann Gefjon ebensowol unmittelbar und selbständig aus Frigg abgezweigt sein wie mittelbar aus Freyja. Für letztere spricht der mutmaassliche Zusammenhang der Namen Gefjon und Gefn. In einem um 1300 verfassten, doch vielleicht auf 100 Jahre älterer Grundlage beruhenden isländischen Gedichte, im sog. Volsa þáttr, beteuert ein Mädchen bei Gefjon und den andern Göttern. Gewöhnlich werden im Eide nur hervorragende Gottheiten angerufen. Der Skald Thjodolf⁠[554] braucht für den Begriff Frau die Umschreibung ǫl-Gefn und ǫl-Gefjon, Kormak men-Gefn. In der älteren Dichtung wird Gefjon nur ein Name der Freyja gewesen sein. Der Verfasser der Lokasenna aber verstand eine besondere Göttin darunter, denn er lässt Gefjon neben Frigg und Freyja auftreten, obschon er nichts Besonderes und Eigentümliches von ihr weiss. Auch Snorre, welcher Gefn nicht von Freyja scheidet, führt Gefjon gesondert auf.

Von Gefjon geht noch eine merkwürdige Sage.⁠[555] König Gylfi herrschte über das Land, das jetzt Schweden heisst. Von ihm wird erzählt, dass er einem fahrenden Weibe zum Dank für das Vergnügen, das sie ihm durch ihre Künste bereitet hatte, so viel Ackerland zugestand, als vier Ochsen in einem Tage und einer Nacht umpflügen könnten. Das Weib aber war vom Geschlechte der Asen und hiess Gefjon; sie nahm vier Ochsen, ihre eignen Söhne, die sie fern im Norden in Jotunheim einem Riesen geboren hatte, und spannte sie vor den Pflug. Der Pflug ging so scharf und tief, dass er das Land herausriss, und die Ochsen schleppten es gen Westen in das Meer hinaus, bis sie in einem Sunde stehen blieben. Hier festigte Gefjon das Land und gab ihm den Namen Selund (Seeland). Dort aber, wo das Land herausgerissen war, entstand ein See, der jetzt in Schweden Log (der Mälarsee) genannt wird; und es liegen so die Buchten im Log, wie die Vorgebirge in Selund. Davon erzählt der Skald Bragi der Alte.

Die Ynglingasaga verknüpft diese Geschichte mit der Einwanderung der Götter aus Sachsen über Dänemark nach Südschweden. Aus Odinsey in Fühnen entsandte Odin die Gefjon nordwärts über den Sund, um Land zu suchen. Da kam sie zu Gylfi, der ihr Ackerland gewährte. Darauf fuhr sie nach Jotunheim und gebar einem Riesen vier Söhne, welche sie zu Ochsen verwandelte und vor den Pflug spannte. Da zog sie das schwedische Ackerland hinaus ins Meer, westlich gegenüber Odinsey, und es heisst nun Selund. Dort nahm sie ihren Wohnsitz. Skjold, Odins Sohn, der Ahnherr des dänischen Königsstammes der Skjoldungen, freite um sie, und sie hausten zu Hleidra. Auch hier wird Bragis Strophe als Zeugniss der Erzählung angeführt.

Man hat schon daran gezweifelt, ob die pflügende Gefjon mit der göttlichen eins sei, ob nicht bloss Namensgleichheit vorliege. Gering in seiner Eddaverdeutschung unterscheidet zwischen der Göttin Gefjon und der landpflügenden Riesin Gefjon. Doch lässt sich die Trennung beider nicht als begründet erweisen. Sagen von Landerwerbung wie hier durch Umpflügen, wobei meistens die Voraussetzung herrscht, dass der Land Gewährende einen weit geringeren Teil abzutreten gewillt ist, als ihm dann wirklich abgenommen wird, kommen oft vor. Das älteste Beispiel ist Dido. Die Sagen sind oft örtlich, d. h. sie entspringen besonderen Namen oder Merkmalen des Landes, wie hier die Buchten und Landzungen von Seeland und im Mälarsee die Vergleichungspunkte geben. Warum aber gerade Gefjon zur Begründerin der dänischen Insel wurde, bleibt rätselhaft.

11. Idun.

Idun⁠[556] heisst die Gemahlin Bragis. Sie bewahrt in ihrer Truhe die Äpfel, welche die Götter geniessen müssen, wenn sie anfangen zu altern: davon werden sie wieder jung, und so wird es bleiben bis zum Untergang der Götter. Sehr viel haben die Götter der Hut und Sorgfalt Iduns anvertraut. Einmal wäre es aber doch beinahe übel abgelaufen. Der Riese Thjazi, der in Adlergestalt den mit einer Stange nach ihm schlagenden Loki gefangen hatte, sagte, er werde ihn nicht loslassen, wenn er nicht Idun mit ihren Äpfeln herbrächte. Loki versprach das und führte in der That die Idun hinaus. Er lockte sie nämlich unter dem Vorwande fort, dass er ihr Äpfel zeigen wolle, die ihr überaus kostbar erscheinen würden, und bat sie, ihre eigenen Äpfel mitzunehmen, damit sie einen Vergleich anstellen könne. Und so ging sie mit ihm. Da kam der Riese Thjazi in Adlergestalt und flog mit ihr nach Thrymheim. Den Asen erging es schlimm beim Verschwinden der Idun, sie wurden schnell alt und grau. Sie versammelten sich und fragten einander nach Idun. Sie war zuletzt gesehen worden, wie sie mit Loki aus Asgard ging. Da wurde Loki ergriffen und zum Ding geschleppt und mit Folter und Tod bedroht. Dadurch erschreckt gelobte er, er wolle Idun in Riesenheim suchen, wenn Freyja ihm ihr Falkenhemd leihe. Wie ers erhielt, flog er gen Norden nach Riesenheim und kam zur Wohnung des Riesen Thjazi, als dieser gerade auf die See hinaus gerudert war. Er verwandelte die Idun, die allein zu Hause war, in eine Nuss und flog mit ihr davon. Als Thjazi heimkam und Idun vermisste, schlüpfte er in sein Adlergewand und flog ihnen nach; wie aber die Asen den Falken herankommen sahen, nahmen sie einen Haufen Hobelspähne und zündeten sie an. Der Adler vermochte seinen Flug nicht schnell genug zu hemmen, sein Gefieder fing Feuer, und nun töteten sie den Riesen innerhalb des Gitters von Asgard.

Auf eine sonst verlorene Sage spielt Lokis Schelte an:

Schweige du, Idun, die von allen Weibern Am meisten nach Männern jagt! Um ihn wandst du die weissen Arme, Der die Brust deines Bruders durchstiess!

In der Sage von Idun, der Hüterin der Äpfel, verschmolzen mehrere Bestandteile mit einander. Dass der Idun von Riesen nachgestellt wird, erinnert an die ähnlichen Sagen von Freyja. Die Feindschaft der Riesen gegen die Götterwelt kommt dadurch zum besondern Ausdruck, dass mit Idun auch die Äpfel, die Quelle der Jugendkraft, den Göttern entzogen werden. So erscheint der Bestand der Welt bedroht, wenn Idun in die Hände der Riesen fällt. Alle diese Beziehungen, auch den Vorwurf der Buhlerei wol nach dem Muster der Freyja, mögen nordische Skalden selbständig geschaffen haben. Wie bei Freyja versucht Uhland auch bei Idun natursymbolische Auslegung des Mythus. In Idun ist das frische Sommergrün an Gras und Laub persönlich geworden. Iduns Raub durch den Riesenadler Thjazi stellt die Entblätterung der Bäume und Entfärbung der Wiesen durch den rauhen Hauch der Herbst- und Winterwinde dar. Im Frühling bringt Loki, die warme Luft, das Grün zurück. Diese Deutung ist zu allgemein, um als befriedigende Lösung gelten zu können. Iduns Verhältniss zum Riesen, die Rolle, die Loki dabei spielt, ist der Sage vom Riesenbaumeister, der Freyja verlangt, auf Lokis Rat sie zugesprochen erhält, durch Lokis List aber sie auch wieder verliert, in der Hauptsache nachgeahmt. Das unterscheidende Merkmal der Idunsage bilden aber Iduns Äpfel, deren Herkunft aus christlicher und antiker Mythologie Bugge nachgewiesen hat. Seinen Aufstellungen kann ein Unbefangener nicht widersprechen, schon um der Äpfel willen, die auf Island nie vorkamen und auch in Norwegen kaum anders als mit den Klostergärten Eingang fanden. In Dänemark, wo die Frucht früher begegnet, fehlt wieder die Idunsage. Iduns Äpfel stammen also jedenfalls aus der Fremde. Aus dem Kreise biblischer Vorstellungen scheint eine Volkssage entwickelt zu sein von einem Apfelbaum, der über einer Quelle sich erhebt. Die Äpfel und das Wasser verleihen ewiges Leben. Ebenso wirken die Äpfel in den Gärten der Hesperiden. Welcher Kranke davon geniesst, wird sofort gesund. In Irland geht eine Sage, wie drei Brüder in Falkengestalt die Wunderäpfel Hisbernas rauben. Sie werden von den Töchtern eines Königs, welche Greifengestalt annehmen, verfolgt, entkommen aber glücklich. Die irische Sage, obwol nur in jüngerer Fassung überliefert, scheint in höheres Alter zurückzureichen. Sie ist zweifellos, wie schon der Name Hisberna lehrt, aus den Hesperidenäpfeln entwickelt. In einer ähnlichen Gestalt dürfte sie einst den Wikingern auf Irland bekannt geworden sein. Von den Äpfeln und ihrer wunderbaren Eigenschaft, von ihrem Raube hörten die Nordleute und daraus schufen sie die Geschichte von Idun und ihren Äpfeln. Der Name Idun meint Erneuung, Verjüngung; er wird wol erst mit der Sage selber, welche die Äpfel in die Verwahrung der Göttin gab, entstanden sein. Somit stellt sich der Idunmythus als ein ziemlich spätes Erzeugniss der nordischen Skalden heraus. Die Grundlagen bestimmen sich in Kürze dahin, dass die Göttin selbst und ihr persönliches Verhältniss zu Thjazi und Loki in Anlehnung an Freyjasagen erdichtet wurde, während die Äpfel als Heilmittel gegen das Alter christlichen oder antiken Vorstellungen entstammen. Die Art und Weise, wie Loki Idun, zur Nuss verwandelt, zurückholt, vergleicht sich der irischen Sage vom Raube der Hisbernaäpfel. Im Anfang der Erzählung sind Idun und die Äpfel auseinander gehalten, am Schluss trägt Loki eine Nuss nach Asgard heim. Das deutet auf Verwirrung. Man erwartet, dass Loki die Äpfel, deren die alternden Asen dringend bedürfen, zurückträgt, die Idun durch irgend eine List aus der Gewalt des Riesen löst.

Die Göttin der Jugend, dem bärtigen Sängerahn Bragi vermählt, ist ein schönes dichterisches Bild.

12. Menglod.

Menglod, die Halsbandfrohe, darf als ein Name der Frigg-Freyja gedeutet werden und darum geht auch der von ihr erzählte Mythus eigentlich auf Frija. In Swipdag, ihrem Erlöser und Gemahl, im raschen Tage, erkennt man den lichten Tags- und Himmelsgott. Frija-Menglod scheint die Jungfrau Sonne, die am Rande des Himmels auf einem Berge schläft, umgeben von loderndem Feuer, der flammenden Morgenröte. Tag, Sonne, Morgenröte verkörpert die Dichterphantasie als besondere Gestalten oder Zustände. Der Wohnsitz, wo die schöne Göttin mit hilf- und segensreichen Genossinnen thront, ist von wabernder Lohe und andern Schrecknissen umzogen und jedem unzugänglich, selbst dem erwarteten Geliebten, wie er in erster Dämmerung, im Morgenwind als Windkald, Kalds Sohn, erscheint. Alle Hindernisse aber schwinden, sobald er sich mit seinem rechten Namen, Swipdag, Solbjorts (des Sonnenhellen) Sohn nennt und sich in seiner wahren Gestalt zeigt. Selten ist ein Mythus durch die Namen der Hauptgestalten gleich durchsichtig wie hier. Soviel Schwierigkeiten der Erklärung aller Einzelheiten in den Fjǫlsvinnsmǫ́l auch entgegenstehen, der Grundgedanke der Dichtung tritt mit zweifelloser Deutlichkeit zu Tage: wie der Tag die Sonne zum Weib gewann. Swipdag kann nur aus Tiuȥ abgezweigt sein, und darum reicht die Sage in hohes Alter zurück. Sie entstand, solang die sonnige Göttin, Frija die Halsbandfrohe, allein dem lichten Tagesgott zu eigen war, ehe der brausende mächtige Sturmwind sie an sich gerafft hatte.⁠[557]

13. Schlussbemerkungen.

In seiner Abhandlung über Frija und den Halsbandmythus gelangte Müllenhoff⁠[558] zu dem Ergebniss, nachdem er die Überlieferung über Frigg mit Hilfe der Sagen von Freyja, Menglod u. A. ergänzt hatte, dass die Ausbildung dieser Mythen der Zeusreligion der Germanen angehöre, dass die Sagen in uralten Vorstellungen des indogermanischen Volkes wurzeln. „Wir behaupten, dass die Frija, die Sonnen- oder Morgengöttin bei den Germanen, einst die Gemahlin des Irmintiu war und erst an Wodan überging, als dieser sich zum Himmelsgott aufschwang, dass sie die ursprüngliche, einzig wahre Inhaberin des grossen Halsbandes war, und dass der Streit, der sich daran schloss, so verlief, dass er mit dem Tode der Knaben, die sie in der Frühe auf ihrer Laufbahn geleiteten, durch den höchsten Gott ein Ende nahm, dass das Halsband ihr mit oder wenigstens nicht ohne ihres Mannes Willen geraubt, dann durch den guten Gott der Frühe zurückerkämpft und wiedergegeben wurde. Wir erblicken nunmehr die ganze Kette von Mythen, die unter wechselnden Gestalten, vom ersten Morgengrauen beginnend, die glanzvolle Erscheinung der Himmelskönigin, auch das Verschwinden ihres Lichtes am Abendhimmel schildern und so den Verlauf eines Tages umschreiben.“

J. Grimm, Mythologie 284 urteilte so: „Die Wichtigkeit dieser Sage von der Göttin Halsschmuck steigt aber noch, wenn wir griechische Mythen hinzuhalten. Brísingamen ist nichts anderes als Afrodites ὅρμος (Hymn. in Ven. 88) und die Kette wiederum ihr Gürtel, der κεστὸς ἱμὰς ποικίλος, den sie am Busen trägt, dessen Zauber alle Götter und Sterbliche bewältigt. Von ihrem Hals (ἀπὸ στήθεσφιν) löst und leiht sie ihn der Here, die den Zeus damit reizen will, das wird in einem uralter Göttersage vollen Liede (Il, 14, 214–218) erzählt. Wie den ἱμάς Here und Afrodite wechselsweise tragen, schreibt die nordische Fabel das Geschmeide bald der Frigg, bald der Freyja zu, denn jenes Gold der Frigga bei Saxo fällt mit Brísingamen zusammen. Dazu tritt eine andere Ähnlichkeit. Freyja besitzt nach derselben Erzählung ein schönes und so starkes Gemach, dass, wenn die Thüre verschlossen war, niemand ohne ihren Willen hinein kommen konnte. Mit welcher List Loki dennoch eindrang und ihr das Halsband raubte, wird berichtet. Homer meldet es nicht, wol aber weiss er Il. 14, 165–168 von Heres θάλαμος,

τόν οἱ φίλος υἱὸς ἔτευξεν Ἥφαιστος, πυκινὰς δὲ θύρας σταθμοῖσιν ἐπῆρσε κληῖδι κρυπτῇ, τὴν δ’ οὐ θεὸς ἄλλος ἀνῷγεν.

Was stimmt genauer zu jenem unnahbaren Gemach der Freyja, zumal des ἱμάς gleich darauf gedacht wird? Hefäst, der seiner Mutter das kunstreiche Zimmer baute, halte ich zu den Zwergen, die der Freyja das Halsband schmiedeten. Die Identität der Frigg und Freyja mit Here und Afrodite muss auch nach diesem Mythus wirklich einleuchten.“ Ist Freyjas Halsband das der Afrodite, dann fällt allerdings Müllenhoffs Beweis, weil dann Entlehnung, nicht Urverwandtschaft anzunehmen wäre; weil Afrodite keine urgriechische, indogermanische Göttin ist, bedingt die Anerkennung einer engeren Verwandtschaft zwischen ihr und einer germanischen Göttin zugleich die Annahme, dass die Freyja einen Teil ihres Wesens durch Afrodite-Venus erhielt. Auf fremden Ursprung weist endlich noch das Gespann der Freyja. Es kommt nichts Genaueres in einer Sage vor, nur allgemein ist Freyja Besitzerin der zwei Katzen genannt, mit denen sie im Wagen fährt.⁠[559] Das Tiger- und Löwengespann orientalischer Gottheiten ist nach Bugge (Christiania Morgenbladet 16. Aug. 1881) Vorbild für Freyjas (Tiger-?) Katzen.

II. Die Erdgöttin.

Die Verehrung der mütterlichen Erde ist auch unter den Germanen nachweisbar. Himmel und Erde scheinen überhaupt das älteste Götterpaar aller Mythologien zu sein. Der Himmel ist die männliche, zeugende, befruchtende Gottheit, die Erde die empfangende und gebärende. Im Norden heisst sie mit einfach schönem Namen Jord, Erde. Ihr Gemahl ist Odin, ihr Sohn Thor.⁠[560] Aber dieses Verwandtschaftsverhältniss ist nicht ursprünglich. Einst war der Himmelsgott der Gemahl der Jord, die er mit Licht und Wärme im Lenz aus der Gewalt finstrer Riesen befreite und segnete, wie Freyr die Gerd. Das alte Verhältniss tritt aus einer zweiten Benennung noch zu Tage. Thors Mutter heisst auch Fjǫrgyn. Jord und Fjorgyn sind eins. Neben der Fjorgyn steht ein männlicher Fjorgynn, als dessen Gattin einmal Frigg bezeichnet wird.⁠[561] Da derselbe Name von Gott und Göttin gebraucht wird, muss ein altes Beiwort der Gottheit darin verborgen sein. Wirklich lässt sich auch Fjorgynn als Beiname des Himmelsgottes nachweisen. Zu Grunde liegt der urgermanische Wortstamm fergu (quercus). Im Litauischen heisst der Donnergott ebenfalls Perkunas, so dass das Beiwort also bereits vorgermanisch sein muss. Der Sinn des Namens ist zur Eiche gehörig, auf Eichen bezüglich, eichen (querceus). Der litauische Donnerer führt also eigentlich den Namen Eichengott. Dem Juppiter und dem Donar war die Eiche geheiligt. Somit war *fergunjaȥ eine Benennung des Himmelsgottes in seiner Eigenschaft als Donnerer, ein Beiname Donars, dessen Bedeutung frühzeitig verloren ging. *fergunjô wird ursprünglich wol die Gattin des Donar geheissen haben, jedenfalls empfing die Göttin den Namen erst vom Gott, dem er seit Urzeiten und einstens sicher allein gehörte. Denn Fjorgynn und Fjorgyn bildeten einmal ein Paar, Himmel und Erde. Und damals schon wird die Erdgöttin von ihrem göttlichen Gemahl den Zunamen erhalten haben. Hernach blieb er ihr, Fjorgynn aber ging auf den inzwischen an die Spitze des Götterstaates getretenen Odin über. Dem alten Eigentümer, Thor selber, kam er abhanden, nur noch ein loser, unverstandener Zusammenhang zeigt sich darin, dass er Fjorgyns Sohn heisst.

Ein angelsächsischer Flursegen⁠[562], der freilich erst aus christlicher Zeit überliefert ist und darum mancherlei christliche Züge einmischt, zeigt den Kult der Erde am lebendigsten. Da werden neben Gott, Maria und den Heiligen auch unmittelbar, als wären es persönliche Wesen, Erde und Himmel (eorđe and upheofen) um Fruchtbarkeit angefleht. Merkwürdig klingt folgende Anrufung: Erce, Erce, Erce, eorþan módor! Es vergönne der allwaltende, ewige Herrscher, dass die Äcker wachsen und gedeihen, in Fruchtbarkeit wetteifern; er gönne des Kornes Wachstum, der breiten Gerste, des weissen Waizens, aller Erde Wachstum. Das Wort Erce scheint Erde zu bedeuten, und die Erde selber wurde sicherlich einst allein angerufen. Warum aber Erce Mutter der Erde genannt wird, bleibt unklar. Vielleicht ist irgend eine Verderbniss der Überlieferung anzunehmen. Besonders schön und anschaulich ist das Gebet, unter welchem man den Pflug in Bewegung setzt und die erste Furche zieht. „Heil dir, Erde, Mutter der Menschen, sei du wachsend in Gottes Umarmung, mit Nahrung erfüllt zum Nutzen der Menschen!“ Der angelsächsischen Anrufung „hál wes þu, folde, fira móder“ entspricht genau Brynhilds Gruss beim Erwachen aus dem Zauberschlafe: Heil euch, Götter, Heil euch, Göttinnen, Heil dir, fruchtbare Erde (heil siá en fjǫlnýta fold)! Beidemal wird die Erde „fold“ genannt. Offenbar wirkt im ags. Segen und im nordischen Tagesgrusse eine altgermanische Formel nach, ein Gebet an die Erdgöttin, die Mutter der Menschen, Urquell alles Lebens ist. Deutlich wird ihr Liebes- und Ehebund mit dem Himmelsgotte erwähnt. Aus solchen feierlichen Opfergebeten mögen Lieder und Mythen entspringen, wie das Lied von Freyr und Gerd. Im englisch-nordischen Gebet an Fold, die in des Gottes Umarmung fruchtbar wird, liegt gleichsam der Keim der schönen mythischen Dichtung, die aus den Skírnismǫ́l hervorleuchtet.

Zu den Erdgöttinnen wird seit Finn Magnusen auch die spröde Rind gerechnet, welche Odin bezwingt, um mit ihr den Bous (Búi) oder Wali, Baldrs Rächer zu erzeugen.⁠[563] Rind ist die unbebaute, harte und unfruchtbare Erde, die sich dem belebenden Lichte der hellen Sommerzeit (Odin als Vertreter des Tiuȥ) nicht leicht erschliesst. Ist es aber geschehen, so kann Feldbau auf dem früher wüsten Lande stattfinden. Búi ist der Bauer; neben Wali steht auch der Name Áli, die Verkörperung der keimenden Saat. Die Geschichte Odins und Rindas ist freilich romantisch aufgeputzt und als Ganzes genommen nicht alt. Aber ein Mythus mag immerhin schliesslich zu Grunde liegen, wie Licht und Wärme die spröde harte Erdrinde gefügig und fruchtbar machen.

Nerthus.

Sieben Stämme an der Nordsee verehrten insgesamt die Nerthus. Auf einer Insel war ihr heiliger Hain; drin stand, von einem Tuche bedeckt, ihr Wagen, den nur der Priester anrühren durfte. Dieser erkennt, wenn die Göttin ihr Heiligtum aufsucht. Er begleitet sie, wenn sie auf ihrem mit Kühen bespannten Wagen unter grosser Feierlichkeit umherfährt. Überall herrscht Festfreude und Waffenruhe, bis derselbe Priester die am Umgang mit den Menschen gesättigte Göttin ihrem Heiligtum zurückgibt. Dann werden Wagen, Tücher, ja die Gottheit selbst im einsamen See gebadet. Die dienenden Knechte werden gleich ertränkt.⁠[564] Tacitus deutet Nerthus als terra mater, weil die Umfahrt der römischen Göttermutter auf einem von Rindern gezogenen Wagen am 27. März, ferner das Bad, dem das Bild der Göttin samt dem Fahrzeug unterzogen wurde, lebhaft an den germanischen Brauch erinnerten. Wie bereits bemerkt, feierten die Schweden die Umfahrt des von einer Priesterin geleiteten Freyr, des Sohnes des Njord (Nerþuȥ), wovon sie fruchtbares Jahr erhofften. Zweifellos entspringt die Nerthusfeier demselben Glauben, der im Mittelalter und in der Neuzeit in zahllosen Volksbräuchen, in Bittgängen um Ackersegen nachwirkt. Der Grundgedanke liegt in der feierlichen Einholung der im Lenze neu erwachten Geister des Wachstums und Gedeihens. Als Maigraf, Maigräfin, Maikönig, Maikönigin werden die Frühlingsgeister bewillkommnet. Fürs 12. Jahrh. ist ein niederländischer Brauch bezeugt. Zu Ostern und Pfingsten wählten Priester und Kleriker unter Teilnahme des gesamten Volkes aus den Frauen der Priester eine aus, schmückten sie mit Krone und Purpur, setzten sie auf einen Thron und erwählten sie zur Königin. Dann sangen sie den ganzen Tag über unter Begleitung von Musikinstrumenten Lieder und erwiesen ihr wie einem Götzenbilde Ehren.⁠[565] Beim Frühlingsfest fehlen niemals Chorgesänge und Reigen. Auch die Nerthusfeier wird unter Tanz und Liederklang begangen worden sein. Wenn das erste Grün im heiligen Hain sprosste, ersah der Priester darin das Zeichen der nahenden Göttin. Dann begann die Umfahrt, welche den Lenz einbrachte und die Gefilde mit Fruchtbarkeit segnete. Die Wassertauche findet sich auch sonst bei Ackerbräuchen, beim Pflugumziehen. Sie kann als Regenzauber gedeutet werden. Die ertränkten Knechte sind als Opfer zu verstehen, welche die Bundesstämme der Gottheit um gute Jahreszeit, um rechte Verteilung von Sonne und Regen darbringen. Kögel nimmt den See als den Eingang zur Unterwelt. Dort weilt Nerthus in den Wintermonaten, im Frühling zieht sie hervor durch Fluren und Auen, im Herbst kehrt sie zurück in den Schooss der Erde, wenn die Pflanzenwelt abstirbt. Das wird bildlich durch Auszug und Rückkehr angedeutet. Darf der begleitende Priester als Vertreter des Gottes, des Gemahles der Nerthus gelten, wie umgekehrt dem Freyr eine Priesterin gesellt ist, deren Schwangerschaft die Schweden für ein gutes Zeichen ansehen, so ist in dem umziehenden göttlichen Paare die Zeugungskraft des Lenzes verkörpert. Nerthus ist somit die Göttin der fruchttragenden Erde, der Fruchtbarkeit überhaupt. Sie weilt unter den Menschen, so lange die Pflanzenwelt dem Lichte entgegensprosst. Sehnsüchtig wird ihre Ankunft nach der langen Winternacht und Todesstarrheit erhofft, mit lautem, festlichem Schalle, mit Gesang und Reigen ihr Einzug gefeiert.

III. Germanische Göttinnen auf römischen Inschriften und bei antiken Autoren.

Von einigen Göttinnen der Germanen kennen wir nur die Namen, welche inschriftlich oder bei den antiken Autoren überliefert sind. Nur selten steht noch eine dürftige Bemerkung über ihre Art oder ihren Dienst dabei. Mit diesen Göttinnen weiss die mythologische Forschung nicht viel anzufangen. Nur selten ist der Sinn der Namen zu erraten, und selbst wo er völlig klar ist, bleibt doch die Hauptsache dunkel, da die Namen oft nur sehr allgemeine Bedeutung haben. Hätten wir z. B. allein den Namen Frija überliefert, so fände die Etymologie leicht aind. priyâ, die Geliebte, die Gemahlin. Aber damit wüssten wir nichts über ihre Art. Ist nun gar die Etymologie dunkel, so bleiben alle Lösungsversuche im höchsten Grade unsicher.

1. Tanfana.

Tanfana oder Tamfana hiess die marsische Hauptgöttin. Die Deutschen feierten eben ein grosses Fest, erzählt Tacitus, und froh hatten sie die Nacht bei ihren Gelagen hingebracht, noch lagen sie sorglos ihren Rausch verschlafend auf Bänken und neben den Tischen, an denen sie geschmaust und gezecht hatten, umher, als Germanicus über sie kam. Er verteilte sein Heer in vier Haufen, zehn deutsche Meilen in die Runde liess er alles mit Feuer und Schwert verwüsten, Alt und Jung, Mann und Weib niederhauen und das hochberühmte Heiligtum der Tanfana — celeberrimum illis gentibus templum, quam Tanfanae vocabant — dem Erdboden gleichmachen.⁠[566] Die Zeit dieses Überfalles war das Spätjahr 14. Im Herbst pflegten die Germanen grosse Feste zu feiern zum Danke für die Ernte. Bei Angelsachsen und Nordleuten führt der Oktober und November den Namen Opfermonat. Den Festesfrieden benutzte Germanicus zu seinem Streifzug. Zum Herbstfeste waren die Marsen beim altberühmten Stammesheiligtum versammelt. Das Dankopfer galt einer Göttin, Tanfana.⁠[567] Tanfana ist vermutlich ein Name der Mutter Erde, und darum wurde ihr das Dankesfest für den Ackersegen dargebracht. Möglicher Weise ist der Name damit in Verbindung zu bringen. Müllenhoff vermutet, Tanfana sei die Opfergöttin, wie Juppiter dapalis, zu dem der römische Bauer vor der Aussaat betete und dem er ein Opfermahl, die daps, spendete, ein Opfergott ist. Der Name der Göttin erkläre sich aus ihrer Festzeit, dem grossen Herbstopfer, Tanfana sei die Opferempfangende. Tanfana kann aber auch die Spendende, Segnende, Reichtum Gewährende bedeuten, wie Fulla, Volla, Gefjon, Copia. Auch dieser Name passt auf eine Göttin des Erntesegens und des Herbstopfers.

2. Baduhenna.

Auf friesischem Boden wird ein Hain der Baduhenna erwähnt, wo im Jahre 28 n. Chr. 900 Römer im Kampfe fielen.⁠[568] Aus der flüchtigen Angabe ist gar nichts für diese friesische Göttin zu entnehmen. Ob der Name aus zwei Stämmen zusammengesetzt oder aus einem Stamme mit Ableitungssilbe weitergebildet wurde, ist unklar. Im ersten Falle konnte die friesische Form etwa Baduwini lauten. Baduwini, die Kampfesfrohe, vergleicht sich dem Frauennamen Siguwini, die Siegesfrohe. Als Zusammensetzung badu-wenna (got. winno, Leidenschaft, ahd. winna, Streit) kann der Name auch „kampfwütig“ bedeuten.⁠[569] Jedenfalls steckt badu-, „Kampf“, im Namen, und daher scheint der Göttin Beziehung zu Schlacht oder Walfeld zuzukommen.

3. Die Alaisiagae.

Die Inschrift, welche dem Mars Thingsus gewidmet ist, gilt auch duabus Alaisiagis Bede et Fimmilene. Darunter sind wol Göttinnen zu verstehen, die irgend welche Beziehung zu Mars Thingsus gehabt haben müssen. Da nun aber schon dieser Gott für uns rätselhaft ist, sind es die Alaisiagen noch viel mehr, zumal die Etymologie ihrer Namen nicht gelingen will.⁠[570] Ursprünglich wurde Tiuȥ als Gerichtsgott, als Befehlshaber des in Thing und Heer versammelten Volkes gefasst. Da wies Heinzel auf die im Schulzenrecht des westerlauwerschen Friesland genannten bodthing und fimelthing hin. In der Benennung dieser Dingversammlungen sollten dieselben Wortstämme wie in den Namen der Alaisiagen wiederkehren. War Tiuȥ über das Allding des Volkes gesetzt, so lag es nahe, anzunehmen, die kleineren Dinge seien unter den Schutz der Göttinnen gestellt worden. Ist doch auch die nordische Syn bei den Dingversammlungen in solchen Streitsachen zur Schützerin bestellt, wo Männer etwas zu leugnen haben. Weinhold vermutete noch Schreibfehler für *alaisagiis (êsago); es seien die Gesetzessprecherinnen. Somit schien das Denkmal irgend einem Rechtsfalle zu entstammen. Aber bodthing und fimelthing sind späte Einrichtungen der Friesen, der etymologische Zusammenhang mit den Namen der Inschrift ist zweifelhaft, Mars Thingsus ist nicht der übers Ding waltende Tiuȥ.

Freilich haben die übrigen Auslegungen ebensowenig ein befriedigendes Ergebniss zu erzielen vermocht. Kauffmann nimmt als Grundwort al-aisiag- an, das zu ahd. êrên, an. eira, „schonen“, gehöre. Alaisiagen seien die Allhilfreichen. Bede ist Dativ zu friesisch *Bêd. Der Name steht im Ablaut mit as. gibada, „Trost“, mhd. bate, „Nutzen“, „Hilfe“; er besagt etwa helfende Trösterin. Zu Fimmilene wird im Nominativ eine germanische Fimilô angenommen (zu an. fimr, „hurtig“, „behend“). Es sind demnach göttliche Hilfespenderinnen, die Trost und rasche Abwehr drohender Gefahr gewähren.

Ganz anders urteilt wiederum Siebs. Er geht von an. eisa, „eilen“, „stürmen“, aus, das urgermanisch *aisjan lauten müsste. Alaisiagen wären die gewaltig Einherstürmenden. Bede wird mit as. undar-badôn, „erschrecken“, in Verbindung gebracht. Bêdô sei die Schreckerin, die Bedrängerin, die Verkörperung des Wirbelwindes. Fimilô heisst Bewegung, Wehen des Windes; im Nds. bedeutet fimmeln „flattern“, „hin und her fahren“; Svipul, die Bewegliche, ist ein Walkürenname. Der Denkstein gilt dem Himmels- und Wettergott Tiuȥ und den beiden gewaltig einherfahrenden Göttinnen, der schreckenden Bêd und der stürmenden Fimila.

Diese drei grundverschiedenen Auslegungen zeigen, wieviele Möglichkeiten der blossen etymologischen Erklärung sich darbieten, wie unsicher und unbestimmt aber alle auf diesem Wege allein erholten Vermutungen stets bleiben müssen. Nach wie vor ist das Wesen der Göttinnen uns vollkommen dunkel.

4. Hlodyn und Hludana.⁠[571]

Hlodyn ist Widars Mutter, die an einer andern Stelle Grid, die Heftige, Ungestüme, genannt und als Riesin bezeichnet wird. Die Snorra Edda fasst Hlodyn als einen Namen der Jord, der Erdgöttin, auf. Zum Beweise wird eine Weise des Skald Vǫlu-Steinn aus dem 10. Jahrh. angezogen, wonach die Steine als Hlodyns Knochen bezeichnet werden.⁠[572] Die Kenningar, in denen sonst noch Hlodyn vorkommt, lassen sie ebenfalls mit Jord gleichbedeutend erscheinen.

In Niederdeutschland, am Rhein, in Geldern und Friesland sind Steine einer dea Hludana gesetzt. In Friesland weihten die Pächter der Fischerei (conductores piscatus) der Hludana das Denkzeichen. Obschon die Namen weder in der Wurzel noch in der Ableitungssilbe genau zusammentreffen, pflegt man doch seit Thorlacius (1782) beide für gleich zu erachten. Es sei eine und dieselbe Göttin in deutscher und nordischer Namenform. Darf Hludana wie Hlodyn als Erdgöttin gefasst werden, so wäre ein Name der grossen Erdmutter darunter zu vermuten. Doch seine Bedeutung bleibt uns verschlossen. Jeder Erklärer findet eine eigene Auslegung, die in ihrer Allgemeinheit keine sichere Gewähr bietet. Hlóđyn wird gewöhnlich zu hlađa, hlađan, aufrichten, aufladen, gestellt. An. bedeutet hlađ, Haufen, hlóđ Herd. Daraus wurde eine Göttin des Herdfeuers erschlossen. Indess scheint für hlóđ Erdhaufe, Erdhügel als Grundbedeutung angenommen werden zu müssen. Hloðyn besagt also nur Erde. Kauffmann nimmt hlôþa für die Hochstufe zu holþa, hold. Hludana Hlođyn ist die holde, gütige Freundin der Menschen, ein Beiwort, das auf jede Göttin passt. Immerhin bleibt die Verschiedenheit des Wurzelvokales bedenklich. Der römische Steinmetz hätte germ. ô mit u gegeben, meinte also eigentlich Hlôdana. Müllenhoff leitete Hludana aus hluda-κλυτός, dem bekannten Stamm unsrer Eigennamen Hludwig, Hludhari u. a.; es sei die „berühmte“ Göttin. Aber dann fügt sich wieder nicht Hlóðyn, wo langes ô feststeht. So bleibt vorerst noch alles unsicher, vielleicht überhaupt die Gleichheit der Göttinnen. Wer an der Verschiedenheit der Wurzelvokale keinen Anstoss nimmt, mag die abweichenden Bildungssilben mit Kauffmann aus der Kurz- und Vollform eines Namens erklären: Hlôþô zu Hlôþawini (Hlóđyn) wie Liuba zu Liubwini, Siga zu Siguwini u. a.

5. Isis-Nehalennia.

Römische Kaufleute pflegten an den Küsten der Völker, welche sie des Handels wegen aufsuchten, den einheimischen Gottheiten Dankopfer darzubringen und Weihaltäre zu errichten. Dabei wandten sie die übliche Auslegung an, indem sie aus irgend welchen äusseren Ähnlichkeiten die fremden Götter ihren eigenen gleich setzten, indem sie etwa eine germanische Göttin für eine Erscheinungsform einer römischen hielten. Dem entsprechend wurde auch das Altardenkmal ausgeführt. Glaubte ein römischer Unterthan irgendwo an fremder Küste einer Göttin zu begegnen, welche ihm der Isis gleich zu sein schien, so wurde der Isis ein Weihstein, worauf ihre gewöhnlichen Abzeichen vorkamen, errichtet. Auf dem römischen Denkmal stand entweder der römische Göttername allein, oder trat der germanische erläuternd hinzu (Marti Thingso, Mercurio Channini, Herculi Magusano u. ä.); endlich konnte auch nur der Name der fremden Gottheit allein in latinisierter Form eingesetzt werden, wobei dann die von den römischen Steinmetzen auf den Altären angebrachten Abbildungen dem Kundigen umso deutlicher das Wesen der Gottheit anzeigten. Die Ausführung der Steine ist also hauptsächlich von der interpretatio romana abhängig. Hatte man einmal diese oder jene Gottheit der Heimat in der Fremde wiederzuerkennen vermeint, so wurde sie auch nach römischer Art dargestellt, nicht etwa in dem Bestreben, im Bilde die hervorragenden Eigenschaften der fremden Gottheit festzuhalten. Man darf daher nicht die ganze bildliche Darstellung solcher Steine ohne weiteres ins Germanische umsetzen, wie es Hoffory bei Mars Thingsus, Jaekel (ZfdPh. 24, 289 ff.) bei der Nehalennia thut. Gibt sich doch im Altarbild meistens nur dieselbe allgemeine, mitunter höchst oberflächliche Ansicht des römischen Beobachters kund, welche auch in der interpretatio zum Ausdruck gelangte. Wenn Tiuȥ, Wodan, Frija, Donar mit Mars, Merkur, Venus, Juppiter übersetzt werden, so ist damit nur erwiesen, dass den Römern gewisse Ähnlichkeiten auffielen, aber nicht dass alle Züge der römischen auf die germanischen Gottheiten passen. Gelangt also nur einseitige Mitteilung römischerseits über eine germanische Göttin auf uns, so ist grösste Vorsicht erforderlich. Oft ist nicht mehr als der blosse germanische Göttername zu lernen, dessen Erklärung die grössten Schwierigkeiten entgegenstehen. Dass einige in die Augen fallende Züge der interpretatio und der bildlichen Darstellung der verglichenen Gottheit ebenfalls zugehören, ist nicht zu bezweifeln. Aber schwer, wenn nicht unmöglich, ist zu bestimmen, welche Eigenschaften der interpretierten Gottheit überwiesen werden dürfen, welche nur im Banne der einmal feststehenden römischen Anschauung hinzutraten. Hatte ein römischer Handelsmann z. B. an fremder Küste die Isis gefunden, so stellte er sich zuerst seine Isis vor und übersah die wesentlichen, bedeutenden Unterschiede zwischen ihr und der nichtrömischen Göttin. Verbanden sich im Banne der einmal festgestellten Auslegung allerlei ungehörige Vorstellungen mit der fremden Göttergestalt, so blieben auch wieder deren wichtigste und nötigste Eigenschaften völlig verborgen. Hätten wir von Wodan und Frija nur die Namen und die römische Auslegung Merkur und Venus überkommen, so wären unsere Begriffe gewiss ebenso schief wie ungenügend. In dieser Lage befinden wir uns aber allen Nachrichten gegenüber, die uns nur aus römischer Umgebung oder durch römische Vermittlung, durch Inschriften und römische Geschichtschreiber, also einseitig, ohne die Ergänzung und Berichtigung germanischer Denkmäler, bekannt sind.

Nach der Meldung des Tacitus⁠[573] brachte ein Teil des grossen, zwischen Elbe und Weichsel ansässigen Suevenvolkes der Isis Opfer dar. Ihr Abzeichen war ein Schiff. Tacitus und seine Gewährsleute waren der Anschauung, es handle sich um einen aus Rom nach Germanien verpflanzten Kult; und mit einem gewissen Recht. Denn zweifellos erhuben sich an der suevischen Küste Isissteine, welche zu der Nachricht Anlass gaben. Diese Isissteine waren von Römern, die in der Ostsee Handel trieben, aufgerichtet worden. Aber sie galten derjenigen Isis, welche die Reisenden bei den Sueven zu entdecken glaubten. Hinter dem römischen Altar steht ein germanischer Kult, der ihn veranlasste. Es war eine Göttin, als deren Abzeichen ein Schiff galt. Vermutlich hatte sie, wie die Wanen, Beziehung zur Schifffahrt und damit zu Handel und Wolstand. Sie glich unter anderm auch darin der Isis, der am 5. März ein feierlicher Umzug gehalten und ein Schiff (navigium Isidis) dargebracht wurde. Die Wiedereröffnung der Fahrt in Strom und Meer, die mit Anbruch des Frühlings den Schiffen sich aufthaten, wurde so alljährlich festlich begangen.

Anderwärts tauchen Spuren einer ähnlichen Göttin auf. In Deutz am Rhein und an der batavischen Küste, auf der der Scheldemündung vorgelagerten Insel Walcheren, fanden sich zahlreiche, von römischen Kaufleuten wegen glücklich vollbrachten Handelsfahrten der Göttin Nehalennia geweihte Altäre. Auf der Insel Walcheren fanden sich 1647 und 1870 im Dünensande 22 mehr oder weniger gut erhaltene Denksteine dieser Göttin.⁠[574] Hier muss eine Hauptstätte ihres Kultes, vermutlich ein römischer Tempel, bestanden haben. Von den Bildern der Steine zeigen einige die Nehalennia als Beschützerin der Schiffer; sie hat den linken Fuss auf den Steven eines Schiffes gestellt und stützt sich auf ein Ruder zu ihrer Rechten. Kauffmann wies nach, dass die Nehalenniabilder Zug um Zug aus dem Isiskult entnommen sind, dass die Nehalennia demnach den Kaufleuten als die Isis erschien. Offenbar ist es dieselbe Göttin, von den Römern als Isis aufgefasst, der sie an der suebischen und batavischen Küste und am Rheine Altäre aufstellten. Durch Tacitus hören wir, dass das Schiff ihr Abzeichen war, auf den Altären steht ihr deutscher Name, Nehalennia. Was auch sonst noch von dieser germanischen Göttin erzählt worden sein mag, ihre Beziehung zur Seefahrt ist sicher. Darum begrüssten sie die Römer an den Ufern der Ost- und Nordsee als Isis und empfahlen ihre Schiffe und ihre Ladung dem Schutze der Nehalennia. Damit endet aber auch unsere Kenntniss vom Wesen dieser Göttin. Nicht einmal soviel ist klar, ob sie auch bei den Sueven Nehalennia hiess, oder ob dieser Name nur am Rhein und bei den Batavern ihr beigelegt war. Die Erklärung des Namens macht Schwierigkeit. Kauffmann denkt an ein germanisches Beiwort *nêwolos, *nêalas, zu urgerm. *nêwô mhd. nâwe, wie navalis aus navis entwickelt ist. Daraus wäre eine Weiterbildung *nêalenî, gen. nêalenniôs. Im Namen Nehalennia, „navalis“, „zu den Schiffen gehörig“, läge eine Andeutung ihrer Art. Nehalennia ist die Schiffsgöttin. Njords Heimat ist nóatún, die Schiffsstätte, und an die Wanen erinnert Nehalennia insofern, als beide die Schifferei beschirmen. Die germanische Ablautsform nêu-: nôu- erscheint in Nêalenî und nóatún, mhd. nâwe und an. nór. Nehalennia ist dann aber kein eigentlicher Name, vielmehr ein Beiname einer Göttin, welche zur Seefahrt Beziehung hat. Freilich hat Kauffmanns Erklärung gegen sich, dass der zweifellos sicher überlieferte Name Nehalennia zu Nealennia zurechtgemacht werden muss. Das h sei nur Trennungszeichen zwischen Vokalen, wie es auch sonst vorkomme, z. B. Tuihanti für Tuianti, Flehum für Flevum u. drgl. Eine andere Erklärung geht von einem idg. Grundwort *neqos (νέκυς) aus, dem urgerm. *nehuaz, westgerm. *nehaz entspräche, wie got. saíƕan und aƕa gegen ahd. sehan und aha. Daraus ergibt sich im Namen der Göttin ein Anklang ans Reich des Todes. Wie das aus ihrem Wesen zu rechtfertigen ist, bleibt dunkel.

Im Jahre 694 besuchte der hl. Willibrord auf einer Missionsreise Walcheren und zerstörte ein dort befindliches heidnisches Heiligtum. Der Tempelhüter widersetzte sich dem Vorhaben der christlichen Priester mit bewaffneter Hand, aber ohne Erfolg. Kauffmann⁠[575] vermutet, dass mit dem Heidentempel derjenige der Nehalennia gemeint sei. Die heimische Bevölkerung wird den römischen Tempel und die Bilder, die zu Ehren der Landesgöttin aufgerichtet waren, nicht gemieden haben, und als die Römer aus dem Lande wichen, wurden die Germanen ihre Erben, die alleinigen Besitzer des alten Heiligtumes. Erst der christliche Eifer schlug die Bilder in Stücke und verwarf die Trümmer, die im 17. Jahrhundert wieder ans Tageslicht kamen, am Meeresstrand. „Manch fromme deutsche Mutter mag in der Halle des Tempels den Steuermann und sein Schiff der Nehalennia anbefohlen haben, nachdem das jüngere Geschlecht den Widerwillen gegen Tempelbauten überwunden hatte.“

Mit Nehalennia-Isis dürfen vielleicht einige mittelalterliche Bräuche⁠[576] in Verbindung gebracht werden. Ums Jahr 1133 liess ein Bauer aus Inden im Jülichischen im nahen Walde ein Schiff zimmern, das auf Rädern lief und durch vorgespannte Menschen an Stricken zuerst nach Mastricht, wo Mastbaum und Segel hinzukamen, dann hinauf nach Tungern, Looz und so weiter im Lande umhergezogen wurde, überall unter grossem Zulauf und Geleite des Volkes. Wo es anhielt, war Freudengeschrei, Jubelsang und Tanz, namentlich der von ausgelassener Lust erfüllten Frauen, um das Schiff herum bis in die späte Nacht. Die Ankunft des Schiffes sagte man den Städten an, welche ihre Thore öffneten und es einholten. Die Weber wurden zum Schiffszug gezwungen, dafür durften sie dem übrigen Volke den Zutritt wehren und Pfänder erheben. Die Geistlichen sahen mit scheelen Augen auf das sündhafte heidnische Werk und dachten es zu hintertreiben. Sie nannten das Schiff ein Abzeichen böser Geister, ein Teufelsspiel, es sei in heidnischer Gesinnung aufgeschlagen, böse Geister hielten darin Umzug, es könne ein Schiff des Neptun oder Mars, des Bacchus oder der Venus heissen; man solle es verbrennen oder sonst wegschaffen. Aber die weltliche Obrigkeit hatte den Umzug gestattet und schützte ihn, es hing von den einzelnen Ortschaften ab, dem heranfahrenden Schiff Einlass zu gewähren; wie es scheint, galt es in der Volksmeinung für schimpflich, es nicht weiter gefördert zu haben. Über Duras und Léau sollte das Schiff nach Löwen gebracht werden. Von den Geistlichen angefacht, that der Graf von Löwen dem Umzug mit Gewalt Einhalt, so dass die Feier des Schiffszuges auf diese Weise blutig endigte. Aus allem geht aber die lebhafte Teilnahme der Zeitgenossen am Schiffszug, dem Überrest eines heidnischen Brauches, deutlich hervor. Auf schwäbischem Boden, also bei den Nachkommen der alten Sueven, verbietet noch um 1530 ein Ulmer Ratsprotokoll, am Nikolasabend Fastnachtskleider anzuziehen, den Pflug und mit den Schiffen herum zu fahren. Die Gewohnheit des Pflugumziehens, um fruchtbares Jahr und Gedeihen der Aussaat zu erhalten, ist weit verbreitet.⁠[577] Es geschah um Neujahr oder zur Fastenzeit. Der Ulmer Ratsbeschluss stellt offenbar den Schiffszug mit dem Pflugumziehen auf dieselbe Stufe. Immerhin verdient Beachtung, dass die Umfahrt des Schiffes im späteren Volksbrauch bei den Stämmen erscheint, bei denen im Altertum Dienst der Nehalennia-Isis nachweisbar ist. Das auf Rädern umgehende Schiff ist allerdings nicht notwendig auf die germanische Göttin zu beziehen. Es kommt auch bei den Griechen in Verbindung mit Dionysus vor⁠[578] und muss also von Alters her mit den bacchischen Kulten zusammenhängen. Es darf ans navigium Isidis und an Carnevalsbräuche erinnert werden.⁠[579] Nur unter Vorbehalt seien hier, alter Gewohnheit gemäss, die Volksbräuche des Schiffsumzugs mit Isis-Nehalennia, überhaupt mit germanischer Mythologie in Beziehung gebracht. Die Berechtigung dafür ist stark anzuzweifeln.

Vereinigt man die besprochenen Thatsachen, so ergibt sich: Vom Rhein bis zur Weichsel wurde eine Göttin verehrt, welche die Seefahrt beschützte. Die Römer wurden durch sie an ihre Isis erinnert. Am Rhein und bei den Batavern hiess sie Nehalennia. Ein Schiff war ihr Abzeichen. Wenn im Lenz das Eis von den Strömen sich löste und die Schifffahrt neu beginnen konnte, dann wurde die Göttin durch Umtragung ihres Schiffes mit Opfern und Reigen gefeiert.

6. Die Mütter.

In Frankreich, Oberitalien, Britannien, im linksrheinischen Germanien, namentlich im Ubierlande, finden sich zahlreiche, mehr als 400 Weihsteine, welche den „Müttern“ (matrones, matres, matrae) meistens von Legionssoldaten gesetzt sind.⁠[580] Diese Mütter, mitunter in der Dreizahl erscheinend, führen verschiedenartige Beinamen, darunter auch solche, deren germanische Herkunft nicht anzuzweifeln ist (z. B. Aufaniabus, Gavadiabus, Vatviabus oder Vatvims, Saitchamims oder Saithamiabus, Aflims oder Afliabus). Die Dative auf -ims sind unter allen Umständen germanisch; zur Etymologie der Namen bieten die germanischen Sprachen auch wirklich Anhaltspunkte. Es fragt sich nur, ob etwa aus den Beinamen etwas über das Wesen germanischer Göttinnen zu lernen ist. Die Mütter gehören ursprünglich zu den Glaubensvorstellungen der Gallier. Von ihnen aus verbreiteten sie sich zu den Germanen, jedoch nur zu germanischen Söldnern, die im römischen Heere dienten, und zu den verwälschten Stämmen. Im innern Germanien schlug der Mütterkult niemals Wurzel und kann demnach auch schwerlich zum echten Bestande der germanischen Mythologie gezählt werden. Die Mütter sind Schutzgöttinnen von Örtlichkeiten, ähnlich den genii loci. Als solche sind sie allgemein und überall möglich und doch wieder für jeden Ort, jede Stadt besonders bestimmt. Wie die Matrone über dem Hauswesen, so walten die Mütter schützend und segnend über dem Gemeinwesen. Jeder Ort, jedes Land und Volk, das Lager, die Garnison, die Provinz, alle konnten dem Schutze besonderer Mütter unterstellt werden. Ein Legionär weiht sein Denkmal matribus omnium gentium, den Müttern aller Völker, er empfiehlt sich dadurch den Schutzgottheiten aller Länder, in welche ihn das Schicksal etwa verschlagen möchte. Diese Inschrift ist besonders lehrreich, indem sie beweist, dass es sich keineswegs um die eigentlichen Landesgöttinnen handelt, vielmehr um einen durchaus subjektiven, gallisch-römischen Begriff, der überall Anwendung finden konnte und nur allgemein Schutzgöttinnen des betreffenden Ortes oder Landes, nicht etwa die dort wirklich verehrten Gottheiten bezeichnet. Die Beinamen der Mütter sind dementsprechend durchweg aus örtlichen Beziehungen zu deuten. Die suebischen, germanischen Mütter sind vollkommen den pannonischen und dalmatischen gleichzuachten, sie bestehen allein in der Vorstellung des Weihers der Altarinschrift und beziehen sich keineswegs auf wirklichen germanischen Glauben. Die Auslegung der Beinamen hat in erster Linie mit dem örtlichen Ursprung zu rechnen. Wenn nun germanische Wörter vorkommen, so sind sie sicherlich auf germanische Ortsnamen zurückzuführen. Die Matres Gavadiae hängen mit dem Zeitwort wadan, waten zusammen und entstammen wol einem Ortsnamen im Sinne von Furt. An der Diemel ist später ein Wetiun bezeugt, das aus demselben Stamm gebildet ist. Der Dativ Vatvims gehört zu einem german. watwî, Wasserland, und stellt sich zu den vielen mit „Aue“ zusammengesetzten Ortsnamen. Solche Mütter mit germanischen Beinamen sind demnach befriedigend zu erklären: sie sind die Schutzgeister germanischer Örter. Deutsche im römischen Heeresdienste nahmen den Matronenkult an und stellten damit die ferne Heimat unter göttlichen, mütterlichen Schutz.

7. Dea Sandraudiga und dea Vercana.

Mit der dea Sandraudiga⁠[581] eines nordbrabantischen Steines, den die „cultores templi“ gestiftet, ist nichts anzufangen. Der Name zerfällt in germanische Bestandteile, got. audags, an. auđigr, reich, glücklich, und sandr-, wahr, wahrhaft, wie in Eigennamen, z. B. Sandrimer. Wer die „wahrhaft reiche“ Göttin ist, etwa eine spendende Folla, lässt sich nicht bestimmen. Die dea Vercana⁠[582] auf dem Rande einer Brunnenschale und auf einem Stein aus dem Nemetergau (Ernstweiler bei Zweibrücken) deckt sich lautlich mit Athenes Beinamen Ἐργάνη, Wirkerin, Göttin des Webens und Spinnens. Ob die dea Vagdavercustis⁠[583], welcher der Decurio Simplicius Super in Geldern einen Stein setzte, germanisch ist und zur Vercana gehört, bleibt unentschieden. Der Stamm „werk“ begegnet in beiden Namen, und zwar auf der Stufe germanischer Verschiebung. Aber im übrigen ist alles dunkel.

IV. Totengöttinnen.

1. Die Hel.

Got. halja, an. hel, ags. hell, as. ahd. hella geben den räumlichen Begriff „Untererde“, infernus und dienen zur Übertragung von ᾅδης, gehenna, infernus. Gemeint ist der Aufenthaltsort der abgeschiedenen Seelen, die Totenwelt. Erst nach und nach entwickelte sich die Bedeutung „Strafort“. Will die ältere Sprache die mit der christlichen Hölle verknüpften Qualen anzeigen, so erhält das Wort einen entsprechenden Zusatz, besonders wîti, „Strafe“ (an. helvíti, ags. hellewíte, ahd. hellawîȥȥi). Obwol der Begriff Hölle bei Goten und Westgermanen nur in christlichen Schriften vorkommt, braucht daraus doch nicht geschlossen zu werden, dass er erst mit der Bekehrung entstand. Besonders die nordische Überlieferung spricht gegen eine derartige Annahme. Halja darf als ein gemeingermanischer uralter Begriff gelten, und es fragt sich nur, was die heidnische Zeit darunter verstand. Da die ältesten Zeugnisse übereinstimmend die unterirdische Behausung der Toten mit Hölle bezeichnen, da diese Bedeutung auch dort fortlebt, wo sich noch andere Vorstellungen daneben entwickelten, da diese letzteren ungezwungen aus der Grundbedeutung abzuleiten sind, darf mit Sicherheit angenommen werden, dass das gemeingermanische Wort halja auch eine gemeingermanische Glaubensvorstellung erweist, eine Schattenwelt, der ursprünglich alle Toten verfielen, wo die vom Leibe gelösten Seelen fortlebten. Im Norden finden wir denselben räumlichen Begriff in Redensarten, die noch heute fortdauern. Hel heisst das Reich des Todes, dann Tod überhaupt. Zur Hölle gehen, fahren, schlagen, wird für sterben, totschlagen gesagt; in der Hölle, aus der Hölle bezeichnet klar das Räumliche. Zwischen Tod und Leben schweben heisst bildlich zwischen Welt und Hölle liegen (at liggja á milli heims ok heljar). Noch bewahrt der dänische und schwedische Ausdruck ihjel, ihäl, eigentlich in die Hölle, im Sinne „zu Tode“ schlagen, bringen u. s. w. deutlich die ursprüngliche Vorstellung. Helgrind, das Höllenthor, verschliesst das Land des Todes und thut sich nur selten wiedergehenden oder beschworenen Geistern auf. Helvegr ist der Weg zur Unterwelt, dem der westfälische Hellweg, Totenweg entspricht. Helskór ist der Schuh, welcher dem Toten zur Höllenwanderung mitgegeben wird. Helreiđ ist die Höllenfahrt, die Brynhild auf einem Wagen fährt. Noch zahlreiche ähnliche Anwendungen des Wortes, wofür die Wörterbücher von Sveinbjörn Egilsson und Fritzner Belege in Hülle und Fülle gewähren, lassen über seine Bedeutung keinerlei Zweifel aufkommen. Dass die Hölle freudlos und lichtlos gedacht wurde, wie fast jeder Aufenthaltsort der Seelen, darf wol vermutet werden. Aber sie war kein Aufenthalt der Verdammten, die dort Strafen verbüssen mussten. Noch im 10. Jahrh., beim Siege der Sachsen über die Franken 915, sangen die Spielleute: Wo gäbe es wol eine Hölle so gross, dass sie die ganze grosse Wal zu bergen vermöchte.⁠[584] Die Gefallenen waren doch sicher nicht lauter verdammte Bösewichter.

Im Norden steht aber neben hel die Hel, die persönlich gedachte Beherrscherin der Toten. J. Grimm und nach ihm viele vermeinten, in diesem persönlichen Begriff das Ursprüngliche zu finden, der sich erst in den örtlichen, von Goten und Westgermanen allein bewahrten, aufgelöst habe. Der Ort empfing von der Besitzerin den Namen. Aber der Schluss ist gewagt. Zwar entsteht leicht der Glaube an eine Gottheit der Unterwelt, die beide im Namen sich decken. In unserem Falle leuchtet aber der örtliche Sinn so stark hervor, dass nur voreingenommene Ansicht das klare Verhältniss umkehren wird. Eine germanische halja ist unbedenklich, eine Halja aber unerweislich. Hört man auf die Zeugnisse, so wird man auch nicht ohne zwingende Gründe darüber hinaus trachten. Da nun halja allen Germanen bekannt war, Hel aber nur im Norden vorkommt und auch hier eigentlich nur in der Skaldendichtung, so liegt der Schluss nahe, im Norden entwickelte sich aus der örtlichen hel die persönliche Hel. Einer persönlichen Halja hätte schwerlich der Zugang in die biblischen Schriften offen gestanden, eine örtliche halja, ein Seelenheim zu übernehmen, schien ungefährlich. Bei der nordischen Hel lassen sich auch wiederum mehrere Entwicklungsstufen unterscheiden, indem ihr Reich, das einst allen Toten offen stand, nur einen Teil der Menschheit empfängt, während die andern in die Gemeinschaft Odins, der Freyja, der Ran gewählt oder zu Elben und Trollen entrückt werden, indem endlich, unter Einwirkung der christlichen Hölle, die sittliche Beschaffenheit der Menschen ihre Zuweisung an die Hel bestimmt.

Durch tiefe, dunkle Thäler geht der Weg zur hel.⁠[585] Zu Fuss, zu Pferd, zu Wagen mag er von den Verstorbenen zurückgelegt werden. Der Höllenfluss Gjoll trennt die Welt des Todes von der Menschenwelt, eine goldbelegte Brücke, von der Riesin Modgud bewacht, führt darüber. Am Eingang in die Hölle ist auch die Felshöhle Gnipahellir gedacht, wo der Hund Garmr (Kerberos)⁠[586] lauert. Hier dringt bereits ein fremdartiger Zug aus antiker Sage in die nordische Vorstellung vom Totenreiche herein. Weiterhin schliesst ein Gitter mit einer Pforte die Behausung der Hel ab. Das Totenreich wird auch als eine von finsterem Nebel erfüllte Welt bezeichnet, als niflhel oder niflheim.⁠[587] Auch über der christlichen Hölle lagert, trotzdem sie von Feuer erfüllt ist, stellenweise Nebel und Finsterniss. Drinnen erhebt sich der Hel Haus, ihr hoher Saal. Das Leben bei ihr ist zunächst nicht viel anders gedacht, als das irdische. Vornehmen Ankömmlingen wird ein würdiger Empfang bereitet. Zu Ehren Baldrs sind die Bänke mit Ringen besät, die schönen Dielen mit Gold bedeckt. Met ist für ihn gebraut, der klare Trank steht da, vom Schilde bedeckt. Baldr nimmt in Hels Halle den Hochsitz ein.⁠[588] Was Hel besitzt, hält sie fest. Nur ausnahmsweise wird Baldr auf der Asen Ansuchen Rückkehr verstattet, wenn alle Wesen, lebende und tote, um ihn Thränen vergiessen. Die Hel tritt in keiner Sage eigentlich handelnd hervor. Sie bleibt immer nur begrifflich, wie überhaupt oft schwer zu sagen ist, ob in einer Redensart die örtliche oder persönliche Hel gemeint ist. So begegnet im Norden das Bild schwarz wie die Hölle, woraus der Beiname heljarskinn, Höllenhaut für einen Menschen mit hässlicher, schmutziger Hautfarbe, sich erklärt. Im Gegensatz zur leuchtenden reinen Gottheit gelten auch uns Tod, Teufel und Hölle als schwarz. Der hellemôr ist bei mittelhochdeutschen Dichtern der Teufel. Die Bilder entstammen der Anschauung vom dunkeln Totenreich, von der nebelfinstern Hölle. Eine begreifliche, aber entartende Phantasie hüllt auch die Höllengeister in schwarze Farbe. Aus den angeführten Redensarten blár sem hel, heljarskinn braucht man nicht zu schliessen, dass von Anfang an die Nordleute die Hel in schwarze Teufelsfarbe kleideten, denn der Vergleich kann ebenso sehr auf hel als auf Hel zielen. Was Snorri im 13. Jahrhundert von Hel erzählt, beruht auf starker christlicher Einwirkung und ist fürs Heidentum nicht bindend. Nach der Bekehrung hat man im Norden mit drei Helbegriffen zu rechnen: der heidnischen hel und Hel und der christlichen hel. Alle drei haben in den Vorstellungen der Dichter sich oft wunderlich vermischt.

Notes in this chapter

Note 1 · Lokas. 23 u. 33; vgl. Hirschfeld, Untersuchungen zur Lokas. S. 37 f. u. 44, wo die Deutungen Weinholds, ZfdA. 7, 11 ff. und Finn Magnusens, Note 2 · In der Helgakv. Hund, 1, 38/40 beschuldigt Sinfjotli den Gudmund, eine Hexe gewesen zu sein und von ihm neun Wölfe empfangen zu haben. Auf dNote 3 · Man kann aber auch an antiken Ursprung denken. Hermes-Merkur wurde später auch mit Hermaphroditus, dem Sohne des Hermes und der Aphrodite veNote 4 · M. Hirschfeld, Untersuchungen zur Lokasenna (acta germanica 1), Berlin 1889; Finnur Jónsson, litteraturs historie 1, 178 ff. Über glaubensloNote 5 · Verwandte Züge zwischen Merkur und Loki zählt J. G. v. Hahn, Sagwissenschaftliche Studien, Jena 1876, S. 162 auf. Bugge, Studien 267 ff. sucNote 6 · Nach der Kenning der Vǫl. 35 „ór Vala þǫrmom“, aus Walis Därmen seien die Fesseln gefertigt, muss hier wie auch Gylfag. Kap. 50 geändert werNote 7 · Dass die Eingangs- und Schlussprosa der Lokasenna eine unabhängige Überlieferung enthalte, behaupten Jessen, ZfdPh. 3, 72, Hirschfeld, UnterNote 8 · Hvera lundr, Wald der Klüfte, deutet Kauffmann, Beiträge 18, 165, indem er hverr = Gebirgskessel, Kluft, wie Hym. 26 hverr holtriđa, SchluchNote 9 · Saxo Buch 8, S. 431 f.Note 10 · Über die Rechtsaltertümer der Lokisage vgl. Kauffmann, Beiträge 18, 159 ff.Note 11 · Kauffmann, Beiträge 18, 164 ff. vermutet Missverständniss der alten Kenning, Lokis Bande seien aus „Walis Därmen“ gefertigt worden. Walis DäNote 12 · Zum gefesselten Loki vgl. Bugge, Studien 56 f. Die entsprechenden Teufelssagen bei Grimm. Myth. 962; Mannhardt, German. Mythen S. 86 f.; SimNote 13 · Bugge, Studien 511 vergleicht die duodecim caeli signa, wo Saturnus infolge einer Gefahr verheissenden Weissagung den Neptun in die Tiefe deNote 14 · Bäda de ratione temporum: Leviathan animal terram, complectitur tenetque caudam ore suo; vgl. Finn Magnusen, Lex. myth. 212; J. Grimm, Myth.Note 15 · Fenrir als Verfolger des Mondes (álfrǫđult der Elbensonne) Vafþr. 46; dass Fenrir eine Wiedergeburt Lokis sei, behauptet schon J. Grimm, MytNote 16 · Vgl. E. H. Meyer, Völuspa 198 f.Note 17 · Der Name der Göttin lautete urgerm. Frijô = idg. prijâ, woraus westgerm. Frîja und nord. Frigg lautlich sich entwickeln mussten; vgl. Kögel,Note 18 · Über Frigg vgl. Vǫl. 34; Lokas. 29; Gylfag. Kap. 9; 20; 35; Frigg in der Baldrsage Gylfag. Kap. 49. Friggs Beziehung zur Ehe Gylfag. Kap. 35Note 19 · Zur Erklärung des Namens Fensalir Bugge, Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen 214 ff.Note 20 · Saxo I S. 42 ff. cujus conjunx Frigga, quo cultior progredi posset, ascitis fabris aurum statuae detrahendum curavit. quibus Othinus suspendNote 21 · Über den schwedischen Volksglauben vgl. Hyltén-Cavallius, Wärend och Wirdarne S. 236 f.; Rietz, svensk dialektlexicon 165; Friggjargras nachNote 22 · Über die Göttinnen vgl. Snorre in Gylfag. Kap. 35; der Skald Kormak (937–967) nennt Sága, Hlín, Eir, Vár, Gná. Wie die Göttinnen nur die einNote 23 · Über Freyja Gylfag. Kap. 24 u. 35; Grímn. 14; Ynglingasaga Kap. 4 u. 13. Freyjas Namen SE. 1, 304.Note 24 · Freyja kennt die an. Sprache auch als Appellativum, so in húsfreyja, wofür auch das vielleicht aus dem Deutschen entlehnte húsfrú eintritt; Note 25 · Der kviđlingr lautet in der ausführlichen Olafssaga Tryggvasonar Kap. 217: vil ek eigi gođ geyja grey þykki mér Freyja æ mun annat tveggja Note 26 · Jüngere Olafssaga helga Kap. 101 f (Flateyjarbók 1, 283); das gleiche Versehen in der Bósasaga Kap. 12, wo dem Thor, Odin und der Freyja (stNote 27 · Hálfssaga Kap. 1.Note 28 · Egilssaga Kap. 81.Note 29 · Der Sörlaþáttr in den Fornaldar sögur 1, 391 und in der Flateyjarbók 1, 275. Über Brísingamen Müllenhoff, ZfdA. 12, 304; über das Halsband iNote 30 · Brísinga men gehört der altgerman. Sage an, im Béowulf 1199 ist mit „brosinga mene“, das zu einem reichen Hort gehört, offenbar dasselbe gemNote 31 · Uhland, Schriften 6, 58; 154.Note 32 · Bugge, Studien 11; in der im 6. Jahrh. verfassten Abhandlung de origine idolorum sagt der Bischof Martinus von Braga von der Venus: etiam cuNote 33 · So Eilif Guðrúnarson SE. 1, 300.Note 34 · Auf Freyjas Buhlerei gehen die Anspielungen Hyndl. 47 u. 48. Über das Gedicht Finnur Jónsson, Litteraturshistorie 1, 195 ff. Die EntstehungsNote 35 · Kögel, Indogerm. Forschungen 4, 313 erklärt mardǫll als die Hellglänzende, mar-, mari- im Sinne von glänzend (vgl. μαρμαίρω bei Fick, Vgl. WNote 36 · Zur Herkunft der fremden Züge in Freyjas Art Bugge, Christiania Morgenbladet vom 16. Aug. 1881; gefälscht ist die Geschichte von Woud und FrNote 37 · D. h. das Gestein zerschmolz durch die Hitze zahlreicher Opferfeuer zu Glas; Ottar ist ein eifriger Opferer.Note 38 · Über Gefjon Gylfag. Kap. 35; Lokas. 20, 21; Volsa-Þáttr, hrsg. von Guðbrandr Vigfússon in Nordiske oldskrifter 27, 133 ff. und Corpus poeticNote 39 · Dass Gefn mit ags. geofon, as. geƀan, „Meer“ zusammenhänge und auch Gefjon hierher gehöre (J. Grimm, Myth. 219), also etwa eine Seegöttin, eNote 40 · SE. 1, 312 u. 282; corpus 2, 15 u. 17; ebenda 67.Note 41 · Gefjon als Pflügerin Gylfag. Kap. 1; Ynglingasaga Kap. 5. Auf Grimms Etymologie gestützt, erklärt Weinhold (Riesen des germ. Mythus S. 241) Note 42 · Über Idun Gylfag. Kap. 26; Bragar. 2; Lokasenna 17. Der Skald Thjodolf in der Haustlǫng behandelt den Mythus vom Raube der Idun, SE. 1, 306–Note 43 · Zur Deutung der Fjǫlsvinnsmǫ́l vgl. Müllenhoff, ZfdA. 30, 219.Note 44 · ZfdA. 30, 217 ff. Die oben ausgehobenen Stellen ebenda S. 243 u. 259.Note 45 · SE. 1, 304 heisst Freyja eigandi fressa, Eignerin der Katzen; SE. 1, 96 ekr hón kǫttum tveim ok sitr í reiđ; SE. 1, 176 Freyja reiđ kǫttum sNote 46 · Sohn der Jord heisst Thor Þrym. 1; Lokas. 58; beim Skald Ǫlvir SE. 1, 254; in der Haustlǫng SE. 1, 278. Über Jord als Odins Weib Gylfag. KapNote 47 · Frigg heisst Lokas. 26 Fjǫrgyns mǽr, d. h. Fjorgyns Geliebte, wie Freyja Oþs mǽr, Ods Geliebte ist; SE. 1, 54 u. 304 ist der Ausdruck missveNote 48 · Den ags. Segen bei Grein-Wülker, Bibliothek der ags. Poesie, Bd. 1, 1883, S. 312 ff.; die Litteratur darüber bei Wülker, Grundriss zur GeschNote 49 · Lex. myth. 401; zur obigen Deutung Weinhold, Die Riesen im germ. Mythus, Wien 1858, S. 60 ff. Kauffmann, Beiträge 18, 169 f. führt Rindr aufNote 50 · Über Nerthus wurde bereits unter Freyr (S. 219, Anm. 2) das Notwendige mitgeteilt. Für die Bedeutung des Nerthusfestes vgl. Mannhardt, Wald-Note 51 · J. Grimm, Myth. 748, Nachträge 1225.Note 52 · Annalen 1, 51; zur Feststellung der Lesart des Namens Müllenhoff, ZfdA. 9, 258; 23, 23.Note 53 · Überliefert ist tāfanę, was in Tanfanae oder Tamfanae aufzulösen ist. Den Nasal erachten J. Grimm und Müllenhoff als infigiert, wie λαμβάνω Note 54 · Tac. Ann. 4, 73 apud lucum quem Baduhennae vocant. Nach Müllenhoff, Schmids Zeitschr. f. Geschichtswissenschaft 8, 264 und ZfdA. 9, 240 f. iNote 55 · Vgl. v. Grienberger, Beiträge 19, 531 ff.Note 56 · Die Litteratur über den Stein wurde bereits im Abschnitt über Tiuȥ S. 204 Anm. 2 mitgeteilt. Zum oben Vorgetragenen Heinzel, Westd. Ztschr. Note 57 · Hlóþyn begegnet Vǫl. 55; dass sie Widars, nicht Thors Mutter ist, zeigt Kauffmann, Beiträge 18, 136 ff.; Hlóþyn gleich Jord SE. 1, 474; in dNote 58 · Wol nach Ovid, Metam. 1, 393: magna parens terra est, lapides in corpore terrae ossa reor dici.Note 59 · Germania Kap. 9 pars Sueborum et Isidi sacrificat: unde causa et origo peregrino sacro, parum comperi, nisi quod signum ipsum in modum liburNote 60 · Die Nehalenniadenkmäler mit Abbildungen bei L. J. F. Janssen, de romeinsche beelden en gedenksteenen van Zeeland. Middelburg 1845; die rheinNote 61 · A. a. O. 228 ff.Note 62 · Die Bräuche des Schiffsumzuges bei J. Grimm, Myth. 237 ff.; 3, 86. Weiteres bei J. W. Wolff, Beiträge zur deutschen Mythologie 1, 1852, 149 Note 63 · Vgl. darüber Mannhardt, Wald- und Feldkulte 1, 553 ff.Note 64 · Dümmler, Rhein. Museum, N. F. 43, 355 ff.Note 65 · Das Schiff auf Rädern im Moriz von Craon gehört gewiss zum Carneval und hat mit dem german. Heidentum nichts zu schaffen. Vgl. E. Schröder, Note 66 · Das gesamte Material bei Ihm, Der Mütter- und Matronenkult und seine Denkmäler, Bonner Jahrbücher des Vereins von Altertumsfreunden im RheinNote 67 · Zur dea Sandraudiga J. Grimm, Geschichte der deutschen Sprache 588; Grienberger, ZfdA. 35, 390.Note 68 · Zu dea Vercana Much, ZfdA. 31, 357 f.Note 69 · Zu dea Vagdavercustis Grienberger, ZfdA. 35, 393 ff.; seine Erklärung, „die Lebenskraft wirkende“, die spendende Erdgöttin, ist sehr unsicheNote 70 · Widukind, Res gestae Saxonicae I, 23 MG. Script. 3, 428 ut a mimis declamaretur, ubi tantus ille infernus esset, qui tantam multitudinem caeNote 71 · Die Höllenfahrt beschreiben Baldrs Draumar 2 u. 3; Gylfag. Kap. 49; Helreiþ Brynhildar.Note 72 · Bugge, Studien 179 erklärt Garmr aus Kerberos verderbt. Noreen, An. Gramm.2 § 248 fasst Garmr als Metathesis zu Gramr, der Grimmige.Note 73 · Niflhel Baldrs. Dr. 2; Vafþr. 43; SE. 1, 136; Niflheim SE. 1, 38; 40; 68; 106; 136.Note 74 · Baldrs Draumar 6, 7; Gylfag. K. 49 SE. 1, 178.
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