← Table of contents
Handbuch der Germanischen Mythologie

DRITTES HAUPTSTÜCK.

Reading edition

Von der Weltschöpfung und vom Weltende.

Die Frage, wie die Welt entstand, ob und wie sie vergeht, setzt eine ziemlich hohe Stufe des Denkens voraus, falls die Antwort darauf in Gestalt einer Entwicklungsgeschichte der Welt gegeben wird. Hier liegen die Keime zur Naturphilosophie, die in ihren Anfängen leicht an kosmogonische Sagen anknüpft. Nur begabte und gesittete Völker werden zu einer fein gegliederten Lehre von den ersten und letzten Dingen fortschreiten. Die nächste Frage ist, woher kam die Welt, erst lange nachher erhebt sich die Frage, wohin geht die Welt. Denn die bestehende von den Göttern eingesetzte Weltordnung erscheint dem einfachen Heidenglauben ewig und unwandelbar. Höchstens denkt er darüber nach, wie es so kam. Das lehrt die griechische Mythologie. Der Heide wird den Stoff als das erste setzen, den göttlichen Geist, der den Stoff sich unterwirft, erst allmälig daraus hervorgehen lassen, im Gegensatz zur christlichen Lehre, welche in Gott den Anfang und das Ende aller Dinge erblickt. Im Heidentum entwickelt sich eine Weltlehre nur beiläufig, im Anschluss an die Götterlehre, an die Theogonie, gleichsam zur Rechtfertigung der waltenden Götter, welche ihre gebietende Stellung den dämonischen Wesen abgerungen haben und gegen sie behaupten werden. Die Absicht geht dahin, die bestehende Ordnung als die Vollendung der Weltentwicklung, als den Sieg der Göttermacht hinzustellen. Die Hauptteilnahme gehört den gegenwärtigen Zuständen des Götterstaates, nicht den vergangenen oder künftigen. Anders im Christentum, wo das Ewige, Göttliche das Zeitliche, Weltliche überragt. Da erscheint das Weltleben nur als ein Übergang. Ganz andere Bedeutung gewinnt die Kosmogonie und Eschatologie, auf welche ein Hauptgewicht der Lehre fällt. Die Glaubensboten mussten vor allem auf diese Erkenntniss hinwirken und hatten eifrig von der göttlichen Weltschöpfung und vom Weltende, vom jüngsten Gericht, von der ewigen Seligkeit und von den ewigen Strafen zu predigen. Wo sie heidnische kosmogonische oder theogonische Vorstellungen vorfanden, widerlegten, sie diese mit dem Hinweis auf den ewigen Gott, der vor dem Weltstoffe da war, nicht wie die Heidengötter aus dem Stoff hervorging, geschaffen oder gezeugt wurde. Die Kosmologien der verschiedenen Völker, unabhängig vom reinen christlichen Gottesbegriff, gleichen einander in Einzelheiten oft aufs genauste. Da von einer Uroffenbarung der Menschheit oder von einer urarischen Weltlehre nicht die Rede sein kann, sind die zahlreichen Übereinstimmungen nur aus Zufall oder durch Entlehnung zu erklären. Gewiss ist die Wahrscheinlichkeit unleugbar, dass viele Völker durchaus unabhängig und selbständig diese Fragen aufwarfen und ähnlich beantworteten. Die Natur gewährt den Stoff zur Antwort, das Denken des menschlichen Geistes kann aus übereinstimmenden gleichen Voraussetzungen manchmal auch unwillkürlich zu denselben Schlüssen gelangen, falls die Grundlagen sehr einfach sind. Aber wenn sich Gleichungen in einer zusammenhängenden, stufenreichen und sinnvollen Reihenfolge von Schöpfungsakten einstellen, wenn Einzelheiten, die einem kunstvollen, willkürlichen Gedankengang entspringen, zusammenstimmen, so liegt die Annahme der Entlehnung nahe. Nachahmung und Entlehnung scheinen um so glaublicher, wo die allgemeinen Verhältnisse ein Einströmen fremder Einflüsse ermöglichen. Die nordische Mythologie enthält eine sehr ausführliche Weltlehre. Da erhebt sich nun die Frage, ob dieselbe auch für die deutschen Stämme in Anspruch genommen werden darf, ob sie gemeingermanisch oder ausschliesslich nordisch ist, ob sie auf nordgermanischem Boden aus lauter heimischen Vorstellungen erwuchs, oder ob fremde, antike oder christliche Einflüsse darin zu erkennen sind. Zunächst sind die Zeugnisse zu prüfen, welche für das Dasein ähnlicher Sagen unter den deutschen Stämmen angeführt zu werden pflegen.

I. Deutsche Sagen über den Ursprung der Götter und Menschen.

Dass die Germanen eine Theogonie und Anthropogonie, Lieder vom Ursprung der Götter und Menschen besassen, wird durch Tacitus Germania Kap. 2 bezeugt. Sie priesen in alten Gesängen den erdgeborenen Gott Tuisto und seinen Sohn Mannus, die Urheber und Erzeuger ihres Volkes. Dem Mannus schrieben sie drei Söhne zu, nach welchen die Ingaevonen, Erminonen, Istaevonen genannt sind. In diesem Mythus war vom Ursprung der Menschheit überhaupt, dann vom Ursprung der germanischen Stämme im besonderen erzählt. Aus der Erde ging ein göttliches Wesen hervor, Tuisto, der Zwitter. Der zeugte Mannus⁠[630], d. i. den Urmenschen; also nicht geschaffen, sondern auf natürlichem Wege von den Göttern gezeugt ist die Menschheit. Die Stammväter der germanischen Völkerschaften sind Söhne des Urmenschen. Wenn andererseits die Ingaevonen, Erminonen, Istaevonen den Namen ihrer Stämme dem Tiuȥ beilegten, so betrachteten sie sich damit aber auch als seine unmittelbaren Nachkommen. Demnach scheinen im Mythus, auf welchen Tacitus anspielt, zwei ursprünglich selbständige und eigentlich unvereinbare Sagen zusammengeschweisst worden zu sein. Die Sagen vom gottgezeugten Urmenschen und von den Tiuȥsöhnen, die unabhängig neben einander entstanden sein müssen, wurden einander untergeordnet und daraus ergab sich die von Tacitus berichtete Reihenfolge.⁠[631] Tacitus fügt hinzu, es gebe noch mehr Göttersöhne, nach denen Völkerschaften genannt seien — pluris deo ortos plurisque gentis appellationes. Für die germanische Theogonie lernen wir nur, dass die Erde als Göttermutter galt. Aber es lässt sich nicht bestimmen, ob Tuisto unmittelbar aus der Erde entsprosste oder ob der Himmel sein Vater war, ob wir das uralte Götterpaar Himmel und Erde auch an den Anfang der germanischen Götterlehre stellen dürfen.

Kauffmann⁠[632] hat auf einen für die Bekehrungsgeschichte zweifellos überaus lehrreichen und wichtigen Brief aus den Jahren 723 bis 725 hingewiesen, worin der Bischof Daniel von Winchester dem Bonifacius Ratschläge erteilt, wie er bei der Heidenbekehrung vorgehen solle. Kultgebräuche und Göttersagen (ritus et fabulae) dürfen nicht schlechtweg heruntergesetzt und verpönt, müssen vielmehr aus inneren Gründen als unhaltbar erwiesen werden. Der Bekehrer hat sich mit dem Gedankenkreise der Heiden vertraut zu machen, ihre Anschauungen und Begriffe kennen zu lernen, um sie hierauf zu widerlegen. Daniel schreibt das Verfahren genau vor und geht darum auf die heidnischen Vorstellungen der deutschen Stämme ein. Es fragt sich nun, wie diese beschaffen waren. Zunächst ist mit der Theogonie (deorum genealogia) zu beginnen. Die Göttersage berichtet von Erzeugung und Geburt der einzelnen Götter und stellt die einen an Macht und Ansehen über die andern. Dagegen hat der Bekehrer den Satz zu verfechten, dass Wesen, welche der Zeugung und Geburt unterliegen, eher Menschen als Götter seien. Und wenn die Götter in Urzeiten Kinder bekamen, warum sie sich jetzt der Zeugung enthielten? Andernfalls wäre freilich die Zahl der Götter unbegrenzt, und die Sterblichen könnten nie wissen, welcher der Mächtigste sei. Die Opferspenden an die Götter seien unnötig, wenn diese doch alles beherrschen würden. Die ganze Beweisführung zielt allein dahin, dass der eine allmächtige und allewige Gott seinem Wesen nach darum den Heidengöttern überlegen sei, weil diese eben zeitlich und menschlich, nur wie mächtige irdische Könige gedacht sind. Die Vielheit der Götter und ihre Verwandtschaftsverhältnisse geben dem Christen Anlass, seinen Gottesbegriff als den höheren und reineren entgegenzuhalten. Eine zweite Hauptfrage betrifft den Bestand der Welt: ist die Welt ewig oder einmal erschaffen; dann aber bedarf sie eines Schöpfers. Ehe die Welt besteht, ist zweifellos kein Raum für gezeugte Götter. Doch könnten die Heiden die Welt für uranfänglich halten — quod multis refutare ac convincere documentis argumentisque stude. Gesetzt aber, es wäre so, wer gebot der Welt vor den geborenen Göttern? wie konnten sie eine vor ihnen vorhandene Welt sich unterwerfen? von wem und wann wurde die erste Gottheit eingesetzt oder erzeugt? Die Fragen sind geschickt gestellt, der Christ findet immer den einen Bescheid, auf den der Bekehrer hindrängt: der eine ewige und allmächtige Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde. Wird aber dadurch eine deutsche Kosmogonie „eine Vǫlospǫ́ der mitteldeutschen Stämme“, wie Kögel behauptet, wahrscheinlich? Eher das Gegenteil, das Fehlen ausgebildeter kosmogonischer Sagen. Wer die nordische Weltsage den Fragen gegenüber hält, ist um Auskunft nicht verlegen. Der Urstoff ist ewig und unerschaffen, daraus erhub sich Ymir und der erste Gott, Buri. Von ihm stammte Bur, der Odin und seine Brüder erzeugte. Diese schufen Himmel und Erde aus Ymirs Leib. Ehe die jetzige Welt bestand, hausten die Götter gleich Ymir im eisigen Urstoffe. Hätte der kluge Bischof solche Antworten zu gewärtigen gehabt, so würde er seine Fragen sicher anders geordnet haben. Auf eine dem nordischen Bericht auch nur einigermaassen ähnliche deutsche Schöpfungssage kann aus Daniels Brief nimmermehr geschlossen werden. Er betrifft nur die Göttersage (Theogonie) und das Opfer und folgert: solche zeitliche menschenähnliche Götter können diese Welt weder geschaffen haben noch sie beherrschen. Sie sind in Zeit und Raum befangen. Gott aber ist ausser Zeit und Raum und darum ihnen überlegen.

Zum Nachweis einer fränkisch-deutschen Kosmogonie liesse sich besser der Bericht Gregors von Tours 2, 29–31 heranziehen, wie dies auch von J. Grimm, Myth. 96 geschah. Chrothild spricht zu ihrem Gemahle Chlodowech, den sie für die Taufe einnehmen will, gegen seine Götzen Saturnus, Juppiter, Mars und Merkur. Mit den lateinischen Namen an Stelle der fränkischen Donar, Tiu, Wodan, kamen auch Bezüge auf die antike Mythologie herein, so dass es schwierig ist, die etwa zu Grunde liegenden fränkischen Anschauungen unverfälscht abzuklären. Als die Königin den Christengott rühmt, der Himmel und Erde und Meer und Alles, was darinnen ist, mit seinem Worte aus dem Nichts erschuf, hält ihr der König entgegen: deorum nostrorum jussione cuncta creantur ac prodeunt. deus vero vester nihil posse manifestatur, et quod magis est, nec de deorum genere esse probatur. Chlodowech will sagen, in unsrer Göttersage, in Wodans Stammbaum ist kein Platz für den Christengott. Unsere Götter aber haben die Welt gemacht. Fränkische Lieder mögen demnach die Götter als die Schöpfer bezeichnet haben, etwa im Sinne der Vǫlospǫ́, dass Himmel und Erde von ihnen aus dem Chaos gehoben und wohnlich eingerichtet wurde. Eine fränkische Theogonie wird ebenfalls vorausgesetzt, welche die Götter in fest gegliedertem Stammbaum von einander ableitet. Doch haben wir keine Gewähr, in wie weit das von Gregor mitgeteilte Gespräch nicht nur auf erfundenen Phrasen beruht. Aufs blosse Wort der Götter wird die Welt schwerlich entstanden sein. Dieser Bescheid des Königs ist vielleicht gar nicht so wörtlich und wirklich zu nehmen, vielmehr ein blosser rednerischer Trumpf auf den Vorhalt der Königin. Mehr Vertrauen, wie auch J. Grimm betont, verdient der Einwurf des Götterstammbaumes. Lieder theogonischen Inhaltes bezeugt ja schon Tacitus. Der Theogonie gesellen sich allerdings leicht auch Andeutungen über Ursprung und Ordnung der Welt. Odins Beinamen Gautr für einen germanischen Götternamen zu erklären, ist vielleicht gestattet. Aber darin einen „Giesser“, d. h. Schöpfer, also die Vorstellung eines den Germanen bekannten schöpferischen Gottes zu sehen, ist falsch, wie im Abschnitt über Wodan gezeigt wurde.

Das altsächsische Bruchstück aus dem Ende des 8. Jahrh., das sog. Wessobrunner Gebet⁠[633], muss häufig dafür herhalten, ein heidnisches niederdeutsches Gedicht kosmogonischen Inhaltes zu erweisen, weil ein paar Verse, welche den Zustand vor der Weltschöpfung schildern, an die Vǫlospǫ́ anklingen. Allein die Übereinstimmung kann auf Zufall beruhen, da in beiden Denkmälern derselbe Grundgedanke in der gleichen Weise Ausdruck erhält. Der vorweltliche Zustand wird durch die Verneinung dessen, was die sichtbare Welt vor Augen stellt, beschrieben. Besteht aber ein Zusammenhang, dann bedarf es keines gemeinsamen heidnischen Gedichtes, vielmehr gibt die Bibel den gemeinschaftlichen Hintergrund. Alle Begriffe, die im Wessobrunner Gebet vorkommen, lassen sich aus der Bibel, aus der Genesis Kap. 1 und aus Psalm 89, 2, belegen. Die Vǫlospǫ́ kann aber von zahlreichen christlichen Einflüssen nicht freigesprochen werden.

Das bayerische Gedicht aus dem 9. Jahrh., das sog. Muspilli wurde auch auf heidnische Nachklänge hin untersucht. Während Kögel im Anschluss an J. Grimm, Myth. 771 ff. wiederum diesen heidnischen Spuren das Wort redet, bescheidet sich Kelle S. 146 mit der letzten Verteidigungsstellung der Verfechter des Heidentums: „Heidnisch ist in dem deutschen Gedichte vom Weltgerichte sicher nichts als mûspilli.“ Gerade dieses Wort ist aber der allersicherste und deutlichste Beweis für die christliche Herkunft des Gedankens vom Weltbrand, wie unten im Anschluss an Bugge, Studien S. 447 ff. gezeigt werden soll.

Die aus mündlicher Überlieferung aufgezeichnete Volkssage dieses und des vorigen Jahrhunderts weiss von einer künftigen fürchterlichen Schlacht.⁠[634] Sie ist ans Walserfeld bei Salzburg oder an den Kirchhof zu Nortorf in Holstein geknüpft, kommt aber auch sonst in deutschen Gauen häufig vor. Wenn der dürre Baum auf der Walser Heide anhebt zu grünen und Früchte zu tragen, wenn der Fliederbusch zu Nortorf so hoch gewachsen ist, dass ein Pferd darunter angebunden werden kann, dann bricht in der ganzen Welt Krieg aus. Dann reitet ein Kaiser zum Baum oder Strauch, hängt seinen Schild auf oder bindet sein Pferd an, und nun beginnt die letzte blutige Schlacht, aus der nur wenige Leute übrig bleiben. Darauf kommt der Weltfrieden, andere Quellen aber sagen, der Antichrist und das Weltende. Nach dem Vorgange J. Grimms war es lange Zeit üblich, die Sage für einen Nachklang der germanischen Götterschlacht, die dem Weltbrand vorausgeht, zu betrachten. Der Baum erinnerte an die Weltesche, die erbebt und rauscht, wenn die höllischen Mächte einmal losbrechen. Aber dieser Schluss hat sich als voreilig herausgestellt. Diese allgemeine Weissagung einer letzten grossen Weltschlacht gehört, wie die älteren Fassungen deutlich zeigen, zur mittelalterlichen Kaisersage und entstammt einer alten morgenländischen und durchaus christlichen Sage, die mit dem deutschen Heidentum gar nichts zu schaffen hat. Der Schauplatz ist in den älteren Fassungen auch keine deutsche Heide, sondern das heilige Land. Im Mittelalter ging auf Grund einer byzantinischen Weissagung die Legende von einem letzten römischen Kaiser, der siegreich über alle Feinde nach Jerusalem ziehen und dort seine Krone niederlegen oder seinen Schild am dürren Baume, der alsbald frisch ergrünt, aufhängen werde. Damit ist der biblischen Prophezeiung gemäss das letzte Weltreich vorüber und der Antichrist und das Weltende folgen alsogleich. Die Sage von der letzten Weltschlacht ist mithin zum Beweise einer deutschen „Götterdämmerung“ nicht zu verwenden. Sie ist aber ein lehrreiches und warnendes Beispiel, wie vorsichtig die mythologische Auslegung den neueren Volkssagen gegenüber sich zu verhalten hat. Ihre oft allgemeine Form verführt allerdings zu solchen Versuchen, die aber schon durch die älteren Fassungen völlig unhaltbar erscheinen müssen. Denn da treten immer zahlreicher und bestimmter Einzelheiten hervor, welche die Sage dem Gebiete germanischer Mythologie entziehen. So möchte noch manche Erscheinung des neueren Volksglaubens, die für die Geschichte des deutschen Heidenglaubens beansprucht wird, allein schon durch die Kenntniss älterer, vollständigerer und bestimmterer Fassung hinfällig werden. Die stetig zeugende und schaffende sagenbildende Kraft, die nicht unterschätzt werden darf, bewegt sich oft nur scheinbar in uralt heidnischem Geleise.

Damit sind die Quellenzeugnisse ausserhalb des Nordens erschöpft. Eine germanische Theogonie, die aber im Laufe der Zeiten und unter den verschiedenen Stämmen sehr vielgestaltig und veränderlich gewesen sein mag, ist zweifellos. Schon die geschichtliche Entwickelung, wenn anders mit Recht das allmälige Aufkommen Wodans über Tiuȥ angenommen wird, brachte Wandel und Wechsel in den Götterstaat. Der höchste Gott hat die andern als Söhne oder Brüder um sich geschart, da bildet sich leicht auch die Sage von seinen Ahnen. Die gebietende Machtstellung musste gegen Nebenbuhler und andere Feinde erkämpft und behauptet werden. In den angelsächsischen Stammtafeln hat Wodan nicht bloss Nachfahren, sondern auch Vorfahren. Für eine ausgebildete Kosmogonie spricht kein zweifelloses Zeugniss. Für die germanische Sage vom Weltbrand ist nicht der Schatten eines Beweises zu erbringen. Damit muss auch der deutschen und germanischen Göttersage die tiefe Tragik der nordischen abgesprochen werden. Wol war auch jene vom freudigen, todverachtenden Heldentum erfüllt, aber der düstre Schatten eines unentrinnbaren Verderbens mit dem versöhnenden Ausblick auf eine neue, milde und reine Welt des ewigen Friedens blieb dem Schicksal der deutschen Götter vermutlich ferne.

II. Die nordische Schöpfungslehre.

Die folgende Darstellung der nordischen Weltlehre geht darauf aus, in möglichst deutlichen Umrissen die in den Skaldengedichten des 9./10. Jahrhunderts vorhandenen Vorstellungen zu schildern. Für den vermutlichen Ursprung der einzelnen Bilder beschränke ich mich auf kurze Andeutungen. Weltanfang und Weltende umfassen die gesamte Göttersage im grossen, erhabenen Rahmen, der die einzelnen Mythen in völlig neuem Lichte, als Handlungen im geschlossenen Weltendrama erscheinen lässt. Eine gewaltige erschütternde Dichtung baut sich auf, eine wundervolle, tiefernste Göttersage, wie kein andres Volk sie besitzt. Gleichviel, woher die Anregung kam, der unvergängliche Wert der dichterischen Schöpfung, welche den krönenden Abschluss der germanischen Religionsgeschichte bildet, bleibt ungekränkt bestehen. Aber es war eine Dichtung auserwählter Kreise, kein echter, überzeugter Volksglaube, wie folgende Erzählung aus der Bekehrungszeit zu beweisen scheint.

Sveinn und sein Sohn Finn stritten sich um die Macht der Heidengötter, die Finn verachtete. Sein Vater hielt ihm das vor, weil Thor so viele und grosse Heldenthaten verrichtet habe, durch die Berge gefahren sei und Felsen zertrümmert habe, Odin aber über den Sieg der Männer entschieden habe. Finn antwortete: Das ist sehr geringe Macht, Klippen oder Steine zu zerbrechen und an solchen sich abzuarbeiten, oder den Sieg so zu verleihen, wie Odin ihn verlieh, mit Betrug, nicht aber mit Gewalt. Der dagegen scheint mir mächtig, der am Anfang die Berge gesetzt hat, die ganze Welt und die See. Was könnt ihr mir aber von diesem sagen? Darüber wurde von Sveinn wenig gesprochen. Finn Sveinsson thut das Gelübde, in den Dienst des Königs zu treten, der der Oberste ist und vor allen anderen hervorragt. Er ergibt sich wie Christophorus schliesslich dem Christus, weil er so gewaltig war, dass er eine Heerfahrt in die Hölle that und dort den Thor band, den obersten der Heidengötter.⁠[635]

Der Aufzeichnung kommt freilich kein hohes Alter zu. Aber sie ist trotzdem merkwürdig genug, indem sie die nordische Schöpfungslehre als gar nicht vorhanden betrachtet. Ähnlich sind noch andere Stellen. In der durchaus ungeschichtlichen Sage von Orvar-Odd werden die heidnischen Nordleute, welche auf einer Reise nach Aquitanien in eine Kirche gelangen, nach ihrem Glauben gefragt. Sie antworten: Wir bauen auf unsre Macht und Stärke und glauben nicht an Thor und Odin. Der Einheimische erwidert: Wir glauben an den, der Himmel und Erde geschaffen hat, die See, die Sonne und den Mond. Odd sprach: Der muss gross sein, der alles das gezimmert hat. Aus den letzten Zeiten des Heidentums hören wir von Leuten, die aus eigner freier Überzeugung den Heidenglauben als unvollkommen verwarfen und nur auf sich selbst vertrauten oder aber einer geläuterten Gottesverehruug, dem Bilde des von fernher ihnen vorschwebenden Christengottes, sich zuwandten.⁠[636] Thorkell Mani, der von allen Heiden am besten gesittet war, liess sich in seiner Todeskrankheit in den Sonnenschein hinaustragen und befahl sich in die Hände des Gottes, der die Sonne geschaffen habe. Der alte Ingimund im Vatnsdal, der früher eifrig dem Freyr gedient hatte, war ein überaus tüchtiger und treuer Mann; sein Sohn Thorstein preist die Güte seines Vaters und meint: Das wird unserm Vater von dem vergolten werden, der die Sonne geschaffen hat und alle Welt. Ein andermal spricht derselbe Thorstein: Nun will ich den anrufen, der die Sonne geschaffen hat, denn ihn halte ich für den Mächtigsten. Diese und andre Stellen betonen die Schöpferkraft des Christengottes, den sie mit bewusster Absicht Odin und den andern Göttern gegenüber stellen. Dass Odin und seine Brüder Himmel und Erde und die Gestirne schufen, dass sie den Lauf der Sonne und des Mondes regelten, wie es in alten Liedern und der Edda heisst, kann demnach kein allgemeiner, lebendiger Glaube gewesen sein. Sonst hätte sich doch der Heide ebenso auf die Schöpferkraft seiner angestammten Götter berufen müssen. Die nordische Weltlehre scheint mithin eine Dichtung, kein eigentlicher Volksglaube, mit dem die Bekehrung zu rechnen hatte.

1. Das Chaos, der Urzustand und die Urwesen.

Den Anfang aller Dinge bezeichnet die nordische Weltlehre mit der Verneinung dessen, das für uns sichtbar besteht: Da war nicht Sand, noch See, noch kalte Woge, nicht Erde gab es, noch Oberhimmel, nur gähnende Kluft (ginnunga gap)⁠[637], doch nirgends Gras. Es wird ein Chaos oder besser Chasma, Hiatus, gähnender Schlund gesetzt. Der Begriff des Abgrundes, der Kluft liegt in gap, der des Weiten, Gähnenden im dazu gestellten Genitiv ginnunga. Mit ginnunga gap ist der leere Raum gemeint. Der leere Raum entstand aber, wie die Gylfaginning ergänzend hinzufügt, dadurch, dass der wesenlose Urstoff im Norden und Süden zu finsterm Nebel, zu Wasser und Eis und zu Feuer sich verdichtete. „Viele Jahre vor der Erschaffung der Erde war Niflheim (die Welt des Nebels, des Dunkels) entstanden; mitten drin liegt der Brunnen, der Hwergelmir (der in kesselförmiger Vertiefung rauschende) heisst. Aus ihm ergiessen sich viele Flüsse. Zuerst bestand jedoch die Gegend, welche Muspellsheim heisst; diese ist hell und heiss, und sie kann von niemand, der dort nicht zu Hause ist, betreten werden.“ Über Ursprung und Sinn des Namens Muspell wird weiter unten gehandelt. In der Schöpfungssage tritt damit nur die Feuerwelt der Nebelwelt gegenüber, worin einerseits die Anschauung von Feuer und Wasser als den Urelementen, andererseits wol auch die christliche Vorstellung einer Wasser- und Feuerhölle anklingt. In Niflheim und Hwergelmir sind eigentlich zwei Elemente angedeutet: der Nebel, d. h. die dunkle Luft, und das Wasser. In Gestalt von zwölf Flüssen, die kalte, feuchte Luftschichten mit sich führen, entströmt das Wasser dem Urquell und verdichtet sich zu Eis, womit offenbar der Übergang des Flüssigen zum Festen erklärt werden soll. Somit werden die Elemente als uranfänglich betrachtet, welche zunächst geschieden an den Grenzen des leeren Raumes lagern. Bald aber dringen sie herein und aus ihrer Vermischung, insbesondere durch die belebende Kraft des Feuers, erstehen die ersten organischen Gebilde.

Die Gylfaginning fährt in ihrem Berichte fort: „Diese Flüsse, die Eliwagar heissen, waren soweit von ihrem Ursprunge fortgekommen, dass die darin enthaltene giftige Flüssigkeit (d. h. die bitterkalte Flut) erstarrte wie die Schlacke in der Esse. Dort befand sich Eis, welches stehen blieb und nicht mehr vorrückte; da legte sich Reif darauf und auch das Nass der Giftflut gefror zu Reif, und so schob sich eine Reifschicht über die andere nach ginnunga gap hinein. Der nördliche Teil der gähnenden Kluft füllte sich mit dicken, schweren Eis- und Reifmassen, die Sprühregen und Winde hervorbrachten. Der südliche Teil wurde lauer durch die Funken, welche aus Muspellsheim hereinflogen. Wie die grimmige Kälte aus Niflheim kam, so war alles in der Nähe von Muspellsheim heiss und hell. Ginnunga gap ward so lau wie windstille Luft. Als die heisse Luft den Reif erreichte, so dass er zu schmelzen und zu tropfen begann, da entstand ein Wesen, wie ein Mensch gestaltet. Sein Name war Ymir, den die Reifriesen Örgelmir (den gewaltig Rauschenden) nennen, und er ist der Stammvater ihres Geschlechts.“ So sagt auch Wafthrudnir (Vafþr. 31):

Aus den Eliwagar troff ätzendes Gift, Das türmte sich, bis ein Thurs draus ward; Das ist der Ursprung unsres Geschlechtes, Drum ist rauh der Riesen Sinn.

Der leere Raum erfüllt sich allmälig mit den Elementen, die sich zu einer Riesengestalt verdichten. Die Riesen bewohnen überhaupt die unwirtlichen, den Menschen unzugänglichen Gegenden. So ist jener erste Riese im Ureise der nordischen Vorstellung völlig angemessen und ebenso gut denkbar, wie die Riesen im Eise des nächtigen Polarmeeres, welche Hymir verkörpert. Das Gesamtbild der von Wasser, Nebel und Eis erfüllten Urwelt, deren Nacht vom Süden her allmälig Licht und mildere Luft empfängt, ist deutlich genug der nordischen Natur entnommen. Dort spielen sich die in der Gylfaginning geschilderten Vorgänge immer von neuem ab. Dass dem Urstoff ein organisches Gebilde entwächst, berichten auch andere Kosmogonien. Die dem Chaos entspringenden Kinder Erebos und Nyx sind keineswegs abstrakt als Zustände, vielmehr persönlich, als titanische, riesenhafte Wesen gedacht, ja Chaos selber gilt später auch für persönlich. So wird auch der Abyssus der biblischen Schöpfungslehre als ein im Abgrund eingesiedelter Riese gedacht und dargestellt. Nach der Vǫlospǫ́ sind Ymir und ginnunga gap gleichzeitig und mit Recht: sie verhalten sich wie Chaos und chaos, Abyssus und abyssus. Auf der einen Seite steht die geistigere, des abstrakten Denkens fähige Vorstellung, auf der andern die sinnliche, die nur Gestalten begreift. Die Gylfaginning philosophiert, wie der Urstoff zum riesenhaften Urleib werden konnte, wie in beiden die gleichen Grundkräfte der Natur wirken.

Ymir (zu ymja, rauschen) besagt dasselbe wie Örgelmir, den rauschenden, brausenden Urstoff, das Gewässer des Meeres, zum riesenmässigen Urleibe geformt. Sobald aber ein menschenähnliches Gebilde dem Chaos entstiegen, vollzieht sich auch die weitere Entwicklung auf dem Wege natürlicher Zeugung. Dass im ersten Leibe beide Geschlechter vereinigt waren, wusste wol auch die germanische Theogonie und Anthropogonie. Tuisto ist ja vielleicht der Zwitter, ebenso Ymir (Vafþr. 33). Als er schlief, geriet er in Schweiss, da wuchs ihm unter dem linken Arme Mann und Weib, sein eigner Fuss zeugte mit dem andern einen Sohn, und so erwuchsen ihm Nachkommen. Denn von Ymirs Geschlecht sind alle die Riesen (Hyndl. 34). Ymirs-Örgelmirs Sohn und Enkel heissen Thrudgelmir und Bergelmir, von letzterem stammt das jüngere Reifriesengeschlecht, nachdem das ältere in der grossen Flut umkam. Zu beachten ist das Festhalten des gleichen Stammes in den Namen Hwergelmir, Örgelmir, Thrudgelmir, Bergelmir. Hwergelmir, der Urquell aller Gewässer, ist das rauschende Element selber, aus dem sich auch die Riesen erheben. Man wird an die griechische Lehre vom Okeanos als dem Anfang aller Dinge erinnert. Okeanos ist ebenso das flüssige Element selbst wie dessen Beherrscher, also sachlich und persönlich gedacht. So liegen in der nordischen Weltlehre verschiedene Anschauungen neben einander, indem das erste Geschöpf dem Chaos, den Elementen, dem Urflüssigen entwächst. Kann man allenfalls dem naiven dichterischen Glauben den Gedanken zutrauen: Im Anfang war das Wasser und der Riese des Wassers, oder im Anfang war das Chaos und der Riese des Chaos, so ist der Versuch, die Entstehung dieses Urgeschöpfes zu erklären, jedenfalls ein Stück mittelalterlicher Physik und gewiss nicht selbständig in den Köpfen isländischer Gelehrter entstanden.⁠[638]

Als der Reif weiter schmolz, entstand die Kuh Audumla daraus. Vier Milchströme rannen aus ihren Zitzen und damit nährte sie den Ymir. Die Kuh aber fristete dadurch ihr Leben, dass sie die Reifsteine beleckte, welche salzig waren. Am ersten Tag nun, als sie leckte, kam eines Mannes Haar zum Vorschein, am zweiten Tage der Kopf und am dritten der ganze Mann. Sein Name war Buri; er war der Vater des Bur, welcher Bestla, die Tochter des Riesen Bolthorn, zur Frau nahm. Dies Paar hatte drei Söhne, Odin, Wili und We. Nur bei Snorri steht dieser wunderliche und dunkle Bericht. Der Name Audumla widerstrebt der Deutung. Ihr Amt ist ein zwiefaches. Sie nährt den Ymir, wozu sich anderwärts ähnliches nachweisen lässt. Zeus hat eine Ziege zur Amme; in Sage und Legende treten häufig Tiere als Nährmütter der Menschenkinder auf. Da noch kein andres Leben herrscht, muss die Sage der Audumla denselben Ursprung beilegen wie dem Ymir. Wer in Audumla die Nass und Fruchtbarkeit spendende Wolke sieht, weil in einigen Mythologien, namentlich in der indischen, die Wolken oft als Milchkühe erscheinen, verkennt doch zu sehr den Unterschied zwischen südlicher und hochnordischer Natur. Unerhört aber ist, dass die Kuh die Götter zum Leben erweckt. Riesen und Götter sind nach der nordischen Weltsage nicht erschaffen wie Menschen und Zwerge, sondern von selber aus dem Chaos aufgegangen; die Riesen früher als die Götter, wie auch die Titanen vor den lichten Göttern da sind. Buri und Bur, Wili und We, diese Namen entstammen der christlichen Dreiheit, wie bereits oben gezeigt wurde. Ein spät erfundener Stammbaum führt Odins Sippe in die Weltanfänge hinauf. Während Zeus einem Titanen entsprosst, berührt sich Odin nur mutterhalb mit den Riesen.

So waren die elementaren Naturmächte, die wilden, ungebändigten Riesen, und die ordnenden, geistigen, göttlichen Gewalten bereits vor Erschaffung des Himmels und der Erde vorhanden. „In den Asen erscheint eine edle, gelungene zweite Hervorbringung gegenüber der ersten halbmissratenen riesischen. An den Riesen war ein Übermaass des plumpen Leibes aufgewandt; bei den Asen gelangten Leib und Seele zu vollem Gleichgewicht, und neben unendlicher Stärke und Schönheit entfaltete sich durchdringender, schöpferischer Geist“ (J. Grimm, Mythol. 529). Alsbald beginnt aber auch der Kampf zwischen ihnen, welcher das ganze Dasein der Götter in der nordischen Sage erfüllt. Die Götter bändigen die ungezügelten Elemente, um geordnete, wirtliche und wohnliche Zustände dem Chaos entgegenzustellen. Aber es bedarf steter, scharfer Wachsamkeit, den Bestand des Gewonnenen zu sichern. Am Ende stürzt doch alles wieder vor den entfesselten Elementargewalten zusammen. Die Riesen rächen ihre lange Unterjochung an den Göttern. Aus den Trümmern taucht eine neue vollkommene, sündlose Welt unter einem andern ewigen Gotte empor. Auch Zeus ringt seine Macht den Titanen und Giganten ab. Doch gewaltiger und heldenhafter ist Odins That, und das in der Zukunft drohende Ende, dessen Herannahen die Götter wissen, verleiht der nordischen Göttersage eine mit Recht bewunderte erhabene Tragik.

Die Söhne Burs töteten den Ymir, und es lief aus seinem Körper so viel Blut, dass sie darin das ganze Geschlecht der Reifriesen ertränkten. Nur einer entkam mit seinen Angehörigen: ihn nennen die Riesen Bergelmir. Er begab sich mit seiner Frau in ein Boot und rettete sich darin. Von ihm stammen die jüngeren Geschlechter der Reifriesen.

Wafthrudnir erzählt (Vafþr. 35):

Ungezählte Winter vor der Erde Schöpfung Geschah Bergelmirs Geburt; Als Frühstes weiss ich, dass der erfahrene Riese Im Boote geborgen ward.

Die Angaben des Liedes und der Gylfaginning stimmen nicht vollständig überein. Hier besteigt der Riese mit seiner Frau das Boot⁠[639], dort wird er allein hineingelegt, vielleicht als Kind, falls nicht die Bezeichnung „enn fróþe jǫtonn“, der erfahrene Riese, dagegen spricht. Die nordische Sinflut⁠[640] fällt noch in die chaotische, urweltliche Zeit. Sie entsteht aus dem Blute des erschlagenen Ymir zur Vernichtung seiner Nachkommen. Die Götter versuchen durch Totschlag und Überschwemmung ihre Gegner zu verderben. Auch die nordische Flut wird zur Strafe wilden Übermutes von den Göttern verursacht. Dass die Flut mit Ymir zusammenhängt, findet vielleicht in den Worten der Genesis 7, 11 rupti omnes fontes abyssi, wodurch die biblische Flut herbeigeführt wird, Erklärung, sobald nämlich hier, wie an andern Stellen Abyssus persönlich gedacht wird.

2. Die Schöpfung der Erde und des Himmels.

Die Söhne Burs erhuben nun die Lande und erschufen den schönen Midgard, und zwar aus dem Riesenleibe.⁠[641]

Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen, Aus dem Blute das brausende Meer, Die Berge aus dem Gebein, die Bäume aus den Haaren, Aus dem Schädel das schimmernde Himmelsdach. Doch aus seinen Wimpern schufen weise Götter Midgard dem Menschengeschlecht; Aus dem Hirne endlich sind all die hartgesinnten Wetterwolken gemacht.

Gylfaginning Kap. 8 fügt noch bei, die Götter hätten den erschlagenen Ymir in die Mitte von Ginnunga Gap geschleppt und dort aus seinem Leibe die Welt gebildet. Aus dem Schädel fertigten sie den Himmel und setzten ihn über die Erde auf vier vorstehenden Stützen, und unter jede Stütze setzten sie einen Zwerg, den Austri, Westri, Nordri und Sudri. Um die Erde rings herum legten sie das Meer. Himmel und Erde sind also zum Riesenleibe in Beziehung gesetzt. Die Himmelswölbung wird dem gewölbten Riesenschädel verglichen, folgerichtig sind die das Himmelsgewölbe erfüllenden Wolken aus dem Gehirn Ymirs entsprungen. Der Riesenleib ist der Erde gleich, was ins einzelne ausgemalt eine Zusammenstellung von Blut und Wasser, Bein und Stein, Haar und Pflanzen ergibt. Dass Midgard aus den Wimpern erschaffen ist, deutet auf eine schützende Umzäunung, vielleicht auf einen am Rande der Erdscheibe herumlaufenden Waldgürtel. Snorri nennt aber Midgard einen Wall (borg), den die Götter wegen der feindlichen Gesinnung der an den Meeresküsten angesiedelten Riesen rund um die Erde errichtet hätten. Auch in andern Mythologien finden sich Ansätze oder ähnlich durchgeführte Gleichungen zwischen Himmel und Erde und einem Riesenleib. In mittelalterlichen Schriften begegnen Spekulationen über das Verhältniss des Makrokosmos und Mikrokosmos. Adams Leib ist aus acht Teilen gebildet, worunter die Gleichungen Erde und Fleisch, Stein und Bein, Meer und Blut, Pflanzen und Haar, Wolken und Gedanken wiederkehren. Der Unterschied zwischen der heidnischen und christlichen Lehre besteht darin, dass dort die ganze Natur der auseinander gefallene Urmensch ist, hier der Mensch aus natürlichen Elementen zusammengesetzt wird. War man früher geneigt, die christliche Vorstellung aus der heidnischen abzuleiten, so dringt neuerdings die umgekehrte Auffassung durch, dass die Ymirsage von der Adamsage abhängig sei. Schliesslich ist die Möglichkeit beiderseitiger selbständiger und unabhängiger Entstehung nicht abzuweisen, nachdem ähnliche Gedanken bei den verschiedensten Völkern und zu verschiedenen Zeiten auftauchen.

Aus den Funken aus Muspellsheim machten die Götter Himmelslichter. Dann ordneten sie den Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne, die Folge von Tag und Nacht und die Jahreszählung. Von Süden her beschien die Sonne den Erdengrund, da entsprosste grünes Gras.

Darauf schufen die Götter in der Mitte der Welt Asgard, das Götterheim. Dort ist ein Ort, der Hlidskjalf (Thürbank, Thürschwelle) heisst. Von dort aus kann Odin die ganze Welt übersehen. Der Hochsitz Hlidskjalf, der Übersicht über die ganze Welt gewährt, ferner Namen einzelner Götterburgen wie Breidablik (Breitglanz), Glitnir (der Glänzende), Himinbjorg (Himmelsberg) zeigen deutlich, dass Asgard im Himmel über Midgard liegend gedacht ist.⁠[642]

Wenn ausserdem einige Male noch von Jǫtunheim⁠[643], der Riesenwelt, Alfheim⁠[643], der Albenwelt, die Rede ist, so soll damit nur allgemein der Aufenthaltsort dieser Wesen bezeichnet werden. Eine bestimmte Welt, wie Midgard und Asgard, ist nicht damit gemeint. Anders verhält es sich mit Muspellsheim und Niflheim⁠[644], die ja schon in Snorris Schöpfungsberichte am Anfange erschienen. Niflheim oder Niflhel gilt als die Totenwelt, als die Nebelhölle, als die Unterwelt. Einige Male wird nach christlichem Vorbilde auch noch von der untersten Hölle gesprochen. Dass die Hölle unter Midgard sich ausdehnt, mag altgermanischer Glaube sein. Der Aufenthalt der Toten, die im Grabe geborgen werden, muss ja als unterirdisch gedacht werden.

Die Vǫlospǫ́ 2 und die Vafþrúþnesmǫ́l 43 erwähnen neun Welten, nio heimar. Auf Grund dieser Stellen ist auch in der Snorra Edda beiläufig von neun Welten die Rede.⁠[645] Aber nirgends werden sie aufgezählt, vor allem nirgends im Weltgebäude vorausgesetzt. So einfach und klar das Weltbild der vom Himmel (Asgard) überwölbten Erde (Midgard) sich darbietet, so unmöglich ist die Vorstellung von neun Welten, will man sie gleichberechtigt mit jenen im Weltganzen unterbringen. In den Liedern erscheint die Neunzahl beidemal im selben Zusammenhang und im selben Sinn: wer die neun Welten durchfuhr, weiss alles. Die neun Welten scheinen nur typisch gezählt zu sein.⁠[646] Die Vǫlva und Wafthrudnir wollen damit sagen, dass sie bei allen Wesen und in aller Welt geweilt, alles durchforscht haben und darum alles Weltwissen besitzen. Ein ähnlicher Gedanke liegt auch dem Alwisliede zu Grunde. Thor verlangt vom weisen Zwerge Bescheid, wie einzelne Begriffe in den vielen Welten genannt werden, und Alwis antwortet demnach, wie Erde, Himmel, Sonne, Mond, Wind, Wolke, Meer, Feuer u. s. w. bei Asen, Wanen, Menschen, Riesen, Zwergen, Elben heissen. Darum scheint es ein vergebliches Bemühen, die neun Welten als bestimmte Örtlichkeiten aufzusuchen, eher sind die verschiedenen Wesenklassen gemeint, deren Aufenthaltsorte ja zuweilen auch als „heimr“ bezeichnet werden. Die Neunzahl mag bildlich zu verstehen sein als der Inbegriff des Vorhandenen.

Die nordische Weltvorstellung ist so zu denken: Midgard ist rings vom Meere umgeben, Meer und Erde bilden eine kreisrunde Scheibe, über welche sich der Himmel wölbt. Der ganze Weltbau, Himmel und Erde und Meer, schwebt im leeren Raum (ginnunga gap). Dort war ja Ymir zerstückelt worden. Wer sich allzuweit auf das erdumgürtende Meer hinauswagt, gelangt schliesslich zu den Grenzen der Welt und läuft Gefahr, in den gähnenden leeren Raum zu stürzen. So ist ginnunga gap im 11. Jahrhundert bei Adam von Bremen ein geographischer Begriff, die Grenze des Weltmeers im hohen Norden.⁠[647] Midgard ist die wirkliche Erde, wo Menschen wohnen. Über ihr steht die himmlische Götterwelt, Asgard, unter ihr dehnt sich die Hölle, Niflheim, aus. Ausser Asgard, Midgard und der Hölle gab es ursprünglich wol nur Utgard. Darunter sind unwirtliche, dem Anbau widerstrebende, öde und wilde Landstrecken gemeint; dorthin sind Trolle und Riesen versetzt. Bei der Fahrt Thors nach Utgard, ins Riesenland, ist es jenseits des Meeres gedacht. Nach ihrer Landung haben die Gesellen noch einen breiten und weiten Wald zu durchwandern. Nach der Gylfaginning werden die Riesen längs der Meeresküste angesiedelt. Die Vorstellungen über die Lage von Utgard schwanken. Ursprünglich galt wol die Anschauung, dass die Riesen streckenweise am diesseitigen Gestade, vor dem Schutzwall Midgards, hausten, im Ost- und Nordgebirge Norwegens. Denn jenseits des Meeres ist Ginnunga Gap. Im 9. und 10. Jahrhundert erweiterten sich die geographischen Begriffe der Nordleute beträchtlich infolge der Entdeckungsfahrten. Um 880 wurde das Nordkap umschifft, um 874 Island entdeckt, gegen Ende des 10. Jahrhunderts Grönland. Infolge davon scheint Utgard jenseits des Meeres verlegt worden zu sein. Handelt es sich ja doch auch um kein rechtes bewohnbares Land, vielmehr um wüste Gegenden. Da die Riesen schon vor Erschaffung von Midgard und Asgard im chaotischen Urzustände, im Ginnunga Gap heimisch waren, so fällt Utgard mit Ginnunga Gap gewissermaassen zusammen.

Wie viel von diesen Vorstellungen gemeingermanisch sind, lässt sich einigermaassen bestimmen. Schwerlich die Schöpfung, wol aber die Einrichtung der Welt dachten sich auch die andern Stämme gleich. Denn derselbe Name für die bewohnte Erde (got. midjungards, ahd. mittil-mittingart, as. middilgard, ags. middangeard) geht überall durch. Midgard ist der mittlere, eingefriedigte Raum, das mittlere Gehege. Der Begriff „Mitte“ geht von der natürlichen Anschauung aus, wonach die Erde im Mittelpunkt der Welt steht. Möglicherweise ist auch wie im griechischen μεσόγαια das Binnenland gemeint im Hinblick auf das umgürtende Erdmeer. Als Erdkreis und Himmelskugel stellt sich die Welt dem Auge dar. Dass die Götter im Himmel hausen, ist von selbst verständlich und wird im langobardischen Wodansliede bezeugt. Auch die Hölle ist allen Germanen bekannt. Die Namen Asgard, Utgard u. a. sind aber auf den Norden beschränkt. Die Grundzüge des Weltbildes scheinen somit gemeingermanisch, die Einzelheiten und die Sagen von ihrem Ursprung müssen wir als ausschliesslich nordisch betrachten, so lange anderweitige unzweifelhafte Überlieferung versagt.

Noch einige Sagen, die auf Tag und Nacht, Sonne und Mond Bezug nehmen, stehen in äusserlichem Zusammenhang mit der Kosmologie. Aber man merkt beim ersten Blick, dass sie viel jünger sind. Ihr Ursprung liegt teilweise in dem Bestreben nach der Personifikation bestimmter Erscheinungen und Vorgänge des Naturlebens. Auch fremde Vorbilder mögen teilweise eingewirkt haben.

Tag und Nacht sind von Allvater an den Himmel gesetzt. Er gab ihnen zwei Pferde und zwei Wagen, auf denen sie um die Erde fahren. Die Nacht fährt mit Hrimfaxi, der die Erde mit seinen Gebisstropfen betaut; der Tag hat den Skinfaxi, von dessen Mähne Luft und Erde erglänzt.⁠[648] Auch in Deutschland trifft man das Bild des einher reitenden Tages, der begrüsst wird wie eine freundliche Gottheit. Bældæg, heller Tag, war des Lichtgottes Namen bei den Angelsachsen. Die vom Zauberschlaf erwachte Brynhild ruft mit feierlichem Grusse den Tag und die Söhne des Tages (Lichtgottheiten), die Nacht und die Tochter der Nacht (Jord, die Erde) an. Bereits die zahlreichen Redensarten, die von Tag und Nacht gebräuchlich sind, drängen auf Personifikation hin. Mit dem Tage mag in früherer Zeit leicht auch das Bild des Lichtgottes verschmolzen sein. Der Tag auf Skinfaxi, dem hellmähnigen Rosse, mag aus dem reisigen Himmelsgotte, aus Baldr-Bældæg entwickelt sein. Aber die auf dem Wagen stehenden, rosselenkenden Gestalten des Tages und der Nacht sowie der Sonne erinnern stark an antike Mythen von Helios mit den sonnenhellen, von Nyx mit den dunkeln Rossen. Auf die Nachwirkung altarischer Sagen zu schliessen, scheint nicht ratsam; denn das, was die Edda von Tag und Nacht erzählt, zeigt keine tiefere Verflechtung mit den Grundzügen der Götter- und Weltgeschichte. Nur die Begriffsnamen sind zu notdürftiger, unselbständiger Persönlichkeit gelangt. Den Verdacht der Entlehnung und Nachahmung bestärkt die Genealogie: der Riese Norwi oder Narfi⁠[649] in Jotunheim ist Vater der Nacht. Zuerst ist Nott dem Naglfari vermählt, dann mit Onar, endlich mit Delling.⁠[650] Der ersten Ehe entsprosst Aud, der zweiten Jord, der dritten Dag. Diese Reihe von Zeugungen titanischer Wesen hat auffallende Ähnlichkeit mit der hesiodischen Theogonie. Aus dem Chaos gingen Erebos und Nox hervor. Mit Erebos erzeugte Nox den Äther und Dies. Die Erde, Tartaros und Eros (Amor) erhielten in den verschiedenen lateinischen Genealogien, welche in den mittelalterlichen Schriften im Anschluss an Hesiod erscheinen, unter den Vor- und Nachfahren ihre Stelle. Die nordischen Namen sind zum Teil Übersetzungen der griechisch-lateinischen wie Nott-Nox, Nor-Erebus, Dag-Dies, Jord-Terra; zum Teil vielleicht volksetymologische Umbildungen wie Aud-Äther, Onar-Amor. Naglfari mag den Tartaros vertreten.

Das Bild des Sonnenwagens schildert das Grimnirlied 37 und 38.

Arwakr und Alswid ziehn aufwärts die Sonne, Ziehn matt sich und müde daran, Doch inmitten der Buge brachten milde Asen Klüglich kühlende Eisen an. Swalin heisst er, der Sonnenschild, Der vor der glänzenden Göttin steht, Felsen und Fluten, weiss ich, wird Feuer verzehren, Fällt er einstmals ab.

Die Namen der Rosse bedeuten frühwach (Eous) und allklug. Dem Norden eigen sind die Blasebälge — denn nach Gylfaginning sind unter den „kühlenden Eisen“ solche zu verstehen —, welche die in der Sonnenglut ermattenden Pferde immer neu abkühlen und erfrischen. Eigentümlich ist der Sonnenschild Svalin (der abkühlende), welcher die Erde vor dem Verbrennen bewahrt. Vielleicht ist eine Vermischung zweier Vorstellungen im Spiele. Die Sonne wird auch „Himmelsschild“⁠[651] genannt. Sonnenwagen und Sonnenschild scheinen vereinigt. Märchenhaft klingt der Bericht der Gylfaginning, Kap. 11: Mundilföri hatte zwei Kinder: Mani (Mond) hiess der Sohn und Sol die Tochter. Diese wurde mit Glen (glänzend) vermählt. Die Götter zürnten wegen des Hochmuts, dass sie solche Namen führten, und setzten sie an den Himmel. Sol liessen sie die Pferde lenken, die den Wagen der Sonne zogen, welche die Götter aus einem Funken geschaffen hatten, der aus Muspellsheim flog.⁠[652] Man erkennt das Bestreben, die späte märchenhafte Erfindung von der Abstammung der Sonne mit der alten echten Sage, die das Himmelslicht als Geschöpf der Götter bezeichnet, in notdürftigen Einklang zu bringen. Die Mondflecken⁠[653] gaben zu allerlei Erzählungen unter den verschiedenen Völkern der Erde Anlass, so auch zu folgender nordischer, die a. a. O. steht: Mani lenkt den Lauf des Mondes und waltet über Neumond und Vollmond. Er hob von der Erde die beiden Kinder Bil und Hjuki zu sich empor, als sie vom Brunnen kamen, der Byrgir heisst; ihr Wassergefäss hiess Sägr und die Stange, an der sie es auf den Achseln trugen, Simul. Widfinn hiess der Vater dieser Kinder, die den Mond begleiten, wie man das von der Erde aus sehen kann. Also zwei Gestalten, die einen Wassereimer an der Stange auf den Schultern trugen, sah man in den Mondflecken.

Der weitverbreitete Volksglaube, der in Sonnen- und Mondsfinsternissen Untiere erblickt, welche die Gestirne zu verschlingen drohen, zeigt sich auch im Norden in den Wölfen Skoll und Hati, dem Sohne Hrodwitnirs, d. i. Fenrirs.⁠[654] Nach Vafþr. 47 verschlingt Fenrir selber die Sonne, die aber eine Tochter gebiert, welche nach dem Falle der Götter die Pfade der Mutter fahren wird. Bei ganzer Verfinsterung nimmt der Volksglaube ein vollständiges Verschlingen, aber auch eine Erneuung, eine Wiedergeburt des Gestirnes an. Hati ist der mánagarmr, der Mondhund, da er den Mond verschlingen wird. Ein Riesenweib ostwärts von Midgard im Walde Jarnwid (Eisenwald, Urwald) hat die Teufelsbrut geboren. Einst wird das Himmelsgestirn, die Sonne, vom Verfolger errafft werden, dann kommt Finsterniss und wüstes Wetter über die Welt.

Zwischen Erde und Himmel schlugen die Götter eine Brücke, Bifrost, den bebenden, zitternden, beweglichen Weg oder ásbrú, Asenbrücke, den Regenbogen.⁠[655] Sie erglänzt in drei Farben, ist ausserordentlich fest und mit grosser Kunst verfertigt. Aber so stark sie ist, wird sie doch zerbrechen, wenn Muspells Söhne kommen und hinüber reiten. Ihre Pferde müssen dann über breite Ströme schwimmen und so beenden sie den Ritt. Denn nichts in der Welt ist so fest, dass es bestehen könnte, wenn die Söhne Muspells verheerend hereinbrechen.

3. Die Schöpfung der Zwerge und der Menschen.

Nachdem die Erde erschaffen und Asgard wohnlich eingerichtet war, gedachten die Götter daran, Midgard mit lebenden Wesen, mit Zwergen und Menschen zu bevölkern. Sie sassen darüber zu Rate, wer der Zwerge Schar aus Brimirs Blut und Blains Gliedern erschaffen sollte. Es entstanden die mächtigen Zwerge Motsognir und Durin und viele andere, welche in der Erde Menschenbilder nach Durins Angabe verfertigten. Den kurzen Bericht der Vǫlospǫ́ 10 ff. ergänzt und verdeutlicht die Gylfaginning Kap. 14. Brimir und Blain sind Beinamen Ymirs. Dadurch wird erst die Entstehung der Zwerge klar, welche mit der Weltschöpfung verknüpft ist. Wie Maden in Ymirs Fleische, so waren die Zwerge unter der Oberfläche im Erdboden drunten gewachsen; so hatten sie zuerst als Maden Leben gewonnen. Nach der Bestimmung der Götter erhielten sie aber jetzt menschlichen Verstand und menschliche Gestalt. Doch leben sie wie vorher in der Erde und im Gestein. Also nicht der Lebenskeim der Zwerge, die von selbst im Riesenleibe wucherten, wol aber die Lebensform ist von den Göttern gesetzt. Die Riesen sind älter als die Götter und von ihnen unabhängig, aber die Zwerge sind ihre Geschöpfe.

Über den Ursprung der Menschen gingen bei den germanischen Stämmen verschiedene Sagen. Der Urmensch Mannus ist von einem göttlichen oder riesischen Wesen erzeugt. Die Istvaeonen, Ingwaeonen, Erminonen waren Göttersöhne. Edle Geschlechter entstammen unmittelbar von den Göttern, von Odin, Freyr, Tyr. Alle Menschen sind Heimdalls Kinder. Aber die Menschen sind auch aus der elementaren Naturkraft entsprungen, aus Felsen und Bäumen gewachsen. Die Semnonen verehrten im heiligen Hain den Ursprung ihres Volkes (initia gentis). Das Handwerksburschenlied weiss von Sachsen, wo die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen. Im Froschmeuseler ist Aschanes mit seinen Sachsen aus den Harzfelsen gewachsen. Entsprechende Züge bietet die griechische Sage dar. Endlich sind die Menschen von andern höheren Wesen geformt, gestaltet und beseelt. Wozu die Zwerge im Erdinnern Menschenbilder schufen, erfahren wir nicht. Aber wir hören, wie die Götter am Ursprung der Menschheit gewirkt. Die Vǫlospǫ́ 17/18 erzählt: Drei Asen, mächtig und hold, fanden im Lande kraftlos Ask und Embla, unsichern Looses. Hauch und Seele hatten sie nicht, noch Gebärde noch Wärme noch blühende Farben. Odin gab den Hauch, Hönir die Seele, Lodur die Wärme und leuchtende Farben. Die Gylfaginning Kap. 9 erzählt den Hergang so: Als Burs Söhne am Meeresstrande wandelten, fanden sie zwei Hölzer und schufen aus ihnen Menschen. Der erste gab ihnen die Seele, der zweite das Leben, der dritte Gehör und Gesicht, und es hiess der Mann Ask und die Frau Embla. Von ihnen stammt das Menschengeschlecht. Die beiden Berichte stimmen nicht genau überein, im Liede fehlt die bestimmte Angabe, in welcher Beschaffenheit Ask und Embla aufgefunden wurden. Auch die Übersetzung der Stelle der Gylfaginning bereitet Schwierigkeiten. Fundu tré tvau bedeutet wörtlich: zwei Hölzer; tré kann ebenso Baumstamm, Baum bedeuten, als trémann, d. i. Menschenbild, aus Holz gefertigt. Da an beiden Stellen nur von einer Beseelung und Belebung, nicht aber von einer Gestaltung die Rede ist, möchte man glauben, dass die Götter hölzerne Menschenbilder, vielleicht von den Zwergen geschnitzt, vorfanden und sie belebten. Die Schöpfung der Menschen wäre somit von Zwergen begonnen, von Göttern vollbracht worden. Der Name des Stammvaters der Menschen, Askr, Esche, weist auf seinen Ursprung aus Eschenholz zurück. Hesiod meldet, das eherne Geschlecht sei von Zeus ἐκ μελιᾶν, aus Eschen, geschaffen worden. Ob auch in Embla ein Baumname steckt (Ulme?), ist zweifelhaft. Jedenfalls steht im Hintergrunde die uralte Vorstellung, dass die ersten Menschen aus Bäumen gewachsen seien. Aber neu hinzugefügt ist, dass dieses Herauswachsen nicht von selbst erfolgte, sondern durch die Beteiligung göttlicher Wesen. Zunächst wurde das Holz gestaltet, dann belebt. Und in diesen Zuthaten sind fremde Einwirkungen unverkennbar. Vorbild ist die biblische Schöpfungssage mit der üblichen mittelalterlichen Auslegung. Hauptsächlich in zwei Punkten zeigt sich dieser Einfluss. Die Beseelung geht von der Götterdreiheit aus. Im Mittelalter galt allgemein die Anschauung, gestützt auf die Pluralwendung der Vulgata: faciamus hominem, dass bei der Menschenschöpfung die Dreieinigkeit thätig gewesen sei. Ferner beruht der gleiche Stabreim Askr und Embla mit Adam und Eva kaum auf Zufall. Wir haben in der nordischen Menschenschöpfung⁠[656] ein lehrreiches Beispiel dafür, wie heimische und fremde Vorstellungen sich mit einander vermischten.

4. Der Weltbaum.⁠[657]

Ein völlig verschiedenes Weltbild bietet sich im Weltbaume dar, welcher unter mehreren Namen als Yggdrasil, Mimameid, Lärad vorkommt. Von ihm hören wir in der Vǫlospǫ́, im Grimnirlied und in den Fjǫlsvinnsmǫ́l; einiges trägt die Gylfaginning nach. Die Seherin kannte den Baum schon in Urzeiten, als er ein Schössling war, der noch nicht über den Erdboden heraufgetrieben hatte (Vǫl. 2).

Vǫl. 19 Eine Esche kenn ich, Yggdrasil heisst sie, Den gewaltigen Baum netzt weisses Nass; Von dort kommt der Tau, der die Thäler befeuchtet; Immergrün steht er an der Urd Quelle. Grimn. 31 Drei Wurzeln sendet nach drei Seiten Yggdrasils Esche aus: Unter der einen wohnt Hel, unter der andern die Riesen, Die dritte das Menschenvolk deckt.

Im Liede von Fjolswid 13/14 wird des Baumes gedacht.

Swipdag. Ich frage, Fjolswid, und fordre Antwort, Künde mir, was ich wissen will: Wie heisst der Baum, der mit breiten Ästen Die weite Welt überwölbt? Fjolswid. Mimameid heisst er, kein Mensch weiss es, Aus welchen Wurzeln er wuchs. Niemand ahnt’s, was ihn niederstreckt, Feuer nicht fällt ihn noch Stahl.

Baum des Mimi (auch Mim oder Mimir genannt) heisst die Esche, weil nach Vǫl. 27 u. 29 Mimirs Quelle am Fusse des heiligen Baumes rauscht, der von ihren Fluten benetzt wird. Der goldene Hahn Widofnir sitzt als Wächter gegen die Riesen in Mimameids Geäst nach Fjǫls. 17/18. Heimdalls Horn, das dereinst zum letzten Kampfe ertönen wird, ruht bis dahin unter der Esche Yggdrasil geborgen (Vǫl. 27). An der Esche Yggdrasil sitzen die Götter alle Tage zu Gericht. Thor durchwatet täglich mehrere Flüsse, um dahin zu gelangen (Grímn. 29). In den Zweigen der Esche sitzt ein Adler, dem grosses Wissen verliehen ist; zwischen seinen Augen sitzt der Habicht, der Wedrfolnir heisst. Ein Eichhörnchen mit Namen Ratatosk (Rattenzahn) läuft an der Esche auf und ab und trägt dem Nidhogg (d. i. schadengierig hauend), dem Wurme an der Wurzel unten, und dem Adler die gehässigen Worte zu, die beide über einander äussern (Grímn. 32, Gylfag. Kap. 16). Vier Hirsche laufen in den Zweigen der Esche und beissen die Triebe ab. Viele Schlangen sind unten bei Nidhogg (Grímn. 33/4).

Grímn. 35 Yggdrasils Esche muss Ungemach leiden Mehr als ein Menschenkind ahnt: Oben frisst der Hirsch, es fault die eine Seite, Während Nidhogg die Wurzeln benagt.

Nach Grímn. 25/6 erhebt sich der Baum Lärad in Walhall. Auf dem Dache der Halle stehen die Ziege Heidrun und der Hirsch Eikthyrnir und verzehren die Zweige. Dieselbe Vorstellung scheint hier zu herrschen. Lärad ist wol als der Wipfel der Weltesche zu denken. Yggdrasil heisst mjǫtviđr, Baum mit dem rechten Maasse, d. h. der das Maass gibt, das Schicksal zumisst, Beim Weltkampfe erbebt und ächzt der alte Baum. Aber er überdauert den Brand. Nach Vafþr. 45 verbirgt sich das Menschenpaar, von dem die Geschlechter in der erneuten Welt stammen, in Hoddmimirs Holz. Mimirs Holz ist gleich Mimameid, die Weltesche. Mit Hilfe der Beschreibung in Gylfaginning Kap. 15 ergibt sich folgendes Bild vom Weltbaum: Die Esche ist der grösste und beste aller Bäume. Ihre Zweige erstrecken sich über alle Welt und ragen über den Himmel empor. Drei Wurzeln treibt der Baum, zu den Menschen (die Gylfag. sagt sinnlos: zu den Asen, bei denen doch nur der Gipfel sein kann), zu den Riesen, zur Hölle. Unter der Höllenwurzel liegt der Brunnen Hwergelmir und Nidhogg benagt sie von unten; unter der Wurzel, die zu den Reifriesen sich verästet, ist Mimirs Brunnen; unter der dritten Wurzel befindet sich der Brunnen der Urd. Die Wurzeln, unter denen Quellen hervorbrechen, sind unter Midgard in Niflheim und im Riesenheim, also an den Grenzen von Midgard, auf Midgard selber belegen. Der Stamm erhebt sich aus der Mitte der Erde. Das Gezweig und die Krone überwölben die Erde und erfüllen den Himmel.

Im Weltbaum Yggdrasil vermischen sich heimische und fremde Bestandteile in ganz besonderer Art. Heilige Bäume, in deren Schatten Gericht gehalten wird, aus deren Wurzeln Quellen hervorsprudeln, die von weissagenden Frauen bewohnt sind, begegnen oft im germanischen Glauben. Solche Züge finden sich auch im Bilde Yggdrasils. Aber damit ist weder Name noch Bedeutung des Weltbaumes hinreichend erklärt. Yggdrasil ist zusammengesetzt aus Yggr „der Fürchterliche“, einer Bezeichnung Odins, und drasill, einer in der Skaldensprache üblichen Bezeichnung für Pferd, der Name besagt Odins Pferd. Nun war es eine im Nordischen ebenso wie im Deutschen und Englischen allgemein verbreitete Ausdrucksweise, den Gehenkten als Reiter und den Galgen als sein Pferd zu bezeichnen. Odins Pferd ist also eine Umschreibung für Odins Galgen. Der Name Yggdrasil meint demnach den Baum, der Odins Galgen war. Offenbar ist die Bedeutung, die man dem Baum in seiner Eigenschaft als Symbol der Welt beilegte, eben in der Thatsache begründet, dass er Odins Galgen war. Auch Christi Kreuz heisst in einem englischen Gedichte des 14. Jahrh., das aber den Ausdruck schwerlich schuf, sondern aus älterer Überlieferung schöpfte, Christi Pferd. Damit ist der Weg zur Erklärung Yggdrasils gewiesen. Zug für Zug erweist Bugge die vollkommene Übereinstimmung zwischen den mit Yggdrasil und den im Mittelalter mit dem Kreuze verknüpften Vorstellungen. Das Verhältniss kann nur so gedacht werden, dass Yggdrasil unter der Einwirkung der Kreuzessagen entstand, nicht etwa so, dass in letzteren heidnische Erinnerungen nachwirken. Denn die Vorstellungen vom Kreuze haften bereits in solchen altchristlichen Schriften, wo eine germanische Einwirkung mit Rücksicht auf Zeit und Ort durchaus unmöglich ist. Das Kreuz wurde in den bekanntesten christlichen Hymnen als ein Baum besungen, der seine Lebenskraft aus einer Quelle an seiner Wurzel sog, als ein Baum mit Laub und Früchten. So lautet noch ein mhd. Rätsel, dessen Lösung der Kreuzesbaum ist: Ein edler Baum ist in einem Garten gewachsen, der mit grosser Kunst angelegt ist. Seine Wurzel reicht zum Grund der Hölle, sein Wipfel berührt den Thron Gottes, seine breiten Zweige halten die ganze Welt umfasst. Der Baum steht in voller Pracht und herrlich im Laub. Wir haben auf der einen Seite die Yggdrasilsesche, die der beste aller Bäume heisst. Ihr Wipfel ragt über den Himmel empor, ihre Zweige breiten sich über alle Welt und die Hölle liegt unter einer ihrer Wurzeln. Auf der andern Seite haben wir in christlichen Darstellungen den Kreuzesbaum, hervorgegangen aus einer Verschmelzung des Kreuzes mit dem paradiesischen Baum des Lebens und dem der Erkenntniss, den besten aller Bäume. Mit seinem Wipfel erreicht er den Himmel, mit seinen Zweigen oder Armen umfasst er alle Welt, und mit seiner Wurzel oder seinem Fusse reicht er bis in die unterirdische Totenwelt. Wenn Nidhogg und andere Würmer an der zur Hölle reichenden Wurzel Yggdrasils nagen, so knüpft diese Vorstellung zum Teil an die Schlange am Baume der Erkenntniss an und an die schlangenerfüllte Hölle, den „Wurmsaal“ (wyrmsele), wie in ags. Gedichten die Hölle benannt ist. Mimir, der Quellgeist, der am Fusse des heiligen Baumes wohnt, ist nordischen Ursprungs. Dass man aber Mimirs Haupt unter Yggdrasil dachte, mag durch die christliche Vorstellung veranlasst sein, dass der Kreuzesbaum über Adams Schädel steht. Endlich bedürfen die Tiere an der Weltesche noch der Aufklärung. In Nordengland befinden sich mehrere aus dem 7./9. Jahrh. stammende Steinkreuze, deren Schmalseiten mit Rankenwerk bedeckt sind. In dem Rebengezweige sitzen Tiere übereinander, Drachen, Eichhörnchen, Vögel, welche von dem Laube fressen. Solche bildliche Darstellungen, welche sich den Nordleuten auf ihren Fahrten nach England darboten, gaben den Anlass, den Kreuzesbaum mit Tieren zu bevölkern. Auf englische Herkunft der Tiere am nordischen Weltbaum deutet bestimmt der Name des Eichhorns Ratatoskr, Rattenzahn. Sowol rati, Ratte, als auch toskr (ags. tusc) sind englische Lehnwörter. Die Tiere Yggdrasils sind zu einander in ein Verhältniss gebracht, wie es zwischen den Tieren auf der Weinranke der englischen Kreuze nicht besteht. Da tritt eben die umbildende Phantasie der Nordleute in Thätigkeit, vielleicht angeregt durch eine Fabel. Im Wipfel einer Eiche nistete ein Adler, mitten im Baum hatte eine Wildkatze ihr Loch, an den Wurzeln hauste ein Wildschwein mit seinen Jungen. Durch falsche, bösartige Doppelzüngigkeit brachte die Katze den Adler und das Wildschwein ins Verderben, indem sie Hass- und Neidworte vom einen zum andern trug.

Dass ein Baum, welcher dem höchsten Gott wie einem Geopferten zum Galgen dient, davon seinen Namen erhält und in dieser Eigenschaft zum heiligen Symbole der Welt erhoben wird, streitet bestimmt gegen die Vorstellung von heiligen Bäumen und vom obersten Gott, wie wir sie bei heidnischen Völkern anzutreffen gewohnt sind. Alle Ungereimtheit schwindet, sobald wir des Kreuzes gedenken. Yggdrasil ist eine Nachahmung des Kreuzesbaumes, wie er im Glauben der christlichen Völker des Mittelalters lebte. Erst in der Wikingerzeit kann der Mythus entstanden sein.

III. Weltuntergang.

Eine zusammenhängende Schilderung vom Schicksale der Götter, vom Untergang und von der Erneuerung der Welt schöpfen wir hauptsächlich aus der Vǫlospǫ́, wozu ergänzend einige Stellen des Wafthrudnirliedes und des Hyndlaliedes treten. Die Gylfaginning Kap. 51–53 beruht auf denselben Quellen, hat aber einiges missverstanden, umgestellt und hinzugefügt. Auf die 57. Strophe der Vǫlospǫ́, worin die Verfinsterung der Sonne, das Herabfallen der Sterne, das Versinken der Erde im Meer, der Weltbrand geschildert sind, beziehen sich die Skalden Kormak um 935 und Arnor jarlaskald um 1065.⁠[658] Die Preislieder auf die Könige Eirik und Hakon, zwischen 940–950 und 961–970 verfasst, gedenken der schrecklichen Zukunft, da der Wolf Fenrir los wird und über den Wohnsitz der Götter und Menschen hin rennt.

Am Morgen der Zeiten, nachdem die Schöpfung vollbracht ist, verleben die Götter ihr Goldalter auf dem Idafeld, in Edens Gefilden.⁠[659]

Vǫl. 7. Auf Idafeld kamen die Asen zusammen, Altäre zu schaffen und Tempel zu bauen; Sie gründeten Essen, das Gold zu schmieden, Hämmerten Zangen und Handwerkszeug. Vǫl. 8. Im Hofe übten sie heiter das Brettspiel — An blitzendem Golde gebrach’s ihnen nicht — Bis die mächtigen drei Mädchen kamen, Die Töchter der Riesen aus Thursenheim.

Unter diesen drei Mädchen glaubt man die drei Nornen verstehen zu dürfen, obschon niemals von deren riesischer Abkunft die Rede ist. Ihr Erscheinen schliesst die goldene Friedenszeit ab. Nun schildert die Seherin die Hauptbegebenheiten der Götter. Mit dem Totschlag der Gullweig in Walhall hebt der erste Streit zwischen Asen und Wanen an, der erste Weltkrieg. Die gebrochene Götterburg stellte der Riesenbaumeister wieder her. Aber er ward um seinen Lohn, um Freyja, Sonne und Mond, die er sich ausbedungen hatte, betrogen.

Vǫl. 26. Da wankten die Eide, die Worte und Schwüre, Die festen Verträge, die man vordem schloss.

Gewaltthat, Krieg, Wortbruch führen eine neue schwere Zeit herauf, die bis zum Ende von rastlosem Kampfe erfüllt bleibt. Nachdem einmal der Gedanke an einen Untergang der Welt sich befestigt hatte, gewannen alle Handlungen der Götter eine tiefere und weitere Bedeutung. Namentlich Thors Kämpfe mit den Unholden müssen in ein ganz neues Licht rücken. An den Grenzen der Welt lauern die Riesen, um hereinbrechend das alte Chaos wieder an Stelle der Weltordnung zu setzen. Die Götter haben die Aufgabe, den Bestand der Schöpfung zu sichern. Sorgenvoll sieht Odin die drohenden Anzeichen des nahenden Verderbens sich mehren, aber ernst gefasst schreitet er dem Verhängniss entgegen, heldenhaft reitet er endlich zum letzten Kampfe. Heimdalls Horn wird am Weltbaum verborgen, bis sein gellender Klang zum letzten Kampfe ruft. Aus Mimirs Quell schöpft Odin gegen Verpfändung seines einen Auges Weisheit. Krieg verbreitet sich unter den Menschen, weithin über die Erde reiten die Walküren. Unheilverkündende Träume erschrecken die Asen, von der Seherin, die er aus dem Todesschlafe aufsingt, holt Odin die düstre Kunde vom Falle Baldrs. Der lichte Gott ist tot, aber in Wali ersteht ihm ein Rächer, der Anstifter des Unheils, Loki, wird in Fesseln geschlagen. Ostwärts im Eisenwalde (im Urwalde) bringt ein altes Riesenweib Fenrirs Brut zur Welt, aus welcher der unholdsgestaltige Erraffer der Sonne hervorgeht. Der nährt sich vom Fleisch Gefallener und rötet mit rotem Blute den Sitz der Götter, der Sonnenschein verdüstert sich, in den Sommern darauf kommt wüstes Wetter. Nachdem das Untier gross geworden, greift es also die Sonne an und verwandelt ihren hellen Schein in blutrote Farbe, wie bei der Verfinsterung zu sehen ist. Die Gylfaginning berichtet von einem schrecklichen Winter, dem Fimbulwinter, der dem Weltende vorangeht. Dann tritt Schneegestöber aus allen Himmelsrichtungen ein, es gibt scharfen Frost und Stürme, und von der Sonne hat man keinen Nutzen. Es kommen drei Winter hinter einander und kein Sommer dazwischen; vorher aber gehen schon drei andre Winter, in denen in der ganzen Welt Krieg sich erhebt. Auf diese dem Weltuntergang vorausgehenden Naturereignisse beziehen sich die Worte des Hyndlaliedes 44:

Es steigt das Meer im Sturme zum Himmel, Die Länder verschlingt es, die Luft wird eisig; Schneemassen bringt der schneidende Wind, Doch den Regen hemmt der Rat des Schicksals.

Zugleich mit der Verschlechterung des Wetters und im Gefolge der überhandnehmenden Kriege tritt ein arger Verfall der Sitten ein.

Vǫl. 45. Es befehden sich Brüder und fällen einander, Die Banden des Bluts brechen Schwestersöhne, Arg ist’s in der Welt, viel Unzucht gibt es — Beilzeit, Schwertzeit, es bersten die Schilde, Windzeit, Wolfzeit, ehe die Welt versinkt — Nicht einer der Menschen wird den andern schonen.

An Riesenheims Mark auf einem Bühle sitzt der frohe Eggther, der schwertbewehrte Held, die Harfe schlagend. Ihm zu Häupten, im Vogelwalde, schreit der rote Hahn, Fjalar geheissen. Bei den Asen kräht Gullinkambi, der goldkämmige Hahn und weckt die Helden in Heervaters Halle. In der Erde Tiefen, in der Hölle kräht ein russbrauner Hahn. So dämmert der Schlachttag heran; beim Erkrähen der Hähne, am frühen Morgen erwachen die Götter und die zum letzten Kampf in Walhall versammelten Einherjer, aber auch ihre Feinde, die Riesen und die Leute der Hölle. Mims Söhne fangen an zu spielen, die Gewässer geraten in unruhige Bewegung; Odin raunt noch mit Mims Haupte. Da ertönt Heimdalls gellendes Horn und verkündigt das Ende. Yggdrasil erbebt, der alte Baum rauscht. Der gefesselte Teufel, Loki und Fenrir, wird frei; alle erschauern auf den Höllenpfaden, ehe er dahin läuft. Wie stehts bei den Asen, wie stehts bei den Alben? Ganz Riesenheim tobt. Im Rat versammelt sind die Asen. Die Zwerge, der Felswände Bewohner, stöhnen vor den steinernen Thüren. So ist am Tage der Entscheidung die gesamte von den schrecklichen Vorzeichen erregte Welt in Aufruhr und Verwirrung.

Jetzt brechen die höllischen Mächte los. Garm, der Höllenhund, bellt wütend. Fenrir bricht die Bande und rennt dahin. Von Osten her fährt Hrym, den Schild im Arme. Im Riesenzorn wälzt sich die Weltschlange durch die Wogen. Der Adler krächzt, Leichen zerreissend. Naglfar⁠[660], das Schiff, in dem die Riesen heranfahren, wird flott. Von Norden her segelt ein Schiff mit den Leuten der Hölle; Loki ist Steuermann. Dem Wolfe folgt ein wildes Heer. Von Süden her kommt Surt mit Feuer und Schwert. Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln, die Menschen fahren zur Hölle, der Himmel birst. Diese Schilderung zeigt, wie Riesen und Teufel, die entfesselten Elemente, Wasser und Feuer, von allen Seiten her über Midgard hereinbrechen und die Menschen dahin raffen. Das Meer steigt im Wogenschwall empor und speit die Riesenschlange aus, die Hölle entsendet den Teufel in doppelter Gestalt, Loki und Fenrir, die Feuerhölle den Surt. Riesen und Teufel sind die geschworenen Feinde der Götter, wie die fortgesetzten Kämpfe zwischen ihnen bezeugen. Am jüngsten Tage rücken sie mit voller Macht heran, um den entscheidenden Schlag zu führen.

Auf einem weiten Gefilde, Wigrid oder Oskopnir, das tausend Meilen im Geviert misst, treffen die seligen Götter und ihre Gegner zusammen. Nach altgermanischem Brauche wurde auch die Stätte des Völkerkampfes vorher bestimmt. Nach dem Grimnirliede hat Walhall 540 Thore; 800 Einherjer gehen aus einem jeden Thore hervor, um mit dem Wolfe zu kämpfen. Man vermisst die Walküren und Raben, die sonst des Gottes feierlichen Aufzug begleiten. Walvater Odin unterm Goldhelm, den Speer in der Faust, reitet dem Wolfe Fenrir entgegen. Er erliegt dem Untier. Da schreitet Widar hervor, der tritt dem Wolfe in den Rachen und stösst ihm die Klinge ins Herz; so rächt er den Vater. Freyr kämpft mit Surt und fällt, da er sein treffliches Schwert entbehrt. Thor erschlägt die Midgardschlange, aber nur neun Schritte noch weicht er vor dem Gifte des Untiers zurück und fällt dann tot zu Boden. Die Gylfaginning berichtet noch von zwei weiteren Kämpferpaaren, die sich gegenseitig töten, Tyr und der Höllenhund Garm, Heimdall und Loki streiten mit einander. Die alte Feindschaft, die zwischen Tyr und Garm, Heimdall und Loki besteht, kommt damit zum Austrag. Von der Beteiligung der Einherjer am letzten Kampf wird nichts erzählt, obwol nach dem Eiriksliede die tapferen Könige im Hinblick auf die letzte Schlacht zu Odin versammelt werden, nach der Vǫl. 43 die Helden in Heervaters Saal beim Hahnkraht erwachen und nach dem Grimnirlied, aus Walhalls Thoren zum Kampfe ausziehen.

Die Götter sind gefallen, da erhebt sich Muspell, Surt schleudert Feuer über die Erde und verbrennt die ganze Welt. Die Sonne wird schwarz, die Erde sinkt ins Meer, vom Himmel schwinden die hellen Sterne. Dampf und Feuer sprühen auf, heisse Lohe bedeckt den Himmel.

Aufsteigt zum andern Male eine frisch ergrünende Erde aus dem Meere. Über schäumendem Wasserfall fliegt der Adler, der an der Felswand nach Fischen jagt. Auf Idafeld finden sich die Asen zusammen und sprechen über die gewaltigen Ereignisse, die geschahen. Dort werden sich auch im Grase die wundersamen goldenen Täflein finden, die einst in Urzeiten die Asen besessen haben. Auf unbesätem Acker wachsen Ähren, alles Böse wird gut, Baldr erscheint. Baldr und Hod bewohnen Odins Siegeshalle, das Heiligtum der Walgötter. Hönir wählt sich den Looszweig, erforscht durch Looswurf die Zukunft; im weiten Himmel wohnen die Söhne der Brüder Odins. Widar und Wali walten im Götterheiligtum, wenn Surts Lohe verlischt; Modi und Magni werden den Mjolnir besitzen, nachdem Thors Kampf beendigt ist. Die Hauptgötter der alten Welt, Odin, Thor, Freyr, Tyr, Heimdall, kehren also nicht mehr wieder, ein jüngeres Geschlecht löst sie ab. Nur Baldr der Gute und Hönir erscheinen auch in der neuen Welt, sonst werden allein die Söhne der Brüder Odins, die Rächer Widar und Wali, und die Söhne Thors genannt. Eine neue Sonne leuchtet; ehe der Wolf sie verschlang, gebar die alte Sonne eine Tochter, welche die Wege der Mutter befährt, wenn die Götter dahin sind. Ein neues Menschengeschlecht wird gross. Lif und Lifthrasir, Leben und Lebenskraft, hatten sich im Stamme des Weltbaumes verborgen und vom Morgentau genährt. Und davon leben die Leute dann. Im goldgedeckten Gimle werden die Guten und Tüchtigen wohnen, wenn der allgewaltige, hehre Herrscher, dessen Name nicht genannt wird, von oben her zum jüngsten Gericht kommt. Von unten her, vom nächtigen Fels, kommt der arge Drache geflogen, Nidhogg, der in der Hölle die Leiber der Bösewichter frass und an der Wurzel der Weltesche nagte.⁠[661] Überm Felde schwebend trägt der auf seinen Fittichen die Leichen. Doch nun muss er versinken.

So verlaufen ragna rök⁠[662], die Schicksale der Götter in deutlich gegliederter Reihenfolge. Die Vorzeichen des nahenden Endes äussern sich in Naturerscheinungen und in der Auflösung der sittlichen Ordnung unter den Menschen. Dann bricht der Kampftag an, der den Fall der Götter heranführt. Die Welt endigt im Feuer, aber sie ersteht wieder in neuer, verklärter Gestalt. Jetzt naht der grosse ungenannte Gott zum Weltgericht, die Guten wohnen in ewiger Wonne bei ihm, mit den Leibern der Bösen versinkt der Höllendrache. Die Übereinstimmung mit den christlichen Vorstellungen von den Vorzeichen des jüngsten Tages, vom Weltbrand, von der Welterneuung, vom Weltgericht fällt ohne weiteres in die Augen, sie erstreckt sich bis in Einzelheiten hinein und kann unmöglich auf blossem Zufall beruhen. Die nordische Sage ist ohne die christliche Lehre von den letzten Dingen gar nicht denkbar, sie muss in den letzten Jahrhunderten des Heidentums entstanden sein, als die Nordleute mit den christlichen Völkern in Deutschland und Frankreich, England und Irland in Berührung kamen. Bei den zahlreichen Fällen von Glaubensmischung, welche die Geschichtsquellen im 9./10. Jahrh. bezeugen, ist die Kenntniss christlicher Vorstellungen unter den heidnischen Nordleuten gar nicht unwahrscheinlich. Doch darf keineswegs an eine äusserliche Nachahmung der christlichen Eschatologie gedacht werden, vielmehr liegt darin nur die Anregung zu einer neuen, besonderen, von nordischem Geiste erfüllten Dichtung. Darum ist ebensosehr die Selbständigkeit und Eigenart der nordischen Sage zu betonen.

Durchaus neu und nordisch ist die Auffassung des jüngsten Tages als eines Schlachttages. Zwar bietet die christliche Eschatologie bei der Erscheinung des Antichrists ebenfalls Kämpfe, und eine besondere Sage liess den Elias mit dem Antichrist geradewegs fechten, wie das baierische Gedicht Muspilli und anderweitige Überlieferung⁠[663] beweisen. Jedoch können diese Züge kaum als Vorbild der grossen Götterschlacht gelten. Die Posaune des Engels weckt die Toten zum Gericht auf, in der nordischen Sage ruft Heimdalls Horn zum Kampfe. Wie die Götter in ihrem Aussehen, Thun und Treiben nur veredelte Menschen sind, so beschliessen sie auch ihre Laufbahn, wie es Helden geziemt, auf dem längst vorher bestimmten Kampfgefilde. In ihren teuflischen Gegnern mögen eher christliche Vorbilder nachwirken, da ja, wie das Sprichwort sagt, am jüngsten Tage der Teufel losbricht. Ein unentrinnbares Schicksal schwebt über den Walhallgöttern, der Heldentod, den der kampffrohe Recke sich am Ende seines Lebens wünscht. Sie suchen das Verhängniss aufzuhalten und sind um die Zukunft ernstlich besorgt, aber sie wissen’s auch gross und stark zu tragen, sie fallen stolz und stumm. Über ihren Leichen lodert der Weltbrand.⁠[664] Den Grundgedanken der christlichen Eschatologie, die doch den Menschen zunächst angeht, konnte das Heidentum nicht fassen. Nur die Thatsache des Weltbrandes kehrt wieder, die Handelnden aber sind die Götter, nicht die Menschen. Die Auferstehung klingt in der Sage von Lif und Lifthrasir nach; das Weltgericht ist jedenfalls im gleichen Sinne wie in der christlichen Lehre gedacht, denn die Guten wohnen in ewiger Seligkeit bei Allvater, die Bösen verdammt der höchste Richter mit Nidhogg in die Hölle. Von den Vorzeichen ab, die nur nordischer Natur gemäss auch einen schrecklichen langen Winter hervorheben, verläuft die nordische Eschatologie in allen wesentlichen Punkten gleich mit der christlichen. Wir vermissen einzig eine deutlich erkennbare Nachahmung des Antichrists, bewundern dagegen als nordische Zuthat den Untergang der Götter. Dieser scheint mit bedingt durch das Hervortreten Allvaters. Dass auch einige Götter in der neuen Welt wiederkehren, ist in der sittlichen Auffassung begründet, welche die Gerechten überhaupt der ewigen Seligkeit zuweist. Darum kommt vor allen Baldr zurück. Aber die Herrschaft im neuen Himmel steht nicht mehr bei den Heidengöttern. Es dürfte schwer halten, die unmittelbaren Quellen anzugeben, aus denen die Nordleute schöpften. Das Eindringen der christlichen Ideen mag nach und nach, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern erfolgt sein. Gelehrte, absichtliche Überführung scheint ausgeschlossen. Vielmehr handelt es sich um allmäliges Bekanntwerden christlicher Vorstellungen, welche die Nordleute auf ihren Fahrten aufzunehmen Gelegenheit hatten. Ernste Gemüter wurden dadurch zum Nachdenken über den heidnischen Glauben angeregt, sie sagten sich von den Opfergöttern los und empfahlen sich einer unbekannten, erhabenen, mächtigeren Gottheit. Dem gleichen Ziele streben die Dichter zu, welche die alten Götter heldenhaft zu Grunde gehen lassen, um nach ihnen auf den starken Herrscher von oben her hinzuweisen, dem alles gehorcht. Am deutlichsten tritt der christliche Einfluss an zwei Begriffen zu Tage, die noch näher betrachtet werden müssen, an múspell und an dem starken Herrscher von oben. Múspell legt die Vermutung nahe, dass die Nordleute in Niederdeutschland christliche Anschauungen aufnahmen. Ausserdem mögen namentlich die Angelsachsen manches vermittelt haben.

Das Wort mûspilli⁠[665] begegnet im Altsächsischen und Althochdeutschen in geistlichen Gedichten des 9. Jahrh. Das baierische Gedicht enthält eine Schilderung des Weltbrandes: „Da zieht der Sühnetag ins Land, heimzusuchen die Menschen mit dem Feuer. Da vermag kein Verwandter dem andern vor dem mûspille zu helfen.“ Die Begriffe stûatago, Sühnetag und mûspilli decken sich. Im Heliand 2591 wird die Wendung gebraucht: „mûdspelles Macht fährt über die Menschen, das Ende dieser Welt“; 4358 „mûtspelli kommt in düstrer Nacht wie ein Dieb“; gleichbedeutende Begriffe sind duomes dag, Gerichtstag, und the lazto dag theses liohtes, der jüngste Tag dieser Welt. Die Grundform des Wortes scheint mûdspelli, mûdspilli zu sein, im Ahd. mit Ausfall des dentalen Lautes mûspilli, der Sinn Weltende durch Feuer, Weltbrand. Die nordischen Gedichte Vǫl. 51 und Lokas. 42 bringen den Ausdruck múspelz syner, Múspells Söhne. Darunter sind die Mächte des Verderbens verstanden, welche beim Weltuntergang über die Grenzen Midgards hereinbrechen. Dass auch im Norden mit múspell nicht bloss Weltende überhaupt, sondern Weltbrand gemeint ist, lehrt die Auffassung der Gylfaginning Kap. 4, 5, 8, 11. Dort wird im Süden die Feuerwelt Muspellsheim gedacht, über welche Surtr⁠[666] die Herrschaft hat; in der Hand hält er ein glühendes Schwert und am Ende der Welt wird er kommen und alle Götter besiegen und die Welt mit Feuer verbrennen. Surtr bedeutet der Schwarze. Meines Erachtens ist dieser Feuerriese eine Nachahmung des Teufels, der im Ags. der Schwarze, der schwarze Geist, der schwarze Feind (se bláca, se bláca gæst, se swearta féond) und noch im Mhd. der hellemôr genannt wird. In der mittelalterlichen Vorstellung ist die Hölle ebenso ein eisiger, nebliger, dunkler, wie ein feuriger, flammenerfüllter Ort. Daraus sonderten sich im Norden zwei Welten, die Nebelhölle mit Loki und die Feuerhölle mit Surt. Am jüngsten Tage aber kommen die Teufel los, die bisher zurückgehalten worden waren. Die nordische Anwendung des Begriffes múspell ist natürlich ursprünglich bildlich gemeint, múspells Söhne sind die feindlichen Gewalten, welche den Weltbrand veranlassen, die Feuergeister. Die Gylfaginning nimmt das Bild wörtlich und gelangt so zur Vorstellung einer Welt, wo diese Dämonen bis zu ihrem Hervorbrechen am jüngsten Tage weilen. Dass Muspellsheim und Niflheim an den Anfang der Welt versetzt werden, erklärt sich aus der Lehre von den Elementen, welche der Verfasser dieses Abschnittes mit den älteren Sagen verknüpft. Den Namen mûdspelli finden wir also in Deutschland nur als Glied einer christlichen Vorstellungsreihe, während er zugleich auch der nordischen Mythologie angehört. Daraus wurde vorschnell geschlossen, Wort und Begriff sind urgermanisch, heidnisch und vom Christentum angenommen. Mûdspelli ist zusammengesetzt aus mûd und spelli. Spelli, spilli ist abgeleitet von as. ags. ahd. spell, got. spill, Rede, Verkündigung, Weissagung. Mûd aber scheint ein Lehnwort, das lateinische mundus. Auf niederdeutschem Gebiet, bei Sachsen oder Friesen wurde mundus zu mûd entstellt in Anlehnung an Wörter wie mûd, kûd, gûđ, für hochdeutsch mund, kund, gund, aus *mundspelli bildete sich mûdspelli. Aus Niederdeutschland gelangte der in der frühesten Bekehrungszeit etwa um 700 oder in der ersten Hälfte des 8. Jahrh. geprägte Ausdruck zu den Hochdeutschen und nach dem Norden. Mûdspelli bedeutet, was vom mundus verkündigt, geweissagt ist, Prophezeihung von der Welt. Das Wichtigste und Grösste, was von der Welt verkündigt wird, ist aber das Weltende. Die christlichen Sendboten werden diese Kunde eindringlich den Heiden gepredigt haben. Das Furchtbare ergreift die Phantasie am mächtigsten, das Weltende und seine Vorzeichen beschäftigten im Mittelalter lebhaft den Geist der Menschen. Dass aber ein lateinisches Wort mit einem deutschen verbunden wurde, hat nichts Auffälliges. In der Anfangszeit der Bekehrung besass die deutsche Sprache kein Wort für den umfassenden Begriff „Welt“, d. h. Himmel und Erde und was drinnen ist. Denn das altdeutsche weralt heisst Menschheit und nahm erst allmälig in der christlichen Zeit die erweiterte Bedeutung an. Für „Erde“ gab es wol Wörter, aber die genügten nicht, um die Vorstellung, welche das lateinische mundus längst besass, zu erwecken. So mussten die Missionäre zunächst wol oder übel beim lateinischen Ausdruck beharren. Der neue Begriff wurde den Deutschen in Gestalt eines Fremdwortes beigebracht, bis die Sprache nach und nach aus eignem Wortschatz den Gedanken auszudrücken lernte. So scheint also die Wortbildung mûdspelli gar nicht unmöglich und unglaubhaft. Das rechte Verständniss für die Zusammensetzung erlosch wol binnen kurzem, aber das Wort haftete im Sinne von Weltuntergang im Feuer, Weltbrand. So gelangte es nach dem Süden und nach dem Norden.

Von oben kommt der allgewalt’ge Hehre Herrscher zum höchsten Gericht

singt die Seherin, und übereinstimmend lauten ihre Worte im Hyndlaliede 45:

Doch ein Gott wird kommen, noch grösser an Macht, Nimmer wag ich’s, seinen Namen zu melden: Nur wenige können noch weiter sehen, Als Walvaters Kampf mit dem Wolf beginnt.

Vom Wohnsitze dieses Gottes berichtet die Seherin in Strophe 64 der Vǫl.:

Einen Saal seh ich stehen — die Sonn’ überstrahlt er — Mit Gold gedeckt auf Gimles Höhen: Dort werden wohnen wackere Scharen Und ein Glück geniessen, das nimmer vergeht.

Nach dieser Stelle wäre Gimle der Name des Berges, auf welchem sich der Saal erhebt, worin die Gerechten in der erneuerten Welt wohnen werden. Dagegen nennt Snorri den Saal selber Gimle, und dies passt auch besser zur Bedeutung des Wortes.⁠[667] Gimle besteht aus an. gimr, einem Lehnwort, wie ags. gim aus lat. gemma entnommen, und aus hlé, Obdach. Gimle ist also „Edelsteindach“, ein Saal mit goldenem, edelsteinverziertem Dache. Die Gylfaginning im Kapitel 3, wie sie von dem durchaus christlich gedachten ewigen Allvater erzählt, berichtet: „Rühmlicher, als dass er Himmel und Erde machte, ist das, dass er den Menschen schuf und ihm Leben und Seele gab. Der Leib zwar verwest, doch alle die Seelen der Rechtschaffenen werden bei ihm weilen an dem Orte, der Gimle heisst; die Bösen dagegen kommen zur Hel und von dort nach Niflheim, unten in der neunten Welt.“ Weiterhin bemerkt die Gylfaginning Kap. 17 zu Vǫl. 64: „Am südlichen Ende des Himmels ist der Ort, der von allen der schönste ist und glänzender als die Sonne: er heisst Gimle und wird bestehen, wenn auch Himmel und Erde untergehen, und die rechtschaffenen Menschen werden dort in Ewigkeit wohnen. Gangleri fragte: Wer hütet diesen Ort, wenn Surts Lohe Himmel und Erde verbrennt? Har antwortete: So sagt man, dass im Süden über unserm Himmel ein andrer sich erhebt, der Widblain (der weithin Blaue) heisst und über diesem ein dritter, der Andlang (der Entgegengerichtete, vor den Blicken Liegende) genannt wird: an diesem meinen wir, dass jener Ort (Gimle) sich befinde.“ Dieser allgewaltige Herrscher, der vom obersten Himmel herab zum jüngsten Gerichte heranfährt, welcher als der Ewige und Unendliche nach dem Untergang des Zeitlichen und Räumlichen hervortritt, ist der Gott des neuen Glaubens, wofür schon die ebenfalls christliche Vorstellung von der Dreiheit der Himmel⁠[668] zeugt. Zu einem so geistigen und geheimnissvollen Gottesbegriff wäre das Heidentum aus sich selber heraus nie gelangt. In Gimle ist das himmlische Jerusalem, das aus Gold und Edelsteinen erglänzte, nicht zu verkennen. Aus diesen Stellen der alten Gedichte, welche den gewaltigen Herrscher von oben über die erneute Welt setzen, folgert die Gylfaginning Kap. 3 und 5 den Allvater, der ewig lebt und über alles in seinem Reiche, Grosses und Kleines waltet, der Himmel, Erde und Luft erschuf, der durch seine Kraft Ymir aus dem Urstoffe belebte, der vor alledem da war. So ist das Endliche vom Unendlichen umgrenzt: die Gylfaginning hebt mit Allvater an, dann aber treten die endlichen Göttergestalten, die echtheidnischen, allein hervor. Wie sie verschwinden und vergehen, erscheint wiederum der Ewige und Allmächtige. Der Versuch des vorweltlichen Allvaters ist freilich missglückt. Was ihm zugeschrieben wird, verrichten später die Asen. Nur mit dem zweideutigen Begriffe „Allvater“, den Snorri sowol auf den ewigen Christengott als auch auf Odin bezieht, sucht er über die Widersprüche, in die er sich verwickelt, hinwegzutäuschen.

Notes in this chapter

Note 1 · Mannus ist zum eranisch-indischen Manu zu stellen, über welchen Spiegel, Die arische Periode und ihre Zustände, Leipzig 1887, S. 271 ff. nacNote 2 · Über die Anthropogonie der Germanen vgl. Wackernagel, ZfdA. 6, 15 ff.; Müllenhoff, Schmidts allgemeine Zeitschrift f. GeschichtswissenschaftNote 3 · ZfdPh. 25, 401 ff.; Kögel, Geschichte der deutschen Litteratur I, 1, 32 ff. Die wichtigsten Sätze aus Daniels Brief an Bonifacius (Jaffé, MoNote 4 · Über das Wessobrunner Gebet vgl. Müllenhoff u. Scherer, Denkmäler II, 1 ff., wo natürlich heidnische Herkunft behauptet wird; ebenso MüllenhNote 5 · Die Sagen über die letzte Weltschlacht sammelt und deutet zuerst J. Grimm, Myth. 908 ff.; dazu Müllenhoff, Sagen aus Schleswig, Holstein undNote 6 · Jüngere Olafssaga Kap. 201 ff.; vgl. E. H. Meyer, Kosmogonie 16 ff.Note 7 · Über solche ernste Heidengemüter vgl. Munch, det norske folks historie I, 2, 272, 279; Maurer, Bekehrung 2, 253 ff.Note 8 · ginnunga gap erscheint gleichsam umgekehrt in gapanda gin, gähnender Rachen in der Flateyjarbók 1, 530. gap steht zu gapa, gaffen, gähnen. gNote 9 · Man vgl. Stellen wie Servius zu Ecl. 6, 31 ff.: variae sunt philosophorum opiniones de rerum origine. nam alii dicunt omnia ex igni procrearNote 10 · Im nord. Texte steht lùđr, was nach Fritzner, Ordbog II2 567 f. einen ausgehöhlten Baumstamm, einen Trog, der zur Wiege wie zum Fahrzeug dieNote 11 · Eine Übersicht der hierher gehörigen Sagen gewährt R. Andree, Die Flutsagen, Braunschweig 1891; S. 44 werden berechtigte Zweifel an der UrspNote 12 · Grímn. 40, 41; Vafþr. 21; Gylfag. Kap. 7; zur Erschaffung Adams aus acht Teilen J. Grimm, Myth. 531 ff.; Müllenhoff-Scherer, Denkmäler3 2, 1Note 13 · Nach Gylfaginning Kap. 9 befindet sich die Asenburg in der Mitte der Welt, í miđjum heimi, und vom Hochsitz Hlidskjalf aus übersieht man allNote 14 · Jǫtonheimr Vǫl. 48; Jǫtonheimar in SE. 1, 30, 54, 62 u. ö.; Alfheimr Grímn. 5, SE. I, 78; selten begegnen Vanaheimar S. I, 92 und SvartálfahNote 15 · Über Niflheim vgl. den Abschnitt Hel. Niflhel steht Baldrs Dr. 2, Vafþr. 43. Ebenda sagt der Riese: ich fuhr nieder nach Niflhel, wohin die Note 16 · Die neun Heime oder Himmel SE. I, 592, II, 485 sind keiner Überlieferung gemäss, nur Skaldengelehrsamkeit des 12. Jahrh. Die Versuche neuereNote 17 · Über typische Anwendung der Neunzahl vgl. J. Grimm, Rechtsaltertümer 215 f. Die Möglichkeit, dass christliche Vorstellungen von neun HimmelnNote 18 · Storm, Arkiv f. nord. filologi 7, 342.Note 19 · Vafþr. 12, 14, 25; Sgrdr. 3; Gylfag. Kap. 10. Den Aud und Onar kennt der Skald Hallfred (geb. um 968) SE. I, 320 u. 322; über Nacht und Tag Note 20 · So liest Snorri; in Vafþr. 25 steht der Dativ Nǫrve, ebenso Alvíssmǫl 29; daraus ist der Nom. Nǫrr zu erschliessen, welchen man mit as. naruNote 21 · Der Ausdruck „fyr Dellings durom“ vor Dellings Thoren, der in den Hǫ́v. 160 und in den Rätseln der Hervararsaga (Fornaldarsögur 1, 468 ff.) Note 22 · himintarga bei Eilifr Guðrúnarson SE. 1, 292; Ennius bei Varro 7, 73 nennt die Sonne caeli clipeus; J. Grimm, Myth. 665; 3, 205. Falk, aarböNote 23 · Die Geschichte war im 10. Jahrh. bereits bekannt. Mundilföri als Vater der Sol und des Mani begegnet Vafþr. 23, Glen beim Isländer Skuli ThoNote 24 · Über Mondflecken J. Grimm, Myth. 679 ff.; 3, 209.Note 25 · Grímn. 39; Vǫl. 40, 41; Gylfag. Kap. 12 u. 51; über Finsternisse J. Grimm, Myth. 668 ff.; 3, 206. Der schwedische, dänische, norwegische VolNote 26 · Bifrǫst wird erwähnt Grímn. 44, Fafnismǫ́l 15; Gylfag. Kap. 13.Note 27 · Über die Menschenschöpfung vgl. E. H. Meyer, Völuspa 81 ff., Kosmologie 110 ff.Note 28 · Über Yggdrasil vgl. die erschöpfende Untersuchung von Bugge in den Studien über die Entstehung der nordischen Götter- und Heldensagen S. 421Note 29 · Die Stellen bei Gudbrand Vigfusson im Corpus 2, 65 u. 197; zur Strophe Kormaks Bugge, Studien 443; om versene i Kormaks saga (aarböger f. noNote 30 · á Iđavelli; in Anlehnung an ags. ed-, an. iđ-, wieder, ist das Idafeld, auf dem sich die Götter auch in der neuerstandenen Welt wieder versaNote 31 · naglfar ist eigentlich das Totenschiff, das Gespensterschiff, indem nagl vermutlich zu νέκυς, νεκρός gehört; vgl. Detter, ZfdA. 31, 208; NorNote 32 · Níþhǫggr, der schadengierig Hauende, wird Vǫl. 39, 66; Grímn. 32, 35; Gylfag. Kap. 15, 16, 52 erwähnt; vgl. dazu Bugge, Studien über die EntNote 33 · Ragna rök steht Vǫl. 44, Baldrs Dr. 14, Atlamǫ́l. 21; Vafþr. 38 u. 55 stehen gleichbedeutend tíva rök und ragna rök. Das Wort gehört zu rekjNote 34 · Heinzel, Ztschr. f. österr. Gymn. 43 (1892) S. 748 weist aus russischen Quellen ähnliche Schilderung des Zweikampfes zwischen Elias und dem Note 35 · Vgl. Dahn, Das Tragische in der germanischen Mythologie, Bausteine 1, 1879.Note 36 · Zur Erklärung des Ausdrucks Bugge, Studien 447 ff.; Kögel, Grundriss der german. Philologie 2, 1, 212 Anm. versucht eine andere Deutung, dieNote 37 · Surtr, dessen Name auch in schwacher Form Surti erscheint Vafþr. 50, begegnet noch im isländischen Surtarbrandr, worunter eine harzige, verkNote 38 · Gimle kommt nur Vǫl. 64 vor; sonst Gylfag. Kap. 3, 17 u. 52. An letzterer Stelle ist die Lesart von U á Gimlé meþ Surti gegen W á Gimlé á hiNote 39 · H. E. Meyer, Völuspa 45.
Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings