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Verflossene Stunden

Zwölftes Kapitel.

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Der erfahrene Leser wird, wenn er meiner Geschichte bis hierher freundlich und geduldig gefolgt ist, sich nun nachgerade bei derselben des beruhigenden Gefühls erfreuen: es muß jetzt bald zu Ende gehen, wir werden nun bald erfahren, ob – immer vorausgesetzt natürlich, daß er nicht schon längst, nach wohl zu entschuldigender Gewohnheit, das letzte Blatt des letzten Kapitels vorweg gelesen hat und das, was sich nun noch ereignen mag, mit behaglicher Ruhe an sich herankommen läßt. Wie weit aber sind die handelnden Personen der kleinen Welt, in die ihm der Autor den Blick eröffnet, gerade zu der Zeit, wo sich ihnen unbewußt die Krisis herannaht, von jener köstlichen Ruhe entfernt, die der Leser besonders dann genießt, wenn er sich durch den eben angedeuteten kleinen Kunstgriff zur Höhe der Vorsehung jenes Weltfragments erhoben hat! Ich dachte damals, als ich in den trüben, kurzen Wintertag hineinfuhr, an alles Andere eher, als daß nun bald eine Wendung und gar eine glückliche in meinem Schicksale eintreten müsse. Mir war es im Gegentheil, als stehe ich am Anfange eines langen, geraden, trübseligen Weges, auf welchem mir rauhe Winde ins Antlitz wehen würden, gegen die ich mich keines Schutzes zu gewärtigen hätte. Du wirst es tragen müssen, sagte ich zu mir selber, daß von vielen nun kommenden Tagen dir ein jeder des Morgens seine Last von Weh aufbürdet, die bis zum Abend getragen sein will, und es ist nur gut, daß die Zeit – denn so klug oder so altklug war ich damals schon, der Zeit auch etwas zuzutrauen – daß die Zeit diese Bürde allmälig leichter machen wird. Uebrigens verhinderte dieser Ansatz zu einer philosophischen Anschauung meines Schicksals mich durchaus nicht, viele Thränen in mein Taschentuch hinein zu weinen, sodaß ich mich gegen Ende des Weges nur schwer zu einer ruhigen Miene fassen konnte. Der Zwang dauerte aber nicht länger, als bis ich, hinter dem alten Diener sitzend, der mich von der letzten Station abgeholt hatte, durch die Wiesengelände der Besitzung und zuletzt auf Kieswegen in den eigentlichen Garten eingefahren war. Hier war Alles so abgeschlossen, so friedlich, fast traurig anzusehen, daß mir die Last vom Herzen gleichsam wegthaute; ich empfand den Genuß – er wird einem nicht eben häufig zu Theil – mich in einer mit meiner Stimmung harmonirenden Umgebung zu befinden, freilich ohne mir, wie ich es jetzt bin, über den Grund dieses melancholischen Behagens klar zu sein. Es war Anfang December und die Luft auffallend mild und frühlingsartig; die immergrünen Sträucher im Garten, die hohen Tannengruppen, welche der bleiche Mond dann und wann, wenn ihn die rasch dahinziehenden Wolken auf Augenblicke frei ließen, matt beleuchtete, verhinderten den Anstrich winterlicher Oede, welchen die freien Felder draußen hatten; wie gefeit erschien die nächste Umgebung des Hauses und das Haus selbst wie der Sitz der gütigen Wundermächte. Im Stil des Zeitalters der Elisabeth gebaut, spitz und vielgieblig, mit schmalen Fenstern in der langen Mauerfläche, war es auf einer Seite ganz mit Epheu überzogen; aus dem Bogen des mittlern Eingangs fiel gastliches Licht auf den Rasen draußen. So steht es mir noch immer, wie Kindern ein Märchenschloß, von eigenem Zauber umweht, im Gedächtniß.

Spät am Abend noch, ganz ausnahmsweise spät für sie, wie mir die alte Dame freundlich sagte, saß ich zwischen den lieben Leuten am Feuer und erzählte, erzählte alles Mögliche von Goldwell-House, von dem Befinden eines Jeden, von Menschen und Thieren bis zu den Katzen hinab und bewunderte das rege, gern eingreifende Interesse, mit welchem besonders die Großmutter dem Leben dort folgte, das vortreffliche Gedächtniß und die scharfe Beobachtungsgabe, welche sie dabei unterstützten. Bis auf vierzehn Tage vor meiner Abreise wußte sie so ziemlich Alles, was sich dort von wichtigen und unwichtigen Dingen zugetragen, da sie von Tochter und Enkeln regelmäßig und in kurzen Zwischenräumen Briefe erhielt. Aber es sei doch einmal etwas ganz Anderes, erzählt zu bekommen, und ich erzähle so hübsch, meinte sie. Uebrigens wechselten wir nachgehends die Rollen und dabei stand ich mich besonders gut; der alte Herr war der Repräsentant einer in ihrer Reinheit immer mehr verschwindenden ehrenwerthen Gattung des altenglischen, auf dem Lande lebenden Grundbesitzers, innig verwachsen mit den Angelegenheiten der Landschaft, die er seit Jahren im Parlament vertrat, wohl bewandert in den oft romantischen Geschichten der in der Nähe begüterten Adelsgeschlechter und sonstigen Honoratioren, dazu unerschöpflich an Jagdanekdoten und nebenbei treu anhänglich den literarischen Koryphäen der Periode, in welche seine Jugend gefallen, im Ganzen tüchtig gebildet und weit freisinniger, als es die Klasse, zu der er gehörte, zu sein pflegt – man konnte sich keinen bessern Gesellschafter in langen Winterabenden wünschen. Es ist mir erst in spätern Jahren, als der gute Herr lange todt war, ja, als ich selber anfing, mich für eine alternde Frau zu halten, klar geworden, was seine Lebensanschauung auszeichnete, was ihr eine erquickende, beruhigende Klarheit verlieh, was das warme Licht über all die Scenen ausgoß, welche er schilderte, sodaß sie zu köstlich vollendeten Bildern wurden – es war ein Strahl von Humor, von dem echten Humor, der einige seiner Landsleute groß gemacht, von der Weisheit, welche die Welt liebevoll nimmt, wie sie ist, ohne sie etwa für vortrefflich zu halten, etwas von dem Bewußtsein des nicht zu lösenden Widerspruchs, der in den Erscheinungen zu Tage kommt. Seiner sonst so praktischen Gattin fehlten diese Gaben gänzlich; sie hatte große Reformationsgelüste und hielt dafür, daß es einigen klugen Leuten vorbehalten sei, die Welt von Grund aus zu verbessern. Beide aber hatten sich, trotz bedenklicher Verschiedenheiten in den Charakteren, so in einander gelebt, daß es eine Lust war, sie zu beobachten.

Fast dünkt mich, als hätte ich hier in meiner Erzählung einen Fehler begangen, indem ich durch diese objective Beurtheilung meiner beiden liebenswürdigen Wirthe von vornherein beim Leser jeden Hauch der Stimmung verscheucht habe, die mich doch während meines Aufenthalts in Eldhall fast durchgängig beherrschte und welche ich durch den Vergleich des Hauses mit einem verzauberten Schlosse anzudeuten gesucht. Mein ungestörtes Zusammensein mit dem Herrn und der Frau vom Hause beschränkte sich nämlich, die Hauptmahlzeit etwa noch ausgenommen, auf die Abende, welche freilich einen ansehnlichen Theil der trüben Wintertage einnahmen; am Morgen und frühen Nachmittag war ich meist allein, wie ich es mir wünschte, und diesen Stunden schrankenloser Träumerei hielt die Zeit des heitern Zusammenseins um so weniger das Gleichgewicht, als die Geschichten des alten Herrn gar oft dazu angethan waren, meine Stimmung zu nähren. Ich versenkte mich gern in das Gefühl der Abgeschiedenheit des Ortes, an dem ich mich befand, und hätte gewünscht mir einbilden zu dürfen, es würde stets so bleiben und wir von allem Verkehr auf immer abgeschnitten sein. In dem altmodischen Garten zwischen hohen Hecken ging ich umher, auch wohl ein Stück in die Wiesen hinein, welche uns rings umgaben, hier und da von Gehölz, den Resten eines alten, großen Waldes, unterbrochen, wo sich Brombeerranken um die Stämme zogen, an denen braungrüne, scheinbar lebende Blätter noch hingen, und wo es üppiges Moos und feuchtglänzende Epheublätter in Menge gab. Das Alles hatte freilich ein Ende, als nach plötzlichem Umschlag des lauen Wetters zu scharfem Froste ein heftiger Schneefall eintrat, der das Hinausgehen unmöglich machte. Da saß ich denn viel für mich und es fehlte mir zu dem trauernden, einsamen Fräulein der Märchen nicht einmal das Thurmgemach. Das Gebäude erfreute sich nämlich eines hervorspringenden Erkers gerade an der Seite, wo der Garten sich terrassenartig hinabsenkte, sodaß man unterhalb in eine Art Tiefe blickte, und mir hatte man das Erkerzimmer eingeräumt, zu dem nur leider keine Wendeltreppe führte. Jetzt nach Jahren kann ich über das Schmerzbehagen lächeln, mit welchem ich damals hinaus in den Schnee nach den Krähen blickte, welche um die meinem Fenster nahen Spitzen der aus der Tiefe ragenden Föhren flogen, kann darüber lächeln, daß mir dies Zimmer für eine wehmüthig resignirte Stimmung, in die ich mich gern versetzte, fast unentbehrlich war; jetzt vermag ich aber auch diese wunderlichen Arabesken von dem wirklichen Grame, der leise nagenden Sehnsucht, die sie hervorbrachte, zu sondern, darf mir das Zeugniß geben, daß ich wirklich und ehrlich litt, nicht nur phantastisch mit dem Gefühle spielte.

Mit der tiefen Einsamkeit übrigens, die mir so sehr zusagte, hatte es ein Ende, sobald der Schnee rings zu Wegen und Stegen sich geebnet hatte und schönes klares Wetter eingetreten war. Da sprachen die benachbarten Grundbesitzer häufig nach der Jagd bei uns ein und fanden gastlichen Empfang; sogar die jüngern Sprößlinge hochadliger Häuser verkehrten auf diese Weise ganz freundschaftlich in Eldhall. Sie kamen, wie die alte Haushälterin augenzwinkernd behauptete, jetzt öfter als sonst; die Kunde, es sei eine junge Dame aus Goldwell-House da, mochte sie anlocken, denn jeder dachte dabei gleich an die schöne Lucy, welche die Großältern nicht selten besuchte; ich muß es den meist stattlichen, liebenswürdigen jungen Leuten nachsagen, daß sie ihre Enttäuschung, nur mich zu finden, mit gutem Anstand verhehlten. Außer diesen Besuchen und noch mehr als sie bildeten die Briefe aus Goldwell-House Ereignisse in unserm Leben, wahre Chroniken im Ganzen, die einzelnen aber doch immer ziemlich kurz; unsere Correspondenten, zu denen sogar die ältesten der »Kleinen« schon gehörten, vertheilten den zu bewältigenden Stoff gewissenhaft unter einander und eine Epistel ergänzte die andere. Da hörten wir, wie die jungen Leute angekommen waren, einer nach dem andern, auch Forster unter ihnen. »Er fragte gleich, nachdem er sich gesetzt hatte, wo denn Fräulein Margarethe sei«, schrieb klein Annie mit zolllangen Kinderbuchstaben; meinen Brief mit der Erklärung hatte er unbeantwortet gelassen, ich wußte nicht, was ich davon denken sollte. Von John lief bald darauf ein acht Seiten langes Billet an mich ein, in welchem er im Tone erhabenen Unwillens die Freuden schilderte, welche ich durch meine Einsamkeitsmanie entbehre, und ein anderes an die Großmutter, worin er sie bei allem Möglichen beschwor, mich auf der Stelle fortzuschicken; die Gesellschaft wurde uns beschrieben, welche sich am Weihnachtsabend im Gray'schen Hause zusammengefunden. Von Blanche erhielten wir Bericht darüber, was eine jede junge Dame »angehabt«, sie und Lucy eingeschlossen; daß Lucy sehr gefallen, hörten wir aus derselben Quelle. Lucy selbst ließ sich herab, der Großmutter eine ausführliche Beschreibung der Pfänderspiele jenes Abends zu liefern und der Ereignisse, die sich dabei zugetragen. Frau Gray erzählte von ihren Arrangements zum Empfang der Gäste, wobei sich mancher Wink der alten Dame trefflich bewährt hatte. Dann folgten in kurzen Zwischenräumen Bulletins über eine ganze Serie von Vergnügungen, kurz, wir erhielten wie durch eine magische Laterne Einblicke in ein buntes, fröhliches Treiben, welches sich aber zu unerhörten Festlichkeiten zu steigern versprach, da nach Blanche's immer häufigern geheimnißvollen Andeutungen eine Verlobung in der Familie, Verrath im Lager, wie sie's ausdrückte, nahe bevorstand. Dabei wurde immer dringender auf meinem Kommen bestanden; von meiner Verabredung mit ihrer Mutter, wonach ich bleiben sollte, bis man mich abhole, schienen die jungen Leute nichts zu wissen. Und bei alledem kein Wort vom Freiherrn! Daß auf Lucy's Verlobung angespielt werde, bezweifelte auch die Großmutter nicht; ich war im innersten Herzen überzeugt, er wünsche sie sich zu erwerben. Wo aber blieb er? War er schon längst in Goldwell-House, wo man ihn doch erwartet hatte, und man verschwieg absichtlich seine Ankunft? Mir wurde bei dieser Ungewißheit bald unerträglich zu Muthe; ich hatte geglaubt, die Nachricht von seiner Verständigung mit Lucy hier, wo ich sicher war, nicht auf unbequeme Art beobachtet zu werden, ziemlich ruhig hinnehmen und mit mir selber im Stillen fertig werden zu können. Auf diese Spannung hatte ich nicht gerechnet; es erwuchs daraus ein Zustand der Qual, wie ich ihn zuvor kaum für möglich gehalten hätte, und doch wagte ich nicht, ein Ende zu machen, indem ich mir von Blanche, wie ich wohl gekonnt hätte, im Vertrauen eine Erklärung erbat. Dazu fiel mir endlich die Gleichgültigkeit der Großmutter gegen die Sache auf. Hatte sie von ihrer Tochter Nachricht erhalten, ohne daß ich's wußte? War man übereingekommen, aus irgendwelchen Gründen die bevorstehende Verlobung vorläufig vor mir geheim zu halten? Ich klammerte mich an dieser ungereimten Voraussetzung fest und sie störte mein bisher so gutes Verhältniß zu der alten Dame; dieselbe kam mir plötzlich herrisch und kalt vor. Wahrscheinlich ging von ihr der Plan aus, mir nichts zu sagen, bis alles im Reinen war; die Andern hätten daran nicht gedacht, sie aber spielte ja so gern die Vorsehung; gewiß redete sie sich noch dazu ein, es geschehe Alles zu meinem Besten. Ich konnte in ihrer Gegenwart nicht mehr frei wie sonst sprechen, denn immer kam es mir vor, als würde die Unterhaltung von ihr geschickt um unsichtbare Klippen herumgesteuert; die Unbefangenheit des alten Herrn dagegen wurde unter diesen Umständen eine Wohlthat für mich. Ich schloß mich ihm auch immer enger an, ich las ihm vor und ging und ritt mit ihm herum, und wir waren so gute Freunde, daß seine Gattin gutmüthig genug über meine Neigung zu ältern Herrn spottete, worin ich dann sogleich einen gewissen Bezug entdeckte. Seine Erzählungen aus längstvergangener Zeit, von Leiden und Freuden, über die »schon lange Gras gewachsen war«, vermochten auch am ehesten den Geist der Ruhelosigkeit zu bannen, der mich quälte. War ich aber allein, dann machten sich bei mir die Personen aus seinen Geschichten den Rang streitig mit denen der Wirklichkeit, von welchen ich fern lebte, ja sie wurden wirklicher, körperlicher als jene, welche seltsam erblaßten und zurückwichen; ich war wieder einmal die Beute meiner Phantasie, einer Phantasie, die, ohne Gestaltungskraft nach außen, stets, bald zum Heil und bald zum Unheil, große Macht über mich besessen. Jetzt erwies sie mir die zweifelhafte Wohlthat, die Pein, welche ich fühlte, nach und nach in einen dumpfen, traumartigen Schmerz zu verwandeln; ich empfand sie nur als ein dunkles Etwas, welches über mir lag und woran die Trauer um den schönen jungen Lord, den vor fünfzig Jahren sein eigener Vater im Gehölz in der Nähe nach wüthendem Wortwechsel erschossen, weil er von einer armen Braut nicht lassen wollte, so viel Antheil haben mochte als etwas Anderes. Ich trug meine trübselige, beängstigende Gedankenwelt gern hinaus, um sie los zu werden, ich machte weite Gänge, ich wollte das Draußen auf mich wirken lassen, aber das half wenig, die Gegend erschien mir öde, die Menschen hatten traurige Gesichter.

Als ich einst von einer solchen unerquicklichen Streiferei zurückkehrte, da es schon dämmerte, stand die Haushälterin mit wichtiger Miene in der Thür. »Es ist Jemand da, Fräulein«, begann sie diplomatisch die feierlichen Eröffnungen, welche sie vorhaben mochte. »So«, sagte ich gleichmüthig und wollte an ihr vorüber. »Ja, aber ein fremder Herr, er kommt von Goldwell-House.« Ich begann zu zittern und lehnte mich leicht an den Thürflügel. »Ich glaube, er bringt gute Nachrichten«, fuhr sie fort; war sie von der Herrin, die ihr viel Vertrauen schenkte, angewiesen worden, mir die Sache beizubringen, und hier, in der Hausthür? Dagegen rebellirte ich innerlich, ich wendete mich und ging mit einem kühlen Wort nach meinem Zimmer. Die Alte folgte mir und trat mit ein, um nach dem Feuer zu sehen.

»Fräulein werden sich anziehen wollen und es ist ganz kalt hier! – Ich glaube, der Herr ist ein Landsmann von Ihnen; er spricht wie Sie, auch sehr gut, aber man hört doch, daß er ein Fremder ist. – So, nun brennt's wieder, nun will ich geschwind noch etwas zum Thee backen.«

Also Forster einmal wieder; er kam, um mich zu holen; er brachte die Nachricht von Lucy's Verlobung; ich würde mit ihm unterwegs über das Ereigniß zu sprechen haben. Wie zartfühlend, gerade ihn zu schicken – ich hörte mich plötzlich laut lachen und erschrak vor der eigenen Stimme. Was ich bisher gelitten, war Kinderspiel, jetzt erst kam die ganze Wucht auf mich nieder; mir war, als schlüge mir ein heißer Brodem entgegen aus einem Orte der Qual und ich müsse hinein, hindurch. Scheu, als stände das Unglück körperlich hinter mir, sank ich in die Kniee und faltete angstvoll die Hände, aber ich konnte nicht beten, weil ich wußte, daß kein Gott den Menschen das Leid ersparen kann, was sie sich selber einer dem andern bereiten. »Das thut er mir«, dachte ich bitter, »und ich habe ihn doch so lieb, so lieb!« Daß es gerade die ungerufene Liebe sei, die mir Schmerz mache, hätte ich mir vernünftigerweise sagen müssen, aber ich war nicht vernünftig, sondern unglücklich. So elend, wie ich niedergekniet war, stand oder fuhr ich wieder auf; es war ja Alles eins, ich mußte die kommende Zeit durchleben, wenn es nur geschwind, geschwind gehen wollte. Hastig schritt ich auf meine Kommode zu und zog ein Fach heraus, dann stand ich da und besann mich, was ich hatte herausnehmen wollen; lange konnte ich nicht darauf kommen, was ich eigentlich zu thun im Begriff gewesen sei. Da ging unten eine Thür und nun fiel mir ein, daß ich hinunter müsse; mit unsaglichem Ekel nahm ich eine Schleife und befestigte sie im Haar. »Auch das noch, auch die Mühe noch zu den Schmerzen! Wäre ich doch todt!« dachte ich dabei.

Als ich ins Speisezimmer trat, fand ich es nur vom ungewissen Feuerschein erleuchtet, man hatte Dämmerstunde gehalten, das aber konnte ich erkennen, daß die Gestalt, welche sich von dem niedrigen Sitze neben dem Kamin zu stattlicher Höhe aufrichtete, nicht die Forster's sei; wie im Traume hörte ich mich von einer tiefen Stimme in gedämpftem Tone, der zu dem Dämmerlichte paßte, als liebe Margarethe begrüßt und fühlte einen Händedruck, bei dem mich eine Wonne durchfuhr, wie ich sie nie zuvor empfunden; die Last war vom Herzen verschwunden, er war da, in seiner Nähe war Ruhe und Glück. Nach wenigen Augenblicken freilich, als die Lichter angesteckt worden waren und der Freiherr und ich uns officiell begrüßt hatten, kehrte mir das Bewußtsein von dem Zwecke seiner Reise zurück, die ich mir leicht deuten konnte; er wollte sich den Großältern als künftigen Gatten der ältesten Enkelin vorstellen und nebenbei mich nach Hause zurückgeleiten, damit ich den Verlobungsfeierlichkeiten beiwohne. Seltsamerweise aber wollte mich trotzdem das Gefühl der innerlich erwärmenden Freude nicht verlassen. »Ich werde doch einen ganzen Tag mit ihm zusammen sein dürfen«, dachte ich; »er wird neben mir sitzen und zu mir sprechen; bin ich doch seiner Sorge für diesen Tag anvertraut, bin für diesen einen Tag noch ein Etwas in seinen Gedanken. Nachher komme, was da will; und müßte ich ihn mit meinem Leben erkaufen, ich gäbe den morgenden Tag nicht hin. Ja, könnte ich nur den nächsten Morgen sterben, das würde bei weitem das Beste sein.« Unter solchen Gedanken wagte ich doch nur dann und wann nach dem Freiherrn hinüberzublicken und dann fand ich mehrmals seine Augen auf mir ruhen und freundlich aufleuchten, sobald sie den meinen begegneten. Er war glücklich, wie gut ihm das stand; gleichviel, weshalb er es war, und wenn auch nicht um meinetwillen, und was konnte er, was konnte ich dazu, daß ich ihn gar, gar so lieb hatte! Ich fühlte in manchen Augenblicken an jenem Abend den Muth, es ihm zu sagen; ob mir derselbe Stich gehalten hätte, wenn mir eine Gelegenheit des Alleinseins mit Herrn Bardolph geworden wäre, weiß ich nicht. Aber eine solche fand sich nicht; man saß bis spät zusammen, denn Wirthe und Gast hatten sich schnell in einander gefunden und die Unterhaltung war lebhaft und besonders heiter. Ich lachte mit über die Scherze des alten Herrn, welcher sehr gut aufgelegt schien, aber mit meinen Gedanken war ich so wenig bei dem, was um mich vorging – nur die Stimme des Freiherrn hallte jedesmal gleichsam in mir wieder, wenn sie sich hören ließ – daß ich keine Erregung empfand bei der Nachricht, Roger habe sich mit einer jungen Dame aus der Nachbarschaft von Goldwell-House verlobt. »Er auch?« sagte ich freundlich, fast mechanisch, ohne daß man viel auf meine Worte Acht gegeben hätte; es kam eben auf unsere Abreise die Rede, welche der Freiherr auf den folgenden Tag ansetzte. Davon wollten die alten Leute nichts hören; der Gast müsse sich erst ein paar Tage bei ihnen erholen, eher könne an Fortgehen nicht gedacht werden; ob mir denn so viel daran liege, sie gleich zu verlassen. Ich! Ich hätte mein Herzblut gegeben für eine Woche hier im stillen Schnee mit dem Bewußtsein, daß Herr Bardolph unter einem Dache mit mir lebe; es beglückte mich schon zu wissen, daß er nicht ohne mich gehen würde. Ich freute mich allemal, wenn er, von mir und sich redend, wir sagte. So war ich seltsamerweise nicht trostlos trotz der Ueberzeugung, ihn auf immer verloren zu haben.

Ehe wir an jenem Abend auseinandergingen – es war über dem Abendessen spät geworden und wir trennten uns gleich, nachdem dasselbe beendet war – fand der Freiherr Gelegenheit, mir, indem er meine Hand mit der ihm eigenen überlegenen Milde faßte, zu sagen: »Sie waren heute Abend sehr still, liebe Margarethe, und sehen nicht wohl aus; mir, Ihrem Vetter, müssen Sie schon erlauben, ein wenig zu controliren. Ich werde Sie morgen in Beschlag nehmen; Sie haben mir Mancherlei zu berichten.«

Dabei sah er mich an, bald aber kam ein Ausdruck der Abwesenheit in seine Augen, bei dem ich plötzlich bittern Schmerz empfand; er blickte gleichsam über mich hinaus in die Ferne. »Wer weiß, an wen er jetzt denkt«, sagte ich zu mir selber; »an dich gewiß nicht«, und ich entzog ihm meine Hand, indem mich zum ersten Mal ein Gefühl der Demüthigung wegen meiner unerwiderten oder vielmehr lange nicht genug erwiderten Liebe überkam; denn daß der Freiherr eine verwandtschaftlich freundliche Neigung zu mir hegte, konnte ich wohl merken. Aber es hielt nicht an; ich schlief an jenem Abend ein, indem mich die süße Erwartung des morgenden Tages, wo ich mit ihm zusammensein würde, wie mit rosigen Flügeln überschattete.

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