Neuntes Kapitel.
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Die Mutter wußte nun Alles. Ich hatte ihr alle meine innern und äußern Erlebnisse in England dargelegt, sie hatte gesehen, wie durch ihre Erzählung der Funken geworfen worden war, welcher jetzt zur Flamme neuen bittern Streites sich entfachen sollte, sie konnte mir, da sie die ganze Wahrheit erfuhr, nicht zürnen. Dann hatte ich ihr, als eine Folge des vom Freiherrn gegebenen Versprechens, seinen Brief vorgelegt. Derselbe machte weniger Eindruck auf sie, als ich erwartet hatte; sie schien kaum zu glauben, daß eine günstige Wendung der Dinge jetzt noch eintreten könnte, schien die ganze Sachlage kaum zu begreifen.
»Das wäre er zu thun fähig, der Sohn des elendesten der Menschen und eines feilen Weibes? Er wäre so ganz aus der Art geschlagen, daß er seine betrügerische Sippschaft selber an den Pranger stellen wollte, ohne Aussicht auf Gewinn, ja mit bedeutendem Verluste auch für sich? Und wäre er's – soll ich mein Eigenthum gleichsam als ein Geschenk annehmen, welches ich seiner Großmuth verdanke? – Nein, Margarethe, ich vermag dies Alles nicht zu fassen«, sagte sie dann wieder. »Wie hätte er gegen seine Mutter aufkommen können, wie will er es noch? Wie eine Tigerin den Raub, wird sie Alles festhalten wollen, was ihr den Besitz sichern kann. Und was sind es für Documente, die er gefunden? Werden sie vor Gericht genügen, um das ganze, niederträchtige Gewebe von Fälschungen aufdecken zu können? Es muß eine Correspondenz zwischen dem alten Freiherrn und seinen vertrautesten Helfershelfern sein, und warum wäre die nicht sogleich vernichtet worden? Ist es denkbar, daß Jemand die schlagendsten Beweise einer entehrenden Schuld sorgfältig aufbewahrt für seine Ankläger? Nein, Kind, der Brief kommt mir wie ein Blendwerk oder wie eine grausame Spielerei vor.«
So erging sich die Mutter in Zweifeln und Fragen, die immer mehr zu bittern Anklagen gegen die Familie des Freiherrn wurden. Ich stellte ihr vergebens meine Ansichten, meine Auslegungen und Erklärungen entgegen, und was konnte ich auch sagen? Ich konnte den Stand der Dinge nur aus einer Quelle, aus der fremdartigen Hochherzigkeit unseres Verwandten herleiten, und zu meinem Glauben schüttelte die Mutter bitter den Kopf; sie war alt und kummergehärtet, sie hoffte und glaubte nicht leicht mehr.
»Aber was soll geschehen, liebe Mutter?« fragte ich endlich. »Das ist doch immerhin eine Art Geschäftsbrief, welcher wenigstens eine Antwort erfordert.«
»Schreibe Du«, entgegnete sie; »danke ihm für seine Handlungsweise, wenn Du willst, sage aber auch, wie sehr ich über dieselbe betroffen gewesen, und bitte um nähere Auseinandersetzung. Was es für Papiere sind, die er gefunden hat, möchte ich wissen, ehe ich mich zu weitern Schritten entschließe.«
Ich schrieb und las der Mutter meine Antwort vor. »Nein, Margarethe«, rief sie, »zerreiße das! Welcher Ton der unbegrenzten Dankbarkeit! Was fällt Dir ein, Kind? Will er wirklich wieder gut machen, was seine Aeltern verbrochen, nun, was thut er da mehr, als was jeder Ehrenmann an seiner Stelle thun würde? Erzeigt er uns etwa eine Wohlthat? Sind wir Bettler, die er unverdient beschenkt? Nein, meine Tochter, Du bist noch zu jung, um die Welt zu verstehen; ich hoffe wenigstens, daß er Deiner Jugend zuzuschreiben ist, dieser Mangel, den Du noch oft zeigst, an dem, was den Adel auszeichnen sollte und auszuzeichnen pflegte, die innere und äußere Ruhe gegenüber selbst dem Unerwarteten, das kühle Herankommenlassen der Dinge, der durch Leidenschaft unbeirrte Blick!«
War er der guten Mutter wohl geblieben, dieser durch Haß wie durch Liebe, durch Furcht wie durch Dankbarkeit unbeirrte Blick? So dachte ich, zum ersten Mal in meinem Leben mich innerlich gegen meine treuste Freundin auflehnend. Sie sah mir an, daß ich bei mir selbst widersprach, und mit einem flüchtigen Lächeln sagte sie in einem leichten Tone, der aber keinen Widerspruch mehr aufkommen ließ, wie sie ihn zuweilen annehmen konnte:
»Komm, ma fille, schreibe, ich will dictiren.«
»In Deinem Namen, liebe Mutter?« fragte ich scheu.
»Ja, wenn Du nicht für meine Worte einstehen magst, schreibe nur meinen Namen darunter.«
So schrieb ich denn eine kühle, geschäftlich klingende Antwort auf den Brief des Freiherrn, in welcher die Mutter mit wenigen Worten ihre Verpflichtung gegen ihn anerkannte, falls er wirklich gesonnen sei, das Unrecht, welches seine Verwandten begangen, wieder gut zu machen, aber auch nicht verfehlte, ihre, wie mich dünkte, beleidigende Verwunderung über seinen Entschluß zu betonen, und dann um genauere Auskunft über den Fund bat.
Ich konnte das Schreiben nicht so gehen lassen. Heimlich verschaffte ich mir Gelegenheit, ein paar Worte hinzuzufügen. »Verzeihen Sie meiner Mutter ihre Kälte«, schrieb ich; »bedenken Sie, wie lange sie unglücklich gewesen ist! Sie glaubt Ihnen noch nicht, ich aber glaube Ihnen Alles und habe Ihnen schon tausendmal im Stillen abgebeten, daß ich Sie früher verkannt habe. Wenn sich auch unüberwindliche Schwierigkeiten dem Siege unserer Sache entgegenstellen – und die ahne ich fast, ich kann an keinen guten Ausgang glauben – so will ich Ihnen doch bis an mein Lebensende danken für das, was Sie thun wollten und schon gethan haben. Verzeihen Sie mir!«
Der Brief ging ab, meine Nachschrift blieb unentdeckt, aber sie beschwerte mir das Gewissen; ich brauchte meiner Mutter so selten etwas zu verheimlichen und fühlte mich, wenn ich es that, stets dadurch erniedrigt. Es hatte sich bei mir eine Art Cavalierehrgefühl ausgebildet, dessen moralischer Werth zweifelhaft sein mochte.
Wir erwarteten nun von Tag zu Tage Antwort vom Freiherrn. Je länger sie ausblieb, desto mehr fühlte sich die Mutter in ihren Zweifeln gerechtfertigt. »Vielleicht hat unser edler Vetter gedacht, wir würden ihn an Großmuth übertreffen und sein Anerbieten zurückweisen«, sagte sie. »Wir beiden mitleidigen Frauen mochten denken, er würde durch seine beispiellose Aufopferung an den Bettelstab gebracht, und das nicht übers Herz bringen können, wir konnten uns erbieten, in unserer Dürftigkeit, die uns durch lange Gewohnheit doch hätte lieb und theuer werden müssen, zu verbleiben. So hat er vielleicht calculirt. Aber ich weiß, daß er in Lievland bedeutend begütert ist, er hat dort den Oheim beerbt, von dem er uns sprach; die Einkünfte von Günthershofen bezieht, glaub' ich, seine Mutter allein.«
Je länger das Schweigen unseres Verwandten währte, desto weniger konnte ich den Beschuldigungen meiner Mutter entgegensetzen; sie erbitterten mich aber, ich war weit entfernt, ihr Glauben zu schenken, ich hielt die alte Frau für ungerecht und unmäßig hart. Sie hatte auch wirklich die Weichheit, die nach ihrer Krankheit über sie gekommen schien, jetzt ganz wieder abgestreift unter den Erinnerungen, welche der Brief des Freiherrn in ihr wach rief. Und ich, zum ersten Male in meinem Leben machte ich jetzt an mir die Erfahrung, daß ich mit vollem Bewußtsein von den Ansichten der Mutter abwich. Im Stillen widersprach ich ihr heftig, im Gespräch wurde dieser Widerspruch freilich nur zur schüchternen Einwendung, aber ich hielt ihn doch aufrecht. Mit mir war überhaupt, wie ich mit Schrecken bemerkte, Vieles ganz anders geworden; ich dachte und dachte und kam dabei oft zu nahezu wunderlichen Resultaten. So fiel es mir einmal ein, darüber zu speculiren, wie ich mich wohl verhalten würde, wenn – es konnte ja dergleichen einmal später sich ereignen – wenn meine Neigung auf Jemand fiele, der vor den Augen meiner strengen Mutter keine Gnade fände. Würde ich mich ihr unterwerfen, entsagen und leiden? Ich konnte zu keinem Ergebniß kommen, vielleicht hatte ich nicht den Muth, meine Schlüsse mit der gehörigen Consequenz zu ziehen, und hinterher tadelte ich mich bitter über diese rebellischen Gedanken.
Der Frühling, welcher sich so lieblich angekündigt hatte, kam mit Stürmen; der laue Wind brauste über die noch kahlen Felder, der Himmel war trübe und tief verhangen, es war alles Andere eher als schönes Wetter bei uns. Ich aber liebte diese Zeit, ich hatte meine Freude an dem feuchten Lebensathem, an dem Ungestüm im Werden, ich fühlte auf einmal die größte Sehnsucht nach draußen und wäre gern weit und breit herumgestreift, wenn mich die Sorge um die Mutter nicht an das Haus gebannt hätte. Aber von Zeit zu Zeit, gewöhnlich in der Dämmerung, schlüpfte ich hinaus. Unser Häuschen lehnte sich an die Stadtmauer; auf der andern Seite desselben floß ein Bach, von Weiden eingefaßt, deren eine Reihe zwischen dem Wässerchen und der alten grünbewachsenen Mauer eine Art bedeckten Gang bildete. Jetzt waren sie freilich noch fast kahl, der Boden war feucht und schlüpfrig, das Wasser regentrübe, aber ich gewann dem heimlichen Plätzchen auf einmal großen Geschmack ab, ich sog mit Entzücken die feuchte Luft desselben ein, ich ließ mir den warmen, ungestümen Wind, der unter den Weidenzweigen herfuhr, um die Stirn wehen und schaute, an die Mauer gelehnt, durch die Stämmchen nach dem Horizont, wo sich die schweren Wolkenschichten die den übrigen Himmel bedeckten, wie Coulissen weggeschoben und einen blendenden weißgrauen Streifen freigelassen hatten, auf den die dunkle Decke von oben hineinhing, wie Haar auf eine niedrige Stirn. So wenigstens sah es aus an einem Abend im März. Ich hatte lange ruhig gestanden und mit einer Art von schwermüthigem Behagen auf das von der fernen Helle seltsam beleuchtete flache Land geblickt; nun bog ich um die Mauer herum, zum Stadtthore hinein und ging nach dem Hause. Ehe ich wieder in das enge Zimmer zurückkehrte, wollte ich noch einmal einen tiefen Athemzug aus der Frühlingluft thun; ich öffnete die niedrige hölzerne Gitterthür und trat in das Gärtchen am Hause, auf einen Hügel zu, der sich fast bis zur Höhe der Stadtmauer erhob und um den diese eine niedere Brustwehr bildete. Während ich da stand, tönten Schritte auf dem Kies, mit Befremden sah ich im Umwenden eine hohe, dunkle Gestalt auf mich zu kommen. Der Mann trat dicht zu mir und grüßte – es war der Freiherr. »Sie hier?« rief ich erstaunt, indem ich ihm die Hand reichte. Er hielt die meine fest und küßte sie.
»Sie wünschen meine Mutter zu sehen?« fragte ich nach einigen Augenblicken, da er schwieg und noch immer meine Hand hielt; dabei wollte ich mich losmachen und ihm vorangehen. Er hielt mich zurück.
»Nein, Margarethe«, sagte er hastig – ich fuhr zusammen, da er mich beim Namen nannte – »nein, ich kann nicht vor Ihrer Mutter stehen, wenigstens in diesem Augenblicke nicht. Sie hat Recht gehabt – ich habe Sie mit falscher Hoffnung erfüllt, habe Sie schnöde betrogen!«
Ich sah ihn entsetzt an, ich wollte auf seinem Gesicht die Bestätigung seiner Worte lesen. Er war bleich, seine Augen, die ich sonst für hell gehalten hatte, schienen fast schwarz und mir war, als fühle ich sie auf meiner Stirn brennen.
»Lassen Sie uns einige Augenblicke hier bleiben«, bat er; »ich will Ihnen Alles erzählen, Sie haben gesagt, daß Sie mir glauben.«
»Und ich werde Ihnen immer glauben, in Allem, was Sie mir sagen«, entgegnete ich ihm.
»Gott segne Sie dafür, Margarethe; aber woher kommt Ihnen dies Vertrauen zu mir? Wer sagt Ihnen, daß ich Sie nicht betrüge?«
»Sie betrügen!« rief ich unwillkürlich. »Nein, ich bin überzeugt, daß Sie es gut meinen, o, mehr als gut meinen, daß Sie Recht und Wahrheit mehr lieben als Besitz; ich habe nun einmal diese Gewißheit und sie scheint um so fester, je mehr ich mich früher bemüht habe, Ihnen zu mißtrauen.«
»Sie sind ein Kind, Margarethe – aber ein Kind, das ich anbeten könnte«, fügte er leiser hinzu, »und dann haben Sie wieder die Klugheit und Energie eines Mannes. Aber hören Sie! O, ich hätte nicht gedacht«, unterbrach er sich schmerzlich, »daß ich so wie ein geständiger Verbrecher je würde dazustehen haben!«
»Aber Sie haben kein Unrecht begangen«, nahm ich ungeduldig das Wort. »Reden Sie! Hatten Sie sich getäuscht über jene Papiere, waren dieselben doch nicht so wichtig, wie Sie geglaubt hatten? Nein? Nun, dann hat man Sie Ihnen entwendet. Ihre Mutter –«
»Ha, Sie kennen die vortreffliche Frau, wie ich merke«, sagte er bitter. »Ja, ich, in verbrecherischem Leichtsinn, in elender Leichtgläubigkeit, hatte mich wieder, zum hundertsten Male, von ihr täuschen lassen. Als sie sah, daß ich nicht von meiner thörichten Restitutionsidee, wie sie's nannte, abzubringen war, ergab sie sich mit wehmüthiger Resignation darein, Schloß Günthershofen zu verlassen. Aber damit bestach sie mich noch nicht. Sie hatte gehofft, ich werde mich erweichen lassen; als ich fest blieb, wurde sie krank. Mit schwacher Stimme bat sie mich, sie wenigstens auf dem Schlosse sterben zu lassen; lange werde sie den neuen Besitzern ja nicht im Wege sein. Ich zuckte die Achseln – ja, Kind, das that ich – und fuhr unbeirrt mit meinen Vorbereitungen zu unserer Uebersiedlung nach Lievland fort. Ich hatte dabei natürlich viel in der nahen Stadt zu thun und ritt oft hinein; einmal blieb ich sogar über Nacht dort. Alles war nachgerade so weit geordnet, daß ich den Tag meiner Reise zu Ihnen festsetzen konnte; es drängte mich, die entscheidenden Papiere in Ihre Hände zu legen. Ich bewahrte dieselben in meinem Schreibtisch unter doppeltem Verschluß, in meinem Zimmer, welches nur mein mir ergebener Diener zu betreten pflegte und zu dem ich den Schlüssel in jener Zeit stets bei mir trug. Lächerlich nutzlose Vorsicht! Ich hätte bedenken sollen, daß im Schlosse Günthershofen von jeher auf Schloß und Riegel nicht zu bauen gewesen! Als ich am Abend vor dem Tage, der zur Abreise bestimmt war, vor meinem Schreibtisch sitzend und mit einem Gefühl der Erleichterung Fach für Fach öffnend, an das innerste gekommen war, in dem ich die Documente verborgen hatte, fand ich dieselben nicht vor. Soll ich Ihnen mein fieberhaftes Suchen, die Wuth und Angst, die mich befiel, schildern? Erlassen Sie es mir. Ich ging zur Mutter, die an jenem Tage zuerst wieder das Bett verlassen hatte; sie mochte mich erwarten. Ich wollte die Thür hinter mir verschließen, der Schlüssel fehlte, der Riegel bewegte sich nicht, Alles war vorgesehen. Als ich vor sie hintrat, blitzte der Triumph aus ihren Augen, zum ersten Mal zeigte sie sich mir wahrhaft dämonisch. Sie mögen ermessen, was ich bei der schrecklichen Scene litt, wenn ich Ihnen sage, daß sie mir zu verstehen gab, sie wisse wohl, daß sie auch nach meinem innersten Wunsch gehandelt, indem sie jene Papiere verbrannt habe – ja armes Kind, sie waren vernichtet – ich könne nun wieder aufhören, den Tugendhaften zu spielen, meinte sie. Ich hätte sie tödten können, ich faßte ihr Handgelenk, als sie nach dem Kamin zeigte, in dem ich noch das verkohlte Papier zu sehen glaubte, und preßte es, daß sie aufschrie, aber als ich losließ, lachte sie höhnisch, nannte mich einen Thoren und sagte mir noch einige Wahrheiten, für die ich ihr Dank weiß. Und nun lassen Sie mich wissen, was Sie von mir halten.«
Mir war unheimlich geworden bei seinem hastigen Sprechen, seinem schlimmen Lachen, zugleich aber fühlte ich das innigste Mitleid mit ihm. Der Verlust, von welchem er sprach, machte in jenem Augenblicke wenig Eindruck auf mich, hatte ich doch den Besitz mir noch nie recht vergegenwärtigen können. Ich sagte ihm das mit einfachen Worten, weil ich ihn beruhigen wollte. »Der Vorfall ist nicht so schlimm, als Sie ihn auffassen, Herr Freiherr«, sprach ich zu ihm. »Sie müssen bedenken, daß wir uns eigentlich wenig Rechnung auf eine günstige Wendung der Dinge gemacht hatten; weder die Mutter, das glaube ich behaupten zu dürfen, noch auch ich werden daher das, was Sie mir erzählt haben, als ein Unglück fühlen. Ihre edle Absicht bleibt uns zu einer Art Beruhigung; ich für meinen Theil lasse mir für jetzt gern damit genügen, daß unser Recht von dem Hauptrepräsentanten der Gegner anerkannt wird und daß dieser, ich bin es überzeugt, seine Anerkennung desselben bethätigen wird, sobald er dazu die Freiheit hat.«
Der Freiherr stand mit untergeschlagenen Armen vor mir und sah mich an, ich glaube aber kaum, daß er mir zuhörte; erst als ich schwieg, schien er zu merken, daß ich gesprochen hatte. Ich wiederholte daher meine Gründe für das Unnöthige seiner Selbstanklage. Er schüttelte den Kopf.
»Sie sind unerfahren, Margarethe, bescheiden, genügsam, vergebend, ach, Sie sind zu gut! Ihre Mutter wird anders über mich denken. Aber das muß ich einstweilen ertragen, ich weiß, daß ich einen guten Anwalt an Ihnen habe. Ich gehe jetzt außer Landes, sobald ich die Abtretungsurkunde von Schloß Günthershofen mit seinen liegenden Gründen an Sie in aller Form ausgefertigt und bei einem Notar, den ich Ihnen bezeichnen werde, niedergelegt habe, für den Fall, daß mir etwas zustieße. Sie werden dann nach dem Tode meiner Mutter das Schloß sogleich in Besitz nehmen können. Sie könnten dies schon jetzt, in wenigen Wochen, aber ich bezweifle, daß Ihre Frau Mutter sich dazu verstehen würde, auch möchte ich Sie, ich muß es gestehen, nicht in der Nähe der jetzigen Bewohnerin wissen. Erbrück bleibt Ihnen natürlich durch meine Schuld verloren.«
»Aber wessen klagen Sie sich eigentlich an?« fragte ich. »Wie konnten Sie die Papiere besser verwahren als in einem verschlossenen Schreibpult in Ihrem Zimmer?«
»Ich hätte sie gleich einem Rechtskundigen überliefern oder Ihnen zukommen lassen sollen«, entgegnete er; »ich unterließ es während einiger vorbereitenden Geschäfte meinerseits, weil ich mich selber in gewisser Hinsicht als Ihren Anwalt, Ihren Stellvertreter ansah.«
»Noch eine Frage, der Mutter wegen, welche dieselbe zu stellen wünschte: was waren es eigentlich für Papiere, die Sie gefunden hatten?«
Der Freiherr athmete schwer, es kostete ihm Anstrengung, mir zu antworten. »Es befanden sich darunter«, sagte er endlich leise, »Briefe des Fürsten an meine Mutter, welche die Umrisse des ganzen Plans, Sie von Ihren Gütern und aus dem Lande zu treiben, enthielten. Bei der Vertraulichkeit, welche zwischen beiden herrschte, kam da Allerlei zur Sprache, was vollständig genügt haben würde, Ihre Sache zu retten. Aber das war nicht Alles. Die Duplicate der gefälschten Correspondenz zwischen Ihrer Großmutter und dem Baron d'Elange, jenes Hauptbeweises gegen Sie, waren da, vielleicht als Curiosum aufbewahrt; meine Mutter muß aus einer Art teuflischer Freude an dem ganzen Handel die compromittirenden Papiere vor der Vernichtung bewahrt haben, anders kann ich mir ihre Existenz nicht erklären. Wir haben hier angenehme Familienangelegenheiten durchzusprechen, nicht wahr, Cousine?«
Er brach ab und wir schwiegen einige Augenblicke. Es war ganz dunkel geworden; jetzt erst dachte ich mit Schrecken daran, wie unruhig die Mutter mich erwarten mochte. »Kommen Sie mit zu meiner Mutter«, sagte ich, »sie wird sich um mich ängstigen.«
»Ja, und ich habe Sie hier in Dunkelheit und Kälte und Nässe zurückgehalten! Sie werden krank werden. Ich habe Ihnen noch nie Anderes als Uebles zugefügt. Gehen Sie, erzählen Sie Ihrer Mutter Alles, Sie wird Ihnen oder vielmehr mir nicht glauben; sagen Sie ihr dann, daß sie sich bei« – er nannte einen Notar in einer benachbarten größern Stadt – »erkundigen möge. Vielleicht auch wird sie niemals das ihr Angehörige unter einer Form in Besitz nehmen wollen, welche für eine Schenkung angesehen werden könnte. Nun, nous verrons! Vertrauen wir dem Glück ein ganz klein wenig, Margarethe! Leben Sie wohl!«
»Sie wollen fort?« rief ich ängstlich.
»Ja, und ich werde Sie nun in Jahr und Tag nicht wiedersehen, ma petite cousine!« Er faßte meine beiden Hände; ich konnte seinen plötzlich leichten Ton, indem er sich über sich selber lustig zu machen schien, nicht begreifen. »Sie sind eine kleine Zaubrerin. Sie haben die Last von mir genommen, mit der ich vor Sie hintrat, mir ist jetzt, als werde sich noch Alles zum Guten lösen; Ihnen muß man beichten, wenn einem die Absolution nützen soll.«
Er blieb noch immer stehen; mit meinen Händen in den seinen drehte er sich jetzt um und sah nach dem Hause, nach den kleinen erleuchteten Fenstern des Wohnzimmers.
»Dort hinten hausen Sie – schon Jahre lang? Nun, Schloß Günthershofen hat etwas höhere Fenster und Sie werden im Park ein wenig mehr Raum haben, sich zu ergehen, als in diesem Irrgarten. Aber ich muß nun fort, kommen Sie.«
Er geleitete mich bis zur Hausthür; ich fand nichts mehr zu erwidern. »Adieu, ma cousine«, sagte er endlich, neigte den Kopf und küßte mich auf die Stirn, dann ging er.
Ich aber – da stand ich in der dunkeln Hausflur und Alles, was ich in dieser Unterredung, die für mein eintöniges Leben ein Ereigniß war, gehört und erfahren, stürmte verwirrend auf mich ein; ich empfand eine tiefe Traurigkeit, die unerklärliche Laune des Freiherrn bei seinen letzten Worten hatte verfehlt, mich anzustecken. Rathlos und niedergeschlagen setzte ich mich auf die Treppenstufen – wie sollte ich vor die Mutter treten und ihr das Alles erzählen? Ich fühlte, daß ich es nicht konnte. Da hörte ich oben ihre Schritte, sie hatte die Hausthür schließen hören und wollte in ihrer Angst um mich herabkommen. Ich sprang in die Höhe und eilte hinauf; in der Thür stand die Mutter und empfing mich in ihren Armen, so erfreut war sie, mich wieder zu haben, ich aber, überwältigt durch diesen seltenen Ausbruch mütterlicher Sorge und bedrückt durch ein unbestimmtes Gefühl, daß ich dieselbe in diesem Augenblicke gar nicht verdiene, lehnte den Kopf an ihre Schulter und brach in heiße Thränen aus. Die Mutter gerieth darüber in die größte Bestürzung.
»Um Gotteswillen, Margarethe, mein Kind, was fehlt Dir, was ist Dir widerfahren? Sprich doch, was kann Dir begegnet sein?«
Ich sah die Nothwendigkeit ein, meine noch immer leidende Mutter sogleich zu beruhigen, und so entledigte ich mich denn so rasch wie möglich meiner seltsamen Erzählung. Ich sagte der Mutter, wie ich den Freiherrn vor dem Hause getroffen, wie er lieber mir als ihr die unglückliche Wendung der Dinge habe mittheilen wollen, ich legte dieselbe dar, so gut ich vermochte, und wiederholte die Selbstanklagen des Herrn von Günthershofen, ich sprach von der uns zugedachten Wiedererstattung. Auch diesmal hatte ich mich getäuscht mit meiner Voraussetzung darüber, wie die Mutter dies Alles aufnehmen würde; sie schien kaum überrascht, ja fast wie befriedigt und schenkte der Erzählung des Freiherrn unbedingten Glauben.
»Ja, das ist sie, daran erkenne ich sie«, warf sie ein, während ich sprach; sie lächelte, als ich geendet. »Das klingt wie ein Kapitel aus einem Roman, nicht wahr?« sagte sie. »Aber ich fühle die Wahrheit heraus. Der arme Vetter! Besser hätte er von unserm Rechte nicht überzeugt werden können, auch wenn er jene Briefe nie gelesen hätte, als durch dies charakteristische Vorgehen seiner vortrefflichen Mutter.«
Auch in Bezug auf die Abtretung des Besitzes sprach die Mutter anders, als ich erwartet hatte. »Ich werde nicht mehr lange bei Dir sein, mein Kind«, sagte sie, »und es ist gut, daß Du nicht allein und zugleich bettelarm in der Welt dastehen wirst. Das Schloß ist allerdings nur ein Theil des uns zukommenden Besitzes, aber wenn es dem Freiherrn Ernst ist mit der Restitution, so nimm sie an. Er ist ja ohne dasselbe reich genug; wir wollen es als ein Geschenk von Gott ansehen, dem es einst gefiel, uns Alles zu nehmen, und dem es jetzt gefällt, uns einen Theil wiederzuerstatten.«
Weiter wurde zwischen uns von der gewaltigen Veränderung, die nun in unserm Leben eintreten konnte, nicht geredet, und auch unsern Gedanken vermochte sie keine neue Richtung zu geben. Ich wenigstens empfand keinerlei Genugthuung darüber; noch nie war ich so niedergeschlagen, so hoffnungslos traurig gewesen, als ich es nach jenem Abend wurde. Von den wenigen Bekannten, die ich im Städtchen besaß, zog ich mich infolge dieser Stimmung ganz zurück; Tage und Wochen lang sah ich kaum einen Menschen außer meiner Mutter und der Magd. Ich pflegte gegen Abend erst hinauszugehen, am liebsten unter die Weiden bei der Stadtmauer, und dann allemal, ehe ich ins Zimmer zurückkehrte, erst auf jenen erhöhten Platz im Garten. Dort stand ich eine Weile, nahm den Hut ab und ließ mir die laue Abendluft durch das Haar wehen. Tönten einmal draußen auf der Straße Schritte, so schrak ich zusammen und konnte mein Zittern eine Zeit lang kaum bemeistern.
Blicke ich jetzt, nach Jahren, auf jenen Zustand zurück, so muß ich allemal meinem Geschick danken, daß es die Keime, welche sich damals in mir zeigten, nicht zur Reife kommen ließ. Meinen geistigen Thätigkeiten fehlte das Gleichgewicht, und hätten die Umstände fortgefahren, einige so sehr auf Kosten der andern zu begünstigen, so wäre ich eine excentrische, trübsinnige Einsiedlerin geworden. Fürs erste zerriß das Schicksal das Gewebe meiner müßigen Träumereien, indem es den Gedanken einen wirklichen Gegenstand unterschob, und zwar durch einen Brief von Lucy. Ich hatte deren schon viele gehabt; sie schrieb mir mit der größten Regelmäßigkeit und ich antwortete ebenso. Bedeutenden Inhalts pflegten diese Documente im Ganzen nicht zu sein; es waren Berichte über beiderseitiges Befinden und stets fand sich darin der Wunsch nach einem baldigen Wiedersehen ausgesprochen. Diesmal war Lucy's Schreiben länger als gewöhnlich und die erste Nachricht, die sie mir mit lebhaften Worten mittheilte, war, daß der Freiherr sich im Hause ihrer Aeltern befinde. Sie erzählte dann, wie gut man sich amüsire, wie viele Land- und Wasserfahrten man mache, daß bei schlechtem Wetter im Hause deutsch gelesen werde, und wie sehr sie mich zu dem Allem herbeiwünsche, obgleich ich, wie sie sich erinnere, meinem Vetter damals nicht besonders hold gewesen sei. »Wären Sie aber jetzt hier«, meinte sie weiter, »so würde die Fehde zwischen Ihnen wohl aufhören, so liebenswürdig ist der Freiherr; Sie würden ihm nicht widerstehen können. Uns alle erhält er in guter Laune, sogar der Bär Forster – dies Epitheton führte der Jurist bei dem lustigen Mädchen schon lange – sogar er, der seit Ihrer Abreise, um mit John zu reden, stets ein Gesicht wie ein Leichenstein gemacht hat, fängt langsam an aufzuthauen. Was uns ärgert, ist, daß er lange, geheimnißvolle Privatunterredungen mit dem Freiherrn hält, während welcher wir uns langweilen müssen; es wird dabei, wie man allgemein behauptet, von Ihnen gesprochen. Sie müssen kommen, unsere Minerva, Miß Mentor, wie Papa Sie nennt, und Ihrem Landsmann den verlorenen Seelenfrieden wiederbringen, denn wir alle sind darin einig, daß er denselben in Ihrer Verwahrung gelassen hat.«
Jetzt wußte ich plötzlich, warum ich unglücklich war; durch diesen Brief mit seinem schonungslosen Uebermuth errang ich mir eine Klarheit, von der ich damals glaubte, sie sei das einzige Gut, auf welches ich im Leben noch Anspruch zu machen habe. Ich gewann den Muth, mir einzugestehen, daß der Freiherr längst alle meine Gedanken erfüllte, und philosophirte sehr weise darüber, ob dies wohl die Liebe sei, von der die Dichter seit alten Zeiten singen, von deren Kunde die Weltgeschichte voll ist. Fast zweifelte ich daran, denn jene Liebe, das hatte ich in Büchern gelesen, verlangte ungestüm nach Besitz, und ich bildete mir ein, daß ich mich darauf freue, Herrn Bardolph als Gemahl Lucy's zu sehen, weil er dann glücklich sein würde. Das erstickende Gefühl, was mich allemal überkam, wenn ich mir dachte, wie er sie in seine Arme nehmen und ihr schöner blonder Kopf an seiner Brust ruhen würde, nannte ich Schwäche und hoffte es mit der Zeit zu überwinden. Nachdem ich einigermaßen mit mir selber fertig geworden war, blieb mir noch eine Pflicht zu erfüllen: ich schrieb an Forster und bat ihn um Verzeihung, daß ich ihm damals nicht gleich mit Bestimmtheit geantwortet habe. »Sie ließen mir freilich wenig Zeit dazu«, sagte ich ihm; »Sie wollten keine Antwort, aber ich würde Ihnen dennoch eine gegeben haben, wenn ich schon damals mit mir selbst im Klaren gewesen wäre, wie ich es jetzt bin. Und warum sollte ich Ihnen nicht den Grund meiner Ablehnung Ihres ehrenden Antrags sagen? Mich dünkt, Sie haben ein Recht darauf, ihn zu wissen. Besonders aber drängt es mich zu dem Geständniß, was ich Ihnen machen will, weil es mir scheint, als müßten Sie aus demselben eine Art Trost schöpfen können, wenn anders ich wirklich das Unglück habe, Ihnen Schmerz zu bereiten. Ich liebe einen edlen, vortrefflichen Mann, der von meiner Neigung nichts weiß und nie davon erfahren wird. Es kostet mich keine Scheu, keine Verlegenheit, Ihnen dies zu sagen; jenes Gefühl ist ohne mein Zuthun in mir entstanden, es wird mich nicht hindern, der Verbindung des so sehr Geliebten mit einer Andern mit dem einzigen Wunsche zuzusehen, daß beide glücklich werden mögen. Und das Letztere wünsche ich Ihnen auch und bin überzeugt, Sie werden noch finden, was Sie suchen.«
Auch Lucy antwortete ich; wider meinen Willen wurde der Brief gegen den ihrigen etwas kalt und karg. Wochen vergingen, ohne daß ich Antwort erhielt; die Grays waren jetzt auf ihrer Herbstreise und wahrscheinlich hatten meine Briefe ihre Adressen noch gar nicht erreicht. Ich liebte es, mit einer Art trauriger Genugthuung mir die fröhlichen Scenen auf jener Reise, die Gruppen glücklicher Menschen auszumalen; an dem Abglanz jenes Glückes wollte ich mich auch erwärmen, an den schrägen, matten Strahlen, die von weither zu mir herüberschossen; aber sie gaben ein gar kaltes Licht.
Mit dem scheidenden Sommer verschlimmerte sich der Zustand meiner Mutter auch wieder, das Leiden, von dem sie lange schon nie ganz frei gewesen, trat heftiger auf und machte sie immer mehr mit dem Gedanken an einen baldigen Tod vertraut. Sie fürchtete ihn nicht, sie hatte sich jahrelang das Sterben, in dem sie eine Wiedervereinigung mit ihren geliebten Todten sah, leise herbeigesehnt; sie trauerte aber um mich, die so ganz allein zurückbleiben sollte. Wir hatten jetzt oft, wenn es der Zustand der Mutter zuließ, lange Gespräche mit einander; zuerst eigentlich in meinem Leben gab sie mir Gelegenheit, meine Ideen und Meinungen über so Manches auszusprechen, wovon ich früher vor ihr nicht zu reden gewagt. Sie hörte mich dabei mit einer fast ängstlichen, forschenden Aufmerksamkeit an, die ich mir nicht recht erklären konnte. Ich sprach aber gern, meine Hand auf ihren Knieen und ihr von Zeit zu Zeit in das liebe Antlitz mit den noch immer schönen Augen blickend, während sie die Worte von meinen Lippen zu trinken schien. »Gott sei Dank, Margarethe«, sagte sie einst, während eines solchen Zwiegesprächs, tief aufathmend, »daß Du geworden bist, wie ich Dich jetzt kennen lerne. Mir verdankst Du es nicht – ich habe Dich vernachlässigt, habe in meinem egoistischen Kummer das arme Kind sich selbst überlassen; nein, versuche nicht, mir zu widersprechen, ich weiß, wie schwer ich gefehlt habe. Jahre sind vergangen, während welcher ich Dich kaum kannte, mich nicht um Dich kümmerte, da Du stündlich um mich warest, jetzt werd' ich gewahr, was ich für eine Tochter habe, aber Gott straft mich gerecht, indem er mich nicht ernten läßt, wo ich nicht säete; Du bist aufgewachsen zur Freude und ich muß fort.«
»Mutter, sprich nicht so!« bat ich. »Du hast noch gar Vieles zu erleben; Du sollst in Schloß Günthershofen einziehen und die Margarethe als Schloßfräulein sehen.«
Die Mutter schüttelte ernst mit dem Kopfe.
»Ich kann nicht glauben, daß mir das zu Theil werden sollte; ich könnte es auch nur um Deinetwillen wünschen. Ich mag nicht noch einmal Reichthum und Rang auf meinen Schultern fühlen, sie sind zu schwach dazu. Als ich vor so vielen Jahren das Schloß verließ – es gehörte uns damals noch – da wurde es mir einen Moment lang ganz klar, daß ich es nie wieder betreten würde. Es gibt Menschen, denen ein solches – Hellsehen möchte ich es nicht nennen, es ist eine kurze Ueberzeugung, die man sich später gehabt zu haben erinnert, ohne sie noch zu besitzen – ein- oder zweimal im Leben zu Theil wird; die seltsame Gabe ist mehreren Gliedern meiner Familie eigen gewesen.«
Die Mutter schwieg sinnend und in mir ging in jenem Augenblick etwas Seltsames vor; auch ich wußte plötzlich ganz genau, daß ich – aber nein, die Gewißheit, die mir wie etwas Fremdes, nicht in mir Entstandenes ans Herz trat, war sicher nur eine blendende Lüge. Die Mutter hob nun an, mir die Sensation jener momentanen Prophetengabe, die gleich nach ihrem Verschwinden auch zu nichte werde, da man selber nicht an sie glaube, zu beschreiben; mir wurde bange, ich bat sie, sich nicht aufzuregen; die leuchtenden Augen, mit denen sie wie in eine weite Ferne zu schauen schien, schnitten mir ins Herz; sie sah schon jetzt zuweilen aus, als gehöre sie nicht mehr der Erde an. – Zu andern Zeiten aber plauderten wir traulich; ich erzählte ihr von so manchem Eindruck, den ich, besonders während meines Draußenseins, empfangen, und die Mutter neckte mich sogar scherzend und meinte, so altjüngferlich ich mich stelle, so wisse sie besser, wie es eigentlich mit mir stehe. Ich erschrak dann und fragte mich, ob sie mein Geheimniß mit mütterlichem Scharfblick errathen habe, ich wollte ihr Alles gestehen, aber stets hielt mich eine gewisse Bangigkeit ab. Wenn ich mich irrte, wenn das Geständniß meiner Abtrünnigkeit sie traf wie ein Donnerschlag, wenn sie mir vielleicht von neuem gebot zu hassen! Was wußte ich, inwieweit das furchtbar starke Gefühl in ihr sich durch die letzten Ereignisse zu Gunsten des Freiherrn abgestumpft hatte! Und wäre es anders, billigte sie, begriff sie auch nur meine Neigung, wozu sie ihr gestehen, da sie unerwidert war; sie mußte im besten Falle ihren regen Stolz verwunden. So schwieg ich, bis es zu spät war, und es ist lange Jahre ein bitterer Schmerz für mich gewesen, zu der Neigung meines Herzens nicht den Segen meiner Mutter empfangen zu haben.