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Verflossene Stunden

Zehntes Kapitel.

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Eines Tages hatte uns der gute Pfarrer besucht, wie er es von Zeit zu Zeit und seit der zunehmenden Schwäche der Mutter häufiger zu thun pflegte. Ich begleitete ihn nach meiner Gewohnheit hinaus vor die Thür. »Kommen Sie doch einmal mit in den Garten«, sagte er, noch ehe dieselbe geschlossen war, laut zu mir; »Sie haben da eine Rose, von der ich mir einen Ableger ausbitten möchte.« Als wir vor den Rosenbäumchen standen, meinte er lächelnd: »Eine Kriegslist wie diese hätten Sie mir wohl nicht zugetraut, aber ich mußte Sie auf einige Minuten allein sprechen; Sie müssen mir dieselbe verzeihen.«

Auf meine verwunderte Frage berichtete er rasch: »Herr von Günthershofen hat an mich geschrieben; er hat mir auseinandergesetzt, wie Schloß Günthershofen und mit der Zeit factisch in Ihren Besitz übergehen werde. Es drückt ihn, Sie in Verhältnissen zu wissen, die Ihrem Range und Vermögen so wenig angemessen sind; er schreibt mir, der Gedanke sei ihm von Tag zu Tage unerträglicher geworden, daß Sie hier Beschränkung leiden, während seine Mutter auf und von Ihrem Eigenthum lebe. Und er beschwört mich, Sie zu bewegen, etwas von dem Ihren anzunehmen.« Ich schüttelte heftig mit dem Kopfe. »Um Ihrer Mutter willen soll ich Sie bitten, welcher jede Stärkung, jede Bequemlichkeit zu verschaffen ja Ihre Pflicht sei.« Der Pfarrer sprach noch Manches, sprach wärmer, je mehr er sah, wie ich in meinem Widerstande unsicher wurde, da ich daran dachte, wie oft mir das Herz weh gethan hatte, wenn ich für die Mutter dies oder jenes nicht erlangen konnte, weil ich zu arm war. Welches falsche Zartgefühl konnte mich abhalten, anzunehmen, was von dem besten Manne geboten wurde und was doch auch wirklich uns zukam? Ich schwieg in diesen Gedanken und der gute Pfarrer wollte fortfahren, mich mit neuen Gründen zu überreden, da unterbrach ich ihn. »Ja, ich will, Herr Pfarrer«, sagte ich abgewendet; »der Freiherr hat Recht, um der Mutter willen darf ich mich nicht weigern.«

»Recht so, mein Kind«, sagte er und nahm meine beiden Hände; »aber lassen Sie die Mutter nichts merken; sie möchte die Sache anders auffassen und sich gekränkt fühlen. Ich komme bald und stelle Ihnen die Sendung zu.«

Auch in seinem Glücke dachte er also an uns! Ach ja, er war gut und edel durch und durch; er verdiente alle Liebe, ein Jeder mußte ihm gut sein, der ihn kannte. Dies war auch mit mir der Fall; daß er nichts davon wußte, was lag daran? Ich liebte ihn und schämte mich dessen nicht.

All mein Denken war nun bald nur meiner Mutter zugewendet, deren Zustand sich täglich verschlimmerte. Daß sie bald sterben würde, wußte sie; ich wehrte mich innerlich gegen die Hoffnungslosigkeit, die auch mich nach und nach überkam; wenn mich die liebe Kranke schonend und zärtlich vorbereiten wollte, suchte ich dem gefürchteten Thema mit krankhafter Angst auszuweichen. Eines Abends saß ich am Bett, während draußen ein kalter Mondschein über der herbstlichen Welt lag; die Mutter hatte den Tag über große Schmerzen und von fiebernder Unruhe gelitten und war in der Dämmerung eingeschlummert. Jetzt schlug sie die Augen auf und sah mich klar und voll an, ja sie lächelte sogar.

»Es geht Dir besser, liebste Mutter?« fragte ich, indem ich mich über sie beugte.

»Ja, mein Kind, die Schmerzen sind vorüber; ich glaube nicht, daß sie wiederkommen werden bis – nein, komm Margarethe, nicht mehr dies thörichte Zusammenzucken; was nützt es, sich der Wahrheit verschließen zu wollen? Ich muß meine Zeit benutzen, sie ist gar kostbar für mich geworden.«

Sie hielt, schon erschöpft, inne; ich reichte ihr, indem ich die Thränen mühsam unterdrückte, auf ihren Wink zu trinken; dann fuhr sie, häufig ermattet stockend, mit stetigem Entschlusse fort, während ich sie nicht zu unterbrechen wagte, und sprach von der Zeit, wo ich allein sein würde.

»Es ist besser, wir besprechen zusammen, was Dir nach meinem Tode geziemen wird zu thun, liebe Tochter«, sagte sie; »Du wirst ohne Verwandte, ohne Schutz dastehen unter eigenthümlichen Verhältnissen. Der Freiherr wird Dir nach dem, was vorgefallen ist, gewiß Schloß Günthershofen zur Wohnung anbieten; ich möchte von Dir hören, wie Du über Deine Zukunft zu entscheiden gedenkst. Sei stark, meine Tochter! Ich weiß, ich verlange viel, aber Du bist Deiner sterbenden Mutter den Kampf mit diesen Thränen schuldig; laß mich wissen, soweit dies Menschen vorherbestimmen können, was aus Dir werden wird, damit ich beruhigt hinübergehen kann.«

Ja, die Mutter verlangte viel; noch in ihren letzten Stunden schien in ihrem Wesen jene Vornehmheit, jenes ruhig, selbstverständlich Gebietende durch, was sie stets ausgezeichnet hatte. Ich sollte meinen unsaglich bittern Jammer hinunterschlucken, sollte mich des Gefühls, daß ich sie besaß, daß sie doch noch bei mir war, berauben, in den letzten Augenblicken vielleicht, in denen es mich noch auf Erden beglücken konnte. Ich that es, ich dachte an die Zeit, die so trostlos öde vor mir lag, die Zeit, in der ich, gleichsam mit allen Wurzeln aus dem Boden gerissen, heimatlos und ganz, ganz allein sein würde. Die Mutter fragte wieder:

»Willst Du mit seiner Mutter auf Schloß Günthershofen wohnen?«

»Nein«, rief ich heftig, »nein, nein! Ach Mutter, kann ich denn nicht hier bleiben, in diesen Zimmern, wo Du und ich zusammen waren –«

»Hier bleiben, ganz allein? Nein, mein Kind; versprich mir, das nicht zu thun – ich bitte Dich, ich befehle es Dir, auch wenn Dir die Mittel dazu geboten würden. Ich habe Dich in der letzten Zeit beobachtet, das Alleinsein hat Gefahr für Dich. Höre meinen Rath, meinen Wunsch! Gehe nach England zurück; ich bin gewiß, man wird Dich liebevoll aufnehmen. Es ist ja auch nur für einige Jahre; glättet sich später die Angelegenheit mit dem Freiherrn, wird Günthershofen einmal durch den Tod seiner Mutter frei, so bist Du in den Stand gesetzt, zu leben, wo und wie es Dir gefällt, Du wirst unabhängig sein. Ich danke Gott, mein Kind, daß es so gekommen ist.«

Wir sprachen danach wenig mehr; die Mutter nahm meine Hand, ich blieb lange unbeweglich, während es endlich todtenstill im Zimmer geworden war. Noch einmal gelang es mir, alles Andere zu vergessen und nur zu wissen, daß ich bei meiner Mutter sei und ihre warme Hand die meine halte. Am nächsten Morgen war ich allein, die theure Gestalt lag noch da, aber sie gehörte mir nicht mehr – geheimnißvoll hatte sich in der Stille der Nacht etwas derselben entwunden, war mir entflohen – ich kam mir wie betrogen, wie hintergangen vor. Thränen fand ich da nicht, ich saß ganz still; einmal berührte ich das Kopfkissen, um es noch mechanisch zu glätten, ich fuhr zurück, es war eiskalt. Ich konnte, was vorgegangen war, nicht fassen: gestern Abend hatten von diesem Munde noch Worte an mein Ohr geklungen, jetzt war er unbewegt. Erst leise, dann immer heftiger sagte ich wiederholt: »Mutter, sprich, sprich, Mutter, noch einmal, noch ein Wort!« Ich küßte ihre Hand, hauchte darauf, hielt sie zwischen meinen Händen und rieb sie sanft; einmal schien mir's, als sei sie wieder warm, in erstickender Bewegung schaute ich nach dem Antlitz und erkannte meinen Irrthum. Da fiel mir ein, daß man Todten die Augen schließe; mit zitternden Fingern berührte ich ihre kalten, schweren Lider, und damit, mit dem Bewußtsein, daß ich der Mutter nun den letzten Dienst erwiesen, kam erst Leben in meinen Schmerz – mit einem Jammerruf warf ich mich neben dem stillen Lager nieder.

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