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Verflossene Stunden

Sechstes Kapitel.

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Es erschien mir wie eine Vergünstigung des Schicksals, daß Herr Gray sich vornahm, die Zimmer in dem schöngelegenen Gasthause, welche wir inne hatten, noch für eine Weile zu benutzen und dasselbe zur Basis unserer Operationen in den nachbarlichen Bergen zu machen. Der Freiherr, für den sich gerade noch Raum gefunden hatte, blieb auch auf die herzliche Einladung der Familie, er möge sich ihren Ausflügen in der nächsten Zeit anschließen. Hier war nun auch Gelegenheit, sich die Briefe, welche inzwischen zu Hause angekommen sein mochten, zuschicken zu lassen. Frau Gray schrieb an die alte Köchin, die das Haus hütete, und drei Tage darauf erhielten wir ein ganzes Paquet Briefe.

Wir saßen gerade auf dem Balkon beim Frühstück, als der Postbote mit dem Ränzchen auf dem Rücken und dem Bergstock in der Hand angewandert kam. Herr Gray nahm die Briefe in Empfang; meine Augen hingen an ihm in fiebernder Erwartung, während er dieselben langsam durch die Hände gleiten ließ.

»Setzen Sie lieber Ihre Tasse hin, Fräulein«, sagte Forster neben mir mit leichtem Spott. »Sie zittern zu sehr, als daß Sie Ihre Manipulationen fortsetzen könnten.«

Ich gehorchte mechanisch und in demselben Augenblick streifte mein Blick den Freiherrn. Herausgefordert durch seinen Ausdruck, schaute ich wieder hin, er sah unverwandt auf mich, mit düsterem Gesichte, er wußte, was ich erwartete – eine Anklage war es, eine Anklage ehrlosen Handelns, gegen seine Familie gerichtet. Aber mich kümmerte sein Aussehen wenig, denn John reichte mir eben mit einer komisch zerknirschten Miene, die nur ich zu deuten vermochte, den Brief meiner Mutter, um welchen er eine besondere Botschaft an die alte Wirthschafterin geschickt hatte. Nun endlich, endlich hielt ich ihn in Händen, nun brauchte ich die Aufschlüsse des Freiherrn glücklicherweise nicht mehr. Ich riß sogleich den äußern Umschlag ab und schaute auf das Couvert mit den theuern Schriftzügen meiner Mutter; liebkosend deckte ich dann wieder die rechte Hand darüber und schaute auf, froh in der Sicherheit des Besitzes. Da begegnete ich zuerst John's lachenden braunen Augen, der liebe Junge nickte mir freundlich zu; und nun mußte ich auch wieder nach dem Freiherrn hinsehen: er hielt die Augen auf meine Hände gerichtet, mit denen ich den Brief wie ein Kleinod umfaßt hielt. Mich beschlich in dem Augenblicke ein Gefühl der Furcht vor ihm, welches ich noch gar nicht gekannt hatte. Wäre er doch weit fort von hier, dachte ich.

Es wurde nun, wie gewöhnlich am Morgen, über die weitere Verwendung des Tages verhandelt und der Punkt gewählt, welchen man in Augenschein nehmen wollte. Da die Entfernung keine geringe war, mußte sofort aufgebrochen werden, meine Unlust zu der Expedition war aber so groß, daß ich Kopfweh vorschützte und um die Freiheit bat, zu Hause bleiben zu dürfen. In einer halben Stunde zog Alles ab und nun war ich endlich allein; ich setzte mich auf dem kleinen Kanapee in meinem Zimmer zurecht, ganz sicher, nicht gestört zu werden, und fing an zu lesen. Wie ich gewollt, hatte die Mutter meine Anfrage als aus einer Art Neugier hervorgegangen betrachtet und beantwortete sie daher erst am Ende des Briefes, nachdem alles Uebrige, was mich irgendwie interessiren konnte, berührt worden war, in folgenden Worten: »Ich dachte mir, liebe Margarethe, als ich Dir die Geschichte unserer Unglücksfälle erzählte, daß dieselben einigen Eindruck auf Dich machen würden. Lange überlegte ich, ob es nicht besser wäre, Dich noch unwissend zu lassen in Bezug auf dieselben, aber es schien mir schließlich nicht das Richtige. Du gingst fort, ich konnte sterben inzwischen, später wäre Dir vielleicht das oder jenes zu Ohren gekommen über die Vergangenheit Deiner Familie und hätte Dich mit Unruhe oder gar mit Zweifeln an unserer Ehre erfüllen müssen; auch war ich Dir eine Erklärung unserer so wenig standesgemäßen Armuth schuldig. Du berührst nun in Deinem Briefe einen Punkt, den ich damals von meinem Berichte ausgeschlossen hatte, aber ich sehe nach reiflicher Ueberlegung auch dafür keinen Grund mehr. Die Wahrheit, sei sie auch noch so herb, ist fast immer wohlthätig, und es ist uns für das Leben ein Muth nöthig, welcher der härtesten Wahrheit ins Gesicht zu sehen vermag. So wisse denn, daß man in jenem verbrecherischen Processe die Ehre der verstorbenen Mutter Deines Vaters angriff; man sagte aus, daß Dein Vater nicht der Sohn des Gemahls der Frau von Günthershofen sei, sondern eines Edelmanns, zu dem sie allerdings, sowie ihr Gemahl, in freundschaftlicher Beziehung gestanden hatte. Diese niedrige Anklage gegen eine längst verstorbene, edle, von ihren Freunden hochgeehrte Frau belegte man mit Beweisen in Form eines Briefwechsels zwischen ihr und jenem Edelmann, angeblich unter den Papieren des letztern nach seinem Tode gefunden, gefälscht aber, ja für die Gelegenheit fabricirt, wie Dein Vater und ich überzeugt waren und ich es noch bin. Es thut sich hier vor Dir eine Tiefe der Bosheit auf, mein armes Kind, die Du wahrscheinlich nicht geahnt hast; Du erhältst auch zugleich Antwort auf Deine Frage, warum ich nie gegen die Besitzer unserer Güter gerichtlich eingeschritten sei. Zur Zeit wurde es, wie Du weißt, von Deinem Vater versäumt. Der Schlag hatte ihn zu hart getroffen und seine Thatkraft gelähmt; es wäre auch da schon fast hoffnungslos gewesen und wurde es im Laufe der Jahre immer mehr, da uns alle Beweise fehlten, daß jene Correspondenz wirklich eine gefälschte sei. Ich habe mit Sachwaltern darüber gesprochen und sie haben die Achseln gezuckt; wer mochte sich unter so ungünstigen Umständen, wo ein Erfolg nur durch die weitläufigsten, kostspieligsten Untersuchungen zu erzielen gewesen wäre, der Sache einer gänzlich verarmten Edelfrau gegen mehrere reiche und angesehene Familien annehmen, wer eine Skandalgeschichte wieder durchgehen, von welcher sich das Gefühl mit Abscheu abwendet. Die, welche durch ihre hohe Meinung Deine Großmutter und ihren Freund in Schutz genommen haben würden, waren längst todt, jener selbst war gestorben, ohne Verwandte zu hinterlassen, denen an der Klärung seiner Ehre gelegen gewesen wäre: unsere Sache war und ist hoffnungslos. Laß Dir daher an dem Bewußtsein genügen, meine Tochter, daß wir Unrecht leiden, aber keins begangen haben, und bedenke, daß es uns nicht zusteht, diejenigen zu beneiden, welche sich durch Meineid an uns bereichert haben.«

So schloß meine Mutter. Ich saß eine lange Zeit ganz still, nachdem ich den Brief zu Ende gelesen, und suchte vergebens meine Gedanken zu sammeln; ich konnte mich nicht fassen, ich war wie betäubt, als habe ich einen Schlag erhalten. War denn das Alles möglich? Konnte die Bosheit mit einer so beispiellosen Frechheit Unschuldige angreifen, Lebendige und Todte? Und konnte und durfte sie so triumphiren? Lange wirbelte es mir im Kopfe und ich hatte nur ein dumpfes Gefühl unleidlichen Schmerzes, dann aber wurde ich ruhiger und merkwürdigerweise so ruhig, daß ich mich an die Stelle meines jetzigen Gegners, des Freiherrn Bardolph von Günthershofen, setzen, gleichsam von seinem Standpunkt aus die Angelegenheit ansehen konnte. Ich hatte ihm doch an jenem Abend und auch zuvor Unrecht gethan; er glaubte gewiß an die Gerechtigkeit seiner Sache, ja das Gericht sogar war vielleicht überzeugt gewesen und hatte redlich verfahren. Diese Ansicht besserte jedoch meine Stimmung keineswegs; noch nie war mir so wirr, so trüb zu Muthe gewesen, nie hatte ich mich so haltlos und elend gefühlt. Während ich, den Kopf in beiden Händen, dasaß, klopfte es an die Thür und Forster trat herein. Ohne im Anfang recht zu wissen warum, so dumpf war mir zu Sinne, fühlte ich Erstaunen bei seinem Anblick; erst als er seine Anwesenheit erklärend entschuldigte, fiel mir ein, daß ich geglaubt hatte, er sei mit den Uebrigen fort. Er habe auch Briefe von Wichtigkeit erhalten, sagte er, und sich deshalb der Partie nicht angeschlossen. Dann fragte er, da ihm mein verstörtes Wesen auffiel: »Schlechte Nachrichten?«

Ich hielt ihm schweigend meinen Brief hin, in dem ich mit dem Finger auf die Stelle deutete, an welcher er anfangen sollte zu lesen. Er setzte sich und las, ein-, zwei-, dreimal, dann sagte er ruhig: »Ich war nach den Aufschlüssen, welche mir der Freiherr gegeben hatte, hierauf vorbereitet; ihm scheint es, beiläufig, nie in den Sinn gekommen zu sein, daß hier ein Unrecht vorliege, und so peinlich es ist, kann ich doch nicht umhin, Ihnen zu sagen –«

»Daß Sie es auch nicht glauben«, unterbrach ich ihn. »O ja, ich weiß schon, weiß Alles, was Sie mir sagen können.«

»Das doch wohl nicht, Fräulein von Günthershofen«, entgegnete er mit unerschütterlicher Ruhe. »Deshalb erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Der Anschein ist allerdings nicht zu Ihren Gunsten. Was man in der Sache thun könnte, wäre etwa Folgendes. Wir müßten das Gerichtsverfahren von damals genau prüfen, auf die Voraussetzung hin, daß der Ausspruch ohne genügende Beweise gefällt worden sei; man müßte einem Formfehler nachspüren, dessen Dasein mir nicht ganz unwahrscheinlich vorkommt. Auf diesem Wege aber, wohl dem einzigen, der sich einschlagen ließe, finden sich Schwierigkeiten vor, welche mir unüberwindlich scheinen. Das Fürstenthum ist inzwischen mediatisirt, das oberste Gericht mit dem in W. verschmolzen worden; ob sich die Acten überhaupt wiederfinden würden, ist sehr fraglich, jedenfalls würden die nöthigen Nachforschungen mit großen Kosten verknüpft sein. Sie werden kaum einen Anwalt bewegen können, die Sache zu übernehmen, es müßte es denn ein Freund, der über viel Zeit verfügen kann, aus Liebhaberei thun. Mein wohlüberlegter Rath also ist, mein Fräulein, daß Sie den Gedanken an einen Proceß aufgeben.«

Er schwieg und ich auch; ich war in Nachdenken versunken. Ich dachte an meine Mutter, wie sie nun bis zu ihrem Ende arm bleiben würde, und auch an meine eigene, ziemlich trübe Zukunft. Ich ging die Erzählung der Mutter noch einmal durch, das Bild meines armen Vaters schwebte mir vor, wie er, gebrochen an Geist und Körper, dem Grabe zuwankte und ich sagte mir, daß er nun doch nicht gerächt werden würde. Dabei aber herrschte eine große Ruhe in mir, ich fühlte keine Bitterkeit, sondern nur Trauer; es mochte der Umschlag sein nach der fieberhaft aufgeregten Stimmung der letzten Wochen, daß ich eine Mattigkeit in mir spürte, welche es mir fast wie eine Wohlthat erscheinen ließ, nun ruhen zu müssen, nicht um unser Recht kämpfen zu können. Denn daß unser Recht unterdrückt worden, daran zweifelte ich auch jetzt nicht. Durch alle meine Gedanken aber tönten abgerissen die Worte in mir wieder, welche Forster vor einiger Zeit fallen gelassen: Der Haß ist eine schwere Bürde; sie klangen mir im Ohr, ohne daß ich darauf gehört oder darüber nachgedacht hätte. So hatten wir beide lange Zeit geschwiegen, bis Forster wieder anfing: »Wollen Sie mir folgen, Fräulein?«

»Für jetzt, ja«, antwortete ich ihm, »denn was kann ich thun? Ich bin arm, ich habe keine Freunde, ich sehe die Unmöglichkeit ein, zu handeln, und bin kein Kind, welches mit dem Kopf durch die Wand will.«

»Könnten sich dann nur, während dieses Waffenstillstandes, freundliche Beziehungen zwischen Ihnen und dem Freiherrn bilden«, fuhr er fort. »Ich weiß, bei gewöhnlichen Menschen wäre dies nicht möglich, aber Sie beide müßten sich, meine ich, über Manches hinwegzusetzen vermögen, was Andere beschränkt. Von Ihrer Meinung über den Charakter Ihres Verwandten sind Sie wohl in etwas zurückgekommen, und der Freiherr hat in Bezug auf Sie keine Vorurtheile zu überwinden.«

War es ein gewöhnlicher Widerspruchsgeist, der mich überkam, zugleich mit der Ueberzeugung, daß der Doctor vernünftig rede, oder hatte er, trotz seiner Vernünftigkeit, mein von den Vorwürfen, die ich mir hatte machen müssen, schmerzlich erregtes Selbstbewußtsein zu unsanft berührt, das wüßte ich jetzt nicht zu sagen, so viel weiß ich nur, daß ich ihn höchst unliebenswürdiger Weise fragte: »Sagen Sie dies im Auftrage des Herrn von Günthershofen?«

Forster sah mich erstaunt an. »Nein«, erwiderte er dann; »der Freiherr will Ihnen wohl, aber er hat mir keinerlei Aufträge an Sie gegeben.«

»Nun, so lassen Sie ihn von mir wissen, daß ich sein Wohlwollen nicht brauche«, rief ich trotzig, und Forster, den meine Unart empören mochte, empfahl sich nach wenigen gezwungenen Worten. Ich sah ihn auch den ganzen Tag nicht mehr, und jener Tag, den ich allein und einsam verbrachte, ganz meinen quälenden Gedanken hingegeben, ist einer der traurigsten meines Lebens gewesen.

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