Zweites Kapitel.
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Nach einigem Hin- und Herschreiben und auf eine warme Empfehlung unseres Pfarrherrn hin hatte sich Mrs. Gray dahin entschieden, mir das Amt einer Erzieherin ihrer Kinder anzuvertrauen. Meine nicht sehr umfangreiche Garderobe war gepackt und ich hatte mich entschlossen, nun Abschied zu nehmen von den wenigen Familien, mit welchen wir verkehrten. Dazu hatte ich mir den letzten Tag ausersehen, an dessen Nachmittag ich abreisen sollte. Bis dahin hatte ich mich selten und auf Augenblicke nur von meiner Mutter getrennt, von unbeschreiblicher Traurigkeit erfüllt bei dem Gedanken, sie bald verlassen zu müssen. Auch ihr gehaltenes und ernstes Wesen war zu rührender Zärtlichkeit gegen mich erwarmt. Am Abend vor dem letzten Tage rief sie mich, die ich nur wenige Schritte von ihr entfernt die Blumen besorgte.
»Margarethe«, sagte sie, »ehe Du mich verläßt, will ich Dir einige Aufschlüsse über unsere Familienverhältnisse geben, welche Dir, als einem erwachsenen Mädchen, zu wissen gebührt.«
Mein Herz klopfte; auf ähnliche Worte meiner Mutter hatte ich schon lange gewartet. Ich zog einen niedrigen Schemel neben sie; sie saß in ihrem Lehnstuhl, aufrecht, die noch immer schönen, schlanken Hände übereinandergelegt, und schaute gerade vor sich hin.
»Du wirst Dich Deines Vaters kaum erinnern«, begann sie nach einer Weile, »ach, und ich habe Dir wenig von ihm erzählt. Es reut mich jetzt; sein edles Bild hätte in Dir belebt werden sollen, er wäre mit Dir gegangen ins Leben als eine Stütze, ein steter Hort, in allen Zweifeln hättest Du Dich an ihn wenden können, er würde Dich immer das Gute, das einzig Rechte haben wählen lassen. So ist er mit mir gegangen, im Geiste, diese siebzehn Jahre; täglich hat er mir gerathen, aber ich behielt diesen trostreichen Verkehr für mich wie ein Heiligthum, von dem man kaum reden mag, aus Furcht, es zu entweihen.«
Hier schwieg die Mutter wieder einige Minuten lang und fuhr dann in verändertem Tone fort: »Der Vater war Oberjägermeister beim Fürsten von ..., der damals seinen kleinen, aber prächtigen Hof in B. hielt. Ich lebte dort als Hofdame der Fürstin, einer schönen, vortrefflichen Frau, die mich sehr liebte. Mein Vater, der Freiherr von Ardenberg, hatte bis zu seinem Tode auf unserm Gute, Schloß Ardenberg, mit großem Aufwand gehaust. Als er gestorben, fanden wir Frauen uns beinahe arm; das Majorat fiel natürlich meinem Bruder zu. Meine Mutter blieb bei ihm, ich kam an den Hof und sah von da an meine Angehörigen nur noch selten. Einmal wurde ich plötzlich nach Schloß Ardenberg gerufen – die Mutter lag im Sterben, ich drückte ihr wenige Stunden nach meiner Ankunft die Augen zu. Bei dem Bruder fühlte ich mich nicht wohl, seine Gemahlin war nicht ebenbürtig, ich konnte mich nie an ihre Art und Weise gewöhnen, bald kehrte ich nach B. zurück. Du wunderst Dich wohl, mein Kind«, unterbrach sich hier die Mutter, »daß ich so kalt von meiner Familie spreche; es ist wahr, viel Liebe ist nie zwischen uns verschwendet worden. Wir waren, mein Bruder und ich, im französischen Stil, von einer Hofmeisterin, erzogen, die Aeltern sahen wir als Kinder nur zu bestimmten Stunden des Tages. Meine Mutter war eine kalte Frau von höchst aristokratischem Wesen; der Vater liebte rauschende, kostbare Zerstreuungen und widmete sich seiner Familie selten; nie habe ich, dem äußern Anstande nach, einen vollendetern, liebenswürdigern Cavalier gesehen. Du siehst ihm ähnlich, liebe Margarethe, Du hast seine Augen und seine Stirn und bist schlank wie er, auch erinnert mich Dein Wesen an ihn, bei Deinen kleinen Dienstleistungen, die Du mir mit wahrhaft ritterlicher Galanterie zu Theil werden läßt.«
Ich fühlte mich roth werden vor Vergnügen; die Mutter in ihrer ernsten, beinahe strengen Art lobte mich so selten.
»Aber ich werde geschwätzig, recht wie eine alte Frau«, fuhr sie jetzt fort, »ich muß mich zusammennehmen. Deinen Vater, den Herrn von Günthershofen, kannte ich am Hofe von B. mehrere Jahre lang; er war um Vieles älter als ich, ein herrlicher, ernster, edler Mann, der dastand wie ein Fels der Ehre in den Strudeln des leichtfertigen Hoflebens. Ich hatte ihn stets verehrt; die ausgezeichnete Achtung, mit der er mich vor andern Frauen behandelte, that mir unendlich wohl. Aber als er eines Tages zu mir kam und mich um meine Hand bat, mich selber, in schlichten Worten – als ich den hohen, schönen Mann vor innerer Bewegung zittern und erblassen sah, da verlor ich fast das Bewußtsein, vor Schrecken anfangs, der langsam einem überwältigenden Entzücken wich. Er legte mein Schweigen und meine Gemüthsbewegung falsch aus, aber obwohl er meinte, seine Hoffnung aufgeben zu müssen, schien er an sich selber kaum zu denken in der Sorge um mich.«
Die Mutter schwieg hier; ich merkte es kaum, so sehr war mein Geist erfüllt von den Gestalten, welche sie mit ihrer einfachen Erzählung heraufbeschworen hatte. Ich spann den Faden weiter, ich malte mir die Scene zwischen dem schönen Hoffräulein und dem werbenden Cavalier bis ins Kleinste aus. Wie glücklich hatten sich die zwei gefunden, die so innerlich wahr, so geradeaus und edel waren in einer Welt der steifen Form, der hohlen, anspruchsvollen Etikette. Aber ich fand bald, daß ich mich geirrt hatte mit dem leidenschaftlichen Schlußact, den ich mir ausgedacht. Der Freiherr von Günthershofen hatte, nachdem ihm doch endlich klar geworden, was das Erbleichen und die Verwirrung des Fräuleins von Ardenberg zu bedeuten gehabt, derselben beim Gehen ehrfurchtsvoll die Hand geküßt, als seiner »liebwerthen Braut«, weiter nichts – so fest hatten sich die Formen der Gesellschaft jener Tage auch um die Beiden gelegt.
»Die Fürstin entließ mich ungern, aber mit vielen Beweisen ihrer Huld«, fuhr meine Mutter fort. »Wir blieben am Hofe, wo Deinen Vater seine Stellung festhielt, und waren sehr glücklich in unserm Kinde, einem herrlichen Knaben. Du hast mich von Deinem Bruder sprechen hören – er war ein unvergleichliches Kind. Auffallend schön war er, wie sein Großvater, mein Vater gewesen. Von seinem Vater hatte er die im Knabenalter schon stattliche Höhe, die Kraft, den Muth und die Wahrheitsliebe, welche oft Eigenthum der Starken sind. Nie ist über seine Lippen die geringste Unwahrheit gekommen, er hätte es verachtet, auch nur den Schein einer Lüge auf sich zu laden durch Wort oder Handlungsweise. Wir lebten ganz in ihm – Dein Vater und ich. – Es war während einer kurzen Abwesenheit meines Gemahls, daß das Schicksal uns traf. Unser Sohn, unser Hugo, war am Morgen fröhlich fortgeritten mit einigen jungen Edelleuten, die zum Haushalte des Fürsten gehörten; obgleich er weit jünger war als sie, machten seine Größe, seine Stärke und Gewandtheit und sein durchdringender Verstand ihn zum passendern Gefährten für diese jungen Leute als für seine Altersgenossen. Wie oft habe ich seitdem bereut, daß ich ihn fortgelassen!« Meine Mutter preßte die Hände gegen die Stirn in einer Art hülflosen Sichgehenlassens, wie ich es nie an ihr gesehen. »Ich war stolz darauf, daß sie ihn zum Genossen begehrten, ich sah ihm nach und freute mich an seinem gewandten und sichern Reiten. Am Abend wurde er mir sterbend ins Haus gebracht; er konnte nicht mehr sprechen, aber ich verstand seine Augen wohl, seine schönen, beredten Augen, aus denen er mich ansah mit unendlicher Liebe und Sorge, er bat mich mit ihnen um Verzeihung für das Herzeleid, welches er mir bereitete durch sein Sterben. Todesmatt suchte er noch nach meiner Hand, ohne die Augen von mir abzuwenden, seine großen, flehenden Augen, er versuchte zu lächeln, mich anzulächeln – so starb er.«
Die Mutter schwieg, aber sie hatte keine Thränen; nach einer Pause fuhr sie in hartem Tone fort: »Sein Pferd war gestürzt und er über den Hals des Thieres fortgeschleudert worden. Man hatte ihn für todt aufgehoben, aber während des Nachhausetragens belebte ihn die scharfe Nachtluft noch einmal, seine kräftige Natur wehrte sich gegen den Tod. – Dein Vater war niedergeschmettert durch den schweren Verlust, aber er richtete sich auf an der Aufgabe, mich zu trösten, da mich der Schmerz um meinen Sohn fast wahnsinnig machte. Nach Monaten erst legte sich meine heftige Verzweiflung, ich wurde ruhig, aber Lebensmuth und Energie wollten nicht wiederkehren. Ich saß still vor mich hin, wenn ich allein war – und Deinen Vater riefen Dienstpflichten leider häufig von mir fort – ich lehnte alle Besuche ab und bewegte mich stets in ein und demselben Gedankenkreise; ich dachte das ganze Leben meines Kindes durch, von dem Augenblicke an, wo es geboren worden, bis zu dem seines Todes; jedes Wortes und seiner Miene dabei suchte ich mich zu erinnern; manchmal überfiel mich eine Todesangst bei dem Gedanken, ich könnte irgend etwas von ihm vergessen und es so ganz verlieren. Als ich mich in diesem Zustande befand, welcher gefährlich zu werden drohte, schien in unserm Fürst große Theilnahme für mich zu erwachen. Ich habe von ihm noch nicht zu Dir gesprochen und es kostet mich einige Ueberwindung, es jetzt zu thun.«
Die Mutter schwieg hier, als müsse sie ihre Gedanken sammeln, meinem verwunderten Blick aber begegnete sie mit so abweisender und strenger Miene, daß ich die Frage, welche ich schon auf den Lippen hatte, zurückdrängte. Nach einigen Augenblicken fuhr sie dann fort und man merkte ihrer Stimme den Zwang an:
»Er war uns immer ein gnädiger Herr gewesen. Aus der alten französischen Schule, liebte er die raffinirtesten Genüsse und bereitete seiner edeln Gemahlin viele Kränkungen, ohne jedoch je das, was er ihr äußerlich schuldig war, aus den Augen zu verlieren. Du wirst mich kaum verstehen, mein Kind – genug, er war im Lande gefürchtet und wenig geliebt; er ordnete das Wohl des Volkes seinen Vergnügungen unter. Uns aber, wie gesagt, Deinem Vater und mir, war er stets beinahe ein Freund gewesen; wir hegten nur Empfindungen der Dankbarkeit und Anhänglichkeit gegen ihn, indem wir das, was in seiner Lebensweise zurückstoßend erschien, der Zeit und der Anschauungsweise, in welcher er groß geworden, zuschoben. Als er sich daher bei mir melden ließ, einige Monate nach Hugo's Tod, empfing ich ihn voll dankbarer Ueberraschung in tiefster Ehrerbietung. Er hatte sonst etwas sehr Herbes und Hartes in seinem Wesen; das streifte er so ganz ab, sprach in so liebenswürdiger Weise, erst vorsichtig, dann herzlich und voll Antheil, über meinen Verlust, daß ich es ertrug, ihn reden zu hören, und Deinem Vater, während dessen Abwesenheit der Besuch gemacht worden war, denselben mit mehr Lebhaftigkeit erzählte, als ich seit langem gezeigt hatte. Er war erfreut, besonders über den guten Eindruck, welchen die Gnadenbezeigung des Fürsten auf mich gemacht zu haben schien. Nach einigen Tagen wurde dieselbe wiederholt, und von da ab kam der Fürst häufiger; er kam, bis ich ihm die Thür weisen mußte«, sagte die Mutter mit unbeschreiblicher Bitterkeit in Miene und Ton. Sie wollte fortfahren, als sie durch unsere kleine Magd unterbrochen wurde, welche, in der Thür stehen bleibend, der Mutter sagte, es sei ein Herr draußen, der sie zu sprechen wünsche. Ungeduldig winkte die Mutter mit der Hand, sie war noch so sehr in den Gedanken befangen, welche ihre Erzählung in ihr wachgerufen hatte, daß sie in dem Besuche nur eine Störung auf wenige Augenblicke zu erwarten schien, nach welchen sie fortfahren könne. Sonst hätte sie auch nach dem Namen des Besuchers gefragt, ehe er angenommen worden wäre. So trat der Herr nun gleich hinter Lieschen herein, die ihm mit dem Kopfe eine einladende Bewegung zu machen sich begnügt hatte.
Ich war aufgestanden und zur Seite gegangen. Der Fremde trat einige Schritte ins Zimmer und blieb dann stehen, von meiner Mutter zu mir und von mir wieder zu meiner Mutter blickend. Die saß am Fenster, durch welches der Abendhimmel so hell glänzte, daß der Eintretende geblendet ihr Gesicht gar nicht sehen konnte. So entstand eine Pause von einigen Augenblicken, welche peinlich zu werden begann. Ich konnte nicht begreifen, warum meine Mutter, sonst die höflichste Wirthin, nicht aufstand und dem Herrn entgegentrat. Jetzt erst sah ich nach ihr hin und erschrak; sie war todtenbleich geworden und starrte mit einer Art Entsetzen auf das Gesicht des Fremden hin.
»Mutter«, sagte ich endlich, indem ich näher trat und meine Hand leise auf ihren Arm legte, »Mutter, der Herr wünscht Dich zu sprechen.« – »Ja, mein Kind?« erwiderte die Mutter fragend und zerstreut, dann aber, sich ermannend, stand sie auf, und mit der ihr eigenen stattlichen Höflichkeit nöthigte sie den Gast, auf dem Sopha Platz zu nehmen, auf dem kleinen, ärmlichen braunen Sopha – es war mit Heu gestopft, und mir stieg immer thörichterweise das Blut ins Gesicht, wenn sich unter einem Niedersitzenden das verrätherische Knistern der zusammengedrückten Halme hören ließ. Die Mutter aber lud zum Sitzen darauf mit derselben unnachahmlichen Handbewegung ein, mit der sie ehemals die Höchsten des Landes auf seidene Causeusen eingeladen hatte.
Der Fremde hatte noch nichts gesprochen, aber in seinem Wesen nicht etwa Befangenheit oder gar Verlegenheit, sondern die überlegene Ruhe eines weltgewohnten Mannes und dazu ein gewisses freundliches Sichgehenlassen gezeigt, welches ihn als einen Grandseigneur erscheinen ließ.
»Sie kennen mich nicht, Frau von Günthershofen«, sagte er endlich lächelnd, »und das wundert mich nicht; es ist sehr lange her, daß wir uns nicht gesehen haben.«
Er schwieg wieder und schien zu erwarten, daß die Mutter etwas sagen würde. Auf deren Zügen aber malte sich jetzt von neuem das ängstlich Forschende von vorhin, sie ahnte offenbar, wen sie vor sich habe.
»Ich bin Bardolph von Günthershofen«, sagte er endlich – die Mutter bewegte sich auf ihrem Sitze – »und komme nach langer Abwesenheit von Deutschland, um unter meinen Verwandten auch Sie zu begrüßen. Ich fühle, verehrteste Frau, daß der Schritt, welchen ich wage, der Bitte um Entschuldigung bedarf; vielleicht werden Sie mir verzeihen, daß ich Sie mit meiner Gegenwart belästige, wenn Sie gehört haben werden, was mich zu Ihnen trieb. Es war der Wunsch, hier auszusprechen, daß ich jetzt, als Mann, mich von dem Vorgehen meiner Familie während meiner Knabenzeit in Betreff jenes beklagenswerthen Processes lossage, daß ich Ihnen, als einzige Sühne, die zur Zeit in meiner Macht steht, meine Mißbilligung einer Handlungsweise ausdrücke, welche vom Standpunkte des Rechts vielleicht nicht anzutasten ist, sich aber schwerlich von dem der Humanität aus vertheidigen läßt.«
Die Mutter, welche bisher mit unbewegter Miene geradeaus geblickt hatte, wendete jetzt den Kopf und sah den Freiherrn groß an.
»Recht, Humanität? Das sind sonderbare Worte von Ihrer Seite«, sagte sie dabei in einem Tone, bei dem mir das Blut heiß in die Wangen stieg. »Sie müssen mir erlauben, den einen wie den andern Ausdruck als unstatthaft zu bezeichnen in Verbindung mit Allem, was jene Angelegenheit betrifft. Ich will mich deutlicher erklären, mein Herr, es wird das jedem Versuche Ihrerseits vorbeugen, mir ein weiteres Urtheil über die Sache abzunöthigen: ich habe noch keinen Augenblick geglaubt, daß bei der Entscheidung des Processes zwischen Ihnen und meinem Gemahl das Recht irgendwie mitgesprochen habe.«
Die Mutter hatte den Besucher, während sie diese Worte sprach, unverwandt angesehen; auf seiner Stirn war die Röthe des Unwillens erschienen, als er aber nach einigen Augenblicken antwortete, war seine Stimme weich, man hörte ihm Mitleid und Schonung für die Mutter an.
»Sie sind durch Ihr freilich herbes Geschick wohl etwas unbillig geworden, hochverehrte Frau; ich fürchtete das, ist es doch kaum anders zu erwarten. Meiner ernsten Ueberzeugung nach befinden Sie sich im Irrthum über den Verlauf der Angelegenheit, einem Irrthum, den ich um so mehr beklage, da er von vornherein Alles, was ich noch sagen könnte, entkräften muß, während ich die Unmöglichkeit einsehe, ihn zu heben.«
Er schwieg nachdenklich. Die Mutter hatte sich inzwischen gefaßt und beherrschte von da ab die nicht mehr lange Unterhaltung mit vollkommener Ruhe, aber in einer Art, die dem Freiherrn peinlich sein mußte, denn geflissentlich lenkte sie stets von dem Gegenstande ab, über welchen er noch Manches auf dem Herzen zu haben schien; er mußte fühlen, daß der Zweck seines Besuchs, insofern derselbe eine Art Verständigung mit der alten Dame hatte bewirken sollen, verfehlt war. Höflich fragte sie ihn nach seinen Reisen, seinen Studien, den Ergebnissen derselben; seine Versuche, einige Worte von Herzen zu ihr zu sprechen, ignorirte sie völlig. So stand er nach kurzer Zeit auf, da in dem für mich beängstigenden Gespräche eine Pause eingetreten war. »Ich muß nochmals um Verzeihung bitten«, sagte er, sich leicht vor der Mutter neigend, »wegen meines Ueberfalls. Daß Ihnen ein Zusammentreffen mit mir nicht angenehm sein würde, fürchtete ich, verehrte Frau, aber ich konnte von meinem Standpunkt aus nicht anders handeln, als indem ich vor Ihnen aussprach, was Sie vorhin von mir gehört haben. Noch eins bleibt mir hinzuzufügen: wüßte ich, daß ein Unrecht vorläge, so würde ich stets bereit sein, dasselbe wieder gut zu machen.«
Die Mutter erwiderte diese Worte durch eine steife Verbeugung. Jetzt erst schien Herr Bardolph mich zu bemerken. »Fräulein von Günthershofen?« fragte er höflich. Meine antwortende Verneigung mochte linkisch ausfallen; noch nie war ich mir meines ärmlichen Anzugs so quälend bewußt gewesen als jetzt, vor dem vornehmen Träger unseres Namens.
»Ja, das ist meine Tochter«, bemerkte die Mutter ihrerseits und fügte mit einer gewissen bittern Genugthuung im Ausdruck hinzu: »Sie verläßt mich morgen, um die Stelle einer Gouvernante in England anzunehmen.«
Was dem Freiherrn das niedrige Zimmer, in welchem er sich befand, die Einrichtung, von der er uns umgeben sah, längst hatten sagen müssen, das sprach die Mutter mit diesen Worten zum Ueberflusse aus; er mochte Alles herausfühlen, was sie an herber Anklage hineinlegte, und daß solchen Verhältnissen gegenüber ein blos höfliches Zueinanderstehen zu den Unmöglichkeiten gehöre. So sagte er mir denn einige Worte der Anerkennung über meinen Entschluß, wobei er meine Hand ergriff, und ging dann. In der Thür aber wendete er sich noch einmal um. »Ich möchte Sie noch bitten, zu glauben«, sagte er, »daß nichts mir größere Freude machen würde, als Ihnen in irgend einer Weise dienlich zu sein. Es könnte ja für Sie, hochverehrte Frau, oder für Sie, mein Fräulein, immerhin ein Fall eintreten, in dem Sie eines männlichen Beistandes bedürften. Ihre Angelegenheiten würden mir dann am Herzen liegen wie meine eigenen.«
»Wo er nur diese bürgerliche Bonhommie her hat?« sagte die Mutter, als die Thür sich hinter dem Besucher geschlossen hatte, mit feindseligem Blick. »Die liegt doch wahrlich nicht in der Familie.« Und dann die bösen Worte: »Weißt Du, was das bedeuten kann, wenn einer von den Räubern so zu dem Beraubten spricht? Hätt' ich noch etwas zu verlieren, so würde ich denken, sie trachteten auch danach; so möchte ich den Schritt anders auslegen. Nun, wir werden sehen.«
Dies waren die einzigen Worte, welche die Mutter über einen Vorfall verlor, der mir viel zu denken gegeben hat. Sie ließ sich, wie ich bemerken konnte, durch den Besuch des Freiherrn von Günthershofen nicht im geringsten in ihrer Ueberzeugung in Betreff der vergangenen Ereignisse, von denen ich noch hören sollte, beirren, ja sie deutete denselben in einer Weise, welche diese Ueberzeugung unterstützte. Ihre Erzählung nahm sie, sobald wir uns zurecht gesetzt hatten wie zuvor, wieder auf, als sei kein Zwischenfall vorgekommen.
»Du wirst Dich erinnern, wo wir stehen geblieben sind. Nun, wir konnten nach dem, was ich vorhin andeutete, uns nicht mehr am Hofe aufhalten. Und bald darauf trug sich bei einer nothwendigen geschäftlichen Zusammenkunft zwischen Deinem Vater und dem Fürsten Einiges zu, was uns sogar den Aufenthalt im Lande unmöglich machte. Kind«, unterbrach sich hier die Mutter und sah mich ernst an, »es heißt, man solle Niemand hassen, die christliche Religion verbietet es. Ich habe ihrer Vorschrift in diesem Punkte nicht nachzuleben vermocht, fast möchte ich sagen, ich verwerfe dieselbe. Denn es gibt Menschen, die man hassen muß, mit all der Kraft, die unser Wille besitzt; wir würden an moralischem Werthe sinken, wenn wir in uns nicht den Haß gegen solche vorfänden. Gott Lob, ich kann hassen, einen Menschen freilich nur, und der eine ist der Fürst. Er ist lange todt, aber wie der höchsten Liebe ihre Gegenstände nicht sterben, wie sie mit gleicher Stärke Lebendige und Todte umfängt, so kennt auch der Haß den Tod nicht. Ich würde nicht sagen können, ich habe jenen Mann gehaßt, sondern nur: ich hasse ihn, hasse ihn in diesem Augenblicke und für alle Zeiten. Auch Du, Margarethe, so hoffe ich, wirst ihn hassen lernen, wenn Du erfahren haben wirst, was wir ihm Alles verdanken. Mir hat er die entsetzlichste Kränkung zugefügt, welche man einer Frau anthun kann, und dann, nach Art der ganz Schlechten, die sich vor den Folgen ihrer Schändlichkeiten nicht anders zu sichern wissen, als daß sie den alten stets neue beifügen, dann hat er Deinen edeln Vater ebenfalls bis auf den Tod beleidigt, ihn aus der Heimat vertrieben, beraubt, um Ehre und guten Namen gebracht, zum Bettler gemacht – gebrochenen Geistes und Herzens ist einer der reinsten, besten Menschen im Elend gestorben.«
Traurige Erinnerungen mochten die Sprechende hier fast übermannen, sie fuhr erst nach einer Pause in leiserem Tone fort:
»Ich muß Dir das Alles genauer erzählen, meine Tochter, es ist Dir lange genug unbekannt geblieben. Wir gingen nach der Schweiz; in Frankreich hätten wir gern gelebt, aber das Land blutete noch an den Wunden der Revolution; in der Schweiz, am Genfersee, waren wir ferne Zeugen so mancher Bewegungen dort. Wir hatten bisher von den Einkünften unserer verpachteten Grundbesitzungen gelebt – Dein Vater bezog keinerlei Gehalt mehr vom Fürsten – nach einiger Zeit aber, kurz vor Deiner Geburt, traten plötzlich Stockungen in den Zahlungen ein. Durch Briefe wurde nichts geändert und Dein Vater entschloß sich, obwohl sehr ungern, selber nach B. zu gehen. Ich fügte mich der Nothwendigkeit der Reise, aber mir war entsetzlich bange dabei, ich hatte eine unerklärliche Furcht vor den Folgen derselben. Während der Abwesenheit Deines Vaters wurdest Du geboren, Margarethe. Kein Wunder, daß Du stets ein ernstblickendes Kind warst, daß Du den Zug der Traurigkeit im Gesicht noch jetzt kaum los werden kannst« – ich versuchte zu lächeln, um meiner Mutter das Gegentheil zu beweisen, aber es mochte schlecht gelingen, denn sie schüttelte wehmüthig mit dem Kopfe – »mit der Muttermilch«, sprach sie weiter, »hast Du vielen Jammer eingesogen, Du spätgeborenes armes Kind. Von Deinem Vater erhielt ich zwar häufig Nachricht, er schrieb mir die liebevollsten Briefe, aber sie sagten mir nicht genug, ich fühlte heraus, daß er aus Vorsorge für mich mir Manches verbarg, und dies versetzte mich in die quälendste Unruhe. So verging Woche auf Woche; die Zeit, wo sonst das Kind, das neugeschenkte Leben, der Mutter größte Freude, ihr ernstestes Studium ist, in welchem sich alle ihre Interessen concentriren, diese Zeit verfloß mir in Angst und Sorgen um Deinen Vater. Endlich kündigte er mir in einem kurzen, von Erregung zeugenden Schreiben seine baldige Rückkehr an. Der Tag kam; wir standen auf der Terrasse unseres Hauses, ich und die Wärterin mit Dir – ach, ich weiß es noch, als wenn es gestern gewesen wäre. Obgleich ich nur zerstreut auf die Landschaft umher schaute, hat sie sich mir doch unverwischbar eingeprägt, gerade wie sie an jenem Tage erschien: der stille, kühle See, nach dessen Tiefe ich oft ein eigenes, wildes Verlangen hatte, die grünen Ufer mit glänzenden Häusern übersät, der Himmel darüber, an dem die duftigsten Wolken zogen, die köstliche Frische des ganzen Bildes. Und nun kam Dein Vater: die Landstraße zog sich am Fuße unseres Gartens hin, die Kutsche hielt, ich sah ihn heraussteigen und stürzte mich ihm entgegen. Auf der untersten Terrasse erreichte ich ihn erst, so langsam war er gestiegen. Er nahm mich in seine Arme und hielt mich lange fest, bis ich fühlte, wie er wankte; wir gingen nach einem Sitze und er fiel schwer darauf nieder, mit schlaffen Gliedern. Jetzt sah ich erst, wie sehr er sich in den wenigen Wochen verändert hatte. Sein Haar war völlig ergraut, seine sonst schönen, klaren und durchdringenden Augen blickten matt und trübe, aus dem Gesichte war die Spannkraft gewichen, das Bewußte, Gefaßte; offen stand für Jeden darauf zu lesen, der Mann war tief unglücklich, gebrochen. Er sprach nicht, sah mich auch nicht an, sondern blickte vor sich hin ins Weite. Mit namenloser Angst hing ich mit den Augen an seinem Antlitz; ich wagte auch nicht zu reden. Endlich legte ich leise meine Hand auf die seine, nannte ihn beim Namen und erwähnte unser Kind. Da fuhr Dein Vater auf. »Ja so«, sagte er mit einem Lächeln, das mir in die Seele schnitt, »unser Kind; komm, Louise, wir wollen zu ihm, es ist ja wohl in der Nähe.« Und wir stiegen zusammen hinauf, indem er sich auf mich stützte; er sei sehr müde von der Reise, sagte er, sehr müde.«
Hier hielt die Mutter inne, erschöpft durch die auf sie eindringenden schmerzlichen Erinnerungen. »Ich werde zu weitläufig«, sagte sie dann, »aber es ist schwer, sich kurz zu fassen bei einer solchen Erzählung. Ein jedes Wort weiß ich noch, was an jenem Tage zwischen uns geredet worden. Dein Vater hatte mir das Unglaublichste zu berichten. Man hatte sein Recht auf seine Erbgüter angetastet, der andere Zweig der Familie war mit Ansprüchen auf dieselben hervorgetreten, heimlich vom Fürsten begünstigt, welcher, wie ich glaube, die Schändlichkeit allein ins Werk gesetzt hatte, um uns für immer aus dem Wege zu räumen, seinem Haß und seiner Rachsucht folgend. So war das größte Unrecht begangen worden, eine schamlose Fälschung vorgenommen. Es war damals freilich noch Alles in der Schwebe, aber Dein Vater sah sich in einem Netze von Bosheiten, gegen dessen Gewirre er sich in seinem edlen Geradsinn vergebens zu wehren suchte. Der Kampf gegen offenes, von oben begünstigtes Unrecht ging über seine Kräfte, er zog sich zurück mit der Aussicht, ein Bettler zu werden. Du denkst vielleicht, Margarethe, er hätte nicht aufgeben dürfen, denkst, das Recht hätte am Ende siegen müssen, Dein Vater hätte standhafter und energischer sein sollen. Sein Alter aber und so manche Verhältnisse wirkten niederdrückend mit. Die Welt war damals in einer Gärungsperiode; die Zeit, in welche unsere Jugend gefallen war, schien durch eine große Kluft von der Gegenwart getrennt. Neue Ideen brachen sich Bahn; sie waren ihm, der sich stets in einem gewissen, scharf gezogenen Kreise bewegt hatte und in diesem mit vollkommener Reinheit und Einheit des Charakters, fremd, unheimlich beinahe; schon die Jahre, welche er in der Schweiz verbracht, so fern vom Langgewohnten, unter Menschen, deren Gesichtskreise so verschieden von dem seinen waren, daß sich fast kein Anknüpfungspunkt fand, schon diese waren Schmerzensjahre gewesen. Nun sollte zum Exil die bittere Noth treten, er sollte sein geliebtes Weib und ein kleines, einziges Kind darben sehen, sollte in seinem Alter noch, anstatt eines heitern Abends zu genießen, das würdige, greise Haupt sanft gebettet, die kleinliche, elende Noth des Lebens, täglichen Mangel kennen lernen – das war zu viel. Seine Gesundheit litt unter diesen nagenden Gedanken, die Sorge um uns, der Kummer über die Entbehrungen, welchen wir nach seinem Tode preisgegeben sein würden, machten ihn beinahe wahnsinnig. Wir mußten uns einschränken, mußten unsern bisherigen Aufenthaltsort verlassen; es zog uns nach Deutschland zurück und wir ließen uns in C., einer kleinen Stadt unseres Nachbarländchens, nieder; dort verlebtest Du Deine ersten Jahre, Margarethe, zwischen traurigen Gesichtern. Deinem Vater war Dein Anblick stets ein Stich ins Herz, er war überhaupt menschenscheu geworden. Die Bestätigung seiner Befürchtungen erreichte uns bald: wir verloren Alles bis auf eine kleine jährliche Rente, das Legat einer alten Tante Deines Vaters, welches unantastbar war. Bisher hatte er es immer ganz den Armen überwiesen, jetzt bildete es unser einziges Subsistenzmittel, denn ich besitze kein Vermögen, wie es unsere Verwandten, unsere Rechtsfeinde, geglaubt hatten und noch zu glauben scheinen. Niemand wohl als eine Magd, ein Mädchen von unsern Gütern, welche treu zu uns hielt, hat gewußt, wie arm wir geworden waren. Du warst etwas über drei Jahre alt, da Dein Vater starb, der sich seit seiner Reise nach B. nie mehr erholt hatte.«
Die Mutter schwieg nun, sie hatte ihre Erzählung beendet. Ich hatte während derselben einen wahren Sturm von Gefühlen durchgemacht. Bald drangen mir die Thränen in die Augen und zwar nicht nur bei den traurigsten Momenten der Geschichte, ich mußte weinen, wenn die Mutter die frühern Zeiten schilderte, die jetzt so ganz, ganz vorbei waren, so abgeschnitten von uns für immer. Nicht daß der Gedanke an unsere jetzigen Entbehrungen mich traurig gemacht hätte, nein, dieselbe Wehmuth würde mich überkommen haben, wenn ich von aller Eleganz des modernen Lebens umgeben gewesen wäre. Es war nur das Gefühl des Wechsels in allen menschlichen Dingen, dieses Gefühl, welches einem den Boden unter den Füßen fortnimmt, sodaß man sich losgerissen von Allem und heimatlos vorkommt. Und dann stieg mir auch wieder alles Blut ins Antlitz oder drängte sich nach dem Herzen und nahm mir den Athem, wenn ich von dem brennenden Unrecht hörte, welches uns angethan worden war, wenn ich hörte, wie mein Vater und mein Bruder ja eigentlich auch – so dachte ich wenigstens damals in meiner Bitterkeit – gemordet worden waren durch jenen fluchwürdigen Hof, wenn ich an die zwanzig Jahre der Entbehrung dachte, die hinter meiner armen Mutter lagen. Aber einige Fragen brannten mir noch auf den Lippen. »Der Hof von B.?« sagte ich. »Ist eingegangen«, erwiderte die Mutter, bitter lächelnd. »Das Fürstenthum wurde, wie Du wissen wirst, mediatisirt und der Fürst, dessen Privatvermögen ziemlich bedeutend war – er hatte in den letzten Jahren zu sparen angefangen – zog sich nach Italien zurück, wo er starb. Die Fürstin war schon vor längern Jahren heimgegangen; eine Tochter war unglücklich verheirathet und hatte, wie man sich zuflüsterte, den Verstand verloren über einige Sonderbarkeiten ihres Gemahls; sie hat Jahre lang auf einem einsamen Jagdschlosse in tiefster Abgeschiedenheit gelebt, jetzt ist sie auch todt; die Söhne sind verschollen, wie ich glaube.«
»Und jene Günthershofen, welche sich unsere Güter erschlichen haben?« fragte ich weiter.
»Ei, die essen und trinken, freien und lassen sich freien«, sagte die Mutter bitter. »Es waren mehrere Brüder, Vettern Deines Vaters; einer hat viele Kinder, er wirthschaftet auf Erbrück; die Familie soll etwas verbauert sein. Der andere, ein geiziger, mißtrauischer Mann, welcher sich ein lebenslängliches Unglück in einer schönen, leichtfertigen und verschwenderischen Frau auf den Hals geladen, ist kürzlich gestorben. Bardolph ist sein Sohn, der ist nun Herr auf Günthershofen, dem Stammschlosse, Deinem Erbtheil.«
Also der war es! Ich begriff jetzt das abstoßende Benehmen meiner Mutter gegen den Freiherrn, ich theilte ihren Unwillen. Wie hatte er es wagen können, in unsere Nähe zu kommen, die Augen nur zu meiner edlen Mutter aufzuschlagen, er, der, ein Eindringling und ein Dieb, auf fremdem Erbe saß! War er etwa gekommen, um unsere Armuth sich anzusehen und sie vielleicht nachher in den Salons seiner Freunde zu Bonmots auszubeuten, oder, was noch schlimmer, uns achselzuckend zu bemitleiden, »die eigensinnigen armen Verwandten, die noch nicht einmal mit sich reden lassen wollen«? Ich sagte meiner Mutter, was ich dachte.
»Du weißt noch nicht Alles«, entgegnete sie mir. »Ich kannte ihn ja nicht, als er eintrat, und doch überlief es mich bei seinem Anblick – er ist das Ebenbild des Fürsten. Seine Aeltern haben auch einmal bei Hofe gelebt; Seine Hoheit hat damals nur versuchen wollen, wie ich die Gunstbezeigungen aufnehmen würde, welche bei einer andern Frau von Günthershofen Anklang gefunden hatten.«
Ich war ein unerfahrenes, einfältiges Mädchen und verstand anfänglich die Mutter kaum, aber das Verständniß für Alles, was sie gesagt hatte, kam mir bald, da ich unaufhörlich im Geiste mir ihre Worte wiederholte und über dieselben brütete, und ich wurde fast plötzlich eine Andere; geistige Reife trat ein und mit ihr das Denken und der Schmerz. Wir saßen nun noch eine lange Zeit schweigend bei einander; meine Mutter hatte meine Hände in die ihrigen genommen und es war, als zöge ein geheimer Strom so von ihr zu mir, mir schien es, als sähe ich jetzt mit ihren Augen und fühlte mit ihrem Herzen, sie war mir näher gerückt als je zuvor. Soweit ich zu denken vermochte, war die Mutter zwar stets liebevoll und auch sorgsam, aber gar so unnahbar gewesen. So hatte ich schon vor Jahren bemerkt, daß von so manchen kleinen Künsten, welche Frauen beim Beschaffen des Nothwendigen oft anwenden müssen, die Mutter weniger verstand als ich. Jene Magd, von der sie gesprochen, ein tüchtiges Mädchen, hatte in meinen ersten Jahren das Hauswesen und meine Garderobe aufs sparsamste besorgt; als sie sich verheirathete und mit Thränen und mancher guten Lehre von mir Abschied nahm, fiel alles das zum größten Theil in meine kleinen Hände und verursachte mir vielerlei Sorge. Nicht daß die Mutter das Nähen und Beschicken unter ihrer Würde gehalten hätte, es fehlte ihr die stete Aufmerksamkeit auf das Geringfügige; sie hatte etwas unbeschreiblich Vornehmes in ihrem Wesen, und fast jede Frau, die mit ihr gelebt, hätte sich wohl stillschweigend in die Rolle einer Kammerjungfer neben ihr finden müssen. So hatten wir uns trotz aller Liebe nicht ganz nahe gestanden; ich fühlte, daß die Mutter in einer andern Welt hauste als ich, in einer Welt, von der meine Vorstellungen nur höchst unklar sein konnten, da die Mutter nie zuvor von der Vergangenheit, in welcher sie lebte, ein Wort zu mir gesprochen hatte. Jetzt schien diese Schranke plötzlich gefallen; ich wußte nun, was die starke Frau Alles ertragen hatte, und liebte sie wenn möglich noch tausendmal mehr als früher. Ich selber aber kam mir auf einmal ganz anders vor: herausgerüttelt war ich aus meiner harmlosen, fast demüthigen Weltanschauung; es war aber nicht etwa der Gedanke an den Rang meiner Familie, sondern die Gewißheit unverschuldeten Unglücks, welcher mir eine erhöhte Stimmung gab und für alle Folge auf meine Charakterbildung eingewirkt hat. Die Menschheit war in der Schuld gegen uns, wir hatten an sie zu fordern, und dies Bewußtsein erfüllte mich mit einer Art Stolz; ich sagte mir, daß ich in diesem Falle weit lieber leidend als handelnd mich verhalten wolle.
Die Mutter hatte lange mit einem finstern Ausdruck auf dem noch immer schönen Gesichte starr und aufrecht dagesessen; jetzt lösten sich ihre Züge, und sie sagte weich: »Es war nöthig, daß Du die Schicksale Deiner Aeltern kanntest, liebe Margarethe, sonst hätte ich Dir gern diesen Blick in das Treiben der bösen, bösen Welt erspart. Ich hoffe, mein Kind ist edel genug, um nicht dadurch den Glauben an die Güte der Menschen zu verlieren; es wäre schlimm«, fügte sie freundlich lächelnd hinzu, »wenn Du Deinen künftigen Zöglingen als Misanthropin gegenübertreten wolltest. Und nun laß uns von Deinem demnächstigen Wirken sprechen.«
Die Mutter hatte sich so weit mit meinem Fortgehen ausgesöhnt, daß sie mir manchen guten Rath, manche liebevolle Warnung mit auf den Weg gab. So verging der letzte Abend, den ich mit ihr zubrachte, uns in beinahe feierlicher Stimmung. Der nächste Morgen kam heran, der Morgen meines Reisetags. Ich ging, um Lebewohl zu sagen, zu den wenigen Familien im Städtchen, mit denen wir einigen Umgang hatten, und ließ mir die üblichen guten Wünsche mit auf den Weg geben. Zu dem Pfarrherrn kam ich zuletzt; auf seinen Segenswunsch freute ich mich, denn mir war weichmüthig zu Sinne. Er ergriff denn auch meine beiden Hände und sagte herzlich, wie er wünsche, daß ich dort in dem neuen Kreise Freunde finden möge. »Und einen Freund haben Sie ja hier«, fuhr er fort, »von dem Sie mir noch nie erzählt hatten; ein Freiherr von und zu Günthershofen« – er betonte die Titel mit komischer Gravität – »war heute Morgen bei mir. Er ist lange außer Landes gewesen, wie er mir erzählte, und wollte nun Einiges über Sie und Ihre Mutter wissen; er sei manchen Familienmitgliedern durch die lange Abwesenheit ziemlich fremd geworden, sagte er, wie denn das so gehe. Ein schöner, stattlicher Herr und sehr angenehm. Er sprach davon, daß es ihm hier in der Gegend gefalle und daß er vielleicht für einige Zeit seinen Aufenthalt in der Nähe nehmen werde; aber vorerst wollte er noch einige Monate reisen. Er erwähnte England, und es wäre nicht übel, wenn er Sie dort aufsuchte, liebes Fräulein; eine Gouvernante nimmt oft gleich eine ganz andere Stellung ein im Hause durch den Besuch eines Angehörigen und nun gar eines Barons. Ich sagte das und er bat um Ihre Adresse.«
»Und haben Sie ihm dieselbe gegeben?« brach ich endlich hervor. Ich hatte den alten Herrn bis hierher reden lassen, weil ich nicht wußte, wie ich meinem maßlosen Erstaunen und Zorn über das, was ich zu hören bekam, Worte geben sollte. »Haben Sie ihm die Adresse gegeben, hat er sie?« rief ich noch einmal.
»Ja, mein Kind, ja, und wäre Ihnen dies etwa unangenehm? Warum –«
Der Pfarrer brach ab und sah mich befremdet an, ich mochte sehr erregt aussehen. Sogleich bedachte ich aber auch, daß, wenn ich jetzt all meinem Unwillen und Aerger vor dem unvorbereiteten Freunde Ausdruck geben wollte, ich dadurch unserer guten Sache nur schaden würde. Sehr ruhig setzte ich ihm daher, soweit es sich thun ließ, auseinander, wie zwischen uns und der Familie jenes Herrn alle andern eher als freundschaftliche Beziehungen existirten, und hütete mich, die Entfremdung als eine romantische Familienfehde aus alter Zeit erscheinen zu lassen; ich sagte ihm, wie jene sich eingedrängt hätten in unsern Besitz und uns hinausgeschoben, und ich mußte erleben, daß der alte Herr den Kopf schüttelte und mir die Heftigkeit meiner Redeweise verwies.
»Gemach, gemach; man kennt Sie ja gar nicht wieder, Fräulein Margarethe«, sagte er. »Sehen Sie das Alles auch aus dem richtigen Gesichtspunkte an? Hatten jene Familien auf die fraglichen Besitzthümer gar kein Recht?«
»Nein, gar keins«, sagte ich rasch.
»Aber sie mußten doch vor Gericht irgendwelche Ansprüche geltend machen; welches waren diese?« Das wußte ich nicht. »Und hat nicht Ihr Herr Vater vielleicht einen gütlichen Vergleich ausgeschlagen?« Auch darüber konnte ich keine Auskunft geben, kurz, mit der Gewißheit in mir, daß falsches Spiel gespielt worden sei, stand ich endlich vertheidigungslos da, wie eine unerfahrene Schwärmerin, welche den Dingen, wie sie einmal sind, keine Rechnung trägt. Das war die erste bittere Erfahrung, die ich in dieser Angelegenheit auf eigene Hand machte und zwar an einem wohlwollenden Menschen. Ich zog darauf die Fühlhörner ein und entschloß mich vor allem, mir bei meiner Mutter, wenn es thunlich, genaue Auskunft zu holen über jene angeblichen Ansprüche und manches Andere, um ein anderes Mal besser gerüstet zu sein. Ziemlich kalt verabschiedete ich mich von dem Pfarrherrn; seine guten Rathschläge nahm ich nicht so willig und unbefangen hin, wie es vor wenig Tagen geschehen sein würde, sondern hörte sie, innerlich in Angriffsstellung, schweigend an. Die meiner Mutter sagten mir besser zu; sie ermahnte mich, nicht zu vergessen, wer ich sei.
»Etwas aber«, fügte sie hinzu, »möchte ich Dir noch anempfehlen, was Dir Deine Arbeit erleichtern wird. Wie Du Dich gegen diejenigen, welche über Dir, und die, welche unter Dir stehen werden, zu verhalten hast, das wird Dir Dein Standesgefühl und Deine Vernunft sagen; die Kinder aber, bei denen mache Dir's leicht: suche sie zu lieben, dann geht Alles und kommt Alles ins rechte Gleis. Und nun segne Dich Gott! O Margarethe, er wird die Gebete einer einsamen alten Frau hören und Dich behüten!«
Damit schieden wir. Ich fuhr von der Heimat fort mit einem Gefühl der Verlassenheit und des Jammers, welches dadurch nicht leichter für den Einzelnen wird, daß es so Viele schon empfunden haben und noch empfinden werden.