Viertes Kapitel.
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Der Tag für unsere Abreise nach Schottland war herangekommen und noch hatte ich keine Antwort von meiner Mutter auf meine dringenden Anfragen erhalten. Meine Ungeduld und Pein waren fortwährend gestiegen; jeden Tag erlebte ich mehrmals, bei der Ankunft des Postboten, eine bittere Enttäuschung und mit jedem Tage wurde die Verzögerung der Antwort unerklärlicher und beunruhigender. Ich hatte nun einmal fast für nichts Anderes Raum mehr in meinem Kopfe, als für jene Angelegenheit; mir schien, als sei schon so viel versäumt worden, als dürfe man jetzt nicht länger zögern mit dem Versuche, sich Recht zu verschaffen. Daß meine Mutter mir ernstliche Hindernisse in den Weg legen würde, daran dachte ich kaum, und wenn mir der Gedanke einmal kam, wies ich ihn sofort zurück. Aber was bedeutete ihr Schweigen? War sie krank? Eine neue verzehrende Sorge zu den innern Aufregungen der letzten Wochen. Eine Post war noch übrig; kam damit kein Brief, so mußte ich für einige Zeit alle Hoffnung aufgeben, da Herr Gray so zu reisen beabsichtigte, daß für den Anfang keine Adresse angegeben werden konnte, unter welcher uns Briefe erreicht hätten.
Es war gegen neun Uhr Morgens; um zehn reisten wir. Ich war in meinem Zimmer, wo ich einige Kleinigkeiten an meinem Gepäck besorgte; so oft die Klingel der Hausthür sich hören ließ, mußte ich einige Sekunden aufhören, weil ich heftig zitterte. Ich horchte dann angestrengt; war ein Brief für mich gekommen, so mußten sich alsbald Schritte meinem Zimmer nähern. Drei-, viermal hörte ich nichts; endlich, nachdem wieder geklingelt worden war, kam man die Treppe herauf. Ich riß meine Zimmerthür auf und lauschte den sich nähernden Schritten; es war das Kammermädchen; sie kam in den Gang und machte Miene, an mir vorüberzugehen, erschreckt aber durch mein verstörtes Gesicht, blieb sie stehen und fragte mich theilnehmend, was mir fehle. »Kein Brief für mich, Burbett?« fragte ich leise; die Aufregung der Erwartung schnürte mir fast die Kehle zu. »Die Post ist noch nicht da, Fräulein«, sagte sie etwas befremdet. Ich athmete auf und ging in mein Zimmer zurück, noch war Hoffnung da. Und nun, da ich fürs erste beruhigt war, fing ich an einzusehen, daß meine Aufregung, in welche ich mich selber nach und nach hineingearbeitet hatte, eigentlich eine sehr thörichte und grundlose sei. Am Ende kam es ja so sehr auf Eile in dieser Angelegenheit nicht an, und wie Vieles und welche geringfügigen Ursachen konnten die Mutter vom Schreiben abgehalten haben! Wußte sie doch nichts von meiner Absicht bei der Frage an sie, dieselbe mochte ihr wie eine natürliche Neugierde vorkommen, angeregt durch ihre Erzählung. Sie liebte es nicht, wenn ich ihr zweimal hintereinander schrieb, ohne ihre Antwort abzuwarten. Dies sei unnöthig, hatte sie gesagt; werde sie wirklich einmal ernstlich krank, so sei auf diesen Fall die Magd schon angewiesen, es mich sogleich wissen zu lassen, ein adressirtes Couvert liege zu diesem Zweck immer bereit. So beschloß ich denn, mich zu gedulden, mir mittlerweile alle Eventualitäten auszudenken und mir klar zu machen, was ich in jedem Falle thun müsse.
Wir stiegen in die Wagen, welche uns zur Station bringen sollten, Herr und Frau Gray mit den größern der »Kleinen« in einen, die beiden Wärterinnen mit den jüngsten Kindern in einen zweiten und in den dritten meine beiden Zöglinge, Herr Forster und ich, während Roger auf dem Bocke Platz nahm und John neben uns ritt. In ähnlicher Weise war unsere Karavane immer vertheilt, wenn wir uns zu Wagen fortbewegten, nur daß die Herren fast immer alle ritten, sobald Pferde zu haben waren. Unterwegs beugte sich Herr Forster vor und sagte lakonisch: »Noch keine Nachricht?« Ich schüttelte mit dem Kopfe. John, welcher eben dicht neben uns ritt, hatte die Worte gehört und rief plötzlich: »Ach, Fräulein, verurtheilen Sie mich, den ganzen Weg auf einem Esel hinter Ihnen herzureiten, oder zu etwas Schlimmerem, wenn's möglich ist. Gestern Abend, ja, es muß gesagt sein, gestern Abend kam ein Brief an Sie; die Mutter gab ihn mir, weil ich sonst, wie Jedermann weiß, die Zuverlässigkeit selber bin. Sie waren nicht zu Hause, nachher ritt ich noch einmal fort –«
»Aber wo ist er jetzt? Haben Sie ihn hier?« rief ich heftig.
»Er ist – wahrhaftig, es thut mir entsetzlich leid – er ist in der Tasche meines alten Jagdrocks. Aber vielleicht ist es noch Zeit, ihn zu holen!« rief der gutmüthige Junge, da er gewahrte, wie ich plötzlich ganz vernichtet aussah. Er sprengte sogleich davon, zum Wagen seines Vaters.
»Papa, kann ich noch einmal nach Hause reiten? Ich habe etwas vergessen.«
»Die zwei Meilen! Unsinn, John! Da läutet es schon zum ersten Male; komm, hole Deine Schwestern heraus. Du hättest nichts vergessen sollen.«
Wir stiegen aus. John kam sogleich ganz zerknirscht wieder zu mir; ich gab ihm die Hand, zu sagen fand ich nichts. Dieser Umstand erschien mir in meinem damaligen erregten Zustande wie ein Wink, das Sträuben gegen das Schicksal, welches uns nun einmal zur Armuth und Unterdrücktheit verurtheilte, aufzugeben; er entmuthigte mich mehr, als es seine eigentliche Wichtigkeit mit sich brachte, und ich verlebte die ersten Tage der Reise in großer Niedergeschlagenheit. Erst als der Anblick von Edinburg plötzlich mit zauberischer Schönheit auf uns hereinbrach, wurde ich von meinen trüben Gedanken einigermaßen abgezogen.