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Verflossene Stunden

Achtes Kapitel.

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Sie war sehr krank. Ein heftiges Fieber hatte sich zu einem anfangs leichten Unwohlsein gesellt, der Arzt empfahl dringend die allergrößte Ruhe um sie her. Ich war von ihm sorgfältig angemeldet worden, sodaß meine Gegenwart die Mutter nicht überraschte, doch sah sie mich, als sie mich zuerst erblickte, verwirrt an; ich gewahrte, daß sie sich zu sammeln und sich mein Kommen klar zu machen suchte. Ich sollte keine Gemüthsbewegung verrathen, hatte der Arzt dictirt, aber als ich ihre lieben Augen mit so fremdem Blick auf mich gerichtet sah, konnte ich meine Thränen nicht zurückhalten. Um sie zu verbergen, kniete ich am Bett nieder und senkte den Kopf in die Kissen; mir war in dem Augenblicke zu Muth, als sei ich schon jetzt allein in der Welt, als gehöre ich zu Niemand mehr und Niemand zu mir, als habe sich die Mutter während meines Fortseins von mir abgewendet, ganz ihren Todten zu. Ihre Stimme aber löste den Bann.

»Du bist es, liebe Margarethe«, sagte sie schwach; »ich dachte – ich wußte nicht – ich dachte, ich sei es selber, mein Jugendbild sei es, welches mir ankündigen wollte, daß ich nun gehen müsse. Aber Du bist es, das ist gut.«

Sie schwieg und schloß die Augen; der Arzt, welcher zugegen gewesen war, nickte zufrieden. »Gut«, sagte er, »und nun, mein Fräulein, seien Sie am Platze!« Damit gab er mir einige Anordnungen für die Nacht. Die Nacht kam und verging, ebenso die folgende, ohne daß sich im Zustand meiner Mutter eine merkliche Veränderung gezeigt hätte; sie lag still und verrieth keine Theilnahme an dem, was um sie vorging. Ich saß meist an ihrem Bette; trotz aller Ermüdung der Reise schlief ich wenig, und in den Stunden der kurzen Rast ließen mich die seltsamsten Träume nicht eigentlich ruhen; alle die Verstorbenen der Familie schienen sich das Wort gegeben zu haben, mich heimzusuchen, um sich selbst untereinander und mit den Lebenden zu vermischen. Und das Wachen war kaum weniger ein Traum: die Pflege der Mutter erheischte nur einfache Dienstleistungen; die Pünktlichkeit und die Ruhe, womit dieselben zu verrichten waren, mußten besonders mein Augenmerk sein. Und wenn ich so mit einer einfachen Arbeit oder häufig mit müßigen Händen in dem großen Lehnstuhl der Mutter an ihrem Lager saß, wenn das Licht nur gedämpft durch die Vorhänge drang und mit ihm die milde Herbstluft durch das oben leichtgeöffnete Fenster, dann mußte ich mich oft zusammennehmen, um mir bewußt zu bleiben, daß ich wache und daß Alles Wirklichkeit sei. Die Sorge war verschwunden, die Aufmerksamkeit auf das Befinden meiner Kranken, auf das kleinste Symptom des Leidens oder der Besserung schloß den Gedanken an ihren möglichen Tod ganz aus: sie war krank – weiter dachte ich nicht. Mein Leben in den letzten Monaten schien weit hinter mir zu liegen, wie eine bunte Ferne; die Erklärung Forster's hatte, wie eine glänzende Lufterscheinung zuweilen thut, welche zu schnell wieder verschwindet, alle Kraft der Wirklichkeit verloren, ich glaubte kaum, daß ich sie erlebt. Und nun gar mein Streben nach Wiedererlangung unseres Erbgutes, meine bestimmten Pläne, mein Dichten und Trachten nach Genugthuung erschienen mir wie ein Märchen, Schloß Günthershofen wie ein Feenpalast der Tausend und eine Nacht.

Noch einige Tage des Wachens und der sorgsamsten Pflege, und die Mutter war außer Gefahr, einer Gefahr, deren Größe ich jetzt erst erfuhr; die Fiebernebel wichen von ihren Augen und sie schaute mich mit Bewußtsein an. Nun erst begrüßte sie mich auf das liebevollste; sie fragte mit sanfter, leiser Stimme und wurde nicht müde, mir zuzuhören; wenn ich durch das Zimmer ging, folgte sie mir mit den Blicken, sie schien sich über mein Aussehen zu freuen. Ich erzählte ihr meine Erlebnisse in England aufs genaueste; auch von Forster sprach ich und in einer stillen Abendstunde deutete ich der Mutter an, was zwischen uns vorgefallen war. Sie begnügte sich mit den wenigen Worten, die ich darüber sagte, da sie merken konnte, daß ich sein Werben nicht ermuthigt hatte; mir schien es, als sei sie froh über diesen Ausgang der Sache.

Die Mutter erholte sich nur langsam; an ein Wiederfortgehen meinerseits war nicht zu denken, da ihr eine große Schwäche zurückgeblieben war und ich sie kaum auf Augenblicke verlassen mochte. So kam ein stiller Winter heran, dessen ich mich jetzt als fast der eigenthümlichsten Zeit meines Lebens erinnere, der es an einem eigenen, traumhaften Reize nicht gebrach. Der Schnee fiel früh und ungewöhnlich tief; wochenlang leuchtete die seltsame Helle desselben in unsere kleinen Fenster hinein. Und still, wie es draußen war, da die Schuljugend des Städtchens ihre Schneeballkämpfe meist weit von unserm abgelegenen Hause ausfocht, so still war es drinnen bei uns. Die Mutter bevölkerte diese Einsamkeit für mich mit mannichfachen Gestalten; das Eis war gebrochen, welches früher ihre Vergangenheit gleichsam umstarrt hatte; sie sprach jetzt von ihrer Kindheit, ihrem Hofleben und ihrer Ehe und ich versenkte mich mit ganzer Seele in die Zeiten, welche sie heraufbeschwor. Das Haus verließ ich selten und nur wenn mich die Mutter gewissermaßen dazu zwang. »Du siehst bleich aus, Margarethe, und Deine Augen werden immer größer«, sagte sie einmal; »Du wirst zu ernsthaft; eine alte, weltmüde Frau taugt nicht als einziger Umgang für ein junges Mädchen. Geh zu Pfarrers, zu Amtmanns; die Kinder dort musiciren und tanzen zusammen und sehen frisch und vergnügt aus.«

Ich bat die Mutter flehentlich, mich nicht unter die Leute zu schicken; ich sei tausendmal glücklicher und zufriedener zu Hause bei ihr; sie wisse ja, daß ich als Kind schon nicht mit den andern gespielt habe. Sie schüttelte den Kopf und meinte: »Es ist unnatürlich; ich bereue jetzt, Dich früher von den Mädchen Deines Alters hier fern gehalten zu haben, sodaß Du jetzt ihrem Umgang keinen Geschmack abgewinnen kannst. Sie sagten mir freilich damals wenig zu, aber eine oder die andere war doch wohl darunter, die Dir eine liebe Freundin hätte werden können.«

Ich wunderte mich, als ich die Mutter so sprechen hörte, noch mehr aber, da sie fortfuhr: »Es geht mir ans Herz, Kind, daß Du bei einer alten Frau, in einem Landstädtchen verkümmern mußt. Du gehörst in die große Welt; Deine unter Mangel und Kummer verlebte Jugend hat Dir doch das nicht nehmen können, was Dich vor hundert andern auszeichnen würde; ja, mein Kind, Du siehst aus wie eine geborene Freifrau von Günthershofen.«

Ein Todesschreck durchfuhr mich bei den letzten Worten. »Liebe Mutter, was willst Du?« fragte ich verwirrt. Sie beachtete meinen Einwurf nicht. »Du wirst Dich wahrscheinlich nicht verheirathen«, fuhr sie fort, »und das thut mir ebenfalls weh; ich wünsche zwar nicht, daß Du die Gattin eines Bürgerlichen würdest, und auch dazu wirst Du wohl kaum Gelegenheit finden, aber –«

»Aber, liebe Mutter, das thut nichts«, fiel ich ein. »Ich versichere Dir, ich möchte nie anders leben, als wir es jetzt thun, ich kann mir keinen behaglichern, wünschenswerthern Zustand denken und bin ganz zufrieden.«

Die Mutter schüttelte den Kopf, aber sie schwieg; zuweilen bemerkte ich, wie ihre Augen mit Sorge auf mir ruhten, sie mochte an die Zeit denken, wo sie nicht mehr da sein würde. Ich aber lebte nur in der Gegenwart oder vielmehr in der Vergangenheit, welche in dieser stillen Zeit so mächtig über mich geworden war, ich war froh, wenn nichts mich von meinen Träumereien abzog.

Einige Monate mochten nach meiner Rückkehr verflossen sein, als eines Tages die Mutter einen Brief von einem alten Rechtsfreunde erhielt, der mit meinem Vater in Verbindung gestanden hatte. Derselbe theilte ihr mit, es habe sich Jemand bei ihm nach dem jetzigen Aufenthaltsort der Frau von Günthershofen-Erbrück erkundigt, da er eine schon sehr alte Schuld zu tilgen wünsche, wozu ihn seine Verhältnisse erst jetzt ermächtigten. Namen und Wohnort des Mannes waren genannt, ich habe beide vergessen; sie waren damals der Mutter und mir gleich unbekannt. Der letztern fiel die Sache nicht auf, da sie wußte, daß mein Vater durch seine weitläufige Oekonomie in Verbindung mit Landwirthen und Kaufleuten gestanden und manchem wesentliche Dienste geleistet hatte. Der alte Advocat theilte uns ferner mit, daß wir nach Erfüllung einiger Förmlichkeiten das Geld, eine ziemlich bedeutende Summe, in Empfang nehmen könnten, und so traf es denn binnen kurzer Zeit auch ein, mir besonders hoch willkommen, da nun so manches zur Pflege der Mutter Dienliche bequem bestritten werden konnte. Sogar ein Badeaufenthalt für den Sommer wurde geplant und wir sahen dem kommenden Frühling ruhig und friedlich entgegen.

Obgleich in unsern traulichen Plaudereien eine ferne Vergangenheit das Hauptthema bildete, hatte meine Mutter des verhängnißvollen Processes mit keinem Worte wieder gedacht und auch ich hatte über meine Versuche, meine Unterredungen mit Forster, erst wegen der Schwäche der Mutter, später, weil ich sie dadurch zu verstimmen fürchtete, geschwiegen; der Name des Herrn Bardolph war nicht einmal zwischen uns genannt worden. Die Ruhe aber, die wir so gern um uns erhielten und in der wir alles Störende fern zu halten suchten, sollte gar bald unterbrochen werden.

Es war an einem der lauen Tage, wo die Frühlingssonne mit stetiger Milde die schneegetränkte Erde erwärmt. Ich kam von einem kleinen Gange durch die noch braunen Felder zurück, einige grüne Blättchen und frische Halme in der Hand, als Boten an die Mutter von dem Frühling, der nun wirklich da war; den eigenen Geruch der erneuten Erde hatte ich mit Entzücken eingesogen, hatte mir eben gesagt, daß man von der Erde eigentlich kein anderes Glück brauche als das Genießen ihrer Erscheinungen in den verschiedenen Zeiten des Jahres, das köstlich frische Wiedererwachen im Frühling, die Fülle des Lebens, die Macht der Sonne im Sommer, die Klarheit, die Milde, den Früchtesegen eines schönen Herbstes und die heimliche Ruhe im Winter – da sollte ich mich bald überzeugen, wie das Menschenleben uns doch so leicht nicht losläßt, an wie vielfachen Fäden es uns hält. Da stand das Schicksal an der Thür, in Gestalt des Postboten freilich nur, und ich hielt einen Brief in der Hand, an Fräulein von Günthershofen gerichtet. Ich kannte die Schrift der Adresse nicht; wer mochte an mich schreiben außer den englischen Freunden, von denen der Brief augenscheinlich nicht kam? Eine Vermuthung, die ich sogleich als toll verwarf, zurückdrängend, trat ich in das Gärtchen am Hause, in die kahle Laube, und riß das Couvert auseinander. Ja, doch – es wahr wirklich wahr! Das Schreiben begann mit »Liebe Cousine!« und war unterschrieben: »Bardolph von Günthershofen.« Er wollte mir also sagen, daß er keine Indicien gefunden, daß Alles beim Alten sei und bleiben werde. Ich hielt inne, nachdem ich die ersten Worte gelesen, mein Herz klopfte stürmisch – wo war die Ruhe hin, in welche ich mich seit Monaten hineingelebt? Nein, ich wollte nicht zittern vor irgend etwas, das mir noch begegnen konnte, und hier, was fürchtete ich eigentlich? Hatte ich nicht alle Hoffnung längst aufgegeben? Lag nicht auch der Mutter jeder Gedanke an eine Aenderung in unserm Schicksal fern? Wie konnte mich also eine neue Bestätigung des längst Gewußten erregen? Nachdem ich mich beruhigt zu haben glaubte, las ich den Brief und las ihn wieder und wieder und rieb mir die Augen, um mich zu überzeugen, daß ich nicht träume. Dann ging ich hinauf zur Mutter, zeigte ihr meine grünen Blättchen, plauderte mit ihr, las ihr vor und fuhr nur von Zeit zu Zeit mit der Hand über die Stirn, weil mir war, als umziehe sie ein Nebelgebilde. Nachdem die Mutter zur Ruhe gegangen, setzte ich mich aufs Sopha, zog die Lampe dicht vor mich und nahm den Brief aus der Tasche; aber nein, so fiel das Licht zu grell auf denselben, ich stand wieder auf und holte einen Schirm, schob die Lampe fort und legte das Blatt so beschattet vor mich hin. Da fiel mir ein, die Magd könnte mich stören; ich erhob mich von neuem und verriegelte die Thür, dann setzte ich mich, bezwang meine fiebernde Unruhe und las. Der seltsame Brief lautete folgendermaßen:

»Liebe Cousine!

Als wir uns in Schottland trafen, versprach ich Ihnen, nach meiner Rückkehr auf Schloß Günthershofen eine genaue Nachforschung mit Bezug auf irgendwelche Papiere anzustellen, die mit dem Rechtsstreit zwischen unsern Familien in Verbindung ständen, und Ihnen so bald als möglich von meinem Erfolge zu berichten. Diesem Versprechen komme ich hiermit nach. Ich begab mich, sobald ich mich zu Hause oder vielmehr in Günthershofen eingerichtet hatte, an jedem Morgen nach dem Bibliothekzimmer, welches wir, da es alle unsere Familie angehenden Papiere enthält, das Archiv nennen. Hier unterzog ich Alles der genauesten Durchsicht. Ich fand die verschiedenen Urkunden, Bescheinigungen, Erlasse, Correspondenzen alle in guter Ordnung; jedes einzelne Document ging durch meine Hände. Nachdem ich sie alle vergebens durchsucht, wendete ich mich zu den alten Schränken selber, in welchen sie enthalten gewesen, da ich Grund hatte, ein geheimes Fach zu vermuthen; ich ging dann die Bibliothek durch, durchblätterte ein jedes Buch, aber ebenfalls ohne zu finden, was ich suchte. Ihnen muß ich es gestehen, mit der Erfolglosigkeit meiner Bemühungen wurde das Mißtrauen gegen unsere Sache in mir rege. Es war auffallend, daß sich von einem langen Rechtsstreit kein einziges Document, daß sich unter den Quittungen nicht die Kostenberechnung eines Advocaten, noch mehr, daß sich unter den Briefen, die ich alle durchging, kein einziger fand, in dem ein Wort über jene Vorfälle zu lesen gewesen wäre; ich fing an, eine Vernichtung gewisser Papiere zu argwöhnen. Wie die Sache sich aber auch verhielt und wie sehr ich meinet- und Ihrethalben eine Aufklärung gewünscht hätte, ich hatte kein Recht, die Ehre meiner Aeltern Ihnen gegenüber bloßzustellen, indem ich meinem Argwohn Worte gab, und so verschob ich es von Tag zu Tag, Ihnen das unbefriedigende Resultat mitzutheilen.

Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich so ganz ohne meine Mutter handelte, doch liegt die Erklärung nahe. War sie nun so fest überzeugt von der Rechtlichkeit unserer Ansprüche wie ich es gewesen war, oder war sie Mitwisserin eines schlimmen Geheimnisses, im einen wie im andern Falle würde sie meine Zweifel als abenteuerliche Ideen verworfen haben. Ich nahm mir jedoch vor, mir von ihr die ganze Sache noch einmal erzählen zu lassen. Den günstigen Augenblick dazu glaubte ich gekommen, als ich mich eines Abends in ihren Zimmern befand; ich stellte einige Fragen, unser Gespräch wurde aber plötzlich durch ein heftiges Unwohlsein meiner Mutter unterbrochen. Die Kammerjungfer eilte in das Nebenzimmer, um aus einer Schatulle der Mutter die Tropfen zu holen, deren sie sich in solchen Fällen bedient; das Mädchen konnte das Fach nicht öffnen, ich eilte ihr zu Hülfe und da hatten wir das Unglück, die Schatulle umzuwerfen. Dadurch war eine in das Holz fest eingefügte Klappe aufgesprungen und verschiedene Paquete mit Papieren zum Vorschein gekommen – ein eigenthümlicher Zufall, nicht wahr, mein Fräulein? Ein Blick auf eins derselben erfüllte mich mit solchem Interesse, daß ich meiner Mutter, sobald dieselbe einigermaßen wieder zu sich gekommen war, meine Absicht zu erkennen gab, die Sachen auf meinem Zimmer einer genauen Durchsicht zu unterwerfen. Ich will Sie mit weitern Einzelnheiten verschonen, mein Fräulein, und erlaube mir nur noch, Ihnen mitzutheilen, daß Ihre Frau Mutter die rechtmäßige Besitzerin von Günthershofen und Erbrück, meine Familie und ich aber Betrüger sind. Da ich jedoch diesen Charakter bisher ohne mein Wissen, ohne meine Schuld getragen und nicht jetzt als Erbtitel von meinem Vater mit Wissen und Willen überkommen möchte, so verzichte ich meinerseits vollständig auf den Nießbrauch der Ihnen zugehörigen Güter und habe auch meinen Entschluß meiner Mutter und den Herren von Erbrück zu wissen gethan. Bei ihnen nun finde ich dieselbe Bereitwilligkeit, sich des ungerechten Gutes zu entledigen, nicht vor, wie ja auch zu erwarten stand; sie wollen den Preis eines unter der Ehrlosigkeit zugebrachten Lebens nicht leichten Kaufs hergeben. Ihrer Frau Mutter, mein Fräulein, rathe ich aber nun dringend den Rechtsweg an; ausgerüstet mit den Papieren, welche ich gefunden und die ich Ihnen selbst überbringen werde, ist der Erfolg nicht zu bezweifeln. Es wäre jedoch auch möglich, daß Ihre Frau Mutter einen Vergleich wünschte, zu dem sich meine Mutter und die von Erbrück im Bewußtsein der Unhaltbarkeit ihrer Sache gewiß herbeilassen werden, sobald sie sehen, daß es mir mit der Ueberlieferung der Papiere an Sie Ernst ist; sie scheinen es bis jetzt noch nicht zu glauben. – Was ich bei all diesen Vorgängen fühle, mein Fräulein, brauche ich wohl nicht auszudrücken, meine Handlungsweise mag für mich Zeugniß ablegen. Versichern Sie Ihre edle Mutter meiner tiefsten Ehrerbietung, welche sie aber, wie ich leider fürchten muß, als von dem Mitglied einer ruchlosen und ihr verhaßten Familie kommend, mit Verachtung von sich weisen wird. Verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich Sie am Anfang des Briefes meine Cousine genannt habe; ich hätte eine ohnedies sehr entfernte Verwandtschaft im Augenblicke solcher Enthüllungen nicht betonen sollen.«

So schrieb der Freiherr. Es wäre vergeblich, schildern zu wollen, was ich bei diesen Aufschlüssen empfand; soviel nur ist mir noch jetzt klar, daß ich die Tragweite derselben in Bezug auf uns, die Veränderung, die uns bevorstand, nicht fassen konnte und wenig bedachte; ich beschäftigte mich vorzugsweise mit der Handlungsweise des Freiherrn, seinem Opfer, seinem Zustande dabei. Süße Thränen weinte ich darüber, daß ein Mensch so großartig uneigennützig denken und handeln konnte; daß dieser Mensch jetzt lebte, daß ich ihn kannte, daß das Alles nicht eine kalte That der Vergangenheit, ein Vorfall aus Büchern, sondern Wirklichkeit war, entzückte mich.

Die Lampe war trübe geworden; ich schloß die Augen, ein jedes Wort des Briefes war meinem Gedächtniß gegenwärtig, ich sah sogar die Schriftzüge im Geiste vor mir. Wie schnitt mir der herbe Ton der letzten Worte ins Herz, wie jammerte mich der stolze Edelmann, an dem jetzt das Gefühl der Schande nagte, welcher er sein Haupt beugte. Ich kannte ihn, so sehr ich mich bemüht hatte, ihn zu verkennen, ich wußte, wie ihn die Entdeckung niedergeschmettert haben mußte. Und was ließ sich Alles zwischen den Zeilen lesen, welche widerliche Scenen mit der Mutter, mit dem bösen, herzlosen Weibe mochten stattgefunden, welcher Festigkeit mochte er bedurft haben, um seine Absicht aufrecht zu erhalten. Aber was sollte nun geschehen? Jetzt erst dachte ich an die nächsten Maßregeln, dachte ich mir aus, wie ich der Mutter morgen vorbereitend mein Zusammentreffen mit dem Freiherrn erzählen oder vielmehr gestehen wollte und ich mußte fürchten, die bisherige Verheimlichung desselben würde sie schmerzen. Die Nacht, während welcher kein Schlaf in meine Augen kam, wollte nicht enden; ich sehnte den Morgen herbei, vor dem ich doch zitterte, und sagte mir hundertmal die Worte vor, mit denen ich mein Geständniß bei der Mutter beginnen wollte.

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