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Verflossene Stunden

Dreizehntes Kapitel.

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»Miß Maggie«, sagte der alte Herr am andern Morgen beim Frühstück zu mir, »Sie müssen heute an unserer Statt dem Herrn Baron die Honneurs der Gegend machen, immer vorausgesetzt natürlich, daß ihm mit einem Spazierritt durch ein Stück Sibirien gedient ist. Ich kann Sie als Cicerone empfehlen; mich dünkt, Sie werden einem so trefflichen Lehrer, wie ich mir schmeichle gewesen zu sein, alle Ehre machen und unserm Gaste von jedem Baume etwas zu erzählen wissen; auch in den Chroniken der Krähenansiedlungen auf Meilen in die Runde sind Sie, denk' ich, nunmehr wohl bewandert. Wollen Sie reiten?«

Ich sah den Freiherrn an, aber er blickte nicht zu mir herüber, was ich ihm sehr übel nahm; er dankte unserm Wirthe und sagte, er habe nichts lieber als einen scharfen Ritt an einem Wintertage. Auf Befragen erzählte er vom Winter in der Heimat, von der Jagd dort, so verschieden von der englischen grausamen Parforcejagd, von dem Wildstand auf seinen Gütern, von diesem und jenem, während ich ungeduldig die Aufhebung der Mahlzeit erwartete und dem Freiherrn fast zürnte, daß ihm so wenig an dem Ritt mit mir gelegen schien, da er denselben durch sein Gespräch verzögerte.

Endlich stand man auf. Ich eilte fort, bestellte die Pferde, war im Nu im Reitkleid wieder unten und hatte die Kränkung, einige lange Minuten auf meinen Begleiter warten zu müssen. So drehte ich mich denn gar nicht um, als er endlich kam und aufstieg; ich war schon im Sattel und deutete, halb zu ihm gewendet, mit der Gerte auf den Weg, welchen wir jenseits des Gartens zu nehmen hatten. Dann ging's fort; ich setzte, als wir endlich die schöne ebene Landstraße erreicht hatten, mein kleines Pferd in scharfen Trott, was den Freiherrn überraschen mochte, denn er war nicht gleich bereit, mir zu folgen, und brachte sein Thier erst nach einigen Minuten neben mich. »So rasch, Fräulein Margarethe?« fragte er lächelnd; ich nickte, der alte Trotz und ein ganz neuer toller Uebermuth überkamen mich.

»Mit dem alten Herrn hab' ich immer bedächtig reiten müssen«, sagte ich; »thun Sie mir das Eine zu Gefallen und lassen Sie uns eine Weile galoppiren.«

Statt aller Antwort gab er seinem Rassepferd den Zügel, und es schoß dahin; ärgerlich über den Vorsprung, den er gewann, brauchte ich die Gerte, riß am Zügel und brachte so mein sonst lammfrommes Rößchen in eine der meinen ähnliche Stimmung; es griff tüchtig aus. Die scharfe klare Luft erhöhte den unbeschreiblichen Reiz der raschen Bewegung; mein Herz hüpfte vor Lust, mit meinem ganzen Wesen, möchte ich sagen, begleitete ich den Takt der matt auf dem festen Schnee hallenden Hufe; ich warf den Kopf zurück und sah mit Entzücken auf die schneebedeckten schimmernden Felder, auf den sie begrenzenden hellblauen Himmel, die sonnenverklärte farbige Nebelschicht am Horizont, die dunkelgrünen Tannengruppen hier und da; freilich die gewöhnlichen, unzählige Male hergenannten Factoren der Winterlandschaft par excellence, aber welcher Duft lag darüber, welches unbeschreibliche Etwas war in der Luft, sodaß sie einen vor Lust fast toll machte. Ich sagte Aehnliches, während wir dahinsausten; die wilde Jagd müsse doch nicht so übel sein und ich für mein Theil möchte so fort reiten bis ans Ende der Welt. »Aber auf Geisterpferden«, sagte Herr von Günthershofen; »Ihr Thier zum Beispiel hält schon bald nicht mehr aus.«

Das war nun allerdings die Wahrheit; das Thierchen ließ nach an Schnelligkeit, trotz Zügel und Gerte, es wäre grausam gewesen, dasselbe ferner anzutreiben. Aber des Freiherrn Bemerkung gefiel mir doch nicht; es war von da an, als stände etwas zwischen uns, ich konnte mich nicht mehr, wie den Abend zuvor, der Freude an seiner Nähe hingeben, seine Art und Weise hatte mich erkältet.

So ritten wir denn vernünftig neben einander, und ich erinnerte mich meiner Verpflichtung, ihm, was ich irgend Bemerkenswerthes von der Landschaft wußte, zu erzählen. Auf die Besitzungen, an denen wir vorbeikamen, machte ich ihn je nach ihrer Merkwürdigkeit aufmerksam; ich nannte ihm den Edelmann aus dem Hofstaate Heinrich's VIII., der dies Schloß gebaut, erzählte ihm, wie Georg IV. häufig jenes mit seinem Besuche beehrt, zeigte ihm das Gut, dessen Herr die besten Rennpferde in der Gegend halte, deutete auf den Hügel abseits im Felde, der aus heidnischer Vorzeit berühmt war, kurz, ich machte mich so nützlich, wie ich konnte, und mein Begleiter bewies durch manche Frage, daß er meinem Texte Aufmerksamkeit schenkte.

Nach einem weiten Rundritt kamen wir wieder auf das Haus zu, ohne von einander nur ein Wort gesagt zu haben. Wir hatten den besten Theil des Tages auf unsern Ritt verwendet; als wir vom Mittagstisch aufstanden, dämmerte es bereits; ein Tag, einer von den drei Tagen, die mir das Schicksal als Geschenk gönnte, war nun schon bald entglitten und hatte nicht gehalten, was er versprochen. Schade, schade darum, dachte ich; aber ich mochte mir nicht eingestehen, wie es zum großen Theil meine Schuld gewesen, daß zwischen dem Freiherrn und mir heute kein freundschaftliches Wort gefallen war. Jetzt nahm ihn der alte Herr in Beschlag, ich schlüpfte hinaus und auf mein Zimmer; da saß ich auf einem niedrigen Schemel neben dem alterthümlichen, geradlehnigen Stuhle, der in der Fensternische stand, lehnte den etwas müden Kopf an das geschnörkelte Holz desselben und schaute durch die Scheiben nach dem schönen, hellen Himmel, an welchem der Vollmond mit der Dunkelheit auf der Erde an Macht gewann. Da hörte ich draußen die Stimmen der Großmutter und des Freiherrn, ohne mir viel dabei zu denken; als es bald darauf an meine Thür klopfte, glaubte ich, die alte Dame würde gutmüthig scheltend eintreten und mich hinunterholen, wie sie häufig that. So sagte ich denn, da sich die Thür öffnete: »Ich komme schon«, noch von dem hellen Himmel geblendet nach dem dunkeln Grund des Zimmers hin. Die eingetretene Person schloß die Thür hinter sich und that auf dem weichen Teppich einige Schritte vorwärts. »Darf ich, liebe Margarethe?« Ich erkannte jetzt erst den Freiherrn. »Die alte Dame, glaub' ich, hat sich entsetzt, indem ich um die Erlaubniß bat, Sie hier aufsuchen zu dürfen; aber was blieb mir Anderes übrig, wenn ich Sie einmal für mich haben wollte? Bin ich draußen mit Ihnen, so wollen Sie mir fortreiten bis ans Ende der Welt – ich muß Sie einmal förmlich belagern, um endlich zu erfahren, wie es Ihnen eigentlich geht.«

Ich bat den Freiherrn, sich niederzulassen, und ging, das Feuer im Kamin zu schüren, welches nun hell aufflackernd seltsame Lichter und Schatten im Zimmer erzeugte; die Fensternische wurde vom hochstehenden Monde vollständig erhellt. Als ich zurückkam, hatte Herr Bardolph sich in den Schatten gesetzt und mir den geschnitzten Sessel so gerückt, daß das Licht voll darauf fiel.

»Setzen Sie sich dahin«, bat er. Ich that es ohne weiteres, wollte mich aber meinerseits dem hellen Strahle entziehen, indem ich den Stuhl leise fortzuschieben versuchte. Er legte die Hand auf die Armlehne. »Thun Sie mir das Eine zu Gefallen und bleiben Sie gerade da, Margarethe«, sagte er dabei mit eigenthümlicher Betonung. Er will mir jetzt von seiner Verlobung erzählen und dabei soll ich im Lichte sitzen und er bleibt im bequemen Schatten? dachte ich und fand die Einrichtung unbillig. Doch ergab ich mich darein und saß, die Hände im Schooße, wie Jemand, der sein Urtheil erwartet. Als ein seltsamer Anfang zu den Erörterungen, denen ich entgegensah, mußte es mir erscheinen, daß der Freiherr abermals meine Hand ergriff und fast ängstlich festhielt, während er sich vorbeugte, aus der schützenden Dunkelheit heraus, sodaß ich sehen konnte, wie sein Gesicht sehr bleich war und eine ihm sonst fremde Spannung darauf zu liegen schien.

»Ich wollte Sie besonders fragen«, begann er, nicht mit dem milden Tone, in dem er sonst immer zu mir gesprochen hatte, sondern hastig und fast rauh, »was Sie mit Ihrer Zukunft eigentlich zu thun gedenken, Margarethe. Wollen Sie immerfort als heimatlose Fremde bei diesen Leuten bleiben, immer gewissermaßen abhängig –«

Er hielt inne; wie tief hatte er mich mit den wenigen Worten verwundet! Ich glaubte sein Motiv zu erkennen, er wollte nicht, daß Jemand, der seinen Namen trug, in einem Verhältniß zu der Familie seiner Braut stände, welches seinen Stolz kränkte. Und war ich nicht – ich empfand das aufs bitterste in jenem Augenblick – war ich nicht auch gewissermaßen von ihm abhängig? Band mich nicht eine Schuld der Dankbarkeit an ihn? War nicht, nach Allem, Schloß Günthershofen doch nur ein Geschenk von ihm? Ich fühlte mich hülflos, heimatlos, namenlos elend, ich schlug die Hände vors Gesicht und sagte tonlos: »Wo wollen Sie, daß ich hingehe? Für mich ist auf der ganzen Welt kein Platz; kein Platz«, wiederholte ich leise, »nirgends, nirgends!«

Da wurden mir die Hände leise von den Augen weggezogen; ich schrak zusammen, als ich das Antlitz des Freiherrn dicht vor mir erblickte; er war von seinem Sitze herab leicht auf ein Knie geglitten, als wolle er mir besser ins Gesicht sehen.

»Was fehlt Ihnen, Margarethe, liebe Margarethe?« sagte er leise und leidenschaftlich. »O daß ich ein Recht hätte, Sie zu fragen, in Sie zu dringen, daß Sie mir Alles sagen müßten! Sie schweigen? Sie haben mir nichts zu erwidern? Und doch will ich weiter fragen, sind Sie doch immer wenigstens offen gegen mich gewesen. Wer ist es, den Sie lieben, Margarethe, der Thor, vor dessen Thür das köstliche Kleinod liegt und er hebt es nicht auf, er ahnt nichts davon; das Kleinod, welches alle seine Tage beseligen würde, welches zu besitzen ich wohl nicht verdiene, nach dem aber schon jahrelang meine Sehnsucht steht?«

Ich war von diesen Worten wie betäubt; während der Schall an mein Ohr drang, vermochte ich den Sinn nicht gleich zu fassen und starrte den Freiherrn fast entsetzt an.

»Wollen Sie mir nichts sagen?« fuhr er in derselben Weise fort. »Natürlich, wer bin ich auch, daß ich ein Recht auf Ihr Geheimniß hätte! Warum mußte mir Forster den Brief zeigen, der mich aus meiner Laßheit aufrüttelte! Aber Sie leiden sehen – o Margarethe, kann ich Ihnen gar nichts zu Liebe thun?«

Ich mußte nun freilich etwas sagen, aber wo waren die Worte, um diese Wirren zu lösen, wie schwer gerade das, was mir zu gestehen oblag, denn daß ich es ihm jetzt gestehen müsse, war der Gedanke, der mich ganz beherrschte. So sprach ich endlich, aber ich wußte kaum, was, die Worte kamen hart und hastig von meinen Lippen, und wenn sie gesprochen waren, mutheten sie mich fremd an und erschreckten mich. Er sei es gewesen, von dem ich in meinem Briefe an Forster gesprochen, ich habe mich in die Idee eingelebt, er liebe Lucy und wünsche sie sich zum Weibe. Der Freiherr stand langsam auf, als ich ausgeredet hatte. »Ich, Margarethe?« sagte er mit seltsamer Ruhe. »Mir ist, als träume ich. Sie sagen mir, daß Sie mich geliebt haben, wie man von vergangenen Geschichten erzählt, und jetzt, jetzt –«

Da überkam mich bei dieser sonderbaren Scene und vielleicht im Vorgefühle des Glückes, das ja doch nahe war, obgleich wir beide uns blind nebenher tasteten, eine wilde Laune, ich sagte fast drohend zu dem Manne vor mir: »Ja, Herr Freiherr, ich liebte Sie damals. Und wenn ich Sie jetzt noch ebenso liebe, nein, viel tausendmal mehr, was geht es Sie an?«

Und nun war der Bann gebrochen, das Glück da. Fast jauchzend hatte der Freiherr meinen Namen gerufen, als wolle er mich aufwecken oder als sei ich fern, ich saß still vor mich hin, ganz eingehüllt in das Gefühl, daß ich nun weiter nichts zu sagen oder zu thun brauche. Er stand vor mir, zog mich zu sich in die Höhe und verschränkte seine Arme fest um mich; dann drückte er mit der einen Hand meinen Kopf sanft gegen seine Brust. »Hier ist Dein Platz, Margarethe, meine Margarethe; seit ich Dich zuerst gesehen, habe ich mich gesehnt, Dein Köpfchen hier betten zu können. Jetzt werd' ich gesunden; mich hat in der letzten Zeit der Wunsch fast verzehrt, Dir nahe sein, Dich hegen und lieben zu dürfen.«

So sprach er leise in mich hinein, während ich still in seinen Armen lag, von einer seligen Ruhe erfüllt. Ich antwortete ihm dann auch, in halblauten Wechselreden gingen wir die Jahre gegenseitigen schmerzlichen Entbehrens durch; in dem sanften Mondlicht klärte sich Alles und zuletzt lag die Zeit, in der wir uns gekannt, hell und schön da, wie ein Blatt, auf dem wir jetzt lesen konnten, daß wir stets zu einander gehört hatten. »Ich habe viel wieder gut zu machen«, sagte mein Bräutigam, indem er mir das Haupt zurückbog und das Haar aus der Stirn strich. »Deine lieben, ernsten Augen, Margarethe, die von keiner frohen Jugend zeugen, scheinen mir immer vorwurfsvoll ins Herz zu blicken.«

»So will ich sie schließen«, entgegnete ich lächelnd. Er küßte mich sanft darauf. »Bald sollst Du sie öffnen auf das Land, nach dem Du Dich oft gesehnt hast, Du sollst Dir von dem Himmel Italiens goldene Lust hineinscheinen lassen. Wann willst Du mein Weib werden, Margarethe?« fragte er mich plötzlich hastig.

»Sobald Du willst, mein Freund«, antwortete ich; »ich gehöre Niemand auf der Welt an als Dir.«

Wenige Wochen nach diesem Abend befand ich mich mit meinem Gemahl in Rom. Dort erhielten wir die überraschende, aber uns herzlich erfreuende Nachricht, daß sich Lucy, die glänzende Lucy, dazu verstehen wolle, meinem gelehrten Landsmann Forster die Sehnsucht nach der Heimat und alle trüben Erinnerungen auf immer vergessen zu machen. So fiel denn von dorther kein Schatten auf unsern Weg, als wir im nächsten Herbste – die Frau von Günthershofen war im Sommer gestorben – in unserm deutschen Schlosse einzogen, und heiter durfte ich die Räume bewohnen, in denen einst meine theure Mutter gewaltet hatte und welche mir wie durch einen Hauch ihrer Gegenwart geheiligt schienen.

Druck von Richard Schmidt in Reudnitz-Leipzig.

Des Hauses Eckstein.

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3 Bände. 8°. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr.

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Roman von Alfred Steffens.

4 Bände. Elegant geheftet. Preis 3 Thlr.

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Komischer Roman von A. von Winterfeld.

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El paso de las animas.

Roman von E. von Bibra.

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Neue Romane a. d. Verlag von Ernst Julius Günther, Leipzig.

Deutsche Kämpfe.

Roman von Levin Schücking.

2 Bände. 8°. Eleg. geheftet. Preis Thlr. 1 15.

Modelle.

Humoristischer Roman von A. von Winterfeld.

4 Bände. 8°. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr.

Mütze und Krone.

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Non possumus.

Roman von Fr. Hilarius.

3 Bände. 8°. Elegant geheftet. Preis 2 Thlr. 15 Ngr.

Druck von Richard Schmidt in Reudnitz-Leipzig

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