Fünftes Kapitel.
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Wir befanden uns im schottischen Hochlande. Eines Nachmittags machten wir, das heißt die rüstigen Fußgänger der Gesellschaft, uns noch spät aus unserm Bergwirthshause auf, um eine naheliegende steile Höhe zu erklettern, von welcher aus wir den Untergang der Sonne beobachten wollten. Der Weg war äußerst beschwerlich, sogar gefährlich. Die jungen Herren befanden sich in ihrem Elemente. Wir kamen endlich auf dem erstrebten Punkte an, welcher übrigens nicht der Gipfel der Felspartie war, sondern eine weite Felsplatte, mit Moos, sogar mit spärlichem Grase bedeckt, unter der das todte, zerklüftete Gestein gewaltig ausgedehnt dalag, während im Rücken derselben die Felsen sich noch hoch, aber unersteiglich steil aufthürmten. Auf der Fläche fanden wir mehrere Gruppen und einzelne Reisende vor, welche sich ringsum aus den Thälern zu diesem bekannten Punkte hinaufgearbeitet hatten. Wir standen und saßen bald ungezwungen umher, uns dem herrlichen Schauspiel des Abendhimmels hingebend. Herr Forster fand sich, wie jetzt häufig, zu mir, auch John war bei uns, bis er unter den Touristen einige Mitschüler erkannte, denen er sich anschloß. Mein Landsmann und ich betrachteten nun in aller Muße die Naturschönheiten der Scene nicht nur, sondern auch was sich von Menschen in dieser Oede zusammengefunden hatte. Die Menschen waren meist Engländer, behäbige Spießbürger und übermüthige Studirende, ein ganzes Pensionat junger Damen, ein Geistlicher mit seiner zahlreichen Familie, außerdem auch einige Franzosen und andere Touristen, deren Nationalität festzustellen wir uns nicht getrauten.
»Haben Sie sich jetzt getröstet über John's Nachlässigkeit?« fragte mich Herr Forster, nachdem wir eine Weile zusammengestanden hatten. Ich drehte mich rasch nach ihm um, um zu sehen, ob er etwa seine spöttische Miene angenommen und mich mit dem Mangel an Selbstbeherrschung, den ich bei jener Gelegenheit gezeigt, necken wolle. Es schien nicht so, er sah ganz ernsthaft aus.
»Ich war außerordentlich ärgerlich darüber«, antwortete ich ihm, eine directe Antwort vermeidend.
»Ja, das konnte man sehen, das hätten Sie mir nicht zu sagen gebraucht; aber es kommt doch auf Verzögerung jener Antwort so gar viel nicht an. Setzen wir jedoch den Fall, Sie hätten dieselbe, wir fänden die Mittheilungen Ihrer Frau Mutter wichtig, ich sagte Ihnen nach meiner Ueberzeugung, daß der Stand der Angelegenheiten Sie nicht hindere, Ihre Verwandten vor Gericht zu ziehen, wollten Sie es denn wirklich zu einem Processe kommen lassen?«
Ich sah ihn verwundert an, ich verstand ihn gar nicht.
»Ich meine«, fuhr er fort, und seine Stimme hatte etwas Strenges bei den folgenden Worten, »wollen Sie versuchen, Ihre Verwandten von den Gütern zu vertreiben und sich an ihre Stelle zu versetzen?«
»An ihre Stelle!« sagte ich jetzt in einiger Aufregung, in der es mir nicht darauf ankam, mit seinen Worten zu spielen. »Ich verstehe Sie nicht, Herr Forster! Die Leute sind gar nicht an ihrer Stelle! Was in aller Welt, welche Rücksicht, welche lächerliche Schwäche sollte mich abhalten, mir Recht zu verschaffen, Recht, Recht! Ich dürste danach, diese Eindringlinge zu vertreiben; wohin, ist mir gleich und wäre es ins Elend, in welchem wir so lange leben mußten!«
»Fräulein von Günthershofen!« sagte er beschwichtigend in einem Schulmeisterton.
»Was wollen Sie!« rief ich jetzt, immer erregter werdend und indem ich in der erhöhten Stimmung des Augenblicks unbewußt eine Hypothese aufstellte, die sich nachher als Wahrheit erwies. »Soll auf der Ehre meines Vaters, vielleicht der Mutter meines Vaters ein Makel bleiben? Soll meine Mutter, meine verehrungswürdige Mutter ferner in Dürftigkeit ihre Tage verbringen, weil mir der Muth fehlt, eine Schmach aufzudecken, über die eine Reihe von Jahren dahingegangen ist? Nein, Alles will ich daran setzen, daß wir Recht erhalten, nur Recht, weiter nichts!«
Er sah mich verwundert an. »Das altadlige Blut hat bei Ihnen noch nichts von seiner Hitze eingebüßt«, sagte er dann und lächelte. »Aber lassen wir das! Sehen Sie nur, wer ist denn das, der sich dort so lebhaft mit Ihren Zöglingen unterhält?«
Mich berührte der rasche Uebergang in seiner Rede sehr unangenehm; es kam mir vor, als habe er nur mit meiner Erregbarkeit experimentiren wollen; ich konnte nicht sprechen und wandte mich ab, anstatt der von ihm bezeichneten Richtung mit den Augen zu folgen. Herr Forster schwieg nun eine Weile und schien selbst die Gruppe, auf welche er meine Aufmerksamkeit hatte lenken wollen, zu beobachten; endlich berührte er mich leicht am Arm und sagte freundlich: »Kommen Sie, liebes Fräulein, verderben Sie sich den schönen Abend nicht. Der Haß ist ein schlimmer Gast im Herzen; dasselbe kann, während es ihn beherbergt, nicht glücklich sein.«
Diese wohlfeile Weisheit dünkte mir ganz unerträglich, die Thränen stiegen mir auf, ich wollte mich nicht so meistern lassen. Nach einigen Augenblicken jedoch gewann die Ueberzeugung die Oberhand in mir, daß ich es eigentlich nicht besser verdiene; meine Reizbarkeit und Erregtheit kamen mir geradezu kindisch vor, ich bezwang mich mit einiger Anstrengung, drehte mich herum und wollte versuchen, unbefangen zu den Uebrigen hinzugehen. Aber was war das? Wer, um Gotteswillen, wer stand einige Schritte von mir bei den jungen Grays? Sollte mir denn die Selbstbeherrschung gar so schwer gemacht werden? Welche sonderbare Aehnlichkeit hatte jener große stattliche Herr mit einem Andern, den ich freilich nur einmal in meinem Leben gesehen, dessen Bild sich aber meinem Gedächtniß unauslöschlich eingeprägt hatte? In mir kämpften Neugierde und Angst sogar vor dem Scheinbild jener Gestalt, bis Herr Forster scherzend sagte: »Kommen Sie, Ihre Gouvernantenpflichten schon rufen Sie dorthin. Sind Sie nicht hier als Beschützerin jener jungen Damen?«
So schritten wir denn zusammen auf die in einiger Entfernung stehende Gruppe zu. Sie bestand aus meinen beiden Zöglingen, die sich in ihren hellen hübschen Kleidern, mit den leichten, blaubebänderten Strohhüten, welche so gut zu den rosigen Gesichtern und den schönen blonden Haaren paßten, gar anmuthig ausnahmen, ihrem Bruder Roger und einem vornehm aussehenden Fremden, den ich zuvor nicht bemerkt hatte. Er stand halb abgewendet von mir, im Gespräche auf die Tiefe vor uns deutend; jetzt drehte er sich herum, ich konnte ihm in das Gesicht sehen und nun war mir's, als müßte ich mich fortwenden und davoneilen, ehe er mich erkennen konnte, die Felsen hinab, in die Einöde hinein, nur fort aus seiner verhaßten Nähe. Aber zum Fortlaufen, wenn es auch die Umstände erlaubt hätten, war es zu spät, der Freiherr hatte mich gesehen. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, eine Bewegung, die ich ihm so übel wie möglich auslegte – er wollte sich gewiß nur fassen zu einer Förmlichkeit, wie sie sich der armen Verwandten gegenüber schickte, die so unbequem vor ihm aufgetaucht war; vielleicht verleugnet er mich gar, dachte ich, aber ich hatte mich getäuscht. Sehr freundlich – sogar mir konnte sein Benehmen nicht anders als freundlich vorkommen – that er mir ein paar Schritte entgegen und streckte seine Hand nach der meinigen aus; ich reichte ihm dieselbe nicht, sondern verbeugte mich nur. Seine leichte Höflichkeit glitt über diesen kleinen Zwischenfall hinweg; mit den herzlichsten Ausdrücken begrüßte er mich als seine Cousine – welches Vorgehen ich ihm nur als Heuchelei auslegte – und erwies sich, während mein Benehmen den Uebrigen bis zur Ungeschliffenheit zurückhaltend erscheinen mußte, so liebenswürdig, daß sich alle, Herr Gray, welcher inzwischen auch auf dem Plateau angelangt war, nicht ausgenommen, von ihm bezaubert fanden. Ein Gespräch, anfänglich nur von ihm und Roger geführt, hatte sich, wie ich nachher erfuhr, durch die Umgebung angeregt fesselnd weitergesponnen, bis alle hineingezogen waren; auf Reisen wird man leicht bekannt und die Grays gehörten überdies zu den liebenswürdigsten, zugänglichsten Menschen. So stieg denn der Freiherr von und zu Günthershofen mit in den Gasthof hinab, wo er der Mutter vorgestellt wurde und auch sie durch seine ritterliche Galanterie sehr zu seinen Gunsten stimmte. Er speiste mit uns zu Abend und befestigte bei allen den durchaus angenehmen Eindruck, welchen er gemacht hatte; an mich richtete er nur von Zeit zu Zeit ein Wort und dann in einer gewissen schonenden Weise, als wisse er nach meinem vorherigen Benehmen nicht, wessen er sich von mir zu versehen habe, und fürchte eine Probe Günthershofen'scher Rücksichtslosigkeit.
Alle waren in der heitersten Laune außer mir. Ich eilte nach Tische schnell fort, aber wohin sollte ich mich wenden, um die Einsamkeit zu finden, nach der es mich so sehr verlangte? Wir waren in den obern Zimmern für wenige Tage eng zusammengepackt; dort hielten sich jetzt die Kinder und das Dienstpersonal auf. Hinter dem Hause befand sich ein Gärtchen, auf dasselbe gingen aber die Fenster des Speisesaals, in welchem unsere Gesellschaft noch beisammen saß, und man hätte mich sehen können. So setzte ich denn meinen großen Strohhut auf und eilte aus der vordern Thür den Weg hinauf, den wir vor kurzem herabgestiegen waren. Noch währte die lange Dämmerung des Sommertags; es war ziemlich hell und ich schritt rasch fort, fliehend eigentlich vor den peinlichen Empfindungen, die mich in der Nähe des Gastes unten bestürmten.
An einer lieblichen Stelle des Pfades, wo moosüberzogene Steinblöcke gelagert waren, über welche blühender Flieder herabhing, setzte ich mich, und hier überkam mich das Gefühl der Einsamkeit so sehr, während ich an die Uebrigen dachte, welche unter fröhlichen Scherzen zusammenweilten, und ich fühlte plötzlich ein so heißes Verlangen nach meiner Mutter, die in ihrem ärmlichen Stübchen auch einsam saß, daß ich die Arme vor mir auf einen Felsblock legte, das Gesicht hineindrückte und den Thränen freien Lauf ließ, die ich seit Wochen schon so oft zurückgedrängt hatte. Aber auch diese Erleichterung sollte mir verkümmert werden; ich hörte Schritte sich nahen und richtete mich schnell in die Höhe, der einzelne Fußgänger wurde sichtbar und ich erkannte aufathmend den Doctor. Erst schritt er an meinem Zufluchtsorte vorüber, dann wandte er sich plötzlich, wie von einem Einfall getrieben, um und stand im nächsten Augenblicke vor mir. Sowie er mich gewahr wurde, erhob er drohend den Finger: »Sie werden sich erkälten, Fräulein.« Statt aller Antwort begnügte ich mich meinerseits zu bemerken, als spiele ich auf ein uns beiden bekanntes Thema an und es brauche keiner Einleitung:
»Das ist der Freiherr!«
»Ihr Feind«, ergänzte er, »den Sie von Haus und Hof vertreiben wollen.«
Ich nickte. »Hassen Sie ihn noch?« fragte darauf der Doctor mit einer so eigenthümlichen Betonung, daß mir plötzlich der Gedanke aufstieg, Herr Forster halte mich für und behandle mich wie ein Kind, dessen Launen man nachgeben müsse, um heftige Scenen zu vermeiden; eine Angst überfiel mich bei dieser Idee, die mir die Kehle zuschnürte. Ich mußte ihm beweisen, daß er sich irre, daß ich wisse, was ich wolle, und vor den Folgen meiner Handlungsweise nicht zurückschrecke. Deshalb sagte ich sehr ruhig, indem ich mich erhob: »Ich habe den Freiherrn vermieden, weil es mir peinlich war, mich von ihm in einer Weise behandeln zu lassen, die auf freundschaftliches Einvernehmen deutet.«
»Er weiß also nicht, wie Sie gegen ihn fühlen?« fragte Forster.
»Ich glaube nicht; er soll es aber wissen, ich werde mit ihm reden, von ihm erfahre ich auch vielleicht, was ich von meiner Mutter zu hören wünschte.«
»Hoffen Sie gar nicht auf einen gütlichen Vergleich?« warf Forster dazwischen. Die Idee war mir ganz neu und ich antwortete demgemäß.
»Nun, es ist dergleichen schon öfter dagewesen«, meinte er. »Der Freiherr scheint nicht so übel; es muß Ihnen wirklich schwer fallen, seiner einnehmenden Persönlichkeit gegenüber Ihre feindseligen Absichten fest zu halten.«
»Das wüßte ich nicht«, erwiderte ich. »Das Gefühl des schmählichsten Unrechts, das einem zugefügt worden ist, frißt tiefer, als Sie zu glauben scheinen. Der Freiherr ist ein Cavalier und ein angenehmer Gesellschafter, das beweist noch nichts für seine Grundsätze. Jedenfalls will ich, da er hier ist, eine Unterredung mit ihm suchen.«
Mein Landsmann sagte hierauf nichts weiter, bis er mich nach einer Weile darauf aufmerksam machte, daß es immer dunkler werde und das Herabsteigen am Tage sogar nicht ungefährlich sei. So wendeten wir uns denn dem Thale zu. Der Weg war allerdings sehr beschwerlich und ohne des Doctors stützende Hand würde ich ihn kaum ohne Unfall passirt haben. Ich war aber so erfüllt von meinen Gedanken und Plänen, die sich jetzt besonders darum drehten, auf nicht allzu auffallende Weise eine Unterredung mit dem Freiherrn herbeizuführen, daß ich ihm kaum für seine Hülfe dankte und es mir auch gar nicht einfallen ließ, darüber nachzudenken, wie er eigentlich auf dieselbe abenteuerliche Idee hatte verfallen können wie ich, den Bergpfad am Abend noch aufzusuchen. Ueber unser Zusammentreffen erhielt ich jedoch bald Aufklärung. Vor dem Hause auf einer Art Balkon, der in der Höhe von einigen Stufen an der Fronte desselben hinlief, promenirten die Herren, indem sie ihre Cigarren rauchten. Als wir uns näherten, schritt uns der Freiherr entgegen.
»Meine Landsleute haben wohl als echte Deutsche den Aufgang des Mondes von jener Felsplatte aus beobachtet?« sagte er lächelnd. Forster nahm es auf sich, zu antworten.
»Fräulein von Günthershofen mag dergleichen Gelüste gehabt haben, ich fürchtete es wenigstens und stolperte die Felsen hinauf, hinter ihr drein, um sie womöglich unversehrt zurückzugeleiten, und hier sind wir nun, merkwürdigerweise, ohne den Hals gebrochen zu haben.«
»Ich habe bis jetzt versäumt, Ihnen für Ihre Dienste zu danken«, beeilte ich mich zu sagen und fügte hinzu: »Ich wußte gar nicht, daß Sie mit so guten Absichten oder daß Sie überhaupt mir nachgekommen waren.«
»O bitte, es ist gern geschehn«, erwiderte er hastig und ging dann mit einer etwas linkischen Verbeugung plötzlich von uns; ich blieb mit meinem Verwandten allein. Das Herz klopfte mir während des nun für einige Momente eintretenden Schweigens so stark, daß ich fürchtete, er möchte den Schlag desselben hören; jetzt war mir Gelegenheit gegeben zu der Unterredung, die ich so sehr herbeigewünscht hatte. Der Freiherr begann endlich – er hatte galant seine Cigarre weggeworfen, als ob er auf eine verwandtschaftliche Plauderei rechne:
»Sie leben mit einer liebenswürdigen Familie, mein Fräulein, wenigstens scheint es mir so nach kurzer Bekanntschaft. Sind Sie zufrieden?«
Gereizt wie ich gegen ihn war, empörte mich diese einfache Frage; wie konnte er denken, daß ich zufrieden zu sein vermöchte, fern von meiner fast in Dürftigkeit lebenden Mutter, unter Fremden das Brod der Abhängigkeit essend!
»Ich kann, von meiner Mutter durch die Noth getrennt, wohl kaum zufrieden sein, Herr Freiherr«, antwortete ich ihm denn auch etwas gezwungen. »Ich sehne mich nach ihr, sie ist alt und bedarf meiner, man hat ihr weiter nichts gelassen als mich.«
Der Freiherr sah mich an, das fühlte ich, obwohl ich vor mich hin und nicht zu ihm in die Höhe schaute; ich mochte ihm ganz anders vorkommen als vor einigen Monaten im Stübchen der Mutter – das arme Fräulein mit den edlen Entschlüssen und dem zu kurz gewordenen Kleide. Aber was lag auch Alles zwischen jenem Abend und diesem! An dem Abend noch hatte ich eine wahre Geschichte erzählen hören, die mich innerlich ganz umwandelte – nicht zum Bessern, wie ich mir später wohl gesagt habe, die den Stolz weckte und den Haß einbürgerte in einem bis dahin gar einfältigen, guten Herzen. Auch äußerlich hatte ich mich verändert; die Mutter würde ihre Freude an mir gehabt haben, wenn sie mich gesehen hätte in den langen, weiten, schweren Kleidern, die ich jetzt trug, der damaligen Mode gemäß, und durch welche ich mir eine ganz andere Haltung angewöhnt hatte, als meine frühere gewesen.
Diesmal war die Pause länger als vorhin; offenbar wußte der Freiherr nicht, was er mir erwidern sollte, endlich sagte er leise: »Ja, es sind traurige Verhältnisse, sehr traurige, aber wie können sie geändert werden?«
Er sprach dies, wie es schien, mehr zu sich als zu mir, und als rede er von etwas, das seinen Gedanken nicht fremd sei. Ich aber richtete mich hoch auf, sah ihn fest an und entgegnete ihm: »Ich will Ihnen sagen, gnädiger Herr, wie sie geändert werden können, diese traurigen Verhältnisse; sie können es, indem meine Mutter auf dem Rechtswege wieder zu den Gütern meines Vaters gelangt, die ihm vor zwanzig Jahren – abhanden gekommen sind«, bezwang ich mich zu schließen; mir hatte etwas Anderes auf der Zunge geschwebt. Da war sie nun, die Kriegserklärung – mir war, nachdem ich sie ausgesprochen, als schwebe jetzt etwas über mir, was alle Augenblicke auf mich niederstürzen könnte. Auf den Freiherrn jedoch schienen meine Worte nicht den Eindruck zu machen, den ich gefürchtet hatte; er sagte sogleich in ruhigem Tone: »Fahren Sie fort, Fräulein Base! Die Güter gehören zum Theil jetzt mir, das heißt, ich habe sie gegenwärtig in Besitz. Sie wollen einen Process gegen die Erbrücker und mich anhängig machen?«
»Ja, das will ich, sobald ich von rechtskundiger Seite erfahren haben werde, ob irgend eine Chance für uns da ist!«
»Ich verdenke es Ihnen nicht«, sagte er leicht, »aber wissen möchte ich doch, ob dieser landesflüchtige Herr Doctor Ihnen die Idee zuerst in den Kopf gesetzt hat. Verzeihen Sie meine Hypothese, aber Sie scheinen vertraut mit ihm. Ihre Frau Mutter hatte, soviel ich weiß, nie die Absicht –«
»Halten Sie ein, Herr Freiherr!« rief ich entrüstet. »Sie mögen sich sicher dünken auf dem erschlichenen Besitzthum – wahrscheinlich sind Sie das auch, denn wer die Macht hat, hat gewöhnlich das Recht – aber meiner spotten sollten Sie doch nicht. Die Idee, wie Sie meine Absicht zu nennen belieben, ist in mir aufgestiegen, als ich eines Abends vor meiner Mutter saß und sie mir ihre Geschichte erzählte, eine Geschichte des Leidens, der entsetzlichsten Kränkungen, der Verfolgung, des Unterliegens. Kennen Sie jene Geschichte, mein Herr? Ihre Aeltern haben darin mitgespielt, Sie selber nicht; kennen Sie den wahren Sachverhalt?«
Ich war so erregt, so ganz aufgegangen in dem Gegenstande unseres Gesprächs, daß ich Zeit und Ort vergessen hatte; wir waren unwillkürlich nach dem fernern Ende der Terrasse hingegangen, weit von uns standen die Uebrigen in einer Gruppe, wir achteten ihrer nicht. Und noch heute, wenn ich jene Scenen überdenke, die mir fest im Gedächtniß geblieben sind, noch heute erschrecke ich fast vor der Art und Weise, in welcher ich zu dem Freiherrn sprach; ich kann nicht begreifen, woher mir der Muth kam, dem hohen, stattlichen, sichern Cavalier gegenüber. Er antwortete auf meine letzte Frage nicht, und während er schwieg und vor sich hin sah, hingen meine Augen begierig an seinem Munde. Endlich richtete er das Antlitz in die Höhe und seine Blicke begegneten den meinen – er schlug vor denselben die Augen wieder nieder.
»Sie haben sehr harte Worte gegen mich gebraucht, Fräulein«, sagte er dann dumpf, »aber wenn ich mich an Ihre Stelle versetze, kann ich Ihnen nicht Unrecht geben. Sie glauben also, daß das Urtheil, welches uns damals die Güter Ihres Vaters zusprach, ein ungerechtes gewesen?«
»Ja, ich glaube es, fast möchte ich sagen, ich weiß es, obgleich mir nicht bekannt ist, auf welchen Grund hin man die Rechte meines Vaters anzutasten gewagt hat. Meine Mutter hat leider über diesen wichtigen Punkt geschwiegen. Ich habe an sie geschrieben und mir Auskunft erbeten; ein Brief von ihr ist angekommen und durch eine Nachlässigkeit mir vor der Abreise von C. nicht zugestellt worden. Seitdem ich Sie nun hier gesehen, ist mir eingefallen, daß Sie mir auf meine Bitte diese Auskunft gewiß nicht verweigern würden. Die Motive zu dem Verfahren gegen meinen Vater kenne ich wohl, aber nicht den Vorwand, welchen man benutzt hat, um es ins Werk zu setzen.«
»Den Vorwand?« sagte der Freiherr ruhig. »Hat nicht ein Gericht, ein wenn auch nicht unfehlbares, so doch vollständig competentes Gericht die Ansprüche beider Linien geprüft und die unserigen als gültig erkannt?«
Ich war seinem Raisonnement eben nicht zugänglich und entgegnete rasch und unbedacht: »Das beweist gar nichts. Der Fürst hat dem Gerichte den Ausspruch, den es thun sollte, dictirt; er wußte wohl, warum.«
Bei der Nennung des Fürsten hatte der Freiherr eine Bewegung wie unter dem Einfluß physischen Schmerzes gemacht; ich merkte auch, daß ich im Begriffe war, zu weit zu gehen, und wendete mich, um zu den Uebrigen zurückzukehren. Da hob der Freiherr noch einmal an: »Wenn Sie nichts dagegen haben, Fräulein, will ich mit Herrn Forster, der sich zu einer Mittelsperson ganz gut zu eignen scheint, Einiges in der Angelegenheit besprechen und ihm auch die Auskunft, welche Sie verlangten, geben. Sie können dann thun, was Ihnen gut dünkt.«
Die ersten Worte seiner Bemerkung hatten mich überrascht, ehe ich ihm aber für sein Anerbieten danken konnte, härtete mich wieder der Schluß: »Sie können dann thun, was Ihnen gut dünkt.«
»Das will ich«, sagte ich kurz. »Gute Nacht, mein Herr!« Und damit verließ ich ihn und eilte, nachdem ich mich von den Uebrigen verabschiedet hatte, nach meinem Zimmer, nicht um mich zur Ruhe zu begeben, mir war, als würde ich nie wieder ein Bedürfniß nach Schlaf fühlen können, so kreisten die Gedanken in meinem Kopfe, welche mich beunruhigten und mich jetzt häufig viele Stunden in der Nacht wach hielten. Manchmal kam es mir vor wie ein Traum, wie ein Betrug meiner aufgeregten Phantasie, daß ich den Freiherrn gesprochen haben sollte, ihn selbst, den deutschen Adligen, hier in den schottischen Bergen. Wie sonderbar war doch das Zusammentreffen! Wie sehr aber auch erhob es die Ideen, die mich seit einigen Wochen beherrschten, nun erst recht zu den wichtigsten, die es für mich geben konnte; nun mußte etwas geschehen, das Schicksal hatte selbst die Hand geboten. Und dann wendeten sich die rastlos arbeitenden Gedanken der Person des Freiherrn zu, seinem Betragen, seinen Worten, und da überfiel mich auf einmal eine entsetzliche Unruhe, als habe ich irgend etwas gethan, was sich nie wieder gut machen lasse, an irgend etwas Unnahbares gerührt, irgend etwas ganz, ganz verfehlt. Ich wußte mir dies Gefühl nicht zu erklären: ich rief mir Alles, was ich gesprochen, ins Gedächtniß zurück, ich mußte mir sagen, daß ich harte Worte gebraucht, aber keine, die nicht meine innigen noch bestehenden Ueberzeugungen ausgesprochen hätten. So suchte ich mich denn durch Gründe zu beruhigen, aber es wollte nicht gehen; wie hart, wie rücksichtslos, wie rachsüchtig, ja wie frei in meinen Ausdrücken mußte ich ihm vorgekommen sein! Und wenn auch, dachte ich dagegen, ist es nicht natürlich, daß ich keine freundschaftliche Gesinnung für ihn hege, noch zeigen kann? Er stammt aus jener verhaßten Familie und er muß ein gewissenloser Mann sein, sonst könnte er den Besitz der durch Trug und Tücke an sein Haus gekommenen Güter nicht ruhig genießen. Aber glaubte er an jenen Trug, jene Tücke? Er war ja noch ein Knabe gewesen zur Zeit jenes Processes; vielleicht, ja wahrscheinlich hatte sein Vater ihn nie eingeweiht in das Complot zwischen sich und dem Fürsten. Und dann – und am quälendsten machte sich der Selbstvorwurf geltend – wie schonungslos, wie unmädchenhaft hast Du auf den Makel seiner Geburt hingedeutet, an dem er unschuldig ist! So stritten sich die Gedanken in mir, klagten sich an und entschuldigten sich, bis ich mir meine Mutter vergegenwärtigte und ihre Erzählung mir wiederholte, um mich von neuem zu meinem Vorhaben zu stärken. Nun aber, während die stillen Stunden der Nacht an mir vorbeizogen, eine nach der andern, und mit dem nahenden Morgen kam das angstvolle Erwarten der Aufschlüsse, die mir durch Forster zu Theil werden sollten, und machte meine Pulse schneller schlagen, sodaß ich erst nach Sonnenaufgang in einen kurzen Schlaf verfiel, während dessen das arbeitende Gehirn die Gedanken, die es zuvor bewegt, aus ihrer Folge gerissen, in wirren Träumen durcheinander warf und zu sinnlosen Bildern verkettete.