Zweites Kapitel Einzelne Prophezeiungen und Vorzeichen Mittelalter und Neuzeit
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Ist schon die Literatur des klassischen Altertums reich an mehr oder minder beglaubigten übersinnlichen Phänomenen, so gilt dies noch weit mehr von der des Mittelalters. Das Altertum hat zweifellos die Kritik häufig vermissen lassen, was freilich bei dem damaligen Stande der naturwissenschaftlichen Kenntnisse nicht verwunderlich ist. Das christliche Mittelalter ging darin, gemäß dem allgemeinen Kultursturze, noch viel weiter. Kann man sagen: die Antike berichtet manches Unglaubwürdige, wiewohl es unglaubwürdig oder gar unmöglich ist, so mag es vom christlichen Mittelalter heißen: gerade weil etwas unmöglich scheint, wird es erzählt und geglaubt.
Besonders die umfangreiche Literatur der Heiligengeschichten bringt es mit sich, daß nach Außerordentlichem geradezu gefahndet wird. Noch heute findet die Kirche es zur Heiligsprechung erforderlich, daß der also Ausgezeichnete auch »Wunder« gewirkt habe. Noch heute gilt das sacrificium intellectus, das kritiklose Glauben selbst an den haarsträubendsten Blödsinn für verdienstvoll.
Ist es da erstaunlich, wenn eine Zeit, die zur allgemeinen Kritiklosigkeit infolge mangelnder Naturkenntnis noch die Sucht, möglichst viele und möglichst verblüffende Wunder verzeichnen zu können, hinzufügt, an Wust, Unsinn und wildesten Phantasmagorien alles je Dagewesene in den Schatten stellt?
Damit ist aber keineswegs gesagt, daß nun alles, was berichtet wird, weil es uns erstaunlich scheint, auch falsch sein müßte. Die »voraussetzungslose« Forschung der Gegenwart macht es sich sehr bequem, wenn sie alles ablehnt, was sie noch nicht erklären kann. Und doch sollte sie gelernt haben, daß dieses negative Verhalten nicht viel unkritischer ist, als das der verspotteten Vorzeit.
Heute wissen wir, daß es tatsächlich Stein- und Fischregen gab und noch gibt, wir wissen, daß die »blutige« Hostie weniger auf einem Fehler der Beobachtung, als der Interpretation des Beobachteten beruht. Wir wissen ferner, daß eine große Zahl von Phänomenen, die noch vor wenigen Jahrzehnten einfach geleugnet wurden, nunmehr zugegeben und durch Hypnose oder Suggestion erklärt werden. Wie der »singende« oder nahende Karawanen verkündende Sandberg den Geologen kein Rätsel mehr ist und seitdem die Erklärung gefunden, seine Existenz auch eingeräumt wird – daß es mehrere solcher Berge gibt, wissen wir auch erst seit ganz kurzer Zeit –, so wurde schon vieles und wird noch mehr aus den Berichten der Alten sich bewahrheiten. Hier waren es nicht die Erzähler von wunderbar scheinenden Dingen, die sich blamierten, sondern die superklugen Gelehrten waren es, die, bewaffnet mit dem berühmten Rüstzeug der modernen Kritik, die Frage nicht vorurteilslos prüften, sondern kategorisch negierten.
Aus alledem ergibt sich, daß auch die mittelalterliche Literatur, bei gehöriger kritischer Verarbeitung, für unsere und noch manch andere Zwecke zweifellos viel wertvolles Material beizusteuern geeignet wäre. Hier kritische Methoden zu ersinnen – denn die gegenwärtig geübten der Negation lassen durchaus im Stich –, wird ein dankbares Feld der Zukunft sein. Wir können uns der Aufgabe nicht unterziehen. Weniger, weil es den Rahmen der Untersuchung zu weit ausdehnen würde, als deshalb, weil wir damit unserer Beweisführung nicht dienen würden.
Wie die Festigkeit einer Kette nicht durch das stärkste, sondern durch das schwächste Glied bestimmt wird, so auch die einer Beweisführung. Wir müssen uns deshalb ängstlich hüten, allzuviel Material zu verwenden, bei dem der Kritiker einwenden kann, es könne ja wahr sein, müsse es aber nicht sein.
Deshalb wollen wir uns im Nachstehenden, unter teilweisem Verzicht auf die oben skizzierte, an sich gewiß außerordentlich verlockende Aufgabe, damit begnügen, einige Beispiele für Prophetie anzuführen, an deren Authentizität sich kaum zweifeln läßt. Dabei schicken wir aber voraus, daß wir hier nur den Boden für die weitere Untersuchung bereiten wollen und uns völlig darüber klar sind, daß ein zwingender Beweis auf dem in den beiden ersten Kapiteln dieses Buches eingeschlagenen Wege nicht zu erbringen ist.
Tommaso Parentucelli, Bischof von Bologna, bestieg 1447 als Nikolaus V. den Stuhl Petri. Er hatte in der Nacht vor Papst Eugens Tode seine Wahl geträumt, ja, mehr als das, Kaiser Friedrich III. hatte in der Nacht, als Parentucelli Österreich verließ, geträumt, daß er von ihm zum Kaiser gekrönt werde, und sich gewundert, daß ein einfacher Bischof diese feierliche Handlung vornehmen würde. Als nun Nikolaus wirklich Papst geworden war, zweifelte der Habsburger nicht, daß er auch die Kaiserkrone aus seinen Händen empfangen würde. Da Äneas Sylvius, der nachmalige Papst Pius II., zugegen war, als Nikolaus und Friedrich sich gegenseitig ihre Träume erzählten, auch in seinem Berichte beifügt, daß vier weitere Zeugen anwesend waren, ist die Beglaubigung dieser Vorahnung völlig einwandfrei[35].
Der bekannte Arzt Thurneysser gab von 1573 bis 1585 Kalender heraus, wobei er den einzelnen Monatstagen »Prognostika« beisetzte. Wunderbarerweise traf manche Vorhersage erstaunlich richtig ein, so daß die Vermutung nicht ferne liegt, Thurneysser habe eine gewisse Sehergabe besessen.
Um ein Beispiel anzuführen, steht im Kalender von 1579 beim 17. Dezember: »Eine schändliche Tat einer fürstlichen Person.« Die Erklärung lautete im Kalender des folgenden Jahres: »Auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember gestorben, da denn bald hernach folget ›Mord oder Totschlag einer fürstlichen Person‹, welches also erfolget[36].«
Es sei niemandem verwehrt, hier Zufall anzunehmen; immerhin ist es ein recht merkwürdiger Zufall, denn solche Taten passierten auch damals nicht allzuoft, und ihre Festlegung auf einen bestimmten Tag gibt zweifellos zu denken.
Pierre d’Ailly (geb. 1350 zu Compiègne, gest. zu Avignon zwischen 1419 und 1425), Kanzler der Sorbonne, Almosenier und Beichtvater des Königs Karl VI., Bischof von Puy, dann von Cambray, seit 1411 Kardinal, schrieb unter dem latinisierten Namen Petrus de Aliace mit dem Titel »Concordantia Astronomiae cum Theologia, Concordantia Astronomiae cum Historica Narratione« ein Buch, das erst im Jahre 1490 in Augsburg im Druck erschien.
Pierre d’Ailly, der übrigens vornehmlich den Tod des Johann Huß auf dem Konstanzer Konzil verschuldet hat, war einer der angesehensten Männer seiner Zeit und wurde wegen seines Scharfblicks »der Adler der französischen Gelehrten« zubenannt.
Wie Ersch und Grubers »Encyklopädie« bemerkt, hatte er aber die »Schwäche«, astrologischen Berechnungen zu glauben. Fast könnte er uns zu dieser Schwäche durch die Lektüre des 60. Kapitels genannten Werkes bekehren.
In diesem »de octava coniunctione maxima« betitelten Abschnitt ist zu lesen, daß nach der großen achten »Konjunktion« des Saturn die Vollendung von gewissen 10 Umdrehungen dieses größten Planeten im Jahre 1789 stattfinden wird.
»Wenn die Welt bis zu jenen Zeiten stehen wird, was allein Gott weiß, dann werden große und erstaunliche Umwälzungen und Wandlungen geschehen, die am meisten die Gesetze und das Parteiwesen betreffen.«
Also eine Vorherbestimmung der großen französischen Revolution[37]!
Es bedarf keiner Betonung, daß uns der astrologische Weg völlig unverständlich ist. Das ändert aber natürlich nichts daran, daß Berechnung und Wirklichkeit hier harmonieren. Jedermann sei es auch hier freigestellt, den Zufall als Begründung anzunehmen.
Was im übrigen die Astrologie betrifft, in früheren Jahrhunderten die bevorzugte und mit Gold überhäufte Schwester der Astronomie, so beruht der Glaube an sie bekanntlich auf einem supponierten Einfluß der Gestirne auf das Leben des einzelnen.
Es ist ohne weiteres klar, daß nur kindische Spielerei aus der Übereinstimmung des Planetennamens Mars mit dem Kriegsgott, oder des Planetennamens Venus mit der freundlichen Göttin der Liebe irgend etwas zu folgern vermag. Man hätte selbstverständlich die Gestirne auch anders taufen können und die Analogie käme dann in Fortfall.
Anders läßt sich allerdings die Sache betrachten unter der Annahme, daß jahrhunderte-, ja, jahrtausendelange Erfahrung ein Zusammentreffen gewisser Ereignisse und Schicksale mit bestimmten Konjunktionen der Gestirne ergeben habe. Wie es etwa zahlreiche Menschen gibt, die bei Witterungswechsel Rheumatismus oder Kopfweh bekommen.
Wäre letztere Annahme richtig, dann müßte allerdings – eine ausreichende Erfahrung und genügend scharfe Beobachtung vorausgesetzt – wenigstens in der Regel die schwierige astrologische Berechnung mit den Tatsachen übereinstimmen. Das ist nun aber keineswegs der Fall. Vielmehr sind die Beispiele, daß selbst die größten Astronomen – die also keine Kunstfehler machen – sich ganz gründlich irren, nichts weniger als selten.
So sandten zum Beispiel im Jahre 1179 sämtliche Astrologen Briefe an alle Länder und verkündeten den Untergang des Menschengeschlechtes für das Jahr 1186. Oder Johann Stoffler berechnete für das Jahr 1524 eine neue Sintflut und erregte damit das größte Entsetzen in ganz Europa. Andere, so Georg Tannstetter in Wien, griffen zur Feder, um das Irrtümliche dieser Prophezeiung zu beweisen. Es war auch notwendig, etwas zur Beruhigung der Gemüter zu tun, denn man hatte schon begonnen Archen zu bauen, um für alle Fälle gesichert zu sein.
Cyprianus Leovitius, Hofmathematiker des Kurfürsten Otto Heinrich von der Pfalz, verkündete aus den Sternen den Weltuntergang für das Jahr 1584[38]. Diesen Vorhersagen des Weltunterganges folgten noch viele andere, auf die einzugehen wenig Interesse bietet.
Noch im 18. Jahrhundert hat ein gewisser Ziehen die einfältigsten astrologischen Weissagungen zum besten gegeben. So, daß die Erdoberfläche Europas sich immer mehr gegen Süden senken würde, daß der Ärmelkanal austrocknen würde und anderes mehr[39].
Überhaupt ist an falschen astrologischen Prophezeiungen gewiß kein Mangel. So hat z. B. Kepler dem damals sechsundzwanzigjährigen Wallenstein im Jahre 1609 das Horoskop gestellt, das heute noch im Original erhalten ist. Darin sagt er dem späteren großen Feldherrn neben einigem Richtigen auch voraus, er werde im siebzigsten Lebensjahre einem viertägigen Fieber erliegen.
Melanchthon, ein heftiger Gegner des Kopernikanischen Sonnensystems, der zu einem astrologischen Handbuch des Johann Schoner eine lange Vorrede verfaßte, kehrte einst auf einer Reise bei seinem Freunde Melander ein. Er stellte dessen jüngstem, etwa halbjährigen Kind das Horoskop und prophezeite, daß es gleich seinem Vater sehr gelehrt sein werde und als tapferer Streiter Gottes zu hohen geistlichen Würden gelangen würde. Darauf rief Melander lachend aus: »Philippe, Philippe, es ist ja ein Mägdlein[40]!«
Solche und ähnliche Entgleisungen der Astrologie sind außerordentlich häufig. Dagegen werden wir aber noch sehen, daß auch Vorhersagen erstaunlich richtig eintreffen. Letzteres läßt sich natürlich am einfachsten durch Zufall erklären, was einem Verzicht auf Erklärung gleichkäme. Ob wir zu diesem Auskunftmittel in allen Fällen greifen müssen, wollen wir vorläufig dahingestellt sein lassen. Soviel ist jedenfalls sicher: eine Methode, die zu so zahlreichen Mißgriffen führt, wie die astrologische, ist mangelhaft, vielleicht überhaupt ganz falsch. Auf keinem Fall kann der Astrologie für sich allein und in ihrer bisherigen Handhabung ein hoher prophetischer Wert beigelegt werden.
Daß Goethe der Astrologie nicht völlig fern stand, was gewiß manchen interessieren wird, mag aus dem Anfang seiner »Dichtung und Wahrheit« hervorgehen. Er schreibt hier im ersten Buche des ersten Teils:
»Am 28. August 1749, mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sich freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig: nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.
Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein: denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte.«
Tycho de Brahe deutete den neuen Stern, der 1572 in der Cassiopeia erschien, als Ursache der Geburt eines tapferen Prinzen, dessen Waffen Deutschland überstrahlen, der selbst aber 1632 wieder verschwinden würde. Er verfaßte darüber die Schrift: »De stella nova in Cassiopea exorta.« Die Deutung auf Gustav Adolf von Schweden liegt nahe genug. Allerdings wurde er erst 1594 geboren, starb aber 1632.
Kepler sagte in seiner astrologischen »Practica« für das Jahr 1619 den Tod des Kaisers Matthias richtig voraus, und zwar durch ein sechsfaches M. M(agnus) M(onracha) M(atthias) M(ense) M(artis) M(orietur), d. h. der große Monarch Matthias wird im Monat März sterben. Das war auch richtig, denn der Kaiser schloß die Augen am 20. dieses Monats.
Der Astronom J. H. Vogtius sagte nicht nur das Ende seines Sohnes, der als Mörder hingerichtet wurde, sondern auch im Jahre 1682 den Untergang Moskaus vorher mit den Worten: »Moscovia infortunium suum noc evitabit.« Bekanntlich verbrannte die alte Hauptstadt im Jahre 1812. Vogtius, ein gelehrter Mann, starb zu Stade im Jahre 1691[41].
Der Astrologe Andreas Goldmayer (geb. 1603) sagte 1632 in Straßburg voraus, daß Gustav Adolf bei Lützen eines gewaltsamen Todes sterben würde. Diese Vorhersage war Ursache, daß er die Stadt verlassen mußte. Als sie sich aber erfüllt hatte, erntete er Ruhm und Ferdinand III. zeichnete ihn aus[42].
Man wird zugeben, daß das Eintreffen dieser Vorhersage ein merkwürdiger Zufall ist. Wallenstein war ganz begeistert von der treffenden Sicherheit, mit der Kepler aus den ihm, ohne nähere Kenntnis der Person, übermittelten astrologischen Daten, Charakter und Gestalt der Herzogin erkannt hatte.
Übrigens versäumte der große Astronom nie, einem Horoskop oder einer Nativität die Bemerkung hinzuzufügen, die seinen Zweifel an der Richtigkeit dieser Kunst ausdrückte[43].
Auch der Tod Eduards VII. wurde im Horoskop vorgesehen[44]. Zu denken gibt auch, daß der Astrologe A. J. Peare schon 1868 aus dem Horoskop des jetzigen Königs von England, der damals 2 Jahre zählte, voraussagte, »dieser Prinz wird, wenn er am Leben bleibt, König von England werden mit dem Namen Georg V.« Übrigens hat der König das beklagenswerte Schicksal seines Bruders auch im Horoskop, und seiner Regierung sollen Katastrophen zu Lande und Wasser bevorstehen[45].
In jüngster Zeit sagte die Pariser Astrologin Mme. Thebes in der Neujahrsnummer des »Gaulois« 1899 den Tod des Präsidenten Felix Faure vorher, der auch wirklich am 16. Februar dieses Jahres eintrat. Auch hier überlassen wir es selbstverständlich dem Leser, Zufall anzunehmen. Das ist um so mehr erlaubt, als bei einem Manne Ende der fünfziger Jahre die Todeswahrscheinlichkeit in einem Jahre etwa 1 : 20 beträgt, also keineswegs die Irrtumsmöglichkeit enorm ist. Im Keplerschen Falle wäre diese Zahl, da der Monat angegeben ist, natürlich noch mit 12 zu multiplizieren.
Bemerkenswert ist auch, daß ein englischer und ein französischer Astrologe, deren Namen verschwiegen werden, durch das Horoskop gefunden haben, daß Dreyfuß unschuldig sei und Ende des Jahres 1899, wohl im Oktober, freigelassen würde. Bis dahin werde er trotz seiner Unschuld im Exil bleiben müssen. Tatsächlich wurde der unglückliche Hauptmann am 21. September 1899 begnadigt.
Was an diesen Astrologen Wahres ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Da aber die angegebene Vorhersage bereits in der siebenten Nummer der Zeitschrift für Spiritismus vom 18. Februar 1899 erschien, so handelt es sich zweifellos um eine richtige Vorhersage.
Gerade hier scheint es aber nicht am Platze, dem Fall außerordentliche Bedeutung beizulegen. Denn da die Dreyfußaffäre die ganze Welt, in erster Linie Frankreich beschäftigte, so werden zahllose Leute prophezeit haben. Da es ferner nur die Möglichkeiten schuldig oder unschuldig, Freilassung oder Exil gab und auch der Natur der Sache nach nicht viele Termine in Frage kommen konnten, so läßt sich eine Wahrscheinlichkeitsrechnung ohne Schwierigkeit konstruieren. Da das Verhältnis der wirklichen zu den möglichen Fällen nur begrenzt ist, so wäre gerade bei dieser Prophezeiung Zufall keineswegs ausgeschlossen.
Cardanus, einer der geistreichsten Astrologen und, wie bekannt, berühmter Mathematiker und Arzt, ließ im Jahre 1543 in Nürnberg ein Werk »Zwei Bücher des Cardanus usw.« erscheinen, in dem er 67 Horoskope von bedeutenden Menschen aller Zeiten veröffentlicht, so das des Patrarcha, Karls V., Albrecht Dürers u. a. Hier findet sich auch folgende Charakterskizze Luthers, dessen Geburtstag er fälschlich auf den 22. Oktober 1483 festgesetzt. Sie lautet:
»Dies ist das wahre Horoskop Luthers. Auch mußte eine so bedeutende Erscheinung einen solchen Anfang haben, und bei einer so wunderbaren Konstellation konnten solche Folgen nicht ausbleiben. Denn Mars, Venus und Jupiter traten neben der Ähre der Jungfrau im untersten Winkel des Himmels zusammen, so daß aus ihrer Verschwörung notwendig auch ohne königliches Blut eine fast königliche Gewalt hervorgehen mußte. Unglaublich ist es, welche große Anzahl von Anhängern sich diese Lehre in kürzester Zeit erworben hat. Schon entbrennt die Welt in wildem Kampfe ob dieses Wahnes, der doch, weil Mars sich in seine Erzeugung mischte, in sich selbst zerfallen muß. Unzählig sind die Köpfe, welche in ihm herrschen wollen, und wenn nichts anderes uns von seiner Nichtigkeit überzeugen könnte, so müßte es die Menge der verschiedenen streitenden Meinungen sein, da doch die Wahrheit nur eine einzige ist, die vielen verschiedenen Ansichten also notwendig abirren. Nichtsdestoweniger zeigen uns Sonne und Saturn an dem Orte der zukünftigen großen Konjunktion die Festigkeit und lange Dauer dieser Ketzerei.«
Selbst Schleiden muß zugeben, daß diese Prophezeiung, wenigstens was ihren Schluß betrifft, von erstaunlicher Richtigkeit ist, und das wiewohl Cardanus das dogmatische Gezänk, den Krebsschaden der Reformation, ganz richtig als Gefahr erkannt hatte.
Einigermaßen merkwürdig ist auch die Prophezeiung, die Johannes Capistrano in seiner »Astronomie« im Jahre 1460 nebst mancher anderen bemerkenswerten für das Jahr 1622 gibt. Sie lautet: »Der große Löw von Mitternacht zeucht auß, und kömpt nicht heim, er habe dann verricht, was ihme befohlen, viel, die sich für klug achten, werden sprechen: Non putaram, andere werden sagen: Hab ich das nicht ehe gesagt, die aber, so es am härtsten treffen wird, werden blind seyn, und den Löwen für einen Hanen halten, für welchem sich auch kein Adler fürchtet. Er wird aber im 1622. Jahr sehr brüllen, daß die Erde erzittert, unnd alle Menschen sehr erschrecken werden.«
Wenn Capistranus sich auch um einige Jahre irrte, so stimmt doch die Tatsache. Denn die Deutung auf Gustav Adolf ist geboten. Bedenkt man, daß damals Skandinavien noch gar keine Rolle spielte, so wird man, angenommen es spiele hier der Zufall, immerhin zugeben müssen, daß es ein merkwürdiger Zufall ist.
Merkwürdig ist auch der unmittelbar anschließende Passus: »Niederland wird sich heiß und hefftig umb aller Welt Händel annemen, unnd uberall vorne an der spitzen seyn wollen.« Daß in diese Zeit der Kriege mit Spanien die höchste Blüte der Niederlande, damals des reichsten Landes Europas, fällt, ist hinlänglich bekannt. Daß ab 1620 Deutschland in eine große Kriegsperiode eintritt, sagt Capistrano auch voraus. Gewiß ist der Anfang nicht genau richtig angegeben, die Tatsache stimmt aber[46].
Die angeführten Beispiele aus der Astrologie dürften um so mehr genügen, als sie aus einschlägigen Werken leicht vermehrt werden können. Wir wollen nun noch nachstehend eine Reihe von Vorhersagen zusammenstellen ohne Rücksicht darauf, auf welchem Wege sie gewonnen wurden.
Als im Jahre 1610 König Heinrich IV. von Frankreich gegen Spanien rüstete, bestimmte er für die Zeit seiner Abwesenheit seine Gemahlin Maria von Medici zur Regentin. Schon im Begriff der Abreise zur Armee, wiederholte seine Gemahlin ihre Bitte, sich vor seiner Abreise salben und krönen zu lassen, um dadurch ihrer Regentschaft in den Augen des Volkes mehr Glanz zu verleihen. Er zeigte anfangs die größte Abneigung dagegen. Nicht nur, weil diese Feierlichkeit bedeutende Summen kosten und ihn noch einige Zeit in Paris zurückhalten würde, sondern auch wegen der gegen Sully ausgesprochenen Besorgnis, daß sie die Ursache seines Todes sein würde. Denn ihm war verkündet worden, er werde bei dem ersten Feste, das er veranstalte, getötet werden. Endlich willigte er in die Bitte der Königin und bestimmte am 12. Mai den folgenden Tag zu ihrer Krönung und den 16. zu ihrem feierlichen Einzug in Paris. Die Krönung und Salbung fand mit großer Pracht zu St. Denys statt. Am folgenden Tage, dem 14. Mai 1610, wollte der König vom Louvre zum Arsenal fahren, um Sully, der hier wohnte und krank war, zu besuchen. In seinem Wagen, der wegen des schönen Wetters offen war, saßen noch die Herzöge von Epernon und Montbazon und fünf weitere Personen. Eine kleine Anzahl Edelleute zu Pferde und einige Diener zu Fuß folgten ihm. Die Straße La Ferronnerie, welche schon durch Buden, die an die Mauer des neben ihr liegenden Kirchhofes gebaut waren, sehr verengt war, wurde durch einen mit Wein beladenen Wagen und einen Heuwagen gesperrt, so daß der König anhalten mußte. Die meisten der ihm folgenden Edelleute und Diener schlugen den Weg über den Kirchhof ein, um an dem anderen Ende der Straße sich wieder dem königlichen Wagen anzuschließen. Während von den zwei Zurückgebliebenen der eine vorwärts ging, um Platz zu machen, und der andere sich bückte, um sein Knieband zu befestigen, trat ein Mann auf das Hinterrad des Wagens und stieß dem König, der soeben aufmerksam einen Brief anhörte, den Epernon ihm vorlas, ein Messer etwas oberhalb des Herzens in die Brust. Der König, rief aus »ich bin verwundet!« Im selben Augenblick traf ein zweiter Stoß sein Herz und sogleich stürzte ihm das Blut in solcher Menge aus dem Mund, daß er erstickte. Der Mörder hieß Franz Ravaillac[47].
Bassompierre, der in seinen Memoiren diese Erzählung bestätigt, weiß noch von Vorzeichen bzw. Vorahnungen zu berichten: »Er (der König) sagte mir kurze Zeit vorher (d. h. vor seiner Ermordung): ›Ich weiß nicht, was das ist, Bassompierre, aber ich kann mich nicht davon überzeugen, daß ich nach Deutschland gehen werde und das Herz sagt mir nicht, daß du auch nach Italien gehen wirst‹. Wiederholt sagte er mir und auch andern: ›Ich glaube bald zu sterben‹. Und am ersten Tage des Mai, als er aus den Tuilerien durch die große Galerie zurückkehrte (er stützte sich immer auf jemand) und er Mr. de Guyse an der einen Seite führte und mich auf der andern und uns erst verließ, als er im Begriffe war, ins Gemach der Königin einzutreten: da sagte er uns: ›Gehen Sie nicht fort, ich gehe nur fort, um meine Frau zu veranlassen, sich schnell anzuziehen, damit sie mich beim Essen nicht warten läßt‹, denn er speiste gewöhnlich mit seiner Gemahlin.
Wir stützten uns, ihn erwartend, auf das eiserne Geländer, das auf den Hof des Louvre geht; als plötzlich der Maibaum den man hier in der Mitte eingesetzt hatte, umfiel, ohne durch den Wind oder eine andere Ursache erschüttert worden zu sein, und dabei nach der Seite der kleinen Treppe zu, die zum Zimmer des Königs führt, stürzte. Ich sagte darauf zu Herrn von Guyse: ›Ich wollte viel darum geben, wenn das nicht passiert wäre; das ist ein sehr schlechtes Omen. Gott wolle den König schützen, der ja der Maibaum des Louvre ist.‹
Er antwortete mir: ›Was sind Sie närrisch, an solche Sachen zu denken!‹ Ich entgegnete: ›In Italien und Deutschland würde man von einem solchen Vorzeichen noch ganz anderes Aufhebens machen, wie wir jetzt hier. Gott schütze den König und alles was ihn betrifft.‹
Der König, der nur ins Gemach der Königin eingetreten war und es gleich wieder verlassen hatte, war ganz leise herangetreten, um uns zuzuhören, im Glauben, wir sprächen von irgendeiner Dame, vernahm alles, was ich gesagt hatte und unterbrach uns mit den Worten: ›Ihr seid närrisch euch über solche Vorzeichen zu unterhalten: seit dreißig Jahren haben alle Astrologen und Charlatans, die es zu sein vorspiegeln, mir alljährlich vorherverkündet, daß ich mein Leben aufs Spiel setze; et celle que je mourray, on remarquera lors tous les presages quy m’en ont adverti en celle, dont l’on fera cas, et on ne parlera pas de ceux quy sont avenus les années precedentes[48].‹
Nach diesem Bericht, der den Stempel der Wahrheit an der Stirn trägt, wird man wohl kaum an der Tatsächlichkeit der Vorhersage eines gewaltsamen Todes zweifeln können.
Übrigens soll auch ein Edelmann Namens Villandry und der Astrolog Rizacasa das Attentat auf Heinrich IV. vorhergesagt haben[49].
Katharina von Medici sagte dem Herzog von Biron seinen Tod bei der Belagerung von Epernay voraus.
Der Bruder des Herzogs, der denselben Astrologen fragte, dessen sich auch Katharina bediente, erhielt folgende Antwort:
»Er wird unter dem Henkerbeil sterben.«
»Was soll das heißen?« rief Biron aus.
»Gnädiger Herr, wenn ich mich besser ausdrücken soll, so muß ich sagen, daß ihm der Kopf zerrissen wird.«
Der erzürnte Biron richtete in seiner Wut den armen Astrologen darauf übel zu und ließ ihn auf dem Boden liegen. Dieser Gewaltakt hinderte nicht, daß die Prophezeiung nach sechs Monaten in Erfüllung ging. Eine Kanonenkugel raffte den Herzog hinweg.
Ein besonderes Interesse verdienen die Visionen des sonst unbekannten Joachim Greulich, die ihrer Zeit ein ungeheures Aufsehen machten. Die somnambulen Zustände des Greulich stellten sich öfter und zuletzt täglich ein. Greulich verlor im tagwachen Zustande nicht die Erinnerung an seine auf die politische Lage der Staaten und Hauptstädte Europas bezüglichen Visionen, sondern führte über sie ein Tagebuch. Einige Stellen dieses Tagebuches seien nachstehend wiedergegeben[50]:
Am 18. August »kam der Engel GOttes wieder zu mir um die mitternachtsstunde und sprach zu mir: Siehe in den himmel, wie er so blutig ist; da sahe ich darinne ein blutiges schwerd, und neben dem schwerd stund mit güldenen buchstaben geschrieben: Du schöne stadt Erfurt; und auff der andern seiten stund wieder mit güldenen buchstaben geschrieben: Große feuersbrünsten, die in dieser stadt auskommen werden; über dem schwerdt aber stund geschrieben, groß auffruhr, rebellerey wird sich da begeben, sonsten keinen krieg weiß ich ihnen anzuzeigen; dann dieses schwerd ist ihnen selbst in ihre hand gegeben.«
Tatsächlich legten einige Jahre später – die Visionen wurden 1653 niedergeschrieben – mehrere große Feuersbrünste das damals bedeutende Erfurt fast ganz in Asche. Anfangs der sechziger Jahre entstanden Reibereien zwischen der Bürgerschaft und dem Rat, welche jahrelang dauerten und in offene Empörung gegen Kurmainz ausarteten. Als die Erfurter einen kaiserlichen Herold, der der Stadt die Reichsacht verkünden sollte (1660), schwer mißhandelt hatten, beauftragte Kaiser Leopold I. den Kurfürsten Johann Philipp von Mainz mit der Reichsexekution. Dieser belagerte, weil wegen der Türkenkriege kein Reichskontingent verfügbar war, die Stadt mit französischen aus Ungarn zurückkehrenden Hilfstruppen und nahm sie durch Kapitulation (1664)[51].
Greulich hatte auch eine auf die Belagerung Wiens durch Kara Mustapha und die große Pest, die 80 000 Menschen dahinraffte, bezügliche Vision:
»Den 29. August um 4 uhr zu nachts kam der Engel GOttes wieder zu mir und sprach: Siehe wieder in den Himmel, wie er so blutig ist; da sahe ich darin pfitzschpfeile, bögen und blutige säbel, und ein creutz auch dabey, und neben dem säbel stund geschrieben mit güldenen buchstaben: Du schöne stadt Wien, du wirst schrecklich von den Türcken betränget werden; und über den pfitzschpfeilen, bögen und blutigem säbel stund ein schöner adler, und ich fragte den Engel GOttes, was der adler bedeuten wird; da sagte er mir, der Engel GOttes, nach eroberung der stadt Raab werden sich die Türcken für Wien machen, daß gleichsam Käyserliche Majestät von seiner Residentz-stelle weichen wird müssen, jedoch werde unsere Käyserl. Majestät den Türcken gewaltig schlagen, und die Türcken mit schand und spott wieder vor Wien werden abziehen müssen; keinen Teutschen krieg kan ich der stadt Wien anzeigen, auch keine straff als sterben und den Türken.«
Auch über die Vertreibung der Bourbonen hatte Greulich zwei Visionen:
Die erste beschreibt er (p. 253) folgendermaßen: »Ady den 28. Aug. zu nacht um 4 auff der großen uhr, kam der Engel GOttes wieder zu mir und sprach: . . . Und nach diesem sprach der Engel GOttes wieder zu mir, ich solte in den himmel sehen, wie er so blutig sey, da sahe ich darinnen ein blutiges schwerd, und ein kreyß oben darauff, und auf der rechten seiten neben dem schwerd stund geschrieben mit güldenen buchstaben: Ihr Königl. Majestät in Franckreich, und auf der lincken stund abermal mit güldenen buchstaben geschrieben: Schönes Franckreich, es wird jämmerlich mit dir zugehen, da fragte ich den Engel GOttes, was das bedeuten wird, da sagte er zu mir, siehe wol an den himmel, wie des Königes in Franckreich sein Name sich daran verdunckelt, und er hat sich gantz verlohren, das bedeut, daß er soll mit den seinen verjagt und verderbet werden, und es wird ein sterben auch dazu kommen.«
Die zweite Vision Greulichs lautet:
». . . Über eine weile kam der Engel GOttes wieder zu mir und sprach: Sihe in den himmel, wie er so blutig ist, und ich sahe darinnen einen grausamen stuhl gesetzt; und auf dem stuhl saß einer in einer güldenen crone, und er hatte in seiner rechten Hand Scepter und Reichs-apfel, und über seinen stuhl (der grausam schön war anzusehen) stund mit güldenen buchstaben geschrieben: Königl. Majestät in Franckreich, und über der schrifft stund eine blutige fahne; und der Engel GOttes sagte zu mir: Siehe jüngling, da kommen des Königs in Franckreich seine Räthe, die ältisten so wol als die jüngsten, daß beysamt der blutigen fahnen kniend für dem König in Franckreich sie müssen einen eid ablegen, daß sie bey ihrer treu und glauben bey ihme leben und sterben wollen, und auch gegen ihres Königs feinde seyn (der Schwur im Ballhause und die große Feier auf dem Marsfeld!) und wie das verrichtet war, saß der König noch auf seinem stuhl, und der Engel GOttes sprach zu mir: Siehe, jüngling, wie des Königs seine crone, scepter und Reichsapfel alles verrostet, und es anfangs alles schöne geglissen hat, nun aber siehestu, daß es mit allem Königlichen Ornat von seinem stuhl herunter gestoßen wird[52].«
Wenn wir uns bei der Betrachtung obiger Visionen vor Augen halten, daß sie, selbst wenn wir an Arnolds Quelle zweifeln sollten, da er ungedruckte Papiere benutzt zu haben behauptet, ein volles Jahrhundert früher publiziert wurden, als sie eintraten, daß also auch nur der allerleiseste Zweifel an ihrer Authentizität hinfällig ist – denn auch Arnold konnte ja gar keine Ahnung davon haben, daß neunzig Jahre, nachdem er es im Druck erschienen ließ, das Gesicht sich realisieren würde – dann wird wohl auch der größte Verfechter der Unmöglichkeits- und Zufallstheorie einigermaßen bedenklich werden.
Um die volle Wunderbarkeit der Prophezeiung richtig bewerten zu können, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß Greulich so gut wie Arnold in der Zeit des auf die Spitze gesteigerten Absolutismus lebten. Man muß ferner wissen, daß Frankreich, vom Sonnenkönig Ludwig XIV. regiert, damals auf dem Gipfel seiner Macht und seines Ansehens stand. Es lag außerhalb jeder menschlichen Berechnung sowohl an einen Sturz des Königtums irgendwo in Europa, als besonders an den der glänzenden, allmächtigen Bourbonen Frankreichs zu denken.
Die Vision wird noch erstaunlicher durch den Nebenumstand, daß der König erst vertrieben wird – und zwar wie der »grausame stuhl« und die »blutige fahne« andeuten nicht eben sänftiglich; den Henkerstod zu prophezeien scheute sich wohl auch ein Greulich – nachdem ihm der Treueid geleistet worden war. Daß dieser Zug jede Berechnung ausschließt, dürfte kaum bestritten werden können.
Wir haben es hier – und zwar zum ersten Male in diesem Buche – mit einer richtigen Vision zu tun. Die Form, in der die Zukunft enthüllt wird, das Erscheinen eines Engels, ist höchst befremdlich und der Verdacht, es handele sich um Schwindel oder Wahnideen, liegt nahe. Wir werden aber später noch häufig Gelegenheit haben, bei anderen Sehern ganz Ähnliches zu finden. Entscheidend ist hier eben nur, ob die Vorhersage eintrifft oder nicht. Und da hier letzteres der Fall ist, müssen wir wohl oder übel das Phänomen hinnehmen, wie es sich uns bietet.
Zur Warnung für vorschnelle Urteile ist es nicht überflüssig, daran zu erinnern, daß das Problem der Prophetie noch Neuland ist. Unsere erste Aufgabe muß es sein, festzustellen, ob es überhaupt ein Fernsehen in der Zeit gibt. Erst wenn das geschehen ist, kann die Untersuchung der Bedingungen, unter denen diese Kraft wirksam wird, uns beschäftigen. Wenn wir also auch die allerwunderlichsten Berichte finden – wie etwa in bezug auf Greulichs Engel – so werden wir uns hüten müssen, daran herumzukritisieren. Vielmehr handelt es sich für uns zunächst nur darum, ob dieser angebliche Engel sich durch die Wahrheit seiner Eingebung sozusagen legitimiert.
Wenn eine neue Naturkraft oder irgendeine Erscheinung der Natur untersucht werden soll, so bedient sich der Naturforscher zu diesem Zweck des Experimentes. Dann ist es seine Aufgabe nicht etwa – wie der Laie meinen mag – der Natur das Experiment aufzutrotzen, sondern ganz im Gegenteil ihr die Bedingungen abzulauschen, unter denen sie den Versuch gelingen läßt. Nicht der Naturforscher stellt also die Bedingungen auf, sondern die Natur.
Um ein Beispiel zu gebrauchen: die Entwicklung der photographischen Platte ist nur in der Dunkelkammer bei rotem Lichte zu bewerkstelligen. Dieser Bedingung des roten Lichtes hat sich der Photograph einfach zu fügen und erst wenn er auf Grund von vielfachen Versuchen zum Resultate gekommen ist, daß Licht von anderer Farbe ihm die Platte verdirbt, wird er dazu übergehen die Gründe dieser Erscheinung zu prüfen. Hier stellen also das rote Licht, die Natur, die Beschaffenheit der Platte die Bedingungen, und die Aufgabe des Experimentators kann nur sein, diese Bedingungen herauszufinden und sich ihnen zu fügen. Erst auf einer höheren Stufe wird er dazu übergehen können die Natur – scheinbar – zu zwingen.
Leute, die sich am Engel in der Prophetie oder am Symbolismus vieler Vorhersagen stoßen, erscheinen fast so, als wollte jemand das Schwimmen der Fische untersuchen und sich darüber aufregen, daß das nur im Wasser vor sich geht. Auf dem trockenen Lande wären doch die Beobachtungsbedingungen viel bequemer!
Was übrigens den Sturz der Bourbonen bzw. die große Revolution betrifft, so wurde sie – von Cazottes Prophezeiung, auf die wir noch eingehend zurückkommen werden, abgesehen – außer von Greulich und Ailly noch von Johannes Cario in seiner 1522 zu Berlin erschienenen »Prognosticatio« vorhergesagt. Es ist nun sehr spaßhaft, daß der superkluge Adelung noch im Jahre 1787 die Richtigkeit dieser Prognose mit folgenden Worten bestreitet:
»Noch unbarmherziger soll es in dem Jahre 1789 zugehen; das sollte das schrecklichste unter allen sein, indem in demselben große und wunderbare Geschichten, Veränderungen und Zerstörungen vorfallen würden. Allein, so sehr sich der Narr in Ansehung des 1693sten Jahres betrogen hat, so sehr wird er vermutlich auch 1789 zum Lügner werden[53].«
Kehren wir noch einen Augenblick zum »Engel« zurück! Daß es sich nicht um einen der biblischen Engel handeln kann, sondern nur um ein Phantasieprodukt unterliegt natürlich bei Greulich so wenig, als bei irgendeinem andern Seher dem allergeringsten Zweifel. Das Wahrscheinlichste ist, daß das Kausalitätsbedürfnis der Propheten, die Eingebungen haben ohne zu wissen, woher sie stammen, einen Geist oder Engel oder gar Gott selbst erfinden und die Figuren ihrer Phantasie dann für wirkliche Personen halten. Damit ist keine Erklärung des hellseherischen Phänomens gegeben, es sollen lediglich die Seher nach Tunlichkeit von dem Verdacht des Schwindels oder Irreredens befreit werden. Denn daß es sich hierum nicht handelt – wenn auch gewiß beides da und dort vorkommen mag – geht aus dem Inhalt des Geschauten und dessen Uebereinstimmung mit der Wirklichkeit zur Evidenz hervor. Im übrigen müssen wir den Leser vorläufig noch um Geduld bitten.
Ebenso merkwürdig fast, wie der Engel als Vermittler der Zukunft, sind Karten und Kaffeesatz der Wahrsagerinnen. Daß es noch zahllose andere angebliche Mittel gibt Zukünftiges zu sehen, Spiegel, Kristalle usw. sei im Vorbeigehen bemerkt. Darauf näher einzugehen, müssen wir ablehnen, da wir ja nicht untersuchen wollen, auf welchem Wege das zeitliche Fernsehen zustande kommt, sondern uns ganz bescheiden damit begnügen müssen, festzustellen, ob und daß es ein solches tatsächlich existiert.
Um aber das Unsere zu tun, um den Leser vor vorschnellem Aburteil zu bewahren, sei folgende interessante Geschichte hier zum besten gegeben.
»Eine Freundin von mir, Lady A., wohnte in den Champs-Elysées. An einem Oktoberabend 1883 hatte ich bei ihr diniert. Trotz ihres großen Vermögens war sie eine sehr häusliche, ordnungsliebende Dame und machte jeden Abend ihre Abrechnung vor dem Schlafengehen.
Wie sehr war sie betroffen, als ihr an diesem Abend 3500 Frs. aus der Innentasche ihres großen Reisekoffers fehlten, in dem sie ihre Juwelen und ihr Geld verwahrte.
Das Schloß war nicht verletzt; nur die Ränder der Tasche waren ein wenig verbogen. Und doch war Lady A. überzeugt, daß sie um 2 Uhr nachmittags in Gegenwart ihrer Kammerfrau die Tasche geöffnet und eine Nota bezahlt hatte. Dann hatte sie das Geld bestimmt wieder an seinen Platz gelegt. Sie schellte ihrer Kammerfrau und teilte ihr den Verlust mit. Diese wußte auch nichts anzugeben, erzählte aber dem Personal den Verlust. Die Folge war, daß der oder die Schuldige Zeit finden konnte, das gestohlene Gut in Sicherheit zu bringen.
Zeitig früh wurde der Polizeikommissar der rue Berryer benachrichtigt. Alles wurde verhört und durchsucht, umsonst.
Der Kommissar besprach noch mit Lady A. den Fall und fragte sie aus, wen sie am ehesten für den Schuldigen halte.
Lady A. gab ihre ganze Dienerschaft als vertrauenswürdig an; ganz ausgeschlossen sei aber von dem Verdacht der zweite Kammerdiener, ein großer, 19jähriger Mensch, den sie aus einer Art Protektion, die er sich durch seine musterhafte Haltung erworben, zärtlich ›den Kleinen‹ zu nennen pflegte.
Der Morgen verlief resultatlos. Um 11 Uhr vormittags schickte Lady A. die Erzieherin ihrer jüngsten Tochter zu mir mit der Bitte, ich möchte diese Dame doch zu einer Hellseherin begleiten, deren Fähigkeit ich vor einigen Tagen gerühmt hatte.
Ich kannte diese Hellseherin auch nur aus den Erzählungen einer Dame und wir machten uns auf den Weg.
Unsere Hellseherin, Frau E., brachte eine mit Kaffeesatz gefüllte Tasse und ersuchte die Erzieherin, dreimal darauf zu blasen. Dann goß sie den Kaffeesatz in eine zweite Tasse und in der ersten blieb in verworrenen Linien nur der festere Kaffeestaub zurück. Darin schien unsere Pythia zu lesen.
Sie breitete ihre Karten aus und begann: ›Ah! ein Diebstahl . . . Der Dieb ist im Hause selbst und hat sich nicht erst eingeschlichen. Warten Sie, jetzt will ich aus dem Kaffeesatz die Details herauslesen.‹
Sie nahm die Tasse, die Erzieherin mußte wieder dreimal blasen und sie griff nach ihrem Lorgnon.
Als hätte sie der Szene beigewohnt, beschrieb sie auf das genaueste das Zimmer der Lady A. Sieben Bediente, die sie dem Alter und Geschlecht nach genau beschrieb, sah sie in dem Haus. Dann kam sie wieder in Lady As. Zimmer zurück und bemerkte einen eigenartigen Schrank[54].
›Warum ist dieser Schrank nicht versperrt? Er enthält viel Geld . . . in . . . wie komisch das Ding ist! . . . es öffnet sich wie ein Portemonnaie . . . es ist kein Koffer . . . ah, ist weiß . . . ein Reisesack . . . welche Idee, hier sein Geld aufzubewahren und wie unvorsichtig, es so unverschlossen zu lassen! – Die Diebe kennen den Sack wohl . . . sie haben das Schloß nicht verletzt. Sie biegen die Seiten auseinander und mit einer Schere oder mit einer Pinzette ziehen sie die Banknoten heraus.‹
Wir lassen sie sprechen; alles, was sie sagt, stimmt in den feinsten Details mit der Wahrheit überein. Sie hält ermüdet inne. Wir beschwören sie, uns den Schuldigen zu nennen. Sie erklärt, dies sei gegen die französischen Gesetze, denn man dürfe ohne Beweise, nur durch okkultes Wissen, niemand als einen Verbrecher bezeichnen.
Da wir weiter in sie dringen, erklärt sie, das Geld werde niemals gefunden und der Dieb nicht für den Diebstahl bestraft werden, aber in zwei Jahren würde er die Todesstrafe erleiden.
So oft sie von dem ›Kleinen‹ spricht, sieht sie ihn bei den Pferden. Wir versichern ihr, er sei Kammerdiener und komme mit den Pferden gar nicht in Berührung. Aber sie besteht auf ihrer Behauptung.
Wir lassen also diese Kleinigkeit fallen, die uns aber in ihren sonst so richtigen Angaben stört.
Vierzehn Tage später entläßt Lady A. ihren Portier und ihre Kinderfrau; der ›Kleine‹ tritt ohne Grund einige Wochen später aus ihrem Dienst. Das Geld wird nicht gefunden, und ein Jahr später reist Lady A. nach Ägypten.
Zwei Jahre nach dem Diebstahl erhält Lady A. die Aufforderung vom Tribunal de la Seine, als Zeugin nach Paris zu kommen. Man hatte den Dieb gefunden. Es war Marchandon, der Mörder Frau Cornets, ehemals der so hochgeschätzte ›Kleine‹.
Wie es die Hellseherin von rue Notre-Dame-de-Lorette vorausgesehen, erlitt er die Todesstrafe. Im Prozeß konstatierte man auch, daß der ›Kleine‹ ganz nahe der Residenz von Lady A. einen Bruder hatte, der als Kutscher in einem großen Haus bedienstet war. Der ›Kleine‹ war ein großer Pferdeliebhaber und hatte jeden freien Moment bei seinem Bruder im Stall zugebracht.
So hatte die Hellseherin in jedem Detail recht behalten.
L. d’Ervieux.
Ich bestätige, daß dies der Wahrheit entspricht, da ich der Konsultation beiwohnte.
C. Deslions.«
Zu diesem außerordentlich interessanten Fall, einer Verbindung von zeitlichem und räumlichem Fernsehen, macht Dariex die Anmerkung:
»Dieser Fall von Hellsehen ist äußerst interessant. Lady A. hat mir ihn in allen Einzelheiten bestätigt. Die Karten und der Kaffeesatz sind nur ein nebensächliches Mittel, das das Medium unbewußt anwendet, um sich in Autosomnambulismus zu versetzen, d. i. in einen Zustand, worin das normale Bewußtsein außer Tätigkeit tritt, und zwar zugunsten des unbewußten Handelns. Es ist möglich, daß in diesem Zustand die unbewußten Fähigkeiten ihren größten Aufschwung nehmen können und daß die hellseherische Fähigkeit, die vielleicht in uns allen schlummert, bei manchen Individuen ziemlich viel zu leisten vermag.«
Ob es sich auch bei der Astrologie um ein ähnliches nebensächliches Mittel, wie Kaffeesatz und Karten, handelt, bleibe dahin gestellt. Desgleichen was es mit dem Engel für eine Bewandtnis hat. Denn wie man auch darüber denken mag, der Sache selbst bringt es uns nicht näher. Wenn die gut beglaubigte Geschichte, die durchaus nicht vereinzelt ist, den Erfolg hat, daß die Leser dieser Zeilen sich nicht lediglich deshalb unwillig abwenden, weil in den Visionsberichten Engel oder sonst was Merkwürdiges vorkommt, so ist der Zweck des Autors vollauf erreicht.
Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zur Sammlung historischer Beispiele für ein richtiges Vorhersehen der Zukunft zurück! Daß die chronologische Reihenfolge nicht strenge innegehalten wird, dürfte die Natur des Gegenstandes rechtfertigen.
Alessandro de Medici wurde im Jahre 1536 von seinem Vertrauten und Vetter Lorenzino auf raffinierte Weise ermordet. Dieses Ende war dem Herzog wiederholt vorhergesagt worden, sogar mit Bezeichnung der Person des Mörders. Ein Page aus Perugia hatte es geträumt und der Astrologe Giuliano del Carmine in seiner Nativität gelesen. Und zwar nicht nur, daß er ermordet, sondern sogar, daß ihm die Gurgel durchschnitten würde, und zwar durch seinen Vetter Lorenzino. Alessandro, der nicht an Astrologie glaubte, hatte darüber nur gelacht.
Ja, er hatte zum Entsetzen der Florentiner zur Hochzeit mit Margarete von Parma einen astrologischen Unglückstag gewählt, nämlich eine Sonnenfinsternis und noch dazu einen Dreizehnten.
Es gab eben zu allen Zeiten Leute, die von Wahrsagerei, Astrologie oder andern Versuchen, die Zukunft zu enthüllen, nichts hielten. Hatte doch schon Villani davor gewarnt[55]. Diese Skepsis, die also keineswegs absolut neu ist, nur daß die Gegenwart in der Ablehnung viel weiter geht, als frühere Zeiten, ist dazu angetan, die Glaubwürdigkeit einiger Berichte zu erhöhen.
Alessandro war auch von verschiedenen Personen, denen Lorenzinos Benehmen aufgefallen war, gewarnt worden, jedoch ohne jeden Erfolg. Deshalb glaubte man allgemein in Florenz, sein Tod sei ihm vom Schicksal bestimmt.
Ein Soldat von Alessandros Leibwache hatte geträumt, der Herzog sei von einem kleinen, schmächtigen Menschen, dessen Äußeres er sich genau erinnerte, ermordet. Er redete darauf seinen Herrn des Morgens an der Tür an, um ihm den Traum zu erzählen. Und als Lorenzino eben dazu trat, rief er: »Dieser ist es.« Der Herzog aber schickte den Warner mit barschen Worten fort[56].
Unterm 27. Dezember 1759 hatte der Marquis d’Argens König Friedrich dem Großen gemeldet: daß ein Mensch, der vor einundeinhalb Jahren für einen Narren gegolten, ihm im Jahre 59 großes Unglück prophezeit, für das Jahr 60 aber glücklichere Ereignisse. Er fährt in einem zweiten Briefe von 1760 fort:
»Sire! mein Prophet, über den Sie sich lustig machen, sagt noch immer Wunderdinge vorher.«
Hier folgt eine niedliche Antwort, die der Prophet dem einfältigen Markgrafen von Schwedt gab, der ihn mit vornehmen Worten abzuspeisen versuchte: »Geht, Ihr seid ein Narr!«
»Meine Frau sagt mir das täglich, aber ich achte nicht darauf, weil ich den Umfang ihres Geistes kenne,« replizierte der schlagfertige Prophet.
D’Argens erzählt jetzt weiter, daß der Seher die Schlacht bei Küstrin einen ganzen Monat vorher mit folgenden Worten angekündigt habe: »Der König wird in dreißig Tagen eine blutige Schlacht über die Russen gewinnen; an 15 000 werden bleiben und lange Zeit auf dem Schlachtfeld liegen und den Vögeln zur Beute werden.«
»Der Tag«, fährt Argens wörtlich fort, »war gerade der Tag der Schlacht. Ich weiß wohl, das Ungefähr hat die Vorhersage dieses Mannes wahr gemacht, aber man muß doch gestehen, es war ein sonderbares Ungefähr.«
Der Marquis betont ausdrücklich, daß er trotzdem nicht an Propheten glaube – wie konnte er auch anders in der Zeit der Aufklärung und in einem Briefe an einen ihrer glänzendsten Vertreter?! – sondern ein treuer Anhänger Epikurs nach wie vor sei[57].
Der Tod des Königs Friedrich von Württemberg im Jahre 1816 wurde bereits 1812 von den Stuttgarter Somnambulen Wanner und Krämer vorhergesagt. Eschenmayer berichtet darüber im ersten Bande des »Archivs für tierischen Magnetismus«[58] ausführlich. Das wesentliche seines Berichtes lautet:
»Die erste Vorhersage geschah im Jahre 1812, wahrscheinlich am 12. Juli, in Gegenwart von Hofmedikus Klein, Oberfinanzrat St. . ., dessen Frau und Tochter. Sie lautete: »S. M. stirbt im Jahre 1816 zwischen dem 18. und 20. April auf ungewöhnliche Weise.« (Zu Klein): »Zu Dir wird noch vorher geschickt werden und eine andere Person (die sie nannte) wird vorangehen.«
Die Somnambule verpflichtete alle zu strengstem Stillschweigen aus Furcht, man werde sie für eine Irrin erklären, wenn ihre Prophezeiung bekannt würde. Später sagte die Wanner: »Das Jahr des Todes sei zuverlässig, aber im Monat könne sie sich irren.« Dem fügte Frau von St. . . hinzu, »daß nachmals ihr Mann ihr gesagt hätte, er habe noch besonders herausgebracht, daß der Monat der Oktober sein könne.«
Eschenmayer wollte den Finanzrat von St. . . deshalb interpellieren, traf ihn jedoch nicht an und sagt: »Soviel ist aber gewiß, daß St. . . das Ende des Monats Oktober vom Jahre 1816 mit einer solchen Zuverlässigkeit als den wahren Termin der Erfüllung annahm, daß er sich gegen mehrere meiner Bekannten äußerte, er biete seinen ganzen Weinvorrat als Wette auf dieses Ereignis an.«
Die in der Behandlung des Dr. Nick befindliche Somnambule Krämer führte mit diesem ihrem Arzte, dem Hofmedikus Klein und Professor L. . .t am 17. April 1816 folgendes Gespräch:
Krämer: »S. M. stirbt in diesem Jahre im Monat Oktober.«
Nick: »Ist es der Anfang, die Mitte oder das Ende des Oktobers?«
Krämer: »Das Ende des Oktobers.«
Nick: »Du kannst wohl den Tag bestimmen? Ist es wohl der 26.?«
Krämer: »Nein.«
Nick: »Aber der 28. Oktober?«
Krämer: »Da trifft ihn ein Kopf- und Brustschlag.«
Der Leibarzt Dr. Klein hatte eine Reise nach Augsburg gemacht, von der er am 28. Oktober zurückgekehrt war, als ein königlicher Läufer erschien und ein chirurgisches Instrument für den König holen wollte. »Wie ein Blitzschlag erinnerte sich Klein an diesen Vorboten, der den Tod verkündigte.« Und wirklich traf an diesem Tage den König ein Schlaganfall, welchem er am 29. erlag. Bezüglich der Zeugenschaft führt Eschenmayer folgendes an:
»Dr. Christian Reuß. Diesem übergab Professor L. . .t mehrere Monate vorher einen versiegelten Zettel, auf welchem die vorhergesagte Begebenheit stand, mit der Bemerkung, denselben nach Ablauf der Zeit zu erbrechen. Da aber späterhin durch die allmähliche Verbreitung des Gerüchts diese Vorsicht unnütz wurde, so ließ L. . .t durch R. . .ß den Zettel öffnen. Mit dem Inhalt und den Umständen vertraut, bekam R. . .ß selbst Glauben an die Geschichte, wettete darauf und gewann zwei förmliche Wetten. Einer der Wettenden ist der Major C. . ., der andere ist mir unbekannt.
Minister von W. . ., ein tätiger Beschützer des Magnetismus, sprach selbst in Gesellschaften von dieser sonderbaren Vorhersage, um die Möglichkeit solcher Phänomene in wissenschaftlicher Hinsicht zu beleuchten. Tatsache ist es, daß er mit Graf G. . .z eine Wette eingehen wollte.
Geheimrat von St. . . ist Zeuge, daß St. . . drei bis vier Monate vorher auf das letzte Drittel des Oktobers mit Einschluß bis zum 11. November seinen ganzen Weinvorrat als Wette anbot.
Madame von W. . . teilte ich selbst etwa drei Monate vorher auf besondere Veranlassung diese Vorhersage mit. Sie bekam später Gelegenheit mit St. . . darüber zu sprechen, der ihr gleichfalls äußerte, daß er jede Wette darauf eingehe.«
Die Legationsräte K. . .e und von B. . .r hatten lange vor dem Tode des Königs über diese Prophezeiung mit Eschenmayer gesprochen. Letzterer bemerkt, daß er mit Leichtigkeit noch 200 Zeugen für diese Begebenheit beibringen könne. Eschenmayer hält diese Weissagung Hufeland und Stieglitz entgegen, welche Tatsachen und keine Räsonnements begehrten, und bemerkt am Schluß: »Doch, noch eine Ausflucht! Alles war Zufall. – Nichtiges Wort der Erbärmlichkeit.«
Es wird wohl kaum jemand an der Wahrheit obiger Mitteilung zu zweifeln wagen. Eschenmayers Persönlichkeit bürgt nicht minder dafür, als die stattliche Zahl sozial angesehener Zeugen, die er unter so durchsichtigem Schleier verbirgt, daß man noch heute viele mit Leichtigkeit identifizieren könnte. Beachten wir ferner, daß der Bericht über die merkwürdige Vorhersage bereits ein Jahr nach ihrem Eintreffen veröffentlicht wurde, also zu einer Zeit, wo noch alle, oder doch fast alle der genannten Zeugen lebten, so wird man um so weniger geneigt sein, ihm irgendwie zu mißtrauen.
Hier sei eine allgemeingültige Bemerkung eingeschaltet: Daß Eschenmayer nur die Anfangsbuchstaben, aber nicht den ganzen Namen nennt, mag in einer Anzahl von Fällen damit motiviert werden können, daß es tatsächlich nicht allzu großes Feingefühl verrät, wenn man über den Tod eines Menschen, noch dazu des eigenen Landesherrn, Wetten abschließt.
Aber auch die anderen Personen werden durch ähnliche Rücksichtnahme ausgezeichnet. Das ist bezeichnend, nicht nur für die damalige Zeit, sondern auch für die Gegenwart. Auch heute – das beweisen die zahlreichen von Flammarion veröffentlichten Tatberichte, die so und so oft die Bitte um Verschweigen des Namens ›wegen meiner amtlichen Stellung‹ usw. enthalten, – ist die Feigheit weitester Kreise, auch der Gebildeten, geradezu fabelhaft.
Es mag manchem unangenehm sein, wenn mit Namen und Adresse von ihm berichtet wird, daß er silberne Löffel gestohlen oder einen Notzuchtversuch gemacht hat. Wie es aber jemand unangenehm sein kann, die Wahrheit eines Vorganges zu bezeugen ist – wenn er dabei nicht riskieren muß die Segnungen unserer Rechtspflege kennen zu lernen – völlig unverständlich. Oder vielmehr, es wäre es, wenn es nicht durch gewisse Folgen, die unsere aufgeklärte Zeit damit verbindet, verständlich gemacht würde.
Im Mittelalter war es bekanntlich höchst gefährlich, die Existenz der Hexen zu leugnen. Denn wer das tat, erklärte indirekt die Hexeninquisitoren für Toren oder Mörder, ein Verbrechen, das nach Recht und Billigkeit mit dem Tode geahndet wurde. Seit dem Siege der Aufklärung ist es umgekehrt. Was nicht alle Tage passiert, was nicht die Spatzen von den Dächern pfeifen, und das Begriffsvermögen von Hinz und Kunz übersteigt, gilt eo ipso für phantastisch oder unwahr. Darum riskiert jeder, der das Dogma von der Unmöglichkeit aller in die gerade heute herrschenden naturwissenschaftlichen Hypothesen und Theorien nicht hineinpassenden Phänomene nicht bedingungslos unterschreibt, die unangenehmsten Folgen. Entweder er wird als Phantast verschrien, der in den Wolken wandert, oder aber er gilt als Lügner. Nun ist es nicht jedermanns Sache, sich einer capitis diminutio seiner Ehre oder Urteilsfähigkeit unterziehen zu müssen. Nur wenige haben den, unter den obwaltenden Verhältnissen nicht geringen Mut, sich dem Geschrei der zwar urteilslosen, aber desto stimmkräftigeren und zahlreicheren Menge entgegenzustemmen.
Daraus folgt zwingend, daß heute das Dogma genau so herrscht, wie im finstersten Mittelalter. Nur sein Inhalt ist dem früheren konträr. Kritiklos aber wird es nachgebetet und befolgt von Leuten, die – und das ist das Komische an der Sache – sich für frei, aufgeklärt und vorurteilslos halten.
Die obige Prophezeiung ist abgesehen von ihrer guten Beglaubigung noch durch etwas anderes interessant. Die Fälle, daß jemandem der Tod vorherverkündet wurde und dann auch wirklich eintrat, sind nichts weniger als selten. Aber wir können häufig dem – bisweilen völlig berechtigten – Einwand begegnen, daß die Prophezeiung Ursache des Todes wurde. Denn es ist klar, daß suggestible Gemüter ihre ganze Widerstandskraft verlieren, wenn ihnen ein vorgeblich unentrinnbares Schicksal vorher verkündet wird[59].
Diese Erklärungsmöglichkeit schaltet hier vollkommen aus. Denn der König hatte von dieser Vorhersage natürlich keine Ahnung.
Der Skeptiker wird gegen solche Todesankündigungen immer einwenden können, daß sie – wie alle Vorhersagen – um beweiskräftig zu sein, vorher hätten gedruckt sein müssen. Das wird sich freilich gerade in diesen Fällen kaum verwirklichen lassen. Denn die Kitzlichkeit dieser Prophezeiungen schließt deren frühere Veröffentlichung geradezu aus. Man wird hier also immer mehr oder minder den Gewährsmännern Glauben schenken müssen.
Regelmäßig wird dabei ein ganz merkwürdiger Trugschluß begangen. Da nur wenige Personen ähnliche, sagen wir, mystische Daten überliefern, was ja in einer Zeit, die sie ungeprüft für Schwindel hält, ganz begreiflich ist; da diese wenigen Interessenten aber zumeist eine Reihe solcher Phänomene bezeugen, so wird stets gesagt: »Das ist wenig glaubwürdig, denn X. ist ja bekanntlich Mystiker.« Und doch liegt der Fall gerade umgekehrt. Nicht weil X. Mystiker ist, erzählt er okkulte Fälle und verdient deshalb kein Vertrauen, sondern er wurde Mystiker, weil er solche Erlebnisse hatte oder deren Zeuge war. Hier liegt also eine Verwechslung von Ursache und Wirkung vor.
Wir wollen nun noch einige Fälle des Vorgefühles des eigenen Todes anführen. Nachdem wir im vorigen Kapitel gesehen haben, daß sich noch in der Gegenwart Ähnliches sehr häufig ereignet, werden wir um so weniger an den historischen Berichten zweifeln. Und zwar wählen wir ausdrücklich Beispiele, in denen der Tod gewaltsam eintritt. Damit hoffen wir dem Einwurf begegnen zu können, daß das physische Übelbefinden, das vielleicht nicht klar zum Bewußtsein kommt, Ursache der Vorahnung ist.
De Baudus, der ehemalige Adjutant des Marschalls Bessières, erzählt in seinen »Etudes sur Napoléon«[60]:
»Am 30. Mai 1813 brachte das kaiserliche Hauptquartier die Nacht in Weißenfels zu. Auch der Marschall Bessières, welcher die ganze Kavallerie kommandierte, schlief hier. Ich frühstückte am anderen Morgen allein mit ihm, fand ihn sehr traurig und niedergeschlagen, und konnte ihn lange nicht bewegen, etwas von den aufgetragenen Speisen zu genießen; er antwortete immer, er habe keinen Hunger. Ich machte ihm bemerklich, daß unsere und die feindlichen Vorposten einander gegenüber ständen und wir folglich einen ernsthaften Kampf erwarten müßten, der uns wahrscheinlich den ganzen Tag nicht erlauben würde, etwas zu essen. Der Marschall gab endlich nach und sagte: ›Nun, wenn mich diesen Vormittag eine Kugel trifft, so soll sie mich wenigstens nicht mit nüchternem Magen finden.‹
Als er vom Tische aufstand, gab mir der Marschall den Schlüssel zu seinem Portefeuille und sagte: ›Suchen Sie doch gefälligst die Briefe von meiner Frau.‹ – Ich tat es und gab sie ihm. Er nahm sie und warf sie ins Feuer. Bis dahin hatte er sie sorgfältig aufbewahrt. Die Frau Herzogin von Istrien[61] hat mich seitdem versichert, der Marschall habe beim Abschiede zu mehreren Personen gesagt, er werde von diesem Feldzuge nicht zurückkommen.
Der Kaiser stieg zu Pferde, und der Marschall folgte ihm. Sein Gesicht war so bleich und seine Züge verrieten so tiefe Traurigkeit, daß es mir nicht entgehen konnte, und ich sagte zu einem Kameraden: ›Wenn es heute zu einer Schlacht kommt, wird der Marschall wohl bleiben.‹ –
Die Schlacht begann. Der Herzog von Elchingen[62] hatte das Dorf Rippach mit seiner Infanterie besetzt, und der Herzog von Istrien bereitete sich das Defilé zu rekognoszieren, aus welchem der Feind verdrängt war, während er mit seinen Truppen hindurch marschieren wollte. Als er auf der Höhe angelangt war, welche das Dorf beherrscht[63], am Ende desselben nach Leipzig zu, befand er sich vor einer Batterie, die der Feind da aufgefahren hatte, um die Straße zu bestreichen. Die erste Kugel, welche von dieser Batterie kam, riß einem Quartiermeister der Garde der polnischen Chevaulegers den Kopf weg; er hatte seit mehreren Jahren Ordonnanzdienste beim Herzog getan. Dieser Verlust verstimmte den Herzog von Istrien und er entfernte sich im Galopp. Nach einigen Augenblicken kam er jedoch mit Gefolge wieder zurück und sagte, indem er auf den Leichnam deutete: ›Der junge Mann muß begraben werden; auch würde der Kaiser unzufrieden sein, wenn er einen Unteroffizier seiner Garde tot hier liegen sähe; denn wenn der Posten wieder gewonnen wird, könnte der Feind glauben, die Garde sei zurückgewichen.‹
Eine Kugel, welche von derselben Batterie kam, streckte den Marschall in dem Augenblicke tot nieder, als er diese Worte gesagt hatte. Die linke Hand, welche den Zügel hielt, als er gerade sein Fernrohr einsteckte, wurde ganz zerschmettert; die Kugel ging ihm durch den Leib. Seine Uhr blieb stehen, ob sie gleich nicht getroffen wurde; sie zeigt noch jetzt seine Todesstunde an, denn sie wurde seitdem nicht wieder aufgezogen.«
So weit der Bericht des Augenzeugen de Baudus.
Auch Marschall Lannes fühlte seinen Tod voraus. Als 1809 der Krieg mit Österreich ausbrach, nahm er von Frau und Kindern in der festen Überzeugung Abschied, daß er sie nicht wieder sehen werde. Er fiel am 22. Mai bei Eßlingen[64].
Der General Lasalle konnte vor der Schlacht bei Wagram, von Todesahnungen beunruhigt, nicht schlafen. Er schrieb an Napoleon und empfahl ihm Frau und Kinder. Seinen Freunden gegenüber sprach er mit Bestimmtheit davon, daß er den Tag nicht überleben würde. Diese Tatsache wird nicht nur von Zeugen bestätigt, sondern Napoleon selbst erzählt in seinen Memoiren von St. Helena, Lasalle habe ihm mitten in der Nacht geschrieben und ihn gebeten, sein Majorat auf seinen Sohn übergehen zu lassen, da er fürchte, in der morgigen Schlacht zu fallen[65].
Auch von Cervoni erzählt Napoleon, daß er vor der Schlacht von Eckmühl Todesahnungen ausgesprochen habe, die eintrafen.
Ebenso hatte Duroc vor der Schlacht bei Bautzen Todesahnungen. Er sprach hiervon zu Napoleon, der ihn nicht beruhigen konnte, vielmehr von Durocs innerer Erregung gleichfalls ergriffen wurde. Während der Schlacht brachte ein Adjutant die Nachricht, daß der Marschall gefallen sei und die Augenzeugen erzählen, daß sich Napoleon vor die Stirn schlug und ausrief: »Meine Ahnungen trügen niemals.« Napoleon war nämlich selbst von Ahnungen heimgesucht und hielt viel von ihnen.
Ein Kapitel für sich bilden die Prophezeiungen von Davis.
Der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Amerika lebende Andrew Jackson Davis besaß die Gabe des räumlichen und zeitlichen Fernsehens. Man kann sich davon leicht aus seinen Büchern überzeugen, nachdem eine Reihe von Vorhersagen erst jetzt in Erfüllung gegangen ist.
In seinem Werke »The principels of nature« (New York 1847), das er in somnambulen Zustande diktierte, stellt Davis die Behauptung auf, es gäbe noch einen transneptunischen neunten Planeten. Damals hatte man noch kaum eine Ahnung vom achten Planeten. Gegenwärtig aber sind die Astronomen dabei, den neunten zu entdecken, was nur auf Grund der neuesten Instrumente und der Himmelsphotographie möglich ist, Mittel, die für Davis gar nicht in Frage kamen. Zweifellos ist diese Entdeckung ein idealer Beweis für das räumliche Fernsehen.
Da wir uns aber auf das Zeitliche beschränken, seien einige Prophezeiungen Davis’ noch angeführt. In seinem Werke »The Penetralia« (New York 1856, deutsch Leipzig 1884 bei Wilhelm Besser) findet sich auf Seite 219 folgende Vorhersage:
»Gebet acht in jenen Tagen! – auf Wagen, Equipagen, Reisesalons auf der Landstraße, ohne Pferde, ohne Dampf, ohne jedwede sichtbare Bewegungskraft, alles bewegt sich mit großer Schnelle und weit größerer Sicherheit als gegenwärtig. Equipagen und Wagen schwerer Gattung werden durch eine seltsame und dabei einfache Verbindung von Wasser und atmosphärischen Gasen bewegt werden. Diese Verbindung wird so leicht kondensiert, so einfach entzündet und unseren gegenwärtigen Lokomotiven ähnlich angewendet, daß der ganze Apparat zwischen den Vorderrädern verborgen und gehandhabt werden kann. Diese Fahrgelegenheiten werden viele Verlegenheiten verhindern, wie solche jetzt die Bewohner wenig bevölkerter Gegenden durchzumachen haben. Die erste Bedingung für diese Landlokomotiven wird eine gute Straße sein, auf der mit der neuen Lokomotive ohne Pferde mit großer Schnelligkeit gefahren wird. Diese Fahrgelegenheiten werden von wenig komplizierter Bauart sein.«
Interessant ist, daß dieses visionär geschaute Automobil wie die allerneuesten Fabrikate den Motor zwischen den Vorderrädern hat!
Bedenkt man, daß es noch gar nicht lange her ist, daß hervorragende Techniker vor Versuchen, Automobile zu konstruieren, als Utopie abrieten, daß der erste brauchbare Motorwagen erst 1885 erschien, das erste brauchbare Straßenlokomobil 1890, so muß man allerdings über diese Prophezeiung aus dem Jahre 1856 staunen.
Auf derselben Seite schreibt Davis auch über die Luftschiffahrt. »Es ist nur ein Ding notwendig, um Luftschiffahrt zu haben, und das ist die Anwendung dieser soeben in Betracht gezogenen höheren Bewegungskraft, die eben jetzt im Begriff ist, entdeckt zu werden. Der nötige Mechanismus, die Gegenluftströmung zu überwinden, um in der Luft ebenso leicht, sicher und angenehm wie die Vögel zu segeln, – hängt ebenfalls von dieser neuen Bewegungskraft ab. Diese Kraft wird kommen! Sie wird nicht nur die Lokomotiven auf den Schienen, die Wagen aller Gattung auf der Landstraße, sondern auch die Luftwagen in Bewegung setzen, die durch den Äther hin von Land zu Land reisen.«
Es handelt sich hier augenscheinlich um den Explosionsmotor, der damals noch nicht einmal geahnt wurde und dessen Erfindung Voraussetzung der Luftschiffahrt mit Fahrzeugen schwerer als die Luft war.
Solche Vorhersagen, die teils schon eingetroffen sind, zum Teil wohl noch eintreffen werden, enthalten die Werke von Davis noch viele.
Doch auch eine politische Vorhersage aus einem Briefe vom Jahre 1868 an den Übersetzer seiner Werke, Dr. Gregor Constantin Wittig, sei angeführt.
»Es scheint mir« – schreibt Davis – »daß Preußen bestimmt ist, eine Art Amerika im alten Europa zu werden. Ich glaube, daß es nicht lange mehr dauern wird und der ›Bund‹ wird Süd- und Norddeutschland in sich vereinigen. Napoleon kann jetzt nichts dagegen tun; und die, wenn es mir gestattet ist, sie so zu nennen, große deutsche Republik, wird dann Europa seine Geschicke vorschreiben. Und sie wird immer größere Freiheit und immer mehr Fortschritt erringen.«
Der Brief wurde 1869, also vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges in den Vorbemerkungen zu dem erstgenannten Werk »Die Prinzipien der Natur« usw. Seite LXIV abgedruckt[66].
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Endlich wollen wir noch einige Fälle von bemerkenswerten Vorhersagen aus der jüngsten Vergangenheit anführen.
Der furchtbare Pariser Bazarbrand in der Nähe der Champs Elysées, dem am 4. Mai 1897 außer vielen anderen vornehmen Personen auch die Herzogin von Alançon, die Schwester der ermordeten Kaiserin Elisabeth von Österreich, zum Opfer fiel, wurde von Fräulein Couédon, Tochter eines Pariser Rechtsanwalts, anfangs Mai 1896 im Salon des Grafen Urbain de Maillé vorhergesagt. Und zwar trug sich die Begebenheit folgendermaßen zu:
Der Graf Maillé machte – wie der »Temps« unterm 16. Mai 1897 – also allerdings kurz nach dem Brande – mitteilte, folgende Angaben:
»Ich hatte Mlle. Couédon in ihrer Wohnung befragt, und obwohl ich durchaus nicht an die Mitwirkung des Erzengels Gabriel[67] glaubte, so schienen mir doch die Enthüllungen des jungen Mädchens äußerst merkwürdig zu sein. Auf meine Bitte willigte Mlle. Couédon ein, ausnahmsweise einmal entgegen ihren sonstigen Gepflogenheiten sich bei mir hören zu lassen, und zwar in Gegenwart von etwa hundert Personen, unter denen sich die Frau Gräfin Aimery de la Rochefoucauld, Frau v. Mesnard, die Marquise d’Anglade, die Gräfin Virien, der Graf Fleury und verschiedene andere befanden. Nachdem Mlle. Couédon die Neugier derjenigen Geladenen, welche sie jeder für seine Person befragt hatten, befriedigt hatte, kam der Moment, wo sie uns von dem bevorstehenden Brande sprach. Vielleicht sprach sie nicht dieselben Worte, die Sie mir berichten, aber jedenfalls war der Sinn fast derselbe. Sie sprach von ›einem großen Brande, welcher in einer zu Wohltätigkeitszwecken gebildeten Gesellschaft ausbrechen würde‹ – ›Ich sehe‹, sagte sie, – ich zitiere aus dem Gedächtnis – ›daß die Spitzen der Gesellschaft werden getroffen werden. Und ganz besonders wird das Faubourg St. Germain zu leiden haben.‹ Und ganz genau entsinne ich mich, daß die Seherin hinzufügte: ›Keine der hier versammelten Personen wird in Mitleidenschaft gezogen werden!‹ – und sich mir persönlich zuwendend: ›Sie selbst werden nur ganz von ferne davon berührt werden, sozusagen nur auf indirektem Wege.‹ In der Tat ist keiner unserer Gäste von dem Unglück betroffen worden. Was mich anbelangt, so habe ich gemäß den Voraussagen der Mlle. Couédon eine ganz entfernte Kusine verloren, welche ich kaum kenne.«
So weit die Worte des Grafen in dem im Temps veröffentlichten Briefe.
Außer diesem Zeugnis besitzen wir noch eines vom Redakteur der Pariser Zeitung »La libre Parole« und »L’Echo de Merveilleux«, Gaston Méry. Im letztgenannten Organ schreibt er am 25. Mai u. a.
»Man weiß daß Fräulein Couédon sich stets beharrlich geweigert hat, in Gesellschaft zu gehen. Ein einziges Mal – nur einmal – machte sie zugunsten der Gräfin de Maillé eine Ausnahme; es war zu Anfang Mai 1896. In den Salons der Frau von Maillé hatte sich das ganze Viertel Rendezvous gegeben. Zuerst sprach Fräulein Couédon privatim mit denen unter den Eingeladenen, die sie konsultieren wollten. Aber ihre Anzahl war so groß, daß Fräulein Couédon auf Bitten der Herrin des Hauses einwilligte, nachdem sie den ›Engel Gabriel‹ angerufen hatte, vor der ganzen versammelten Gesellschaft zu sprechen. Unter anderen Prophezeiungen machte sie die nachfolgende, deren sich mehrere Zeugen vollkommen erinnern und deren Wortlaut sie selbst rekonstruiert hat:
In deutschen Zeitungen wurde der Inhalt folgendermaßen wiedergegeben:
»Près des Champs-Elysées, Je vois un endroit pas élevé, Qui n’est pas pour la piété, Mais qui en est approché Dans un but de charité Qui n’est pas la vérité . . . Je vois le feu s’élever . . . Et les gens hurler Des chairs grillées, Des corps calcinés, J’en vois comme par pelletés.« – »In der Elysäischen Felder Nähe Ich ein wüstes Gedränge sehe. Erst dem Mitleid war es geweiht, Dann aber macht es viel Herzeleid. Flammen seh’ ich lodern und sengen, Ängstlich die Menge sich furchtbar drängen; Lebendes Fleisch seh’ ich geröstet, Körper verbrannt, die Luft verpestet!«
Der »Engel« fügte hinzu, daß alle zuhörenden Personen verschont werden würden. Darauf sagte einer der Anwesenden, der Vicomte de Fleury, sehr ungläubig und scherzend zu der Seherin: »Ach, Sie sagen das nur so, um uns zu schmeicheln!« In der Tat ist keiner der zu dieser Soirée Eingeladenen, die alle mehr oder minder regelmäßig bei den Wohltätigkeitsverkäufen zugegen waren, umgekommen oder bei der schrecklichen Katastrophe des 4. Mai verwundet worden. Unter den bei dieser Soirée Anwesenden befanden sich: die Marquise d’Anglade, die Komtesse Virien, die Grafen Divonne usw.«
Die Tatsache, daß Fräulein Couédon in der Rue Jean Coujon diese schreckliche Brandkatastrophe, bei der über hundert Menschen, meist aus der ersten Gesellschaft, ums Leben kamen und deren sich wohl die meisten noch erinnern werden, vorhergesehen hat, unterliegt nach den Berichten, wiewohl sie erst ein Jahr später zu Papier gebracht wurden, nicht dem allergeringsten Zweifel.
Die Übereinstimmung der gleichzeitig und unabhängig voneinander abgefaßten Berichte des Grafen Maillé und des Herrn Gaston Méry sind ja schon hinlängliche Beweise für die Authentizität des Mitgeteilten. Dazu kommen die genannten Zeugen, des weiteren, daß sich viele von ihnen, wenn nicht an den Wortlaut, so doch an den Inhalt erinnerten, daß man schon vor der Katastrophe zu andern davon gesprochen hatte usw.
In diesem Falle ist Autosuggestion ganz ausgeschlossen. Denn eine Gesellschaft, die mehr oder minder in Wohltätigkeitsbazaren aufgeht, erinnert sich – wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang –, wenn jemand vor sie hintritt, der ihr zuruft, daß sie bei solcher Gelegenheit auf gräßliche Weise ums Leben kommt. Sie atmet aber auch erleichtert auf, wenn sie damit beruhigt wird, daß keine der anwesenden Personen noch deren nahen Anverwandten dem Unglück zum Opfer fällt. Ein Irrtum des Gedächtnisses bezüglich des essentiellen Inhaltes der Prophezeiung ist in diesem Falle ganz ausgeschlossen. Das wurde auch meines Wissens von keiner Seite behauptet.
Eine Kritik, die Dinge, die sich vor Hunderten von Zeugen, die dazu zusammenkamen, um eben diese Dinge zu beobachten, leugnen wollte, würde einen viel größeren Fehler begehen, als die alten Astronomen, die das Vorkommen von Meteoren bestritten. Und da von diesen Zeugen alle noch lebten, viele heute noch leben, so kann die Kritik leichter leugnen, daß Napoleon I. existiert hat, als die Tatsächlichkeit dieser Prophezeiung.
Und das, wiewohl der Text der Vision rekonstruiert wurde. Denn was für uns ausschlaggebend ist und mit Rücksicht auf die Fixierung erst nach dem Ereignis auch nur beweiskräftig sein kann, ist ja nur der wesentliche Kern der Prophezeiung. Der aber lautet:
Es wird in der Nähe der Champs-Elysées, also in Paris, bei einem Wohltätigkeitsfest ein großes Brandunglück geben.
Ist diese Prophezeiung schon interessant genug, so wird sie durch den mündlichen Zusatz – der gut beglaubigt ist –, daß niemand der Anwesenden oder aus deren Verwandtschaft zugrunde gehen würde, verblüffend. Denn gerade diese, numerisch gar nicht sehr zahlreiche Gesellschaftsschicht, veranstaltet doch in Paris, wie in jeder anderen Großstadt, derartige Festlichkeiten. Wir dürften daher in der Prophezeiung des Fräulein Couédon einen der besten Beweise für die Existenz dieser Gabe sehen.
Über die Sprechweise der Seherin berichtet Méry im genannten Aufsatz: »Sie spricht oder vielmehr: sie leiert eintönig rhythmisch abgemessene Sätze her, welche assonierend klingen und von denen manche refrainartig wiederkehren. Es sind keine Verse und auch keine Prosa; ein Mittelding, etwas Unfaßbares ist es, was sich mit einer gewissen Melancholie und Eintönigkeit endlos abwickelt, wobei fast unverändert dieselben Assonanzen immer wieder hörbar werden.«
*
In Nummer 290 vom 1. Februar 1909 brachte das »Echo du merveilleux« folgenden Bericht[68]:
»Eine römische Dame, welche seit mehreren Monaten an akuter Neurasthenie, oder besser gesagt, Hysterie leidet, hat seit dem verflossenen 2. Dezember vorigen Jahres die Katastrophe vorausgesagt, die Messina zerstört und Kalabrien verheert hat. Diese Dame, welche einer hervorragenden Familie der Aristokratie angehört, ließ schleunigst den Dr. Sarti rufen, nachdem sie in der Nacht durch ein schreckliches Traumgesicht gepeinigt worden war, das bei ihr eine quälende Beunruhigung zurückgelassen hatte. Vergebens bot der Arzt alle Mittel auf, die Dame zu beruhigen; dies gelang ihm erst, als er ihr versprach, einen von ihr geschriebenen Brief dem König zu übergeben.
In diesem Briefe wurde S. Majestät der König Viktor Emanuel gebeten, der Stadt Messina zur Hilfe zu kommen, welche von einem furchtbaren Erdbeben bedroht sei. »Ich sehe,« so heißt es in dem Briefe, »sich Land und Meer vereinigen, um die schöne Stadt zu verschlingen. Dieses entsetzliche Unglück wird sich am 8., 18., oder 28. des Monats ereignen.«
In der Überzeugung, daß er es mit einer Halluzinierenden zu tun habe, steckt der Arzt den Brief in sein Portefeuille, und als er andern Tages so tat, als habe er die Botschaft an den Souverän habe gelangen lassen, zeigte sich die Kranke ruhiger und bereit, einige Nahrung, sowie die verordnete Medizin zu sich zu nehmen. Aber in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember wurde sie von einer heftigen hysterischen Krise befallen. Sie wand sich, weinte, schrie und fragte unaufhörlich, ob der König angeordnet habe, daß Messina geräumt werde. Auch eine weitere Krisis in der Nacht vom 17. Dezember spielte sich höchst dramatisch ab und eine solche vom 27. war derart ernst, daß man in der Umgebung der Patientin glaubte, ihre letzte Stunde sei gekommen. Sie lamentierte und schüttelte sich vor Angst bis zum Abend des 28. Alsdann verfiel sie in einen tiefen Schlaf . . . Die Katastrophe hatte stattgefunden.
Dr. Sarti war im höchsten Grade betroffen über die Richtigkeit der Prophezeiung seiner Kranken. Die grauenvolle Brutalität, mit welcher die Vorschau seiner Patientin in Erfüllung gegangen ist, hat bei ihm jeden Zweifel für immer erstickt. Er bereitet über diesen Fall eine Denkschrift für die Akademie vor, und will seine Klientin den italienischen Autoritäten auf dem Gebiete der Psychologie vorstellen.
Der fragliche Brief ist nachträglich dem König übergeben worden, der mit dem größten Interesse den Untersuchungen entgegen sieht, welche die Fakultät bei der Prophetin anstellen wird.
Diese Mitteilung wurde zuerst im »Gil Blas« am 20. Januar 1910 veröffentlicht. Das »Echo« bemerkt dazu: »Wenn der betreffende Brief wirklich das enthält, was behauptet wird, die genauen Angaben über das bevorstehende Unglück von Messina und Reggio, über das Datum und die Art des Ereignisses, so hätten wir ein überaus wertvolles Dokument vor uns.«
Aus später noch zu erörternden Gründen hätte es nicht viel Wert, noch weitere vereinzelte Beispiele zeitlichen Vorhersehens hier zusammen zu stellen. Gewiß könnten wir noch recht viel des Interessanten bieten, aber ein zwingender Beweis ist auf diesem Wege für den hartnäckigen Zweifler kaum zu erbringen. Immerhin möchten wir der Überzeugung Ausdruck geben, daß es nicht allzu schwer sein würde, den Nachweis zu liefern, daß jedes oder doch fast jedes bedeutende Ereignis der Weltgeschichte, besonders tragische Dinge, mehr oder minder klar und genau von dazu befähigten Personen vorhergesagt wurde.
Zum Schlusse dieses fast allzulangen Kapitels wollen wir noch einen Gewährsmann für den Glauben an Telepathie anführen – denn er bekennt ausdrücklich, kein bestimmtes Wissen davon zu haben – einen Eideshelfer, dessen Intelligenz und Wahrheitsliebe wohl von niemand in Zweifel gezogen wird: Goethe!
Bekannt ist Goethes Vision, die er in seiner »Dichtung und Wahrheit« (3. Teil, 11. Buch) erzählt:
»In solchem Drang und Verwirrung konnte ich doch nicht unterlassen, Friederiken noch einmal zu sehen. Es waren peinliche Tage, deren Erinnerung mir nicht geblieben ist. Als ich ihr die Hand noch vom Pferde reichte, standen ihr die Tränen in den Augen, und mir war sehr übel zumute. Nun ritt ich auf dem Fußpfade gegen Drusenheim, und da überfiel mich eine der sonderbarsten Ahnungen. Ich sah nämlich, nicht mit den Augen des Leibes, sondern des Geistes, mich mir selbst, denselben Weg, zu Pferde wieder entgegen kommen, und zwar in einem Kleide, wie ich es nie getragen: es war hechtgrau mit etwas Gold. Sobald ich mich aus diesem Traum aufschüttelte, war die Gestalt ganz hinweg. Sonderbar ist es jedoch, daß ich nach acht Jahren in dem Kleide, das mir geträumt hatte und das ich nicht aus Wahl, sondern aus Zufall gerade trug, mich auf demselben Wege fand, um Friederiken noch einmal zu besuchen. Es mag sich übrigens mit diesen Dingen, wie es will, verhalten, das wunderliche Trugbild gab mir in jenen Augenblicken des Scheidens einige Beruhigung.«
Wie Goethe im übrigen den okkulten Phänomenen gegenüber stand, ergibt sich aus folgendem Passus aus seinen Wahlverwandtschaften. Bekannt ist oder könnte doch sein, was er im elften Kapitel des zweiten Teiles über die Wünschelrute erzählt. Da dieses Phänomen aber seit zwei Jahren sogar von der Fachwelt anerkannt zu werden beginnt, hat es für uns weniger Interesse, als die andere Stelle, die wie folgt lautet (2. Teil, 8. Kapitel):
»Wenn sie (Ottilie) sich abends zur Ruhe gelegt und im süßen Gefühl noch zwischen Schlaf und Wachen schwebte, schien es ihr, als wenn sie in einen ganz hellen, doch mild erleuchteten Raum hineinblickte. In diesem sah sie Eduarden ganz deutlich, und zwar nicht gekleidet, wie sie ihn sonst gesehen, sondern im kriegerischen Anzug, jedesmal in einer anderen Stellung, die aber vollkommen natürlich war und nichts Phantastisches an sich hatte: stehend, gehend, liegend, reitend. Die Gestalt, bis aufs kleinste ausgemalt, bewegte sich willig vor ihr, ohne daß sie das mindeste dazu tat, ohne daß sie wollte oder die Einbildungskraft anstrengte. Manchmal sah sie ihn auch umgeben, besonders von etwas Beweglichem, das dunkler war, als der helle Grund, aber sie unterschied kaum Schattenbilder, die ihr zuweilen als Menschen, als Pferde, als Bäume oder Gebirge vorkommen konnten. Gewöhnlich schlief sie über der Erscheinung ein, und wenn sie nach einer ruhigen Nacht morgens wieder erwachte, so war sie erquickt, getröstet, sie fühlte sich überzeugt: Eduard lebe noch, sie stehe mit ihm noch in dem innigsten Verhältnis.«
Es handelt sich hier unzweifelhaft um ein telepathisches Phänomen. Mag Goethe nun Ähnliches aus zuverlässiger Quelle erfahren, mag er es, wie seine Drusenheimer Vision, selbst erlebt haben, eines ist sicher: er hielt es für möglich, denn sonst hätte er ganz gewiß nicht gewagt, in einer Zeit der rücksichtslosesten Aufklärung solche erstaunliche Begebenheiten zu schildern.
Übrigens verleiht er seiner Ottilie in den »Wahlverwandtschaften« (2. Teil, 11. Kapitel) noch eine andere Fähigkeit, die dem Vorgefühl eines Witterungswechsels, unter dem ja viele Leute leiden und das Shakespeare im Hamlet bereits in die Literatur einführt, verwandt zu sein scheint. Der Passus lautet:
»Ottilie, die uns begleitete, stand an zu folgen, und bat sich auf dem Kahne dorthin begeben zu dürfen. Ich setzte mich mit ihr ein und hatte meine Freude an der Gewandtheit der schönen Schifferin. Ich versicherte ihr, daß ich seit der Schweiz, wo auch die reizendsten Mädchen die Stelle des Fährmanns vertreten, nicht so angenehm sei über die Wellen geschaukelt worden, konnte mich aber nicht enthalten sie zu fragen, warum sie eigentlich abgelehnt, jenen Seitenweg zu machen: denn wirklich war in ihrem Ausweichen eine Art von ängstlicher Verlegenheit.
Wenn Sie mich nicht auslachen wollen, versetzte sie freundlich, so kann ich Ihnen darüber wohl einige Auskunft geben, obgleich selbst für mich dabei ein Geheimnis obwaltet. Ich habe jenen Nebenweg niemals betreten, ohne daß mich ein ganz eigener Schauer überfallen hätte, den ich sonst nirgends empfinde und den ich mir nicht zu erklären weiß. Ich vermeide daher lieber mich einer solchen Empfindung auszusetzen, um so mehr, als sich gleich darauf ein Kopfweh an der linken Seite einstellt, woran ich sonst auch manchmal leide.
Wir landeten, Ottilie unterhielt sich mit Ihnen, und ich untersuchte indes die Stelle, die sie mir aus der Ferne deutlich angegeben hatte. Aber wie groß war meine Verwunderung, als ich eine sehr deutliche Spur von Steinkohlen entdeckte, die mich überzeugt, man würde bei einigem Nachgraben vielleicht ein ergiebiges Lager in der Tiefe finden.«
Goethe hatte selbst wiederholt telepathische Erlebnisse gehabt. Er sagt: »Unter Liebenden ist diese magnetische Kraft besonders stark und wirkt sogar in die Ferne. Ich habe in meinen Jünglingsjahren Fälle genug erlebt, wo mich auf einsamen Spaziergängen ein mächtiges Verlangen nach einer Geliebten überfiel, und wo ich so lange an sie dachte, bis sie mir wirklich entgegen kam. Es wurde mir in meinem Stübchen unleidlich, sagte sie; ich konnte mir nicht mehr helfen, ich mußte hierher.« Einen solchen Fall erzählt Goethe ausführlich[69]. Das ist allerdings ein räumliches Ferngefühl.
Die Gabe der Weissagung oder doch die der Visionen – man erinnere sich des Drusenheimer Falles – war in Goethes Familie heimisch. Man höre, was er darüber in »Dichtung und Wahrheit« erzählt[70]:
»Was jedoch die Ehrfurcht, die wir für diesen würdigen Greis (Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor) empfanden, bis zum Höchsten steigerte, war die Überzeugung, daß derselbe die Gabe der Weissagung besitze, besonders in Dingen, die ihn selbst und sein Schicksal betrafen. Zwar ließ er sich gegen niemand als gegen die Großmutter entschieden und umständlich heraus; aber wir alle wußten doch, daß er durch bedeutende Träume von dem, was sich ereignen sollte, unterrichtet werde. So versicherte er z. B. seiner Gattin, zur Zeit als er noch unter die jüngeren Ratsherren gehörte, daß er bei der nächsten Vakanz auf der Schöffenbank zu der erledigten Stelle gelangen würde. Und als wirklich bald darauf einer der Schöffen, vom Schlage gerührt, starb, verordnete er am Tage der Wahl und Kugelung daß zu Hause im stillen alles zum Empfang der Gäste und Gratulanten solle eingerichtet werden, und die entscheidende goldene Kugel ward wirklich für ihn gezogen. Den einfachen Traum, der ihn hiervon belehrt, vertraute er seiner Gattin folgendermaßen: Er habe sich in voller gewöhnlicher Ratsversammlung gesehen, wo alles nach hergebrachter Weise vorgegangen. Auf einmal habe sich der nun verstorbene Schöff von seinem Sitze erhoben, sei herabgestiegen und habe ihm auf eine verbindliche Weise das Kompliment gemacht; er möge den verlassenen Platz einnehmen, und sei darauf zur Türe hinausgegangen.
Etwas Ähnliches begegnete, als der Schultheiß mit dem Tode abging. Man zaudert in solchem Falle nicht lange mit Besetzung dieser Stelle, weil man immer zu fürchten hat, der Kaiser werde sein altes Recht, einen Schultheißen zu bestellen, irgend einmal wieder hervorrufen. Diesmal ward um Mitternacht eine außerordentliche Sitzung auf den andern Morgen durch den Gerichtsboten angesagt. Weil diesem nun das Licht in der Laterne verlöschen wollte, so erbat er sich ein Stümpfchen, um seinen Weg weiter fortsetzen zu können. ›Gebt ihm ein ganzes‹, sagte der Großvater zu den Frauen; ›er hat ja doch die Mühe um meinetwillen.‹ Dieser Äußerung entsprach auch der Erfolg: er wurde wirklich Schultheiß; wobei der Umstand noch besonders merkwürdig war, daß, obgleich sein Repräsentant bei der Kugelung an der dritten und letzten Stelle zu ziehen hatte, die zwei silbernen Kugeln zuerst herauskamen und also die goldne für ihn auf dem Grunde des Beutels liegen blieb.
Völlig prosaisch, einfach und ohne Spur von Phantastischem oder Wundersamem waren auch die übrigen der uns bekannt gewordnen Träume. Ferner erinnere ich mich, daß ich als Knabe unter seinen Büchern und Schreibkalendern gestöbert und darin unter andern auf Gärtnerei bezüglichen Anmerkungen aufgezeichnet gefunden: ›Heute nacht kam N. N. zu mir und sagte . . . . . Name und Offenbarung waren in Chiffren geschrieben. Oder es stand auf gleiche Weise: Heute nacht sah ich . . . . Das übrige war wieder in Chiffren, bis auf die Verbindungs- und andere Worte, aus denen sich nichts abnehmen ließ.
Bemerkenswert bleibt es bei, daß Personen, welche sonst keine Spur von Ahnungsvermögen zeigten, in seiner Sphäre für den Augenblick die Fähigkeit erlangten, daß sie von gewissen gleichzeitigen, obwohl in der Entfernung vorgehenden Krankheits- und Todesereignissen durch sinnliche Wahrzeichen eine Vorempfindung hatten. Aber auf keines seiner Kinder und Enkel hat eine solche Gabe fortgeerbt; vielmehr waren sie meistenteils rüstige Personen, lebensfroh und nur aufs Wirkliche gestellt[71].«