Drittes Kapitel Unsere Beweisführung Einwände und deren Widerlegung
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Wir haben in den beiden vorangehenden Kapiteln eine ganze Reihe von Prophezeiungen angeführt und schlossen mit der Bemerkung, daß wir trotzdem nicht behaupten, schon einen zwingenden Beweis erbracht zu haben.
Das bedarf einer eingehenden Begründung.
Gegen unser Material muß zunächst eingeworfen werden, daß es sich zum Teil um Berichte handelt, die erst veröffentlicht wurden, nachdem das vorhergesagte Ereignis auch eingetreten war. Da ist die Vermutung möglich, die Zeugen hätten bewußt oder unbewußt die Unwahrheit gesagt.
Daß Lügen, gerade wenn es sich um so Ungewöhnliches handelt, wie in unserer Untersuchung, möglich sind, soll gewiß nicht bestritten werden. Immerhin stammt eine ganze Reihe von Daten von Leuten, an deren Wahrheitsliebe zu zweifeln schlechterdings nicht zulässig ist. Wer selbst auf seine Ehre etwas hält, wird sehr vorsichtig sein, wenn er in Versuchung kommt, der eines anderen zu nahe zu treten. Deshalb wollen wir den bewußten Schwindel ganz ausschalten. Es kämen ja überhaupt nur ganz wenige der hier mitgeteilten Phänomene für diese Art des Zweifels in Frage.
Wie aber steht es mit dem andern Einwurf, dem, die Gewährsmänner hätten unbewußt die Unwahrheit gesagt?
Wer die Psychologie der Zeugenaussage kennt, weiß, daß unser Gedächtnis uns oft in einer Weise im Stich läßt, die wir nicht für möglich gehalten hätten. In vieler Erinnerung wird noch das Experiment sein, das der große Strafrechtslehrer Franz von Liszt in seinem Seminar – also mit lauter gebildeten jungen Leuten – anstellte und das gänzlich negativen Erfolg hatte. Es handelte sich damals um den Bericht über ein von ihm im Hörsaal inszeniertes Attentat, wobei die Zeugen keine Ahnung davon hatten, daß es sich um eine abgekartete Sache handle. Allerdings mag damals die große Erregung und die Schnelligkeit, mit der sich die Vorgänge abspielten, das Resultat ungünstig beeinflußt haben. Aber zuzugeben ist, daß unserem Gedächtnis, zumal wenn es sich um Details handelt und besonders, wenn das Erlebnis lange zurück liegt, nicht allzuviel Glauben beizumessen ist.
Das liegt hauptsächlich in der Art begründet, in der solche Gedächtnisbilder zustande kommen. Es sind keineswegs, wie man annehmen sollte, lauter Beobachtungen, Eindrücke, die wie die Bilder auf der photographischen Platte festgehalten und nach Hause getragen werden. Vielmehr ist nur ein Bruchteil wirklich beobachtet, das andere aber kombiniert, und zwar ganz unbewußt kombiniert.
Sehen wir jemanden in großer Erregung mit gezücktem Dolch auf einen Dritten zustürzen und ihm scheinbar die Waffe in den Körper bohren, dann glauben wir auch sofort den Blutstrahl aufspritzen zu sehen. Auch wenn gar nicht zugestochen wurde. Unsere Phantasie, verbunden mit dem Kausalitätsbedürfnis, mit der Erfahrung, daß bei Wunden auch Blut fließt, spielte uns einen Streich.
Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Das Fazit, daß auch intelligente Menschen mit großer Wahrheitsliebe objektiv unwahre Dinge berichten, können wir schon jetzt ziehen. Die Vermutung bei besonders merkwürdigen Phänomenen, wie denen, um die es sich hier ausschließlich handelt, sei die Phantasie doppelt geschäftig, liegt gewiß nahe.
Nun ist aber dagegen einzuwenden, daß es sich fast regelmäßig um so Wichtiges – etwa den vorhergesagten Tod naher Angehöriger – handelt, daß das Essentielle der Vorhersage behalten wird, wenn auch Irrtümer in bezug auf die Nebenumstände vorkommen mögen. Denn wenn wir daran zweifeln wollen, daß jemand Fragen von solcher Bedeutung in sein Gedächtnis eingraben kann, dann müssen wir das Gedächtnis als Gehirntätigkeit überhaupt streichen. Dann kann auch jemand vergessen, daß er irgendwo verwundet wurde oder daß sein Vater starb. Auch hier führt eine Hyperkritik zu absurden Konsequenzen.
Einräumen wollen wir aber, daß in allen jenen Fällen, in denen die Vorhersage eines Ereignisses erst nach dessen Eintreffen publiziert wird, der Leser das Recht hat, an der Glaubwürdigkeit des oder der Zeugnisse zu zweifeln.
Deshalb schreibt der bekannte verstorbene Vorkämpfer des Okkultismus, Freiherr von Du Prel, ein Forscher, dessen Verdienste im vollen Umfange auch erst die Zukunft anerkennen wird:
Solche Visionen müssen »vor dem Eintreffen in einer Zeitschrift publiziert werden, selbst auf die Gefahr hin, daß einzelne nicht eintreffen. – Das bloße Deponieren im Archiv der betr. Gesellschaft hätte höchstens für die Gesellschaftsmitglieder einen Wert«.
Nun ist aber eine große Anzahl der von uns mitgeteilten Fälle von zeitlichem Fernsehen bereits früher, ja oft schon Jahrhunderte vorher, im Druck erschienen.
Was läßt sich gegen deren Beweiskraft anführen? Da besteht zunächst der Einwand, diese Prophezeiungen seien so unklar gefaßt, daß sie vielleicht auch auf andere Ereignisse bezogen werden könnten. Er ist häufig schwer oder gar nicht zu widerlegen.
Oder es heißt – und das ist einer der beliebtesten Gegengründe – man erinnere sich zwar genau der wenigen Vorhersagen, die zutrafen, vergesse aber alle jene, die falsch gewesen seien.
Diese Erwägung besteht zweifellos zu Recht. Es ist ja fabelhaft, wie viel und was für haarsträubend dummes Zeug prophezeit wurde und noch wird. In früheren Jahrhunderten gab man solche Elaborate gern in den Druck, heute ist man darin – nicht zum Schaden der Sache – zurückhaltender geworden.
Wenn wir nun auch ohne weiteres die Berechtigung dieser Art des Zweifels zugeben und es uns gar nicht einfällt, zu bestreiten, daß es geradezu ein Wunder sein müßte, wenn unter den Myriaden von Vorhersagen nicht diese oder jene wahr geworden wäre, so bedarf doch anderseits diese Frage eingehenderer Prüfung.
Es sind drei Möglichkeiten für die richtige Vorhersage von etwas Zukünftigem gegeben: 1. die Berechnung. Sie ist Aufgabe der Wissenschaft und wird es in späteren Zeiten noch mehr werden. Wenn ein warmer Sommer im nördlichen Polargebiet war, so daß große Massen von Eis schwimmend ins Meer gelangten und nach Süden trieben, so hat die metereologische Erfahrung ergeben, daß der nächste Winter in unseren Breiten kalt werden wird.
Oder wenn ich als Bevölkerungsstatistiker aus ungezählten Millionen von Einzelbeobachtungen zum Resultat gelangt bin, daß auf 106 Knabengeburten in Deutschland 100 Mädchengeburten treffen, dann kann ich folgern, daß auch in künftigen Jahren das Verhältnis ebenso sein wird. Wenn auch das sogenannte Gesetz der großen Zahl nicht Notwendigkeit fordert, so werde ich mich auch doch in praxi nur um Dezimalen irren.
Oder wenn ich als Arzt die Erfahrungstatsache kenne, daß ein Prießnitz-Umschlag um die Brust katarrhalische Affektionen der Atmungsorgane günstig beeinflußt, dann bin ich dazu berechtigt, bei meinem Patienten dieses Mittel bei gleicher Erkrankung mit einiger Aussicht auf Erfolg anzuwenden.
In allen diesen Fällen, im Versicherungswesen, in der Politik, in der Volkswirtschaft und noch auf zahlreichen – um nicht zu sagen auf allen Gebieten – ist der Sachverhalt der gleiche: Auf Grund einer möglichst umfassenden Induktion gelangen wir zu deduktiven Schlüssen, zu Erfahrungsregeln, ja zu Gesetzen und wenden sie nun auf Zukünftiges an. Hier handelt es sich, das ist klar, um Berechnung, Kalkulation oder Kombination.
Wenn auch nicht bestritten werden kann, daß die obigen Berechnungen auch irrtümlich sein können, daß ihr Umfang und Inhalt gewissen Beschränkungen unterliegt, daß auch unvorhergesehene und unvorhersehbare Momente sie modifizieren mögen, so wird es doch keinem Menschen einfallen, ein richtiges Resultat auf Zufall zurückzuführen. Vielmehr wird man geneigt sein, einen Mißerfolg damit zu erklären bzw. zu beschönigen.
2. Können wir das Eintreffen der Vorhersage eines zukünftigen Ereignisses dem Zufall zuschreiben.
Was ist Zufall?
»Zufall nennt man alles, was durch keine Gründe und Ursachen bedingt zu sein scheint, also das Unbeabsichtigte und das Unerklärliche. Der Begriff des Zufalls ist jedoch ein bloß subjektiver; denn an sich ist alles durch Ursachen bedingt. Aber ein Kausalzusammenhang kann für uns unter Umständen dunkel und unbekannt oder auch unbeabsichtigt sein. Zufällig heißt demnach dasjenige Ereignis, welches aus einem System von Ursachen entspringt, das nicht in der Macht des Wollenden oder der Kenntnis des Auffassenden liegt, z. B. eine Folge, die weder von uns beabsichtigt, noch auch vorhergesehen ist[72].«
Anders ausgedrückt: einen objektiven Zufall gibt es nicht, da mit seiner Annahme die Kausalität geleugnet würde. Es kann sich also – auch in allen für uns in Frage kommenden Fällen – niemals darum handeln, daß etwas keine Ursachen hat, sondern nur darum, daß wir diese 1. nicht kennen; 2. nicht beweisen können, daß der Erfolg auch wirklich beabsichtigt war.
Was das Nichtkennen betrifft, so schränkt sich naturgemäß dessen Bereich mit dem Fortschreiten der Wissenschaft immer mehr ein. Wir lernen mehr Gesetze, die die Welt beherrschen, kennen und haben deshalb immer weniger Veranlassung, unsere Unwissenheit durch Gebrauch des Wortes Zufall zu beschönigen. Hier tritt dann zuletzt bei genauer Ermittlung der Anwendungsbedingungen die Notwendigkeit an seine Stelle. So hat man vor noch gar nicht langer Zeit das Gedankenlesen für ein zwar geschicktes aber doch immerhin mehr oder minder zufälliges Erraten der Gedanken anderer gehalten, bis wir nunmehr positiv wissen, daß es Gedankenübertragung gibt[73]. Genau ebenso verhielt es sich mit der Hypnose und Suggestion, mit der Erprobung neuer Heilmittel usw. usw. Etwas anders ist der Sachverhalt etwa im folgenden Falle: A. geht an einem Hause in demselben Augenblick vorbei, in dem ein Ziegelstein herabfällt und ihn tot schlägt. Daß A. zur bestimmten Sekunde am Hause vorbei geht, ist durchaus kein Zufall, sondern damit hinlänglich begründet, daß er zu seinem Raseur will und kein anderer Weg hinführt. Ebenso hat der Fall des Ziegelsteines seine Ursache in einem Windstoß. Wenn also für jede der beiden Tatsachenreihen, das Vorbeigehen des A. und den Fall des Steines die kausale Begründung gegeben ist, so fehlt sie doch scheinbar für den Schnittpunkt, daß nämlich in derselben Sekunde der Stein fällt, in dem der Passant vorbeikommt.
Letzten Endes handelt es sich aber auch hier um ein Nichtwissen der Ursachen. Auch hier ist der Zufall subjektiv. Ein Architekt wird die Schadhaftigkeit des Daches bereits erkannt und vorhergesagt haben, daß ein Wind das Herabfallen von Ziegeln bewirken werde. Ein Meteorologe wird den Windstoß vorhersehen, und die Zeit seines Eintreffens an gedachter Stelle berechnen können. Er weiß allerdings so wenig wie der Architekt, ob gerade der bestimmte Windstoß einen Ziegel hinabschleudern wird. Was man aber wissen kann, ist, daß das Dach durch einen der nächsten beschädigt werden wird. Dadurch läßt sich eine Wahrscheinlichkeitsrechnung mit sehr kleinem Divisor aufstellen. Was endlich den Passanten betrifft, so war sein Vorbeikommen sehr leicht zu berechnen. So merkwürdig hier der Zufall also auch gespielt zu haben scheint, so läßt er sich doch in eine Rechnung fassen, deren Divisor keineswegs sehr groß zu sein braucht.
Schwierig ist oft im zweiten Fall der Nachweis, ob ein Erfolg auch beabsichtigt war. Um diese Art des Zufalles handelt es sich zumeist bei uns. Wie jedes Medikament neben der Wirkung, um derentwillen es verabreicht wird, auch – oft recht unerwünschte – Nebenwirkungen hat, so ist das mutatis mutandis fast bei allem und jedem, was wir tun, der Fall. Nur selten lassen sich alle Ursachen so beherrschen, daß unbeabsichtigte Nebenwirkungen oder Mißerfolge ausgeschlossen sind. So geht trotz der großen Zuverlässigkeit unserer Post dann und wann einmal ein Brief verloren; trotz der hohen Sicherheit unseres Verkehrswesen verunglückt auch hie und da ein Reisender; trotz der sorgfältigsten Herstellung unserer Geschütze und Munition kommt es doch bisweilen vor, daß ein Kanonenrohr platzt oder ein Geschoß zur unrechten Zeit explodiert. Kurz: es ereignet sich auch bei größter Genauigkeit in der Anwendung der klar erkannten Gesetze doch dann und wann ein unvorhergesehenes und selbstredend unbeabsichtigtes Mißgeschick, das wir dann als (unglücklichen) Zufall bezeichnen.
Je seltener ein solcher Zufall – so geheißen durchaus nicht, weil er nicht kausal begründet wäre, kennen wir doch oft die Ursache, etwa die gesprungene Schiene bei der Eisenbahnkatastrophe, sondern weil er unbeabsichtigt ist – nun eintritt, desto vollkommener ist eine Institution, eine Technik usw. Je häufiger, desto mangelhafter. Ja, es können Fälle eintreten, wo das Unbeabsichtigte so häufig oder fast so häufig ist, wie sein Gegenteil, wie wir das ja leider zu Beginn der lenkbaren Luftschiffahrt erleben mußten.
Um nun zu bestimmen was Absicht, was »Zufall« ist, bleibt uns nur der Weg der Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Wenn jemand mit der Bahn von München nach Berlin reisend sein Ziel erreicht, wird es niemand einfallen, hier von Zufall zu reden. Denn die Gründe für das Gelingen der Reise sind bekannt, ebenso ist die Ankunft beabsichtigt. Und doch läßt sich mit Leichtigkeit eine Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen.
Aus der Statistik der deutschen Eisenbahnen für das Rechnungsjahr 1900/1901 ergibt sich, daß ein tötlicher Unfall auf 168 Millionen in der Eisenbahn zurückgelegter Personenkilometer trifft. Nun beträgt die Bahnstrecke München–Berlin 700 klm. Wir erhalten also folgende Rechnung: Die Wahrscheinlichkeit Berlin zu erreichen, verhält sich zu der tötlich zu verunglücken wie 168 000 000 : 700 = 240 000.
Mit andern Worten: von 240 000 Reisenden auf der Strecke Berlin–München verunglückt einer tötlich. Diese Wahrscheinlichkeit von 1 : 240 000 ist derart gering, daß das tödliche Unglück als sehr seltener Zufall in praxi in die Kalkulation gar nicht einbezogen wird.
Aber eine so hohe Wahrscheinlichkeitsquote ist keineswegs erforderlich.
Von hundert dreißigjährigen Durchschnittsmännern stirbt in Deutschland einer im Jahr, also 1⁄12 im Monat, 1⁄360 am Tag. Anders ausgedrückt: Der normale dreißigjährige deutsche Mann hat eine Wahrscheinlichkeit von 1200 noch einen Monat, eine solche von 36 000 noch ein Jahr zu leben.
Keinem Menschen wird es einfallen zu sagen: es ist Zufall, wenn der dreißigjährige X. den kommenden Monat, oder gar den kommenden Tag erlebt. Man wird es vielmehr als Zufall bezeichnen, wenn das Gegenteil eintritt.
Im bürgerlichen Leben ist also die Wahrscheinlichkeit 1 : 100 schon groß, 1 : 1200 sehr groß, mit der 1 : 36 000 wird in der Praxis schon überhaupt nicht mehr gerechnet.
Übertragen wir nun das Gesagte auf die Prophetie!
Wenn ein Astrolog jemandem sein Todesjahr vorhersagt, so handelt es sich immer um eine Wahrscheinlichkeit geringer als 100, bei einem reiferen Mann sogar geringer als 50 oder 25. Macht er also genügend Horoskope, so wäre der Zufall immer zu irren viel größer, als der mal das Richtige zu treffen. Da wir nun in der Regel die Zahl der Horoskope nicht kennen, da ferner der Tod ein Ereignis ist, dessen Eintreffen absolut sicher ist und bei dem nur der Zeitpunkt in gewissen mehr oder minder engen Grenzen schwankt, so werden wir auf Grund derartiger Voraussagen niemals die Existenz einer übersinnlichen Prophetengabe, eines wirklichen zeitlichen Fernsehens beweisen können.
Ganz ähnlich verhält es sich bei der Vorhersage von Kriegen usw. Das alles sind Ereignisse, die im Leben eines Volkes schon so und so oft da waren und deren Wiederholung ganz und gar nicht verwunderlich ist. Die vierzigjährige Friedensperiode, die Deutschland – von den überseeischen Expeditionen abgesehen – jetzt genießt, ist schon anormal lang. Wenn also der eine Seher für 1912, der andere für 1913, der dritte für 1914 usf. einen Krieg prophezeit, wenn er die wenigen überhaupt in Frage kommenden Gegner namhaft macht, so ist das glückliche Eintreffen einer solchen Vorhersage ganz und gar nicht wunderbar und beweist nicht das Allergeringste für das Vorhandensein seiner Sehergabe.
Dies ist auch der Grund, weshalb eine weitere Häufung historischer Prophezeiungen, deren wir ja eine ganze Reihe in den vorhergehenden Kapiteln zusammentrugen, selbst in den Fällen, in denen ein Zweifel daran, daß sie wirklich vorher verkündet worden sind, ausgeschlossen ist, keinen Nutzen hätte. Wir kämen höchstens in den Verdacht, Vollständigkeit zu erstreben. Dieses Ideal aller Flachköpfe ist aber ganz und gar nicht das unsrige. Denn was wir anstreben, ist etwas ganz anderes.
Wir sagten oben, daß das richtige Eintreffen eines vorhergesagten Ereignisses entweder eine Folge der Berechnung oder des Zufalles sein kann. Ist beides nicht der Fall, dann bleibt als
3. Möglichkeit nur mehr die, daß es sich hier um eine uns nicht näher bekannte Ursache handelt, die wir mit Sehergabe oder Prophetie bezeichnen.
Wenn wir also auch nur in einem einzigen Fall den Nachweis erbringen können, daß ein richtig vorhergesagtes Ereignis weder durch Berechnung, noch durch Zufall eintraf, dann ist damit die Existenz des zeitlichen Fernsehens bewiesen. Demnach handelt es sich jetzt in unserer Beweisführung, darum Berechnung und Zufall auszuschalten.
Das ist nun viel leichter gesagt als getan. Denn wenn es auch nicht schwer sein wird, die Berechnung auszuschließen, so kann das für den Zufall nur dann gelingen, wenn wir eine außerordentlich hohe Wahrscheinlichkeit zu berechnen in der Lage sind. Da genügt keineswegs die Vorhersage des – sicheren – Todes einer bestimmten Person, sei es auch für einen bestimmten Tag. Beweiskräftig wäre das höchstens, wenn wir alle übrigen Todesvorhersagen kennen würden bzw. wüßten, daß keine andere existiert. Das ist aber so gut wie ausgeschlossen, denn man vergißt schnell falsche Prophezeiungen. Überdies wäre selbst in diesem Falle der Koeffizient nur 36 000 bei einem Dreißigjährigen, etwa ein Drittel so groß bei einem Fünfzigjährigen. Das würde nicht genügen, den Zweifler zu überzeugen, mir wenigstens nicht.
Noch viel weniger ist natürlich die Ankündigung eines Krieges oder anderer Ereignisse mit geringerem Nenner beweisend.
Wir müssen danach trachten, folgende Formel zu erhalten:
w (Wahrscheinlichkeit, Zufall) = n (Zahl der wirklichen Fälle) dividiert durch m (Zahl der möglichen Fälle) = unendlich klein oder 0
also: w = n ∞ = 0.
Mathematisch genau wird sich dieses Resultat nicht errechnen lassen, wohl aber können wir zu einem Annäherungswert gelangen.
Stellen wir uns vor jemand werfe hundertmal eine Münze auf, und zwar so, daß jedesmal das Wappen nach oben kommt. Die Wahrscheinlichkeit hierfür ist:
1 2 100 gemäß der Wahrscheinlichkeitsrechnung.
Nun ist aber 2100 mehr als 1030 Quintillion. Darum – sagt Grimsehl gegen die Mathematiker Marbe und d’Alembert – weil eine so große Zahl von Würfen von allen Menschen der Erde erst in 20 Billionen Jahren ausgeführt werden können, kann die Wahrscheinlichkeitsrechnung hier 0 ansetzen[74].
Wenn schon die reine Mathematik bei einem so ungeheuren Divisor aus praktischen Erwägungen zum Resultat 0 gelangt, so können wir das um so eher. Nur muß allerdings auch unser Divisor außerordentlich groß sein.
Da wir zu ihm auf dem oben eingeschlagenen Wege nicht gelangen werden, müssen wir es auf einem andern versuchen.
Vor allem aber muß es unsere Aufgabe sein, festzustellen, wieviel Vorhersagen überhaupt existieren. Das ist in dieser Fassung eine unmögliche Forderung. Wohl aber läßt sich der gleiche Erfolg dadurch erzielen, daß wir das ganze Material eines Sehers betrachten und die eingetroffenen Vorhersagen zu den nicht eingetroffenen in ein Verhältnis bringen.
Setzen wir voraus, von einem Seher existierten fünf Prophezeiungen, von denen drei eintrafen, zwei ausblieben, so spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, daß er etwas Prophetengabe besaß. Trafen alle ein, so werden wir kaum zögern, ihn für einen richtigen, traf keine oder nur zwei ein, aber für einen falschen Propheten zu halten.
Diese Wahrscheinlichkeitsrechnung, so einleuchtend sie scheint, ist trotzdem falsch. Denn sie operiert mit ungleichwertigen, inkommensurablen Größen.
Das bedarf einer näheren Ausführung, da es von außerordentlicher Wichtigkeit ist.
Wenn jemand »prophezeit«, er werde aus einem Kartenspiel rot ziehen, so ist die Wahrscheinlichkeit des richtigen Erratens ebenso groß, wie die des Irrens, da das Spiel genau ebenso viel rote, wie schwarze Karten aufweist.
Diese Wahrscheinlichkeit sinkt auf ¼, wenn es sich darum handelt, eine Karo zu treffen, auf ein ⅛ beim König und wenn jemand sich gar anheischig macht, den Karokönig zu ziehen, so hat er, bei einem Spiel von 32 Karten, nur 1⁄32 Wahrscheinlichkeiten.
Noch viel ungünstiger sind natürlich die Chancen, wenn jemand in einer Lotterie mit 100 000 Losen das Gewinnlos vorher richtig angeben will. Hier hat er nur 1⁄100 000 Wahrscheinlichkeit. Sollte das jemand gelingen – angenommen es existiert überhaupt nur eine derartige Vorhersage, denn wenn es deren viele gibt, dann ist die Chance 1⁄100 000 multipliziert mit allen anderen Vorhersagen – so werden wir kaum zögern ihm Sehergabe zuzuerkennen.
In allen den genannten Beispielen war die Zahl der Möglichkeiten bekannt. Wir wußten genau, daß das vorhergesagte Ereignis unbedingt eintreffen muß. Fraglich bleibt eben nur, ob es so eintrifft, wie der Prophet es vorhersagt.
Besser ausgedrückt: Wir wußten genau, daß eines der hunderttausend Lose mit dem großen Treffer gezogen werden mußte. Es fragte sich nur, ob die vorher bezeichnete Nummer richtig war.
Ganz anders verhält es sich, wenn ein vorhergesagtes Ereignis eintreffen oder auch ausbleiben kann.
Angenommen, ich bestimme jemandes Todestag. Daß er sterben wird, ist ganz sicher. Irren kann ich nur bezüglich des Datums. Wie aber, wenn ich jemand ankündige, daß er eine Reise um die Erde machen wird – was nichts weniger als notwendig ist – und den Tag der Abreise und Rückkehr richtig angebe?
Oder wenn ich vorhersage, daß jemand an einem bestimmten Tage durch einen bestimmten Unfall ums Leben kommt?
Oder – um den Divisor ins Ungeheure wachsen zu lassen – daß ihn an einem bestimmten Tage mit einem bezeichneten Mordinstrument ein Mann umbringen wird, dessen Namen ich richtig nenne. Hier handelte es sich um ungezählte Millionen oder Milliarden von Irrtumsmöglichkeiten, die der einen einzigen des richtigen Vorhersagens gegenüber stehen.
Oder wenn ich gar ein zukünftiges Parlament namentlich und richtig angebe?
Das Fazit dieser Erwägung ist klar: Der innere Wert der Vorhersagen kann schwanken zwischen 1 : 2 (rote Karte) und 1 : X Milliarden (letzter Fall). Wenn wir daher sagen: dieser Prophet ist jenem überlegen, weil unter fünf Vorhersagen bei ersterem vier, bei letzterem nur drei eintrafen, während ein dritter überhaupt keine prophetische Gabe besitze, denn von seinen fünf Vorhersagen sind nur zwei eingetroffen, also weniger als das arithmetische Mittel, so begehen wir damit eine ganz riesige Gedankenlosigkeit. Es ist gerade so, als wenn jemand Königreiche und Sandkörner als gleichwertige Größen in eine Rechnung einsetzen würde, etwa weil beide Ausdehnung besitzen.
So evident das Gesagte ist, so schwer verständlich mag manchem das Folgende scheinen.
Einer der beliebtesten Einwände gegen die Prophetie ist nämlich der, daß der Besitzer der Prophetengabe niemals irren dürfe. Man wendet ganz landläufig ein: X mag ja so und so oft die Zukunft richtig vorhergesagt haben; daß es sich hierbei aber nicht um Prophetie, sondern um Berechnung oder Zufall handelt, geht daraus hervor, daß er auch so und so oft irrte.
Das ist nun ein Denkfehler, weil man über eine noch völlig unbekannte Naturkraft etwas Positives aussagen will: nämlich daß diese Kraft jederzeit und in vollem Umfange zur Verfügung des mit ihr Begabten sein muß.
Wir kennen die Funktionen und Leistungen unserer Gewehre und Geschütze ganz genau und doch fällt es keinem Verständigen ein zu sagen: das ist alles Plunder, denn mit dem gleichen Gewehr, mit dem getroffen wird, wird auch gefehlt. Vielmehr wissen wir, daß auch ein guter Schütze fehlen kann, ja wir wissen, daß im Feldzuge auf hundert abgegebene Schüsse nur ein einziger Treffer kommt. Und endlich ist uns genau bekannt, daß auch ein tadellos abgegebener Schuß aus einem Idealgewehr fehlen kann, ja nur durch Zufall überhaupt trifft, wenn nämlich der Streuungskegel größer ist, als das Ziel.
Statt also zu sagen: es gibt keine Prophetie, weil es auch falsche Prophezeiungen gibt – auf diese Formel gebracht, ist jedermann der Paralogismus sofort klar –, muß es Aufgabe der Wissenschaft sein, festzustellen, unter welchen Bedingungen diese Kraft wirksam wird und den Streuungskegel bei ihr zu bestimmen.
Indem wir uns vorbehalten, im weiteren Verlaufe unserer Untersuchung darauf zurückzukommen und vielleicht einiges zur Klärung der Frage beisteuern werden, wollen wir nunmehr den weiteren Gang unserer Beweisführung näher präzisieren.
Wir wollen den Nachweis liefern, daß es ein wirkliches zeitliches Fernsehen, echte Prophetie, gibt.
Das kann uns nur dadurch gelingen, daß wir nachweisen, die richtige Vorhersage irgendwelcher Ereignisse sei weder auf Berechnung, noch auf Zufall zurückzuführen.
Die Ausschaltung der Berechnung ist sehr einfach, die des Zufalls überaus schwer und nur möglich
1. durch größtmögliche Festlegung des Materiales.
2. Durch Errechnung eines möglichst hohen Divisors, so daß sich das Resultat dem Werte Null nähert.
Während wir den zweiten, bei weitem schwierigeren Teil des Beweises für die Schlußkapitel aufsparen, beschränken wir uns in den folgenden auf den ersten, die Festlegung des Materiales.
Wie schon gesagt, ist es unmöglich, sämtliche umlaufende Prophezeiungen zu sammeln und in Hinblick auf die falschen und richtigen statistisch zu verarbeiten. Wir würden damit auch insofern wenig gewinnen, als gewisse Vorhersage – keineswegs alle – ungleichwertig sind, was ein rein äußerlich zahlenmäßiges Erfassen ausschließt.
Da es aber eine große Fülle von Vorhersagen gibt, die sich widersprechen, so daß entweder die eine oder die andere richtig sein muß; da ferner eine stattliche Reihe so beschaffen ist, daß die Wahrscheinlichkeit des Irrens nur gering ist – etwa bei Vorhersage eines Krieges für ein bestimmtes Jahr –, so ist eine gewisse Sichtung und Festlegung des Materiales keineswegs unnütz. Liegt es doch auf der Hand, daß es für die Beweisführung einen großen Unterschied bedeutet, ob aus ungezählten Millionen von Prophetien mal eine mit einem vielleicht höchst verblüffenden Inhalt eintrifft, oder ob dies bei ein und demselben Seher der Fall ist, womöglich mit mehreren oder gar allen Vorhersagen.
Deshalb soll es nun unsere nächste Aufgabe sein, möglichst das ganze prophetische Material einzelner Seher nachstehend zu sammeln und kritisch zu beleuchten.