Achtes Kapitel Johann Adam Müller
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Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts erregten die Prophezeiungen eines Landwirtes namens Johann Adam Müller vom Maisbacher Hofe, unweit Heidelberg viel Aufsehen. Dieser Mann, der in mancher Beziehung große Ähnlichkeit mit dem Fischer Heering aus Prossen besitzt, sollte sogar in die Politik eingreifen. Bevor wir auf seine Person des Näheren eingehen, sei das Protokoll hier wiedergegeben, das der Pfarrer Hautz in Mekels, nachmals in Neckargemünd, im Jahre 1808 nach dem mündlichen Bericht Müllers zu Papier gab[124].
Es lautet:
»Ein Jahr vor dem Anfang des letzten österreichischen Krieges erschien mir des Nachts eine ganz weiße Gestalt, die mich bei der Hand nahm, daß ich darüber erwachte; ich glaubte anfangs, es sey meine Frau, fand aber, daß diese ruhig neben mir schlief. Einige Zeit blieb ich wachend im Bette sitzen und die Gestalt verschwand. Darauf legte ich mich wieder nieder und fing an zu schlummern, aber kaum war ich eingeschlummert, als mich wieder etwas an der Hand faßte und mich aufweckte. Die Gestalt glich vollkommen einem Menschen. Sie ging hin zum Tisch in meiner Stube, und als ich mich ihr näherte, verschwand sie plötzlich; worauf außen vor dem Hause am Himmel ein sehr starker Blitz erfolgte. Ich öffnete das Fenster und sah an dem Himmel einen großen Zug Kanonen, der sich von Frankreich gegen Österreich hin bewegte. – Vierzehn Tage vor Weihnachten 1805 erhielt ich eine andere Erscheinung, die mich abermals erweckte, und mir sagte, daß bald auch ein Krieg zwischen Frankreich, Preußen und Rußland ausbrechen würde, und nach Verlauf eines Jahres müsse ich zum König von Preußen gehen; der russische Kaiser werde auch dazu kommen. Doch sagte mir diese Erscheinung noch nicht, was ich bei dem König von Preußen tun sollte.
Am 2. Mai 1806 tat es abends gleich nach Sonnenuntergang einen starken Blitz; ich stand unter der Haustüre und sah ein Schwert vom Himmel hin- und gerade durch den eben vollgewesenen Mond fahren; das Schwert wurde rot und fuhr dann gegen Norden.
Nach Verlauf eines Jahres dachte ich wohl wieder an diese Erscheinung, aber mein Herz dachte nicht daran fortgehen zu wollen. Am ersten Sonntag im Jahre 1807 kam jene weiße Gestalt wieder und sagte mir: ich sollte mich eilends aufmachen und zum König von Preußen gehen. Wenn ich zum König käme, sollte ich mich gar nicht besinnen, was ich sagen solle, denn Gott würde mir schon in den Sinn geben, was ich sagen solle. Der russische Kaiser würde auch dazu kommen, ich solle mich aber gar nicht vor ihnen scheuen, denn es werde mir nichts zuleide geschehen. Darauf versprach ich, daß ich fortgehen wolle; da verschwand die Gestalt. Weil ich nun aber nicht wußte, was ich bei dem Könige zu tun habe, so bat ich Gott, er möge mir dies doch offenbaren, und 14 Tage hernach erschien mir wieder die Gestalt, und sagte mir, ich sollte mich 7 Tage meiner Frau enthalten, dann würde mir offenbart werden, was ich dem König zu sagen hätte. Nach Verlauf dieser 7 Tage in der achten Nacht kam wieder etwas, und nahm mich bei der Hand. Als ich erwachte, war alles um mich her so hell (NB es war nachts 12 Uhr) als ob das ganze Haus im Brand stände. Ich sah aber wohl, daß es kein Brand war, denn es war so hell weiß, wie die Sonne am Mittag ist. Da stand ein alter Mann, dem Ansehn nach etwa 80 Jahr alt, der hatte zwei Bücher unter dem Arm, die ganz veraltet schienen, ohne Deckel und voller Falten. Ich betrachtete den Mann und besonders seine Bücher sehr aufmerksam. Er fragte mich, was mich so in Erstaunen setze? Ich schwieg stille und nun fragte er: ob es etwa die Bücher seien? Ich sagte ja! und nun antwortete er: darüber brauche ich mich weiter nicht zu wundern! So wie diese veraltet seien, so sei Gott, Jesus Christus und Gottes Wort, das in diesen Büchern stände, leider! auch veraltet. Darauf zog er das eine Buch unter dem Arm hervor, schlug den Jesaias auf, zeigte mir das 58ste bis in das 64ste Kapitel und sagte mir: ich solle mich jetzt schnell auf den Weg machen und zum König von Preußen gehn, und ihm so wie dem russischen Kaiser, wenn er dazu käme, diese Kapitel vorlegen und ihnen verkündigen, nach Anweisung dieser Kapitel sollen sie ihre Länder einrichten, denn so wie ich gesehen hätte, das Schwert durch den Mond fahren und hell rot werden, so werde die Finsternis bestraft werden, wenn sie sich nicht bekehre. Noch setzte er hinzu, ich solle mich nicht scheuen, er werde mich gesund hin, und wieder zurück zu meiner Frau und meinen Kindern bringen. Als ich versprochen hatte, dem Berufe zu folgen, kam ich auf einmal weg[125], und wußte gar nicht mehr, wo ich war, der alte Mann aber blieb bei mir. Wir kamen in eine Stadt, wo ein Haufen Wölfe, Bären und Löwen waren. Diese sprangen an mich hin; der alte Mann aber wehrte ihnen und beschützte mich. Wir kamen wieder weiter und an ein Wasser, ohne daß wir hinüber kommen konnten. Nach einigen Tagen kam ich aber hinüber ohne, zu wissen wie? Bald darauf kam abermals ein Haufen Wölfe, Bären und Löwen, die mich noch fürchterlicher anfielen. Mir war zugleich ich sei auf einem Wagen. Ein besonders großer Löwe verwundete mich, daß ich blutete. Der alte Mann fragte mich, ob es arg wäre? als ich nein! antwortete (ich blutete nur an der Nase), sagte er, es werde mir das nicht schaden, und mir auch sonst nichts mehr zuleide geschehen. Nun kamen wir zu Leuten, die Feuer hatten, aber ich konnte nicht sehen, von was das Feuer brannte. Sie hatten auch etwas, was ihnen zur Speise diente; mir aber kam es vor, als könne man es nicht essen. Ich fragte sie daher, von was sie lebten und welches ihnen recht gut schmecke. Dann kamen wir an einen sehr schönen gepflanzten Weinberg, worin einige Reihen Reben, dann eine Reihe von Obstbäumen, und dann ein Weg war. Da sagte mir der alte Mann: in diesem Weinberg würde ich eine Zeitlang bleiben. Darauf kam ich in eine große schöne Stadt, in welcher man mich überall herumführte. Mitten in der Stadt kam ich in eine ungemein große Kirche. In den 4 Ecken der Stadt standen vier Königsschlösser. Der alte Mann sagte mir nun, diese Stadt sei die Stadt Zion und Neu-Jerusalem, sie solle aber noch erst gebauet werden, zum Gedächtnis, wenn die Menschen sich gebessert und sich wieder zu Gott gewendet hätten. Er zeigte mir den Platz, wo die Stadt sollte hingebaut werden[126]. Darauf verschwand der alte Mann, und ich befand mich wieder, jedoch wachend, in meinem Bett.«
Ich muß den Leser um Entschuldigung bitten, daß ich alles dieses phantastische Zeug ihm wortgetreu aus dem Protokoll vorführe. Aber nur so dürfte das ausreichende Material zu einem Urteil gegeben sein. Daß Müller Visionen hatte, die er für reale Dinge hielt und daß er der festen Überzeugung war mit dem »alten Mann« leibhaftig zu verkehren, scheint festzustehen. Daß es sich – so merkwürdig und abenteuerlich alles anmutet – doch keineswegs nur um Phantastereien, wie zweifellos beim Traum von Neu-Jerusalem, handelt, ergibt sich aus dem Folgenden zwingend. Besonders merkwürdig ging die Vision (oder war es ein Traum?) von den wilden Tieren in Erfüllung. Es wird sich überhaupt empfehlen, das Mißbehagen bei Lektüre des Protokolles zu überwinden und auch, mit Rücksicht auf das Folgende, auf Einzelheiten zu achten.
Doch fahren wir im Protokoll (S. 30) fort!
»Jetzt wußte ich nicht, was ich tun sollte. Gern wäre ich fortgegangen, aber der Gedanke an meine Frau und Kinder hielt mich zurück; ich ließ es also anstehen. Zehn Tage darnach kam ein Mann von mittleren Jahren des Nachts zu mir, und sagte: wenn ich nicht fortginge, so würde all das Blut auf meinen Kopf kommen und von meinen Händen gefordert werden. Ich wußte nicht, was ich machen sollte, und fragte also einmal des Nachts meine Frau, was sie machen werde, wenn ich einmal ¼ oder ½ Jahr nicht bei ihr sein sollte. Sie antwortete: »Lieber Gott! da wüßte ich mir weder zu raten noch zu helfen!« Darauf nahm ich mir fest vor, nicht fort zu gehen, es möge kommen wie es wolle. Am dritten Tage aber ward ich unruhig im Gemüt, und diese Unruhe nahm mit jedem Tage zu. Am siebenten Tage sagte ich zu meiner Frau: Du siehst nun, es tut nicht gut, wenn ich dableibe, es gehe also in Gottes Namen wie es will, da antwortete sie: »So gehe denn in Gottes Namen hin und richte deinen Befehl aus.«
Darauf ließ ich meinen Schwager holen, wozu auch der Schuhmacher Sattler aus Nußloch gekommen war. Beiden legte ich die ganze Sache vor, erzählte ihnen alles ganz genau und verlangte von ihnen, sie sollten mir raten. Sie antworteten aber, sie könnten mir hierin nicht raten, die Sache sei zu wunderbar. Wenn es nur 30 Stunden Weges wäre, so wollten sie wohl noch eher dazu raten, aber dieser Weg sei zu weit; wie ich denn hin und wieder zurückkommen wollte? Am Ende wenn ich denn auch hingekommen wäre, so werde ich doch nicht vor den König kommen können. Ich versetze: das weiß ich sicher, daß ich hin, wieder zurück und auch vor den König kommen werde. Da sagte der Schuhmacher, ich sollte es meinem Pfarrer vorstellen und hören, was der davon halte. Ich antwortete ihm, wenn es ein Pfarrer wissen sollte, so würde es ihm unser Herr Gott schon gesagt haben; doch (setzte ich hinzu), wenn ich den Sonntag in die Kirche gehe, will ich mit unserm Pfarrer reden.
Am folgenden Sonntag blieb ich bis zuletzt in der Kirche, und wollte dann zu dem Pfarrer ins Haus gehen; als ich aber die Haustreppe hinauf stieg, zog mich etwas am Rock zurück, worauf ich denn auch fortging, ohne mit dem Pfarrer über die Sache zu reden. Zwei Nächte darauf hörte ich (jedoch ohne etwas zu sehen) eine Stimme, die zu mir sprach: »Ich sollte eilends fortgehen, der Verderber sei hinweg!«
Am folgenden Abend ging ich zu meinem Nachbar und vertrautesten Freunde und sagte ihm, daß ich fort müsse, ob er sich nicht in meiner Abwesenheit meiner Frau und meiner Kinder annehmen wolle. Ich verschwieg ihm aber, wohin ich gehen werde, und was ich auszurichten habe. Er versprach mir, meiner Frau zu helfen, so viel er könne, und setzte hinzu: ich solle nur in Gottes Namen fortgehen. Ich sagte also zu meiner Frau, ich werde des andern Morgens fortgehen, und belehrte sie, wie sie inzwischen ihre Geschäfte und Haushaltung besorgen solle. Des andern Morgens kochte mir meine Frau ein Stück Dörrfleisch ab, dies, ein Stück Brot und 15 Kreuzer an Geld[127] nahm ich mit, und so trat ich meine Reise, ohne Paß, in Gottes Namen an.«
Die Ähnlichkeit der Vorgeschichte des Ganges zum König mit der des Prossener ist unverkennbar. Beide handeln aus unwiderstehlichem inneren Drange in der unerschütterlichen Überzeugung, Werkzeuge in Gottes Hand zu sein. Daß in beiden Fällen alles Sensationelle, so merkwürdig die erzählten Vorgänge auch sein mögen, völlig ausgeschlossen ist, sei ausdrücklich hervorgehoben. Was Müllers Charakter betrifft, so werden wir noch später auf ihn zurückkommen. Den des Prossener kennen wir ja bereits als völlig einwandfrei.
Doch fahren wir fort (S. 32):
»Als ich in die Gegend von Frankfurt kam, sah ich einen Berg mit Weingärten, an dem ein Weg hinauf ging. Dieser Weg war mir früher durch den alten Mann gezeigt. Nachher kam ich in einen Wald und so von Dorf zu Dorf bis Miltenberg. Hier fragte ich nach dem Wege nach Würzburg. Von da ging ich nach Baireuth, dann über Leipzig, Wittemberg, Berlin, bis nach Prenzlow. Vor Prenzlow fragte mich ein Mann, wohin ich wolle? Ich antwortete, nach Stettin, um dort einen Badenschen Dragoner, meiner Frau Schwestersohn, zu besuchen. Da erbot er sich, mir den Weg um die Stadt herum zu zeigen, damit ich nicht nötig habe, durch die Stadt zu gehn, weil ich sonst leicht angehalten werden könnte. Ich nahm es aber nicht an, sondern ging durch die Stadt, weil ich sie als eine von denen erkannte, die mir der alte Mann gezeigt hatte.
Am Tore fragte mich die Bürgerwache, wohin ich wollte? und ob ich einen Paß habe? Ich antwortete: nach Stettin! Einen Paß hätte ich aber nicht. Da wurde ich denn durch einen Gefreiten vor den Stadtrat geführt. Dieser hatte nun eben gerade eine solche Gestalt und Kleidung, wie mir es durch den alten Mann vorgestellt worden war. Jetzt, als ich sah, wie alles, was mir früher vorgestellt war, in Erfüllung zu gehen anfange, lachte mir das Herz im Leibe. Auf dem Wege nach dem Rathaus bedauerte mich der Gefreite! »Mann! Ihr dauert mich,« sagte er, »denn Ihr werdet lange sitzen müssen, ehe Ihr fortkommt!« Ich antwortete aber, das habe nichts zu bedeuten. Vor dem Magistrat in Prenzlow wurde ich gefragt, wohin ich wolle? Ich antwortete: nach Stettin, um einen badischen Dragoner, meiner Frauen Schwestersohn, zu besuchen. Nun wurde ich zu dem französischen Kommandanten geführt. Mein Wächter bedauerte mich jetzt noch mehr, aber ich antwortete ihm abermals, er solle meinetwegen außer Sorgen sein. Der französische Kommandant fragte mich das Obige wieder, und ich beantwortete es gerade wie vorher. Er entließ mich mit den Worten: ich solle in Gottes Namen sehen, wie ich weiter nach Stettin komme. Beim Weggehen sagte jener Gefreite, ob ich denn nicht weiter wollte, als bis Stettin? Ich antwortete: Nein! aber er versetzte: Ihr geht doch weiter und müßt wohl einen ganz besonderen Auftrag haben. Nun! glückliche Reise! Zugleich brachte er mich auf den rechten Weg.
Bei meiner Ankunft in Stettin, ging ich gerade durch die Stadt durch, ohne angehalten zu werden, und doch mußte jeder andere seinen Paß vorzeigen. Mitten auf der Oderbrücke aber wurde auch ich angehalten, auf die Wache geführt und nach meinem Paß gefragt. Ich sagte jetzt, ich wolle nach Kolberg. Man führte mich nun zum französischen Kommandanten, welcher befahl, mich nicht über die Oderbrücke zu lassen. Ich ging also wieder in die Stadt, trank ein Glas Bier und wollte nun zur Stadt hinaus. Da rief mir ein badischer Dragoner zu, wo ich herkäme und wo ich hinwollte? Ich antwortete ihm das mehrmals Erwähnte, und er führte mich dann zu seinem Offizier, bei welchem er zugleich Bedienter war. Auch dieser fragte nach dem Zweck meiner Reise, und ich sagte auch ihm, ich wolle zu meiner Frau Schwestersohn. Es wurde nun ein Chirurgus gefragt, ob mein Vetter nicht etwa im Lazarett sei! Es hieß aber: Nein! auch konnte man mir nicht sagen, ob er in der Gegend von Kolberg oder Danzig sei.
Als ich wieder vor die Stadt kam, sah ich den mir früher vorgestellten Berg, zugleich auch ein Dorf, in welches ich ging und in einem Hause (es war das Pfarrhaus) einkehrte. Der Pfarrer kam mir entgegen und fragte mich, was ich wolle? Ich bat ihn, mir doch zu sagen, wo und wie ich über die Oder kommen könne? Zugleich entdeckte ich ihm etwas über den eigentlichen Zweck meiner Reise. Darauf ließ der Pfarrer einen Mann holen und fragte ihn, ob er, Müller von jenseits der Oder, die Bienen schon abgeholt habe? Es hieß: Nein! doch wisse man nicht, ob er sie heute oder morgen holen werde. Da sagte der Pfarrer zu dem Manne, er solle doch sorgen, daß ich mit über die Oder gebracht werde, wenn der Müller die Bienen hole, denn an mir könne man einen Gotteslohn verdienen. Er setzte mir auch Butterbrot vor und gab mir einen preußischen Gulden mit dem Zusatze, ich sollte mich in einem mir von ihm angewiesenen Wirtshause so lange aufhalten, ohne mich viel umzusehen, bis dieser Mann kommen werde mich abzuholen. Ich war aber kaum eine halbe Stunde in dem Wirtshause, als der Mann mich schon abholte.
Dann fuhr ich mit dem Manne über die Oder, ging mit ihm in sein Haus und blieb die Nacht bei ihm. Er riet mir nun, mich nach Stolpmünde hinzuwenden, da würde ich vielleicht ein Schiff treffen, mit welchem ich weiter reisen könnte. Eine Stunde von Stolpmünde blieb ich über Nacht, und hier traf ich das Brot, welches ich nicht essen konnte.
Des andern Tages (Sonntags) trank ich erst in einem Wirtshause ein Glas Branntwein[128]. Hier traf ich zwei preußische Soldaten, die sich selbst ranzioniert hatten. Sie erkundigten sich, wo ich hinwollte? Ich antwortete: nach Danzig. Sie baten mich bis Mittag zu warten, weil sie dann mit mir gehen wollten, und ich blieb. Ich ging indes in die Kirche. Während dem hatten die Bauern den Soldaten gesagt, ich sei ein Spion, sie mögen mich daher nach Kolberg abliefern. Es wurde auch wirklich ein Wagen bestellt, auf welchen ich mich mit den 2 Soldaten setzte. Man tat mir aber nichts zuleide. Im nächsten Dorfe, wo der Wagen gewechselt wurde, wollte einer der Soldaten mich mit Gewalt von dem Wagen reißen, aber er zerriß bloß meine Hutschnur. Ich sagte ihm er solle sich nicht unterstehen, mir etwas zuleide zu tun. Sie mögen mich zu den Preußen oder zu den Franzosen führen, ich werde mich allenthalben verantworten. Die Bauern drohten mir auf allerlei Art. Ein dabeistehender Edelmann aber sagte, sie sollten mich zufrieden lassen, sie sähen ja, daß ich mich gutwillig in alles ergäbe. Da ließen sie mich ruhig. In der Nacht kamen wir in ein anderes Dorf. Der Edelmann wollte uns aber nicht die Nacht dabehalten, auch keinen Wächter hergeben mich zu bewachen. Der eine von den 2 Soldaten wurde also grob gegen ihn und gegen mich und schlug mich mit seinem Stock über die Nase, daß sie blutete[129]. Der Edelmann fragte mich, ob es mir wehe täte? Ich antwortete aber: Nein. Auf des Edelmanns Befehl ward ich durchsucht, ob ich etwas Verdächtiges bei mir habe? Man fand aber nichts. Der eine Soldat versuchte meinen Stock zu zerbrechen, weil er glaubte, daß darin etwas verborgen sei. Er konnte es aber nicht und der Edelmann bemerkte, wenn er hohl sei, wäre er schon längst gewiß zerbrochen. Der Mann, setzte er dann gegen die Soldaten hinzu, ist ehrlicher als Ihr! Mir gab er jetzt ein Glas Branntwein. Als nun der Soldat immer noch drohte, er wolle mich erstechen, tröstete mich der Edelmann, das solle nicht geschehen dürfen, denn er werde mir zu meinem Schutze einige Bauern zu Pferde mitgeben. Dies geschah auch und zwar 1½ Meile von Rügenwalde.
In einem der folgenden Dörfer, wohin wir morgens um 2 Uhr abfuhren, bekamen wir einen frischen Wagen und wieder einige Bauern zur Wache. Bei Rügenwalde erhielten wir abermals eine frische Fuhre, die uns bis ein an der See liegendes Dorf brachte. Die Soldaten begehrten wieder eine Fuhre, der Schulze aber verweigerte sie. Der eine Soldat schimpfte darauf, und der Schulze drohte, ihn den Polacken zu überliefern. Wir gingen nun an den Strand hin gegen Stolpmünde, aber ich bedauerte insgeheim, mit einem so rohen Menschen gehen zu müssen, und bat Gott, mich von ihm zu erlösen. Nach einer halben Stunde zeigte der Soldat Lust, sich in die See zu stürzen. (Man meinte überhaupt, er sei nicht recht bei Verstand.) Sein Kamerad verwies ihm sein Betragen. Bisher, sagte er, hast du diesen (auf mich deutend) umbringen wollen, und nun willst du dich selbst töten. Du siehst daraus, was für ein böser Mensch du bist. Bald nachher fiel der andere Soldat im Gehen um und konnte auf keinem Fuße mehr stehen. Wir suchten ihm zu helfen, aber es ging nicht. Er bat daher seinen Kameraden, er möge dem Schulzen des nächsten Dorfes auftragen, ihn durch eine herausgeschickte Fuhre nachholen zu lassen. Der Soldat tat dies aber nicht. Ich erinnerte ihn zwar daran, er antwortete mir aber: Nein! Denn jener habe durch sein Betragen deutlich genug gezeigt, daß er nicht besser als ein Vieh sei. Auch wäre er schuld, daß ich so schlimm behandelt sei, er habe dafür von den Bauern Geld genommen. In Stolpmünde, in einem Wirtshause, trafen wir den Bedienten eines gewissen Herrn Inspektors. Der Bediente hatte von mir gesprochen. Der Herr Inspektor ließ mich also in der Nacht des Ostersamstags zu sich kommen. Ich erzählte ihm meinen Auftrag und mein Geschäft und blieb bis 2 Uhr morgens bei ihm. Ich sollte noch länger bei ihm bleiben, aber ich wollte nicht. Er erbot sich dazu, daß auch er sich vor dem Könige stellen wolle, wenn derselbe mir etwa nicht glauben wolle.
Es hieß, 3 Meilen unter Stolpmünde werde ein Schiff nach Danzig abgehen, es war aber keins da. Ich wurde also mit mehreren preußischen Soldaten, die sich selbst ranzioniert hatten, die Osterfeiertage über einquartiert. Am Osterdienstag hieß es, es werde ein Boot ausgerüstet, mit welchem wir nach Danzig fahren sollten. Wir gingen also die See aufwärts und fanden da wirklich ein großes Boot. Man sagte uns aber, wir sollten einen günstigen Wind abwarten. Ich wurde also zu 6 preußischen Soldaten einquartiert. In der Nacht segelten die andern ohne uns 7 ab. Früher schon sagten sie, sie nähmen uns nicht mit, es sei denn, daß ich ihnen verspräche, daß sie glücklich nach Danzig kommen würden. Ich hatte ihnen aber geantwortet: »Daß ich glücklich ankommen würde, wisse ich gewiß; wenn sie also mit mir reiseten, würden sie ja auch wohl glücklich ankommen!« 6 Stunden nach ihrer Abreise ohne uns mußten sie aber widrigen Windes halber wieder zurück. Wir 7 gingen nun zu Fuß wieder nach Rügenwalde zurück. Hier trafen wir einen Husarenwachtmeister vom Schillschen Korps an. Er erkundigte sich zuvor nach mir bei den 6 Soldaten und bezeigte sich dann ungemein liebreich und freundlich gegen mich. Schon am folgenden Tage wurden wir auf einem Boote nach Kolberg eingeschifft. Zwar wollten die Soldaten es nicht leiden, daß ich mit in das Boot käme, aber der Wachtmeister jagte sie aus dem Boote und ließ mich hinein kommen. Alle Mitfahrenden bekamen die Seekrankheit, ich aber nicht.
In Kolberg wurden wir alle vor den Kommandanten geführt. Er fragte mich nach dem Zweck meiner Reise und lachte anfangs darüber, war aber doch nachher zur Fortsetzung meiner Reise sehr behilflich. So schickte er einen Korporal mit mir an das Schiff, damit auch ich mit denjenigen Soldaten, die unter Schill nicht dienen wollten, nach Pillau gebracht werde. Es war ein so großes Schiff, daß 118 Mann, mehrere Pferde und Gewehre darauf fahren konnten. Mit anbrechendem Tag fuhren wir fort; ich legte mich nieder, und jene 6 Soldaten legten sich zu mir.
Gleich am ersten Tage spotteten 6 Offiziere über Gott und alles, was heilig ist. Ich konnte es zuletzt nicht mehr anhören und bestrafte sie. Mich, sagte ich, könnten sie verspotten; aber über Gott sollten sie nicht spotten, sondern bedenken, daß sie auf einem gefährlichen Platze wären. Sie spotteten jetzt aber noch viel mehr und sagten: der besorgt gewiß, der Teufel werde ihn holen. Ich erwiderte: Mich holt der Teufel nicht, aber an euch könnte wohl die Reihe kommen. In der Nacht darauf kam in dem Schiffe Feuer aus, und brannte es bis in der Nacht um 1 Uhr. Der Jammer ward unbeschreiblich und stieg noch höher, als es hieß, die Schiffsleute wollten sich von dem Schiffe wegbegeben. Jetzt ermahnte ich sie zur Ruhe und zum Beten zu Gott um Hilfe, und versicherte sie, daß keiner von uns umkommen solle. Jeder legte sich nun wieder auf seinen Platz und in Zeit von einer halben Stunde war das Feuer aus; die brennenden Bretter wurden abgehauen und ins Wasser geworfen. (NB. die Offiziere, die so sehr gespottet hatten, beteten nun am lautesten.)
Nun wurde es so stürmisch, daß die Wellen hoch über das Schiff hinweg schlugen. Die Matrosen mußten sogar angebunden werden, damit das Wasser sie nicht mit fortrisse. Am andern Tage stieg ich bei heiterem Wetter auf das Schiff, um Tabak zu rauchen, hatte aber mein Pfeifenrohr verloren. Die Offiziere wollte ich nicht um ein Rohr ansprechen, damit sie nicht aufs neue Gelegenheit zum Spotten bekämen, deshalb wendete ich mich an 3 badische Soldaten, die vor Kolberg gefangen genommen waren. Kaum aber bemerkten dies die Offiziere, so litten sie es nicht, sondern gaben selbst mir eine Pfeife mit dem Zusatz: wenn ich nicht gewesen wäre, würden sie alle zugrunde gegangen sein. Der Schiffskapitän erwiderte: Dieser (mich meinend) hätte können glücklich davon kommen und doch ihr alle versaufen, denn solche Spötter habe ich noch nie gehört. Geschieht dergleichen aber wieder einmal, so werde ich die Spötter in die See werfen.
In Pillau wollte der Schiffer mich auf dem Schiffe behalten; der Schiffskapitän aber wollte mich mitnehmen. Der Kommandant gab es jedoch nicht zu, weil ich erst verhört werden müßte. Man brachte mich daher auf die Wache, wo ich drei Tage warten mußte, bis der zurück kam, der mich verhören sollte. Am ersten dieser 3 Tage kam ein Offizier dahin und ließ mich in das Zimmer des wachthabenden Offiziers holen. Da fand ich ihrer mehrere, die sich mit mir über meinen Auftrag unterredeten. Einer von ihnen, ein kleiner Mensch, setzte mir den bloßen Degen auf die Brust und fragte mich, ob ich glaube, daß dieser Degen mich durchbohren könne? Ich antwortete ihm: Das können Sie probieren! Am zweiten Tage kamen wieder andere Offiziere auf die Wache und ließen mich holen. Sie legten mir zwei bloße Degen auf den Kopf und ließen mich schwören, daß ich kein Spion sei, welches ich denn auch mit gutem Gewissen tat. Dann fragten sie: Wenn sie mich nun aber nicht zum Könige ließen, sondern mich wieder zurückschickten? Ich antwortete: Zum Könige käme ich doch, wenn sie mich auch wieder zurückschickten. Darauf antworteten sie: Nun, so sollte ich dann zum Könige kommen. Endlich kam ich ins Verhör zu einem Offizier, den ich aber weiter nicht kenne. Ich setzte ihm alles auseinander, und er schrieb es auf. Am folgenden Tage ging ich mit unbewehrten Soldaten nach Königsberg. Ein Junker hatte das Protokoll über mich bei sich und trug es, während ich mit den Soldaten in der Wachtstube blieb, zum General Rüchel. Nach einer halben Stunde kam dessen Bedienter, um mich zu seinem Herrn zu holen. Es war Mittagsessenszeit, als ich zum General Rüchel kam. In dem Zimmer, in welches ich gebracht wurde, fand ich viele Offiziere, russische, schwedische, englische und preußische. Auch sie fragten mich nach meinem Geschäfte. Ich sagte es ihnen. Dann wollten sie wissen, ob ich ihnen denn auch alles gesagt hätte. Ich antwortete: »Ein paar Worte könne und dürfe ich nur dem Könige selbst sagen. An sie sei ich nicht gesandt. Wollte der König sie ihnen aber sagen, so habe ich nichts dawider.«
Einer derselben führte mich in ein anderes Zimmer und gab mir zu essen und Wein. Wohl 5–6mal fragte er mich über meine gehabten Erscheinungen, ich antwortete ihm aber jedesmal die Wahrheit. Dann wurde ich ins Bedientenzimmer geführt. Am andern Tage sollte ich vor die Königin. Ein Bedienter des General Rüchel führte mich dahin. Ich fand wohl an 200 Offiziere. Man fragte mich, ob ich denn der Königin nicht alles sagen wolle? »Nein!« antwortete ich, »wenn ich aber mit dem Könige rede, so kann die Königin dabei mir zuhören.« Ich wurde dann wieder nach Hause gebracht, bis der König käme. Die Königin konnte dies aber doch nicht erwarten, sondern sie und ihre Schwester ließen mich an demselben Tage wieder holen.
Ich fand niemand in dem Zimmer, als die Königin, ihre Schwester[130] und einen Prinzen. Die Königin fragte mich, ob ich ihr denn nicht alles sagen wolle? Und warum nicht? Ich antwortete: »Es schicke sich nicht, ihr dasjenige früher mitzuteilen, was ich dem Könige zu sagen habe.« Sie versicherte mich dann, der König sei ein braver Herr, ich sollte mich nur gar nicht vor ihm scheuen, sondern ihm alles ohne Furcht sagen. Ich antwortete ihr, daß ich mich auch gar nicht vor dem Könige scheue. Darauf gab sie Befehl, daß man mir täglich 1 Gulden gebe, und daß der General Rüchel mich speisen sollte, bis der König komme. Auch sie selbst gab mir etwas Geld. Die Sache wurde dem Könige gemeldet, und am fünften Tage nachher kam derselbe nach Königsberg. In der Nacht um 10 Uhr ward ich zum Könige geholt. Er war mit der Königin ganz allein. Er stand mir zur linken und sie zur rechten Seite. Ich machte dem Könige mein Kompliment und bat ihn, er möge es mir nicht übelnehmen, daß ich, als ein geringer Mann, es wage, ihm Vorschriften zu geben, wie er seine Sachen einrichten solle. Der König klopfte mir auf die Achsel und sagte: ich solle ihm gar nichts verhehlen, sondern ihm alles sagen, er nehme es mir nicht übel. Da erzählte ich ihm, daß ich die verschiedenen Erscheinungen gehabt, und daß der alte Mann mir die Kapitel aus dem Jesaias gezeigt habe, die er lesen und darnach sein Land regieren sollte. Daß er ferner seine Untertanen durch die Geistlichkeit auffordern solle, Buße zu tun und sich zu bessern, weil sonst nicht Friede werden könne. Wenn aber dies geschehe, so werde es wieder besser werden. Frankreich werde in drei Teile geteilt[131] und die neue Stadt zum Gedächtnis erbauet werden.
Der König antwortete: Er allein könne das nicht und die Köpfe der Leute seien zu verdreht. Ich erwiderte: Er solle nur seine Schuldigkeit tun, ich wolle die meinige auch tun. Der alte Mann habe mich versichert, daß Gott den König und den Kaiser von Rußland dazu ausersehen hätten.
Täten sie es aber nicht, so werde Gott durch Hungersnot und Pest strafen, so daß von 100 Mann nur 10 übrig blieben, diese aber würden dann Gott die Ehre geben und sich bekehren. Der König versprach, er wolle seine Schuldigkeit tun. Es wurde auch an den russischen Kaiser geschrieben, auch war es bestimmt, daß er kommen wolle, so daß der König und gar viele Offiziere ihm entgegen ritten, aber er kam nicht. Der König griff in die Tasche und wollte mir Geld geben; ich bedankte mich aber, weil ich kein Geld nötig hätte. Meine Kost hätte ich beim General Rüchel, sagte ich, und die Königin habe schon befohlen, daß man mir des Tages 1 Gulden gebe, und das sei mehr als genug. Die Königin sagte jetzt, ich sollte jetzt künftig 2 Gulden haben, welches ich aber ausschlug. Der König sagte, ich möchte das Geld nur nehmen, es sei teuer in Königsberg und Geld brauche man doch immer. Darauf drückte mir die Königin das Geld in die Hand.
Der König gab mir nun zu erkennen, daß ich fortgehen möge. Ich tat es. Vor dem Zimmer stand die Schwester der Königin. Auch sie selbst kam mir nach und beide sprachen noch ¾ Stunden mit mir, befragten mich nach der Gegend von Wiesloch, sowie nach manchen Gastwirten[132], ob sie noch lebten. Dann ging ich wieder in das Haus des General Rüchel.
Da der russische Kaiser nicht kam, fuhr der König wieder fort von Königsberg. Ich ließ die Sache wegen des russischen Kaisers auf sich beruhen, weil doch der König versprochen hatte, es zu besorgen.
Am 4. Junius hatte ich wieder eine Erscheinung. Ich sah nämlich die Franzosen gegen Königsberg anmarschieren und bemerkte deutlich, woher sie kamen. Ferner, daß es eine heiße Schlacht gebe und daß man meinen werde, es sei alles verloren; daß man aber nicht zurückweichen solle, denn am 17ten werde alles wieder gewonnen werden. Unter anderm wurde mir befohlen, ich möge mit 6000 Mann auf das flache Feld gehen, wo mir denn der Feind in die Hände gegeben werden solle. Ich bat aber mich damit zu verschonen, weil, wenn auch alles so geschehe, die Ehre doch immer nicht Gott werde gegeben werden. Darauf antwortete die Erscheinung: so möge ich es denn gehen lassen, es werde alles wieder gut werden. Aber es kam so weit nicht; – denn es wurde Waffenstillstand gemacht.
Am 4ten Julius abends, als ich eben zu Bette gehen wollte und nur bloß die Beinkleider an hatte, kam ich auf einmal weg und wußte nicht, wo ich war. Es schien mir, als wenn viele Soldaten an mir vorüber marschierten, ein Teil von Abend her, ein anderer von Mitternacht her, alle aber gegen Frankreich. Morgens, beim Aufstehen, erzählte mir der Kammerdiener: es werde bald Friede sein. Ich antwortete: das werde nichts helfen, der Friede werde nicht lange dauern, denn ich hätte in der vergangenen Nacht die eben erwähnte Erscheinung gehabt. Der Kammerdiener erzählte dies dem General Rüchel und dieser dem Geheimrat Simson und dem Grafen Brühl. Vielleicht hat er es auch dem König erzählt, doch weiß ich dies nicht. Darauf ging ich am Tage vor dem Einmarsch der Franzosen in Königsberg mit dem General Rüchel und seinem Gepäcke von Königsberg ab nach Memel. In Memel wurden wir im Hause des Kaufmann Wachs einquartiert. Als bald nachher der General Rüchel seinen Abschied bekommen hatte, ging er mit seinem Kammerdiener zu Wasser nach Stralsund.
Sein Adjutant, ein Hauptmann, sollte mir nun das Geld, täglich 1 Gulden, ausbezahlen, wie die Königin befohlen hatte; allein ich forderte es nicht und er ging ab, ohne es mir zu geben. Die Bedienten und Pferde blieben da und ich mit ihnen.
Unser Quartier war in Wachsens Hofe. Da sie denn aber nach Pommern abgehen wollten, verlangten sie, ich sollte mit ihnen reisen. Ich antwortete, ich müsse es noch einmal mit dem Könige besprechen, wogegen sie meinen, ich solle doch lieber an ihn schreiben.
Wirklich schrieb ich nun an den König und gab den Brief seinem Kammerdiener, erhielt aber keine Antwort darauf. Der Geheimrat Simson fragte mich bald darauf, ob ich keine Antwort bekommen habe? und ich versicherte ihn: Nein! Ei, meinte er, wenn der König meinen Brief bekommen habe, so hätte ich gewiß auch Antwort erhalten, er wisse nicht wie das sei. Als ich einige Tage nachher wieder zu ihm kam, fragte er mich, wo ich mich jetzt aufhielte? Ich antwortete in Wachsens Hofe und setzte hinzu: es seien aber dort lauter Russen. Da sagte er, ich möge doch am nächsten Sonntage in Bachmanns Hoff (Haus) kommen, dort sei General Knobloch einquartiert, und der Graf Brühl werde auch dahin kommen. Ich ging also hin. Als sie gespeist hatten, redeten sie mit mir und befahlen mir am andern Tage wieder zu kommen; der General werde mir geben, was ich brauche und der Hof-Inspektor das Essen.
Etwa einen bis zwei Tage nachher kamen der Graf Brühl und der Geheimrat Simson zu mir und ratschlagten, wie es anzufangen sei, daß ich den König sprechen könne. Ich teilte ihnen alles mit, was ich wußte, und setzte hinzu, daß alles so kommen werde, wie ich gesagt hätte, folglich schlimm, wenn man nicht tue, was ich angedeutet habe. Endlich beschlossen sie, ich möge alles aufschreiben z. E. was ich für Erscheinungen gehabt habe usw. Das tat ich dann und der Planinspektor mußte es abschreiben. Der Graf Brühl wollte es dem Könige übergeben, hat es aber nicht getan. So oft ich darnach fragte, antwortete er: er habe noch keine schickliche Gelegenheit dazu gefunden. Ich erwiderte, wenn es sich nicht schicken wolle, es dem König selbst zu geben, so möge er es seiner Gemahlin, der Königin geben. Er tat aber auch dies nicht.
Späterhin schrieb ich alles noch einmal auf und gab es auf die Post, da erhielt ich mit der Post folgende Antwort:
»Sr. Königl. Majestät von Preußen machen dem Johann Adam Müller hierdurch nachrichtlich bekannt, daß Sie seine unterm 3ten dieses eingereichte Eingabe wohl erhalten haben und die von ihm dabei gehabte gute Absicht nicht verkennen wollen.
Memel den 3ten Jannar 1808
Friedrich Wilhelm.«
Einige Zeit nachher hatte ich wieder eine Erscheinung. Ein Engel nämlich hatte ein Schwert in der Hand, so hell wie ich noch nie eins gesehen habe. Er gab es mir in die Hand und sagte: damit solle der Feind geschlagen werden. Ich möge aufstehen und dem Könige sagen, er solle den Propheten Amos und Jonas, aber beide Bücher ganz durchlesen.
Nicht lange nachher faßte mich des Nachts etwas bei der Hand. Ich erwachte, richtete mich auf und sah zwei weibliche Gestalten in ganz weißen Kleidern. Die zur Rechten hatte ein rotes, die zur Linken ein blaues Band um den Leib. Sie trugen ein großes Buch in die Hände auf mein Bette. Ich betrachtete die Krone genau und bemerkte ein Wort, dessen eine Hälfte auf der linken, die andere auf der rechten Seite der Krone stand. Das Wort war so geschrieben:
Bera – beae.
Ich fragte sie, wer sie wären? Sie antworteten sie wären zwei Königinnen. Sie hätten dem Könige der Ehren noch nie ein Lied gesungen, auch hätten sie kein Lied ihm damit zu dienen. Ich sann hin und her und dann versicherte ich sie, daß ich ihnen 2 Lieder machen wolle, wenn sie darauf warteten. Die Lieder würden von Gott und Jesu Christo handeln. Gut, antworteten sie, ich möge sie nur recht schön machen; und vor großer Freude darüber lächelten sie mich an. Dann aber sagten sie, sie hätten nicht länger Zeit darauf zu warten; doch wollten sie wieder kommen die Lieder abzuholen. Nun nahmen sie das Buch wieder zu sich und verschwanden. Über ihr schnelles Verschwinden erschrak ich[133].
Einige Tage nachher erschienen mir zwei Adler, ein schwarzer und ein gelber, und kämpften sehr lange miteinander, dicht vor meiner Bettlade. Endlich wurde der gelbe Adler besiegt, so daß er sich vor Mattigkeit auf den Boden legte. Da trat der schwarze auf ihn, bis der gelbe allmählich verging. Als dieser verschwunden war, verschwand auch nachher der schwarze.
Dann kam der alte Mann, der mir in meinem eigenen Hause erschienen war, zum drittenmal zu mir, und wurde es dabei wieder so hell, als das erstemal. Ich wachte vollkommen. Er setzte sich nun mir zur Seite und hatte ein Buch wie eine Handbibel, es war aber sehr prächtig und mit lauter goldenen Buchstaben. Er redete mir zu, ich sollte mich nicht fürchten und mutig verrichten, was ich zu tun habe; denn es solle mir kein Unglück widerfahren, er werde mir allemal helfen. Dann öffnete er mir das Buch und sagte: Die zwei Königinnen, die mir erschienen wären, seien zwei Königreiche, die das Christentum noch nicht angenommen hätten. Sobald die Christen sich gebessert hätten, würden sie kommen und den christlichen Glauben annehmen.
Dann las ich folgendes:
So ihr mich liebet, so werde ich euch wieder lieben, und so ihr mich ehret, so werde ich euch wieder ehren. Dann will ich mit meinem heiligen Engel vor euch hergehen und will für euch streiten. Und ein jeder soll erkennen, daß ich der Herr bin und tun kann, was ich will. Die aber, die es nicht auf- und annehmen und wollen mein Werk verhindern, auf die wird Feuer vom Himmel fallen und die Erde wird ihren Rachen auftun und sie verzehren, damit ein jeder erkennen müsse, daß ein Gott im Himmel sei.
Dann verschwand der alte Mann für diesmal.
Zum viertenmal erschien er mir in einem blauen Rocke. Da kam ich mit ihm weg und wußte nicht, wie mir war. Unterwegs gesellte sich einer zu uns mit einem weißen Kleide. Der alte Mann fragte ihn, wo er hin wollte? »Ich bin von Gott gesandt,« sagte er. Gut, antwortete der alte Mann, so komm und hilf mir streiten, damit der böse Feind überwunden werde, der so viele Menschen verderbt hat! Dies hat Gott gesagt. Darauf versprach der im weißen Kleide, er wolle ihm helfen kämpfen, aber er solle dann auch mit ihm gehen und ihm helfen, daß er seine Sache, die ihm Gott befohlen habe, auch ausrichten könne, worauf der alte Mann, ja! antwortete.
Mit einem Male befand ich mich wieder im Bette und wachte vollkommen, gerade wie zuvor. Dies alles habe ich ebenfalls dem Könige geschrieben.
Am 17. April erhielt ich folgenden ersten Brief von meiner Frau:
(Folgt Seite 56–58 der Brief, dessen wesentlicher Inhalt die Bitte um baldige Rückkehr ist. Der Familie Müller geht es gut.)
Ich war früher entschlossen gewesen, bald zu den Meinigen zurückzukehren, aber etwa sechs Wochen vorher hatte ich eine Erscheinung, wobei mir angekündigt wurde, ich werde noch acht Wochen in Memel bleiben, müsse aber vor meiner Abreise mein Schreiben an den König ihm selbst überreichen.
Der Kaufmann Concentius, in dessen Hause der König in Memel gewohnt hatte, brachte mir persönlich den Brief von meiner Frau und fragte mich, was ich zu tun willens sei? Ich antwortete, ich sei auch ohne diesen Brief schon zur Rückreise entschlossen gewesen, ich wollte bloß noch einmal mit dem Könige in Königsberg sprechen. Da bot er mir an, er wollte mir einen Kahn bis Königsberg bestellen und mir auch das nötige Reisegeld geben. Ich erfuhr aber, daß der General Knobloch zu Lande, und der Planinspektor zur See nach Königsberg reisen würden und daß ich mit dem Letzteren dahin kommen könne. Weil wir nun noch zwei Tage lang auf günstigen Wind zur Abfahrt warten mußten, so wurden die mir angekündigten acht Wochen gerade vollendet.
In Königsberg kam ich in das Haus des Planinspektors. Er übergab mir dann einen Brief von dem Herrn Concentius an Herrn Abegg und ein paar Zeilen an den Geheimenrat Simson und an den Herrn Oberhofprediger in Königsberg. Letzterer nahm mich sehr gütig auf und fragte mich, ob ich derjenige sei, von dem er schon so vieles gehört habe? Er wünschte meine Geschichte zu wissen, ich antwortete aber: sie sei zum Erzählen zu weitläuftig, aber ich habe alles zu Papier gebracht, um es dem Könige zu übergeben und wolle es ihm zum Durchlesen bringen.
Er las das Ganze durch und sagte dann: »Wollte doch Gott, daß alles das geschehe, was hierin geschrieben ist!« Darauf bot er mir seine Hilfe an, insofern ich ihrer bedürfe.
Da ich den König selbst zu sprechen wünschte, gab er mir den Rat, meinen Aufsatz am folgenden Tage dem Könige beim Exerzieren zu überreichen, so sich dazu die beste Gelegenheit finden werde. Ich antwortete ihm, ich scheue mich gar nicht vor dem König und wolle also lieber zu ihm ins Schloß gehen. Er hieß auch dies gut und bot mir noch einmal seine Hilfe an, wenn ich ihrer bedürfe. Als ich ans Schloß kam, standen so viele Offiziere da, daß ich nicht hinein gehen wollte; ich wartete also die Wachtparade ab. Indes hatte aber ein Offizier, der mich kannte, dem General Göcking gesagt: Müller sei da! Darauf kam dieser zu mir und fragte mich, was ich wolle? Ich bat ihn, mich beim Könige zu melden; aber er antwortete: das gehe nicht wohl an! Darauf wurde mich der Bruder des Königs gewahr. Zugleich sagte man mir, wenn ich etwas Schriftliches bei mir hätte, so sollte ich es nur abgeben, es werde besorgt werden. Ich gab also das Schreiben dem General Göcking und bemerkte dabei, daß es ja der König selbst erhalte. Wenn es dem Könige zu schwierig sein sollte, so möge er den Königsberger Oberhofprediger und noch irgendeinen andern Geistlichen dazu nehmen. Man versprach mir dies alles zu bestellen.
Am andern Tage kam der Graf Brühl zu mir und brachte mir vom Könige einen Louisdor; ich wollte ihn aber nicht nehmen. Er behauptete, ich müsse ihn nehmen, denn er habe Befehl vom Könige ihn mir zu geben. Zugleich erzählte er mir, die beiden Oberhofprediger, sowohl der von Berlin, als der von Königsberg, seien berufen worden. Der erstere habe aber die ganze Sache verworfen, und nichts daraus gemacht. »Die Herren meinen,« setzte Graf Brühl hinzu, »wenn sie nur in Berlin wären, so seien sie im Himmel!«
Am Himmelfahrtstage bezog sich der Oberhofprediger in Gegenwart der königlichen Prinzen in seiner Predigt auf meine Angelegenheit und wünschte, daß Gott alle Herzen regieren möge, damit alle sich bekehrten, denn sie sähen ja deutlich, die Hand des Herrn aufgehoben, sie zu strafen[134].
Am zweiten Tage danach kam der Graf Brühl zu mir und sagte: Der Hofmeister des einen königlichen Prinzen, der Geheimerrat Reimann, wünschte sehr mich zu sprechen, ich möchte doch also in das Graf Brühlsche Haus kommen, der genannte Hofmeister werde auch hinkommen. Doch stehe es in meinem Willen. Ich ging an demselben Abend 4½ Uhr hin und fand den Hofmeister und noch einen Offizier. Beide verlangten, ich solle ihnen die ganze Sache noch einmal erzählen, sie wollten sie aufsetzen, sie dem Könige, bei dem sie täglich wären, vortragen und dafür sorgen, daß sie nicht vergessen werde. Der Offizier, dessen Namen ich aber nicht weiß, mußte nun aufschreiben. Ich erzählte ihnen in drei verschiedenen Tagen alles vom Anfang bis zu Ende. Als alles aufgeschrieben war, las der Hofmeister es durch und sagte, dies sei eine Geschichte, wie keine besser in der Bibel stehe.
Er verlangte nun von mir zu wissen, was das oben angeführte fremde Wort bedeute? Ich antwortete: daß ich das nicht wisse. Er verstehe ja mehrere Sprachen, müsse es also wohl besser wissen, als ich. Dann fragte er, aus welcher Sprache denn das Wort sei? Ich antwortete: das wisse ich wohl, daß es griechisch sei. Dann besann er sich lange, und ich zeichnete ihm das Wort noch einmal vor, und die Krone dazu, gerade so, wie ich beide gesehen hatte. Darauf sagte er: das sehe er nun wohl ein, daß es ein griechisches Wort sei, auch wisse er nun, was es bedeute. Darauf bat er sich vom Grafen Brühl aus, das Schreiben mit nach Hause zu nehmen, mit dem Versprechen jedoch, es dem Grafen wieder zurück zu geben. – Mir gestand er, daß er bei der Königin im Anfange über meine Geschichte gelacht habe, jetzt aber einsehe, daß alles wahr sei, daß er nun nicht mehr darüber lachen werde. Auch wünschte er noch einmal mit mir zu sprechen, ehe ich fortginge.
Dann bat ich den Grafen Brühl, er möge mich mit dem Wagen, der nach Berlin gehe, abreisen lassen, aber er meinte, das werde mir zu beschwerlich sein, er wolle mir einen Freiplatz auf der Post besorgen. Wirklich tat er dies und ich hatte den Freiplatz schon abgegeben, als er sagte, ich könne noch nicht abreisen, weil das Reisegeld noch nicht beisammen sei. Ich holte mir also meinen Freiplatz von der Post wieder ab. Dann fragte mich aber Herr Abegg, ob ich denn wirklich am andern Tag abreisen werde? Ich erzählte ihm darauf den Vorfall mit dem Grafen Brühl. O, antwortete er, das kann noch lange so gehen! und redete mir dann zu, meine Reise zu beschleunigen, weil meine Frau so sehnlich nach mir verlange. Das nötige Reisegeld bot er selbst mir an und fragte mich deshalb, wie viel ich wolle? Zwanzig Taler, antwortete ich, aber er behauptete, daß ich damit nicht auskommen werde und gab mir fünfunddreißig Taler. Hierauf nahm ich Abschied beim Grafen Brühl und beim Oberhofprediger und beide versprachen mir, sie wollten gern alles anwenden, um die gute Sache zu fördern.
Am ersten Pfingsttage abends um 7 Uhr reiste ich mit der freien Post von Königsberg ab bis Berlin. Von Berlin bis Nürnberg bezahlte ich das Postgeld, von Nürnberg aus machte ich den Weg zu Fuße. Meine ganze Reise dauerte gerade drei Wochen. Die Meinigen fand ich gesund.
(Unterschrieben)
Hautz, Pfarrer in Meckesheim.
Johann Adam Müller.«
(Soweit das Protokoll.)
Außer obigem langem Protokoll hat Müller noch Briefe an den König Friedrich Wilhelm III. von Preußen verfaßt, in denen er immer wieder die Notwendigkeit betont an Gott und Christus zu glauben und mit biblischen Phrasen aufs verschwenderischste umgeht. Mit dem nichtssagenden Gefasel würden wir uns nicht weiter befassen, wenn nicht auch Stellen in den Briefen enthalten wären, die sich auf die seinerzeit dem König gemachten Prophezeiungen beziehen und beweisen, daß tatsächlich eine ganze Reihe von ihnen in Erfüllung gegangen ist. Es läßt sich durchaus nicht annehmen, daß ein Mann wie Müller, der nach Berichten, aber auch nach dem ganzen Tenor seines »Protokolles« zweifellos an seine Mission glaubte – warum hätte er sonst ohne Geld und Paß die weite Reise gewagt, was ihm doch neben der Trennung von Frau und fünf Kindern auch berufliche Schädigung brachte? – daß ein solcher Mann es hätte wagen sollen, sich auf Prophezeiungen zu beziehen, die er gar nicht gemacht hatte. Aber selbst wenn er diese ungewöhnliche Frechheit besessen hätte, so würde der König sie zweifellos haben zurückweisen lassen statt ihm zu danken.
Wir entnehmen dem Briefe Müllers vom 28. Januar 1815 an den König folgenden Passus[135]:
. . . Ihro Majestät, es wird Ihnen noch wohl bekannt sein, wie mich Gott zu Ihnen gesandt im Jahre Christ 1807, wie ich nach Königsberg gekommen bin, da wurde ich zum General Rüchel und Herrn General Blücher und sonst noch zu vielen Herren geführt, mit welchen ich wegen dessen sprach, um welches willen mich Gott zu Ihnen gesandt hatte. Dann hat der General Rüchel mich bei Ihro Majestät der Hochseeligen Königin gemeldet, und sie ließ mich bei sich kommen. Da ich mit ihr gesprochen hatte, da war Freude über Freude. Auch der Kronprinz hat mit zugehört, welcher noch alles wissen wird, was ich mit seiner seligen Frau Mutter gesprochen habe.
Da mich Gott mit seiner großen Vatergüte vor Sie gestellet hat, um mündlich mit Ihnen zu reden, was Sie tun sollten, habe ich Sie dabei getröstet, daß Sie ein größeres Reich bekommen sollten, als Sie je gehabt, und daß Frankreich in drei Teile geteilt werden solle, und daß Zion und Jerusalem gebauet werden soll, welches alles Sie mir als König heilig zugesagt haben. Ich habe es auch öfters schriftlich eingegeben und von Ihnen zur Antwort erhalten, daß Sie das Gute nicht verkennen wollten.
Und die drei Schlachten in Sachsen, welche mir Gott vorher gezeigt, daß Sie und Ihre Majestät der Kaiser von Rußland selbst dabei sein werden (habe ich Ihnen vorausgesagt). Sie sollten nur nicht verzagen, der Feind werde überwältigt werden.
Und daß mich der Hofmeister der Prinzen zum letztenmal verhört und alles zu Papier genommen hat, woran wir drei Tage gearbeitet. Dann hat der Hofmeister zu mir gesagt: »Müller, wenn wir aber mit allen Mächten Frieden halten und alles gehen lassen, so kann das nicht geschehen, was er hier sagt.« Da sagte ich zu dem Hofmeister: »Sie mögden machen, was Sie wollten, es würde doch geschehen[136].«
Müller erzählt dann noch einige religiöse Erlebnisse, um endlich noch folgende Vision (oder Traum) zu berichten:
»Ihro Majestät von Preußen, ich will Ihnen kund tun, daß ich eine Erscheinung gehabt habe und mir Gott zu wissen getan hat im Jahr Christi 1814 in der Christnacht, da mir der Geist Gottes erschien. Ich war da in einem großen Saale. Da sprach einer zu mir: Müller, ist er auch hier? Ich antwortete: Ja! Dann sagte der Mann zu mir: ich werde vor die Herren kommen.
Nun stand ich auf einem großen ebenen Felde. Da sind Sie, der König von Preußen, und der König von Hannover und der König von Würtemberg und der König von Baiern gegenwärtig gewesen, und es sind vier Pfähle aufgerichtet worden. Da es aber an den 4ten kam, so wollte der König von Baiern diesen nicht aufrichten lassen. Der Geist des Herrn sprach aber: Es muß sein! da ist es denn geschehen.
Eine Weile nachher war der König von Baiern sehr freundlich.
In der zweiten Christnacht erschien mir der Geist des Herrn abermals und brachte mich auf eine Anhöhe. Da sahe ich eine so fürchterliche Schlacht, daß ich vor lauter Feuer zuletzt nichts mehr erkennen konnte. Dann zogen sich die Deutschen von einander und die Franzosen drangen hinein, aber über eine kleine Weile sprach der Geist des Herrn:
Die Franzosen sind alle gefangen[137]!«
Da der Brief, den wir hier abbrechen wollen, verloren ging, schickte am 12. März Müller ein Duplikat, dessen Empfang der König bestätigt:
»Ich schätze den religiösen Sinn, welcher den Johann Adam Müller seine Erbauung in der heiligen Schrift finden läßt und lasse auf seine Eingabe vom 12ten d. M. seinen guten Gesinnungen Gerechtigkeit widerfahren.
Wien den 29sten März 1815.
Friedrich Wilhelm[138].«
Unzweifelhaft ist der Brief erstaunlich kühl. Wenn auch kein Mensch dem König zumuten kann, daß er an dem biblischen Bombast der Müllerschen Diktion Gefallen fand, so hätte er doch immerhin anerkennen können, daß eine Reihe von Vorhersagen eintrafen, als niemand es geahnt hatte. Der Gedanke, der König, nun wieder im Glück, habe Müller so gern vergessen, wie die seinem Volke versprochene Verfassung, liegt ja allerdings nahe.
Für uns hat diese Korrespondenz den großen Wert, dokumentarischer Beweis dafür zu sein, daß Müller mit dem Hofe wirklich in Verbindung stand und – das wird wohl der größte Skeptiker zugeben müssen – zum wenigsten sich selbst für einen Seher gehalten hat.
Eine nicht uninteressante Wiederholung der Prophezeiungen enthält auch der Brief, den Müller am 4. August an den König Friedrich Wilhelm schrieb und auf den er ihm unterm 15. August von Paris aus noch kürzer dankt. Der einschlägige Passus lautet[139]:
»Da sagte ich Ihnen, daß Gott Sie und Sr. Majestät den Kaiser von Rußland ausersehen hätte, Frankreich zu demütigen und die Völker zu befreien; daß sie Mut und Vertrauen zu Gott, zu sich und zu Ihrem treuen Volke fassen sollten und daß Gott Sie und Ihr Reich größer als je machen wollte, wenn Gott und sein Wort wieder in Ihrem Lande gefürchtet und geehrt würde.
Damals in Königsberg hat mir auch die Erscheinung den Zug der nordischen Völker nach Frankreich und die Vernichtung des französischen Adlers gezeigt, ferner daß Ew. Majestät bei einer Schlacht in den sächsischen Gebirgen, wo Sie selbst kommandieren, den Feind besiegen würden usw.«
Nach einem ganzen Schwall biblischer Reminiszenzen fährt der Bauer fort: »Monarchen! Gott rufet Ihnen durch meinen Mund zu, was Sie tun sollen und bevor das nicht geschehen ist, wird keine Ruhe werden auf Erden.
Sie sollen Frankreich in drei Teile teilen, es soll nicht mehr Frankreich heißen, sondern mit einem andern Namen benannt werden.
Sie sollen dem Könige von Frankreich die Krone nicht geben, auch nicht dem jungen Napoleon, damit diese nicht eine Geißel werden über ganz Europa, wie Gott den Jehu wider Joram und Ahab gewendet hat. Gott hat befohlen und ich rufe es Ihnen in seinem Namen zu: Es ist ein Wort der Gerechtigkeit, dabei soll es bleiben, er hat uns alle berufen, daß wir seinen Willen ausrichten wie die Engel im Himmel.
Sie sollen, das hat mir die Erscheinung schon 1807 kund getan, zur Erinnerung für ewige Zeiten eine Bundesstadt erbauen, in derselben sollen die vier Monarchen: Preußen, Rußland, Österreich und England alle Jahr einmal zusammen kommen, sich über das Wohl ihrer Völker beraten und sollen alle gleichmäßig von hieraus über Frankreich herrschen.
Ich habe den Plan der Stadt, die nach Gottes Befehl Neujerusalem und die dabei liegende Burg Zion genannt werden soll, so wie sie mir die Erscheinung gezeigt und mich darin umhergeführt hat, auf Papier gezeichnet und gedachte sie Ihro Majestät dem Könige von Preußen bei Ihrer Durchreise zu übergeben. . . .«
Am 7. Oktober 1815 schrieb Müller noch einen dritten Brief an den König[140], in dem er wieder an seine Königsberger Prophezeiungen erinnert, die dem König im tiefsten Elend künftige Größe vorhergesagt habe. Er kommt wieder auf die Vierteilung Frankreichs und auf die Bundesstadt zurück und prophezeit, daß »alle Religionen sich zur Anbetung eines Gottes und Jesu Christi bekennen werden.«
Er beruft sich – mit Recht – auf die zahlreichen eingetroffenen Vorhersagen, die niemand glauben wollte – zuletzt habe er noch den Krieg von 1815 durch eine Erscheinung voraus gesehen – und stellt das Eintreffen der anderen in Aussicht.
Er bittet den König, ihn wiederum zu empfangen wie 1807 in Königsberg.
Der König lehnte in einem Schreiben, das Berlin, den 27. Oktober 1815 datiert ist, das Gesuch ab. Wir können es ihm nicht verübeln, denn wenn es überhaupt etwas gibt, was selbst den Sanftesten zur Raserei bringen kann, dann sind es die schwülstigen mit biblischen Zutaten durchsetzten Expektorationen Müllers. Hie und da möchte man glauben, er sei vom religiösen Wahnsinn befallen worden. Aber ob uns dieser ungebildete und ehrliche, recht selbstbewußte Bauer sympathisch ist oder nicht: die Billigkeit fordert es seine Vorhersagen zu prüfen.
Und da finden wir denn, daß, abgesehen von denen, die sich auf Frankreichs Teilungen beziehen und einige religiösen Inhalts, fast alles in Erfüllung ging.
Wir tun am besten das Urteil Ehrlichs, der sich eingehend mit der Person Müllers und seine Vorhersagen beschäftigt, nachstehend wiederzugeben.
Müller hatte, wie so oft die ehrlichen Seher, nur den einen Wunsch, daß die Wahrheit und nichts als sie über ihn verbreitet würde. Deshalb kam er Ehrlichs Bemühungen, sie zu ergründen, durchaus entgegen. Letzterer sammelte alles, was Müller betraf, vollständig[141].
Wie er dazu kam, erzählt er auf S. 5 ff. der Vorrede seiner Geschichte dieses Mannes. Als er im Jahre 1807 und 1808 in Königsberg bei der preußischen Königsfamilie weilte und merkte, daß Geheimrat Reimann, der Erzieher des Prinzen Friedrich, über ihn lachte, sagte er: »Ich sage und tue, was ich muß und kümmere mich weiter um nichts.« Auf Reimanns Einwendungen hin sagte er: »Von dem allen verstehe ich nichts; aber es wird doch so kommen, wie ich gesagt habe, denn der Geist, der es mich versichert hat, kann nicht lügen, und ich habe es durch denselben ja selbst gesehen.« Endlich veranlaßte diese Sicherheit Müllers doch Reimann, die Sache ernst zu nehmen. Er verfaßte also ein langes Protokoll über Müllers Aussagen, das er sorgfältig aufhob und das nach seinem Tode in die Hände Ehrlichs gelangte.
Letzterer war sich über die Ehrlichkeit Müllers klar. Im Lobe seiner Redlichkeit, Mäßigkeit und Arbeitsamkeit stimmten alle überein, besonders der Pfarrer Hautz in Neckargemünd, der sehr lange in Müllers Geburtsort Meckersheim Pfarrer gewesen war, versicherte, daß er eine treue und ehrliche Seele war. Auch andere Pfarrer, die ihn kannten, bestätigten dies Urteil. Die Frage, ob er ein Betrogener oder Schwärmer sei, beantwortet er damit, daß Müller das Glück Preußens zu einer Zeit voraussagte, als es im allertiefsten Unglück war. Das hatte er damals schon felsenfest selbst gegen die Einwürfe des Königs und der Königin behauptet, wiewohl man seine Aussagen albern und unmöglich nannte. Im Laufe der Zeit aber sollte er nicht nur in der Hauptsache recht behalten, sondern selbst in Nebenumständen.
Der Krieg Frankreichs von 1812 mit Rußland, Frankreichs Niederlage und der ungeheure Brand Moskaus, die Verfolgung durch die Russen, der Enthusiasmus des preußischen Volkes für Freiheit und König, Preußens Krieg mit Frankreich und die Besiegung der Franzosen, bei welcher namentlich Schlachten in Sachsen erwähnt sind, in denen der König von Preußen und der Kaiser von Rußland kommandieren würden. Ferner der Übergang der Deutschen über den Rhein, Müllers persönliche Begrüßung des Königs bei dieser Gelegenheit, das und noch manches andere steht in diesen Papieren, die schon 1807 auf 1808 für den preußischen Hof niedergeschrieben wurden.
Ehrlich so gut wie die über Müller befragten Pfarrer waren sich darin einig, daß sie am liebsten die Prophezeiungen Müllers fortgeleugnet hätten. Aber es ging nicht, da so manches, was früher lächerlich erschienen war, später in Erfüllung ging.
Ehrlich genoß in kurzer Zeit Müllers Vertrauen, daher kann er wertvolle Nebenumstände mitteilen. Als er am 4. Januar 1815 das Gespräch auf seine neuesten Erscheinungen brachte, erzählte er, daß bald ein blutiger Krieg mit Frankreich ausbrechen werde.
»Gerade damals fanden sehr ernste Spannungen zwischen Österreich, Preußen, Bayern, Rußland, Frankreich usw. statt; ich bezog daher – politisch vernünftelnd – alles, was er mir sagte, darauf, und wünschte seine Gründe zu wissen, weshalb er so bestimmt glaube, daß es zum Kriege unter den Erwähnten kommen müsse. Er lächelte aber ruhig und heiter, gerade wie ein Mensch, welcher jenseits der Wolken und Stürme sicher steht, über mein Vernünfteln, Politisieren und Zweifeln, und sagte zuletzt:
›Ja, das verstehe ich alles nicht, aber der Geist hat mir gesagt, daß es wieder Krieg mit Frankreich gibt, und das bald!‹
Er besuchte mich seit der Zeit sehr oft, ungeachtet ich ihm – absichtlich! – nie ein Geschenk gab und jedesmal sein Gegner war und blieb[142].
Allmählich ließen die Spannungen auf dem Wiener Kongreß nach. Die Angelegenheiten mit Polen, Sachsen usw. kamen eine nach der andern in Ordnung, und ein tiefer Friede wurde (dem Anschein nach) mit jedem Tage gewisser. Jetzt durfte Müller nur die Türe öffnen, so scherzte ich schon mit ihm und spöttelte (jedoch freundlich heiter!) über seinen baldigen blutigen Krieg gegen Frankreich. Sein Benehmen dabei blieb sich immer gleich. Er erzählte nämlich stets aufs neue seine Erscheinungen in den Weihnachtsträumen, und schloß jedesmal damit: ›Sie werden sehen, daß alles zutrifft, und das bald! Denn der Geist kann nicht lügen!‹
Endlich in den ersten Tagen des März 1815 kam er abermals zu uns; diesmal um Abschied von uns zu nehmen, weil wir verreisen wollten. Jetzt war, nach aller Vernünftigen Meinung, an gar keinen Krieg mehr zu denken! Ich scherzte wie gewöhnlich mit ihm; ergriff ihn unter anderm am Kinn und wiegte schäkernd seinen Kopf hin und her mit den Worten: ›Nun, mein lieber Müller! Nun ist es mit dem blutigen Kriege gegen Frankreich rein aus, denn jetzt ist tiefer, tiefer Friede!‹ (Zugleich erzählte ich ihm den ganzen Stand der politischen Verhältnisse.)
Er hörte mich ganz aus, antwortete dann aber mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit: ›Und ich sage Ihnen, nun dauert’s gar nicht lange mehr! Nun geht’s gleich los in Frankreich.‹
Wir lachten gegenseitig über unsere, so höchst verschiedenen Behauptungen, schieden aber, wie immer, als gute Freunde voneinander.
Am Nachmittage desselben Tages ließ unsere Reisegesellschafterin uns bitten, die beabsichtigte Reise noch einige Tage auszusetzen, weil sie sich nicht ganz wohl befinde. Wir willigten ein. Ehe aber noch ihre Kränklichkeit völlig gehoben war, erfuhren wir schon aus den öffentlichen Blättern, daß Napoleon in Frankreich gelandet sey. In demselben Augenblicke, in welchem ich dies las, strafte ich mich selbst durch den unwillkürlichen Ausruf: Nun hat Müller doch recht! –
Jetzt begriff jedermann, daß ein Krieg, und wahrscheinlich ein sehr blutiger Krieg entstehen müsse. Die Reihe wäre also nun an Müllern gewesen, uns auszulachen, aber er tat es nicht, sondern sagte bloß – etwa wie ein Mensch, dem man etwas abgestritten hat, was er doch vor Augen sah: – ›Ich sagte es Ihnen ja immer! Geschehen mußte es durchaus! Denn – Gott kann ja nicht lügen.‹«
Soweit der Bericht Ehrlichs. Wir sperrten nur die Stellen, die auch im Original gesperrt sind.
Ferner versicherte Müller, daß die Gegend von Mannheim und Heidelberg in diesem Kriege von 1815 vom Feinde verschont bleiben werde. Aber auch diese Prophezeiung war außerordentlich gewagt und keineswegs, wie der Zweifler in solchen Fällen gern annimmt, Resultat einer Wahrscheinlichkeitsrechnung. Denn diese Gegend war damals fast ganz von Truppen entblößt, die russische Armee noch sehr weit zurück und, wie leider unsere Geschichte lehrt, der Weg den Franzosen nur zu gut bekannt. Deshalb zitterte alles vor der drohenden Gefahr. Und doch behielt Müller recht. Daß die mit Haut und Haar dem Dogma der Unmöglichkeit jeglicher Prophetie Verschriebenen nachher sagten, es hätte so kommen müssen, ist selbstverständlich.
Ehrlich betont ausdrücklich, daß er weder für noch gegen Müller Partei ergreife, sondern nur Tatsachen berichte und es jedem überlasse, darüber zu denken, was er wolle. Ehrlich weist daher auch ruhig auf die Irrtümer Müllers hin.
Die Erscheinung, die er in den Weihnachtsnächten 1814 hatte, stimmen vollkommen mit den Begebenheiten des 16. und 18. Juni 1815 überein. Aber die zweite Schlacht zwischen Elsaß und Lothringen, die Müller vorhergesehen hatte, wurde nicht geschlagen, weil die außerordentlichen Leistungen der Preußen Napoleon entscheidende Niederlagen beigebracht hatten. Sie wäre wahrscheinlich gewesen, aber sie war nicht wirklich. Ebenso wäre es in jeder Beziehung besser gewesen, Napoleon wäre damals gefallen, wie Müller wahrsagt bzw. andeutet, als er ihn mit seinen Generalen am Rande eines frischen Grabes stehen sah. Und doch erfüllte sich diese, wie wir gleich sehen werden falsch interpretierte, Vision nicht. Wie wir ja bei allen Wahrsagern die Beobachtung machen, daß hie und da ein Spruch nicht in Erfüllung geht.
Dem »Protokoll« sind noch einige Visionsberichte mit Müllers Unterschrift aus den Jahren 1815 und 1816 angereiht. Daß die Prophezeiung von Napoleons Grab nicht in Erfüllung ging, hatte bereits Ehrlich konstatiert.
Wir lassen hier den Bericht (S. 120 f.) folgen:
»Am 18. April 1815, Dienstag nachts um 12 Uhr, brachte mich der Geist des Herren auf eine Anhöhe im Elsaß und zeigte mir ein frischgemachtes Grab mit den Worten: ›Es sei für Napoleon. Er wird gleich selbst kommen!‹ setzte der Geist hinzu.
Bald darauf kam Napoleon mit zwei Generalen, diese blieben jedoch 200–300 Schritte zurück. Napoleon aber ging grade auf sein Grab los, und zwar so ganz dicht darauf zu, daß man glauben mußte, er werde jetzt, und jetzt hineinstürzen. Er betrachtete es lange und aufmerksam.
Dann sagte ich zu ihm, er hätte bleiben sollen, wo er gewesen wäre. Darauf sahe er mich sehr verdrießlich an, und sprach viel Französisch, welches ich nicht verstand.
Nun ging er zu den Generalen zurück, und damit hörte meine Erscheinung auf.
Johann Adam Müller.«
Da Napoleon vom Grabe zu den Generalen zurück ging, muß daraus meines Erachtens gefolgert werden, daß er nicht sterben würde. Die Vision würde also höchstens so zu deuten sein, daß er in großer Gefahr war, oder daß er sich mit dem Gedanken getragen habe zu sterben, d. h. wohl den Tod zu suchen und es dann unterließ. Ehrlich geht also hier in seiner Skepsis zu weit, denn von einer falschen Prophezeiung kann gar keine Rede sein, höchstens von einer falschen Interpretation.
Dagegen ist die zweite Vision Müllers vom 12. August 1815 nicht in Erfüllung gegangen. Darin heißt es, Frankreich würde unter die vier Monarchen geteilt werden, die vier Religionen, die heidnische, türkische, jüdische und christliche würden miteinander vereint werden und eine Bundesstadt müsse gebaut werden.
In der dritten Vision wird Müller auf den Römerbrief, Kapitel 5, hingewiesen, was er – am 26. September 1815 – so deutet: »Jetzt werde nun alles gut werden, Friede kommen, die Erkenntnis Christi und die Befolgung seiner Lehre ausbreiten usw., aber, meint er ferner, die früher erwähnte Schlacht müsse doch wohl noch erst erfolgen. Es werde auf jeden Fall noch etwas Hartes vorfallen.«
Mit dem Frieden – einer erstaunlich langen Friedensperiode – behielt Müller recht, ebenso mit einer anderen Vision, daß die Russen nicht wieder nach Deutschland kämen. Das hat sich ja nun ein Jahrhundert bewahrheitet und war damals sicher nicht vorauszusehen, da in den Jahren Müllers sehr häufige Grenzüberschreitungen stattfanden.
Auch daß Napoleon von St. Helena aus nicht wieder in den Gang der Weltereignisse eingreifen würde, war eine richtige, wenn auch sehr nahe liegende Vorhersage.
Dann folgen noch zwei religiöse und zwei politische Visionen, letztere auf einen Krieg Österreichs mit Frankreich deutend, also falsch.
Unser Bericht wäre unvollständig, würden wir nicht die Kritik erwähnen, die Ehrlich (S. 90–119) an einem Schriftchen »Neue Prophezeiungen des Johann Adam Müller«, das anonym und ohne Wissen Müllers erschien, übt.
Es enthält massenhaft falsche Daten, die Ehrlich, auf Grund von Müllers Angaben, berichtigt. Dadurch sind wir zu dem Schluß berechtigt, daß die unwidersprochen gebliebenen Behauptungen der kleinen Schrift auf Wahrheit beruhen.
Indem wir von einer Reihe an sich nicht uninteressanter Momente absehen, sei folgendes wiedergegeben: »Die erste meiner Erscheinungen hatte ich in der Nacht des neuen Jahres von 1804 auf 1805.« Ein Geist trat da an sein Bett und sagte: »Dies Jahr entsteht ein Krieg zwischen Frankreich und Österreich, und wenn letzteres nicht Friede macht, so wird es alles verlieren. Hierauf blitzte es am Himmel und die Gestalt verschwand. Ich ging nach dem Fenster, durch das der Blitz leuchtete, da sah ich deutlich am Himmel Artillerie von Frankreich gegen Österreich zu fahren, welcher Zug ¾ Stunden währte. Pferde, Knechte, Kanonen, Pulverwagen, alles war deutlich zu erkennen, nur daß sie ganz feurig waren.«
Müller beachtete diese Vision weiter nicht und erzählte erst von ihr, als er nach einer Schlappe der Franzosen einige Leute die Befürchtung aussprechen hörte, Österreich würde siegen. Daß diese ganze Prophezeiung in Erfüllung gegangen ist, steht fest. (S. 96 f.)
Auf die gleiche Weise wurde Müller in der Neujahrsnacht 1805 auf 1806 der Krieg Frankreichs mit Preußen verkündet.
Andere Visionen hatte er 1807. Ein Mann (Geist) trug ihm auf, zu dem König von Preußen zu gehen und ihm zu sagen, er solle gemäß Jesaias, Kapitel 53 bis 64 handeln. Frankreich müsse unter vier Monarchen verteilt werden und Preußen werde so groß werden, wie es noch niemals war. Dann würden sich die Heiden und Türken taufen lassen und zuletzt die Juden und es werde nur eine Religion geben und tausendjährigen Frieden. Der »Geist« führte Müller dann nach Königsberg durch vier Städte und zeigte ihm alles, was er auf dem Wege erleben würde. So sah er Stettin, Königsberg, Memel und eine Stadt am Rhein zwischen Philippsburg und Nußloch, die für die vier Monarchen zu einmaliger Zusammenkunft jedes Jahr bestimmt war. (S. 98–102.)
Auf wiederholte Mahnung hin trat er dann seine weite Reise, von der das »Protokoll« eingehend berichtet, mit 15 Kreuzern in der Tasche und ohne jedes Gepäck an. Überall fand er kostenlose Unterkunft und Verpflegung, weil er dem Befehle des »Geistes« folgte und dort einkehrte, wo eine innere Stimme ihn hinwies. (S. 102–108.)
Friedrich Wilhelm III. hatte schon schriftlichen Bericht über Müller erhalten. Er mußte dem König alle angezeigten Kapitel aus der Bibel auslegen. Als er dem König die Treue seiner Untertanen, die Gut und Blut opfern würden, rühmte, antwortete er – und das ist bezeichnend für die allgemeine Lage, beweisend aber dafür, daß Müller unmöglich durch Kombinationen zu seinen Vorhersagen gekommen ist: »Ach nein! Es ist mir jetzt alles abtrünnig geworden!« (S. 108, Anm.)
Müller prophezeite dem König, daß Frankreich im Norden zugrunde gehen würde, daß Preußen so groß werden würde, wie noch nie, ferner die Vereinigung der Religionen und die Erbauung der bewußten Stadt. Als Friedrich Wilhelm erwiderte, daß er den Krieg ja nicht fortsetze und daher alles Geweissagte nicht eintreffen könne, gab Müller zur Antwort, der König möge machen, was er wolle, es würde doch so geschehen.
Auf die Frage, welche Religion denn übrig bleiben werde, antwortete Müller regelmäßig: »Die Religion, welche bleiben werde, sei weder die katholische, noch die lutherische, noch die reformierte, sondern diejenige, welche Christus selbst gelehret habe.« (Seite 109, Anm.)
Es folgen dann die Vorhersagen, die wir im »Protokoll« schon eingehend kennen lernten.
In Heidelberg hatte Müller eine halbstündige Unterredung mit König Friedrich Wilhelm III. Auch Blücher hat manches Pfeifchen mit Müller geraucht und manche Stunde mit ihm verplaudert. Die von Ehrlich ausgesprochene Vermutung Müllers felsenfeste Versicherungen der Jahre 1807 und 1808 hätten in den Freiheitskriegen im alten Marschall Vorwärts nachgewirkt, läßt sich jedenfalls hören. Seinem Adjutanten hatte er 1814, am 13. Juni, aufgetragen: »Er solle den Blücher von dem Müller grüßen und er werde nun bald viel mit den Franzosen zu tun kriegen, wenn er (der Adjutant) anders noch früh genug komme, um dies vorher bestellen zu können.« (S. 114 f., Anm.) Da die Schlacht schon am 15. begann, kam dieser Bote zu spät.
Übrigens erwartete Müller 1815 noch einen kurzen Krieg, da nicht sämtliche Prophezeiungen in Erfüllung gegangen seien, vor allem die auf die Teilung Frankreichs bezügliche und die, welche eine große, sehr blutige Schlacht zwischen Deutschen und Franzosen vorhersagt.
Endlich hatte er noch eine merkwürdige Vision. Er sah eine große Zahl Equipagen mit vornehmen Insassen. Dahinter kam der Teufel in einem Wagen. Diese Vision soll auf den Wiener Kongreß Bezug haben.
Für die Beurteilung Müllers ist nicht unwichtig Ehrlichs Versicherung, daß er, wiewohl nur Eigentümer eines kleinen Gutes von acht Morgen, doch niemals um Geschenke bat, sie auch nur von Reichen annahm. Wiewohl er durch seine Gabe ein wohlhabender, wenn nicht gar reicher Mann hätte werden können, verschmähte er es doch.
Auch seine Mäßigkeit ist bemerkenswert und schneidet von vorn herein den Verdacht ab, seine Visionen – ganz abgesehen von ihrer späteren Erfüllung – seien Wirkungen des Alkohols gewesen, wie ja mancher doppelt sieht oder gar weiße Mäuse zu erkennen glaubt. Wein und Branntwein trank er seit 6 bis 8 Jahren – also gerade in der Zeit seiner Visionen – überhaupt nicht. Ebenso Kaffee nur bei festlichen Gelegenheiten. Bei Gastmählern, zu denen er oft geladen wurde, begnügte er sich mit Suppe, Gemüse und Fleisch ohne je Braten usw. anzurühren. Nur auf dringende Bitten griff er zur Mehlspeise. In Memel und Königsberg war seine Nahrung durch fast volle neun Monate nur trockenes Brot und etwas Milch. Und das, wiewohl er natürlich viel Besseres hätte haben können.
Das Protokoll, das wir oben in extenso brachten ist nicht das Königsberger, das verloren gegangen zu sein scheint oder vielleicht noch einmal aus einem Archiv das Tageslicht erblicken wird. Trotzdem ist es durchaus authentisch, denn es wurde im Jahre 1808, also vor sämtlichen Ereignissen aufgenommen und befand sich seit dieser Zeit in den Händen des Pfarrers Hautz und seit mehreren Jahren (d. h. vor 1816) des Kirchenrates Abegg.
Übrigens scheint das Protokoll nicht alles zu enthalten, was Müller seinerzeit dem König Friedrich Wilhelm III. mitteilte. Denn er sagte darüber Ehrlich:
»Ich war in betreff dieser Punkte nur an den König von Preußen gesandt, also hielt ich es für Pflicht, gegen hiesige Menschen davon zu schweigen. Außerdem riet es mir auch die Klugheit, denn hier war damals alles noch im höchsten Grade französisch gesinnt. Man hätte mich vielleicht umgebracht, wenn ich das alles schon damals hier bekannt gemacht hätte.«
Der seltene Fall, daß von durchaus glaubwürdiger Seite – Ehrlich hat stets die Prophezeiungen Müllers nach seinem Diktat niedergeschrieben – eingehende Berichte über einen Seher vorliegen, und daß, wie aus den Briefen des Königs Friedrich Wilhelm, wie auch aus einem bei Ehrlich abgedruckten Brief, der die Anfrage der russischen Kaiserin enthält, hervorgeht, jede Mystifikation ausgeschlossen ist, rechtfertigen es, wenn wir uns eingehend mit Müller befaßten.
Für unsere Beweisführung im Speziellen aber ergibt sich folgendes Resultat:
Wir haben das gesamte Material eines Sehers zur Verfügung und konnten auf dieser Grundlage feststellen, daß nicht nur die wichtigsten und zur Zeit ihrer Verbreitung am wenigstens glaubwürdigen Vorhersagen in Erfüllung gingen, sondern auch die erdrückende Mehrheit. Daraus geht aber hervor, daß der Einwand, man entsinne sich nur der erfüllten, vergesse aber die unerfüllten Weissagungen, wenn es sich um »Seher« handelt, hinfällig ist.
Was nun den Inhalt der Vorhersagen betrifft, so sind sie gewiß zum Teil sehr merkwürdig. Aber keine einzige ist darunter, die so erstaunlich wäre, daß wir eine Gleichung mit einem Divisor aufstellen könnten, die den Zufall ausschließt.
Desto verblüffender sind die folgenden Weissagungen.