Zehntes Kapitel Die Prophezeiungen der Frau de Ferriëm
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Frau von Ferriëm (dies der Mediumname), eine in Berlin wohnende Dame mit der Gabe des räumlichen und zeitlichen Fernsehens, hat fast täglich Visionen, über die sie in ihrem Büchlein »Mein geistiges Schauen in die Zukunft« berichtet. Neben den abenteuerlichsten Gesichten: über den Untergang des Mohammedanismus (S. 81), den kommenden Weltreformator (S. 88), einen neuen König in Jerusalem (S. 91), den Sieg des Christentums in Ostasien (S. 93) oder gar über den Untergang des Papsttums, eine neue Zeitrechnung und eine »neue Erde« (S. 98 f.), Visionen, deren religiös-phantastischer Inhalt uns die Weisheit der alten Theologen bewundern läßt, die die Unmöglichkeit von den Glauben betreffenden Prophezeiungen behaupteten, finden sich profane von allerhöchstem Interesse.
Das möge die nachstehend angeführte Reihe von Beispielen beweisen!
Die »Zeitschrift für Spiritismus«, vom 24. Juni 1899[162] brachte folgenden Artikel:
In Nr. 46, Jahrgang 1898, der amerikanischen Wochenschrift »Lichtstrahlen«, Zeitschrift für Philosophie, Wissenschaft usw. West-Point, Nebr., befindet sich folgender Redaktionsartikel[163]:
Erfüllte Voraussage. Im Juniheft der in Leipzig erscheinenden »Psychischen Studien« finden wir eine Notiz, in der über einen Artikel in dem »Illustrierten Wiener Extrablatt« Nr. 114 vom 26. April 1898 bezüglich der Aussagen der Berliner Seherin berichtet wird. In derselben lautet ein Ausspruch der Seherin, welche über eine blutige Zukunft in Deutschland, Krieg und viele Duelle in Frankreich berichtet, wie folgt: »Ich sehe viel Blut in Frankreich; Dreyfus kommt von der Insel fort.« – Dies wurde im April 1898 gegeben, als noch niemand eine so große Bewegung zu Gunsten Dreyfus, wie sie augenblicklich in ganz Frankreich im Gange ist, ahnen konnte, und scheint bereits in Bezug auf Dreyfus seine Bestätigung gefunden zu haben; denn den neuesten telegraphischen Meldungen nach zu urteilen, scheint Dreyfus nicht mehr auf der Teufelsinsel zu sein und bereiten sich in Frankreich unangenehme Dinge vor.
Zu der Zeit als die »Lichtstrahlen« diese Mitteilung brachten (23. September 1898), hatte Dreyfus indes die Insel noch nicht verlassen; jedoch nunmehr – am 8. Juni 1899 – ist die bezügliche Weissagung der Berliner Clairvoyante (de Ferriëm) eingetroffen.«
Das heißt mit anderen Worten: Frau de Ferriëm hat nachweisbar, und zwar durch vorher im Druck erschienene Voraussagen, die Freilassung des Hauptmann Dreyfus 1½ Jahre vor ihrem Eintritt prophezeit.
Im Januar 1898 erschien in den »Neuen Spiritualistischen Blättern« in Berlin folgender Visionsbericht der Frau de Ferriëm:
Brand im Hafen von New York. (Die Seherin blickt anscheinend auf einen ca. 5 Meter von ihr entfernten Punkt des Fußbodens starr mit weit geöffneten Augen hin und spricht darauf nach wenigen Augenblicken stillen Verhaltens in dieser Stellung folgendes):
»Das ist ein großer Brand, ein mächtiges Feuer. So viele Schiffe. Es brennt ein Schiff. (Das Medium senkt das Haupt und schließt die Augen dabei.) Alles schwarzer Rauch, kohlrabenschwarzer Rauch; o, und wie dick! Das ist am Land. Das brennt im Hafen. Oh, o, das ist aber schlimm. (Hebt den Kopf etwas und senkt ihn wieder. Dann schlägt es die Augen auf und sagt): Nimm ab, nimm mal das Tuch ab[164]. (Noch etwas benommen, ruft sie darauf): Ist ein Riesenbrand in New York. Ich sehe ihn ja.« (Das Medium war schon in New York und hat daher die in der Vision erschaute Stadt jedenfalls als New York erkannt.)
Eine weitere, dasselbe Ereignis betreffende Prophezeiung erschien u. a. im Maiheft 1899 der »Psyche«, Berlin, und im Juniheft 1899, der »Übersinnlichen Welt«, S. 205, Anm., Berlin, gelegentlich eines Visionsberichtes der Dame über Ereignisse im 20. Jahrhundert. Sie lautet:
»Ich sehe ein brennendes Schiff im Hafen von New York und höre einen furchtbaren Knall. Soviel ich sehe, ist es kein amerikanisches Schiff. Die Stadt ist New York; ich irre mich nicht, weil ich sie genau von meiner Amerikareise her kenne.«
Bekanntlich traf diese doppelte Prophezeiung am 30. Juni 1900 ein. Damals ereignete sich die furchtbare Schiffbrandkatastrophe im Hafen von New York, durch die der Norddeutsche Lloyd schweren Schaden erlitt, aber keine amerikanische Gesellschaft geschädigt wurde. Das Feuer griff vom Hafen auf einen Teil der Hafenanlagen von Hoboken über.
Daß diese Prophezeiung in Erfüllung gegangen war – was ja mit dem schlechtesten Willen niemand wird bestreiten können – konstatierte der New York »Herald« bereits am anderen Tage. Dieses große Blatt hatte auch am 25. April 1899 die Vorhersage der Frau von Ferriëm bereits publiziert gehabt[165].
Auch die furchtbare Erdbebenkatastrophe auf der Insel Martinique wurde von Frau de Ferriëm vorher gesehen.
Die »Zeitschrift für Spiritismus« brachte in ihrer Nummer 23 vom 7. Juni 1902 darüber folgenden Bericht:
Die furchtbare Katastrophe, von welcher die Antillen-Insel Martinique heimgesucht worden ist – durch die entfesselten Kräfte der Erde wurde am Himmelfahrtstage (1902) die Stadt Pierre und deren Umgebung, ein paradiesisch schöner Fleck Erde, vollständig verheert, wobei Zehntausende von Menschen auf die entsetzlichste Weise ihren Tod fanden – ruft folgenden Ausspruch der Berliner Somnambulen Ferriëm, welcher zuerst in der »Zeitschrift für Spiritismus« vom 24. Juni 1899 (S. 221), sowie weiterhin in der Schrift »Die Seherin (de) Ferriëm« Ausgabe 2, vom 20. September 1899, und in der »Spiritistischen Rundschau«, Berlin, Juli 1901, publiziert worden ist, lebhaft in Erinnerung:
»Berlin, 10. Mai (1899). (Die Clairvoyante nicht im Trance:) ›In wenigen Jahren wird sich ein großes Erdbeben ereignen. Es dürfte im Jahre 1902 sein. Ich habe es aus den Gestirnen berechnet. Ich könnte höchstens um ein Jahr zurückgerechnet haben. Die Sache differiert zwischen 3 und 4 Jahren; aber 4 Jahre werden nicht voll von jetzt an gezählt. Das Beben wird so furchtbar sein, daß selbst Kabelzerstörungen vorkommen werden.«
Die Voraussage wurde also genau drei Jahre vor der Katastrophe gegeben. Durch die Erwähnung der Kabelzerstörungen wurde in der Prognose darauf hingewiesen, daß das schreckliche Ereignis sich, wie geschehen, auch speziell am Meere abspielen würde. Infolge des den Eruptionen des Mont Pelé vorangegangenen und dieselben begleitenden starken Erdbebens zerrissen die Kabel, sodaß die Verbindung zwischen Martinique und der Außenwelt während der Katastrophe vollständig abgeschnitten war. Eine weitere Meldung besagt: Der Kommandant des Kreuzers »Suchet« hat die Stadt und die Umgebung durchforscht und berichtet, daß sich im nördlichen Teile der Insel große Spalten gebildet haben, daß das ganze Gelände sich in Bewegung befindet und daß sich plötzlich neue Täler bilden[166].
Man wird bei einiger Skepsis gegen diese Prophezeiung, deren hoher Wert ja gleichfalls darin besteht, daß sie vorher, noch dazu an mehreren Stellen, im Druck erschienen ist, einwenden, daß irgendmal an irgendeinem Ort der Erde mit Naturnotwendigkeit Erdbeben eintreten müssen. Das ist ja gewiß richtig. Da eine Ortsbezeichnung – auch nur ungefährer Art – fehlt, so käme ja der ganze Erdball in Frage.
Und doch ist dem entgegen zu halten, daß das Unglück von Martinique seit dem im Jahre 1883 erfolgten furchtbaren Ausbruch von Krakatau in der Sundastraße, der direkt oder indirekt auf der ganzen Erde sich bemerkbar machte, das größte seiner Art im letzten halben Jahrhundert war. Ferner, daß die Prophezeiung wenigstens zeitlich, wenn auch nicht örtlich, erstaunlich genau eintraf. Immerhin geben wir gerne zu, daß die vorher genannten Vorhersagen für die Tatsache, daß es Prophezeiungen bzw. Menschen gibt, die die Gabe des zeitlichen Fernsehens besitzen, beweiskräftiger sind.
Was übrigens den von Frau de Ferriëm gebrauchten Ausdruck »aus den Gestirnen berechnet« und »zurückgerechnet« betrifft, so bemerkt die Dame dazu, daß sie sich nicht mit astrologischer Berechnung befaßt und eine solche auch hier nicht vorliegt. Vielmehr meint sie damit die Deutung von Erscheinungen, die sie »mit geistigem Auge am Sternenhimmel beobachtete«[167]. Ich gebe zu, daß ich mir von diesem Modus des Hellsehens keine rechte Vorstellung machen kann. Doch das will ja um so weniger für die Sache selbst bedeuten, als uns der Weg, auf dem die Somnambulen zu ihren Prophezeiungen gelangen, zurzeit überhaupt noch dunkel ist.
Während die vorige Prophezeiung der Frau de Ferriëm den Ort mit Namen und der Szenerie nach genauestens angab, sowie den Verlauf der Katastrophe schilderte, ist diese interessant durch ihre Zeitangabe. Wie die Seherin sagt – und wie ja ein Vergleich der wiedergegebenen Prophezeiungen auch ergibt – kommen bestimmte Zeitangaben bezüglich des Eintreffens ihrer Gesichte fast gar nicht vor. Erfahrungsgemäß sind aber Zeitangaben von Sehern, auch wo sie gemacht sind, ziemlich unzuverlässig, und zwar aus einem sehr naheliegenden Grunde. Da es sich bei den Gesichten doch um räumlich anschauliche Vorgänge handelt, die die Aufmerksamkeit des Sehers ganz und gar auf sich ziehen, so verwirren sich eventuelle zeitliche Bestimmungen in allen derartigen Angaben leicht. Dazu kommt aber noch ein Moment: Je deutlicher die Vorgänge gesehen werden, desto näher steht – das ist aber natürlich nur Vermutung – ihr Eintritt bevor. Mag dieser Anhaltspunkt richtig sein, so fehlt doch ein fester Maßstab vollkommen. Es handelt sich naturnotwendig um eine Taxe. Wie sollte denn in einem räumlichen Bilde, sagen wir dem der Landschaft oder eines untergehenden Schiffes auch eine Zeitangabe unterzubringen sein? Höchstens daß neben die visuelle Vision noch eine akustische treten müßte, die das Datum zuruft. Oder daß durch Zufall etwa ein Abreißkalender mit bestimmtem Datum erblickt wird. Sonst ist ja der Natur der Sache nach eine bestimmte zeitliche Fixierung ausgeschlossen. Es kann sich – von seltenen Ausnahmen abgesehen – immer nur um approximative Schätzungen handeln. Aber auch sie sind aus inneren Gründen nur dann richtig, wenn ein und dieselbe Seherin aus zahlreichen Selbstbeobachtungen eine gewisse Praxis in der zeitlichen Fixierung eines räumlichen Bildes gewonnen hat.
Erfahrungsgemäß ist die Mehrzahl der Gesichte tragisch. Ob das daher kommt, daß das Tragische im Leben überwiegt, oder weil sehr unglückliche Ereignisse die Nerven am stärksten erregen? Genug, es ist so. Dabei zeigt sich aber, daß häufig ein Ereignis nach der schlimmen Seite hin noch übertrieben wird.
Frau de Ferriëm führt als Beweis dafür die Vorhersage des im Mai 1897 eingetroffenen furchtbaren Brandes des Wohltätigkeitsbazars in Paris an[168].
Diese Katastrophe wurde unter anderm auch in dem in England weitverbreiteten, Prophezeiungen für das laufende Jahr enthaltenden Volkskalender »Old Moores Almanack« vorhergesagt. Die betreffende Stelle in der bereits 1896 erschienenen Ausgabe für 1897 lautet: »Fast mit Sicherheit werden wir in den letzten Tagen des April eine Nachricht von einem furchtbaren Feuer in Paris hören, welches viele Menschenopfer verschlingen wird, während eine Schar Banditen unter den Trümmern Beute zu machen suchen wird.« Die Schar Banditen sind Irrtum. Frau de Ferriëm glaubt ihn damit erklären zu können, daß der Seher in der Vision Leute nach den Erkennungszeichen, Kleinodien und Leichenresten suchen sah. Für denjenigen, der die Existenz von Visionen, die wir uns etwa einer in unser Inneres verlegten Fata Morgana ähnlich vorzustellen haben, zugibt – und das muß doch wohl oder übel jeder, der die Macht der Tatsachen höher bewertet, als ein gegenwärtig noch herrschendes aber bald gleich anderem Gerümpel aus der Zeit des Materialismus ad acta gelegten Dogma – hat dieser Erklärungsversuch viel Wahrscheinlichkeit für sich.
Übrigens sei im Vorbeigehen bemerkt, daß »Old Moore« damals in seinem Kalender den Tod des Herzogs von Clarence auf den Tag vorausgesagt hat. Auch der Untergang der »Victoria« stand in seinem Kalender prognostiziert, nur irrte sich der Alte um eine Woche.
Daß Übertreibungen nach der schlimmen Seite hin an der Tagesordnung sind, ist nichts weniger als verwunderlich. Denn wenn wir einen großen Brand oder ein Unglück sehen, stellen wir es uns ja auch im ersten Schrecken fast ausnahmslos bedeutend schlimmer vor, als es in Wirklichkeit ist. Man lese nur die Unglücksfälle in irgendeiner Zeitung nach und wird finden, daß mit seltenen Ausnahmen die ersten Nachrichten stark übertrieben wurden, um erst allmählich ihre richtigen Dimensionen anzunehmen.
Am 15. Mai 1897 erschien im »Führer«, Milwaukee (Wisc.) und am 18. September 1897 in der »Kritik«, Wochenschrift des öffentlichen Lebens, Berlin, folgender Visionsbericht:
»Kohlengruben-Unglück bei Brüx (Dux), Böhmen.
Erstes Gesicht. (Die Dame schließt die Augen und spricht): Schrecklich, die Menschen alle hier bei der Grube! Wie bleich sie aussehen! – Wie die Leichen. – Ach, das sind ja auch lauter Leichen. Ja, sie kommen heraus und werden jetzt alle fortgebracht. Und die ganze Gegend ist so schwarz, und es sind lauter kleine Hütten da. Die Leute, die ich sehe, reden eine andere Sprache, auch verschiedene Sprachen, – alles durcheinander. Und so leichenblaß sind sie alle! – Jetzt wird da einer herausgebracht, welcher einen Gurt mit einer blanken Schnalle um hat. Es ist Weihnachten bald; eine Hundekälte. Dort ist einer, der hat eine Lampe mit einem Gitter. – Es ist ein Kohlenbergwerk. Es ist alles so schwarz und so kahl. Ich sehe bloß die alten Hütten. Die ganze Gegend ist so öde. – Ich verstehe, was der eine da jetzt sagt. Er sagt: »Die Ärzte kommen alle aus Brüx« . . . Ach, das ist ein böhmischer Ort . . . Siehst du denn nicht? (Ich sehe nicht) . . . Was? Du siehst nichts! (Letzteres sagt die Seherin sozusagen erschreckt und schlägt die Augen auf.)
Zweites Gesicht. (Am Nachmittage des auf die erste Vision folgenden Tages.) Wie traurig das hier aussieht! Die Menschen alle: O weh, so viele! – So viele Frauen sind da; wie sie weinen! Die Männer sind tot; es leben nicht viele mehr. Sie sind alle heraufgebracht worden. Ach, Gott, die Armen tun mir so leid! Sieh mal, die Kinder alle! Wie die Männer aussehen, sie sind ganz von Rauch geschwärzt, sind gewiß alle in der Erde erstickt. – Das sind Böhmen. Die Weiber und die Kinder haben Kopftücher um. Ja, das sind Böhmen. Ach, die armen Menschen nun gerade um die Weihnachtszeit. Ist doch schrecklich! – Mit solch einem Zug, der eben angekommen, bin ich schon gefahren. Da steht es dran; der kommt doch über Eger. Ja, es ist Böhmen. – Wie sie dort liegen! – Das sind wohl Ärzte, die da reiben? – Feine Männer. Viele haben Binden mit einem Kreuz um die Arme. – Was haben die Frauen und Kinder denn da in der Hand? Eine Kette. Wozu haben sie die Kette? Ach, sie bekreuzigen sich jetzt. Das ist ein Rosenkranz. Ach, sie beten; aber sie weinen doch alle! – An dem Eisenbahnzug sehe ich einen österreichischen Adler, einen Doppeladler. – Ach, das ist wohl ein Schaffner, der da steht? Ich höre, was er sagt. »In den Kohlengruben von Dux,« sagt er; ich lese aber Brüx. Der da hat’s an der Binde. – Ach, die sind von der Sanitätswache. – Aber sie können nichts machen mit den armen Menschen. Sie fahren sie alle auf so komischen Wagen fort. (Die Somnambule erwacht.)«
Diese Vision hatte Frau de Ferriëm[169] bereits im Jahre 1896. Vier Jahre später nun fand in den Kohlenbergwerken von Dux bei Brüx in Böhmen ein Gruben-Unglück statt, bei dem sehr viele Bergleute ums Leben kamen.
Da das Unglück aber nach der Mitte des September 1900 sich ereignete, so stimmt die Zeitangabe bezüglich Weihnachtszeit und Kälte nicht. Wie aber Godefroy, der die Vision nachgeschrieben hatte[170], dem Dr. Walter Bormann schrieb[171], dauerte die Herausschaffung der Leichen aus den Gruben mehrere Wochen. Noch Ende Oktober wurde bei starker Kälte eine Anzahl der Opfer zutage gefördert. Also ging diese Vision vollkommen in Erfüllung.
Diese Prophezeiungen sind für uns von unschätzbarem Werte aus dem naheliegenden Grunde, weil sie alle vorher im Druck erschienen sind, was ja leicht nachkontrolliert werden kann. Mag man auch zur Wahrhaftigkeit eines Zeugen, der das nachherige Eintreten einer Voraussage behauptet, das größte Vertrauen haben, so wird man doch die Möglichkeit eines Erinnerungsfehlers nie bestreiten können. Man wird auch gern einwenden, daß der betreffende nur von den Fällen spricht, die wirklich eintrafen, jene aber, die sich nicht erfüllten, verschweigt. Es wird sich also mehr oder minder immer um ein Glauben handeln. In unseren oben angeführten Fällen dagegen handelt es sich um ein Wissen. Das gibt ihnen eine ganz außerordentliche Bedeutung. Denn auch der größte Zweifler wird nicht leugnen können, daß es sich um ganz ungewöhnliche Ereignisse handelt, bei denen wir nicht leicht mit dem Zufall operieren können.
Bormann weist mit Recht auf die große Anschaulichkeit der angeführten Weissagungen hin. »Alles, was die Seherin angibt, stellt sich bewegt und farbenfrisch ganz unmittelbar dem Auge dar, und noch die Ortsbezeichnungen Dux und Brüx werden durch die Aufschriften am Eisenbahnzuge, durch die Binde eines Mannes und durch die mit dem Ohr vernommenen Worte eines Schaffners uns vermittelt. Auch bei solchem zeitlichen Fernsehen also ist hier nichts bloß abgezogenes Denken; alles ist ein Schauen des Lebens, und obwohl keine vorhandene Erscheinung der Gegenwart und noch nichts Wirkliches im menschlichen Sinne, wird es doch räumlich wahrgenommen, als ob diese Zukunft bereits sinnliche Gegenwart wäre[172].«
Bormann, der sich als Vorsitzender der »Gesellschaft für wissenschaftliche Psychologie« in München viel und gründlich mit diesen Phänomenen beschäftigte, sagt mit Recht, die Erklärbarkeit dieses zugleich zeitlichen und räumlichen Fernsehens sei ein schwer zu lösendes Rätsel. Wir wollen uns auch nicht darauf einlassen, sondern nur feststellen, daß, wenn uns überhaupt etwas diese Phänomene, an deren Existenz zu zweifeln nur wohl mehr Böswilligkeit noch vermag, verständlich machen kann, es solche authentische Berichte sind. Auch wir haben ja im Traum Ähnliches alle schon erlebt, nur handelt es sich hier um Vergangenes. Wenn wir aber den Vergleich des Traumes festhalten, dann werden uns sofort Irrtümer in der Interpretation der Visionen klar. Das Gesicht entschwindet oft, wenn wir einen bestimmten Punkt festhalten wollen. Es löst sich in Nebel auf, und im Bestreben, zu rekonstruieren, erfinden wir. Oder die Seherin sieht zwar eine Gegend ganz deutlich vor sich. Da sie aber nirgends, weder auf Stationschildern, noch auf Reklamen oder sonst wo den Namen des Ortes lesen kann, auch nicht ihn rufen hört oder das Gelände aus der Erinnerung wiederzuerkennen vermag, so hat sie zwar eine richtige Vision, weiß aber nicht, wohin den Schauplatz zu verlegen. Oder sie glaubt eine Gegend wiederzuerkennen und irrt sich dabei. Natürlich wird dann die Prophezeiung, weil irrig lokalisiert, auch nicht eintreffen. Solche und ähnliche Fehlerquellen existieren immer. Deshalb ist es desto verwunderlicher, wenn alles genau zutrifft.
Doch wir werden später noch auf dieses Thema zurückkommen. Wunderbarerweise sind wir nämlich noch keineswegs am Ende der eingetroffenen Prophezeiungen der Frau de Ferriëm angelangt.
Im Oktober 1900 wurde in Nr. 43 der »Zeitschrift für Spiritismus« (Köln) folgende Vision der Dame mitgeteilt:
»Es taucht vor mir eine schwarze Masse auf. – Was es ist? – Ich kann’s noch nicht deutlich erkennen. – Ja, so, ein Felsen im Meer, daran es zerschmettert ist. Sehe nämlich ein deutsches Kriegsschiff. Die schwarze Masse ist ein Teil des untergegangenen Schiffes. – Viele Menschen gehen beim Untergange desselben zugrunde. Ich sehe sie deutlich verzweifelt mit den Wellen kämpfen. Alles deutsche Matrosen. – Es ist bestimmt ein Kriegsschiff. Ich sehe den Kommandanten, wie er seine Hände zum Himmel hochstreckt. Er schreit noch seine letzten Befehle. Er trägt einen Bart, wie ihn Kaiser Friedrich trug, nur kürzer und ziemlich dunkel, fast schwarz. – Das Wasser ist fast ganz ruhig geworden. – – Ich sehe auch, daß es in fremdem Lande ist – – Naht denn keine Rettung? – Noch nicht. – Ein Schiff in Sicht. Hurra! – Und doch, es ist wenig Aussicht auf Rettung. – Und naht denn keine Hilfe? – Ja, ja, aber viel zu spät.« Godefroy hatte diese Prophezeiung von der Seherin stenographiert aus Österreich erhalten.«
Anderthalb Monate später, am 7. Dezember 1900, ging diese Vision mit dem Untergang des deutschen Schulschiffes Gneisenau in Erfüllung.
Bormann schreibt darüber[173]:
»Der ›Gneisenau‹ scheiterte am Felsen Morro Levante (im Vorhafen von Malaga). Sein Untergang traf auch in einzelnem erstaunlich mit der Weissagung überein. Der Schiffskommandant hob in der Tat seine Arme gen Himmel, indem er laut seine Mannschaften in Gottes Hut befahl. Es ist auch richtig, daß die Bemannung nicht mit dem Schiffe zugrunde ging; die Leute stürzten sich in die Wellen und gingen im Kampfe mit ihnen zahlreich unter. Der Bart des Schiffskommandanten Beckmann ist in der Tat gewesen wie der des Kaisers Friedrich, nur kürzer, wie Bilder ausweisen. Wie die Farbe des Bartes war, weiß ich nicht. Die Seherin sah das Gesicht ungewöhnlich deutlich und kündigte daher dessen schnelle Erfüllung an, wie es auch geschah.« Übrigens sah sie noch, daß das Schiff nicht völlig unter der Wasseroberfläche verschwand, wie es auch in Wirklichkeit der Fall war.
Daß gottlob der Untergang eines deutschen Kriegsschiffes zu den größten Seltenheiten gehört, ist hinlänglich bekannt. Aus diesem verblüffenden Zusammentreffen einer Reihe von ganz seltenen Fällen – man denke an den Bart des Kapitäns! – eine Wahrscheinlichkeitsrechnung zu konstruieren, dürfte jedoch auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen.
Eine Prophezeiung der Frau de Ferriëm über das lenkbare Luftschiff ist deshalb außerordentlich interessant und kann unbedenklich als Beweis für die Tatsache der Prophetie gelten, weil zur Zeit der Vision – 1899 – und auch noch viel später ein solches Fahrzeug von den ersten Autoritäten für unmöglich erklärt wurde. In vieler Erinnerung wird die schmähliche Behandlung sein, die noch drei Jahre später dem Grafen Zeppelin auf dem deutschen Ingenieurtage in Kiel zuteil wurde. Man verspottete ihn als Phantasten. Erst seit dem Jahre 1906 hatten seine Versuche Erfolg.
Wie das breite Publikum im Jahre der Vision (1899) dachte, geht u. a. aus der Faschingsnummer der Münchner Neuesten Nachrichten vom 12. Februar gleichen Jahres hervor. Da heißt es als Mitteilung aus dem Jahre 2899: »Aus St. Franzisko kommt uns folgende Lichtstrahlendepesche zu: Heute Nacht 11 Uhr 47 Minuten (Welteinheitszeit) ist das Luft-Expreßschiff Nr. 724 der »Union-Aero-Expreß-Companie-Comfortable« in 3000 m Höhe über Meer mit einem Meteor zusammengestoßen.«
Fast möchte man glauben, der Verfasser dieser Ulknotiz habe selbst die Gabe des Hellsehens besessen, denn bis auf das Vergreifen im Datum um fast ein Jahrtausend – man sieht daraus, wie entfernt, ja unmöglich die Zukunftsphantasie damals noch allen erschien – stimmt alles verblüffend. Die Höhe von 3000 m wurde inzwischen erreicht, der erste, zwar verunglückte, aber zum Teil auch gelungene Versuch des Überfliegens des Weltmeeres wurde im Herbst 1910 von Wellmann unternommen, ja – und das ist das Erstaunlichste – wir haben von ihm durch »Lichtstrahlendepeschen«, nämlich durch drahtlose Telegraphie, von der damals noch niemand eine Ahnung haben konnte – Mitteilung erhalten.
Doch nun zur Vision der Frau de Ferriëm. Der Bericht lautet:
»Das elektrische Luftschiff, das große, vollkommen lenkbare Luftschiff mit elektrischer Bewegung und Beleuchtung der Zukunft wird bald erfunden werden. Kapitäne werden Patent auf das Fahren mit diesem adlergleich dahin fliegenden oder segelnden Luftschiff erhalten, und man wird mit dem letzteren es dazu bringen, in zweimal 24 Stunden den Atlantischen Ozean zu überfliegen. Dasselbe wird so eingerichtet sein, daß, wenn in der Luft Unglück bei der Fahrt über das Meer passiert, man sich noch aufs Wasser retten kann. Die Erfindung wird vor 1950 gemacht und vervollkommnet sein; viele werden allerdings noch wegen Grübeleien darüber ins Irrenhaus müssen. Ich habe den Erfinder gesehen, wie er die erste Konstruktion vorführte; derselbe beherrschte mehrere Sprachen, die deutsche sprach er gebrochen. – Eine furchtbare Arbeit durch die Luft machte es, als ich’s über das Meer brausen sah. – Das ist der feurige Drache, von dem Propheten schon vor Christi Geburt sprachen[174].«
Erwähnen wir noch, daß neuerdings tatsächlich Patente, die zur Führung von lenkbaren Luftschiffen berechtigen, ausgestellt werden, so wird man nicht umhin können, die Prophezeiung im wesentlichen für erfüllt anzusehen, auch wenn man betreffs des biblischen feurigen Drachens sich etwas reserviert verhalten sollte.
Ferner hatte Frau de Ferriëm noch Visionen, die die Erreichung des Nordpols mit Luftschiffen und Schlitten betreffen. Die letztere Prognose ist ja schon in Erfüllung gegangen. Was die erstere betrifft, so scheint auch ihre Realisierung in die Wege geleitet zu sein, da bekanntlich Graf Zeppelin dieses Unternehmen plant[175].
Fassen wir unser Urteil über die Prophezeiungen der Frau de Ferriëm zusammen, so steht es fest, daß zwar eine Reihe von Prognosen nicht eintrafen bzw. noch nicht eintrafen, daß dafür aber andere in erstaunlicher Weise in Erfüllung gingen.
Wer die Visionsberichte liest, kann nicht darüber im Zweifel sein, daß es sich durchaus nicht um verstandesmäßige Berechnungen oder Vermutungen handelt, sondern um echte Visionen, um traumartige Bilder, die in der Seherin auf eine uns nicht näher bekannte Weise erzeugt werden.
Dem Einwand, es könne sich hier um Halluzinationen handeln, denen nichts Reales entspricht, muß entgegengehalten werden, daß wir keine einwandfreie Definition von Halluzination einerseits und Vision andrerseits besitzen[176]. Ferner handelt es sich hier durchaus nicht um »Erscheinungen«, von denen behauptet wird, daß sie außerhalb der Person der Seherin liegen sollen, sondern lediglich um Vorgänge in ihrem Innern, die nur kontrollierbar sind durch die Art, in der die Seherin von ihnen Kenntnis gibt und durch ihr späteres Eintreffen. Und dieses letztere kann für uns ganz allein ausschlaggebend sein.
Wenn es auch nicht mehr viele geben mag, die auf Grund obigen Materials noch Lust haben, die Eselsbrücke des Zufalls zu betreten, sondern wohl die überwältigende Mehrheit der Leser nunmehr von der Existenz des zeitlichen Fernsehens überzeugt sein wird, so muß doch auch hier die Möglichkeit des Zufalls geprüft werden.
An der Vorhersage des Seebebens von Martinique wird man das Fehlen der Ortsangabe rügen. Beim Untergang der Gneisenau gleichfalls. Was die Erreichung des Nordpoles betrifft, so kann man auf den prophezeiten Weg auch durch Berechnung kommen. Beim Hafenbrand in Neuyork dürfte es schon recht schwer fallen, mit der Kritik einzusetzen, denn da alle Vorhersagen der Frau de Ferriëm sich im Laufe weniger Jahre erfüllen, wird man kaum einwenden können, ein ähnliches Ereignis spiele sich früher oder später in jedem Hafen ab. Ebenso kann nur, wer den damaligen Stand der Frage gar nicht kennt, sich mit der Vorhersage des lenkbaren Luftschiffes leicht abfinden.
Besonders winden wird sich aber der Skeptiker bzw. materialistische Dogmatiker bei der Vorhersage des Grubenunglückes von Brüx-Dux. Gewiß läßt sich für jede Grube eine Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen und so errechnen, wann an sie die Reihe kommt. Aber hier haben wir die ausdrückliche Konstatierung, daß die Katastrophe bald eintreten wird. Ja, als sie nach zwei Jahren noch aussteht, wird in verschiedenen Blättern darauf hingewiesen, daß sie nunmehr bald kommen müsse. Das soll ein zufälliges Zusammentreffen von Vorhersage und Ereignis sein?
Alle Vorgänge werden mit einer Deutlichkeit geschildert, wie sie nur ein Augenzeuge zu bieten vermag. Daß Traum und Vision, nicht aber Phantasie die Plastik und Greifbarkeit des sinnlich Wahrgenommenen besitzen, hat schon Schopenhauer festgestellt. Deshalb ist es schlechterdings ausgeschlossen, daß die von der Seherin geschauten Bilder Erzeugnisse ihrer überhitzten Phantasie sind, sondern wir haben es ganz unzweifelhaft hier mit echtem zeitlichen Fernsehen zu tun.
Leider ist es in allen obigen Fällen kaum angängig, eine Wahrscheinlichkeitsrechnung mit hohem Divisor aufzustellen. Um nun aber dem unverbesserlichen Skeptiker die letzte Möglichkeit, sich auf den Zufall hinauszureden, zu nehmen, werden wir im nächsten Kapitel unser schwerstes Geschütz auffahren.