Siebentes Kapitel Die Art der Prophezeiung Heerings
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Was nun die Art und Weise betrifft, in der sich bei Heering die Prophezeiungen einstellten, so gibt auch darüber Süße (S. 36 ff.) ausführlichen Bericht.
Er hatte seine Vorahnungen oder Visionen keineswegs im Schlaf, vielmehr sah er im Wachen »Gestalten, Vorbildungen und Prospekte«, hörte Stimmen oder verspürte in sich immerwährende »Anregungen, worbei er allemal eine Freudigkeit, es bald anzuzeigen, verspüret«.
So sah er bei der ersten Erscheinung des Jahres 1744 Gestalten, es war also eine richtige Vision. Die Vorahnung der Schlacht bei Kesselsdorf stellte sich als »Vorbildung« ein, wobei ihm das fünfte Kapitel Jeremiä aufgeschlagen wurde. (Wie man sich das zu denken hat, sagt Süße nicht. Ich kann mir daraus keinen Vers machen.)
Den Ein- und Auszug der Preußen in Dresden im Jahre 1745 sah er in einem »Prospekt«, also gleichfalls als Vision, ebenso den unfruchtbar liegenden Acker und das Unwetter des Jahres 1756, die sich gegenüberstehenden Mächte, das 1757 gegen die Preußen stehende Reichsheer im gleichen Jahre und endlich das Reichsheer im Jahre 1758 drei Monate vorher im Rückzuge auf Böhmen.
Als er Jesus und die beiden Kirchen sah, hörte er die Stimme Christi wieder. Hatte er eine solche Vision oder Eingebung gehabt, dann drängte es ihn, sie hohen Orts zu melden.
In einer Anmerkung (S. 38) des, wie bereits eingangs erwähnt, unveränderten Abdrucks von Heerings vom 11. Juli 1759 datiertem Bericht erwähnt er, daß er dem kranken Heering am 24. November 1760 das Abendmahl gereicht habe. Hierbei erzählte er, daß er »etwa vor drey Wochen, eine Versammlung gesehen, welche von einem, der das Handwerkszeug eines Maurers, besonders eine Maurerkelle, in der Hand gehabt, wäre angeführet worden, von welcher Versammlung er den Gesang: Allein GOtt in der Höh sey Ehr etc. hätte anstimmen und singen hören, und ohnerachtet sich immer noch mehrere zu dieser Versammlung hinzugefunden, welche das Getöse dieses Liedes immer heller gemacht, so wäre doch von beyden Seiten dieser Versammlung eine noch größere Menge gewesen, welche solchen Gesang mit seinen Worten: all’ Fehd hat nun ein Ende, nicht hätten stören wollen, und sich mit dem Gehöre Feldweg gewendet, es aber dennoch hätten hören müssen.«
Zu dieser Erscheinung bemerkt Süße (S. 39): »Ob dieses von dem nach zwey Jahren erfolgeten, aber von den Partheyen mit ganz ungleicher Gesinnung angenommenen Frieden, abermals eine Heeringische Voraussagung hat seyn mögen, solches überlasset man dem G(eneigten) L.(eser) zur selbstbeliebigen billigen Beurtheilung.«
Daß jeder Krieg einmal aufhören muß, wissen wir auch ohne besondere Inspiration. Deshalb scheint mir Süße mit seiner Reserve gut getan zu haben. Überhaupt will es mir scheinen, als hätten bei Heering die akustischen Erscheinungen weniger zu bedeuten, als die optischen, ganz zu geschweigen davon, daß hier der Verdacht, es handle sich lediglich um religiöse Exaltationszustände, nicht leicht von der Hand zu weisen ist. Ein Mann, der immer in die Kirche geht, viel die Bibel liest, bei jeder Gelegenheit zu seinem Beichtvater läuft, beweist dadurch, daß er völlig in der Weihrauchatmosphäre der Kirche lebt. Da dürfte auf religiöse Visionen auch dann wenig Gewicht gelegt werden, wenn nicht gleich mit so schwerem Geschütz, wie einer persönlichen Erscheinung und Anrede Christi aufgefahren wird.
Von seinen Visionen machte Heering meistens in Form eines Gleichnisses Mitteilung. Und zwar sagte er: »Ich prophezeye nicht, ich deute auch nicht, sondern ich zeige nur an, was mir der HErr anzuzeigen befohlen hat. Und darbey habe ich dem HErrn dreymal geschworen, daß ich von dem allen, was mir der HErr befohlen hat, nichts verhalten, und mich keine Furcht um meinet und der Meinigen willen abhalten lassen will.« Dabei weinte er heftig.
Was seine Empfindung oder richtiger, was sein Gefühl im Augenblick der Prophezeiung betrifft, so sagte er davon: »Es ist mir vom HErrn gegeben worden, der HErr hat mirs befohlen, der HErr hat mirs gezeigt, Er hat mirs sehen und – bisweilen – der HErr hat michs schmecken lassen.«
Der Fischer glaubte also zweifellos im göttlichen Auftrage zu handeln. Aber selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, wenn er hätte täuschen wollen, was ja allerdings nach Lage des Falles unmöglich ist, so würde das nicht das allergeringste an dem wunderbaren Phänomen ändern, daß seine Prophezeiungen, soweit es sich um Irdisches und nicht um religiöse Phantasmagorien handelte, eintrafen.
Nachdem Süße in dieser eingehenden und gewissenhaften Weise seine Beobachtungen am Fischer niedergelegt hat, wobei er dem hartnäckigen Zweifler rät, doch den Prossener persönlich aufzusuchen, präzisiert er seine eigene Stellungnahme.
Er betont ausdrücklich (S. 42 f.), daß er »der Sache neuer Offenbarungen niemals zugethan gewesen, sondern jederzeit ein Mißtrauen gegen selbige gehabt habe.« Das ließ sich ja bei einem Mann der Aufklärungszeit, nicht zum mindesten bei einem protestantischen Geistlichen, voraussetzen und ist auch ganz der Standpunkt, den Schreiber dieses allen solchen Phänomenen gegenüber einnimmt. Aber jeder Zweifel muß bei einem denkenden und sich gegen jegliches Dogma, sei es nun ein kirchliches, naturwissenschaftliches, philosophisches oder sonst eines auflehnenden Menschen der Gewalt der Tatsachen gegenüber verstummen.
So ging es auch Süße. Und das, wiewohl er schon mit Rücksicht auf sein Amt aus einer gewissen Reserve nicht heraustrat, dem Fischer zahlreiche Einwendungen machte und keinen Beifall zeigte »und diss zwar aus der guten Absicht, dass ich eine etwa bey ihm excedirende Phantasey, und einen gemeiniglich damit verknüpften Hochmut, oder auch wohl einen ungeziemend partheyische Absichten verdeckt hegenden Sinn, nicht verstärken möchte.«
In seiner Ratlosigkeit, wie sich diese merkwürdige Gabe des Fischers erklären lasse, wandte sich Süße, aber erst nachdem er den Tatbestand, wie wir ihn oben finden, festgestellt hatte, an Werke protestantischer und katholischer Theologen. Was er dort fand, hat für uns wenig Interesse, deshalb unterlassen wir es, ihm in eine Literatur zu folgen, die der Erklärung nicht näher steht, als wir[122]. Nur mit dem Unterschied, daß wir ehrlich bekennen, bei dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft ein ignoramus aussprechen zu müssen.
Begeht die offizielle Wissenschaft den grotesken Fehler, die Tatsachen zu leugnen, weil sie keine befriedigende Erklärung weiß, so die Theologie den andern – allerdings weit geringeren –, daß sie eine Lösung des Rätsels gefunden zu haben glaubt, wenn sie mit Worten wie Gott, Heiliger Geist, Offenbarung usw. operiert. Uns genügt die Feststellung des Tatsächlichen, d. h. in diesem Falle:
daß der Fischer Heering aus Prossen die Gabe der Prophezeiung besaß.
Nun wird man zwar ohne weiteres zugeben müssen, daß die bei weitem überwiegende Zahl der Prophezeiungen in Erfüllung ging, aber man wird darauf hinweisen können, daß in unserem obigen Bericht bei einigen nichts vom Ausgang gesagt wurde. Deshalb wollen wir aus dem »Vorbericht« der »Umständlichen Nachricht«, der am 20. August 1771 abgeschlossen wurde, also 12 Jahre nach dem Tatbestand, wie wir ihn oben kennen lernten, einiges nachtragen.
Damals hatte Heering prophezeit, daß »das Preußische Heer, nachdem alles vollbracht war, in Frieden aus Sachsen zurückgezogen« werden würde. An dieser Voraussage hielt Heering fest, wiewohl der Krieg noch sechs Jahre währte und die Verhältnisse oft so kritisch waren, daß nichts ferner lag, als die Wahrscheinlichkeit, die Preußen würden friedlich aus Sachsen abziehen. Und doch trat dieser Fall ein!
Eine weitere Prophezeiung Heerings nach dem Friedensschluß, »daß er auf das künftige viel Brand-Stätte, wie auch viele entkleidete und beraubete Menschen in Pohlen gesehen« ging gleichfalls in Erfüllung.
Wir erinnern uns noch der die Türken (»der aus Morgen«) betreffenden Voranzeige, daß sie sich künftig in den Krieg einmischen würden. Der Fischer hatte gesagt: »daß nach denen damaligen, im Deutschen Reich, sich geendigten Troubeln, sich der Krieg nordwärts gezogen hätte«, daß es sich also nicht um kriegerische Verwicklungen mit Deutschland handeln würde. Da, wie wir sahen, alle Prophezeiungen Heerings in erstaunlich kurzer Zeit in Erfüllung gingen, so würde die Vermutung nahe liegen, daß das auch hier der Fall hätte sein müssen. Aber Heering sagte – wie auch sonst wiederholt – in diesem Falle ausdrücklich: »Zeit und Stunde hat mir der HErr hiervon nicht bestimmt«.
Unter diesen Umständen dürfte es nicht allzugewagt erscheinen, auch die Erfüllung dieser Prophezeiung allerdings erst nach einem Jahrzehnt zuzugeben, und zwar mit dem Eingreifen der Türken in den Polnischen Krieg. Zur Verteidigung der Herrschaft des katholischen Glaubens in Polen und der Verfassung erhob sich im Jahre 1768 die Konföderation zu Bar unter Führung des Marschalls Michael Krasinski, wurde aber, da der polnische Senat die Russen zu Hilfe rief trotz Unterstützung durch die Türken, vernichtet.
Bei dieser Gelegenheit können wir Süßes Vorsicht bzw. Skepsis kennen lernen, schreibt er doch (Vorbericht, S. 25): »Indessen ist meine Absicht nicht, einen präzisen Apologeten, oder absoluten Verteidiger von des Fischer Heerings Visionssache überhaupt, abzugeben, indem ich nicht in Abrede seyn kann, daß ich ihn allemal, bey seinen verschiedenen eröfneten indeterminirten oder unbestimmten Ideen und Ausdrücken, und bey seiner bisweilen hervorgeblickten Neigung, zu gleichsam ecstatischen Umständen, für ein Objekt der Versuchung gehalten und ihn daher (wie er mir dessen Zeugniß geben wird) auf die genaueste Selbstprüfung einer vielleicht bey sich vorwaltend lassenden starken Imagination oder Vorbildung, geführet, und daß er sich dadurch nicht verleiten lassen möchte, sorgfältig angewiesen habe, und noch fernerweit anweisen werde . . .« Bemerkenswert ist auch, daß er auf Seite 6 der »Umständlichen Nachricht«, in einer Anmerkung zu der Türkenprophezeiung schreibt »GOtt gebe, und erhöre uns in dem demüthigen Gebet unserer Lithaney auch darinnen Gnädiglich, daß zu keiner Zeit, und auch jetzo, bey denen unter einander entrüsteten Hohen Mächten, die Interposition oder Einmischung, deren Türken nicht nöthig und erfolglich sey.« Aus einer Kleinigkeit, wie dem Stehnbleiben dieses Ausrufes, ergibt sich auch, daß der Bericht von 1759 unverändert abgedruckt wurde.
Mir scheint die Skepsis hier übertrieben. Heering sagte ausdrücklich, daß die Türken sich erst nach Friedensschluß einmischen würden. Der Hubertusburger Friede wurde 1763 geschlossen, die Türken aber griffen in die polnischen Unruhen 1768 ein, also fünf Jahre später. Das will mir nicht so ungeheuerlich erscheinen[123].
Wir wissen ja gar nichts über die zeitliche Begrenztheit der Prophetengabe. Im Gegenteil werden wir später noch sehen, daß es möglich ist, Ereignisse, die erst nach Jahrhunderten eintreten werden, genauestens vorher zu sehen. Daß die Erfüllung zumeist den Voraussagen Heerings auf den Fuß folgte, läßt den Schluß durchaus nicht zu, daß es aus inneren Gründen so sein mußte. Wir würden, wollten wir uns ablehnend gegen die Türkenvision verhalten, stillschweigend die enge zeitliche Begrenzung der Prophetie oder überhaupt irgendwelche gesetzmäßige Gebundenheit voraussetzen. Dazu sind wir aber bei dem geringen Grade unserer Kenntnis von dem ganzen Phänomen um so weniger berechtigt, als die ganze Schulwissenschaft ja bis zur Stunde überhaupt die Tatsache noch leugnet.
Erst wenn diese nicht nur einwandfrei festgestellt ist – was ja in vorliegender Schrift geschieht – sondern wenn wir auch Tausende von gesicherten Fakten kennen, erst dann können wir ein Gesetz oder – sagen wir bescheidener – eine Regel abstrahieren. So weit sind wir aber noch lange nicht und deshalb besteht kein triftiger Grund, die Erfüllung der Türkenvision nicht zuzugeben.
An eine völlig unbekannte Sache mit aprioristischen Regeln oder Gesetzen heranzutreten, verbietet die Logik. Das war und ist auch heute noch der Kardinalfehler der gelehrten Zunft, dem es zugeschrieben werden muß, wenn sie allen großen und genialen Neuerungen oder Entdeckungen gegenüber bankrott machte.
Zum Schluß noch eine Vision Heerings, die er »schon vor anderthalb Jahren« hatte, das wäre zu Beginn des Jahres 1770, da der »Vorbericht« das Datum des 20. August 1771 trägt: Unweit des Ortes Prossen erschien ihm die Gestalt eines kleinen Mädchens, die ein altes Büchlein in den Händen hatte, auf dessen einem Blatt die Worte standen: schwere und theure Zeit; »über welche Anzeige er sich noch immer beklagt, daß ihm damals niemand habe Glauben beymessen wollen«. (Vorbericht, S. 19, Anm.)
Resümieren wir, dann kann es nicht dem allergeringsten Zweifel unterliegen, daß – selbst, wenn wir annehmen wollen, die Interpretation einiger weniger Vorhersagen sei gewaltsam – doch die erdrückende Menge in Erfüllung ging. Daß Berechnung ausgeschlossen ist, wird kaum jemand bestreiten wollen. Also besteht nur die Annahme des Zufalls, wenn wir den Beweis für die Sehergabe Heerings nicht für erbracht halten.
Nun wollen wir nicht bestreiten, daß die Möglichkeit des Zufalls besteht. Denn es handelt sich in keinem einzigen Falle um ganz außerordentliche Dinge mit sehr hohem Divisor. Die möglichen Fälle sind vielmehr relativ begrenzt. Zugeben wird man uns aber müssen, daß es sich sicherlich um einen sehr merkwürdigen Zufall handelt.
Auf alle Fälle beweist auch diese Vision, daß Heering keineswegs nur ganz kurze Zeit vorher sehen konnte.
Es ist nun sehr interessant, daß Süße, als er am 20. August 1771 diesen Visionsbericht abschloß, noch nicht wissen konnte, daß er im nächsten Jahre in Erfüllung gehen würde, und zwar in ungeahnt schrecklicher Weise. Denn es kann nur die große Hungersnot gemeint sein, die im Jahre 1772 allein in Kursachsen 15 000 Menschen hinweg raffte. Wir haben hier also einen jener seltenen und günstigen Fälle, daß eine Prophezeiung vor ihrem Eintreffen im Druck erschienen ist. Das verleiht auch allen anderen Angaben Süßes in den Augen der unverbesserlichsten Hyperkritiker erhöhte Glaubwürdigkeit.