Einleitung
Reading edition
Wer heute den Mut hat, über Prophetie zu sprechen, kann sicher sein, auf ein überlegenes Lächeln der sogenannten Gebildeten zu stoßen. Der Glaube an die Möglichkeit des räumlichen, mehr noch des zeitlichen Fernsehens gilt ja als Rest finstersten mittelalterlichen Aberglaubens, so etwa wie der an Inkubus und Sukkubus. Jedermann hält es für unter seiner Würde, derartige Phänomene überhaupt zu prüfen, so wenig es jemandem einfällt, den alchimistischen Lehren anders, als mit einem Achselzucken entgegenzutreten.
Nun wird man zugeben, daß die Wahrheit die allerschärfsten Prüfungen vertragen kann und nur der Irrtum Schonung fordern muß. Wenn es also keine fernseherischen Phänomene gibt, so wird sich die Wissenschaft sicherlich durch einwandfreie Feststellung der Tatsache nichts vergeben, wohl aber in schiefes Licht kommen durch hochmütiges Ignorieren. Und das zumal in einer Zeit, die so überaus reich an umstürzenden Entdeckungen und Erfindungen ist, wie die unserige. Man denke an die Röntgenstrahlen, Radium, drahtlose Telegraphie, lenkbare Luftschiffe usw. usw. Alle diese neuen Erweiterungen unseres Gesichtskreises lehren uns oder sollten uns doch wenigstens lehren, daß selbst das Unwahrscheinlichste, ja für unmöglich Gehaltene wirklich sein kann; daß nach wenigen Jahren dem Schulkinde selbstverständlich scheint, was die größten Denker der vorangehenden Generation für unmöglich erklärten.
»Unmöglichkeit«, das ist der Angelpunkt der Frage. Die Autoritäten, die heute modern sind – denn auch wissenschaftliche Ansichten, Hypothesen, Theorien und Dogmen sind der Mode unterworfen – erklären die Prophetie für unmöglich. Nicht alle, ein Plato, Cicero, Augustinus, ja noch ein Kant und Schopenhauer zweifelten nicht an der Wirklichkeit der Phänomene, aber ohne dadurch das Denken der Gegenwart zu beeinflussen. Entschuldigte man die ersteren mit ihrer Zeit, so galt der Glaube an Prophetie bei den letzteren als Schwäche, als mystischer Einschlag, den man bei Männern, an deren Intelligenz sonst ja nicht gerade viel auszusetzen ist, gern vermißt hätte. Um es also nochmals festzustellen: Seit den Zeiten der Aufklärung, also seit etwa anderthalb Jahrhunderten, gilt die Prophetie oder – da dieses Wort einen biblischen Beigeschmack hat – das Fernsehen in der Zeit für unmöglich. Deshalb hat der Gebildete das Recht, einzelne Fälle des Vorhersehens zu leugnen, und wo das gänzlich untunlich ist, sie durch Zufall zu erklären. Geht er dem Problem nach – was doch voraussetzt, daß er seine Möglichkeit zugibt, wenn er auch die Wirklichkeit bestreitet – so blamiert er sich.
Ich bin nicht müde geworden, nachzuweisen, daß etwas darum weder töricht, noch schlecht, noch viel weniger unmöglich zu sein braucht, weil die Autoritäten es behaupten. Sie haben sich dem Genialen und Neuen gegenüber regelmäßig und nahezu grundsätzlich blamiert. So als die Ingenieure bewiesen, daß es unmöglich sei, Lasten fortzubewegen, wenn glatte Räder auf glatten Schienen liefen, oder daß die Eisenbahnen unmöglich auf Dämmen laufen könnten, sondern nur auf gemauerten Unterbauten; oder als das kgl. Bayerische Medizinalkollegium den Beweis erbrachte, daß die schnelle Bewegung der Eisenbahnzüge – es war in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts! – nicht nur bei den Insassen, sondern auch bei den Zuschauern die schrecklichsten Gehirnstörungen hervorrufen müßte und deshalb die Errichtung von unübersehbaren Planken längs der Bahnlinien geboten sei.
Nicht anders war es, als Hegel nachwies, daß der von Piazzi 1801 entdeckte Planetoid Ceres unmöglich existieren könne – aus philosophischen Gründen. Oder als Gassendi, ja noch Bertholon und Vaudin die Möglichkeit der Meteorfälle leugneten und das, wiewohl dem ersteren ein eben niedergefallener, noch heißer Stein gebracht wurde, die andern aber den protokollarischen Bericht von einem Fall mit der Unterschrift des Maires und von 200 Zeugen vor Augen hatten. Bekannt ist ja auch, daß Galvani auf die geniale Entdeckung der nach ihm benannten Naturkraft hin von seinen Zeitgenossen verlacht wurde, wie ja auch der große Davy über den Gedanken lachte, daß London jemals mit Gas beleuchtet werden könne. Ein Heiterkeitsausbruch und die Weigerung, den Vortrag zu drucken, war ja auch das einzige Resultat Franklins, nachdem er der englischen Akademie der Wissenschaften den von ihm entdeckten Blitzableiter entwickelt hatte. Daß Semmelweiß, der Entdecker des Kindbettfiebers, im Irrenhaus starb, daß es Robert Mayer, dem Entdecker des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, ebenso gegangen wäre, wenn seine kräftige Konstitution die Mißhandlungen nicht überwunden hätte, gehört nicht zu den Ruhmesblättern deutscher Geistesgeschichte[1].
Diese wenigen Fälle, die sich ins Endlose fortsetzen ließen, führten wir nicht an, um etwa die Autoritäten als halbe Idioten hinzustellen. Das wäre nicht nur für einen jüngeren Gelehrten höchst unangemessen, es wäre auch sehr töricht, würden wir doch die Wissenschaft herabsetzen, indem wir ihre Leuchten brandmarken. Denn wenn diese Männer auch Mißgriffe begingen und oft den Fortschritt der Wissenschaft durch die Wucht ihres Namens hemmten, so hat doch die Menschheit andrerseits ihnen außerordentlich viel zu verdanken. Sind es doch ausnahmslos Leute, die durch Intelligenz ihre Zeitgenossen, wenigstens die älteren von ihnen, mit ganz wenigen Ausnahmen um Hauptes-, ja um Turmeslänge überragten.
Wir registrieren sie vielmehr aus einem doppelten Grunde. Zunächst um die Worte des großen Mathematikers Arago, man müsse mit Anwendung des Wortes »unmöglich« außerhalb der Mathematik sehr zurückhaltend sein, es am besten überhaupt nicht gebrauchen, zu bestätigen. Dann aber, und das ist noch wichtiger, um die Leser nach Tunlichkeit in die Seelenstimmung oder Verstandesverfassung – um das Modewort Weltanschauung zu vermeiden – des Autors zu versetzen, in die des Zweifels.
»Zweifel? Wie ist das zu verstehen, wo Sie uns da mittelalterliche Märchen auftischen wollen und Ihr Möglichstes tun, Ihren Namen zu diskreditieren! Sie meinen wohl Glauben, ja Wunderglauben?«
So wird man mir ins Wort fallen und mir dadurch willkommene Gelegenheit geben, meinen Gedanken näher auszuführen.
Ich fordere allerdings Zweifel, Kritik, Skeptizismus, denn das ist die Grundlage meiner Weltanschauung. Nicht daß ich als radikaler Skeptiker die Unmöglichkeit jeder Erkenntnis behauptete und damit viel mehr, als ich jemals beweisen könnte, noch dazu etwas überaus Törichtes, weil Unfruchtbares. Wohl aber in dem Sinne, daß ich nur und in erster Linie gut beobachtete Tatsachen für wahr halte. In zweiter Linie kommen dann an Wahrheitsgehalt die auf Grund einer zwingenden Logik daraus gezogenen Schlüsse.
Daraus ergibt sich, daß bei einer Disharmonie zwischen bewiesener Tatsache und erklärender Hypothese oder Theorie selbstverständlich die erstere bedingungslos anzuerkennen, die letztere zu verwerfen ist. Denn dann ist niemals die Tatsache falsch, sondern die Theorie, das Dogma ist falsch oder zum mindesten lückenhaft und daher ergänzungsbedürftig. Nur diese Denkweise ganz allein ermöglicht einen dauernden Fortschritt der Wissenschaft. Nur wer jede, auch die am besten gestützte Theorie aufzugeben bereit ist, wenn eine einzige Tatsache sich durch sie nicht erklären läßt, nur der denkt wissenschaftlich frei.
Auch die Lehre von den vier Elementen hatte großartige Entdeckungen ermöglicht, und doch war sie falsch und fiel mit dem Augenblick, als es dem großen Lavoisier zur hellen Entrüstung seiner Zeitgenossen gelungen war, die Luft in ihre Bestandteile zu zerlegen. Nicht anders stand es mit der Phlogistontheorie, die darum doch falsch war. Wenn mir daher heute jemand ein Perpetuum mobile zeigen würde, was ja bekanntlich nach dem Gesetz von der Erhaltung der Energie unmöglich wäre, so würde ich mich durchaus nicht weigern, es zu prüfen. Denn so machten es die peripatetischen Kollegen des großen Gallilei, als sie sich sträubten, das Fernrohr zu benutzen, aus Angst, seine Entdeckung der Jupitermonde bestätigen zu müssen. Vielmehr würde ich das Instrument sehr, sehr eingehend prüfen und ev. zum Resultat kommen, daß das große Gesetz, die genialste Geistestat des 19. Jahrhunderts, lückenhaft ist.
Und wenn mir jemand den Stein der Weisen brächte und behauptete, damit Gold machen zu können, so würde ich für einen Augenblick die Theorie von der Unverwandelbarkeit der Elemente vergessen und den Fall genauestens prüfen. Und wenn mir dabei einfiele, daß der große Chemiker van Helmont und vor ihm Paracelsus behaupten, Gold hergestellt zu haben, so wäre diese alchimistische Bestätigung kein Grund, die Nachprüfung überlegen lächelnd abzulehnen.
Die Autoritäten, mögen sie auch noch so geniale Männer gewesen sein, sind eben auch nur Menschen, und darum sind alle ihre Theorien dem Irrtum unterworfen. Absolute Wahrheit oder doch Beweisbarkeit finden wir wohl ausschließlich in der reinen Mathematik. Mit dem Augenblick aber, wo die Mathematik in die reale Welt eingreift, etwa bei der Konstruktion einer Eisenbahnbrücke oder in der Unfallstatistik, ist auch sie nicht mehr unfehlbar, wenn auch zugegeben werden muß, daß ihr immer ein hoher Grad von Beweiskraft beizumessen ist.
Wenn man sich darüber wundert, daß ich in einer historischen Studie zum Beweise für die Fehlbarkeit der Autoritäten nur Beispiele aus dem Gebiete der Naturwissenschaften anführe, so geschieht das ganz und gar nicht deshalb, weil sich etwa hier die Autoritäten mehr blamiert hätten, wie in den Geisteswissenschaften. Es hat lediglich in der besseren Kontrollierbarkeit der Resultate seine Begründung.
Die Geisteswissenschaften stehen im Gegensatz zu den Naturwissenschaften noch durchaus in den Anfängen. Von der Logik, die ja rein formaler Natur ist, abgesehen, gibt es auch nicht einen einzigen philosophischen Lehrsatz, der allseitig anerkannt wäre. Grundwahrheiten hat die Philosophie überhaupt nicht. Ähnlich ist es etwa um die Psychologie oder Geschichte bestellt. Gibt es doch Leute, die die Möglichkeit historischer Gesetze rundweg leugnen. Mit der Tatsache aber, daß Ritter Kunz in diesem oder jenem Jahre gestorben ist, oder daß soundso viele Soldaten in der Schlacht bei Adorf fochten, lockt man keinen Hund vom Ofen fort.
Die Naturwissenschaften verfügen dagegen über eine ganze Reihe zwar nicht unfehlbarer, wohl aber gut fundierter Gesetze, und dadurch, daß sie das Experiment als Beweismittel besitzen, sind sie den Geisteswissenschaften gegenüber weit im Vorteil. Wenn es also sogar bei ihnen schwer fällt und oft Jahrzehnte erfordert, die Fachwelt von einer neuen Entdeckung zu überzeugen, so muß das auf geisteswissenschaftlichem Gebiete noch viel schwerer sein.
Geradezu unmöglich wird es aber, wenn der neue Gedanke dem materialistischen Modedogma, einem indirekten Resultate der Aufklärung, widerspricht oder zu widersprechen scheint.
Die Aufklärung hat uns zweifellos unendlichen Segen gebracht, viel mehr als Schaden. Sie beseitigte den Wunderglauben, d. h. den Glauben, daß Gott mit Durchbrechung der Naturgesetze irgendeinen Eingriff in die Weltordnung tun könne. Das allein schon ist ein nicht zu überschätzender Gewinn. Sie befreite uns vom Hexenwahn, diesem Schandfleck der christlichen Kirchen. Sie lehrte überall nach natürlichen Gründen, nach Gesetzmäßigkeiten suchen und verhalf dem gesunden Menschenverstand zu seinem Rechte.
Aber sie schoß auch über das Ziel hinaus, indem sie eine Überkritik walten ließ, die besonders in der Geschichtswissenschaft noch üppige Triebe zeitigt. Sie verwarf vor allem alles Übersinnliche, erklärte es für unmöglich. Das aber ist vorläufig, d. h. für die nächsten Jahrhunderttausende, bis wir nämlich alle Naturkräfte kennen, unsinnig. Sie erklärte für »freie Geister« nur jene, die an die Hypothese von der Unmöglichkeit alles nicht Alltäglichen, jederzeit willkürlich und durch das Experiment Hervorrufbaren glauben. Aber das ist ein Glaube, ein falscher Glaube sogar, wie ich in vorliegendem Werke nachzuweisen versuchen werde.
Da jedoch das wunderbar Scheinende – nicht etwa nur das endgültig als nicht existierend bewiesene »Wunder« – die Ausnahme bildet, durch bereits bekannte Naturgesetze Erklärbares oder doch auf sie Zurückführbares aber die Regel, so war der von der Aufklärung und ihren heute noch herrschenden Schülern angerichtete Schaden bei weitem nicht so groß, wie der Nutzen. Denn wenn wir auch die Existenz echter Prophetie beweisen werden, so werden wir doch nicht leugnen, daß es sich um relativ seltene Phänomene handelt.
Wogegen wir mit aller Energie und mit Berufung auf die Irrtümer der sogenannten Autoritäten sowohl, als auf die Lückenhaftigkeit unserer Kenntnisse des Naturgeschehens zu Felde ziehen müssen, das ist vor allem die unbewiesene und unbeweisbare Hypothese von der Unmöglichkeit irgendeiner Erscheinung nur deshalb, weil sie einer Theorie widerspricht, oder weil wir sie nicht erklären können.
Nicht der ist frei, der einer Theorie zuliebe widersprechende Tatsachen ungeprüft ablehnt, der in lächerlicher Überschätzung des derzeitigen Standes unserer Kenntnisse etwas für unmöglich hält, sondern ganz allein, wer vorurteilslos und tendenzlos alles prüft, was ihm fremdartig erscheint, ohne sich dabei im allergeringsten über die Urteile der Autoritäten aufzuregen.
Sehr lehrreich für die Macht des materialistischen Dogmas, das nur Kraft und Stoff kennt und den fehlerhaften Analogieschluß fordert, die Gesetze der materiellen Welt seien auf die des Geistes ohne weiteres übertragbar, ist die Leidensgeschichte des Hypnotismus.
Da ich sie an anderer Stelle[2] ausführlich erzählte, möge es genügen, hier daran zu erinnern, daß Mesmer, der Entdecker oder vielmehr der Wiederentdecker – und auch das nur mit Einschränkung, denn das Phänomen war schon Jahrtausende bekannt – einer geheimnisvollen Kraft, mit der er Heilungen und höchst wunderbare Phänomene erzeugte, auf Grund einer eingehenden Prüfung von der Pariser Akademie der Wissenschaften, und zwar von Männern wie Leroy, Bailly, Lavoisier, für einen Phantasten erklärt wurde. Als Schwindler verschrien mußte er sterben, ohne die Anerkennung seiner Lehre erlebt zu haben. Auch dem Arzte James Baid, der 1843, 59 Jahre nach der ersten Prüfung, die Frage neuerdings in Angriff nahm, gelang es nicht, die Anerkennung der Zeitgenossen zu finden. Erst durch die Vorführungen des gewerbsmäßigen Hypnotiseurs Hansen im Jahre 1879 wurde die Aufmerksamkeit der Welt auf die wunderbaren Erscheinungen gelenkt. Aber noch Virchow leugnete sie bis zu seinem Tode, weil sie in das gerade herrschende System nicht paßten und wohl auch, weil Phantasten aus ihnen zu weit gehende Schlüsse zogen.
Heute kennt jedes Kind Suggestion und Hypnotismus, und doch sind wir noch durchaus nicht imstande, die Phänomene, obwohl wir sie jederzeit hervorrufen können, zu erklären.
Genau wie hier verhält es sich mit dem zeitlichen und räumlichen Fernsehen und wohl auch noch mit ungezählten anderen Dingen: sie werden geleugnet, weil sie nicht erklärt werden können. Erst wenn eine unübersehbare Fülle von Daten vorliegt, gibt man eine unerklärbare Tatsache zu, oder man bildet sich ein, sie erklärt zu haben, indem man für sie einen Namen prägt. Dies ist wieder ein schlagender Beweis für den oft erschreckenden Mangel an Logik, den wir auch bei Gebildeten finden.
Ein anderer Grund – neben Aufklärung und Materialismus – für das Widerstreben, Tatsachen anzuerkennen, die nicht in das Modedogma passen, ist die Furcht, für kirchengläubig zu gelten. Nun, gegen diesen Verdacht schützen mich meine anderen Bücher. Aber ich fühle mich auch von dem Vorurteile gegen das Vorurteil frei oder habe doch das redliche Streben, es zu werden.
Daß die Kirche an Prophezeiungen und Offenbarungen glaubt, kann für mich natürlich kein Grund sein, es auch zu tun, aber es ist auch keiner aus wohlbegründeter Abneigung gegen sie, und zwar nur aus ihr – denn träten Gründe dazu, dann wären ja diese ausschlaggebend – die Prophetie abzulehnen. Das wäre ein Rückfall in jene Intoleranz und Borniertheit, die ich zu bekämpfen nicht müde werde.
Was ich suche, ist ganz allein die Wahrheit. Ob sie nützt oder schadet, ob meine Gegner sie gutheißen oder nicht, ist mir vollkommen gleichgültig. Selbst wenn ich ihnen Waffen gegen mich in die Hand drückte, so könnte diese Befürchtung mich nicht zu einer Unehrlichkeit verleiten.
Aber so liegt hier der Fall gar nicht. Denn wenn wir auch zum Resultate kommen werden, daß echte Prophetie existiert, so ist damit selbstverständlich noch nicht im allergeringsten etwas darüber ausgesagt, daß irgendeine Prophezeiung, deren Eintreffen noch aussteht, auch richtig sein muß. So wenig, wie aus der Konstruktion des lenkbaren Luftschiffes gefolgert werden kann, daß nun auch jedes, oder auch nur die Mehrzahl ihr Ziel erreicht. Deshalb möchte ich meinen orthodoxen Freunden in beiden Lagern raten, nicht zu früh über den verlorenen und wieder gefundenen Sohn zu frohlocken und sich nicht auf mich zu berufen, wenn sie einen Gewährsmann für die Richtigkeit der Apokalypse oder der Weissagungen irgendeines Nönnlein benötigen. Sie würden mich zwar nicht zu einer Polemik bewegen können – dazu Nachhilfestunden in der Logik zu erteilen, fehlen mir wirklich Lust und Zeit – aber sie würden einen groben Denkfehler begehen.
Noch ein weiterer Grund wird der Annahme meines Beweises hindernd im Wege stehen: die Furcht, durch Zugabe der Prophetie die Willensfreiheit zu leugnen. Ich stehe der sogenannten Willensfreiheit sehr skeptisch gegenüber, würde aber den einer historischen Untersuchung gesteckten Rahmen weit überschreiten, wollte ich mich auf diesen schlüpferigen Boden, auf dem schon die größten Geister strauchelten, begeben. Ob die Anerkennung der Prophetie für oder gegen die Willensfreiheit spricht, mag mich als Privatmann interessieren. Hier ist es mir ebenfalls gleichgültig. Denn die Konsequenzen, die man aus einer richtigen Tatsache zieht, dürfen, mögen sie auch noch so unerfreulich sein, ihre Anerkennung doch nicht verhindern.
Als letzten Grund für die Feindschaft gegen die Prophetie, wie übrigens gegen alle seltenen Phänomene, mag noch der demokratische Gleichheitswahn angeführt werden. Da alle Menschen, wenigstens in ihren politischen Rechten, gleich zu sein behaupten oder es doch beanspruchen, liegt der Schluß nahe, sie seien es überhaupt. Nun ist die Gabe der Weissagung zweifellos selten. Sie unterscheidet den mit ihr Begnadeten – oder Belasteten – von den anderen Menschen. Das Zugeständnis aber, daß es Leute mit Fähigkeiten gibt, die nicht etwa nur quantitativ, sondern auch ihrem ganzen Wesen nach über der Durchschnittsmenschheit stehen, will gar nicht dem modernen Denken entsprechen. Man mag – widerstrebend allerdings – zugeben, daß dieser oder jener klüger ist, als man selbst, aber das ist noch kein Verzicht auf die Fähigkeit zu denken überhaupt. Zuzugestehen aber, daß irgend jemand einer Gabe teilhaftig ist, von der uns anderen auch die leiseste Spur fehlt, kostet schmerzliche Überwindung.
Ich selbst besitze die Gabe der Prophetie nicht. Ich bin auch weder Spiritist noch Okkultist. Nicht etwa deshalb, weil ich die von jener Seite behaupteten Erscheinungen für unmöglich hielte, sondern lediglich deshalb, weil ich noch keine Gelegenheit hatte und sie wohl auch nicht suchte, mich von ihrer Richtigkeit zu überzeugen. Ich bin lediglich als Historiker an diese Frage herangetreten, und zwar kam das so:
In meiner Untersuchung »Lebensdauer und Todesursachen innerhalb der deutschen Kaiser- und Königsfamilien«[3], in der ich auf historisch-statistischer Basis erstmalig den Beweis erbrachte, daß die Lebensdauer im geraden Verhältnis zur Höhe der materiellen Kultur steht und daß die Menschen seit dem frühen Mittelalter immer älter werden, stieß ich auf folgende Stellen:
»Mit des Kaisers Kräften ging es zur Neige, als er Ende September 1518 von Augsburg durch die Ehrenberger Klause in sein geliebtes Tirol gezogen kam . . . Die Ärzte konnten nichts helfen, zumal einer, Collinitius (Tannstetter), hoffnungslos war wegen eines Horoskopes, das er vor Jahren vor Zeugen über des Kaisers Todesepoche gestellt hatte . . .« Der Kaiser Maximilian I. starb am 12. Januar 1519[4].
Oder von Kaiser Rudolf II., der schon viele Jahre geistig und körperlich krank, seit 1612 andauernd ans Bett gefesselt war, fand ich: Ende des Jahres 1619 ging es mit ihm schlechter. »Er versank in tiefe Melancholie, da er seinen Tod für unvermeidlich hielt. Tycho Brahe, sein großer Astronom, hatte nämlich durch das Horoskop gefunden, daß er und sein Lieblingslöwe unter demselben Einfluß stünden. Letzterer war aber in diesen Tagen gestorben.« Der Kaiser starb am 20. Januar 1620[5].
Noch eine dritte Stelle sei angeführt. Sie handelt von Kaiser Karl VI., dem letzten Habsburger. Der Kaiser hatte, wiewohl ganz gesund, am 1. Oktober des Jahres 1740 plötzlich ein Vorgefühl des nahen Todes geäußert. Um ihn zu zerstreuen, war eine große Jagd veranstaltet worden, von der er todkrank heimkehrte. Und zwar hatte er am 13. Oktober plötzlich heftigen Schnupfen und Leibschmerzen, so daß er auf der Heimfahrt mehrmals ohnmächtig wurde. Am 20. Oktober hauchte er seine Seele aus[6].
Diese und andere historisch völlig einwandfrei feststehende Tatsachen, die ich in meinem Gedächtnis nachkramend noch fand, machten mich stutzig, und ich entschloß mich, die Frage einer eingehenderen Prüfung zu unterziehen. Wäre ich gläubig gewesen, d. h. hätte für mich die Hypothese der Unmöglichkeit derartiger übersinnlicher Phänomene festgestanden, dann hätte ich mich mit dem Zufall als Erklärung begnügt und nicht weiter darüber nachgedacht. Aber ich war und bin ganz und gar nicht gläubig, weder der Kirche und ihren Dogmen, noch den Autoritäten oder den gerade aktuellen Zeitdogmen gegenüber, und so ging ich vor auf die Gefahr hin, einen Schlag ins Wasser zu tun.
Einigermaßen zögerte ich noch, weil mir die Konsequenzen eines ev. Eintretens für die Wahrheit der Prophetie keinen Augenblick zweifelhaft sein konnten. Hätte ich gefunden, daß alle überlieferten Daten falsch sind, dann wäre damit gegen die Möglichkeit der Prophetie ebenso wenig bewiesen gewesen, wie etwa die Nichterreichung der Pole etwas gegen die Möglichkeit, doch einmal ans Ziel zu gelangen, aussagen will.
Wie aber, wenn ich mich von der Wirklichkeit überzeugte und dann den selbstverständlichen Bekennermut der Wahrheit beweisen müßte? Ein Fall, der, wie das Folgende zeigen wird, eintrat. Oder wenn es mir nicht gelingen sollte, den zwingenden Beweis zu erbringen, nachdem ich persönlich überzeugt worden war?
Ich hätte mich unfehlbar lächerlich gemacht. Es ist ja ein beneidenswertes Vorrecht der absoluten Ignoranz, a limine alles das abzulehnen, was ihr nicht sofort plausibel erscheint. Je mehr wir uns mit irgendeiner Materie beschäftigen, desto mehr werden wir finden, daß es nur sehr wenig Irrtümer gibt, die sich nicht mit einigen Argumenten stützen ließen, aber andrerseits auch nur sehr wenig Wahrheiten, gegen die sich nicht gleichfalls triftige Gründe ins Feld führen lassen. Da nun aber gerade auf diesem Gebiete die Zahl derer, die sich mit der Materie beschäftigten, sehr minimal ist; da sie zumeist nicht den Mut haben, das zu bekennen, was sie fanden oder – wenn sie es tun – es zumeist in Organen geschieht, die durch die geringe kritische Sichtung ihres sonstigen Materiales auch das Richtige schädigen, so befinde ich mich unbedingt in der verschwindenden Minorität und muß sehen, wie ich den Kampf allein durchführen kann.
Besonders die große Zahl der Freunde meiner anderen Schriften wird, dachte ich mir, an mir irre werden. Denn sie lachte mit mir die Ignoranz und Borniertheit der Pfaffen und Bureaukraten aus und freute sich über Dummheiten anmaßender »Autoritäten«. Sie wird – das bewiesen mir schon Zuschriften – glauben, ich sei Apostat geworden, wo doch das gerade Gegenteil der Fall ist. Gerade meine Autoritätslosigkeit und mein Wahrheitsdrang befähigten und ermutigten mich eine Frage, die für die gedankenlosen Nachbeter des Zeitdogmas längst gelöst ist, nachzuprüfen. Also nicht Apostasie, sondern konsequente Verfolgung des eingeschlagenen Weges führte zu diesem Ziele. Wenn es auch verdienstvoll ist, mit Irrtümern aufzuräumen, wie ich das in früheren Schriften tat, so ist es doch zweifellos noch dankenswerter, eine neue Wahrheit zu finden. Brach ich also Bahn für dogmenfreies Denken nach jeder Richtung, so war es nur natürlich, wenn ich als einer der ersten diese Bahn auch beschritt.
Ein weiterer Einwand, den ich mir machte, um ihn gleich dem vorigen zu widerlegen, war folgender: Die Prophetie ist ein Phänomen, das seit Jahrtausenden bekannt ist und das das Volk – neben mancher anderen Wahrheit – auch niemals vergessen hat, trotz aller Gelehrten. Man wird also, wenn ich den Beweis für die Tatsächlichkeit erbringe, in ganz kurzer Zeit vergessen, daß ich mich damit aufs entschiedenste gegen die Zeitdogmen gestemmt habe, daß ich den Mut bewies, den Fluch der Lächerlichkeit zu riskieren und tatsächlich eine neue Wahrheit, wenigstens für die Wissenschaft, fand. Man wird sich vielmehr breitbeinig vor mich hinstellen und mir mit Stentorstimme zuschreien: »Du glaubst eine neue Wahrheit gefunden zu haben? Du Narr! Das haben ja schon die alten Babylonier, Hebräer und Griechen gewußt.«
Und man wird glauben, mir eine große Neuigkeit geoffenbart zu haben.
Doch selbst wenn es so kommen wird – dachte ich mir – ist es nicht so schlimm. Denn nicht nur die Goldbarren der Wahrheit aus tiefem Schacht ans Licht zu fördern, ist des Schweißes der Edeln wert. Auch aus ihnen Dukaten zu schlagen und sie so unter die Leute zu bringen, ist nicht ohne Verdienst.
So weit freilich, daß man den berühmten Tric anwenden kann, erst eine neue Wahrheit mit allen Mitteln, selbst gegen besseres Wissen zu bekämpfen und dann, wenn sie glücklich zum Siege geführt ist, zu beweisen, daß sie gar nicht neu ist, sind wir noch lange nicht. Vorläufig befinden wir uns noch im ersten Stadium dieses Prozesses. Das beweist auch folgender Vorfall:
Als mir neulich ein Bekannter sagte: »Was machen Sie denn eigentlich? Ich habe Sie immer für einen modernen Menschen gehalten und nun treiben Sie solche Sachen«, da konnte ich ihm ruhig antworten: »Nicht wiewohl, sondern eben weil ich mich bemühe, ein moderner Mensch zu sein, darum tue ich es. Denn in zehn Jahren werden es die Spatzen von den Dächern pfeifen.«
Es gibt also tatsächlich noch Leute, und sie haben die öffentliche Meinung ganz auf ihrer Seite, die die Beschäftigung mit solchen übersinnlichen Phänomenen für eines modernen Menschen unwürdig halten. Das war mir eine große Beruhigung, denn da ich den Beweis gefunden habe, ist es mir natürlich wertvoll, zu wissen und bestätigt zu finden, daß ich damit vorläufig wenigstens etwas Unerhörtes sage.
Es ist ja ein trauriges Los aller Entdecker und Förderer einer neuen Wahrheit, daß das, was sie fanden – um so bedeutender es war, desto schlimmer –, bald Gemeinplatz wird und man sich nachträglich kaum mehr vorstellen kann, welcher Kämpfe und Gedankenarbeit es bedurfte, es so weit zu bringen.
Doch alle diese Erwägungen und wohl auch noch andere brachte ich durch den schlagenden Gegengrund zum Schweigen, daß es unehrenhaft ist, eine Wahrheit, die man gefunden zu haben glaubt, aus keinem anderen Grunde zu verschweigen, als weil man persönliche Unbequemlichkeiten fürchtet. Hätten nicht zu allen Zeiten mutige und ehrenhafte Männer so gedacht, dann wären wir heute noch Kannibalen und Troglodyten.
Allerdings war mir eines klar: allein durch die Zusammentragung beglaubigter Prophezeiungen ist das Problem niemals zwingend zu lösen. Denn mögen die Daten auch noch so zahlreich sein, so wird die Möglichkeit des Zufalles doch niemals ganz von der Hand gewiesen werden können. Es handelte sich also vor allem darum, eine Methode zu ersinnen, die diesen Rückzug endgültig abschneidet.
Sie fand ich durch Verbindung der Wahrscheinlichkeitsrechnung mit den historischen Tatsachen. Dadurch gelang es mir, an die Stelle eines Glaubens oder Nichtglaubens an Prophetie das unbedingt feststehende Wissen von ihrer Existenz zu setzen.
Das ist eine neue Wahrheit. Denn die Voraussetzung der Wahrheit, das, was sie vom Glauben oder Aberglauben unterscheidet, ist ihre Beweisbarkeit. In die Wissenschaft wird etwas nur durch den Beweis eingeführt. Und ihn zu erbringen, gelang mir als erstem. Denn was die größten Denker früher auch über Prophetie geschrieben haben mögen, alles war mehr oder weniger hypothetisch, mag es auch noch so geistreich oder genial gewesen sein. Die feste Basis des exakten wissenschaftlichen Beweises legte sich.
Nun wird man noch fragen können, warum ein Buch, das die strengsten wissenschaftlichen Ansprüche erhebt und den ersten zwingenden Nachweis einer zwar vermuteten, aber doch noch völlig unbekannten Naturkraft erbringt, in einem Verlage erscheint, der vornehmlich populäre und belletristische Literatur pflegt.
Ich könnte darauf antworten, daß eine solche Äußerlichkeit nicht der Rede wert sei. Damit würde ich allerdings die Denkweise der gelehrten Zunft verkennen, die sich mit Vorliebe an äußerliche Kriterien hält. Sie wird sich in diesem Falle wohl oder übel mit der Tatsache abfinden müssen, daß eine Wahrheit, die in ihren Konsequenzen an Bedeutung alle Klostergeschichten und Aktenpublikationen turmhoch überragt, in einer Form und in einem Verlage erscheint, der nichts weniger als für den Ausschluß der Öffentlichkeit bestimmt ist.
Um es gerade heraus zu sagen: Mir genügt es nicht, wenn ein Dutzend Gelehrte von meiner Entdeckung Kenntnis erlangen. Ich verzichte auf die papierne Unsterblichkeit der Bibliotheken und Anmerkungen. Ich will wirken, das Denken meiner Zeitgenossen beeinflussen. Ich will verhüten, daß einige übelwollende oder neidische Fachgenossen, einige dogmatisch befangene Fachzeitschriften mein Werk auf Jahrzehnte totschweigen können. Vestigia terrent. Darum versuchte ich strenge Wissenschaftlichkeit des Tatsachenmateriales und der Beweisführung mit einer Form zu verbinden, die auch der versteht, der über nichts weiter als seinen gesunden Menschenverstand und leidliche Schulbildung verfügt. Und ich trug Sorge, daß dieses Buch eine Verbreitung findet, ebenso groß, oder noch größer, als die meiner übrigen Schriften.
Daß mir Hohn und Spott von der einen Seite, der Vorwurf, ich stieße offene Türen ein, von der anderen, orthodoxen, die ein Glauben an Prophetie mit dem exakten Nachweis ihrer Existenz verwechselt, nicht erspart bleiben wird, des bin ich gewiß. Es schreckt mich nicht. Ich kann sogar meinen Gegnern die Versicherung geben, daß es gar nichts Ungefährlicheres gibt, als mich anzugreifen. Denn da die Wahrheit für sich spricht und sprechen wird, habe ich keine Veranlassung, mich in Polemiken einzulassen und damit Leuten zu einem Bekanntwerden zu verhelfen, auf das sie sonst wohl verzichten müßten. Nur Gelehrten von Ruf und Namen rate ich zu einiger Vorsicht. Sie könnten sich sonst leicht in meinen Kultur-Kuriosa unter der Liste der entgleisten »Autoritäten« wieder finden.
Ich schließe mit einer Bitte an alle jene, denen es wirklich um die Wahrheit zu tun ist. Ich bitte nicht um irgendeinen Glauben, im Gegenteil, ich bitte um Zweifel. Aber um einen Zweifel, der nicht stehen bleibt bei der Kritik der einzelnen Tatsache, sondern der auch nicht halt macht weder vor Hypothesen, noch Theorien, noch Zeitdogmen. Auch nicht vor dem der Unmöglichkeit der Prophetie.