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Prophezeiungen

Erstes Kapitel Einzelne Prophezeiungen und Vorahnungen Das Altertum

Reading edition

Die Zahl der uns aus der Vergangenheit erhaltenen und als eingetroffen beglaubigten Prophezeiungen ist außerordentlich groß. Dabei ist es keineswegs nötig, die Weissagungen religiösen Inhaltes in den Kreis der Betrachtung zu ziehen. Auf sie werden wir in diesem Buche überhaupt nicht näher eingehen, und zwar aus verschiedenen Gründen.

Zunächst hat das an Prophezeiungen reiche Alte Testament verschiedene Redaktionen und Interpolationen sich gefallen lassen müssen, so daß wir oft nicht wissen, ob es sich um eine beglaubigte Vorhersage handelt. Das schließt das Vorhandensein der echten nicht aus. Auf sie werden wir später zurückkommen. Daß die messianischen Prophezeiungen ausscheiden, ist klar, denn es ist eine mißliche Sache, sich mit solchen mystischen Dingen zu befassen, wenn man eine neue Wahrheit finden oder doch eine alte durch neue Argumente stützen will. Die Juden stehen ja bekanntlich noch heute auf dem Standpunkt, daß der Messias noch kommen wird.

Eine Prophezeiung allerdings zieht sich durch das Alte Testament, die wir nicht vergessen dürfen, zumal sie profaner Natur ist: die das jüdische Volk und seine Zukunft betreffende. Von ihr wissen wir auch mit absoluter Sicherheit, daß sie nicht nachträglich erst abgefaßt sein kann. Mag man einwerfen, sie sei prophezeit nicht etwa auf visionärem Wege, sondern als Wunsch, oder in der Absicht, durch diese Hoffnung das kleine Judenvolk auch in den schlimmsten Zeiten aufrecht zu erhalten, so sind das Hypothesen, die an der verblüffenden Tatsache nichts ändern.

Wo sind sie alle geblieben, die Herren der alten Welt? Wo sind die Babylonier, die Assyrer, die Griechen, Römer?

Sie sind wie die Spreu vom Winde verweht. Da und dort Trümmer gewaltiger Bauwerke, Reste ihrer Literatur, Spuren in unserem Geiste hinterlassend, aber im wesentlichen hat nur der Name die Jahrtausende überdauert. Was an den alten Herrenvölkern von Fleisch und Blut war, das ist ausgestorben. Gewiß mag noch in den Adern von manchen unter uns ein Tropfen ihres Blutes rollen. Aber es ist ein Tropfen.

Und leben nicht die Juden? Sie ganz allein von allen Völkern, die einst vor Jahrtausenden über die Erde wandelten? Und auch sind sie es wiederum ganz allein, die seit zweiundeinhalb Jahrtausenden kein Vaterland besitzen, sondern verfolgt, gehaßt, verachtet unter Wirtsvölkern wohnen, die oftmals wechselten, während sie blieben.

Aber es ist nicht genug zu sagen, daß das Judenvolk der einzige Rest der Antike ist, der lebend mit Fleisch und Blut in die Gegenwart hineinragt. Sie sind jetzt bedeutend zahlreicher als je zuvor. Schätzt man doch das ganze Volk auf etwa 11½ Millionen Seelen, während das alte Palästina, ein Land nicht größer als die Provinzen Sachsen oder Westpreußen, kaum mehr als eine halbe Million Bewohner ernährte, und von diesen waren keineswegs alles Juden. Das Volk hat sich also nach allermindester Schätzung verzwanzigfacht.

Doch es ist nicht genug an dem, daß das Judenvolk als einziges des Altertums heute noch besteht, daß es ohne Vaterland dies Wunder ermöglichte, daß es sich verzwanzigfachte, es herrscht auch! Unser Handel und Geldwesen ist leider zum großen Teile durch die törichten kirchlichen Wucherverbote den Landesherren entwunden und in ihre Hand gelegt. Ebenso steht es mit dem größten Teil der Presse. Und daß auch politisch das Judenvolk keineswegs machtlos ist, wenigstens nicht im Westen und Süden Europas, beweisen die zahlreichen Minister israelitischen Glaubens in Italien und Frankreich, beweist ein Disraeli im stolzen England und mancher hohe Beamte bei uns. Dabei sehen wir ganz davon ab, daß sehr viel jüdisches Blut sich mit dem blauen unseres Adels vermischt hat.

Fürwahr: Keine Prophezeiung ist in jeder Hinsicht in so wunderbarer Weise in Erfüllung gegangen, wie die alttestamentliche das Judenvolk betreffende.

Wir wollen nun im folgenden eine Anzahl das Judenvolk betreffender Prophezeiungen notieren⁠[7].

Der älteste bekannte Prophet ist Amos, dessen Leben wir um 800 vor Chr. ansetzen dürfen. Er verkündet deutlich den Untergang des Zehnstämme-Reiches in der Zeit, als es unter Jerobeam II. wieder auf der Höhe der Macht stand und sich vom Hermon im Norden bis zum Toten Meer erstreckte. Die Vorhersagen lauten: »Durchs Schwert wird Jerobeam umkommen, und Israel wird auswandern von seinem Boden« (Amos 7, 11). Ferner: »Ich werde euch vertreiben weit über Damaskus hinaus« (Amos 5, 27) oder »Ich werde unter alle Völker das Haus Israel zerstreuen« (9, 9) und endlich: »Ich werde gegen euch, Haus Israel, spricht Gott, ein Volk auftreten lassen, das euch bedrängen wird, von gen Chamat bis zum Flusse der Araba« (des Toten Meeres), d. h. im ganzen Lande (6, 14). Amos nennt das Volk nicht, welches die Transportation vollziehen soll, kennt es noch nicht einmal, weiß aber, daß das Faktum bestimmt eintreffen wird. Nun ist das Zehnstämme-Reich erst ein Jahrhundert später (um 720) durch die Assyrer vernichtet worden. Diese von Amos so lange vorher verkündete Vorhersage hat sich also buchstäblich erfüllt.

Man könnte das Faktum zwar zugeben, trotzdem aber leugnen, daß es auf prophetischem, übersinnlichem Wege von Amos vorhergesehen wurde. Man würde es dann einer richtigen politischen Kombination zuschreiben. Denn schon damals hätten die Assyrer Lust gezeigt, Ägypten zu erobern, auf dem Wege dorthin aber müßten sie Palästina berühren und unterwerfen.

Dieser Einwurf läßt sich leicht damit widerlegen, daß im Falle der politischen Kombination auch das Reich Juda hätte hineingezogen werden müssen, und das um so mehr, als es damals viel schwächer als das Zehnstämme-Reich war. Ganz im Gegenteil hat aber Amos den Fortbestand Judas ausdrücklich betont (9, 8. 11). »Ich werde das Haus Jakob (Juda-Benjamin) nicht vertilgen, an jenem Tage werde ich die einfallende Hütte Davids aufrichten.« Tatsächlich hat sich das Haus Jakobs noch 134 Jahre länger als das Haus Israels gehalten. Es hat sich erst fast zwei Jahrhunderte nach Amos aufgelöst. Es handelt sich hier also um eine richtige prophetische Vorhersage, bei der Kombination ausgeschlossen sein dürfte.

Recht inhaltreich und im vollen Umfang eingetroffen ist auch folgende Verkündigung: »Von Zion wird Belehrung ausgehen und das Wort Gottes von Jerusalem für viele Völker« (Jesaia 2, 2–4 und gleichlautend Micha 4, 1–3). Jedermann kennt den ungeheuren, bis heute noch fortwirkenden Einfluß der jüdischen Lehre auf das Denken des Abendlandes, durch Vermittlung des Mohammedanismus aber auf den Orient.

In Erfüllung gegangen ist auch Michas Verkündigung des Unterganges Jerusalems, ein Jahrhundert vor dem Eintreten des Ereignisses. Micha prophezeite zur Zeit des Königs Hiskija (etwa 711–695). Aber mehr als das: Micha verkündete auch, daß das Exilland der Juden Babylonien sein würde (Micha 3, 9–12 und 4, 10). »Kreise, Tochter Zions, wie eine Gebärerin; denn bald wirst du hinausziehen aus der Stadt, wirst weilen auf dem Felde, wirst bis Babel kommen, dort wirst du gerettet werden, dort wird der Herr dich aus der Hand deiner Feinde erlösen.« Diese Prophezeiung ist deshalb nicht gut als Kombination einzuschätzen, weil Babylonien damals ohnmächtig in der Hand der Assyrer war und weil auch der Rücktransport der Gefangenen vorhergesagt wird.

Übrigens hat auch Jesaia dem König Hiskija 124 Jahre vor der Erfüllung vorhergesagt, daß dessen Nachkommen nach Babylonien transportiert und Eunuchen im Palast des Königs von Babel sein werden (Jesaia 39, 5–7).

Auch Jeremia hat nicht nur den Transport der Juden nach Babylonien vorhergesagt, sondern auch den Wiederaufbau Jerusalems nach Rückkehr der Judäer (Jeremia 1, 13. 15 und 37, 7–10). Und zwar war Jeremia ein Jüngling, als er Niedergang und späteren Aufstieg seinem Volke vorhersagte, was politische Kombination noch unwahrscheinlicher macht. Er war von seiner Prophezeiung so überzeugt, daß er während der hoffnungslosen Zeit der Belagerung Jerusalems durch Nebukadnezar auf innere Eingebung hin ein Grundstück kaufte (32, 24 f.).

Ein weiterer Verkünder der Schicksale des Judenvolkes ist der Prophet Ezechiel. Auch er weissagte den Untergang Jerusalems und das Exil, aber auch die Rückkehr und Verjüngung des Volkes. Er sagte mit unzweideutigen Worten voraus, daß die Verbannten in Babel den Grundstock zu einem neuen Volke und zu einer neuen, edleren historischen Entwicklung bilden würden (11, 16–20). Auffällig ist, daß auch er im Anfange seiner prophetischen Laufbahn diese Sehergabe bewies. Sein Bild von den vertrockneten und zerstreuten Gebeinen, die plötzlich wieder lebendig werden, hat sich buchstäblich erfüllt (Ezechiel, Kap. 37).

Von den exilischen Propheten verkünden sowohl der Deutero-Jesaia (Jes. 40–66), der Prophet des Stückes Kap. 13–14 und 24–27, als auch der Deutero-jeremianische Prophet (Jerem. 50–51) zuversichtlich die Rückkehr aus dem Exil und ein fürchterliches Strafgericht über Babylonien. Mag das letztere auf politischer Kombination beruhen, da die gewaltige Gestalt des Cyros bereits am Horizont auftauchte, so war doch weder die Vernichtung Babyloniens – da ja Unterwerfung genügt hätte – vorauszusehen, noch vor allem, daß gerade das winzige Judenvölkchen die Aufmerksamkeit des Eroberers auf sich lenkte. Berücksichtigt man ferner, daß gerade der letzte König Babylons die Juden besonders hart behandelte, so ist kaum zu bestreiten, daß die Vorhersagen erstaunlich sind.

Endlich führen wir noch zwei nachexilische Propheten an, nämlich Chaggai und Zacharia. Als man über die Winzigkeit des Tempels während der Regierung des Darius seufzte, sagte der erstere: »Größer wird die Ehre dieses (kleinen) Tempels, als des ersten sein« (2, 6–9) und der andere: »Entfernte werden kommen und werden an dem Tempel Gottes teilnehmen« (6, 15). Tatsächlich kamen zum zweiten Tempel Heiden in Menge aus Syrien, den Euphratländern, Kleinasien, Griechenland und selbst Rom, um sich zum Judentum zu bekennen oder Weihgeschenke zu schicken. Erst die »Fülle der Heiden«, die in das Haus Jakobs einkehrten, hat Paulus auf den Gedanken gebracht, die Heiden zu bekehren und zur Kindschaft Abrahams zu berufen.

Besonders merkwürdig aber ist folgende Verkündigung des nachexilischen Zacharia: »Es werden noch Völker und Bewohner großer Städte kommen und einander auffordern, Gott den Herren in Jerusalem aufzusuchen. Zehn Männer von allen Zungen der Völker werden den Zipfel eines jüdischen Mannes erfassen, sprechend: »Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben Gott mit Euch gehört« (8, 20–23). Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Juden bei ihrer Heimkehr von seiten der Nachbarvölker nur Verachtung und Haß fanden.

In allen oben angeführten Fällen ist ein Vatecinium post eventum völlig ausgeschlossen, Kombination aber unwahrscheinlich. Inwiefern der berühmte Zufall eine Rolle spielt, möge jeder selbst entscheiden. Ausgeschlossen in der obigen Liste sind alle Prophezeiungen, die in den Geschichtsbüchern erzählt werden, da ihre Authentizität angefochten werden kann.

Daß einige Prophezeiungen nicht in Erfüllung gingen, sei nicht in Abrede gestellt. Wir werden das später noch sehr häufig finden und an anderer Stelle ausführlich auf diese Frage zurückkommen.

Das Neue Testament ist als Quellenschrift unbrauchbar, da – von den Briefen abgesehen – alle Berichte auf Hörensagen beruhen. Das älteste Evangelium, das des Markus, ist keinesfalls vor dem Jahre 70 geschrieben worden, die auf ihm fußenden Evangelien des Lukas und Matthäus sind etwa zwei Generationen jünger, und das des Johannes ist gar erst gegen die Mitte des 2. Jahrhunderts verfaßt; also reichlich ein Jahrhundert nach Christi Tode. Daß unter diesen Umständen den evangelischen Prophezeiungen keine Bedeutung zuzuerkennen ist, liegt auf der Hand⁠[8].

Was die mittelalterliche Heiligenliteratur betrifft, so kann es nicht zweifelhaft sein, daß sich in ihr eine stattliche Anzahl echter Prophezeiungen würde nachweisen lassen. Jedoch ist sie in der Regel erst viel später und überdies außerordentlich unkritisch und mit der Absicht dem Heiligen möglichst viele Wunder zuzuschreiben, abgefaßt worden, so daß sie wenig Glauben verdient. Es mag eine dankbare Aufgabe der Zukunft sein, hier kritisch zu sichten. Daß durchaus nicht nur leeres Stroh gedroschen werden muß, ergibt sich z. B. aus der interessanten Arbeit von Merkt über die Stigmatisation des Heiligen Franz von Assisi⁠[9]. Sie hat unzweifelhaft den Beweis erbracht, daß dieser außerordentliche Mensch Stigmen in der Art der Wundmale Christi hatte, ein Phänomen, für das, wie für so manches andere, die heutige Wissenschaft noch keine ausreichende Erklärung hat. Ohne Prophetengabe zu besitzen, können wir mit größter Bestimmtheit vorhersagen, daß es nicht mehr lange dauern wird, bis diese ganze Literatur von urteilsfähigen allen kirchlichen Dogmen ebenso frei, wie allen materialistischen gegenüberstehenden Männern nach unsern Gesichtspunkten durchforscht werden wird.

Die Skepsis des Autors gegenüber der religiösen Literatur, sowie die nicht geringere der Gebildeten im allgemeinen gegen derartige Quellen wird es rechtfertigen, wenn wir hier nicht länger verweilen, sondern – von wenigen gut beglaubigten Ausnahmen abgesehen – uns auf die profanen beschränken.

Wir leben unzweifelhaft noch in einer Zeit der Hyperkritik, die ohne weiteres ablehnt, was ihr irgendwie außergewöhnlich erscheint. Das wird sich ja wohl dereinst ändern, aber unsere Aufgabe kann es nicht sein, hier mehr dem Zeitgeist zu trotzen, als es unbedingt nötig ist. Daß trotzdem auch die kritischste Quellenbearbeitung Glauben fordert – man denke an die zahlreichen Fälle, in denen ein Faktum nur durch einen einzigen Bericht überliefert ist – steht fest. Aber in diesen Fällen muß das Faktum eben möglichst alltäglich sein. Bei unserer Untersuchung jedoch, die sich mit einer Materie befaßt, die rundweg in ihrem Bestande geleugnet wird, in den Fällen aber, wo sich die Tatsachen nicht fortdisputieren lassen, nach Tunlichkeit durch Zufall erklärt zu werden pflegt, tut doppelte und dreifache Vorsicht not.

Diese Erwägungen objektiver Art – soweit sie die tatsächlich unkritische und panegyrische religiöse Literatur betreffen – sowie die ebenso beachtenswerten subjektiver Natur – d. h. die Skepsis allem gegenüber, was irgendwie das Alltägliche, das Allerheiligste unserer demokratischen Zeit, übersteigt – lassen größte Vorsicht in Verwertung unverdächtiger Quellen als Pflicht der Klugheit erscheinen. Es muß unser Bestreben sein, möglichst gar nichts auf den guten Glauben des Lesers ankommen zu lassen.

Beginnen wir mit einigen beglaubigten Beispielen, die um so weniger Widerspruch finden werden, als sie gar keine echten Prophezeiungen sind.

Am bekanntesten ist das Orakel zu Delphi, das Krösus auf seine Frage hin die Antwort gab: wenn er den Halys überschreite, werde er ein großes Reich zerstören. Der Doppelsinn dieses Ausspruches ist so klar, daß man sich nur wundern muß, daß Krösus ihn nicht merkte.

Ebenso doppelsinnig ist das von Cicero überlieferte Apollinische Orakel, das Pyrrhus gegeben wurde:

Ajo te, Aeacida, Romanos vincere posse.

Da es sowohl heißen kann »ich sage dir, Aeacide, daß du die Römer besiegen kannst«, als auch »ich sage dir, Aeacide, daß die Römer dich besiegen können«, so ist es weder verwunderlich, daß es in Erfüllung ging, noch daß wir Cicero glauben, wiewohl er insofern keine lautere Quelle genannt werden darf, als er zwei Jahrhunderte nach dem großen Epiroten lebte.

Endlich wollen wir noch ein Orakel von Heliopolis in Aegypten anführen, das uns Macrobius⁠[10] überliefert: Vor seinem Partherkriege wandte sich Trajan dorthin, um Auskunft über den Ausgang zu erhalten. Die Heliopolitaner schickten ihm statt einer Antwort einen zerbrochenen goldenen Weinstock, der im Tempel des Gottes geopfert worden war. Der Kaiser starb auf dem Feldzuge und man brachte die Gebeine, die durch den zerbrochenen Weinstock symbolisiert worden waren, nach Rom. Hätte er die Parther geschlagen, dann hätte man selbstverständlich auf sie das Symbol des Weinstocks gedeutet.

Daß uns mit solchen doppelsinnigen Aussprüchen, die unter allen Umständen in Erfüllung gehen müssen, nicht gedient ist, liegt auf der Hand. Zu verurteilen aber ist die Neigung der Gegenwart alle Orakel als ebenso doppelsinnig oder schwindelhaft hinzustellen.

Interessanter schon ist das alte Orakel, das uns Thukydides in seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges mitteilt.

Nachdem er die Pest und die furchtbare Not in Athen beschrieben hat, fährt er fort: »Und in diesen unglücklichen Zeiten fiel ihnen, wie man leicht denken kann, die Weissagung ein, die, wie die älteren unter ihnen versicherten, vor langen Zeiten gesungen worden sei:

Kommen wird einst ein dorischer Krieg und mit ihm die Seuche. Die Meinungen hatten sich darüber geteilt, ob die Alten in diesem Vers λοιμός (Pest) oder λιμός (Hungersnot) gemeint hätten. Doch bei den damaligen Begegnissen der Stadt behielt, wie leicht zu erachten, die erste Meinung die Oberhand, wie denn einem gewöhnlich dasjenige am ersten in den Sinn kommt, was mit dem, was uns wirklich begegnet, die nächste Verwandtschaft hat. Und ich stelle mir vor, wenn einmal nach diesem ein anderer dorischer Krieg ausbrechen, und eben eine Hungersnot dabei eintreten sollte, so würde man natürlich auch die Weissagung so auslegen. Nicht minder gedachten nunmehr auch diejenigen, welche darum wußten, an das den Lakedämoniern erteilte Orakel, da Apollo ihnen auf die Anfrage, ob sie den Krieg anfangen sollten, zur Antwort gegeben: wenn sie den Krieg mit Nachdruck führten, so würde der Sieg auf ihrer Seite sein, ja selbst ihnen beizustehen versprochen hatte. Mit diesem Orakel hielten sie den bisherigen Verlauf der Sache ganz übereinstimmend. Die Seuche brach gleich von der Zeit an aus, als die Peloponnesier ins Attische einfielen, und, was ein merkwürdiger Umstand war, die Peloponnes blieb gänzlich davon frei. Ihre stärkste Wirkung äußerte sie in Athen, sodann aber auch in andern Plätzen, die vor andern volkreich waren⁠[11].«

Daß Thukydides Skeptiker ist und deshalb seine Mitteilung auch bei modernen Gesinnungsgenossen keinem Zweifel begegnen wird, dürfen wir als bekannt voraussetzen. Schrieb er doch seine berühmte Geschichte, ein bis heute unübertroffenes Meisterwerk, in ausgesprochenem Gegensatz zu seinem Vorgänger Herodot. Ihm kommt es im Gegensatz zu jenem darauf an, überall den natürlichen Zusammenhang der Dinge nachzuweisen, weshalb er alles Mythische und Göttliche, insoweit es die menschlichen Geschicke beeinflußt, ablehnt.

Aber selbst wenn jemand das nicht wissen sollte, geht es aus obiger Stelle unzweideutig hervor. Es ist kaum möglich, nüchterner und rationalistischer einem immerhin höchst merkwürdigen Phänomen entgegenzutreten.

Tatsache ist, daß das Orakel folgende durch die Geschichte bestätigte Weissagungen gemacht hatte:

1. Es findet ein dorischer Krieg statt.

2. Während dieses Krieges bricht eine Seuche aus. Selbst wenn wir mißtrauisch, wie wir nun einmal sind, die ungünstigere Interpretation, nämlich die Hungersnot, annehmen, dann wäre die Prophezeiung doch insofern richtig gewesen, als es sich um eine über das ganze Volk hereinbrechende, vom Kriege direkt unabhängige Katastrophe handelt. Es besteht aber gar keine Veranlassung für den objektiv urteilenden Menschen, die ungünstigere Interpretation zu wählen. Wollte man das prinzipiell tun, dann könnte man fast jeden noch so geistreichen Ausspruch eines noch so großen Mannes zum Unsinn stempeln.

3. Die Spartaner sollten nur angreifen, dann würden sie siegen.

4. Apollo, bekanntlich Gott der Pest, werde ihnen beistehen. Letzteres ist, wie ja auch Thukydides bemerkt, außerordentlich merkwürdig. Und zwar nach zwei Richtungen hin: Sowohl, weil der Ausbruch der Pest mit dem Einfall der Spartaner genau zusammenfällt, und zwar nicht etwa – was eine rationalistische, aber doch nur oberflächliche Erklärung wäre, da sie ja die Richtigkeit der Prophezeiung nicht umstoßen würde – weil sie von ihnen eingeschleppt wurde, sondern völlig unabhängig davon. Begann sie doch im Piräus, was die Vermutung nahe legt, daß sie von Übersee eingeschleppt wurde, worauf auch Thukydides im 48. Kapitel hinweist.

Ferner, weil der Peloponnes davon verschont wurde, so daß die Pest (Apollo) also tatsächlich nur den Spartanern half.

Ob wir diese merkwürdigen Vorhersagen als Zufall betrachten wollen, sei der Denkart jedes Lesers überlassen. Auf alle Fälle aber ergibt sich daraus eines, daß nämlich die Orakel keineswegs nur zweideutige und nichtssagende Auskünfte erteilten, sondern oft recht präzis antworteten.

Das läßt sich auch aus einem anderen Grunde voraussetzen, selbst wenn wir aus der antiken Literatur keine Belegstellen hätten, die es beweisen ließen.

Gewiß kann man die Dummheit des Volkes in gewissen Fragen gar nicht überschätzen. Sobald die Furcht vor dem Tode, das Seelenheil und ähnliche Dinge in Frage kommen, läßt es sich Jahrtausende die größten Bären aufbinden und opfert einen guten Teil seines sauer verdienten Geldes den Pfaffen. Wäre es nicht so, dann hätte es nie Priesterherrschaften gegeben und es wäre nicht möglich gewesen, daß die vorgeblichen Nachfolger eines Mannes, der am Morgen nicht wußte, wo er am Abend sein müdes Haupt niederlegen sollte, an Luxus die Fürsten übertrafen und man ihnen und ihren Dienern Schätze geradezu aufzwang.

Anders liegt aber der Fall weltlichen, praktischen Fragen gegenüber. Hier hat sich seit je die Klugheit des Volkes, die Bauernschlauheit, bewährt. Hier, wo es gilt, im Kampf mit gleichen Mitteln, im Geschäft, seinen Vorteil zu finden, stellt und stellte auch das ungebildete und ungelehrte Volk seit je seinen Mann.

Nun haben die Orakel aber weit über ein Jahrtausend, in Ägypten sicher mehrere Jahrtausende, bestanden, und die reichen Schätze, die sich aus freiwilligen Gaben in ihren Tempeln und Hainen aufspeicherten, beweisen, daß sie in hohem Grade die Zufriedenheit all der zahllosen Generationen zu erringen wußten. Daß das niemals der Fall gewesen wäre, wenn sie ausschließlich plumpe Zweideutigkeiten oder gar unwahre Aussprüche zum besten gegeben hätten, bedarf doch eigentlich keines Beweises.

Die rationalistischen Beurteiler der Orakel sehen in ihrer Priesterschaft nur politisch kluge, welterfahrene Männer. Daß sie das waren, können wir als sicher annehmen. Auch daß sich manche Prophezeiung nur deshalb realisierte, weil der Frager sein Verhalten genau nach dem Wahrspruch einrichtete, nicht minder, daß auch hie und da – aber das müssen verschwindend seltene Ausnahmen gewesen sein – eine Prophezeiung nicht in Erfüllung ging. Diese Erklärungen genügen aber auf die Dauer nicht.

Dem einfachen Manne mag der kluge Rat immer wertvoll sein. Was aber mächtige Könige und Staaten für ein Interesse daran haben sollten, sich von auswärts, noch dazu von einer Priesterschaft, die unter religiöser Maske vielleicht Interessenpolitik trieb, Anweisungen erteilen zu lassen, das will uns nicht einleuchten. Gerade der Umstand, daß die Orakel ihre Autorität völlig verloren, als sie sich eine politische anzumaßen versuchten, beweist hinlänglich, wie grundfalsch es ist, nur mit Schlagworten wie: Sophismen, zweideutige Aussprüche, weltkluge Priester, politisches Intrigenspiel usw. zu operieren. Man tut nie klug daran, den Gegner für weniger intelligent zu halten, wie sich selbst. Es ist auch nicht weise, dem Altertum, das uns neben den Sophisten einen Sokrates, Plato und Aristoteles schenkte, eine Naivität zuzutrauen, die wir uns scheuen würden, beim simplen Bauern vorauszusetzen.

Daß es sich bei den Orakeln, nach unserer festen Überzeugung, um mehr handelt als normale Klugheit oder gar Betrug – was keineswegs ausschließt, daß beide zuzeiten nicht fehlten⁠[12] – möge auch aus der Art der Abgabe der Weisungen gefolgert werden.

In Delphi trank die Pythia, bevor sie ihre anstrengende Tätigkeit begann, vom heiligen Wasser und kaute Lorbeerblätter und Gerste, worauf sie in Verzückung geriet. »Angeblich« – die Philologie ist gar vorsichtig! – infolge eines unterirdischen Luftstromes, eines divinus adflatus, bzw. durch Dämpfe, die aus der Erde unter ihrem Sitz aufstiegen und durch ihren Schoß in den Leib eindrangen⁠[13]. Daß dieser Luftstrom keineswegs nebensächlich war, erhellt daraus, daß Plutarch und Cicero den Verfall des Delphischen Orakels mit der Abnahme des inspirierenden Gases in Zusammenhang bringen.

Nach diesem uns von mehreren alten Autoren überlieferten Bericht steht es fest, daß die Pythia nicht in normaler Verfassung, sondern in Trance⁠[14] war, wenn sie weissagte. Das Orakel war also kein Produkt intensiver Verstandesarbeit, sondern vielmehr ein solches des Unterbewußtseins. Das ist um so einleuchtender, als Plutarch ausdrücklich berichtet, man habe zu Pythien schlichte und unwissende Frauen gewählt. Dafür spricht auch, daß die Seherin durchaus nicht immer in Versen sprach, sondern ihre Aussagen oft abgehackt, ja bisweilen wohl auch unartikuliert waren und deshalb von Priestern stilisiert werden mußten. Genau, wie man es von modernen Somnambulen weiß, nur daß man heute ihre Aussprüche stenographisch, also ganz genau nach ihrem Wortlaut, festhält und so herausgibt.

Pausanias erwähnt eine Prophetie der Phännis, welche die Invasion der Gallier in Asien vorher verkündete. Auch führt er eine Vorhersage der Schlacht bei Aigos potamoi von Musaios und der Sybille an (X, 12 und X, 9) und ein anderes sybillinisches Orakel, nach welchem die durch Philippos gegründete makedonische Macht unter einem andern Philippos untergehen sollte (X, 15, X, 9 und VII, 8).

Cicero legt seinem Bruder die Argumente der Verteidiger der Orakel in den Mund. Schließen wir den kurzen Abstecher auf dieses Gebiet mit seinen Worten: »Wer weiß nicht, was der pythische Apollo dem Kroisos, was er den Athenern, den Lakedaimoniern, den Tegeaten, den Argeiern, den Korinthern geantwortet hat? Unzählige Orakel hat Chrysippus gesammelt, und keines ohne einen vollgültigen Gewährsmann und Zeugen; ich übergehe sie aber, weil sie dir bekannt sind. Nur so viel sage ich der Verteidigung wegen: Nie würde das Orakel zu Delphoi so besucht und berühmt gewesen sein, nie wäre es mit so ansehnlichen Geschenken aller Könige und Völker angefüllt worden, wenn nicht alle Zeitalter die Wahrhaftigkeit seiner Orakel erprobt hätten⁠[15].«

Wir wollen nun noch einige Fälle von Prophetie bzw. Vorahnung oder Vorzeichen aus der alten Geschichte anführen⁠[16].

Zu den bekanntesten Prophezeiungen des Altertums gehört jene, die sich auf Cäsars Ermordung bezieht. Sueton erzählt in seiner Biographie des Gajus Julius Cäsar, im 81. Kapitel, den Vorgang wie folgt⁠[17]:

»Dem Cäsar wurde unterdessen der bevorstehende gewaltsame Tod durch die offenbarsten Vorzeichen verkündet. Wenige Monate zuvor, da in der Kolonie Capua die Kolonisten, die infolge des Julischen Gesetzes dorthin übersiedelten, zum Aufbau ihrer Landhäuser uralte Gräber umgruben, und dies um so eifriger taten, weil sie dabei eine große Menge Gefäße von alter Kunstarbeit fanden, entdeckte man in einem Monumente, das für das Grabmal des Capys, des Gründers von Capua, galt, eine eherne Tafel mit griechischer Schrift und Sprache, des Inhalts:

»Wenn einst die Gebeine des Capys ans Licht gekommen sein würden, werde ein Sprosse des Julus von der Hand seiner Blutsverwandten getötet, sein Tod aber bald durch schreckliche Heimsuchungen Italiens gerächt werden.«

Niemand darf diese Tatsache für fabelhaft oder erdichtet halten; es bezeugt sie Cornelius Balbus, Cäsars vertrautester Freund. Wenige Tage vor seinem Ende berichtete man ihm, daß die Rosse, die er beim Uebergang über den Rubiko den Göttern geweiht und ohne Hüter frei hatte laufen lassen, durchaus nicht mehr fressen wollten und häufige Tränen vergössen. Beim Verrichten eines Opfers erteilte ihm der Opferschauer Spurinna die Warnung: er möge sich vor einer Gefahr hüten, die nicht länger als bis zu den Iden des März ausbleiben werde. Am Tage aber vor diesen Iden des März sah man eine Vogelschar vor dem nahegelegenen Haine einen Zaunkönig, der mit einem Lorbeerzweiglein in die Pompejanische Kurie flog, verfolgen und daselbst zerreißen. Ja in der Nacht, auf die der Tag des Mordes anbrach, sah Cäsar seinerseits im Traume sich mehrmals über den Wolken schweben, und dann wieder einmal, wie er dem Jupiter die Hand reichte; und Calpurnia, seine Gattin, sah im Traum, wie der Giebel ihres Hauses einstürzte, und wie man ihren Gemahl in ihren Armen erdolchte; zugleich sprangen plötzlich die Türen ihres Schlafgemaches von selbst weit auf.

Teils dieser Dinge wegen, teils weil er sich unwohl fühlte, war er längere Zeit unentschlossen, ob er sich nicht lieber zu Hause halten und das, was er dem Senate vorzutragen beschlossen hatte, vertagen sollte. Endlich aber machte er sich, da ihm Decimus Brutus vorstellte, doch den zahlreich versammelten und bereits längere Zeit auf ihn wartenden Senat nicht vergeblich sitzen zu lassen, etwa um die fünfte Stunde (d. h. zwischen 10 und 11 Uhr vormittags) auf den Weg.

Eine Schrift, die ihm unterwegs von jemandem überreicht wurde, und die eine Anzeige des Verschwörungsplans enthielt, steckte er unter die übrigen Schriften, die er in der Linken hielt, um dieselben später zu lesen. Als er darauf das Opfer hielt und die Opfertiere, trotzdem daß man deren mehrere schlachtete, keine glücklichen Vorzeichen gaben, ging er ohne Rücksicht auf diese religiöse Bedenklichkeit in die Kurie. Dort sah er den Spurinna und bemerkte ihm mit spottendem Lächeln, um ihn als falschen Propheten zu bezeichnen: »des Märzen Idus sind ja ohne Unglück gekommen«, worauf jener warnend erwiderte: »gekommen sind sie, aber noch nicht vorüber.«

So weit Sueton.

Was jeder von den Vorzeichen halten will, etwa dem Weinen der Rosse, das auch Homer von des Achilleus Pferden erzählt, die des Patroklos Tod beweinen, oder Vergil vom Leibroß des Pallas, Shakespeare von denen des Duncan berichtet, ist seine Sache. Solche Geschichten sind besonders in der mittelalterlichen Literatur überaus zahlreich und dürfen nur als dichterische Freiheiten gewertet werden. Unmaßgeblichst vermute ich dagegen, daß die Eingeweideschau und die übrigen Vorzeichen der römischen, wie aber auch etwa der babylonischen Divination, die bestimmte Zeichen ganz bestimmt deutet, nicht Schwindel, sondern Selbsttäuschung ist. Es handelt sich wohl um eine Autosuggestion, wie wir sie beim Prophezeien aus Karten, Kaffeesatz, der Hand usw. antreffen. In Wahrheit dürfte es ein visionäres Schauen des Sehers sein, ein Trancezustand, in den er aber nur auf Grund solcher Zeichen versetzt wird. Wir könnten uns dann den Vorgang etwa so vorstellen, wie den Aberglauben fast aller Schauspieler, die nur aufzutreten wagen, nachdem sie gewisses getan, oder bestimmte Talismane zu sich gesteckt haben. Durch Autosuggestion wird der Schauspieler sonst vom Lampenfieber gelähmt werden, während er sich vermittelst seines Amulettes oder eines bestimmten abergläubischen Spruches in die erforderliche Inspiration leicht versetzt.

Anders liegt hier aber der Fall mit dem Traume Cäsars, sowie dem seiner Gemahlin, und den warnenden Worten des Spurinna am Unglückstage. Der »Freigeist«, d. h. der durch das materialistische Dogma Gebundene, wird keinen Augenblick zögern, das Vorhersehen eines Ereignisses im Traume für Schwindel oder Selbsttäuschung zu erklären. Und das, wiewohl sicher ein außerordentlich hoher Prozentsatz der Menschen von Wahrträumen heimgesucht wird, sich aber aus Furcht, den Spott der Superklugen auf sich zu laden, hütet anderen davon Mitteilung zu machen.

Wir gehen gleich an dieser Stelle auf die Frage der Wahrträume ein, weil wir aller Voraussicht nach, wenn wir uns auch nur etwas mit der Materie beschäftigt haben werden, nicht mehr so ohne weiteres jede historische Überlieferung von Wahrträumen für Aberglauben oder Schwindel erklären werden. Die Analogien der Gegenwart werden uns Gerechtigkeit oder doch mindestens Vorsicht den alten Autoren gegenüber rätlich erscheinen lassen.

Da ist zunächst das Zeugnis des Justinus Kerner, den mancher für leichtgläubig halten mag, dem aber niemand eine Lüge zutraut. Er schreibt in seinen Kindheitserinnerungen:

». . . reine Wahrheit ist, daß ich von dieser Zeit an durch mein ganzes Leben voraussagende Träume behielt, die mir zu einer wahren Qual im Leben wurden, eine Qual, die ich keinem wünsche und die mich gleichsam praktisch kennen lehrte, welch ein Unglück es für den Menschen wäre, hätte ihm Gottes weise Hand die Zukunft nicht verschlossen. Diese voraussagenden Träume finden bei mir gegen Morgen statt, besonders wenn eine schlaflose Nacht mich erst gegen Morgen ruhen und in Schlaf sinken läßt. Sie kamen immer unter Bildern und symbolisch vor. Erscheinen von Licht bedeutet kommende Freude . . .«⁠[18] (S. 242 folgt eine Erklärung der Symbole, z. B. Wasser bedeutet Betrübnis, Schnee und Eis Krankheit, Essen von Trauben oder Beeren Krankheiten usw.).

»Da ich auf das Eintreffen solcher voraussagenden Träume gewiß rechnen kann, so sind sie mir eine wahre Pein im Leben, besonders da ihre Erfüllung oft erst nach drei Tagen stattfindet, doch meist am gleichen Tage des Erwachens aus ihnen.«

Der verstorbene Weltreisende, Professor Dr. Wilhelm Joest, übrigens ein Schulfreund meines Vaters und auch mir persönlich als wahrheitsliebend bekannt, richtete an die Zeitschrift »Sphinx«⁠[19] am 25. September 1886 folgenden Brief:

Sehr geehrter Herr!

Sie werden sich wahrscheinlich wundern, einen Brief von mir zu erhalten, mehr noch, wenn Sie ihn gelesen haben. Sie wissen, daß ich ebensowenig Spiritist wie Bibelchrist bin, und ich hoffe, auch nie eins oder das andere zu werden. Wo es sich aber um Tatsachen handelt, da bin ich Ihr Mann, und wenn heute jemand behauptete, die Stockfische wären Säugetiere und ich wäre – natürlich bona fide – in der Lage, dem Manne mit irgendeinem Faktum unter die Arme zu greifen, ich würde es gewiß tun.

Sie können also von dem Untenstehenden jeglichen Gebrauch machen, ich teile Ihnen nur die Tatsache mit, für die ich voll und ganz einstehe. Ich selbst erfuhr es erst vor vierzehn Tagen, darum teilte ich sie Ihnen nicht früher mit.

Ich hatte Europa 1884 verlassen, bereiste Südafrika, die Ostküste und kam Ende Mai in Aden an, mit der Absicht von dort über die Maskarenen nach Madagaskar, später über Mauritius nach Australien, Südsee usw. zu reisen. Ich war für 2–3 Jahre ausgerüstet. In Aden wurde ich sehr krank. Am 30. Mai schrieb ich in mein Tagebuch: »Es geht zu Ende, Energie weg« usw. Am 3. Juni 1885 entschloß ich mich zur Rückkehr nach Europa und telegraphierte an meinen Vater, den Geheimen Kommerzienrat Eduard Joest in Köln, folgende Worte: Retourne malade gefahrlos. Diese Depesche kam nachmittags in Köln an.

Am Morgen desselben Tages war ein Dienstmädchen meines Vaters, »Tilla« mit Namen, ziemlich aufgeregt zu der Gesellschafterin meines Vaters, Fräulein Anna W. aus R., gekommen und hatte ihr folgendes gesagt: »Fräulein, der Herr Wilhelm ist krank, ich weiß es, ich habe es geträumt. Ich habe geträumt, daß er zurückkommt, ich muß sein Bett machen.« Zwei Stunden später traf meine Depesche ein.

Ich teile Ihnen diese Tatsache mit und enthalte mich jeglicher Bemerkungen.

Obengenannte Tilla ist übrigens durchaus kein irgendwie ätherisches Wesen, sondern eine nicht mehr junge, wohlgenährte, brave und tüchtige Magd – nur behauptet sie, daß das, was sie im Traume sähe, häufig einträfe u. dgl.

Vielleicht interessiert Sie diese Mitteilung.

In vorzüglicher Hochachtung, Ihr ergebenster

Dr. Wilhelm Joest.«

Ich selbst hatte zwar seit dem Frühjahr 1910 einige Male telepathische Erlebnisse räumlicher Art, niemals aber Visionen, Halluzinationen oder ähnliches. Von einem einzigen Wahrtraum kann ich aus persönlicher Erfahrung Zeugnis ablegen. Bevor ich ihn erzähle, möchte ich bemerken, daß ich außerordentlich selten träume oder – in praxi dasselbe – mich des Traumes beim Erwachen erinnere.

Meine »Dinge, die man nicht sagt,« waren eben erschienen – das Buch war am 26. April 1910 ausgegeben worden – ich befand mich begreiflicherweise in einiger Spannung über seine Schicksale. Nicht ob es gelobt oder getadelt würde, was mich völlig kalt läßt, sondern ob es Beachtung finden würde.

Da träumte ich – es war am 18. Mai – ich hätte einen Brief des Verlegers Albert Langen erhalten, der mir eine Neuauflage – 4. und 5. Tausend – der »Dinge« ankündigte. Ich hatte im Traum Langen antelephoniert und gesagt, der Verlag hätte sich wohl verschrieben, da ich viel eher an eine Neuauflage der Kulturkuriosa dachte. Aber Langen hatte mir – im Traume – den telephonischen Bescheid erteilt: der Brief sei inhaltlich völlig richtig, es handle sich um die »Dinge«.

Am Morgen erzählte ich diesen Traum meiner Frau und schrieb ihn überdies nieder. Ich fügte hinzu, daß hier einmal wieder der Wunsch Vater des Gedankens geworden sei.

Da kam – zu meiner größten Überraschung – am 21. Mai ein Brief von Langen mit genau demselben Inhalt und – wie mir schien – auch Wortlaut, wie ich es geträumt hatte. Von den Kulturkuriosa aber – und das erhöht das Merkwürdige des Falles – erschien wider Erwarten die nächste Auflage – das 8. Tausend – erst im November 1910.

Während Träume neutralen oder gar erfreulichen Inhaltes recht selten zu sein scheinen, sind solche tragischer Natur desto häufiger. Sei es, daß es sich um den eigenen Tod handelt, sei es um den naher Angehöriger oder Verwandter.

Da das ja beim Falle Caesars zutreffen würde, so seien nachstehend einige Beispiele angeführt, nicht ohne zu erwähnen, daß Camille Flammarion auf Grund einer Umfrage ein sehr reiches Material über dieses Thema zusammen brachte. Zitieren wir daraus:

»In den letzten Tagen des November 1871 – es war an einem Mittwoch und, wie ich glaube, der 22. – weilte ich bei der mir befreundeten Familie Davidson in New Orleans. Eine Frau Thilton war anwesend und erzählte verschiedene Träume, die sie gehabt und die immer in Erfüllung gegangen waren. Die Anwesenden kannten bereits die Wahrheit ihrer Berichte. Betroffen von einer Erzählung dieser Dame rief nun unser Wirt aus:

»Madame, ich ersuche Sie, ja nicht von mir zu träumen!«

»Zu spät, mein Herr! Erst gestern abend habe ich von Ihnen geträumt.«

Alles bestürmt sie, den Traum zu erzählen.

»Mir hat geträumt, daß ich von heute in sechs Wochen einer dringenden Einladung von Ihnen folgend Sie besuchte.«

»O, der Traum läßt sich leicht verwirklichen, Madame! Ich werde Sie an dem bestimmten Tage zu uns bitten, und Sie, mein Fräulein,« wendete sich der Hausherr zu mir, »werden sicher uns auch die Ehre geben. Welcher Tag ist es?«

Einer der Anwesenden sah im Kalender nach: »Mittwoch, der 3. Januar 1872.«

»Gut, wir wollen alle den Traum von Madame mit erleben!«

»O, bitte, warten Sie, das ist noch nicht alles,« warf Frau Thilton ein, »mir träumte noch,« fuhr die Dame fort, »daß ich beim Eintreten dieses Haus leer und verlassen fände und daß ich Sie vergebens suche. Endlich habe ich in der Mitte des zweiten Salons einen großen Metallsarg gesehen; der Deckel war geschlossen, ich sah weiter nichts, aber ich wußte, daß Sie in dem Sarg liegen.«

Unser Wirt brach in Gelächter aus, ebenso alle Anwesenden, und Herr Davidson sagte scherzend zu seiner Frau: »O, nur keinen Metallsarg, ich mag Metall nicht! Nur einen Sarg aus Palisanderholz bitte ich mir aus.«

Lachend versprach seine Frau, falls sie ihn überleben sollte, seinen Wunsch zu erfüllen.

Frau Thilton fuhr fort: »Ich sah nur einen Menschen im Salon und stellte mich neben ihn. An den Längsseiten des Sargdeckels sah ich sechs silberne Rosen.« Man lachte von neuem über diesen bizarren Sargschmuck; aber Frau Thilton blieb ernst und sagte: »Es hat, selbst im Traum, einen tiefen Eindruck auf mich gemacht.«

Man trennte sich lachend und gab sich ein Stelldichein für Mittwoch den 3. Januar. Noch während der folgenden sechs Wochen wurde der Traum öfters scherzhaft erwähnt.

Am 2. Januar 1872 fiel unser Wirt, Herr Davidson, einem fürchterlichen Zufall zum Opfer: er wurde von einer Lokomotive erfaßt und zermalmt.

Am andern Morgen wurde er in den Sarg gelegt; die Familie wünschte, daß niemand sein entstelltes Gesicht sehe, und ich übernahm die Wache am Sarge und blieb auch, nachdem der Deckel geschlossen worden war, auf meinem Posten.

Frau Thilton kam, der Einladung folgend, in das Haus und fand im zweiten Salon den Sarg und nur mich bei ihm. Sie stellte sich an meine Seite; stumm, ohne uns anzusehen, standen wir bei dem Sarge. Plötzlich berührte sie meinen Arm und deutete auf sechs silberne Rosen, die die Längsseiten des Metallsarges zierten. Ich sah sie fragend an, und sie sagte: »O, erinnern Sie sich nicht? Die sechs silbernen Rosen, die ich genau so in meinem Traum gesehen habe?«

Vierzehn Tage später sagte mir die Witwe: »Erinnern Sie sich jenes außergewöhnlichen Traumes? Alles kam, wie unsere Freundin es vorausgesehen! Bis auf den Sarg! Selbst in meinem Schmerz habe ich seinen Wunsch nicht vergessen!«

Ich war unfähig mich zu verstellen und stammelte: »Aber es war doch ein Metallsarg!«

»Niemals! O mein Gott! Wer hat es gewagt, mir entgegenzuhandeln?«

»Und die sechs silbernen Rosen waren auch auf jeder Seite.«

Meine arme Freundin war ganz erschüttert. Man stellte den Leichenbestatter zur Rede. Ein Palisandersarg war nicht aufzutreiben gewesen und nur ein Metallsarg war in der nötigen Größe vorrätig, so daß man diesen hatte nehmen müssen.

Von den dreizehn Zeugen jenes Traumes leben heute nur noch neun. Die Familie (Calvinisten) würde sehr empört sein, wenn ihr Name mit einem Aberglauben in Verbindung gebracht würde, doch ist sie viel zu ehrlich und wahrheitsliebend, um die Tatsache zu leugnen.

Sara Morgan-Dawson, 36, rue de Varenne.

Paris, 20. Dezember 1901.

Frau Dawson ist seit Jahren mit mir (d. h. Flammarion) bekannt und eine durchaus wahrheitsliebende Dame; da wir alle aber auf unser Gedächtnis nicht schwören können, habe ich die in New Orleans lebende Tochter des Verstorbenen ersucht, mir ihrerseits diese Geschichte mitzuteilen.

Hier die Abschrift ihrer Antwort vom 24. Januar 1902:

»Jawohl erinnere ich mich, wenigstens teilweise, jenes Traumes. Eines Tages, nach dem Diner, erzählte uns Frau Thilton, daß sie im Traum meinen Vater in einem verschlossenen Metallsarg habe liegen sehen. Mein Vater erwiderte damals lachend, Metallsärge seien ihm ein Greuel, und er wolle sich nur in einem Holzsarg begraben lassen. Tatsächlich starb mein Vater am zweiten Tage des neuen Jahres und sein Leichnam wurde in einen Metallsarg gebettet.

Frau Thilton hat dies auch getan⁠[20].«

Ein weiteres Vorkommnis nach Flammarion:

»Am 25. November 1860 waren wir auf der Wasserjagd. Es war vier Uhr nachmittags und unsere Barke näherte sich dem Ufer. Da erwähnte einer meiner Freunde, er habe in der Nacht geträumt, er werde heute im Meer ertrinken.

Ich versicherte ihm, daß wir in zehn Minuten landen würden. Einen Augenblick später kenterte unser Boot und trotz unserer größten Anstrengung ertranken zwei meiner Freunde, darunter der, der seinen Tod vorhergesehen. Sein Bruder ist noch heute Advokat in Havre, wo sich die Katastrophe ereignet hat. (Sie können es auch in den Tageszeitungen von Havre vom 26. November 1860 nachschlagen). E. B. rue de Phalsbourg, Havre⁠[21].«

Ein weiterer Fall nach demselben Gewährsmann:

L. Bouthors, Direkteur des Contributions directes in Chartres schreibt:

»Es war während des Krieges 1870–71; eine Freundin von mir, eine Offiziersfrau in Metz, träumt, daß mein Vater, ein Arzt, den sie sehr liebte und schätzte, an ihr Bett tritt und sagt: »Sehen Sie, ich sterbe jetzt.« Sobald die Festung wieder mit der Außenwelt in Verbindung treten konnte, schrieb mir meine Freundin und beschwor mich, ihr genaue Nachrichten über meine Angehörigen zu geben und ob nicht am 18. September meinem Vater ein Unglück zugestoßen sei. Sie hätte an dem Tag von ihm geträumt. Mein armer Vater war uns tatsächlich am 18. September um 5 Uhr morgens plötzlich durch den Tod entrissen worden.

Als ich im Sommer darauf meine Freundin sah, erzählte sie mir, der Traum hätte sie tief berührt, weil sie kurz vorher von einer ebenfalls in Metz wohnenden Freundin einen ähnlichen Traum gehabt hätte und am Morgen darauf ihren Tod erfuhr⁠[22].«

Mit diesem Fall, der ja rein räumlich-telepatischer Natur ist, haben wir eigentlich den Rahmen unserer Untersuchung schon überschritten. Denn wir beschränken uns ja auf das Fernsehen in der Zeit, ohne auf das im Raume eingehen zu wollen. Nicht weil letzteres etwa zweifelhafter wäre. Im Gegenteil: es gibt viel mehr Menschen, die ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. Sie bestreiten zu wollen, wäre geradeso nutzlos und töricht, wie eine Fata morgana oder ein Gewitter zu leugnen, nur weil man es nicht beliebig reproduzieren kann. Wenn wir auf dieses Thema nicht näher eingehen, so geschieht es vornehmlich, um nicht den Umfang des Buches allzusehr anschwellen zu lassen. Und doch ist auch der letztgenannte Fall einschlägig, weil er die Wahrheit des bisweilen im Traume Geschauten beweist. Wir lassen weitere Fälle folgen:

Sehr merkwürdig ist die Erzählung eines österreichischen Oberleutnants von F. von einem Wahrtraum, der zur Zeit der Schlacht bei Wagram spielt.

»Kaum graute der Morgen der denkwürdigen Schlacht von Wagram (5. Juli 1809), als das Regiment, in welchem ich diente, Order erhielt, das vor dem rechten Flügel unserer Position gelegene, vom Feinde besetzte Dorf Großhosten nebst der dort aufgestellten Batterie zu stürmen. Da trat mein Flügelkorporal – Wittenbart hieß der Wackere – zu mir und bat, seine Uhr und Barschaft, das einzige Erbteil der Seinen, womöglich in Sicherheit zu bringen, da er gewiß sei, diesen Morgen zu fallen. Von niemandem als diesem tapferen Krieger, der damals noch in der vollen Kraft seines Lebens stand, hätte mich eine solche Anrede mehr befremden können, da selbst seine Geistesbildung jene seiner meisten Standesgenossen weit übertraf. Natürlich fragte ich vor allem um den Grund einer solchen Besorgnis; folgendes war seine Antwort:

›Sie kennen mich, Herr Oberleutnant, und werden es daher mir glauben, daß ich ohne alle Ängstlichkeit, ermüdet von den gestrigen Strapazen, fest und ruhig bei der Gewehrpyramide meiner Leute einschlief. Da träumte ich, bevor wir geweckt wurden, ein Wesen von himmlischer Schönheit stände vor mir und betrachte mich eine ziemliche Zeit mit unendlichem Wohlgefallen; von einem unnennbaren Gefühle zu ihm hingezogen, streckte ich meine Arme nach ihm aus; da sprach es: »Heute noch wirst du bei mir sein; nimm dies Band als Wahrzeichen!« Und mit diesen Worten hing es mir ein breites rotes Band über die rechte Schulter und Brust; ich erwachte. Sie wissen, daß Furcht und Kleinmut meine geringsten Fehler sind; trotzdem halte ich mich für überzeugt, der heutige Tag sei der meines Todes, und ich bitte daher noch einmal um die Erfüllung meines Wunsches. Die paar Taler übrigens, welche ich zurückbehalten habe, gehören dem Kameraden, welcher mir die Augen zudrücken wird, oder denen, die mich beerdigen.‹

Vergeblich erschöpfte ich alle Vernunftgründe, ihm die Unzuverlässigkeit eines Traumes zu beweisen; der Befehl zum Vorrücken endete meine nutzlosen Bemühungen.

Wir marschierten mit halben Divisionen rechts ab, setzten uns vor dem linken Flügel en colonne und passierten solchergestalt ein seichtes Defilee, welches gegen den Feind ausmündete. Kaum gewahrten die Franzosen unsere Bewegung, als sie ihr schweres Geschütz auf den Ausgang des seichten Hohlwegs richteten und Kugel auf Kugel in unsere Reihen sandten. Wohl niemand wird es mir verargen, wenn meine Augen mehr gegen die feindliche Batterie als irgendanderswohin gerichtet waren; da erblickte ich eine Kanonenkugel, welche rikochettiert hatte und gerade auf mich zuflog. Zur Seite springen und meinen Leuten zurufen: ›Bückt euch!‹ war das Werk eines Augenblickes, und dennoch kam meine Warnung zu spät; mein braver Wittenbart lag – die rechte Brust und Schulter zerschmettert und regungslos – auf dem Boden, mein und sein Nebenmann (ersterer bloß durch die Luft niedergerissen) neben ihm⁠[23].«

Der berühmte Ägyptologe Heinrich Brugsch schreibt in seinen Lebenserinnerungen⁠[24] über einen merkwürdigen Wahrtraum des Khedive im Jahre 1875 folgendes:

»Ich selbst nahm meinen Weg nach Göttingen, um von meiner dort befindlichen Familie Abschied zu nehmen und ohne längeren Aufenthalt die Weiterreise auf einem Bremer Dampfer anzutreten. Im Begriff, nach dem nahgelegenen Bahnhof zu gehen, um den nach Bremen abgehenden Frühzug zu benutzen, erhielt ich auf dem Wege eine Drahtmeldung, die ich sofort öffnete, um ihren Inhalt noch vor der Abreise kennen zu lernen. Sie lautete kurz und bündig: ›Der Khedive ersucht Sie, augenblicklich nach Kairo zurückzukehren.‹ Mit dem nächsten Eilzuge schlug ich die Richtung nach Triest ein, um mit dem fälligen Lloyddampfer mich nach Ägypten zurückzubegeben. Ich hatte seit meiner Abreise keine Zeitung gelesen und mußte nicht wenig überrascht sein, als mir von dem Kommandanten des Schiffes die Nachricht mitgeteilt wurde, daß auf dem letzten Bremer Dampfer, demselben, mit welchem ich die Reise antreten wollte, eine von einem Amerikaner namens Thomas konstruierte Höllenmaschine vorzeitig explodiert sei und mehrere Reisende und sonstige Personen getötet und verwundet habe. Ich dankte Gott im stillen, einer möglichen Gefahr für Leib und Leben durch meine Rückberufung entgangen zu sein, und stellte mich bei meiner Ankunft in Kairo sofort dem Vizekönig vor. In der Meinung, von ihm nachträglich besondere Aufträge zu erhalten, die er mir nur mündlich mitteilen könne, war ich nicht wenig erstaunt, aus seinem Munde die Versicherung zu erhalten, er sei hoch erfreut, mich heil und gesund zu sehen, habe mir aber durchaus nichts zu sagen. Er habe sich bewogen gefühlt, mich sofort durch den Draht zurückzuberufen, da in der Nacht ein Traumbild ihm angeraten habe, mich sofort kommen zu lassen, widrigenfalls mir ein großes Unglück bevorstünde.«

Nachstehend noch ein weiteres Beispiel für die Erfüllung eines Traumes:

»Mein ältester Bruder, Emile Zipelius, Maler, starb am 16. September 1865 im Alter von 25 Jahren, indem er in der Mosel ertrank. Er wohnte in Paris, war aber bei seinen Eltern in Pompey bei Nancy zu Besuch. Meine Mutter hatte zweimal in ziemlich langen Zwischenräumen geträumt, daß ihr Sohn ertrunken sei. Als der Überbringer der schrecklichen Nachricht zu meinen Eltern kam, vermutete meine Mutter gleich ein Unglück und fragte zuerst nach einer abwesenden Tochter, von der sie seit längerer Zeit keine Nachricht hatte. Als man ihr sagte, es handle sich nicht um ihre Tochter, rief sie aus: »O, fahren Sie nicht fort, ich weiß was geschehen ist; mein Sohn ist ertrunken!« Denselben Tag noch hatten wir einen Brief von ihm erhalten.

Mein Bruder selbst hatte kurz vorher zu seiner Hausfrau gesagt: »Wenn ich eines Abends nicht nach Hause komme, so gehen Sie am nächsten Morgen in die Morgue. Ich habe das Gefühl, daß ich im Wasser sterben werde. Mir träumte, ich läge tot und mit offenen Augen am Grund des Flusses.«

In der Tat hatte man ihn so gefunden, er war infolge eines Schlagaderbruchs im Wasser beim Baden gestorben. Meine Mutter und mein Bruder glaubten fest an ihre Vorahnung. An dem Tage seines Todes wollte er nicht schwimmen gehen, gegen Abend aber verlockte ihn die Kühle des Wassers und wir verloren ihn zu unserm größten Schmerz.«

J. Vogelsang-Zipelius, Mühlhausen i. E.⁠[25]

Endlich wollen wir einen Eideshelfer anrufen, an dessen Glaubwürdigkeit wohl niemand zu zweifeln wagen wird und der ein Ereignis berichtet, das an Bedeutung dem Traume der Calpurnia in nichts nachsteht: Bismarck!

Der greise Heldenkaiser Wilhelm I. machte dem großen Kanzler am 18. Dezember 1881 Mitteilung von einem besonders lebhaften Traume, der eine Reichstagsverhandlung zum Gegenstande hatte. Bismarck antwortete darauf am gleichen Tage u. a. folgendes:

»Euer Majestät Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr 1863 in den schwersten Confliktstagen hatte, aus denen ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte, und ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß ich auf einem schmalen Alpenpfad ritt, rechts Abgrund, links Felsen; der Pfad wurde schmaler, so daß das Pferd sich weigerte, und Umkehr und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand stürzte wie eine Coulisse und eröffnete einen breiten Weg mit dem Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen, preußische Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traume der Gedanke, wie ich das schleunig Eurer Majestät melden könne. Dieser Traum erfüllte sich, und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm⁠[26].«

Also ein Vorgesicht der drei Jahre später Wirklichkeit werdenden Ereignisse in Böhmen und des Krieges um die Hegemonie mit Österreich!

Die angeführten Fälle, die sich natürlich ins Endlose vermehren lassen, sollen keineswegs beweisen, daß Caesar oder seine Gattin wirklich die Ermordung geträumt haben. Wenn die Überlieferung auch gut ist, so läßt sich das doch heute nicht mehr mit unanfechtbarer Sicherheit feststellen. Was sie aber beweisen sollen, ist, daß der Traum uns gar nicht so selten ein bevorstehendes Unglück enthüllt. Wenn mancher Leser dieses Buches durch die wenigen angeführten Beispiele auch zu nichts anderem bewogen wird, als dazu ähnliche Überlieferungen nicht ohne Prüfung als Unsinn abzulehnen, so ist damit für den weiteren Gang der Untersuchung schon manches gewonnen.

Nun gibt es aber außer partiellen Enthüllungen der Zukunft durch den Traum auch noch Vorahnungen anderer Art, die ebenfalls zumeist den eigenen Tod, oder den naher Angehöriger zum Gegenstande haben. Von ihnen einige Beispiele anzuführen, scheint um so mehr am Platz, als wir später noch wiederholt ähnlichen, historisch gut beglaubigten Vorkommnissen begegnen werden.

»Ein junges Mädchen aus der Gegend von Nancy, 18 Jahre alt, wurde oft von ihren Angehörigen eingeschläfert. In einen Zustand von Somnambulismus geraten, wiederholte sie bei jeder neuen Sitzung, daß eine nahe Verwandte, die sie mit Namen nannte, noch vor dem 1. Januar sterben würde. Es war im November 1883. Ihre Beharrlichkeit veranlaßte den Familienvater, eine Lebensversicherung von 10 000 Franken für jene Dame, die übrigens ganz gesund war, aufzunehmen. Um das nötige Geld aufzutreiben, schrieb er an Herrn M. L. mehrere Briefe und teilte ihm in einem das Motiv seiner Handlungsweise mit. Herr L. bewahrte diese Briefe als unwiderleglichen Beweis für die Möglichkeit der Vorhersage zukünftiger Ereignisse und hat sie mir gezeigt. Da man sich über die Zinsen nicht einigen konnte, ließ man die Angelegenheit fallen. In der Tat starb die in Frage stehende Dame am 31. Dezember, und der am 2. Januar an Herrn L. gerichtete letzte Brief übermittelt diese Nachricht⁠[27].«

Ein merkwürdiges Beispiel einer Ahnung erzählt Jung-Stilling⁠[28] vom Professor der Mathematik Böhm, einer keineswegs schwärmerischen Natur, was ja schon der Beruf vermuten läßt.

»Er war einmal an einem Nachmittag in einer angenehmen Gesellschaft bei einer Tasse Tee und einer Pfeife Tabak recht vergnügt, ohne über irgend etwas nachzudenken, als er auf einmal eine Anregung im Gemüt empfindet, nach Hause zu gehen. Da er nun nichts zu Hause zu tun hatte, so sagte ihm sein mathematischer Verstand, er solle nicht nach Hause gehen, sondern bei der Gesellschaft bleiben. Indessen wurde die innere Aufforderung immer stärker und dringender, so daß endlich jede mathematische Demonstration erlag, und Böhm seinem inneren Trieb folgte. So wie er auf sein Zimmer kam und sich umsah, aber nichts Besonderes entdecken konnte, fühlte er eine neue Anregung in seinem Inneren, das Bett, worinnen er schlief, müsse von da weg und in jene Ecke gebracht werden. Auch hier räsonierte seine Vernunft und stellte ihm vor, das Bett habe ja immer da gestanden, überdem sei das ja auch der schicklichste Platz und jener der unschicklichste, allein das alles half nicht, die Aufforderung ließ ihm keine Ruhe, er mußte die Magd rufen, welche nun das Bett an die verlangte Stelle rückte; hierauf wurde er ruhig im Gemüt, er ging weiter zur Gesellschaft und empfand nichts mehr von jenen Anregungen. Er blieb auch zum Abendessen bei der Gesellschaft, ging gegen zehn Uhr nach Haus, dann legte er sich in sein Bett und schlief ganz ruhig ein. Um Mitternacht weckte ihn ein schreckliches Krachen und Poltern, er fuhr aus dem Bett auf und sah nun, daß ein schwerer Balken mit einem großen Teil der Zimmerdecke gerade da niedergefallen war, wo vorhin das Bett gestanden hatte. Jetzt dankte Böhm dem barmherzigen Vater der Menschen, daß er ihn so gnädig hatte warnen lassen.«

Die rationalistische Erklärung oder, besser gesagt, der rationalistische Erklärungsversuch dieser merkwürdigen Vorahnung wird annehmen, daß der brüchige Balken in der vorigen Nacht bereits gekracht habe. Das habe Böhm im Schlaf gehört und aus diesem Dämmerzustande nur das Denkresultat, daß er das Bett von dieser gefährlichen Stelle fortschaffen müsse, ins Wachen gerettet.

Möglich, daß der Erklärungsversuch das Richtige trifft. Sicher ist, daß wir bei der folgenden Geschichte damit nicht auskommen.

Frau von Beaumont erzählt folgende Begebenheit⁠[29]:

»Meine ganze Familie besinnt sich noch auf einen Zufall, vor dem mein Vater durch Hilfe der Ahnung in seiner Jugend bewahrt wurde. Das Fahren auf dem Fluß ist eine der gewöhnlichen Vergnügungen der Einwohner der Stadt Rouen in Frankreich. Auch mein Vater fand an diesen Spazierfahrten ein großes Vergnügen und er ließ wenige Wochen vorbeigehen, ohne daß er dasselbe genoß. Er vereinigte sich einstmals mit einer Gesellschaft zwei Meilen weit von Rouen nach Port St. Quen zu fahren. Man hatte ein Mittagsmahl und Instrumente ins Schiff gebracht und alles zu einer angenehmen Fahrt vorbereitet. Als es Zeit war aufzubrechen, stieß eine von den Tanten meines Vaters, welche taubstumm war, eine Art von Geheul aus, stellte sich an die Tür, versperrte sie mit ihren Armen, schlug die Hände zusammen und gab durch Zeichen zu verstehen, daß sie ihn beschwöre, er möchte zu Hause bleiben. Mein Vater, der sich von dieser Spazierfahrt viel Vergnügen versprochen hatte, trieb nur seinen Spott mit ihren Bitten, allein das Frauenzimmer fiel ihm zu Füßen und äußerte eine so heftige Betrübnis, daß er sich endlich entschloß, ihren Bitten nachzugeben und seine Lustfahrt auf einen andern Tag zu verschieben. Er bemühte sich daher, die andern auch zurückzuhalten und bat sie seinem Beispiel zu folgen, allein man lachte über seine Nachgiebigkeit und reiste ab. Kaum hatte das Schiff die Hälfte des Weges zurückgelegt, so bekamen diejenigen, die sich darin befanden, die größte Ursache zur Reue, daß sie ihm nicht gefolgt hatten. Ihr Schiff riß voneinander, viele kamen dabei ums Leben, und diejenigen, die sich durch Schwimmen retteten, wurden von dem Schrecken, der sie dabei überfallen hatte, in die äußerste Lebensgefahr gestürzt.«

Zum Schluß folgende Zeitungsnotiz:

»Der Jugendschriftsteller Boussénard, der in Frankreich, wo er für den Erben Jules Vernes gilt, bekannt und beliebt ist, ist letzten Sonntag gestorben. Er fühlte seinen Tod herannahen und verfaßte selbst seine Todesanzeige, die folgendermaßen lautet: ›Louis Boussénard, Schriftsteller, beehrt sich, Sie zu seinem bürgerlichen Leichenbegängnis einzuladen, das Montag, den 12. September (1910) nachmittags, stattfindet. Untröstlich über den Tod seiner Frau, erliegt er in seinem 63. Lebensjahre einem Schmerz, den nichts hat lindern können. Sein letzter Gedanke gilt seinen zahlreichen Freunden und treuen Lesern. Man versammelt sich im Sterbehaus, um den Leichenzug bis zum Bahnhof zu geleiten, von wo der Zug um zwölf Uhr abgeht.‹ – Der Tod trat ein, wie Boussénard es erwartete, und die Anordnungen, die er für die Beerdigung getroffen hat, konnten, was die Zeitangaben betrifft, buchstäblich befolgt werden⁠[30].«

Kehren wir nach diesem Exkurs zu Caesar zurück!

Die Art der Überlieferung nicht minder, als – das bezeugten unsere Beispiele – ihr Inhalt, würden uns berechtigen, Suetons Erzählung Glauben zu schenken. Im übrigen möge das jeder nach Gefallen tun. So viel ist aber sicher, daß Caesar, wäre er dem Übersinnlichen weniger abgeneigt gewesen, den warnenden Stimmen Gehör geschenkt hätte. Dann würde der größte Staatsmann der Geschichte, dessen Eigenname zur höchsten Standesbezeichnung der Menschheit wurde, wohl kaum unter den Dolchen von Mördern haben verbluten müssen.

Sueton erzählt noch von anderen Wahrträumen, bzw. ähnlichen Vorzeichen in seinem Leben des Augustus, der im Gegensatz zu seinem großen Onkel sehr geneigt war, ihnen Glauben zu schenken.

Wir begegnen hier dem einfältigsten Aberglauben. Etwa wenn Augustus, wenn man ihm den linken Schuh statt des rechten anzog, das als ungünstige Vorbedeutung nahm, oder wenn starker Taufall seine Entscheidungen beeinflussen konnte. Daneben finden wir auch den Glauben an Vorzeichen von größerer Bedeutung (Kap. 93). Damit ist nicht nur gesagt, daß er seltene Naturereignisse, wie das ja in einer Zeit, die dem Wesen der Natur noch sehr fern steht, gang und gäbe ist, auf sich deutete, sondern daß er auch echten Weissagungen Glauben schenkte.

Sueton erzählt im 94. Kapitel der Biographie⁠[31]: »Atia träumte kurz vor ihrer Niederkunft, daß ihre Eingeweide gen Himmel flögen und sich dort über den ganzen Umfang von Himmel und Erde ausbreiteten. Auch Augusts Vater, Octavius, träumte, daß aus dem Schoße der Atia der Strahlenkranz der aufgehenden Sonne sich erhebe. Am Tage seiner Geburt, wo gerade über die Verschwörung Catilinas in der Kurie verhandelt wurde, und Octavius wegen der Niederkunft seiner Frau etwas zu spät in die Sitzung kam, steht es als eine allbekannte Tatsache fest, daß Nigidius Figulus⁠[32], als er die Ursache der Verzögerung und zugleich die Stunde der Geburt selbst vernahm, den Ausspruch getan hat: In dieser Stunde sei dem Erdkreis der Herr geboren. Die gleiche Versicherung erhielt Octavius später, als er bei seinem Heerzug durch Thraziens Öden in einem Haine des Liber pater das dortige thrazische Orakel über seinen Sohn befragte, von den Priestern, weil, als er den Wein über den Altar goß, eine Flamme aufschlug, die über das Tempeldach hinaus bis zum Himmel aufstieg: ein Wunderzeichen, das, wie die Priester sagten, ähnlich nur allein noch dem großen Alexander, als er an denselben Altären opferte, zuteil wurde. Gleich in der darauf folgenden Nacht sah er denn auch seinen Sohn in übermenschlicher Größe mit Blitz und Zepter, sowie mit den Prachtgewändern des Olympischen Jupiter und einer Strahlenkrone angetan, hoch thronend auf einem lorbeerbekränzten Wagen, den zweimal sechs glänzend weiße Rosse zogen.«

Halten wir hier inne.

Was zunächst das thrazische Orakel betrifft, so werden wir – wenn die Überlieferung überhaupt auf Wahrheit beruht – recht mißtrauisch sein. Wer mit Heeresmacht Auskunft über die Zukunft heischt, wird in 99 von 100 Fällen eine günstige erhalten. Und wenn eine Flamme gen Himmel schlug, so liegt die Vermutung nahe, daß die schlauen Priester hier einen Taschenspielertric sich leisteten.

Die mitgeteilten Träume sind an sich durchaus möglich. Wenn wir uns gegen sie skeptisch verhalten, so ist ihre Häufung daran schuld. Gewiß kommt es vor, daß zwei dasselbe träumen, und wenn es sich um Ehegatten handelt, die beide nicht nur einen Sohn, sondern auch einen berühmten und tüchtigen Sohn erhoffen, so ist es ganz und gar nicht unwahrscheinlich, wenn ihnen der Traum verlockende Bilder über seine Zukunft vorgaukelt. Das ereignet sich alle Tage bei ungezählten Elternpaaren. Da hier aber der Wunsch unbedenklich für die Vaterschaft des Traumes haftbar gemacht werden kann, da ferner auch Millionen träumender Eltern nur ein Weltherrscher trifft, so werden wir, auch wenn wir der Überlieferung keinen Zweifel entgegensetzen, uns doch sehr hüten müssen, hier einen Beweis für unsere Behauptung von der Existenz der Wahrträume zu suchen. Bei Cäsar war der Fall ganz anders gelagert. Meuchelmord hofft man nicht, sondern man fürchtet ihn. Da zudem die Ermordung des Staatsoberhauptes in Rom ein ganz unerhörter Fall war, so kann man auch mit Zufall hier nicht wohl operieren. Zum Belege dafür, daß bei Eheleuten Doppelträume vorkommen, sei folgender Fall mitgeteilt:

»Als im Junius des Jahres 1812 mein zweiter Sohn, Karl, ein Knabe von früh entwickeltem Talente und hoher Herzensgüte, in seinem neunten Lebensjahre so gefährlich krank darnieder lag, daß der Gedanke an seinen möglichen nahen Verlust bisweilen düster durch meine und meiner Gattin Seele fuhr, wagten wir es, aus gegenseitiger Schonung, dennoch nicht, das wahrscheinliche baldige Hinscheiden des holden Kindes laut auszusprechen. Wir beweinten, oft von dem lieben Kranken getröstet, unser Los im stillen. In der Nacht vom 17.–18. Junius hatte ich folgenden, mir unvergeßlichen Traum: Ich führte meinen Karl auf einer blühenden Aue an der Hand, er schritt freudig rasch einher und sah mich lächelnd an: ›Wie?‹ rief ich froh, ›du kannst wieder gehen, lieber Karl?‹ (Schon seit mehreren Monaten war ihm dies unmöglich gewesen). Kaum hatte ich ausgeredet, so erblick’ ich einen großen prächtigen Palast vor mir, der Knabe reißt sich von mir los und eilt in jenen Palast. ›Ach,‹ sprach ich, ›du wirst mich doch nicht verlassen?‹ Ich versuche es, ihm nachzueilen und kann nicht von der Stelle. In dem schmerzhaftesten Gefühl erwach’ ich. Schlaf und Ruhe waren verschwunden.

Um meine Gattin nicht zu betrüben, verschwieg ich ihr diesen leicht zu deutenden Traum. Indessen sitzen wir am Abend desselben Tages noch spät in einer wehmütigen Stimmung zusammen. Wir reden von unserm kranken Lieblinge, mein Herz war zu voll, und zum ersten Male spreche ich meine bange Besorgnis um sein Leben aus. Endlich erzähle ich auch, mit pochender Brust, den in der letzten Nacht gehabten Traum. Aber noch kaum habe ich die Erzählung geendigt, so tat meine Gattin einen lauten Schrei und ruft unter heißen Tränen aus: ›Mein Gott, denselben Traum habe ich ja auch in der letzten Nacht geträumt!‹ Sie ruft sogleich unser Dienstmädchen in das Zimmer und läßt es ihren eigenen Traum erzählen, den sie ihm gleich am Morgen mitgeteilt, aber auch verboten hatte, ihn mir zu erzählen. Ich fühlte mich tief ergriffen, aber auch das Mädchen wußte sich kaum zu fassen, als es nachher den meinigen erfuhr. Nur im Ausgange des Traums fand eine kleine Verschiedenheit statt.

Meiner Gattin träumte: Sie und ihr Mädchen führten unsern Knaben auf einer blühenden Aue an der Hand. Er ging freudig-rasch, blickte seine Führerinnen lächelnd an; beide verwundern sich seines raschen Ganges. Auf einmal erblickten sie einen großen prächtigen Palast vor sich. Der Knabe reißt sich von ihnen los und eilt hinein. Beide eilen ihm nach, finden in dem Palaste eine außerordentlich große Menschenmenge, durchsuchen unter Tränen mehrere Säle und finden den Knaben nicht. ›O Gott, was wird mein Mann sagen, daß wir unsern Karl verloren haben?‹ ruft meine Gattin trostlos aus und – erwacht.

Leider bewährten sich die Worte des Ennius (beim Cicero, de divinat. II, 61) ›aliquot somnia vera!‹ Drei Tage nach diesem merkwürdigen Doppel-Traum entschlief unser Liebling sanft, unter unsern Küssen und Zähren. Auch hier war ›ein Bund des Traumes mit dem Wachen!‹ (Jean Pauls Herbstblumen, 2. Bändchen, S. 275) – aber wir hatten die trübe Wirklichkeit nicht sowohl nach, als vorgeträumt! –

Marburg.

D. Justi⁠[33].«

Es handelt sich also um ein Erlebnis des berühmten Theologen Karl Wilhelm Justi (geb. 1767 gest. 1846), an dessen Wahrheit zu zweifeln wohl niemand den Mut haben wird.

Wenn wir auch Gedankenübertragung annehmen – was ja immerhin räumliche Telepathie voraussetzt und damit bereits das Wichtigste, eine Übertragung äußerer Eindrücke ohne Vermittlung der Sinne einräumt – so genügt das nicht. Daß die Sorge die Eltern auch nicht nachts verläßt und sich in Träumen äußert, ist gewiß natürlich. Sehr merkwürdig aber die symbolische Einkleidung. Es liegt hier zweifellos ein noch nicht näher ergründetes Phänomen der Prophetie vor. Dazu kommt, daß schon nach drei Tagen die Erfüllung sich einstellt.

Bedeutungsvoller als die Träume von Augustus’ Eltern sind die Worte des Nigidius Figulus. Über seine Prophezeiung sind wir durch Dio Cassius⁠[34] unterrichtet. Er schreibt:

»Kaum war der Knabe geboren, so prophezeite ihm der Senator Nigidius Figulus die Alleinherrschaft. Unter allen seinen Zeitgenossen verstand sich dieser am besten auf die Sternkunde und die Konstellation und wußte, was jedes Gestirn einzeln oder in Konjunktion oder Opposition mit andern für einen Einfluß übte; deshalb sagte man ihm auch nach, daß er sich mit geheimen Künsten befasse. Als dieser sah, daß Octavius (wegen der Geburt seines Kindes) etwas später in die Kurie kam (es wurde gerade Senat gehalten), trat er ihm entgegen und fragte ihn, warum er so spät komme. Als er ihm die Veranlassung nannte, so rief er aus: du hast uns einen Herrn gezeugt! Octavius, darüber bestürzt, wollte das Kind töten lassen; er aber hielt ihn davon ab, indem er sagte: es wäre nicht möglich, daß dem Kinde etwas der Art widerführe.«

Sueton erzählt im 94. Kapitel von einem anderen Horoskop, das dem Augustus der Astrolog Theogenes gestellt hatte, und zwar als jungem Manne. Als er dem Astrologen seine Geburtsstunde nannte, da soll Theogenes aufgesprungen und ihm verehrend zu Füßen gefallen sein. Seitdem hatte Augustus großes Vertrauen auf seinen Stern und ließ auch einst eine Münze mit dem Bild des Steinbockes, unter dem er geboren war, prägen.

Was nun die Glaubwürdigkeit von diesen Berichten – die wir nur im Auszug wiedergeben – betrifft – so mag man sagen: ein Mann, der so einfältiges Zeug erzählt, wie etwa, daß Augustus als kleines Kind den Fröschen geboten hätte zu schweigen, was zur Folge hatte, daß sie in dieser Gegend noch zur Zeit Suetons nicht quakten, verdient keinen Glauben.

Das gehört zu jenen logischen Schnitzern, an denen unsere Hyperkritik nur allzu reich ist.

Wenn es auch heißt: »wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht«, so ist das Sprichwort doch klug genug zuzugeben, daß auch ein Lügner die Wahrheit reden kann. Daß man ihm dann nicht glaubt, ist ein Fehler der Zuhörer.

Nun ist aber Sueton nichts weniger als ein Lügner, wenn er auch leichtgläubig sein mag und häufig unkritisch alles wiedererzählt, was er von mancherlei Leuten gehört hat. Er ist so wenig ein Lügner, wie unsere offiziellen Hyperkritiker es sind, wenn sie die Möglichkeit der Weissagung oder anderer nicht alltäglicher Begebenheiten leugnen. Man könnte daraus ja auch mit gleichem Rechte folgern, daß alles, was sie für unglaublich erklären, doch glaubwürdig sei. Ein Denkfehler, der nicht um ein Haar geringer ist, als wollte man alle Berichte des Sueton über ungewöhnliche Dinge lediglich deshalb ablehnen, weil er, wie wir auf Grund unserer heutigen Naturkenntnis wissen, auch Unmögliches im guten Glauben überliefert.

Gibt es etwas Natürlicheres, als die Anschauung, ein so großer Mann wie Augustus müßte auch anders als ein gewöhnlicher Sterblicher in die Welt eintreten und durch sie wandeln? Dieser stillschweigenden Voraussetzung ist es doch allein zuzuschreiben, daß man Plato so gut wie Alexander, Buddha oder Christus zu Söhnen Gottes stempelte. So wenig es uns aber deshalb einfällt, in Bausch und Bogen alles zu verwerfen, was von diesen Geisteshelden überliefert ist, so wenig dürfen wir das etwa vom Bericht des Sueton tun.

Während früher die Tendenz durch die Geschichtschreibung ging – besonders ausgeprägt finden wir sie in der mittelalterlichen Heiligenliteratur –, daß ein geistig oder sittlich großer Mann auch über außergewöhnliche Kräfte verfüge, Wunder wirken könne, läßt sich gegenwärtig die entgegengesetzte feststellen. Das hängt nicht allein mit den Fortschritten der Naturwissenschaften zusammen, es hat, wie schon in der Einleitung angedeutet, auch einen politischen Grund: die Demokratisierung unserer Denkweise hält es mit ihren Dogmen nicht für vereinbarlich, daß irgend jemand eine besondere Stellung einnimmt.

Im übrigen liegt es uns fern, uns im einzelnen für die Wahrheit oder Glaubwürdigkeit dieser Erzählungen zu erhitzen. Uns genügt der Nachweis, daß es sich ganz und gar nicht um Unmögliches, ja noch nicht einmal besonders Seltenes handelt und daß man gut tut, die Berichterstatter solcher Phänomene nicht ohne weiteres abzulehnen.

Indem wir es jedem Leser anheimstellen, davon zu glauben oder nicht zu glauben, so viel ihm beliebt, unterlassen wir nicht zu bemerken, daß Sueton wohl bei jedem Herrscher von Träumen, Vorzeichen oder ähnlichem zu erzählen weiß. Mag das auch gewiß bei flüchtiger Betrachtung seine Glaubwürdigkeit herabsetzen, so läßt sich nicht leugnen, daß der Grund hierfür zumeist bei uns selber liegt. Die Zahl der Selbstbiographien – auch von sehr nüchternen Leuten – in denen der Verfasser von übersinnlichen Erlebnissen erzählt, ist auch heute noch, trotz des entgegenstehenden Modedogmas und trotz des leichten Risikos, das jeder, der Übersinnliches von sich erzählt, läuft, sehr groß. Fast jeder hat – das ist heute genau so, wie in der fernsten Vorzeit – in seinem Leben irgendwelches Erlebnis gehabt, das er sich nicht oder nur durch Zufall, was das Gleiche ist, erklären kann. Früher achtete man darauf, heute tut man es nicht mehr. Das ist der Unterschied. Früher mag man sein Sinnen und Trachten so sehr auf Vorzeichen und Ähnliches gerichtet haben, daß die Phantasie manchen bösen Streich spielte. Heute hält man für einen Lügner oder Phantasten jeden, der wahrheitsgemäß etwas berichtet, was nicht jeden Tag passiert. In beiden Fällen ist der Aberglaube fast der gleiche; nur das Objekt hat gewechselt.

Doch genug vom Altertum. Leicht ließe sich noch mehr Material beibringen. Für unsere Zwecke genügt das Gesagte und wir wollen uns in einem neuen Kapitel dem Mittelalter und der Neuzeit zuwenden.

Notes in this chapter

Note 1 · Vgl. zu Nachstehendem H. Graetz, Geschichte der Juden, 1. Bd., Leipzig 1874, S. 372 ff., worauf mich aufmerksam zu machen Herr Rabbiner Dr. Note 2 · Otto Pfleiderer, Die Entstehung des Christentums, München 1905, S. 191 ff. und 291.Note 3 · Josef Merkt, Die Wundmale des heiligen Franz von Assisi. Leipzig und Berlin 1910, besonders S. 65 ff.Note 4 · in Saturnalibus I. 23.Note 5 · II, 37. Übersetzung von J. D. Heilmann, Neuausgabe von Otto Güthling, Reclams Universalbibliothek S. 167 f.Note 6 · Pausanias kennt nur ein einziges bei Herodot (VI, 66) erzähltes Beispiel von Bestechung eines Orakels (Pausanias III, 7).Note 7 · Vgl. Paulys Realenzyklopädie der klassischen Altertumswissenschaft, 2. Aufl., 8. Hlbd., Artikel Delphoi, S. 2533, und O. Gruppe, GriechischeNote 8 · Unter Trance versteht man einen der Hypnose ähnlichen Zustand. Trance tritt in sehr verschiedenen Intensitätsgraden auf, doch kann es nicht Note 9 · Cicero, de Divinatione, I, 19.Note 10 · Viele Orakelsprüche bei R. Hendess Oracula Graeca, Halle a. S. 1877.Note 11 · Übersetzung von Adolf Stahr in Langenscheidts Bibliothek, 2. Aufl., S. 97 f.Note 12 · Justinus Kerner, Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit. Erinnerungen aus den Jahren 1786–1804. 2. Aufl. Stuttgart 1886. S. 240 f. Die nächsteNote 13 · Vgl. »Sphinx« 3. Bd. 1887. S. 62.Note 14 · Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, Stuttgart 1909, S. 374 ff.Note 15 · Eb. S. 385, Brief Nr. 194.Note 16 · Eb. 28. Brief, p. 295, Nr. II.Note 17 · Justinus Kerner, Magikon, III. Bd., S. 568.Note 18 · Mein Leben und mein Wandern, Berlin 1894, S. 330 f.Note 19 · Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, S. 384 f., 127. Brief.Note 20 · Otto Fürst von Bismarck, Gedanken und Erinnerungen, 2. Bd. Stuttgart 1898, S. 194.Note 21 · Nach Dr. Liébaut, Thérapeutique suggestive, zitiert nach Flammarion, Rätsel des Seelenlebens, S. 408.Note 22 · Heinrich Jung, genannt Stilling, Theorie der Geisterkunde, 1808, S. 78 f.Note 23 · Jung-Stilling, Theorie der Geisterkunde, S. 84, übernommen aus dem »Museum des Wundervollen«, 2. Bd., 2. Stück, S. 152.Note 24 · Münchener Neueste Nachrichten, 1910, Nr. 441.Note 25 · Übersetzung von Adolph Stahr, Langenscheidtsche Bibliothek, Sueton, 106. Bd., S. 191. Eine Anzahl historischer Träume hat Kleinpaul im MagazNote 26 · Nigidius Figulus war ein sehr gelehrter Mann, Senator, großer Astronom und Astrolog und Freund des Cicero.Note 27 · Vgl. (Vulpius) »Curiositäten«, 5. Bd., Weimar 1816, S. 274 ff.Note 28 · 45, 1. Übersetzung der »Römischen Geschichte« von L. Tafel, Stuttgart 1837.
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