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Prophezeiungen

Elftes Kapitel Michel Nostradamus

Reading edition

Michael Nostradamus wurde am 14. Dezember 1503 zu St. Remy geboren und starb 1566 in Salon. Eigentlich hieß er Michel und war jüdischer Herkunft. Sein Vater war Leibarzt des bekannten romantischen Königs René. Sein Großvater mütterlicherseits, Johann de St. Remy, Leibarzt des Herzogs von Kalabrien, erzog den kleinen Michel und weckte in ihm die Liebe zur Naturkunde. Vielleicht bildete er auch das jenem angeborene übersinnliche Wahrnehmungsvermögen aus.

Nach dem Tode des Großvaters trieb Nostradamus in Avignon humanistische und philosophische Studien, siedelte dann aber nach Montpellier über, um Medizin zu studieren. Dort erwarb er auch den Doktorhut.

Seine ärztliche Praxis übte er in Agen aus, wo er innige Freundschaft mit dem berühmten Philologen Julius Caesar Scaliger schloß. Hier heiratete er ein adeliges Fräulein, verlor sie und die beiden Kinder dieser Ehe aber bald durch den Tod. Dieses tragische Schicksal suchte er durch eine zehnjährige Reise durch Frankreich und Italien zu vergessen. Im Jahre 1544 ließ er sich in Salon nieder und heiratete eine Patriziertochter Anna Pontia Gemella. Bei der großen Pest des Jahres 1546 zeichnete er sich so aus, daß ihm die Stadt Salon als einem um das öffentliche Wohl hochverdienten Mann für längere Zeit einen Jahresgehalt aussetzte. Auch in Lyon erwarb er sich als Pestarzt den Dank der Leidenden.

Nach Salon zurückgekehrt gab der gefeierte Arzt seine Praxis gänzlich auf, da er als heimlicher Kalvinist angefeindet wurde. Er hatte mit der äußeren Welt abgeschlossen und zog sich ganz in die innere zurück. Wie er in der Vorrede zu seinen Centuries sich ausdrückt, erhob diese ihn über die Schranken der Endlichkeit und – das hintereinander Stehende nebeneinander stellend und in ein großes Bild zusammen fassend – führte sie ihm die Geschichte in ihrem Zusammenhang und ohne Vermittlung der Zeitformen an seinem inneren Blick vorüber⁠[177].

Bei Nacht zog er sich in ein kleines Kabinett, das ihm die Übersicht über den ganzen Horizont seines Wohnortes gestattete, zurück. Man zeigt es noch jetzt in Salon. Von hier aus beobachtete er die Sterne und ließ zugleich in seinem Inneren jenes wunderbare Licht heller leuchten, dessen er sich bereits früher bewußt geworden war⁠[178].

Diese Stelle ist von Bedeutung, weil aus ihr hervorgeht, daß es sich nicht um reine Astrologie handelt, sondern daß diese abenteuerliche Wissenschaft nur ergänzend zur Sehergabe hinzutritt. Übrigens wird man gut tun, sich über das Zustandekommen der Prophezeiungen möglichst vorsichtig zu äußern, solange noch ihre Tatsächlichkeiten von der offiziellen Wissenschaft bestritten wird.

Sicher ist, daß Nostradamus die Sehergabe – vorausgesetzt, daß wir ihm eine solche auf Grund des Folgenden zugestehen – von seinen Vorfahren geerbt hat. Das ist interessant, weil wir schon früher wiederholt auf Fälle von Erblichkeit der Gabe gestoßen sind. Daß Nostradamus keineswegs an eine Vererbung der rechnerischen Kunst der Astrologie, also von einer Art Geschäftsgeheimnis, denkt, sondern ganz zweifellos an seine prophetische Veranlagung, geht aus der Vorrede zu seinen Centurie, die er an seinen Sohn Cäsar als Säugling richtet, klar hervor.

Hier sagt er, daß er »geoffenbarte Inspirationen« erhielt, »wenn er bisweilen in der Woche sympathisch⁠[179] angeregt worden sei und sich die Nächte durch lange Berechnungen versüßt habe.« Er konnte also die Zukunft nur völlig ermitteln, wenn er seine astrologischen Berechnungen in einer Art von Trance ausführte.

Nach Nostradamus’ Anschauung ist alles Seiende Notwendig und notwendig so, wie es ist, und alles Geschehende geschieht notwendig in der Weise, zu der Zeit und an dem Ort, wie und wo es geschieht. Dadurch ist jedem Ereignis eine bestimmte Stelle und Zahl gegeben, die sich berechnen läßt.

Wenn nun in gewissen Stunden die Ereignisse der Zukunft vor dem inneren Auge des Nostradamus vorüberzogen, so schrieb er sie in französischer Prosa, aber in mystischen Ausdrücken oder – wie er selbst sagt – in dunklen und verworrenen Sätzen nieder, um weder zu viel Klarheit zu geben, noch auch zu großen Irrtum zu verursachen. Ferner um eine gewisse Scheu und Ehrfurcht vor seinen Weissagungen zu erwecken.

Als er diese Sprache später immer noch für zu offen hielt, übertrug er sie aus der Prosa in gebundene Rede und stellte sie in vierzeilige Strophen, Quatrains, zusammen. Diese teilte er nach Hunderten als Centuries ab. Bei dieser Versifikation wurde die ohnehin dunkle Sprache noch mystischer, obschon sie dem Seher immer noch zu offen schien und er sich deshalb lange nicht zur Herausgabe seiner Verse entschließen konnte. Um auch keine chronologische Handhabung zur Deutung der Vorhersagen zu geben, mischte er überdies die für die verschiedensten Zeiten geltenden Sprüche noch durcheinander. Erst als verschiedene vorausgesagte Ereignisse, die Abdankung Karls V., der Tod Heinrichs II. und die Hugenottenkriege nahe bevorstanden, entschloß er sich 1555 die ersten sieben Centuries herauszugeben. Drei Jahre darauf folgten weitere drei Centuries, die Nostradamus Heinrich II. zueignete.

Kaum waren die Prophezeiungen erschienen, als sie mit Hohn und Spott überschüttet wurden. Man zögerte nicht, Nostradamus als Betrüger und Scharlatan zu erklären. Katharina von Medici aber ließ den Astrologen am 15. August 1556 an ihren Hof kommen und ihren vier Söhnen in Blois die Nativität stellen. Er sagte ihnen wahrheitsgemäß voraus, daß drei Könige werden würden, verschwieg aber diplomatisch, daß die Krönung des einen durch den Tod des andern bedingt würde.

So hatte auch Cornelius Agrippa dreißig Jahre früher Karl von Bourbon zwar die Einnahme Roms vorhergesagt, seinen Tod dabei aber verheimlicht.

Mit Gold und Ehren überhäuft, kehrte Nostradamus nach Salon zurück. Er war so berühmt geworden, daß Fälscher Prophetien unter seinem Namen herausgaben. Dadurch, durch die Dunkelheit seiner echten Prophetien und das Fehlen der Jahreszahlen wurden viele am Können des Sehers irre.

Da ging während des Nostradamusstreites eine Prophezeiung in Erfüllung, die er im 35. Quatrain der ersten Centurie gegeben hatte.

In der in Lyon im Jahre 1555 erschienenen ersten, noch unvollständigen Ausgabe seiner Prophezeiungen finden wir folgenden Vierzeiler:

»Le lyon jeune le vieux surmontera En champ bellique par singulier duelle: Dans cage d’or les yeux luy crevera, Deux classes une, puis mourir, mort cruelle.«

Auf deutsch:

Der junge Löwe wird den alten überwinden Auf kriegerischem Felde durch Einzel-Zweikampf: In goldenem Käfig wird er ihm die Augen ausstechen, Von zwei Brüchen der erste, dann sterben eines grausigen Todes.

Le Pelletier⁠[180], der diesen Quatrain kommentiert, umschreibt classe mit κλάσις brisur, ébrachement und une als una, die erste. Daher sind wir zu obiger Übersetzung berechtigt.

Nun die Erklärung:

Im Juli 1559, gelegentlich der Doppelhochzeit von Töchtern Heinrichs II. – Elisabeth heiratete Philipp II. von Spanien, Margarete den Herzog Emanuel Philibert von Savoyen – streckte der »junge Löwe« Graf Montgomery den »alten« König Heinrich II. von Frankreich in den Sand, und zwar im Tjost, bei dem einer gegen den anderen, also einzeln (par singulier duel) die Kräfte maß. Das steht im Gegensatz zu den zur Ritterzeit gebräuchlichen Buhurt, einem ungefährlichen Reiterspiel mit stumpfen Waffen, oder dem Turnier, wo größere Scharen von Rittern gleichzeitig gegeneinander die – stumpfen – Lanzen verstechen⁠[181]. Dabei drang seine Lanze durch das goldene Visier des Helmes (cage d’or) ins rechte Auge. Der König starb am 10. Juli erst vierzigjährig an der erhaltenen Wunde. Das war der erste gewaltsame Bruch am Aste der Valois.

Der zweite ereignete sich am 1. August 1589, als der junge fanatische Dominikanermönch Jaques Clément König Heinrich III. im Lager zu St. Cloud mit einem Dolche den Unterleib durchbohrte. Der König starb noch am gleichen Abend unter furchtbaren Schmerzen und mit ihm erlosch das berühmte Geschlecht im Mannesstamme.

Daß diese Prophezeiung richtig gedeutet wurde, wissen wir nicht nur von Hörensagen und aus der Tatsache, daß von nun an Nostradamus ein berühmter Mann war, sondern auch aus der gleichzeitigen Literatur. Brantôme in seinen Vies des Hommes illustres erzählt in dem Heinrich II. gewidmeten Abschnitt ebenso wie Guynaud in seiner Concordance des Prophétie de Nostradamus die Umstände bei diesem Turnier genau. Ja, wir wissen auch, daß dem König, der sich in Kraftproben gefiel, das bevorstehende Unglück vorhergesagt worden war, jedoch ohne ihn von seinem Vorhaben abzubringen.

Einst besuchte Herzog Philibert Emanuel von Savoyen mit seiner Gemahlin Margarete den Seher. Als letztere in gesegneten Umständen war, ließ sie Nostradamus zu sich nach Nizza kommen und befragte ihn über das Geschlecht des zu erhoffenden Kindes. Er antwortete, daß es ein Sohn sein werde, der Karl getauft und ein großer Feldherr werde. Am 12. Januar 1562 kam der Knabe zur Welt und Nostradamus stellte ihm die Nativität⁠[182].

In dieser Nativität hieß es, daß er in einem bestimmten Jahre verwundet, aber nicht sterben werde, als bis eine 9 vor einer 7 komme. Der Prinz, der sein Horoskop sorgfältig verwahrte, sprach eines Tages mit dem Grafen Carignan über das geheimnisvolle und unsichere Helldunkel der astrologischen Prognostika und erzählte, daß ihm Nostradamus für das laufende Jahr eine bedeutende Verwundung vorhergesagt habe. Der Graf konnte nicht begreifen, wie er im tiefsten Frieden schwer verwundet werden könne, worauf der Prinz rasch aufstand, um die Nativität herbeizuholen. In der Eile stieß er den Tisch um, der ihm auf ein Bein fiel und es bedeutend verletzte.

Da sich die erste Prophezeiung so schlagend bewahrheitet hatte, glaubte Prinz Karl, daß nun auch die zweite bezüglich seines Alters eintreffen würde und rechnete auf 97 Jahre. Als er aber schon im 69. Jahre starb, erkannte man, daß auch hier eine 9 vor einer 7 komme, weil auf 69 unmittelbar 70 folgt. So war der Prophet gerechtfertigt. Allerdings beweist dieser Fall – wie zahllose andere – auch die große Schwierigkeit der Interpretation selbst einer richtigen Vorhersage.

Im Jahre 1564, als der junge König Karl IX. mit seiner Mutter den berühmten Propheten aufsuchte, weissagte er letzterer im geheimen, daß ihr Lieblingssohn, der damalige Herzog Heinrich von Anjou, den Thron besteigen würde. Auch Heinrich von Navarra, dem nachmaligen König Heinrich IV., weissagte Nostradamus die Krone.

Übrigens ernannte Karl IX. den Seher zu seinem Leibarzt und überreichte ihm ein Geschenk von zweihundert Goldtalern, Katharina aber fügte noch hundert aus eigener Tasche hinzu. So fehlte es ihm weder an Geld noch an Ehren. Da er ein Wohltäter der Armen und Kranken war, ein aufopfernder, pflichtgetreuer Arzt, so wußten auch seine Mitbürger ihn zu schätzen.

Sein Freund Jean Aimè Chavigni – latinisiert Janus Gallicus – erzählt⁠[183], daß er des Nostradamus’ Krankenbett spät in der Nacht des 1. Juli 1566 verließ und mit Sonnenaufgang wiederzukehren versprach. Der Kranke, der die letzten sechzehn Lebensmonate an der Gicht gelitten hatte und bereits acht Tage vor seinem Tode das Abendmahl empfing, zwei Tage vorher aber sein Testament machte, antwortete dem Freund: »Der Sonnenaufgang wird mich nicht mehr unter den Lebenden finden.«

Da er jedoch leicht atmete und man überhaupt keine Anzeichen des herannahenden Todes an ihm wahrnahm, zogen sich alle zurück, um einige Stunden der Ruhe zu pflegen. Als man dann in der Morgendämmerung ins Krankenzimmer trat, fand man Nostradamus tot auf einer Bank in einer Stellung, die deutlich bewies, daß er ein sanftes Ende gefunden hatte.

Man entdeckte unter den Papieren des Verstorbenen folgendes nach seiner Rückkehr von Arles, wohin Karl IX. im Jahre 1564 ihn hatte kommen lassen, geschriebene Quatrain, in dem er die Umstände seines Todes schildert⁠[184]:

Zurückgekehrt legt’ ich des Königs Gabe nieder; De retour d’Ambassade, don de Roi mis au lieu;

Die Arbeit ist vollbracht, ich geh zu Gott; Plus n’en fera: sera allé à Dieu:

Mir nahn Verwandte, Freunde, Blutesbrüder – Parans plus proches, amis, freres du sang –

Bei einer Bank an meinem Bett werd’ ich gefunden tot. Trouvé tout mort près du lict et du banc.

Am 2. Juli wurde Nostradamus links vom Haupteingang der Minoritenkirche in Salon in einer Nische beigesetzt, was auch einer Prophezeiung entsprach. Hier möge es offen bleiben, ob sein Grab nicht danach gewählt wurde.

Nostradamus hinterließ außer den Centuries noch in Prosa geschriebene Prophezeiungen, die Chavigni in zwölf Büchern zusammenstellte. Sie sollen klarer gewesen sein, als die Centuries, gingen aber verloren.

Die Prophetien beginnen im Jahre 1555 und enden am Schlusse des ersten angeblichen Geschichtsweltalters im Jahre 3797 n. Chr. Räumlich behandeln sie, wie Nostradamus im Anschreiben an Heinrich II. mitteilt, ganz Europa und einen Teil Afrikas und Asiens, während sie den Osten Asiens oder Indien nicht umfassen. Besonders zahlreich sind die auf Frankreich bezüglichen Sprüche, und auch hier ist es besonders sein Heimatland Provence und das angrenzende Piemont.

Bevor wir weiter auf die Prophezeiungen eingehen, die besser überliefert sind, als man bei der Schwierigkeit der Sprache und den zahlreichen eingestreuten Provinzialismen, Fremdworten und Neubildungen – die dem Abschreiber bzw. Drucker natürlich große Schwierigkeit bereiteten – erwarten sollte, wollen wir einen Blick auf die Fälschungen werfen.

Sie sind zahlreich und in der Regel nur auf Grund alter Ausgaben bzw. der kritischen von Le Pelletier festzustellen. Dann allerdings ohne Schwierigkeit. Bis in die allerneueste Zeit haben sich Fälscher oder Spaßvögel des Namens des großen Astrologen bedient.

So zirkulierte etwa im Jahre 1903 folgendes nicht in einer Originalausgabe enthaltene Quatrain:

Albion royne de la mer Alors qu’ira montagne de l’air Cloche en canon, navir en cloche Dis que la dernière heure approche.

Hieraus las man den Untergang der Seeherrschaft Englands zur Zeit der Luftschiffe, Hohlgeschosse und Unterseebote. Natürlich war es eine Fälschung.

Im Jahre 1870 tauchte ein anderer angeblicher Quatrain des Nostradamus auf, in dem dem zweiten Kaiserreich eine Lebensdauer von genau 17¾ Jahren »et pas un jour de plus« vorausgesagt war. Da es vom 2. Dezember 1852 bis zum 2. Dezember 1870 dauerte, so war die Prophezeiung richtig, nur findet sich leider bei Nostradamus nichts davon⁠[185].

Mit welchem geradezu unglaublichen Mangel an Logik zu Werke gegangen wird, wenn es gilt, eine unangenehme Tatsache aus der Welt zu schaffen, zeigt sich hier wieder einmal deutlich. Man folgert daraus, daß es auch gefälschte Prophezeiungen gibt, etwas gegen die echten! Und doch könnte jeder des Lesens Kundige sich durch einen Blick in alten Ausgaben überzeugen, daß es auch echte gibt und zwar sehr viele. Es ist ein Vorrecht der Ignoranz apodiktisch aufzutreten, und die gerade modernen wissenschaftlichen Theorien scheinen zu ihrer Unterstützung die gröbsten logischen Schnitzer nicht entbehren zu können.

Wir wollen nun aus der großen Zahl von eingetroffenen Prophezeiungen einige herausgreifen. Wir betonen dabei wiederum, daß eine einzige wahre Vorhersage, d. h. eine, die Zufall und Berechnung ausschließt, die Tatsächlichkeit des Phänomens bereits beweist.

Der 75. Quatrain der VI. Centurie lautet:

Le grand pillot par Roy sera mandé, Laisser la classe pour plus haut lieu atteindre: Sept ans après sera-contrebandé, Barbare armée viendra Venise craindre.

Diese Vorhersage ging schon sehr bald in Erfüllung. Wollen wir sie zunächst übersetzen und mit Le Pelletier kommentieren⁠[186].

»Der große Pilot wird vom König mit einem Amt betraut werden (mandé = mandatus, das Mandat erhalten). Er wird die Flotte verlassen, um zu einem noch höheren Range emporzusteigen: Sieben Jahre nachher wird er Schleichhändler sein (d. h. sich gegen die legitimen Gewalten auflehnen), eine barbarische Armee wird Venedig Furcht einjagen.«

Gaspard de Coligny wurde vom König Heinrich II. zum Admiral befördert im Jahre 1552. Er dankte im Jahre 1559, beim Tode des Königs, ab, um als Parteihaupt der Kalvinisten tatsächlich eine mächtigere Stellung einzunehmen. Hier wurde er im Jahre 1562 zum ersten General-Leutnant ernannt. Im Jahre 1567, also sieben Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem königlichen Dienst, stand er auf der Höhe als Organisator des Bürgerkrieges (Contrebandé). In die Jahre 1567 bis 1569 fallen die drei großen von den Protestanten gelieferten Schlachten bei Saint-Denis, Jarnac und Moncontour. In der letzten war Coligny Höchstkommandierender. Diese Ereignisse fielen zeitlich zusammen mit dem bedrohlichen Vordringen der Waffen des Sultans Selim II., der Venedig im Jahre 1570 die Insel Zypern abnahm. Im gleichen Jahre 1570 schlossen die Protestanten und Katholiken zu St.-Germain Frieden.

Daß diese Ereignisse sich gut mit dem Quatrain identifizieren lassen, wird wohl niemand bestreiten. Ja, sie müssen sogar identifiziert werden, da gar nicht so viele Jahre in Frage kommen, in denen Venedig vor den Türken zittern mußte. Ferner dürfte Coligny der einzige Admiral gewesen sein, der es zum Führer der Revolution gebracht hat. Auch die Zeitangabe von sieben Jahren wird stutzig machen. Immerhin können wir den Einwand nicht widerlegen, daß diese Ereignisse, weil teils noch zu Lebzeiten des Nostradamus, teils kurz nach seinem Tode eintretend, durch Kombination von ihm hätten erraten werden können, oder daß man Ereignisse später dem Quatrain unterlegte.

Obiger Quatrain diene übrigens als gutes Beispiel für die schwer verständliche Sprache des Astrologen. pillot ist ein italienisches Wort (piloto, pillotare); la classe, von classis abgeleitet ist lateinisch, contrebandé ebenso wie mandé ist romanisch. Dazu kommt die Inversion des letzten Verses, der natürlich gelesen werden muß: Venise craindra une armée barbare qui viendra. Diese Dunkelheit bewirkt, daß es nahezu unmöglich ist, eine Prophezeiung zu verstehen, bevor sie eingetreten ist. Ist dies aber der Fall gewesen, dann wird alles, fast jedes Wort, erstaunlich klar.

Um nicht den Vorwurf zu riskieren, wir verschwiegen etwas, was zu Ungunsten des Nostradamus angeführt werden kann, sei mitgeteilt, daß man den Nachweis erbrachte, daß er zahlreiche Prophezeiungen älterer und auch zeitgenössischer Seher in seine Sammlung aufgenommen habe. Das gilt in den Augen von manchen als Beweis seiner betrügerischen Scharlatanerie.

Abgesehen davon, daß viele Seher ebenso handelten, kommt es doch ganz allein darauf an, daß eine Prophezeiung auch wirklich eintrifft. Damit, daß Nostradamus da und dort Sprüche anderer aufnimmt, um sie seinem eigenen Werke einzuverleiben, übernimmt er für sie auch die Verantwortung. Er wird sie zweifellos, schon mit Rücksicht auf seinen Namen, vorher nachgeprüft haben. Es wäre von ihm sehr töricht gewesen, wenn er wertvolle Vorhersagen nur deshalb aus seinem Werke fortgelassen hätte, weil sie nicht von ihm selbst stammen. Das wäre ja etwa so, als wenn jemand über irgend eine Wissenschaft, sagen wir über Chemie schriebe, und dabei ausschließlich das im Buche aufführte, was er selbst entdeckt hat.

Auch der Vorwurf des Plagiates wäre vorschnell. Denn abgesehen davon, daß das Mittelalter den Begriff kaum kannte, wäre es ja eine ganz unmögliche Forderung im Quatrain den Namen des Autors anzugeben.

Gehen wir jetzt zu weiteren Prophezeiungen des großen Sehers über in der Hoffnung, allmählich selbst dem hartnäckigsten Zweifler die Augen zu öffnen.

Wir nehmen einen Quatrain, der uns beweiskräftig scheint, weil die Identifizierung sehr leicht ist. Es ist der 55. der III. Centurie und lautet:

En l’an qu’un oeil en France regnera La Cour sera en un bien fascheux trouble: Le Grand de Blois son amy tuera; Le regne mis en mal et doute double.

Mit Le Pelletier⁠[187], dem gründlichsten Kenner und liebevollsten Interpreten unseres Astrologen, übersetzen und kommentieren wir wie folgt:

Im Jahre, in welchem ein Einäugiger in Frankreich herrschen wird, wird der Hof in einer höchst unangenehmen Verlegenheit sein: Der Große von Blois (d. h. der König von Frankreich, der sein lit de Justice in Blois abhielt)⁠[188] wird seinen Freund töten; das Königreich, in üble und unsichere Situation versetzt, wird (sera ist zu ergänzen) doppelt sein, d. h. in zwei Teile gespalten werden.

Diese Vorhersage muß auf das Jahr 1559 datiert werden, weil es das einzige in der ganzen französischen Geschichte ist, in dem es einen einäugigen König gab. Wie wir schon früher gesehen haben, war ja Heinrich II. vom Grafen von Montgomery das Auge ausgestochen worden, eine Verwundung, die der König kurze Zeit überlebte. Gerade vom Jahre 1559 ab ereigneten sich aber die ungünstigen Dinge, die Nostradamus andeutet, wenn sie sich auch allerdings nicht im gleichen Jahre schon erfüllten, so daß man ev. sagen könnte, der Seher habe sich in der Zeit geirrt.

Der französische Hof wurde damals in die allerunangenehmste Lage versetzt. Heinrichs II. Nachfolger, der sechzehnjährige, schwache Franz II., unter dem die Hugenotten sich empörten – auch der Name tritt jetzt zuerst auf – war in keiner Weise fähig, den beginnenden Religionskrieg im Keime zu ersticken. Als er schon 1560 starb und der zehnjährige Karl IX. unter der Regentschaft der Katharina von Medici folgte, wurde es nicht besser. Er beteiligte sich bekanntlich persönlich am Blutbad der Bartholomäusnacht, in der Tausende der Hugenotten ermordet wurden. Die Guise spielten im Reich die erste Rolle. Gegen Heinrich III., Karls Nachfolger, konspirierten sie. Da holte er zu einem Gewaltstreich aus, bei dem er seine Generalstände nach Blois berief und dort den Herzog von Guise in seinem Kabinett ermorden ließ. Vorher hatte er mit ihm als Beweis für seine Freundschaft die Hostie geteilt (daher son amy). Die Folge der Bluttat war, daß sich die zwei feindlichen Parteien, die Royalisten und die Ligisten, mit höchster Wut bekämpften. Paris ging zu offener Revolution über, die Sorbonne entband vom Treueid, und als Heinrich die Stadt belagern wollte, wurde er ermordet⁠[189].

Man kann nicht sagen, daß die Voraussage des Nostradamus weniger wunderbar ist, weil sie sich bereits nach vier Jahren erfüllte; denn daß dieser Quatrain bereits in der im Jahre 1555 abgeschlossenen und edierten unvollständigen Ausgabe steht, ist sicher. Wenn wir das Phänomen der Prophetie beweisen wollen, dann ist es aber ganz gleichgültig, ob eine Vorhersage sich nach einigen Tagen oder einigen Jahrhunderten realisiert. Ausschlaggebend muß nur sein, daß es sich weder um Zufall, noch um Berechnung handelt.

Was das letztere betrifft, so wird wohl kein Mensch auf der Welt so einfältig sein, zu behaupten, daß irgend jemand auf gewöhnlichem Wege ausrechnen könnte, daß Frankreich einmal von einem einäugigen König beherrscht werden würde. So etwas zu kombinieren – das kann ohne jegliches Zögern ausgesprochen werden – ist schlechthin unmöglich.

Tatsächlich ereignete sich in Blois – der Name ist ja angegeben – das scheußliche Verbrechen mit seinen Folgen! Jedes Wort beruht auf Wahrheit!

Bleibt noch der Zufall. Da sich diese Ereignisse: die Einäugigkeit des Königs, das Zusammentreffen der Einäugigkeit mit dem späteren Vorgang, insofern Frankreich, von einem erfahrenen und energischen Monarchen geleitet, wohl kaum die Wirren hätte erdulden müssen, die es unter Kindern und Unreifen erlitt, die Tat des Königs, der Ort Blois, der »Freund«, die Zerspaltung Frankreichs und die üble Lage des Hofes, weil z. T. überhaupt Unica bildend, nicht gut in eine Wahrscheinlichkeitsrechnung einfangen lassen, wollen wir vorläufig darauf verzichten, den Koeffizienten zu berechnen.

Übrigens nimmt auch der 51. Quatrain der III. Centurie auf den Mord in Blois Bezug:

»Paris conjure un grand meurtre commetre, Blois le fera sortir en plain effect.«

Nachdenklich mag auch die Présage 58 stimmen:

Le Roy-Roy n’estre, du Doux la pernicie, L’an pestilent, les esmeus nubileux. Tien’qui tiendra, des grands non letitie: Et passera terme de cavilleux.«

Le Roy-Roy, der doppelte König, ist Heinrich III. der, wie bereits erwähnt, die Krone Polens vor der Frankreichs getragen hatte. Die Übersetzung lautet:

Der zweifache König stirbt (n’estre = n’est plus) als Mordtat des Süßen. (pernicie = lateinisch pernicies Verderben, Untergang).

Im unglückseligen Jahr, wenn die Anstifter der Unruhen sorgenvoll sind.

Daß der, der halten wird, nicht los läßt! den Großen nicht zur Freude. (letitie = lateinisch laetitia).

Und er wird das Ziel passieren, das ihm die Spötter (cavilleux = railleur vom lat. cavillator) bestimmt haben.

Daß König Heinrich ermordet wird von einem »Süßen«, ist ein offenbarer Unsinn, denn Mörder pflegen mit diesem Epitheton nicht belegt zu werden. Wie aber, wenn wir hören, daß der Mörder Clément hieß? Was dem Sinne nach ungefähr dasselbe bedeutet? Das legt den Gedanken nahe, Nostradamus habe den Namen gekannt, aber absichtlich zum Zweck der Verdunklung durch ein Synonym ausgedrückt.

Ja, ist es denn möglich, daß die Prophetie uns sogar die Namen zukünftiger geschichtlicher Personen enthüllt?

Wir sehen hier, daß es aller Wahrscheinlichkeit nach sogar wirklich ist. Aber erst wenn wir durch spätere Quatrains den zwingenden Beweis, daß sogar die Angabe des Namens im Bereiche von Nostradamus wunderbarer Kunst lag, erbracht haben, fordern wir vom Leser, daß er sich auch hier bekehrt und zugibt, daß »du Doux« gleichbedeutend mit »Clement« ist.

Alles andere stimmt ganz genau mit der Wahrheit überein. Heinrich III. wurde 1589 ermordet, einem Jahre, das besonders durch Bürger- und Religionskrieg verhängnisvoll sich vor anderen auszeichnete (pestilent). Die Revolutionäre waren damals tatsächlich sehr besorgt (nubileux), denn der König zog ja vor Paris und hätte es unzweifelhaft erobert und die Ligisten vernichtet, wäre die Mörderhand nicht dazwischen gekommen⁠[190].

Geradezu bewundernswert ist das »Tien’qui tiendra«, wenn wir Heinrich IV., damals noch König von Navarra, substituieren. Er, der später die Krone tragen wird, soll nur ja nicht loslassen! Das wird allerdings seinen großen Gegnern, Philipp II., Mayenne, Herzog von Aumale und den anderen katholischen Herren wenig angenehm sein. Tatsächlich überschritt Heinrich IV. das Ziel, das die Spötter von der Partei der Guise ihm gesteckt hatten in jeder Hinsicht durch die Macht, die er, der einstige Kalvinist und Herr des kleinen Navarra, als König ausübte.

Daß dieser Quatrain im vollen Umfange in Erfüllung gegangen ist, wird ja kaum jemand bestreiten wollen. Da das erst 25 Jahre nach dem Tode des Sehers eintrat, ist Kombination ausgeschlossen und der Beweis für die Existenz echter Prophetie wäre hinreichend erbracht.

Doch wir wollen uns nicht mit der Feststellung der Tatsache begnügen, sondern auch den Umfang der Gabe zu bestimmen versuchen. Die schwersten Proben werden zweifellos richtige Angaben von Namen und Jahreszahlen sein. Denn gegen die tatsächlichen Vorgänge werden unverbesserliche Skeptiker immer wieder anführen können: irgend etwas ereignet sich immer mal in der Weltgeschichte, und sei es die verwegenste Konstruktion, zumal wenn man – wie bei Nostradamus – zwei Jahrtausende Zeit hat, seine Auswahl zwecks Identifikation zu treffen. Da hier der Gegenbeweis sehr schwer wäre, wollen wir also durch Namen, die sich in der Weltgeschichte durchaus nicht wiederholen und stets Identifizierung der Nation, häufig auch sogar Datierung gestatten, dem Gegner die Rückzugslinie abschneiden.

Der 18. Quatrain der IX. Zenturie lautet:

Le lys Dauffois portera dans Nanci Jusques en Flandres electeur de l’Empire; Neusve obturée au grand Montmorency, Hors lieux prouvés delivré à clere peyne⁠[191].

An Namen ist hier kein Mangel. Übersetzen wir nun mit Le Pelletier (I., p. 113):

»Die Lilie des (bisherigen) Dauphin (die Lilie war bekanntlich das Wappen der Bourbons; Dauffois ist Synkope für Dauphinois = Dauphin) wird nach Nancy kommen und wird bis nach Flandern einen Kurfürsten des Reiches unterstützen (portera = supportera).

Neues Gefängnis (obturée lateinisch = obturare, einsperren) dem großen Montmorency.

Außerhalb des dazu bestimmten Ortes (prouvés für approuvés) wird er ausgeliefert werden dem Clerepeyne (oder: einer berühmten Strafe).«

Alle angegebenen Daten und Namen passen auf Ludwig XIII., den wir auch aus einem anderen Grunde mit dem lys-Dauffois identifizieren müssen.

Seine Truppen drangen am 24. September 1633 in Nancy ein und der König selbst folgte am andern Tage. Daß Nancy, die Hauptstadt des Herzogtums Lothringen, nicht zu Frankreich gehörte, es sich vielmehr um einen Kriegszug handelt, weil Lothringen französische Rebellen unterstützte, ist immerhin erwähnenswert. Er drang im Jahre 1635 bis nach Flandern vor, um die Sache des Kurfürsten von Trier, der 1635 in spanische Gefangenschaft geraten und nach Brüssel entführt worden war, zu unterstützen. Und zwar war diese Gefangennahme Anlaß der Kriegserklärung und Ludwig belagerte Löwen in Flandern. Etwa um die gleiche Zeit – im Jahre 1632 – wurde Heinrich II. Montmorency wegen Rebellion gegen seinen Herren Ludwig XIII. im neu erbauten Gefängnis des Rathauses in Toulouse eingesperrt (neusve obturée). Darauf wurde er einem Soldaten namens Clerepeyne übergeben, der ihm nicht an dem dafür bestimmten Orte (hors lieux prouvés), das wäre der Stadtplatz, place du Salin, in Toulouse gewesen, sondern – als Gnade – im verschlossenen Hofe des Rathauses am 30. Oktober 1632 den Kopf abschlug vor der Statue seines Paten, Heinrichs IV., dem sein Vater zum Teil die Krone Frankreichs verdankte. Auch ersteres war eine Gnade, die die Familie Montmorency beim König erwirkte, daß nämlich der Verurteilte von der entehrenden Hand des Henkers verschont bleiben sollte.

Was den Namen des Soldaten betrifft, so bezeugt der Zeitgenosse Etienne Joubert⁠[192] dieses Faktum nicht minder, wie der Chevalier de Jant, wie Le Pelletier feststellt. Motret⁠[193] hat diesem höchst merkwürdigen Sachverhalt, merkwürdig insofern als jedes Wort des Nostradamus in verblüffender Weise durch die nachträglichen Ereignisse bestätigt wurde, eine eingehende Untersuchung gewidmet.

Übrigens haben wir hier neuerdings ein Beispiel für die ungeheure Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit die Quatrains zu deuten, bevor sie sich erfüllt haben. clere peyne würde – auch wenn es nicht der Familienname des mit der Exekution betrauten Soldaten gewesen wäre – einen völlig zutreffenden Sinn geben. Denn es ist zweifellos eine berühmte Strafe, wenn ein Herzog hingerichtet wird.

Zugetroffen sind also in diesem Quatrain: 1. der Name Dauphin, da Ludwig XIII. seit einem Jahrhundert d. h. seit dem Jahre 1566, als die IX. Centurie erschien, der erste König von Frankreich war, der vor seiner Thronbesteigung diesen Titel geführt hatte.

2. Die Ortsnamen Nancy, das der König eroberte, und Flandern, in das er eindrang, womit implicite auch zwei Kriege richtig prophezeit sind.

3. Die Person des Kurfürsten, der den Krieg verursacht hatte.

4. Der Name Montmorency, mit dessen Tode die Hauptlinie des uralten Geschlechtes erlosch, und der mit Recht »der Große« heißt⁠[194]. Denn mit 17 Jahren war er bereits Admiral, zeichnete sich bei der Eroberung von La Rochelle aus und setzte 1630 den Grafen Doria gefangen.

5. Der Name des hinrichtenden Soldaten Clerepeyne.

Endlich die Nebenumstände als: Neubau des Rathauses, die Hinrichtung außerhalb der Richtstätte und zwar nicht durch Henkershand, sondern durch einen Soldaten.

Der Beweis, daß Nostradamus die Namen, und zwar gleich eine ganze Reihe, richtig zu bestimmen wußte, ist durch dieses Quatrain über jeden Zweifel sicher erbracht.

Nun wir diese Gewißheit erlangt haben, werden wir auch nicht mehr zögern, den Namen »Doux« oben richtig in den Eigennamen des Mörders Clement aufzulösen. Aus welchen Gründen Nostradamus damals das Synonym wählte, vielleicht, weil das Ereignis zu nahe seiner Lebenszeit lag, bleibe dahingestellt.

Schon jetzt wird niemand es Vermessenheit nennen können, wenn wir Nostradamus die Gabe der Prophetie in hohem, ja, wie wir noch sehen werden, in bisher nie wieder erreicht hohem Grade zuerkennen. Es handelt sich bei ihm nicht um ein Tappen im Dunkeln, um ein Herumraten und Aufstellen von Luftschlössern, deren Realisierung er der Weltgeschichte überläßt. Es ist durchaus unzulässig anzunehmen – wie wir das früher hypothetisch taten – daß die Prophezeiungen nur deshalb zum Teil in Erfüllung gehen, weil eben alles, was Menschen sich nur ausdenken können, irgend einmal und irgendwo in der Geschichte greifbare Gestalt annimmt.

Das Gegenteil ist der Fall: Der Seher sieht hell in die Zukunft. Aber er hat Gründe, seine Sprüche so zu redigieren, daß sie erst nach ihrer Erfüllung verstanden werden können. Er weiß also viel mehr, als er sagt. Noch ein paar Beispiele mögen den Beweis unterstützen. Dabei möchten wir bemerken, daß von den annähernd zwei Jahrtausenden, auf die sich die Prophezeiungen erstrecken, ja erst dreieinhalb Jahrhunderte verflossen sind, so daß es ganz selbstverständlich ist, daß auch erst ein Bruchteil der Quatrains hat identifiziert werden können. Immerhin sind es schon gegen 200, die Le Pelletier sammelte und die neuerdings noch vermehrt werden konnten. Für unsere Beweisführung würde freilich ein einwandfrei feststehender Fall genügen – und wir haben deren ja schon eine stattliche Reihe – aber wir setzen voraus, daß der Leser, dem Zeit und Lust fehlen, bei Le Pelletier sich zu informieren, einiges Interesse an weiteren Voraussagen hat.

Der 92. Quatrain der II. Centurie lautet:

»Feu couleur d’or du ciel en terre veu, Frappé du haut nay, faict cas merveilleux, Grand meurtre humain: prins du grand le nepveu, Morts d’espactacles éschappé l’orgueilleux.«

Zu deutsch:

Goldfarbenen Feuerschein sieht man vom Himmel bis zum Erden, Geschlagen vom Hochgeborenen, wunderbares Geschehnis, Großes Menschengemetzel: Gefangen genommen wird der Neffe des Großen, Der Stolze entgeht einem aufsehenerregenden (theatralischen) Tode.«

Da »Le nepveu« (neveu) der ständige Name Napoleons III. bei Nostradamus ist, wird auch der Geschichtsunkundige ohne Schwierigkeit feststellen können, daß die Katastrophe von Sedan gemeint ist.

Jedes Wort stimmt hier wieder. Das brennende Sedan als Hintergrund. Der Hochgeborene, eigentlich der Höhergeborene, ist König Wilhelm I., ein treffender Gegensatz zu der kurzen Familiengeschichte des Franzosenkaisers. Der Fall der Gefangennahme einer so großen Armee war tatsächlich ein wunderbares Vorkommnis. Die Weltgeschichte bietet hierzu bis zum heutigen Tage kein weiteres Beispiel. Besonders verblüffend, mehr noch als die Vorhersage der furchtbar blutigen Schlachten und der Gefangennahme des Neffen des großen Napoleon ist die letzte Zeile. Bekanntlich war es dem dritten Napoleon vollkommener Ernst, als er in dem berühmten durch den Grafen Reille Wilhelm I. überreichten Briefe schrieb: »N’ayant pas pu mourir au milieu de mes troupes etc.« Er hatte den Heldentod gesucht, aber das Schicksal war grausam genug, dem unglücklichen Manne diese letzte Gunst zu versagen. »Morts d’espactacles« nennt es Nostradamus, gemeint ist dasselbe.

Die Worte »faict cas merveilleux« scheinen, wie Albert Kniepf, der zuerst den Quatrain identifizierte⁠[195] bemerkt, eine Reminiszenz an 1806 und Jena zu sein.

Le Pelletier hatte seine Erläuterungen zu den Quatrains am 1. Januar 1867 abgeschlossen und bemerkt, daß er sich in bezug auf die Zukunft des Kaisers »eine gewisse Reserve auferlege, da einige Quatrains sich noch auf dessen Fatum kurz über lang zu beziehen scheinen«⁠[196]. Er hatte also augenscheinlich diese Vorhersage, die nicht allzuschwer zu identifizieren war, nachdem man wußte, daß »le neveu«, der Neffe des großen Napoleons war, schon bemerkt, verschwieg sie aber aus persönlichen Gründen. Eine Vorsicht, die also nicht nur Nostradamus walten ließ, als er seine Vorhersagen möglichst verdunkelte, die noch bis zum heutigen Tage jeder Seher beobachtet. Es ist ja sehr naheliegend, aus welchen Gründen.

Der 34. Quatrain der IX. Centurie lautet in der im Todesjahre des Nostradamus (1566) zu Lyon erschienenen Ausgabe von Rigaud folgendermaßen:

Le part soluz mary sera mitré Retour: conflict passera sur le thuille Par cinq cens: un trahyr sera tiltré Narbon: et Saulce par coutaux avous d’huille.

Le Pelletier, der seine Ausgabe aufs sorgfältigste nach dem alten Druck von Pierre Rigaud (Lyon 1558–1566) mit den Varianten der folgenden Ausgaben hergestellt hat, erklärt die altfranzösischen etc. Ausdrücke wie folgt:

Part ist = époux, Gatte; soluz = solus, lateinisch: also seul, allein; mary = affligé, betrübt, par in der letzten Zeile ist soviel wie parmi, unter; coutaux = lateinisch custos, Wächter, Hüter. Avous = lateinisch avus, aieux, Vorfahren. Tiltré = tituliert.

Demnach heißt der Vierzeiler: Der Gatte wird einsam betrübt mit der Mitra geschmückt werden nach seiner Rückkehr. Ein Angriff wird geschehen auf den Tuille durch fünfhundert: ein Verräter wird sein Narbon mit hohem Titel und Saulce unter seinen Vorfahren Hüter des Öls (habend).

Die Sprache ist zweifellos höchst dunkel. Das Wort hat eben, wie Bormann, der diesem Quatrain eingehende Untersuchungen widmet, denen wir uns nachstehend anschließen⁠[197], richtig bemerkt, in der gedrängten Orakelsprache oft weittragenden Sinn unter Bezug auf lange Begebenheiten.

Wenn wir allerdings die historischen Begebenheiten als Auflösung in die Rechnung einsetzen, dann sind wir gezwungen, die Prophezeiung zu den verblüffendsten zu rechnen, die überhaupt möglich sind.

Am 20. Juni 1791 ereignete sich bekanntlich die Flucht des Königs Ludwigs XVI. von Frankreich und seiner Gemahlin Marie Antoinette. Genau ein Jahr später, am 20. Juni 1792 fand die Massendemonstration der Jakobiner gegen den König statt und der Einfall eines Pöbelhaufens in die Tuilerien. Dabei wurden der König sowie seine Gemahlin nicht nur beschimpft, sondern ihnen auch die rote Jakobinermütze aufs Haupt gesetzt, bzw. er setzte sie sich nach anderen Berichten selbst auf.

Jetzt hat der erste Satz einen erstaunlichen Sinn erhalten, wie kaum jemand wird bestreiten können. Er heißt also: Der betrübte Gatte, nämlich Ludwig XVI., wird allein – denn er war von der Königin getrennt, die im Beratungssaal der Minister ähnlichen Kränkungen wie der König im Saale Oeil de Boeuf ausgesetzt war – mit der Mütze geschmückt nach seiner Rückkehr. Jedes Wort stimmt!

Übersetzt man mit Bormann mitré mit Infuliert, was durchaus zulässig wäre, so würde die bittere Ironie desto drastischer wirken, da hier statt des Priesters der »Gatte« infuliert wird. Übrigens sei bemerkt, daß die bischöfliche Mitra gleich der Jakobinermütze rot ist.

Der eigentliche Angriff auf die Tuilerien (le thuille) erfolgte in der Nacht vom 9. auf den 10. August 1792, als die sogenannten Fünfhundert féderés marseillais, die den schlimmsten Auswurf der großen Hafenstadt enthielten, sich in die Hauptstadt ergossen hatten. Die Folge war bekanntlich die Niedermetzelung der tapferen Schweizergarde sowie die Gefangennahme des Königs und das Ende des Königtums. Also sogar die Zahl, die ja den Mordbrennern ihren Namen gab, wird im Quatrain richtig angegeben!

Ebenso der Ort. Katharina von Medici hatte erst kurz vor dem Tode des Nostradamus (1564) an der Stelle, wo früher Ziegeleien standen – daher der Name – den Grundstein zu den Tuilerien gelegt. Das Schloß wurde später von den Königen erweitert. Bekanntlich war die gewöhnliche Residenz nicht dieses Schloß, sondern das von Versailles, das Ludwig XIV. mit ungeheurer Pracht und Verschwendung gebaut hatte. Ludwig XVI. war erst, dem Zwange folgend, am 5. Oktober 1789 in das Pariser Schloß übergesiedelt. Berücksichtigt man noch, daß das älteste Königsschloß der Louvre war, so ist diese Ortsbestimmung nur desto verblüffender. Als Nostradamus seine Prophezeiungen schrieb, ja als sie – 1566 – bereits im Druck erschienen, existierten die Tuilerien noch gar nicht.

Um das Rätselhafte der Prophezeiung voll zu machen, wollen wir noch auf die Namen eingehen.

Narbon »mit hohem Titel« wird als »Verräter« bezeichnet. Dieser Narbon ist natürlich identisch mit Louis Graf Narbonne-Lara (1755–1813), der vom Dezember 1791 bis 10. März 1792 Kriegsminister Ludwigs XVI. war. Seine Mutter, aus spanischem Geschlecht, war eine natürliche Tochter Ludwigs XV. Er selbst wurde am königlichen Hofe in Frankreich erzogen und auf alle Weise bevorzugt, wie ja schon daraus hervorgeht, daß er im Alter von 36 Jahren ein Minister-Portefeuille inne hatte.

Da er über den Parteien stehen wollte und sowohl dem Königtum, wie der neuen Verfassung gerecht zu werden trachtete, das Königtum im Kriege gegen das Ausland, Österreich und Preußen, stärken wollte und gleichzeitig vor der Nationalversammlung Reden voll Elan über die militärischen Hilfsmittel Frankreichs hielt, wurde er von beiden Parteien verdächtigt. Der König entließ ihn unter dem Einfluß der Hofkreise kurzer Hand durch einen lakonischen ungnädigen Brief.

Ein Verräter war der Graf, der am 10. August von den Jakobinern fast umgebracht worden wäre, dann nach England floh, später in die Dienste Napoleons trat und dessen Gesandter in Wien wurde, sicherlich nicht.

Da nun aber, wie Kiesewetter in einer Untersuchung der Prophezeiungen des Nostradamus feststellt, diese durchgehends vom royalistischen Standpunkt aus geschrieben sind, ist es begreiflich, daß unter diesem Gesichtswinkel der Enkel Ludwigs XV., der nicht unbedingt seinem König durch dick und dünn beisteht, sondern über den Parteien schweben will, als Verräter gilt.

Der andere Verräter ist Saulce »unter seinen Ahnen Hüter des Öls«.

Auch dieser Name ist historisch.

Sauce, ohne l, hieß nämlich der Krämer und Gastwirt in Varennes, der Ludwig XVI. auf der Flucht erkannte und anhalten ließ. Wie Le Pelletier feststellte, waren schon die Vorfahren von Sauce seit langem Inhaber dieses Krämerladens. Wie Madame Campan⁠[198] erzählt, saß in diesem Laden Marie Antoinette zwischen zwei Paketen Talglichtern im Gespräch mit der Frau des Inhabers Sauce. Was das »Hüter des Öls« betrifft, so entspricht dieser Ausdruck, wie auf der Hand liegt, etwa unserem »Heringsbändiger«. Er soll als despektierliche Bezeichnung des kleinen Krämers im Gegensatz zum vornehmen Narbonne dienen.

Übrigens wurde der Verrat des Sauce, bestehend in der Verhinderung der Flucht des Königs am 18. August 1791, durch Beschluß der Nationalversammlung feierlich anerkannt und durch eine Dotation von 20 000 Livres belohnt.

Hyperkritikern, die aus der Namensverschiedenheit bzw. der verschiedenen Schreibweise Saulce und Sauce Einwände herleiten zu können glauben, sei eröffnet, daß beide Worte dasselbe bedeuten, nämlich Brühe, und daß der Ausfall eines Konsonanten im modernen Französischen gegenüber dem hochmittelalterlichen eine außerordentlich häufige Erscheinung ist.

Der überaus erstaunliche Inhalt des Quatrain legt den Verdacht nahe, es handle sich hier um eine Fälschung, d. h. er sei erst nachträglich von einem Verehrer des Nostradamus eingeschoben worden. Da mit der Echtheit dieser Vorhersage eines unserer Hauptargumente für die Existenz eines wirklichen Fernsehens in der Zeit steht und fällt, dürfen wir uns keine Mühe verdrießen lassen, die Frage aufs gründlichste zu untersuchen.

Le Pelletier hat zu Beginn des I. Bandes seiner großen Nostradamusausgabe eine lange Reihe alter Drucke angeführt. Er benützte davon die erste unvollständige Ausgabe der »Centuries« von 1555 (Lyon Macé Bonhomme), die äußerst selten ist, ebenso die erste vollständige Edition, die Pierre Rigaud von 1558 bis 1566 in Lyon druckte. Von letzterer befindet sich ein Exemplar in der Pariser Nationalbibliothek, in der die beiden ersten Verse des Vierzeilers am Schluß der Seite 144, die beiden folgenden am Anfang der Seite 145 in Wortlaut und Schreibweise, wie wir sie oben gaben, stehen.

Da es nun von hohem Wert wäre, zu wissen, ob diese Ausgabe wirklich in den angeblichen Erscheinungsjahren herauskam und es sich nicht um eine Fälschung handelt, die später zurückdatiert wurde, wandte sich Dr. Bormann an die Nationalbibliothek, von der er folgende Auskunft erhielt:

»Quant à la date de l’entrée à la Bibliothèque des ›Prophéties de Nostradamus‹ de 1566, il ne m’est pas possible de la préciser. Tout ce que je puis vous dire, c’est que le vol. est depuis longtemps sur nos rayons.

Paris, 10. Octobre 1908

Paul Marchal

Conservateur des Imprimés.«

Da diese Auskunft insofern unbefriedigend war, als »lange« noch nichts Genügendes sagt, also immerhin die Möglichkeit einer Fälschung nicht völlig von der Hand zu weisen wäre, sahen Bormann, wie auch der Schreiber dieses die Kölner Ausgabe von 1689 an. Ihr Titel – ein Exemplar befindet sich auf der Münchner Hof- und Staatsbibliothek – lautet: »Les Vrayes Centuries et Prophéties de Maistre Michael Nostradamus, où se void réprésenté tout ce, que s’est passé tant en France, Espagne, Italie, Allemagne, Angleterre qu’autres parties du monde. Reveuës et corrigées suivant les Editions imprimées à Lyon l’an 1644 et à Amsterdam 1668. Avec la vie de L’Autheur à Cologne, chez Jean Volcker, Marchand libraire l’an 1689.«

Da diese Kölner Ausgabe bereits ein volles Jahrhundert vor den in Frage kommenden Ereignissen erschienen ist und sich auf ältere Editionen beruft bzw. sie nachdruckt, so ist jede Fälschung vollkommen ausgeschlossen.

Wir sehen, daß selbst die vorsichtigste Kritik dieses erstaunliche und in der Geschichte der Prophezeiungen wohl ziemlich vereinzelte Faktum anzuerkennen gezwungen ist.

Meinen Nachforschungen auf der Münchner Hof- und Staatsbibliothek, die von Herrn Oberbibliothekar Dr. Leidinger in der liebenswürdigsten Weise gefördert wurden, gelang es nun, noch die folgenden Ausgaben aufzufinden und einzusehen⁠[199]:

1. Mit dem Titel: »Les Propheties de M. Michel Nostradamus. Dont il y en a trois cents qui n’ont iamais esté imprimés. Adioustées de nouveau par ledit Autheur. A Lyon chez André Olier, en ruë Tupin.«

Auf dem Titelblatt befindet sich ein Holzschnitt, Nostradamus darstellend, der, wie Dr. Leidinger, Bibliothekar Fr. Freys und ich feststellen konnten, dem ausgehenden 16. Jahrhundert angehört.

Der 34. Quatrain der IX. Centurie ist durch Druckfehler zum 24. geworden. Daß nur ein Druckfehler vorliegt, ist zweifellos, weil der vorangehende Quatrain als 33., der folgende als 35. bezeichnet ist. Er befindet sich auf der 135. Seite und lautet genau so, wie wir den Text wiedergaben.

2. Eine Ausgabe vom Jahre 1665, zu Lyon erschienen, mit genau demselben Titel wie die vorige. Unser 34. Quatrain befindet sich auf S. 135 und lautet, wie bekannt, mit der einzigen Änderung, daß »thuile« mit einem l geschrieben ist, daß bei »trahyr« das Schluß-r fehlt und daß es in der vierten Zeile coûteaux heißt, also mit Akzent cirkumflex.

3. Eine Ausgabe mit folgendem Titel: »Les Vrayes Centuries et Propheties de Maistre Michael Nostradamus, où se void representé tout ce qui s’est passé, tant en France, Espagne, Italie, Alemagne, Angleterre, qu’autres parties du monde. Reveuës & corrigées suyvant les premieres Editions imprimées en Avignon en l’an 1556 et à Lyon en l’an 1558. Avec la vie de l’Autheur. Imprimé à Leyde, chez Pierre Leffen, l’An 1650.«

Diese Leydener Ausgabe, in der unser 34. Quatrain der IX. Zenturie auf S. 136 steht, hat einige kleine Abweichungen vom guten alten Text. Hier lauten die Verse:

La part sous mary sera mitré, Retour conflict passera sur la thuille: Par cinq cens un trahyr sera tiltré, Narbon et Saulce par coutaux avous d’huille.«

Die Kölner Ausgabe endlich von 1689, in der unser Quatrain sich auf S. 155 befindet, schreibt wie der alte Olier mit der Abweichung, daß das erste Wort Lepart heißt und später »trahyt« geschrieben wird.

In Summa sind die Abweichungen also außerordentlich minimal.

Erwähnen wir nun noch, daß diese Bücher im Jahre 1803 aus den säkularisierten Klöstern in die Staatsbibliothek kamen und daß sie handschriftliche Eintragungen der Eigentümernamen in den charakteristischen Zügen früherer Jahrhunderte aufweisen, dann muß auch der größte Skeptiker zugeben, daß an der Authentizität der Druckwerke ein Zweifel unmöglich ist.

Wir begnügen uns aber keineswegs mit der einwandfreien Feststellung, daß die genannten Ausgaben vor 1791 erschienen, sondern legen das größte Gewicht auf die Konstatierung, daß wir die Originalausgabe benutzten und daß alle Quatrains, auf die wir in diesem Kapitel Bezug nehmen, bereits in ihr enthalten sind.

Daß es sich bei der unter 1. oben genannten Ausgabe, ebenso bei der früher zitierten der 8. bis 10. Centuries, die Baudraud veranstaltete, um die Originale handelt, oder, vorsichtiger ausgedrückt, daß diese Ausgaben ganz zweifellos aus dem 16. Jahrhundert stammen, was ja für uns das Ausschlaggebende ist, geht nicht nur aus dem Titelblatt hervor – das ja gefälscht sein könnte – es ist auch einwandfrei feststellbar an den Drucktypen, Papier, Wasserzeichen usw. Das bestätigten mir so hervorragende Kenner wie die Herren Oberbibliothekar Dr. Georg Leidinger, Vorstand der Handschriftenabteilung, und Bibliothekar Dr. Freys, Herausgeber der neuen großen Inkunabeledition. Ich legte den Herren das dortige Exemplar vor, ohne zu sagen, worauf es für mich ankäme, um ihr Urteil nicht zu beeinflussen, und erhielt die Auskunft, daß es sich zweifellos um einen Druck vor 1600 handelt.

Damit ist jeder Einwand gegen unser Material widerlegt.

Um kurz den jetzigen Stand unserer Beweisführung zu rekapitulieren: Wir bewiesen, daß Nostradamus in zahlreichen Fällen weltgeschichtliche Ereignisse vorhergesehen hat. Den Einwand, daß sich schließlich alles einmal ereignen wird, daß wir daher mit der Deutung eines Geschehnisses auf ein bestimmtes Quatrain, eine Selbsttäuschung begingen, widerlegten wir dadurch, daß wir nachwiesen, Nostradamus habe sogar die Namen der handelnden Personen gekannt.

Das ist so ungeheuerlich und geradezu unheimlich, daß der nächstliegende Einwand der sein wird, das Material sei gefälscht, es handle sich gar nicht um Vorhersagen des Nostradamus, sondern um Einschiebsel. Diesen sehr begreiflichen Zweifel brachten wir zum Schweigen durch Hinweis auf die Originalausgabe und zahlreiche andere, die sich auf den Druck des 16. Jahrhunderts stützen und dabei sämtlich die einschlägigen Quatrains enthalten.

Wenn wir jetzt noch die Existenz der Prophetie bestreiten wollen – den Einwurf, es handle sich hier um Berechnung, wird niemand machen – so bleibt nur mehr der arme, berühmte, zu Tode gehetzte Zufall.

Gegen ihn holen wir nun zum vernichtenden Schlage aus.

Betrachten wir noch einmal den 18. Quatrain der IX. Centurie: Die ersten beiden Zeilen lassen sich schwer oder gar nicht in eine Wahrscheinlichkeitsrechnung einfangen; wohl aber die beiden folgenden, wenigstens teilweise.

Dem großen Montmorency wird Gefängnis und Tod durch die Henkershand des Clerepeyne vorhergesagt. Das trat 1632 ein, also rund 80 Jahre nach der ersten Veröffentlichung der Prophezeiungen.

Für diese zweieinhalb Generationen kommen nun acht Montmorency in Frage, da die Familie in diesem Zeitraum nicht mehr männliche Mitglieder hatte⁠[200]. Von diesen aber genau genommen auch nur Heinrich II., da er damals der einzige war, der mit einigem Recht den Beinamen »der Große« führt. Da das damalige Frankreich etwa 20 Millionen Einwohner zählte, in zweieinhalb Generationen also 50 Millionen, erhielten wir als Dividend diese Zahl. Um aber auch den Anschein, wir rechneten zu günstig, zu vermeiden, wollen wir diese Zahl durch 10 dividieren. Denn es ist ja immerhin möglich, daß wir nicht alle männliche Sprossen gefunden haben, sowie die Hälfte, weil weiblich, abziehen.

Die so gewonnene Zahl 2½ Millionen müssen wir mit der, der im Jahre 1632 existierenden Clerepeyne multiplizieren. Dieser Name ist außerordentlich selten. Wenn wir daher annehmen, daß es damals in Frankreich fünf gab⁠[201], die so hießen und alles Männer waren, die als Soldaten oder Henker in der Lage waren eine Exekution auszuführen – was sicherlich niemand glauben wird – so müssen wir die Einwohnerzahl von 20 Millionen durch 5 dividieren und erhalten dann, nach Abzug der weiblichen, 2 000 000.

Jetzt können wir folgende Wahrscheinlichkeitsrechnung aufstellen:

Die Wahrscheinlichkeit, daß Nostradamus die Namen Montmorency und Clerepeyne durch glücklichen Zufall richtig erriet, ist gleich 1 : 2½ Millionen mal 2 000 000 also = 1 : 5000 Milliarden, eine vierzehnzeilige Zahl!

Dabei lassen wir alle Nebenumstände, das neue Gefängnis, die ungewohnte Stätte usw. usw. völlig außer acht, ganz davon zu schweigen, daß die erste Hälfte dieses Quatrain die wunderbarsten gleichzeitig eingetroffenenen Voraussagen enthielt.

Anders ausgedrückt: wer immer noch glaubt, daß Nostradamus durch Zufall die Namen richtig ermittelte, muß sich klar machen, daß er eins gegen 5000 Milliarden Wahrscheinlichkeiten wettet.

Um das an einem Beispiel klar zu machen:

Die Wahrscheinlichkeit, daß Nostradamus zufällig die beiden Namen erriet, ist etwa um 20 Millionen mal kleiner als die, daß jemand auf der Fahrt von Berlin nach München tödlich verunglückt!

Rechnen wir also hier mit dem Zufall, dann müssen wir selbstverständlich alle unsere Fahrpläne abschaffen, die Post hat ihren Betrieb einzustellen usw. usw., weil es hier stets die Zahl der günstigen Fälle um das Vielmillionenfache unwahrscheinlicher ist, als im Falle Montmorency-Clerepeyne.

Noch grandioser wird die Rechnung beim 34. Quatrain der IX. Centurie.

Zwischen dem Erscheinungsdatum der Prophezeiungen und dem Eintritt des Ereignisses 1791 liegen 2¼ Jahrhunderte oder rund 7 Generationen. Damals hatte Frankreich eine ungefähre Bevölkerung von 30 Millionen oder, des leichteren Rechnens wegen, von 28 Millionen. Wenn wir diese Zahl nun durch die 7 überhaupt in Frage kommenden Generationen der Grafen Narbon dividieren, erhalten wir als Koeffizienten die Zahl 4 Millionen, von denen die Hälfte als weibliche Personen ausscheidet. Dabei ist bemerkenswert, daß m. W. die Familie zur Zeit des Nostradamus noch gar nicht existierte.

Das heißt mit anderen Worten: Daß Nostradamus gerade auf den Namen Narbon verfiel, statt einen anderen zu wählen ist – als Zufall betrachtet – eben so groß, wie der aus 2 Millionen Losen, den Haupttreffer bei einmaligem Wählen zu finden.

Waren wir über die Zeit und demgemäß auch über die Generation, der Narbon angehörte, im ungewissen, so ist so viel sicher, daß Sausse sein Zeitgenosse ist. Wieviele Sausse es damals in Frankreich gab, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis. Aber so viel ist sicher, daß der Name äußerst selten ist. Nehmen wir nun an, daß es 5 Sausse damals gegeben habe, die alle – also exorbitant hoch gegriffen – Krämer waren, ja, sogar schon seit Generationen! dann erhalten wir folgende Rechnung:

Die Einwohnerschaft von 30 Millionen dividiert durch 5 ergibt als Koeffizienten 6 Millionen, wovon die Hälfte als weiblich ausscheidet.

Diesen müssen wir mit den vorher gewonnenen multiplizieren, um die Wahrscheinlichkeit von 6000 Milliarden zu erreichen.

Aber das ist keineswegs alles, selbst wenn wir von den geschichtlichen Vorgängen, die zahlenmäßig nicht faßbar sind, absehen. »Thuille« Tuillerien, gab es nur einmal. Demnach müssen wir die Zahl von 6000 Milliarden mit der aller damals in Frankreich befindlichen Gebäude, oder doch zum mindesten aller Schlösser – denn jedes hätte Schauplatz des Kampfes sein können – multiplizieren. Nehmen wir nur an, das damalige Frankreich habe 10 000 Schlösser besessen, was annähernd richtig sein dürfte, dann gelangen wir zu folgender Rechnung:

Die Wahrscheinlichkeit die Namen und den Schauplatz der Tuilerien zu erraten = 1 10 000 · 6000,000,000,000 . Berücksichtigen wir den übrigen Inhalt des Quatrain, das mitré, ein Fall, der in der Geschichte ohne Analogen ist usw. usw., so werden wir sagen können

w = 1 ∞ = 0.

Wenn also das früher angeführte Beispiel der Münzen richtig ist, dann haben wir hier streng mathematisch den Beweis erbracht, daß Zufall praktisch unmöglich ist und Nostradamus ein echter Prophet war, ausgerüstet mit der Gabe des zeitlichen Fernsehens.

Nicht um weiteres Beweismaterial anzuführen, was nach Vorstehendem ganz überflüssig wäre, sondern lediglich des historischen Interesses wegen, wollen wir noch einige Quatrains mitteilen.

Geradezu unheimlich in seiner Fülle grausiger Gesichte ist der 20. Quatrain der IX. Centurie:

»De nuict viendra par la forest de Reines Deux pars, vaultorte, Herne la pierre blanche, Le moyne noir en gris dedans Varennes: Esleu Cap. cause tempeste, feu, sang, tranche.

Des Nachts werden kommen durch die Pforte der Königin (forest = lateinisch fores, Pforte) Zwei Ehegatten (pars = époux), Irrweg (vaultorte romanisch, zusammengesetzt aus vaulx = vallée und de torte = tortueuse), die Königin (Herne ist Anagramm von reine mit Ersetzung des i durch h), der weiße (Edel)stein, Der verlassene (moyne, griechisch aus monos, allein) König (noir ist Anagramm von roi mit Zufügung des n) in grau (gekleidet). Sie (werden) in Varennes (ankommen) Die Wahl des Kapetingers (Cap. = Capet) ist Ursache des Sturmes, Feuer, Blut, Hackmesser (tranche ist romanisch).«

Der Kommentar, den ja der Leser im Geiste selbst geben wird, läßt jedes Wort als zutreffend gewählt erkennen.

König Ludwig XVI. und die königliche Familie verließen in der Nacht vom 20. zum 21. Juni 1791 die Tuilerien durch eine Geheimtüre des Appartement der Königin. Die Gazette nationale (Moniteur Universel) vom 14. Juli 1791 erzählt dieses Detail. Diese Flucht, die in Varennes endete, war bekanntlich ein »Irrweg«, denn die königliche Familie wurde gefangen genommen und nach Paris zurück geführt. Hätte der König, wie er vor hatte, die Straße nach Verdun eingeschlagen, statt nach links (Varennes) abzubiegen, wäre der Ausgang vielleicht glücklicher gewesen. Marie Antoinette trug ein weißes Kleid (pierre blanche), während der König grau (gris) angezogen war. Übrigens könnte das »blanche« auch eine Anspielung darauf sein, daß die Königin, wie Mme. Campan erzählt (II, p. 150), in der einen Nacht der Unglücksflucht weiße Haare bekommen hatte und plötzlich wie eine Siebzigjährige aussah. Sie hatte einen Ring für die Prinzessin Lamballe machen lassen, in den einige weiße Haare eingeschlossen waren. Er trug die Aufschrift: blanchis par le malheur.

Der letzte Vers ist noch besonders inhaltreich. Die Wahl des Kapetingers, d. h. die Verwandlung der absoluten französischen Monarchie in eine Konstitutionelle, wie sie die Nationalversammlung am 21. Juni 1791 und besonders am 1. September des gleichen Jahres vorgenommen hatte, war in gewisser Beziehung sicherlich die Ursache der folgenden Greuel. Ein eiserner, absoluter Monarch, der von seiner Gewalt umfassenden Gebrauch gemacht hätte – was die Beseitigung vieler Mißstände ja keineswegs ausgeschlossen hätte – würde jedenfalls der Revolution in ihren Anfängen noch Herr geworden sein. Das letzte Wort des Quatrain, Hackmesser oder Fallbeil war bekanntlich auch das Ende des großen Dramas⁠[202].

Recht merkwürdig ist auch folgender Quatrain (II. Centurie, Nr. 93), den Le Pelletier noch nicht ganz richtig deuten konnte, weil er 1867 noch nicht in Erfüllung gegangen war:

»Bien près du Tymbre presse la Lybitine, Un peu devant grand inondation: Le chef du nef prins, mis à la sentine, Chasteau, palais en conflagration.«

Sehr nach dem Tiber (Tymbre = Tiber) herrscht der Tod (Lybitine = Libitina, Todesgöttin), Etwas vorher große Überschwemmung: Das Haupt des Schiffes (nef = naire, das Schifflein Petri) gefangen, gesetzt auf den Grund des Schiffes (wo man die Gefangenen unterbrachte!) In ein Schloß, der Palast in Umwälzung⁠[203].«

Bekanntlich eroberten die Italiener, nachdem sie in die Porta Pia Bresche geschossen hatten, am 20. September 1870 Rom und beseitigten die weltliche Herrschaft des Papstes. Was die Tiberüberschwemmung betrifft, die im gleichen Jahre große Verwüstungen anrichtete, so fiel sie allerdings auf den 10. und 28. Dezember, also kurz nach und nicht, wie Nostradamus angibt, kurz vor dem politischen Ereignis von welthistorischer Bedeutung. Er hat sich hier also in einem unwesentlichen Punkte geirrt⁠[204].

Bekannt ist die Fabel von der Gefangenschaft des Papstes im Vatikan. Daß aber diese Fiktion bis zur Stunde von päpstlicher Seite aufrecht erhalten wird, gibt dem Seher recht.

Der 100. Quatrain der X. Centurie lautet:

»Le grand empire sera par Angleterre Le pempotam des ans plus de trois cens: Grandes copies passer par mer et terre, Les Lusitains n’en seront pas contens.«

Zu deutsch: Das große Reich England wird allmächtig (pempotam, zusammengesetzt aus dem Griechischen und Lateinischen = πᾶς und potens) sein mehr als drei Jahrhunderte.

Große Heere (copies-copia, Truppen lateinisch) werden zu Wasser und zu Lande kommen.

Die Spanier (Lateinisch Lusitani) werden darüber nicht erfreut sein⁠[205].«

Berücksichtigt man, daß England, als Nostradamus dies schrieb, noch klein und unbedeutend war, – hat ja Elisabeth erst die Flotte geschaffen – während Spanien die Weltherrschaft besaß, um mit dem Untergang der großen Armada 1588 eine Wunde zu empfangen, die nie mehr ganz verheilen sollte, dann wird man nicht umhin können neuerdings zu staunen. Wann die 3 Jahrhunderte abgelaufen sind, läßt sich nicht gut voraussagen. Da von Englands Weltherrschaft erst nach dem Niederringen der Niederlande, also seit der Mitte des 17. Jahrhunderts gesprochen werden kann, würde ihm noch fast ein halbes Jahrhundert gegeben sein.

Napoleon I. und seinen Hof zum Gegenstand hat der 60. Quatrain der I. Centurie:

Un Empereur naistra près d’Italie, Qui à l’Empire sera vendu bien cher: Diront avec quels gens il se ralie, Qu’on trouvera moins prince que boucher⁠[206].

Ein Kaiser wird in Italiens Nähe (Korsika!) geboren werden, der seinem Reiche teuer zu stehen kommen wird.

Von den Leuten, mit denen er sich verbinden wird (die seinen Hof bilden werden), wird man sagen, daß man dort weniger Prinzen, als Metzger finden wird.

Ein Kommentar erübrigt sich!

Nun wird man noch sagen können, daß zwar Namen und Ereignisse bei Nostradamus wunderbar stimmen, daß aber etwas sehr Wichtiges, nämlich die Angabe der Jahreszahl, fehle. Dieser Einwurf ist um so berechtigter, als es sich ja um astrologische Berechnung handeln soll. Hier aber doch die Zahl leichter zu finden sein sollte, als etwa der Name. Ja, aus dem Fehlen der Zahlenangabe könnte man zur Folgerung verleitet werden, daß es sich gar nicht um Berechnung, sondern um Hellsehen handelt, was ja teilweise, nach des Sehers eigener Angabe, richtig ist.

Nostradamus hat selbst die Jahre der Ereignisse berechnet, und zwar bis zum Schluß des angeblich ersten Geschichtsweltzeitalters im Jahre 3797 n. Chr. Was es mit diesem Schluß für eine Bewandtnis hat, können wir ruhig dahingestellt sein lassen bzw. der Zukunft überantworten.

Die Daten teilt Nostradamus nicht mit bis auf zwei. Bevor wir sie untersuchen, seien erst noch einige weniger klar ausgesprochene Zahlenangaben mitgeteilt.

So bestimmt er die Regierungszeit des großen Napoleon ganz richtig auf 14 Jahre (vom 19. November 1799 bis zum 13. April 1814). Der Quatrain ist der 13. der VII. Centurie und lautet:

De la cité marine et tributaire La teste raze prendra la satrapie: Chasser sordide qui puis sera contraire, Par quatorze ans tiendra la tyrannie.

Zu deutsch: Der Mann mit den kurzen Haaren (so wird Napoleon wiederholt bei Nostradamus genannt im Gegensatz zu den französischen Königen, die lange Haare trugen, und weil er sich auch bekanntlich sein langes Haar schneiden ließ zum Zeichen der Beendigung der Revolutionszeit) wird die Gewalt (la satrapie) in der Seestadt (Toulon, das cité marine auch in Cent. VIII, Quatrain 17 genannt wird), die tributpflichtig ist bzw. war (nämlich den Engländern), an sich reißen.

Er wird die Gemeinheit vertreiben (wohl das Direktoire), die ihm von da ab (puis = depuis) feindlich sein wird; vierzehn Jahre lang wird er die Tyrannis ausüben⁠[207].

Daß die Tatsachen richtig sind, wird niemand leugnen. Aber wie erklärt es sich, daß auch die Jahre stimmen? Zufall?!

Für irgendeinen Zweifler an der Identität der Tête rasée mit Napoleon wollen wir aus den diversen Quatrains, die aus dem Leben des großen Korsen berichten, noch einen herausgreifen. Es ist der 88. der I. Centurie und lautet⁠[208]:

Le divin mal surprendra le grand Prince, Un peu devant aura femme espousée: Son appuy et credit à un coup viendra mince, Conseil mourra pour la teste rasée.

Es handelt sich natürlich um die am 15. Dezember 1809 vollzogene Scheidung von Josephine Beauharnais bzw. die Wiederverheiratung mit Marie Luise. Wir übersetzen:

»Der göttliche Zorn wird den großen Fürsten schlagen, Etwas vorher hat er eine Gemahlin genommen (zu lesen ist: le grand prince aura espousé femme un peu devant que le mal divin le surprenne), Seine Macht und Ansehen werden plötzlich schwinden Und die Klugheit (das Genie) wird ersterben beim kurzhaarigen Kopf.«

Wer sich an die bald nach der Verheiratung mit Marie Luise von Österreich eintretenden Katastrophen, den russischen Feldzug usw. erinnert, wird die Richtigkeit auch dieses Quatrain nicht bestreiten.

Der hartnäckige Zweifler möge im Index der großen Ausgabe von Le Pelletier die auf die tête rasée bezüglichen Quatrains nachschlagen.

Doch gehen wir zu weiteren Zeitangaben über, nicht ohne vorauszuschicken, daß Nostradamus die Jahre, in welchen seine Vorhersagen in Erfüllung gehen sollten, zu kennen behauptet und absichtlich verschweigt. Das bemerkt er einmal ausdrücklich.

Nun kann es niemand verwehrt werden, daran zu zweifeln, wenn es nicht gelingen sollte, wenigstens durch Stichproben zu beweisen, daß der Seher seine Fähigkeit nicht höher veranschlug, als sie es verdiente.

Außer Perioden, wie oben bei Napoleon, die sich häufiger finden, sind mir aus Nostradamus drei positive Zeitangaben bekannt. Die erste finden wir in einem der X. Centurie angehängten Quatrain der Ausgabe von 1605.

Quand le fourchu sera soustenu de deux paux, Avec six demi-corps, et six sizeaux ouvers, Le très puissant Seigneur, heritier des crapaux, Alors subjuguera sous soy tout l’univers.

Zu deutsch:

Wenn die Gabel unterstützt sein wird von zwei Pfählen (paux ist Plural von pal = pieu) Mit sechs Halb-Hörnern (corps ist Schreibfehler statt cors) und sechs offenen Scheren, Dann wird der sehr mächtige Herr, Erbe der Kröten, Sich unterwerfen das ganze Reich.«

Das ist heller Blödsinn. Daran ist auf den ersten Blick nicht zu zweifeln. Bei einigem Nachdenken werden wir aber finden, daß die ersten beiden Zeilen notwendig eine Zeitangabe enthalten müssen. Und das ist auch tatsächlich der Fall.

Le Pelletier⁠[209] löst in folgender absolut überzeugender Weise auf:

Der Buchstabe V kann sehr wohl als Gabel bezeichnet werden. Dann entsteht, wenn wir in der Bildersprache fortfahren, durch Unterstützung des V mit je einem Pfahl an der Seite der Buchstabe M. Der Zahlenwert dieses lateinischen M ist aber 1000.

Ein Halb-Horn, d. h. die Hälfte eines Jagdhornes, bildet ein C, dessen Zahlenwert 100 entspricht.

Ein Paar geöffnete Scheren bildet ein X mit dem Zahlenwert zehn. Dann erhalten wir ein M, sechs C und sechs X zusammen schreibend, also MCCCCCCXXXXXX die Jahreszahl 1660.

Die Kröte war das Wappentier der ersten Merowinger, das erst unter den späteren durch die Lilie ersetzt wurde. Es handelt sich also um einen König von Frankreich, und zwar um einen sehr mächtigen, nämlich Ludwig XIV.

Dann aber heißt die Prophezeiung: Im Jahre 1660 wird der sehr mächtige Herrscher, Erbe des merowingischen Wappens, unter sein persönliches Regiment sein ganzes Reich bringen⁠[210].

Und diese Prophezeiung stimmt. Denn nach dem Tode des allmächtigen Kardinals Mazarin, am 9. März 1661, ergriff tatsächlich der Sonnenkönig die Zügel der Regierung mit jener Energie, die ihn in der Geschichte als Prototyp des absoluten Monarchen fortleben läßt.

Aber – wird man einwerfen können – das ist ja alles sehr geistreich, doch müssen wir es so lange für Konstruktion halten, bis nicht aus ganz klar und eindeutig ausgesprochenen Zahlenangaben mit zwingender Gewalt hervorgeht, daß Nostradamus tatsächlich über die Zeit der Realisierung seiner Prophezeiungen informiert war. Erst wenn wir das wissen, geben wir auch zu, daß dieser Quatrain nur absichtlich dunkel gehalten ist. Und zwar von einer Dunkelheit, die sein Verständnis vor seiner Erfüllung geradezu zur Unmöglichkeit macht.

Glücklicherweise sind wir in der Lage, auch diesen Beweis mit unbedingter Logik führen zu können.

Wie schon gesagt, wollte Nostradamus möglichst dunkel sein und warf deshalb seine Quatrains, um ja keine chronologische Handhabe zu bieten, kunterbunt durcheinander. Nur ein einziges Mal machte er eine Ausnahme: Im Briefe an König Heinrich II., den er als Widmung der zweiten Sammlung seiner Centuries vorausschickt und vom 27. Juni 1558 datiert.

Hier finden wir neben einer Zusammenstellung der wichtigsten und sensationellsten Ereignisse auch die beiden Zahlenangaben. Der 89. der kurzen Abschnitte – im ganzen sind es 118 – lautet:

». . . et sera le commencement comprenant ce de ce que durera et començant icelle année sera faicte plus grande persecution à l’Eglise Chrestienne, que n’a esté faicte en Afrique, et durera ceste-icy iusques, à l’an mil sept cens nonante deux que l’ô cuydera estre une renouation de siecle⁠[211].«

»Und dann wird der Anfang sein, versteht sich von dem, was dauern wird, und in diesem Jahre wird beginnend eine größere Verfolgung der christlichen Kirche stattfinden, wie die in Afrika war, und ebenso lange dauern; im gleichen Jahre 1792 wird man glauben, eine neue Zeitrechnung einzuführen.«

Hier haben wir also zwei datierte Ereignisse von welthistorischer Bedeutung, und beide Datierungen sind richtig!

Der neue Kalender der Republik, durch Dekret des Nationalkonventes vom 5. Oktober 1793 eingeführt, begann seine Zeitrechnung mit der Herbstnachtgleiche 22. September 1792 um Mitternacht⁠[212].

Bekanntlich ist in den christlichen Staaten seit den anderthalb Jahrtausenden unserer Zeitrechnung niemals der Versuch gemacht worden, den Kalender bzw. die Zeitrechnung zu ändern. Die Kalenderkorrektur Gregors gehört nicht hierher, da sie ja an der christlichen Rechnung festhält und nur aus praktischen Gründen, um den Kalender wieder mit seiner astronomischen Grundlage in Harmonie zu bringen, die julianische Rechnung verbessert.

Was nun den »Glauben« betrifft, eine neue Zeitrechnung einzuführen, so war der Ausdruck nur zu berechtigt. Denn die Herrlichkeit des revolutionären Kalenders war von erschreckend kurzer Dauer. Schon im Jahre 1804 beseitigte ihn Napoleon, um der christlichen Rechnung wieder die offizielle Geltung zu verschaffen.

Auch die große Kirchenverfolgung, deren Ausdruck ja die Abschaffung der christlichen Zeitrechnung war, ist historisch. Bekanntlich war die Revolution gegen den Klerus nicht weniger gerichtet, wie gegen den Adel. Man konfiszierte im Jahre 1789 den Kirchenbesitz – man schätzte 3 Milliarden! – und zwang, allerdings mit sehr geringem Erfolge, den Klerus, den Bürgereid zu leisten. Wer ihn nicht leisten wollte – so wurde am 26. Januar 1791 bestimmt – hatte auf sein Amt zu verzichten. Nicht genug damit, wurde das Christentum ganz abgeschafft und dafür der alberne Kultus der Göttin der Vernunft eingeführt, als ob die Religion ein Verstandes- und nicht ein Gemütsbedürfnis sei. Damals – es war im Jahre 1793 – hatte man in der Kirche Notre Dame in Paris einen Tempel der Philosophie errichtet und irgendeine griechisch kostümierte Operndiva agierte dort in der Rolle der Göttin der Vernunft. Manche trugen sich mit dem Gedanken, die Kirchtürme niederzulegen. Daß der Kalender aus Haß gegen das Christentum geändert wurde und nicht etwa aus praktischen Gründen, ist wohl auch erwähnenswert.

Das alles geschah 1793. Am 7. November dieses Jahres erschien der konstitutionelle Bischof Gobel mit einer Anzahl Geistlicher vor dem Konvent, und entsagte feierlich seinem Amt, weil es keinen anderen Kultus als den der Freiheit und Gleichheit geben könne. Übrigens war der Kultus der Vernunft niemals Staatsreligion.

Wenn also auch der Höhepunkt des Kampfes erst ins Jahr 1793 fällt, so ist die Prophezeiung des Nostradamus doch vollkommen richtig, denn die Feindseligkeiten gegen die Kirche dauerten ja mehrere Jahre.

Daß die Verfolgung länger dauern werde wie in Afrika, womit nur die Unterdrückung der orthodoxen Kirche durch die arianischen Vandalen gemeint sein kann, ging auch in Erfüllung.

Denn seit der französischen Revolution herrscht eine Animosität gegen die Kirche, überhaupt gegen das Christentum, wie kaum zur Zeit der Reformation gegen erstere allein. Jedenfalls dachte Nostradamus an die Saecularisation, die Beseitigung der weltlichen Herrschaft des Papstes, an die Trennung von Staat und Kirche in Italien und Frankreich, die Vorgänge in Portugal, die antikirchliche Bewegung in Spanien usw. Nach den Proben seiner Kunst ist das keineswegs ausgeschlossen. Es erfordert nicht viel Urteilsfähigkeit, um auch für Deutschland über kurz oder lang eine antikirchliche Bewegung, die hoffentlich mit der Trennung vom Staate enden wird, vorherzusagen und an einen – diesmal geistigen – Aderlaß, der stärker sein wird als die Konfiskationen zu Beginn des vorigen Jahrhunderts.

Wenn wir endlich noch hören, daß Nostradamus den Untergang des Papsttumes prophezeit – deshalb stehen seine Werke auf dem römischen Index – dann wird man auch an dem Ausdruck »Verfolgung« und dem Vergleich mit afrikanischen Verhältnissen nur mit größter Reserve zu kritisieren wagen.

Sehr merkwürdig ist auch die Prophezeiung im Absatz 109 ff. des Widmungsbriefes an Heinrich II.

»Encores par la derniere foy trembleront tous les Royaumes de la Chrestienté, et aussi des infideles, par l’espace de vingt cinq ans; et seront plus grieves guerres et batailles; et seront villes, cités, chateaux et tous autres edifices bruslés . . .«⁠[213]

»In dieser letzten Epoche werden alle Königreiche der Christenheit zittern, und ebenso die Ungläubigen, den Zeitraum von 25 Jahren hindurch; die blutigsten Kriege und Schlachten werden stattfinden, Städte, Ortschaften, Schlösser und allerlei andere Bauwerke werden in Flammen aufgehen und zerstört werden usw.«

Wir stehen – wie die vorhergehenden Abschnitte des Widmungsbriefes ergeben – in einer Periode, deren Beginn Nostradamus durch die Jahreszahl 1792 festlegt. Rechnen wir dazu 25 Jahre, so kommen wir zum Jahre 1817. In diesen Zeitraum – tatsächlich schloß die Kriegsperiode ja schon 1816 – fallen so viele Kriege, wie sie nur selten die Geschichte verzeichnen kann. Um nur die wichtigsten zu nennen: die republikanischen Feldzüge gegen Deutschland und Österreich, Napoleons Expedition nach Italien und Ägypten, die Kriege in Spanien und gegen England, seine Siege über Preußen und Österreich, die Expedition nach Rußland, die Feldzüge der Verbündeten und die Niederwerfung Frankreichs, endlich der letzte durch Napoleons Flucht von Elba entfachte Feldzug, der mit dem endgültigen Siege der Verbündeten endete. Also auch diese Prophezeiung, die durch zeitliche Fixierung und Angabe der Dauer beweist, daß Nostradamus über den Verlauf der europäischen Geschichte aufs beste unterrichtet war, sehen wir im vollen Umfange erfüllt.

Das Wesentliche ist, daß die wenigen Stichproben, die wir machen konnten, unbedingt zugunsten des Sehers ausfielen. Nostradamus konnte also nicht nur zukünftige Ereignisse, die Namen der in späteren Jahrhunderten handelnden Personen vorhersehen, er wußte auch das Jahr anzugeben, wann seine Vorhersagen in Erfüllung gehen würden.

Das sagt er selbst im 73. Abschnitt seines Widmungsbriefes an Heinrich II.: »Wenn ich gewollt hätte, hätte ich jedes Quatrain nach der Zeit seiner Erfüllung beziffern können.«

Wir haben allen Anlaß, dem Seher das zu glauben. Wenn er aber da und dort irrte, so beweist das nichts gegen seine Kunst, denn Unfehlbarkeit wird man billigerweise bei niemand fordern.

In Nummer 86–88 desselben Briefes gibt Nostradamus in Form von Planetenperioden sogar an, wie er zur Angabe des Jahres 1792 kam. Kniepf, der sich in astrologischen Berechnungen wohl auskennt, bemerkt jedoch, daß uns der Schlüssel dazu fehlt. Nostradamus hat die einschlägigen Schriften, die er von seinen Vorfahren geerbt hatte, vor seinem Tode verbrannt.

Sollte es also wirklich möglich sein, durch astrologische Berechnung die Zukunft zu ergründen?

Wir wissen es nicht, können es uns nicht vorstellen, sind auch nicht in der Lage zu ermitteln, welcher Anteil an den Weissagungen auf Konto der Astrologie, welcher auf hellseherische Veranlagung gesetzt werden kann: das alles liegt auch außerhalb des Rahmens einer historischen Untersuchung.

Was wir aber mit allem Nachdruck betonen müssen ist, daß Nostradamus die Zukunft enthüllen konnte, wie niemand vor ihm oder nach ihm, von dem wir wissen. Er ist eines der größten Genies der Weltgeschichte.

Notes in this chapter

Note 1 · Vgl. Karl Kiesewetter, Nostradamus und seine Prophezeiungen in »Sphinx«, 3. Bd., 1887, S. 41 ff.Note 2 · Wie er in der Widmung der achten Centurie an König Heinrich II. von Frankreich sagt, hat er seine Weissagungen »nach dem Laufe des Himmels bNote 3 · oder »lymphatiquant«, was mit extatisch zu übersetzen wäre. Denn »Lympatiques« nannte man diejenigen, die vom Anblick eines schönen MädchensNote 4 · Anatole Le Pelletier, Les Oracles de Michel de Nostradame. Paris 1867, I, p. 72 f.Note 5 · Vgl. A. Schultz, Das höfische Leben zur Zeit der Minnesänger, 2. Bd., S. 111 ff.Note 6 · Vgl. – auch zum Folgenden – Kiesewetter, Sphinx, 3. Bd. 1887, S. 44 ff.Note 7 · Chavigneus, Jani Gallici Facies prior. Lion 1594, p. 4.Note 8 · Présage 141, Le Pelletier I., p. 91.Note 9 · Vgl. Albert Kniepf in den Psychischen Studien, 36. Bd., 1909. S. 247 und 276. Übrigens ist es auf alle Fälle merkwürdig, daß die Vossische ZNote 10 · Les Oracles de Nostradame, I., p. 87 f.Note 11 · Le Pelletier, I, S. 93 f.Note 12 · Übrigens heißt Heinrich III., als Person ein jämmerliches Individuum, insofern mit Recht an dieser Stelle »le Grand«, weil er zuerst König dNote 13 · Vgl. auch Theodor Lindner, Weltgeschichte seit der Völkerwanderung, 5. Bd., S. 184–202.Note 14 · Vgl. Th. Lindner, Weltgeschichte, 5. Bd., S. 198–201, und – zum Ganzen – Le Pelletier I., p. 103 f.Note 15 · In der mir vorliegenden ersten Ausgabe mit dem Titel »Les Prophéties de M. Michel Nostradamus. Centuries VIII. IX. X. Qui n’ont encore iamaiNote 16 · Vgl. sein anonym und ohne Druckort im Jahre 1656 erschienenes »Eclaircissement des véritables quatrains de maistre Michel Nostradamus«, p. 1Note 17 · Essai d’éxplication de deux Quatrains de Nostradamus, Nevers 1806, p. 30–39, (nach Le Pelletier).Note 18 · Was die Persönlichkeit Heinrichs II. Montmorency betrifft, so war er »der Abgott des Hofes und der Provinzen, des Volkes und der Armee«. AlsNote 19 · Vgl. A. Kniepf, Echte und gefälschte Prophetien des Nostradamus, Psychische Studien, 36. Bd., 1909, S. 276 f. und 520 ff. Er meint im erstenNote 20 · Le Pelletier, I., p. 279.Note 21 · Walter Bormann, »Die Nornen«, S. 245–264.Note 22 · Campan, Mémoires sur la vie privée de Marie Antoinette, Paris 1826, p. 158.Note 23 · Herr Karl Graf Klinkowstroem in München besitzt eine Sammlung von 10 Nostradamus-Ausgaben, darunter die ersten. Demnächst wird in der ZeitscNote 24 · Soviel stellte ich bei M. Desormeaux, Histoire de la maison de Montmorency, Paris 1764, 3. Bd., fest. Eines dieser männlichen Mitglieder staNote 25 · Im Adreßbuch von Paris, von dem mein Freund Herr Konsul A. Schillinger mehrere Jahrgänge einsah, kommt der Name Clerepeyne, Clairepeyne, ClaNote 26 · Vgl. Le Pelletier, I., p. 174 ff.Note 27 · Le Pelletier, I., p. 305.Note 28 · Vgl. Ferdinand Gregorovius, Wanderjahre in Italien, 2. Bd. 7. Aufl., S. 185.Note 29 · Le Pelletier, I. p. 143 f.Note 30 · Le Pelletier, I. p. 168.Note 31 · Le Pelletier, I, p. 213.Note 32 · Le Pelletier, I, p. 216.Note 33 · I, p. 118 f.Note 34 · Wer uns etwa vorwirft, die Deutung dieses Verses sei gekünstelt, möge sich der in der Vergangenheit so beliebten Chronogramme erinnern. BeisNote 35 · Le Pelletier, II. Bd., p. 157.Note 36 · Vgl. W. Bormann, »Nornen«, S. 257 f., und A. Kniepf, Psychische Studien, 36. Bd., 1909, S. 278 f.Note 37 · Le Pelletier, II. p. 160 f.
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