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Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal

Siebzehntes Kapitel Utrecht

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Als die Reisenden vernahmen, daß sie nach eben dem Orte gebracht werden sollten, wohin sie schon selbst zu reisen beabsichtigten, wurde ihr Gemüt ruhig, und sie bereiteten sich, dankbar für diese Wendung, welche der Überfall nahm, zum Weitergehen. Die von den Swazis aus den Wagen gerissenen Gepäckstücke wurden wieder aufgepackt, Frauen und Kinder kletterten nach, und die Männer bestiegen ihre Pferde. Der Leichnam des erschossenen Häuptlings wurde auf des alten Missionars Verlangen von zwei Schwarzen aufgehoben und mitgenommen, denn es sollte dem christlich Gestorbenen ein christliches, feierliches Begräbnis zu teil werden. Noch eine halbe Stunde lang ging es beim Sternenlicht weiter, dann glänzte der rote Schein von Lagerfeuern, und die Reisenden sahen sich an einer großen Lagerstätte von schwarzen Kriegern angelangt. Mehr als tausend Swazis schliefen in ihren Mänteln von Tierfell am Boden, und nach europäischer Weise waren Posten ausgestellt, welche den Zug durchließen, nachdem der englische Unteroffizier das Feldgeschrei gegeben hatte. Durch die Posten und Schlafplätze hindurch rollten die Wagen vor das Gehöft, wo der englische Kommandant sein Quartier aufgeschlagen hatte.

La Trobe Lonsdale lag schon im Schlafe, doch wurde er geweckt, um die Ankömmlinge sprechen zu können, und die Missionare sowie Pieter Maritz wurden in ein Zimmer geführt, wo der Offizier sie beim Scheine einer Lampe empfing und nach dem Ziel ihrer Reise und dem Orte ihrer Herkunft befragte. Er schien verwundert zu sein, als er hörte, daß der alte Mann und Pieter Maritz aus der Hauptstadt Tschetschwajos kamen, da er wohl nicht erwartet hatte, daß der Zulukönig unter den jetzigen Zeitverhältnissen das Blut von Weißen verschonen würde, die in seiner Macht waren. Doch war er erfreut, nun Leute vor sich zu sehen, die ihm über die Zustände im Zululande Auskunft geben könnten. Aber sowohl der alte Mann wie Pieter Maritz verweigerten jede Auskunft, und die beiden jüngeren Missionare erklärten mit gutem Gewissen, daß sie nichts von den Zuständen beim Heere Tschetschwajos wüßten.

»Wir haben seit fast einem Jahre Tschetschwajos Brot gegessen, und er ist großmütig gegen uns gewesen,« sagte der alte Mann. »Deshalb wäre es Verräterei, wenn wir etwas über sein Heer und seine Pläne sagen wollten.«

Der englische Offizier war unzufrieden mit dieser Antwort, denn er hätte sehr gewünscht, über den Feind Nachricht zu erhalten; doch konnte er sich nicht der Einsicht verschließen, daß eine ehrenwerte Gesinnung die Weigerung der ehemaligen Gäste Tschetschwajos hervorrief. Er sann einen Augenblick nach und sagte dann, er wolle in Rücksicht auf das Alter und den Beruf des Missionars der ferneren Reise der drei Missionare mit den Familien kein Hindernis in den Weg legen. Der junge Mensch dagegen, welcher ein Buer zu sein scheine, müsse in das Hauptquartier nach Utrecht gebracht werden, um vor dem Obersten Wood zu erscheinen. »Ich lasse Euch Pferd und Waffen,« sagte der Kommandant zu Pieter Maritz, »weil ich darauf vertraue, daß Ihr keinen Fluchtversuch machen werdet. Ihr werdet Euch darauf besinnen, was der Patriotismus jedem englischen Unterthan vorschreibt.«

Damit entließ er die Reisenden, ordnete an, daß Pieter Maritz bewacht und am folgenden Morgen unter Bedeckung nach Utrecht gebracht würde, und kehrte in seinen Schlafraum zurück.

Die Reisenden schlugen ihr Nachtquartier in einem Gehöft von Potgieters Farm auf, und der alte Missionar und Pieter Maritz unterhielten sich über die neuen Ereignisse, welche sie betroffen hatten. Die Erlebnisse, welche sie gemeinsam gehabt, ließen ihnen beiden das Jahr, welches sie zusammen gewesen waren, als eine fast unabsehbar lange Zeit erscheinen. Besonders für Pieter Maritz, dem die Zeit noch langsam verstrich, weil er jung war, schien der Rückblick auf die Vergangenheit, auf die Reise vom Buernlager im Norden Transvaals bis zu den Garnisonen der Zulus im Südosten von Afrika fast wie eine Ewigkeit, und er konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, den alten Mann verlassen zu müssen. Dieser erklärte, daß er es für seine Pflicht halte, bei den jüngeren Missionaren zu bleiben und mit ihnen zusammen eine Station zu gründen, entweder in Transvaal oder im Zululande, sobald der Krieg beendigt sei. »Was dich anbetrifft, Pieter Maritz,« sagte er, »so hoffe ich, daß du bald zu den Deinigen zurückgekehrt sein wirst. Der englische Kommandant in Utrecht wird dich hoffentlich bald entlassen, und dann kannst du dich nach deiner Gemeinde erkundigen und sie aufsuchen. Deine Furcht, wegen der Entweichung der beiden Zulus bestraft zu werden, wird ja nun wohl verschwunden sein. Du bist ein großer Mensch geworden, und ich werde Gott bitten, daß du immer ein guter, ein christlicher Mensch bleibst. In allen Fährlichkeiten, der Seele wie des Leibes, muß ja Gott unsere Stütze sein, denn unsere eigene Kraft ist gar schwach gegenüber den Anfechtungen der Welt.«

Pieter Maritz war in einer eigentümlichen Gemütsbewegung und vermochte lange Stunden nicht einzuschlafen. Trauer und Freude mischten sich seltsam. Er war betrübt, den alten Mann verlassen zu müssen, der sein Freund und Berater war und an den er durch die engsten Bande, durch gemeinsam überstandene Gefahr und durch Unterricht in den höchsten Gegenständen des Wissens, gekettet war. Doch beherrschte ihn die Trauer nicht völlig, da er vor seinem inneren Auge das Bild seiner Lieben daheim erblickte und da ihn das freudige Gefühl belebte, auf der Reise vom Zululande weg nach Hause zu sein. Schon das Bewußtsein, in Bewegung zu sein, den treuen Jager zur Hand zu haben und von Ort zu Ort zu kommen, hatte etwas Ermunterndes, Erfrischendes. Um sein Erscheinen vor dem Kommandanten von Utrecht grämte er sich wenig. Er war entschlossen, nichts über die Zulus zu verraten, und er glaubte, daß er dann die Erlaubnis erhalten würde, sich nach Hause zu begeben.

In der Frühe des andern Morgens erklangen die Hörner, und die Swazis erhoben sich vom Schlafe. Nach dem Vorbilde der Zuluregimenter waren aus dem Stamme der Swazis, die den Zulus immer feindlich gegenüberstanden, Regimenter gebildet worden, die unter dem Befehl La Trobe Lonsdales und einiger jüngeren englischen Offiziere sowie mehrerer englischen Unteroffiziere standen. Dieses schwarze Heer unter englischer Führung streifte von der Grenze Natals bis nach Neuschottland hin dem Zululande zunächst und bildete die äußersten Posten an der Grenze zwischen Transvaal und dem Zululande. Weiter zurück, in Utrecht und an andern Plätzen, formierten sich englische Angriffskolonnen unter Befehl des Obersten Wood.

Pieter Maritz frühstückte mit seinem alten Freunde, während die Familien der andern Missionare noch unter dem Zeltdache der Wagen schliefen. Doch es schmeckte beiden nicht. Sie waren zu sehr betrübt über die bevorstehende Trennung. Nun kam der englische Unteroffizier, der sie in der vergangenen Nacht gefangen genommen hatte, und befahl Pieter Maritz, sich fertig zu machen. Es mußte Abschied genommen werden. Mit nassen Augen sattelte Pieter Maritz sein Pferd, band einen Mantelsack auf, den ihm der Missionar geschenkt hatte und worin er Lebensmittel und einige Bücher verwahrte, dann umarmte er den alten Mann und schwang sich in den Sattel. Zwei mit Gewehren bewaffnete Swazis gingen mit ihm, und so zog er weiter.

Der Marsch ging schnell vor sich, denn die schlanken nackten Swazis hatten wenig Mühe, mit dem Pferde gleichen Schritt zu halten. Sie schwatzten fröhlich, nahmen dankbar den Tabak an, den Pieter Maritz ihnen gab, rauchten aus ihren kleinen Pfeifen und ließen sie sogar dann nicht ausgehen, wenn es im Trabe ging. Meile nach Meile legten sie ohne Ermüdung neben dem Pferde zurück. Pieter Maritz dachte einigemal daran, sich seiner Begleiter zu entledigen. Er war überzeugt, daß sie ihn laufen lassen würden, wenn er ihnen ein Geschenk machte. Aber er hielt es nicht für recht, die Leute von ihrer Pflicht abwendig zu machen, und der Gedanke, Gewalt zu gebrauchen und sich auf sein Pferd und sein Gewehr zu verlassen, um die Freiheit zu erlangen, lag ihm ferne. Er wollte dem Vertrauen des englischen Kommandanten, der ihm Pferd und Waffen gelassen hatte, keine Schande machen.

Der Marsch ging weit schneller, als er in Begleitung der Wagen bis jetzt gegangen war. Es kam Pieter Maritz so vor, als seien ihm Flügel gewachsen. Munteren Schrittes bewegte sich Jager, der erfreut zu sein schien, nicht mehr an den schweren Gang der Ochsen gebunden zu sein, und leicht wie Antilopen liefen die beiden Schwarzen nebenher. Das Land zeigte die Unruhe eines Grenzgebietes bei hereinbrechendem Kriege. Pieter Maritz überholte mehrere Wagenzüge, die landeinwärts gingen, und in denen sich Buernfamilien mit ihren Viehherden vor dem gefürchteten Anmarsch der Zulus retteten. Wie freute er sich, Landsleute wiederzusehen und die holländische Sprache zu vernehmen! Er aß bei einer dieser Familien zu Mittag und erkundigte sich, ob sie etwas von seiner Gemeinde wüßten. Aber die Leute wußten nichts davon, ein zu weiter Raum trennte die Bewohner des Utrechter Distrikts von denen der Ebenen im Norden.

Gegen Abend zeigten sich die dunklen Ketten des Belebasberges, und als die Sonne sank, kam Pieter Maritz durch ein Thal, vor dessen Ausgange die Stadt Utrecht lag. Jager war ermüdet, er ging langsam und senkte den Kopf; auch die Swazis schritten jetzt langsam dahin, und ihr Geschwätz war verstummt. Sie hatten zehn deutsche Meilen zurückgelegt.

Jetzt zeigten sich viele rote Feuerscheine, und dann blinkten Lichter auf, welche weit verbreitet lagen und die einzeln liegenden Häuser von Utrecht anzeigten. Dann tönten Hornsignale, und der Lärm eines Lagers ließ sich vernehmen. Die Nacht war klar und rein. Vom tiefblauen Himmel glänzten die Sterne herab, und ein warmer Wind zog aus der Ebene nach dem Gebirge hin und blies Pieter Maritz entgegen. Ein Trupp von bewaffneten Reitern erschien seitwärts des Weges und rief die Ankömmlinge an. Pieter Maritz hielt, und die Reiter kamen näher. Es waren Buern, die Büchsen über dem Rücken, den Patronengurt über der Brust, das Gesicht vom Hutrand beschattet. Sie umringten den Landsmann und die beiden Schwarzen, und einer von ihnen führte alle drei nach Utrecht hinein. In den ausgedehnten Straßen, welche zwischen Feldern und Gärten sowie vereinzelt stehenden Häusern sich hinzogen, trieb sich ein sehr verschiedenartiges Volk herum. Englische Infanteristen in ihren roten Röcken, dazwischen Buern aus Natal, die als Freiwillige im englischen Heere dienten, auch schwarze Krieger waren zu sehen, und viele Weiber, hauptsächlich Kaffernfrauen, liefen umher und trugen Körbe mit Lebensmitteln oder Krüge auf dem Kopfe, um die Truppen zu versorgen. Seitwärts der Straßen, außerhalb der Stadt, schimmerten lange Reihen der spitzen weißen Zelte, in welchen die englischen Truppen lagerten.

Vor dem ansehnlichsten Hause von Utrecht, einem zweistöckigen Gebäude, hielt der kleine Zug. Pieter Maritz sah das Haus voll Bewunderung an. Er hatte in seinem Leben noch kein so schönes Haus gesehen. Es war glänzend weiß, hatte sechs Fenster Front, alle Fenster waren von innen hell erleuchtet und hatten Glasscheiben. Pieter Maritz war noch nie in einer Stadt gewesen, welche aus Häusern europäischer Bauart bestanden hatte, und glaubte sich in ein Zauberland versetzt. Vor der Hausthür ging ein Soldat in rotem Rocke und mit weißem Helm auf und ab, und mehrere Offiziere und Unteroffiziere standen auf dem Platze davor.

Der berittene Buer teilte einem dieser Offiziere mit, daß zwei Mann von der Truppe des Kommandanten Lonsdale einen Gefangenen brächten, und nun ließ der Offizier Pieter Maritz absteigen und führte ihn in das Haus. Zugleich nahm er ein Schreiben mit, welches ihm einer der Swazis überreichte, und worin Kommandant Lonsdale wohl dem Obersten Wood Meldung über den Stand der Dinge an der Grenze abstatten mochte.

Als Pieter Maritz sich der offenstehenden Hausthür näherte, sah er den Flur mit Männern angefüllt. Rote Röcke und die Blusen der Buern mischten sich, und verwundert sah Pieter Maritz mehrere Zulus an der einen Seite dicht an der Wand hocken. Er konnte sich über die besondere Art des Kopfputzes und der Waffen dieser Leute nicht täuschen, es waren wirklich Zulus. Sie hockten am Boden, das Kinn auf den Knieen, die Hände vor den Schienbeinen verschlungen. Er mußte eine Zeitlang auf dem Flur warten und ward sich hier, wo es hell war und wo die Blicke der Engländer und Buern sich auf ihn richteten, eines Umstandes bewußt, der ihm bis jetzt nicht zur Erinnerung gekommen war: es fiel ihm ein, wie sonderbar und schlecht er gekleidet sei. Nun er die hübschen, glänzenden Anzüge der Engländer und die sauberen ordentlichen Röcke, Beinkleider und Stiefel seiner Landsleute sah, erschien ihm seine eigene Tracht, an welche er lange gar nicht gedacht hatte, in einem neuen Lichte, und er fühlte sich so beschämt, daß er nicht recht wußte, wohin er sich stellen sollte, um möglichst verborgen zu sein. Im Zululande gab es keine Schneider, die ihn mit Kleidungsstücken europäischer Mode hätten versorgen können, und Schuster gab es dort gar nicht. Die Zulus gingen barfuß, und ihre Gewänder waren zwar kunstvoll gearbeitet, aber nicht modern für die Stadt Utrecht. Da Pieter Maritz sich nicht an die Mode von Ulundi, ein schön gegerbtes Fell und einen perlenbesetzten Lendengurt, hatte gewöhnen wollen, hatte er sich damit begnügen müssen, seinen alten Anzug mit neuen Lappen zu flicken. Seine Stiefel hatten so viele neue Stücke bekommen, daß von dem ursprünglichen Leder fast nichts mehr vorhanden war. Sie waren nicht unbequem. Die Schäfte, mit Antilopenleder geflickt, schlossen sich gut an und gingen bis über die Kniee. Es waren vorzügliche Reitstiefel; aber sie waren ziemlich bunt. Ähnlich ging es mit den übrigen Stücken seines Anzugs. Der Missionar, welcher für lange Aufenthalte in wilden Gegenden vorbereitet war und in seinem Wagen allerhand Nützliches mit sich führte, hatte ihm ausgeholfen, aber buntscheckig genug waren Rock und Beinkleid und Hut.

Jetzt kam der Offizier, welcher den Brief des Kommandanten Lonsdale fortgetragen hatte, wieder zum Vorschein und winkte Pieter Maritz, ihm zu folgen. Es ging in ein großes Zimmer neben dem Flur, welches von mehreren Lampen erleuchtet war, und hier bot sich ein Anblick, der die Überraschung Pieter Maritz' vollständig machte. Sein Blick fiel zunächst auf zwei bekannte Gestalten: der Prinz Sirajo und der Induna Molihabantschi saßen auf Stühlen in der Mitte des Zimmers, in ihre vornehmste Tracht gekleidet: goldene Ringe auf dem Kopfe, Hals und Brust mit Ketten geziert, Mäntel von Tigerfell auf dem Rücken, in der Hand lange Elfenbeinstäbe mit zierlich geschnitzten Knäufen.

Vor ihnen saß an einem langen Tische, der mit Karten und Schriften bedeckt war, ein hoher Offizier, die Brust mit mehreren Orden geziert, und neben ihm saßen fünf andere, jüngere Offiziere. Ein Zulu, dessen schwarzes Gesicht sonderbar aus einem weißen Hemdskragen hervorsah und der die Bluse und das Beinkleid des Buern trug, stand zwischen dem Tische und den vornehmen Gesandten Tschetschwajos.

»Treten Sie näher!« rief der hohe Offizier Pieter Maritz zu. »Kommandant Lonsdale schreibt mir, daß Sie aus Ulundi kommen. Verstehen Sie genug von der Zulusprache und genug Englisch, um als Dolmetscher nützlich zu sein?«

»O ja, ich glaube wohl,« entgegnete Pieter Maritz. »Ich habe fast ein Jahr in Ulundi gelebt und habe die Zulusprache ziemlich gut gelernt.«

»Wenn Sie sie ebenso gut verstehen, wie die englische Sprache, so sind Sie ein Meister,« sagte Oberst Wood. »Wer zum Henker ist Ihr englischer Sprachlehrer gewesen?«

»Lord Adolphus Fitzherbert,« entgegnete Pieter Maritz.

»Sind Sie toll?« fragte der Oberst. »Aber freilich — ich hörte davon, daß der Lord gefangen bei den Zulus gewesen ist.«

Pieter Maritz erzählte von seinem langen Beisammensein mit dem Lord, und daß er dadurch seine Kenntnis des Englischen verbessert habe.

»Es ist gut,« sagte der Oberst. »So werden Sie imstande sein, zwischen mir und den Gesandten zu vermitteln, denn ich verstehe nicht genau, was sie sagen, und glaube, daß unser schwarzer Dolmetscher nicht ganz zuverlässig ist. Lassen Sie sich genau sagen, was diese Leute wollen, und teilen Sie es mir mit. Wenn ich recht verstanden habe, ist einer von ihnen ein Bruder Tschetschwajos.«

Pieter Maritz wandte sich zu den Zulus und begrüßte den Prinzen Sirajo mit einer Verbeugung, welche dieser würdevoll mit Kopfnicken erwiderte. Molihabantschi hatte schon den Auftrag des Obersten Wood vernommen, und nachdem er sich mit dem Prinzen besprochen hatte, teilte er Pieter Maritz in seinem gebrochenen Englisch und mit dazwischen gestreuten Zuluworten die Botschaft Tschetschwajos mit.

Dann wandte sich Pieter Maritz an den englischen Obersten. »Diese Männer sind der Prinz Sirajo, Bruder des Königs, und einer seiner vornehmsten Räte, Namens Molihabantschi,« sagte er. »Ich kenne sie beide, da ich sie oft gesehen habe. Sie sagen, daß König Tschetschwajo sehr bedauert, in Streit mit der englischen Regierung gekommen zu sein. Er wünscht den Frieden. Er ist unzufrieden damit, daß seine Unterthanen die Grenze verletzt haben, und will diejenigen streng bestrafen, welche Vieh aus Natal gestohlen und Flüchtlinge zurückgeholt haben. Auch verspricht er, daß derartiges Unrecht nicht wieder geschehen solle. Zugleich aber spricht er seine Verwunderung darüber aus, daß die englischen Truppen sich an seiner Grenze in so großen Massen versammeln, und er bittet um Auskunft, welchen Zweck diese Truppen haben. Besonders ist er beunruhigt, daß die Festung Lüneburg errichtet worden ist, und erblickt darin eine Bedrohung seines Landes und seiner Verbindungen mit dem Norden. Er bittet um eine genügende Erklärung der kriegerischen Vorbereitungen Englands, da er sich sonst genötigt sehen würde, auch seinerseits auf Krieg bedacht zu sein.«

Oberst Wood zuckte ein wenig die Achseln und unterdrückte ein Lächeln, welches um seinen Mund zuckte.

»So fragen Sie die Gesandten,« antwortete er, »ob Tschetschwajo nicht die Forderungen des Generalgouverneurs kennt: Verminderung seiner Armee, Zurückziehung der Garnisonen an der Grenze, Aufnahme eines britischen Residenten in Ulundi und Abtretung der Bai von Santa Lucia?«

Pieter Maritz teilte die Gegenfrage des Obersten in der Zulusprache dem Prinzen Sirajo mit. Dessen Augen blitzten zornig.

»Der König hat auf diese Forderungen nicht geantwortet,« sagte er, »weil sie seiner königlichen Würde nicht angemessen sind.«

»Nun denn,« versetzte Oberst Wood, als Pieter Maritz dies übersetzt hatte, »die Bedingungen des Generalgouverneurs sind klar und deutlich. Wenn Tschetschwajo darauf nicht eingehen will, so werden die englischen Truppen den Krieg eröffnen. Das mögen die Gesandten zu Hause bestellen.«

Pieter Maritz übersetzte diese Worte, und die Zulus standen mit stolzer Gebärde von ihren Sitzen auf.

»So sei es denn Krieg!« rief Sirajo mit drohender Miene. Er wandte sich um und schritt mit Molihabantschi hinaus. Die englischen Offiziere aber sprachen miteinander und schienen durch das Auftreten und die Drohung der Zulus mehr belustigt als erschreckt zu sein. Pieter Maritz hörte ihrem Gespräch mit dem Gedanken zu, daß sie sich von der Kriegsmacht Tschetschwajos keine deutliche Vorstellung machten. Da sich niemand um ihn bekümmerte und auch der Zuludolmetscher in europäischer Tracht, offenbar ein Einwohner von Natal, sich entfernt hatte, wollte auch er fortgehen, als ihn Oberst Wood anrief.

»Nun, mein junger Freund,« sagte er, »setzen Sie sich einmal hierher an den Tisch und erzählen Sie uns genau, was Sie von den Zulus wissen. Wieviel Truppen hat denn Tschetschwajo? Wo stehen seine Banden? Wie sind sie bewaffnet? Welche Fechtweise haben sie? Erzählen Sie uns das alles recht deutlich und ausführlich.«

»Entschuldigen Sie mich, Mynheer,« antwortete Pieter Maritz. »Ich darf Ihnen das nicht erzählen. Ich weiß es zwar ganz genau, aber ich habe es als Gast des Königs erfahren, und es wäre Verräterei, wenn ich es sagen wollte.«

»Was?« rief der Oberst. »Was ist das für eine Antwort? Hier werden keine Scherze getrieben. Wir sind im Kriege.«

»Eben deshalb,« sagte Pieter Maritz. »Ich will nicht zum Danke für die großmütige Behandlung Tschetschwajos seinen Feinden verraten, wie sie ihn angreifen können.«

»Was fällt dem jungen Menschen ein?« rief der Oberst, indem er die andern Offiziere ansah, als wollte er sie zu Zeugen einer unerhörten Handlung anrufen. »Der Aufenthalt bei den Niggers hat ihm den Kopf verdreht. Aber wir wollen ihn wieder zurechtsetzen. Besinnen Sie sich, vor wem Sie stehen, Sie hartköpfiger Buer. Sie sind ein Unterthan der Königin von England und stehen vor einem ihrer Vertreter.«

»Ich bin nicht der Unterthan der Königin,« entgegnete Pieter Maritz trotzig, »und Sie haben mir nichts zu befehlen. Ich bin kein Einwohner von Natal, sondern aus dem Gebiete der Südafrikanischen Republik gebürtig.«

»Ein toller Bursche!« rief der Oberst. »O über diese Buern! Sie sind so dickköpfig wie ihre Ochsen. Nun, wir wollen euch schon kriegen. Sie sind mir sehr verdächtig, mein Freund. — Mein lieber Thomson,« sagte er dann, zu dem jüngsten der Offiziere gewandt, »seien Sie so gut, diesen Burschen einstecken zu lassen. Er soll hinter Schloß und Riegel sitzen, bis er weiß, wer sein Souverän ist.«

Pieter Maritz stand wie versteinert. So schlecht hatten ihn ja die Zulus und die Räuber in den Drakensbergen nicht behandelt. Er sollte eingesteckt werden? Einen langen vorwurfsvollen Blick heftete er auf den Obersten, der sein Urteil gesprochen hatte, und lähmende Müdigkeit legte sich auf ihn. Jetzt erst fühlte er, wie steif seine Beine und wie zerschlagen sein ganzer Körper von dem langen Ritte waren. Aber der Oberst bekümmerte sich ferner nicht um ihn, sondern sah auf die vor ihm liegende Karte und besprach sich mit den andern Offizieren. Es schien ihm gar nichts auszumachen, daß er einen freien Buernsohn zum Gefängnis verurteilt hatte.

Währenddessen war der Offizier hinausgegangen, und gleich darauf trat er wieder mit einem Unteroffizier herein. »Hier, dieser junge Mensch ist es,« sagte er, auf Pieter Maritz deutend.

Der Unteroffizier faßte Pieter Maritz hart am Arm und griff nach der Büchse, welche dieser auf dem Rücken trug. Diese Berührung erweckte Pieter Maritz aus seinem starren Dastehen. Er wollte sich losmachen und rief laut: »Laßt mich frei! das Gewehr ist mein!«

Der Oberst runzelte die Brauen. »Machen Sie, daß Sie den Burschen hinausbringen,« sagte er zu dem Unteroffizier.

Dieser griff fester zu, und indem er den Knaben mit sich zog, verschob sich der Lederriemen, an welchem der Ring Tschetschwajos hing, und das glänzende Schmuckstück kam aus der Bluse hervor, unter welcher es gesteckt hatte.

»Was ist denn das für ein sonderbares Ding?« fragte Leutnant Thomson, der in der Nähe stand, indem er nach dem Ringe griff. Auch die andern Offiziere wurden aufmerksam, und der Unteroffizier nahm dem Knaben den Riemen ab und zeigte den Ring umher.

»Was bedeutet dieser seltsame Ring?« fragte Oberst Wood.

»Es ist ein Ring König Tschetschwajos,« sagte Pieter Maritz. »Er hat ihn mir als Preis im Wettschießen gegeben. Er war freundlicher gegen mich, als Ihr es seid.«

Die Offiziere ließen den Ring von Hand zu Hand gehen, während sie über des Knaben Antwort lachten.

»Ein merkwürdiges Stück,« sagte Oberst Wood. »Hier, gebt ihn dem jungen Menschen wieder. Übrigens ist dies ein Beweis für sein freundschaftliches Verhältnis zu den Niggers, und ich wundere mich nicht mehr, daß er keine Auskunft geben will. Gehen Sie mit, Leutnant Thomson, und schärfen Sie dem Gefängniswärter Wachsamkeit ein. Hinter dem Burschen steckt vielleicht mehr, als wir denken.«

»Und was soll aus meinem Pferde werden, wenn ich eingesperrt werde?« rief Pieter Maritz.

»Genug der Widerworte!« rief der Oberst ungeduldig. »Fort mit dem Burschen!«

Der Unteroffizier zog Pieter Maritz hinaus, und Leutnant Thomson folgte. Der Leutnant schien Mitleid mit dem Knaben zu empfinden, denn er sagte ihm draußen, er möge sich nicht ängstigen, weder seine Waffen noch sein Pferd würden ihm genommen werden, und er selber würde wahrscheinlich die Freiheit wiedererlangen, sobald er den Obersten um Entschuldigung bäte und ordentliche Auskunft über seinen Aufenthalt im Zululande gäbe.

Pieter Maritz antwortete auf diese Worte nicht, denn er war so empört und zugleich so niedergeschlagen, weil er ins Gefängnis sollte, daß er alle seine Gedanken in die Brust verschloß. Er ging stumm neben dem Unteroffizier her, der sich seiner Büchse bemächtigt hatte, und bemerkte fast teilnahmslos, daß auf den Befehl des Leutnants ein Soldat Jagers Zügel ergriffen hatte und das Pferd hinter ihm her führte.

Es ging eine Strecke weit durch die belebten Straßen hin, in welchen der kleine Zug nur geringes Aufsehen erregte, und dann kamen sie vor ein ziemlich großes Haus, vor dem eine rotröckige Schildwache auf und nieder ging. Es war ein gewöhnliches Buernhaus, doch zweistöckig und mit Gittern vor den Fenstern. Als der Leutnant an der Schelle zog, ward die Hausthür geöffnet, und ein alter Buer kam heraus, der ein Schlüsselbund in der Hand trug.

»Hier, Koopman,« sagte der Leutnant, »bringe ich einen neuen Gefangenen. Haben Sie wohl acht auf ihn, denn er ist ein Staatsgefangener, ein gefährlicher junger Mensch, obwohl er Ihr Landsmann ist. Behandeln Sie ihn gut, aber lassen Sie ihn nicht entwischen. Sein Pferd stellen Sie in Ihren Stall, und seine Waffen heben Sie auf.«

»Schon gut, schon gut,« sagte der alte Buer, indem er Pieter Maritz prüfend betrachtete. Dann rief er einen Knecht herbei, welcher Jager nach einem der Hintergebäude führte, nahm die Büchse in Empfang und ließ Pieter Maritz in das Haus gehen.

»Ich werde morgen nachfragen, ob Ihr bessere Antwort geben wollt als heute,« rief der Leutnant zum Abschiede, und dann schlug die Thür hinter dem Gefangenen zu, und Pieter Maritz war mit dem alten Buer allein.

»Komm mal mit, mein Neffe,« sagte dieser zu ihm, indem er eine Laterne ergriff und mit seinem Schlüsselbunde klappernd voran- und die Treppe hinaufschritt. Pieter Maritz folgte gehorsam. Er war wie im Traume und ließ alles ruhig mit sich geschehen. Der Gefangenwärter schloß eine Thür im oberen Stock auf, ließ ihn eintreten, stellte dann seine Laterne auf den Tisch, der das hauptsächlichste Möbel in dem kahlen Raume war, setzte sich selbst auf einen Schemel, stützte die Arme in die Seiten und fragte: »Nun sag mal, mein Neffe, wieso und woher kommst du denn?«

Pieter Maritz taute bei dem gutmütigen Klange dieser in seiner Muttersprache gesprochenen Frage etwas auf und erzählte in der Kürze seine Abenteuer der letzten Zeit, und daß der Kommandant ihn habe einsperren lassen, weil er von der Südafrikanischen Republik gesprochen habe.

Der alte Buer schüttelte den Kopf. »Ja, mein Junge,« sagte er, »da hast du freilich dem Ochsen ins Auge geschlagen, und das war eine große Dummheit.«

»Aber sagt doch, Oheim,« rief Pieter Maritz, »habe ich denn nicht recht? Sind wir denn nicht freie Bürger der Südafrikanischen Republik?«

»Pst, pst!« sagte der alte Buer, »halt das Maul, mein Junge; es könnte es jemand hören. Freilich hast du recht, aber es ist nicht immer klug, die Wahrheit zu sagen.«

»Aber nun sagt mir doch, wie kommt Ihr denn dazu, Gefangenwärter bei den Engländern zu sein?« fragte Pieter Maritz. »Seid Ihr denn nicht auch ein freier Buer?«

Der Alte kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. »Ja, siehst du, mein Junge,« sagte er, »bar Geld lacht. Meine Alte und ich, wir wohnen hier allein in dem großen Hause, und die Jungens sind alle draußen und haben ihre eigenen Farmen. Da habe ich mit den Engländern einen Kontrakt abgeschlossen, daß ich ihnen mein Haus als Gefängnis leihe und die Gefangenen verköstige und bewache. Sie zahlen mir ein schönes Stück Geld dafür, und in jetzigen schweren Zeiten schlägt ein vorsichtiger Mann das nicht aus. Aber gewiß bist du hungrig, mein Junge. Wart ein bißchen, ich hole dir zu essen.«

Der Alte erhob sich und ging mit seiner Laterne hinaus, schloß auch die Thür von außen zu. Pieter Maritz ging ans Fenster und blickte durch die Vierecke zwischen den eisernen Stäben hinaus auf die Straße. Noch immer zog dort, obwohl es schon spät am Abend war, eine große Menge Menschen umher, die sich der kühleren Luft und des Geplauders beim Sternenschein erfreuten. Pieter Maritz sah halb bewußtlos auf die bunt gemischte Menge hinab; er war so sehr bedrückt durch das Bewußtsein seiner Gefangenschaft, daß er an allen äußeren Dingen nur geringen Anteil nahm. Er dachte nach Hause zurück. Wie schön hatte er sich das baldige Wiedersehen ausgemalt! Nun sollte alles, alles anders werden, alles war ins Ungewisse gerückt.

Jetzt rasselten die Schlüssel wieder, die Thür öffnete sich, und der alte Buer kam mit einem Korbe. Er stellte Brot und Butter, gebratenes Ochsenfleisch und einen Krug Bier auf den Tisch. Pieter Maritz besann sich darauf, daß er seit Mittag nichts genossen hatte, und fing an zu essen. Zu Anfang schmeckte es ihm in seinem Kummer nicht, aber nach und nach bekam er Appetit und aß und trank, während der alte Buer ihm gegenüber saß und in seiner langsamen Sprache über Politik redete und einen langen Vortrag hielt. Er mochte froh sein, einen Gefangenen zu haben, mit dem er vertraulich reden konnte, aber der Ton seiner Stimme wirkte einschläfernd auf den Zuhörer. Pieter Maritz bemühte sich, die Augen offen zu erhalten, aber es war endlich nicht mehr möglich. Als er aufgehört hatte zu essen und dann noch einen tüchtigen Schluck Bier genommen hatte, sank plötzlich sein Kopf auf die eine Schulter, und er fing, noch auf dem Schemel sitzend, zu schnarchen an.

Da stützte ihn der alte Gefangenwärter, schob ihn nach der Ecke des Zimmers, wo eine Matratze am Boden lag, ließ ihn sich niederlegen und deckte ihn mit einer wollenen Decke zu. Dann ging er hinaus, wackelte mit dem Kopfe und murmelte etwas von jungen Leuten und langen Ritten in den Bart.

Als Pieter Maritz am andern Morgen erwachte, war es schon heller Tag. Er hörte an die Thür pochen, dann den Schlüssel drehen, und dann sah er einen Knecht des Buern eintreten, der ihm Maisbrei und Kaffee zum Frühstück brachte. Er sprang von seinem Lager auf und verlangte Wasser zum Waschen. Der Knecht führte ihn in den Hof und zeigte ihm einen laufenden Brunnen, wo er sich waschen konnte. Der Hof war von einem hohen Zaun eingefaßt und draußen war der Schritt der Schildwache zu vernehmen. Nach der Wäsche ward Pieter Maritz wieder eingeschlossen, und nun nahm er sein Frühstück ein. Er hatte sich ein wenig an den Gedanken gewöhnt, Gefangener zu sein, war aber nicht darüber getröstet. Wenn es ihm auch nicht mehr unerhört und neu erschien, hinter Schloß und Riegel zu sitzen, so war es ihm doch heute noch schmerzlicher als gestern. Denn er dachte heute klarer darüber nach und sah alles Unangenehme und Schmerzliche seiner Lage in hellerer Beleuchtung als am Abend vorher, wo die Überraschung ihn betäubt hatte. Die Erinnerung an seinen Vater, der ihm sterbend gesagt hatte, die Engländer seien die einzigen und wahren Feinde der Buern, stand lebhafter als je wieder vor ihm.

Nach einigen Stunden hörte er den alten Buern an den Schlössern rappeln und wurde hinausgelassen, um im Hofe frische Luft zu schöpfen. Es war die Stunde, wo auch die andern Gefangenen hinausgelassen wurden. Zehn Gefangene, darunter sechs englische Soldaten und drei Männer in Buerntracht, kamen auf den Hof, doch durften sie nicht miteinander sprechen, sondern mußten schweigend nebeneinander hergehen. Die Schildwache, welche außerhalb stand, wurde zur Überwachung in den Hof selbst gestellt, solange die Gefangenen dort waren. Pieter Maritz betrachtete die Gesichter seiner Genossen. Keines war sehr einladend zu näherem Verkehr, sondern es waren rohe Züge, die sich ihm zeigten. Er ging mit trüben Gedanken unter den Leuten umher und freute sich fast, als die Zeit der Erholung vorüber war und er wieder eingeschlossen wurde. Um Mittag erschien der Leutnant Thomson, der die Zimmer inspizierte und ihn fragte, ob er nun wisse, wer sein Souverän sei, und ob er nun Auskunft über die Zuluarmee geben wolle.

Aber Pieter Maritz kreuzte die Arme über der Brust und antwortete nur mit einem Blick der Verachtung. Der Offizier ging, und Pieter Maritz war wieder allein hinter den vergitterten Fenstern.

So ging es auch am folgenden Tage und fernerhin. Ein Tag reihte sich an den andern, und Pieter Maritz saß noch immer im Gefängnis. Die übrigen Gefangenen wechselten. Einige wurden entlassen, und andere kamen wieder hinzu, die Gesellschaft auf dem Hofe bei der Promenade wechselte, und nur Pieter Maritz blieb. Es kam ihm so vor, als ob hauptsächlich Trunkenbolde unter den englischen Soldaten eingesperrt würden, denn oft wurde gerade des Abends ein Mann mit vielem Gepolter und Geschrei von Patrouillen gebracht, und Pieter Maritz wunderte sich, wie stark der Geruch von Rum im Gefängnis war. Er war in einer stillen, grimmigen Laune über die lange Dauer seiner Gefangenschaft, aber fest entschlossen, nicht nachzugeben, wenn er auch für immer dort sitzen sollte. Sein Trost war, daß es Jager gut ging. Der alte Buer, welcher Mitleid mit ihm hatte und auch gern schwatzte, besuchte ihn fast jeden Abend und erzählte ihm, was in der Welt vorging. Er sagte dem Knaben, daß einer seiner Knechte das Pferd täglich an die Luft brächte, und er hatte es so eingerichtet, daß dieser Knecht an des Knaben Fenstern vorüberritt. Pieter Maritz nickte Jager von oben zu und fühlte sich beruhigt, wenn er sah, daß das Tier munter dahinschritt.

Der alte Buer erzählte ihm, daß er täglich für jeden Gefangenen fünf Schillinge Kostgeld bekäme, wenn aber einer entspränge, müsse er fünf Pfund Strafe kontraktmäßig bezahlen, deshalb passe er sorgfältig auf, daß keiner entwische, und noch habe er keine Strafe zu bezahlen gehabt. Er erzählte auch von den kriegerischen Vorgängen. Von drei Seiten, so sagte er, wollten die englischen Truppen in das Zululand einrücken. Der Oberst Wood von Transvaal aus, der Oberst Glyn von Helpmakaar in Natal aus und der Oberst Pearson von Greytown in Natal aus. Alle drei Kolonnen wollten geradeswegs auf Ulundi marschieren. Am Ufer des Tugelaflusses habe Sir Bartle Frere in Gegenwart britischer Behörden und vielen Volkes ein Ultimatum verlesen lassen, eine Forderung an Tschetschwajo, die gestellten Bedingungen anzunehmen oder aber britische Truppen als Feinde in seinem Lande zu sehen. Dies Ultimatum sei dem Könige übersandt worden, und da er es nicht angenommen habe, würde der Krieg beginnen.

Am 14. Januar erschien der alte Buer sehr eilfertg bei Pieter Maritz und erzählte ihm, es habe ein Kampf stattgefunden. Britische Truppen wären auf Flößen und Booten über den Buffalofluß gegangen und hätten vor zwei Tagen Sirajos Kral erstürmt.

Zu dieser Zeit kam große Bewegung in die bei Utrecht lagernden Truppen, wie Pieter Maritz von seinen Fenstern aus bemerken konnte. Viele Wagen fuhren durch die Straße, Truppenabteilungen marschierten, und alles machte den Eindruck, als ob etwas Wichtiges bevorstände. Die Soldaten, welche noch im Gefängnis waren, wurden herausgeholt. Am 20. Januar, als Pieter Maritz bereits über zwei Wochen gefangen gesessen hatte, ward er in der Frühe des Morgens durch kriegerische Musik geweckt. Er eilte ans Fenster und sah, daß die Truppen sich in Marsch gesetzt hatten. Der Zug ging nach Osten hin und bewegte sich durch die Straße, in welcher das Gefängnis lag.

Zuerst erschienen die Schwadronen der englischen Light Horse, Reiter mit langen, an der Spitze etwas gebogenen Schwertern und Karabinern bewaffnet, dann stampften im Gleichschritt die Züge der englischen Infanterie heran, in roten Röcken mit weißen Korkhelmen, die Beinkleider in langschäftige Stiefel gesteckt, Tornister mit weißen Lederstreifen auf dem Rücken, das Gewehr auf der Schulter, Patrontaschen vor dem Leibe, Brotbeutel und Feldflasche an der Seite, das Bajonett am weißen Ledergurt an der linken Hüfte. Sie trugen die Nummer 80 auf den Achselklappen. Die Unteroffiziere hatten weiße Querstreifen auf dem linken Oberarm, die Offiziere, deren ein großer Teil zu Pferde war, trugen nur Säbel und Revolver. Auf das 80. Infanterieregiment folgte ein Zug, wie Pieter Maritz ihn noch nie gesehen hatte, so daß bei dessen Anblick ihm das Herz höher schlug. Schon von weitem war ein tiefes Klirren und erschütterndes Rollen und Dröhnen zu vernehmen. Die Artillerie kam heran. Je sechs Pferde zogen einen zweirädrigen Karren, die Protze, auf welcher Artilleristen saßen, und an diese Protze war das Geschütz gehängt. Der Anblick der dunklen glänzenden Kanonenrohre erregte in des Knaben Gemüt einen großen Sturm, denn er hatte noch keine Kanone erblickt. »O ihr armen Zulus,« dachte er, »wie wird es euch ergehen?« Geschütz auf Geschütz rollte mit unheimlicher Schwere dahin, und hinter den Geschützen gingen und ritten viele englische Krieger. Die Offiziere hatten schwarze Sammetaufschläge und Sammetkragen auf den Scharlachröcken, und diese Aufschläge und Kragen waren prachtvoll mit goldener Stickerei eingefaßt und besetzt. Sie trugen breite schwarze Bandeliere mit Patrontaschen, Säbel und Revolver, ihre weißen Helme hatten vergoldete Spitzen und Beschlag und wurden mit vergoldeten Schuppenketten unter dem Kinn befestigt. Sie ritten wunderschöne Pferde mit reichem Geschirr.

Hinter den Geschützen zog eine Reihe schwarzer Wagen her, die mit Munition beladen waren. Dann folgte wieder ein Zug Infanterie, zwei Kompanien vom 80. Regiment. Hierauf kamen mehrere hundert Mounted Volunteers, berittene Buern aus Natal, sowie englische Unterthanen aus Natal, welche freiwillig am Kampfe teilnahmen. Sie trugen den weißen Korkhelm und kreuzweise gehängtes weißes Lederzeug mit Büchse und Patrontasche. Dann kam wieder ein langer Zug Infanterie, das 90. Regiment, und hieran schloß sich wieder englische Kavallerie. Endlich kam eine unendliche Reihe von Wagen, die von Buern und Kaffern gelenkt und von reitenden Buern und englischer Infanterie begleitet wurden. Mehr als zweihundert Wagen zählte der Zug, und es währte mehrere Stunden, bis er vorüber war. Ein jeder Wagen war mit zehn oder zwölf Ochsen bespannt und mit Kisten und Kasten, Paketen und Tonnen beladen. An die Zeltdächer waren die Nummern der Truppenabteilungen mit schwarzer Farbe geschrieben. Hier stand: Frontier Light Horse, dort 13th Regiment, dort Royal Artillery, und so war überall bezeichnet, welcher Truppe die mitgeschleppten Vorräte an Munition, Lebensmitteln, Uniformstücken und sonstigem Gepäck gehörten.

Pieter Maritz sah im Geiste noch den Marsch der Zulutruppen vor sich, und so erschien ihm das kleine englische Heer, welches kaum dreitausend Mann stark war, ganz fremdartig. Wie schwer, breitschulterig, wuchtig und stampfend waren diese Soldaten der Königin von England im Vergleich mit den langen schmalen leichten Zulus, die gleichsam über den Boden hinschwebten. Und welch ein Gepäck! Welche Masse von Fleisch, welche Tonnen voll Branntwein! Welche Menge von Uniformstücken, von Mänteln und Stiefeln! Die Zulus aßen im Manöver nur einmal in vierundzwanzig Stunden oder auch wohl gar nicht und schnürten dafür ihren Gürtel etwas fester. Für jeden Wagen der Engländer ein behender nackter Träger mit einem Korbe auf dem Kopfe, und zehntausend Zulus waren für mehrere Tage mit Kafferkorn versehen. Ihr Getränk aber lieferten die Bäche und Flüsse.

Pieter Maritz hatte dem langen Zuge fast atemlos in höchster Spannung zugeschaut, denn das kriegerische Schauspiel nahm seine Sinne ganz gefangen. Als aber der letzte Wagen im gewaltigen Staube der Straße verschwand, da seufzte er tief.

Sollte er nun allein zurückbleiben und für immer im Gefängnis sitzen? Er besann sich darauf, daß er ja nichts mit dem Kriege der Engländer zu schaffen habe, gleichwohl hatte er ein Gefühl, als sei sein halbes Herz mit fortgenommen. Er hätte es natürlich gefunden, mitzureiten. Der Anblick der vielen Buern bei der Kolonne des Obersten Wood bewegte ihm das Gemüt. Zwar waren unter den Kämpfern keine von den Transvaalbuern, sondern nur unter den Wagenführern, wie ihm der alte Gefangenwärter erzählt hatte, aber die Buern aus Natal waren doch auch Landsleute, wenigstens von verwandtem Blute, wenn auch nicht freie Bürger. Tief betrübt und mit seltsam geteilter Empfindung saß Pieter Maritz auf seiner Matratze.

Doch jetzt rasselte das Schlüsselbund. Der alte Gefangenwärter trat herein.

»Du kommst los, Neffe,« sagte er. »Oberst Wood hat befohlen, daß du zum Oberbefehlshaber, General Lord Chelmsford, gebracht werden sollst. Eine Patrouille geht zum General nach Helpmakaar, um ihm zu melden, daß der Oberst nach Lüneburg abmarschiert ist; und diese Patrouille soll dich mitnehmen. Mach rasch, dein Pferd wird gesattelt, deine Büchse kannst du auch mitnehmen. Hier hast du noch ein gut Stuck Brot und Fleisch für den Weg.«

Pieter Maritz sprang voll Entzücken auf. War er auch seines Schicksals nicht gewiß, so kam er doch wenigstens aus dem engen Gefängnis heraus. Kräftig schüttelte er dem Alten die Hand.

»Ich danke auch, Oheim,« sagte er, »und ich wünsche Euch gute Gesundheit.«

Illustration from Pieter Maritz, der Buernsohn von Transvaal
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