Elftes Kapitel Die Reise in das Zululand
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In dem ehrfurchtsvollen Schweigen, welches die Erscheinung der Zulus unter den Räubern hervorrief, erkannte der Missionar die Bedeutung der beiden Männer, die er einst vom Tode durch die Gewehre der Buern errettet hatte, und er fand darin zugleich die Bestätigung einer Vermutung, welche er seit seinem Aufenthalte im Dorfe des Fledermaus gehegt hatte. Es war ihm nämlich so vorgekommen, als ob die Macht des Titus Afrikaner nicht allein auf dessen eigener Kraft beruhe. Die Menge der Kaffern, welche sich unter der Schar befanden, die Art und Weise, mit welcher er von dem Zulureiche Tschetschwajos hatte sprechen hören, und die Nähe der Grenze jenes Reiches hatten ihn oft denken lassen, daß die Räuber im Gebirge die Unterstützung des mächtigen Fürsten genössen, der in ganz Südafrika gefürchtet war, und daß sie gleichsam einen Vorposten der Zulumacht bildeten. In dieser Vermutung ward er jetzt durch die Ereignisse bestärkt.
Humbati und Molihabantschi, welche offenbar den Häuptlingen bekannt waren, benahmen sich im Pitscho, als seien sie die Gebieter, und während sie von allen Seiten mit tiefen Verbeugungen begrüßt wurden, trafen sie Anordnungen, welche sofort als gültig anerkannt wurden. Sie geboten, daß die Scharen der Krieger bei gemeinsamer Mahlzeit in der Khotla bleiben, daß aber sämtliche Häuptlinge sich zu einer geheimen Beratung zurückziehen sollten. So geschah es. Die große Menge blieb zurück und rüstete einen Schmaus zu, Humbati und Molihabantschi aber gingen mit den Häuptlingen in den Hofraum, welcher die große Hütte des Fledermaus umgab. Dort blieben sie lange Zeit in Beratung zusammen.
Die Weißen begaben sich währenddessen, nicht ohne Sorge wegen des Verlaufs der Dinge, in ihre eigene Hütte und besprachen miteinander, was geschehen war. Die Umwandlung in der Seele des Titus Afrikaner hatte sie tief berührt, und während der Missionar sich im Dankgebet an Gott wandte, der solche Wunder unter den Heiden wirkte, erkannten der junge Lord sowohl wie Pieter Maritz so hell wie nie vorher die nie erlöschende Macht der ewigen Wahrheit in den Herzen der Menschen.
Ihr Zusammensein wurde nach einigen Stunden durch die Erscheinung Humbatis unterbrochen. Mit höflicher Verneigung und freundlichem Lächeln trat der Gesandte herein und ließ sich nach Aufforderung des Missionars auf einen Schemel nieder.
»Mein Vater,« sagte er mit demütigem Blick zu dem Missionar, »du warst unser Beschützer. Wenn deine Hand uns nicht schirmte, wären Humbati und Molihabantschi tote Männer. Wir sind deine Diener, wir gehören dir an. Siehe dort drüben, in wenigen Tagereisen zu erreichen, wohnt der große Tschetschwajo. Er wird meinem Vater zu danken wissen, was dieser uns Gutes erwiesen hat. Denn er ist sehr reich und mächtig, wir aber sind arm und schwach. Mein Vater möge die Güte haben, uns zu dem König zu begleiten.«
Obgleich voll Mut und Gottvertrauen, hörte der Missionar diesen Vorschlag doch nicht ohne Schrecken. Er hatte genug über den Zulukönig vernommen, um zu wissen, daß es keinen Mann im ganzen Südafrika gab, der mehr zu fürchten gewesen wäre. Tschetschwajo war als Tyrann ohnegleichen berüchtigt, er war ein großer Menschenmörder, Blut strömte wie Wasser in seinem Lande.
»Mein Freund,« erwiderte er nach kurzem Nachdenken, »ich erkenne die Güte an, welche du mir erweisen willst, aber ich bin nicht gesonnen, so weit zu reisen. Ich habe mir vorgenommen, die christliche Lehre hier unter den Anhängern des Titus Afrikaner zu verbreiten, und da ich mit dieser Aufgabe noch nicht fertig bin, will ich hier bleiben. Was sollte ich bei deinem Könige? Ich bin nicht begierig nach Dank und Lohn. Wir Christen thun das Gute nicht der Belohnung wegen, sondern weil unser Gott es uns so befohlen hat.«
»Ich weiß,« entgegnete der Zulu. »Aber mein Vater möge überlegen, ob er hier in Sicherheit noch länger wohnen kann. Gewiß hat er ein Beispiel seiner großen Beredsamkeit gegeben, indem er das Herz des Titus Afrikaner nach seinem Willen gebeugt hat, aber Titus Afrikaner wird ihn nicht länger beschützen können, da er nicht mehr Häuptling ist. Sein Bruder Fledermaus ist an seine Stelle getreten und wird im Gebirge die Herrschaft führen. Die Krieger aber zürnen dem weißen Manne, weil er das Herz des Häuptlings erweicht hat, und diese rohen und ungebildeten Männer können leicht eine Frevelthat an dem ehrwürdigen Haupte meines Vaters begehen, da sie dessen Heiligkeit nicht zu schätzen wissen. Mein Vater möge mit uns gehen. Tschetschwajo wird sich freuen, denjenigen ehren zu können, der seinen Knechten Wohlthaten erwies.«
»Es ist nicht möglich,« sagte der Missionar kopfschüttelnd. »Diese Reise würde mich zu weit führen. Du als ein kluger Mann weißt selbst, daß ein Mann den Kreis seiner Thätigkeit nicht zu weit ausdehnen sollte, weil er sonst seine Kraft gebrochen sieht, wie der Bogen zerbricht, der zu straff gespannt wird. Meine Wirksamkeit soll sich auf dieses Land beschränken. Hier hoffe ich durch anhaltende Thätigkeit die Früchte an den Bäumen reifen zu sehen, die ich pflanzte. Gehe ich in ein neues Land, so möchte ich in dem alten nicht nur die Früchte, sondern auch die Bäume verlieren.«
»Mein Vater ist sehr weise,« entgegnete der Zulu, »und sicherlich hat Humbati nicht die beredte Zunge, um mit ihm streiten oder ihn belehren zu können. Aber mein Vater möge Mitleid mit den Gesandten Tschetschwajos haben. Der König wird erfahren, was geschehen ist. Er wird hören, daß der weiße Mann hier ist, und er wird uns fragen, ob unser Betragen Anlaß gegeben hat, daß er uns nicht hat begleiten wollen. Er wird zornig werden, wenn wir allein kommen. Er wird es nicht glauben wollen, daß wir den weißen Mann eingeladen haben, an seinen Hof zu kommen. Er liebt es, kluge Männer bei sich zu sehen, und er hat hohe Achtung vor den Lehrern der Weißen. Uns wird er die Schuld geben, wenn mein Vater nicht mit uns kommt, und uns wird sein Zorn treffen. Ehe die Sonne untergeht an dem Tage, wo wir vor sein Antlitz treten, werden unsere Köpfe fallen. Darum, wenn mein Vater uns wirklich liebt, möge er uns begleiten.«
Der Zulu sprach so ernst und eindringlich, daß der Missionar nachdenklich ward. War diese Einladung nicht vielleicht eine Fügung Gottes und wies darauf hin, daß der blutige Tyrann für die christliche Lehre empfänglich gemacht werden sollte?
»Was wird aus meinen Begleitern werden, aus diesem Bauernknaben und aus dem englischen Krieger?« fragte er.
Der Zulu besann sich keinen Augenblick. »Diese beiden werden auf jeden Fall mit uns gehen,« sagte er. »Ich habe Befehl gegeben, daß beiden ihre Pferde und Waffen zurückgegeben werden, denn die Begleiter meines Vaters dürfen nicht beraubt werden. Ich werde sie vor das Angesicht Tschetschwajos führen, und der König selbst wird über ihr Schicksal entscheiden.«
»Habt ihr verstanden?« sagte der Missionar, sich in englischer Sprache an seine jungen Begleiter wendend. »Eure Lordschaft und du, Pieter Maritz, sollt die Reise noch weithin fortsetzen. Dieser Gesandte des Zulukönigs will euch zu Tschetschwajo bringen.«
»Meiner Treu,« sagte der Lord, »vorausgesetzt, daß ich nicht zu Fuße gehen soll, bin ich bereit, bis ans Ende der Welt zu ziehen. Ich fühle mich von einem Dämon erfaßt, der mit mir umspringt, als wäre ich ein Federball. Ich habe allen eigenen Willen verloren und werde mich über nichts mehr wundern. Ich habe hier in Afrika schon so viel erlebt, daß ich nicht erstaunen würde, wenn ich etwa selbst noch schwarz würde und mich mit Butter einriebe.«
»Und was mich betrifft,« fügte Pieter Maritz hinzu, »so vertraue ich auf Gott, und so lange ich in Eurem Schutze bin, Mynheer, werde ich auch Tschetschwajo nicht fürchten.«
»Aber wenn ich dich nun bäte, mir deine Dankbarkeit dadurch zu bezeugen, daß du diese jungen Leute heimkehren ließest?« fragte der Missionar den Zulu. »Sie sehnen sich nach ihrer Heimat. Laß sie ziehen, gieb ihnen die Freiheit. Ich aber will mit dir gehen.«
»Es ist unmöglich,« antwortete Humbati. »Ich würde den Zorn des Königs auf mich laden. Dies muß außer Frage bleiben. Die Jünglinge müssen mit mir gehen.«
Er richtete seine glänzenden Augen auf die jungen Leute. »Wenn die weißen Jünglinge mir ihr Wort geben wollen, nicht zu entfliehen,« sagte er in seinem gebrochenen Englisch, »so werde ich ihnen ihre Pferde lassen, damit sie reiten können. Und auch ihre Waffen werde ich ihnen geben, denn es ist für einen Krieger schmerzlich, unbewaffnet zu gehen.«
Beide versprachen, nicht entfliehen zu wollen, und nun wandte sich Humbati von neuem an den Missionar und bat ihn wieder mit flehendem Tone, gleichfalls mitzuziehen und ihn nicht der Gefahr auszusetzen, den Zorn des Königs ertragen zu müssen.
»Nun, wie Gott will!« rief der Missionar. »Ja, ich werde mit dir ziehen.«
Hocherfreut stand der Zulu auf und ging hinaus, um die Vorkehrungen zum Aufbruch zu treffen, und auch die Weißen packten ihre Habseligkeiten zusammen und sahen nach dem Wagen und den Zugochsen.
Draußen hatte sich die Scene sehr verändert. Die Khotla war leer, die Kriegerhaufen waren abgezogen, aber die Bewohner des Dorfes standen in Gruppen beisammen und hatten viel miteinander zu reden. Es dauerte noch einige Stunden, bis alles zur Abreise gerüstet war, bis Jan, Christian und Kobus das Gepäck des Missionars auf den Wagen gebracht und die Ochsen zusammengetrieben und eingespannt hatten und bis endlich die Pferde und Waffen herbeigeschafft worden waren, wie Humbati versprochen hatte. Der Lord und Pieter Maritz erwarteten diesen Augenblick in fieberhafter Aufregung. Acht Wochen lang hatten sie in dem Dorfe einsam unter Schwarzen gesessen, und diese Zeit war ihnen wie eine traurige Gefangenschaft erschienen. Die Aussicht, ihre Pferde wiederzusehen, war für sie ein Gefühl, als sollten ihnen Flügel wachsen, mit denen sie sich aus dem Kerker emporschwingen und die Freiheit erreichen könnten. Der Gedanke, wieder im Sattel sitzen und davonreiten zu können, war für sie so süß, daß sie darüber selbst die Besorgnis vergaßen, welche ihnen die erzwungene Reise ins Zululand einflößen mußte. Die Wunde des Lord war inzwischen vollständig geheilt. Längst hatte er das Pflaster abgenommen, und der Riß in der Haut zeigte sich vollständig geschlossen, nur noch eine rötliche Narbe war zurückgeblieben. Ja, es zeigte sich zu seinem Erstaunen nicht notwendig, den Faden, mit welchem der Riß zusammengenäht worden war, herauszuziehen. Da dieser aus Tiersehnen bestanden hatte, war er vom Fleisch vollständig aufgesogen worden und verschwunden. Als nun die Tiere endlich erschienen, von zwei Kaffern am Zügel geführt, Sattel und Zaumzeug in leidlicher Ordnung und die Tiere selbst, wenn auch nicht eben blank geputzt, so doch gut gefüttert und gesund, da brachen dem Buernsohn die Thränen aus den Augen hervor, und der Lord wurde nur mühsam seiner Bewegung Meister. Pieter Maritz lief mit einem Freudenschrei auf Jager zu, umarmte seinen Hals und Kopf, drückte die Wangen an die Nüstern des Pferdes und ward nicht müde, es zu streicheln und mit ihm zu sprechen. Auch Jager freute sich des Wiedersehens, rieb den Kopf an des Knaben Schulter, wieherte und scharrte mit dem Fuß. Voll Lust schwang sich der Knabe in den Sattel und ritt voll Wonne auf dem freien Platze umher. Lord Fitzherbert betrachtete mit emporgezogenen Lippen den Sattel auf seines Rappen Rücken. Die ehedem helle Lederfarbe war schwarz geworden und das Leder war ganz von Fett durchtränkt, ein Zeichen, daß gar manches Mal ein fettglänzender Räuber darauf gesessen hatte. Aber er überwand den Ekel über den Zustand des Sattels in der Freude über den wiedererlangten Besitz des schönen Pferdes. So stieg auch er hinauf und probierte das Tier in allen Gangarten. Es war etwas aus der Übung gekommen und hatte die schulmäßigen Gänge etwas verlernt, aber es war gesund auf den Beinen, und der junge Offizier atmete erleichtert auf. Dann wurden von den Räubern die Waffen gebracht. Pieter Maritz ergriff das gute Gewehr, welches schon sein Vater geführt hatte, und sah, daß die der Feuerwaffe kundigen Schwarzen es in gutem Stande gehalten hatten. Es war rein und gut geölt, die Federn spielten richtig. Auch den Gurt mit den Patronen und den Hirschfänger erhielt er zurück, und bald war er wieder beritten und gerüstet wie damals, wo er vom Buernlager ausritt, um die Zulus zu überwachen. Nur hatte sich die Sache in ihr Gegenteil verkehrt: er war der Gefangene, und Humbati und Molihabantschi überwachten ihn. Der Lord empfing seinen Pallasch, seine Patrontasche mit goldgesticktem Bandelier und seinen Helm. Er machte eine seltsame, jedoch nicht unkriegerische Figur in dem Rocke des Missionars, über welchen er den Gurt des Degens schnallte und das Bandelier hängte. Sogar seine Uhr und sein goldenes Etui erhielt er zurück, und nur seine Börse mit Geld blieb ihm verloren. Er schrieb einige Worte auf ein Blatt Papier, steckte dies in das Cigarrenetui, ritt auf Fledermaus zu und überreichte es ihm.
»Nimm dies zum Andenken, du Niggerräuber,« sagte er englisch, — was Fledermaus nicht verstand. »Und wenn dich meine Landsleute einmal an einem Baume aufknüpfen wollen zum wohlverdienten Lohne deiner Thaten, so zeig' ihnen dies und berufe dich auf meine Empfehlung. Denn du hast mich, wenn man eins ins andere rechnet, anständiger behandelt, als irgend ein Räuberhauptmann in Europa mich behandelt haben würde.«
Fledermaus zog die Lippen auseinander, daß seine prachtvollen weißen Zähne glänzten, und steckte das schöne Etui dankend in seinen Karoß.
Währenddessen traten zwölf Kaffernkrieger aus der Bande des Fledermaus heran, den Speer in der Rechten, den Schild in der Linken, die Streitaxt und das Messer im Gürtel. Sie bildeten die Begleitung, welche die Gesandten sich zur Sicherung ihres Marsches bestellt hatten. Aber zum höchsten Erstaunen der Weißen erschien auch Titus Afrikaner. Er war ohne Waffen, trug keine Federn im Haar, sondern war einfach in seiner Tracht wie einer der Diener des Missionars. Nur der kurze Mantel von Leopardenfell bedeckte ihn, und er war mit dem Karoß umgürtet. Ihn begleiteten in Waffenrüstung etwa zwanzig seiner treuesten Anhänger, die den Häuptling nicht verlassen, sondern mit ihm Christen werden wollten.
»Behalte mich bei dir,« sagte er zum Missionar. »Ich habe dich noch vieles zu fragen. Ich übergebe dir meine Seele, daß du sie errettest.«
Der Missionar war tief bewegt von der demütigen Erscheinung des sonst so stolzen und wilden Kriegers. Er schloß ihn in seine Arme und rief laut: »O Titus Afrikaner, du hast viel gethan! Du hast den schwersten Kampf gefochten, und du hast gesiegt!«
Dann setzte sich der Zug in Bewegung und verließ die Hochebene, um in südöstlicher Richtung weiterzuziehen. Voran schritten die Gesandten, ihnen folgten der Missionar und Titus Afrikaner zu Fuße gehend und in religiösem Gespräch, hinter ihnen gingen die Anhänger des ehemaligen Räuberfürsten, von denen einer das Pferd des Missionars am Zügel führte. Auf diese folgte der Ochsenwagen, hinter diesem ritten der Buernsohn und der Lord, und den Beschluß machten die zwölf schwarzen Krieger, welche die Eskorte der Gesandten bildeten.
Langsam stieg der lang gedehnte Zug vom Gebirge hinab zu der Ebene im Südosten, welche von den Nebenflüssen des in den Indischen Ocean sich ergießenden Umzuti bewässert wird und mit vielen Wäldern bedeckt ist. Als es Abend ward, war noch nicht der Fuß des Gebirges erreicht, denn erst am Nachmittage war der Aufbruch geschehen, und in einem schönen grünen Thale ward Rast gemacht. Bei so zahlreicher und tapferer Begleitung war an keine Gefahr zu denken, obwohl das Gebrüll des Königs der Tiere in der Ferne zu hören war. Ein mächtiges Feuer ward angezündet, und erlegte Tiere, welche den Assagaien der schnellen Krieger während des Marsches zum Opfer gefallen, wurden gebraten. Am andern Tage ging der Zug weiter und trat nach wenigen Stunden in die Ebene ein. Weite Grasflächen, gleich Feldern von hohem, gelbem Weizen im Hauche des Windes schwankend und wogend, bedeckten das Land, und dazwischen standen hier und da dichte Haufen von Mimosen als kleine Gehölze. Der Monat März endigte, der Herbst fing an, soweit von einem Herbst die Rede sein kann in einem den Tropen nahen Lande, welches den Winter nur als Regenzeit kennt. Zahlreiches Wild war zu sehen, und genügender Vorrat für den Tag ward erlegt. Zuweilen wurden Bewohner dieser Gegend angetroffen, armes Volk, das nur von Wurzeln und Jagdbeute lebte und keine andern Wohnungen als Erdhöhlen hatte. Sie bettelten um Tabak und starrten voll ehrfürchtiger Scheu auf die kriegerische Gesellschaft, welche durch ihr Land zog. Sie waren die Genossen des Löwen, der hier Gebieter war, und kannten seine Gewohnheiten genau. Als am Abend Rast gemacht wurde und sie Holz herbeischleppten und sich bettelnd herzudrängten, ging nicht weit von diesem Platze ein Löwe vorbei und stieß von Zeit zu Zeit ein Brüllen aus, welches in der Entfernung erstarb.
»Fürchtet ihr euch nicht?« fragten die schwarzen Krieger. »Denkt ihr nicht, daß er kommen könnte, um euch zu fressen?«
»O nein,« sagten sie, nachdem sie auf den Ton des Brüllens gelauscht hatten. »Es ist keine Gefahr, denn er hat gegessen und geht nun heim, um zu schlafen.«
»Woher wißt ihr, daß er satt ist und schlafen will?«
»Wir leben mit den Löwen,« antworteten die armen Leute, »sie sind unsere tägliche Gesellschaft. Da müssen wir wohl ihre Sprache verstehen.«
Am Tage darauf aber fand ein ernstliches Zusammentreffen mit einem der starken wilden Tiere statt. Der Zug ging an einem dichten Gebüsch hin, und er war lang auseinander gezogen. Die Gesandten und der Missionar nebst Titus Afrikaner und dessen Leuten waren weit voraus, während der schwere Ochsenwagen langsam nachkam. Als nun die Zugtiere schnaufend und ächzend unter unaufhörlichem Rufen der Treiber und dem gellenden Klatschen der langen Peitsche an einer besonders undurchsichtigen Stelle des Dickichts vorüberkamen, sprang plötzlich, obwohl es mitten am Tage und heller Sonnenschein war, ein gewaltiger Löwe aus dem Schatten hervor und einem der stärksten Ochsen auf den Nacken. Mit einem einzigen Schlage seiner Pranke hatte er das Tier getötet und bemühte sich nun, es seitwärts in das Gebüsch zu schleppen, was ihm natürlich nicht gelang, da der Ochse im Geschirr lag. Eine entsetzliche Verwirrung entstand. Alle Ochsen brüllten und bemühten sich, nach verschiedenen Richtungen davonzulaufen. Die Treiber schrieen voll Entsetzen und flüchteten. Während nun die Kaffern mit ihren Speeren herbeiliefen, um das Untier anzugreifen, das mit seinen Zähnen an dem getöteten Ochsen zerrte, hatte Pieter Maritz seine Büchse von der Schulter genommen und schoß vom Sattel aus. Aber seine Kugel streifte den Löwen nur an der Haut, indem sie durch die Mähne fuhr, weil das Tier im Augenblick des Schusses eine Bewegung gemacht hatte. Der Löwe ließ nun von dem Ochsen ab, stieß ein furchtbares Gebrüll aus und kauerte sich nieder, um auf den Knaben zu springen. Pieter Maritz wandte sein Pferd, ritt eilig eine Strecke zurück, sprang ab und zielte von neuem. Der Löwe hatte sich aufgerichtet und sah dem Knaben brüllend entgegen. Die Kugel traf diesmal gerade in den weit geöffneten Rachen und zerschmetterte ihm mehrere Zähne, ohne das Tier jedoch tödlich zu treffen. Außer sich vor Wut, stürzte der Löwe vor, ohne sich um die Kaffern zu bekümmern, die ihn von der Seite her angreifen wollten. Aber schon war Pieter Maritz wieder im Sattel und jagte davon. Der Löwe, gewohnt, im Sprunge anzugreifen, folgte nur eine kurze Strecke und kauerte sich dann von neuem nieder. Seine Brust war mit Blut bedeckt, welches ihm aus dem Rachen floß. Pieter Maritz hielt von neuem das Pferd an, sprang ab und feuerte zwei Schüsse hintereinander ab. Diesmal folgte der Löwe nicht wieder. Eine Kugel hatte ihm die rechte Pranke zerschmettert, die andere ihm die Brust durchbohrt. Aber so zäh war das Leben in diesem starken Tiere, daß es noch einer letzten Kugel bedurfte, die ihm aus der Nähe hinter der Schulter eindrang, um es völlig tot niederzuwerfen. Es war ein ganz alter Löwe, den langes Jagdglück so mutig gemacht hatte, daß er am Tage anzugreifen wagte.
An den folgenden Tagen änderte sich die Landschaft, durch welche der Zug ging. Sie ward hügelig, und die Höhen waren bis zum Gipfel mit Wald bedeckt. Oft zeigten sich Affen und glänzende Vögel in den Bäumen. Die Thäler waren mit immergrünen Pflanzen geschmückt und von hellen Gewässern durchrieselt, welche alle nach mannigfachen Windungen ihren Weg nach dem Indischen Ocean nahmen, der auf der einen Seite die Ostküste Afrikas und die Insel Madagaskar, auf der andern Seite die indische Küste und den Malaiischen Archipel bespült. Oft ward Lord Fitzherbert beim Anblick der Landschaft an Schottlands Hügel und Thäler erinnert, wie er sagte.
Traurig aber war es, inmitten dieses Reichtums der Natur auf zahlreiche Spuren zu treffen, welche anzeigten, daß dies Land einst dicht bevölkert gewesen war, während jetzt nur das Brüllen des Löwen ihm Leben gab. An den Abhängen der Hügel lagen ganze Städte in Ruinen, wo einst Tausende inmitten bebauter Felder und blühender Gärten gewohnt haben mußten. Üppiges Gras wucherte über zerfallenen Wänden und Zäunen. Die verwüstenden Einfälle der Mantatis, Matabeles und Zulus hatten den Raubtieren dieses reiche Land zum Jagdgefilde gemacht. Die Löwen, an die Schwelgerei in Menschenfleisch gewöhnt, umgaben mit immer größerer Frechheit den Zug, als ob der menschliche Leib die ihnen gebührende Nahrung sei, und allnächtlich hörte man ihr Gebrüll in der Nähe des Lagers. Einmal ward auch ein Rhinozeros durch das Knallen der langen Peitsche aus seinem Schlummer geweckt und erhob seine graue finster drohende Masse aus dem hohen Grase, so daß die Zugochsen voll Angst und Schrecken gleich Rennpferden davonzustürmen begannen und der Wagen zerbrochen niederstürzte. Vergeblich schlugen Büchsenkugeln auf das dicke Fell des gewaltigen Tieres, es zog in langsamem Trabe ab in den Wald, wo die kleineren Bäume sich krachend beiseite bogen vor seiner Last. Es kostete Mühe und Zeit, den Wagen wiederherzustellen. Oft mußte der Zug in dem wegelosen Lande sehr große Umwege machen, um den Wagen fortbringen zu können und tiefe Schluchten zu vermeiden. Mehrmals mußten Schaufeln und Hacken gebraucht werden, um den Weg fahrbar zu machen.
Am sechsten Reisetage gelangte der Zug zu den ersten Außenposten der Zulus, welche an der Grenze aufgestellt waren, um die Ankunft von Feinden zu erspähen und die Flucht oder den Raub der Viehherden aus dem Innern des Landes heraus zu verhindern. Ehrfurchtsvoll begrüßten die Zulukrieger die herankommenden Gesandten. An eben dieser Stelle, in einem Engpaß zwischen bewaldeten Höhen, bot sich ein Anblick, der selbst den Missionar, obwohl er landeskundig war, überraschte. Ein wunderschöner und riesiger Baum stand im Thale, eine Art von Feigenbaum, der seine belaubten Äste und Zweige nach allen Seiten ausstreckte und eine runde, gewölbte Form gleich einer Linde, nur größer, hatte. Aus dem Grün aber blickten spitze Dächer wie von Hütten hervor, und schwarze Gesichter erschienen zwischen den Zweigen. Mehrere Schwarze saßen auch an den Wurzeln des Baumes. Es zeigte sich, daß der Baum bewohnt war und daß siebzehn kleine Hütten in seinen Ästen zu zählen waren. Die Weißen stiegen neugierig den mit vielen Knoten besetzten Stamm hinan und besuchten die Einwohner, welche dem Stamme der Eingeborenen angehörten, die ehemals das Land bevölkert hatten, nun aber fast ganz ausgerottet waren. Die kleinen Hütten, in welchen ein Mann kaum aufrecht stehen konnte, waren sehr elend ausgestattet. Getrocknetes Gras bedeckte den Fußboden, und ein Speer, ein hölzerner Löffel und ein Topf voll gedörrter Heuschrecken war der einzige Besitz in der Familie, welche sie besuchten. Das Gebäude war so hergestellt, daß aus geraden Brettern eine Plattform gebaut war, auf welcher sich eine spitze Hütte, ähnlich einem Schilderhause, erhob. Doch nahm diese Hütte, welche kaum zwei Meter Durchmesser hatte, nur die Hälfte der Plattform ein, die andere Hälfte gab einen freien Platz vor der Thür. Ein Weib mit einem Kinde an der Brust saß in der Thür, während der Mann und einige Knaben sich in der Nähe auf den Zweigen wiegten. Der Missionar bat um etwas zu essen, und bereitwillig bot ihm die Frau von den Heuschrecken an. Mehrere andere Frauen kamen unterdessen herangeklettert und sprangen von den Nachbarhütten her von Ast zu Ast, hockten in einiger Entfernung nieder und guckten und schwatzten. Der Missionar kostete die Heuschrecken und gab der Frau dann Maiskuchen und getrocknetes Fleisch aus seiner Tasche. Der Lord teilte Tabak unter alle die Leute aus, welche in der Nähe zu sehen waren. Furcht vor den Löwen war es, was diese armseligen Leute zu solchem Wohnen getrieben hatte.
Als die Reise weiterging, erschien das Land immer dichter mit Ruinen von Städten und Dörfern bedeckt. Einige dieser Ruinen waren von erstaunlicher Ausdehnung. Dazu waren Hügel und Thäler sehr reich an Boden und Wasser. Der Boden war an manchen Stellen ganz schwarz, eine fette Erde, die, wohl drei bis sechs Meter tief, von den schnell fließenden Gewässern angeschwemmt, den Granitgrund bedeckte. Noch waren Spuren davon zu finden, daß ehedem Kafferkorn, Wassermelonen, Kürbisse, Bohnen und Hirse hier gewachsen waren. Die Ruinen mancher Städte zeigten Spuren großer Arbeitsamkeit und Ausdauer. Steinerne Einfriedigungen, einige vier, einige bis zu sieben Fuß hoch, waren zu sehen, und diese Mauern waren ohne Mörtel, ohne Richtscheit, ohne Werkzeug ausgeführt. Ein jedes Ding war kreisrund: sowohl die inneren Umwallungen und Zäune, welche jede einzelne Wohnung umgaben, als auch die äußeren Mauern, welche das ganze Dorf oder die ganze Stadt umschlossen, waren im Zirkel aufgebaut. Als der Missionar mit seinen jungen Freunden durch die Trümmerfelder dieser Städte hindurchstrich, fanden sie die Überbleibsel einiger Häuser, welche den Flammen entgangen waren. Diese waren groß und in einer Bauart errichtet, die weit ausgebildeter war als irgend eine andere, welche sie bis jetzt unter den Wohnorten der Eingeborenen Südafrikas gefunden hatten. Die kreisrunden Wände waren gemeiniglich aus einer harten Thonart mit geringer Beimischung von Kuhdünger gebildet und so gut verstrichen und geglättet, indem die äußere Fläche aus feinerem Thon mit Erzstaub vermischt war, daß das Innere der Häuser den Anschein hatte, als wäre es gefirnißt. Mauern und Flure waren hübsch verziert und mit Architraven und Simsen gegliedert. Die Stützen, welche das vorspringende Dach trugen, hatten Säulenform und waren mit Bildwerken verziert, welche Geschmack bezeugten. Doch war alles in einem zerbrechlichen Material ausgeführt, nur das Fundament und die äußeren Einfriedigungen waren von Stein. Alle Häuser trugen ein konisch geformtes Dach, welches so weit vorsprang, daß um das Gebäude herum eine schattige Veranda entstand. Der Bau der Einfriedigungen mußte unendliche Mühe gemacht haben, denn alle Steine waren augenscheinlich auf den Schultern von Menschen herbeigeschleppt, und die Orte, woher sie gebracht worden waren, lagen weit entfernt. Auch die umgebenden Hügel, welche die Spuren der Landwirtschaft zeigten, bewiesen Ausdauer und Fleiß der Bewohner, denn die Instrumente, mit denen sie bearbeitet worden waren und deren manche umherlagen, waren von einfachster, rohester Beschaffenheit. Es waren die Wohnsitze der Bakonis, und Feuer und Schwert hatten die Einwohner und ihre Städte zerstört.
Nachdenklich durchwanderte der Missionar diese Stätten der Verwüstung und dachte zurück an die Zeit, wo diese Hügel und Thäler, die nun ein Bild der Zerstörung und Verödung boten, von den Ausbrüchen heidnischer Lust erfüllt gewesen waren. Nun war nichts übriggeblieben als zertrümmerte, rauchgeschwärzte und von Gras überwucherte Mauern, Steinhaufen und Schutt, vermischt mit den Knochen der Ermordeten, und die weißen Schädel, welche zwischen den Ruinen hier und da vom Boden emporblickten, schienen eine schaurige Geschichte erzählen zu wollen. Raubvögel, Schakale und Löwen sowie giftige Schlangen waren jetzt die einzigen Bewohner der einst lachenden Gefilde.
»Ist es nicht, als ob der Zulukönig sein Land mit einem Gürtel der Verwüstung hätte umgeben wollen?« fragte der Lord den Missionar. »So gingen einst die französischen Heere aus, um die deutschen Nachbarstaaten in eine Einöde zu verwandeln, doch haben die Zulus ihre Sache noch gründlicher verstanden, als die Generale Ludwigs des Vierzehnten.«
Von Zeit zu Zeit traf der Zug auf Viehherden der Zulus, welche auf den Trümmerfeldern weideten, und Leute, die dem vernichteten Volke angehörten, dienten als Knechte bei deren Hirten. Aber wenn die Weißen sich nach früheren Zeiten bei ihnen erkundigen wollten, wichen jene scheu aus, denn sie fürchteten sich, die vornehmen Leute, welche den Reisezug anführten, zu erzürnen. Sie zitterten vor den hochmütigen Zulus, die das Land mit eiserner Rute beherrschten. Auch wurde es offenbar, daß die Eroberer bestrebt waren, ein Dunkel über die Ereignisse zu verbreiten, welche die ringsum sichtbare Verwüstung herbeigeführt hatten, denn Humbati und Molihabantschi traten immer herzu, wenn der Missionar sich mit den Leuten bei den Viehherden unterhalten wollte. Doch war einer unter den Anhängern des Titus Afrikaner, der aus dieser Gegend gebürtig war, ein athletischer, ernst blickender Krieger, welcher mit trübem Blick über die öden Gefilde hinsah. Er erzählte in der Betschuanensprache dem Missionar von der Geschichte seines Vaterlandes. Er beschrieb die frühere Einwohnerschaft desselben als so zahlreich wie die Heuschrecken, reich an Vieh, und als Handelsleute, welche mit den Erzeugnissen ihrer Industrie und Viehzucht selbst entfernt wohnende Völkerstämme versorgt hätten. Er war Zeuge der Einfälle der Matabeles und Mantatis gewesen, welche Wohlstand und Glück der Bewohner gleich einer Sturmflut hinweggeschwemmt hatten, aber nichts — so sagte er — habe an Furchtbarkeit dem Eindringen der Heere Pandas und seines Sohnes Tschetschwajo geglichen. Doch wagte er nur flüsternd und heimlich über diese Dinge zu sprechen.
An einem Morgen, als die Ochsen zusammengetrieben wurden, um angespannt zu werden, hatte der Missionar einen Hügel erstiegen, an dessen Fuße während der Nacht geruht worden war. Er setzte sich eben unter einem Feigenbaume nieder und blickte nach dem Horizont, als jener Begleiter des Titus Afrikaner sich zu ihm stahl, um ihm Antwort auf einige Fragen zu geben, die er gestern wegen der Nähe der Zulus nicht hatte beantworten wollen. Er kauerte neben dem Missionar im Grase nieder, und beide unterhielten sich, als der alte Mann nach einem Trümmerfelde zeigte, welches sich rechter Hand in der Ebene zeigte, und seinen Genossen fragte, was wohl aus den ehemaligen Bewohnern jener Stadt geworden sein möchte. Der Bakoni warf einen Blick dorthin, und nach einer Pause des Brütens sprang er im Übermaß seiner Gefühle in die Höhe, streckte seine rechte Hand in der Richtung der Trümmerstätte aus und rief: »Ich bin es, ich, der dort herrschte.« Er versank von neuem in Nachdenken und fuhr dann fort:
»Dort lebte der große Häuptling vieler Menschen. Er herrschte unter ihnen wie ein König. Er war der Häuptling des blaufarbigen Hornviehes. Es war zahlreich wie der dichte Nebel auf dem Kamme des Gebirges, seine Herden erfüllten die Ebene. Er dachte, die Menge seiner Krieger würde seine Feinde in Schrecken halten. Sein Volk rühmte sich seiner Speere und lachte über die Feigheit derer, welche aus ihren Städten geflohen waren. Ich werde sie schlagen und ihre Schilde an meinem Hügel aufhängen. Unser Stamm ist ein Stamm von Kriegern. Wer hat je unsere Väter unterjocht? Sie waren mächtig in der Schlacht. Wer ist nicht im Besitz der Beute alter Zeiten? Haben nicht unsere Hunde die Herzen der Edelsten unter unseren Feinden gefressen? Die Geier haben die Leichen unserer Feinde zerrissen. So sangen sie und so tanzten sie, bis sie auf jenen Höhen dort drüben den Feind herankommen sahen. Da verschlang die Nacht den Ton ihres Gesanges, da füllten sich ihre Herzen mit Traurigkeit. Sie sahen Wolken aufsteigen von den Gefilden. Es war der Rauch von brennenden Städten. Die Verwirrung eines Wirbelwinds erfaßte das Herz des großen Häuptlings über das blaufarbige Hornvieh. Es erhob sich ein Ruf: Es sind Freunde! Da verkündigten ihre Nähe die nackend einhermarschierenden Zulus. Die Männer ergriffen ihre Waffen und liefen hervor, als gelte es die Jagd auf schnellfüßige Antilopen. Ihr Angriff war wie die Stimme des Blitzstrahls, und ihre Speere erklangen wie der Herbststurm, der den Wald schüttelt. Aber die Zululöwen erhoben den Todesruf und flogen gegen ihre Schlachtopfer. Ihr Ruf war der Ruf des Sieges. Ihr zischender und heulender Schrei verkündigte ihren Fortgang unter den Erschlagenen. Nach einigen Augenblicken nur lagen Hunderte am Boden. Der Klang ihrer Schilde war das Zeichen ihres Triumphs. Unser Volk floh mit seinem Vieh auf die Spitze jenes Berges. Die Zulus drangen in die Stadt mit dem Gebrüll des Löwen, plünderten die Häuser und steckten sie in Brand, durchbohrten die Mütter mit dem Speer und warfen die Kinder in die Flammen. Die Sonne ging unter. Die Sieger kamen aus der rauchenden Ebene hervor, sie verfolgten ihren Lauf und umringten den Abhang jenes Berges. Sie schlachteten Vieh, sie tanzten und sangen, bis die Sonne wieder aufging, dann stiegen sie bergan und töteten, bis ihre Hände müde waren, den Speer zu schwingen.«
Der Bakoni schwieg, raffte eine Handvoll Staub vom Boden auf, blies ihn von der Handfläche weg und sagte: »Das ist alles, was übrigblieb von dem großen Häuptling des blaufarbigen Hornviehs.«
Die Richtung des Weges ward allmählich mehr südlich genommen, und große Wälder wurden durchschritten, mehrere Flüsse mühsam übersetzt. Starke Gewitterstürme überfielen tagelang den Zug und hinderten sein rasches Fortschreiten. Die Regengüsse waren so schwer, daß eine Überschwemmung durch die Ebene flutete. Der reiche schwarze Boden ward so mit Wasser gesättigt, daß es zwei Tage lang unmöglich war, weiterzukommen. Weder Menschen noch Tiere konnten sich darin bewegen. Die Räder des Wagens wurden zu einer Masse von Thon und Lehm und Erde, und nichts konnte diese zähe Masse entfernen. Die Hufe der Ochsen wurden zu riesigen Klumpen, so daß die Tiere sie nicht mehr zu erheben und weiterzusetzen vermochten. Doch die heiße Sonne trocknete alles wieder sehr schnell, und endlich kam der Zug in die Nähe von Ulundi, der Hauptstadt Tschetschwajos.
Zahlreiche Dörfer in der Nähe und vielfache Rauchsäulen in der Ferne, welche eine dichte Bevölkerung anzeigten, bereiteten die Reisenden auf den Anblick der Stadt des Zulukönigs vor. Humbati entfernte sich vom Zuge und ging ihm mit sechs Kriegern voran, um dem König den Besuch vorher anzumelden.
Der Wagen hatte einen Umweg zu machen, um die Furt durch einen kleinen Fluß zu finden, der diesseits der königlichen Residenz floß, und Molihabantschi machte den Vorschlag, die Weißen möchten mit ihm den geraden Weg machen, damit nicht eine Verzögerung entstände, während Titus Afrikaner mit seinen Leuten den Wagen begleiten und erst später eintreffen solle. Er schien ängstlich zu sein, daß der König vergeblich warten könnte. So stieg denn der Missionar am Tage nach der Entfernung Humbatis zu Pferde, und, von den Kafferkriegern begleitet, zogen die Weißen unter Führung Molihabantschis geradeaus, durchschwammen den Fluß und nahmen den kürzesten Weg nach der Hauptstadt. Am Flusse waren wohl hundert Leute versammelt, Einwohner benachbarter Ortschaften, und badeten, als die Reiter herankamen. Sie gerieten sichtlich in Schrecken bei dem Anblick der weißen Gesichter und Pferde und flohen in großer Hast. Dies zeigte den Reisenden, daß fremder Besuch weißer Farbe und daß Pferde hier eine seltene Erscheinung sein müßten.
Nach einigen Stunden, etwa um drei Uhr nachmittags, sahen sie das weite, von Hügeln und Bergen eingefaßte Thal vor sich, in welchem Ulundi, die Residenz des Königs, lag. An den grünen Hängen erblickten sie von weitem mehrere nebeneinander liegende dunkle Kreise, welche gleich großen Kränzen auf einer Wiese aussahen. Sie erfuhren, daß dies die Militärkraale, Garnisonen der Armee des Königs, seien. »Jener Kreis dort ist Umlambongwemja, der Kraal des verstorbenen Königs Panda, der darauffolgende ist Quikazi, der dritte ist Undabakaombi und der vierte ist Ulundi, wo der große Elefant wohnt,« sagte Molihabantschi erklärend.
Sie nahmen den Weg auf den letztgenannten Kraal, die Residenzstadt. Doch kein hervorragendes Gebäude zeigte die Stadt an, sondern nur der ausgedehnte Kreis von Rauchfähnchen, welche über konischen Dächern wehten, und eine große Menge von niedrigen dunklen Hütten. Auch war viel Volk am Wege zu sehen, welches durch das Gerücht von der Ankunft der Fremden herbeigelockt war. Die Residenz zeigte sich ihrer Form nach als eine Anzahl von Ringen, die ineinander steckten. Jeder Ring ward von einer Reihe Hütten gebildet, und inmitten des Ganzen war ein gewaltig großer freier Raum. Schon von fern war ein Blitzen und Funkeln in dem freien Raume und an dessen Rande zu bemerken. Die Reisenden konnten dies erkennen, da sie von der Höhe ihrer Pferde herab über die Zäune und Einfriedigungen hinwegsahen. Als sie dann bis in den äußersten Ring der Hütten gekommen waren, näherten sich ihnen einige Männer, welche vom Hofe zu sein schienen. Ihre Frisuren waren seltsam künstlich. Der eine hatte zwei hohe Spitzen von verklebtem Haar auf dem Kopfe, in welche hinein über der Stirn ein rundes Stück Elfenbein, so groß wie ein Fünfmarkstück, gelegt war. Der andere hatte unzählige kleine Wellen aus seinem Haar gebildet. Bei jedem war der Kopfputz anders. Sie trugen goldene Ringe sowie kostbare Mäntel von Affenfell und Kniebänder, von denen vor dem Schienbein weiße Ochsenschwänze herabbaumelten. Sie begrüßten Molihabantschi und die Weißen mit Verbeugungen und führten sie auf dem ferneren Wege. In der Nähe des großen freien Platzes standen auf jeder Seite wohl fünfhundert Krieger in vollem Waffenschmuck, welche Spalier bildeten, zwischen welchem die Fremden dahinzogen. Diese Krieger trugen sämtlich hohe, spitze Schilde, die ihnen vom Kinn bis zu den Füßen reichten, so daß sie den ganzen Körper schützen konnten. Die Schilde waren von Leder und verziert, und alle gleichmäßig rot bemalt. Außerdem trugen sie mehrere leichte Assagaien und einen stärkeren Speer mit blinkenden Eisenspitzen, dazu eine kurze Keule, den Kirri. Ihr Kopf war mit roten Federn, und Hals, Brust, Arme und Beine waren mit Behängen von Ochsenschweifen verziert. Sie standen unbeweglich in doppelter Reihe hintereinander, genau gerichtet, und Schilde und Lanzen in derselben Weise haltend. Nicht eine Feder rührte sich auf ihrem Kopfe, und nur die dunklen Augen rollten, und prachtvolle weiße Zähne leuchteten hier und da aus den schwarzen Gesichtern, welche im Gegensatze zu den andern Völkern Südafrikas einen Bart um Kinn, Wangen und Lippen hatten. Alle trugen die Haarkrone oben auf dem Haupte, während rundum über den Ohren und am Hinterkopfe alles Haar wegrasiert war. Die Haarkrone war mit Perlenketten umwunden. Es waren schöne, große Gestalten, alle von einer Größe, stark von Muskeln und glänzend von Fett.
Als die Weißen diesen lebenden Heckengang passiert hatten, traten sie in den weiten freien Platz ein, und sahen sich voll Überraschung um. Soweit ihr Auge umherblickte, fiel es auf Schilde, Speerspitzen und Kriegsfedern. Dichte Haufen von Kriegern umsäumten den Platz, Mann an Mann stehend, mehrere Glieder tief, unbeweglich und schweigend. Wohl zehntausend Mann mochten es nach der Schätzung des Engländers sein. Sie schienen in Regimenter abgeteilt und diese Regimenter durch Farben unterschieden zu sein. Denn hier war alles blau, Schilde und Federn, dort ebenso weiß, dort rot, dort schwarz und dort gelb, dort wieder gestreift, indem Rot und Weiß quer über den Schild gelegt waren. Überall aber blitzten über der rechten Schulter die breiten Spitzen der Speere.
Inmitten des tiefen Schweigens, welches über dem Platze lag, als sei es Mitternacht, ertönte jetzt ein Kommando hinter den Pferden, und das Rasseln vieler Speere und Schilde war zu vernehmen. Die tausend Krieger mit roten Schilden, welche Spalier gebildet hatten, zogen in vollkommen geordneten Zügen hinter den Gästen in den großen Platz ein und schlossen den Ausgang. Sie marschierten im Gleichschritt, machten Halt und Wendungen, daß alles ein Tritt, ein Schlag und ein Klirren war.
»Goddam!« rief der Lord voll Erstaunen, »diese Niggers exerzieren besser als die Garden der Königin!«
Jetzt wurde den Gästen bedeutet, sie möchten vom Pferde steigen. Sie kamen dieser Anordnung der Herren vom Hofe nach und faßten die Tiere am Zügel. Gleich darauf erhob sich gleichzeitig aus allen Teilen des weiten Platzes der Kriegsgesang, und die Pferde schnaubten ängstlich, als nach dem tiefen Schweigen plötzlich dieser mächtige Ton anhob. Es war eine Art von Harmonie in dem Gesange, und sämtliche Krieger stampften den Takt mit den Füßen, aber im ganzen rollte der Gesang wie Donner, der langhin hallend über die Erde zieht, und er hatte einen hohlen, erschütternden Klang, da die Krieger den Schildrand vor den Mund hielten und mit voller Kraft ihrer Lungen in die Wölbung hineinbrüllten. Nur an bestimmten Stellen ward dieser donnernde Klang von einer Musik unterbrochen, welche aus der Hölle selbst hervorzukommen schien. Das war, als wenn das Ächzen der Sterbenden auf dem Schlachtfelde nachgeahmt würde und sich mit diesem Ächzen die gellenden und zischenden Jubelrufe der Sieger vermischten.
Auf einmal aber hörte der Gesang auf, und wiederum trat eine Pause der Totenstille ein.
Die Fremden sahen sich verwundert um und fragten sich mit Blicken, was dies zu bedeuten habe, als nunmehr ihnen gegenüber die Reihen der Krieger sich öffneten und der Monarch erschien.
