Siebentes Kapitel Titus Afrikaner
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Pieter Maritz war schon eine Strecke weit vorgekommen, während der englische Offizier den Sprung über den Wall unternahm, aber er hörte das Krachen des Sturzes und hielt bei diesem Tone sein Pferd an. Als er sah, was geschehen war, ritt er alsbald zurück, sprang aus dem Sattel und lief auf den gestürzten Verfolger zu. In diesem Augenblicke richtete sich der Rappe, der eine kurze Zeit betäubt dagelegen hatte, empor, sprang auf die Füße und blieb an allen Gliedern zitternd auf dem Flecke stehen, wo er gefallen war. Lord Adolphus Fitzherbert dagegen blieb liegen. Er lag auf dem Rücken, der Helm war ihm vom Kopfe gefallen, sein Gesicht war jetzt ganz bleich, doch war die Stirn von Blut bedeckt, und Blut rann in sein kurzes dunkles Haar. Mit der linken Hüfte lag er auf dem Griff seines langen schweren Degens.
Voll Mitleid bog sich der Knabe über ihn, stützte des Verwundeten Kopf und zog den Pallasch unter dem Körper hervor. Der Leutnant öffnete die Augen nicht, er war bewußtlos.
Hätte ich doch Wasser, um ihm die Stirn zu waschen! dachte der Knabe. Es fiel ihm ein, daß der vornehme junge Mann beim gestrigen Abendessen ein weißes, beinahe durchsichtiges Tuch aus der Tasche gezogen und sich damit die Oberlippe gewischt hatte. Der Nutzen eines solchen Tuches war ihm unbegreiflich gewesen, aber jetzt dachte er, es könne nützlich sein. Er zog das Schnupftuch aus einer der hinteren Taschen des befleckten und zerrissenen Waffenrocks und trocknete damit das Blut von der Stirne. Da sah er, daß ein langer Riß die Kopfhaut vom rechten Augenlid bis zum Scheitel trennte. Er beschloß, den Verwundeten wieder in das Gras niederzulegen und Wasser zu suchen.
In dem Augenblick aber, wo er den schweren Oberkörper sanft niedergleiten ließ, ertönte ein wildes Geheul ganz in der Nähe, welches ihm das Blut in den Adern erstarren machte. Es war ein wildes, triumphierendes, langgezogenes Geschrei, welches ringsum von allen Seiten erscholl, und in derselben Sekunde fühlte sich der Knabe von starken Fäusten gepackt und sah eine Menge dunkler Gestalten mit großer Schnelligkeit vor sich auftauchen. Sie mußten erstaunlich geräuschlos herangeschlichen sein, denn nicht einmal das Rascheln welken Grases hatte ihre Ankunft verkündigt, und nun erfüllten sie wie aus dem Boden gewachsen den Raum umher.
Voll Bestürzung blickte Pieter Maritz sich nach allen Seiten um, während er so festgehalten wurde, daß er sich nicht im geringsten bewegen konnte. Wohl an vierzig Schwarze umringten ihn und den am Boden liegenden Offizier. Einer hatte die Zügel des Rappen, ein anderer Jagers Zaum ergriffen, und nun nahmen ihm flinke Hände die Büchse und den Patronengurt ab und gürteten den Hirschfänger von seiner Hüfte ab. Die Schwarzen waren von wildem Aussehen. Sie waren alle bewaffnet, die meisten mit Bogen und Pfeilen, Streitäxten, Wurfspießen und länglichen Schilden, einige aber auch mit Gewehren, und diese trugen nach Art der Buern einen Patronengurt über der Schulter. Manche waren mit Beinkleidern und Blusen oder auch mit Jacken oder wollenen Hemden bekleidet, andere trugen ein Fell vom Panther oder Tiger über den nackten Schultern, einige wenige waren unbekleidet bis auf den Karoß, ein kurzes Fell, welches um die Hüften gebunden wird und einen kleinen Schurz bildet. Alle aber trugen kriegerischen Kopfputz, indem aus ihren gelockten und mit Fett befestigten Haaren Federbüsche vom Strauß, vom Adler und von anderen Vögeln emporragten. In ihrer Mitte bewegte sich ein älterer Mann von gebieterischem Wesen, der ein glänzendes Halsband von großen weißen Zähnen, einen polierten Kupferring um den rechten Oberarm und einen Mantel von Löwenfell um die Glieder geschlungen trug.
Dieser wendete sich an Pieter Maritz und fragte ihn in fließendem Holländisch, woher er komme und was die Scene mit dem Jüngling in dem roten Rocke zu bedeuten habe.
Pieter Maritz sagte sich, daß die Schwarzen schon von weitem das Rennen beobachtet und verfolgt haben müßten, und er hielt es für das beste, die volle Wahrheit zu erzählen. Er berichtete, daß er aus Botschabelo komme, daß die englischen Reiter ihn gewaltsam hätten mit sich nehmen wollen und daß er ihnen entflohen sei.
Der Befehlshaber der Schwarzen richtete hierauf einige Worte an seine Leute, und diese machten sich alsbald daran, den noch immer bewußtlosen Engländer wegzutragen. Einige hieben starke Äste ab, andere holten zähe Ranken von Schlinggewächsen herbei, und dann stellten sie mit großer Geschicklichkeit eine Tragbahre her. Wieder andere plünderten währenddessen den Lord vollständig aus. Sie nahmen ihm seine Waffen ab, schnitten die blanken Metallknöpfe von seinem Rocke, zogen ihm seine Börse voll Guineen und Silberstücke sowie seine mit Edelsteinen besetzte goldene Uhr aus der Tasche und bemächtigten sich des goldenen Etuis mit den Cigaretten. Nur die Kleidung ließen sie ihm. Alsdann legten sie ihn auf die Tragbahre, und zwei starkgebaute Kaffern mit schwellenden Muskeln hoben die Bahre auf und gingen in schnellem Schritte mit ihm davon. Einen traurigen Anblick gewährte der vordem so elegante Offizier. Sein Gesicht war blutig, sein Haar klebte von geronnenem Blut zusammen, sein Anzug war zerrissen und mit Wasser, Blut und Schlamm bedeckt, seine hohen Stiefeln waren von Dornen zerkratzt und trugen so sehr die Spuren des mühseligen Rittes, daß von ihrem früheren Glanz fast nichts mehr zu entdecken war.
Hinter der Tragbahre ward Pieter Maritz weggeführt. Auf jeder Seite ging einer der Kaffern, und sie vertrauten wohl darauf, daß er ihnen nicht entlaufen könne, denn sie banden ihn nicht, sondern ließen ihn frei gehen. Beide Pferde wurden am Zügel hinterhergeführt, und ihnen folgte die ganze Schar der Leute, welche unter dem Befehle des Mannes mit dem Löwenfell standen.
Pieter Maritz sah, daß der weite und schnelle Ritt bis in die unmittelbare Nähe des großen Waldes geführt hatte, den er von der Höhe von Botschabelo aus als einen fernen bläulichen Streifen entdeckt hatte, und er konnte am Stande der Sonne erkennen, daß es in südöstlicher Richtung weiterging. Bald trat der Zug in den Wald ein, und kühlender Schatten umgab ihn und linderte die Pein des schnellen Fußmarsches in der glühenden Hitze. Denn mit großer Schnelligkeit ging es vorwärts. Die beiden starken Kaffern, welche den Offizier trugen, schienen von ihrer Last gar keine Beschwerde zu haben. Sie schritten mit elastischem Gange dahin, über Steine und unebenen Boden mit derselben Sicherheit wie auf ebener Grasfläche. Auch im Walde verminderte sich die Eile des Marsches nicht. Es gab hier gar kein Unterholz, keine Büsche und Sträucher standen zwischen den Bäumen, sondern die gewaltigen Stämme der Seidenwollenbäume, schattigen Tamarinden und Delebpalmen ragten wie Säulen in einem riesigen Dome empor und wölbten gleich einem Dache in großer Höhe ihre Wipfel.
So ging es wohl eine Stunde weiter, und Pieter Maritz sah voll Mitleid, mehr für den verwundeten Engländer als für sich besorgt, auf die Tragbahre, wo der elend zugerichtete Offizier noch immer bewußtlos lag. Aber jetzt erreichte der Zug eine Stelle, wo sich runde Hütten, zeltähnlich geformt, doch ohne Spitze, erhoben und wo der blaue Rauch von einer Feuerstelle zu dem Laubdach der Bäume emporstieg. Der Zug machte Halt, und Pieter Maritz sah eine Menge von Männern und Weibern zusammenlaufen, um die Ankömmlinge zu betrachten. Die Tragbahre ward in der Nähe einer der Hütten niedergesetzt, und der Mann mit dem Löwenfell sprach mit einem weißhaarigen Schwarzen, der langsam aus der Hütte hervorkam. Dieser Alte mußte wohl den Beruf eines Arztes unter seinem Stamme ausüben, denn er fing alsbald an, den Verwundeten zu untersuchen. Pieter Maritz blieb neben der Tragbahre und sah seinem Verfahren zu. Mit geschickter Hand wusch der Kaffernarzt das Blut von der Stirn und holte alsdann einen fein zugespitzten Knochen und sehr dünne Sehnen von irgend einem Wild herbei. Damit nähte er den klaffenden Riß sorgfältig und genau zusammen. Alsdann holte er eine Handvoll Kräuter aus der Hütte hervor, zerkaute sie mit seinen gewaltigen vorspringenden Kinnladen zu einem Brei, legte diesen auf den zugenähten Riß und band ein dünn geschabtes Stück Leder darüber, so daß die Stirn wie von einem großen Pflaster bedeckt war. Hierauf lagerte er den Verwundeten bequem im Schatten auf weichem Moos und Blättern und setzte sich zusammengekauert auf die eigenen Hacken daneben, die Arme um die dürren Beine geschlungen, das Kinn auf den Knieen.
Währenddessen hatten sich die schwarzen Krieger um das Feuer versammelt, wo mehrere große Töpfe brodelten und große Fleischstücke teils über den Flammen brieten, teils in den Kohlen lagen und mit Stäben umgewandt wurden. Der Mann mit dem Löwenfell lud auch ihn ein, an der Mahlzeit teilzunehmen, und Pieter Maritz, welcher sehr hungrig geworden war, setzte sich geduldig mit in den Kreis und nahm gleich den anderen ein Stück Fleisch zur Hand und aß. Mit traurigem Blicke sah er zu Jager hinüber, der nebst dem Rappen an einen Pfahl gebunden in der Ferne stand und mit seinem ehemaligen Verfolger zusammen friedlich an demselben Futter kaute. Würde er jemals wieder in Freiheit auf des treuen Tieres Rücken sitzen? Was wollten diese Räuber beginnen? Der Anführer zeigte keine Neigung, sich auf Erklärungen einzulassen.
Nachdem sie gespeist hatten, setzten sich die Schwarzen neben der Feuerstelle wieder im Kreise zusammen, indem sie sämtlich auf den Fersen hockten, und schwatzten sehr lebhaft. Dabei ließen sie die Beutestücke unter Ausrufen des Entzückens von Hand zu Hand gehen, und der Knabe konnte trotz seiner Niedergeschlagenheit das Lachen nicht unterdrücken, als er sah, daß sie die Cigaretten aus dem Etui nahmen, hin und her drehten und endlich in der Weise rauchten, daß sie in jedes Nasenloch eine steckten. Der feine türkische Tabak schien ihnen außerordentlich zu gefallen, denn sie patschten sich vor Vergnügen auf den Bauch. Den Revolver des Engländers betrachteten sie mit großer Neugierde. Sie schienen eine solche Waffe noch nicht zu kennen, gingen aber sehr gewandt damit um und erklärten einander die Einrichtung, so daß es klar war, sie seien mit Schußwaffen vertraut.
Pieter Maritz, der hin und wieder einen Blick nach dem Verwundeten und dessen treulich neben ihm hockenden Arzte warf, bemerkte jetzt, daß der Scharlachrock sich bewegte. Er lief alsbald dorthin und sah, daß der Leutnant die Augen aufgeschlagen hatte und träumerisch umhersah. Augenscheinlich war er noch ein wenig in seiner Ohnmacht befangen und wußte nicht recht, ob er lebe oder nicht. Erst nach einer Weile wurde sein Blick verständnisvoller und nahm einen zornigen Ausdruck an, als er auf den Knaben fiel. Dann faßte der Verwundete aber auch den alten Kaffern auf der andern Seite seines Lagers ins Auge und geriet in großes Erstaunen. Er wollte sich aufrichten, war aber vor Schmerzen und Steifigkeit dazu nicht imstande, sondern sank gleich wieder zurück.
»Was hat dies alles zu bedeuten?« fragte er.
Pieter Maritz redete ihm freundlich zu und erklärte ihm, was geschehen sei. Der Leutnant hörte zuerst halb ungläubig, dann aber mit dem äußersten Schmerze zu.
»Ich wollte lieber, ich hätte den Hals gebrochen!« murmelte er voll Ingrimm und schloß dann finster und trotzig die Augen.
Der Kaffernarzt war inzwischen aufgestanden und braute nun in einem Gefäße, welches aus einem Straußenei gearbeitet war, ein Getränk, welches er für heilkräftig halten mochte. Er mischte den milchigen Saft von Kräutern mit Wasser, drückte eine Apfelsine darüber aus und brachte diesen Trank dem Verwundeten. Dieser sah das Gefäß und den Inhalt mit höchst verächtlicher Miene an, mochte aber wohl sehr durstig sein, denn er probierte und trank dann alles aus.
Eine dunkle Gestalt erschien jetzt neben seinem Lager, der Anführer der Bande war herangeschritten. Er hatte seinen Mantel zurückgelassen und stand fast nackt da, die geschmeidigen und muskelstarken Glieder in ihrem schönen Ebenmaß zeigend. Die weißen Raubtierzähne um seinen Hals leuchteten auf der glänzend schwarzen Haut, der breite Armring funkelte gleich dunkelfarbigem Golde, und eine weiße Straußenfeder wallte von seinem Haupte. Der Engländer betrachtete ihn voll Staunen über den kriegerischen Stolz, der sich in seiner Haltung aussprach, und mochte wohl verwundert sein über den Unterschied, den er zwischen diesem freien Krieger und den sklavischen Schwarzen fand, die er bis jetzt während seines kurzen Aufenthaltes in Afrika kennen gelernt hatte. Doch war Lord Adolphus Fitzherbert keineswegs in Furcht, sondern zeigte den Stolz des Briten und des vornehmen Mannes auch in der Gefangenschaft und daniederliegend.
»Sprecht Ihr englisch, mein schwarzer Freund?« fragte er mit energischem Tone.
Der Anführer schüttelte den Kopf zum Zeichen, daß er nicht verstanden habe.
»Wenn Ihr diesem Manne etwas zu sagen habt, so will ich es ihm gern übersetzen; er versteht holländisch,« sagte Pieter Maritz freundlich zu dem Offizier.
Der Leutnant wandte sich zu dem Knaben und nickte dankend. »Ihr seid sehr gütig,« sagte er, »und ich werde Euch verbunden sein, wenn Ihr diesen Halunken mitteilen wollt, daß ich sie alle werde hängen lassen, wenn sie mich und mein Pferd nicht dahin zurückbringen, von wo sie mich geholt haben.«
Der Knabe schüttelte den Kopf. »Ihr handelt nicht klug, Mynheer,« erwiderte er. »Ihr könnt niemand hängen lassen, wenn diese Kaffern Euch umbringen, und wir sind doch beide in ihrer Gewalt.«
»Sie werden es nicht wagen, mich umzubringen,« entgegnete der Engländer. »Sie wissen recht gut, daß der Gouverneur diesen ganzen Wald mit allen schwarzen Spitzbuben, die darin stecken, ausräuchern würde, wenn man einem seiner Offiziere ans Leben ginge.«
Nachdem der Leutnant so gesprochen hatte, mochte er aber wohl selbst die Thorheit seiner Prahlerei einsehen, denn er setzte hinzu: »Ihr kennt aber wahrscheinlich diese Art Leute besser als ich, und wenn Ihr es für klüger haltet, so sagt ihnen, sie sollten eine große Summe Geldes haben, wenn sie mich nach Pretoria brächten.«
Pieter Maritz nickte und teilte dies dem Anführer mit.
Dieser hatte dem Zwiegespräch aufmerksam zugehört und antwortete jetzt auf die ihm übersetzte Mitteilung des Engländers, daß ein anderer darüber zu entscheiden haben werde. »Für jetzt aber,« fügte er hinzu, »macht euch fertig, denn ihr sollt weiterziehen.«
Auf seinen Wink kamen wieder zwei Männer heran, welche den Engländer auf die Tragbahre legten, ein Dutzend andere, alle gut bewaffnet, umringten die Bahre und den Knaben und lösten die Pferde los, und dann ging es in derselben beschleunigten Gangart, mit welcher sie gekommen waren, weiter. Mit einem Gefühl der Beruhigung sah Pieter Maritz, daß einer der Kaffern seine ihm vom Vater vererbten Waffen trug. Die Hoffnung flüsterte ihm zu, daß dies eine gute Bedeutung habe, daß er ebensowenig seiner Waffen wie seines Pferdes für immer beraubt werden solle. Der Anführer der Bande und deren größter Teil blieben bei den Hütten im Walde zurück, nur eine Begleitung von vierzehn Schwarzen brachte die Gefangenen und ihre Pferde weiter.
Mit immer gleicher Geschwindigkeit ging es in dem ungeheuren Walde weiter, bis die Sonne sank. Dann wurde Halt gemacht und ein Feuer angezündet. Die Schwarzen trafen keine Art von Vorsichtsmaßregeln, um ihre Gefangenen an Flucht zu verhindern, da sie die Finsternis und den Wald für genügende Sicherung halten mochten, sondern stellten nur eine Wache aus, welche auch das Feuer unterhalten mußte, und legten sich schlafen. Auch die Gefangenen schliefen, ohne sich durch das Gebrüll der Panther stören zu lassen. Beide waren todmüde, der Engländer durch seine Verletzungen, Pieter Maritz durch den langen und ihm ungewohnten Marsch.
Früh am Tage ward wieder aufgebrochen, nachdem ein jeder von dem mitgenommenen Fleisch zu essen bekommen hatte. Lord Adolphus Fitzherbert war wieder einigermaßen gekräftigt und sprach in freundschaftlicher Weise mit dem Knaben, über dessen Gesellschaft er nun sehr froh war. Es ging den ganzen Tag im Walde weiter, und nur einmal ward eine Rast von einigen Stunden gemacht, um eine Mahlzeit aus einer Elenantilope zu bereiten, die einer der Kaffern unterwegs geschossen hatte. Pieter Maritz dachte oft über die Möglichkeit einer Flucht nach. Wenn es ihm gelang, auf Jagers Rücken zu kommen, so wäre es vielleicht möglich gewesen, davonzueilen, und oft sah er das Pferd trübselig an, und dann schien es ihm, als blicke das Tier auch ihn mit Verwunderung und Teilnahme an. Aber der Gedanke an das Schicksal des Engländers verscheuchte wieder derartige Wünsche. Das Verhältnis zwischen ihm und dem jungen Lord veränderte sich mehr und mehr und wurde ein vertrauliches. Er hätte es wohl schon zu Anfang der gemeinsamen Gefangenschaft nicht übers Herz gebracht, seinen Schicksalskameraden zu verlassen; nun aber, wo sie freundliche Gespräche ausgetauscht hatten, schien es Pieter Maritz ganz unmöglich zu sein, davonzugehen und den andern allein zu lassen. Das Befinden des Engländers hatte sich übrigens im Laufe der Nacht und des darauf folgenden Morgens so sehr gebessert, daß er am Nachmittag schon eine kleine Strecke zu Fuße gehen konnte. Er klagte jetzt mehr über seine linke Hüfte als über seinen Kopf, denn die Hüfte war ihm durch den Sturz auf den Degengriff arg zerstoßen worden.
Am Abend dieses Tages kamen sie in gebirgiges Land. Höhen und Thäler wechselten ab und alles war mit Wald bedeckt, der nun niedriger wurde und viel Unterholz hatte. Die Berge wurden allmählich höher, und der Wald hörte an manchen Stellen auf. Tief eingeschnittene Thäler eröffneten sich, Wildbäche rauschten von den Höhen hernieder, und über die niedrigeren Berge hinweg waren die Spitzen sehr hoher Gipfel im Hintergrunde zu sehen.
Der Engländer stieg von seiner Tragbahre herab und ging eine Strecke zu Fuß. Zwar wollten die Schwarzen in ihrer bisherigen raschen Gangart bleiben, aber der Engländer, der nur langsam gehen konnte, fuhr sie drohend an, und sie bequemten sich, obwohl sie nicht verstanden, was jener sprach, seinen Gebärden zu gehorchen. Sie waren die Herren, und er war ihr Gefangener, aber so groß war die ihnen eingeborene Ehrfurcht vor der weißen Farbe, daß sie nicht wagten, seinem Willen entgegen zu handeln.
Lord Adolphus Fitzherbert lehnte sich auf Pieter Maritz' Schulter und ging in vertraulicher Weise mit dem Knaben. Sein Benehmen gegen ihn hatte sich vollständig geändert. Mochte es nun der Respekt sein, den ihm dessen Reiten eingeflößt hatte, oder das Gefühl, in ihm den einzigen Genossen von gleichem Stamme zu haben, oder mochte auch das gute ehrliche Gesicht des Knaben Eindruck auf ihn gemacht haben — genug, er behandelte Pieter Maritz in freundlicher Weise und fast wie seinesgleichen.
»Wie schön ist diese Landschaft!« sprach er zu ihm. »Sehen Sie dort die blauen Bergeswipfel über die dunklen Schluchten emporragen und die rotglühenden Wolken sich an den Höhen festhängen! Sehen Sie dort den glitzernden Gießbach über den schwarzen Hang sich herabstürzen! Wie das schäumende Wasser zwischen den starren dunklen Felsen und Bäumen glänzt! Wahrlich, dies Land ist so schön wie nur irgend ein von Fremden gesuchtes Stück in den Alpen oder Pyrenäen in unserer Heimat, Europa.«
Pieter Maritz sah den Sprecher verwundert an, begriff nicht, was der bleiche junge Mann mit seinem schwärmerischen Blicke dort in der Ferne suchen könne, und erwiderte lachend: »Das Land ist nicht schön, Mynheer. Es sind ja nichts als wüste Berge und unfruchtbare Bäume. Keine gute Weide für das Rindvieh, kein Gras für das Wild und kein Boden für Mais und Weizen!«
Der Lord lächelte. »Also nur Weideland und Äcker finden Sie schön?« fragte er.
»Gewiß,« versetzte Pieter Maritz. »Welche Landschaft sollte denn sonst schön sein? Drüben im Westen im Kreise Lydenburg und am Potschefstroom um Pretoria, auch im Norden, wo wir leben, dort ist es schön, aber dies ist ein wüstes und wildes Land.«
»So ist der Geschmack verschieden,« sagte der Lord. »Bei mir zu Hause reisen die närrischen Leute aus dem flachen Lande fort in die Gebirge, um etwas Schönes zu sehen. Aber sagen Sie mir doch, Pieter Maritz, was werden die schwarzen Kerle mit uns machen? Sie kennen ja die Lebensgewohnheiten dieses Volkes. Ist es hier wohl Sitte, die gefangenen Feinde zu braten und aufzufressen?«
»O nein,« sagte der Knabe, »das ist hier nicht Sitte, aber ich weiß wirklich nicht, was sie mit uns machen wollen.«
»Oder wollen sie ein Lösegeld aus uns herauspressen? In Europa giebt es gewisse Völker — man nennt sie Türken und Griechen — welche gefangene Fremde einsperren und dann von ihren Freunden und Verwandten viel Geld für ihre Freilassung fordern. Ob diese Leute von jener schönen Sitte gehört haben?«
»Das denke ich nicht,« sagte Pieter Maritz. »Ich glaube, wir sind in die Hände der Leute von Titus Afrikaner und Fledermaus gefallen. Denn dies ist die Gegend, von der man sagt, sie sei ihr Wohnsitz. Dies müssen die Drakensberge sein, und dort hausen diese Räuber. Aber da sie uns nicht gleich getötet haben, weiß ich nicht, was sie mit uns machen wollen.«
»Sie meinen also wirklich, wir wären auf dem Wege zu diesen vielberufenen Räubern? Da habe ich ja gleich zu Anfang meiner afrikanischen Laufbahn interessante Erfahrungen zu machen. Nun, mein lieber Junge, es ist im Grunde alles eins. Dies ist wenigstens etwas Neues, und sicherlich ist das Schlimmste, was uns widerfahren kann, das, daß man uns umbringt, und damit sagen wir einer sehr langweiligen Welt Valet!«
Pieter Maritz sah den Lord erstaunt an, denn er verstand durchaus nicht, was er sagte.
»Aber was, meinen Sie,« fuhr der Engländer fort, »könnten wir thun? Sollte es sich nicht empfehlen, einen Streit mit unserer Wache anzufangen? Die Kerle haben so hübsche spitzige Spieße. Damit würden sie uns schnell erstechen können und wir ersparten uns vielleicht vielen Ärger, der uns bevorsteht. Wie wäre es, wenn wir stehen blieben, einem der Nigger den Spieß wegrissen und ihn niederstießen? Dann wäre ein hübscher, frischer Zank da.«
Pieter Maritz schüttelte den Kopf. »Mynheer, ich glaube, der Sturz vom Pferde hat Euch etwas verrückt gemacht,« sagte er mit aufrichtigem Blick und Ton. »Denkt nicht an solchen Unsinn. Es wird schon alles wieder gut werden, wenn wir auf Gott vertrauen.«
Der Lord sah den Knaben mit einem eigentümlichen Blicke an, worin sich eine Art von Rührung aussprach, und fing dann von anderen Dingen zu sprechen an. Bald ward er auch wieder müde und legte sich von neuem auf die Tragbahre.
Die Gegend, durch welche sie zogen, ward immer wilder und rauher, und es ging beständig der Höhe zu. Oft freilich senkte sich der Weg ins Thal, aber nur um jenseits eine noch größere Höhe hinaufzuklimmen. Seitdem der Engländer sich wieder tragen ließ, ging es mit verdoppelter Schnelligkeit vorwärts, und Pieter Maritz hatte Mühe mitzukommen. Die schwarze Begleitung schien ein bestimmtes Ziel zu haben, welches sie heute noch erreichen wollte. Pieter Maritz war nicht leicht zu ermüden, sondern von großer Kraft und Ausdauer, dennoch ward es ihm sauer, mit den Schwarzen gleichen Schritt zu halten. Er war mehr an Reiten als an Fußmärsche gewöhnt, und seine schweren Stiefel hinderten ihn am Gehen, während die Kaffern mit ihren nackten Beinen und Füßen so leicht wie Gazellen über Berg und Thal liefen. Selbst die beiden Leute, welche den Engländer trugen und von Zeit zu Zeit abgelöst wurden, liefen mit größerer Leichtigkeit als der unbelastet einhergehende Buernsohn.
Die Schwarzen bemerkten die Schwierigkeit, welche der Knabe hatte, um mitzukommen, und sie beschlossen endlich, dem abzuhelfen. Sie gaben ihm Zeichen, daß er zu Pferde steigen möge. Mit der größten Freude näherte sich Pieter Maritz dem treuen Jager und stieg mit einem wahren Wonnegefühl auf dessen Rücken. Der Engländer rief ihm von seiner Bahre aus einen Glückwunsch zu. Pieter Maritz fühlte sich wie neugeboren, als er im Sattel saß, und nicht nur der Genuß der Erholung nach dem langen raschen Marsche, sondern auch ein Gefühl der Sicherheit und der Kraft belebten seinen Mut. An eine Flucht freilich war nicht zu denken, denn nicht allein faßten zwei Kaffern Jagers Zügel von beiden Seiten, sondern es ging auch ein Trupp hinter dem Pferde her, den schmalen Weg durch das Gebirge hin rückwärts versperrend.
Jetzt ging die Sonne unter, und die Wälder nahmen, ihres Lichtes beraubt, eine düstere Farbe an, welche daran erinnerte, daß die Stunden herankamen, zu welchen die Raubtiere auf Beute auszugehen anfangen und sich auch die Unthaten grausamer Menschen zu vollziehen pflegen. Dieser Zeitpunkt war um so unheimlicher, als er inmitten des Gebirges eintrat, wo die Gestaltung der umgebenden Landschaft wunderliche und drohende Formen im Verbleichen des Himmels und beim Eintreten der nächtlichen Schatten zeigte. Die Gefangenen erwarteten, daß Halt gemacht werden würde, um die Nacht im Scheine eines Feuers zu verbringen, aber die Schwarzen setzten ihren Weg trotz der Dunkelheit mit derselben Schnelligkeit fort. Es war erstaunlich, daß sie ihn zu finden wußten, denn kaum ließ das Sternenlicht hier die Biegung der Felsenwände, dort den eigentümlich gerichteten Stamm eines Baumes erkennen, der als Merkmal hätte dienen können. Auch war es kein gebahnter Weg, dem der Zug folgte, sondern bergauf bergab führte nur ein untrüglicher Instinkt der rechten Richtung durch waldiges wie offenes Terrain. So ging es unaufhaltsam weiter, während das Gebrüll der nun umherstreifenden Löwen gleich fernem Donner von Echo zu Echo im Gebirge hinrollte und die Pferde ängstlich schnaufen machte.
Jetzt ging es durch eine Waldesschlucht über steiniges Geröll hin, in tiefer Finsternis, die gleichzeitig durch die hohen Wände zu beiden Seiten wie durch die von oben überhängenden Büsche verursacht wurde, und als der Zug aus dieser Schlucht hervorkam, lag eine silberglänzende Landschaft ausgebreitet da. Der Mond war hinter den fernen Bergen emporgestiegen und erleuchtete mit beinahe voller Scheibe Berg und Thal. Seine hellen Strahlen zitterten auf einem weiten stillen See, der einen zauberischen Anblick gewährte. Der Zug ging gerade auf den See zu und machte Halt. Nur wenig bewegt war das Gewässer, und wo sich sanfte Wellen regten, indem sie langhin schwellende kleine Furchen bildeten, da glänzte der gebrochene Spiegel der Oberfläche in weiß leuchtendem Schein. Im Hintergrunde schlossen mächtige schwarze Höhen, aus weiter Entfernung herüberragend, den hellen See ab, und die Schatten jener Berge setzten sich im Wasser fort bis zu der Stelle, wo das strahlende Bild des Planeten gleichsam in dem See schwimmend aus ihm hervorblickte.
Der Engländer stützte sich auf den Arm und sah mit entzücktem Auge auf dies herrliche Bild. Sein mutiger Sinn, der die Gefahr ebenso verachtete wie die Vorsicht, ließ sich durch die Gefangenschaft nicht beugen und er genoß die Schönheit dieser erzwungenen Reise, als wäre er zu seinem Vergnügen mit aller Behaglichkeit des Reichtums in den Hochlanden Schottlands zur Jagd.
Die Schwarzen setzten ihre Last nieder, und dann stieß ihr Führer dreimal den gellenden Ruf der schwarzen Gans aus, der seltsam über das stille Wasser dahintönte. Zugleich hatte ein anderer der Begleitung einen Feuerbrand entzündet und schwenkte ihn dreimal im Kreise umher.
Nach einer Weile erschien auf dem See ein dunkler Punkt, der das silberne Licht durchschnitt und sich allmählich vergrößerte. Bald war auch das Plätschern von Rudern vernehmbar. Ein großes Boot von spitzer und gewaltig langer Form kam heran, von vier Schwarzen gerudert. Es stieß ans Land, und der Führer des Zuges wechselte mit den Bootsleuten einige Worte, worauf die Gefangenen in das schmale Schiff gebracht wurden und auch die schwarze Begleitung einstieg. Die beiden Pferde wurden ins Wasser geführt und mußten neben dem Boote schwimmen, wobei sie dadurch unterstützt wurden, daß ihre Zügel dicht am Maul gefaßt und die Köpfe emporgehalten wurden.
Nach einer Fahrt von etwa einer Viertelstunde war das jenseitige Ufer erreicht, das Boot stieß an den Felsen, und alle stiegen aus. Die Bootsleute banden ihr Fahrzeug neben mehreren anderen an, die am Ufer lagen. Nur ein schmaler Platz, auf welchem Fuß gefaßt werden konnte, fand sich hier am Gestade, denn überall stiegen die Felsen mit drohender Steilheit empor. Doch fand sich jetzt nach einigen Schritten längs des Ufers eine Öffnung in der Bergwand, gleich einer verborgenen Thür, und nachdem eine kleine Strecke in den Berg hinein zurückgelegt worden war, drehte sich der Weg nach rechts, und es eröffnete sich plötzlich vor den überraschten Augen der Gefangenen eine weite hohe Höhle, welche hell erleuchtet war. Das Licht ging von einem großen Feuer in der Mitte des Raumes aus, und um das Feuer herum bewegten sich zahlreiche Gestalten.
Die schwarze Begleitung hielt am Eingange der Höhle still und bedeutete auch die Gefangenen, hier zu bleiben und zu warten, der Führer aber ging in das Innere der Höhle, welche sich, wie es schien, weit in den Berg hinein erstreckte. Er wollte, wie es schien, dem Befehlshaber der hier hausenden Horde Bericht erstatten und dessen Weisungen einholen.
Die Gefangenen sahen indessen dem Treiben um das Feuer zu. Augenscheinlich war eine Schar von Schwarzen erst vor kurzem von einem Raubzuge zurückgekehrt, denn es wurde ein Mahl zugerüstet, obwohl es schon spät in der Nacht war. Wohl fünfzig bis sechzig schwarze Gestalten waren um das Feuer und in dessen Nähe beschäftigt und glichen in dem roten Schein einem Heer von Teufeln. Dieser wilde Eindruck ward noch durch die Art ihrer Beschäftigung erhöht. Sie holten aus einer Abteilung der großen Höhle, welche seitwärts im Dunkel lag, von vielen dumpf brüllenden Ochsen ein fettes Tier heraus und führten es in die Nähe des Feuers. Dann rissen sie das Tier zu Boden, wälzten es auf den Rücken und banden ihm einen Strick an jeden Fuß. Diese Stricke zogen sie an, so daß die Beine so weit als möglich auseinander gebogen wurden, und pflöckten sie an kurzen Pfählen in den Boden, so daß der Ochse ganz unbeweglich liegen mußte. Alsdann trat ein Schwarzer mit einem blinkenden Messer heran und schnitt mit einem Zuge den Leib des Ochsen in der Mitte auf, ohne daß mehr als nur einige Tropfen Blutes vergossen wurden. Dann nahm er mit Hilfe eines andern Mannes die Gedärme heraus und übergab sie mehreren Weibern, welche sie in einem großen Kessel wuschen und alsbald ans Feuer setzten, damit sie gegessen würden, während der Ochse noch lebte. Während dessen rührten die Männer mit Stäben das in der Bauchhöhle zusammenfließende Blut um, so daß es nicht gerann, und warteten ab, daß das Tier, dessen Herz und andern edlen Teile noch lange in Bewegung blieben, völlig sterben würde. Die Kaffern standen aufmerksam umher und verwandten kein Auge von den sich bewegenden Organen.
»Das sind geschickte Metzger,« sagte der Engländer zu Pieter Maritz, während er einen Blick des Abscheues auf die Scene richtete. »Unsere Metzger in London könnten von ihnen lernen. Aber ich wünschte, daß diesen schwarzen Teufeln selber der Leib aufgeschlitzt würde.«
Pieter Maritz erwiderte nichts. Er kannte die Manier der Kaffern schon lange.
Während nun aber die Schwarzen anfingen, mit großen Löffeln das Blut aus der Bauchhöhle herauszuschöpfen und in einen Kessel zu füllen, näherte sich den Gefangenen ihr Führer wieder und forderte sie auf, ihm zu folgen. Der Lord stützte sich auf des Knaben Schulter, um besser gehen zu können, und beide gingen an dem von jubelnden und tanzenden Schwarzen umgebenen Feuer vorbei in den Hintergrund der Höhle.
Hier war ein Kreis von Männern versammelt, die ernst und schweigend auf ihren Fersen hockten und, wie es schien, einen bevorzugten Rang einnahmen, indem sie sich nicht an dem gemeinsamen Fest am Feuer beteiligten und auch besser gekleidet waren als die große Schar. Sie waren von sehr verschiedener Hautfarbe und Gesichtsbildung, so daß sie leicht als verschiedenen Stämmen angehörig zu erkennen waren. Einige waren braunrötlich, andere tiefschwarz, und sowohl die gebogene Nase des Kaffern wie die eingedrückte Nase des Hottentotten war hier vertreten. Sie trugen sämtlich schöne Mäntel von Tiger- und Pantherfellen und waren mit glänzenden Hals- und Armbändern geziert. Alle hielten Pfeifen in der Hand, aus denen sie Tabak rauchten, und sie tranken dazu abwechselnd aus einer großen Flasche, die in ihrer Mitte stand, ein Getränk, welches Pieter Maritz am Geruche schon als Arrak erkannte.
Unter ihnen allen der Vornehmste war aber offenbar ein schon bejahrter Mann, der auf einer Art von Ruhebank lag, die mit Löwenfellen bedeckt war. Er war von sehr glänzender Hautfarbe, von einem Braun, welches dem des gerösteten Kaffees glich, und seine Haare waren stark mit Grau gemischt. Seine kohlschwarzen Augen waren unruhig und durchbohrend, seine Nase war breit, doch nicht platt gedrückt, der Mund vorstehend, mit aufgeworfenen Lippen, doch nicht so sehr, daß seinem Gesicht ein tierischer Zug verliehen worden wäre. Im Gegenteil hatte es einen klugen Ausdruck, denn Augen und Stirn beherrschten den unteren Teil. Dieser Mann trug eine Art von Tunika oder kurzem Gewand von weißer Wolle mit ganz kurzen Ärmeln, die nur eben die Achseln bedeckten, und an seinen muskulösen Armen glänzten breite goldene Ringe. Um den Hals trug er eine Kette von Löwenzähnen, die mit Golddraht zusammengehalten wurden, und ein Mantel von Löwenfell hing über seinen Rücken hinab. Um den Leib trug er einen Gurt von gesticktem Leder, an welchem ein Hirschfänger von europäischer Arbeit und außerdem ein kleines Messer mit Perlmutterschale steckten. Er stand auf und blieb vor seinem Sitze stehen, als die Gefangenen ihm vorgeführt wurden; diese sahen mit Überraschung, daß der Gebieter der großen wilden Schar nur von einer Statur unter Mittelgröße war.
Mit drohendem Blicke musterte er den blassen Jüngling in dem zerrissenen Scharlachrock und den Knaben mit den blonden Locken und schüttelte gegen sie die erhobene rechte Faust, so daß die goldenen Armbänder klirrten. Dann rief er in holländischer Sprache, die er vollkommen gut redete: »Ihr seid in die Höhle des Löwen geraten, Söhne der treulosen und grausamen weißen Menschen! Bereitet euch zum Tode, ihr seid in der Macht des Titus Afrikaner!«
