Einundzwanzigstes Kapitel Daheim und in englischen Diensten
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Pieter Maritz dachte darüber nach, wie er wohl nach Hause und in sein Bett gekommen sein möge, konnte aber zu seiner Beschämung keine Spur von Erinnerung in seinem Kopfe entdecken. Vermutlich hatte der Franzose ihn nach dem Hotel gefahren und hatten ihn die beiden Offiziere ins Bett gebracht. Wein trinken ist doch eine dumme Sache, sagte sich Pieter Maritz. Man nimmt einen Feind in sich auf, der einem die Besinnung raubt. Erst wird man vergnügt, und nachher weiß man nicht mehr, was man thut. Wenn der alte gute Missionar hier wäre, so würde er mir wohl sagen, es sei am sichersten, gar keinen Wein zu trinken; denn er meinte immer, man dürfe dem Teufel nicht den kleinen Finger geben. Es ist doch gut, daß er mich gestern abend nicht gesehen hat.
Er stand auf und fühlte sich etwas schwer im Kopfe und sehr durstig. Ein sonderbares Getränk ist doch der Wein, dachte er. Es scheint so, als ob er immer durstiger mache, je mehr man davon trinkt. Nun fiel ihm ein, was er wohl bemerkt, aber nicht weiter beachtet hatte: daß der Präsident, Herr Paul Krüger, in der Gesellschaft beim Schatzsekretär nur Wasser getrunken und auch beim Ausbringen des Wohls der Republik ein Glas Wasser in die Höhe gehoben hatte. Pieter Maritz ging in den Hof und ließ sich an dem Brunnen vor dem Stalle das Wasser über Kopf und Hals laufen. Dann ging er, sehr erfrischt, zu Jager und sattelte ihn. Umgürtet mit seinem schönen neuen Degen, den er auf dem Tische in seinem Zimmer gefunden hatte, ritt er hinaus ins Feld, und die Kühlung seiner nassen Locken im Winde sowie die Bewegung ließen bald jedes Unbehagen verschwinden. Dann ritt er fröhlich in das englische Lager und besuchte Lord Fitzherbert.
Der junge Offizier sah blaß aus und trank Sodawasser mit Kognak in seinem Zelte. Als er des Buernsohnes rote Backen und glänzende Augen sah, seufzte er. »Pieter Maritz, ihr Buern seid ein verwettertes Völkchen,« sagte er. »Wie können Sie sich unterstehen, heute morgen so frisch wie eine blühende Rose auszusehen?«
Pieter Maritz lachte. »Ich komme, um Ihnen Lebewohl zu sagen, Adolphus,« sagte er. »Aber es thut mir leid, daß Sie krank sind.«
»Krank? Der Teufel ist krank!« sagte der Lord. »Ich habe nur etwas Kopfschmerzen. Das kommt von der Musik; ich kann es nicht leiden, wenn einem ins Essen hineingeblasen wird.«
»Ach, es war die Musik?« fragte Pieter Maritz ganz unschuldig. »Ich dachte, Sie hätten zu viel Wein getrunken, so wie ich.«
»Ei, bewahre, ich trinke nie zu viel,« sagte der Lord. »Aber kommen Sie, wir wollen etwas frühstücken.«
Er stand auf und vertauschte seinen leinenen Rock mit der Uniform, als Leutnant Dubois vor dem offenen Zelte erschien. »Wißt ihr das neueste?« fragte er. »Die Zulus kommen. Man hat die Meldung erhalten, daß sie, zwanzigtausend Mann stark, nur noch fünfzig Kilometer weit entfernt von Pretoria stehen.«
»Fünfzig Kilometer?« fragte der Lord. »Da können die Kerle vor heute abend nicht hier sein, und wir haben Zeit, zu frühstücken.«
»Fünfzig Kilometer!« rief der Franzose, »da können sie auch morgen noch nicht hier sein.«
»Sie kennen die Zulubeine nicht, mein lieber Dubois,« sagte der Lord. »Diese Kerle haben vier Beine. Wenn sie auf zweien müde sind, laufen sie auf den beiden andern. Doch laßt uns frühstücken, man lebt nur einmal!«
»Das ist auch mein Gedanke,« entgegnete der Franzose lachend. »Kommt mit zu mir.«
Alle drei gingen zu dem Zelte, wo das Regiment des Franzosen zu speisen pflegte. Dort waren wohl ein Dutzend Offiziere beisammen, welche aßen und sich über die Wahrscheinlichkeit des Angriffs der Zulus unterhielten. Einige glaubten die Nachricht, andere zogen sie in Zweifel. »Pah, die Niggers werden uns rein zum Schreckgespenst,« sagte ein älterer Offizier. »Jeden Tag kommt man mit der Meldung, sie rückten an. Ich glaube das nicht, bevor ich sie nicht sehe.«
Dubois bereitete eigenhändig ein Gericht, von welchem er behauptete, es sei gesund nach einem Trinkgelage. Er ließ gebratene Hammelnieren bringen, schnitt sie ganz klein und bestreute sie mit dem gelben Pulver des Curry und mit Champignons. Dies Gericht ließ er in Bouillon schmoren und empfahl es Pieter Maritz als sehr wohlthätig. Pieter Maritz versuchte es, aber konnte es nicht essen. Ebensowenig mochte er trinken, was die beiden Offiziere tranken: Kognak und Absinth gemischt, sowie ein Getränk, welches sie »brandy-pawnee« nannten. Er hatte genug von den verfeinerten Speisen Pretorias und des englischen Lagers und ließ sich sein heimisches Gericht, eine Schüssel Maisbrei, bringen. Dazu trank er ein Glas Ale. Dann sagte er den beiden Offizieren Lebewohl, versprach, sobald als möglich zurückzukehren, und ritt davon. Er überlegte sich seine neue Stellung in der Welt. Die gestrige Verabredung mit dem Leutnant Dubois hatte er heute morgen erneuert, und nun würde er bald, so sagte er sich, in englischem Solde gegen die Zulus zu Felde ziehen. Die Engländer bezahlten vortrefflich. Er hatte im Lager erfahren, daß die Buern für jeden zwölfspännigen Ochsenwagen bei der Armee monatlich achtzig Pfund Sterling erhielten. Er selbst sollte monatlich dreißig Pfund Gage haben. Da konnte er seiner Mutter, wenn Gott ihn lebendig aus dem Kriege zurückkehren ließ, eine schöne Summe mit nach Hause bringen. Dazu vollführte er, wenn er als leichter Reiter den Feldzug mitmachte, in vortrefflicher Weise den Auftrag Jouberts, sich die englische Armee genau anzusehen, und er würde nachher dem Feldkorporal die genauesten Berichte über sie machen können.
Er ritt zu seinem Hotel zurück, brachte Jager in den Stall und ging aus, um Geschenke für seine Mutter und seine Geschwister zu kaufen. Er besuchte mehrere Magazine und sah so viele schöne Sachen, daß ihm die Auswahl schwer wurde. Endlich entschloß er sich zu einem großen roten Tuche für seine Mutter. Das Tuch war so groß, daß sie sich ganz darein hüllen konnte und daß es ebensowohl geeignet war, vor der Kälte zu schützen als die Bewunderung aller andern Buernfrauen der Gemeinde zu erregen. Für seinen ältesten Bruder, der nun nahe an fünfzehn Jahre alt sein mußte, kaufte er einen Matrosenrevolver, für den darauf folgenden, der dreizehn Jahre zählte, ein starkes, breites Messer, das im Griff feststehen konnte, und so wählte er für jedes der Geschwister einen Gegenstand aus, der ihm Vergnügen machen mußte. Die Geschenke steckte er in einen schönen neuen Mantelsack, der hinter Jagers Sattel gebunden werden sollte, und das Herz hüpfte ihm vor Freude bei dem Gedanken an die glücklichen Gesichter daheim, wenn er auspacken würde.
In der Frühe des Morgens am andern Tage brach die Gesellschaft auf, welche sich nach dem Norden begeben wollte, und Pieter Maritz schloß sich ihr an. Es waren etwa zwanzig Leute, lauter Männer und alle beritten. Nur ein einziger Wagen war dabei, aber kein Ochsenwagen, sondern ein zweiräderiger Karren, der mit zwei Pferden bespannt war. So konnte die Reise rasch von statten gehen. Mehrere Buern waren dabei, aber zumeist waren es Fremde, Abenteurer aus verschiedenen europäischen Ländern, welche die Gesellschaft bildeten, und sie zogen aus, um im Lande der Matebele Gold zu suchen. Wilde Gesichter und rauhe Hände, viele Waffen und eine buntscheckige Bekleidung zeichneten die Erscheinung dieser Leute aus, und sehr verschiedene Sprachen, spanisch, deutsch, italienisch, englisch, französisch und holländisch, erklangen aus ihrem Munde. Niemals hatte Pieter Maritz eine solche Menge verschiedenartiger Flüche für möglich gehalten, wie sie an diesem Morgen auf dem Marktplatze zu hören waren, wo die Gesellschaft sich versammelte. Besonders thaten sich im Fluchen zwei Spanier hervor. Der eine war ein großer vierschrötiger Bursche in einer mit vielen Knöpfen besetzten Jacke, mit zwei Revolvern und einem Dolche in dem roten Shawl, der ihn umgürtete, der andere eine zierliche dunkelfarbige Gestalt mit unheimlich funkelnden schwarzen Augen und nach Buernsitte gekleidet und bewaffnet. Unter den übrigen Erscheinungen fiel Pieter Maritz besonders ein riesenmäßiger Deutscher mit rötlichem langem Haar und blauen Augen auf, der von der Nordseeküste stammte. Er hatte ein kindlich freundliches Lachen und bewegte ein Remingtongewehr so leicht in seinen Händen, als ob es ein Spielzeug gewesen wäre.
Diese Leute hatten die Absicht, zunächst nach Lydenburg zu reisen und sich dort mit Werkzeug für die Goldgräberei weiter im Norden zu versehen. Es war keine Gesellschaft, die Pieter Maritz besonders zugesagt und gut gefallen hätte, denn die Leute fluchten in einer entsetzlichen und gottlosen Weise, so daß es ihm oft einen Stich ins Herz gab, wenn er den Namen Gottes dem Gebote der Heiligen Schrift zuwider unnütz und frevelhaft geführt hörte. Dazu hatten diese Leute einen rohen und niedrigen Sinn, der sich auch in ihrem übrigen Benehmen offenbarte. Sie dachten nur an Gewinn, nur an Gold, und mit Ausnahme des riesigen Deutschen aus dem Friesenlande waren sie alle finster und schienen übler Laune zu sein. Doch hatte Pieter Maritz wenigstens den Vorteil von ihrer Begleitung, daß er sicher vor Räubern und wilden Tieren seine Reise machen konnte. Die Gegenwart so vieler Büchsen hielt beide fern, und ohne Unfall kam die ganze Gesellschaft in Lydenburg an.
In dieser Stadt, welche gleich den andern Städten des Transvaallandes zerstreut, mit breiten langen Straßen und vielen Gärten lag, herrschte ein reges Gewimmel abenteuerlicher Gestalten, die teils durch den Krieg, teils durch die Goldgruben im Norden herbeigelockt worden waren. Die Gesellschaft von Pretoria verteilte sich, und ein jeder ging seinen Weg, der eine um Gerät, der andere um einen Ochsenwagen zu kaufen, und alle suchten eine enge Genossenschaft von zweien oder dreien zu bilden, um unter gegenseitiger Hilfsleistung in kleiner Gesellschaft das geliebte Gold zu suchen und dabei möglichst vor Verrat, Raub und Mord von seiten der Nachbarn und eigenen Genossen gesichert zu sein. Pieter Maritz aber erkundigte sich nur nach seiner Gemeinde, und er erfuhr auch wirklich, daß diese nur etwa vier Meilen weit entfernt im Norden weile.
Er machte sich an einem der ersten Februartage allein von Lydenburg auf und ritt in der ihm bezeichneten Richtung nach Norden. Nun war er dem Ziele seiner Sehnsucht nahe, und er konnte es in freudiger Ungeduld kaum erwarten, es zu erreichen. Er hatte die Geschenke in seinem Mantelsacke und über demselben, und immer wieder mußte er daran denken, welchen Eindruck sie auf seine Mutter und seine Geschwister machen würden. Er lachte mit dem ganzen Gesichte, wenn er sich vorstellte, wie die ganze Reihe der Kinder dastehen und Mund und Augen aufsperren würde. Ob die Geschwister wohl sehr gewachsen waren? Er selbst war in dem letzten Jahre um einen halben Kopf gewachsen und so breit und stark geworden, daß nur immer wiederholtes Flicken seinen alten Anzug hatte zusammenhalten können, bis er ihn glücklich wegwerfen und das schöne Kostüm kaufen konnte, das er jetzt trug. Er trug die Bügelriemen jetzt fast so lang wie einst sein Vater, nur noch zwei Löcher fehlten. War er doch nunmehr auch Reiter in englischem Dienst, ja mehr als gewöhnlicher Reiter, ein Mann von der Stellung und Würde eines Unteroffiziers, da er einen Zug führen sollte. Was würde man daheim in der Gemeinde zu solchen Dingen sagen? Sicherlich würden alle staunen, besonders aber die Altersgenossen, die er als Knabe verlassen hatte und als Jüngling, als Mann wiedersehen sollte.
Jager mußte unter solchen Gedanken und Hoffnungen seines Reiters einen flotten Schritt gehen, und so waren die vier Meilen in kurzer Zeit zurückgelegt. Als die Sonne im Mittag stand, erblickte Pieter Maritz in einem sanften grünen Thale vor sich den Rauch von mehreren Hütten und Lagerfeuern aufsteigen, viele Wagen im Kreise stehen und die dunklen Massen großer Herden. Jubelnd schwenkte er den Hut in der Luft und rief laut seine Freude zum Himmel empor: das mußte seine Gemeinde sein. Er hatte richtig gesehen. Noch ein Galopp von wenigen Minuten, und er erblickte bekannte Gesichter. Ehrwürdige Männer mit grauen Bärten saßen im Schatten eines Seidenwollbaumes am Feuer und ließen sich von schwarzen Dienern Maisbrei und gekochtes Ziegenfleisch auftragen. Baas van der Goot war in ihrer Mitte, und der Oheim Klaas saß neben ihm.
Pieter Maritz trieb sein Pferd nahe an den Kreis hinan, der verwundert auf den Ankömmling blickte, sprang ab und trat auf die Männer zu, indem er seinen Hut abzog und mit glückstrahlendem Gesicht ehrerbietig grüßte. Im ersten Augenblick schienen sie ihn kaum zu erkennen, sein neuer Anzug und sein entwickeltes Aussehen machten sie betroffen; aber alsbald überzeugten sie sich, daß dies der für verloren gehaltene Pieter Maritz und der treue Jager des im Kampfe gefallenen Andries sein müßten, und sehr verwundert, aber auch sehr erfreut, schüttelten sie ihm die Hände. Baas van der Goot erinnerte sich kaum noch der Angelegenheit mit den beiden Zulus, die er der Hut des Knaben anvertraut hatte; und als er vernahm, daß der berühmte Feldkorporal Joubert ihn grüßen lasse, fühlte er sich so sehr geschmeichelt und wuchs in seinen eigenen Augen zu solcher Höhe und Bedeutung an, daß er den Überbringer der guten Botschaft mit den freundlichsten Augen ansah. Klaas Buurman berichtete, daß es seiner Schwägerin und ihren Kindern wohl gehe und daß sie drüben in der zweiten Hütte wohnten. Pieter Maritz ließ sich nun trotz der zahlreichen Fragen, die an ihn gerichtet wurden, nicht länger im Kreise der Ältesten festhalten, sondern schwang sich von neuem in den Sattel und jagte die wenigen hundert Schritte hinüber zu der bezeichneten Hütte, deren Dach über den Kreis der Wagen hinausragte.
Schon als er in diesen Kreis hineinritt, ward er mehrere seiner Geschwister gewahr, die in der Nähe der Hütte spielten und miteinander Ringkämpfe anstellten, wobei sie sich tüchtig in das dicke blonde Haar packten und krebsrot vor Zorn im Gesicht wurden.
»Ihr Taugenichtse! Wollt ihr wohl!« rief Pieter Maritz lachend und zugleich vor Freude weinend, indem er Jager dicht neben ihnen anhielt.
Die Knaben ließen sich los, starrten empor und waren ganz verdutzt und verlegen. Pieter Maritz sprang ab, gab dem ältesten von ihnen, der acht Jahre zählte, das Pferd zu halten und lief in die Hütte. Hier saß in dem vordersten der beiden Räume, welche das nach Kaffernart errichtete Gebäude enthielt, seine Mutter mit zwei Töchtern bei einer häuslichen Arbeit. Sie blickte erstaunt empor, als sie den Schritt und den Ruf des Eintretenden vernahm, und für einen Augenblick erbleichten ihre Wangen. Aber in der nächsten Sekunde lag Pieter Maritz zu ihren Füßen und umfaßte ihren Leib mit beiden Armen, ergriff ihre Hände und küßte sie — und die Mutter neigte ihren Kopf auf den des lange vermißten Sohnes hinab und weinte vor Freude mit ihm zusammen.
Sie hatte eine Zeit schwerer Arbeit und vielen Kummers hinter sich. Nach dem Tode ihres Mannes hatte sie allein dem Haushalte vorstehen müssen, und sie wäre der Sache wohl kaum Herr geworden, wenn sie nicht so stark und gesund gewesen wäre und nicht in der Vollkraft ihrer Jahre gestanden hätte. Sie hatte den Zug des Ochsenwagens geleitet und oft im Sattel gesessen, um die Herde zu überwachen. Nun hatte sie hier ihre eigene Hütte gegründet und führte Handel mit Vieh, wodurch sie ihrer Familie ein ausreichendes Einkommen verschaffte. Die ganze Gemeinde trieb jetzt lebhaften Handel mit Vieh, sowie mit Korn und Viehfutter nach den nördlichen Distrikten hin, wo die Goldgräber waren, und sie hatte sich dieses vorteilhaften Handels wegen hier angesiedelt.
Voll von Erstaunen und mütterlichem Stolze betrachtete Frau Buurman ihren ältesten Sohn vom Kopf bis zu den Füßen und konnte nicht satt werden, den schon für tot Gehaltenen und verloren Gegebenen zu küssen und nach seinen Erlebnissen zu fragen. Als er nun aber aus der inneren Tasche seines schönen blauen Rockes einen Beutel mit Goldstücken zog und ihr schenkte, als er dazu aus dem Mantelsack den roten Shawl nahm und ihr überreichte, da war sie sprachlos vor Freude und Glück.
Denselben Erfolg hatte Pieter Maritz mit seinen Geschenken bei den Schwestern und Brüdern. Zwar waren die beiden ältesten Jungen mit den Knechten draußen beim Vieh auf der Weide, und so konnte er den Matrosenrevolver und das Stoßmesser noch nicht überreichen, aber auch schon mit den kleineren Geschwistern gab es so viel Jubel und Entzücken, daß das Herz kaum groß genug zu sein schien, alles Gute zu fassen. Die Familie hatte schon zu Mittag gegessen, aber da Pieter Maritz noch nicht gespeist hatte, wurde schnell von neuem gekocht, und sie aßen alle gern noch einmal mit und tranken dazu eine gewaltige Kanne Kaffee. Gegen Abend kamen auch die ältesten Brüder vom Felde und von der Weide herein, und die Freude nahm einen neuen Anfang. Sie waren alle tüchtig gewachsen, die Geschwister; und eine stattliche, schöne, gesunde und starke Schar Blondköpfe und Blauaugen war es, die Mutter Buurmans Kniee umschwärmte. Auch Jager hatte es heute gut. Sie rechneten ihn alle zur Familie, küßten und streichelten ihn, gaben ihm die weichste Streu am besten Platze neben dem Wagen und hätten ihn sicherlich krank gefüttert, wenn er nicht als ein verständiges Tier seine ihm dienliche Futtermenge genau zu berechnen gewußt hätte.
Am Abend widerfuhr Pieter Maritz die Ehre, daß Baas van der Goot in Begleitung des Oheims Klaas persönlich in der Hütte der Frau Buurman vorsprach, um ihn zu besuchen und zum gemeinsamen Trunk der Ältesten einzuladen und abzuholen. Er ging mit ihnen und setzte sich in den Kreis der Würdigen am Lagerfeuer, wo der Bierkrug herumging und die Pfeifen dampften. Hier mußte Pieter Maritz der Reihe nach seine Erlebnisse erzählen, und es kam ihm nun schon selbst so vor, als ob sich diese in der Erinnerung nach so vielfältigem Bericht wunderbar schön zu runden, zu glätten und zu völlig imposanten Thaten zu gestalten anfingen. Nur die eine Thatsache, daß er jetzt als Reiter im englischen Solde stand, wollte den alten Herren nicht recht gefallen.
»Ich denke, Neffe,« sagte Baas van der Goot, »daß allerdings die Engländer Christen sind und daß sie ein gutes Werk unternehmen, indem sie die Schepsels drüben vertilgen wollen; aber daß du ihnen dabei hilfst, während wir Buern doch von ihnen mit Ungerechtigkeit bedrückt werden, das will mir nicht als etwas Schickliches für den Sohn von Andries Buurman einleuchten.«
»Oheim,« sagte Pieter Maritz nach einigem Überlegen, »ich habe über diese Sache mit dem Feldkorporal Joubert gesprochen, und er hat es gutgeheißen.«
Baas van der Goot that mehrere Züge bedächtig aus seiner Pfeife und erwog den Sinn dieser Worte.
»Wenn Joubert es gutgeheißen hat,« sagte er dann, »so muß es allerdings gut sein. Ich hoffe nur, daß du wieder bei uns sein wirst, wenn wir den Transvaalschen Vierklör[*] aufpflanzen und die Engländer aus unserm Lande hinauswerfen.«
»Dann werde ich wieder bei euch sein, so Gott will,« antwortete Pieter Maritz, indem er angesichts des Sternenhimmels, über welchem der Allmächtige thront, den Hut in frommer Betrachtung zukünftigen Schicksals von den Locken nahm.
Pieter Maritz besichtigte am folgenden Tage die Herde und den ganzen väterlichen Besitz, der nun auf die Familie gekommen war, und er fühlte sich wohl und heimisch in den altgewohnten Beschäftigungen. Auch brachte er Glück in das Lager der Treckbuern. Es war eine lange Dürre gewesen, der Erdboden war wie Asche und das Gras gelb. Aber am Tage nach seiner Ankunft kam ein herrlicher Regen herab, so daß es wunderbar war, zu sehen, wie die Erde auflebte. Über Nacht ward der graue, staubige Boden mit frischem Grün bekleidet, duftende Blumen, besonders eine rote Lilienart, sproßten hervor, Millionen von Käfern, Würmern, Ameisen und Fröschen krabbelten plötzlich an die Oberfläche, und viele Schlangen kamen aus ihren Schlupfwinkeln hervor. Die Schafe und Ziegen standen mit erhobenen Köpfen da und ließen sich auf die Nasenspitzen regnen, Hornvieh und Pferde wälzten sich im nassen Grase, das Federvieh tanzte mit ausgebreiteten Flügeln stundenlang gegen den Wind an, die Buern badeten im anschwellenden Bache, und die Kaffern standen mit abgezogenen Wollhemden unter den Traufen der Hütten und den triefenden Wagenecken, ließen sich den warmen Strom über Kopf und Rücken rieseln und grunzten vergnügt: Lekker, Baas, mooi lekker.
Nachdem Pieter Maritz aber eine Woche lang daheim gewesen war, stachelten ihn das Gefühl der Pflicht und die Gewohnheit bewegten Lebens aus seiner behaglichen Ruhe auf, und er beschloß, das englische Lager bei Pretoria wieder aufzusuchen und sich dem Leutnant Dubois zur Verfügung zu stellen.
Die Mutter fügte sich seinem Wunsche in dem Gefühl, daß der nun groß gewordene Sohn selbst seine Pflicht und seine Aufgaben kennen müsse, und sie entließ ihn mit ihrem Segen. Auch packte sie ihm Wäsche und gestricktes Unterzeug, von ihrer eigenen Hand verfertigt, in den Mantelsack, gab ihm den Mantel ihres verstorbenen Mannes, ein schweres altes Stück von unverwüstlichem Stoff, und schenkte ihm dazu noch ein besonderes Andenken, das er um den Hals hängen sollte. Sie bewahrte in ihrem Schranke eine uralte gelb gewordene Schrift auf, ein Traktätchen in englischer Sprache mit dem Bilde Christi auf der ersten Seite. Sie traute diesem Schriftchen eine besondere Heiligkeit um so mehr zu, als sie es nicht lesen konnte, und sie war überzeugt, daß es ihrem Sohne in der Gefahr gute Dienste leisten würde. So faltete sie es denn zusammen, steckte es in einen leinenen Beutel, nähte ein Kreuz darauf und gab es Pieter Maritz, um es als Amulett und Talisman beständig zu tragen. Dann umarmte sie ihn, er küßte alle seine Geschwister, stieg auf Jagers Rücken und wandte sich von neuem der Welt zu.
Nachdem er den Weg über Lydenburg und Pretoria, der ihm nun vollständig bekannt war, glücklich zurückgelegt hatte, traf er am Nachmittage des 15. Februar wieder im Café de l'Europe ein, fand dort Unterkommen und begab sich zum Feldkorporal Joubert. Er traf dort mehrere angesehene Männer der Regierung, auch einen andern bedeutenden Heerführer der Buern, Namens Smit, und er wollte sich bescheiden zurückziehen, um ein anderes Mal wiederzukommen. Aber Joubert ließ ihn eintreten, begrüßte ihn freundlich und übergab ihm die versprochenen Papiere, Empfehlungsschreiben und dazu eine Summe von fünfzig Pfund Sterling. Pieter Maritz gewahrte in den Mienen der anwesenden Männer großen Ernst und den Ausdruck stolzer Entschlossenheit. Er vernahm, da sie in seiner Gegenwart ihre Unterhaltung fortsetzten, daß die Regierung der Kapländer die Buern um Hilfe gegen Tschetschwajo gebeten habe, daß die Regierung von Transvaal aber jede Unterstützung entschieden verweigert habe.
»Nur, wenn England unsere Unabhängigkeit anerkennen will und nicht mehr den geringsten Anspruch auf Oberherrschaft über das Gebiet der Republik erhebt, wollen wir ihm zu Hilfe kommen,« sagte Herr Smit. »Jetzt sind sie klein, die stolzen Engländer, und wissen sich in ihrer Furcht vor den Zulus nicht selbst zu helfen. Deshalb sind sie freundlich und machen uns Versprechungen. Wollten wir aber so thöricht sein, ihnen zu helfen, ohne sichere Bürgschaft zu haben, so würden wir nach dem Siege bald einsehen, was dieser Sieg für uns zu bedeuten hätte. Nein, die Unabhängigkeit unseres Landes muß unser höchstes Ziel sein, daran wollen wir Gut und Blut setzen; aber es muß eine reine Sache sein zwischen uns und England, und die Gerechtigkeit muß durch kluge Politik unterstützt werden.«
Pieter Maritz ritt am andern Morgen nach dem Lager hinaus und fand den Leutnant Dubois in voller Thätigkeit. Der lebhafte Franzose war ganz Feuer und Flamme für seinen neuen Dienst und hatte gegen fünfzig Männer verschiedenen Alters, viele jung, viele bereits graubärtig, sämtlich aus dem Buernstamme, um sich versammelt. Alle trugen den breitkrempigen Hut und die Ausrüstung der Buern, und sie ritten meistens kleine, aber abgehärtete, starke und schnelle Pferde. Leutnant Dubois selbst, in englischer Uniform, saß auf einem vortrefflichen Tiere afrikanischer Zucht und redete mit großer Zungenfertigkeit in einer Sprache, welche niemand verstand, da sie aus französisch, englisch, holländisch und den verschiedenartigsten Ausdrücken anderer Sprachen zusammengeflickt war. Er freute sich sehr, als er Pieter Maritz erblickte, und trug ihm sofort auf, den Leuten zu erklären, um was es sich handle, da er selber es ihnen nicht deutlich machen könne.
Pieter Maritz fragte ihn, was das sei, was er ihnen sagen solle, und der Leutnant teilte ihm nun auf englisch mit, daß die Freiwilligen am folgenden Tage von Pretoria aufbrechen und nach Durban marschieren sollten, wo sie mit andern Freiwilligen zu einem größeren Corps formiert werden würden. Diesen Befehl übersetzte Pieter Maritz seinen Landsleuten und trat damit eine Art von Adjutantenstelle beim Leutnant Dubois an. Denn dieser war sehr befriedigt von der Art und Weise, wie der Buernsohn sich benahm und seiner Aufgabe erledigte, hatte auch vom Lord Fitzherbert so viel Gutes über ihn gehört, daß er großes Vertrauen in ihn setzte.
Lord Fitzherbert selbst, den Pieter Maritz aufsuchen wollte, nachdem er seine dienstlichen Geschäfte erledigt hatte, war nicht mehr im Lager. Die Dragoner waren abmarschiert, um zu der Hauptmacht unter Lord Chelmsford zu stoßen. Überhaupt hatte sich das Lager sehr verkleinert. Der eine Teil der Truppen war zum Obersten Evelyn Wood gestoßen, der andere zum Lord Chelmsford marschiert. Zwei starke Kolonnen wurden gebildet, die eine an der Grenze von Transvaal, die andere am Tugelafluß. So war nur wenig Mannschaft als Besatzung des Forts von Pretoria zurückgeblieben.
Am Tage darauf brach die kleine Schar der freiwilligen leichten Reiter von Pretoria auf und trat den Marsch nach Süden an. Leutnant Dubois ritt an der Spitze, neben ihm ritt Pieter Maritz, und des Leutnants Vierspänner, mit einigem Gepäck beladen und von den Dienern geleitet, folgte dem Reitertrupp. Der Marsch ging schnell, denn es war kein Ochsenwagen beim Zuge, und die Transvaalpferde gingen einen wackeren Schritt. Dennoch ward das Ziel des Marsches erst nach sehr langer Zeit erreicht. Das lag daran, daß Leutnant Dubois den Auftrag hatte, unterwegs so viel Freiwillige als möglich anzuwerben. Er machte daher in allen bedeutenderen Plätzen auf der Route Halt, quartierte seine Mannschaft ein und erließ eine Bekanntmachung, daß er Reiter für den Feldzug ins Zululand suche. Jeder Mann sollte jeden Tag fünf Schilling Lohn und außerdem freie Verpflegung für Reiter und Roß haben.
Es war jedoch nicht leicht, Mannschaft zusammenzubringen. Die seßhaften Buern fanden sich nicht zum Kriegsdienst, denn es ging ihnen zu wohl und sie haßten England. Nur Leute von zweifelhafter Stellung und ohne Vermögen, unruhige Geister, abenteuerlustiges Volk stellte sich ein, und dergleichen Leute gab es nicht viel in diesen Ländern, wo Raum genug für lohnenden Ackerbau und Viehzucht und nur eine dünne Bevölkerung war. Auch hatten die Engländer schon seit langen Monaten alles Menschenmaterial, dessen sie habhaft werden konnten, zusammengesucht, um ihre Regimenter und ihre Trains damit zu füllen. So stieg die Schar der leichten Reiter nur langsam an. Pieter Maritz aber war bei diesen Werbungen von großer Brauchbarkeit, da er Land und Leute kannte und verstand, auch von freundlichem Wesen und gewandt im Umgange war. Er hatte dabei einen offenen Blick für alle Begebenheiten in der englischen Armee, indem er sich seiner patriotischen Aufgabe immer bewußt blieb. Mit Erstaunen und oft mit Lächeln bemerkte er, welchen Respekt die Engländer vor den Zulus bekommen hatten. Wo er auf englische Truppenkörper stieß, welche lagerten, da waren sie immer verschanzt. Der Zug der leichten Reiter ging längs der englischen Front hin, über Helpmakaar, Greytown und Pietermaritzburg nach Durban, so daß Pieter Maritz im lebhaftesten Gewühle der Kriegsrüstungen und inmitten der Begebenheiten war. In der Stadt Pietermaritzburg sah er zum erstenmale eine Eisenbahn, jene Bahnlinie, die von dort nach Port Natal führt. Helpmakaar hatte sich gewaltig verändert, seitdem er es zuletzt gesehen hatte. Damals, vor der Niederlage von Isandula, war es ein offener, lustiger Platz gewesen, nun war es in eine Festung verwandelt worden, und die Kolonne des Obersten Glyn, welche mehr als ein Drittel ihres Bestandes eingebüßt hatte, lag darin. Diese Truppen hatten mit dem Lager bei Isandula zugleich ihr ganzes Gepäck verloren und arbeiteten in den Gräben und an den Wällen in oft wunderlichem Kostüm. Für ihre zum Teil abgetragenen und noch nicht wieder ersetzten Uniformen hatten sie Buernkleidung angeschafft und waren halb Soldaten, halb Buern; manche hatten sogar von den Kaffern Kleidungsstücke genommen und trugen Decken und Felle anstatt der Röcke und Mäntel. Man war in Helpmakaar jeden Augenblick auf einen Angriff der Zulus gefaßt, denn es lag dem Feinde am bequemsten und dem Schauplatz der Schlacht zunächst. Beständig guckten die englischen Offiziere mit Fernrohren über die Brüstung der Schanzen nach dem Feinde aus, und die Truppen wurden durch Dienst in den Befestigungen ermüdet.
Erst nach fünf Wochen traf die Reiterabteilung unter Führung des Leutnants Dubois, welche jetzt auf etwa hundertfünfzig Mann gestiegen war, in Durban ein, der Stadt an dem berühmten Hafen von Natal. In Port Natal war der Ausschiffungsplatz für die englischen Verstärkungen, und hier herrschte ein gewaltiges Treiben. Mit Bewunderung und mit hochschlagendem Herzen sah Pieter Maritz zum erstenmale das Meer, die blauen Fluten des gewaltigen Indischen Oceans. Er stand auf einem Hügel am Hafen und sah die gekrümmte, tief in das grüne Land einschneidende Bucht blau-goldig erglänzen, von schneeweißem Saume eingefaßt, wo die Wogen an hochragende, steil vom Wasser anstrebende Höhen schlugen. Auf den gekräuselten Wellen wiegten sich viele Schiffe, und am Landungsplatz legte jetzt ein schwarzer Koloß an. In riesigen weißen Buchstaben stand an der schwarzen Schiffswand der Name Pretoria. Es war ein englischer Transportdampfer, aus dem heraus sich bald darauf eine Flut seltsam kostümierter Krieger ergoß. Pieter Maritz lief neugierig dahin, wo die Truppen sich ordneten. Die Soldaten trugen karrierte bunte Beinkleider, welche in lange Stiefel gesteckt waren, und die Offiziere hatten karrierte bunte Shawls über die Brust gebunden, welche auf der linken Achsel zusammengeheftet waren und von dort bis zum Knie herabhingen. Sonst trugen sie den Scharlachrock und weißen Helm. Die Musikbande jedoch, welche zum Regimente gehörte, war in Schuhen und hellen Gamaschen mit breitem bunten Rande unterhalb des Kniees, mit nackten Knieen, karrierten Frauenröcken und bunt beränderten Mützen, von denen Schleifen in den Nacken hingen. Sie bliesen auf höchst wunderlichen Instrumenten, Dudelsäcken, deren lange, mit karrierten Bändern verzierte Röhren weit über die Schulter hinausragten. Es waren, wie Pieter Maritz erfuhr, die Hochländer der Prinzessin Luise, ein schottisches Regiment, welches die Nummer 91 führte. Pieter Maritz merkte, daß der alte Missionar die Wahrheit gesagt hatte, als er Tschetschwajo warnte. Die Engländer ließen für jeden Mann, den sie verloren hatten, zwei andere über die See kommen. Ja mehr als zwei. Pieter Maritz hatte vernommen, daß Schiff nach Schiff in Port Natal einlief und daß zahlreiche Mannschaften, viel mehr Truppen, als bis jetzt in Südafrika gestanden hatten, herankamen, um die Scharte von Isandula auszuwetzen und die Ehre Englands wiederherzustellen. Doch hatte er auch wohl gemerkt, daß so große Verstärkungen notwendig waren. Auf dem Marsche von Pretoria bis Port Natal waren mehreremal Nachrichten von neuen Niederlagen der Engländer gekommen. Die Zulus hatten einen Teil des 80. Regiments unter Kapitän Moriarty, von der Kolonne des Obersten Wood, überfallen und vernichtet, wobei sie tollkühn durch einen Fluß hindurch angegriffen hatten, und noch andere kleine Überfälle hatten sie glücklich vollbracht. Sie hielten die Engländer völlig in Schach, und Lord Chelmsford hatte für jetzt nicht etwa einen Angriff im Auge, sondern wollte die Truppen unter seinem Befehle samt allen Verstärkungen nur dazu benutzen, den Obersten Pearson zu befreien. Denn der Oberst Pearson mit seiner Kolonne war im Fort Ekowe eingeschlossen, ward von den Zulus belagert und harrte sehnsüchtig seit länger als sechs Wochen auf Entsatz.
Pieter Maritz erhielt, als er vom Hafen zurückkam, Befehl vom Leutnant Dubois, sich zum Major Walker in Durban zu begeben und dessen fernere Weisungen zu empfangen. Major Walker, von den bengalischen Ulanen, sollte das Kommando über die Reiter des Leutnants Dubois und noch einige andere Scharen Freiwilliger in seiner Hand vereinigen. Die Stadt Durban bot Pieter Maritz, als er durch die Straßen hinwandelte, um das Quartier des Majors zu suchen, die interessantesten Anblicke. Am belebten Hafen gelegen, war es voll von verschiedenartigen Menschen, und schon die Straßen selbst waren dem Buernsohn merkwürdig, weil sie Haus an Haus erbaut waren, unähnlich den Städten von Transvaal. Besonders fielen ihm die gelbfarbigen Malaien auf. Hier kamen Männer dieser Rasse auf prächtigen Pferden geritten, einen bunten Shawl über die Brust gekreuzt, einen bunten Turban oder einen leichten trichterförmigen Schilfhut auf dem Kopfe. Dort gingen Frauen mit edlem Gesicht in weiten, luftigen weißen Kleidern, die glänzenden, blauschwarzen Haare in einen großen Knopf gewunden, durch den ein silberner Pfeil gesteckt war. Auch von den Frauen trugen viele den bunten seidenen Turban, der zu dem dunklen Haar und dem schönen Gesichtsschnitt sehr gut stand. Sechsspännige Wagen fuhren im fliegenden Galopp dahin, englische Kavalleristen, Dragoner, Ulanen und light horse (leichte Kavallerie) ritten durch das Gewühl der Straßen, und viele Kaffern, an langen, schwankenden Bambusstäben Milcheimer oder Körbe mit Seefischen tragend, boten mit eintönigem Rufe ihre Ware feil. Es war ein so buntes Gewühl der verschiedensten Erscheinungen, Gesichter und Trachten, wie Pieter Maritz es noch an keinem andern Orte erblickt hatte.
Pieter Maritz fand nach einigem Suchen das Quartier des Majors Walker und wurde von der Ordonnanz in dessen Zimmer geführt. Der Major bewohnte drei Zimmer zu ebener Erde, die in einer Reihe lagen und durch geöffnete Flügelthüren miteinander in Verbindung standen. Die Fenster waren durch Jalousien und Markisen vor der Sonnenglut geschützt, und es war für Pieter Maritz' Gefühl recht hübsch kühl in den Zimmern. Aber der Major schien sehr von der Hitze zu leiden. Er war ein gewaltig großer Mann, gut sechs Fuß hoch, wohlbeleibt, mit einem mächtigen roten Bart, der ein rotbraunes Gesicht umrahmte, und mit einer vollen Baßstimme. Er hieß Pieter Maritz sich an den Tisch im mittelsten Zimmer setzen, wo ein Offizier und zwei Unteroffiziere schrieben, und fuhr dann in der Beschäftigung fort, die Pieter Maritz einen Augenblick unterbrochen hatte, nämlich in den drei Zimmern hin und her zu gehen und dabei zu schelten. Seine Uniform war aufgeknöpft und er fächelte sich mit einem riesigen ostindischen Seidentuche, während er zugleich eine gewaltig große ostindische Cigarre rauchte. In dem Zimmer rechts stand eine Flasche Sherry und in dem Zimmer links eine Flasche Portwein auf dem Tische, und jedesmal wenn der Major auf seiner Wanderung bis zu einem der Tische gekommen war, schenkte er sich ein Glas voll ein und trank es aus. War er aber im Mittelzimmer, so klingelte er heftig mit einer kleinen Handschelle und ließ seinen Diener, einen sammetäugigen Inder, zur Abkühlung einen »brandy-pawnee« bringen. Der Major schalt auf die Ingenieure. Was diese verbrochen hatten, um seinen Zorn zu erregen, war aus seinen Äußerungen für Pieter Maritz nicht recht verständlich, aber er sprach viel von Gelehrten und Tüftlern, von Leuten, die alle Sätze aus dem Euklid am Finger herzählen, aber keine feldmäßige Schanze und keine haltbare Pontonbrücke zu bauen verständen.
Mit einem Male blieb der Major betroffen stehen, und das Wort stockte ihm im Munde. Er war gerade in dem Zimmer, wo der Portwein stand, und hatte schon die Hand ausgestreckt, um sich ein Glas einzuschenken, als er innehielt und auf den Teppich starrte, der unter dem Tische auf den Dielen lag. Pieter Maritz blickte ebenfalls dorthin und sah, daß der Teppich eine große Falte schlug und sich wellenförmig bewegte, gleich als sei er lebendig geworden. Im nächsten Augenblick sprang der Major voll Entsetzen zurück in das mittlere Zimmer, und die hier Sitzenden fuhren von ihren Stühlen auf. »Eine Schlange!« schrie der Major, indem er nach seinem Säbel griff, und gleich darauf zeigte sich, daß er das Ding richtig erkannt hatte. Der Teppich hob sich in die Höhe, und eine Schlange von etwa fünf Fuß Länge, von gelber Farbe, eine Cobra, kam hervor. Sie erhob sich, blies die Nackenhaut auf, wiegte den Kopf hin und her und zischte wie ein Gänserich, während sie mit der Zunge in schnellster Bewegung vor- und zurückfuhr.
Es kostete Mühe und bedurfte großer Schnelligkeit und Gewandtheit, das gefährliche Tier zu töten. Das ganze Haus geriet in Aufregung und Unordnung.
Doch endlich erhielt Pieter Maritz seine Instruktionen für die fernere Führung der freiwilligen Reiter und begab sich mit dem Papier, welches diese enthielt, in das Lager bei Durban, zu den Zelten des Leutnants Dubois und seiner Reiter. Es hieß, daß Lord Chelmsford in wenig Tagen von seiner Stellung am unteren Tugela aufbrechen und mit sechstausend Mann vorrücken wolle, um Oberst Pearson zu entsetzen.
Als Pieter Maritz nun durch das ausgedehnte Lager bei Durban hinschlenderte und sich am Anblick der verschiedenartigen Uniformen und Kleidungen der bunt zusammengesetzten englischen Armee ergötzte, kam er zuletzt an einen abgesonderten Teil, wo keine Zelte mehr standen, sondern die runden Formen der ihm wohlbekannten Kaffernhütten auftauchten. Hier hörte der Geruch von Rum und andern Spirituosen, sowie von Seefischen, die im Zeltlager reichlich gegessen wurden, auf, und es war dem Buernsohn, als käme er in eine andere, doch ihm gleichfalls wohlbekannte Welt. Die Klänge der Harmonika und der Kalabaßviol, eintöniger, schwermütiger Gesang tönten ihm entgegen, und im roten Licht der Abendsonne schimmerte die schwarze Haut vieler hundert Kaffernkrieger. Die Zulus von Natal hatten ein starkes Kontingent zum Kampfe gegen ihre Stammesgenossen unter Englands Fahne gestellt, und Pieter Maritz erblickte die Ochsenschilde und Assagaien, den wilden drohenden Haarputz und die glänzenden weißen Zähne des Volkes, welches bekämpft werden sollte, hier in unmittelbarer Nähe der weißen Männer bei Bundesgenossen.
Er ging langsam durch die Hüttenstraße, welche nach Kaffernart ringförmig angeordnet war, da fiel ihm eine Gestalt auf, welche ihm bekannt zu sein schien. Auf den Speer gelehnt, stand inmitten eines auf ihn lauschenden Kreises ein schwarzer Mann von vornehmer stolzer Haltung, den Kopf vorgeneigt und den linken Fuß vor den rechten gesetzt, wie dies die Art Humbatis war, wenn er sich unterredete.
Pieter Maritz trat näher, und beim Geräusch seiner Schritte drehte sich der Mann um. Es war Humbati. Sein Gesicht verfinsterte sich, als er den Buernsohn erblickte, und er wandte sich ab, als wollte er sagen, die Freundschaft gehöre vergangenen Zeiten an.
