Fünftes Kapitel Die Missionsstation Botschabelo
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»Du bist so traurig, mein Sohn, was hast du? Irgend eine Sorge drückt dich nieder.« So sprach voll Teilnahme der Missionar am Morgen nach dem Sturm zu Pieter Maritz.
Der Knabe stand schweigend auf die Büchse gelehnt neben seinem Pferde und vermied das Auge des alten Mannes, indem er fernhin über das Land blickte, welches nun im Glanze der Morgensonne strahlte, als hätte kein finsterer Schrecken und kein Donnergetose sein heiteres Antlitz je beschattet. Er war allein mit dem Missionar, die schwarzen Diener waren unterwegs, um die Zugtiere zu suchen.
»Du antwortest nicht,« fuhr der fromme Mann fort. »Und doch würde es dein Herz erleichtern, wenn du sprächest. Ich sehe es dir an, daß du einen Kummer hast. Du bist nicht, wie du die früheren Tage warest. Deine sonst so hellen blauen Augen sind trübe, und es ist wohl nicht die schlaflose Nacht allein, die dich so müde macht.«
Der Knabe schüttelte die blonden Locken mit trotzigem Ausdruck und erwiderte nichts.
»Du bist mir auf der Reise ein angenehmer Begleiter gewesen,« sagte der Missionar von neuem, »und ich danke dem Baas van der Goot für seine Fürsorge, mir eine so gut treffende Büchse zur Gesellschaft mitzugeben. Aber ich fürchte, daß du dich grämst, so lange fortzubleiben von deiner Familie. Kehr' wieder um. Du hast ein schnelles Pferd. Du kannst heute abend bei den Deinen sein, wenn du willst.«
Pieter Maritz biß die Zähne auf die Unterlippe. »Ich kehre nicht zurück,« sagte er.
»Wie? Du kehrst nicht zurück? Sehnst du dich denn nicht, deine Mutter und deine Geschwister wiederzusehen?«
Der Knabe schwieg.
»Oder ist es dir bedenklich, allein zurückzureiten? Wenn das ist, so will ich dich mitnehmen, bis uns Reisende begegnen, die nach Norden ziehen. Aber ich glaube nicht, daß du zu furchtsam bist, um den Weg allein zu machen.«
Pieter Maritz lächelte verächtlich und schüttelte von neuem den Kopf.
»Nun dann,« sagte der Missionar, »ich weiß es, was dich bedrückt. Nicht aus Fürsorge für mich gab Baas van der Goot dir den Auftrag, mich zu begleiten. Ist es nicht so? Es war das Mißtrauen der Buern, was dich zu mir führte, und das Verschwinden der Zulus ist es, was dich beunruhigt.«
Pieter Maritz sah dem alten Manne jetzt in das Gesicht. Er erkannte freundliche Teilnahme und einen milden Ernst in diesem Antlitz, und seine Zurückhaltung schmolz unter dem Blicke dieses Dieners Gottes.
»Ja,« sagte er. »Ich sollte die Zulus überwachen, aber nun sind sie fort, und ich kann nie wieder heimkehren.«
»Du kannst nie wieder heimkehren? Und warum nicht?«
»Weil ich mich zu sehr schämen würde. Ich kann keine Antwort geben, wenn ich gefragt werde, wie ich meinen Auftrag vollführt habe.«
»Sag du, wie es in Wahrheit ist, daß die Zulus in einem schrecklichen Sturm und Gewitter geflohen sind und daß du keine Schuld daran trägst, weil du genug damit zu thun hattest, für dich selbst zu sorgen.«
Der Knabe zuckte die Achseln. »Ich würde es nicht sagen können,« erwiderte er. »Die Zulus sind fort, und ich sollte sie doch überwachen. Ich werde nie wieder heimkehren.«
Der Missionar bemühte sich, den Knaben auf andere Gedanken zu bringen. Er sprach davon, daß Baas van der Goot nichts Unmögliches verlangt haben könne, er versprach dem Knaben ein Schreiben mitzugeben, worin berichtet würde, auf welche Weise die Zulus verschwunden seien, er ermahnte den Knaben, lieber selbst eine Strafe auf sich zu nehmen als sich in falscher Scham trotzig zu verbeißen. Aber es war alles umsonst. Pieter Maritz hörte ruhig zu, aber schüttelte nur den Kopf und blieb bei seinem Vorsatz.
»Behaltet mich bei Euch, Mynheer,« sagte er zuletzt. »Euch habe ich gern, und bei Euch möchte ich bleiben. Vielleicht findet sich eine Gelegenheit für mich, meinem Vaterlande einen Dienst zu erweisen, der meinen Fehler wieder gut macht. Dann kann ich zurückkehren, sonst aber will ich es nicht.«
Der Missionar gab es auf, weiter in ihn zu dringen. »Dieser Knabe hat einen eisernen Kopf,« sagte er sich, »und je mehr Widerstand er findet, desto mehr besteht er auf seinem Willen. Aber er wird sich besinnen, wenn die erste Aufregung vorüber ist und sein Gemüt wieder ruhig wird.«
»Bedenke nur eins, Pieter Maritz,« sprach er zuletzt, »das Leid, welches dem Menschen aus seinem eigenen trotzigen und doch verzagten Herzen entsteht, ist größer als alles Leid, welches die göttlichen Fügungen über ihn verhängen.«
Damit wandte sich der Missionar zu Christian, der jetzt mit den ersten der wiedergefundenen Ochsen zurückkam, Pieter Maritz aber stieg in den Sattel und ritt aus, um den Schwarzen zu helfen. Die Ochsen waren weit verstreut, und es war ein schreckhaftes Wesen in sie gefahren. Sie waren nicht wie sonst in einem Trupp vereint, um auf die Ankunft der Schwarzen ruhig zu warten, sondern sie liefen unruhig zu zweien und dreien umher und scheuten bei dem Herannahen der Menschen. Denn während der Nacht waren wilde Tiere zwischen sie gefallen, und zwei von ihnen konnten überhaupt nicht aufgefunden werden, von zwei andern aber lagen die traurigen Überbleibsel, abgenagte Knochen und die Köpfe mit den Hörnern, auf dem Sande.
Als der um vier Häupter verringerte Zug endlich angeschirrt war, ließ der Missionar die Richtung vom vergangenen Tage wieder einschlagen, und Pieter Maritz, der bis jetzt hinterher geritten war, nahm von nun an die Spitze und führte. Nach einer Stunde Weges fing die Landschaft an, belebter und schöner zu werden, Ansiedelungen von Menschen zeigten sich, und zwischen Waldstücken und den von der Natur allein angelegten Blumengärten tauchten bebaute Felder, auf denen Kaffee, Zucker, Baumwolle, Reis, Mais und Weizen gezogen wurden, und hier und da zerstreute Häuser auf. Man war im Kreise Lydenburg zwischen den Flüssen, die sich in den Elefantenfluß ergießen, und Feldwege, welche auf häufigern menschlichen Verkehr hindeuteten, erleichterten die Reise.
Gegen Abend näherte sich der Zug einem großen Gehöft, wo der Missionar die Nacht über zu bleiben beschloß. Mehrere niedrige Häuser standen hier inmitten einer weiten grünen Fläche, welche von vielen kleinen Bächen durchrieselt wurde. Diese Bäche, welche Felder und Gärten bewässerten, waren von Menschenhand angelegt, indem ein nahes Flüßchen durch einen Querdamm angestaut und seitwärts in künstlich gegrabene Betten geleitet worden war. Mauern aus übereinander getürmten Bruchsteinen umgaben die Gärten, aus denen goldfarbige Orangen in glänzendem, lederartigem Laubwerk schimmerten. Innerhalb von Zäunen weidete zahlreiches Vieh, und die Gestalten schwarzer Knechte wandelten umher.
Pieter Maritz ritt dem Wagen voraus, gerade auf das Wohnhaus zu, welches weiß getüncht mit dem schnörkelig verzierten Vordergiebel aus dem Fruchtgarten hervorblickte und vornehm abstach von den länglichen Lehmhütten der farbigen Dienstleute. Als sie näher kamen, öffnete sich die Hausthür, und ein Mann trat heraus. Er war groß und breit, sein Bart war grau, und im Munde hatte er eine kurze Thonpfeife. Er lehnte sich, die Hände in den Taschen seiner derben Lederhosen, an den Pfosten seiner Thür und musterte die Ankömmlinge.
»Guten Tag, Oheim!« rief der Knabe nach der Sitte des Landes.
»Guten Tag, Neffe,« antwortete der Buer, ohne sich zu regen.
»Wollt Ihr uns die Nacht beherbergen?« fragte Pieter Maritz.
»Wer seid ihr und wo wollt ihr hin?« fragte der Buer dagegen.
Jetzt kam der Missionar heran und gab dem Hausherrn Auskunft über Ziel und Zweck der Reise.
Der Buer reichte dem Missionar die Hand und lud ihn ein, hereinzukommen. Den Schwarzen wies er einen Platz an, wo sie ausspannen könnten.
Der Missionar und Pieter Maritz traten in die Stube, deren Boden einer Scheunentenne glich und aus Lehm und Kuhmist bestand, die zu einer festen, glatten Masse vereinigt und festgestampft waren. Auf einem der handfesten Holzstühle saß die Frau, welche von den Gästen höflich als Tante begrüßt wurde. Sie war eine behäbige, runde Frau mit rot glänzendem Gesicht und hatte in den Händen eine große silberne Schnupftabaksdose, aus der sie von Zeit zu Zeit bedächtig eine Prise nahm. Neben ihr saß eine erwachsene Tochter, blondlockig und blauäugig, welche den Gruß der Gäste erwiderte, ohne von ihrem Schoß aufzusehen, wo sie ein Paar lederne Beinkleider nähte. Ein Knabe von zehn Jahren saß zu Füßen der Mutter und schnitzte einen Elefanten aus Holz.
Der Buer ging an einen Schrank, holte eine Flasche und ein Glas hervor und schenkte den Ankömmlingen und sich selbst ein Zoopje zum Willkommen ein. Dann spuckte er höchst kunstvoll durch die halbe Stube hin aus dem Fenster und gab der Frau den Auftrag, für das Abendessen zu sorgen. Sie ging hinaus, und bald darauf kam eine schwarze Dienerin mit einer Schale Wasser und einem Tuche herein. Sie hockte vor dem Missionar nieder und lud ihn ein, sich zu waschen. Nachdem er sich Gesicht, Hände und Füße gewaschen hatte, erwies sie Pieter Maritz denselben Dienst.
Als dann auf dem großen schweren Tisch die mächtige Schüssel mit Maisbrei dampfte und daneben Rinderbraten und Schaffleisch aufgestellt waren, traten nach und nach sieben erwachsene Söhne herein, die vom Felde kamen, allesamt mit langsamem, gewichtigem Schritte, sechs Fuß hoch, breitschulterig und ungehobelt. Dazu erschienen fünf Töchter, die aus der Küche und dem Garten kamen, tüchtige Mädchen mit roten Gesichtern und breiten harten Händen. Sie traten alle an den Tisch heran und falteten die Hände. Dazu kamen vier schwarze Dienerinnen in roten wollenen Röcken herein und stellten sich bescheiden an die Thür.
Der Baas setzte sich an das eine Ende des Tisches und lud den Missionar ein, sich neben ihn zu setzen. Auch die Tante setzte sich. Alle andern aber standen. Nun nahm der Baas seinen Hut ab, schlug eine Bibel mit Messingbeschlag auf, die vor ihm lag, und las einen Psalm. Es war noch hell, die Sonne stand über dem Horizont und schien durch die Fenster herein. Er las langsam und bedächtig, und alle hörten voll Andacht zu. Dann klappte er das Buch zu, und das Essen ging an. Die Familie saß um den Tisch herum, und die farbigen Mädchen bedienten. Ein jeder hatte einen Teller, aber nur die Gäste außer dem Hausherrn und der Hausfrau hatten Messer und Gabel. Die Söhne zogen ihr Taschenmesser hervor, wetzten es an der Schuhsohle und zerschnitten damit ihr Fleisch. Gewaltige Haufen des köstlichen Maisbreies vertilgten sie alle. Zum Nachtisch boten die Dienerinnen herrliche Früchte an: Apfelsinen, Pfirsiche, Feigen und Weintrauben. Zum Beschlusse ward den Männern wieder ein Zoopje eingeschenkt und hierauf das Dankgebet gesprochen.
Herrlich schliefen in dieser Nacht die Reisenden in wirklichen Betten.
Ehe sie am folgenden Morgen weiter zogen, führte der gastfreie Baas sie noch in seinen Besitzungen umher und zeigte ihnen mit besonderem Stolze seine Straußenzucht. Er hatte an hundert dieser großen Vögel auf einem weiten Platze eingezäumt. Die Tiere schritten mit ihren langen Beinen und Hälsen gravitätisch einher und schauten neugierig nach dem Besuche aus.
»Ehedem war es nötig, die Tiere zu jagen,« erzählte der Buer, »und die Jagd war mühsam, weil die Vögel sehr scharf sehen und flink auf den Beinen sind. Die Kaffern hatten eine hübsche Manier, sie zu jagen. Sie strichen ihre Beine weiß an, nahmen einen Sattel auf die Schultern, der mit Straußenfedern besteckt war, und hielten einen Stock über ihren Kopf, an dem ein Straußenhals und Straußenkopf befestigt war. In der andern Hand hielten sie Bogen und Pfeil. So schlichen sie an die Herde heran, und wahrhaftig, sie machten es so listig, daß Sie selbst, Mynheer, auf zwei-, dreihundert Schritte nicht gesehen hätten, ob ein wirklicher Strauß oder ein Pfefferkopf herankam. Aber die Tiere wurden allmählich selten, und Straußenjagd wurde ein schlechtes Geschäft. Nun züchte ich sie, und wir ziehen ihnen die besten Federn aus. Freilich haben sie es nicht gern, weil es weh thut, und zwei starke Schepsels haben ihre Not, den Vogel zu halten, während der dritte ihm die Federn ausreißt. Aber sie werden gut bezahlt. Ein Pfund von den guten weißen Federn ist am Kap seine 35 bis 40 Pfund Sterling wert. Dazu gehören etwa hundert Federn. Jedes von den männlichen Tieren trägt ein Kleid, das seine 10 Pfund Sterling wert ist, die Weibchen sind freilich nur den sechsten Teil davon wert.«
Nach einem reichlichen Frühstück von Kaffee, Maisbrei und Ziegenfleisch machten sich die Reisenden von neuem auf den Weg und schieden von ihrem Wirt mit freundlichem Wunsche einer guten Gesundheit, aber ohne zu danken, nach der Sitte des gastfreien Landes. Kaatje, die jüngste Tochter, brachte noch einen Binsenkorb mit Apfelsinen an den Wagen, dann schrie Kobus: »Treck!« und die Ochsen zogen an.
Zwei Tage ging es weiter, und eine Nacht dazwischen hielten die Reisenden wieder bei einem Buern Rast, dann erblickte Pieter Maritz am Abend des zweiten Tages den Turm der hoch gelegenen Kirche von Botschabelo. Langsam ging es den gewundenen Weg bergauf, und dann lag die vom Missionar Merensky gegründete Station dicht vor des Knaben Augen. Auf dem Gipfel des Berges war eine kleine Festung erbaut, welche den Ansiedelungen Schutz gegen feindliche Angriffe gewähren sollte und auch wirklich gegen die Häuptlinge Sekukuni und Mapoch gewährt hatte. Die kleine Festung war zu Ehren des Königs von Preußen, nachmaligen deutschen Kaisers, Fort Wilhelm genannt worden und schloß die Missionsgebäude in sich. Rund herum zog sich draußen ein Kranz von Kaffernhütten, und diese waren von Kaffernfamilien bewohnt, welche das Evangelium angenommen hatten und einen Teil der um die Mission versammelten Gemeinde bildeten. Weiter unten im Thale lagen zahlreichere Hütten, und hier hatte sich der Hauptstamm der Gemeinde angesiedelt, ein aus drei verschiedenen Kafferstämmen, den Basutos, Bakopas und Bapedis zusammengesetzter Volkshaufe von mehr als 1000 Köpfen, Männern, Frauen und Kindern. So sah Pieter Maritz denn auch sehr verschiedenartige Gesichtsbildungen und Färbungen unter dem Volke, daß sich draußen um die Hütten herumtrieb. Zum größten Teil waren es Kinder und alte Weiber, während die Männer und jüngeren Weiber noch auf dem Felde beschäftigt und abwesend waren. Viele Kinder mit gewaltig dicken Bäuchen krochen nackt im Sande umher, und die Weiber, welche daheim geblieben waren, beschäftigten sich mit den einfachen häuslichen Verrichtungen, in denen dies arme Volk von seinen christlichen Lehrern unterwiesen worden war.
Im Versammlungshause auf dem Berge war Erstaunen und Freude unter den Brüdern, als der greise Missionar erschien, und er mußte erzählen, wie es ihm in den Jahren ergangen war, wo er fern im unwirtlichen Norden gelebt hatte. Der Superintendent selber war gegenwärtig und außerdem mehrere Missionare mit ihren Familien. Botschabelo war die größte unter den deutschen Stationen in Südafrika und Sitz der Superintendentur. Es war eine große Freude für den alten Mann, wieder einmal die Töne der Muttersprache zu hören, mit Brüdern im Dienste Gottes zu verkehren und die köstliche Häuslichkeit wiederzusehen, die von deutscher Frauenhand geleitet wird. Auch auf Pieter Maritz machte dies Zusammenleben von Männern, die ihr Leben der Arbeit im Weinberge des Herrn geweiht haben und die alle Freuden der Welt zu opfern gewillt sind, um den Heiden das Evangelium zu predigen, einen tiefen und erhebenden Eindruck. Als sich diesen Abend die Brüder und die Gemeinde in der geräumigen Missionskirche zum Abendgottesdienst versammelten und sich die Kniee so vieler schwarzen Menschen, die dem Christentum gewonnen waren, vor Gott in Andacht beugten, da fühlte der Knabe bei der Stimme des Predigers so mächtig wie noch nie die Gewalt der Lehre, von welcher kein Wort verloren gehen soll, wenn auch Himmel und Erde vergehen.
Beim Abendessen wurde gemeinsam besprochen, wohin der greise Missionar sich nun wohl am besten wenden würde. Denn er war ein feuriger Geist und liebte es mehr, hinaus an die fernsten Grenzen und in die schwierigsten Verhältnisse zu ziehen, als sich dem bequemeren Dienste anzuschließen. Ein jüngerer Bruder war kürzlich aus Natal eingetroffen und erzählte, daß die politische Lage zwischen den Engländern, den Buern und den Zulus sehr unsicher sei.
»England hat seine Herrschaft über die Transvaalbuern verkündigt und gedenkt sie auch zu behaupten,« sagte er. »Aber die Engländer sehen wohl ein, daß sie damit auch verpflichtet sind, die Buern vor den Angriffen der Zulus zu schützen. Ich habe ein Vögelchen pfeifen hören, das sang: Die Engländer rüsten einen Feldzug gegen den übermütigen Tschetschwajo.«
Pieter Maritz, der dabei saß, wurde ganz rot. Die Buern sind Manns genug, sich selbst zu schützen, dachte er. Er konnte nur mit Mühe seine Zunge im Zaum halten, doch sagte er sich, daß es ihm in Gegenwart so ehrwürdiger und gelehrter Leute nicht zustehe, den Mund zu öffnen.
»Wir hier in Botschabelo werden davon wenig berührt werden,« sagte ein anderer Bruder. »Wir liegen weit ab vom Kampfplatz. Wenn nur die Matabeles und Bapedis nicht wieder aufrührerisch werden durch Kriegsgerüchte! Zwar sind Sekukuni und Mapoch gedemütigt, doch ist überall umher unruhiges Volk, denn ihre eiteln Herzen trachten immer nach Neuem und sehnen sich nach Beute. So haben wir jetzt zwar im Norden Ruhe, aber im Osten gefällt es mir nicht.«
»Was ist im Osten?« fragte der alte Missionar.
»In den Drakensbergen wohnt ein Paar gefährlicher Räuber mit großem Anhang,« entgegnete der andere. »Solange sie dort blieben, waren sie uns nicht gefährlich, denn sie waren wohl fünfzehn Meilen von uns entfernt. Aber sie sind frech geworden und haben sich zuzeiten nach Norden hin bis in das Gebiet von Neuschottland gewagt, um Vieh zu stehlen. Ja, sie haben sich in den großen Wäldern zwei Meilen östlich von uns gezeigt.«
»Was sind es für Räuber, und von welchem Stamme sind sie?«
»Das ist eine ganze Geschichte,« erwiderte jener. »Es sind zwei Brüder, welche ehedem Fürsten waren, und sie sind vom Stamme der Basuto. Welchen Namen sie unter ihrem eigenen Volke hatten, weiß ich nicht, die Buern aber haben den ältern Bruder Titus Afrikaner, den jüngeren Fledermaus genannt, und unter diesen Namen sind sie der Schrecken der Kreise Utrecht, Wakkerstroom und Lydenburg geworden. Sie lebten ehedem im Oranjefreistaat, besaßen in ihrer Jugend ihre eigenen großen Herden, schossen ihr eigenes Wild, tranken aus ihren eigenen Bächen und ließen die Musik ihrer heidnischen Gesänge zu dem Winde erklingen, der über die Kalambaberge weht, wie sie im Oranjefreistaat die südwestliche Verlängerung der Drakensberge nennen. Als aber die holländischen Ansiedler an Zahl immer mehr zunahmen und sich des Grundes und Bodens bemächtigten, wo Titus Afrikaner und Fledermaus samt ihren Unterthanen zu jagen und zu weiden gewohnt waren, da zogen die schwarzen Fürsten zuerst weiter nach Norden, und endlich kamen sie in die Abhängigkeit der Buern. Sie wurden Hirten eines reichen Grundbesitzers und weideten ihm jahrelang treulich seine Herden. Aber der Buer war ein harter Herr und verlangte in ungerechter Weise immer mehr von seinen Untergebenen. Er und seine Söhne und Knechte peitschten die Anhänger der ehemaligen Fürsten, schossen sie bei geringen Anlässen tot, ermordeten ihre Kinder, mißhandelten die schwarzen Frauen und Mädchen. Als die Vorstellungen der beiden Häuptlinge nichts nützten, sondern der Buer immer übermütiger ward, da regte sich wilder Haß in ihrer Brust. Sie waren beide sehr geschickt im Gebrauch der Feuerwaffen und gute Reiter, und sie thaten ihrem Herrn gute Dienste, indem sie es vortrefflich verstanden, das von Räubern gestohlene Vieh wiederzufinden und zurückzubringen. Aber als sie nun ihre Bitten und Vorstellungen mißachtet sahen, weigerten sie sich eines Tages, nach einer von Buschmännern gestohlenen Herde auszureiten, und, wie man mir erzählt hat, wären sie auch nur die Opfer eines Betruges geworden, wenn sie fortgeritten wären. Denn dem Raube lag ein listiger Plan des Buern zu Grunde. Er fürchtete die Nähe der Häuptlinge und beabsichtigte, sie für immer zu entfernen. Ich lebte ehedem in jener Gegend, und daher kenne ich die ganze Geschichte so genau.
»Als nun der Buer auf offenen Ungehorsam stieß, ward er zornig und sandte den Beiden eines Abends den Befehl, vor seiner Thür zu erscheinen. Sie kamen, aber da sie Gewaltthätigkeiten fürchteten, nahmen sie ihre Büchsen mit und hielten sie hinter ihren Rücken. Der Buer stürzte, als er sie kommen sah, wütend heraus, den Sjambock in der Hand, und schlug sofort mit einem Hiebe über den Kopf den jüngern Bruder, Fledermaus, zu Boden. Da ergriff Titus Afrikaner das Gewehr, und durch die Stirn geschossen fiel der Buer vorwärts auf sein Gesicht. Dann traten beide in das Haus. Die Frau des Buern kam ihnen voll Angst entgegen, denn sie hatte die Ermordung ihres Mannes gesehen. Sie warf sich ihnen weinend und um Gnade flehend zu Füßen. Sie versprachen ihr Schonung, aber verlangten alle Gewehre und alle Patronen, die im Hause wären. Als sie diese hatten, befahlen sie ihr, samt ihren Kindern die Nacht über im Hause zu bleiben und die Thür nicht zu verlassen. Dann gingen sie fort und verteilten die Waffen unter ihre Anhänger. Aber zwei Kinder des Buern befolgten die Warnung nicht, sondern liefen zur Hinterthür hinaus, um zu sehen, was die Schwarzen trieben. Sie wurden beide ermordet. Hiernach verschwanden Titus Afrikaner und Fledermaus nebst einem Haufen ihrer ehemaligen Unterthanen aus jener Gegend und zogen über den Vaalfluß. Sie verbargen sich in Höhlen und Schluchten der Drakensberge, und von dort aus machen sie Raubzüge. Sie sind der Schrecken weiter Landstriche. Mehrfach sind Kommandos gegen sie ausgesandt, die Regierung von Oranje wie die Regierung von Transvaal haben Preise auf ihre Köpfe gesetzt, aber bis jetzt ist es nicht gelungen, sie zu erwischen. Sie sind voll Mut und haben manches Gefecht bestanden. Einmal hat Titus Afrikaner ganz allein stundenlang gegen zwanzig Buern gefochten, indem er im Walde von Baum zu Baum und von Fels zu Fels schlüpfte, und er ist erst geflohen, als ihm das Gewehr in den Händen zerschossen wurde.«
Der greise Missionar hatte aufmerksam zugehört, und ein Gedanke bewegte ihn.
»Diese Leute sind hart behandelt worden,« sagte er, »und ich erkenne in dem, was sie gethan haben, Züge einer wilden, aber doch großartig angelegten Seele. Wenn irgendwo, so muß in solchen Herzen das Evangelium einen fruchtbaren Boden finden. Ich weiß jetzt, was ich zu thun habe. Ich will meinen Stab von neuem zur Hand nehmen und den Weg zu Titus Afrikaner und Fledermaus suchen.«
Diese Erklärung des alten Mannes rief große Bewegung unter den Versammelten hervor, und alle drückten ihr Erstaunen aus. Sie stellten ihm ihre Bedenken vor, zählten die Schwierigkeiten auf, welche sein Vorhaben mit sich bringe, warnten ihn vor den Gefahren einer solchen Unternehmung und bezweifelten deren Erfolg.
Aber der alte Mann blieb fest. Eine himmlische Ergebung und ein bewunderungswürdiger Mut strahlten aus seinen Augen. »Ihr fürchtet für mein Leben,« sagte er sanft, »aber seht ihr nicht, daß meine Jahre sich zu Ende neigen? Welche Verwendung des kleinen Restes meiner Kraft wäre kostbarer als diese Mission unter den wildesten der Heiden? Und ist nicht überall unser Leben in Gottes Hand? Wer sollte auf den Höchsten vertrauen, wenn nicht wir, die wir seine Diener sind unter den Heiden? Ich fühle in meinem Innern, daß das Herz dieser Räuber verstockt ist durch das Unrecht, welches die Christen ihnen thaten, daß es aber schmelzen wird unter der Flamme christlicher Liebe. Es sind wilde und grausame Männer, aber bedenkt, daß im Himmel mehr Freude ist über einen Sünder, der Buße thut, denn über hundert Gerechte.«
»Ich denke, daß unser Bruder recht hat, wenn er meint, daß das göttliche Licht in den Seelen dieser Räuber nicht ganz erloschen ist,« sprach einer der Brüder. »Denn sie haben ja einst die Lehre gehört, und ein Rest davon schlummert sicherlich in ihren Herzen. Dafür ist mir ein Erlebnis, welches ich einst mit ihnen hatte, ein deutlicher Beweis. Zwar ist es eine Geschichte, die im Grunde lächerlich klingt, aber ich möchte sie doch als ein Beispiel dafür mitteilen, daß die Ehrfurcht vor dem Unsichtbaren in diesen Räubern lebt. Wo sich diese findet, da ist auch ein Anknüpfungspunkt für den Glauben an Christum gegeben.«
Er ward gebeten, zu erzählen, welche Begegnung er mit den berüchtigten Räubern gehabt habe, und berichtete folgendermaßen: »Ich hatte eine kleine Station drüben am Walde, etwa anderthalb Meilen von hier, gegründet und war dort mehrere Jahre thätig. Ein Kirchlein und ein Haus, dazu vier oder fünf Hütten, bildeten unsere Kolonie. Damals hatte ich den Schmerz, meine geliebte Frau zu verlieren, sie ward neben der Kirche bestattet, und noch einige andere Gräber gesellten sich im Laufe der Zeit dazu, so daß ein kleiner Friedhof entstanden war. Als es unruhig im Lande und unsere Kolonie gefährdet ward, zogen wir ab und kamen hierher. Aber eines Tages, etwa ein Jahr, nachdem ich fort war, wandelte mich Sehnsucht nach der Stätte an, wo ich glücklich gewesen war, und nach dem Orte, wo der Leib meiner treuen Lebensgefährtin ruhte. Mit einem christlichen Kaffer zusammen wandelte ich dorthin zurück. Als wir uns aber der verlassenen Station näherten, kam es uns so vor, als wären wir nicht allein in der Gegend, und wir versteckten uns in einem Dickicht, etwa hundert Schritte von der Kirche, welche noch da stand. Da sahen wir denn einen Haufen von bewaffneten Schwarzen herankommen, welche sich den Gebäuden näherten, alsbald hineindrangen und zu plündern anfingen. Viel konnten sie unmöglich finden, aber was da war, das schleppten sie heraus. Und der Kaffer neben mir flüsterte mir zu, daß Fledermaus an der Spitze der Schar sei. Da bemerkte ich, daß einige verwundert an dem Friedhof standen und die Hügel betrachteten, welche mit Kreuzen geschmückt waren. Und einer von ihnen ging über die Hügel weg. Da ertönte, als seine Füße die eine Erhöhung überschritten, ein sanftes Tönen, welches aus der Erde hervordrang. Er stand bewegungslos, blickte über seine Schulter zurück und wußte offenbar vor Angst nicht, ob er davonlaufen oder stehen bleiben sollte. Endlich ermannte er sich und trat von neuem auf den Hügel. Wiederum erklangen aus der Erde sanfte Noten einer dahinsterbenden Musik. Da ergriff er die Flucht, und mit ihm liefen die andern fort, und sie holten ihren Häuptling herbei. Fledermaus kam tapfer heran und schritt auf die Erhöhung. Als er aber nun ebenfalls die Musik vernahm, da trat er ehrfurchtsvoll zur Seite, versammelte alle seine Begleiter um sich und redete lange mit ihnen. Und offenbar erinnerte er sich der Lehre früherer Zeiten, die er gehört, als er noch unter den Buern lebte: daß nämlich die Seele unsterblich sei und nicht mit dem Körper untergehe. Denn er redete in feierlicher Weise und mochte wohl seinen Genossen auseinandersetzen, daß die Toten, die dort lägen, es nicht billigten, daß ihre früheren Wohnungen beraubt würden. Als er nämlich aufgehört hatte zu reden, trugen sie alle ihre Beute wieder in das Haus zurück und entfernten sich schweigend und, wie mir schien, voll Scheu über das, was sie erlebt hatten.«
»Und was war es mit der Musik?« fragte man.
»Die geheimnisvollen Töne rührten von meinem Pianoforte her,« sagte der Missionar lächelnd. »Es war mir bei unserer Flucht unmöglich, das schwere Instrument mitzuschleppen; da es aber der Lieblingsgegenstand meiner seligen Frau gewesen und mir selbst sehr wert war, wollte ich es nicht ohne weiteres im Stiche lassen. So begrub ich es denn und türmte Erde gleich einem Grabhügel zum Schutze darüber. Der Boden ist dort so trocken, daß es fast gar nicht von Schimmel und Fäulnis ergriffen war, und seine Saiten ertönten unter den Füßen der Schwarzen auf ganz natürliche Weise.«
Die Gespräche hatten Pieter Maritz nachdenklich gemacht, und als sich alle zur Ruhe begaben, folgte er seinem väterlichen Freunde und sagte mit bittendem Tone: »Nehmt mich mit Euch, Mynheer, wenn Ihr weiterzieht!«
»O nein, mein Junge,« rief der Missionar erschreckt. »Das geht nicht an. Hier müssen sich unsere Wege scheiden. Du kehrst zurück, und ich gehe weiter.«
»Nehmt mich mit,« wiederholte Pieter Maritz. »Ich habe Euch lieb. Wer soll Euch Wild schießen, wenn ich nicht da bin? Wer soll Euch schützen?«
»Der Herr hat nicht Gefallen an der Stärke des Rosses noch an jemandes Beinen,« erwiderte der Missionar. »Mit dem Stecken in der Hand sollen seine Diener ziehen, und ihre Waffenlosigkeit ist ihr stärkster Schutz unter dem raub- und mordlustigen Volke.«
»Ich bitte Euch, nehmt mich mit,« flehte der Knabe, des alten Mannes Hand ergreifend. »Es macht mir solche Freude, zu sehen, wie sich die Herzen der Heiden unter Euerm Worte beugen.«
Der Missionar sah den Knaben voll innigen Anteils an und las in seinem Gesichte edles Gefühl und den Drang zu hohen Thaten.
»Ich will es mir diese Nacht überlegen,« sagte er. »Überlege auch du es dir. Morgen früh wird dein Blut ruhiger sein. Gute Nacht!«
